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ausgabe vier juli 2012 ein euro zwanzig

Vom wandernden Gottesvolk Umzug unserer Fakult채t Gespr채ch mit Prof. Dr. Lux Umfrage an der Fakult채t

Auferstanden

Leitartikel: Ein Bau zwischen Erinnerung und Neubeginn


Inhalt

inhalt

Rätsel Diesmal: Teekesselchen . . . . . . . . . . . . . dreissig Vom wandernden Gottesvolk oder: Vom Umzug unserer Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .einunddreissig

Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . drei Gast auf Erden Meditation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . vier

»Ich wollte Waldhorn studieren« Ein Gespräch mit Prof. Dr. Rüdiger Lux . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .vierunddreissig

Auferstanden aus Ruinen Wo Stadt und Uni den Neubau in Leipzigs Zentrum ver-orten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . sechs

»Wer sind wir und wenn ja, wie viele?« Die Studierendenumfrage an der Theologischen Fakultät Leipzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . vierzig

Die Thomaner Herz und Mund und Tat und Leben. Ein Familien­porträt.. . . . . . . . . . . . . . . . . . vierzehn

Ist das Müll, oder kann das weg!? Nachts sind alle Bananen braun? Essen aus der Tonne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . vierundvierzig

Vereinte Armee nach Syrien? Braucht Syrien militärische Hilfe? Ein Für und Wider. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . sechzehn

»Die Lücke schließt die Auferstehung« Professor Rochus Leonhardt im Porträt. Eine Skizze. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . achtundvierzig

Darf mein Pfarrer schwul sein? Zur Diskussion in der Sächsischen Landes­ kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . zweiundzwanzig

Kopftuchverbote – Minarettverbote Zur Interferenz von medialen Diskursen und politischen Entscheidungen. . zweiundfünfzig

Tolle lege?, oder Lies! Zur Koranverteilung in Leipzig – Chance oder Provokation?. . . . . . . . . . . . . . vierundzwanzig

Ein Auslandsjahr in Deutschland Ein Erfahrungsbericht von Sámuel Nánási, Rumänien . . . . . . . . . . . . . . . . . vierundfünfzig

Verkündigung mit Anforderungen Meine Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . achtundzwanzig

Des Rätsels Lösung . . . . . . . fünfundfünfzig

zwei

Impressum. . . . . . . . . . . . . . sechsundfünfzig — thema – vier – juli 2012


editorial

Editorial »Prüfet aber alles, das Gute haltet fest!« (1. Thessalonicher 5,21)

L

Liebe Leserinnen und Leser, In Sommer diesen Jahres wird die Theologische Fakultät Leipzig samt ihrer Bibliothek umziehen. Im Mai vor 44 Jahren wurde die Paulinerkirche unter dem Regime der DDR gesprengt. Vor wenigen Wochen ließ die kostenlose Verteilung von Koranen in deutschen Innenstädten so manches Herz höher schlagen. Seit einiger Zeit sorgt das Thema »Homosexualität im Pfarrhaus« für Diskussionen jedweder Qualität. Diese sind nur wenige von vielen Beispielen unseres Alltags, die in dieser thema-Ausgabe beleuchtet werden und die hinein uns gesagt ist: »Prüfet aber alles, das Gute haltet fest!« Im Rahmen dieses Magazins sollten nicht nur wir als Redaktion uns diesbezüglich angesprochen fühlen, sondern vor allem Sie als Leserschaft! Viele Autor_innen haben in diesem Magazin die Möglichkeit zu Wort zu kommen. Unter Inanspruchnahme der Meinungs- und Pressefreiheit sind verschiedene Sichtweisen und Standpunkte nicht nur notwendiges Übel, sondern vor allem wünschenswert und Voraussetzung jeder Verständigung. Meinungen aufgrund ihrer Brisanz zu verschweigen, trägt kaum zum Dialog bei. Vor allem die Kolumne und der Zwi-

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schenruf dieser Ausgabe sind unter diesem Aspekt zu lesen. Prüfen Sie also alles, was Sie hier lesen, behalten Sie das Gute … und über das – Ihrer Meinung nach – Schlechte informieren Sie uns bitte! Des Weiteren geben die baldige Emeritierung von Prof. Rüdiger Lux und der jüngst ergangene Ruf an Prof. Rochus Leonhardt an die Leipziger Theologische Fakultät Anlass, eben diese beiden Professoren in Form eines Interviews und eines Porträts genauer vorzustellen. Darüber hinaus haben wir die erfreuliche Möglichkeit, interessante Ergebnisse der Umfrage unter den Theologiestudierenden Leipzigs und aufschlussreiche Informationen zum Umzug der Fakultät samt Bibliothek zu veröffentlichen. Unser herzlicher Dank gilt an dieser Stelle allen, die sich an dieser Ausgabe des thema beteiligt haben, vor allem den Mitwirkenden von außerhalb, die unter anderem den Leitartikel mit ihrer Unterstützung bereichert haben. Auch unserer Leserschaft sei vielfach gedankt, da sie allen thema-Mitarbeiter_innen vermittelt, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben, was Voraussetzung für die Motivation zu dieser Arbeit ist. Einen frohen Sommer wünscht die Redaktion

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meditation

Gast auf Erden »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« (Heb 13,14)

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In Ostpreußen steht ein Rittergut. Ein schönes, großes Haus umgeben von grünen Bäumen und Büschen. Zu der Familie, die in diesem Haus lebt, gehört auch ein kleiner Junge. Er lebt in diesem Haus, geht die Treppen hinauf, wieder hinunter, zur Tür herein, zur Tür hinaus, den Flur hinab und hinauf. Jedes Mal, wenn er zur Tür hereinkommt, läuft er an einem Schriftzug vorbei, der an einer Flurwand hängt. Es steht geschrieben: »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. – Heb 13,14«. Er kann schon lesen, er liest es auch – aber versteht es nicht. Heute erzählt er als inzwischen betagter, älterer Herr, wie er sich an diesen Schriftzug erinnert. Als kleiner Junge waren ihm diese Worte der Vergänglichkeit fremd. Heute – mit den Erfahrungen eines Vertriebenen – scheint es ihm, als hätte dieser Schriftzug – an diesem Ort, in diesem Haus – schon immer einen Sinn gehabt. Als sei er jahrelang an der Wahrheit vorbeigegangen, ohne die Realität zu kennen. Eine Realität, die ihn und seine Familie letztendlich doch noch einholte.

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Ein Emo-Girl ist sie nicht. Auf keinen Fall! Und depressiv auch nicht und auch nicht zu empathisch, wie immer alle sagen. Nie würde sie auf Fotos extra leidend dreinschauen. Nie würde der Weltschmerz größer sein als die Lebensfreude. Empathisch – okay, das ist sie vielleicht, aber nicht zu sehr! Was ist denn so schlimm daran, auch mal Trauer zu tragen? Auch mal zu seufzen, zu klagen, zu heulen über den Tod des Großvaters, über die Nazi-Parolen in Bahn und Bus, über die Ausbeutung menschlicher Kapazitäten, über die menschliche Sucht nach Amusement, die vor anderen Lebewesen keinen Halt macht, über … über … über. Man wird ja wohl mal noch heulen dürfen, wenn man erwachsen wird und es auch bleiben muss. Es ist ja nicht so, dass sie keinen Trost fände. Ganz im Gegenteil. Natürlich hat sie auch ein bisschen Angst vor dem Tod und wie gesagt, sie ist ja auch ein lebensfroher Mensch. Nicht, dass sie vor allem davonlaufen würde, aber manchmal ist es ihr doch ein tröstlicher Gedanke, dass sie ausgerechnet hier keine bleibende Stadt hat.

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meditation

Man erzählt sich, dass der gute alte Albert Einstein einen alten Pulli hatte. Als er und seine Frau neu in der Stadt waren, ging er mit diesem Pulli auf die Straße. »Albert, zieh doch einen gescheiten Pulli an, wenn du raus gehst!«, soll seine Frau zu ihm gesagt haben. »Wieso denn? Hier kennt mich doch keiner!«, war seine Antwort. Jahre später trug es sich ähnlich zu: Albert ging in seinem alten Pulli auf die Straße. »Albert, zieh doch einen gescheiten Pulli an, wenn du raus gehst!«, legte sie ihm ans Herz. Er aber entgegnete: »Wieso denn? Hier kennen mich doch alle!« Er hätte auch sagen können: »S’mir wurscht! Ich habe hier keine bleibende Stadt!« Wenn ich manchmal aus dem Haus gehe oder vielleicht auch schon draußen bin, dann hör ich auch manchmal eine Stimme: »Ach komm, lass doch deinen Christus heut mal zu Hause, was sollen denn die Leute denken!« Ich könnte erwidern: »Wieso denn? Hier kennt mich doch niemand!« oder »Hier kennen mich doch alle!« oder »Ja, stimmt, die können mich ja erstmal

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ganz neutral kennen lernen.« Oder ich könnte sagen: »S’mir wurscht, denn ich habe hier keine bleibende Stadt … … und die zukünftige suche ich!« Die zukünftige Bleibe, aus der kein Krieg mich vertreiben kann, in der niemand mehr stirbt, niemand mehr gegen Fremde hetzt, in der Menschen Gerechtigkeit erfahren und Überheblichkeit abgesetzt wird. Eine Bleibe, in der ich den Pulli tragen kann, den ich tragen will und vielleicht sogar nackt gehen darf ohne angezeigt oder blöd angeschaut zu werden. Diese Bleibe suche ich, wünsche ich, sehne ich herbei. Und bis ich sie gefunden habe, wandere ich hier umher und lasse mich und andere schon einen Teil von dieser Bleibe finden, indem ich in Gottes Namen den Tod beweine, mich gegen Fremdenhass wehre, Menschen fair behandele und Natur und Lebewesen zu schützen versuche – so gut ich kann. » … und die zukünftige suchen wir.« Marei Günther Bild: Graffiti als Teil einer Ausstellung junger israelischer Künstler im Zentrum des Dorfes Oswieçim/Auschwitz (Polen), September 2010 Foto: Marei Günther

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Auferstanden aus Ruinen

Wo Stadt und Uni den Neubau in Leipzigs Zentrum ver-orten

W

Wintersemster 11/12, Freitagnachmittag, eine halbe Stunde vor Beginn des Blockseminars Praktische Theologie zum Thema Kirchenraum. Nach verschiedenen theoretischen Überlegungen in den letzten Sitzungen soll heute Nachmittag die/das Paulin_um_erkirche besucht werden. Doch statt der sonst anwesenden sechs Studierenden und der gemütlichen Atmosphäre im Seminarraum ist es jetzt schon laut und voll. Raum 414 ist gefüllt mit Seniorenstudierenden, die gespannt darauf warten, was jetzt passiert, und die sich von ihren Erlebnissen während der Sprengung der Paulinerkirche 1968 erzählen. Pfarrer Johannes Misterek, der Dozent des Seminars – es ist sein erstes Seminar in Leipzig – scheint überrascht. Im Nachhinein bezeichnet er die Stimmung als »hochemotionalisiert«. Die Teilnehmenden der vorherigen Sitzungen werfen sich irritierte Blicke zu. Das abstrakte Seminarthema »Kirchenraum als Raumgestalt des Glaubens« wird plötzlich zu einer Vielzahl persönlicher Geschichten und Erfahrungen von Zeitzeugen und eine völlig neue Ebene über Zugänge zum Kirchenraum wird eröffnet.

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Doch stellt sich zugleich die Frage, wo die Studierenden bleiben, wenn es um das Paulinum geht. Geht sie das Thema Paulinerkirche überhaupt etwas an? Warum treten, wenn es um dieses Gebäude geht, scheinbar immer bloß Zeitzeugen auf den Plan? Helga Hassenrück war zwar bei dem Seminar nicht anwesend, ist aber solch eine Zeitzeugin. Sie studierte 1968 im ersten Studienjahr evangelische Theologie und verbrachte ihre freie Zeit damals fast täglich in der Unikirche. »Die Kirche war jeden Tag geöffnet. Ich traf mich dort mit Freunden, ging sonntags zu den Gottesdiensten, bei denen ich auch manchmal mit dem Unichor sang, lauschte Orgelmusiken und besuchte gelegentlich Konzerte. Eigentlich war die Paulinerkirche für mich so etwas wie ein zweites Zuhause«, sagt sie. Über den historischen Wert des Gebäudes und die Bedeutung der dort bestatteten Menschen habe sie zu dem Zeitpunkt wenig gewusst. Aber sie hatte eine persönliche Beziehung zu der Kirche, deswegen wollte sie sie nicht kampflos dem beschlossenen Schicksal überlassen. »Ich war 19 Jahre alt und einfach rebellisch damals. Ich versuchte, Superintendent Stiehl zu überreden, eine Demo in den Gottesdiensten abkündigen zu lassen«, sagt Hassenrück, »aber er hat mir klar gemacht, dass er den 17. Juni ’53 (Anm. d. Red.: An diesem Tag wurden in der gesamten DDR Aufstände blutig niedergeschlagen. Es

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Die neue Kirche und Aula 2012. Foto: Daniel Keck

gab zahlreiche Tote, Verletzte und Verhaftungen.) erlebt hatte und solch ein Risiko nicht eingehen würde.« Hassenrück war nicht die einzige, die sich gegen die Sprengung engagierte. So sprachen sich beispielsweise die Synode und die Theologische Fakultät gegen die Pläne aus. Dennoch: Der große Proteststurm blieb aus. »Ich dachte damals, dass viele Theologen sich duckten«, gibt sie zu. »Aber das darf man aus heutiger Sicht nicht verurteilen. Die Professoren hatten Angst um die Fakultät – ja sogar um alle theologischen Fakultäten der DDR. Zudem wurden sie für ihr Studenten haftbar gemacht.« Also handelten die Studierenden selbst: Sie schrieben und unterzeichneten einen Brief an die Stadtverwaltung – der Autor wurde kurze

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Zeit später verhaftet. Sie versuchten, in kleinen Gruppen mit den Stadtabgeordneten zu reden – und wurden meist schon im Treppenflur abgefertigt. Hassenrück beschloss, Flugblätter anzufertigen und zu verteilen. »Ich habe in einer Nacht sämtliches Schreibmaschinenpapier, das meine Eltern zur Verfügung hatten, in DIN-A6-Blätter zerschnitten und mithilfe eines aus einem Radiergummi geschnitzten »NEIN«-Stempels Flugblätter hergestellt.« Mut ist, Nein! zu fordern, wo das Ja schon beschlossen ist. Am 22.  Mai wurde Helga Hassenrück zusammen mit ihrem späteren Ehemann verhaftet. Sie wurde 36  Stunden am Stück verhört und we-

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Das ehemaliges Kirchenschiff. Aus: Elisabeth Hütter, »Die Pauliner-Universitätskirche zu Leipzig«, Institut für Denkmalpflege Dresden

der ihre Eltern, noch sonst irgendwer wurde in Kenntnis gesetzt. Erst nach Tagen intensiven Nachfragens berichtete man dem Dekan der Theologischen Fakultät über den Verbleib seiner Studentin. Wie lange sie in Haft bleiben würde, sagte ihr niemand. »Man wusste ja nicht, ob man nicht am Ende in Sibirien landen würde. Es wurde immer und überall Angst geschürt.« Nach sechs Wochen Untersuchungshaft erging das Urteil: zwei Jahre Haft auf Bewährung. Zudem die Exmatrikulation. Verhaftet, gefoltert und das Leben verbaut – wegen eines Nein! Gerd Mucke studierte damals ebenfalls an der Theologischen Fakultät. Auch für ihn war die Paulinerkirche ein Stück Heimat. »Sie war unsere Kirche«, sagt er. »Wir haben dort Gottesdienste und Andachten gefeiert, unsere ersten Predigtversuche gestartet und liturgisches Singen geübt. Zudem war sie eine Heimstätte des Universitätschores und der Studentengemeinden.« Anders als Hassenrück war Mucke bei den Demonstrationen dabei. »Es waren keine lauten Demos wie im Westen. Aber man stand am Bauzaun und es wurden Blumen darüber geworfen. Ich hab miterlebt, wie kasernierte Volkspolizei mit LKW langsam durch die Menge fuhr und mit Lautsprechern sagte: ›Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, verlassen Sie den Karl-Marx-Platz! Sie begehen eine gesetzeswidrige Handlung!‹« Blumen, die mehr aussagen als jede Parole. Stummes Stehen, in der Hoffnung, das nicht Verhinderbare doch noch zu verhindern. Doch der Staat ließ sich nicht umstimmen. »Die Menschen, die bis zum Abend nicht weggingen, wurden auf LKW gezerrt und saßen teilweise mehrere

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Tage in Haft. Einzelne, die über diese Aktionen berichteten, wurden sogar zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt«, so Mucke. Die DDRFührung suchte keinen Diskurs. Sie war nicht interessiert an einer Auseinandersetzung mit dem Andersseienden. Statt Weltoffenheit zu zeigen, demonstrierte man Meinungsmonopol. Wenn die Paulinerkirche irgendeinen Wert für diesen Staat dargestellt hatte, dann einen materiellen. »Stasi-Mitarbeiter plünderten in einer Blitzaktion etwa 800 Grüfte. Die Gräber waren ein who-is-who der Leipziger Bürger. Nicht nur zahlreiche Rektoren waren dort begraben«, so Mucke. Die Gebeine der Toten lägen noch heute beim restlichen Bauschutt der Kirche, die

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Schätze habe man hingegen in alle Welt verscherbelt.

terdamer Architekt Erick van Egeraat mit dem jetzigen Gebäude durch.

