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The race

10. Jahrgang • 3/2009 • Nr. 35 (November) 7 EUR/10 SFr (Einzelpreis)

Qualifizieren. Inspirieren. Mobilisieren.

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Wandel Bleibt alles anders? Wie wir nachfolgen werden Wie werden wir Gemeinde in 20 Jahren leben? // Seite 28

Ein Junge? Ein Mädchen? Intersexualität

Wie sollen wir denn leben? Im Gespräch mit Keith Warrington // Seite 40

// Seite 54


Dein Gesicht auf Seite 2

In wen würdest du dich gerne für einen Tag verwandeln?

Lisa, 20, Freudenstadt In Lorelai Gilmore, weil sie so schlagfertig ist.

Sören, 24, Freudenstadt In meine Frau. Das würde mir viele Fragen beantworten.

Sarah, 23, Tübingen In irgendeine Person aus der jüdischen Volksmenge, die eine Wundertat Jesu live miterlebte.

Kathi, 24, Lüneburg Eine Primaballerina! Einmal über die Bühne schweben – das wäre großartig!

Moni, 38, Mötzingen Einen Adler in den Rocky Mountains.

Sara, 22, Tübingen Vielleicht in die Queen, Audrey Hepburn oder Königin Esther, aber das müsste ich mir noch mal überlegen. Vielleicht doch eher Mose an einem Tag auf dem Berg Sinai mit Gott?

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Lena, 21, Nürnberg In einen Dorfältesten eines südamerikanischen Indianerstammes.

Klaus, 49, Elias, 25, MonMötzingen terey, Kalifornien John F. Kennedy In ein Mitglied meiner Familie – um selber zu erleben, wie ich auf denjenigen wirke.

Sophie, 26, Berlin In eine berühmte Schauspielerin, die gerade einen anspruchsvollen Film an einem tollen Set dreht.

Benny, 30, Berlin Albert Einstein – weil er auch ohne Abitur ein Genie geworden ist!

Nadine, 34, Berlin In eine unserer demenzkranken Patientinnen, um zu sehen an was ich mich noch erinnern kann und wie (bedrohlich) alles auf mich wirkt.

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Sam, 23, Freudenstadt In Garfield. Der war immer mein Idol.

Bernd, 35, Pfalzgrafenweiler In einen Almbauern in den Alpen. Bisschen körperliche Arbeit, frische Luft, herrliches Panorama, draußen – und vor allem Ruhe!

Bekky, 19, Fellbach Damit ich sie endlich besser verstehen kann: in einen Mann.

Steffen, 31, Freiburg Bono von U2. Ein etablierter Musiker der seine Bekanntheit für Gottes Werte einsetzt und die Welt verändert.

Jonas, 23, Heidelberg In die Menschen, mit denen ich mich regelmäßig streite, um Einsicht zu bekommen oder sogar Verständnis.

Kevin, 29, Fellbach Spiderman, weil der sich immer so cool mit seinen Netzen durch die Luft schwingt.

Benson, 52, Freudenstadt In Jesus. Einen Tag lang alle seine Wunder tun.

Gernot, 40, Rostock Herbert Grönemeyer – was macht solch ein kreativer normaler Reicher den ganzen Tag?

Peter, 19, Selbitz Ich würde gerne ein Almbauer sein, die Berge, die Luft, das Leben genießen und die Freiheit und das geile Gefühl spüren.

Helmut, 43, Heidenheim Vielleicht etwas typisch, ist aber lebendiger Ernst: Ich würde gerne einen Tag wirklich das echte Jesus-Leben leben ... und dann nie wieder damit aufhören!

Irene, 33, Ansbach In das Baby meiner Freunde, weil dann alle ganz lieb zu mir wären.

Alja, 29, Ulm Ein Tag Bill Johnson inkl. Hingabe, Integrität, Weisheit, Erkenntnis, Heilungen, Wunder und Authentizitätstest in allen Lebensbereichen.

Günter, 54, Berlin In Marcel ReichRanicki, um eine wohlwollende Kritik über ein Buch von Günter J. Matthia zu schreiben.

Regina, 46, Egenhausen Mutter Theresa, die aus einer so innigen und tiefen Liebe zu Jesus lebte, dass sie den Ärmsten und Sterbenden Barmherzigkeit tat, als wäre es Jesus selbst.

Simon, 28, Rohrdorf In einen guten Freund – damit ich mich mal durch andere Augen sehen kann.

Giovanna, 29, Freudenstadt In einen Engel. Da könnte ich herumfliegen, Gutes tun und mal sehen, was die so erleben.

Stefan, 25, Nagold Niko, 26, Papst, um zu Meiningen sehen was da In meine Frau. hinter den Kulissen geschieht.

Martin, 35, Freudenstadt David Livingstone. Weil er als Pioniermissionar in Afrika völlig unberührte Natur betreten durfte.

Jerry, 40, Berlin In einen in der ehemaligen DDR aufgewachsenen Atheisten. Dann könnte ich verstehen, wie es war und vielleicht auch, wie ich ihn am besten Gottes Liebe und Gnade begreiflich machen könnte.

Miri, 20, Egenhausen In meinen Bruder Michi – so viele Termine und doch immer für mich da.

Theresa, 25, Egenhausen Ich würde gerne für einen Tag mit einem Star tauschen, egal mit wem :)

Alicia, 37, Freudenstadt Ich bin gern ich selbst!

Anke, 28, Herrenberg Meine kleine Tochter – um zu wissen, was in ihrem Kopf abgeht.

Jan, 29, Kassel Ich wäre gern Petrus direkt mit Jesus auf dem See. Auf Wasser laufen mit Jesus – zweifach cool!

Mario, 42, NagoldMindersbach Sean Connery – er kam aus wirklich armen Verhältnissen und hat nie aufgegeben, heute ist er weltberühmt. Was hat ihn angetrieben?

Debora, 28, Berlin Hab heut Patrick Swazyes Todesanzeige gelesen, Star meiner Jugend. Ich wär gern Babe und würde mit Johnny übers Parkett gleiten ;-)

Sascha, 30, Miedelsbach In einen Adler. Da könnte ich die Welt aus einer ganz anderen Perspektive sehen.

Elli, 23, Dresden Ich glaube, zurzeit will ich mich in niemand anderes verwandeln. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer.

Heidrun, 65, Bietigheim-Bissingen Einen Tag Heidi Klum sein: Jung, blond, schön, reich, erfolgreich, einen liebenden Ehemann haben, den auch ich liebe. Und noch die Bereicherung – Kinder haben.

Johanna, 23, Ansbach Ich würde gerne für einen Tag mit einem Straßenmusiker in Tel Aviv tauschen.

Jonathan, 24, Würzburg In einen Astronauten und das ganze Universum erkunden.

Kathrin, 26, Meiningen In mich selbst mit 80 Jahren.

Kerstin, 24, Ansbach In meine kleine Tochter – und mich den ganzen Tag auf Zuruf mit allem was ich brauche versorgen lassen.

Manuel, 29, Fellbach In den Apostel Paulus. Seine Liebe und Hingabe zeigen mir, dass es mehr gibt.


Editorial Das Redaktionsteam von links nach rechts: Michael, Jörg, Anneke, Anne, Benjamin

Wie hat sich dein Leben verändert, als du auf ein sicheres Einkommen verzichtet hast, um studieren zu gehen?  Markus (24) aus Herrenberg // Schon wenige Tage nachdem ich meinen Job reduziert und ein Studium begonnen habe, hat sich mein persönlicher Erfahrungshorizont erweitert. Anstatt mich mit dem über Jahre hinweg eingeschlichenen Alltagstrott zufrieden zu geben, stehe ich mehr als zuvor vor neuen Herausforderungen und spannenden Fragen. Dadurch habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt und endlich damit begonnen, Dinge auszuprobieren, die ich seit langem schon einmal machen wollte: beispielsweise beim Radio und einer Zeitung mitzuarbeiten. Nach anfänglichen Sorgen und Unsicherheiten, ob das alles die richtige Entscheidung war, bin ich in kurzer Zeit entspannter und zuversichtlicher geworden. In manchem auch spontaner. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. ///

Danke, daniel Seit Anfang 2006 war Daniel Teil der Redaktion und hat die Zeitschrift mit Tatendrang, Elan und kreativen Impulsen geprägt und mitgestaltet. Seine Ideen haben oft den entscheidenen Ansatz für eine neue Denkweise in den Redaktionstreffen gegeben. Er ist ein begabter Autor, charmanter Netzwerker und Umsetzer von kreativen Ideen. Gut, dass du uns als Freund erhalten bleibst und nicht aus der Welt bist, auch wenn du deine Prioritäten ab dem neuen Jahr anders gewichten wirst. Danke, dass du so begeistert mit uns unterwegs warst.

