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2011 Breathe in Break out! R端ckblick

Kunst, Bildung und Wissenschaft Hip Hop als Bindeglied www.breatheinbreakout.de


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Opener Das “Breathe In–Break Out!” Festival ist für uns eine tolle Möglichkeit, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und auch etwas von dem selbst Erlebten an die neue Generation weiterzureichen. Uns soll es nicht darum gehen, Hip Hop, wie wir ihn erlebt haben, nostalgisch hinterher zu trauern. Vielmehr soll es um die Perspektiven gehen, die sich mit dem Festival wieder eröffnet haben. Halle hat im April 2011 bewiesen, dass es möglich und sinnvoll ist, progressiven Anspruch und Tradition zu verbinden – eine Idee, die schon im Kern des Hip Hop-Gedankens enthalten ist und bis heute relevant und aktuell geblieben ist. Zurück zum Ursprung. Damals sah sich eine ganze Generation von Jugendlichen auch in diesem Land einem unüberwindlichen Handicap sozio-kultureller Ausgrenzungen gegenüber. Dies ist dann zum Anlass geworden, aus 0+0=1 zu machen um im kreativen Miteinander einen konstruktiven Weg zu beschreiten, die eigene Identität zu ergründen und seine `Skills´ im friedvollen Wettbewerb mit Gleichgesinnten zu messen. Was u.a. im Zuge medialer Berichterstattung und aus mangelndem Selbstwert später daraus gemacht wurde, ist eine ganz andere Frage. Wir sehen unser Glück darin, in einer Zeit hier in Deutschland sozialisiert worden zu sein, die durch eine generelle Aufbruchsstimmung im Land und durch die noch relativ unverbrauchten Werte der Anfangszeiten des Hip Hop bestimmt war. Allerdings waren spätestens Mitte der Neunziger die Zeiten der legendären „Jams“ und des Trampertickets schon im Niedergang begriffen. Eine ganze Generation verschwand fast lautlos von der Bildfläche. Oder weißt du noch wer „Gawki“ war? Hip Hop ist vor allem anderen als Jugendkultur entstanden und auch eine solche geblieben. Wir alle kommen in ein gewisses Alter, das nach einem verantwortlicheren Lebensstil verlangt. Nicht umsonst prägen junge Gesichter die „Spotlights“ der Subkultur. Und man kann selbstkritisch festhalten, dass es einen Grund hat, warum nur Wenige im fortgeschrittenen Alter einen Bezug zum Hip Hop behalten haben, ohne dabei peinlich zu wirken. Anyway! Das „Breathe In – Break Out!“ hat aber eben den Anspruch, die größer gewordene Lücke zwischen den Generationen, zwischen Außenstehenden und Eingeweihten und zwischen Aktiven und Konsumenten bder Kultur (zumindest etwas) zu schließen. Es ist einem kleinen, feinen Kern an Mitstreitern zu verdanken, dass wir jetzt im zweiten Jahr angekommen sind. Es gibt keine Garantien für die Zukunft, aber wie sich gezeigt hat ein interessiertes Publikum. Und allen voran haben uns die Jüngsten von 3-4 Jahren aufwärts mit ihrem regen Interesse bestätigt, dass die Freude am Tanz die Zeit unbeschadet überdauert hat. Viel könnte man noch sagen über die Synergien, die sich in der Vorbereitung und im Ablauf des Festivals aufgetan haben. Doch wer sich inspiriert fühlt, den generationsübergreifenden Dialog zu suchen, einen Schritt auf die eigene Vergangenheit oder unbekanntes Land hin zu tun, oder sich schlicht dem ursprünglichen Hip-Hop anzunähern, der sei herzlich eingeladen, einen Blick in diesen Rückblick auf das BIBO 2011 zu werfen… !

BoOMBoX, DJ und Mitorganisator, Halle

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Der Ausgangspunkt:

Vom BIBO 2010…

Man muss nicht sonderlich aufmerksam durchs Leben laufen, um Hip-Hop zu hören oder zu sehen, zumindest was den Teil der Kultur betrifft, der sich als wirtschaftlich verwertbar herausgestellt hat. Um Hip-Hop wirklich zu fühlen muss man Augen und Ohren allerdings schon etwas weiter offen halten. Als 2010 in Halle das erste BIBO stattfand, waren dementsprechend zwar einige Menschen da, als überfüllt konnte man den Saal, in dem die Breaker die Tanzmatte polierten, aber noch nicht bezeichnen. Dafür hatten die meisten, die da waren, neben ihrem Leib auch ihre Seele mitgebracht, und wer gerade keine zur Hand hatte bekam sie kostenlos zum Ticket dazu.