»Ich dachte immer, es geschieht doch noch ein Wunder«, sagt Hassenrück, die zum Zeitpunkt der Sprengung im Gefängnis saß. Doch das Politbüro unter Walter Ulbrichts Vorsitz hatte bereits entschieden. Am 16. Mai besiegelten die Universität und am 23. Mai die Leipziger Stadtverordneten die Sprengung der Kirche und des Augusteums. Am 30. Mai 1968 jagte man dann beide in die Luft. »Wer das damals alles erlebte, kommt nie drüber hinweg«, meint Hassenrück und fügt hinzu: »Wir wollten da etwas unglaublich Wertvolles retten und rannten gegen Mauern! Man wird dabei zum Staatsfeind und der Irrsinn geschieht.«

Befragt man verschiedene Personen, die in den Streit um das neue Paulinum involviert sind, scheinen sich alle einig zu sein: Das Gebäude von außen ist im Großen und Ganzen gelungen. Das versetzte Rosettenfenster und das fallende Dach erinnern klar und deutlich an die alte Kirche im Moment des Zusammenfalls. Wolff spricht von »hervorragenden Grundideen«, Hassenrück ist »bewegt und froh, dort wieder einen Kirchengiebel zu sehen« und Mucke findet, dass das Gebäude, da an einen Wideraufbau nicht mehr zu denken ist, zumindest eine

»Wer mit Menschen redet, die damals Zeitzeugen der Sprengung und der Nutzung vorher waren, weiß, welche Bedeutung die Universitätskirche gehabt hat und welch große Wunde der Stadt Leipzig und vielen, vielen Menschen durch die Sprengung zugefügt wurde«, sagt Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche. Er habe zwar die Geschehnisse damals nicht miterlebt, weil er erst seit 1992 in Leipzig lebe, durch Erzählungen und zahlreiche Gespräche hat er sich jedoch in den letzten Jahren das Thema zu Eigen gemacht. In dieser Hinsicht teilt er die Forderungen des Paulinervereins, dessen stellvertretender Vorsitzende Gerd Mucke ist. Dieser Verein gründete sich 1992, damals mit dem Ziel des originalgetreuen Wiederaufbaus der Kirche. Dagegen sprach sich jedoch die Universität aus, der das Gelände gehört. Somit setzte sich 2004 bei einem Wettbewerb der RotInnenraum der ehemaligen Paulinerkirche Foto: Hermann Walter — thema – vier – juli 2012

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Innenraum des sich im Bau befindenden Neubaus. Foto: Gerd Mucke

aktzeptable Lösung sei. Auch der Alttestamentler und Universitätsprediger Rüdiger Lux hält das äußere Bild für sehr gelungen: »Ich finde den Neubau durchaus attraktiv. Es ist ein würdiger Erinnerungsbau an die ehemalige Universitätskirche und das ist, wenn man so will, ein Stück Wiedergutmachung durch den Freistaat Sachsen. Das muss man auch deutlich sagen.« Ähnlich sieht es auch Jana Adler, von der Bürgerinitiative für eine weltoffene, weltliche und autonome Universität (BI): »Die Uni hat es im ganzen Campus gut geschafft, an die Unigeschichte zu erinnern. Die Sprengung selbst wird im Paulinum sichtbar«. Es scheint, als ob alle mit dem Neubau am Augustusplatz leben könnten; ja, es scheint sogar

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ein äußerst guter Kompromiss zu sein. Warum gibt es dennoch so einen bitteren Streit? Wo liegt das Problem? »Das Problem besteht darin, dass ’68 nicht nur die Kirche, sondern mit dem Augusteum auch die Aula der Universität gesprengt wurde«, sagt Joachim Tesch, ebenfalls Mitglied der BI. »Die Frage ist nun: Wie bekommt die Uni nicht nur die Kirche, sondern auch die Aula zurück?« Wenn man lediglich die Kirche wieder aufbaue, so Tesch, komme es zu einer ideologischen Vereinnahmung. Daher sei es wichtig, klar zu machen, dass das Paulinum keine neue Kirche ist, sondern ein Gebäude, das wissenschaftliche Institute, die Aula und die Kirche unter einem Dach vereint. Realisiert werden soll – und wird aller Voraussicht nach – dies durch eine Raumteilung. Im vorde-

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ren Teil des Paulinums – dem Chorraum – wird sich dann die »Universitätskirche St. Pauli« mitsamt Altar, Epitaphien und wahrscheinlich auch der restaurierten Kanzel befinden, im restlichen Raum die Aula. Getrennt werden sollen die beiden Teile durch eine Glaswand. »Für große Veranstaltungen kann die Glaswand geöffnet werden«, erklärt Adler. »Die restliche Zeit bleibt sie geschlossen. Dann lässt sich die Aula nutzen, während man gleichzeitig im Andachtsraum andere Veranstaltungen vorbereiten oder dieser von Touristen besichtigt werden kann.« Dieses Konzept – besonders die Glaswand – ist es, was der Paulinerverein strikt ablehnt. Gerd Mucke meint: »Die Bürgerinitiative fürchtet eine klerikale Überfremdung. Das ist ein paar Jahrhunderte nach der Aufklärung purer Blödsinn.« Adler hält dagegen: »Der Wunsch, dass die Kirche wieder aufgebaut werden soll, ist nachvollziehbar. Aber das Thema ist gegessen. Die Theologie ist ein Fach an der Uni, aber nicht die ganze Uni ist Theologie. Wir sind ja nicht gegen Gottesdienste. Aber für uns ist unklar, warum man diese Wand nun komplett weglassen sollte«, und Tesch fügt hinzu: »Für hoheitliche Akte wie Promotionen muss der Raum neutral sein.« Gerade das sieht Mucke anders: »Auch wir wollen die Dreiteilung, also erstens als Aula der Uni und würdiger Festraum, zweitens als Kirche und drittens als Konzerthalle von Rang. Aber wir möchten einen ungetrennten Raum ohne Berührungsängste, wie es Jahrhunderte lang der Fall war. 100 Prozent Aula und 100 Prozent Kirche in einem, je nach Nutzung.« Die Glaswand ist beschlossene Sache. Der Paulinerverein und Pfarrer Wolff wollen dennoch

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bis zum Ende versuchen, ihren Einbau zu verhindern. Es ist schwierig abzusehen, was für einen Eindruck der Raum letztendlich machen wird. Er wird nicht allen Forderungen Rechenschaft tragen können. Auch wird der Neubau nicht Geschehenes ungeschehen machen. Doch vielleicht schafft er es dennoch, Wunden heilen zu lassen und geschehenes Leid zu lindern. Und noch etwas vermag das neue Paulinum: Es hält die Erinnerung wach an den 30. Mai 1968. An eine Uni, die den Beschlüssen des Politbüros des ZK jubelnd zustimmte. An ängstliche Massen, die schwiegen. Aber auch an einzelne Menschen, die sich nicht einschüchtern ließen und teilweise dafür großes Risiko auf sich nahmen. Und: Der Neubau spiegelt den jahrelangen Streit über die äußere und innere Form wider. Auf diese Weise könnte er letztendlich vielleicht sogar ein deutschlandweit einzigartiges Symbol für Demokratie werden, als Kompromiss nach teils heftigen Auseinandersetzungen. »Ich finde, dass der gesamte Kirchenraum in seiner Ehrlichkeit eine Gebrochenheit widerspiegelt, die auch die Diskussion um die alte Paulinerkirche und um den Neubau ziemlich gut wiedergibt«, sagt Johannes Misterek. »Man dürfe nicht so tun, als wäre an diesem Ort alles heil und ganz. Es ist ein gebrochener Ort, an dem nach wie vor gestritten wird – und es um Machtfragen, um Deutungshoheit geht. Das müsste man auch in Gottesdienste und andere Veranstaltungen mit aufnehmen.« Wir haben verschiedene Standpunkte betrachtet. Wir haben nachvollziehen können, worum es im Kern geht und meist auch, warum die Seiten so verhärtet sind. Doch eines konnten wir nicht finden: Studierende, die zu dem Bau Stellung beziehen. Gibt es unter diesen wirk-

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zu ihr entwickeln, lich keine Meinung? sich für sie einsetzDoch. Der Student_ ten und sich bei Entinnenrat (StuRa) wicklungsprozessen gab 2004 eine offizieinbringen. Ob der elle Stellungnahme Wunsch besteht, heraus. Auf knapp dass hier ein Schaueiner Seite wird dort fenster der Universibeschrieben, dass ein tät in die Stadt und originalgetreuer Aufdie Öffentlichkeit bau nicht befürworDer Paulimob in der Grimmaischen Straße. Foto: Daniel Keck hinein entsteht, wie tet wird. Stattdessen etwa Professor Lux es sich wünscht. Oder ob sie wird die Forderung nach möglichst optimaler lediglich die Ressource Wissen abschöpfen und Funktionalität des Gebäudes gestellt. Ähnlich dann von dannen ziehen. Es geht hierbei letztsieht es Jakob Heuschmidt, StuRa-Geschäftsendlich auch um die Freiheit, die 1989 für uns führer, auch heute noch. »Die wichtigsten errungen wurde und die daraus resultierende Aufgaben der Universität sind Lehre und ForVerantwortung für die Gesellschaft. Demokraschung. Dafür müssen die optimalen Bedintie kann nur dort funktionieren, wo Menschen gungen herrschen«, sagt er und fügt hinzu: sich engagieren. Daher ist es wichtig, dass auch »Wir haben uns energietechnisch mehr erhofft. – oder vielleicht gerade – die Studierenden sich Der Bau ist sehr teuer und energieineffizient« in die Diskussion um den Neubau einbringen. Was die Ästhetik des Neubaus betrifft, findet Dass sie sich mit der Geschichte des Gebäudes er, dass dem Gedenken an die alte Kirche Rechauseinandersetzen und somit zur Gestaltung nung getragen sei. Darüber hinaus »ist der Studer Universität beitragen. »Der Studierende Ra allerdings eher leidenschaftslos bezüglich sollte sich gerade dadurch auszeichnen, dass er des Streits, der herrscht«, sagt Heuschmidt. für die Dinge, die in der Welt geschehen, eine Neugier entwickelt, und dass er politische und Es ist keine Frage: Energieeffizienz ist heutzuhistorische Zusammenhänge herstellen kann«, tage wichtiger denn je. Und dass eine Universifindet Pfarrer Wolff. »Von daher ist doch die tät so gut wie möglich für Lehre und Forschung Frage ›War ich selbst dabei?‹ vollkommen negarantieren sollte, wird niemand bestreiten. bensächlich. Viel bedeutender ist: Welche BeAuch ob die Höhe der Kosten angemessen deutung hatte dieses Gebäude? Warum wurde scheint – gerade wenn sonst bei der Hochschules gesprengt? Was hat sich dort politisch abbildung immer mehr gespart wird – lässt sich gespielt? Und am allerwichtigsten: Was wollen bezweifeln. Doch es geht hier um mehr. Es geht wir eigentlich in Zukunft mit diesem Gebäude um die Frage, ob den Studierenden ihre Univermachen?« sitätsstadt am Herzen liegt. Ob sie einen Bezug

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Die Frage, die uns beschäftigte, blieb: Ist es wirklich so? Gibt es denn keine Studierenden, die sich heutzutage für dieses Gebäude interessieren und sich in die Debatte mit einbringen? Haben wir vielleicht einfach nicht richtig gesucht? Haben wir womöglich die Falschen gefragt? Wir wollten noch nicht aufgeben und haben einen letzten Versuch gestartet, die Stimme der Studierenden doch noch zu finden. Wir wagten uns an ein Experiment, in der Hoffnung, dass Studierende aller Fakultäten nachgedacht haben über die/das Paulin_um_erkirche und sich eine Meinung gebildet haben, wie auch immer diese aussehen mag.

Der »Paulimob« kam, wir waren laut, wir hatten Spaß und am nächsten Morgen lagen wir in gedruckter Form auf 250.000 Leipziger Frühstückstischen. Wir hatten plakatiert, über facebook und per Durchsage auf der Rückfahrt des Demozuges aus Dresden eingeladen. Wenn nicht alle mit Scheuklappen durch ihr Leben rennen, dann müssen mindestens 1500 Studierende vom geplanten »Paulimob« erfahren haben. Anwesend waren um die 25. Paul Glüer, Ulrike La Gro & Lara Mührenberg

Wir luden ein zum »Paulimob«, einem Flashmob mit dem zweiteiligen Ziel, zum einen herauszufinden, ob das Interesse unserer Kommilitonen da sein würde, zum anderen um der Stadt zu zeigen, dass Studierende mit Herzblut an »ihrer« Unikirche hängen. Hierbei sollte es gerade nicht darum gehen, eine subjektive Meinung zu postulieren, als alleingültig darzustellen und diese dann im offenen Krieg gegen Andersdenkende auf dem Campus zu Gehör zu bringen. Jede und jeder sollte die Chance haben, seine eigene, wie auch immer geartete, wie wenig auch immer ausgereifte Haltung zu dem Gebäude auszudrücken. Dies sollte geschehen, indem Menschen mit der Geige, dem Topfdeckel, der Trillerpfeife ihr Innerstes in einen Klang verpackten und gemeinsam mit uns am 11. Mai um 12.58 Uhr in der Grimmaischen Straße vor dem Eingang zum Campus zwei Minuten lang Leipzig betönten.

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filmrezension

Die Thomaner Herz und Mund und Tat und Leben. Ein Familienporträt

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Der Titel der seit Februar in den Leipziger Kinos laufenden Dokumentation lässt Kitsch und Werbung befürchten. Und in der Tat enthält der Film eine satte Dosis von beidem. Kitsch durchzieht die Romantisierung des Internatslebens, die beschworene, liebevolle Brüderlichkeit unter den Thomanern und das nostalgische Gedenken an die Historie des Chores. Eigenlob erklingt ausgiebig von Seiten der Schulleitung der Thomasschule und der Geschäftsführung des Thomanerchores. Weinende Abiturienten, die tief berührt Abschied von Thomanerdasein und Schulzeit nehmen – gleich die Anfangsszene stellt die emotionale Bindung an das Internat und den Chor heraus, wirkt überhöht und in ihrer Rührseligkeit zunächst leider wenig ergreifend. Eine verblüffende Stärke des Films ist es jedoch, dem Zuschauer die Bedeutung des Verlustes der Gemeinschaft durch den Schulabschluss tatsächlich im Laufe der 113 Filmminuten zugänglich und verständlich zu machen. Wenn nach Ablauf eines gerafft dargestellten Jahres schließlich wieder Schulabgänger wei-

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nend Blumen entgegennehmen, erscheint ihre Emotionalität plötzlich überhaupt nicht mehr fragwürdig. Diese ist nachfühlbar geworden und es erscheint nun plausibel, warum es diesen jungen Männern so schwer fällt zu gehen. Ebenso ersichtlich ist zum Ende des Films, warum sie ihre gesamte Schulzeit bereitwillig in einem solchen System von ungewöhnlich starkem Leistungsdruck verbringen. Die oberflächliche Romantisierung ihres eigenen Daseins hat die Schüler selbst nicht ergriffen. Sie leben weder in Kitsch noch in Nostalgie. Aber in Gemeinschaft. Die Thomaner als Familie sind der eigentliche Kern der Dokumentation. Im Grunde ist es also ein Familienporträt, was hier von Paul Smaczny und Günter Atteln geschaffen wurde. Dazu gehört die Familientradition mit den Stammesvätern, unter denen Johann Sebastian Bach eine führende Rolle einnimmt, dazu gehören die älteren Brüder, die – je nach Charakter – den Jüngeren beistehen oder ihnen das Leben erschweren und dazu gehört auch eine Vaterfigur, die streng und liebevoll die Familie führt. Diese Rolle nimmt der Thomaskantor Georg Christoph Biller ein. Seit 20 Jahren leitet er den Chor und scheint unter den wechselnden Chorknaben der Fixpunkt des Systems zu sein, der alles zusammenhält. Nimmt man dieses System als eine sich wandelnde und doch beständige Familie wahr, er-

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filmrezension

Dennoch halte ich die gewählte unkommentierte Form für sehr passend, weil sie dem Geist der Thomaner gerecht wird. Neben langen Musik- und Gesangsstücken (natürlich viel Bach) dominieren die Reflektionen der Jungen über ihr Leben. In den wenigen Momenten, in denen Raum für Kommentare wäre, scheint Stille das einzige angemessene Gegenstück zu dem klangerfüllten Dasein der Thomaner zu sein. Einige finden in diesem Klang sogar eine persönliche Gottesbeziehung. Einer der Schüler erklärt dies damit, dass er, im Gegensatz zum Gebet, beim Singen sofort spürt, dass etwas von Gott zurückfließt. Es ist wohl dieser Fluss an Klang und Energie, der die vielen Thomanerfans so fasziniert und der »die Familie« der Thomaner seit Anbeginn durchströmt. scheint der Abschied am Ende der Schulzeit von ihr nicht mehr rührselig, sondern bitterernst. Es handelt sich also definitiv nicht nur um einen Film, der Empathie fordert, sondern um einen, der sie tatsächlich auch auslöst.

Dass er diesen Strom aufnimmt und einem breiteren Publikum zugänglich macht, ist das bleibende Verdienst des Films. Somit ist er trotz einiger Längen, trotz kitschiger Momente und dem Raum für Eigenwerbung, den er bietet, sehr sehenswert. Anja Enigk

Die Tatsache, dass die Dokumentation ohne einen einzigen Sprecherkommentar und ohne jede äußere Einordnung auskommt, ist dabei nicht wenig problematisch. Zwar entsteht so Raum für eigene Interpretationen des Betrachters, doch bleibt vieles schlichtweg unklar. So liegt es beispielsweise beim Zuschauer, einzuordnen, ob diese jungen Männer während ihrer aktiven Thomanerzeit auf das Leben nach der Schule, nach dem Internat, vorbereitet oder ob sie aufgrund des Verlusts der »Familie« haltlos und verloren in die Welt entlassen werden.

