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the birth journey Sonderausgabe

U Achtsamkeit U Yoga Bonding U Kaiserinnenzeit U Doula

Selbstvertrauen


Die Reise des Lebens 6

Der weibliche Weg 12

Birth your Essence 18

Der weibliche Zyklus 22

Kinderwunsch 28

Achtsamkeit 34 Bewusstheit 40

Selbstvertrauen 44

Frauenkreise 48

Bless the way 52

Schwangerenyoga 56 Essence of Birth 60

BabybauchflĂźstern 70 2


Doula 76

Akupunktur 80

Liebevolle BerĂźhrungen 82

Zwillinge 86

Ăœber den Kaiserschnitt 90

Ein Einhorn namens Geburt 94

Wendepunkt Geburt 102

Kaiserinnenzeit 108 Babymassage 112

Bonding 116

Stillen? Ja, ich will! 120 Kolostrum 124

Die goldenen Stillhypnose 128

Tragen 134 3


Die wundervollen Frauen, die ihre Weisheit mit uns teilen...

ANGELIKA LEIBNITZ

Angelika ist eine Biologin aus Österreich. Sie hat sich viel mit dem weiblichen Zyklus beschäftigt, vor allem mit der Lehre des Vöcklabrucker Mediziners Prof. Dr. med Josef Rötzer, der sein Leben der Zyklusforschung gewidmet hat. Auf ihrer Homepage findet ihr viele Infos rund um den Zyklus der Frau. www.derweiblichezyklus.com

JAGUAR (YOLANDE ALICE CARRELL)

Doula, Geburtsvorbereiterin, spirituelle Schwangerschafts- und Geburtsbegleiterin, Neuseeländische Medizinfrau, Heilerin, Heilpraktikerin, Craniosacral Therapeutin, Sängerin, Poetin und Schriftstellerin. Ihr gesamtes Wirken und Tun gilt dem heutigen Erwachen der weiblichen Kraft. Praxis in Berlin sowie Online-Angebote. www.lovemedicine.org

www.lichtgeburt.org

JUTTA WOHLRAB

Jutta arbeitet seit über 30 Jahren als Hebamme und hat nie aufgehört, sich neuen Methoden, Therapien und Ideen zu öffnen. Sie hat Zusatzausbildungen in Akupunktur und Homöopathie, in Hormon­Yoga und Hypnose. In ihre Arbeit integriert sie Wissen aus der Pflanzenheilkunde, Massagen und vieles mehr. www.elementsofbirth.com

TANJA LIEBL

Tanja ist als Hebamme und Beraterin in freier Praxis tätig. Zu ihren Schwerpunkten zählt die Geburtsvorbereitung mit Hypnobirthing & Achtsamkeit, Schwangerschaftscoaching und die Aufarbeitung schwieriger Erlebnisse rund um Schwangerschaft und Geburt. www.tanjaliebl.at

CHIARA RIESS

Chiara arbeitet seit kurzem mit schwangeren Frauen und jungen Müttern. Sie hat Psychologie und Erziehungswissenschaften studiert und ist gerade dabei, die Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichentherapeutin zu machen. Außerdem ist sie systemische Beraterin/Therapeutin, Geburtsbegleiterin und EMDR-Coach. www.gefuehlswelten-berlin.de

JOBINA SCHENK

Jobina ist Life Coach, Autorin und Bloggerin und unterstützt dich dabei, in deine ursprüngliche schöpferische Kraft zu kommen. Du möchtest die natürliche Geburt ohne Interventionen meistern? Statt Geburtsfrust lieber Geburtslust erleben? Werde inspiriert durch ihr Buch „Meisterin der Geburt“ oder arbeite persönlich mit ihr. www.meisterin-der-geburt.de

ANJA FREIST

Anja ist Mutter von 4 Kindern und arbeitet als Naturpädagogin und Doula. Seit einigen Jahren begleitet sie Frauen in der Schwangerschaft und während der Geburt. Als Geburtsbegleiterin bietet sie den Frauen emotionale und körperliche Unterstützung und legt den Fokus dabei auf möglichst viel Selbstbestimmung. www.anjafreist.de

CHRISTINA LAW-MCLEAN

Christina ist seit über 22 Jahren in der Stillberatung tätig, sowohl in der Klinik als auch in freier Beratung. Sie bloggt zum Thema Stillen, veröffentlicht regelmäßig Videos mit Stilltipps auf ihrem YouTube-Kanal und konzipiert Onlinekurse zur Stillvorbereitung und Stillproblemen. www.entspannt-stillen.de

TANJA

Tanja bloggt über ihre Erfahrungen als Mama, Schwangere und Gebärende und möchte Frauen dazu einladen, ihre ganz eigene, selbstbestimmte und vor allem kreative Schwangerschafts- und Geburtsreise zu erleben.

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www.HerzBauchWerk.ch


INGA SARRAZIN

Inga ist Mama von Zwillingen und Mitgründerin von maternita Schwangerschafts-Concierge und Baby Planner in Berlin. Sie begleitet werdende und wachsende Familien durch die Zeit der Schwangerschaft und erstem Jahr mit Baby. Als AFS Stillberaterin bietet sie zudem Stillberatung vor allem für Zwillingsmütter an. www.maternita.de

TATJE BARTIG-PRANG

Tatje schreibt bindungsorientierte Ratgeber für entspannte Familien und arbeitet in eigener freier Praxis. Im April ist ihr neuestes Buch erschienen: „Autogene Geburt. Mit Hypnobirthing selbstbestimmt gebären“ Trias: 2016. www.unterm-herzen.org & www.autogene-geburt.de

ISABEL FALCONER

Isabel, Mama von 2 Kindern, begleitet Frauen auf ihrem Weg durch Mutterschaft und Frau-Sein. Als Autorin und Coach gibt sie Impulse zum Thema Mutter werden und Frau bleiben. Fokus ist stets die eigenverantwortliche Förderung der Gesundheit von Mutter und Kind. www.magna-mater.de

MAG. DORIS MOSER

ist zweifache Mama, Kultur- und Sozialanthropologin, Geburtsbegleiterin und Autorin. In ihrer Arbeit setzt sie sich für die Aufklärung und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ein. Sternentänzerin, Tagträumerin, Drachenfrau, Mondschwester, Lebensweberin www.rotemondin.com

NINA WINNER

Nina arbeitet als Therapeutin, Coach und Mentor mit Kinderwunschklientinnen, schwangeren Frauen und Jungmamas. Bist du bereit, deine Themen ganz genau anzuschauen und wünschst du dir Unterstützung dabei, alle Steine aus dem Weg zu räumen, die dir und deiner positiven Geburtserfahrung im Weg stehen könnten? www.geburt­-und­-mama­-sein.com

KARINA BARTHOLICH

Karina begleitet werdende Eltern ab Beginn der Schwangerschaft bzw. des Kinderwunsches bis ins Kleinkindalter und darüber hinaus. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Ver-Bindung von Mutter bzw. Vater und Kind. www.babysprechstunde.at

DORIS LENHARD

Doris ist Systemische Familientherapeutin, Hypnobirthing-Kursleiterin und Bindungsanalytikerin. In ihrer MaBaZ-Praxis in Bonn begleitet sie schwangere Paare und unterstützt Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. www.fachpraxis-doris-lenhard.de

KRISTINA WIERZBA-BLOEDORN

Kristina ist Doula, Stillberaterin und Gründerin des Aktionstages "Kölner GeburtsTAG". Sie hat Bauchgeburt. de ins Leben gerufen, eine Seite mit vielen interessanten und hilfreichen Informationen, Ideen und Anregungen rund um das Thema Kaiserschnittgeburt und VBAC. www.bauchgeburt.de ANDREA

ist Vollzeit-Mama von zwei Kindern und bloggt erfrischend und ehrlich rund um die Themen Schwangerschaft und Geburt. Sie hinterfragt, klärt auf und lässt uns ganz nah an ihre eigenen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle heran. www.motherbirthblog.wordpress.com

Aline ist Herz und Seele des Blogs URNATURAEN. Sie nimmt uns mit in Bild und Wort durch Geschichte und Zukunft. Streifzüge durch heimische Berge, Wälder und Wiesen. Liebe zur Weisheit. Altes Wissen. Mystik und Rationalität. Heilende Natur. Pflanzliche Ernährung. Mutter werden. Mutter sein. www.urnaturaen.blogspot.de

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DIE

Reise DES

Lebens

Veränderungen gehören zum Leben. Wie monoton und langweilig wäre es sonst auch. Wir tauchen immer wieder ein in neue Abschnitte. Der Schulabschluß, ein neuer Job, eine neue Liebe, eine neue Stadt. Die Basis unserer Lebensreise übersehen wir heutzutage oft. Dabei hat jede Etappe so besondere Geschenke für uns. Ich möchte dich einladen, das große Ganze deiner Lebensreise wieder wahrzunehmen.

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Lebensreise Jede von uns wurde als Tochter geboren. Das ist der erste Abschnitt unserer Reise. Wenn wir dann bereit sind, selbst einem Kind das Leben zu schenken, sind wir nicht mehr allein Tochter, sondern werden selbst zur Mutter. Ein ganz neuer Abschnitt mit wundervollen Möglichkeiten beginnt für uns. Auch unsere eigenen Mütter reisen weiter. Sie werden zur Großmutter.

Tochter - Mutter - Grossmutter Halte kurz inne. Schau dir an, wo du stehst auf dieser Lebensreise. Lege deine Hände auf dein Herz. Atme tiefe, entspannende Atemzüge. Nimm dich wahr. Nimm dein Leben wahr. Sieh dich als Mädchen, als Frau, als Mutter, als Großmutter. Sieh den ganzen Weg mit all seinen Etappen vor dir.

SIEH DAS GROSSE GANZE.

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SIEH, WO DU JETZT GERADE STEHST.

Wie fühlt sich deine Reise an? Was siehst du? Was erkennst du? Was spürst du? Nimm dir Zeit, deinen Weg zu sehen und ihn zu spüren. Erkenne, welche Wandlung in dir geschieht. Erkenne, welche Wege sich dir zeigen. Erkenne, wer du bist und was dir entspricht.

Gehe deinen Weg, der sich dir immer klarer zeigen wird. Erwarte nicht, dass dieser Weg geradlinig verläuft. Sei offen für Impulse, die sich auf deiner Reise zeigen. Wähle die Pfade, die die in dir

Freude, Zuversicht und Vertrauen

erwecken.

Habe im Gepäck, was dir wichtig ist. Nimm mit, was dich wachsen lässt. Schaue immer wieder in dein Gepäck. Lass los, was deinen Weg schwer macht.

Ich wünsche dir eine Reise, auf der du die Schätze deines Lebens entdeckst! Patricia

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GedankenRaum

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GedankenRaum

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Der weibliche Weg

Entdecke die Geschenke deiner Weiblichkeit JAGUAR (YOLANDE ALICE CARRELL)


Nutzen wir heute alle Potentiale, die uns innerlich zur Verfügung stehen? Wissen wir um die weiblichen Mysterien, die ganz mit uns selbst verwoben sind? Ich begleite Frauen in den verschiedenen Lebensabschnitten des Frau-Seins, ganz elementar auch in der Zeit der Schwangerschaft und Geburt. In dieser Arbeit und im Kontakt mit vielen Frauen wurde mir klar, dass obwohl doch so einfach und offensichtlich, wesentliche Aspekte des Ausdrucks unserer weiblichen Lebenskraft oft verschüttet und vergessen sind oder ganz an letzter Stelle stehen.  Weibliche Kraft Während der Schwangerschaft und vorbereitend für die Geburt kommen Frauen zu mir mit dem tiefen Bedürfnis, ihre weibliche Kraft auszudehnen, besser zu verstehen, innere Wege und Türen zu öffnen. Der Wunsch nach einer innigen Verbindung zum eigenen Körper und zum wachsenden Kind sowie individuelle Wege zu finden, die zurück zur Natur führen - der inneren weiblichen Natur und der Erde - und auch die Entwicklung von mehr und mehr Selbstvertrauen stehen hier oft im Vordergrund.    Selbstliebe im Frau-Sein Ganz und gar den eigenen Körper zu achten, zu lieben und zu verstehen, ist meist ein lebenslanger Prozess, der auch in ständiger Veränderung in uns selbst ist. Uns selbst den Raum geben, um in tieferen Kontakt mit uns selbst zu sein und mit den weiblichen Qualitäten, die in uns wohnen, ist ein wertvoller Akt. Noch immer werden die weiblichen Wege und Geschenke der Frauen häufig als

zweitrangig in dieser Gesellschaft gewertet. Dem ist nicht so. Diese weiblichen Geschenke bringen so viel Liebe und Schönheit, Wahrheit, natürliche Wildheit und Heilung in unsere Leben. Frau-Sein, die weiblichen Zyklen, Schwangerschaft und Geburt lehren uns über das Leben, und vor allem auch um das weibliche Wesen und den Weg der Seele hier auf dieser Erde. So sind sie wegweisend für die Qualitäten und das schöpferische Potential, das wir als Frauen alle in uns tragen. Ich empfinde es so, dass es von wesentlicher Bedeutung für uns als Frauen ist, diese weiblichen Wege zu begehen, die eigene Gebärmutter, das eigene Herz und die eigene Kraft so gut wie möglich zu kennen. Diese Sehnsüchte rücken oft in der Schwangerschaft eher in das Bewusstsein, sind jedoch für uns zu jeder Zeit zugänglich.    Transformationszeit Schwangerschaft Die Schwangerschaft ist natürlich ein unglaublich bedeutsamer Zeitpunkt, um noch viel tiefer und weiter mit sich selbst zu gehen. Denn es befindet sich alles - Körper, Geist und Seele - in einer enormen Transformation, die auch innerhalb jeder Schwangerschaft anders ist. Die Geburt ist ein Moment im Leben jeder Frau, in denen die inneren und äusseren Tore so weit auf gehen wie sonst normalerweise nicht. Der Körper, die Seele, das ganze Wesen kommt der Natur des Universums so nahe in solch direktem Kontakt mit der Urquelle des Lebens. Dies ist unter all unserem medizinischen Wissen

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heute in den Hintergrund gerückt. Auch während der Menstruation öffnen sich die Tore der Frau. Diese heiligen Lebensprozesse innerhalb des Lebens einer jeden Frau verdienen es geehrt, gefeiert und in absoluter Würde gelebt zu werden. Die Schöpfungskraft, die wir als Frauen in uns tragen, die in der Geburt eines Kindes zum fassbaren Ausdruck kommt, ist jederzeit für uns greifbar. Sie wartet nur darauf, dass wir zu ihr finden!   Der eigene innere Wissensquell  In unserer Gebärmutter schlummert ein altes Wissen, das durch unsere Knochen, unser Blut und unser Herz, durch unsere innere Stimme zu uns strömt. Jede von uns hat in sich ihr ganz eigenes Wissen um den eigenen Körper und die eigene Heilung bestimmter “Baustellen” ihres Leben. Ein Wissen, das durch die Zuwendung nach Innen und durch das Anerkennen der Intuition frei fließen kann. Wie die Zyklen in unserem Körper und die Zyklen in der Natur, so gibt es in uns und in unserem Leben auch immer wieder Zyklen, die sich nach innen und nach aussen drehen. In Kontakt zu sein mit dem eigenen Rhythmus, durch den Körper, durch verfeinerte Wahrnehmung, das kann uns in einen wunderbaren Tanz mit der weiblichen Urkraft führen.  Weibliche Wege sind oft nicht linear, sondern intuitiv  Mein Weg zur Arbeit mit Frauen und dann Schwangerschaft und Geburt führte mich über die Kreativität, die Kunst, den Tanz, die Bewegung und das kreative Schaffen. Es ist doch oft so, dass viele Puzzleteile einen mysteriösen und sich verändernden Pfad bilden, der uns immer mehr zu unserem Wesen, unserer Seele und unserer Essenz als Frauen führt. Wie Mosaiksteinchen, die zu einem wunderschönen Bild werden.

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Wir dürfen wachsen, erkunden und lernen. Manche Dinge brauchen Zeit zu wachsen, so wie Blumen und Bäume im Garten. Der Samen sieht ganz anders aus als der Baum! Der Weg ist nicht immer - sogar meistens nicht - so linear wie die noch herrschenden Systeme es meist vorgaukeln. Den eigenen Weg zu gehen, heißt oft, zu vertrauen, viel loszulassen und immer wieder ins Unbekannte aufzubrechen. Es ist ein Abenteuer! Den Körperweg gehen Der Körper kann uns so viele Geschenke bringen, die Körper und Seele gleichermaßen berücksichtigen. Dazu gehört zum Beispiel der Tanz, die Bewegung, die Massage, das Gehen in der Natur, Heilpflanzen und Nahrungsmittel nutzen lernen, das tiefe Atmen, Tanzrituale und Heilarbeit. Dies und so vieles mehr kann uns als Wegbegleiter und Muse dienen, um uns selbst immer näher zu kommen. Auch die Gebärmutter und die Vagina können von uns massiert, getanzt, gesungen werden, geliebt werden! Für mich wurde der Körper schon vor vielen Jahren zu einer unendlich weisen Lehrmeisterin, die mich mit Aufgaben und Lernschritten bis heute immer wieder auf die Probe stellt.  Geburtswissen gehört uns Frauen In den Ausbildungen rund um Körperarbeit, Schwangerschaft, Geburt, Frauenwissen und Heilarbeit, die ich machen durfte, wünschte ich mir oft, dass die Heiligkeit der Weiblichkeit nicht so in die Ecke gedrängt wird. Dass wir Frauen dieses Wissen - aus physiologischer, anatomischer, seelischer, emotionaler, geistiger Sicht - ganz zu uns holen. Dass wir um unseren Zyklus, um unsere Gesundheit, um die Prozesse der Schwangerschaft und Geburt wissen und ganz in die Selbstachtung und Selbstverantwortung gehen können, um aus einem kraftvollen Platz in uns selbst, die wichtigen Entscheidungen


treffen zu können. Entscheidungen wie Partnerwahl, Berufswahl, Schwangerschaft und wie wir unsere Geburt erleben möchten. Entscheidungen, die unser weiteres Leben prägen. Ich wünsche mir, dass jede Frau um ihren Körper weiß, dass das Wissen, welches heute oft medizinischen Berufen vorbehalten ist, wieder mehr in unser Allgemeinwissen fließt. Dass wir unseren Körper wieder verstehen und das Wissen von innen und aussen verbinden können. Mein Anliegen ist es, jede Frau so zu begleiten, dass sie in die größtmögliche Selbstverantwortung gehen kann, dass ihr möglichst viele Ressourcen zu Verfügung stehen. Das Frauenwissen zurück erobern Unser “Frauenwissen” darf wieder zu uns kommen und von Frau zu Frau weitergetragen werden. Manche Dinge lernt man durch Schulen, Universitäten, Ausbildungen, andere durch die Stille, die Natur, die Erde, durch das direkte Lernen von Menschen, die schon einen Weg gegangen sind und dadurch Wissen vermitteln können. Oder natürlich durch das Leben selbst oder durch unser tiefes inneres Wissen, das Zuhören und das Schauen nach Innen. Es gibt viele Wege des Wissens und manche finden durch Rituale, Tanz und Kreativität zu uns.   Geburt als Abbild des Lebens  Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir Frauen unsere Kraft wirklich kennenlernen und ganz ins Leben tragen. Dieses Wissen um die Schöpfungsprozesse dürfen wir wieder ganz und gar in uns lebendig werden lassen und Dinge in uns heilen, die da noch zwischen uns und unserem vollen Ausdruck stehen.  Geburt ist ein grosser kreativer Prozess und so sind wir in unserem Leben beständig an dem Geburtsprozess unserer Seele involviert. Meistens geschieht Geburt als Lebensprozess, denn oft konnte sich unsere

Entwicklung nicht von Anfang an vollständig entfalten. Heute, mit unserem Bewusstsein und unserer Liebe, stehen uns Möglichkeiten offen, die Kinder ganz willkommen zu heißen und ihr Ankommen auf der Erde mit mehr Verständnis zu begleiten, auch aus seelischer Sicht.   Auch in der Großstadt ist Raum möglich Raum zu schaffen innerhalb eines Lebens in der Großstadt ist möglicherweise eine größere Herausforderung als einen Strandspaziergang auf einer Insel zu machen. Raum schaffen ist deshalb wichtig, weil unser tieferes Wesen von Innen kommt und die vielen Eindrücke vom Außen, auch aus den Medien, aus dem Internet und von den Menschen um uns herum. Raum schaffen ist die Komponente des Lebens, die auch mit Sterben, Loslassen und Vergehen in Verbindung steht. Nicht immer werden wir verstehen um was es genau geht, wenn wir etwas loslassen oder uns wirklich Zeit für uns alleine nehmen. Viele Menschen können nicht mehr mit leerem Raum sein, er muss ständig gefüllt sein.   Unterstützende Felder für Frauen Ich hatte das grosse Glück schon in jungen Jahren auf weise Lehrerinnen zu stoßen, die mir geholfen haben, meine Talente und meine Fähigkeiten zu erkennen und auszubilden. Ich weiß, dass die Begleitung von Frauen zu Frauen, das Zusammensein im großen Frauenkreis und Kraftfeld Tore öffnen kann. In diesem Feld der Weiblichkeit kann sich so viel entfalten und entwickeln, vor allem wenn wir Körper, Herz und Seele gleichermaßen berücksichtigen. Deshalb macht es auch mir so eine große Freude, Frauen auf ihrer Reise zu begleiten.

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Zusammen sind wir stark! Dieses Feuer in uns, das brennt und leuchtet und wärmt uns und trägt die Schöpferkraft in sich. Frau-Sein kann Wunder bewirken. Frau-Sein kann Leben, Liebe und Weisheit schaffen. Zusammen sind wir stark.

Es ist die Zeit dafür, dass die weibliche Kraft erwacht! Jaguar

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Birth your Essence

JAGUAR (YOLANDE ALICE CARRELL)


Jahrelange Arbeit mit Frauen und den großen weiblichen Themen, den Veränderungen und tiefen seelischen Prozessen, die in uns stattfinden, sowie mit den Zyklen von Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Integration, Loslassen, Sterben und transformative Wiedergeburt haben mich so einiges gelehrt. Die Geburt unserer Essenz - unserer Seele, unserem Wesenskern - passiert auf ganz ähnliche Art und Weise wie die Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes. Schwanger sein Dass unsere Schöpfungsprozesse mit den biologischen, seelischen, emotionalen und psychologischen Prozessen von Schwangerschaft und Geburt zutiefst verbunden sind, das wissen wir vielleicht alle intuitiv - in unseren Knochen, in unserem Herzen erinnern wir uns. Manchmal fliesst dieses Wissen in unsere Sprache ein - “Ich bin mit dieser Idee schwanger”. Wenn eine Frau schwanger ist mit einem Kind - dann passieren auch noch ganz viele sehr persönliche und unglaublich wichtige Prozesse des Wachstums für die Frau. Es besteht die enorme Möglichkeit von einer großen Geburt ihres Selbst, mehr von ihrer Seele auf die Erde zu bringen. Weil Schwangerschaft mittlerweile zunächst als sehr physiologischer und gar medizinischer Vorgang betrachtet wird, gehen diese Entwicklungsschritte oftmals im Alltag unter. Dennoch sind es diese Veränderungen, die jede Schwangerschaft und jede Geburt begleiten - es ist eine sehr intensive Zeit, in der sich alles mögliche in der Frau wandeln kann und darf. Kreative Prozesse Die wesentlichen Bewegungen von Befruchtung, Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett kommen in allen Frauen innerhalb ihrer Lebens- und Kreativprozesse zum Ausdruck. Umso mehr wir diese hochsensible und äusserst komplexe Zeit achten, umso mehr dür-

fen wir daraus schöpfen und uns selbst erkennen. Denn unsere Seele freut sich, wenn sie noch mehr hier sein darf, sich ausdrücken darf, strahlen kann und im Körper verankert ist. Diese Geburt deiner Natur, deiner Essenz ist ein kraftvoller und sehr schöner Weg, der so viel in uns berührt, welches sich danach sehnt, berührt zu werden. Die Auseinandersetzung und bewusste Wahrnehmung von Anteilen, die immer wieder zur Seite gedrängt werden, setzt enorme Kräfte frei. Zum Anfang einer Schwangerschaft tauchen oftmals noch Themen auf, die mit unserer eigenen Herkunftsfamilie und unserer Kindheit zu tun haben. Das Mutter werden (ob es nun zum ersten, zweiten, dritten oder vierten Mal ist) öffnet jedes Mal auch das Thema der Mutter an sich in unserem Herzen. Unser Herz und unsere Gebärmutter enthalten ein ganzen Pool des Wissens, welcher unsere zukünftigen Lebensschritte bereichern kann. Dann gehen Entscheidungen und Handlungen nicht nur nach dem Kopf, sondern nach einem tieferen Wissen, welches in uns verankert ist. Hier erkennen wir auch die Dinge, die in uns noch Aufmerksamkeit und Liebe benötigen. Liebe Liebe ist natürlich in diesem ganzen Thema das Fundament von allem - Anfang und Ende, Einatmen und Ausatmen. Da die Liebe so wichtig ist und unsere Selbstliebe mit all unseren Zellen in unserem Körper in ständiger Kommunikation ist, fordern uns Schwangerschaften und Geburten - ob mit einem Kind oder mit einem Projekt, mit einem Kreativwerk oder mit neuen Aspekten unseres Selbst - beständig dazu auf, in mehr Liebe mit uns selbst zu gehen. Denn diese Liebe, die wir in uns lebendig haben, diese Liebe fließt auch zu unserem Kind, in unser Werken, in unser Leben hinein. Da sind Schwangerschaft und Geburt wahrlich Einladungen, uns mit Liebe einmal ganz intensiv zu befassen - dem

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zentralen Punkt vom menschlichen Dasein, letztendlich. Jede Schwangerschaft und Geburt hat ihre eigenen Abschnitte und es gibt bestimmte Phasen, die fast alle durchlaufen. Dazu kommen die Besonderheiten jeder individuellen Frau und des Neuen, das da kommt. Es sind diese Etappen, die sich so ähnlich sind mit unseren seelischen, inneren Geburtsprozessen. Da ist die Zeit der inneren Vorbereitung, eine Öffnung im Innen und im Außen, ein Samen, ein Anfang, ein kleines Wunder. Dann die Innenschau, die Herzensangelegenheiten, die sich oftmals zeigen, viele Gefühle, Gedanken, vielleicht Zweifel und Ängste, die da sind. Da geht es darum Körper und Seele gleichmäßig zu beachten und einen Raum zu schaffen, in dem das Neue wachsen kann. Es geht auch um Gesundheit und Wohlbefinden, und darum, mit sich selbst in innigen Kontakt zu kommen. Unsere Intuition ist gefragt! Der Schatten und unsere Urkraft Dann gibt es fast immer einen Punkt, an dem wir unserem Schatten begegnen, der unbeachteten Frau, die in uns nach Aufmerksamkeit ruft, der dunklen Frau, die eine Urkraft in sich trägt. Vieles, was wir als Schatten wahrnehmen, trägt tatsächlich sehr viel Weisheit und Heilung in sich. Ob wir es wissen oder nicht, die Prozesse von Schwangerschaft und Geburt führen uns in Kontakt mit der Erde, der Weiblichkeit, mit etwas essenziellem und unglaublich Menschlichen, das zugleich himmlisch und unglaublich zart ist. Die mächtige Kraft der Schwangerschaft beginnt sich im ganzen Wesen und im Körper zu verströmen. Hormone sorgen für Veränderung und es öffnen sich emotionale Welten, die uns sonst oft verschossen bleiben. Wir haben die Chance, noch mehr von uns selbst und unserer Kraft zu umarmen und anzunehmen. Die Liebe, die in diesen Veränderungen enthalten ist, kreiert einen Raum, der wirklich besonders ist. Wenn wir in tiefen

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Schöpfungsprozessen involviert sind, ist es oftmals so als würden wir uns in gebärende Frauen verwandeln, die Samen und Früchte unseres Wirkens benötigen die gleiche Aufmerksamkeit, die gleichen Bedingungen, die eine natürliche Schwangerschaft und Geburt benötigen. Das weibliche Wissen Und so sammelt sich das weibliche Wissen. So begehen wir einen Weg, der so alt ist wie die Menschheit und doch immer wieder neu - für uns, für unser Leben. Denn dieses Neue, das sich in uns formt, ist doch wahrhaftig NEU und hat uns viel zu lehren. Die Kinder, die kommen, kommunizieren innerhalb der Schwangerschaft intensiv mit uns und unserer Seele, die sich über unser ganzes Leben hinweg immer wieder neu zu uns begibt. Anteile, die ankommen und neues Licht in uns wachrufen. Alles spricht mit uns und bringt neues Wissen und neue Wege. Weibliche Schöpfungsprozesse Aus all diesen Erkenntnissen können wir sehen, dass Schwangerschaft und Geburt in uns Frauen lebendig sind. Wir gebären und wir bringen neues Leben. Unser Seelenlicht wird durch uns geboren, sowie unsere Kunstwerke und Kinder. Aus diesem Wissen können wir viel Kraft schöpfen. Ich habe dazu ein E-Buch und Workbook erschaffen - “Birth Your Essence!”, welches die Grundprinzipien der weiblichen Schöpfungsprozesse, der Geburt der Seele und der Seelenwege in uns beschreibt. Darin enthalten sind viele Übungen, Ansätze und Inspirationen, die den Kontakt mit der eigenen Seele stärken und fördern. Ich lege es allen Frau ans Herz, sich auf die Reise zu begeben und die eigene Seele anzuerkennen. Komm mit ihr in eine bewusste Verbindung, darin liegen so viele Schlüssel für deinen Lebensweg! Im Moment ist es nur in englischer Sprache erhältlich.