Alles flieSSt Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. —Chinesisches Sprichwort // Wandel als Gegenteil von Stillstand ist allgegenwärtig. Eine Tatsache, der sich kein Mensch entziehen kann. Von der Zeugung bis zum letzen Atemzug – wir verändern uns permanent. Veränderung ist Teil unserer menschlichen Wirklichkeit, Ausdruck von Wachstum und Entwicklung. Das Wort Veränderung löst dabei sehr verschiedene Reaktionen aus: Wo die einen vor Vorfreude und Tatendrang zappeln, erleiden die anderen lähmende Angst. Der eine schaut dankbar auf die Veränderung in seinem Leben zurück, der andere hadert damit, wie sich sein Leben entwickelt hat. Aber immer bietet eine Veränderung auch eine Chance für etwas Neues, vorher nicht dagewesenes. Dabei gibt es Veränderungsprozesse, auf die wir keinen Einfluss haben, die uns überraschen, überfallen, beschenken. Doch genauso haben wir Kraft unseres freien Willens einen gottgegebenen Spielraum, selbst Veränderung herbeizuführen und somit unseren Werdegang aktiv zu gestalten und auch das Leben anderer zu beeinflussen. Diese zwei Aspekte der Veränderung ergeben zusammen das Wechselspiel, das man Leben nennt. Ein Wechselspiel in enger Verbundenheit mit dem Schöpfer, der manchmal offensichtlich, manchmal eher versteckt in diese Welt eingreift. Die Herausforderung besteht darin, unseren Weg mit ihm zwischen Reagieren und Agieren zu finden – Veränderung zuzulassen und nach gottgegebener DNA Veränderung herbeizuführen. Gleichsam ist Wandel Ausdruck für Leben, da überall dort, wo wir Stillstand vorfinden, der Tod nicht weit ist und überall, wo sich etwas bewegt und weiterentwickelt, höchstwahrscheinlich Lebenskräfte am Werk sind. In dieser Ausgabe der THE RACE halten wir inne und beobachten, wo Wandel erkennbar wird und inspirieren dazu, den Wind des Wandels, der ständig weht, mit offenen Armen willkommen zu heißen. In diesem Sinne wünschen wir dir viel Lesevergnügen und gute Inspiration. ///

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Inhalt

▲ Magdeburg Hasselbachplatz 52° 07' 13'' N 11° 37' 41'' O

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Schwerpunkt: Wandel // Ein Crash und seine Folgen • In Gottes Lebensschule

Gottes Wege mit uns sind oft anders als wir uns das vorstellen. Das erlebte auch der Autor und polte sein Leben von rasantem Tempo komplett auf Entschleunigung um. // Gottfried Müller Wusstest du schon? • Impulse zum Medienwandel Einfache Fakten über den globalen Medienwandel, die verblüffen. Visuelles Transkript einer im Internet bekannt gewordenen Video-Präsentation. // Xplane, Karl fisch u.a. Zeit für Veränderung? • Oder: Der kosmische Wandel Gottes Sollen wir als Gemeinde mit dem Wandel der Gesellschaft gehen oder umso mehr an konservativen Werten festhalten? Die Antwort unseres Autors zeigt einen ganz anderen Weg auf. // Daniel Soldner Amish don’t do that • Eine Religionsgemeinschaft trotzt dem Wandel Über eine Gruppe von Menschen, für die die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. // Anne Coronel Wandel nach der Wende • Im Gedenken an den Mauerfall vor 20 Jahren Eine fotografische Bestandsaufnahme von 4000 Tagen Deutsche Einheit // Michael Zimmermann

Fotos: Jo Wickert + Moritz Bauer

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Problem oder Lösung • Oder: Wenn Lösungen etwas auslösen

Es ist gut, Dinge zu verändern. Problematisch wird’s, wenn wir dadurch keine weiteren Veränderungen erwarten. // Kerstin Hack Wie wir nachfolgen werden • Drei Autoren, drei Blickwinkel, drei Inspirationen Wie wir die gemeinsame Nachfolge in zwanzig Jahren aussehen? Eine Prognose. //

Quergedacht //

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Von der Kleinheit des Reiches Gottes • Neues aus dem Hinterhof der Geistlichkeit

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Harald Sommerfeld, Wolfgang Simson, Marcus Bittner

Kolumne. Warum sind eigenständig denkende Menschen in manchen (Gemeinde-)Systemen eigentlich so ungerne gesehen? Unser Kolumnist hinterfragt. // Axel Brandhorst Zweisamkeit

Lyrik. Eindrücke eines Du und Ich // Franziska Arnold Die Tagung • Spuren der Dämonen Dämonische Beeinflussung. Die Geschichte von Sebastian und Katharina. // Martin Preisendanz

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Inhalt

Inhalt

Erklärung zu diesen Bildern: siehe Seite 18-25

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Ein Junge? Ein Mädchen? • Intersexualität Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Was aber ist mit Menschen, wo das Ganze nicht so eindeutig ist? Fakten und Thesen über ein wenig präsentes Thema. // Ulrich Bernhardt Wenn ich nur weiSS, wofür • Unter der Oberfläche Kolumne. Die Autorin stellt fest: Es lohnt sich, die eigene Angst zu besiegen, und sich Herausforderungen zu stellen. Meistens. // Linda Zimmermann Reichtum für alle • Der Verrat an der sozialen Marktwirtschaft Politik. Über die Illusionen einer politischen Partei, die einen Slogan missbraucht und die Ideen des Rheinischen Kapitalismus nicht versteht. // Benjamin Finis Multikulti unter einem Dach • Zwei Porträts interkultureller Ehen Eine Ehe mit zwei Kulturen? Klingt spannend und herausfordernd. Zwei Porträts geben Einblick in das Leben von Multikulti-Ehen. // Anneke Reinecker Sie ist eine Frau • Mein(e) Freund(in) Gott und ich Kolumne. Mickey macht eine große Entdeckung: Sein Freund Gott ist (auch) weiblich! // Mickey Wiese

Jahresthema: Reich Gottes //

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Wie sollen wir denn leben? • Im Gespräch mit Keith Warrington Ein häufig verwandter und selten verstandener Begriff wird auf seine Konsistenz geprüft. Was bedeutet das ›Reich Gottes‹ wirklich und was bedeutet das für mich? // Benjamin Finis Jüngerschaft – Programm oder Abenteuer • Weg vom Sieben-Schritte-Programm Oft sind wir Christen versucht, frisch Bekehrte eher zu christianisieren als sie in eine lebendige Beziehung mit Jesus zu führen. Die Autorin hinterfragt unser (ungeschriebenes) Sieben-Schritte-Programm. // Sonja Küster Wie im Himmel • Warum ich nicht in den Himmel will Mal ganz ehrlich. Wer freut sich so richtig auf den Himmel? Denn zugegeben, der Gedanke an ihn macht uns manchmal nervös und selbst fromme Antworten sind oft nicht zufriedenstellend ... // Matthias Meister

Details //

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Dein Gesicht auf seite 2: In wen würdest du dich gerne für einen Tag verwandeln? Impressum

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Ein Crash und seine Folgen In Gottes Lebensschule Text: Gottfried Müller

// Es passierte an einem ganz gewöhnlichen Freitagnachmittag im Februar um ungefähr 16 Uhr. Auf der Autobahn 7 im Großraum Hannover herrschte dichter Verkehr. Logisch, die Leute wollten von der Arbeit nach Hause ins Wochenende. Jeder hatte es eilig, alle fuhren zu schnell und zu dicht auf. Ich auch. Ich befand mich gerade auf dem Weg von Marburg nach Bremen. In meiner Heimatstadt war ich zu einem Gebetstreffen eingeladen worden und sollte von meiner Arbeit als Jugendevangelist berichten. Die Gläubigen, die sich dort trafen, beteten regelmäßig für mich und meine Familie. Am darauf folgenden Samstag war ich für eine Jugendkonferenz, die etwa 100 Kilometer entfernt von Bremen stattfand, als Redner gebucht worden. In dem Augenblick, in dem alles begann, saß ich also übermüdet in meinem roten Mazda 626 und versuchte, mich auf den Verkehr zu konzentrieren, während ich gleichzeitig mit einem Diktiergerät in der Hand die Predigt für den nächsten Tag vorbereitete. Plötzlich, auf Höhe der Autobahnausfahrt Großburgwedel, ging alles sehr schnell. Weiter vorne sah ich einen Fiat Punto mit einem wilden Schlenker von der linken auf die rechte Fahrspur wechseln. »Was sind heute für Idioten unterwegs?«, schoss es mir durch den Kopf, als plötzlich die Bremsleuchten meines Vordermannes rot aufflammten. Bis ich erkannt hatte, dass der schwarze Kombi aus Dänemark gar

nicht mehr abbremste, sondern bereits stand, war es schon zu spät. Der Himmel an diesem Tag war grau. Feiner Regen hatte die Fahrbahn benetzt und zusammen mit dem Schmutz der Straße einen schmierigen Film gebildet. Als ich meinen rechten Fuß ins Bremspedal rammte, passierte eigentlich nichts. Die Räder blockierten, ungebremst schlitterte der Wagen auf das Heck des anderen zu. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, sah ich es näher kommen, hörte den Knall des

Eine Erkenntnis Ich weinte nicht deshalb, weil mir mein Vater den Mazda, der sogar einen Namen hatte – er hieß Ekkart – erst vor vier Wochen geschenkt hatte. Es war wohl auch nicht der Schock, der mir in den Knochen saß. Ich denke, es war eher deshalb, weil Gott mir etwas klarmachte. Während ich das verbeulte Auto betrachtete, verstand ich, dass mein Leben ganz ähnlich aussah, auch wenn ich der einzige war, der das wahrnehmen konnte.

Mein Leben kam mir vor wie ein rasender Intercity, ohne dass irgendwo ein Bahnhof in Sichtweite gewesen w��re. Aufpralls, Blech auf Blech, und beobachtete, wie sich die Kühlerhaube des Mazda verformte und nach oben schob. Dann knallte es noch zweimal. Auch die Wagen hinter mir konnten nicht mehr bremsen. Niemand wurde verletzt. Der Polizist, ein sehr freundlicher Mann, nahm mir ein kleineres Bußgeld ab, als ich hätte zahlen müssen, und ließ mich dann mit dem verbeulten Wagen weiter nach Bremen fahren. Mir ist schleierhaft, warum er das tat. Die Dunkelheit hatte bereits eingesetzt, und die Scheinwerfer meines Wagens leuchteten überall hin, aber nicht auf die Straße. Da saß ich also in einem langsam über die Autobahn rollenden Haufen Schrott und heulte.