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pro-contra

Vereinte Armee nach Syrien?

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Braucht Syrien militärische Hilfe? Ein Für und Wider

Im Rahmen des sogenannten Arabischen Frühlings kam es auch in der Arabischen Republik Syrien im März zu Demonstrationen, die für mehr politische Freiheit und den Sturz der Regierung von Präsident Baschar al-Assad eintraten. Diese Proteste werden von der Regierung seitdem – zum Teil militärisch – gewaltsam bekämpft. Der UN-Generalsekretär, Ban Ki Moon, verurteilte das gewaltsame Vorgehen gegen friedliche Demonstranten. Bereits im August 2011 rief der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen alle beteiligten Seiten zum sofortigen Ende der Gewalt auf. Die Notwendigkeit einer militärischen Intervention wurde diskutiert. Grundlage für internationale militärische Interventionen ist die internationale Schutzverantwortung (»Responsibility to Protect«). Das Konzept wurde maßgeblich von der »International Commision on Intervention and State Souvereignty« (ICISS) erarbeitet, die der internationalen Staatengemeinschaft eine Präventions-, Schutz- und Wiederaufbauverantwortung zuschreibt. Eine militärische Intervention ist gleichsam nur zulässig, wenn ein gerechter

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Grund dafür vorliegt; eine legitime Autorität, also die UN, darüber entscheiden; die militärische Intervention das letzte Mittel (Ultima Ratio) zur Konfliktbeilegung darstellt; es eine Aussicht auf Erfolg gibt und die Relation der Mittel gewahrt bleibt. (http://responsibilitytoprotect. org/ICISS%20Report.pdf) Allerdings scheiterte eine Resolution an den Vetos von Russland und China im Sicherheitsrat. Seit April 2012 befindet sich (zumindest) eine Beobachtermission geleitet von Kofi Annan (UNSMIS) in Syrien, deren Aufgabe die Überwachung der Waffenruhe ist. Dorothea E. Müller

PRO

Warum Syrien (doch) militärische Hilfe braucht Wer hat Angst vor Kofi Annan? Anscheinend niemand. Denn seit seine UN-Beobachtertruppe in Syrien gelandet ist, haben sich die Gefechte dort nicht in signifikantem Ausmaß verringert. Die Straßenkämpfe toben weiter, Zivilisten kommen grausam ums Leben – schließlich das Massaker von al-Hula. Die UN-Truppe, die eigentlich für die Sicherung der vor einigen Wochen vereinbarten Waffenruhe sorgen

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pro-contra

sollte, darf nicht eingreifen, nein, sie wird gar selbst Ziel von Angriffen. Dass überhaupt einmal eine Waffenruhe vereinbart wurde, scheint fast wieder vergessen. Und Assad fühlt sich kaum eingeschüchtert – er weiß natürlich, dass er die Voten von China und Russland im UNSicherheitsrat immer noch auf seiner Seite hat und dadurch einen Militärschlag nicht fürchten muss. Trotzdem hat sich in den letzten Wochen einiges an der öffentlichen Meinung über einen bewaffneten Angriff auf Syrien zum Schutz der Rebellentruppen geändert. Und das ist auch gut so. Denn länger als ein Jahr nur zu beobachten, wie sich die Syrer verzweifelt gegen ihren machthungrigen Despoten auflehnen und ganz offensichtlich keine schnellen Erfolge damit erzielen, ist schlicht und einfach untragbar. Die Veränderungen verlaufen schleppend – zwar gibt es einige Deserteure in der syrischen Armee, die zu den Rebellen überlaufen, aber deren Zahl ist verschwindend im Vergleich zu denen, die weiterhin für Assad stramm stehen. Denn die syrische Armee besteht zum überwiegenden Teil aus Alewiten, einer schiitischen Strömung, der auch Baschar al-Assad angehört und die untereinander über einen enormen Zusammenhalt verfügt. So ist jede politische Diskussion auch mit der Frage der Religionszugehörigkeit verbunden. Deswegen ist es gut, dass zunächst in Frankreich von Francois Hollande und nun auch in

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Amerika von Außenministerin Hillary Clinton Stimmen laut geworden sind, die zumindest die Möglichkeit einer militärischen Intervention ernsthaft in Betracht ziehen und konkrete Gespräche darüber fordern. Denn es ist schlicht und einfach nicht tragbar, sich diesem Thema zu entziehen, indem man nicht darüber spricht. Die Menschenrechtsverletzungen, die in Syrien an der Tagesordnung sind, werden weiter gehen, wenn alle ringsum nur dabei zuschauen. Nicht nur, dass die arabische Liga und die syrischen Oppositionellen die vereinten Nationen aufgefordert haben, Friedenstruppen nach Syrien zu entsenden – auch ungeachtet dessen haben wir eine rechtliche Grundlage, die es fordert, die Menschenrechte mit allen dazu notwendigen Mitteln zu schützen: Die responsibility to protect, eine Maßgabe des internationalen Völkerrechts zum Schutze des Menschen vor schweren Menschenrechtsverletzungen und Brüchen des humanitären Völkerrechts. Wenn diese in Libyen zur Anwendung gekommen ist, warum sollte dasselbe nicht auch für Syrien gelten? Auch das Argument der unterschiedlichen geografischen und demografischen Ausgangsbedingungen zählt nur bedingt. Es ist sicherlich wahr, dass Homs und Idlib dicht besiedelte Städte sind, allerdings kann man auf die gegebenen Umstände auch entsprechend reagieren. Beispielsweise durch die Einrichtung einer Verbotszone, die tödliche Angriffe sowohl aus der Luft als auch am Boden abwehrt oder durch die Errichtung und Sicherung wahrhafter Schutzzonen für Zivilisten.

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Diplomatie am runden Tisch: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Foto: Brian Watson

Natürlich ist Waffengewalt nur im Notfall anzuwenden. Zunächst einmal muss alles an diplomatischen Bemühungen, Sanktionen und humanitärer Hilfe aufgebracht werden, bevor über einen militärischen Schlag nachgedacht wird. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Reicht es nicht, dass in Syrien systematisch Ärzte und Krankenhäuser angegriffen werden, um die Rebellen unschädlich zu machen? Dass Ärzte bewusst nicht ins Land gelassen werden, um die verwundeten Rebellen zumindest zu versorgen? Dass Flüchtlingslager bombardiert werden – kurz: Dass die humanitäre Hilfe nicht einmal mehr die Chance hat, das ihre zur Verbesserung der Lage zu tun? Nicht zuletzt hängt an der Situation Syriens auch die Sicherheit einer ganzen Region – die Türkei hat bereits angekündigt, dass sie die Flüchtlingsströme aus Syrien nicht länger in dieser Menge aufnehmen kann. Erdogan fordert von der Nato militärische Unterstützung für einen möglichen Angriff auf das Nachbarland. Auch Griechenland ist mit der enormen Flüchtlingswelle überfordert. Und aus dem Libanon wird von ersten Straßengefechten berichtet, die aus Syrien hinüberschwappen. Ohne militärische Hilfe von außen könnte sich der Konflikt weiter ausdehnen und auch die umliegenden Länder in Mitleidenschaft ziehen. Und schließ-

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lich ist der Nahe Osten eine Region, die so verstrickt ist in Konflikte, dass man nicht weiß, an welcher Stelle das Pulverfass als nächstes explodieren könnte. Eine militärische Intervention in Syrien könnte das vielleicht verhindern. Allerdings nur, wenn nachher auch alles daran gesetzt wird, einen stabilen Frieden zu gewährleisten. In jedem Fall ist eine solche Intervention notwendig, wenn die diplomatischen Bemühungen weiterhin nicht fruchten. Leider werden China und Russland in den nächsten Wochen höchstwahrscheinlich nicht von ihren Positionen abrücken und damit eine Entscheidung im UN-Sicherheitsrat blockieren. Sich darüber hinwegzusetzen und beispielsweise mit der Legitimation durch die EU oder die Arabische Liga den Einsatz zu rechtfertigen, muss dabei zweifellos das letzte Mittel bleiben. Aber wenn zwei Länder eigene wirtschaftliche und militärische Strategien verfolgen, die tausenden weiteren Menschen das Leben kosten könnten, dann muss auch diese unangenehme Maßnahme ergriffen werden. Alles andere wäre Verrat an den Menschenrechten. Anna Steinke

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Kon

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CONTRA

Warum die internationale Staatengemeinschaft in Syrien nicht intervenieren sollte oder warum die »Responsibility to Protect« für Syrien (noch) nicht gilt: Eine Flugverbotszone, danach das Bombardement von schwerem Gerät und Nachschub. Schließlich war Gaddafi tot und Tripolis in Rebellenhand. Das war doch einfach in Libyen, oder? (Ja, wenn ein Sieben-Monate-Bombardement vom März bis zum Oktober 2011 als einfach gilt.) Der Fall Syrien ist jedoch mit Libyen nicht vergleichbar. Die Grundfrage für eine Intervention als einen die Souveränität des betroffenen Staates ignorierenden Akt muss immer lauten: Wann ist eine Intervention humanitär, im Sinne von »speziell auf das Wohl der Menschen

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arte

gerichtet«? Damit verbunden ist die seit dem Altertum diskutierte Frage, ob es einen »gerechten Krieg« geben kann. Wer Gewalt und Krieg grundsätzlich als inhuman betrachtet, wird dies verneinen. Dem steht jedoch die Auffassung entgegen, dass die internationale Staatengemeinschaft notfalls (auch militärisch) gegen Gewaltherrscher vorgehen können muss, wenn Appelle bzw. Sanktionen diese nicht davon abhalten, die eigene Bevölkerung zu töten. Eine Intervention scheint also zulässig, wenn es einen gerechten Grund dafür gibt – also schwerste Verletzungen fundamentaler Menschenrechte vorliegen. Bei über 6000 Opfern seit Beginn der Aufstände in Syrien scheint dies der Fall zu sein. Jedoch ist abzuwägen, ob der von der Intervention angerichtete Schaden nicht größer ist als das Leid, das von den Menschenrechtsverletzungen ausgeht. Dies ist in

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Auch ein runder Tisch: Dogs Playing Poker (A Friend in Need). Gemälde von C. M. Coolidge, ca. 1903

denjenigen syrischen Städten zu befürchten, in deren Zentren (also in unmittelbarer Nähe zur Zivilbevölkerung) syrische Streitkräfte gegen die Rebellen vorgehen. Der Krieg findet nämlich nicht in der Peripherie, den ländlichen Gebieten, statt, sondern mitten in den Städten. Die Intervenierenden müssten folglich in den Bodenkampf einsteigen – syrische Panzer und Geschütze zerstören – und dies möglichst ohne zivile Kollateralschäden. Wer aber soll diesen Krieg führen, wenn sich Europa und Amerika zurückhalten und Moskau und Peking ihr Veto im UN-Sicherheitsrat einlegen? Vielleicht unsere arabischen Freunde? Etwa der schiitische Irak, um die syrische Sunni-Mehrheit zu unterstützen? Die Jorda-

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nier sind schwach, die Saudi-Araber weit weg. Die ägyptische Armee ist mit dem eigenen Volk beschäftigt. Dann wäre da noch die Türkei, die der alte osmanische Erzfeind der Araber ist. Die Araber aber würden den humanitären Einmarsch als strategischen Vormarsch im Dienste türkischer Vorherrschaft verstehen. Die Entscheidung über den Eingriff in die Souveränität eines Staates muss von einer legitimen Autorität getroffen werden. Diese ist nach geltendem Völkerrecht der UN-Sicherheitsrat. Im Fall Syrien ist dieser jedoch durch die Vetos der Russischen Föderation und der Volksrepublik China blockiert. Die übrigen Mitglieder dürfen nicht auf eigene Faust handeln – wie beispielsweise die NATO im Kosovo 1999. Zwar

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könnte die UN-Vollversammung eine »Uniting for peace«-Entscheidung treffen, die dem Generalsekretär das Einleiten einer Intervention empfiehlt. Diese Entscheidung jedoch hat die Vollversammlung bis heute nicht getroffen. Ferner gilt das Prinzip der Ultima Ratio: Gewalt darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Dies bedeutet, dass entweder alle politischen und wirtschaftlichen Sanktionsmöglichkeiten ausgeschöpft sein müssen oder die Sanktionen die Bevölkerung stärker treffen als die Machthaber. Mit Blick auf Syrien ist klar, dass noch nicht alle anderen Möglichkeiten erfolglos versucht worden sind. Solange das syrische Regime weiterhin von außen unterstützt wird bzw. unter anderem der Libanon einen Rückzugsort darstellt, der die Wirkung von Wirtschaftssanktionen oder Waffenembargos deutlich einschränkt, solange kann man noch nicht von der Notwendigkeit des Einsatzes von militärischer Gewalt als letztem Mittel sprechen.

Eine Abwägung aller Kriterien spricht folglich eher dagegen, militärisch in Syrien zu intervenieren. In Libyen gab es einen gerechten Grund – die Bedrohung der Bürger Bengasis durch Gaddafi. Dennoch verloren viele Zivilisten ihr Leben. Im weit dichter besiedelten Syrien wäre dies bei einer Militäraktion weitaus folgenschwerer. Fazit: Es ist Bürgerkrieg in Syrien, und niemand will bzw. kann intervenieren. Kann also die internationale Staatengemeinschaft gar nichts tun? Doch: Moskau überreden, Assad fallen zu lassen; den diplomatischen und wirtschaftlichen Druck verschärfen; den zerstrittenen Nationalrat zur Räson rufen, um ihn dann als rechtmäßige Regierung auszurufen zu lassen; etc… Mit anderen Mitteln versuchen, Frieden zu schaffen! Dorothea E. Müller

Außerdem muss durch die Intervention ein dauerhafter Frieden möglich werden. Für eine Intervention muss es folglich erstens die Aussicht auf Erfolg geben. Zweitens muss die Relation der Mittel gewahrt sein. Nur dann dürfte eine Intervention stattfinden. Beides (vor allem aber ersteres) ist in diesem Konfliktgebiet kaum zu erwarten, da es sich mittlerweile um Kämpfe zwischen bestimmten Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppen handelt, die einen möglichen (nachhaltigen) Friedensschluss durch eine Intervention in die Ferne rücken lassen.

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kolumne

Darf mein Pfarrer schwul sein?

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Zur Diskussion in der Sächsischen Landeskirche

Im Januar diesen Jahres beendete eine Arbeitsgruppe der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen ihre Gespräche und Überlegungen über den Umgang mit Homosexuellen. Insbesondere wurde die Frage gestellt, ob homosexuelle Pfarrer_innen mit ihren Lebenspartner_innen gemeinsam im Pfarrhaus leben dürfen oder nicht. Mehr als zehn Jahre nachdem die Bundesrepublik Deutschland homosexuelle Partnerschaften legalisiert hat und Homosexuelle die Möglichkeit haben, in eingetragenen Lebenspartnerschaften zu leben, schafft es nun auch endlich die Sächsische Landeskirche, sich mit den homosexuellen Geistlichen auseinanderzusetzen und muss wohl anerkennen, dass diese nicht in sexueller Askese leben, sondern auch Partner bzw. Partnerinnen haben. Die Arbeitsgruppe der Kirchenleitung kam zu dem Entschluss, dass homosexuelle Pfarrer_ innen mit ihren Partnern_innen gemeinsam im Pfarrhaus leben dürfen. So weit so gut. Allerdings natürlich nicht ohne Einschränkungen. Zum einen müssen sie in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft sein und zum anderen

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muss der Kirchenvorstand einmütig zustimmen. Es gibt viele Argumente, die gegen homosexuelle Geistliche und die Auslebung ihrer Sexualität sprechen. Nur wäre es ja auch blöd gewesen, wenn Gott den Menschen als Mann und Mann bzw. Frau und Frau geschaffen hätte, denn so wäre die menschliche Erfolgsstory etwas schwieriger vonstatten gegangen. Wenn dieses Argument nicht von Erfolg gekrönt ist, wird ganz schnell mit der Bibel gewedelt. Das Alte Testament wird aufgeschlagen und es wird kräftig aus Levitikus zitiert. Natürlich stehen da Dinge, die gegen die Homosexualität sprechen, aber beinah an gleicher Stelle stehen so manche Sachen, die dabei gern übersehen werden. So dürften wir, wenn wir uns heute noch danach richten würden, weder Schwein noch Hase essen, Menschen mit schlechter Haut müssten sieben Tage eingeschlossen werden und Frauen, die ihre Periode haben, wären so eklig, dass alles, was sie berühren, erst einmal gründlich gewaschen werden müsste. Ein gewisser Herr Jesus Christus revidierte diese Gesetze und wäre dieser einem schwulem Pärchen begegnet – so weit will ich mich mal aus dem Fenster lehnen – hätte er gewiss seine segnende Hand über sie gelegt, wie auch über Frauen, Kinder, Kranke und Aus-

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kolumne

sätzige. Schließlich scheint es mir nur schwer vorstellbar, dass Jesus schwule und lesbische Menschen mit Intoleranz gestraft hätte. Traurigerweise wird im Abschlussbericht der Landeskirche auch die Therapierbarkeit von Homosexualität thematisiert. Auch wenn klar ausgedrückt wird, dass Homosexualität keine Krankheit ist, werden allein durch die Thematisierung und die Ausführungen in diesem Abschnitt klar, dass es Menschen gibt, die Homosexuelle auch noch im 21. Jahrhundert als kranke Menschen, die geheilt werden können, betrachten. Die gleichen Menschen haben wahrscheinlich am Strand auch Angst, zu weit hinaus zu schwimmen, da sie ja ans Ende der Welt gelangen und von der Erdscheibe fallen könnten. Ihnen sei jedenfalls gesagt: Für eine Therapie ist es vonnöten, dass ein Mensch etwas besitzt, was therapiert werden kann. Da homosexuelle Menschen physisch und psychisch völlig gesund sind, braucht sich die Frage nach der Heilung gar nicht erst zu stellen – oder ist eine Person bekannt, die sich von ihrem Arzt hat schwul schreiben lassen? Erst wenn Homosexuelle gedrängt werden, ihre Homosexualität zu verheimlichen oder gar zu unterdrücken, entstehen psychische Erkrankungen, die unter Umständen zu verheerenden familiären Krisen bis hin zur Selbstzerstörung führen können. Doch daran sind gewiss nicht ihre sexuellen Vorlieben schuld. Die sexuelle Orientierung ist ein fester Bestandteil der Persönlichkeit eines Menschen. Wenn sie unterdrückt wird, nimmt der ganze Mensch davon Schaden und zuletzt auch seine Freunde, seine Gemeinde, seine Kirche.