GedankenRaum

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Der weibliche Zyklus ANGELIKA LEIBNITZ


Nur wenige Frauen wissen heute noch etwas über den weiblichen Zyklus. In der Schule lernen wir zwar, dass der Zyklus 28 Tage haben muss und der Eisprung am 14. Tag erfolgt, aber vergleichen wir dieses Wissen dann im späteren Leben mit unseren eigenen Erfahrungen, sind wir verwirrt. Unser Körper ist jedoch keine Maschine und somit müssen wir verstehen lernen, dass alles Lebendige auch Schwankungen unterworfen ist. Vor allem in der jetzigen Zeit, die sehr schnelllebig ist, sind vor allem Frauen vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Das ist der Grund, warum der Zyklus nicht immer 28 Tage hat. Wichtig zu wissen ist, dass er das auch gar nicht haben muss. Wir können gesund und fruchtbar sein mit Zyklen, die 22 bis zu mehr als 40 Tage haben. In den Lehrbüchern steht, dass der Eisprung 14 Tage nach der Blutung erfolgt. Das ist aber nicht korrekt! Der Eisprung erfolgt 12 bis 16 Tage VOR der nächsten Blutung. Es ist unmöglich im Vorhinein zu sagen, wann der Eisprung stattfinden wird. Dies kann man erst rückwirkend feststellen, wenn wir wissen wie lange der Zyklus tatsächlich gedauert hat. An Beispielen kann gut erklärt werden, dass der Eisprung - abhängig von der Zykluslänge - zu verschiedenen Zeiten stattfindet: Zykluslänge: 35 Tage - 35 minus 12 bis 16 Tage Der Eisprung hat zwischen dem 19. und dem 23. Tag stattgefunden Zykluslänge: 26 Tage - 26 minus 12 bis 16 Tage Der Eisprung hat zwischen dem 10. und dem 14. Tag stattgefunden

Der Eisprung kann natürlich schon am 14. Zyklustag erfolgen, aber dadurch, dass wir im Vorhinein nicht wissen können, wie lange der Zyklus genau dauern wird, darf der Eisprung nicht immer am 14. Tag angenommen werden. Viele Frauen haben einen regelmäßigen Zyklus. Dadurch werden wir verleitet, den Eisprung immer zur selben Zeit zu vermuten. Wenn der Zyklus aber plötzlich länger oder kürzer ist als üblich, hat auch der Eisprung zu einer anderen Zeit stattgefunden. Grund dafür sind die Hormone Östrogen und Progesteron, die den Zyklus steuern. Unser Körper spricht mit uns. Er gibt uns Zeichen, wenn wir hungrig oder durstig sind. Er sagt uns, wann wir auf die Toilette müssen. Und er sagt uns auch, wann wir fruchtbar sind und wann nicht. Dieses Wissen kann helfen, denn die Frau kann so selbst herausfinden, was in ihrem Körper vorgeht. Sie ist weniger abhängig von außen und kann Entscheidungen auf einer besseren Basis treffen. Die Sprache des Körpers ist leicht zu lernen. Im Folgenden möchte ich an vier Beispielen zeigen, wie wir Frauen davon profitieren, wenn wir unseren weiblichen Körper und unseren Zyklus besser kennenlernen. Schwanger werden In der heutigen Zeit ist es manchmal schwierig geworden, schwanger zu werden. Wenn es nicht gleich klappt, wird vielleicht eine App zu Rate gezogen, um herauszufinden, wann die fruchtbaren Tage sind. Solche Apps basieren auf Rechenmethoden, die allerdings die tatsächlichen fruchtbaren Tage nicht wissen können, da jeder Zyklus verschieden ist. In einem Zyklus ist die fruchtbare Phase vielleicht um den 14. Tag herum, im nächsten jedoch um den 25. Tag herum. Eine App kann diese Schwankungen nicht korrekt interpretieren. Eine Frau

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schon, wenn sie die Zeichen der Fruchtbarkeit kennt. Wenn es mit dem Schwangerwerden nicht klappt, werden häufig Fruchtbarkeitskliniken aufgesucht. Das kann das Paar sowohl emotional als auch finanziell sehr belasten. Wir fixieren uns heutzutage so sehr auf Technik und Maschinen. Selten weist uns jemand darauf hin, dass unser Körper uns alles sagt, was wir wissen müssen. Es sind 3 einfache Dinge, die sich eine Frau anschauen kann, um herauszufinden, wann sie fruchtbar ist. Dazu gehört die Aufwachtemperatur, der Zervixschleim (Absonderung vom Gebärmutterhals) und/oder der Muttermund. (siehe Teil 2 des Artikels) Richtige Berechnung des Geburtstermins Der Geburtstermin des Babys kann nur korrekt berechnet werden, wenn die Frau Temperaturaufzeichnungen hat, da der Eisprung auch (sehr) spät im Zyklus stattfinden kann. Wenn es keine Temperaturaufzeichnungen gibt, wird davon ausgegangen, dass der Eisprung am 14. Tag stattgefunden hat. Sollte er allerdings nicht an diesem Zyklustag stattgefunden haben - und das kommt oft vor - kommt es häufig zu künstlich eingeleiteten Frühgeburten. Eine Schwangerschaft dauert zwischen 260 und 268 Tagen (+/- 8 Tage). Die korrekte Berechnung des Geburtstermins erfolgt so: Tag mit Schleimhöhepunkt oder der 2. Tag vor dem Anstieg der Temperatur oder Tag der Zeugung (auf Basis von Aufzeichnungen) minus 7 Tage, plus 9 Monate Tag mit Schleimhöhepunkt: 15. Februar 15. Februar - 7 Tage + 9 Monate = 8. November

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Wenn du gerade schwanger bist und keine Temperaturaufzeichnungen hast, bitte denke daran, dass das Baby in der 40. Woche vielleicht noch nicht ganz ausgebacken ist. Er oder sie meldet sich sicher, wenn es Zeit ist, auf diese Welt zu kommen. Vermeiden, schwanger zu werden Viele Frauen wollen nicht mehr mit Hormonen verhüten, nachdem sie ein Baby bekommen haben. Sie haben den Unterschied kennengelernt, wenn man von künstlichen Hormonen beeinflusst wird. Obwohl Wissen so leicht zugänglich ist, scheint es, dass natürliche Verhütungsmethoden ein Geheimnis sind. Aber wenn man die Zeichen der Fruchtbarkeit kennt und man in dieser Zeit auf Sex verzichtet, kann eine ungewollte Schwangerschaft vermieden werden. Um eine Schwangerschaft mit höchster Wahrscheinlichkeit zu vermeiden, müssen ein paar Regeln eingehalten werden. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, achte auf den Buchtipp am Ende des Artikels. Absonderungen aus der Scheide Absonderungen aus der Scheide werden häufig falsch interpretiert. Man spricht gerne von Ausfluss oder Weißfluss, also etwas krankhaftem. Absonderungen aus der Scheide sind aber keineswegs immer krankhaft. Ganz im Gegenteil! Oft handelt es sich dabei um den sogenannten Zervixschleim. Der Zervixschleim wird in der fruchtbaren Phase vermehrt und verflüssigt im Gebärmutterhals gebildet (der lateinische Name für Gebärmutterhals ist Zervix). Wir können uns freuen, dass uns der Körper ein Zeichen gibt, dass alles funktioniert, wie es funktionieren soll und dass wir fruchtbar sind.


TEIL 2 In der letzten Ausgabe habe ich erklärt, wie wichtig es ist, über den eigenen Zyklus Bescheid zu wissen. Wenn wir die Sprache des Körpers kennen, können wir Schwangerschaften vermeiden, obwohl es scheint, dass natürliche Verhütungsmetoden ein Geheimnis sind. Oder wir können Schwangerschaften anstreben (was heute oft schwierig geworden ist) und wir können den Geburtstermin des Babys korrekt berechnen. Wir können all diese Dinge herausfinden, ohne von außen abhängig zu sein, wenn wir wissen worauf wir achten müssen. Der Zyklus wird von Hormonen gesteuert und wir durchlaufen fruchtbare und unfruchtbare Phasen. Wenn man weiß, wie der Zyklus funktioniert, kann man verstehen, warum die Länge des Zyklus sich nicht auf die Fruchtbarkeit auswirkt. Die 2 Hormone, die den Zyklus vorranging steuern, sind Östrogen und Progesteron. Das Östrogen sorgt am Beginn des Zyklus dafür, dass im Eierstock Eibläschen heranreifen. Erst wenn ein Eibläschen eine gewisse Größe erreicht hat, kann es platzen. Das ist ein sensibler Prozess. Das Heranwachsen der Eibläschen kann unterbrochen oder gestoppt werden. Die Haupterklärung dafür ist Stress. Wir sind heute alle verschiedensten Arten von Stress ausgesetzt (im Beruf, in der Ausbildung, in der Familie, in der Beziehung etc). Wenn der Körper wieder bereit ist, setzt er das Wachsen der Eibläschen fort. Deshalb kann man im Vorhinein auch nie sagen, wann der Eisprung stattfinden wird. Hat das Eibläschen die notwendige Größe erreicht, kann es platzen. Aus dem geplatzten Eibläschen entsteht der Gelbkörper, der wiederum das Hormon Progesteron ausschüttet. Wenn es zur Zeit des Eisprungs zu keiner Befruchtung kommt, hebt der Gelbkörper

12 bis 16 Tage nach dem Eisprung seine Funktion auf und es kommt zur Blutung. Dann beginnt der Zyklus von vorne, Östrogen übernimmt und regt die Eibläschen im Eierstock wieder zum Wachstum an. Die Hormone, die in den verschiedenen Phasen wirken, sorgen dafür dass sich unser Körper verschieden verhält. Es sind 3 Dinge, an denen die Frau beobachten kann, in welcher Phase sie sich gerade befindet. Je nachdem, ob Östrogen oder Progesteron vorrangig wirkt, ändern sich die Aufwachtemperatur, der Zervixschleim und der Muttermund. Zu Beginn des Zyklus, wenn das Östrogen ausgeschüttet wird, ist die Aufwachtemperatur niedrig. Im Gebärmutterhals wird der sogenannte Zervixschleim vermehrt und verflüssigt produziert. Der Zervixschleim hat eine äußerst wichtige Aufgabe. Er sorgt dafür, dass die Spermien überlebensfähig sind. Ist nämlich kein Zervixschleim vorhanden, können Spermien nicht überleben. Östrogen sorgt zudem dafür, dass der Muttermund weich und offen ist und häufig auch etwas höher liegt. In dieser Zeit, in der das Östrogen wirkt, kann man davon ausgehen, dass die Frau fruchtbar ist. Wenn es zum Eisprung gekommen ist, übernimmt das Gelbkörperhormon Progesteron. Durch Progesteron erhöht sich die Aufwachtemperatur um wenige Zehntel Grade und es wird kein Zervixschleim mehr produziert. Der Muttermund wird hart und geschlossen und liegt meist etwas tiefer. Ist es zu einem Eisprung gekommen und ein Gelbkörper wurde ausgebildet, kann es zu keinem weiteren Eisprung mehr kommen. In dieser Zeit sind wir unfruchtbar. Wenn es zu keiner Befruchtung gekommen ist, wird die Gebärmutterschleimhaut 12 bis 16 Tage

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nach dem Eisprung abgestoßen, es kommt zur Blutung und der Zyklus beginnt von vorne. „Echte“ Blutung und Zwischenblutung Gibt es allerdings keine Temperaturhochlage vor der Blutung, ist es noch zu keinem Eisprung gekommen. Denn nur durch den Eisprung bildet sich ein Gelbkörper, der die Aufwachtemperatur, um wenige Zehntel Grade erhöht. Es handelt sich dann nicht um eine sogenannte „echte“ Blutung, sondern nur um eine Zwischenblutung. Eine Zwischenblutung kann während des Eisprungs stattfinden und den Zervixschleim überlagern. Das sind die Fälle, wenn man hört, es wäre jemand während der Blutung schwanger geworden. Die Temperatur verrät uns so viel über unseren Zyklus. Ich würde jeder Frau - egal ob sie eine Schwangerschaft vermeiden oder anstreben möchte - empfehlen, ihre Temperatur zu messen. Das sind, ähnlich wie das Zähneputzen, wenige Minuten am Tag, die aber eine große Auswirkung haben. Denn die Eizelle ist nur 6 bis 8 h nach dem Ei-

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sprung befruchtungsfähig. Sind in dieser Zeit keine Spermien vorhanden, stirbt die Eizelle ab. Wenn Zervixschleim vorhanden ist, sorgt dieser dafür, dass Spermien bis zu 6 Tage überleben können. Der Zervixschleim hilft also den Spermien dabei, auf den Eisprung zu warten. Aufwachtemperatur, Zervixschleim und Muttermund sind einfach zu beobachten. Das kann von jeder Frau sofort erlernt werden. Bereits im 1. Zyklus, den man beobachtet, erkennt man die Unterschiede zwischen fruchtbarer und unfruchtbarer Phase. Es gibt dafür Tabellenblätter, die sich sehr gut dafür eignen, den Zyklus zu beobachten. Man kann gut erkennen, wann die Temperatur tief ist und wann sich die Hochlage ausbildet. Die Frau wird erkennen, wann Zervixschleim vorhanden ist und welche Qualität er hat. Am Muttermund kann deutlich erkannt werden, wann er weich und offen ist und wann hart und geschlossen. Buchtipp: Die sympto-thermale Methode - Der Partnerschaftliche Weg“ von Prof. Dr. med. Josef Rötzer, Elisabeth Rötzer (ISBN 978-3-451-30629-7).


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Kinderwunsch Eine Seele einladen

JAGUAR (YOLANDE CARRELL)


Viele Menschen wünschen sich einen innigen Kontakt mit ihren Kindern. Besonders auch in der Schwangerschaft, vor der Geburt und schon vor der Schwangerschaft ist dies ein Thema, das unsere Herzen bewegt. Intuitiv spüren wir, dass das Reich der Seele für uns immerzu erreichbar ist. Und auch wenn das Kind noch nicht irdisch da ist, ist es trotzdem schon tief mit uns verbunden. Die Seelen der ungeborenen Kinder sind oft hier und sprechen mit uns. Der Kontakt zur ungeborenen Seele ist eine riesige Bereicherung in der Schwangerschaft und kann auch in den weiteren Prozessen rund um Schwangerschaft und Geburt sehr heilsam und unterstützend sein. Darin birgt sich ein Fundament für die weitere Eltern-Kind-Beziehung und sogar nachweislich eine große Hilfe für die Geburt selbst (der Kontakt mit dem Kind in der Schwangerschaft). Auch wenn Kinder wieder gehen, ist dieser Kontakt oft sehr hilfreich um die Reise dieser Seele besser zu verstehen. Wir sind ja alle wundervolle, strahlende Seelen, und auf dieser Ebene können wir sehr viel tiefer gehen als mit dem menschlichen Verstand. Ich lade euch ein in diese Welt der Seele. Es ist ein ganz natürlicher Teil von uns Menschen und auch von den anderen Lebewesen. Die Welt der Seele Die Welt der Seele kennen wir eigentlich alle. Nur legen wir manchmal den Fokus in der heutigen modernen Welt auf andere Dinge, als der Seele zuzuhören. Die Seele lässt sich auch sehr gut über das Herz erreichen. Um unser eigenes Herz zu spüren, genügt meist ein Innehalten und nach Innen gehen. Es ist jedoch so, dass wir alle durch so viele Systeme und Bildung manchmal vergessen haben, welchen Wert diese Beziehung zu uns selbst und unserem eigenen Herzen hat. Diese Beziehung ist doch der Kernpunkt unseres Lebens hier auf der Erde und der

Anfang sowohl wie auch das Ende dieser extraordinären Reise als Mensch. Wenn es nur eine Sache gäbe, die wir zu entwickeln haben, dann - denke ich - wäre doch die Entwicklung und das Erkunden des eigenen Herzens eine recht wichtige Aufgabe. Und es ist hier, in diesem menschlich-wunderbaren Herzen, in dem wir auch den direkten Zugang zur Welt der Seele finden. Ankommen Das hört sich vielleicht esoterisch oder sehr spirituell an, oder eventuell auch einfach ganz normal. Ja, der Kontakt zum eigenen Herzen und zur Seele sind bestimmt sehr spirituelle und auch sehr normale Angelegenheiten. Es ist aber tatsächlich so, dass es Überlebensnotwendige Angelegenheiten sind. Ohne die Kraft der Liebe, die Kraft des Herzens und unsere Verbindung zur Seele können wir gar nicht hier sein. In vielen Studien rund um die Entwicklung des kindlichen Gehirns ist es heute sogar nachgewiesen, dass es die Kraft der Liebe ist, die uns am Leben hält, und unsere Entwicklung tiefgreifend beeinflusst. Nur Essen, Trinken und Lernen reichen oftmals nicht aus. Lasst uns in der Realität ankommen und realisieren, dass die Liebe wirklich wichtig ist, und das unsere Seele mit dieser verbunden ist. In der heutigen Geburtshilfe sprechen wir gerne und viel von dem Hormon Oxytocin. Dies ist ein sehr wichtiges Hormon. Es ist das Hormon der Bindung und der Liebe im menschlichen Körper. Wir haben es sogar geschafft die Liebe selbst wissenschaftlich zu erklären! Wenn dieses Hormon ausgeschüttet wird, entstehen Bindung, Liebe und Sicherheit in der Mutter-Kind oder Mann-Frau-Beziehung. Die Reise der Seele Wo fängt die Seele an? Wo hört sie auf ? Diese Fragen beschäftigen uns Menschen schon

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seit Anbeginn der Zeiten. Welche Antworten haben wir gefunden? Letztendlich sind auch diese Antworten dort zu finden, an diesem Ort, um den es sich hier dreht - der Ort der Seele und in unserem eigenen Herzen - mystische und zauberhafte Orte in uns selbst. Wie kann ein Anderer uns diese wichtigen und hohen Fragen beantworten? Die Seele ist Teil unseres menschlichen Wesens, zu dem noch die Persönlichkeit und eine “höhere” spirituelle Instanz hinzukommt. In der Seele finden wir unsere Essenz, die über unsere alltäglichen Gedanken, Muster und Sozialisierung hinausgehen, und uns mit einer größeren, weiteren Wahrheit in uns selbst verbindet. Die Seele wird im Licht, welches aus unseren Augen strahlt ersichtlich und im warmen Händedruck unseres Gegenüber spürbar. Die Herzenswärme, die uns durchdringt, wenn wir einen geliebten Menschen sehen - hier spüren wir die Seele. Diese Seele ist es, die durch die Zeit reist und dann ihren Weg in das Menschsein findet. Die ungeborenen Seelen sind da, in diesem Reich der Seele, zu dem wir weiterhin verbunden sind, auch während wir ganz hier sind. Je nachdem wie weit wir unseren intuitiven und feinfühligen Kapazitäten Raum gegeben haben, können wir dies auch wahrnehmen. Die Seele reist von ihrer Seelenheimat auf die Erde. Wir alle haben diese Reise hierher gemacht. Es ist eine große Reise. Jeder, der schon einmal ein Neugeborenes gesehen und gespürt hat, weiß um die Zartheit, die in diesem Moment von den Kindern ausgeht. So zart und offen waren und sind wir alle. Unsere Seele ist aus diesem Stoff gemacht. Es ist das Reich der Seele, das die Empfängnis, die Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit direkt danach umhüllt und durchdringt. Oft melden sich die Kinderseelen schon weit im Voraus an und klopfen sozusagen an unserer Tür.

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Auf die Erde kommen Die Entscheidung hierher zu kommen, ist genauso unterschiedlich und individuell wie es unsere Lebenswege sind. Es gleicht sich doch keiner unserer Wege in allen Details. Jede Seele hat ihre ganz eigene Reise und es ist diese, welche sie gerne erfüllen möchte. Wenn sich ein Kind entscheidet zu kommen, ist dies immer noch aus dem Bewusstsein der Seele. Das ist ein sehr intelligentes und weises Vorgehen. Es ist nun so, dass manche Seelen die Reise von vornherein so planen, dass sie nur ein Teil der Reise zurücklegen möchten. Sie wollen erst mal die “Umgebung” kennenlernen. Deswegen halten sehr viele Schwangerschaften nur die ersten Wochen an. Trotzdem können wir Frauen sehr oft etwas besonderes wahrnehmen, auch wenn wir vielleicht gar nicht immer davon erfahren, schwanger zu sein. Wir Frauen haben einen besonderen und offenen Zugang zum Ursprung der Seelen. Wenn wir möchten, können wir sehr gut mit dem Seelenreich kommunizieren. Die Entscheidung auf die Erde zu kommen, ist nicht immer leicht. Manche Seelen freuen sich unglaublich, sie strahlen vor lebensbejahendem innerem Feuer. Andere zarte Wesen erspüren das Schwere, das momentan hier auf der Erde ist. Für sie und viele Seelen ist die Entscheidung zu kommen mit dem einen oder anderen Zweifel besetzt. Das hat sehr viel mit der eigenen seelischen Entwicklung und meistens wenig mit den für uns ersichtlichen Dingen zu tun. Unsere Kinder willkommen heißen Was können wir tun, um die Seelen, die hierher kommen möchten, zu unterstützen? Wir können sie willkommen heißen. Ich selbst habe einen ganz natürlichen und anhaltenden Kontakt zum “Seelenhimmel”. Es ist Teil meines Lebens mit den Seelen, die noch kommen oder auf dem Weg sind,


in Kontakt und Kommunikation zu treten. Diese wundervollen Seelen sind noch ganz klar verbunden mit der Liebe, aus der wir alle erschaffen sind. Sie haben oftmals sehr viel zu lehren. Es sind viele Seelen, die sich melden, um die Dinge aus ihrer Sicht zu erklären oder Zusammenhänge herzustellen. Wir können unglaublich viel von den Seelen lernen und von den Kindern, die kommen. Dieser Kontakt steht uns allen offen. Es braucht vielleicht nur etwas Übung.Es ist ein Erinnern, mehr als ein Erlernen. Vielleicht eher ein “sich selbst Vertrauen”. Willkommen heißen, heißt Wahrnehmen, Zuhören, eine einladende Haltung gegenüber diesen großen Wesen, die sich dann ganz klein in einem winzigen Menschenkörper zurecht finden müssen. Meist ist es so, dass die Seele sich weit um das kleine Baby erstreckt. Sie haben noch nicht gelernt, sich so “zurückzuziehen” wie es viele Erwachsene tun. Das erklärt auch wieso viele kleine Kinder und Babies so empfindlich reagieren - zudem sich das gesamte Nervensystem noch nicht voll entwickelt hat und sich diese kleinen Menschen noch gar nicht physiologisch selbst regulieren können. Physiologie und Spiritualität bestätigen sich hier gegenseitig. Willkommen heißen, bedeutet oft auch eine intensivere Auseinandersetzung mit uns selbst - wie weit sind wir in Kontakt mit unserem eigenen Herzen, mit unserer eigenen Zartheit, mit dem seelischen Kern, der uns ins Leben gerufen hat? Nicht zu vergessen, diese Seelen, diese Kinder bringen unglaublich viel Liebe mit. Wieviel Liebe möchten wir in unserem Leben zulassen? Wie viel Liebe können wir in uns strömen lassen? Wenn die Kinder langsam ihren Raum im Körper der Frau einnehmen, dann passiert etwas ganz magisches. Es strömt ihr Seelenlicht und damit eine große Portion Liebe hinein. Das pas-

siert in jeder Frau. Diese große Liebe hat etwas unantastbares, ja - Heiliges. Tiefe Verwandlung Die Phasen des Kinderwunsches, von Schwangerschaft und Geburt sind Zeiten der tiefen Verwandlung. Diese Etappen im Leben einer jeden Frau sind ein Weg. Und dazu ein sehr persönlicher. Und doch ist es so, dass es für nahezu alle Frauen eine Zeit der enormen Transformation ist. Wir werden aufgefordert weit über uns selbst hinauszuwachsen. So individuell und einzigartig wie wir alle sind, so sind auch diese Wege. Es sind wahrlich spirituelle Wege, die sich in keine Kiste packen lassen. Es sind unsere Wege. Unsere Geschichte. Die Wege des Frauseins. Die Seele, die an unsere Tür klopft, hat mit uns eine Verbindung. Egal, wie lange diese Seele da ist - sie ist ein Teil unseres Lebens geworden. Der Kinderwunsch eröffnet sehr oft Wege und Türen und Erfahrungen, die ganz neu sind. Jede Frau kann bewusst mit dem “Seelenhimmel” in Kontakt gehen und eine Seele in ihr Leben einladen. Auch als Paar ist es möglich, diesen einladenden Raum zu erschaffen. Was auf dieser Reise passiert, ist eine Reise des Lebens - unergründlich, oftmals mysteriös und unerwartet. Hingabe Im Kontakt mit der Seele, dem “Seelenhimmel” und den ungeborenen Kindern, sowie mit unserem eigenen Herzen ist das Prinzip der Hingabe unglaublich wichtig. Es zeigt sich dann auch wieder ganz deutlich zum Zeitpunkt der Geburt - alle wahrhaftig seelenvolle Prozesse haben ganz viel mit Hingabe zu tun. Hingabe kann man weder erzwingen, noch erdenken. Auf jeden Fall kann man es nicht lernen oder gar unterrichten. Hingabe ist eines der Dinge im Le-

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ben, die ihren eigenen Weg haben, zu uns zu finden. Wir können uns für sie öffnen und die Hingabe willkommen heißen. Kennenlernen Im Kontakt zu sein mit der eigenen Seele, mit anderen Seelen (von unseren Mitmenschen und anderen Lebewesen, die unser Leben begleiten, z.B. Tiere) und zu der Seele eines Kindes, das auf dem Weg ist, eröffnen sich Welten. Wir sind jeder von uns ein Universum für sich und so begegnen sich sprichwörtlich Universen. Wir können auch von uns selbst immer noch sehr viel lernen, da die allerwenigsten von uns überhaupt ihr eigenes Wesen voll ausgeschöpft und kennengelernt haben. Wenn man die Seele der Kinder kennenlernen möchte, ist es umungänglich, sich auf sich selbst einzulassen. Das Kennenlernen des eigenen Seelenreiches hat sehr viel damit zu tun, uns unserer eigenen Seele und einer Kindesseele zu öffnen. Dieses Kennenlernen eröffnet den Raum zu einer noch wärmeren und klareren Einladung. Hierzu gibt es schöne Rituale, die man machen kann, z.B. das “Willkommens-Ritu-

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al”, welches sich wunderbar für Paare und Partner eignet, die ein Kind einladen oder sich noch inniger auf die Geburt vorbereiten möchten. Außerdem ist es möglich, diese Kommunikation mit der Seele in sich zu entfalten und durch viele kreative Mittel zu konkretisieren. z.B. das Schreiben oder Malen in der Kommunikation mit dem Ungeborenen Kind hat sich als ein sehr schönes Werkzeug herausgestellt. Eine persönliche Begleitung kann bestärken und eine innere Wahrnehmung schulen. Freude Für mich ist es jedes Mal eine große Freude, wenn sich ein Mensch auf den Weg macht, die Seele willkommen zu heißen - so wird unser eigenes Leben “beseelter”, gewinnt an Tiefe und Bedeutung. Diese Reise zurück zu sich selbst und in Kontakt mit dem Leben birgt große Lernschritte in sich. Es ist eine Feier in die Räume der Seele einzutreten. Jede Begegnung hier ist ein Geschenk und so können wir diese Geschenke schätzen lernen und unsere eigene große Lebensreise ein kleines Stück besser verstehen.