Als dieser Unfall passierte, war ich 34 Jahre alt. Seit fünf Jahren arbeitete ich bereits vollzeitig als Jugendevangelist und -prediger und hatte mir einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet. Seit zwei Jahren hatten meine Frau und ich einen kleinen Sohn, und seit einiger Zeit wussten wir, dass sie erneut schwanger war. In meinem Beruf kannte ich nur eine Devise: Vollgas. Ich war ein Überzeugungstäter. Ich wollte Deutschland und die Welt verändern. Ich war überzeugt: Mit mir beginnt die Revolution! (Ich habe später herausgefunden, dass andere dasselbe von sich dachten.) Gleichzeitig versuchte ich ein guter Ehemann und Vater zu sein. Dass meine Frau unseren Sohn manchmal seltsam fand,

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Ein Crash und seine Folgen

nahm ich nicht wahr. Dass sie sich beklagte, ich hätte so wenig Zeit, wollte ich nicht hören. Ich fand, sie hätte die falsche Einstellung. Schließlich ging doch alles darum, dass es mit Gottes Sache weiter voran ging. Im Rückblick glaube ich, dass ich damals, im Februar 2005, kurz vor einem Burnout stand. Es zeigten sich bereits gewisse Symptome. Der Unfall führte mir schlagartig vor Augen: So siehst du wirklich aus – verbrannt, verbeult, zerstört. Ich meinte, Gott zu hören, der zu mir sagte: »Ändere dein Leben, bevor es zu spät ist!« Das war der Grund, warum ich weinte. Ich wollte mich ja ändern, aber ich wusste nicht wie. Mein Leben kam mir vor wie ein rasender Intercity, ohne dass irgendwo ein Bahnhof in Sichtweite gewesen wäre. Ich sagte zu Gott: »Ich will mich ändern. Anzeige

Aber du musst mir zeigen, wie das geht.« Ich brachte das Wochenende irgendwie hinter mich. Am Abend trösteten mich die Bremer Christen ein wenig. Am Samstag bei der Jugendkonferenz, während ich darauf wartete, dass ich endlich die Bühne betreten und loslegen durfte, dachte ich, ich würde gleich tot vom Stuhl fallen. Aber als ich das Mikrofon heil erreicht hatte, lief alles glatt. Den Part beherrschte ich mittlerweile. Dann, am Sonntag, saß ich in meiner früheren Heimatgemeinde im Gottesdienst. Der Vers, der als Motto auf einer großen Leinwand zu lesen war, lautete: »Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht« (Matthäus 11, 29-30). Das ist eine Aussage von Jesus, und sie bringt auf den Punkt, wonach ich mich am meisten sehnte. Ruhe, eine Last, die nicht drückt und vor allem: Lernen. Mir war klar, dass ich leben lernen musste. Alleine konnte ich keine Veränderung erreichen. »Okay«, sagte ich zu Jesus und musste fast schon wieder heulen, »du sagst: ›Lernt von mir‹. Ich bin bereit zu lernen. Du kannst mit mir anfangen.« Gottes seltsame Wege Ich bin nicht ganz sicher, was Jesus unter einer »leichten Last« versteht. Das damals noch vor uns liegende Jahr 2005 war für uns als Familie jedenfalls eine einzige Serie von Katastrophen. Die Zeit nach dem

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Unfall und meinem Gebet begann direkt mit einem völlig verunglückten Urlaub, in dem wir uns häufig in Krankenhäusern aufhielten. Dann erfuhren wir, dass unser ungeborenes Kind womöglich behindert sein könnte. Über Monate musste meine Frau Stini liegen, um eine Frühgeburt zu verhindern. Als unser zweiter Sohn im Sommer schließlich glücklich und gesund auf die Welt gekommen war, stellten wir bald fest, dass mit unserem älteren Kind tatsächlich etwas nicht stimmte. Dass da plötzlich ein weiteres Kind in der Familie war, brachte ihn so aus der Fassung, dass er weinte und tobte, bis ihm die Stimme versagte. Später im Jahr erkannten wir die Ursache für sein Verhalten: Er hat Autismus, eine tief greifende Persönlichkeitsstörung, die man als »seelische Behinderung« bezeichnet. Im Dezember des Jahres 2005 stand ich am Fenster im oberen Geschoss unserer Wohnung und blickte über das Tal vor Marburg. In diesem Augenblick war Stini mit unserem Sohn beim Kinderarzt und ließ sich die Verdachtsdiagnose »Autismus« bestätigen. Ich betete und sagte zu Gott: »Wie kannst du so dämlich sein? Bevor das hier alles anfing, stand ich kurz vor meinem Durchbruch. Ich hatte alle Möglichkeiten. Im nächsten Jahr hätte ich richtig Gas geben können. Für dich! Und was machst du? Du haust mich voll raus. Wieso wirfst du mir ständig Steine in den Weg? Was soll das?«


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Wie hat sich dein Leben verändert, als du dein Bein verloren hast? Manfred (53) aus Kaubenheim // Es ist über acht Jahre her, dass ich einen schweren Motorradunfall mit der Folge einer Oberschenkelamputation hatte. Für insgesamt sieben Monate war ich im Krankenhaus und der Reha – drei Monate davon auf der Intensivstation. Während dieser Zeit begriff ich, dass ich zwar überlebt hatte, den Rest meines Lebens jedoch auf den Rollstuhl angewiesen sein würde. Ich haderte mit Gott. Warum musste mir das passieren? In der Bibel steht doch: Er beschützt dich auf all deinen Wegen ... Meine Frau ermutigte mich und sagte, dass Gott noch etwas mit mir vor habe. Nach all den Jahren komme ich mit meiner Situation gut zurecht. Ich mache das Beste daraus, treibe Rollstuhlsport und biete Besuchshundedienst mit meinem Hund an. Seit meinem Unfall lebe ich viel bewusster. Ich bin Gott für jeden Tag dankbar – für das, was er mir gibt und noch geben wird. ///

Ich habe in diesem Augenblick keine Antwort bekommen. Erst im Rückblick wurde mir manches klar. Tatsächlich war es so, dass mein Lebens- und Arbeitstempo gleich zu Beginn des Jahres drastisch gedrosselt worden war. Unter den bestehenden Umständen konnte ich einfach nicht mehr so viel arbeiten. Ich musste lernen »Nein« zu sagen, Termine wieder abzusagen oder gar nicht erst anzunehmen. Eine schmerzhafte Erfahrung, jedenfalls für mein Ego. Noch in den ersten Monaten 2006 arbeitete ich viel zu viel für die Umstände, unter denen wir lebten.

Ich betete und sagte zu Gott: Wie kannst du so dämlich sein?

Schließlich waren Stini und ich reif für die Klapse. Wir konnten einfach nicht mehr. Das absolut wichtigste Thema unseres Lebens hieß: Entschleunigung. Wir mussten unser Leben neu organisieren, wir mussten es völlig verändern. Und das haben wir auch getan. Ich bin nicht Gott Das liegt jetzt einige Zeit zurück. Mittlerweile haben wir ein Haus gekauft. Wenn mir das einer vor vier Jahren gesagt hätte, hätte ich mich totgelacht. Für Leute, die sich ein Haus kaufen, hatte ich nur Verachtung übrig. Oder Mitleid. Unser Lebensmotto hieß Flexibilität: Wir kommen, wenn wir kommen, und wir gehen, wenn wir gehen. Keine Verpflichtung sollte so groß sein, dass sie uns am Ort halten könnte. Jetzt haben wir den Salat. Den Kredit werden wir bis ins hohe Alter abbezahlen müssen. Außerdem leben wir mit meinen Schwiegereltern zusammen. Wir teilen uns die Arbeit und helfen uns gegenseitig. Das ist auch gut so, denn auch unser jüngerer Sohn ist Autist. Wir können wirklich jede Hilfe gebrauchen. Ich habe viel nachgedacht. Dinge, die mir mal wichtig waren, haben heute ihren Wert für mich verloren. Andere Dinge, die ich früher kaum beachtet habe, sind heute lebenswichtig. In anderthalb Jahren werde ich meinen Beruf als Evangelist aufgeben. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr zu predigen und zu schreiben. Aber ich kann mir vorstellen, das nicht

mehr beruflich zu machen. Das Geld wird dann meine Frau verdienen. Ich habe verstanden, dass Gott sie auch berufen hat, nicht nur mich. Es ist schwer, das, was ich gelernt habe, auf einen Nenner zu bringen. Ich stecke ja noch mitten in der Ausbildung, und vieles habe ich einfach noch nicht kapiert. Aber wenn ich es sollte, dann würde ich sagen: Ich habe gelernt, dass ich nicht Gott bin. Und es ist nicht so, dass er mir bei meiner Arbeit hilft, sondern ich darf ihm bei seiner Arbeit helfen. Außerdem habe ich gelernt, dass ich einer von den Kleinen und Schwachen bin. Und das macht mich stolz, denn in uns ist Gott mächtig und für uns wurde die Bergpredigt gehalten. Und das gilt nicht nur für mich, sondern zum Beispiel auch für meine beiden seelisch behinderten Söhne. Ist doch Wahnsinn, oder? ///

Gottfried Müller (39), besser bekannt als Gofi, lebt mit seiner Frau Christina und ihren Söhnen Julian und Samuel in Marburg. Gofi hat Literaturwissenschaft studiert, bevor er 2000 als Evangelist bei dem missionarischen Projekt ›Friends‹ in Marburg einstieg.

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Wie wir nachfolgen werden Drei Autoren, Drei Blickwinkel, Drei Inspirationen Texte: Harald Sommerfeld • Wolfgang Simson • Marcus Bittner

Nachfolge wird in 20 Jahren anders aussehen als heute, da auch die Gemeinde durch den gesellschaftlichen Wandel beeinflusst wird. Wie werden wir Gemeinde in 20 Jahren leben? Das haben wir drei visionäre Menschen aus unterschiedlichen gemeindlichen Kontexten gefragt.

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Harald Sommerfeld

Gemeinden und Gottesdienste werden nicht mehr als geistliche »Stammkneipen« verstanden, sondern man schätzt die gastronomische Vielfalt spiritueller Speisekarten.