So saßen und standen neben den altbekannten freshen, phatten und tighten Heads auch Menschen, die mit diesen Ausdrücken nur wenig anfangen konnten und dennoch das Gleiche fühlten. Eltern, die mit ihren Köpfen nickten, und gebannt ins Zentrum der Circles auf die Derwische des Hip Hop starrten, Kinder, die zum Teil gerade erst Laufen gelernt hatten und während der Pausen sich gegenseitig die ersten eigenen Moves präsentierten. Nachmachen, besser machen und so seinen Style und letztendlich sich selbst weiter entwickeln – von allen sogenannten Subkulturen bietet Hip Hop den größten Spielraum im reinen Wortsinn (siehe dazu Kay the Funk Seite 10 und eine Kritik von Thomas Land Seite 17). Hip-Hop lebt davon, dass jeder Mensch unmittelbar Teil der Show werden kann (siehe dazu Max Rademacher Seite 18). Ich kann mich noch bestens an die Jam-Session im Anschluss an die Battles und Auftritte erinnern, als die nachmittäglichen Besucher längst die Handtücher geschmissen hatten und das Publikum zum überwiegenden Teil aus Leuten bestand, denen es ganz offensichtlich in Fingern, Händen, Füßen und Zunge juckte. Die Mikrofone wurden weitergereicht, die DJs wechselten sich im Ping-Pong-Stil ab, weil keiner lange untätig herumstehen wollte und die mittlerweile recht großen freien Flecken im Saal wurden hier und da von Breakern okkupiert, die doch nochmal die Tanzwut gepackt hatte. Hätten irgendwo noch Farbdosen herumgestanden, die Luft wäre sofort mit Aerosol getränkt gewesen, was die Session in dem fensterlosen Raum wohl etwas schneller als gedacht beendet hätte. Aber Hip-Hop ist eben nicht totzukriegen, und solange es noch Luft zum Einatmen gibt, werden Leute aus der Masse der resignierten Grabredner ausbrechen und dieses Ding weiterleben, das irgendwann vor gut vierzig Jahren in der South Bronx in New York Gestalt angenommen hat. Breathe In – Break Out!

Sleep’n Eat, Rapper und Webmaster beim BIBO, Halle

Weitere Infos : http://hastuzeit.de/2011/%E2%80%9Ehip-hop-kann-mehr-sein%E2%80%9C/

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… zum BIBO 2011:

Hip Hop mit Herz und Seele BIBO 2011 und ich mittendrin, eher durch Zufall und weil ich einige der Mitwirkenden (bes. den Rasselbande e.V.) kannte. Ich ließ mich kurzerhand zum freiwilligen Helfer knechten, denn das Projekt versprach Großes! Ein Hip Hop-Festival, das mit Konferenzen, Workshops und öffentlichen Darbietungen „Hip Hop als pädagogisches Projekt“ (siehe dazu der Beitrag von MarieAntoinette Lührs Seite 12) propagierte, gepaart mit interkulturellem Austausch, das konnte nur „fett“ und interessant werden für einen Lehramtstudenten (Sport und Französisch), der selbst Hip Hop-Aktivist ist (Rapper). Und FETT war es dann auch! Was ich am Freitag noch von der Markt-Eröffnungssession gesehen habe, hat mir gut gefallen und ließ vermuten, dass das Festival, und sei es nur in Punkto BBoying, sehr sehr geil werden würde. Denn einige der Breakdance-Akteure des Festivals zeigten in einer großen Session, was man mit viel Übung und jeder Menge Liebe zur „Bewegung“ alles aufs Parkett legen kann, während DJs für guten, Breakdance-typischen Sound sorgten. Ich finde es immer toll, wenn so richtige Sessions auf öffentlichen Plätzen stattfinden, das zeigt, dass die Hip Hop-Kultur nicht verschwunden ist! Ich machte dann auch recht bald Bekanntschaft mit der französischen Seite der Dialoggruppe (siehe dazu Friederike Huetter Seite 19 und Sabrina Müller Seite 20) und empfand es als äußerst spannend mich mit ihnen über das Erleben der Hip Hop-Szene hier und in Rennes zu unterhalten und festzustellen, dass es doch auch noch Leute gibt, die Hip Hop als Zusammenwirken der vier Elemente Graffiti, DJing, B-boying und Rap begreifen, nicht nur in Deutschland. Es machte mir auch großen Spaß zwischen ihnen und anderen Beteiligten zu übersetzen. Nach der Präsentation des Films „The Freshest Kids“ (eine aus Aktivistensicht gelungene und aufschlussreiche Dokumentation über die Anfänge des Hip Hop) und der nachfolgenden Diskussionsrunde bezüglich der Entstehung von Hip Hop in der Bronx der 1970er, seiner globalen Verbreitung und seiner heutigen Artikulation (siehe dazu Max Rademacher Seite 18), ergaben sich viele kleine Gesprächskreise mit den Franzosen und Festivalgästen, Aktivisten und Nichtaktivisten. Viele bemerkten, dass man heutzutage durch mediale Verklärung oft den Eindruck gewänne, dass Hip Hop gleich Rap sei und die übrigen Elemente nur für sich stünden, der Film aber gezeigt hätte, dass es zu Beginn ganz anders gewesen sei und dass vor allem Breakdance und Graffiti ein subkulturbildendes Moment erzeugt hätten. Da freute ich mich, dass die Filmvorführung und die Gesprächsrunde bereits Früchte trugen. Doch es hätten am Freitagabend gerne mehr Gäste sein können... Das Breakdance-Battle und die dazugehörigen Rahmenveranstaltungen erfreuten sich aber glücklicherweise größeren Zulaufs durch ein sehr gemischtes Publikum. Da ich als Freiwilliger überall mal mit anfassen durfte, hatte ich auch die Möglichkeit überall mal reinzuschnuppern. Ich fand die Masse an angereisten BBoys & Fly-Girls echt beeindruckend. Und noch viel beeindru-