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Von den Kanzeln der Welt wird Toleranz gepredigt und sich für die Gleichberechtigung aller Menschen eingesetzt. Warum ist da schwul sein bzw. lesbisch sein ein so großes Problem? Die evangelisch-lutherische Kirche macht nun in Sachen Toleranz und Gleichberechtigung Homosexueller, trotz aller Einschränkungen, einen klaren Schritt nach vorn. Vielleicht schafft sie ja auch noch den Sprung. Richard Ringeis An dieser Stelle weist die Redaktion darauf hin, dass die Meinung des Verfassers – wie bei allen anderen Artikeln auch – nicht der Meinung der gesamten Redaktion entspricht. Auch steht die Kolumne in keinem Zusammenhang mit der Studentendisputation zum Thema an der Theologischen Fakultät Leipzig. Außerdem wird auf das Editorial verwiesen und ausdrücklich um Rückmeldungen konstruktiven Charakters gebeten. (Gerne auch per E-Mail: thema.leipzig@gmail.com) Kolumne: eine spezielle Form der Glosse; »ein Meinungsartikel eines einzelnen, [ …] Publizisten. Die Zeitungen und Zeitschriften machen meist durch einen Hinweis deutlich, dass sie sich mit dem Inhalt der Kolumne nicht identifizieren, sondern dem Autor gleichsam nur den Raum für seine Veröffentlichung zur Verfügung stellen. Glosse: »Ein Sammelbegriff für besonders kurze Meinungsartikel mit einer sehr spitzen Argumentation. In einer Glosse können aktuelle Themen jeder Art behandelt werden, sie werden allerdings aus sehr subjektiver Sicht gesehen.« Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Journalistische_Darstellungsform

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zwischenruf

Tolle lege?, oder: Lies!

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Zur Koranverteilung in Leipzig – Chance oder Provokation?

DER EDLE – QUR`AN, so heißt es auf dem mit goldenen Ornamenten verzierten Einband einer derzeit vielbesprochenen Ausgabe des Korans. Dabei handelt es sich um eines von 25 Millionen Exemplaren, die es laut den Salafisten im deutschsprachigen Raum zu verteilen gilt. Nicht nur aufgrund der problematischen Übersetzung löst die Verteilung auch bei vielen Muslimen Unbehagen aus. Noch kritischer werden es wohl einige sehen, dass ihre Heilige Schrift derart verscherbelt wird und in vielen deutschen Haushalten, wenn überhaupt, als bloßer Schmuck oder Vorzeigeobjekt im Bücherregal landet. Die Leipziger muslimische Al-Rahman-Gemeinde ist jedenfalls salafistisch geprägt und daher wird sie natürlich jedem Interessierten ein Exemplar aushändigen – entweder in der Gemeinde selbst oder aber einmal wöchentlich an einem zentral gelegenen Stand der Gemeinde (derzeit Augustusplatz). Sogar im Fachschaftratsraum der Theologischen Fakultät Leipzig kann man ein Exemplar des Korans

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finden, das von Iman Scheich Hassan Dabbagh anlässlich eines Koranübergabegespräches persönlich gestiftet wurde. Dabei ist es für Theologiestudierende durchaus empfehlenswert, der muslimischen Gemeinde mal einen Besuch abzustatten. Denn obwohl er beschäftigt ist und von den Medien gerade sehr in Anspruch genommen wird, nimmt sich Iman Scheich Hassan Dabbagh, der sogenannte Imam von Sachsen, Zeit für ein Gespräch. Nach eigenen Angaben verteilt die muslimische Gemeinde in Leipzig den Koran bereits seit vielen Jahren und nicht erst seit der salafistischen Aktion »Lies!«, die alle deutschen Haushalte mit dem Koran ausstatten möchte. Dabei braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass solche Aktionen in unseren Breiten nicht unkommentiert oder gar kritiklos bleiben können. Und das ist auch gut so. Aber bedauernswerter Weise wird diesem Thema nicht nur in den Boulevardmedien, sondern auch auf höchster politischer Ebene verantwortungslos begegnet. Beispielsweise heißt es in einer oft zitierten Formulierung des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm: »Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber jeder dem Verfassungsschutz bekannte

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zwischenruf

Terrorist war einmal in salafistischen Kreisen unterwegs.« Doch für den Abbau von Spannungen sind solche die Debatte verflachende Äußerungen kaum hilfreich. Stattdessen wird in diesem Zusammenhang vieles schnell vermischt und pauschalisiert. Oftmals wird dabei auch die Integrationsdebatte unreflektiert zu einer Frage der religiösen und kulturellen Identität stilisiert. Dabei sollte die Frage doch sein: Wie sind Schlichtung und Dialog sinnvoll zu bewerkstelligen? Aber darf man denn auch ignorieren, wer hier die Botschafter des Korans, vielmehr, wer die Boten bei dem Projekt »Lies!« sind? Wohl kaum – selbstverständlich ist es eine berechtigte Frage, wer hier das Paket ausliefert. Aber prüfen wir denn sonst auch so kleinlich, wer uns unsere Inhalte vermittelt, wer die Vorauswahl trifft? Haben wir immer nachvollzogen, wer uns Informationsgehalte und die Angebote aus den Medien und Unterhaltungsindustrie liefert? Haben wir wirklich verstanden, welche Auswirkungen diese fehlende Prüfung auf unsere Urteilsbildung hat? Warum wird dann gerade die Koranübergabe so kritisch gesehen? Liegt es vielleicht an der Angst machenden Andersartigkeit des Islam? Oder macht – in

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einer säkularisierten Gesellschaft – das Phänomen Religion generell Angst? Vielleicht ist es uns besonders wichtig, dass die Vermittler religiöser Inhalte eine besonders weiße Weste haben. Das führt uns zu der Hauptkritik, die gegen die Koranverteilungen vorgebracht wird: Es gehe den Salafisten gar nicht um den Koran oder um ein religiöses Anliegen, sondern um massive Propaganda im großen Stil. Und tatsächlich ist die salafistische Bewegung um das Projekt »Lies!« ein offensiver Missionsverein, die sogar vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Immerhin sind die Salafisten auch im sächsischen »Handbuch zum Extremismus und sicherheitsgefährdenden Bestrebungen« gelistet und werden dort in einem Atemzug mit NPD und Deutsche VU genannt. Ein weiteres häufig angeführtes Argument gegen die Koranverteilung ist, dass es wohl nicht möglich sei, Bibeln im arabischen Raum, wie zum Beispiel im Iran, zu verteilen. Doch welch ein Trugschluss ist es, deren Maßstäbe auf unsere sozialen und freiheitlichen Errungenschaften anzuwenden. Die Toleranz, die wir hier einfordern, darf nicht über Bord geworfen werden, nur weil man sich nicht überall in der Welt daran halten kann. Wer Religionsfreiheit fordert, muss sie zuerst gewährleisten.

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zwischenruf

Sicherlich sind die Salafisten an einem kritischen Umgang mit dem Koran und verschiedenen Deutungen nicht interessiert. Sicherlich ist das Ziel der Aktion »Lies!« auch nicht, eine weitere Auslegungstradition anzubieten, sondern die Missionierung voranzutreiben. Wer etwas anderes denkt, macht sich etwas vor. Das Ziel der Konversion schwingt in den Gesprächen mit, die bei der Koranübergabe geführt werden. Dennoch – der mündige Mensch wird dazu in der Lage sein, solche Gespräche zu führen, er begrüßt sie sogar. Dass die Salafisten ihre Ressourcen für eine umfassende Koranverteilung einsetzen, kann auch als Offerte zu einem Dialog begriffen werden. Solche Gesprächsangebote, wie sie beispielsweise von Imam Dabbagh unterbreitet werden, können durchaus genutzt werden. Zu allen Zeiten haben gerade kontroverse theologische Debatten um die Auslegungen von Heiligen Schriften und die Überprüfung letzter Autoritäten zu erkenntnistheoretischen Bereicherungen geführt und Gesellschaft und Mensch weiterentwickelt. Wenn also seit Sophokles gilt: »Tötet nicht den Boten!«, so sollte auch hier im Umkehrschluss das Augenmerk auf den Inhalt der Nachricht gelegt werden. Die Koraninflation seit der Aktion »Lies!« brauchen wir Menschen des Abendlandes und als Theologiestudierende erst recht nicht als Angriff auf uns zu beziehen, sondern wir be-

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grüßen sie als Bereicherung für einen Diskurs, der auch für unsere Theologie sehr befruchtend sein kann. Überprüft werden sollten dennoch vor allem die eigene Lesart und welche Erkenntnisquellen und Voreinstellungen wir heranziehen, um uns den teilweise sehr fremden Inhalten des Korans zu nähern. Daher: Der Koran kommt für uns eben nicht mit einem Tolle lege! einher, einem Gottesbefehl, der für Augustinus als das rettende Zeichen von »Außen« her galt und ihn aus seiner psychischen und intellektuellen Krise half. Stattdessen haben wir es mit einem allzu menschengemachten Projekt »Lies!« zu tun. Hier gilt: Die Botschaft macht auch der Empfänger, nicht nur der Bote. Daniel Walther Salafisten: Laut Verfassungsschutz ist Salafismus derzeit die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Dabei wird in Deutschland zwischen einer politischen, gewaltfreien Strömung und dschihadistischen, militanten Anhängern unterschieden. Erstere wollen ihre Ziele v.a. durch Missionierung, letztere durch einen gewaltsamen Dschihad verwirklichen. Salafisten fordern die Rückkehr zum »wahren Glauben« der ersten drei Generationen des Islam, den sogenannten rechtschaffenen Altvorderen (Arabisch: al-Salaf al-Salih). In ihrem Gottesstaat soll nur das Recht des Korans und der Prophetentradition Sunna zählen (Scharia). Nach

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Schätzungen gibt es zwischen 3000 und 5000 Salafisten in Deutschland – gemessen an den vier Millionen hier lebenden Muslimen ist das wenig. (Quelle: »Die ZEIT« vom 24. Mai und 6. Juni 2012) Al-Rahman Moschee Leipzig: Wo? – Roscherstr. 31 und 33a, 04105 Leipzig. Tag der offenen Tür: Wann? – am 3. Oktober von 13.30 bis 19.00 (Es finden Führungen durch die Moschee und Gespräche mit dem Imam und Mitgliedern der Gemeinde statt.) Außerdem besteht die Möglichkeit zum Besuch der Freitagspredigten in arabischer und deutscher Sprache. Zum Weiterlesen: »Sie [die Salafisten, Anm. d. Red.] selbst suchen sich willkürlich Zitate aus dem Koran, die gerade in ihre Argumentation passen. Das macht eine ernsthafte Diskussion unmöglich. Abgesehen davon, fehlt vielen von ihnen in Deutschland grundlegendes theologisches Wissen. Da würde jeder Erstsemestertheologe sagen: Was für ein Unsinn. Dieser Abu Nagie übrigens, der vor wenigen Wochen die Koranverteilungsaktion in deutschen Städten angestoßen hat, rezitiert in vielen seiner Werbevideos den Koran grammatikalisch falsch. […] Gott hat den Menschen aus seiner bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit heraus erschaffen. […] Man wollte etwas Greifbares wissen: Was ist erlaubt, was ist verboten? Wir verlieren

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uns dabei in der Frage, was man darf und nicht darf. Diese Vorschriften sind zwar wichtig, jedoch nicht das Ziel. Das eigentliche Ziel ist die aufrichtige Liebe zu Gott, die sich in der Liebe zu und in der Achtung gegenüber den Mitmenschen ausdrückt. […] Deshalb spreche ich lieber von einer Theologie der Barmherzigkeit. Wenn man den Koran mit dieser Brille liest, kann sich jeder Muslim damit identifizieren. […] Ich hoffe, dass jetzt [in der gesellschaftlichen Debatte, Anm. d. Red.] eine neue Phase beginnt, in der es nicht mehr heißt: Was wollen die Muslime hier, warum wollen sie dieses und jenes? Sondern: Sie sind da, wie können sie diese Gesellschaft bereichern?« (Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, in einem Interview mit der ZEIT vom 24. Mai 2012 über den Umgang mit Salafisten.) Das gesamte Interview ist zu finden unter: http://www.zeit.de/2012/22/C-Interview-Salafisten Auch lesenswert ist ein Gespräch, das die ZEIT mit einer muslimischen, liberalen Islamkundelehrerin (35 Jahre alt) und einem gemäßigten Salafisten (Student, Anfang 20) in ihrer Ausgabe vom 6. Juni 2012 druckte: http://www.zeit. de/2012/24/Interview-Salafisten Weitere Links zum Thema: www.verfassungsschutzsachsen.de/download/ Extremismus-Handbuch_2009.pdf www.alrahman-moschee.de www.tagesschau.de/inland/salafisten106.html

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gemeinde

Verkündigung mit Anforderungen

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Meine Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung

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Einen Stein ins Wasser zu schmeißen macht Spaß. Es spritzt ringsum, die Leute, die daneben stehen, erschrecken sich. Wenn man Glück hat, werden sie sogar ein bisschen nass. Aber der schwere Stein, der ins Wasser fällt, hat auch etwas mit Theologie zu tun – sogar mit einem zentralen Thema: mit der Vergebung unserer Schuld. Der Stein ist das, was uns belastet; das Wasser ist Gottes Kraft der Vergebung. Dann noch das Schild »Angeln verboten« daneben stellen und es wird vielleicht klar: Gott nimmt die schwere Last der Schuld von uns und wirft sie ins tiefste Wasser und fragt auch nicht mehr danach. Für uns ist das ein schönes Bild. Es verdeutlicht, was wir Vergebung der Sünden nennen. In einer Bibelarbeit oder Andacht für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist es enorm wichtig, solche Bilder zu benutzen. Sie ersetzen gleichsam alle Wörter, die man noch dazu sagen kann. Dass man dann einen Stein in der Hand hat und selber schmeißen darf, gehört selbstverständlich dazu. Ich berichte hier nun ein wenig von meinen Erfahrungen, die ich im Zivildienst und danach in einem Bibelkreis für Menschen mit Behinderung gemacht habe. Ich war im Landesjugendpfarramt angestellt, in

dem Arbeitszweig, der speziell Jugendarbeit für behinderte Menschen organisiert. Und ich habe in den letzten vier Jahren immer wieder Bibelarbeiten für diese Menschen gehalten und viele gute miterlebt. Aber es sind natürlich nur meine Erfahrungen und keine offiziellen Richtlinien. Es ist ja immer eine Frage für uns Theologen, wie man Inhalte so formuliert, dass sie jedermann verständlich werden. Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung gibt es aber darüber hinaus spezielle Anforderungen an die Verkündigung. Viele von ihnen, die ich kenne, wollen lieber die biblischen Geschichten miterleben und nachspielen, anstatt sie nur zu hören. Und sie sind große Fans von etwas Action in der Bibelarbeit. Ein Polizist in echter Uniform, der im Anspiel einen Dieb festnimmt, zeigt die Frage nach Schuld und Schuldigwerden und erzählt sie nicht nur als Beispiel. Eine zertretene Holzklotzmauer zeigt die Befreiung von unseren Sorgen und verkündigt sie nicht nur. Eine Feder zeigt die Leichtigkeit unserer von Schuld befreiten Persönlichkeit. Eine Umarmung in der nachgespielten »Geschichte vom verlorenen Sohn« zeigt die Annahme durch Gott. Das alles ist natürlich auch für Menschen ohne Behinderung gut zu gebrauchen, aber die Notwendigkeit einer lebendigen Verkündigung mit Zeichenhandlung nötigt ein wenig zur Kreativität. Und gerade dann, wenn man einfache Beispiele finden und etwas Erlebnistheolo-


gemeinde

gie treiben muss, merkt man, was man schon durchdrungen hat und was theologisch nochmal vertieft werden könnte. Das Gleiche gilt für die einfache Sprache, die man anwenden sollte. Es gibt bereits Netzwerke und Leitfäden, die sich dafür einsetzen, eine Sprache für Menschen mit geistiger Behinderung zu etablieren. Viele von uns Theologen haben ja ein Faible fürs Sprechen oder Formulieren, besonders fürs umständliche. Bei der einfachen Sprache ist dagegen zweierlei besonders wichtig: kurze, einfache Sätze und keine Fremdwörter. Ersteres ist noch ganz gut erlernbar und lange Sätze zu zerteilen, vor allem bei vorher formulierten Texten, ist relativ einfach. Aber die Fremd- und Fachwörter, gerade die oft benutzten, zu erklären oder zu übersetzen, fällt manchmal erstaunlich schwer. Oder die christlichen Grundbegriffe: Wenn über Segen oder Gnade geredet wird, wie erklärt man, was dahinter steht? Bei dem Wort »Segen« habe ich gemerkt, dass es ganz gut ist, das mit einer Art Kraftübertragung, wie beim Fahrrad oder beim Motor, zu erklären. Gott tritt in die Pedale und wir werden durch seine Kraft wie ein Fahrradrad angetrieben. Dabei will die einfache verständliche Sprache aber keine Kindersprache sein und eine einfache Gleichsetzung von Menschen mit geistiger Behinderung und Kindern ist auch nicht angemessen. Trotzdem kann eine Bibelarbeit für Menschen mit Behinderung ebenso Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ohne Behinderung etwas mitgeben. Und auch wir Theologen haben etwas gewonnen, wenn wir Gnade in einfachen Worten beschreiben oder theologische Zusammenhänge in einer Art Zeichenhandlung verdeutlichen können. Was ich