// Wir Christen tun oft so, als sei gesellschaftlicher Wandel ein Es, das von außen kommt, über uns hereinbricht, auf das wir reagieren müssen (oder vor dem wir uns schützen wollen). Diese Veränderungen stecken uns jedoch in den eigenen Knochen. Herkömmliche Gemeinden spiegeln die traditionelle Lebensweise vieler Menschen wider. Man verbringt sein Leben an einem Ort, erlernt einen Beruf, den man bis zur Rente ausübt, gehört einer bestimmten sozialen Schicht an und hat ein mehr oder weniger konstantes Umfeld – von der Stammkneipe bis zum Familiengrab. Dieser Lebensweise entspricht eine Kirche, die im Dorf (oder in der Stadt) bleibt. Man weiß, wer dazugehört und wer nicht. Man kennt die Regeln. Ihr Programm bestimmt den Lebensrhythmus ihrer Mitglieder (sofern sie nicht Krankenschwestern oder Schichtarbeiter sind, deren Teilnahme »bedauerlicherweise« eingeschränkt ist). Sie ist eine feste Einrichtung, die ein hohes Maß an Zugehörigkeit und Stetigkeit vermittelt. Diese Art von Gemeinde wird ihre Bedeutung behalten, weil viele Menschen weiterhin so leben und ihnen eine solche Gemeinde wichtig ist. Doch das Leben zahlreicher anderer Menschen ist zunehmend von Mobilität und Multitasking geprägt. Man zieht häufiger um oder hat mehrere Wohnsitze. Die berufliche Laufbahn wird zum Patchwork, bei dem verschiedene Tätigkeiten aufeinander folgen oder gleichzeitig ausgeübt werden. In den unterschiedlichen Kontexten seines Lebens hat man unterschiedliche Freundes- und Bekanntenkreise. Statt seine Stammkneipe aufzusuchen, überlegt man jedes Wochenende neu, wohin man geht. Viele Kontakte sind virtuell. Beruflich bildet man – durch Telefon und Internet verbunden – mit Leuten aus Bayern, Los Angeles und Skandinavien ein Team, das gemeinsam

an einem Projekt arbeitet. Ebenso funktioniert ein zunehmender Teil persönlicher Beziehungen durch social media. Die Folge ist, dass für viele Menschen auch gemeinsame Nachfolge (alias Gemeinde) zum Patchwork wird. Rahmen ist nicht mehr die eine Institution oder Gemeinschaft, der man zugehörig ist, sondern ein Netz an Beziehungen und Aktivitäten. Man trifft sich mit Freunden im Café zum geistlichen Austausch, besucht Events, beteiligt sich an Aktionen und Gebetstreffen und engagiert sich in humanitären Bewegungen. Gemeinden und Gottesdienste werden nicht mehr als geistliche »Stammkneipen« verstanden, sondern man schätzt die gastronomische Vielfalt spiritueller Speisekarten. Die communitas sanctorum (»Gemeinschaft der Heiligen«) findet zum Teil als Internet Community statt, in der Inspiration und Austausch online erfolgen. Ich rechne damit, dass dieser Trend sich in den nächsten Jahrzehnten verstärken wird. Manche betrachten ihn mit Skepsis und Sorge – für sie riecht er nach Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit. Doch ein Trend richtet sich in der Regel nicht danach, ob er uns willkommen ist. Und er bietet Chancen. Eine Chance besteht darin, dass ein ganz anderer Trend durchbrochen wird, nämlich der Trend zur christlichen Parallelkultur, der die herkömmliche Gemeinde als ständige Gefährdung begleitet. Das »Salz der Erde« verbreitet sich leichter, wenn es nicht im Salzstreuer verklumpt. /// Harald Sommerfeld (56), auch bekannt als Haso, ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern und wohnt in Berlin. Er hat Mathematik und Theologie studiert und als Pastor und Dozent gearbeitet. Sein Anliegen ist, Christen im kommunalen Leben ihrer Stadt mitmischen zu sehen. Deshalb hat er sich im Herbst 2007 als »Berater für urbane Transformation« selbstständig gemacht. » www.transformission.de

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Wie wir nachfolgen werden

Wolfgang simson

Wie hat sich dein Leben verändert, als du nach Afrika gegangen bist? Tamara (32) mittlerweile aus Albanien // Ich kochte auf einem Campingkocher und holte mein Wasser von nahe gelegenen Brunnen. Meine Dusche bestand aus einem Eimer und einem Becher, mit welchem ich das Wasser aus dem Eimer schöpfte und mir über den Kopf goss. Meine Waschmaschine bestand aus zwei Eimern: einer mit seifigem Wasser und einer für den Klarspülgang. Die Wäsche wusch ich vor der Haustür, so dass ich beim Waschen in der Sonne sitzen und nebenher mit anderen Waschfrauen einen Plausch halten konnte. Weiteren Wandel im Alltag brachte der Punkt Elektrizität. Da die Sonne dort recht früh untergeht, hätte ich abends Licht benötigt, um die Abende auf europäische Art zu verbringen. Das gewöhnte ich mir bald ab. Meine Arbeit war bis 17 Uhr erledigt, und wenn es dunkel wurde setzte ich mich nach draußen, plauderte mit den Nachbarn und ging früh ins Bett. In verschiedenen längeren Missionsaufenthalten gab und gibt es immer wieder Situationen, in denen ich nicht wusste oder weiß, wie ich damit umgehen soll. Doch ich erlebe jedes Mal, wie Gott mir hilft, so dass in mir ein Vertrauen zu Gott gewachsen ist, das ich so vorher nicht kannte. ///

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// Wenn man im Jahre 1517 führende Personen der Römisch Katholischen Kirche gefragt hätte: »Brauchen wir eine neue Reformation?«, hätten sie nur gelacht. Wer würde eigentlich heute am lautesten lachen, wenn man dieselbe Frage stellte? Die amerikanische Verlagsexpertin Phyllis Tickle beschreibt in ihrem Buch »The Great Emergence«, wie die Kirche etwa alle 500 Jahre ihren Dachspeicher aufräumt und Großputz hält (451: Konzil zu Calcedon; 1054: Schisma; 1517: Reformation Luthers). Befindet sich die Kirche fast 500 Jahre nach Luther erneut in einer Reformationszeit? Tickle glaubt, dass die Postmoderne das Christentum derzeit stark verändert und dass beispielsweise die »Emerging Church« ein Weg in die richtige Richtung ist. Ich denke, dass der Hinweis auf eine sich verändernde Kultur viel zu kurz greift. Reformationen sind nicht Reaktionen auf ein verändertes kulturelles Klima, sondern vor allem Initiative Gottes, wenn der Haussegen schief hängt: seine Reaktionen auf irreparable und verfestigte Fehlentwicklungen in seinem Leib. In den letzten 500 Jahren fanden vier »Reformationen« (=Veränderungen der Form) statt. Die Reformation Luthers brachte uns ab 1517 »allein die Bibel, allein die Gnade, allein der Glaube«. Die Kirche wurde reformiert. Gegen 1900 begannen Heiligungs- und später Pfingstbewegungen sowie das Unternehmertum amerikanischer Christen die Welt immer stärker zu prägen – die Kirche wurde amerikanisiert. Amerikanische Kirchenund Evangelisationsformen, Marketingund Erfolgsdenken beeinflussten zahllose Entwicklungen der Kirche. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts fand eine dritte, tiefgreifende Veränderung statt, die in den durch Mao verfolgten Hauskirchen Chinas ihren

Anfang hat. Ohne Pfarrer und Kirchengebäude nahmen »die Laien« die Kirche selbst in die Hand, die Kirche wurde entklerifiziert und damit simplifiziert. Die heute als organische Kirche, simple church oder einfach als Hauskirchenbewegung bekannte Entwicklung beginnt derzeit, ausgehend von Asien und dem Mittleren Osten, auch die Kirchenlandschaft des kulturellen Westen zu verändern. Doch von dieser letzten reformatorischen Bewegung scheinen die stärksten Impulse für die Zukunft der Kirche ausgehen. Die Wiederentdeckung des Reiches Gottes als Zentralbotschaft von Jesus Christus führt dazu, dass die Kirche monarchisiert wird. Monarchisiert im Sinne von ent-demokratisiert, befreit von den Umklammerungen religiöser Traditionen und kleinlichen Stilfragen. Dort, wo mit einer heiligen Ehrfurcht die grundlegenden königlichen Bauprinzipien von Gemeinde wieder entdeckt und umgesetzt werden (etwa, dass Kirche nicht Markt-konform, sondern Königreichs-konform gebaut wird; dass der Haushalt Gottes auf apostolischen und prophetischen Fundamenten, und damit Diensten, steht; und dass das Finanzverhalten der Jesusnachfolger wieder ihrem Herrn folgt, nicht den Prinzipien Mammons und des religiösen Marktes). Das bedeutet, dass die Kirche immer stärker ent-denominationalisiert wird, weil sie sich regionalisiert; die Zukunft werden regionale Hauskirchen-Netzwerke sein, also miteinander verbundene Hauskirchen in geographisch zusammenhängenden Gebieten, die sich ab und an zu regionalen Großzusammenkünften (etwa in Stadien) treffen werden. /// Wolfgang Simson (50) ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist Autor und Führungskräfte-Coach von reformatorischen Bewegungen in Kirche und Wirtschaft. » www.starfishportal.net


Wandel

Viele werden sich gar nicht mehr Christen nennen und die letzten kulturellen Hüllen des Christentums von sich streifen. Marcus Bittner // Ich glaube, dass Nachfolge in 20 Jahren einfacher und zugleich komplexer sein wird. Die Ausdrucksweisen der Nachfolge werden explodieren. Vieles wird in 20 Jahren von Außenstehenden (und manchen Insidern) gar nicht als »christliche Gemeinde« wahrgenommen werden. Viele werden sich gar nicht mehr Christen nennen und die letzten kulturellen Hüllen des Christentums von sich streifen. Nachfolge wird mehr und mehr mitten in gesellschaftlichen Bereichen ihren Ausdruck finden und nicht ausgesondert. Nachfolger werden sich in ihren Betrieben, im Rahmen ihrer sportlichen Aktivitäten treffen, an Bahnhöfen und Flughäfen – eben da, wo sie sich im restlichen Leben auch befinden. Nachfolge wird weniger im institutionellen Sinne verstanden werden, die Formen und Zugehörigkeit zu »Gemeinde« werden einem ständigen Wandel unterworfen sein und trotzdem Verbindlichkeit und Verbundenheit ermöglichen. Einzelne werden in mehreren geistlichen Netzwerken und Kleinstgruppen ihren Glauben teilen – z. B. mit Arbeitskollegen unter der Woche und zusammen mit benachbarten Familien am Wochenende. Die jeweiligen Gruppen werden sich vielleicht nie gegenseitig kennenlernen. Nachfolge wird vermehrt in sozial homogenen Szenen stattfinden. Das Evangelium wird dadurch real an Orte kommen, die heute weitgehend dafür verschlossen sind. Die Verbreitung des christlichen Lebens wird nicht mehr so einfach in Zahlen zu bemessen sein. Dynamiken, die entstehen, werden nicht mehr von einigen Wenigen kontrollierbar sein. Der