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ckender fand ich, was sie zur Musik dann darboten. Ebenfalls positiv aufgefallen ist das Angebot von mehreren Wettkampfformen, es sorgte für angenehme Abwechslung. Was mir natürlich als sehr gelungen im Gedächtnis geblieben ist, ist die Diskussionsrunde „Hip Hop als pädagogisches Projekt“ und die Vielfältigkeit, mit der man sich dem Thema genähert hat. Das kann man aus meiner Sicht wiederholen oder in ähnlicher Form neu gestalten, man sollte allerdings dann auch mehr Lehrer und Leute aus ähnlichen Berufsfeldern einbinden, wenn man will, dass solche Konzepte auch vermehrt in der Praxis umgesetzt werden. Ich möchte mich nochmal bedanken, dass ich dabei sein durfte!

Christian Mühlner, Rapper und freiwilliger Helfer, Bochum

Weitere Infos : Der Video-Beitrag vom Uni-TV Halle zum BIBO 2011 auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=xWfov9mwqao

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Hip Hop für Halle’s Jugend, nicht nur beim BIBO Ich bin als Sozialpädagoge in einem halleschen Kinder- und Jugendclub tätig. Meine vordergründige Aufgabe ist es für Kinder und Jugendliche, die teilweise aus problembehafteten Umfeldern kommen, ein fester Anlaufpunkt zu sein. Um ihnen Neues zu zeigen, sie zu fördern, Interessen zu wecken und eventuell versteckte Talente bei sich zu entdecken, finden verschiedene Veranstaltungen und Projektwochen statt (siehe dazu auch Lisa Göelitzer Seite 22). So wurde z.B. erst vor wenigen Tagen, am 05.08.2011, eine der Hip Hop-Kultur gewidmete Projektwoche mit einer fröhlichen Jam erfolgreich beendet. Fünf Tage lang hatten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit die Hip Hop-Elemente Rap, Breakdance und Graffiti zu entdecken. Während sich der Beginn der Projektwoche noch verhalten gestaltete, war in ihrem weiteren Verlauf zu beobachten, wie die Distanz der Teilnehmer zum Hip Hop immer geringer wurde und sie immer mehr in den Workshops aufblühten. In der abschließenden Hip Hop-Jam präsentierten sie die entstandenen Bilder, erlernte Tanzmoves und ihre eigenen Raptexte und wurden von den Eltern und Besuchern mit viel Anerkennung belohnt, die ihnen teilweise in anderen Lebensbereichen versagt wurde. Ihnen wurde gezeigt, dass sie etwas erreichen können, wenn sie sich auf Angebote und Aufgaben sowie auf die dahinter stehenden Menschen einlassen, in diesem Fall ermöglicht durch die Hip Hop-Kultur. Ähnlich sehe ich dies auch bezüglich des Festivals „Breathe in–Break Out“, welches dazu einlädt Hip Hop zu erleben und ein Teil der Kultur zu werden (eine Kritik dazu von Thomas Land Seite 17). Es ist immer wieder schön und spannend die drei Festivaltage im April zu erleben und mit meinen Möglichkeiten einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass das Festival jedes Jahr aufs Neue die Stadt an der Saale zu einem Ort verwandelt, in dem die Hip Hop-Kultur im Rampenlicht steht und mit Herz und Seele gelebt wird. Ich kann mich glücklich schätzen, das BIBO nun schon zum zweiten Mal hintereinander erlebt zu haben, und auch wenn nicht immer alles glatt lief und die eine oder andere Ecke und Kante zu einer erhöhten Schweißperlenproduktion führte, war es ein absolut gelungenes Festivalwochenende. Im Vergleich zum Geburtsjahr des BIBO (2010) ist mir im Verlauf des 2011er BIBO die erhöhte Nachfrage am Festival in Form gestiegener Besucherzahlen sehr positiv aufgefallen. Man hat gemerkt, dass es sich herumgesprochen hat, dass die Stadt für ein paar Tage im April tanzt. Mich hat es auch sehr gefreut, dass es so eine bunte Publikumsmischung gab. Das „Breathe in–Break Out“ beherbergte neben Tänzern aus unterschiedlichen Ländern viele junge Gäste, einige jung gebliebene und auch ganze Familien. Der Besuch wurde auch belohnt: neben Konferenzen (siehe dazu der Beitrag Marie-Antoinette Lührs Seite 12) und Workshop-Angeboten gab es spannende und stylische Tanzduelle. Ich finde es schön, dass es das BIBO gibt und es auch noch weiter geben wird! Dass ich nicht alleine mit dieser Meinung dastehe, zeigen die von 2010 auf 2011 gestiegenen Besucherzahlen. Weiter so, the next edition comes und ich bin gerne wieder ein kleines Zahnrad des BIBO-Uhrwerks! Funky Greets! 10