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Achtsamkeit TANJA LIEBL


„Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen, auf ihnen zu reiten“. Jon Kabat-Zinn Eine Geburt ist wie ein Surf-Trip. Stell dir vor, wie du über kleine Wellen surfst, die Sonne scheint und du eine leichte Brise spürst. Später werden die Wellen stärker, das Meer wird unruhiger und einzelne Wolken verdunkeln die Sonne. Vielleicht ist es zwischendurch eine Herausforderung. Mal wirst du von den Wellen vom Surfbord geworfen und steigst aber wieder auf. In keinem Fall kannst du die Wellen aufhalten. Aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen und mit ihnen mitzugehen. Es gibt viele Zugänge und Möglichkeiten der Geburtsvorbereitung. Eine davon ist Achtsamkeit. Sie bietet dir die Möglichkeit, dein Geburtserlebnis positiv zu beeinflussen und schafft die Möglichkeit, mit allem umzugehen, was dein Geburtsprozess für dich bereit hält. So wirst du zur Meisterin im Surfen deiner Geburtswellen. Was ist Achtsamkeit? Achtsamkeit ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht und nicht wertend ist. Diese Definition stammt von Jon Kabat-Zinn, der einen wesentlichen Beitrag dazugeleistet hat, dass sich Mindfulness bzw. Achtsamkeit in der westlichen Welt verbreitet hat. Er erkannte den Wert dieses Konzepts und entwickelte die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction). Dieses Programm wird beispielsweise bei Menschen mit chronischen Schmerzen und depressiven Erkrankungen eingesetzt. Die Wirkung und der Nutzen von Achtsamkeit ist mittlerweile durch Studien klar belegt

und nachgewiesen. Das Konzept der Achtsamkeit passt wunderbar zum Geburtsprozess und kann dich auf deiner Geburtsreise positiv unterstützen. Die Achtsamkeits-Praxis umfasst eine Vielzahl von Techniken und Übungen wie die Sitz- und Gehmeditation, den Bodyscan (Übung zur Körperwahrnehmung) und Atemübungen. Ihre Wurzeln hat Achtsamkeit unter anderem in buddhistischen Lehren. Die Grundhaltungen der Achtsamkeit und wie diese zur Geburt passen DER ANFÄNGERGEIST Hast du schon einmal beobachtet, wie ein Kind einen Spaziergang unternimmt? Oft ist es im Zeitlupentempo unterwegs, weil es so viele Dinge zu entdecken gibt. Jeder Stein möchte umgedreht werden, jede Blume möchte beschnuppert werden und jeder Käfer möchte bestaunt werden. Kinder gehen mit dem Anfängergeist durch die Welt. Der Welt mit dem Anfängergeist begegnen, bedeutet jedem Augenblick, den wir erleben, mit einer frischen, vorurteilsfreien und offenen Perspektive zu begegnen. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir jeden Moment so erleben wie er in Wirklichkeit ist? Neu, einzigartig und unbeständig. Etwas, das nie wieder so erlebt wird, denn jeder Augenblick ist einzigartig. Wenn du es übst mit deinem Anfängergeist der Welt und deinen Augenblicken zu begegnen, dann bewirkt dies, dass deine Gedanken nicht so sehr mit Bedauern in der Vergangenheit sind und nicht so sehr mit Ängsten und Befürchtungen in der Zukunft. Und so wie du es schaffst, deinen An-

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fängergeist in der Schwangerschaft wachsen zu lassen, so kannst du auch der Geburt mit dieser besonderen Neugierde begegnen. So wie du erfährst, dass kein Moment dem anderen gleicht, so wird dir bewusst, dass keine Kontraktion der anderen gleicht und das keine Geburtserfahrung der anderen gleicht. Jede Kontraktion ist einzigartig. Jede Geburt ist einzigartig. NICHT WERTEN Bist du dir schon einmal bewusst darüber geworden, wie oft du die verschiedensten Dinge, Situationen, andere Menschen oder auch dich selbst bewertest und beurteilst? Ein zentraler Aspekt der Achtsamkeit ist der des Nicht-Wertens. Durch die Praxis der Achtsamkeit lernst du diese wertenden Gedanken als das zu sehen was sie sind: Wolken, die am Himmel erscheinen (der manchmal sonnig ist und manchmal stürmisch), vorüberziehen und wieder verschwinden. Vielleicht kennst du das von dir: Du hast fixe und unverrückbare Vorstellungen von, sagen wir einem Ereignis oder einer Sache, und du hältst an diesen Vorstellungen fest. Das kann manchmal ganz schön schwierig sein, von den eigenen Wünschen und Vorstellungen abzurücken oder? Stell dir jetzt weiter vor, dass du mit fixen und starren Vorstellungen in dein Geburtserlebnis hineingehst. Und was ist, wenn dann die Geburt nicht im entferntesten dem entspricht, was du dir im Vorhinein vorgestellt hast. Das ist dann möglicherweise ein gefundenes Fressen für deinen wertenden Geist und deine bewertenden Gedanken! Und dann könnte es passieren, dass du deine Geburtserfahrungen als eine nicht bestandene Prüfung siehst. Als etwas, dass du „nicht geschafft“ hast oder etwas womit du nicht zufrieden bist. GEDULD Geduld ist ein Verständnis dafür, dass Dinge

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ihren eigenen Rhythmus haben und nicht unbedingt einem Zeitplan folgen, der von außen vorgegeben wird. Wie geht es dir mit dem Warten? Bist du ein Mensch voller Geduld oder eher mit wenig Geduld? Wenn es um Geduld und darum geht, etwas „erwarten-zu-können“, so ist deine Schwangerschaft und deine Geburt ein guter Lehrmeister. Du hast die Gelegenheit, Geduld zu üben! Und spätestens, wenn dein Kind dann geboren ist, wird es dein allergrößter Lehrmeister in Sachen Geduld sein. Es ist wichtig, dass du es den Dingen erlauben kannst, eine eigene Zeit zu haben und zu brauchen. Durch die Praxis der Meditation kannst du die Fähigkeit geduldig zu sein, stetig verbessern. NICHT STREBEN Nach etwas zu streben, bedeutet an einen bestimmten Ort zu gelangen und/oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. In der Achtsamkeit und Meditation gibt es nichts zu erreichen oder zu erlangen. Es geht einzig und allein um den einen Moment im HIER und JETZT. Du lernst, dir vollkommen bewusst zu sein, wo du in diesem Moment bist, wie du dich in diesem Moment fühlst und was ist. Und das gilt auch für Situationen, die dir unangenehm sind oder schmerzhaft sind. Stelle dir bitte vor, du bist schon mitten im Geburtsprozess und der Lauf der Dinge nimmt nicht den Lauf, den DU gerne hättest. Was passiert? Du könntest dich mit deinen Gedanken der Situation widersetzen und erzeugst aber so An(spannung). Diese Anspannung ist dem Geburtsverlauf nicht sehr förderlich und es entsteht der AngstSpannung-Schmerz-Kreislauf. Kennst Du den Straßenkehrer Momo von Michael Ende? Hier ist seine Geschichte: Der alte Straßenkehrer Beppo verrät seiner Freundin Momo sein Geheimnis. Das ist so: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße


vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“ (von Michael Ende) Die Geschichte von Momo passt doch perfekt zum Geburtsprozess, oder? Ein Schritt nach dem anderen, von Moment zu Moment, von Kontraktion zu Kontraktion. Und nicht das Ziel im Fokus zu haben, sondern den Moment. Und im Nu ist das Ziel erreicht. VERTRAUEN Mit Hilfe der Achtsamkeit ist es dir möglich, Vertrauen zu entwickeln und dein Vertrauen zu stärken. Vertrauen in deine innere Weisheit und deine Person. Ein Vertrauen darin, dass du mit allem, was die Schwangerschaft, die Geburt und das Leben mit deinem Kind bereithält, umgehen kannst. Egal wie anstrengend, schwierig, schmerz-

lich, beängstigend oder weit entfernt von deinen Vorstellungen dies aus sein mag. ANERKENNEN, WAS IST Die Akzeptanz gegenüber von Dingen, Situationen und Erlebnissen ist ein zentraler Punkt der Achtsamkeit. Akzeptanz oder das anerkennen, was ist, hat nichts damit zu tun, etwas über sich hergehen zu lassen, tatenlos zuzusehen oder passiv zu sein. Akzeptanz ist der aktive Prozess die gegenwärtige Situation wahrzunehmen und anzuerkennen. So ist es dir möglich eine Situation klar zu sehen, so wie sie ist. Du musst die Dinge in dem Moment auch nicht mögen. Es wird immer wieder Momente geben, in denen du am liebsten davon rennen möchtest, diese verändern möchtest oder einfach nicht wahrhaben willst, was ist. Doch was bringen diese Verhaltensweisen wirklich in dem Moment, um den es geht? Vermutlich nichts. Achtsamkeit passt wunderbar zur Geburt. Stell dir vor, du kannst in deine Geburtserfahrung gehen, ohne zu werten, was du erlebst, mit einem neugierigen Anfängergeist, mit der Geduld, die eine Geburt manchmal erfordert und mit der Fähigkeit des Nichtstrebens und dem Vermögen anzuerkennen, was ist. Nach der Geburt lässt sich die Achtsamkeit wunderbar in dein alltägliches Leben integrieren und kann dir auch in der Begleitung deines Kindes bzw. deiner Kinder gute Dienste leisten. Achtsamkeit bringt dir mehr Gesundheit, sowohl auf körperlicher als auch auf seelischer Ebene. Lerne mit Hilfe der Achtsamkeit auf den Wellen deiner Geburt zu reiten!

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Achtsamkeitsmeditation

Eine Einladung zu einem achtsamen Moment Ich lade dich ein, Achtsamkeit jetzt gleich zu erfahren: So, wie du jetzt im Sessel oder auf einer Couch oder möglicherweise auch gemütlich in deinem Bett liegst und diese Zeilen liest, so lade ich dich ein... Beginne damit den Kontaktpunkt wahrzunehmen, an dem dein Körper den Sessel, die Couch oder das Bett berührt... Vielleicht den Bereich an dem dein Rücken sich anlehnt... oder den Bereich, an dem die Unterseite deiner Oberschenkel die Unterlage berühren... Und vielleicht bemerkst du den Wunsch danach, dich in eine andere, bequemere Position zu begeben... Du kannst dem Wunsch einfach nachgeben und geschehen lassen... Bringe nun deine Aufmerksamkeit zu deinem Atem und den Körperempfindungen der Atmung... wo auch immer du deinen Atem gerade am intensivsten wahrnimmst... vielleicht im Bauch oder in deiner Brust... oder vielleicht nimmst du gerade den Atem war wie er durch deine Nase einströmt und durch deine Nase oder deinen Mund wieder ausströmt... Nimm einfach wahr... Diesen einen Moment jetzt wahrnehmen... Einfach nur deiner Atmung deine Aufmerksamkeit schenken... Fühle deinen Atem wie er in deinen Körper hineinströmt und wieder hinausströmt... Und bemerke die Qualität deines Atems... Ist er schnell... Oder langsam... Tief... Oder flach... Einfach wahrnehmen, ohne die Atmung beeinflussen zu wollen... Und vielleicht bemerkst du ein leichtes Gefühl von Entspannung, wenn du deinen Atem beobachtest... Oder aber du bemerkst irgendwo in

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deinem Körper Anspannung oder ein unangenehmes Gefühl... Eine Empfindung, die du erst jetzt bemerkst und zuvor nicht wahrgenommen hast... Möglicherweise eine Empfindung im Bereich deiner Schultern oder deines Nackens... oder deinem oberen oder unteren Rücken... Und einfach die Empfindung wahrnehmen und beobachten, ohne zu werten... In diesem Moment... Im Hier und Jetzt... Und wenn in deinem Bauch gerade ein Baby heranwächst, so werde dir in diesem Moment seiner Existenz bewusst... Und wenn es sich jetzt gerade bewegt, dann nimm einfach die Bewegungen deines Babys wahr... In ihrer Qualität... Schnell...Oder langsam... Stark oder sanft... Eher im Bereich des Bauchnabels... Oder weiter unten oder oben... Ein Körper, der gerade in einem anderen wächst... Genau jetzt in diesem Moment... Nimm dir die Zeit, zu erfahren, was ist... Und dann kehre mit deiner Aufmerksamkeit wieder zurück zu deinem Atem... Uu den körperlichen Empfindungen deines Atems... Wo auch immer du deinen Atem jetzt genau am intensivsten spürst... Und einfach den Atem beobachten... Und lass deinen Atem ein Anker für dich sein... Ein Anker für das Hier und Jetzt... In genau diesem einen Moment... Jetzt... Und im Laufe der Zeit, wenn du übst, mit deinem Atem im HIER und JETZT zu sein, so kann es gelingen mit Stress umzugehen... Oder Ängstlichkeit... Und Schmerz oder unangenehmen Emotionen... Oder Gefühle... Und mit mehr Ruhe... Und Stetigkeit... Und Stärke... Und Freundlichkeit... Für uns selbst... Und für andere... Wie sich unsere Leben entfalten... Von Moment zu Moment... Atemzug für Atemzug...

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Bewussheit

in der Geburtsvorbereitung CHIARA RIESS


Wenn man in der Nähe einer schwangeren Frau ist, kann man häufig eine ganz bestimmte Magie spüren. Ich würde sie als Lebensenergie beschreiben. Das neue Leben, das entsteht und jeden Tag ein wenig wächst, lebt verbunden und verwurzelt im Bauch seiner Mutter. Die Mutter nährt ihr Baby mit allem, was sie hat und das Baby wiederum lässt seine Mutter, allein durch seine Anwesenheit, auf mehreren Ebenen wachsen. Diese symbiotische Beziehung und die neuen Impulse, die eine Schwangere in Momenten der Ruhe gut spüren kann, sind lebensverändernd. Unser Leben ist geprägt durch verschiedene Phasen und durch jeden neuen Lebensabschnitt entstehen neue Herausforderungen. So wachsen und reifen wir. Ich denke, dass die Schwangerschaft und Ankunft eines Babys im Leben einer Frau eine der bedeutendsten Lebensveränderung darstellt, da wir diese besondere Lebensenergie in uns tragen und uns mit ihr verbinden können.Schon der Psychoanalytiker Erik H. Erikson, der die Entwicklung eines jeden Menschen in acht Phasen eingeteilt hat, beschrieb jede Lebensphase als eine Ich-Krise im Spannungsfeld der eigenen Bedürfnisse und der sich im Laufe eines Lebens stetig verändernden sozialen Anforderungen. Auch die moderneren Strömungen der Psychologie weisen immer wieder auf kritische Lebensereignisse hin, die im Laufe jeden Lebens entstehen und den Menschen vor neue Aufgaben stellen. Wenn jemand eine solche Phase nur schwer bewältigen kann, kommt es schneller zu Überforderung und Hilflosigkeit. In unserer heutigen Zeit, in der sich das gemeinsame Leben von einer großen Familiengemeinschaft oft auf ein anonymes Leben in der Kernfamilie verlagert hat, versuchen viele Menschen, ihre Krisen alleine zu bewältigen oder aber sie zu verdrängen, indem

sie sich ablenken. Es passiert soviel Neues um uns herum, dass diese Verdrängung teilweise recht lange aufrecht erhalten wird. Die Folge sind Verwirrtheit, Unzufriedenheit und Einsamkeit. Es bleibt der Wunsch nach Selbsterkenntnis, innerer Ruhe und Verbundenheit. Durch eine Schwangerschaft beginnt nicht nur ein innerer Prozess der Veränderung, sie ist oft auch eine Phase der natürlichen Entschleunigung, wodurch unsere Wünsche lauter werden und gesehen werden wollen. Diese Sehnsucht bringt ein großes Potential für Heilung, Erneuerung und Reifung mit sich. Frauen wünschen sich dann häufig Kontakt zu anderen Frauen und einem anregenden Austausch, um ihre innere Welt neu zu sortieren. Genau dort hole ich die Frauen in meinem Kurs ab. Bei ruhiger, intimer Atmosphäre stoppen wir den Alltag für einen kurzen Moment und begeben uns auf eine innere Reise zu gemeinsamen und individuellen Themen. Ich greife dabei in meine therapeutische Schatzkiste, um das eigene Bewusstsein auf die Gefühle und die dahinter versteckten Bedürfnisse zu richten. Oftmals ist die Angst vor der Geburt und die damit verbundene Ungewissheit ein großes Thema für schwangere Frauen. Das Fatale dabei ist, wenn sich die komplette Aufmerksamkeit auf sie richtet und somit die Welt durch eine Angstbrille betrachtet wird und dadurch eine eigene Logik bekommt. Mein Ziel ist es den Fokus, der bisher auf die Angst gerichtet war, zu verändern. Wenn der individuelle Charakter dieser Emotion und damit die Bedürfnisse, Gefühle und Lebensthemen, die hinter ihr verborgen sind, aufgedeckt werden, entsteht eine neue Betrachtungsweise. Dieses Umdenken schafft wiederum einen Raum für neue Lösungen. Auch der Geburtsschmerz ist ein Thema des Kurses. Jede Frau, die das erste Mal Mutter wird, macht sich irgendwann Ge-

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danken über die Schmerzen unter der Geburt. Mit Schmerzen verbinden die meisten Menschen negative Erlebnisse, körperliche Ohnmacht oder Einschränkung.In vielen Vorbereitungskursen werden Entspannungstechniken geübt, die auf der physischen Ebene den Schmerz ein wenig lindern können. Methoden, wie zum Beispiel das Hypnobirthing, gehen noch einen Schritt weiter. Die Kombination aus mentalem Training, einer positiven Einstellung zum Thema Geburt und die Internalisierung einer Tiefenentspannung kann Frauen bei der Schmerzbewältigung sehr behilflich sein. Ich betrachte das Thema Geburtsschmerz trotzdem noch ein wenig anders, auch wenn ich alle anderen Entspannungstechniken hilfreich finde und als Ergänzung sehr schätze. Ganz im Sinne des französischen Arztes und Geburtshelfer Dr. Michel Odent denke ich, dass die Hemmung von neokortikalen Aktivitäten im Gehirn ein entscheidender Faktor für eine leichtere Geburt ist. Somit ist das Denken und alles was dieses stimuliert ein hemmender und verlangsamender Geburtsfaktor. Wenn dementsprechend eine Frau den Anspruch hat, richtig zu atmen oder die perfekte Position einzunehmen, ist sie ganz schnell wieder im Denken. Ich sehe den Schmerz als eine Art Helfer aus dem Denken herauszukommen oder als eigener innerer Psychotherapeut. In meinem Kurs verknüpfe ich nämlich den körperlichen Schmerz mit dem gesamten psychischen und seelischen Schmerz, der bisher erlebt wurde. Um Trauer, Wut und Schmerz zu verarbeiten, ist es wichtig diese Gefühle in ihrer Intensität zu akzeptieren. Eine Frau wird während der Wehen durch ihren körperlichen Schmerz quasi gezwungen alles zu spüren. Sie kann es nicht verdrängen, aber

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sie kann es zulassen, sich somit ihrer Lebendigkeit bewusst werden, öffnen und dadurch Heilung erfahren. Durch den Schmerz kommen Frauen häufig in den Zustand einer Geburtstrance. Viele Frauen berichten danach von vergessen geglaubten Bildern und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Sie stoßen auf außergewöhnliche Gedanken und bilden Mantren, die sie durch den Geburtsprozess leiten. Durch diese Trance, die manche auch als ein Schweben zwischen den Welten beschreiben, wird die Geburt zum einen zu einem spirituellen Erlebnis. Zum anderen führt sie durch das völlige bei sich selbst Ankommen und der Befreiung von allen gesellschaftlichen Normen zu einer Erneuerung tiefsitzender psychischer Strukturen. Die Ungewissheit über die Magie der Geburt wird bleiben, letztlich kann niemand eine Frau auf dieses transformierende Erlebnis vorbereiten. Es wird in der Geburtshilfe viel zu oft von Vorbereitung und Hilfe gesprochen, so dass ein ganz falsches Bild von Hilfe entsteht. Ich würde gerne ein ganz neues Wort kreiren, welches beschreibt, wie ich die Frauen in meinem Kurs „vorbereite“. Mir ist es wichtig, dass jede Frau mit einem Gefühl von Fülle, Selbstbestimmung und dem Bewusstsein über ihren individuellen Charakter, ihrer Lebensgeschichte und ihrem Temperament nach Hause geht. Anstelle von Angst und Abwehr werden Neugierde und Zuversicht den Platz einnehmen und die Frauen somit frei machen, um ihren eigenen Weg zu gehen. Diesen Weg geht jede alleine. Er gehört zu eurem Leben. Ein Kind unter dem Herzen zu tragen, zu gebären und den ersten Atemzug zu erleben, ist und bleibt das Wunder und das Natürlichste des Lebens.


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Selbstvertrauen JOBINA SCHENK


Manchmal lese oder höre ich unter Müttern den gut gemeinten Ratschlag: „Hab doch einfach mehr Selbstvertrauen!“ Ich kann gar nicht garantieren, dass mir dieser Spruch selbst nicht schon mal rausgerutscht ist. Doch irgendwann habe ich etwas tiefgründiger darüber nachgedacht und befunden, dass dieser Ratschlag gar nicht zielführend ist. Einem Menschen ohne Selbstvertrauen zu sagen: „Hab doch einfach mehr Selbstvertrauen!“ ist dasselbe, wie zu einem Armen zu sagen „Sei doch einfach reich!“ Wenn es so einfach wäre, einen Schalter auf der Oberfläche umzulegen, würden es die meisten doch sofort tun. Wir müssen also doch ein wenig tiefer buddeln, denn es gilt, herauszufinden, woher der Mangel an Selbstvertrauen kommt und wie wir ihn wieder auffüllen können. Was ist Selbstvertrauen? Selbstvertrauen ist eine erworbene Qualität. Sie umfasst das Wissen über uns selbst und unsere Fähigkeiten. Selbstvertrauen bedeutet, zu wissen, wer man ist, was man kann und wie man beides kombiniert einsetzt, um zu einem Ziel zu gelangen. Warum brauchen wir Selbstvertrauen fürs Mutterwerden? Warum wir gerade zum Beginn unserer Mutterschaft eine richtig große Portion Selbstvertrauen brauchen, liegt daran, dass die Gesellschaft in der wir leben, ein System bereithält, welches uns während der Schwangerschaft und der Geburt unterstützen will. Diese Unterstützung ist in den letzten 200-300 Jahren zu einer sehr technisierten kontrollierenden „Hilfe“ herangewachsen, die auch ihre Schattenseiten birgt. So können wir in den aktuellen Debatten um solche Themen, wie „Gewalt unter der Geburt“ und „Hebammenmangel“ sehen, dass wir in einem Gesundheitssystem ste-

cken, welches profitorientiert ist. Die hohen Kaiserschnitt- und Interventionsraten verdeutlichen, dass wir es mit einem System zu tun haben, in welchem alle Beteiligten so arbeiten (müssen), dass ihr berufliches Handeln einen Gewinn abwirft. Im Gegenzug sind Qualitäten wie Geduld und Zuversicht verschwunden. Ab diesem Tag, an dem wir also einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten, befinden wir uns auf einem riesengroßen Marktplatz. Gefüllt mit verlockenden Angeboten. Und alle suggerieren uns, dass sie es gut meinen. Mit uns und dem Baby. Ohne eine gewisse Portion Selbstvertrauen auf diesem Markplatz herum zu schlendern, könnte dazu führen, dass wir uns gutaussehende Früchte in den Korb legen lassen, die zwar hübsch anzusehen, aber gar nicht unserem Geschmack entsprechen. Ohne Selbstvertrauen werden wir vielleicht von überzeugenden Verkäufern überrascht und überredet, etwas zuzustimmen, worüber wir lieber nochmal nachdenken wollen. Ohne Selbstvertrauen kaufen wir mehr, als wir wirklich benötigen. Ohne Selbstvertrauen gelingt es uns nicht, „Nein!“ zu sagen. Ähnlich ergeht es Frauen, die sich gutgläubig der kompletten Schwangerschaftsvorsorge und der heutigen Geburtsmedizin hingeben. Sie haben auf einmal Werte in ihrem Mutterpass, die sie gar nicht wissen wollten. Sie können Ihre Schwangerschaft gar nicht mehr genießen, weil sie einer Untersuchung zugestimmt haben, welche eine eventuelle Behinderung zeigt, die dann doch nicht eintritt. Sie gehen davon aus, dass man ihnen im Kreissaal helfen wird, ihr Kind zu entbinden. Doch was sie dann manchmal erleben müssen, lässt Mutter und Kind traumatisiert zurück. Selbstvertrauen wäre also wichtig, um Entscheidungen zu treffen, die wirklich den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Selbstvertrauen wäre bedeutend, um in den Mo-

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dus des aktiven Gebärens zu gehen. Auch eine Grenzüberschreitung durch Geburtshelfer wird mit Selbstvertrauen viel schneller mit einem konsequenten „Stop!“ begegnet. Frauen mit Selbstvertrauen rutscht auch viel eher ein „Nein! Das will ich nicht!“ über die Lippen und sie machen sich im Nachhinein keine Sorgen, was andere über sie denken. Auch eine Frau, die sich bewusst diesem System entzieht und eine freie Schwangerschaft und Alleingeburt plant, benötigt dafür Selbstvertrauen. Zum einen, um sich von diesem ungewöhnlichen Weg nicht abbringen zu lassen und zum anderen, weil jede Geburt ein einmaliges Ereignis ist, was nicht hundertmal vorher geprobt werden kann. Es ist ein bißchen wie eine Prüfung, vor der man nicht so recht weiß, was dran kommt. Die Vorbereitung auf eine komplett souveräne Geburt erfordert sehr viel Selbstvertrauen, denn hier wird maximale Lösungskompetenz gefragt sein, für Situationen, wo sonst üblicherweise Geburtshelfer bereitstehen. Das Vertrauen in den weiblichen Körper und dessen Gebärkompetenz benötigen wieder alle, ganze egal, wo und wie wir gebären. Wo bekommen wir Selbstvertrauen her? Würde ich einen Marktplatz kennen, wo es Selbstvertrauen portionsweise zu kaufen gäbe, ich würde ihn hier dieser Stelle bereitwillig mit dir teilen. Doch sicher ahnst du es schon - es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Dazu gehört auch das Selbstvertrauen. Lass uns also überlegen, wo wir es herbekommen. Eine der wesentlichsten Quellen sollte bereits sprudeln, seit wir selbst geboren worden sind. Unsere Eltern (und/oder andere wichtige Bezugspersonen unserer Kindheit) sind diejenigen, die uns alles vermitteln, was unser Selbstvertrauen gedeihen lässt. Als Baby bedingungslos geliebt und genährt zu

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werden, stärkt das Vertrauen an uns selbst. Als Kleinkind begleitet von einem aufmunterndem Lächeln die ersten Schritte wagen... Als Kindergartenkind... Als Schulkind... Als pubertierende Jugendliche... Als Erstes-Mal-Liebende... Als Studentin... Als Arbeitnehmerin... Es sind Etappen, in denen wir unser Selbstvertrauen entsprechend der jeweiligen Herausforderungen entwickeln können. Doch manchmal geht auf diesen Etappen etwas schief und wir bekommen von außen nicht genug Unterstützung, um unser Selbstvertrauen grundlegend aufzubauen. Vielleicht hören wir in diesen Etappen zu oft „Nein, du kannst das nicht! Du schaffst das nicht!“ oder „Lass es, das wird eh nichts! Du bist nicht gut genug! Aus Dir wird nie was!“. Und wenn wir dem Glauben schenken, bauen wir nie genug Selbstvertrauen auf oder verlieren wieder, was wir bereits aufgebaut hatten. TIPP 1: Wenn DU, liebe Leserin, das Gefühl hast, nicht genug Selbstvertrauen zu haben, dann trau dich zurückzublicken, zu der Lebensetappe, wo dein Selbstvertrauen verloren ging. Du kannst das im Selbstcoaching oder in einer begleiteten Therapie erarbeiten. Mit dem Finden des Schlüsselereignisses klärst du die Situation und setzt dein Selbstvertrauen wieder auf volle 100%. Es kann durchaus sein, dass du in mehreren Lebensetappen größere Verluste eingefahren hast, dann könnte das Erarbeiten und Transformieren etwas mehr Zeit und Geduld von dir erfordern. TIPP 2: Wenn du dein Selbstvertrauen kurzfristig hochpushen oder auch regelmäßig pflegen willst, eignet sich diese Vorgehensweise. Entspanne dich so gut es geht, schließe deine Augen und gehe zurück zur Vorstufe des Selbstvertrauens, zum Urver-


trauen. Geh zurück zur Urquelle und verbinde dich dort. (Diese Begriffe klingen dir zu esoterisch? Macht nichts! Dann nehmen wir einen anderen Begriff! Nennen wir es „ursprüngliches Vertrauen“? Nur dass wir uns nicht missverstehen... Ich meine DAS Vertrauen, was DU hattest, als du selbst in diese Welt geboren wurdest. Ich bin mir sicher, dass du welches hattest, sonst hättest du dich nicht auf dieses Leben eingelassen. Du bist völlig nackt und mittellos in dieses Leben eingetreten und irgendetwas hat dir die Zuversicht gegeben, dass sich jemand um dich kümmern wird, bis du auf eigenen Beinen stehst. Und exakt dieses ursprüngliche Vertrauen ist eine nährende Quelle,

die du jederzeit anzapfen kannst.) Verbinde dich also gedanklich mit deiner Ursprungquelle. Stell dir vor, wie du völlig nackt in dieser Quelle baden darfst und jedes einzelne Quäntchen von dir sich so lange anreichert, bis nichts mehr reinpasst. Gefüllt bis zum Rand. 100%iges Ich-vertraue-mirselbst-Gefühl. Eine Sache muss ich dir noch verraten: Du wirst dein Selbstvertrauen nicht nur für den Beginn des Mutterwerdens brauchen, sondern für die gesamte Zeit deines Mutterseins. Es lohnt sich, dass du dich darum kümmerst.

Gedankenraum

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Frauenkreise ANJA FREIST


Im Kreis von Frauen können wir kraftvolle Unterstützung erfahren. Wir begeistern uns wieder für die Eigenart und Schönheit des weiblichen Geschlechts und feiern, tanzen und lachen zusammen. In der Zeit der Schwangerschaft und der Geburt haben Frauenkreise eine ganz besondere Bedeutung. Frauenkreise werden als wunderbare Möglichkeit empfunden, Weiblichkeit zu leben. Zu vielen Gelegenheiten kommen Frauen auch heute wieder zusammen. Zum Beispiel in Red Tents, Schwesternkreisen oder Frauentempelgruppen wie awakening women. Sie finden sich ein in Krafträumen, die Frauen jeden Alters und natürlich auch Mädchen vorbehalten sind. Hier treffen sie sich, reden, tun sich Gutes und genießen. Ihren Ursprung haben Frauenkreise in alten Kulturen mit matriarchalischen Strukturen. Der uralte Ritus, dem Frauenkreise entspringen, wird heute wiederbelebt. Melanie Schöne* ist überzeugt von diesem wohltuenden Beieinandersein. Sie beschreibt Frauenkreise als Orte, an denen es Frauen möglich ist, sich absichts- und bedingungslos miteinander zu verbinden ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Frauen können dort füreinander da sein, Geheimnisse teilen und Rat erfahren. Melanie Schöne über Frauenkreise:

„Ein Raum, wo alles sein kann, aber nichts muss, in dem Erfahrungen gelebt, erzählt, erinnert werden, in dem sich Generationen von Frauen miteinander erleben und ihr Wissen teilen. Auch, um sich zu heilen. Ein Frauenkreis hat für jede Frau eine spürbar heilende Wirkung. Unsere Gesellschaft braucht heile, gesunde und entspannte Frauen. Die gesamte Gesellschaft profitiert von Frauen, die „heil“ sind. In jeder indigenen Dorfgemeinde steht das Wohl der Frauen an oberster Stelle. Sie sind als Schöpferinnen, Kinderernährerinnen und Clanzusammenhalterinnen von immenser Bedeutung.“

Wir jedoch teilen unseren Alltag oft nur spärlich mit anderen Menschen. Freundinnen und weibliche Familienmitglieder sind nicht mehr lebenslang beständig anwesend, um selbstverständlich teilzuhaben und gemeinsam Erfahrungen zu sammeln. Zusammenkünfte im Kreis von Frauen, um sich wertzuschätzen, zu tanzen und zu feiern, Mädchen auf ihrem Weg zu begleiten und Rückhalt zu finden, sind rar und ungewöhnlich geworden. Vielleicht liegt hierin die Begründung für die Eigenart, uns auch zur Geburt mit Fremden zu umgeben. Und vielleicht ist die Geburtsbegleitung durch eine Doula oder eine andere enge Vertraute ein guter Schritt auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung und eigener Kraft. Hebamme und erfahrene Frauen der Gemeinschaft kümmerten sich traditionell schon immer um das Wohlbefinden einer werdenden Mutter. Mütter, Großmütter, geburtserfahrene Freundinnen, Schwestern oder Tanten stehen Gebärenden in vielen Kulturen bei. Selten bringen Frauen ihre Kinder allein zur Welt, in Hütten abgeschottet oder im Wald. Das ist eine verklärte Vorstellung. Geburt findet in Verbindung statt. Und auch in unseren Breiten wurde lange Zeit nur die Hebamme zur Geburt gerufen. Sie und einige kundige oder geburtserfahrene Frauen bildeten das Geburtsteam. Geblieben ist heute im besten Fall nur noch die Hebamme. Natürlich wünschen sich auch in unserer Gesellschaft die meisten Frauen Unterstützung, jedoch ist unsere Vorstellung von der Geburtsumgebung eine andere. Das Bedürf-

* Melanie Schöne, Doula und Vorsitzende des Vereins Doulas in Deutschland e.V. ist Autorin des Buches Doula-Wissen rund um die Geburt, Arbor Verlag

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nis nach Privatsphäre kollidiert mit dem Bedürfnis nach Sicherheit, welches durch möglichst schnell verfügbare, professionelle Interventionen bedient wird. So bevorzugen die meisten Frauen die Anwesenheit ihres Partners als vertraute Person und umgeben sich gleichzeitig mit fremdem, medizinischem Personal. Frauen anderer Kulturen wären sehr erstaunt über die routinemäßige Anwesenheit bisher unbekannter Menschen während der überaus intimen Geburtssituation. Es sind die Frauen, die gebären. Und es sind die Frauen, die um die optimale Versorgung und die bestmögliche Betreuung einer

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werdenden Mutter wissen. Natürlich sind die Möglichkeiten der modernen Geburtshilfe ein Segen, aber auch die kleinen Handreichungen von Frau zu Frau erleichtern die Geburt und tragen so zu Sicherheit und Wohlbefinden bei. Das Gefühl des Umsorgtwerdens und der achtsamen Zuwendung durch mitfühlende Frauen kommt durch verschiedene Handlungen zum Ausdruck. Auch die Traditionen der Blessingway-Zeremonie hält Einzug in unsere Rituale rund um die Schwangerschaft und die Geburt. Doris Moser schreibt an anderer Stelle in dieser Ausgabe über dieses wunderbare Ritual.