Geist wird wehen, wo er will. Das tut er auch heute schon, aber ich glaube, dass uns Gott diesbezüglich noch einige Lehrstunden erteilen wird. Auf der anderen Seite werden die bisherigen Formen von Gemeinde auch erhalten bleiben. Zum Teil werden sie noch mehr die Anschlussfähigkeit und die Kommunizierbarkeit an den Rest der Gesellschaft verlieren und noch tiefer eine subkulturelle Eigendynamik entwickeln. Sie werden aber ein wichtiger Ankerpunkt für Menschen werden, denen das Leben zu kompliziert geworden ist und wissen wollen was »schwarz« und was »weiß« ist. Irgendwo in der Mitte werden sich die »Volkskirchen« wiederfinden, zahlenmäßig deutlich geschwächt, aber immer noch eine Stimme im Land, womöglich kraftvoller und zielorientierter als momentan, vielleicht auch nicht mehr als Staatskirche organisiert. Diese Bandbreite an Ausdrucksweisen des christlichen Glaubens wird eine große Herausforderung für den Leib als Ganzes sein. Dem Einen wird es schwer fallen, das »Christliche« im Anderen wahrzunehmen. Und da sie trotzdem zu diesem einen Leib gehören, wird es gehörig viel Liebe Gottes brauchen, um einander anzuerkennen. Aber wahrscheinlich werden sie auch immer weniger mit der Frage beschäftigt sein, wie sie »eins« werden können, sondern, wie sie die Liebe Gottes real in diese Welt bringen können. /// Marcus Bittner (40) ist u. a. unternehmerisch aktiv als Prozessbegleiter für Organisationen, Gründer und Einzelpersonen. Er lebt mit seiner Familie in Meiningen. » www.marcus-bittner.de

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Quergedacht

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Quergedacht

Ein Junge? Ein Mädchen? Intersexualität Text: Ulrich Bernhardt

// Vor mir liegt ein Cartoon: Eine Hebamme kommt aus der Kreißsaaltür auf den erschöpft wartenden Vater zu und verkündigt ihm die Geburt seines Sprösslings: »Sie haben ein – äähm – ja – hmm – wir wissen es noch nicht so genau.« Intersexualität liegt zum Beispiel dann vor, wenn bei Geburt das Genital optisch nicht eindeutig zugeordnet werden kann. Dies kommt immerhin bei jeder tausendsten Geburt vor. Die Gesamtrate liegt bei etwa ein bis zwei Promille. Umgerechnet auf die aktuelle Bevölkerungszahl Deutschlands sind demnach zwischen 80.000 und 160.000 Menschen intersexuell. Statistisch gibt es in Deutschland also fast so viele intersexuelle Menschen wie die Summe der Mitglieder von Baptisten, Methodisten und Freien Evangelischen Gemeinden zusammen.1 Die Form der äußeren Geschlechtsorgane ist unser Schicksal Was die Hebamme bei der Geburt erblickt und benennt, ist ausgesprochen schicksalhaft. »Ein Junge!« ruft sie, oder »Ein Mädchen!« Jetzt wissen die Freunde, ob der Strampler blau oder rosa sein muss. Mit dieser Information gehen die Eltern zum Standesamt und geben die Geburt bekannt. In der Geburtsurkunde steht dann ein Name, an dem das Geschlecht 1 Bund Freier evangelischer Gemeinden: 36.000; Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland: 84.000; Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland: 57.000 à Summe: 177.000. Quelle: de.wikipedia.org

des Kindes erkennbar sein muss. Dieser findet sich später nicht nur im Personalausweis, sondern bestimmt in vielfältiger Weise völlig selbstverständlich unsere Lebenszusammenhänge. Aber es gibt eine Minderheit – sie werden auch Zwitter oder »SheMales« genannt – die mit der erzwungen Eindeutigkeit der Geschlechterzuweisung größte Probleme haben. Sie passen aufgrund der bio­logischen Beschaffenheit ihres Körpers nicht in dieses duale Mann-Frau-Schema, welches keine Ausnahmen zulässt, hinein. Welche Schwierigkeiten sich dadurch bei der Bewältigung alltäglicher Kleinigkeiten ergeben, kann man nur erahnen. Was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Hinsichtlich der Geschlechtsidentität unterscheiden wir Sexus und Genus. Beide Bereiche sind zwar unterscheidbar, lassen

den Hormonen (Androgene/Östrogene), den inneren und äußeren Geschlechts­ organen, sowie geschlechtsspezifisch hirnorganischen Ausprägungen. In jedem dieser Bereiche gibt es Variationsbreiten. Die »Mischungsverhältnisse« sind deshalb bei jedem Menschen unterschiedlich, liegen häufig jedoch deutlich im männlichen oder im weiblichen Bereich. Transsexuelle und intersexuelle Menschen bilden sozusagen die körperlich-sexuelle Schnittmenge der beiden Bereiche – man spricht von dem »dritten« Geschlecht. Genus (Gender) bezeichnet im Gegensatz zum biologischen Geschlecht das psychosoziale Geschlecht, also die Art und Weise, wie ein Mensch seinen geschlechtlichen Körper und seine soziale Geschlechterrolle subjektiv erlebt und öffentlich auslebt. Das psychische Geschlecht umfasst die Kerngeschlechtsidentität

Aber es gibt eine Minderheit – sie werden auch Zwitter oder »SheMales« genannt – die mit der erzwungen Eindeutigkeit der Geschlechterzuweisung größte Probleme haben. sich aber nicht voneinander trennen. Sie vermischen und beeinflussen sich im persönlichen Erleben ständig wechselseitig. Sexus (Sex) bezeichnet das biologische Geschlecht des Körpers. Die körperlichsexuelle Differenzierung ist erkennbar an den Erbanlagen (xx/xy), den Gonaden oder Keimdrüsen (Hoden/Eierstöcke),

und die Geschlechtspartnerorientierung. Die Kerngeschlechtsidentität ist das Gefühl, im eigenen Geschlecht zu Hause zu sein. Diese Gewissheit kann stabil männlich oder weiblich sein, aber auch getrübt und diffus oder different (transsexuell, transgender – und darin oft auch wieder stabil). Die Struktur des Begehrens oder

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Ein Junge? Ein Mädchen?

Frau und Mann, weiblich und männlich, sind wie Pole eines Spektrums, zwischen denen wir vielfältige und unterschiedliche Mischungen des Männlichen und Weiblichen vorfinden.

die Geschlechtspartnerorientierung kann hetero-sexuell (auf das andere Geschlecht gerichtet), homo-sexuell (auf das gleiche Geschlecht gerichtet), bi-sexuell (auf beiderlei Geschlecht gerichtet, eventuell mit bisexueller Kerngeschlechtsidentität), a-sexuell (kein ausgeprägtes Begehren) oder/und auto-sexuell (auf den eigenen Körper gerichtet) sein. Das soziale Geschlecht, die Geschlechterrolle oder das öffentlich präsentierte Geschlecht wird festgelegt im administrativen oder bürgerlichen Geschlecht (Standesamt, Personalausweis), dargestellt in Geschlechterrollenkennzeichen (Spiele, Kleidung, Frisuren etc.) sowie in geschlechtsspezifischen Rollen und Lebensstilen (z. B. Beschützer und Versorger versus Hausfrau und Mutter, Zicke versus Macho, Barbie versus Ken). Das soziale Geschlecht ist häufig eindeutig, manchmal auch unklar (z. B. wilde Mädchen, Muttersöhne) oder auch gewollt uneindeutig (z. B. Meta-Sexualität). Intersexualität … Intersexuell werden Menschen genannt, deren körperliches Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich zugeordnet werden kann. Der Begriff geht auf den Genetiker J. Goldschmidt (1916) zurück. Er entdeckte, dass mehrdeutige körperliche Zustände bereits genetisch angelegt sind. Heute spricht man bei Menschen mit uneindeutigem Geschlecht von Hermaphroditismus (bei gleichzeitig männlichem und weiblichem Erscheinungsbild) und männlichem oder weiblichem Pseudo-Hermaphroditismus (eindeutiges männliches oder weibliches

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Erscheinungsbild bei Variationen der Erbanlagen, Keimdrüsen und Hormone). Die Bandbreite des historisch belegten Umgangs mit intersexuellen Menschen reicht von Verehrung bis zur Ermordung. In unserer westlichen Kultur ließ das »Preußische Allgemeine Landrecht« Hermaphroditen bzw. seinen/ihren Eltern noch bis zum 18. Lebensjahr Zeit, sich entweder für das männliche oder für das weibliche Geschlecht zu entscheiden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen Mediziner jedoch zunehmend für sich in Anspruch, anhand willkürlicher und sich über die Zeit hinweg verändernder Kriterien das »wahre« Geschlecht von intersexuellen Menschen unabhängig von deren Willen zu bestimmen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Hermaphroditen als »missgebildet« und »krank« klassifiziert, ihre Genitalien nicht selten von Ärzten abfotografiert und öffentlich zur Schau gestellt. In den 1950er Jahren begann der amerikanische Arzt und Psychiater John Money mit frühkindlichen Operationen an Inter­sexuellen zu experimentieren. Sein Ziel war, die fehlende Geschlechtseindeutigkeit spätestens bis zum zweiten Lebensjahr durch massive chirurgische und hormonelle Eingriffe zu beheben. Die Empfehlung Moneys, das künftige Geschlecht des Kindes einfach nach Machbarkeit auszuwählen,2 setzte sich schließlich 40 Jahre lang als internationaler Standard durch, wurde jedoch seit Mitte der 1990er Jahre sowohl durch die Proteste von intersexuellen Menschen als 2 Dazu das zynische Zitat von J. Gearhart: »It´s easier to make a hole than a pole.« (»Es ist einfacher, ein Loch zu machen als einen Pfahl zu bauen.«)