Kay The Funk, DJ und Mithelfer beim BIBO, Halle


Weitere Infos : Künstlerwebseite von Kay the Funk & Sleep’n Eat MC (Deux Messieurs de Phonk): http://www.stylerberg.de

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Wissenschaftler, Aktivisten und Pädagogen im Dialog mit der Öffentlichkeit Jedes BIBO stellt neben den Workshops und dem Battle auch eine Konferenz auf die Beine. In diesem Jahr ging es um das Thema „Hip Hop als pädagogisches Projekt“. Es wurden diverse Leute eingeladen, die ihre Sicht auf das bildende Moment Hip Hop im Diskurs mit dem Publikum erläuterten. Die Location im Volkspark war so offen gewählt, dass jeder einfach kommen und gehen konnte. Diese lockere Atmosphäre unterstrich, dass wir es hier vordergründig mit Hip Hop zu tun hatten. In der ersten Hälfte gab Nicola Goasdoue, Soziologie-Doktorand der Universität Rennes, einen Einblick in seine Arbeit und sprach über die Ursprünge des Hip Hop zwischen 1900 und 1970 aus kultur- und musikethnologischer Perspektive. Es war wirklich interessant, Hip Hop als emanzipatorische Bewegung in New York in den 70ern mit Fokus auf die Zulu Nation als politische Hip Hop Bewegung zu betrachten. Jemanden, der eine solch tiefgründige Kompetenz und Sympathie ausstrahlt, findet man in der Wissenschaft außerhalb des Forschungsbereichs Hip Hop nur selten (mehr zum Verhältnis von Hip Hop und Wissenschaft von Nicolas Goasdoue auf Seite 14). „Matze“ Jung (Archiv der Jugendkulturen Berlin) sprach anschließend über Empowerment durch Graffiti in Rio de Janeiro. Als Sozialgeograph und Sprayer tingelte er anderthalb Jahre durch die Stadt und verfasste im Anschluss auch seine Diplomarbeit darüber. Er untersuchte und (er)lebte Graffiti-Kultur in Favelas als solidaritätsstiftende Maßnahme, als eine legale, anerkannte Kunstform, wie wir es hier seit langem vermissen. Dass er selbst zur Szene gehört, vermittelte mir das Gefühl eines Hip Hop-Reiseberichts. Es ist etwas anderes, mit einem Menschen Erfahrungen zu teilen, der aktiv dort gelebt hat, als mit Jemandem, der nur einen kurzen Forschungsbesuch unternimmt. Ich kann nur etwas bewerten, wenn ich wirklich eingestiegen bin. Über den Kontinent hinauszublicken und zu spüren, wie Hip Hop woanders automatisiert wirkt und - ganz maßgeblich - Gruppenzusammenhalt und Solidarität fördert, faszinierten mich und auch das Publikum: Während seines Vortrags fanden sich im Auditorium spontan Gruppen zusammen, innerhalb derer französisch oder polnisch übersetzt wurde. Das brachte eine schöne, warme Stimmung in die Konferenz und öffnete die Ohren aller Beteiligten. Nach einer Pause ging es um Menschen, die Hip Hop aktiv als pädagogisches Konzept nutzen. Zuerst sprach Maxi Kretzschmar zur ihrem Projekt „IBUG“, der Industriebrachen-umgestaltung in Meerane. Stellt euch ein Festival vor bei dem Sprüher und Streetartists ein Wochenende lang alte Industriegelände komplett umgestalten. Reiz daran ist, dem Verfall von industriellen Anlagen neues Leben einzuhauchen und das Bewusstsein der ländlichen Bevölkerung für Kunst, Kultur und Architektur zu schärfen. In einer Region, die durch Arbeitslosigkeit, Überalterung und ein geringes kulturelles Angebot geprägt ist, will die Urban Art als eigenständige Kunstform in einer problembehafteten Gegend Augen öffnen und inspirieren. Die IBUG steht noch aus. Ich werde hinfahren. Mich hat das Konzept also ganz offensichtlich motiviert =). 12 Wir blieben im Mitteldeutschen Raum und der Bautzener Reno Rössel schloss sich an, um u.a. seinen Jugendclub „Steinhaus e.V.“ vorzustellen. Er sprach über pädagogische Ressourcen im Hip Hop und gab Einblicke in seine Form von Jugendarbeit (siehe dazu