Rebozo So ist zum Beispiel die Massage mit dem Rebozo-Tuch eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Methode, die Geburt zu unterstützen oder bereits während der Schwangerschaft für Wohlbehagen zu sorgen. Das Rebozo ist ein langes Tuch, ähnlich einem breiten Schal, und wird beispielsweise von mexikanischen Hebammen verwendet. Mit diesem Tuch sind Ganzkörpermassagen oder die Massage einzelner Körperteile möglich. Während der Geburt löst eine Rebozo-Massage erstaunliche Effekte aus. Die Gebärende wird gehalten, gewiegt und entspannt. Sie ist durch die Größe des Tuches behaglich geschützt und kann sich fallenlassen. In den Wehenpausen wird das Tuch zur Ruheinsel, um anschließend als effizientes Mittel zur Schmerzlinderung zu dienen. Viele Doulas bieten Rebozo-Massagen an oder leiten andere Geburtsbegleiter gern im Umgang mit dem Tuch an.

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Bless the way DORIS M. MOSER


Es ist nun schon einige Jahre her, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, als meine Freundin und Doula eine Blessingway-Zeremonie für mich organisiert hat. Ich erinnere mich an die Vorfreude und Aufregung beim Vorbereiten der Feierlichkeiten, an die lachenden Gesichter der Frauen, die sich im Kreis zusammengefunden haben. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, gefeiert und geehrt zu werden. Für mich war die Blessingway-Zeremonie nicht nur ein Zusammensein mit lieben Freundinnen, ein Fest für das Leben, sondern auch ein Loslösen von meiner Schwangerschaft, eine Einstimmung auf die bevorstehende Geburt. Noch heute habe ich eine Kette mit Perlen, die die Frauen für mich auf ein Band geknüpft haben und die mich auch unter der Geburt begleitet hat. Und ich besitze wundervolle Karten mit ganz persönlichen Worten und Wünschen für mich und mein Baby von jeder einzelnen Frau, die an diesem besonderen Tag dabei war. Hin und wieder nehme ich diese Dinge aus ihrer Kiste, lese mir die Karten durch und lasse die Perlen durch meine Finger gleiten. Und dann kommen sie wieder, die Erinnerungen - so als wäre das alles erst gestern geschehen. Tatsächlich ist das alles aber schon einige Jahre her und in der Zwischenzeit habe ich die Kraft unterschiedlicher Rituale rund um die Geburt schon mehrfach erfahren dürfen. Ich begleite nun selbst Frauen auf ihrem Weg in die Mutterschaft und biete größere und kleinere Rituale an, die den Frauen Orientierung und Halt geben. Ein Kind zu gebären, Mutter zu werden, das ist eine große Sache und stellt die Menschen vor vielfältige Herausforderungen. Meist ist die Schwangerschaft eine Zeit der Neuorientierung und Umstrukturierung. Damit sind nicht nur die sich verändernden Familienverhältnisse gemeint, sondern vor

allem auch das innere Wachstum, die spirituelle Entwicklung. Die Reise in die Mutterschaft birgt unglaubliches Entfaltungspotential. Vielfach stehen die Frauen aber ohne Unterstützung vor den sich bietenden Herausforderungen, da die rituelle Struktur, die mit Sicherheit auch bei uns einmal vorhanden war, zum größten Teil verloren gegangen ist. Wir sind daher angehalten, uns in der Welt umzusehen, das anzunehmen, was uns stimmig erscheint und gegebenenfalls so zu transformieren, dass es für uns passend ist. Auf diese Weise kam auch das eingangs beschriebene Blessingway-Ritual nach Europa. Ursprünglich eine Segnungszeremonie der nordamerikanischen Navajo-Indianer, erfreut sich die Blessingway-Zeremonie auch bei uns immer größerer Beliebtheit. Und das nicht ohne Grund! Viele Frauen sehnen sich nach spiritueller Tiefe und Sinnhaftigkeit in unserer lauten und oftmals sinnentleerten Alltagsrealität. Ein freudiges Ritual im Kreis gleichgesinnter Frauen kann eine unglaubliche Kraft entfalten und die werdende Mutter auf ihre bevorstehende Geburtsreise und ihre neue Rolle als Mama einstimmen und vorbereiten. Wie genau dieses Ritual gestaltet wird, hängt ganz von den Bedürfnissen der gefeierten Frau ab. Es gibt eine Vielzahl von Ritualbestandteilen, die ähnlich den Zutaten eines Kuchens - bunt gemischt werden können und so jedes Mal ein einzigartiges und individuelles Ereignis ergeben. Für mich ist es immer wichtig, dass es zwar so etwas wie einen roten Faden gibt, aber gleichzeitig viel Spielraum für Variationen und Spontanität bleibt. Als hilfreich hat sich dabei erweisen, auf eine dreigliedrige Struktur zurückzugreifen, die auch aus der Ritualtheorie bekannt ist. Im ersten Teil des Rituals geht es um die Loslösung vom Alltagsbewusstsein und um

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das Aufsteigen lassen der Energie. Der Mittel- oder Hauptteil ist dem Transformationsprozess gewidmet und somit Höhepunkt des Rituals. Im dritten Teil lässt man die Energie wieder sinken und das Ritual findet seinen Ausklang. Diese Struktur eignet sich eigentlich für sämtliche Rituale, egal welchem Zweck sie dienen oder welchen Umfang sie haben. Selbst ganz kleine rituelle Handlungen können sich an dieser Dreigliederung orientieren. Unmittelbar nach der Geburt des Kindes kann es beispielsweise sehr schön sein, wenn das Kind in dieser Welt begrüßt, im Leben willkommen geheißen wird. Dazu kann eine Kerze entzündet und ein Segensspruch gesprochen werden. Dann wird die Kerze wieder gelöscht. Welcher Spruch der passende ist und ob er von der Mutter, dem Vater, älteren Geschwisterkindern, der Hebamme oder Geburtsbegleiterin - oder von allen zusammen - gesprochen wird, kommt auf die Familie und deren Bedürfnisse an. Umfangreiche und langwierige Rituale sind unter der Geburt oder unmittelbar danach wohl ehr nicht angesagt. Für Willkommensrituale im Kreis von Freunden und Verwandten sollte man sich erfahrungsgemäß etwas länger Zeit lassen. Hat sich die neue Familie aber einmal zusammengefunden und konnten Mutter und Kind eine entspannte Wochenbettzeit genießen, spricht

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nichts gegen ein ausgiebiges Fest. Auch hierbei gibt es eine Reihe von Ritualzutaten, die abhängig von den Wünschen und Bedürfnissen der Familie, beliebig miteinander kombiniert werden können. Egal ob Blessingway-Zeremonie, Namensgebung, Willkommensfest oder Plazentaritual, es hat sich bewährt, Wünsche und Segenssprüche in den Ritualablauf einfließen zu lassen. Ein spezielles Gedicht, ein Gebet, ein Lied, das Festhalten von eigenen Worten, Wünschen und Gedanken sind wundervolle Geschenke an Mutter/ Vater und Kind. Besonders fein ist es, wenn diese Worte auf irgendeine Art und Weise auch „festgehalten“ werden und somit auch in Zukunft zur Verfügung stehen. Da kann beispielsweise jede Ritualteilnehmerin eine Karte gestalten und im Anschluss übergeben, Ritualbänder oder Steine können beschriftet werden, eine Schatzkiste kann befüllt werden oder die Wünsche und Segenssprüche werden in schriftlicher Form in einem Buch festgehalten. Und auch ganz wichtig: Es darf gefeiert werden! Das anschließende gemeinsame Essen und Lachen, Tanzen und Plaudern ist ein wichtiger Bestandteil aller größeren Zeremonien und Rituale und ermöglicht allen Teilnehmerinnen einen fließenden Übergang in den normalen Alltag. Ausführliche Informationen und viele weitere Ideen sind im Buch „Lebensreise Lebenskreise. Rituale und Bräuche rund um die Geburt“ zu finden, das ich gemeinsam mit Marion Strohmaier veröffentlicht habe.


Kerzen im Ritual Bei jedem Ritual haben Kerzen eine wichtige Funktion. Beim Entzünden von Kerzen werden unerwüschte Energien aufgenommen und die positiven Gedanken und Schwingungen des Rituals können in den Kerzen gespeichert werden. Deshalb können die Teilnehmerinnen einer Blessingway Zeremonie gebeten werden eine Kerze für die Schwangere mitzubringen. Die Kerzensammlung auf einem schönen Teller angeordnet, mit den verschiedenen Formen, Farben und Motiven, ziert die Wohnung der Mutter oft noch für sehr lange Zeit. Zuerst bekommt die werdende Mutter eine am Docht verbundene Doppelkerze, die sinnbildlich für sie und das Baby steht. Durch das Entzünden und Trennen der Kerzen bereitet sie sich aktiv auf die bevorstehende Abnabelung von ihrem Kind vor. Alle anwesenden Frauen entzünden dann ihre Kerze an einer brennenden Kerzen und sprechen einen kurzen Segenswunsch für das Baby. Die Kerzen bleiben bei der Mutter und werden bei den Eröffnungswehen oder auch während einer Hausgeburt wieder angezündet. Damit kann sich die Mutter in den Wochen vor der Geburt und während der Geburt jederzeit an die positiven Gedanken und Wünsche der Familie, Freundinnen und Nachbarinnen erinnern und sich diese positiven Energien zur Unterstützung heranziehen. Auszug aus „LEBENSREISE - LEBENSKREISE“ von D. Moser und M. Strohmaier

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Schwangerenyoga JUTTA WOHLRAB


Einatmen, Ausatmen und Loslassen… Der Schwerpunkt des Yogas für Schwangere orientiert sich vor allem an den Bedürfnissen der Schwangeren und richtet seinen Fokus auf die Vorbereitung zur bevorstehenden Geburt. Körper, Atem, Meditation und Entspannung helfen Frauen ihr Selbstbewusstsein sowie auch ein besseres Gefühl für sich, ihren Körper und auch für ihr Baby zu entwickeln. Yoga hilft dabei, sich gesünder, glücklicher und rundum gut zu fühlen. Was könnte besser sein als sich körperlich und mental zu stärken und gleichzeitig zu lernen, sich aktiv wie auch passiv zu entspannen und diese Fähigkeiten auch jederzeit unter der Geburt anwenden zu können. Genau diese Kombination unterstützt Frauen in Zeiten, in denen viele Schwangere voller Ängsten und mit Verunsicherung der bevorstehenden Geburt entgegensehen. Der Begriff Yoga kommt aus dem indischen Sanskrit und heißt soviel wie Joch, Zusammenbinden und weist somit auf die Verbindung von Körper, Geist und Atem hin. Atem und Bewegung, das ist Yoga und das ist auch Geburt. Nie wieder wird sich der Körper einer Frau so stark verändern wie in der Schwangerschaft. Durch Asanas, körperliche Übungen, können Frauen gezielt ihren Körper, vom Kopf bis zu den Füssen stärken und im Prozess der Veränderung und des Wachstums unterstützen. Viele der Beschwerden, die eine Schwangerschaft so mit sich bringen kann, wie Rückenschmerzen, geschwollene Beinen etc., werden oft effektiv gelindert und verbessert. Der ganze Körper wird beweglicher, besser durchblutet und vom Kreislauf über das Nervensystem hin energetisiert und entspannt. Ein ganzes System wird in sich harmonisiert und ausgeglichen.

Mutter und Kind bilden eine einzigartige, ganz besondere Einheit. Nie wieder werden wir einem Menschen so nahe sein, wie während seines Heranwachsens im Mutterleib. Durch die Verbindung der Mutter zum Kind durch die Nabelschnur ist das Baby tatsächlich an alles, was die Mutter erlebt und zu sich nimmt, angeschlossen. So profitiert auch das Baby von einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin, einem Glückshormon, das Menschen zum Beispiel beim Sport oder bei der regelmäßigen Meditation ausschütten. Fühlen sich die werdenden Mütter gut, gedeihen auch die Babys gut. Yoga gibt Schwangeren eine Gelegenheit, sich während des Alltags nach Innen zurückzuziehen und die tiefe Verbindung von sich zu ihrem Baby zu spüren und zu erleben. Im Atem und in Liebe verbunden. Im Yoga gehen wir davon aus, dass wir von Prana, Lebensenergie, umgeben sind und diese zum Beispiel durch das bewusste Atmen in uns aufnehmen können. Atmen hilft Schwangeren besonders unter der Geburt besser mit den Wehen umzugehen und dabei ihr Kind ganz gezielt mit Sauerstoff und Liebe rundum zu versorgen. Regelmäßiges Yoga kann uns lehren, wirklich wieder die Stimme des Körpers zu hören. Es schärft unsere Sinne und fördert das Körpergefühl. Höre auf die Stimme deines Körpers, sowohl beim Yoga wie auch unter der Geburt! Nur du selbst kannst entscheiden was sich gut anfühlt, genau jetzt, in diesem Moment. Yoga stärkt unsere Selbstkompetenz und hilft uns unsere Bedürfnisse besser zu erkennen. Ein extrem wichtiger Prozess, nicht nur für die Schwangerschaft und Geburt, sondern auch für die Zeit danach.

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Und natürlich das Ganze noch aus Sicht des Babys Babys nehmen von Anfang an rege teil. Sie tasten im Mutterleib schon ab der 8. Woche und können ca. ab der 14. SSW hören. In vielen Studien wurde festgestellt, dass Babys schon sehr früh auf Musik reagieren und dass sie sanfte Klänge und Rhythmus lieben. Die Stimme der Mutter ist das Vertrauteste, das die Babys von Anfang an kennen und sie genießen es natürlich, wenn die werdende Mutter singt, summt und tönt. Ob es Lieder oder Mantren sind. Mantren sind natürlich mindestens so alt wie das Yoga. Und dem Rezitieren von Mantren wird eine ganz eigene energetische, heilende Wirkung zugeschrieben, wie auch das Tönen oft geübt und dann sehr effektiv bei der Geburt angewandt werden kann. Von einem Aaaaa über ein Ooooo bis zu einem Aoumm. Auch die Bewegungsmuster der werdenden Mutter werden auf die Babys übertragen und wir gehen davon aus, dass diese auch im kindlichen Gehirn abgespeichert werden. Babys lernen jetzt schon mit! Mudras, vorwiegend Fingerhaltungen und Gesten, die sich ebenfalls heilend, nährend und stärkend auf den ganzen Organismus auswirken, sind ebenso ein wichtiger Teil des Yogas. Im Sanskrit steht das Wort Mu-

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dra für Siegel, das Freude auslöst. Wir kennen diese von Buddha Statuen, indischen Gottheiten, ja und selbst die Marienstatuen halten die Hände oft in einer ganz bestimmten Zuneigungs, Segnungs- und ähnlichen Haltungen. In der Meditation und Endentspannung während einer Yogastunde finden Mutter und Kind Zeit, in einem inneren Zwiegespräch auf ganz eigene Weise zu kommunizieren. In diesem Augenblick geht es oftmals darum, den Blick mehr nach Innen zu richten, Ruhe und Stille zu erfahren, wie auch bewusst von Dingen loszulassen. Eine gute Übung im Hinblick auf die Geburt, da diese ebenfalls ein nach Innen gerichteter Prozess ist. Gerade in der Schwangerschaft entsteht in vielen Frauen der Wunsch etwas für sich und ihr Baby zu tun, was sie auf natürliche Weise unterstützt und gesund hält. Yoga bietet in seiner Vielfalt ein großes Spektrum. Schwangerenyoga ist normalerweise für fast alle Frauen mit und ohne Yogakenntnissen geeignet. In meinen Augen ist das Schwangerenyoga ein einzigartiger, sehr effektiver und schöner Weg, sich selbst und sein Baby ganz bewusst wahrzunehmen und auf allen Ebenen aktiv auf die Geburt vorzubereiten. Ich wünsch dir eine wundervolle Schwangerschaft und Geburt.


d Yoga bietet den Schwangeren die Gelegenheit, sich während des Alltags nach Innen zurückzuziehen und die tiefe Verbindung zu ihrem Baby zu spüren und zu erleben.

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Essence of Birth

Was steht dir fĂźr eine positive Geburtserfahrung im Weg?

NINA WINNER


TEIL 1 Dein Lebensrucksack Es gibt den Spruch: „Wie du lebst, so gebärst du auch.“ Geburt ist vor allem ein psychologischer Vorgang. Es ist fast so, als ob wir unter der Geburt (und teilweise schon in der Schwangerschaft) einmal geöffnet und auf Links gedreht werden würden und uns alle unsere Lebensthemen noch einmal anschauen dürfen. Nehmen wir diese Möglichkeit wahr, so ist ein hohes Maß an Heilung und Transformation erlebbar. Ich erlebe es oft in meiner Arbeit mit den werdenden Mamas. Da taucht dann der Ursprung des Problems nicht selten in einem Nebensatz auf: „Meine Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft große Angst, mich zu verlieren.“ Oder: „Ich war ein Notkaiserschnitt und meine Mutter wurde ein paar Wochen nach meiner Geburt von meinem Vater verlassen.“ Oder: „Mein Vater hat mir oft gesagt, dass ich Dinge, die ich mir vornehme, nie zu Ende bringe. Dass ich das nicht schaffe. Nun habe ich auch meine erste Geburt nicht zu Ende gebracht, mein Kind musste per Kaiserschnitt geholt werden.“ Die Art und Weise, wie wir unsere eigene Zeit im Bauch verbracht haben und welchen Emotionen wir ausgesetzt waren, sowie unsere eigene Geburtserfahrung, haben einen großen Einfluss darauf, wie wir uns als Teil unserer Welt erleben. Auf unser Urvertrauen, unser Gefühl von Selbstwert und Selbstwirksamkeit und auf den Grad an Selbstverständlichkeit, mit der wir unser Leben bestimmen können.Wie sind wir aufgewachsen und erzogen worden? Welche Rollenbilder und Vorbilder hat es gegeben? Die Erfahrungen im frühen Kindesalter dienen weiter dazu, unsere Handlungsmuster,

die aus unserer pränatalen, perinatalen und postnatalen Phase stammen, weiter auszubauen. Werden meine Bedürfnisse berücksichtigt oder muss ich mich immer anpassen, um geliebt zu werden? Wird mir offen Liebe entgegen gebracht oder muss ich erst immer etwas leisten oder brav sein, um die Wertschätzung meiner Eltern zu erhalten? Dies bestimmt natürlich, wie wir uns später als Frau und werdende Mutter erleben. Konflikte, insbesondere im ganz engen Familienkreis - zwischen der eigenen Mutter oder dem eigenen Vater - unausgesprochene oder unaufgelöste Dinge können einen ganz wesentlichen Teil dazu beitragen, ob wir uns unserem Körper, unserem Kind und dem Geburtsverlauf hingeben können oder nicht. In der Vorbereitung auf die Geburt spielt also auch die Auseinandersetzung mit immer wiederkehrenden Lebensthemen und das Bewusstmachen von bis dahin unbewussten Handlungsmustern in Bezug auf wiederkehrende Konflikte eine große Rolle. Meiner Meinung steht diese Art von Vorbereitung immer am Anfang der Geburtsvorbereitung. Ohne die Arbeit in die Tiefe der eigenen Psyche werden bestimmte Techniken zur Unterstützung der Geburtsarbeit nur bruchteilhaft umsetzbar sein, da sich die eigenen Steine immer wieder in den Weg rollen werden. Sobald aber die Bewusstmachung geschehen ist, reicht die Intention, diese Themen und Muster endgültig hinter sich zu lassen – also die Geburt des eigenen Kindes auch als eine Art Neubeginn für sich selbst zu sehen - um den Weg für neue, konstruktivere Handlungsmuster zu öffnen. Oft braucht es hierfür Unterstützung von Außen, um Klarheit zu finden

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und den nötigen Anstoß zu bekommen, bestimmte Themen wirklich anzugehen. Aber der Einsatz lohnt sich! WAS DU TUN KANNST: Finde heraus, wie deine Geburt war, wie deine Mutter die Schwangerschaft erlebt hat und wie die erste Zeit nach der Geburt war. Welchen Themen warst du da als Baby ausgesetzt? Hier kann ein Gespräch mit deiner Mutter oder Großmutter helfen. Therapieformen wie z.B. Hypnotherapie können auch dabei helfen, vergessene, zum Unterbewusstsein gehörende Erfahrungen, aufzuarbeiten. Schreibe alle Erlebnisse deiner Kindheit und frühen Jugendjahre auf, die dich geprägt haben, die einschneidende Erfahrungen waren, die dich verletzt oder verändert haben. Was für Konsequenzen hast du für dich damals daraus gezogen? Wie hat sich dein Verhalten geändert? Inwiefern hast du ein Stück von dir selbst verdrängt, um weiter sicher zu stellen, geliebt zu werden? Und ganz besonders wichtig: Vergeben! Das ist der wichtigste Schritt von allen. Vergebung ist die stärkste und schnellste Methode, dich zu heilen und eine positive

Veränderung in deinem Inneren zu bewirken. Hier findest du eine Übung dazu. Du kannst diese Übung so oft machen, wie du es brauchst. Du wirst sehen, dass du manchen Menschen öfter vergeben musst, bis du wirklich das Gefühl hast, dass die Sache zwischen euch bereinigt ist. Diese Personen müssen im echten Leben nie etwas davon erfahren. Vielleicht sind bestimmte Menschen auch schon verstorben. Ein wichtiger Punkt: Vergeben heißt nicht gutheißen. Es heißt nicht, dass ein großes Unrecht, das dir angetan wurde, jetzt auf einmal für gut und recht befunden wird. Beim Vergeben geht es darum, die Härte in deinem Herzen loszuwerden. Eigentlich geht es beim Vergeben nur um dich! Um dein Wohlbefinden, deine Gesundheit, deine Entfaltungsmöglichkeiten. Wenn du es schaffst, Vergebung zu finden, wirst du erleben, welcher tiefer Friede sich in dir einstellen wird. Dies gibt dir den richtigen Ausgangspunkt, um deine Vision für diene Geburt zu finden und die nötigen Schritte, die du dafür tun musst, werden sich mit Leichtigkeit vor dir auftun. Weil du nun frei bist.

TEIL 2

Geburtsort und -begleiter

Unsere Umgebung, der Ort, an dem wir uns aufhalten, sowie die Menschen, die uns umgeben, haben einen großen Einfluss auf uns, auf unsere emotionale Verfassung, unser Verhalten und unser körperliches Befinden. Das trifft auf unser tägliches Leben genauso zu wie unter der Geburt. Wo und mit wem wir gebären, bestimmt wesentlich, ob wir eine positive oder negative Geburtserfahrung machen können. Denn jede gute Vorbereitung auf die Geburt oder jeder Geburtsplan bringt genau gar nichts, wenn der gebärenden Frau an dem Geburtsort von ih-

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rem Umfeld nicht der Raum gegeben wird, den sie braucht; wenn sie nicht in ihren Bedürfnissen unterstützt wird, wenn sich zu viel eingemischt wird, wenn sie zu oft in ihrem eigenen Tun unterbrochen wird, wenn zu viele Menschen im Raum sind. Welche Bedürfnisse hat eine gebärende Frau? Was braucht sie? Um dies zu verstehen, muss man sich anschauen, wie der physiologische Geburtsvorgang funktioniert und welche Grundvoraussetzungen unser Körper braucht, um


VERGEBUNGSÜBUNG Denke an all die Menschen, die dir in deinem Leben Unrecht angetan haben, die dich schlecht behandelt haben, die dir das Gefühl gegeben haben, weniger wert zu sein. Stell dir nun vor, wie du diesen Menschen, einem nach dem anderen, begegnest. Du siehst jetzt diese bestimmte Person ganz klar vor dir. Was hat sie an? Wie steht sie da? Wie ist der Gesichtsausdruck? Wie riecht diese Person? Welche Gefühle löst der Anblick dieser Person in dir aus? Gehe auf diese Person zu. Lass alle Gefühle wie Wut, Angst, Trauer, hochkommen und lass sie raus. Vielleicht möchtest du diese Person anschreien. Vielleicht möchtest du endlich einmal all das rauslassen, was so lange in dir fest saß. Gib dir dafür ca. eine Minute. Nun sieh ihn oder sie als kleines Kind. Finde Verständnis und Mitgefühl dafür, warum aus diesem Kind diese erwachsene Person mit den bestimmten Eigenschaften geworden ist, die dir weh getan haben. Öffne dein Herz – sieh es, wie es strahlt – und vergebe dieser Person von ganzem Herzen. Du kannst diesen Menschen auch in den Arm nehmen. Du darfst weinen. Du darfst dich erleichtern. Du darfst bedingungslose Liebe spüren. Bedanke dich für diese Erfahrung, von der du so viel lernen durftest. Verabschiede dich. Atme tief durch. Setze diesen Prozess fort und begegne weiteren Menschen, denen du vergeben möchtest.

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reibungslos gebären zu können. Also im Grunde, was unserer Biologie nach in unserem instinktiven Körperverhalten seit jeher gespeichert ist. Daraus können wertvolle Schlüsse gezogen werden, was dies für unser Gebärverhalten, sowie die Auswahl unseres Geburtsortes und der Geburtsbegleitung bedeutet. Wenn du eine positive Geburtserfahrung machen willst, dann solltest du dich Folgendes fragen: Welche Umgebung kann während der Geburt hemmend auf mich einwirken? Welche Umgebung kann den ersten Kontakt zwischen mir und meinem Baby störend beeinflussen? Was sind die Strategien, um meine Geburt zu erschweren? Welche Faktoren machen meine Geburt länger, komplizierter und gefährlicher? Um zu diesen Antworten zu kommen, kann es dir helfen, dir anschauen, welcher Teil deines Gehirns für den Geburtsvorgang zuständig ist. Es ist der primitivste Teil deines Gehirns, der bestimmte Hormone produziert, die deinen Körper anleiten, die genauen Vorgänge während der Geburt zu durchlaufen. Der Geburtsvorgang ist umso leichter, je mehr das andere Hirn, das neue Hirn oder Neokortex, das uns als Mensch ausmacht, in den Hintergrund tritt. Wird es während des Geburtsvorganges aktiv, so wirkt sich dies nur hemmend auf die Aktivität des alten Hirns aus. Kann es aber inaktiv bleiben und das alte Hirn die Vorderhand haben, so bist du von allen möglichen Hemmungen befreit. Oft sagt man ja auch, dass eine gebärende Frau den Eindruck macht, als wäre sie auf einem anderen Planeten. Sie hat einen anderen Bewusstseinszustand erreicht. Sie traut sich, laut zu sein, ihre Schließmuskel zu öffnen, zu vergessen, was ihr anerzogen wurde, was kulturell anerkannt ist, was der Anstand verlangt. Will man also eine Geburt länger, schwieriger, schmerzhafter und gefährlicher ma-

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chen, stimuliert man am Besten den Neokortex, von dem alle Hemmungen ausgehen. Dieser kann durch Licht stimuliert werden oder dadurch, dass man jemandem zuhören soll, der logisch und rational redet, oder wenn man von Menschen umgeben ist, die sich wie Beobachter verhalten. Diesen primitiven Teil des Gehirns haben wir mit allen anderen Säugetier-Mamas gemeinsam. Evolution hin oder her, unter der Geburt sind wir wie alle anderen Säugetier-Mamas, das heißt, unser Körper braucht bestimmte Grundvoraussetzungen, die biologisch tief gespeichert sind. Um zu lernen, was also wichtig für die menschliche Geburt ist, müssen wir uns anschauen, wie die Säugetiere das machen. Und was hier gleich auffällt: trächtige Säugetiere suchen unter der Geburt die Ungestörtheit. Das trächtige Schaf, normalerweise ein Herdentier, trennt sich zum Beispiel von seiner Schar, sobald die Geburt unmittelbar bevorsteht. Die trächtige Katze sucht sich in einer schwer zugänglichen Ecke des Hauses, womöglich in einer Schublade eines alten, vergessenen Schranks einen Platz für die Geburt ihrer Kinder, von dem sie sich sicher sein will, dass dieser nicht aufgefunden wird. Warum verbergen und isolieren sich Säugetiere, um ihre Jungen auf die Welt zu bringen? Es geht nicht darum, sich vor Raubtieren zu schützen, da würde die Gruppe den besten Schutz bieten. Die Weibchen verstecken sich, um sich vor den anderen Mitgliedern der Gruppe zu schützen. Warum zeigt ein Versuch mit Ratten. Hier wurde die Auswirkung der Umgebung auf den Geburtsverlauf sowie die Verhaltensänderung innerhalb der Rattengemeinschaft untersucht. Es zeigte sich, dass die Rattenmutter, die sich nicht in die Ungestörtheit zurückziehen konnte, einen längeren und schwierigeren Geburtsverlauf hatte als die Rattenmutter in der Vergleichsgruppe. Be-


sonders auffallend ist aber das Verhalten der restlichen Rattengemeinschaft: sie reagiert auf die gebärende Ratte in ihrer Mitte mit Überaktivität. So wird die Rattenmutter in ihrer Geburtstätigkeit ununterbrochen gestört und im Zuge der ‚Versorgung‘ der Nachgeburt werden auch einige der neugeborenen Ratten gefressen. Geburt scheint andere, beteiligte Mitglieder einer Gesellschaft nervös und überaktiv zu machen. Gebärende Weibchen brauchen Ungestörtheit, Privatsphäre, Intimität. Das Bedürfnis, bei gedämpftem Licht an einem vertrauten Ort und ohne die Anwesenheit von Beobachtern zu gebären, ist bei uns allen gleich und tief in unserer Biologie gespeichert. Natürlich sind wir nicht wie die Tiere. Darauf wird immer gerne bestanden. Aber nachdem unsere große Errungenschaft, der Entwicklung des Neokortex, keine Hilfe für unsere Gebärfähigkeit bietet, sondern im Gegenteil eher hinderlich ist, dürfen wir, wenn es um die Geburt unserer Kinder geht, ruhig von unserem hohen Ross heruntersteigen und uns unter die Säuger mischen. Die ganz klare Botschaft an alle Mütter, die keine positive Geburtserfahrung gemacht haben heißt demnach: Nein, dein Körper hat nicht versagt! Dein Muttermund hatte keine Fehlfunktion! Und nein, du hast auch keine Wehenschwäche! Dein Körper hat perfekt funktioniert, weil er sich an sein biologisches Design, an seine Säugetier-Prägung gehalten hat und dein Kind vor einer Gefahr beschützen wollte. Es ist die Weisheit unseres Körpers, der unserer Biologie folgt: wir brauchen Ungestörtheit und Privatsphäre unter der Geburt. Bekommen wir das nicht, so sagt der Körper: ‚Ich fühle mich hier nicht sicher. Hier und heute ist keine sichere Gelegenheit, mein Kind zu bekommen. Ich mache das lieber morgen. Lasst uns nach Hause fahren.‘