auch durch die Kritik von renommierten Medizinern zunehmend in Frage gestellt. Heute wird immer mehr gefordert, eine geschlechtliche Zwangsfestlegung insbesondere im Kindesalter zu unterlassen und die Genitaloperationen erst dann durchzuführen, wenn der intersexuelle Mensch die Operation aus eigenem Willen möchte und ihr zustimmt. Derartige »chirurgische Anpassungen« haben, abgesehen von der Schmerzhaftigkeit der Eingriffe, mittel- und langfristig immer wieder zu physischen und psychischen Komplikationen, zu Traumatisierungen und dauerhaften Schädigungen geführt. … und die Bibel »Gott schuf den Menschen – und er schuf sie als Mann und Frau« (1. Mose 1, 27-28). Stimmt es denn nicht, was die Bibel über Mann und Frau sagt? Stimmt etwa die Rede vom »dritten« Geschlecht? Diese und ähnlich Fragen drängen sich Christen auf, die in der Bibel das offenbarte Wort Gottes und die entscheidende Richtschnur für ihr Leben sehen. Wie kommen wir mit der biblischen Festschreibung der Mann-Frau-Zweiteilung im Gegensatz zu der oben dargestellten vielfältigen Entwicklung im menschlichen Leben klar? Wir stoßen an Grenzen. Bloßes Zitieren oder Nacherzählen von Bibeltexten reicht hier nicht aus. Die Auseinandersetzung mit Intersexualität rührt an der Grundlage unseres Bibelverständnisses, wenn wir einerseits die Bibel als offenbares Wort Gottes ernst nehmen, andererseits aber auch der Liebe Gottes gerecht werden wollen, die allen Menschen ausnahmslos, bedingungslos und vorurteilsfrei gilt.


Quergedacht Wir bezeugen als Grund legende Wahrheit: Gott schuf Mann und Frau. Zusammen bilden sie den Menschen und die Menschheit. Tatsache ist: Jeder Mensch findet sich mit und in seinem Körper vor. Unser Körper ist eine Gabe, ein Geschenk. Keiner hat ihn sich selber ausgesucht. Wir glauben: Wir sind geschaffen nach Gottes Ebenbild. Das bedeutet: Wir sind wertvoll und gewürdigt – so wie wir uns vorfinden, so wie wir sind. Wir bezeugen: Das gilt ausnahmslos für jeden Menschen von Anfang an. Tatsache ist auch: Die allerersten Aussagen der Bibel betreffen die Sexualität des Menschen, seine sexuelle Identität (geschaffen als Mann und Frau) und seine sexuelle Aktivität (fruchtbar sein und sich mehren). Wir glauben: Gott hat uns als sexuelle und sexuell aktive Wesen geschaffen. Das bedeutet: Die positive Akzeptanz der sexuellen Identität ist Grund legend und wesentlich für unsere seelische Gesundheit.3 Wir bezeugen (vielleicht etwas verhaltener): Auch das gilt ausnahmslos für jeden Menschen von Anfang an. Unsere real erfahrbare Wirklichkeit ist: Frau und Mann, weiblich und männlich, sind wie Pole eines Spektrums, zwischen denen wir vielfältige und unterschiedliche Mischungen des Männlichen und Weiblichen vorfinden. Offensichtlich sind die Menschen in ihrem jeweils persönlichen »Mischungsverhältnis« von Sexus und Genus unterschiedlich geschaffen. Das gilt auch für uns selber. Diese Unterschiedlichkeit ist sogar wesentlicher Teil unserer Einzigartigkeit. Die entscheidende Frage ist nun, ob wir die Schöpfungsaussagen erzählend oder normierend verstehen. Werden in der Urgeschichte der Bibel Sachverhalte beschrieben oder werden sie fest- und vorgeschrieben? Beschreibt der Text: »So ist das Leben, so sind die Menschen!« Oder will er sagen: »So soll, so muss das Leben, müssen die Menschen sein!« Die Konsequenzen des jeweiligen Verständnisses sind weit reichend. 3 »Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl.« (Psalm 139, 14; siehe auch 1. Timotheus 4, 4)

Werden die Aussagen fest- und vorschreibend, normierend verstanden, dann gibt es ein striktes Entweder-Oder: entweder Mann oder Frau. Männlich und Weiblich sind vom Grundsatz und von Natur aus gegensätzlich. Diese Norm ist gottgegeben. Jede Abweichung ist mit Gottes Schöpferwillen unvereinbar und verfehlt die Absicht des Schöpfers, ist also AbNorm, ist Sünde oder Strafe und muss korrigiert werden. Werden die Aussagen der Urgeschichte erzählend, beschreibend verstanden, so werden hier Grundwahrheiten der menschlichen Existenz entfaltet, die unabhängig vom persönlichen Schicksal eines einzelnen Menschen gültig sind. Sie werden in jeder Generation neu erlebt, müssen immer wieder durchbuchstabiert, beantwortet und verantwortlich gelebt werden, von Anbeginn der Menschheit bis zu ihrem Ende. Solch eine Wahrheit ist, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschuf, das heißt, wir finden uns in einer Menschheit vor, die männlich und weiblich ist. Der Schöpfungsbericht erzählt auch, wie Gott der Natur »Spielräume« zur Entfaltung gegeben hat. Die dadurch entstandenen unterschiedlichen »Spielarten« sind vom Schöpfer gewollt und in seinem Sinn. In diesem Verständnisrahmen entdecken wir Unterschiede. Was nun beispielsweise die unterschiedlichen Hautfarben und Körpergrößen der Menschen betrifft, gilt genauso für die unterschiedlichen Geschlechter. Die Herausforderung liegt dann aber darin, derartige »Spielarten« als von Gott gewollte Andersartigkeit anzuerkennen und zu würdigen, ohne sie zu bewerten und mit dem Etikett der Abweichung oder gar des Ab-Normen, Krankhaften oder Sündigen zu stigmatisieren. Intersexuellen Menschen ist im Laufe der Geschichte durch Theologie, Medizin und Psychologie sowie durch soziale Ausgrenzung großes Leid zugefügt worden. Es ist an der Zeit, auch ihnen gegenüber die Herausforderung von Römer 15, 7 in Achtung und Würde praktisch umzusetzen: »Nehmet einander an, gleichwie Christus uns angenommen hat zu Gottes Lob.«

Hier eröffnet sich viel Raum zur Akzeptanz von Menschen mit einer anderen sexuellen Identität, einem anderen Körper, einem anderen Geworden-Sein und die Möglichkeit, sie und sich selbst dankbar aus Gottes Hand annehmen zu können. ///

Literaturempfehlungen Der Roman »Die Galerie der Lügen« von Ralf Isau (Verlag Ehrenwirth) behandelt die Thematik Intersexualität auf dem Hintergrund der Diskussion um Evolution, Kreationismus und Intelligent Design. Das theologische Sachbuch »Streitfall Liebe« von Valeria Hinck (pro literatur Verlag) erläutert auf dem Hintergrund eines konsequent bibeltreuen pietistischen Schriftverständnisses die Thematik Homosexualität und kommt zu erstaunlichen Entdeckungen, die auch im Blick auf die Thematik der Intersexualität neue biblische Sichtweisen eröffnen können. Die Wissenschaftsjournalistin Ulla Fröhling vermittelt in ihrem Buch »Leben zwischen den Geschlechtern. Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabu-Bereich« (Ch. Links Verlag) einfühlsam und kompetent weitere Informationen. Empfehlenswerter Film zum Thema Intersexualität: »tintenfischalarm.« Trailer auf www.tintenfischalarm.at

Ulrich Bernhardt (54) ist Theologe und Sexualtherapeut (Deutsche Gesellschaft für Sexualtherapie). Er ist als Heilpraktiker der Psychotherapie in freier Praxis in Velbert tätig. Kontakt über ulrichbernhardt@web.de

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Quergedacht

Sie ist eine Frau

Mein(e) Freund(in) Gott und ich Text: Mickey Wiese // Kolumne

// Als ich eines Nachts in meinem Studierzimmer über der Biblia Hebraica saß und entdeckte, dass mein Freund Gott auch meine Freundin ist, war ich ziemlich überrascht, konnte mich diesem Gedanken aber auch nicht mehr entziehen ... Beim Christsein geht es um einen dynamischen Prozess, hatte mir mein Freund Gott einmal erklärt, in dem der Heilige Geist mein Leben entsprechend den Zielen Gottes verändert. »Du meinst, der Heilige Geist erzieht uns, wie eine Mutter ihre Kinder erzieht?«, fragte ich nach. »Ja.«, schmunzelte mein Freund Gott in Erwartung der Kronleuchter, die mir gleich aufgehen würden. »Erinnere dich, Mickey, darüber hat doch schon unser alter Freund Edmund Schlink in seiner Ökumenischen Dogmatik geschrieben, dass der Vater deine Identität in dir erweckt. Aber Ruach Hakodesch, wie ›der Heilige Geist‹ eigentlich richtig auf hebräisch heißt, vollendet an dir trotz allen Widerspruchs der

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Menschen das, was ich als Vater in meiner Schöpfungstat am Anfang begonnen habe und was ich als Sohn am Kreuz vollbracht habe.« »Du meinst die Erschaffung einer paradiesischen Beziehungs- und Liebesgesellschaft, wie es in 2. Korinther 3, 17 heißt: ›Der Herr aber ist Geist; wo aber Geist des Herrn ist, ist Freiheit‹?!« Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und ließ meine Gedanken ihren Weg finden. Auf Freiheit hin bewegt sich unser persönliches Christenleben zu und darauf hin bewegen sich auch alle unsere Gemeindestrukturen zu, wenn wir uns vom Heiligen Geist erziehen lassen. Dann fiel mir ein, dass man im Volksmund ja auch sagt: »Die Mutter hält die Familie zusammen.« Das ist doch genau der Dienst des Heiligen Geistes, der an Pfingsten die ganze Kirche geboren hat. Während ich also mitten in dieser Nacht so über den hebräischen Begriffen brütete und mein Freund Gott mir lächelnd über die Schulter schaute, dämmerte in

meinem Bewusstsein langsam ein neuer Morgen. Auch wenn der Name Ruach Hakodesch auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig erscheint, offenbart uns doch die Sprache meines Freundes Gott Jesus von Anfang an etwas ganz Wesentliches über die dritte Person Gottes, was bis in unsere Zeit vor allem von Männern gerne verdrängt wird. Ruach Hakodesch ist sowohl im Aramäischen, was Jesus gesprochen hat, wie auch im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, weiblich. Durch die Übersetzungen der ursprünglichen aramäischen und hebräischen Vorstellungen ins Griechische, der Sprache des Neuen Testaments, und Lateinische, der Sprache der Kirche über lange Zeit, hat sich der ursprüngliche Fokus der Betrachtung der heiligen Ruach Gottes verschoben und aus der heiligen Ruach, die über der Urflut brütete, wurde plötzlich der Heilige Geist. Wenn mein Freund Gott Jesus aber auf aramäisch vom Wirken des Heiligen Geistes spricht,