auch Kay the Funk Seite10 und Lisa Göelitzer Seite 22), über das Multi-Medium Hip Hop via Schulprojekte und das Fördern von Bewusstsein gegen Rechts-extremismus. Am Ende reihte sich das Hip Hop-Urgestein Akim Walta ein. Er ist im internationalen Rahmen unterwegs und praktiziert in Zusammenarbeit mit diversen Förderern und Hilfs-organisationen Jugend- und Sozialarbeit. Beeindruckend war für mich, mit welcher Vehemenz er für Lösungsorientierungen plädierte und Ansätze für konkrete gesellschaftliche Probleme und Widersprüche bot. Für den Bereich der Kreativ- und Kulturwirtschaft artikulierte er Potenziale hinsichtlich konkreter, aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Ich konnte sehen, wie das Publikum fast ehrerbietig an seinen Lippen und seiner Präsentation hing, egal wie weit er die Zeit überzog =). Ich schließe aus einigen wenigen Gesprächen mit dem Auditorium nach der Konferenz, dass junge Lehrer im Studium bzw. auch praktizierende Lehrer sehr inspiriert und gestärkt wurden, Hip Hop mehr in den rein schulischen Rahmen zu integrieren und es, nach wie vor, als sinn-volles Feld in der Pädagogik betrachten, das es stärker zu fördern gilt. Der nicht minder rege Austausch verschiedener Altersgruppen und Menschen innerhalb der Konferenz hat mir gezeigt, wie allgegenwärtig und bestärkend Hip Hop wirkt. Gerade junge Menschen in ihren individuellen Problemen finden darüber einen schnellen Zugang zur Konfrontation mit ihrem Leben, und das global! (siehe dazu auch Max Rademacher Seite 18) Es war toll so viel leidenschaftliches Engagement bei der Konferenz wie auch beim BIBO generell miterleben zu können. Ich freue mich auf die next BIBO Edition! Danke!

Marie-Antoinette Lührs, Moderation Konferenz „HipHop als pädagogisches Projekt“, Dresden

Weitere Infos : Der komplette Artikel „Auf Biegen und Sprechen- Das Breathe in – Break out! - Festival wirft die Frage nach dem Potential von Hip Hop auf“ von Max Rademacher im Corax Monatsmagazin April 2012 http://issuu.com/corax/docs/pzapril2011 http://959.radiocorax.de/images/stories/bildmaterial/corax_apr11.pdf

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Warum und wie vernetzt Hip Hop Kulturen?