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auch als sehr sinnvoll erfahren habe, sind kleine Geschenke am Ende einer Bibelarbeit, die einen theologischen Aspekt nochmal verdeutlichen – beim Thema Sündenvergebung z.B. ein Stück Seife, das zeigt: Wir werden von unseren Sünden reingewaschen durch Gott. Auch bei Menschen mit einer Körperbehinderung gibt es einiges zu beachten. Spiele und Aktionssachen, die man in seine Verkündigung vielleicht einbauen will, sollten inklusiv sein, also niemanden von vornherein ausschließen, der vielleicht schlechter sieht oder nicht so schnell laufen kann. Außerdem findet das Leben vieler Menschen mit Behinderung auch heute noch in einer Art Parallelgesellschaft statt, zu der eigene Schulen, eigene Arbeitsstätten und eigene Wohnungen gehören. Es gibt also spezifische Themen, die man in seiner Verkündigung ansprechen kann. Meiner Erfahrung nach gibt es oft Probleme mit den Krankenkassen, die beispielsweise neue Rollstühle nicht bewilligen oder mit den Assistenten im Wohnheim, die zu wenig Zeit haben. Ich versuche dann immer, diese Dinge aufzunehmen, aber nicht in das Klagen miteinzustimmen, sondern die Perspektive der Liebe aufzuzeigen, die auch gegenüber den Mitarbeitern in Ämtern und Behörden gilt. Zuletzt gehören auch diakonische Aufgaben zur Verkündigung, wie Essen reichen oder beim Jacke aus- und anziehen helfen. Gerade diese Verbindung von Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen der Menschen, personenbezogener Verkündigung und praktischer gegenseitiger Hilfe ist das, was wir lernen können im geistlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung. Thomas Jäger

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rätsel

Rätsel: Teekesselchen

J

sieben In der einen steht man, vor der anderen erstarrt man. acht Die Maßeinheit, die schon in der Genesis vorkommt.

Je ein Wort muss für zwei Bedeutungen herhalten. Um sich den Sinn zu erschließen, muss man auch schon mal um die Ecke denken. Nicht immer ist Groß- und Kleinschreibung identisch. Paul Glüer Beispiel: Wo der Mensch ruht und das Geld arbeitet. Lösung: Bank (Sitzbank bzw. Geldinstitut)

neun Zum Lesen. Und zum Nachladen. zehn In der EM geht’s nur mit, in der EU auch ohne. elf Was dem einen die Kopflast, ist dem anderen das Lager. zwölf Lässt Pianisten (fast) abheben. Auflösung auf Seite fünfundfünfzig

eins Die Sau wurde geschlachtet. Da guckte der Pirat! zwei Der Pfirsich muss es, das Auto hat es. drei Der Partner ist, was der Gnädige tut. vier Macht man sich drauf, ist man es dann mal. fünf Der Fiedler spielt drauf. Der Raucher braucht es. sechs Die Tinte fürchtet es. Doch der Mensch ebenso.

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Foto: Brian Lary

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fakultät

Vom wandernden Gottesvolk

oder: Vom Umzug unserer Fakultät

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Die Gerüchte gehen in der Fakultät herum: Wir ziehen um? Wann? Wohin? Ans Ende der Stadt? In die Seuchenbehörde? Und unsere Bibliothek? Lange hat unser Dekan Professor Klaus Fitschen mit rätselhaften Äußerungen den studentischen angelus quaestio verwirrt. Doch jetzt deckt Fitschens angelus interpres seine verworrenen und tiefgründigen Antworten auf! Die wichtigste Frage zu Beginn: Wieso müssen wir umziehen?

Wieso müssen wir in ein Zwischenquartier umziehen und wo liegt dieses? Dekan: Der vornehme Begriff dafür ist Interim. Zwischen Ägypten (Fleischtöpfe!) und dem Gelobten Land liegt eben ein Stück Wüste. Immerhin sind es keine 40 Jahre (auch Mose hätte das schneller schaffen können, aber Männer fragen nicht nach dem Weg). Wo das ist? Immer diese W-Fragen! Wo, wann, wie, warum? Angelus interpres: Es ist geplant, uns in einem landeseigenen Gebäude unterzubringen, welches in der Nähe der Bibliotheca Albertina liegt. Dieses Gebäude wird zur Zeit für uns umgebaut. Daher werden wir zwischenzeitlich in den »Lichtbogen« ziehen, wo wir das wahre Licht schauen können. Wann ziehen wir dahin?

Dekan: Weil wir das wandernde Gottesvolk sind und das peregrinatio-Motiv in uns neu Gestalt gewinnen muss. Schon Abraham zog um, ebenso das Volk Israel. Jesus zog auch dauernd (her)um.

Dekan: Rätselhaft ist unser Dasein, düster ist die Nacht und finster das Morgen des neuen Tages. Es wird sein und es wird nicht sein, bis das Wann sich wandelt in das Dann.

Angelus interpres: Was uns hier mitgeteilt werden soll, ist, dass der Mietvertrag für unsere jetzige Residenz zum Jahresende ausläuft und auch nicht mehr verlängert werden kann.

Angelus interpres: Der Umzug wird in der vorlesungsfreien Zeit, wahrscheinlich in der ersten Septemberwoche, erfolgen. Zur Zeit wird das Gebäude noch für uns umgebaut.

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fakultät

Die Fleischtöpfe in Ägypten – Zwischenquartier in der Harkortstraße. Foto: Tabea Senkel

Wann werden wir in das endgültige Gebäude umziehen? Dekan: Für gewöhnlich achtet man nicht auf Zeichen am Himmel, quäkende Posaunen und solchen Kokolores, um das rauszukriegen. Man achtet auf das, was man nicht sehen und nicht hören kann, dessen man nur teilhaftig werden kann, wenn man dem ungeschaffenen Licht Raum gibt in der Seelen Tiefe. Angelus interpres: Wir werden voraussichtlich 2015 in das endgültige Gebäude umziehen. Dieses befindet sich in der Beethovenstraße 25. Hier ist zur Zeit noch das Institut für Technische Chemie untergebracht. Und: Ja, es stimmt, bis vor Kurzem residierte hier noch die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen. Wie sind die Räumlichkeiten dort beschaffen? Dekan: Die Räume haben eine gewisse Größe. Über die Gestaltung stehen wir mit namhaften Künstlerinnen und Künstlern in Verhandlungen. Noch fehlt dem Fakultätsrat die rauschhafte Eingebung.

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Angelus interpres: Bei dem neuen Gebäude handelt es sich um einen Neubau, wobei die Büroräume durch Trennwände an eine gewisse DIN-Norm angepasst werden. Es werden aber ausreichend Seminarräume und ein Hörsaal zur Verfügung stehen. Wann zieht die Bibliothek um? Dekan: Dann. Angelus interpres: Der Umzug wird ebenfalls in der vorlesungsfreien Zeit stattfinden, am 17. August öffnet die Bibliothek das letzte Mal. Laut Bibliotheksleiterin Frau Behm wird der Umzug etwa eine Woche in Anspruch nehmen. Was für Ausweichmöglichkeiten gibt es für Studierende, die die Bibliothek nutzen wollen? Dekan: Pilot, Lucca-Bar, Telegraph, Koslik, Anton Hannes, Kowalski. Angelus interpres: Examinanten können sich ab dem 15. August für diese Woche, in der die Bibliothek geschlossen ist, Präsenzliteratur ausleihen. Nach dem Umzug findet man dann

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fakultät

Das gelobte Land – Unser Enddomizil in der Beethovenstraße. Foto: Tabea Senkel

alles von Adam bis Zink im 1. Obergeschoss der Hauptbibliothek in der Beethovenstraße wieder. Hier werden bereits für uns die Rechtswissenschaften umgeräumt. Wie können die Studierenden beim Umzug helfen? Dekan: Billige Methode, an einen Kasten Bier zu kommen – abgelehnt. Angelus interpres: Damit der Umzug nicht Jahre dauert, ist eventuell die Hilfe von Studenten beim Einpacken von Büros und Sekretariaten gefragt. Wer helfen möchte wende sich dazu an die Sekretariate. Was für weitere Änderungen stehen uns bevor? Dekan: Säkularisierung, Individualisierung und Pluralisierung werden zusammen mit dem allgemeinen Sittenverfall dazu führen, dass die Herzen erkalten und die Menschen im Schaufenster nicht mehr die nackte Puppe, sondern nur noch sich selber sehen. Margot Käßmann erklärt uns Christinnen und Christen in ihrem 387. Buch, was Reformation ist und wie wir empfindsam in all unserer Verletzlichkeit damit umgehen können. Angelus interpres: Die Hauptveränderung liegt im Umzug der Bibliothek, daher sollte man sich schon frühzeitig über die Örtlichkeiten in der Albertina informieren.

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Die Rätsel in den Antworten des Dekans der theologischen Fakultät sind gelöst. Die einundzwanzigbändige Gesamtausgabe der gesammelten Interpretationen und Kommentare kann geschlossen werden. Dem Umzug steht nichts mehr im Wege. Die Fragen stellte Tabea Senkel. Ein herzlicher Dank an die Bibliotheksleiterin Frau Brigitte Behm und den Dekan Prof. Klaus Fitschen.

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interview

»Ich wollte Waldhorn studieren«

I

Rüdiger Lux ist seit 1995 Professor am Institut für Altes Testament in Leipzig. Das laufende Sommersemester ist sein letztes vor der Emeritierung. Aus diesem Anlass sprach die themaRedaktion mit dem 65-Jährigen über seinen Lebensweg. thema: Was war besonders, wenn man wie Sie in der DDR Theologie studierte? Prof. Dr. Rüdiger Lux: Man hat natürlich sehr schnell gemerkt, dass man als Theologiestudent und auch als Fakultät eine Sonderstellung an den Universitäten hatte. Die Theologiestudenten haben nicht in eine marxistisch-leninistische Hochschulpolitik gepasst. Das hat sich immer gerieben und die Universitäten waren auch mit den Theologiestudenten nie so richtig glücklich. Wenn zum Beispiel an den anderen Fakultäten zu den Wahlen der Volkskammer oder zu den Kommunalwahlen eine Wahlbeteiligung von 98 oder 99 Prozent vorlag, die natürlich die Blockparteien unter der Führung der SED wählten, und die Theologiestudenten, wenn’s hoch kam, auf eine Wahlbeteiligung von 60 Prozent kamen und die anderen einfach

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Ein Gespräch mit Prof. Dr. Rüdiger Lux die Wahl verweigerten, hat das den Universitäten immer das Ergebnis verhagelt. Das war für uns Studenten gar nicht so dramatisch. Ich denke aber manchmal an die armen Professoren und vor allem an die damaligen Dekane, die sich für dieses politisch »skandalöse« Verhalten der Theologiestudenten vor der Leitung der Universität zu verantworten hatten. Außerdem verweigerte natürlich die Mehrzahl der Theologiestudenten den Wehrdienst und diese Studenten machten dann auch in den Militärlagern der Universitäten beim Handgranatenwurf und Ähnlichem nicht mit. Es gab immer Reibungsflächen und insofern war das keine ganz normale Existenz. Zogen diese Reibungsflächen Konsequenzen nach sich? Hin und wieder. Allerdings war eine Wahlverweigerung bei Theologiestudenten als solche noch kein Grund zur Exmatrikulation. Ebenso eine Wehrdienstverweigerung noch nicht. Also ich habe zum Beispiel den Wehrdienst komplett verweigert, auch den Ersatzdienst, weil das meiner Meinung nach kein richtiger Ersatzdienst war, weil die so genannten Bausoldaten ja auch in die NVA eingezogen wurden und dort ihren Dienst leisten mussten. Für mich hat das keine Konsequenzen gehabt, weil ich juristisch

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interview

gut beraten war von einem Kirchenjuristen. Andere sind dafür anderthalb Jahre ins Gefängnis gegangen. Die Sprengung der Leipziger Universitätskirche im Jahr 1968 fällt auch in Ihre Studienzeit. Welches Signal ging dabei an Sie aus? Ich habe zu der Zeit in Halle studiert und die Sprengung hat zwar in der ganzen DDR Kreise gezogen, aber das ist von uns nicht in dieser Dramatik wahrgenommen wurden, die sie für Leipzig hatte. Es ist ja auch nicht nur die Paulinerkirche gesprengt worden, sondern auch andere Kirchen, die noch hätten restauriert werden können. Das für Leipzig Einmalige war, dass diese Kirche noch vollkommen intakt und durchgängig in Benutzung war. Mehr noch hat uns dann im Jahr ’68 der Einmarsch der Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR zur Niederschlagung des Prager Frühlings umgetrieben. Und ein für uns noch schwerer wiegender kirchenpolitischer Einschnitt als die Sprengung der Universitätskirche in Leipzig war 1976 die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz. Das hat uns wirklich aufgewühlt und wir haben auch versucht, gegen die öffentliche Diffamierung von Oskar Brüsewitz zu protestieren. Da ist uns deutlich geworden, bei allem Verständnis für die Kirchenpolitik der Kirchenleitungen in der DDR, dass bei dem Bemühen, sich irgendwie mit dem Staat zu arrangieren, um die Arbeitsmöglichkeiten der Kirche zu erhalten, eine Neujustierung notwendig war. Die Grenzen zwischen Staat und Kirche, zwischen

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Kooperation und Distanz, hätten anders gezogen werden müssen. Welche Neujustierungen wären Ihrer Meinung nach nötig gewesen? Wir haben manches Mal den Eindruck gehabt, dass von kirchenleitender Seite her dem Staat gegenüber nicht deutlich genug gemacht worden ist, wo die Grenzen der Einflussnahme in die persönlichen Rechte der Bürger dieses Landes lagen – unabhängig davon, ob sie zur Kirche gehörten oder nicht. Die Kirche hätte meiner Meinung nach spätestens nach diesen Ereignissen um Brüsewitz die Menschenrechtsfrage viel, viel stärker in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen und anmahnen müssen. Das hat sie zu zögerlich getan. Wenn man sich zum Beispiel an einen »Vertreter für Kirchenfragen« gewandt hat oder zu ihm bestellt wurde, bekam man auf Kritik hin häufig die Antwort zu hören: »Eins machen wir Ihnen deutlich, Herr Pfarrer: Die Machtfrage ist in diesem Staat ein für alle Mal gelöst und die Macht werden wir nie wieder aus den Händen geben. Da, wo die Machtfrage gestellt wird, hört für uns der Spaß auf.« In dieser Situation habe ich mit dem ersten Gebot geantwortet und habe gesagt: »Für mich ist die Machtfrage auch gelöst. Aber nicht durch eine Partei, sondern durch meinen Glauben: Es wird regiert.« Weil der Glaube an den einen Gott alle anderen sich absolut setzenden menschlichen Mächte relativiert. Und dieses kritische Unterscheidungsmoment hätte die Kirche viel stärker ins Spiel bringen müssen.

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interview

Welche Möglichkeiten boten sich Ihnen in den Jahren als Pfarrer in Cottbus, das Pfarramt zu gestalten? Ein Pfarramt, damals in der DDR, war überschaubarer als ein Pfarramt es heute ist. Die Rollenvielfalt, der ein Pfarrer heute in seiner Gemeinde und in der Kirche insgesamt entsprechen muss, ist meiner Meinung nach erheblich gewachsen. Außerdem ist die bürokratische Belastung dieses Amtes in unvergleichlicher Weise gestiegen. Wir mussten sehr viel mehr auch selbst praktisch Hand anlegen. Alles, was die bauliche Erhaltung der Gebäude anbelangte, war sehr viel komplizierter und schwieriger als es heute ist. Aber damals war man bürokratisch viel weniger eingeengt. Was heute für Anträge geschrieben und Studien erstellt werden müssen, um ein Kirchendach neu einzudecken, ist unvorstellbar. Als unser Kirchendach Ende der 70er löchriger und löchriger wurde und uns Geld und Material fehlten, kamen im Westen die Taschenrechner auf. Und die DDR-Handwerker waren ganz scharf auf die Taschenrechner und zahlten dafür 1000 bis 1500 Ostmark. Da ließen wir uns von unserer Patengemeinde drei oder vier solcher Taschenrechner kommen und dann brachten die uns noch 500 Westmark mit, und für drei Taschenrechner und 500 Westmark haben wir das ganze Kirchendach decken lassen. So funktionierte das eben damals. Da war also kreativer Umgang mit der Situation gefragt.