Quergedacht dann tut er das in mütterlichen Bildern, die selbst im Griechischen noch durchklingen und alle, die ihm zuhörten, hörten ihn von der Heiligen Geistin reden. So erklärt er seinen Jüngern in Johannes 6, 62: »Das Pneuma ist das, was lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Pneuma und Leben.« »Pneuma«, womit meine Freundin Gott, der Heilige Geist, gemeint ist, und »Leben schenken« werden in diesem Vers fast gleichbedeutend gebraucht. So wie eine Mutter ihrem Kind das Leben schenkt, so macht auch meine Freundin Gott, die heilige Ruach, lebendig. Wenn wir die Bibel aufschlagen, lesen wir gleich zu Beginn etwas äußerst Interessantes und Aufschlussreiches in 1. Mose 1, 27: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn.« Soweit so gut, das ist uns allen hinlänglich bekannt und wenn wir gut drauf sind, dann glauben wir auch daran, dass Menschen z. B. auf der Frankfurter Zeil etwas von Gott erkennen können, wenn ich da gerade shoppen gehe. Jetzt ist es aber so, dass die Menschen nur einen Teilaspekt von Gott erkennen können, wenn sie mich als Mann sehen. Und das liegt zunächst einmal nicht nur daran, dass ich durch meine Sündigkeit das Bild Gottes verdunkle. Es liegt daran, dass ich ein Mann bin und als Mann nur einen Teil von Gottes Bild ebenbildlich widerspiegele. Erst wenn ich mit meiner Frau Dany zusammen da auftauche, können die Menschen den ganzen Gott zum Großteil sehen, denn der Vers 1. Mose 1, 27 geht ja noch weiter: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.« Gott hat uns als getrennte Wesen erschaffen. Und das lateinische Wort Sexus heißt tatsächlich zunächst einmal ganz einfach nur »getrennt«. Der erste Aspekt unserer Gottebenbildlichkeit, der in der Bibel genannt wird, ist also ein sexueller Aspekt. Das ist doch verblüffend, zumal wenn man auf unsere christliche Realität schaut. Männer und Frauen spiegeln gleichberechtigt unterschiedliche Aspekte Gottes wider. Und überall da, wo wir Frauen den Zutritt zu

bestimmten Ämtern und Ebenen im Leib Christi verwehren, da verdunkeln wir Männer das Ebenbild Gottes in der Welt und die Menschen können nur halb so viel von Gott erkennen. Geschlechtlichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil Gottes. Es ist das Erste, was erwähnt wird, was Menschen von Gott widerspiegeln. Gott ist nicht geschlechtslos. Er ist männlich und weiblich. Vielleicht ist er noch mehr, aber das ist er auf alle Fälle. Deswegen offenbart er sich uns auch in unterschiedlichen Personen, die etwas mit Geschlechtlichkeit zu tun haben. Gott der Vater, der die Welt geschaffen hat und sie seitdem erhält, hat auf alle Fälle etwas Männliches. Gott der Sohn, Jesus Christus, ist auch männlich, dazu haben sich die Drei speziell für diese Zeit damals entschieden, da brauchen wir gar nicht viel drüber zu reden. Bleibt noch Gott der Heilige Geist übrig, der am Anfang über den Wassern und dem ganzen Tohuwabohu schützend schwebt oder brütet. Später wird er als unser allmächtiger Versorger beschrieben, als der El Shaddai, was genau übersetzt heißt: Gott der Vielbrüstige. Eine weitere Story über das Wesen des Heiligen Geistes hören wir in dem Gespräch mit Nikodemus, als Jesus ihm in Johannes 3, 5 erklärt, dass man nicht in das Reich Gottes kommen könne, wenn man nicht aus der mütterlichen Ruach geboren würde. Und das Gebären ist doch etwas Weibliches, oder?! Die heilige Ruach Gottes schafft also Leben und ist Energie. Sie stiftet Beziehung und Miteinander. Sie nimmt die Getrennten hinein in den Frieden, den mein Freund Gott, Jesus, gestiftet hat. Meine Freundin Ruach Hakodesch bestätigt uns unsere Gotteskindschaft (Römer 8, 16), indem sie uns so wie eine Mutter immer wieder von morgens bis abends einflüstert, dass mein Freund Gott, der Vater, uns lieb hat. Sie überführt uns von Sünde (Johannes 16, 8), sie verteilt Gaben und Aufgaben (1. Korinther 12, 11) und sie hilft, unterstützt und vertritt uns beim Beten (Römer 8, 26). Hinweise auf diese verborgenen Aspekte Gottes hat es immer wieder gegeben. Die Kirchenväter haben bis ins

vierte Jahrhundert hinein immer wieder weibliche Vorstellungen vom Heiligen Geist als »Trösterin« und »Mutter« in ihren Schriften. Und auch in der Kunst gibt es solche Anspielungen, wie in dem berühmten Trinitätsfresko aus dem 12. Jahrhundert in der Jakobskirche im bayerischen Urschalling am Chiemsee, das den Heiligen Geist als rosige junge Frau mit Heiligenschein neben Gott Vater und dem Sohn Jesus Christus darstellt. Ich denke jedenfalls, wenn wir Gott ganz erleben wollen, und nicht nur teilweise, dann erscheint es ratsam die Mutterschaft des Heiligen Geistes als klar erfassten Glaubensinhalt anzuerkennen. Das tut vor allem den Frauen sehr gut, weil sie erkennen können, dass sie ja doch direkt in der Dreieinigkeit vorkommen und dass es schon immer so war. Und es tut den Männern sehr gut, weil damit allen unrealistischen Männlichkeitsphantasien in Bezug auf Gott ein für alle Mal ein Riegel vorgeschoben wird. Unserem Gottesbild fehlt jedenfalls eine wesentliche Seite, solange wir die Weiblichkeit Gottes nicht wahrhaben wollen. Als ich in den frühen Morgenstunden ins Bett ging, hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass mein Freund Gott mir zuzwinkerte und meine Freundin Gott mir sanft übers Haar strich, als sie mich zudeckte. ///

Mickey Wiese (49) ist verheiratet mit einer Lobpreistänzerin, Vater von drei wunderbaren wilden Kerls und arbeitet als Event-Pastor und Lifecoach. Er hängt mit seinem Freund Gott in Frankfurt ab und versucht, die bedingungslose Liebe Jesu in den Alltag von Seelen aller Art zu übersetzen. Jüngst ist sein neues Buch »Mein Freund Gott und ich – Reloaded« erschienen.

Gern möchte Mickey über dieses Thema diskutieren! Kontakte ihn einfach doch einfach direkt unter: mickey.wiese@email.de

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Reich Gottes

Die Bibel spricht viel h채ufiger davon, dass wir Jesus um Vergebung bitten und anflehen sollen, dass er uns annimmt.

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Jahresthema


Reich Gottes

Wie sollen wir denn leben? Im Gespräch mit Keith Warrington Interview: Benjamin Finis

Was bedeutet eigentlich »Reich Gottes«? Die wörtliche Bedeutung des Begriffs »Reich Gottes« ist Herrschaft oder Regentschaft Gottes. Diese Regentschaft ist ein Königreich, dessen König Jesus ist. Dieses Königreich ist bekanntlich nicht geopolitisch, sondern ein Appell an den Willen und an das Herz, aus freien Stücken zu gehorchen und sich unter diese Regentschaft zu stellen. In allen Gesellschaften ruft Jesus die Menschen unter seinen Gehorsam zurück. Wenn sie umkehren und für ihn leben wollen, nimmt er sie in sein Königreich auf. So zieht sich diese Regentschaft wie ein Netzsystem durch alle Kulturen der Welt.

Welche Auswirkungen hat dieses Verständnis auf unser Leben als Christ? Jesus und die Apostel haben das Reich Gottes gepredigt. In der westlichen Welt ist uns innerhalb der letzten 150 Jahre ein bedauerlicher Fehler unterlaufen: Wir predigen jetzt persönliche Errettung. Zwischen diesen beiden Dingen besteht ein wesentlicher Unterschied. Das Reich Gottes fängt bei Gott an und bringt seinen Herrschaftsanspruch. Die moderne Botschaft, die wir predigen ist: »Du kennst Gott nicht und musst zu ihm kommen, um errettet zu werden.« Jesus wird dadurch zwar dein Retter, aber nicht automatisch dein König. Deswegen gibt es viele Christen, die sich für wiedergeboren und einen Teil des Reiches Gottes halten, aber ihr eigenes Leben weiter führen. Wir predigen »Nimm Jesus an!«, doch das finden wie so nur an einer Stelle des Neuen Testaments. Die Bibel spricht viel häufiger davon, dass wir Jesus um Vergebung bitten und anflehen sollen, dass er uns annimmt. Wenn ich dann weiß, dass er mich aus Gnade angenommen hat, dann ist mein Lebensziel ihm zu gehorchen und die Werke zu tun, die er für mich vorbereitet hat. So sollten alle Christen leben, aber viele haben die Grundlage gar nicht verstanden.