– Eine Einleitung zum BIBO-Teilprojekt „Deutsch-französischer Hip Hop Dialog“ Aufgrund des positiven Feedbacks zur ersten BIBO Edition 2010, haben wir 2011 die deutschfranzösische Komponente des Festivals stärker ausgebaut. So stellten wir einen deutsch-französischen Austausch zwischen Aktivisten aus Rennes (F) und Halle auf die Beine, die „Hip Hop Dialoggruppe“. Dieses Team widmete sich in Halle dem gemeinsamen künstlerischen Schaffen, führte am Thomas-Müntzer Gymnasium einen deutsch-französischen Hip Hop-Projekttag durch und dokumentierte das Festival Schritt für Schritt journalistisch über einen deutsch-französischen Blog. Hip Hop verbindet in der Tat problemlos Kulturen und wird u.a. schon lange gezielt als Medium in der interkulturellen Jugendarbeit eingesetzt. Doch was macht eigentlich Hip Hop so interkulturell? Dass Hip Hop sich explosionsartig auf andere Teile und Regionen der Erde ausbreiten konnte liegt daran, dass sie von Anfang an multikulturell war. Trotz des starken Bezugs zu westafrikanischen Wurzeln, war sie ein „polykulturelles soziales Konstrukt“, so der Schauspieler und Hip Hop-Theater Regisseur Danny Hoch. Hip Hop war nie ausschließlich „schwarz“, “maskulin“ oder „heterosexuell“. An seiner Entstehung waren Puerto-Ricaner, Dominikaner, Jamaikaner und Unterschichts-Weiße, Frauen wie Homosexuelle beteiligt. Wie bereits erwähnt bediente sich die Hip Hop-Bewegung der verschiedensten Einflüsse, von Jazz, Blues, Rock, Mambo und Capoeira bis hin zu Kung Fu. Bis heute haben Hip Hop-Künstler und Aktivisten weltweit die Fähigkeit bewiesen, eine kulturelle Praxis, die aus einem spezifisch US-amerikanischen Kontext kam, in ihren lokalen, kulturellen und sozialen Kontext einzubetten und kreative Brücken zu bauen. Grönländische Inuit-DJs benutzen heute Walrufe in ihren Liedern, Mexikaner bauen aztekische Ikonographie in ihre Graffiti-Bilder ein, neuseeländische Maoris verbinden Breakdance mit ihrem traditionellen Wero-Tanz. Für viele Beobachter liegt die Attraktivität vom Hip Hop als Kulturform in ihrer Offenheit und Flexibilität begründet (eine Kritik dazu von Thomas Land Seite 17). In der Tat bereitet Selbsterkenntnis, die oft beklagte, lähmende Schaffensvoraussetzung der postmodernen Kunst, Hip Hoppern keine Probleme. Mit dem Wissen, dass es alles schon vorher gegeben hat und der daraus entstehenden Angst, redundant und irrelevant zu sein, plagt sich Hip Hop nicht herum. Im Gegenteil: je mehr bereits gesagt und gemacht wurde, desto mehr hat man, womit man spielen kann. Es ist die Liebe zur Collage, zum Samplen, Remixen, Verschieben und Umgestalten, die Hip Hop als Kulturform auszeichnet und damit weitestgehend konstruktiv und lebensbejahend macht.

Max Rademacher, Mitorganisator, Rennes (F)

Weitere Infos : 18

Mehr dazu in dem Artikel „Auf Biegen und Sprechen- Das Breathe in – Break out! - Festival wirft die Frage nach dem Potential von Hip Hop auf“ von Max Rademacher im Corax Monatsmagazin April 2012 http://issuu.com/corax/docs/pzapril2011 http://959.radiocorax.de/images/stories/bildmaterial/corax_apr11.pdf


Weitere Infos : Blog der Dialoggruppe zum Festival: http://breatheinbreakout.blogspot.com/