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Ja, man musste improvisieren lernen. Wenn gebaut wurde und der Sand ging aus, schickte mich irgendein Maurer los: »Herr Pfarrer, stellen Sie sich an die Straße, da kommen alle 20 Minuten Sandlaster aus der Kiesgrube vorbei und dann müssen Sie einen anhalten, dem Fahrer 50 Mark in die Hand drücken und sagen: ›Fahren Sie die Fuhre mal dorthin!‹« Und so funktionierte das dann auch; da war die Fuhre dann eben auf einmal bei der Kirche. (lacht) Der Kirchentag 1983 war mit einhunderttausend Teilnehmern die größte christliche Veranstaltung in der DDR. Sie waren zu dieser Zeit Studentenpfarrer in Halle. Welche Erinnerungen haben Sie daran? Da habe ich teilgenommen. Ich habe selber an diesem Kirchentag die Arbeitsgruppe »Juden und Christen« mit zu verantworten gehabt. Das war eine Phase, Anfang der 80er Jahre, in der man im Zusammenhang mit dem Lutherjubiläum erstmals den Eindruck hatte, es bewegt sich etwas bezüglich der Öffnung im Gespräch auf wissenschaftlicher Ebene zwischen marxistischen Historikern und Kirchenhistorikern. Diese haben zusammen versucht, die Figur Martin Luthers und die Reformation als solche neu zu bewerten und die herkömmlichen marxistischen Klischees von Luther als dem »Fürstenknecht« zu überwinden. Da hat sich also einiges bewegt und das hat sich dann auch in diesem Kirchentag niedergeschlagen. Die DDR versuchte, sich angesichts dieses Ereignisses ein Stück weit zu öffnen. Das bedeutete, dass wir in größerer Zahl Gäste aus dem westlichen Ausland einladen konnten als das sonst

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Prof. Rüdiger Lux. Foto: privat

»Was machst’n du so?« Und er sagte: »Na, was soll ich schon machen, ich denke über die deutsche Einheit nach.« Und ich dachte: Das darf doch wohl nicht wahr sein, sowas Absurdes! (lacht) 1985 hat von uns noch keiner daran gedacht, dass es irgendwann mit der DDR mal zu Ende gehen könnte, aber Edelbert Richter hatte einen solchen Weitblick. Und er hat Konzepte entwickelt und strategisch nachgedacht, was eigentlich nach dem Tag X kommt, den wir uns alle noch nicht vorstellen konnten. In den so genannten Vaterunser-Briefen, für die Sie 2011 den Predigtpreis erhalten haben, fällt in Bezug auf die Wende mehrfach der Satz »Die Angst ist vorbei.« Wovor hatten Sie Angst?

bei Kirchentagen in der DDR möglich war. Wir haben zum Beispiel in unsere Arbeitsgruppe den Oberrabbiner von London und den Oberrabbiner von Budapest eingeladen. Das war ein ganz spannendes Unternehmen. Sie waren später (89/90) Rektor einer kirchlichen Hochschule in Naumburg. In einem Artikel der »ZEIT« (1992) wurde diese Einrichtung als eine Art institutionelle Opposition beschrieben, in der, entgegen der Hochschulpolitik der DDR, freie Denkräume geschaffen werden sollten. Ist das zutreffend? Das empfinde ich schon als zutreffend. Als ich 1985 nach Naumburg kam, besuchte ich den Studentenpfarrer Edelbert Richter, den ich noch vom Studium kannte und fragte ihn:

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Das war eine jahrzehntelang schwelende Angst, die sich in uns alle wie ein Krebsgeschwür hineingefressen hat. Das ging schon los mit den Kindern in der Schule – was dürfen wir sagen und was nicht? Diese schizophrene Situation hat bei fast allen DDR-Bürgern zu einem schleichenden, mal mehr und mal weniger vorhandenem Angstgefühl geführt. Weil man dieses dann endlich abschütteln konnte, ist die Wende wirklich ein Befreiungsakt gewesen. Auch ein Akt der Selbstbefreiung: Endlich lässt du dir nicht mehr vorschreiben, was du denken und sagen sollst, jetzt nimmst du dir einfach diese Freiheit heraus und wirfst die Angst über Bord. Das habe ich ganz stark so empfunden. Andere Frage: Was ist überhaupt eine Predigt? Im Sinne einer christlichen Dogmatik ist die Predigt die Verkündigung Jesu Christi auf der

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Grundlage des biblischen Zeugnisses. Dass aus dieser Verkündigung wirklich eine Predigt wird, das setzt voraus, dass sie »ankommt«. Dies setzt wiederum voraus, dass man so etwas wie einen Lichtbogen schlagen kann zu den Predigthörern. Erst beides zusammen, die gesprochene und die gehörte Predigt, machen die Predigt aus. Es ist doch manchmal sehr verwunderlich, was der liebe Gott aus unseren teilweise unzureichenden Worten noch alles Gutes machen kann. Ihre Frau war selbst Pastorin. Haben Sie die Predigten ihrer Frau gelesen oder hörten Sie sie predigen? Die Predigten des Anderen zu lesen haben wir uns beide abgewöhnt. Ich habe sie in der Pfarrstelle, in der wir gewohnt haben, natürlich häufig gehört. Aber dass wir die Predigten vorher lesen, das machen wir nicht mehr. Das ist vielleicht nicht klug, weil dann die kritischen Einwürfe nach dem Hören der Predigt kommen. Das ist ein hochinteressantes Phänomen, das auch den Sonntagnachmittag durchaus in eine besondere Atmosphäre tauchen kann. Wenn man dann nach Hause kommt und die Frau schon nervös mit dem Topfdeckel klappert, dann weiß man schon: Aha, da war’s mal wieder nicht so toll. Gerade wenn man in einer so engen Verbindung wie einer Ehe lebt und weil das Predigen auch so ein persönliches Geschäft ist, macht es einen Unterschied, ob man von der eigenen Frau oder von anderen Predigthörern kritisiert wird. Sie trifft meistens viel punktgenauer, wo wirklich der Hase im Pfeffer liegt.

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Welchen Beruf hätten Sie sich neben dem Pfarramt, der Rektorenposition und der akademischen Karriere noch vorstellen können? Ursprünglich wollte ich Waldhorn studieren, aber dafür reichte das Talent nicht. Heute denke ich manchmal, wenn ich am Sonntag in die Kirche gehe und Gottesdienst zu halten habe: Was muss doch der Küsterberuf für ein herrlicher Beruf sein! Am Sonntag den Altar mit frischen Blumen schmücken dürfen und die Kirche einladend und in Ordnung halten dürfen. Also ich muss sagen, in einem zweiten Leben würde ich den Beruf des Küsters wählen. Sich mal nicht den Kopf zerbrechen müssen, sondern einfach schlicht solche schönen Aufgaben zu tun. So ein Küster kann auch viel zum Gottesdienst beitragen und muss sich nicht am Samstag bis tief in die Nacht hinein quälen und nachdenken, was er am Sonntag zu sagen hat. (lacht) Mit welchen Gedanken gehen Sie nun dem Ruhestand entgegen? Mit der Erleichterung, dass viele Aufgaben, die an so einer Professur hängen, dann nicht mehr wahrgenommen werden müssen. Dieser ganze Verwaltungskram. Auch die Erleichterung, nicht mehr prüfen zu müssen. Dieses Prüfen von Studierenden bedeutet immer auch ein Stück weit, dass man selbst geprüft wird. Außerdem mit der Vorfreude, in Ruhe am Schreibtisch noch Dinge weiter treiben und nicht mehr nur in den zerrissenen Semesterferien forschen zu können.

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interview

So ein Akademikerleben hört ja mit dem 65. Lebensjahr nicht auf. Und viele Kollegen sagen mir, jetzt beginnt die gute Zeit. (lacht) In den nächsten Jahren haben die Forschungsprojekte Vorrang. Den Rest an Zeit wird die Familie und werden die Enkel einfordern.

10.30 Uhr der nächste und zwischendurch mussten wir mit dem Moped zur nächsten Kirche fahren. Teilweise habe ich den Talar gar nicht ausgezogen, sondern bin mit dem Talar auf der Dienstschwalbe quer durch die Stadt gefahren.

Was möchten Sie den Studierenden noch mit auf den Weg geben?

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken: Was würden Sie anders machen?

Erstens: Das Studium fängt nach dem Studium an. Das Studium selber ist eine kleine Eingewöhnung in die Theologie. Wenn man danach das Gefühl hat, eigenständig weitergehen zu können und das, was einen interessiert, weiter betreiben zu können, dann ist das Studienziel wirklich erreicht. Unabhängig von der Examensnote.

Ich weiß gar nicht, ob das möglich ist. Manchmal, wenn man so zurückblickt auf das Leben und sich anschaut, was gut gelaufen ist und was weniger gut gelaufen ist, dann sagt man sich: Na, vielleicht ist ja an dem innerhalb der Theologie so stark umstrittenen Gedanken der providentia dei, der Vorsehung Gottes, doch was dran. Dass man einfach seinen Weg geführt wird, mehr als man sich das häufig klar macht. Und dass diese Führung ganz bestimmt nicht das Schlechteste war.

Zweitens: Wenn es irgendwie möglich ist, lassen Sie sich als Pfarrer von den vielerlei Rollen, die von Ihnen erwartet werden, nicht auffressen und nehmen Sie die Rollen gar nicht erst alle an. Machen Sie auch Ihren Gemeinden später immer wieder klar, welche die Aufgaben eines Pfarrers und Theologen in der Gemeinde sind. Das ist die Seelsorge und das ist die Verkündigung. Flüchten Sie nicht in irgendwelche anderen Rollen, die einem ganz schnell angehängt werden.

Das Interview führten Anja Enigk und Manuel Kaiser.

Dabei sind auch gute kollegiale Verhältnisse mit Nachbarpfarrern wichtig. Ich war zum Beispiel in Cottbus in einer Gemeinde, wo ich an jedem Sonntag predigen musste. Da haben wir dann die so genannten Cottbusser Rallye-Gottesdienste erfunden. 9.00 Uhr ein Gottesdienst,

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umfrage

»Wer sind wir und wenn ja, wie viele?«

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Die Studierendenumfrage an der Theologischen Fakultät Leipzig

Vor einigen Monaten gab es an der Theologischen Fakultät eine Studierendenumfrage und viele fragen sich, was daraus geworden ist. Inzwischen sind die 235 Fragebögen in einen Datensatz überführt und die ersten Auswertungen vorgenommen. Der Fakultätsrat konnte bereits im Januar die Ergebnisse selektiv kennenlernen. Nun endlich, liebe datenliefernde Studierende, könnt auch ihr hier einen Einblick in die Ergebnisse gewinnen! 1. Studienort- und Studienfachwahl Leipzig ist schön! Keine Frage. Aber warum studieren wir eigentlich alle hier? Auf diese Frage gab es unterschiedliche Antwortmöglichkeiten. Der meistgenannte Grund ist jener, dass es hier keine Studiengebühren gibt, und dem stimmen 80% der Befragten zu. Dass das Studieren in Leipzig im Vergleich zu anderen Städten als kostengünstig eingeschätzt wird und dass dieser Aspekt in der Studienortwahl bedeutend ist, zeigt auch die Antwort »die Lebenskosten sind niedrig«, dem 66% zustimmten. Aber was wäre ein billiges Leipzig wert, wenn die Stadt sonst nichts zu bieten hätte? Jeweils drei Viertel sagten aus, dass die Stadt sie anziehen würde und

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dass es wichtig sei, dass in der Stadt kulturell was los ist. Ebenfalls hohe Zustimmung (60%) erhielt der Grund »Nähe zum Heimatort«: es scheint also an dem Gerücht etwas dran zu sein, dass ein Großteil der Leipziger Theologiestudierenden recht heimatverbunden ist. Die Stadt nach der Universität zu wählen scheint nur eine Minderheit. Nur 41% gaben an, dass der gute Ruf der Theologischen Fakultät in Leipzig sie hierher gelockt habe. Man kann also feststellen, dass es zum einen finanzielle, zum anderen kulturelle Gründe sind, die die meisten der Theologiestudierenden Leipzigs in diese Stadt geführt haben. Was sind nun aber eigentlich die Gründe dafür, ein Theologiestudium aufzunehmen? Studienmotivation: Ich studiere evangelische Theologie … eins weil ich mich dafür interessiere. zwei weil ich neugierig auf das Fach bin. drei weil ich mich (von Gott) dazu berufen fühle. vier weil dies meinen persönlichen Begabungen entspricht. fünf weil ich das für meinen späteren Beruf brauche. sechs weil es mir jemand nahegelegt hat. sieben weil es hier keine Zulassungsbeschränkung gibt.

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Abbildung 1: Studienmotivation. Angaben in Prozent; »trifft zu« ergibt sich aus den Antwortmöglichkeiten »trifft eher zu« und »trifft voll zu«.

Abbildung 2 (oben): Studiumsbetrachtung. Angaben Angaben in Prozent. »trifft zu« ergibt sich aus den Antwortmöglichkeiten »trifft eher zu« und »trifft voll zu«.

Wenig überraschend, und trotzdem recht positiv, ist die Feststellung, dass sich fast alle Befragten für die Wissenschaft der Theologie interessieren und neugierig auf das Fach sind. Die eigenen Fähigkeiten scheinen dafür als wichtiger Ausgangspunkt zu dienen. Gleichzeitig behält man den Berufswunsch im Auge und möchte hierfür nutzbare Kenntnisse sammeln.

Gut motiviert heißt gut studiert? Der Zauber des Anfangs hält nicht für immer und so kommen die schwierigen Phasen wohl meist erst irgendwann während des Studiums.

Doch so nüchtern sieht man das Studium auch wieder nicht. So wird das Studium vor allem als Chance, als Geschenk und Freude wahrgenommen. Wie das folgende Diagramm deutlich macht, wirkt für ein Theologiestudium immer noch das, was man in der Sozialpsychologie so schön als »intrinsische Motivation« bezeichnet. Diese bezeichnet eine Motivation, etwas um seiner selbst Willen zu tun und nicht um bestimmte äußerliche Vorteile zu erlangen (extrinsische Motivation). Wie verstehen, sehen oder begreifen Sie Ihr Theologiestudium? eins als ein Geschenk und eine Freude zwei als eine ziemliche Belastung drei als eine besondere Chance vier als ein notwendiges Übel fünf als ein Mittel zum Zweck

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2. Zur Religiosität und sozialen Einbindung Die intrinsische Motivation deutet darauf hin, dass die Religiosität und persönliche Spiritualität der Studierenden eine nicht unwesentliche Bedeutung für ihr Theologiestudium hat. Wie ist das zum Beispiel mit der Religiosität, mit meiner eigenen und der meiner Kommilition_ innen? Es lässt sich stark vermuten, dass das Bibelverständnis als Indikator für die verschiedenartigen Frömmigkeitsstile geeignet ist. Das Bibelverständnis der Theologiestudierenden zeichnet sich durch eine Mischung aus positiver Aufnahme der Bibel als »Anweisung für ein gutes Leben« (84% stimmen dieser Antwort zu) und der gleichzeitigen Bereitschaft, historischkritischen Methoden der Bibelexegese zu folgen, aus. Dies ist aus der Tatsache zu schließen, dass 74 % der Aussage »Man muss die Bibel historisch-kritisch analysieren« und 88% der

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Antwort »Die Bibel ist in ihrem historischen Kontext zu sehen« zustimmten. Ein wortwörtliches oder ahistorisches Verständnis der Bibel besteht nur bei ca. einem Zehntel der Befragten. Somit ist der Zuspruch zu einer historischkritischen Bibelexegese bei einer klaren Mehrheit verankert und nur eine kleine Minderheit lehnt diesen Umgang mit der Bibel ab. Was bedeutet dies nun konkret? Was heißt Religiosität für das eigene Leben und wie schätzt man die Gesamtsituation ein? Grundsätzlich zeigt sich ein gewisser »Alltagsrealismus«. Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass unsere deutsche Gesellschaft säkular geprägt ist und dass man auch ohne Kirche religiös sein kann. Gleichzeitig wünschen sich aber auch 76,7%, dass das Christentum mehr Einfluss auf gesellschaftliche Themen nehmen würde. Denn dieser recht nüchternen Ansicht steht die eigene Religiosität gegenüber. So stimmten 88,4% der Aussage »Meine Religiosität gibt mir Halt im Alltag« zu und immerhin 69,1% sagten aus, dass sie für die eigene Religiosität die religiöse Gemeinschaft bräuchten. So scheint für die Theologiestudierenden in Leipzig persönlich die Religiosität sehr wichtig zu sein, anderen möchte man diese aber keinesfalls aufdrängen. Man akzeptiert die als säkular eingeschätzte Situation in der Gesellschaft. Immerhin sprechen sich 62,5% dafür aus, dass jeder nach seiner Fasson selig werden solle. Demgegenüber findet sich eine Gruppe, welche zum Bibelverständnis stark korrespondiert, die »nur eine wahre Religion« sieht (38,6%). Dieser Indikator wird üblicherweise als Hinweis auf ein »fundamentales« Verständnis einer Religion interpretiert. zweiundvierzig

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Religiosität braucht Gemeinschaft. Wie ist dies nun an einem Studienort wie Leipzig? Ebenfalls im Fragebogen enthalten war die Frage nach der gemeindlichen und geistlichen Anbindung. Es sollte jeweils angegeben werden, zu welchen Gruppen die Befragten enge Kontakte besitzen. Enge Kontakte in der gemeindlichen und geistlichen Anbindung bestehen… eins zur Heimatgemeinde zwei zur Gemeinde am Ort drei zur Unigemeinde/Unigottesdienst vier zur ESG fünf zum TheoKreis sechs zu interreligiösen/-konfessionellen Initiativen Abbildung 3 (oben): Kontakte zu religiösen Gruppen. Angaben in Prozent. Die stärksten Beziehungen der Studierenden bestehen nach wie vor zu ihren Heimatgemeinden. Die Verwurzelung dort ist trotz des Studiums an einem anderen Ort immer noch sehr stark. Immerhin ein Drittel gibt auch an, engere Kontakte zum Unigottesdienst zu pflegen. Sonst sinkt die Anbindung an andere Gruppen und Aktivitäten in Leipzig deutlich ab. Von den weiteren Initiativen ist der TheoKreis der am zweithäufigsten genannte, allerdings auf einem moderaten Niveau. Zwischen der Nähe zu spezifischen Gruppen und der Frömmigkeitsstruktur existieren em— thema – vier – juli 2012