Wo fängt denn das Reich Gottes an und wo hört es auf? Gibt es da klare Grenzen? Ja, es gibt Grenzen. Die sind aber nicht geografisch oder geopolitisch wie bei menschlichen Königreichen. Die Grenze des Gottesreichs vollzieht sich vielmehr zwischen denen, die sich unter die Herrschaft Gottes gestellt haben und denen, die gegen oder ohne sie leben. Die einen sind Bürger des Königreiches und leben unter dem Motto: Jesus ist der Herr. Die anderen leben jenseits des Königreichs unter dem Motto: Ich oder xy oder jene Ideologie ist der Herr. Es ist eine kategorische Trennung der Menschheit. Meine Antwort auf die Frage, wem ich diene, entscheidet, ob ich mich diesseits oder jenseits der Grenze befinde. Gibt es für Menschen auf der »richtigen Seite« weitere Grenzen? Ja und nein. Als Bürger des Königreiches sind alle Bereiche unseres Lebens unter der Regentschaft Gottes – ob wir nun gerade in der Kirche sitzen, im Kino sind, unserem Beruf nachgehen oder Fußball spielen. Es wäre also falsch eine Grenze zu ziehen zwischen einem geistlichen und säkularen Leben. Aber es gibt eine moralische Grenze. Jede Art von Unmoral ist für das Reich Gottes nicht akzeptabel, egal ob es sich dabei um den Besuch im Rotlichtviertel oder unmoralische Gedanken während des Gottesdienstes handelt. Die Frage nach der Grenze ist also eher eine moralische und nicht so sehr eine Frage nach dem Gesellschaftsbereich.

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Reich Gottes

Wie sollen wir denn leben? Warum ist dir das Thema »Reich Gottes« so wichtig, dass du ein Buch darüber schreibst? Obwohl ich über die Jahre immer wieder darüber gepredigt habe, beobachte ich seit ein paar Jahren, dass dieses Thema brandaktuell geworden ist. Viele Menschen, die Gott lieben und ihm folgen wollen und sehr engagiert waren in ihrer Gemeinde, kommen an Grenzen: Die Grenze zwischen Alltag und Gemeinde. Der Beruf, die Familie, der finanzielle Druck fordern uns so sehr, dass wir unser gemeindliches Engagement abwägen müssen. Uns geht die Energie aus, weil wir unser Leben in geistlich – Gemeinde, Gott, Evangelisation – und säkular – Beruf, Familie, Nachbarschaft – unterteilen. Dieses gespaltene Weltbild frustriert die Leute zunehmend. Doch wenn man das Reich Gottes versteht, dann ist Jesus der Herr über alles! Er will nicht nur Menschen retten, er will seine ganze Welt wiederhaben. Alle Bereiche unseres Lebens gehören zum geistlichen Auftrag. Gemeinde gehört dazu, aber sie ist kein Parallelprojekt. Sie sollte vielmehr eine Hilfsquelle inmitten des gesamten Lebens sein. Das Reich Gottes bringt alles zusammen.

Wenn ganz Deutschland sich bekehrt, wie sollen sie denn leben?

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Gibt es Schlüsselerlebnisse, in denen du ein Stück mehr vom Reich Gottes verstanden hast? Mein Schlüsselerlebnis hatte ich in den Jahren 1974 bis 1976. In unserer Gemeinschaft, im Schloss Hurlach, entwickelte sich eine Spannung zwischen den Leuten im geistlichen Dienst und den praktischen Unterstützern. Wir hatten im eigenen Haus die klassische Spaltung zwischen geistlich und säkular. Wir waren überaus hingegeben, doch wir erkannten, dass in unserem Denken und unserem System etwas schief lief. Ich fing an zu fragen: »Herr, was machen wir falsch? Wenn ganz Deutschland sich bekehrt, wie sollen sie denn leben? Was wolltest du in die Welt setzen? Das Gemeindeleben? Oder das Missionswerksleben, das wir jetzt führen?« Schließlich ging ich mit meinen Fragen direkt zur Bibel. Im Matthäusevangelium stieß ich bald auf Johannes den Täufer mit der Botschaft des Reiches Gottes. In


Reich Gottes jedem Kapitel des Matthäus- wie auch des Lukasevangeliums fand ich zu meinem Erstaunen das Reich Gottes als zentrales Thema. Jesus durchzog das Land mit dieser einzigen Botschaft! Auch in der Apostelgeschichte und den Briefen entdeckte ich es als Leitthema und schließlich im Alten Testament mit all seinen Prophetien über Jesus als den Messias. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Jesus ist nicht primär gekommen, um für unsere Sünden zu sterben, sondern um das Reich seines

Wo siehst du Gefahren, wenn sich junge Erwachsene diesen Denkstil aneignen? Es kann passieren, dass man zu einem Ideologen wird, zu einem Reich Gottes-Freak. Auch ein umfassendes Thema wie das Gottesreich kann zu einer Ideologie werden. Wir leben aber für Jesus, nicht für eine Ideologie. Eine andere Gefahr ist, dass man sagt: »Okay, wenn das ganze Leben unter Gott ist, dann brauche ich Gemeinde nicht« und man sich von ihr entfernt. Ohne unsere Geschwister geht es jedoch nicht.

der Stadt haben. Es kann aber auch sein, dass man sehr bald gegen eine Wand läuft, weil die Leute den Einfluss partout nicht wollen. Es kann sein, dass du aus der Firma fliegst oder es kann so unerträglich werden, dass du kündigen musst. In bestimmten Bereichen bringt man es weit, in anderen nicht. Was jedoch unser Ziel sein muss, ist: Wir überwinden! Wo auch immer ich platziert bin – an meinem Arbeitsplatz, in meiner Gemeinde, in meiner Familie – ich gewinne die Kraft und Weisheit Gottes, um

Er will nicht nur Menschen retten, er will seine ganze Welt wiederhaben. Alle Bereiche unseres Lebens gehören zum geistlichen Auftrag. Gemeinde gehört dazu, aber sie ist kein Parallelprojekt. Vaters auf der Erde aufzurichten. Sein Sterben für die Sünde der Menschen ist ein sehr wichtiger Punkt, aber doch nur ein untergeordneter in der Gründung des Reiches Gottes. Dieses Gottesreich ist eine Regentschaft und nicht eine ›soft option‹ für persönliche Errettung. Gott ist nicht da, um mein Leben zu segnen. Er ist da, um mein Leben zu übernehmen – er ist König! Und seine Absicht ist nicht nur, Menschen für den Himmel zu retten, sondern seine gesamte Schöpfung wiederherzustellen. Dadurch hat sich mein gesamtes Weltbild verändert. Als wir entdeckt hatten, dass alle Bereiche unter Jesus gleichwertig sind, lernten wir Ehe und Familie, Kindererziehung, gemeinschaftliches Leben, Sekretariat, Instandhaltung und Autowerkstatt neu zu denken. Diese Dinge gehören genauso unter seine Regentschaft, wie Schulungen und Straßenevangelisationen durchzuführen. Als die Spannung zwischen geistlich und säkular somit theologisch überwunden war, fingen wir an zu lehren: Die Berufung Gottes ist nicht zwangsläufig Weltmission oder kirchlicher Dienst. In allen Bereichen der Gesellschaft muss ich erkennen, wo Gott mich haben will. Das macht die Sache geistlich. Seit diesem Schlüsselerlebnis gibt es ein ständiges Weiterdenken in der Umsetzung, aber nicht in der Grundidee.

Gibt dieses Verständnis vom Reich Gottes Antworten auf die Frage, wie wir denn leben sollen? Ich beschreibe unsere Berufung unter drei Stichworten. Erstens: Gott und meinen Nächsten lieben. Zweitens: unseren Schöpfungsauftrag wahrnehmen und die Welt regieren. Drittens: die Liebe, Erlösung und Herrschaft Gottes zu anderen Menschen bringen. Es gehört alles zusammen. Man darf nicht Evangelisation auf der einen Seite gegen Gesellschaftsverantwortung auf der anderen Seite ausspielen. Es gibt manche Leute, die voll auf Gesellschaftsreform gehen, aber die Evangelisation verlieren – doch dann sind sie halb entwickelte Christen. Und es gibt die Leute, die Evangelisation leben und die Verantwortung für die Gesellschaft verpassen. Wo fängt die Welt regieren an? Gibt es Grenzen für diesen Auftrag? Zunächst übernehmen wir Verantwortung für diese Welt. Wir sagen nicht: »Die Welt geht sowieso den Bach runter, Hauptsache, die Leute werden gerettet.« Nein, wir übernehmen Verantwortung, das ist unser Schöpfungsauftrag. Doch wo gibt es Grenzen dafür? Die erste Grenze ist die: Man sollte kein Idealist werden und die Ziele nicht zu hoch setzen. Manchmal kann man viel Land gewinnen, viel guten Einfluss in Firma, Schule, Nachbarschaft oder

das Negative in meinem Umfeld zu überwinden. Statt dass es mich defensiv macht, verändere ich es durch Gottes Kreativität. Diese Lebenskraft und Kreativität sollte jeder Christ haben. Das ist realistisch, das ist ein Muss! Letztlich müssen wir uns alle fragen: Was sind meine Prioritäten? Ich kann nicht alles tun. Hier kommt der Ruf Gottes ins Spiel. Ich muss erkennen, in welche Bereiche der Gesellschaft der Heilige Geist mich beruft. ///

Keith Warrington (62) und seine Frau Marion sind gebürtige Neuseeländer, die seit 1972 in Deutschland leben. Sie arbeiten bei der internationalen Missionsgemeinschaft Jugend mit einer Mission. Keith ist ein erfahrener Leiter, der jetzt als Mentor und Berater  für jüngere Leiter in Gemeinden und Gemeinschaften tätig ist, während Marion als Anbetungsmusikerin unterwegs ist. Beide sind auch in Netzwerken für Gebet für die Nation und für die Einheit der Christen engagiert. Sie haben vier erwachsene Kinder und wohnen in Altensteig im Schwarzwald.

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THE RACE ist die Zeitschrift für Menschen, die etwas bewegen und den Dingen auf den Grund gehen wollen. Sie will qualifizieren, inspirieren, mobilisieren – manchmal auch provozieren und hinterfragen. Ein Anliegen von THE RACE ist, dass Christen mehr Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen und ihr Umfeld aktiv mitgestalten.

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THE RACE 35 • WANDEL