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Hip Hop macht Schule - die Dialoggruppe am Thomas Müntzer-Gymnasium Heute, am 15. April 2011, fanden am TMG Halle im Rahmen des BIBO Festivals mehrere Hip Hop-Workshops statt. Im Laufe des Vormittags konnten sich ca. 80 Kinder im Alter von zehn bis dreizehn Jahren zwischen den Disziplinen Rap, Breakdance und Graffiti entscheiden und innerhalb von 90 Minuten einen Einblick in die Welt des Hip Hop erlangen. Die bilingualen LeiterTeams waren je aus einem französischen und einem deutschen Künstler zusammengestellt. Den Kindern wurde so die Möglichkeit gegeben, ihren Horizont interkulturell zu erweitern, was sie auch mit viel Freude und Kreativität taten. Nach einer kurzen geschichtlichen und inhaltlichen Einführung beider Kulturen auf diesem Gebiet, animierten die Rapper Elecstrik aus Rennes und Yowdan aus Halle die Kinder, selbst zu reimen und ihr Werk vorzutragen. Bei der Umsetzung wurden ihnen viele Freiheiten gelassen und zur Selbstreflexion angeregt. Wir waren erstaunt zu sehen, wie die Kinder sich in ihre Rolle hineinfanden und Texte voller Ideenreichtum entstanden (über Hip Hop und Jugendarbeit siehe auch Kay the Funk Seite 10). Im Laufe des Breakdance-Workshops, animiert von Miky aus Rennes und Cooper aus Halle, lernten die Kinder erste Grundschritte und natürlich auch, sich durch vorherige Aufwärmung vor Verletzungen zu schützen. Dabei wurden sie durch viel Bewegung angeregt und halfen sich gegenseitig. Den Schülern gefiel die lockere Atmosphäre sehr und meist trauten sie sich dann auch ihr Gelerntes am Ende der 90 Minuten im Circle vorzuführen. Parallel dazu präsentierten Fabian (Halle) und Julien (Rennes) verschiedene Schrift-Gestaltungsarten. Sie erklärten den Aufbau eines Graffitis und halfen den Kindern ihren eigenen Schriftzug zu zeichnen. Danach wurde die Kunst mit Dosen zuerst auf Pressspanplatten gesprüht und abschließend auf einer Mauer im Gelände verewigt. Darüber hinaus erkundeten die Kinder mit spielerisch wissenschaftlichen Experimenten die Welt des Klangs und Schalls mit Markus Grossmann vom Rasselbande e.V. und Gaëtan Dzoni, der im Auftrag des Bildungsvereins „Les petits débrouillards“ (= Die kleinen Findigen) aus dem Elsass anreiste (siehe dazu Gaëtan Dzoni Seite 24). Wir danken dem Kollegium des Thomas Müntzer-Gymnasiums für die gute Zusammenarbeit und das Ermöglichen des guten Ablaufs des Workshopvormittags! Lisa Gölitzer, freiwillige Helferin, Studentin Soziologie MLU Halle

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Weitere Infos : Bildergalerie des Workshops: http://www.gym-muentzer.bildung-lsa.de/berichte/20102011/april/2011_04_15_Breathe_in_Breake_out/Tmg150411/ fotos.html


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Wissenschaft spielerisch entdecken Die deutsch-französischen Workshops, deren Fokus auf dem wissenschaftlichen Entdecken lag, fanden vor und während des Festivals parallel zu den Rap-, Breakdance-, und Graffitiworkshops statt. Da die Zielsetzung das Aufzeigen der kulturellen Vielfalt war, schien es wichtig, die Verbindung herzustellen zwischen der Kunst von Musik und Tanz des Hip Hop sowie Überlegungen wie „Was ist der Klang? Wie entsteht er?“ oder auch „Wie kann man das Gleichgewicht halten? Was ist ein Schwerpunkt?“, was das künstlerische Entdecken des Festivals bereicherte. Das Publikum - Kinder, Jugendliche, Eltern - wurde auf diese Weise, ohne sich dessen tatsächlich bewusst zu sein, mit den Gesetzen der Physik konfrontiert und das stets in einem festlichen und unterhaltsamen Rahmen. Für den französischen Verein „Les petits débrouillards“ ist dies ein wichtiges Mittel, um zu zeigen, dass Lernen und Bildung, vermittelt durch die Methode des Experimentierens, sich immer und überall wiederfinden. Für mich persönlich bleibt die deutsch-französische Ausrichtung des Festivals ein wichtiges Element, welches es dem Organisationsteam sowie dem Publikum ermöglicht, Zugang zu diesem Austausch zu finden. Gaëtan Dzoni, Animateur im Bereich Wissenschaft – Verein „Les petits débrouillards Alsace“, Strassburg (F)