Was ist denn dann nun konkret wichtig für den Geburtsort? Der Ort, den man sich für die Geburt seines Kindes aussucht, sollte folgende Eigenschaften mit sich bringen: Privatsphäre, Ungestörtheit, die Möglichkeit, intim zu sein – also ein vertrauter Raum, möglichst klein, ruhig ein wenig unordentlich (auch meinem Neokortex widerspricht das, aber der hat ja unter der Geburt nix zu melden) und Dunkelheit. Bleibt man also am Besten gleich zu Hause. In der Abstellkammer. Ich hatte wirklich einmal eine Klientin, deren Traumvorstellung es gewesen ist, allein in der Abstellkammer ihr Kind zu bekommen, ohne, dass es jemand mitbekommt. Sie meinte, nur so könnte sie sich hemmungslos gehen lassen. Nun, eine Hausgeburt ist nicht für jeden. Sie ist allerdings statistisch gesehen für eine gesunde Frau mit gesundem Kind und unauffälliger Schwangerschaft die sicherste Variante, weil sie eben am Ehesten unserem Bedürfnis nach Ungestörtheit gerecht werden kann. Ich hätte meine beiden Kinder nicht zuhause auf die Welt gebracht, wenn ich nicht zu 200% davon überzeugt gewesen wäre, dass meine Kinder so am Wenigsten einer Gefahr ausgesetzt werden. Aber ich weiß auch, dass viele meiner Klienten ihr Baby nicht zu Hause bekommen wollen oder auch können, weil es vielleicht besondere medizinische Umstände gibt, die Wohnsituation es nicht erlaubt oder sie keine Hausgeburtshebamme finden können (so weit ist es vielerorts schon in Deutschland). Dann muss man sich überlegen: Wie kann man unsere ureigenen Bedürfnisse auch in einem Krankenhaus erfüllen? Das ist, muss ich ehrlicherweise zugeben, eine echte Herausforderung, aber machbar. Du kannst erst ganz zum Schluss ins Krankenhaus fahren und so lange wie möglich zuhause bleiben. Du machst deinen Partner dafür zuständig, die Rolle eines Beschützers einzunehmen,

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eine Art Fürsprecher. Will jemand was von dir, muss diese Person erst an ihm vorbei. Du lässt dafür sorgen, dass der Raum so dunkel wie nur möglich bleibt und die Inhalte deiner Kliniktasche im ganzen Raum verteilt werden, um für Unordnung im Geburtszimmer zu sorgen. Du behältst es dir vor, dich mal für eine längere Zeit allein auf der Toilette aufzuhalten und dort die Wellen zu verarbeiten - auf der Toilette findet man immer Privatsphäre und Ungestörtheit und dein Körper reagiert geburtsfördernd auf dieses Umfeld, denn hier geht es um Ausscheidung. Du gehst nur mit eigener Hebamme ins Krankenhaus, denn mit dieser Person stehen und fallen deine Handlungsspielräume. Dein Unterstützer-Netzwerk Sich eine eigene Hebamme und/oder Doula für die Geburt zu organisieren, ist einer der wichtigsten Faktoren für eine positive Geburtserfahrung! Ja, auch wenn die hauseigenen Hebammen des Krankenhauses beim Infoabend alle so lieb waren, und ja auch, wenn der Partner das sicher ganz toll machen wird. Gebärende Frauen brauchen eine Vertrauensperson, die sich mit Geburt auskennt (also nicht der Partner!) und die während der Geburt nur Zeit für sie hat und nicht noch drei andere Frauen betreuen muss oder die Frau nach Schichtwechsel einfach im Regen stehen lässt. Eine

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1-1-Betreuung durch die eigene Hebamme macht die Geburt um Vieles sicherer! Erst nach Auswahl der Hebamme würde ich schauen, in welches Krankenhaus diese mitgehen kann. Im Idealfall kann sie die erste Geburtsphase zuhause mit begleiten und dann bei der Entscheidung helfen, wann die Überfahrt ins Spital stattfinden soll. Ein altes Sprichwort heißt, eine gute Hebamme ist eine strickende Hebamme. Hier ist wieder der Bezug zu den wichtigen Umfeldfaktoren für eine positive Geburtserfahrung: Ungestörtheit. Eine Hebamme, die strickt, ist da, hat aber ihren Fokus auf ihrem Strickwerk und nicht beobachtenderweise auf der gebärenden Frau. Die werdende Mutter bekommt das Gefühl, unter keinem Zeit- oder Erwartungsdruck zu stehen. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass unser Körper perfekt dafür ausgestattet ist, ein Kind auf die Welt zu bringen. Es ist auch so, dass unser Körper immer genau richtig reagiert, dass es kein Fehlverhalten gibt. Aber wir sind, wie auch in anderen Lebensphasen von unserer Umwelt und von unserem Umfeld stark beeinflussbar. Es ist wichtig, diese Zusammenhänge genau zu verstehen und dann entsprechend zu handeln. Das kann nur jede werdende Mutter für sich selbst tun. Leider wird es ihr nicht von sich aus geschenkt und es kann einen ganz schönen Mehraufwand bedeuten. Aber dieser wird sich lohnen!


TEIL 3

Dein Mindset

„OB DU DENKST, DU KANNST ES ODER DU KANNST ES NICHT, DU WIRST AUF JEDEN FALL RECHT BEHALTEN.“

Henry Ford

Deine Gedanken erschaffen das Leben um dich herum. Sie entscheiden darüber, welche Menschen du anziehst, welchen Situationen du begegnest, wie deine Lebensumstände sind. Das Gleiche gilt für die Geburt und die Vorbereitung auf diese. Mittlerweile wissen wir um die Macht, die unsere Gedanken über unser Leben haben. Für jeden Gedanken gibt es eine chemische Reaktion in unserem Körper. Sorgen- und angstvolle Gedanken sind die besten Begleiter, um deine innere Energie soweit runter zu ziehen, dass sie die Dinge, die du dir wünschst, davon abhalten, in dein Leben zu treten, was sie natürlicherweise tun würden. Du stehst dir also selbst im Weg. Du sabotierst dich selbst. Wir erscheinen wahnsinnig kreativ, wenn es darum geht, sich das schlimmste Szenario, das eintreffen kann, in allen Details vorzustellen. Warum fällt es uns so schwer, dies auch für die positiven Dinge zu tun? Warum erscheint es uns als Selbstbetrug, wenn wir uns unser Traumszenario vorstellen, unsere negative Erwartungshaltung aber als Normalzustand akzeptieren? Warum erscheint es ’normaler‘, sich eine negative Geburtserfahrung vorzustellen als die eigene Gedankenkraft für das Kreieren eines erfüllenden Geburtserlebnisses einzusetzen? Wir haben es nicht anders gelernt. Aber wir können uns entscheiden. Für die andere Seite der Macht. Nämlich die Gute. Welches sind also die Dinge, die du tun

kannst? Wie kannst du die gute Seite deines machtvollen Geistes nutzen, um eine positive Geburtserfahrung zu machen? 1) Finde DEINE Vision für die Geburt Bevor du mit deiner geistigen Arbeit anfängst, solltest du dir klar darüber werden, was DU eigentlich willst. Was wünschst du dir für deine Geburt? Nicht: was ist möglich, was ist gesellschaftlich anerkannt, was denken meine Nachbarn, was für mich möglich ist, sondern was wünschst DU dir? Wie willst du dich unter der Geburt fühlen? Das Finden deiner Vision ist der Anfang von allem. Hierfür nimmst du dir immer wieder Zeit, um alles genau aufzuschreiben und zu formulieren. Du gibst so eine Bestellung auf. Das Ziel deiner Reise. Es ist nicht deine Aufgabe zu entscheiden, wie genau du an dein Ziel kommen wirst, sondern deine Aufgabe ist, ein Ziel überhaupt erst festzulegen. Würdest du in den Urlaub fahren, ohne vorher den Zielort festzulegen? Und für alle Zweifler hier: gehst du in ein Restaurant mit der Annahme, dass der Kellner schon weiß, was du willst, weil er das ja jeden Tag macht? Hier stimmt es dann schon, dass das Leben immer anders kommt, als man denkt – ja eh! Weil du ja auch nicht formuliert hast, was du überhaupt willst!!! Was genau willst du? Dann mach es klar! Für dich und für alle Beteiligten.

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2) Visualisiere deine Wunschgeburt Hier kommt unsere Vorstellungskraft ganz aktiv ins Spiel, denn nun wirst du dir die Vision, die du für deine Geburt gefunden hast, immer und immer wieder vorstellen. Es ist eine Art Spielfilm, den du dir regelmäßig vor deinem inneren Auge ablaufen lässt. In HD und Dolby Surround. Du kannst hier jede Meditationstechnik, die dir gefällt, benutzen und deinen Geburtsfilm einarbeiten. Es mag anfänglich schwierig sein, konzentriert bei der Sache zu bleiben, besonders, wenn diese Form der geistigen Art völlig neu für dich ist. Aber Übung macht den Meister. Du hast nichts zu verlieren. Wichtig ist, in einen tiefen Entspannungszustand zu kommen, damit dein Gehirn in den Bewusstseinszustand kommen kann, in dem die Gehirnwellen auf der Theta-Ebene schwingen. In diesem Zustand ist dein Gehirn besonders aufnahmefähig. Das Wunderbare: Jedes Durchspielen dieses Geburtsfilmes (und hier ist es besonders wichtig, dass du die Gefühle in deinem Körper fühlst, auf die du es abgesehen hast) speichert diese Bilder, Eindrücke und Emotionen immer mehr in deinem Unterbewusstsein. So werden eine Art von ‚Erinnerungszellen‘ in deinem Gedächtnis geformt, so dass du ganz bewusst die Dinge, Menschen oder Umstände erkennen kannst, die dich deinem Ziel näher bringen werden. Wie ein Kompass, der genordet wurde, wird deine innere Kompassnadel genau in die Richtung zeigen, in die du gehen willst. Je öfter du die Bilder deiner Wunschgeburt ‚durchlebst‘, um so mehr verändert sich deine innere Schwingung und um so mehr passt sich diese Schwingung der Schwingung deines erwünschten Ergebnisses an. Das führt dazu, dass du genau die Dinge, Menschen und Umstände anziehst, die dich auf deinem Weg unterstützen und dich deinem Ziel näher bringen werden. Mit genügend Wiederholung werden diese Bilder und die-

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ses Ziel so in deinem Inneren gespeichert sein, dass es zu einem Fixpunkt geworden ist, auf den du vertrauen kannst und dem du dich wie mit Hilfe eines Autopiloten unentwegt weiter annähern wirst. 3) Arbeite mit Affirmationen Affirmationen sind positiv formulierte Glaubenssätze, die dich auf deiner Reise zur Wunschgeburt noch weiter stärken werden. Sobald du deine eigene Vision für die kommende Geburt gefunden hast und einen eigenen ‚Geburtsfilm‘ kreiert hast, kannst du daraus deine ganz eigenen Affirmationen für die Geburt finden. Kurze, und ganz konkrete Sätze wie „Mit jeder Welle entspanne ich mich tiefer“, „Ich freue mich auf eine einfache, selbstbestimmte Geburt“ und „Ich atme mich immer tiefer in meine Kraft hinein“ sind Beispiele dafür. Solche Sätze können besonders unter der Geburt wie Mantras wirken, die dich durch die Geburt tragen können. Du kannst dir diese immer wieder selbst sagen – leise im Kopf oder auch laut vor dich hin sprechend - du kannst dir diese aufnehmen und immer wieder anhören oder aber auch auf verschiedene Zettel aufschreiben und überall im Haus aufhängen. 4) Setze die nötigen Handlungen Das Arbeiten mit Visualisierungen und Affirmationen wird leer und ineffektiv bleiben, wenn du nicht auch die nötigen Handlungen setzt, die dich an dein Ziel bringen werden. Allein das Wunschdenken bringt dich nicht weiter. Das kann unangenehm sein, weil es manchmal bedeuten kann, dass du doch einen anderen Geburtsort oder eine andere Hebamme wählen musst; oder dass du dich von eher negativen oder behindernden Energien (bestimmten Menschen in deinem Leben) fernhalten oder abgrenzen musst. Habe den Mut, deine Wünsche und Intentionen über die der Anderen zu setzen.


Sei bereit, besonders wenn du bereits eine negative Geburtserfahrung gemacht hast, die Vorbereitung auf diese Geburt komplett anders anzugehen: von Innen nach Außen. Frage dich: was brauche ich und welche Schritte bringen mich immer näher an dieses Ziel? Bedenke: wenn du etwas in deinem Leben verändern willst, musst du etwas anderes TUN. Habe den Mut daran zu glauben, dass es möglich ist, dein Ziel für

die kommende Geburt zu erreichen und setze tägliche Handlungen, die dich Schritt für Schritt dahin bringen. Sei bereit, aus deiner Komfort-Zone auszubrechen und über dich selbst hinaus zu wachsen. Mit Hilfe deiner Visualisierungs- und Affirmationsarbeit wirst du deinen inneren Kompass soweit genordet haben, dass dir Hilfe und Unterstützung von allen Seiten zufliegen wird.

Gedankenraum

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BabybauchflĂźstern

Ungeborene Babys sprechen mit ihrere Mama

DORIS LENHARD


Hurra, du bekommst ein Baby! So sagen wir es in unserer Alltagssprache. Stimmt das so? Ich finde: Nein. Schon seitdem du dein Kind mit deinem Liebsten gezeugt hast, deine Eizelle sich von den vielen Samenzellen deines Mannes die schönste und kräftigste ausgesucht hat, um mit ihr Eins zu werden und ein zauberhaftes Baby wachsen zu lassen, seitdem sich nun in atemberaubender Geschwindigkeit Zellen teilen und vermehren, deine Gebärmutter dem kleinen Wesen einen Platz in seinen nährenden Wänden gegeben hat und es dort wächst und wächst und wächst, seitdem HAST DU ein BABY. Du und der Papa seid jetzt ELTERN. Während euer Baby wächst, wachst auch ihr in eure neue Aufgabe hinein. Seelisch entwickelst du dich von der Tochter der Mutter zur Mutter deines Kindes. Und der Papa zum Vater seines Kindes. Ich finde es wundervoll, dass ihr das 2016 sehr bewusst erleben könnt, wenn ihr euch auf dieses Abenteuer einlasst. Während dein Körper jetzt das Wunder des Lebens vollbringt und seinen kleinen Körper wachsen lässt, fühlt dein Baby, denkt es von Anfang mit, reagiert auf euch. Seine Gene reagieren auf die Umwelt. Das wissen wir aus den Forschungen der pränatalen Psychologie und Epigenetik. Der Film „in utero“ zeigt dies auf spannende Weise. Die in Deutschland gerade bekannter werdende Methode dazu heißt Bindungsanalyse. Ich nenne es Babybauchflüstern. 2012, bevor die Ausbildung zur Hypnobirthing-Kursleiterin für mich begann, hörte ich in einer Radiosendung darüber, dass Babys und Mütter vor der Geburt miteinander Botschaften austauschen, Babys schon vollständig entwickelte soziale Fähigkeiten haben. Bis dahin hatte auch ich geglaubt: Die Erinnerung beginnt mit der Zeit, in der wir zu sprechen beginnen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass ungeborene Babys die

Worte ihrer Eltern verstehen, zutreffend deuten und darauf regieren. Schwangerschaftsbeschwerden, Komplikationen in der Geburt, alle Schwierigkeiten nach der Geburt sind eng verbunden mit der Klarheit und Tiefe der vorgeburtlichen Mama-Baby-Beziehung. Der Papa spielt dabei auch eine wichtige Rolle, deshalb laden wir ihn immer ein, auch mit seinem Baby in seinen eigenen inneren Kontakt zu gehen. Fragst du dich manchmal, wieso Babybäuche groß und rund und andere vergleichsweise klein sind? „Ich hab nur noch sechs Wochen“ beantwortete die Mama im Lokal meine Einladung, mich auf meiner Webseite einmal zu besuchen . Das überraschte mich, einen so kleinen Bauch in der 34. Woche hatte ich bisher nicht gesehen. „Da haben Sie aber einen dezenten Bauch“ antwortete ich anerkennend und wünschte dem Paar und ihrer großen Tochter noch einen schönen Abend. Am nächsten Tag rief Sie mich an: „Ich hab mich gestern gefragt, was Sie von mir wollen. Bin dann aber doch auf Ihre Webseite gegangen. Sie machen ja genau das, was ich brauche!! Ich wusste gar nicht, dass es das gibt, ich kann nämlich überhaupt nicht entspannen. Das und der Chefarzt haben mir meine erste Geburt ruiniert. Meine große Tochter war ein Schreibaby und ich bin dabei fast wahnsinnig geworden. Sie ist heute noch anstrengend.“ „Ich mag meinen Bauch überhaupt nicht. Von mir aus könnte die Geburt schon vorbei sein. Meine erste Geburt war ein Horror, über die Geburt jetzt will ich gar nicht nachdenken. Ich brauche das alles nicht. Von mir aus könnte man mir mein Kind übergeben, wenn es drei Jahre alt ist.“ Dies sagte die Mama vor der ersten Stunde. Das Baby hat sich also erfolgreich „dünn gemacht“. Das Baby hat die Ablehnung seiner Mama gespürt. Dabei

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hat die Mama ja nicht ihr kleines Mädchen abgelehnt, sondern ihre Weiblichkeit als fruchtbare gebärende Frau. Das war für sie negativ belegt und war die Fortsetzung ihrer eigenen Erfahrung, als sie in Mamas Bauch war. Wir arbeiteten daran, dass sie mehr mit ihrem Körper in Kontakt ging, sie lernte mit individuellen Anleitungen recht schnell, sich zu entspannen. Für den Kontakt zum Baby brauchten wir etwas. Sie konnte es sehen, seine ausgestreckten Hände. Ihr Baby sagte ihr mit inneren Bildern „ich will zu dir“ und die Mama sah ihre eigenen ausgestreckten Hände, die nicht bis zum Baby kamen. Sie spürte genau, dass es ein Hindernis in ihr gab, das wir dann aus dem Weg räumen konnten. Dennoch breitete sich das Baby mit jeder Stund mehr in der Gebärmutter aus. Nun war der Bauch so groß und rund, wie ich ihn in der 36. Woche oft sehe. Jede Mama und jedes Baby finden ihren eigenen Weg, den wir begleiten und dort anleiten, wo die Mama unsicher ist oder sich aus den Ursprungsfamilien gelernte Bindungsmuster zeigen, mit der sich die Tiefe der Herzens- und Seelennähe, nach der sich jeder Mensch sehnt, schwer erreichen lässt. Und wie wirkten sich die Mama-Baby-Stunden für die Geburt aus? Baby und Mama haben in der Geburt super zusammengearbeitet. „Wenn ich bei der ersten Geburt die Atmungen schon gekannt hätte“ erzählte mir eine stolze Mama nach der Geburt. Im Kinderwagen lag ein tiefenentspanntes vier Wochen altes Baby. Die Mama hatte sich entschieden, dass sie diesmal in ein kleines Krankenhaus geht und dort so spät wie möglich aufschlägt. Mit den Entspannungen, Selbsthypnosen und Atmungen umwanderte sie in der Eröffnungsphase ihren Häuserblock. Sie blieb mit ihrem Körper und dem Baby in Verbindung, sie „las“ ihren Körper präzise und fuhr im richtigen Moment in die Klinik. Der

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Muttermund war vollständig eröffnet, als sie ankamen. Eine Stunde später lag ihr Baby in ihrem Arm. Was, wenn aus der Hausgeburt eine „Risikogeburt Beckenendlage“ geworden ist? „Ich glaube, wir werden uns vor der Geburt nochmal sehen. Ich habe da noch ein Eifersuchtsthema mit meinem Bruder und zu meiner Tochter habe ich keine so tiefe Beziehung, wie ich sie in der Schwangerschaft mit meinem Sohn hatte.“ So verabschiedete sich eine Mama am Ende des Hypnobirthingkurses. Sie war jetzt in der 30. Woche. Bei der Anmeldung zehn Wochen vorher hatte sie mir offenbart, dass sie stärkere Ängste hat, die heute wesentlich besser seien, wegen derer sie vor vielen Jahren eine Psychotherapie gemacht habe. „Was weißt Du über die Schwangerschaft Deiner Mutter mit Dir?“. Diese Frage stellen wir Bindungsanalytiker in der Anamnese. „Meine Mutter hatte vier Fehlgeburten vor mir. Als sie mit mir die ersten Anzeichen bekam, hat der Arzt sie zugenäht und sie hat die ganze Zeit liegen müssen.“ „Und daher hast Du Deine Angst, die Dich in Therapie gebracht hatte.“ Zur Hypnobirthing-Geburtsvorbereitung gehört eine Hypnose zur Auflösung von Ängsten und einschränkenden Gedanken zur Geburt. Das Paar hat alle Übungen gemacht, sich bestens vorbereitet und für die Mama kam - wie beim ersten Kind - nur eine Hausgeburt oder allenfalls das Geburtshaus in Frage. Alles war gut vorbereitet und es blieb die Vorahnung der Mama, mit der sie sich verabschiedete. Fünf Wochen später rief sie mich weinend an. Ihr Baby hatte sich nicht in die Kopf-Geburtsposition gedreht, ihre Hebamme hatte alles abgefragt. Sie hatte die Hypnobirthing-Entspannungen gemacht. „Vielleicht protestiert Dein Kind“ vermutete die Hebamme und ich verstehe gut, dass meine Klientin danach Schuldge-


fühle hatte. Das Baby hat die Gefühle der Mama damit beantwortet, dass es jetzt erst einmal mit dem Po im Becken blieb. Wir begannen miteinander zu arbeiten:Von Babys, die in Beckenendlage bleiben, wissen wir, dass sie näher am Herzen der Mama bleiben wollen. Das starke Schuldgefühl wandelte sich in liebevolle Zuversicht durch die Anleitung, ihr Baby zu bitten, ein Stück näher ans Herz der Mama zu krabbeln. Das Baby machte das sofort. Es gibt eine spezielle Hypnobirthing-Hypnose, damit drehen sich weit mehr Babys als mit den bekannten Methoden. Diese Drehung ist für die Mama und das Baby sanfter. Die Kleine blieb jedoch, wie sie lag. Nun bekam die Mama eine Liste mit konkreten Fragen an die Oma. Ich wollte die systemischen Verstrickungen und das innere Bild der Klientin anschauen. Nun erfuhr sie, dass es noch eine Schwangerschaftt gegeben hatte, die Oma insgesamt sieben Mal schwanger gewesen ist. Gespräche der werdenden Mama mit der Oma über die familiäre Geburtsbiographie initiieren erstaunliche Heilungs- und Reifungsprozesse. Dies gehört leider nicht zur üblichen Schwangerschaftsvorsorge und Begleitung von Hebammen und Ärzten. Deshalb fehlt diese innere Entwicklung häufig und wird Jahre später nachgeholt: Anlass dafür sind zum Beispiel Schreibabies, auffällige Kinder in der KITA oder Schule, Lernprobleme von Kindern, Paarkrisen. Wie lösten Mama und Baby ihren gemeinsamen Weg? Die Mama wuchs über sich hinaus, vertraute sich mehr Menschen als vorher an. Sie beriet sich mit ihrer Ärztin, welches Krankenhaus ihr die benötigte Sicherheit gibt. So erfuhr sie, dass sie nicht in das Krankenhaus musste, das ihr Bauchschmerzen bereitete, sondern es im RheinSieg-Kreis eine Klinik gibt, in der das gesamte Geburtsteam aus Frauen besteht. Damit fühlte sie sich sicherer. In der syste-

mischen Einzelstunde sah sie, dass ihr Bruder gar nicht so eine herausgehobene Sonderstellung hat, er ziemlich arm dran war in der Familiendynamik. Und alle Kinder ihrer Eltern bekamen den richtigen Platz: Sie war das fünfte Kind ihrer Eltern, nicht die Erstgeborene. Die fehlgeborenen und das abgetriebene Baby der Oma konnte sie nun betrauern. Zwei Tage, in denen ihr Mann sie tröstete und ihr Halt gab. Die Entwickler der Bindungsanalyse, die Psychoanalytiker Jenö Raffai und Georgy Hiddas haben in ihren 20-jährigen Forschungen und Begleitungen von Schwangeren beobachtet, dass die Gebärmutter ein Erinnerungsorgan ist. In jeder Gebärmutter sind alle Erfahrungen gespeichert: die der Omas aus beiden Familien, der Urgroßmütter. Die werdende Mama hatte als Fötus wahrgenommen, dass der Ausgang der Gebärmutter „tödlich“ sein kann. Nun reagierte die Enkelin, und hatte Angst mit dem Kopf zuerst durch das dunkle Tor „des Todes“ zu gehen. Sie fühlte sich sicherer am Herzen der Mama. Leider wird euch mit dem „Risikofaktor BEL“ suggeriert, dass eure Schwangerschaft und Geburt ein Mangel hat, euer Baby oder ihr was falsch macht. Mich ärgert das. Seit Urzeiten kamen Babys auf zwei „normalen“ Wegen zur Welt: Mit dem Kopf oder mit dem Po zuerst. Es gibt nur zwei Indikation für den Kaiserschnitt: Das Baby liegt quer oder es hat ein Bein nach unten gestreckt und das andere nach oben angewinkelt. Ich lade euch ein, euch einmal Bilder anzuschauen, wie genial sich ein Baby zu einem Ei zusammenfaltet. Fühl einmal hin, ich kann jedes Baby verstehen, das lieber so geboren werden möchte. Es schützt seinen Kopf mit Händen und Füßen und flutscht als Ei viel einfacher den Geburtsweg hinunter. Für die Mama sind BEL-Geburten angenehmer und leichter, verriet mir eine Hausgeburtshebamme aus

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Belgien, die auch meine Bindungsanalyse-Kollegin ist. Nur Babys können intuitiv die richtige Entscheidung für ihre eigene Geburt treffen. Es nimmt seinen sichersten Weg auf die Welt genau wahr. Dies finde ich, ist die wichtigste Botschaft an Dich als Mama. Damit du den Weg deines Babys mit deiner Kraft unterstützt und für euch beide das Beste daraus machst - zusammen mit dem Papa. Damit löste sich der „Protest des Babys“ und die „Fehlleistung“ auf und waren kein psychisches Hindernis mehr für eine sichere gesunde Geburt. Die Mama war in ihrer Mutterschaft auch psychisch angekommen. Sagenhafte 2 Stunden und 45 Minuten dauerte die Geburt - mit den Hypnobirthing-Techniken und dem Kontakt zum Baby, den sie in den Geburtsvorbereitungsstunden nach Jenö und Hiddas verinnerlicht hatten. Die nervenden Press-Anweisungen der Klinikhebamme hat die Mama einfach ignoriert. Erkennst du noch einen weiteren Grund, wieso das kleine Baby ganz weise richtig entschieden hatte? Stell dir einmal vor, du würdest mit wenigen Wehen in 2 Stunden und 45 Minuten aus deinem ersten Zu-

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hause herausgedrückt werden in eine riesengroße fremde Welt. Was fühlt sich da sicherer an? Mit dem Kopf zuerst? Oder mit dem Po? Das Baby hat möglicherweise auch wahrgenommen, dass seine Mama ruhig einmal lernen darf, dass sie auch mit „bösen“ Ärzten ihr Ding machen kann. Ich glaube, dass das Baby wusste, wie seine Geburt sein würde. Meine Klientin hat erzählt, dass es einfach und angenehm war. Nur als der Kopf geboren wurde, musste sie sich mehr anstrengen und es tat mehr weh. 2016 habt Ihr wundervolle Möglichkeiten, Risiken für Schwangerschaftskomplikationen und schwierige Geburten im Vorfeld zu erkennen und zu über 90 % auszuschalten. „Bindungsanalyse-Babys“ kommen in leichteren und kürzeren Geburten zur Welt. Wir erleben, dass sie sofort ganz geboren sind und weniger als 20 Minuten am Tag schreien. Sie sind tagsüber hellwach und schlafen dafür nachts einige Stunden länger und vergleichsweise schnell ganz durch.