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pirische Beziehungen. Zum Beispiel korrelieren die Annahme, die Bibel sei widerspruchsfrei, die Aussage, es gebe nur eine wahre Religion, und die Zugehörigkeit zum Theokreis in einem erheblichem Ausmaß. Dies bedeutet, dass diese in der Studierendenschaft nicht weit verbreiteten sehr bibelnahen Frömmigkeitsstrukturen mit einer bestimmten geistlichen Anbindung bzw. Kontaktgruppe in Verbindung stehen. Auch die Gruppengrößen korrespondieren. Eine entsprechende Verbindung trifft für keine der anderen erhobenen Gruppen zu. Hier handelt es sich durchgehend um einen repräsentativen Schnitt aus der Studierendenschaft, der dort organisiert ist. 3. Zufriedenheit und soziale Integration Nun mag die Studierendenschaft der Theolog_innen in Leipzig recht heterogen sein, nichts desto trotz sind fast alle recht zufrieden an diesem Ort. Pluralismus und trotzdem Zufriedenheit auf allen Seiten? Natürlich variiert die Zufriedenheit, was die unterschiedlichen Bereiche anbelangt, aber wirklich unzufrieden sind die wenigsten. Wie zufrieden sind Sie mit den folgenden Einrichtungen? eins Studienort zwei Universität drei Theologische Fakultät vier Universitätsbibliothek fünf Mensa

So erhält der Studienort die höchste »Zufriedenheitsqoute«, gleich gefolgt von der Universitätsbibliothek. Sowohl die Universität als auch die Theologische Fakultät haben in den Augen der Befragten noch Verbesserungspotential, die meisten sind zwar eher zufrieden als unzufrieden, man könnte ihre Zufriedenheit aber noch steigern. Im Großen und Ganzen fühlen sich die Studierenden aber recht wohl in Leipzig. So gaben 50% an, dass sie sich in Leipzig sehr gut sozial integriert bzw. eingebunden fühlen, 40% schätzten dies mit gut ein. Es bestehen also kaum Integrationsprobleme am Ort. Die Stadt erweist sich für die Studierenden als attraktiv. Anschlussprobleme gibt es sowohl in der Stadt als auch an der Fakultät demzufolge kaum. Es scheint also nicht der schlechteste Ort zu sein, an dem wir da gelandet sind. Auch wenn hier und da ein paar Kommiliton_innen sich aus der eigenen Perspektive als »seltsam« erweisen, so schränkt diese Fülle an Verschiedenheit die Zufriedenheit nicht ein. Welch angenehmer Befund. Und sogar das Essen scheint zu schmecken … Was will man eigentlich mehr …? Lydia Messerschmidt

Abbildung 4 (rechts oben): Zufriedenheit (dunkelgrau: »eher zufrieden«; hellgrau: »sehr zufrieden«; darüber: Summe). Angaben in Prozent. — thema – vier – juli 2012

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sozialer blick

Ist das Müll, oder kann das weg!?

E

Nachts sind alle Bananen braun? Essen aus der Tonne

Der bzw. die Bewegungsmelder_in hat mich erkannt. Ich bin erwischt … Eine Reihe von Leuchtstoffröhren schaltet sich an und erhellt die Laderampe eines Leipziger Supermarktes. Besonders die Ecke, wo die Mülltonnen stehen, ist jetzt gut ausgeleuchtet. Soll das Abschreckung sein? Ist doch eher eine Einladung! Es ist ein Uhr morgens, ich knipse meine Taschenlampe aus, stelle das Rad an die Seite und mache mich über den Müll des Discounters her… Es heißt Containern, auch Mülltauchen. Ich nenne mich einen Freeganer. Ich gebe also kein Geld für meinen (Lebensmittel-)Konsum aus. Das mache ich jetzt schon seit Jahren, eigentlich schon immer. Als Kind fand ich es immer peinlich, wenn meine Eltern, denen das nicht vom Aussehen her zuzutrauen gewesen wäre, Müllcontainer von Supermarktketten durchwühlten, doch freute mich immer, wenn es dann zu Hause was Leckeres gab. Mal sehen was es heute so Leckeres gibt! Zuerst gehe ich zu den Teigwaren. Die sind hier in Kisten transportfähig bereitgestellt. Ich su-

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che mir etwas Vollkornware heraus, den Rest lasse ich liegen. Gebäck gibt es hier nicht. Zumindest heute. Schade, die Leipziger Lerchen, die ich manchmal hier finde, sind immer super. Dafür gibt es heute aber eine große Auswahl an Brötchensorten. Ich bringe selber altes Brot mit. Was heißt da eigentlich alt?! Ich habe es ja gestern erst geholt. Und gestern war es auch nur frisch von vorgestern. Ich gebe es wieder ab, weil ich es nicht gebraucht habe. Im Winter bekommen immer meine Schafe das übrige Brot. Jetzt wächst wieder Grünes, da ist das Brot als Futtermittel nicht mehr notwendig und kann »weiterverarbeitet« werden. Alles, was hier in den Kisten liegt, wird recycelt. Brot hat denselben Brennwert wie Holz. Es wird also verbrannt. Daraus wird Energie gewonnen, die dann bei mir z.B. wieder als Ökostrom aus der Steckdose kommt. Ist doch prima, oder? Ich gehe zu den anderen Tonnen. Dieser Markt ist vorbildlich in dem, was in Deutschland üblich ist: Mülltrennung. Neben der mit Restmüll und Plastikzeugs stehen die beiden grünen Tonnen mit den »Nahrungsresten«. Eine ist nur für pures organisches »Material«, sprich Obst und Gemüse, die andere für sonstige verpackte Produkte. Beides ist auch wieder für das Recycling gedacht, diesmal aber eher in einer Biogasanlage. Auch daraus wird dann Ökostrom.

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sozialer blick

Hier scheint auch heute wieder was zu holen zu sein. Foto: Salomon Krug

Es fallen immer große Mengen von Obst- und Gemüseresten an. Ist am Salatkopf ein Blatt welk oder braun, kommt der ganze Kopf weg. Ich mache dieses Blatt dann ab und schon sieht er wieder frisch aus. Dauert nur Sekunden. Zeit und Aufwand, den sich der Supermarkt wohl nicht leisten kann?! (Oder nicht leisten will!) Ist im Orangennetz eine faul, kommt das ganze Netz mit den Orangen weg. Ich nehme mir die noch einwandfreien mit nach Hause. Wird ein Pudding beim Transport eingedrückt, sodass er platzt und die anderen Becher eingesaut sind, kommt die ganze Stiege in den Müll. Ich muss nur die klebrigen Becher sauber machen, dann habe ich Puddingvorräte für Wochen. Und so geht das mit allen Lebensmitteln. Wer kauft heute schon eine Eierpackung, in der ein Ei kaputt ist? Am häufigsten kommt »abgelaufene Ware« in die Tonne. Der Käse, den ich gerade einpacke, muss wohl nach Mindesthaltbarkeitsdatum vor einer Stunde abgelaufen sein. Mich stört das nicht. Teilweise sind die Sachen noch Wochen bis Monate länger genießbar. Das wissen auch die Mitarbeiter_innen des Ladens. Doch auch hier entscheiden die Kund_innen, die ja lieber

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das länger haltbare Produkt aus dem Regal nehmen. So findet sich alles, was mit Datum bedruckt ist: Das fängt bei Joghurts, Milch und Käse an, geht bei Fleisch und Wurst weiter und hört bei Erbsen-Möhren-Konserven noch lange nicht auf. Öfter finde ich jetzt auch Hygieneartikel, wie Feuchttücher für den Babypo. Seitdem die ein Verfallsdatum haben, werden sie jetzt auch aussortiert. Nur Kondome hab ich noch nicht gefunden. (Aber welche_r Christ_in will die schon finden?) Bio-Waren finden sich auch ganz oft. Gentechnikfreie eher selten. Problematisch bleibt das Fleisch – nicht nur aus hygienischen Gründen in der Sommerzeit, nein, auch aus qualitati-

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ven Gründen. Wegen Massentierhaltung und Formfleischverarbeitung lasse ich inzwischen alles getötete Tier liegen. Und viele andere Freeganer_innen tun es mir gleich. Da ist es dann auch egal, ob es kostenfrei verfügbar ist. Anfangs fand ich noch Obst- und Gemüsesorten, die ich selber nicht mal beim Namen kannte. Ich weiß aber inzwischen, wie sie schmecken und wie ich sie putze. Containern hat mich außerdem recht sensibel für Verderblichkeit gemacht. Ich kann inzwischen gut einschätzen, was noch genießbar ist und was nicht. Ab und zu mal die Druckstelle beim Apfel mitessen macht nach Rüdiger Nehbergs Survival Lexikon resistent, härtet ab, ist gesund und immer noch die beste Vorbereitung auf die nächste Weltreise.

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Heute ist wieder viel in den Tonnen. Das ist nicht jeden Tag so. Doch generell gilt: Es ist genug da, kein Drängeln notwendig. Ich nehme mir soviel ich brauche, den Rest bekommen andere, die hier vorbeikommen. Einige kenne ich. Mit manchen tausche ich, wenn es mal wieder zu viel Pudding gibt. Die Leute sind häufig postmateriell und postkapitalistisch orientiert. Wir verstehen uns als Teil einer politischen Protestkultur und versuchen uns vom Mainstream fernzuhalten. Es ist nur komisch, jeden Tag neu zu erfahren, wie sehr ich doch von einem System profitiere, das ich eigentlich derart verabscheue. Ich packe zusammen und fahre schwer beladen nach Hause. Vielleicht habe ich heute Abend mit zwei Containerstellen zusammen 30 bis 50 Euro gespart. Wirklich einschätzen kann ich das nicht, dazu habe ich den Bezug verloren. Zu Hause muss das alles noch gesäubert und eingelagert werden. Es ist doch schon wieder spät geworden. Noch später hätte es nicht sein dürfen, sonst wäre das Brot schon abgeholt und wieder auf dem Weg in die Stromerzeugung gewesen. So ein ergiebiger Streifzug ist nur ein

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sozialer blick

Sieht aus wie ein Brotregal: Vorsortiert und doch schon abgeschrieben. Fotos: Salomon Krug

bis zwei Mal die Woche notwendig, um ausreichend versorgt zu sein. Doch wie auch immer – es ist und bleibt eine Straftat. Zumindest im überregulierten Deutschland. Da gibt es sogar ein Gesetz zur Eigentümer_innenschaft von Müll. Doch das berührt mich wenig. Ärger gibt es selten bis gar nicht. Teilweise ist es sogar erwünscht, wenn der Müll etwas reduziert wird, und es werden Sachen in Kisten schon vorsortiert neben die Tonnen gestellt. (Vieles bleibt, so denke ich, auch schon bei den Mitarbeiter_innen selbst hängen.) Jede_r sollte aber eine wichtige Regel der Szene nicht vergessen: Sauberkeit im Containerbereich. Das haben manch andere, darunter viele Obdachlose und Punks, nicht immer beachtet. Deswegen wurden dann einige Container abgeschlossen oder eingezäunt. Doch Klettern habe ich noch nicht nötig. Noch geben die offenen Stellen genug ab.

oder negativ, so viel Verzehrfähiges im Müll zu finden, wo es eigentlich nicht hingehört?

Ich frage mich immer, warum ich das eigentlich mache. Sicherlich spare ich so einen Haufen Geld, doch ist es mehr ein Trotzverhalten zur Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Sollten wir die Schöpfung nicht bewahren? Können wir dann verantworten, dass allein in Deutschland jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel in Wert von 20 Milliarden Euro weggeworfen werden? Das ist ein Warenwert, der so hoch ist wie der jährliche Umsatz von McDonald’s – weltweit!

Rein rechnerisch können wir sogar mit rein biologischer Landwirtschaft sieben bis acht Milliarden Menschen auf dieser Welt ernähren. Mit konventioneller Landwirtschaft sogar bis zu zehn Milliarden. Mhmm. Wenn dann alle vier Sekunden ein Kind in dieser Welt an Hunger stirbt, ist es für mich schon pervers zu sehen, was ich abends in deutschen Mülltonnen finde. Und hier sagen zu können, dass ich nichts mit dem Hunger in der Welt zu tun habe, weil ich nicht die Konsumgesellschaft mitfinanziere, ist nur Selbstverleugnung. Die direkte Verantwortung für die Leidlinderung in der Welt kann mir dadurch noch nicht genommen werden.

Es wird immer gesagt, dass die Gesellschaft an ihrem Müll zu erkennen ist. Ist das nun positiv

Kurz: Mit Containern kann die Welt auch nicht gerettet werden. Salomon Krug

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porträt

»Die Lücke schließt die Auferstehung«

R

Professor Rochus Leonhardt im Porträt. Eine Skizze

Rochus Leonhardt, seit eineinhalb Semestern ordentlicher Professor in Leipzig, empfängt in seinem neuen Büro. Zwar wollte er sich nicht allzu provisorisch einrichten – trotz des anstehenden Umzugs in den sogenannten »Lichtbogen« in den kommenden Semesterferien –, einige Bücher, die Zuhause, nahe am Kulkwitzer See, keinen Platz mehr fanden, stehen auch schon ordentlich in den Regalen. Aber weil die Lampen so ungünstig hängen, dass die optimale Höhe für größere Bilder versperrt ist, bleibt ein leicht klinischer Eindruck. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, die Akten wohl sortiert – kein Wunder bei einem »Ordnungsmenschen« mit Hang zum Klassifizieren. Ein Systematiker, im doppelten Wortsinn. Und somit sind wir auch schon mittendrin, in unserem gut einstündigen, anregenden Gespräch. Bei Rochus Leonhardt kann man sicher sein, dass die Freude über den Ruf an die Uni Leipzig ernst gemeint ist, schließlich wurde er in Leipzig geboren und wuchs im nahen Eilenburg auf. Im Alter von zehn Jahren ging es nach Berlin,

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die katholische (»aber nicht praktizierende!«) Mutter bekam dort ein Jobangebot als Anästhesistin. Auch absolvierte er in der Sachsenmetropole sein Erstes Examen (1992, noch an der kirchlichen Hochschule) sowie sein Vikariat. Das Abitur gab es in Potsdam, erste intensivere Kontakte zur Kirche im Konfirmandenalter fallen auch in die Berliner Zeit. In einer Konfirmandengruppe fühlt sich der Jugendliche aufgrund des sozialen Miteinanders besonders wohl. Einige Gemeinden boten ja durchaus eine Gegenkultur zum vorherrschenden System. Er entschied sich letztlich selbst für die Taufe im Alter von 15 Jahren. Nach dem Abitur folgten das Studium der Theologie (»Über die Inhalte des christlichen Glaubens wollte ich genauer Bescheid wissen, so bin ich zur Theologie gekommen.«) an den kirchlichen Hochschulen Naumburg und Leipzig – als erster Theologe der vor allem durch Ärzte geprägten Familie –, zwischen 1996 und 2001 die Promotion und Habilitation an der Universität Rostock. Seinen Fokus auf die Systematik legte er erst im späteren Verlauf des Studiums. Seitdem interessiert ihn besonders das systematische Fragen nach dem Nutzen biblischer Texte und des theologischen Gedankenguts der vergangenen Jahrhunderte für uns heute.

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porträt

»Ich versuche als wissenschaftlicher Theologe immer so zu reden, dass mich auch Fachexterne gut verstehen können, ich also immer auch die Leute im Blick habe, die von dieser ganzen Sache keine Ahnung haben. Es gibt ja auch diese spezielle Art und Weise theologisch zu publizieren, wobei von einem bestimmten geistlichen Zusammenhang ausgegangen wird und somit bestimmte Prämissen bereits klar sind. Dies versuche ich meist offen zu gestalten. Ich stelle mir meine Leser und Hörer oft als jemanden vor, der mit diesem ganzen ›christlichen Zeug‹ nichts anfangen kann. Und dann stellt man Fragen, beziehungsweise begibt sich auf ein Terrain, wo eben Fragen akut werden, die viele andere schon gar nicht mehr als Fragen im Blick haben. Und das ist eine spannende, hilfreiche Sache.« Es folgten eine gut dreijährige Lehrstuhlvertretung an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) der Bundeswehr in Hamburg sowie über fast fünf Jahre lang die Wahrnehmung eines Heisenbergstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Vor allem durch die bestimmende Tradition des Lehrstuhls für Sozialethik an der HSU interessierte er sich dann auch zunehmend für die theologische Ethik. Nun soll Prof. Leonhardt – auch für seine Aufgaben als Prediger im Universitätsgottesdienst – ordiniert werden (»Das war in Rostock gar kein Thema!«). Aus Sicht der Landeskirche ist dafür eine Teilnahme an der Ordinandenrüstzeit erforderlich. – Das Ganze wird also noch dauern.