Ein Wort vom FAZ Eine lebendige und vielfältige Musikkultur zu unterstützen, liegt uns am Herzen. Das Festival bringt Familienmitglieder jeden Alters zueinander, gibt neue Energie und steckt mit Lebensfreude an. Ein guter Beitrag, um viel Kraft für den Alltag zu schöpfen. Das wunderbare am Hip Hop ist, dass es nicht nur etwas Unbekanntes, Exotisches ist und im Verborgenen praktiziert wird, sondern mitten unter den Menschen unserer Stadt gelebt wird und alle Schichten, Nationen und Religionen sich begegnen können. Eine Veranstaltung, die zum Reichtum unserer Stadt beiträgt und Familien zum Herkommen und Hierbleiben einlädt. Teilnehmende konnten in unserem Haus die Räume zum Aufhalten, Ausruhen und Verpflegen nutzen und die Begeisterung in Gesprächen und Begegnungen weitergeben. Annett Göhre, Familienzentrum Halle

Weitere Infos : 24

Webseite der petits débrouillards Alsace: http://www.lespetitsdebrouillardsalsace.org Webseite FAZ Halle: http://www.familie-im-cvjm.de/


Die Rasselbande beim BIBO 2011 Das BIBO ist mir schon seit 2010 bekannt, leider war es mir im letzten Jahr nicht möglich dieses einzigartige Event in Halle mitzuerleben. Umso mehr habe ich mich gefreut, 2011 nicht nur teilnehmen zu können, sondern das BIBO aktiv zu unterstützen. Dazu kam ich über mein ehrenamtliches Engagement im Verein Rasselbande e.V., der im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit tätig ist und das BIBO 2011 getragen hat. Auch zur Stadt Halle habe ich einen engeren Bezug, da ich selbst dort studiert und die Stadt als sehr lebenswert wahrgenommen habe. Zur Jugendkultur Hip Hop hatte ich vor dem Festival nur wenig Zugang, was sich jedoch durch den offenen Austausch im Verlauf des Festivals schnell ändern sollte. Während des Festivals habe ich kleinere organisatorische Aufgaben übernommen, wie z.B. auch die Unterstützung und Betreuung der Dialoggruppe (siehe dazu Friederike Huetter Seite 19 und Sabrina Müller Seite 20). Innerhalb dieser Gruppe, aber auch im Rahmen des gesamten Festivals, konnte ich die enorme verbindende Wirkung dieser Kultur selbst erleben, welche interkulturellen Austausch möglich macht. Ein Beispiel dafür, das mich tief beeindruckt hat, sind die von der Dialoggruppe durchgeführten Workshops am Thomas-Müntzer-Gymnasium gewesen (siehe dazu Lisa Göelitzer Seite 22). Weiterhin sehr positiv fand ich das gemischte Publikum, durch das nicht nur ein Austausch zwischen verschiedenen Kulturen (siehe dazu Max Rademacher Seite 18), sondern auch zwischen verschiedenen Altersgruppen ermöglicht wurde, sowie den Mix aus Workshops, Konferenzen und Breakdance-Battles. Generell muss ich sagen, dass ich das BIBO als sehr interessant, lehr- und abwechslungsreich erlebt habe und viele neue nette Leute kennengelernt habe. Abschließend würde ich mich gern bei Euch allen für die vielen interessanten Eindrücke bedanken. Ich freue mich schon auf die nächste BIBO Edition und die neuen Erfahrungen und Erlebnisse, die dieses Festival ausmachen. Ich bin gerne bereit wieder zu helfen und hoffe, ihr erscheint zahlreich. Anke Just, Vereinsmitglied Rasselbande e.V., Dresden

Weitere Infos : Webseite des Rasselbande e.V.: http://www.rasselbande.org

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Aktionsp Volkspark

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FAZ (Famili enzentrum halle) Bergschenk e Palette Marktplatz City Statio n Hostel

Assesino St udio Corax MDR Sput nik Buntfu nk

Un grand merci: an alle Bboys, Künstler, Aktivisten, Kinder, Jugendliche und Familien, die an diesem Festival mit Herz und Seele teilgenommen haben. an alle freiwilligen Helfer, Circular Flash, Assesino Records, 4Ward, das FAZ, die Rasselbande und congrav– ohne euch wäre das Festival nicht zu stemmen gewesen! an Simple One – ein BIBO ohne deine unverkennbar freshe Moderation wäre undenkbar! an Fungi und Oli für die tollen Fotos. an Anthony Bossard für die Layout-Vorlage und die Unterstützung beim Druck der Mappe. ganz besonders an die honymus-Stiftung Halle Merseburg – unser Fundament.


Dieses BIBO Festival wurde realisiert mit der Unterst端tzung von:

Kontakt : info@breatheinbreakout.de http://breatheinbreakout.de/

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www.breatheinbreakout.de


Breathe In Break Out! 2011: Rückblick