GedankenRaum

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Doula die gute Seele an deiner Seite ANJA FREIST


Wenn eine Frau während der Geburt nicht aussieht wie eine Göttin, wird sie von jemandem nicht richtig behandelt. Ina May Gaskin, Hebamme

Diese Aussage hat mich geprägt. Vielleicht mutet der Ausspruch von Ina May Gaskin etwas übertrieben an, für mich trifft sie damit jedoch den Kern meines Bestrebens als Doula. Denn selbstbestimmt zu gebären, ist eine essentielle Erfahrung, die jede Frau spürbar stärkt. Wie dieser Weg konkret aussieht, entscheidet jede Frau sehr individuell. Die Eine sehnt sich nach einer interventionsarmen und freien Geburt. Die Andere wünscht sich größtmögliche Sicherheit und medizinische Ausstattung. Doch stets ist es der Wunsch, von achtsamen Menschen umgeben und in Geborgenheit versunken zu gebären, der Frauen nach einer Doula suchen lässt. Vielfältige Bedürfnisse sind es, die an mich herangetragen werden. Gemeinsam mit der Frau und oft auch ihrem Partner einen denkbaren Weg zu finden, ist meine Aufgabe. Eine Doula wird oft als Dienerin der Frau bezeichnet. Dies findet seinen Ursprung in der Übersetzung aus dem Altgriechischen. Ganz gerecht wird diese Bezeichnung dem Tun einer Doula jedoch nicht. Die Doula dient nicht nur. Sie bringt auch neue Aspekte ins Spiel, klärt über viele Dinge auf und öffnet Horizonte für Alternativen. Sie ermutigt, spendet Trost und gibt Halt. Sie ist keine untergeordnete Dienerin. Vielmehr steht sie der Frau auf Augenhöhe zur Seite und schafft den gebotenen Raum für das intime Ereignis Geburt. Die Doula ist keineswegs eine neue Erscheinung. Dass Gebärende von geburtserfahrenen Frauen begleitet werden, war und ist in sehr vielen Kulturen üblich. Eine Doula führt keine

medizinischen Handlungen aus. Sie bewegt sich ganz klar außerhalb des Tätigkeitsfeldes medizinischen Personals. Entscheidest du dich für die Begleitung durch eine Doula, findet das erste Treffen in der Schwangerschaft statt. Der Zeitpunkt der Kontaktaufnahme kann dabei ganz unterschiedlich sein und vielleicht lernst du mehreren Frauen kennen, um eine gute Entscheidung zu treffen. Nun wird sich zwischen dir und der Doula deiner Wahl ein enges Band spinnen. Die mit deiner Schwangerschaft und Geburt verbundenen Wünsche, Ängste und Hoffnungen finden Platz in euren Gesprächen. Die Doula wird dich dabei in allem unterstützen, ohne ihre eigenen Standpunkte oder Sichtweisen herauszustellen. Sie glaubt an dich und deine Handlungskompetenz. Denn du bist schwanger und wirst gebären. Du trägst deine Absichten und Vorstellungen an die Menschen an deinem künftigen Geburtsort heran. Und du bist diejenige, die den Weg kennt. Deine Doula weiß davon und ist bei dir. Sie vertraut in deine Begabung zu gebären und bestärkt dich darin. Du bist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht.Auch über praktische Dinge kommt ihr euch behutsam näher und stimmt euch auf verschiedene Situationen ein. Ihr könnt Übungen zur Schmerzlinderung ausprobieren oder gemeinsam herausfinden, ob zum Beispiel das Tönen als wirksame Methode zur Entspannung und Lockerung beitragen kann. Vielleicht mildert eine sanfte Massage schon während der Schwangerschaft leichte Beschwerden und hilft dir womöglich auch

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während der Geburt. Du entdeckst einen passenden Geburtsduft oder geeignete Musik, trägst wohltuende Dinge und Kraftgegenstände zusammen. Alles Wichtige besprichst du mit deinem Partner, um dich sacht auf die Geburt einzulassen. Stück für Stück findet sich, was du für deine Geburtsreise brauchst. Eine Doula verfügt über ein ganzes Arsenal an effektiven und zweckmäßigen Anregungen, um den Geburtsverlauf positiv zu beeinflussen. Beim Erstellen eines individuellen Geburtsplanes gibt deine Doula Impulse oder informiert über mögliche Alternativen zur oft üblichen Routine. Auch für den Fall einer Kaiserschnitt-Geburt hält die Doula ein breites Wissen für dich bereit und kann dich sogar im OP unterstützen. Selbst zur Anmeldung in der Klinik würde dich deine Doula begleiten können. Ab Beginn der Geburt, der ersten Wehen oder ab einem anderen vereinbarten Zeitpunkt weicht sie nicht mehr von deiner Seite und ist nur dir verpflichtet. Sie schenkt deinem Wohlbefinden viel Beachtung und umsorgt dich feinfühlig. Sie kümmert sich um elementare Bedürfnisse genauso wie um deine ganz privaten Belange. Der Ort der Geburt spielt eine weniger wichtige Rolle, als die Menschen, die die Gebärende umgeben. Der liebevolle, einfühlsame Partner und die, der Frau eng verbundene, Doula schaffen eine warmherzige, wohlige und geschützte Atmosphäre. Geburt braucht Intimsphäre und Vertrauen. Hebammen, Ärzte oder anderes Klinikpersonal sind sehr darauf bedacht, genug Zeit und Raum für ein positives Geburtserlebnis zu schaffen. Jede Klinik weiß heute um die Wichtigkeit dieser weichen Rahmenbedingungen. Jedoch sind es trotz allem meist fremde Menschen, auf die gebärende Frauen in einer der sensibelsten Phasen ihres Lebens treffen. In der empfindsamen Zeit des Wochenbettes bleibt die Doula deine Vertraute und

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unterstützt dich neben deiner Hebamme auch weiterhin. Viele Fragen zu den aufregenden Ereignissen rund um die Geburt deines Babys kann sie dir beantworten und dieses überwältigende Erlebnis in Ruhe besprechen. Und auch hier können es wieder ganz praktische Dinge sein, die dir den Start in diesen neuen Lebensabschnitt versüßen. Eine rückbildungsfördernde Bauchmassage, kraftbringende Stillkugeln oder ein Bonding-Bad für dich und dein Baby runden das umfassende Angebot einer Doula ab. Vielleicht überreicht sie dir zum Ende eures gemeinsamen Weges einen ganz persönlichen Geburtsbericht. Trotz derselben Grundidee, arbeitet natürlich jede Doula auf eine andere Weise. So unterschiedlich die Bedürfnisse der Frauen sind, so verschieden sind auch die Angebote der Doulas. Sie verfügen oft über verschiedenste Zusatzqualifikationen und Kompetenzen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen und die Entscheidung in Ruhe zu treffen. DIE DOULA AUS WISSENSCHAFTLICHER SICHT Die amerikanischen Ärzte M. H. Klaus, J. H. Kennel und die Psychotherapeutin P. Klaus (Doula – der neue Weg der Geburtsbegleitung, M.H. Klaus, J.H. Kennel, P.H. Klaus, 1995, Mosaik Verlag) haben durch wissenschaftliche Studien in den 1970er Jahren belegt, dass die kontinuierliche Geburtsbegleitung durch eine Doula die Dauer der Geburt im Durchschnitt um 2 Stunden verkürzt und die Geburt als schmerzärmer empfunden wird. Sie konnten eine Reduzierung der Gaben von Schmerzmitteln um bis zu 50% feststellen. Die Nachfrage nach schmerzstillenden Mitteln sank um 60%, die Kaiserschnittrate fiel um 50%. Auch die Cochrane Collaboration als weltweites unabhängiges Netzwerk aus Ärzten und Wissenschaftlern wertete in 23 Studien


die Erfahrungen von 15.288 Frauen „Zur kontinuierlichen Unterstützung für Frauen währen der Geburt“ aus und kam im Review 2012 zu sehr ähnlichen Ergebnissen (veröffentlicht im Juli 2013, Autoren: Hodnett, Gates, Hofmeyr, Sakala). AUSBILDUNG UND KOSTEN Für geburtserfahrene Frauen gibt es die Möglichkeit der Ausbildung und Zertifizierung über den Verein Doulas in Deutschland e.V. Die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit bietet ebenfalls eine um-

fangreiche Ausbildung zur Doula an. Über diese Institutionen findest du eine Doula in deiner Nähe. Die Kosten für die Betreuung durch eine Doula werden nicht von den Krankenkassen übernommen. Die Höhe variiert von Region zu Region. Viele Doulas stellen Problemen bei der Finanzierung ihrer Leistungen besondere Angebote gegenüber. Ein immer wieder anzutreffender Grundsatz ist, jeder Frau eine solche Begleitung zu ermöglichen. Die finanzielle Lage soll hierbei nicht vordergründig oder gar hinderlich sein.

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Akupunktur

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kleiner Piks mit groĂ&#x;er Wirkung JUTTA WOHLRAB

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Die Akupunktur in der Schwangerschaft erfreut sich in Deutschland schon seit den 90igern immer größerer Beliebtheit. Dank der Ausbildung ‚Akupunktur für Hebammen‘ ist Deutschland eines der Länder in denen diese Methode weit verbreitet ist und somit auch in den Kreißsälen Einzug gehalten hat. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist eine Jahrtausende alte sehr komplexe Heilmethode, die weitaus mehr beinhaltet als nur Akupunktur und Nadeln. Tatsächliche haben wir hier im Westen oft eine andere Herangehensweise als TCM-Therapeuten in China. Normalerweise spielen Ernährung, Körperübungen, wie Tai Chi, Qui Gong und Dinge dieser Art eine große Rolle. Die chinesische Medizin beinhaltet komplexes Wissen über Kräuter, Moxa (das Erwärmen von Akupunkturpunkten mit einer Beifusszigarre), Körperübungen und Ernährung, das auf jeden Lebensbereich individuell abgestimmt ist. Wir nutzen hierzulande oft nur einen kleinen Teil, diesen jedoch sehr effektiv. Akupunktur ist fantastisch, da Schwangere in der Schwangerschaft möglichst keine Medikamente nehmen sollten und sie auf natürliche Weise den Körper harmonisiert und reguliert. Du kannst es dir so vorstellen, dass in unserem Körper verschiedene Energiebahnen verlaufen, die Meridiane genannt werden. Mit Hilfe von Akupunktur und Akupressur aktivieren wir den Energiefluß in diesen Meridianen. Anwendung in der Schwangerschaft Schon in den frühen Wochen bei Übelkeit, Erbrechen und Rückenschmerzen ist Akupunktur eine effektive Methode, um schnell Abhilfe zu schaffen. Im Verlauf der Schwangerschaft haben tausende von Schwangeren im Lauf meiner eigenen Praxis von Behandlungen profitiert, ganz besonders auch

bei Wassereinlagerungen, Schlafstörungen, Karpaltunnnelsyndrom, Blutdruckproblemen und zur Positionierung des Kindes, wie auch dem natürliche Drehen des Kindes bei Steißlage. Akupunktur wirkt natürlich nicht nur auf den Körper, sondern auch auf unseren Geist und beeinflusst positiv wie wir uns fühlen. Zu jedem der 5 Elemente Erde, Wasser, Holz, Feuer und Metall gehören Meridiane (Yin und Yang), Stimmungen, Nahrungsmittel und vieles mehr. Während unseres Lebens sowie auch in der Schwangerschaft durchlaufen wir die Elemente in verschieden Zyklen. Du hörst schon, ein Riesenthema und ich liebe es! Ich möchte dich ermutigen, diese wunderbare Heilmethode zu nutzen, auch schon in den ersten Wochen deiner Schwangerschaft, wenn du unter Übelkeit und Erbrechen leiden solltest. Sehr beliebt ist natürlich auch die Geburtsvorbreitende Akupunktur, die von der 36. bis zur 40. Schwangerschaftswoche ein mal wöchentlich durchgeführt wird. In einer groß angelegten Studie in den 90iger Jahren mit mehreren tausend Frauen an 3 Frauenkliniken wurde damals festgestellt, dass die Geburtszeit im Schnitt um ca. 2 Stunden verkürzt werden kann. Akupunktierte Frauen hatten weniger Interventionen und ich habe selbst beobachten dürfen, dass diese Frauen häufig schon mit einem guten Muttermundsbefund in der Klinik ankamen. In meiner Arbeit habe ich auch hervorragende Ergebnisse bei Terminüberschreitungen und natürlich auch unter der Geburt gehabt. Akupunktur ist so vielseitig anwendbar. Es gibt sehr wirksame Punkte, um dich während der Geburt, nach der Geburt und natürlich auch im Wochenbett zu unterstützen. Viele kleine oder auch große Störungen können oft mit ein paar Behandlungen gelöst werden.

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Liebevolle Berührungen während Schwangerschaft & Geburt

PATRICIA BARGENDA


Liebevolle Berührungen und ein sanftes Streicheln sind während der Geburt, aber auch bereits in den Monaten der Schwangerschaft, wohltuende Geschenke an die werdende Mutter. Denn Berührungen können unsere körpereigene Spannung und unseren seelischen Zustand verändern. Sie können uns insbesondere in den Momenten entspannen, heilen und stärken, in denen sich Körper und Geist besonderen Anforderungen gegenübersehen.

Die Geburt ist einer der aufregendsten Momente im Leben. Jede Frau erlebt die Geburt ihres Babys als einen Augenblick mit besonderen körperlichen und seelischen Herausforderungen. Die Geburt ist wie jedes Abenteuer nicht genau planbar, sondern eine Übung im Loslassen, Entspannen und Vertrauen. Glücklicherweise bist du mit dieser Aufgabe nicht allein. Dein Körper, der dieses kleine Wunder über Monate heranwachsen ließ, hat für die Stunden der Geburt einen gut durchdachten Plan. Er schüttet er einen einzigartigen, fein abgestimmten Mix an Hormonen aus, der dich und dein Baby durch die Geburt trägt. Endorphin und Oxytocin Eine besondere Rolle spielen die Hormone Endorphin und Oxytocin. Endorphine werden auch „Glückshormone“ genannt, da sie ein Gefühl von Glück und Euphorie entstehen lassen. Sie wirken außerdem schmerzhemmend, beruhigend und verringern das Gefühl der Angst. Endorphine werden in besonderen Glücks- und Stressmomenten produziert oder nach einer intensiven, körperlichen Leistung. Während der Geburt verfügen Frauen über eine besonders hohe Konzentration dieses Hormons. So sind Mutter und Baby nach der Geburt voller Glück.

Ein Gefühl der Geborgenheit, ausgelöst durch eine schöne Geburtsatmosphäre, fördert die Produktion von Endorphinen. Aber auch angenehme körperliche Berührungen, Lachen oder das Hören der eigenen Lieblingsmusik. Oxytocin gilt als das Bindungshormon. Beim Stillen des Babys, bei Wärme und bei Berührung steigt sein Spiegel an. Es löst bei der Geburt die Kontraktionen der Gebärmutter aus und reguliert somit im Wesentlichen den Verlauf der Geburt. Die Ausschüttung dieses Geburtshormons kann durch zärtliche Berührungen angeregt werden. Auch Düfte, entspannende Klänge und wohltuendes Licht können Oxytocin freisetzen. Nun lernst du eine besonders wirksame Möglichkeit kennen, die Bildung dieser Geburtshormone anzuregen. Es handelt sich um eine Massage, die die eben beschriebenen Geburtshormone zum Fließen bringt und somit schmerzhemmend, entspannend und beruhigend wirkt. Diese wohltuende Massage wirkt auch Wunder bei Kopf- und Rückenschmerzen. Natürlich kann in diesen Fällen auch dein Partner von ihr profitieren. Überzeuge dich während der Schwangerschaft so oft wie möglich von ihrer Wirksamkeit, so dass du bis zur Geburt voller Vertrauen in diese wunderbare Massage bist.

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Die Berührungsmassage Diese sanfte Massage wirkt unglaublich entspannend. Sie erinnert an eine Massage mit einer Feder und kann eine angenehme Gänsehaut hervorrufen. Es gibt gar nicht viel dazu zu sagen, einfach ausprobieren und du wirst sofort begeistert sein! ANLEITUNG FÜR DEN PARTNER: Sucht euch einen Moment, den ihr ganz für euch habt. Schafft euch bewusst eine gemütliche Atmosphäre, vielleicht mit Düften, schönem Licht oder leiser Musik im Hintergrund. Am besten ist diese Massage im Sitzen durchzuführen. Deine Partnerin lässt dabei Kopf und Arme entspannt nach unten sinken und atmet bewusst langsam ein und aus. Du sitzt hinter ihr und streichst nun ganz sanft über ihren Rücken. Dabei berührst du sie nur mit deinen Fingerspitzen. Du beginnst am unteren Rücken, deine Hände treffen sich an der Wirbelsäule. Nun streichst du nach außen und hinauf bis zur Taille (diese Bewegung sieht aus wie ein V) und wieder zurück zur Wirbelsäule. Dann wandert dein V immer weiter nach oben. Bis zum oberen Rücken, den Schultern, den Armen. Verliere dabei nie den Körperkontakt. Streiche einfach ruhig und sanft über mehrere Minuten von unten nach oben und zurück.

TIPPS FÜR DIE GEBURT • Sanfte Massagen zwischen zwei Wehen • Regelmäßige liebevolle Berührungen (Umarmen, Kuscheln) • Streiche sanft über ihr Gesicht (Stirn, Augen, Wangen) • Berühre immer wieder sanft ihren Unterarm

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Auch dein Baby im Bauch liebt Berührungen

Schon in den ersten Wochen der Schwangerschaft reagiert dein Baby auf deine Berührungen, denn der Tastsinn ist das erste Sinnesorgan, das sich entwickelt. Schon sechs Wochen nach der Befruchtung kann es deine Berührungen wahrnehmen. Aus diesem Grund berührst und streichelst du deinen Bauch intuitiv so gerne und ausgiebig. Genieße diese Momente und nimm sie ganz bewusst wahr!

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Zwillinge

das doppelte GlĂźck INGA SARRAZIN


Diese Aussage wirft dein Leben auf den Kopf. Überraschung, Freude gegebenenfalls auch Unsicherheit und ein bisschen Angst oder Sorge stürmen auf dich ein. Mit der Feststellung deiner Zwillingsschwangerschaft wirst du unabhängig von deinem Alter, unabhängig von deinem Gesundheitszustand als Risikoschwangere eingestuft. Dies sollte dich nicht verunsichern, auch wenn der Begriff Risiko ggf. deine Unsicherheit schürt. Wichtig ist, dass du weißt, dies bedeutet erst einmal lediglich, dass du engmaschiger kontrolliert wirst, die Krankenkasse einige Zusatzuntersuchungen übernimmt, einfach mehr beobachtet wird, wie es euch Dreien geht. Auch hier gilt grundsätzlich: Schwangerschaft ist keine Krankheit! Entspannung und Vorfreude Wichtig ist, in dieser besonderen Situation entspannt zu bleiben und die Vorfreude auf die zwei heranwachsenden Babys zu genießen. Denn ist es nicht wirklich ein Wunder, dass dein Körper in der Lage ist, zwei kleine Menschen in nur einer Schwangerschaft heranwachsen zu lassen? Du erlebst eine Schwangerschaft und am Ende wirst du hoffentlich zwei wundervolle, gesunde Babys im Arm halten. Dies wird viele Herausforderungen mit sich bringen, die ihr meistern werdet, viele Aufgaben, die Ihr bewältigen werdet. Ihr werdet hineinwachsen in das Familienleben mit Zwillingen und du wirst das beste geben, was du geben kannst. Sei dir dessen sicher und bleib entspannt und vorfreudig. Vertrauen Wichtig ist, unabhängig davon ob es eineiige oder zweieiige Zwillinge sind, deinem Körper zu vertrauen, dass er diese Aufgabe meistern wird. Du solltest deinem Körper die Rahmenbedingungen geben, wie Ruhe oder Energie durch Nahrung und Flüssig-

keit, aber unterschätze nicht den Einfluss positiver Gedanken. Je entspannter du bist, je positiver du denkst, desto mehr überträgt sich dies auch auf deine Kinder. Emotionaler und körperlicher Stress ist kontraproduktiv, daher kann es dir gut tun dich darauf zu besinnen, dass Ihr Drei diese Aufgabe gemeinsam meistern könnt. Achtsamkeit Wichtig ist, achtsam mit dir und deinem Körper umzugehen, denn er hat in den nächsten Monaten viel zu leisten. Daher ist es gut, wenn du auf dich und deinen Körper hörst, öfter Pausen einlegst, die Beine hochlegst, gut und ausreichend isst (aber nicht die doppelte Menge), deine Haut verwöhnst und die letzten Monate bevor deine Zwillinge das Licht der Welt erblicken noch die ruhige Zeit für dich und/oder mit deinem Partner/Partnerin genießt. Auch wenn deine Schwangerschaft wirklich ein Geschenk und keine Krankheit ist, solltest du bei deinem Arbeitspensum darauf achten, dass es für dich machbar ist. Überschätze dich nicht, nimm dich lieber öfter einmal heraus und nimm deine Rechte am Arbeitsplatz, die im Mutterschutzgesetz geregelt sind, wahr. Es geht hier nicht mehr nur darum, seinen Beruf gut zu machen, sondern vor allem darum, dass es dir und dem wachsenden Leben gut geht. Bauchgefühl Wichtig ist, höre auf dein Bauchgefühl in der Schwangerschaft und dem Familienleben mit deinen Zwillingen. Wie auch bei allen anderen Schwangeren, gibt es viel über die Zwillingsschwangerschaft, Untersuchungen, das Leben mit Zwillingen zu hören und zu lesen. Leider wird dies nicht immer dazu führen, dass du dich sicherer fühlst, sondern ganz im Gegenteil, dich oftmals noch mehr verunsichern. Du wirst mit vielen Meinun-

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gen zu verschiedensten Themen konfrontiert werden, auch wenn ein Vorteil einer Zwillingsschwangerschaft oder dem Leben mit Zwillingen ist, dass nicht sehr viele damit eigene Erfahrungen gemacht haben. Unabhängig ob es um den Geburtsort (Hausgeburt, Geburtshaus, Krankenhaus), die Frage nach der Pränataldiagnostik oder der Ernährung von Zwillingen geht, wichtig ist, dass du dich wohl und sicher bei der Wahl fühlst. Hole dir notwendige Informationen, berate dich mit deinem Partner und/ oder vertrauten Personen und Fachpersonal und wäge danach ab, was für dich in deiner Schwangerschaft oder deinem Muttersein wichtig und vor allem machbar ist. Niemand außer dir kann entscheiden, was für dich und deine Kinder richtig ist. Entlastung Wichtig ist, dich nicht zu überschätzen und dir dort Hilfe zu holen, wo du Unterstützung benötigst. Bereits in der Schwangerschaft kannst du dir Entlastung suchen. Egal, ob es eine Haushaltshilfe ist oder jemand der dir Einkäufe abnimmt, du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, denn du leistest gerade sehr viel, da sind all die anderen Dinge, die es zu erledigen gilt, nicht gar so wichtig. Auch besteht die Möglichkeit dich durch eine Mütterpflegerin in der Schwangerschaft, der Zeit des Wochenbettes und danach unterstützen zu lassen. Wenn du merkst, dass dir alles zu viel wird, dann sprich mit deinem Gynäkologen, ob er dir eine Mütterpflegerin verschreibt. Begleitung Wichtig ist, dir sehr zeitig, am besten schon im ersten Trimester der Schwangerschaft eine Hebamme zu suchen, die dich begleitet, betreut und in der Schwangerschaft,

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ggf. während der Geburt und in der Zeit des Wochenbettes unterstützt. Sie wird dir ein wichtiger Partner sein, sowohl auf emotionaler als auch auf medizinischer Ebene. Zudem kann sie dir bei der Wahl des Geburtsortes wichtige Entscheidungshilfen geben. Weiterhin besteht die Möglichkeit, dich durch eine Stillberaterin begleiten zu lassen. Diese zeigen dir, wie du die Zwillinge stillen kannst, können dir wichtige Tipps auch bei Flaschennahrung geben, haben ein offenes Ohr für dich und können dir in der Stillzeit eine wichtige Stütze sein. Austausch Wichtig ist, dir andere Zwillingschwangere oder Zwillingseltern zu suchen. Die besondere Situation Zwillinge zu erwarten, bringt auch sehr spezielle Fragen mit sich. Von der Erstausstattung über Elternzeit bis hin zu, wie bewältige ich den Alltag mit Zwillingen, viele Fragen drängen sich dir auf. Daher kann es für dich sehr hilfreich sein, nach Zwillingseltern in deiner näheren Umgebung zu suchen, damit Ihr euch austauschen könnt und du eine Idee bekommst, welche Möglichkeiten du hast. Vielleicht gibt es in deiner Nähe sogar eine Zwillingsgruppe? Auch im Internet finden sich viele Gruppen rund um Zwillinge, wo ein Austausch mit anderen Zwillingsschwangeren oder stolzen Zwillingseltern möglich ist. Bereits in der Schwangerschaft kannst du so eine Idee bekommen, was für ein Erlebnis auf dich als Zwillingsmama zukommt. Mit Entspannung, Vorfreude, Vertrauen, Achtsamkeit, Bauchgefühl, Entlastung, Begleitung und Austausch bist du bestens gerüstet die Herausforderung als Zwillingsmama anzunehmen.


GedankenRaum

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Hauptsache gesund? Ãœber den Kaiserschnitt

KRISTINA WIERZBA-BLOEDORN


Seitdem ich bauchgeburt.de veröffentlicht habe, erreichen mich jeden Monat Telefonanrufe und E-Mails von Frauen, die mir Fragen stellen und mir ihre Geburtsgeschichten erzählen und dies leider oft unter Tränen. Als ich vor fast 9 Jahren meinen Sohn ungeplant durch einen Kaiserschnitt zur Welt brachte, hätte ich mir auch sehr gewünscht, so viele wichtige Informationen an einer Stelle im Netz finden zu können. Es gab zu diesem Zeitpunkt in meiner Stadt noch nicht mal eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit traumatischen Geburten oder speziell für Kaiserschnittmütter. Auch das örtliche Geburtshaus sagte mir, dass sie sich mit der „Pathologie“ nicht beschäftigen möchten und es höchstens die Möglichkeit zu einem Gespräch mit einer Sozialpädagogin geben würde, deren Dienste ich allerdings selber bezahlen müsste. 9 Jahre später erscheint mir die Lage noch viel schlimmer: durch die Schließung von immer mehr kleineren Geburtsabteilungen und der Verlust vieler freiberuflicher Hebammen provoziert unser System weiterhin und zunehmend mehr traumatische Geburtsverläufe. Und weil Frauen, die mit ihrem Geburtserlebnis hadern, in unserer Gesellschaft ein Tabu sind und wenig akzeptiert werden, haben es trauernde Frauen noch schwerer. Wenn auch du eine Geburtsreise hinter dich gebracht hast, die ganz anders war, als du es dir erhofft und ersehnt hast, dann fragst du dich vielleicht, was dies langfristig für dich und dein und euer Leben bedeuten wird. Du fragst dich vielleicht, ob du versagt hast, wenn deine Kinder ungeplanter Weise durch einen Kaiserschnitt geboren wurden. Aber nicht du bist die Versagerin. Es ist unser geburtshilfliches System und all die Menschen, die dir respektlos und unsensibel gegenüber deinen Bedürfnissen begegnet sind! Bei einer Geburt gibt es nur eine Frau, die zur Mutter wird und ein Kind, welches

den Weg in diese Welt findet. Vielleicht gab es aber auch eine absolute Kaiserschnittindikation bei euch. Und bestimmt sagen dir alle Menschen, dass du dankbar und glücklich sein sollst, weil du ein gesundes Kind hast. Frauen können aber dankbar sein für ihr Kind und dennoch traurig, dass die Geburt so anders war, als sie sich erhofft hatten. „Hauptsache gesund!“ – das waren die Worte, die ich immer wieder zu hören bekam und die so wenig hilfreich waren. Ich habe mich oft gefragt, warum allein das physische Überleben für manche Menschen zählt - gerade weil heute so wenige Kaiserschnitte auschließlich gemacht werden, um Frauen und Kinder vor dem sicheren Tod zu retten. Die Verarbeitung eines traumatischen Geburtserlebnisses verläuft ähnlich wie der Prozess, den Menschen durchlaufen, wenn ein Angehöriger verstirbt. Und Trauer ist ein wichtiger Teil auf dem Weg zu Heilung. Wie unsensibel wäre es, einem Menschen zu sagen, dessen Partner gerade verstorben ist, dass er froh sein soll, dass er noch am Leben ist und es schließlich noch andere Männer und Frauen auf der Erde gibt? Tränen und auch Wut können hilfreich sein. Denn erst, wenn wir dies zulassen, ist der Weg frei und klar(er) für eine weitere Geburtsreise. Die Trauer um den Verlust eines Geburtserlebnisses ist sinnvoll. So seltsam dies klingen mag. Wir sind ja Menschen und es ist gut und richtig, wenn wir uns unseren Gefühlen stellen und sie zulassen. Tränen sind dabei wie eine Reinigung. Wenn es dir schlecht geht mit den Erinnerungen an die Geburt deines Kindes und sich dein Blick eingeengt anfühlt, wenn es sich anfühlt, als wäre da keine Hoffnung dann möchte ich dir Mut zusprechen: es gibt auch für dich die Chance auf Heilung und Befreiung von diesen Gespenstern, die dich quälen! Und denk immer daran: DU allein warst es, die ihr Kind diese ganzen Wochen

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und Monate im Bauch getragen und hat wachsen lassen. DU allein warst es, die das Kind geboren hat. An diesem Punkt wirst du vielleicht zweifeln. Ich habe Frauen erlebt, die nie das Gefühl hatten, dass sie es waren, die ihr Kind geboren haben. Aber ich frage dich, durch wessen Körperöffnung dein Kind geboren wurde? War das der Bauch oder die Scheide eines anderen Menschen? Es war vielleicht ungewollt oder erzwungen oder sogar gewaltsam oder vielleicht ganz anders, als du es dir erhofft und gewünscht hast. Und JA, der Arzt/die Ärztin hat einen tiefen Bauchschnitt gemacht (oder mit der Saugglocke an dem Kopf deines Kindes gezogen). Aber es war dein Körper, der dieses Wunder vollbracht hat und es war DEIN Körper, der tiefe Wunden hat zumindest äußerlich wieder verheilen lassen. DU hast dein Kind genährt, es getragen und getröstet und in den Schlaf gewiegt. Wie auch immer die Geburt verlaufen ist: immer ist es die Mutter, die den größten und wichtigsten Anteil hat. Und genau DAS kann selbst die traumatischste Geburt einer Frau niemals nehmen. Heilung bedeutet nicht, dass du deine Verletzungen nicht mehr spürst. Diese tiefen Wunden werden weiter zu dir gehören, aber ohne dass sie dich am Leben hindern. In diesen Wunden liegt sogar die Chance, dem Leben neu zu begegnen. Lebendigkeit wird daraus wachsen, wie eine Quelle des Lebens, aus der du schöpfen kannst. Wo du verwundet wurdest, wirst du sensibel sein für die Menschen um dich herum, dort wirst du achtsam reagieren, wenn sie von ihren

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Wunden erzählen. Dort kommst du in Berührung mit dir selbst. 2007 bin ich mit meiner Schwester und meinem 2. Baby nach Graz gefahren. Fast 1000 km quer durch Deutschland bis nach Österreich. Ich traf dort Ina May Gaskin und konnte mit ihr über die Geburt meines zweiten Kindes sprechen. Auf der Suche nach Antworten, hat sie mir eine sehr einfache Frage gestellt: „War die Atmosphäre im Geburtsraum so, dass du das Gefühl hattest, hier geht es mir gut? Hast du dich als Königin gefühlt? Ich konnte das nur mit NEIN beantworten. Diese eine Frage hat mein Leben völlig verändert. Und mir die Augen geöffnet. Obwohl ich umgeben war von vielen Menschen, war ich dennoch sehr einsam. Denn wenn Frauen nicht liebevoll behandelt werden und sie keinen Respekt erfahren während eines so sensiblen Prozesses, können Geburten traumatisch verlaufen. Der Körper handelt dabei großartig: bei Gefahr schützt er das ungeborene Kind und will es der Umgebung nicht preisgeben. Besonders durch diese eine Begegnung 2007 und die Auseinandersetzung mit mir selber, konnte ich sehr gezielt dafür sorgen, in der dritten Geburt all das zu erschaffen, was es mir ermöglicht hat, aus eigener Kraft und in Liebe zu gebären. Denn dass ich vaginal gebären kann, daran hatte ich nie einen Zweifel. Und wenn Ihr mit einem weiteren Kind schon in Gedanken spielt, dann tragt Ihr die Hoffnung schon in Euch. Seid mutig und geht auf die Suche. Auch VBACs (vaginale Geburten nach Kaiserschnitt) sind möglich.


„"Erste Hilfe-Koffer“

für die Momente der plötzlichen Erinnerung Keine Angst, dies erfordert keine großen künstlerischen Fähigkeiten. Du kannst dafür einen kleinen Kinderschuhkarton mit Papier bekleben. Alternativ hilft auch ein fertig gekauftes Kästchen oder eine Dose etc., die du bereits besitzt. Hinein legst du Dinge, die dich stützen und trösten, wenn es dir schlecht geht und dir Mut machen können. Möglich ist z.B. ein Foto oder Kleidungsstück deines Kindes. Auch Duftöl oder Seife oder getrocknete Blüten oder ein Talisman oder Gedichte sind möglich. Sei kreativ. Du könntest auch eine nahe Freundin bitten, dir das Kästchen zu füllen, wenn du selber dich zu kraftlos dafür fühlst.