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Zum Profil der Leipziger Fakultät befindet er: »Die lutherische Orientierung kommt mir sehr entgegen. Es stimmt auch, dass ein bestimmtes Frömmigkeitsbild von einigen wenigen Studenten dieser Fakultät als Ruf vorauseilt, aber noch habe ich damit keine Probleme, obwohl ich eher liberal bin.« Damit ist unsere Unterhaltung angekommen im Kosmos theologischer Grundbegriffe. Wir sprechen über Auferstehung und was diese zentrale Botschaft, durch die sich in der Sicht vieler Christen ihr Christsein überhaupt erst konstituiert, für Prof. Leonhardt bedeutet: »Wie muss man sich das vorstellen? Ist da ein Leichnam auferstanden? Das geht doch gar nicht! Das ist auch nicht mein Verständnis, weil das auch gar nicht in der Bibel drinsteht. Der Vorgang selbst wird überhaupt nicht beschrieben. Ja, sogar das Wort Auferstehung ist da beinahe missverständlich. Auferstehungsglaube heißt hier, dass eine Lücke geschlossen wurde. Diese bestand – in der damaligen Perspektive – zwischen dem Vertrauen, das die Jünger begründeterweise zu Jesus hatten und eben dem Scheitern Jesu. Und diese beiden Dinge brachten die Jünger nicht zusammen. Es muss also einen starken Eindruck gegeben haben, dass trotz dieses Scheiterns etwas dran ist an dem Glauben an Jesus. Und diese Lücke schließt der Glaube an die Auferstehung. Das kann man nun freilich positiv aufladen, und dem Ganzen einen Ereignischarakter geben, was aber weder nötig noch günstig noch Voraussetzung für das Christsein ist!«

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porträt

Rochus Leonhardt ist auch skeptisch, ob der Glaube an ein Leben nach dem Tod wesentlich für den christlichen Glauben sei. Fest steht: »Für mich ist er das nicht. Das ist im Kern die Frage, inwiefern das Christentum eine Erlösungsreligion ist. Aber das Christentum hat sich ja auch verändert. Heute sagen die meisten: Das Christentum ist nicht insofern Erlösungsreligion, als es auf ein Jenseits verweist, sondern weil der christliche Glaube eine bestimmte Art zu leben bedeutet. Wichtig für den christlichen Glauben ist daher eher die präsentische als die futurische Eschatologie.« – Was würde das aber für den Beruf des Pfarrers in concreto bedeuten, wenn es beispielsweise darum geht, angemessene Worte des Trostes und der Zuversicht am offenen Grab zu finden? Leonhardt: »Ich bin mir gar nicht sicher, ob Angehörige am Grab überhaupt hören wollen, dass die Verstorbenen nun im Himmel selig sind. Wir sind in unserem irdischen Denken raumzeitlich gebunden. Dabei wissen wir ja auch gar nicht, ob unsere Kategorien nach unserer irdischen Existenz überhaupt noch funktionieren.« Es sei also fraglich, wie sehr man sich von apologetischer Seite und von Kritikerseite her argumentativ an dem Ereignisgehalt bestimmter biblischer Vorstellungen abzuarbeiten habe. Über die historische Faktizität der kirchengründenden Ereignisse wüssten wir nichts Genaues; wohl aber wüssten wir eine Menge darüber, wie sich das Christentum seitdem historisch entwickelt hat. Die Pointe des Christentums als Erlösungsreligion sei, so Prof. Leonhardt, nicht Jenseitsver-

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tröstung, sondern »Endlichkeitsmanagement«. Endlichkeit ist dabei im umfassenderen Sinne gemeint; es geht nicht nur um die Begrenztheit unserer Lebensdauer, sondern um die unhintergehbare Bindung an eine bestimmte raum-zeitlich bedingte Verfasstheit: »Ich bin nun mal zu einer bestimmten Zeit in Deutschland (auf dem Gebiet der ehemaligen DDR) geboren, habe bestimmte Begabungen und andere nicht. Das Christentum bietet eine Variante, mit dieser manchmal erfreulichen, manchmal belastenden Einsicht in unsere Endlichkeitsverfassung umzugehen. Rituell kann dies etwa in Dank, Bitte und Klage geschehen. Und der Blick auf das Christusgeschehen kann uns dabei helfen, auch Negativerfahrungen etwas Positives abzugewinnen.« Nach seinem beruflich-strukturellen Zugang zum Fach Systematik und seinen eigenen Forschungsschwerpunkten befragt, konstatiert Prof. Leonhardt, dass sich insbesondere Bibelwissenschaften und Systematische Theologie doch ziemlich auseinanderdividiert haben. Die Rezeptionsgeschichte der biblischen Texte, die ihn immer sehr interessiert, würde zum Beispiel in der Kommentarliteratur relativ wenig beachtet, da stehe zumeist das Historisch-Philologische im Vordergrund. Wirft man einen Blick auf die bisherige Publikationsliste von Prof. Leonhardt, kristallisieren sich besonders zwei Interessensschwerpunkte heraus: Die Themen »Lüge« sowie »politische Ethik«, wobei man letzteres vielleicht eher am philosophischen Institut verortet hätte. Bei Rochus Leonhardt entstanden bestimmte Interessen kontingent, so musste er im Rahmen seines

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porträt

Professor Leonhardt in seinem Büro. Foto: Franz Werfel

knapp zwei Semestern hier in Leipzig zu formulieren vermag:

Habilitationsverfahrens eine Vorlesung über das Thema »Lüge« halten. Dieses Thema kam ihm auch recht gelegen, » …weil es dazu nichts bis wenig gibt im protestantischen Bereich«. Leider halte sich die evangelische Theologie bei Konkretionen der Individualethik – wie bei den Themenkomplexen »Wahrhaftigkeit«, »Lüge«, etc… – oft zurück. Das Interesse an der politischen Ethik kam dadurch zustande, dass er zu diesem Thema an der HSU der Bundeswehr in Hamburg Lehrveranstaltungen durchzuführen hatte. Seine an dieser Universität gemachten, zumeist positiven Erfahrungen wären Anlass für ein weiteres Interview.

Erstens genießt er das sehr gute, angenehme kollegiale Miteinander unter Professoren und Dozenten – da wünscht er sich natürlich, dass das auch in Zukunft so bleibt. Zum Zweiten wünscht er sich für die Studenten, dass sie keine unbegründete Zurückhaltung vor der Systematischen Theologie gerade auch zu Beginn ihres Studiums haben sollten. Denn durch das Studium der alten Sprachen sei es doch oft so, dass viele ihren Fokus zuvörderst auf die exegetischen Wissenschaften legten. Jedoch könne ein gutes systematisches Grundwissen den Einstieg in das Verständnis des theologischen Stellenwertes exegetischer Fragen auch in diesen Fächern oft erleichtern. Schlussendlich wünscht sich der Professor, dass weiterhin möglichst viele nichtsächsische Studenten auch an die Leipziger Fakultät im Laufe ihres Studiums wechseln, damit diese nicht zur landeskirchlichen Hausfakultät würde. Aber bei so einer attraktiven Stadt wie Leipzig sei diese Befürchtung ja vielleicht doch nicht allzu realistisch… Franz Werfel

Zum Abschluss unseres Gesprächs bitte ich Prof. Leonhardt um drei Wünsche für die Zukunft der Fakultät, soweit er diese nach seinen

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kurz gesagt

Kopftuchverbote – Minarettverbote

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Zur Interferenz von medialen Diskursen und politischen Entscheidungen

Diese Rubrik heißt eigentlich »Meine Abschlussarbeit« und ebenso eigentlich gibt es hier Zusammenfassungen von Examensarbeiten, die alle eins gemeinsam haben: Sie sind schon geschrieben. Nun wurde ich gebeten, 500 Wörter über meine Dissertation zu verfassen. Dem komme ich grundsätzlich sehr gerne nach. Da ist nur eine Schwierigkeit: Meine Doktorarbeit ist noch nicht geschrieben. Also gilt es, das Beste daraus zu machen und das Beste wäre, wenn ich diesen Text später in eine Einleitung für meine Promotion verwandeln könnte. All die Kollegen, Freunde und Verwandten, die immer fragen: »Und, wie viele Seiten hast du fertig?« bekommen dann zur Antwort: »Das Wichtigste ist schon zu Papier gebracht.« Ich werde einfach die Textstellen, die später zu löschen sind, in Klammern setzen. Dann ist dem Ist-Zustand Rechnung getragen und der Zweck trotzdem erfüllt. Die (bestimmt irgendwann, möglichst im nächsten Jahr) vorliegende Arbeit widmet sich der Frage des Umgangs mit islamischen Minderheiten in der Bundesrepublik und der Schweiz. Betrachtet werden Sprache und Bil-

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der in den medialen und politischen Auseinandersetzungen über Kopftücher und Minarette. Erste Ausgangsüberlegung ist dabei, dass politische Debatten, politische Akteure und mediale Darstellung sich jeweils gegenseitig beeinflussen. Es galt die Frage zu klären (das wird knifflig), wie beispielsweise Zeitungsberichterstattung auf politisch handelnde Personen wirkt und wie Äußerungen aus der Politik wiederum in Zeitungen, Zeitschriften etc. aufgegriffen werden. Der Agenda-Setting-Ansatz aus der Medienwirkungsforschung, der meist dazu benutzt wird, um den Einfluss von Medien auf Politik zu untersuchen, wurde (soll) entsprechend auch in umgekehrter Wirkrichtung eingesetzt. Anlass dafür war, dass in vielen Publikationen über das Islambild in der Presse die Frage, wie überhaupt die Medien ihre Agenda bestimmen, unberücksichtigt geblieben ist. Die zweite Ausgangsthese der Untersuchung lautet, dass die oft von großem öffentlichen Interesse begleiteten Auseinandersetzungen um die Symbole des Islams kein Zeichen für eine Stagnation oder gar Umkehr von Säkularisierungsprozessen sind. Die Idee des zunehmenden Bedeutungsverlustes von Religion wird durch leidenschaftlich ausgetragene Auseinandersetzungen um Kopftücher oder Minarette nicht widerlegt. Schließlich handelt es sich hierbei – so zeigt es die vorliegende Arbeit

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kurz gesagt

(hoffentlich) – viel stärker um »Ausländerpolitik« denn um Religionspolitik. Kern der Initiativen zum Verbot von Symbolen des Islams ist nicht der Wunsch nach Integration der Muslime, sondern die Stärkung der Identität der Mehrheitsgesellschaft in Abgrenzung zu dem Fremden. Während in der Vergangenheit oft Ausländer allgemein die Funktion des Fremden in dieser Variante der Identitätspolitik zugeschrieben bekamen, sind es spätestens sei dem 11. September 2001 die Muslime, von denen es sich – nach Auffassung der entsprechenden politischen Akteure – abzugrenzen gilt. Insofern wird hier »Ausländerpolitik« als normativer Begriff gebraucht. Als Untersuchungsgegenstände dienen die politischen Debatten und die mediale Berichterstattung aus vier deutschen Bundesländern – Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Niedersachsen – und vier Schweizer Kantonen – Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich. Die Analyse erfolgt auf der föderalen Ebene, weil in beiden Ländern die Verantwortung für die Religionspolitik bei den Ländern bzw. Kantonen liegt. Den ausgewählten Regionen ist gemeinsam, dass es Diskussions-/Entscheidungsprozesse zu den Themen Symbole des Islams, Einbürgerungsbestimmungen und Reform des Religionsunterrichts gegeben hat. Die beiden letztgenannten Debatten dienen als Blaupausen für typische »Ausländerpolitik« und für typische Religionspolitik. Die Auseinandersetzungen um Kopftücher und Minarette wurden (werden) mit diesen Diskussionen verglichen, um herauszuarbeiten, dass Verbote religiöser

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Zeichen tatsächlich als Ausländerpolitik anzusehen sind. So. Die 500 Wörter sind längst überschritten, aber so ungefähr soll es werden. Und jetzt ist ja auch nicht mehr so viel zu machen. Wer Kritik, Fragen oder Anregungen hat – immer her damit. Einfach an frank.schenker@uni-leipzig.de schreiben. Frank Schenker

Idyllische Landszene mit Moschee und Matterhorn? Nicht, wenn es nach den Bürgern der Schweiz geht. Collage: David Ortmann

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fakultät

Ein Auslandsjahr in Deutschland

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Ein Erfahrungsbericht von Sámuel Nánási, Rumänien

Mein Name ist Sámuel Nánási, ich bin lutherischer Theologiestudent und stamme aus Siebenbürgen, einem Landesteil Rumäniens, dessen Hauptcharakterzug während seiner Geschichte immer die ethnische und religiöse Vielfalt war. Ethnisch vielfältig ist Siebenbürgen, weil sich die Bevölkerung aus Ungarn, Rumänen, Szeklern, Schwaben, SiebenbürgerSachsen und Slowaken zusammensetzt. Also: Ich bin ein Ungar, der in Rumänien geboren, und in einem deutschen Gebiet aufgewachsen ist. Meine Familie lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hermannstadt, dem ehemaligen Zentrum des siebenbürgisch – deutschen Gebietes. Zwar lebten in meinem Dorf selbst nie Deutsche, aber trotzdem ist unsere Tradition, unsere Volkstracht und Konfession stark von deutschen Einflüssen geprägt. Die ungarische Minderheit, die in Siebenbürgen wohnt, ist meistens römisch-katholisch oder reformiert, aber die Ungarn, die im sächsischen Gebiet oder dessen Nähe leben, sind lutherisch geworden.

viel über die Deutschen gehört, über die berühmte deutsche Pünktlichkeit (die ich so oft nicht erlebt habe) und darüber, dass die Deutschen keinen Sinn für Humor haben. Mein ehemaliger Theologieprofessor hat einmal gesagt: »Deutsch ist die Sprache der Theologie als Wissenschaft.« Diese Sprache wollte ich gern kennen lernen. Trotzdem habe ich mich nicht nur für Deutschland, sondern auch für ein Stipendium in Rom beworben. Zwar spreche ich weder Deutsch noch Italienisch, aber die rumänische Sprache ist so eng mit dem Italienischen verwandt, dass es mir sicherlich um einiges leichter gefallen wäre, sie zu erlernen. Im Sommer 2011 erhielt ich dann die Nachricht vom Gustav-Adolf-Werk, dass meiner Bewerbung für ein Studienjahr in Leipzig stattgegeben wurde. Obwohl ich froh war, ein Stipendium zu erhalten, hatte ich zunächst ein wenig Angst

Vor meinem Auslandsjahr war ich nie in Deutschland gewesen, trotzdem hatte ich sehr Sámuel Nánási vor der Kirche seines Heimatdorfes Oltszakadát im Mai 2009. Foto: Aladár Bartha

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fakultät

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Sámuel Nánási – Pax et bonum! Sámuel Nánási

Des Rätsels Lösung (für Seite dreissig):

Für mich als Theologe gilt aber auch das Bibelwort des Apostels Paulus: »Prüfet alles und behaltet das Gute.« (1. Thess 5,21) So werde ich

mit vielen neuen Eindrücken zurück kehren – Ordnung, ein deutlich klarer geregeltes Leben, Präzision, das sind Stärken der Deutschen. Aber manchmal fehlt ihnen die menschliche Wärme. Vielleicht kann ich durch meinen Aufenthalt hier dazu beitragen, das ein Stück weit zu ändern – mit Gottes Hilfe!

eins Mast; zwei Reifen; drei vergeben; vier  Weg; fünf Streichholz; sechs Killer; sieben  Schlange; acht Lot; neun Magazin; zehn Pass; elf Schuppen; zwölf Flügel

vor dem, was kommen würde. »Ich kenne die Sprache nicht, die Menschen haben eine andere Lebensweise und ich werde mich in diese Lebensweise nicht so einfach einfinden können.« Mit diesen Gedanken kam ich im September 2011 nach Deutschland. Was die Sprache betraf, erhielt ich gute Unterstützung von meiner Stiftung, die mir einen Intensivsprachkurs bezahlte. Außerdem konnte ich schnell Kontakte zu deutschen Studenten knüpfen, sodass ich mich bald auf Deutsch verständigen konnte. Schwieriger fiel es mir, mich an die Lebensumstände zu gewöhnen. Das Leben in Deutschland, vielleicht insbesondere in Leipzig, ist sehr anders als bei uns. Das Leben ist hektischer, die Menschen weniger entspannt. Bei uns zu Hause gibt es noch eine sehr starke Gemeinschaft innerhalb des Dorfes. Jeder kennt jeden und man hilft einander, wo man kann. Das gilt auch für das Leben unter den Studenten. In Deutschland hingegen kennen viele Menschen nicht einmal ihre Nachbarn. An diese Dinge kann und möchte ich mich gar nicht gewöhnen. Ich genieße es, in Deutschland zu leben, zu reisen, mir die schöne Landschaft und schöne Städte anzugucken. Ich lerne viel und mache gute Bekanntschaften. Aber für immer hier bleiben möchte ich nicht. Wer, wie wir Ungarn, in Rumänien in der Situation einer Minderheit aufwächst, lernt besonders seine Kultur und seine Werte zu bewahren, auch wenn die Mehrheit der Menschen anders denkt.

fünfundfünfzig


impressum

Mitarbeit in dieser Ausgabe: Salomon Krug Ulrike La Gro Lara Mührenberg Dorothea Müller Sámuel Nánási Frank Schenker Layout: David Ortmann Coverillustration: Carolin Hüttich

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Herausgeberinnen im Sinne des Presserechts: Marei Günther & Tabea Senkel Anschrift: Theologische Fakultät Leipzig Raum 436 (Fachschaft) Otto-Schill-Straße 2 04109 Leipzig thema.leipzig@googlemail.com

Impressum

Redaktion: Anja Enigk Paul-Friedrich Glüer Marei Günther Ferenc Herzig Thomas Jäger Manuel Kaiser Lydia Messerschmidt Richard Ringeis Tabea Senkel Anna-Luise Steinke Daniel Walther Franz Werfel

Herstellung: zimo kopie Leipzig Beethovenstraße 10 04109 Leipzig

#4 sechsundfünfzig


TheMa #4  

Theologisches Magazin Leipzig, Ausgabe vier

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