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Ein Einhorn namens Geburt

Von festen Ăœberzeugungen und gesellschaftlich vorgeformten Scheuklappen

ANDREA


Ich hatte in Bezug auf meine erste Geburt ganz feste Überzeugungen - unverrückbar, felsenfest. Meine Vorstellungen waren maßgeblich geprägt durch das gesellschaftliche Bild von einer Geburt als Risiko für Mutter und Kind. Deshalb konnte ich damals auch keine Frauen verstehen, die ihre Kinder NICHT in der vermeintlichen absoluten Sicherheit eines Krankenhauses zur Welt bringen. Ich hielt dies für völlig VERANTWORTUNGSLOS. Meine Angst ging so weit, dass für mich nur ein Krankenhaus mit angeschlossener Intensivstation für Neugeborene als halbwegs akzeptabel in Frage kam. Ich hatte sehr große Angst. Aber warum? Meine eigenen Erfahrungen mit Geburten waren gleich Null. Also woher kamen diese Ängste? Sie stammten aus meinem Umfeld - Geschichten von Freudinnen, aus den Medien - mit den Doku-Soaps oder aus Filmen - und natürlich aus den nachdrücklich dramatisch erzählten Geburten aus der eigenen Familiengeschichte. Die negativen Geschichten anderer nährten stetig mein Feuer der Angst, ließen es nicht erlöschen, sondern schürten es immer weiter. Dass ich es auch hätte löschen können, war mir zum damaligen Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen. Ich hätte die Ängste der Anderen, nicht zu meinen eigenen machen müssen, hätte sie überwinden können. Ich tat es nicht. Mein Bauchgefühl regte sich trotzdem manchmal, stieß mir bitter auf bei den obligatorischen Kreissaalbesichtigungen: ich fühlte mich furchtbar, elend, unwohl, hatte Angst und wollte nur fliehen. Ich ignorierte es, verdrängte den Kloß in meinem Hals und missachtete meinen eigenen - eigentlich guten - Instinkt. Ich fühlte mich alles andere als sicher, aber ich redete mir ein, dass ich alles für die maximale Sicherheit getan hatte, vorgesorgt hatte ja, ich habe Entscheidungen VOR SORGE getroffen. Das sind meist nicht die besten Entscheidungen. Meine, von der Gesellschaft vorgeformten, Scheuklappen haben den Blick nur auf EINEN Weg freigegeben: die Geburt im Krankenhaus. Die Möglichkeiten der außerklinischen Geburtshilfe waren weit außerhalb meines Fokus - unsichtbar für mich. Wie ich schon auf meinem Blog ausführlich erläutert habe, möchte ich meine traumatische Geburtserfahrung beim ersten Kind nicht näher und ausführlich erläutern. Deshalb wird es - in letzter Konsequenz - auch hier nur Spotlights auf diese von Gewalt und Missachtung geprägte Geburt geben. Nun ist es schon fast 5 Jahre her als ein Kreissaal für mich zum Tatort und ich zum Opfer wurde. Es sollte der schönste Tag in meinem Leben sein - unser Wunschkind wird geboren -, ich war voller Vorfreude, die aber viel zu schnell in Angst und Schrecken umschlug als sich dieser Tag zu meinem schlimmsten Albtraum wandelte. Die quälenden Stunden im Kreissaal waren geprägt durch physische und psychische Gewalt von Seiten der Geburtshelfer. Eine Tatsache, die ich mir selbst in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Noch heute schüttele ich ungläubig den Kopf, wenn ich mich daran erinnere, wie Menschen, die einen in so einer sensiblen Phase - wie der Geburt - betreuen, so unmenschlich, empathielos und kalt sein können. Ich bin immer noch fassungslos was mir passiert ist. Fassungslos und erschrocken aber auch, weil ich bei weitem kein Einzelfall bin. Ich bin eine von Vielen. Das macht mir Angst. Es macht mich traurig. Es macht mich wütend! Ich bin in eine Interventionsspirale geraten aus der es kein Entrinnen gab. Wenn ich es wagte die immer neuen Behandlungen zu hinterfragen, wurde mein Vorstoß zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit sofort im Keim erstickt, indem man mir drohte: „Wenn Sie das jetzt nicht machen, dann stirbt ihr Kind!“ Das

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ist ein Totschlagargument gegen das kaum eine Mutter unter der Geburt gewappnet ist - gutgläubige Erstgebärende, wie ich, schon gar nicht. Ich sehe immer wieder die „Haupttäterin“ vor mir. Ich habe mich von ihr gedemütigt und auf sexuelle Weise missbraucht gefühlt - ausgeliefert, schutzlos, wehrlos. Ich war emotional und physisch nackt, ohne Schutz - eigentlich schutzbedürftig, verletzlich. Das wurde auf perfide Weise ausgenutzt und gegen mich verwendet. Ich hätte wehrhafter sein müssen, aber unter der Geburt... NEIN, das kann man von einer Frau nicht erwarten, wenn sie sich entspannen und öffnen soll. Dann kann und soll sie sich nicht wehren, sich nicht in einem Grabenkampf befinden müssen - das ist ein Unding! Es passiert leider hundertfach - täglich. Die abschließende Not-Sectio mit Narkosevorfall und anschließender Verlegung meines Kindes auf die Intensivstation war eigentlich nur das „Sahnehäubchen“ - vielleicht sogar die Erlösung - einer von Gewalt und Entmündigung geprägten Horrorgeburt, die schon viel früher im Kreissaal völlig aus dem Ruder lief. Was blieb war ein Trauma, welches ich mit Hilfe einer bestimmten Therapieform (EMDR) versuche zu überwinden. Meine erste Geburtserfahrung hat mich meiner Menschenwürde beraubt, mir meine Würde als Frau genommen, mein Recht auf körperliche Unversehrtheit wurde mit Füßen getreten, meine Selbstbestimmtheit beschnitten, mein Kind mir weggenommen, meine Achtung und mein innerer Halt wurden gebrochen. Ein Scherbenhaufen blieb zurück. So wollte ich nie wieder gebären - entbunden werden! Ich wurde nicht nur ENTBUNDEN von meinem Kind, sondern auch von meinen Rechten, meiner Verantwortung und meiner Selbstbestimmung.

Selbstverantwortlich

Meine Kehrtwende hin zu einer selbstbestimmten Geburtserfahrung Eins habe ich mir damals geschworen: die Verantwortung für mich und meine Kinder nicht mehr in fremde Hände zu legen und abzugeben! SELBSTVERANTWORTLICH - so wollte ich in Zukunft mein Leben gestalten. Ich habe begonnen meine Ansichten zu hinterfragen. Woran glaube ich wirklich? Was sind meine eigenen Ängste? Welche Ansichten oder Glaubenssätze sind nur übernommen von anderen, ohne dass ich selbst dahinterstehe? Ich recherchierte viel, las massenhaft Bücher, bildete mir meine eigene Meinung, weil ich nicht mehr blind vertrauen wollte. Wissen ist Macht, mit der man andere zu Entscheidungen zwingen kann, wenn man sich nicht auf Augenhöhe unterhält - ein Wissensvorsprung, meist auf Seiten der Geburtshelfer, verhindert dies. Ich wollte dieses Machtgefälle nicht einfach mehr akzeptieren! Der Hypnobirthing-Kurs war für mich und meinen Mann wie eine Art Erleuchtung! Er bildete den Grundstein für unsere Absage an die Ängste anderer. Wir fühlten uns befreit - von einer Last, die gar nicht unsere eigene war und die wir nun endlich nicht mehr mittragen mussten. Dadurch hat sich unser Sicherheitsbedürfnis ebenfalls erheblich verschoben. Wir erachteten das Krankenhaus mit all seiner Technik und seinen medizinischen Möglichkeiten nicht mehr als den sichersten Geburtsort. Für uns nicht. Wir vertrauten wieder mehr meinem weiblichen Körper, seiner Gebärfähigkeit. Unser Fokus lag nicht mehr auf der Geburt als Risiko, sondern erstmals darauf, dass die Geburt ein völlig

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natürlicher Vorgang ist, der keiner Überwachung bedarf. Heute glaube ich felsenfest an die physiologisch normale Geburt; und so kann ich dem Trauma auch seine gute Seite abgewinnen: es hat mich erst zu dieser Erkenntnis reifen lassen.

Ein Einhorn namens

PHYSIOLOGISCH NORMALE GEBURT Ich möchte euch zu einer Reise in meine Gefühls- und Gedankenwelt einladen. Denn je weiter die Geburt fortschritt, desto mehr habe ich mich in meinen Körper zurückgezogen und die Außenwelt ausgeschlossen. Hochsommer 2014: Der ET ist schon verstrichen und die gesamte letzte Woche gab es nicht einmal eine einzige winzig-kleine Übungswelle - nicht mal beim Stillen meines ersten Kindes! Sollte mein Wunsch nach einer natürlichen Geburt am Streik meiner Gebärmutter scheitern? Kurz flammen Zweifel in mir auf - machen sich unangenehm in meinem Magen breit. Die ständigen Nachfragen begannen mich zu verunsichern, aber tief in mir spürte ich, dass es einfach noch nicht an der Zeit war. Ich musste mich noch gedulden. Und dann: ohne Vorankündigung, direkt aus dem Tiefschlaf heraus war es soweit. Ich springe wie von einer Tarantel gestochen aus dem Bett - mit meinem unglaublich voluminösen Bauch eigentlich völlig unmöglich. Ich hatte eine Monsterwelle - wie aus dem Nichts. Bildlich gesprochen: ein Tsunami hat mich aus dem Tiefschlaf gerissen! Ich war unvorbereitet auf diese Naturgewalt, die mich ganze 3 Minuten überrollen sollte. Merke: Hypnobirthing funktioniert nicht, wenn dein Baby zusammen mit deiner Gebärmutter einen Überraschungsangriff plant... Ich bin übrigens heute noch davon überzeugt, dass diese allererste Welle den Muttermund mit einem Schlag auf 4cm geöffnet hat. Ich schlich alleine nach unten, stellte meine Entspannungsmusik an, dämmte das Licht, nahm mir die Yogamatte und den Gymnastikball. Ich genoss diese Zweisamkeit: ich und mein Baby. Wundervoll. Eine Vorfreude ungeahnten Ausmaßes erfasste mich. Die nächsten Wellen ließen auf sich warten. Trotz der Abstände von 40-50 Minuten konnte ich an ihrer Intensität erkennen, dass die Geburt tatsächlich begonnen hatte. DIE Gelegenheit für eine natürliche We(h)llenförderung ergriff ich als mein Sohn in den Morgenstunden gestillt werden wollte. Kaum haben wir mit dem Stillen begonnen, spürte ich auch schon die erste stärkere Welle. Einige Minuten später die nächste, dann die übernächste. Sie folgten jetzt in immer kürzeren Abständen. Ich war begeistert, wie einfach und unkompliziert die Natur - mein Körper - funktionierte. Alle Rädchen griffen ineinander. Einfach perfekt! Noch nie habe ich meinen weiblichen Körper so sehr geliebt, wie an diesem Tag! Die Abstände der Wellen wurden nach dem Stillen wieder etwas größer, aber überschritten nicht mehr die 20 Minuten Grenze. Zwischenziel erreicht: Geburt ist nun im vollen Gange. In den Tagen vor der Geburt fühlte ich mich unheimlich stark und selbstsicher - fast größenwahnsinnig. Ich traute meinem Körper schier Alles zu: vom Gefühl her hätte ich auch Vierlinge in Beckenendlage auf einer ICE-Toilette allein gebären können. Eine innere Einstellung, die es mir ermöglichte, über mich hinauszuwachsen, ganz im Gegensatz

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zur ersten Geburt, als ich in ängstlicher Erwartung, auf Hilfe hoffend, mich am liebsten verkrochen hätte. Was für ein Unterschied! Meine Eltern kamen, um auf meinen Sohn aufzupassen. In ihrem Schlepptau: Unruhe, Angst und Nervosität. Ich fühlte mich in meinem eigenen Haus sofort unwohl. Das also sollte mein „Rausschmeißer“ sein? Meine eigenen Eltern? Ich hatte jetzt tatsächlich das Bedürfnis, sofort zu fahren, obwohl ich zuvor das gegenteilige Gefühl empfand. Ich weiss, sie machten sich nur Sorgen, aber genau das blockierte mich. Sie glaubten einfach - ganz tief in ihrem Herzen - nicht an meine Gebärfähigkeit! Solche Menschen wollte und sollte ich nicht in meiner Nähe haben. Nicht jetzt, wo ich mich entspannen und öffnen soll/muss. Ankunft im Geburtshaus: das Auto rollt noch, ich reiße schon die Tür auf, um aus dem Auto springen zu können. Das erzwungene Sitzen, das Festgeschnallt-Sein hat mich verkrampfen lassen - mich blockiert, hat Schmerzen verursacht. Es sollte die einzige schmerzhafte Episode der gesamten Geburt werden. Ich bin endlich wieder ganz bei mir, bei meinem Kind, bei meiner Geburt. Alles andere blende ich aus. Jetzt kann ich mich endlich vollständig auf die Geburt einlassen, die Konzentration wiederfinden und mich auf meine Aufgabe fokussieren: zusammen mit meinem Baby die Geburtsreise zu vollenden. Ich stelle mich ins Zentrum meiner eigenen Beachtung. Zum ersten Mal in meinem Leben traue ich mich das. Nehme keine Rücksicht auf andere und ihre Befindlichkeiten. Die Pflicht kommt leider vor der Kür: das Eingangs-CTG steht an und mein Baby schläft, ruht sich aus - für den großen Auftritt. Schön für das Baby, aber nicht für das CTG. Die Hebamme versucht es zu wecken, rüttelt an meinem Bauch. Mein kleines Baby zeigt sich völlig unbeeindruckt. Die Hebamme wirkt etwas ratlos, bis ich selbstbewusst verkünde: „Ich kann es aufwecken!“ Schon während der Schwangerschaft habe ich eine intensive Kommunikation mit meinem Baby im Bauch gepflegt. Wir waren aufeinander eingeschwungen - die unmittelbarste Kommunikation, die ich mir vorstellen kann. Mein Back-up, meine Sicherheitsvorkehrung, meine VORSORGE. Wenn ich unsicher war, ob alles ok ist, kam Sekunden schnell die beruhigende Antwort. Anders herum vertraute ich vollends darauf, dass es mir ungefragt Probleme mitteilen würde - auch unter der Geburt. Ich als werdende Mutter bin die einzige Person, die ohne technische Hilfsmittel direkt in meinen Körper hinein spüren kann und einen ungefilterten Kontakt zu meinem ungeborenen Kind habe. Das habe ich allen voraus - auch den Hebammen! Ich fasste also meinen wundervollen Bauch an, spürte die kleinen Füße unter meinen Händen und drückte vorsichtig 3x dagegen - unser Zeichen. Sofort war es wach, wie auf Knopf-(Fuß-) druck. Die Hebamme wollte uns ans Herz legen, noch mal nach Hause zu fahren – Hypnobirthing verschleiert offensichtlich vieles. Sie konnte nicht wissen, was ich in meinem Körper spürte, wenn ich nach außen hin keine der üblichen Anzeichen des Geburtsfortschrittes zeigte. Also erlaubte ich ihr, nach dem Muttermund zu tasten. ICH wusste, was sie erwarten würde - sie nicht. Ich sah es in ihrem Gesicht: ungläubiger Blick, dann ein strahlendes Lächeln! Und dann sagte sie den wunderbarsten Satz des Tages: „Heute feiern wir GEBURTstag!“ Im Geburtszimmer zündete die Hebamme eine Kerze an. Ja, wir feiern heute den allerersten GEBURTstag unseres Kindes - wir feiern ein Fest! Die Geburt ist ein Fest! Ich fühle mich im Stehen am wohlsten. Allein. Die Hebamme sitzt auf einem niedrigen Hocker in der Ecke des Raumes und trinkt ihren Tee. Sie lässt mich machen, nimmt sich zurück und stellt mich in den Vordergrund. Mein Mann tut es ihr gleich.

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Beide haben die Bühne für mich freigemacht. Er hat losgelassen - mich - diese selbstlose Geste der Liebe hat mich tief beeindruckt. Seine Gelassenheit, seine Ruhe, die er ausstrahlte, versicherte mir, dass auch ich loslassen kann, mich wegbewegen darf von der realen Welt, die mich umgibt und mich auf meine Geburtsreise begeben kann. Ich begebe mich tief in meinen Körper hinein zu meinem Kind. Ich spüre, dass es an der Zeit ist, dass wir eine Einheit bilden, zusammenarbeiten. Die Wellen kommen schneller: Ich gehe mit ihnen, lasse mich treiben. Die Übergangsphase beginnt: Ich spüre an meiner rechten Beckeninnenseite etwas Spitzes - einen Ellenbogen. Der Arm ist tatsächlich erhoben – wie bei Superwoman. Eine Vermutung, die ich schon länger hegte. Die tiefe Hocke ist nun unangenehm, instinktiv nehme ich eine andere Position ein. Mache mein Becken weit, spüre in mich hinein, um meinem Baby den Raum geben zu können, den es benötigt. Die Hebamme kommt zu mir und schlägt mir eine andere Position vor, da diese anscheinend sehr „ungewöhnlich“ ist. Ich fahre sie mit relativ barschen Worten an, dass sie absolut keine Ahnung hat und dies hier so sein MUSS! Sie lässt mich sofort gewähren. Ich spüre meine Grenzen jetzt deutlich - körperlich, geistig, seelisch. Ich stehe an einer Schwelle, muss mich entscheiden, wohin er Weg gehen soll: bekannte Pfade oder ein Aufbruch zu neuen Welten? Eine Geburtsparabel entsteht vor meinem geistigen Auge: „Die Szene spielt sich in meiner Gebärmutter ab. Ich sehe mich, als kleines Mädchen - blonde Zöpfe, die von roten Schleifen gehalten werden, akkurates rotes Kleidchen mit weißen Punkten, rote Lackschuhe und makellose weiße Kniestrümpfe. Ein riesiger Käfig, darin ein Gepard: ausgewachsen, furchteinflößend und gefährlich - ein Raubtier. Wild und ungezähmt. Die Tür des Käfigs ist mit einem großen Vorhängeschloss gesichert. Ich halte den Schlüssel in Händen. Der Gepard kann sprechen. Ich soll ihn frei lassen - ich will nicht. Das kleine Mädchen schüttelt stellvertretend den Kopf: „Meine Mutter hat es mir verboten!“ “Ich werde dir nichts tun.“, sagt der Gepard, aber sie vertraut ihm nicht, so wie es ihr immer eingebläut wurde. Der Gepard spricht weiter: „Ich will dir nichts tun, will nur meine Freiheit wiedererlangen. Hilf mir dabei!“ Das kleine Mädchen stellt die alles entscheidende Frage: „Und was passiert, wenn ich die Käfigtüre öffne und dich freilasse?“ Die Großkatze ist verwundert: „Ich werde natürlich verschwinden! Meine Freiheit genießen.“ Das kleine Mädchen zögert, ringt innerlich mit sich, dann gibt sie sich einen Ruck, steckt den Schlüssel ins Schloss und öffnet vorsichtig die große Käfigtüre. Noch etwas ängstlich versteckt sie sich vorsichtshalber hinter der geöffneten Tür, aber der Gepard hat kein Interesse an ihr. Er will nur fort, weit weg von dem Käfig und seiner Gefangenschaft. Er wendet sich nicht einmal mehr um. Das kleine Mädchen blickt ihm hinterher, schaut wie er am Horizont verschwindet und fühlt sich unerklärlicherweise erleichtert. Dann endet die Szene abrupt.“ Die Geburtsparabel zeigt deutlich, welche Entscheidungsprozesse sich in meinem Kopf - in meinen Inneren - während der Übergangsphase abspielten. Ich habe mich dazu entschlossen, alte, antrainierte Verhaltensmuster zu durchbrechen, etwas zu wagen, loszulassen, ohne zu wissen, was mich erwarten wird. Ich habe dem Tod ins Auge geschaut, ihn zugelassen, vielleicht sogar willkommen geheißen? Ich habe alles Irdische hinter mir gelassen, mich freigemacht - befreit von vorgefassten Konventionen und Vorstellungen - und habe meinen eigenen Weg gefunden: ich konnte mich öffnen für das gesamte mögliche Spektrum des Geburtserlebens. Ich habe den Aufbruch zu neuen Welten gewagt und wurde mehr als belohnt!

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In der Endphase der Geburt wechsele ich auf den Gebärhocker. Angekommen. Ich lasse den Tod hinter mir und vollends los, fühle mich schwerelos, treibe ohne Zeit und Raum dahin. Genau dieses Gefühl ist und bleibt für mich der Inbegriff von absoluter FREIHEIT! Ich visualisiere meinen Wohlfühlort, den ich während der Schwangerschaft kreiert habe. Was dann geschieht, ist für mich bis heute surreal: ich spürte eine ekstatische Lust?! - Geburtslust - in mir aufsteigen. Kann das sein, dass ich so etwas wie Lust bei der Geburt empfinde? Ist das überhaupt möglich? Darf man das? Auf die Möglichkeit einer schmerzfreien Geburt hatte ich mich durch Hypnobirthing schon vorbereitet. Aber lustvoll? Davon war nie die Rede! Bilde ich mir das alles nur ein? Eine „Nebenwirkung“ der Selbsthypnose? Aber warum machte ich mir hier diese Gedanken? Warum genoss ich nicht einfach diese Wellen der Lust, die immer intensiver wurden?! Ich beschloss nichts mehr zu hinterfragen, sondern nur noch zu spüren. Ich fing deshalb endlich an das langsame Herausgleiten des Kindes zu genießen. Ein allumfassendes, berauschendes Glücksund Lustgefühl erfasste mich und trug mich fort. Es ist unbeschreiblich gewesen. Dann drang in diesen wirklich perfekten Moment die Stimme der Hebamme zu mir durch: sie sagte, dass ich mitschieben könnte – ich dachte: die ist ja verrückt, dann geht es ja schneller vorbei! Ich wollte, dass es nicht endet. Bei der Geburt des Kopfes erlebte ich einen lustvollekstatischen Orgasmus. Meine ersten Worte sagen wohl alles: „Ich könnte sofort wieder!“ Schmerzfrei UND lustvoll - das hat meine kühnsten Erwartungen bei weitem überstiegen. Ich hatte es geschafft: ICH habe geboren- aktiv, selbstbestimmt, kraftvoll, schmerzfrei und lustvoll. Nur meine Plazenta ließ auf sich warten - nach 1,5 Stunden wurde mir angeraten meine Blase zu entleeren. Es fühlte sich falsch an. Deshalb horchte ich in meinen Körper hinein - er hatte mir heute immer den richtigen Weg gewiesen, auch abseits der ausgetretenen Pfade. Plötzlich erscheint die Lösung so logisch und sinnvoll: der Gebärhocker! Ich verkündete, dass ich die Plazenta dort gebären werde, wo ich auch schon mein Kind geboren habe. Kaum saß ich wieder auf dem Hocker, schon begannen die Wehen von neuem - ich hatte mal wieder Recht! Kurze Zeit später war die Plazenta geboren. Dieser Tag hat mich eins gelehrt: Ich kann meinem Körper, meinem Geist und meinem Instinkt bedingungslos vertrauen. Sie arbeiten auf wundervolle Weise zusammen. Ihnen gemeinsam wohnt eine Weisheit inne, die ich vorher nie genug zu schätzen gewusst habe.

Jetzt tue ich es! Ich darf euch vorstellen: ein EINHORN namens physiologisch normale Geburt! Ich bin dankbar, dass ich dieses scheue und heute sehr seltenes Wesen erkennen lernen durfte.

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GedankenRaum

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Wendepunkt Geburt TANJA


Heute ist für mich ein ganz spezieller Tag, der 1. April - der Tag, an dem ich in meine 37. Schwangerschaftswoche starte. Sie läutet die Zeitspanne ein, in der alles im grünen Bereich liegt. Von Woche 37 bis 42 darf sich mein Baby offiziell auf den Weg machen. Es hat also sozusagen Landeerlaubnis. Landeerlaubnis? Das erinnert mich an einen Spruch von meinem Vater, den er mir immer sagt, wenn ich mich in ein Flugzeug begebe: „Keine Angst Liebes, es ist schon immer jedes Flugzeug vom Himmel runter gekommen!“ Einen kurzen Moment frage ich mich, wie ich genau JETZT auf das Thema Fliegen komme. Und dann hab ich diesen Gedankenblitz: Genau! Jedes Flugzeug kommt irgendwann mal runter, es bleibt nur die Frage, wie es landet! Und jedes Kind wird irgendwann mal geboren, es bleibt nur die Frage, wie es geboren wird! Eine sanfte Landung ist von vielen Faktoren abhängig: der Lage und Beschaffenheit der Landebahn, dem KnowHow und der Zusammenarbeit von Pilot und Copilot, den Wetterverhältnissen, der Kompetenz der Luftüberwachung. Manche Piloten haben sich auf Langstreckenflüge spezialisiert, andere bevorzugen Kurzstrecken. Flugrouten werden ganz genau berechnet, vor dem Start wird jeder Knopf und jede Funktion abgecheckt, der Treibstoff wird in der richtigen Menge eingefüllt. Und doch finden wir wohl in jedem Flug zwei oder drei Passagiere, die eine mulmiges Gefühl im Bauch haben, sich dem Ganzen ausgeliefert fühlen und einfach nur froh sind, wenn alles vorüber ist und sie sanft am Zielort landen dürfen, denn trotz allen Vorsichtsmassnahmen, Sicherheiten und Berechnungen gibt es immer wieder unsanfte Landungen, Wendungen, Luftlöcher und Turbulenzen. Langsam gefällt mir dieser Vergleich mit dem Flugzeug. Für unsere Geburtsreise habe ich mir als Landebahn das Geburtshaus ausgesucht, mich als Pilot mit der Route auseinander gesetzt, mir Gedanken darüber gemacht, wie ich im Cockpit agieren möchte. Was brauche ich, um mich im Cockpit, in meinem Körper wohl zu fühlen, was brauche ich, um mich mit jedem einzelnen Knopf verbinden zu können, mich eins mit der Schaltzentrale zu fühlen? Mein Baby, das ist mein Copilot. Unsere Kommunikation ist die weltbeste! Die Funkverbindung steht, und wir fragen uns immer wieder gegenseitig, wie es uns so geht. Wir vertrauen uns, wissen, dass wir diese Reise zusammen angehen werden und freuen uns darauf. Den Fluglotsen, unsere Hebamme, haben wir schon lange Zeit vor dem Systemcheck ausgesucht, und wir haben sie über unsere Wunschroute und Pläne genaustens informiert. Mein Copilot und ich hatten nämlich keine Lust darauf, mit irgend einer anonymen Stimme aus dem Tower zu kommunizieren, weshalb wir beschlossen haben, unseren Lotsen richtig kennen zu lernen, damit er unsere Navigation und Landewünsche studieren kann, und uns optimal durch die Landung führt. Eigentlich muss unser Lotse nur eines machen: Unsere Wunschlandebahn für uns frei halten. Ach ja, und dann ist da noch der Steward, der Papa, er wird für unser Wohl sorgen während der Reise und zum Wohl der Passagiere. Ich hab keine Angst vor dem Fliegen. Und vor dem Gebären auch nicht. Irgendwann werde ich merken, dass es für meinen Copiloten und mich an der Zeit sein wird, abzuheben. Im Moment befinden wir uns noch in der Checking-Phase, überprüfen alle Systeme, machen uns mit dem Cockpit, der Landebahn und der Navigation vertraut, legen die Route für unsere Reise fest. Wir fühlen uns sicher zusammen, unsere Kommunikation funktioniert und der Fluglotse, in diesem Fall unsere Hebamme, ist auch auf uns abgestimmt. Und trotzdem wird dieser Flug ein spezieller sein: denn irgendwann werde ich

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den Steuerknüppel meinem Copiloten übergeben müssen. Und ich weiss, jede Reise ist eine andere. Jede Reise hat sein Unvorhersehbares, egal, wie oft wir sie schon bestritten haben, egal, wie sicher oder gefährlich die Route und die Landebahn sein werden. Ist es nicht genau dieser Umstand, der den Wendepunkt Geburt zu einem so speziellen macht? Wir steigen irgendwo ein mit einem dicken Bauch und landen irgendwo mit einem Baby auf dem Arm. Was dazwischen geschieht, wie die Reise aussehen wird, können wir uns visualisieren, herbei wünschen.Wir können uns Sicherheit verschaffen, indem wir trainieren, Informationen sammeln, uns mit allen Beteiligten absprechen und die Instrumente im Cockpit richtig bedienen lernen. Aber das, was die Reise mit uns macht, was dieser Wendepunkt mit uns macht und wie er sich für uns anfühlen wird, darauf haben wir nur begrenzt Einfluss. Darum bin ich auch vor meiner dritten Reise etwas hibbelig. Ich freue mich auf den Start, das Abheben, das Schweben in der Luft, aber ich lasse es offen. Ich bin offen, was mir diese eine Reise zeigen möchte. Ich weiss, genau so wie meine letzten beiden Geburten wird auch diese Geburtsreise ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Ich lasse es geschehen und werde geniessen. Und irgendwann, irgendwann ist es an der Zeit, dass meine Copilotin den Steuerknüppel übernehmen wird. Auf diesen magischen Moment freue ich mich am meisten. Es ist der Augenblick, wenn mein Baby in meinen Armen liegt und sein Wendepunkt Leben beginnt, dann, wenn es das Steuer übernimmt und mich mit diesen offenen, wachen Augen das erste Mal anschaut, dann, wenn ich es bei uns willkommen heissen darf. In diesem Augenblick macht sich dieser unsagbar grosse Stolz breit, dass wir es zusammen geschafft haben. Mein Flugteam und ich, allen voran meine Copilotin, und wir wissen, unsere Reise geht weiter, sie hat erst begonnen, mit diesem wunderschönen, einmaligen Flug durch unseren Wendepunkt Geburt.

(K)ein Geburtsbericht

Die Geburt meiner jüngsten Tochter liegt nun etwas mehr als sechs Wochen zurück und ganz ehrlich, ich wollte eigentlich nicht darüber schreiben. Nicht, weil ich ein schlechtes Geburtserlebnis hatte, sondern weil ich diesen besonderen Moment für mich behalten wollte, weil er so heilig, so speziell war. Und vielleicht ist gerade diese Erkenntnis nun der Grund, weshalb ich trotzdem von dieser Geburt schreibe, denn jede Frau, die Mama wird, kann sich ihren GeburtsRaum schöpfen, ihn wahren, um auf der Geburtsreise ganz aufzugehen. Geburt beginnt schon ganz ganz früh. Rein theoretisch finde ich das total komisch, dass wir Schwangerschaft und Geburt so extrem von einander trennen. Denn für mich ist beides ganz stark miteinander verbunden. Jede Schwangerschaft zeigt uns gewisse Themen und manchmal können wir in den neun Monaten schon spüren, wie die Geburt wohl werden wird. Wenn wir unsere Antennen ausrichten, wenn wir ganz genau in uns hinein spüren, dann können wir in der Schwangerschaft und während der Geburt schon einiges vom Wesen unseres Kindes mit bekommen. Lustige Gegebenheiten. In meiner letzten Schwangerschaft haben sich meine Frau-

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enärztin und meine Hebamme die Vorsorgeuntersuchungen geteilt. Ob ich nun bei der Ärztin oder bei meiner Hebamme einen Termin zur Vorsorge hatte, eines blieb sich fast jedes Mal gleich: Entweder der Termin musste verschoben werden, er ging vergessen, oder wir mussten nochmals abmachen, weil die gewünschten Resultate nicht lesbar waren. Ich wusste, dass genau DAS ein Zeichen war, genau DAS wollte mir ETWAS sagen. Ich wusste einfach (noch) nicht was. Frühmorgens um 2 Uhr. Das war meine Zeit. Oder besser gesagt unsere Zeit. Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk wachte ich im späteren Verlauf meiner Schwangerschaft immer dann auf. Meistens war die Kleine dann immer wach. Oder meine Blase voll. Oder mein Ischias-Nerv meldete sich. Oder, zu guter letzt; ich hatte Vorwehen. Und davon hatte ich seeeeehr viele in dieser Schwangerschaft. Sie haben mir fast den Verstand geraubt. Gefühlte tausend Mal fand ich mich auf unserer Terrasse wieder, mit den Ohrstöpseln im Ohr, Becken kreisend, tanzend Mantras singend und Wehen veratmend. Gefühlte tausend Mal liess ich mitten in der Nacht ein heisses Bad ein, um danach wieder ins Bett zu gehen, weil alles wieder ruhig wurde. Mantras, mein Anker. Ich liebe Mantras. Sie geben Kraft, sie geben Halt. Sie lassen den Körper schwingen und sie haben mich geerdet. Ich denke heute sehr gerne an diese tanzenden, singenden MantraSessions mitten in der Nacht unter dem Sternenhimmel, im Mondschein zurück, sie waren so kraftvoll. Sie waren so wichtig für mich und die Kleine. Es war unsere Zeit. Es war unsere Zeit nur für uns zwei. Wir waren eins. Heute weiß ich, sie hat sich einfach meine volle Aufmerksamkeit genommen. Unter dem ganzen Rummel tagsüber war es immer still. 2 Uhr morgens wurde so zu unserer gemeinsamen Zeit. Unser Geburtssoundtrack lief tagein tagaus. Die beiden Großen haben auch damit angefangen, fröhlich mit zu singen. Prem Siri von Nirinjan Kaur war unsere Musik. Und ich wusste, wenn es soweit sein wird, dann werde ich zu dem Lied Puta Mata Ki Asees unser drittes Wunder gebären. Unser ältester Sohn hat dieses Mantra in der Nacht der Geburt zum Einschlafen gesungen, als hätte er gewusst, was passieren wird. Das Lied ist ein Gebet von der Mutter an das Kind, ein Segenspruch. Die Hauptprobe lief ziemlich schief... Man könnte meinen, dass wenn frau zum dritten Mal gebärt weiß, wann und wie es los geht. So wachte ich wieder mal frühmorgens um zwei Uhr mit Wehen auf, die regelmässig waren und immer mehr wurden. Wir fuhren also ins Geburtshaus, nur leider hatte ich nur oberflächliche Wehen. Wenn ich stand oder ging war mein Bauch steinhart, kaum legte ich mich hin war er weich wie Pudding und es wurde ruhig. Also gingen wir wieder nach Hause. Ich verstand ganz langsam, dass sich die lustigen Gegebenheiten bis in die Geburt ziehen werden. Ich versuchte nicht zu werten. Und ich merkte, ich brauchte Ruhe. Wir brauchten Ruhe. Also hab ich alles, was ich absagen konnte abgesagt. Und mich auf uns konzentriert. Auf mich konzentriert. Ich wollte alleine sein. Das, was wir brauchten war Erdung. Also zog es uns in den Wald, in die Natur. Jeden Tag ging ich mit den beiden Großen und dem Kugelbauch in den Wald spazieren, hab mich auf meine Füße und den Boden konzentriert. Am 21.4. morgens um 2.00 Uhr überkam mich eine Welle, ein undefinierbarer Schmerz, der mich aus dem Schlaf riss. Ich musste nicht auf die Uhr schauen, ich wusste was für Zeit es war. Ich versuchte weiter zu schlafen und merkte, dass ich regelmässig Wehen hatte. Also ließ ich mir wieder mal ein heißes Bad ein und merkte, dass die Wehen blieben. Und stärker

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wurden. Juhuuu! Ging es nun endlich los? Langsam weckte ich meinen Mann, machten wir uns bereit für die Fahrt ins Geburtshaus, riefen die Hebamme an. Meine Schwiegermama trudelte ein, um bei den beiden grossen Kindern zu sein. Die Fahrt ins Geburtshaus war wunderschön. Die Nacht war klar, es war fast Vollmond, die Landschaft erschien mystisch in Mondlicht getaucht. Wir fanden es einfach nur wow. Und haben uns gefreut, dass an einem solchen Tag unsere kleinste Tochter auf die Welt kommen darf. Die Sache mit dem Schmerz. Mittlerweile weiß ich, dass es viele Frauen gibt, die schmerzfrei gebären können. In meiner ersten Schwangerschaft, bevor ich mich mit Hypnobirthing beschäftigt habe, konnte ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Ich merkte, wie tief die Glaubenssätze über schmerzvolle Geburten auch in mir verankert waren. Und mir wurde bewusst, dass ich diese verändern muss. Ich weiß, wie uns dieser Glaube, diese „alte Geburtskultur“, die in unseren Köpfen noch vorherrscht, manipulieren kann. Ich entschloss mich, meinen Weg zu gehen. Hypnobirthing ist eine tolle Sache, aber für mich war es zu stur. Ich hatte keine Lust, ein neues Vokabular zu lernen. Eine Welle ist ein schöner Ausdruck für eine Wehe, aber es blieb eine Wehe, auch wenn ich sie Welle nannte. Ich schreibe also heute immernoch von Wehen, für mich haben sie einfach eine andere Bedeutung. Hypnobirthing war für mich zu sehr ein Rezept, welches irgendwie nicht zu mir passte. Ich wollte einfach nur bei mir sein, präsent sein, die Wehen annehmen und wieder loslassen können. Denn ich brauche diese Empfindung. Ich brauche etwas Schmerz, damit ich spüre, was vor sich geht. Ich für mich wollte nicht schmerzfrei gebären, ich wollte so gebären, dass der Schmerz nicht mein Feind ist, sondern ich ließ ihn kommen und wieder gehen. Er nahm mich nicht mit, er floss einfach durch mich hindurch. Und doch habe ich mich und meinen Körper so ganz unbewusst (oder war es doch bewusst?) vom Schmerz befreit, wir gaben ihm keine Angriffsfläche, wir gaben keinen Widerstand, an dem er sich hätte andocken können. Nein, er war gezwungen, einfach nur durch uns hindurch zu fließen und das hat er gemacht, Wehe um Wehe. Er kam, fließ durch und verschwand wieder. Wir waren nicht sein Sklave, sondern wir hatten ihn in der Hand. Wir ließen ihm keinen Handlungspielraum, außer dass er widerstandslos durch uns hindurch fließen durfte. Er hatte keine Macht über uns. Mit dabei: mein Soundtrack. Es war das erste Mal, dass ich mit Musik geboren habe. Unser Lied wurde zu unserem Anker. In jeder Wehenpause konnte ich mit den Mantras mitgehen, ich fing an, mitzusingen, war im Jetzt. Und Jetzt war ruhig. Jetzt war so kraftvoll. Jetzt war klar. Jetzt war Liebe. Jetzt war ich da, in meiner Wanne, präsent. Jetzt war alles offen und im Fluss. Jetzt fühlte ich mich getragen, Jetzt spürte ich grenzenloses Vertrauen. In mich, mein Kind, in meinen Körper. Jetzt war perfekt. Und da war noch mein Mann. Er war einfach nur da, hielt mich, schaute mir in die Augen, war bei mir. Und ich spürte dieses Band zwischen uns, diese Liebe die uns verbindet. Ich spürte, wie viel Veränderung auch für ihn in diesem Moment lag. Wir weinten zusammen. Wir weinten, weil wir so berührt waren von diesem Augenblick, weil wir so dankbar für das waren, was wir hatten: einander, unsere Liebe, unsere Familie, unser kleines, perfektes Universum. Und bald hielten wir unsere Kleinste in den Armen. Geburt ist ein Wunder. Sie spielt sich nicht nur körperlich ab, es geht nicht nur darum, wie weit offen die Gebärende nun ist und wie lange es wohl noch dauert. Zwischen den Zeilen passiert so viel. Es fühlt sich für mich an, dass sich in diesem Augenblick ein Tor öffnet.

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Ein Tor in eine andere Dimension, in eine andere Welt. Durch dieses Tor gehen alle Beteiligten. Nicht nur ein Baby wird geboren, auch eine Mama und ein Papa. Jedes Mal. Und genau das gilt es zu wahren, diesen heiligen Raum, der sich auftut. Dieser unbeschreiblich schöne Moment, wenn dieses neue Leben hier bei uns ankommt. Ich wünsche mir, dass uns Mamas bewusst wird, dass WIR die Gestalterinnen von unserem Geburtserlebnis sind. Ich wünsche mir, dass wir die Augen öffnen für unseren Geburtsraum, dass wir erkennen können, was wir brauchen, um uns darin wohlzufühlen und aufzugehen. Ich wünsche mir, dass wir unsere Antennen bald auch auf das ausrichten können, was zwischen den Zeilen geschieht. Dass wir spüren können, dass da noch mehr ist. Dass wir den Gebärenden den Raum geben können, den sie brauchen, um ihr Kind sanft und voller Vertrauen hier bei uns ankommen zu lassen. Ich wünsche mir Ärzte und Hebammen, die diesen Raum spüren können, die ihn mit Respekt behandeln und ihn zum Wohle von ihren Patienten wahren können.

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Kaiserinnenzeit

Das Wochenbett als guter Start fĂźr Mutter und Kind ISABEL FALCONER


Während der Schwangerschaft liegt häufig das Gedeihen des Babys oder die Geburt im Fokus der Vorbereitung. Zweifelsohne wichtige, weltbewegende Vorgänge. Die Geburt markiert als Zäsur nicht nur das Ende der Schwangerschaft, sondern vor allem auch den Beginn eines neuen Lebens. Für alle Familienmitglieder heißt es ab da: jetzt geht’s erst richtig los. Ein entspannter Start kann viel zu Wohlbefinden und Gesundheit aller beitragen. Das Wochenbett - Eine bewegte Zeit Das Baby hat in der Schwangerschaft alles mitbekommen, was es für diese Welt braucht. Mit der Geburt hat es bereits seinen Weg ins Leben gemeistert. Und hat auch sein Päckchen mitgebracht, das es fortwährend tragen muss. Auch wenn es die Welt bereits 9 Monate lang im geschützten Mutterleib kennenlernen konnte, ist doch alles neu. Mediziner sprechen von einer physiologischen Frühgeburt, einem noch unreifen Baby. Tatsächlich durchläuft der Babykörper in den ersten zwölf Wochen eine Menge physiologischer Anpassungsprozesse. Es muss sich an die neuen Bedingungen, wie das Wirken der Schwerkraft, eigenständige Atmung, Temperaturregulation, Nahrungsaufnahme und Verdauung gewöhnen. Und die Trennung von seinem ersten Zuhause mit Rund-um-Versorgung verkraften. Unzählige Reize prasseln auf allen Sinneskanälen auf es ein und müssen verarbeitet werden. Vielleicht sind in den ersten Minuten oder Tagen auch dramatische Szenen passiert. Das Baby ist von nun an auf eine prompte, bedürfnisorientierte und zugewandte 24-Stunden-Betreuung angewiesen. Es verwundert nicht, wenn das Baby viel zu erzählen hat und seinen Empfindungen etwa durch wütendes Schreien oder trauriges Weinen Ausdruck verleiht. Die Mutter hat in der Schwangerschaft und während der Geburt körperliche Schwerstarbeit geleistet. Nach der Geburt durchläuft der Körper erneut diverse Umstellungsprozesse. Die Milch schießt ein,

die Gebärmutter bildet sich zurück und heilt ihre Wunde, Geburtsverletzungen gesunden. Die Hormone steuern nicht nur körperliche Vorgänge, sondern wirken sich gleichzeitig (vielleicht sogar heftig) auf das emotionale Befinden aus. Das fördert das Bonding, aber auch den Babyblues. Tiefe Liebe zum Kind kann sich abwechseln mit Weltuntergangsstimmung. Stellen sich über längere Zeit keine mütterlichen Gefühle zum Baby ein, oder ist die Weltuntergangsstimmung nur noch düster, finden Frauen erste schnelle Hilfe beim Verein Schatten und Licht (http://www.schatten-und-licht. de) mit einem Test zur Selbsteinschätzung einer postnatalen Depression und Adressen von Ansprechpartnern in der Nähe. Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen und erfüllen Mutter und Baby haben in der Zeit des Wochenbetts sehr ähnliche Bedürfnisse; Ruhe und Achtsamkeit helfen bei der Erfüllung dieser. Direkter Hautkontakt von Mutter und Kind unterstützt und fördert die körperlichen und emotionalen Vorgänge. Ein Blick in andere Kulturen, in denen Familie und soziale Gemeinschaft einen höheren Stellenwert hat als bei uns, zeigt, dass frisch entbundene Frauen mitunter äußerst fürsorglich behandelt werden. Haushalt, Kochen, Geschwisterkinder - alles wird von anderen übernommen. Aufmerksamkeit und Fokus gelten ausschließlich dem Baby und der eigenen Erholung. In cross-kultureller Partnerschaft kann das zu einem regelrecht

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Kultur-Clash führen, wenn plötzlich die Schwiegermutter aus - sagen wir mal - Südamerika, Italien oder der Türkei anrückt, um den Haushalt zu schmeißen. Es gibt Geschichten von Müttern, die nicht mal mehr selbst essen durften, sondern gefüttert wurden. Das hat dann zwar auch nicht mehr viel mit Ruhe und Entspannung zu tun, zeigt jedoch, welche Bedeutung der Frau, die neues Leben schenkt, beigemessen wird. Bei uns gilt eine alles-alleine-undmöglichst perfekt-Mentalität. Dies ist nicht nur, aber vor allem im Wochenbett auf Dauer nicht zu erfüllen. Ein möglichst entspanntes, flexibles und ruhiges Wochenbett ermöglicht einen guten Start ins neue Leben als Familie. Umgekehrt können belastende Erlebnisse aus Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett diesen Anfang erheblich erschweren und mitunter langfristige Auswirkungen haben. Jede Mutter hat individuelle Bedürfnisse und Wünsche zum persönlichen Wohlbefinden und Glück. Ebenso jedes Kind. Bei jedem Start ins Leben sind die Umstände verschieden. Was jeder einzelnen Frau gut tut, entscheidet sie selbst. Daher nachfolgend keine Ratschläge, sondern ein paar Überlegungen für ein gelingendes Wochenbett. Unterstützung für Mutter und Baby Egal, in welchem Moment, genießen das Wohlergehen von Mutter und Kind oberste Priorität. Im Klinikalltag oder auch zu Hause wird dies nicht immer berücksichtigt. Unsensibles Personal oder Verwandte und Bekannte können bei der hoch empfindsamen Mutter gehörig ins Fettnäpfchen treten oder sogar tiefe Wunden aufreißen. Ebenso kann das Baby etwa verschreckt reagieren, tut dies jedoch oft erst, wenn die Situation vorbei und wieder Ruhe eingekehrt ist. Als (werdende) Mutter ist es wichtig, in Erinnerung zu behalten, dass nur sie selbst be-

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stimmen darf, was mit ihr und ihrem Kind geschieht. Das gilt für die Koordinierung von Besuch und „Darf-ich-mal-halten“ über kleinere und größere, dringliche oder unnötige Interventionen. Ab der Schwangerschaft müssen wir ständig Entscheidungen für unser Kind treffen. Bei dem immensen Druck, der auf Schwangere und Babymütter ausgeübt wird ist es leicht vergessen, dass wir niemandem Rechenschaft schuldig sind - außer unseren Kindern. Wir sind die Einzigen, die mit diesen Entscheidungen und deren Konsequenzen leben müssen. Das westliche (vorwiegend medial geprägte) Bild vom Mutter werden ist oft mit dramatischen Szenen assoziiert, bei dem die Frau erlöst oder gerettet werden muss, statt es als einen natürlichen Vorgang zu begreifen. Die Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung wird von einer wachsenden Anzahl von Frauen als demütigend, unachtsam, fremdbestimmt und mitunter gewaltsam empfunden. Die körperlichen und seelischen Wunden, die davon zurückbleiben können, brauchen Zeit zum heilen. Eine enge Vertrauensperson für die Mutter, die über solides Fachwissen verfügt, kann im Vorfeld Schaden abwenden und ihn im Nachhinein mildern und versorgen. Die Gynäkologie geht aktuell landesweit verstärkt in eine andere Richtung. Ebenso wichtig wie Unterstützung bei der Bewältigung von körperlichen und emotionalen Momenten ist eine Entlastung im Haushalt. Wenigstens für die erste Zeit, besser noch, bis sich alles so richtig eingegroovt hat. Hier mag so manche Mutter auf Unverständnis und Widerstand stoßen, vielleicht kommen noch blöde Sprüche - von Frauen! - wieviel mehr man selbst „damals“ zu wuppen hatte, das hätte ja auch alles problemlos geklappt. Kommen sie von der eigenen Mutter oder Schwiegermutter ist das schlimm genug. Ist es die Ärztin, mit der


man geboren hat, oder die die Nachbetreuung übernimmt, sitzt das wie ein Tiefschlag. Der Intuition folgen und bei Bedarf Hilfe holen Die innere Stimme und Intuition sind in der Zeit rund um die Geburt besonders sensibel und ausgeprägt und damit die wichtigsten Ratgeber in der Gestaltung des Lebens mit dem Kind. Von jetzt an; für eine lange Zeit. Sie sind gleichzeitig ein wertvolles, weil treffsicheres, Kommunikationsmittel mit dem Baby. Auch der Körper dient beidseitig als Seismograph für Stimmungen und Befindlichkeiten. Er hat enormes vollbracht und darf dafür Anerkennung und liebevolle Fürsorge erfahren. Vielleicht wurde er grob oder fahrlässig behandelt, verletzt oder sogar lebensgefährlich bedroht. Das kann es erschweren, ihn liebevoll und fürsorglich zu behandeln, macht es aber gerade dann umso wichtiger und bedarf gegebenenfalls kompetenter Begleitung. Sollte durch belastende Erlebnisse jedweder Art das Wochenbett zu wenig oder gar keine Beachtung gefunden haben, so lässt sich dies beispielsweise mit heilsamen Ritualen aufarbeiten. Die hoch sensible Phase von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bietet großes Entwicklungspotential auf der persön-

lichen und spirituellen Ebene. Gleichzeitig ist diese Zeit sowohl beim Baby als auch bei der Mutter sehr störanfällig. Die Mutter hat dabei die Verantwortung und das Recht, Stress und Störquellen zu erkennen und zu eliminieren. Als Mutter können wir unsere eigenen Bedürfnisse und die unseres Babys selbst am besten einschätzen. Für deren Erfüllung treten wir selbst sein, es macht nämlich sonst kein anderer. Dafür holen wir uns tatkräftige Unterstützung von einer Person unseres Vertrauens. Als Begleiter, Freunde, Familienmitglieder können wir die Mutter-Kind-Einheit bei der Erfüllung dieser Bedürfnisse unterstützen, um ihr achtsam und fürsorglich beim Ankommen zu helfen. Eine durchdachte Vorbereitung, die die Bedürfnisse und Wünsche der Mutter im Fokus hat, kann zu einem gelingenden Start und damit einem nachhaltig harmonischen Familienleben beitragen. Das Wochenbett heißt so, weil die Frau jederzeit das Recht hat, sich mit ihrem Baby ins Bett zurück zu ziehen, nicht die Pflicht. Das zu tun, was ihr und ihrem Kind gut tut. So wie immer. Aber jetzt besonders! Ob das Baby acht Tage oder acht Wochen alt ist. Für eine Weile steht die Welt still und alles dreht sich nur um dich und dein Baby! Ich nenne diese Zeit daher gerne Kaiserinnenzeit.

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Babymassage

Babys mit liebevoller Berührung willkommen heißen KARINA BARTHOLICH


Die Babymassage als Ritual hilft dem Baby beim Ankommen, stark werden und sich wohlzufühlen. Babys sprechen noch nicht mit Worten, sie sprechen mit ihrem Körper, ihrer Mimik und Gestik und vor allem mit ihrem Herzen. Und wenn Eltern ihre Babys sanft massieren, dann sprechen auch sie durch ihre sanfte Berührungen mit ihrem Herzen zum Kind. In einer Sprache die das Baby versteht, aufnimmt und die es nährt. Ein Gefühl von Verbundenheit, Vertrautheit und Geborgenheit kann entstehen. Die Babymassage ist vielen Eltern ein Begriff. Sie haben schon mal gehört, dass man mit einfachen Griffen Bauchschmerzen effektiv lindern oder den Babys damit helfen kann, zur Ruhe zu kommen. Prinzipiell ist die Babymassage nichts Neues. In Indien wird mit der Babymassage gleich nach der Geburt begonnen. Auch die Mamas kommen in den Genuss dieser alten Tradition von wohltuenden Ölmassagen. Ihre gesundheitsfördernde und wohltuende Wirkung ist in vielen Büchern beschrieben. So manche Klinik setzt die Babymassage erfolgreich bei Früh- und Neugeborenen ein. Die Grundlagen der Babymassage sind in Babymassagekursen leicht zu erlernen. Der Fluss der Berührung geht schnell in einen automatisierten Ablauf über und die Eltern können die Babymassage ganz leicht intutiv

zu Hause anwenden. Ich kann mich noch gut erinnern als ich mit unserem ersten Sohn in einem Babymassagekurs saß und das gelernte Wissen zu Hause anwenden wollte. Ich war so bedacht alles richtig machen zu wollen, dass es irgendwie nie den richtigen Zeitpunkt dafür gab und der Spaß oftmals schneller vorüber war als er begonnen hatte. Mir wurde es zum Anliegen Müttern und Kindern einen gemütlichen und kuscheligen Ort für das Erlernen der Babymassage an zu bieten. Wo alles vor Ort ist, was es dafür braucht und auch die Mütter zur Ruhe und Entspannung finden können. Ein kleiner Traum, der in unserem Familienzentrum wahr wurde. Mir ist es wichtig, dass die Eltern die Einfachheit der Anwendung und ihre Wohltat für die kleinen Erdenbürger spüren können.

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Welcome Baby Blessing...

ist ein kleines Ritual, das du gut in euren Alltag einfließen lassen kannst. Nimm es als ein Geschenk der Wertschätzung an dich und dein Baby. Denn du und dein Baby, ihr habt eine weite und wichtige Reise hinter euch, die Schwangerschaft und die Geburt. Eine Zeit der intensiven Nähe und des intensiven Austausches. Nimm dir auch jetzt bewusst Zeit dafür, das Band der Liebe und Verbundenheit mit sanfter Berührung weiter zu stärken. Suche dir einen angenehmen Platz für euch beide, an dem ihr euch wohl fühlt und es warm habt. Das Baby kann vor dir und zwischen deinen Beinen auf einer Unterlage liegen. Das *welcome-baby-blessing* kann sowohl im nackten als auch im bekleideten Zustand stattfinden. Je nach Gemütslage und Behagen des Kindes. Wenn du nackt massieren willst, dann verwende noch zusätzlich hochwertiges Mandelöl. Das fördert den Berührungsfluss und ist sehr angenehm. Bitte lege all deinen Schmuck ab und schalte alle Störquellen aus. Genieße diese stille und kostbare Zeit und komm ganz in das Hier und Jetzt. Nimm dazu einige Atemzüge und komm bewusst in Kontakt mit deinem Körper. Spüre dich! Du bist diese wundervolle Frau, die dieses wundervolle Baby geboren hat. Schenk dir selbst ein inneres Lächeln. Wende dich dann deinem Baby zu, nimm Blickkontakt zu ihm auf und lade es somit ein, mit dir in Kontakt zu treten. Bitte es um Zustimmung der Berührung und lege dann deine Hand auf sein Bäuchlein oder seine Füßchen. Spüre nun langsam wie sich euer Atem verbindet und ihr euch aufeinander einschwingt. Lass nun über deine Hände die Liebe fließen, die du für dein Baby empfindest und die euer Band über Raum und Zeit hält. Spüre wie sich in dir Worte bilden, die dein Baby willkommen heißen und es segnen wie z.B. „Schön, dass du in unserer Mitte bist, mögest du immer meine Liebe spüren.“, „Du bist einzigartig und an diese Einzigartigkeit mag ich mich immer erinnern. Ich liebe dich.“ Dein individueller Segensgruß begleitet nun sanfte Streichungen. Beides lädt dein Baby ein ganz in seinem Körper Platz zu nehmen und sich willkommen und angenommen zu fühlen.

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Streiche nun sanft und mit der ganzen Handfläche vom Bauch zu den Füßen. Wenn du bei den Füßen angekommen bist, dann halte bitte einen kurzen Moment inne und wiederhole diese Streichung einige Male. Als nächstes lass deine Hände zu den Schultern des Babys wandern. Lege dann eine Hand links und eine Hand rechts ab und spüre wieder eure Verbindung. Danach lässt du langsam, leicht und sanft deine Hände von den Schultern über den Brustkorb und die Füße gleiten. Mache wieder eine kurze Pause bei den Füßen und wiederhole die Streichung. Anschließend wandere mit deinen Händen zum Kopf des Babys und umhülle es sanft mit deinen Handflächen. Verbinde dich wieder bewusst mit ihm und lass erneut deine Hände über seinen Körper gleiten, vom Kopf über die Schultern, den Brustkorb und die Beine. Wiederhole auch diese Streichung einige Male. Diese sanfte Berührung verbindet das Kind mit seinem Körper – oben mit unten – von Kopf bis zum Fuß. Eine Erfahrung, die sehr tief gehen kann. Babys können sich durch die Berührung auch an die Geburt erinnert fühlen und Spannungen entladen und zu weinen beginnen. Mach eine Pause und gib deinem Baby Raum, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es wird danach wieder zu Ruhe und Entspannung finden. Hab Vertrauen. Zum Abschluss erdest du dein Baby nochmals, indem du mit einer Hand seine Fußsohle hältst und mit der anderen sein Füßchen umhüllst. Dabei atmest du einige Male tief durch und zum Baby hin. Dasselbe wiederhole beim anderen Fuß. Du schenkst deinem Baby damit Kraft, Mut und Zuversicht. In diesem Sinne wünsche ich dir und deinem Baby viel Freude mit dem *welcome-baby-blessing*. Als dass es euer Zusammensein und eure Beziehung bereichert.

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Bonding

Ein Band fĂźrs Leben wird gewoben INGA SARRAZIN


Alle Menschen haben ein tiefgehendes Bedürfnis nach körperlicher und emotionaler Nähe. Haben sie von Beginn ihres Lebens an Liebe, Nähe, Achtsamkeit und Feinfühligkeit von ihrem Umfeld erfahren wurde ihnen damit der Weg geebnet sich im Leben sicher zu fühlen, sich und anderen zu vertrauen, Gefühle zu äußern, Nähe zuzulassen, Empathisch auf andere Menschen zu reagieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch ab wann entsteht Bindung? Wie kann die Mutter-Kind Bindung aufgebaut, gefördert, erhalten werden? Bereits mit Beginn der Schwangerschaft kann zwischen Mutter und Ungeborenen die erste kleine Bindungssaat gepflanzt werden. Hatte die werdende Mutter einen starken Kinderwunsch, der nun endlich in Erfüllung geht, kann schon der sichtbare Streifen auf dem Schwangerschaftstest, zu einer Ausschüttung von Glückshormonen führen, Gedanken an das wachsende Leben in eigenem Körper können die ersten zarten Bande der Mutter-Kind Beziehung bilden. Mütter, die ungeplant schwanger werden, sind vielleicht erst einmal überrascht, geschockt und verdrängen das Wissen um die Schwangerschaft ggf. kurzzeitig. Doch oftmals kommt mit den ersten körperlichen Veränderungen, dem ersten Ultraschall, dem Blick auf ein kleines schlagendes Herz oder auch mit den ersten, zarten Bewegungen im Mutterleib ein starkes Bindungsgefühl zum Vorschein. Ebenso gibt es Frauen, die keine Glücksgefühle aufgrund der Schwangerschaft und dem wachsenden Leben in sich hegen. Die nicht begreifen können oder wollen, dass ein Kind in ihnen aufwächst und vielleicht die ersten Glücksgefühle erst entwickeln, wenn sie ihr Baby in den Armen halten. Spätestens wenn sie ihr Baby in den Armen halten, sehen und riechen, wird die erste Bindung

zwischen Mutter und Kind aufgebaut. Der Bindungsbeginn kann wie beschrieben individuell zeitlich sehr verschieden sein und nicht erzwungen, jedoch bereits in der Schwangerschaft gefördert werden. Wichtig zu wissen ist, dass nicht nur die Mutter-Kind Bindung, sondern ebenfalls die Vater-Kind Bindung oder Geschwister-Kind Bindung in dieser Zeit bereits beginnen kann. Auch das Ungeborene ist bereits in der Schwangerschaft in der Lage Stimmungen und Bewegungen zu erfühlen, Stimmen zu hören und Kontakt zur Welt außerhalb aufzunehmen. Wird z.B. auf seine Bewegungen reagiert, wird sein Kontaktbedürfnis bedient und Bindung aufgebaut. Je weiter die Schwangerschaft voranschreitet, desto mehr ist ein Baby in der Lage zu hören, Emotionen der Mutter zu fühlen u.v.m. Wenn du die Bindung zu deinem Kind bereits in der Schwangerschaft intensivieren möchtest, gibt es viele Möglichkeiten dies zu tun. Wichtig ist, dir deine Schwangerschaft und das wachsende Leben in deinem Bauch bewusst zu machen. Nimm dir Zeit und gönne dir Ruhe um in dich hinein zu spüren. Beobachte die Veränderungen an deinem Körper und mache dir bewusst, dass dieser sich auf die Ankunft deines Babys vorbereitet. Jede Berührung deines Körpers und vor allem wachsenden Bauches, auch wenn du dein Kind noch nicht spürst, tut euch beiden gut. Hormone wie Oxytocin, das Bindungshormon oder auch Glückshormone wie Endorphin werden so ausgeschüttet. Auch leichte Massagen durch deinen Partner unterstützen dies und fördern so u.a. auch die Bindung von Vater und Kind. Je öfter du das Ungeborene in deinem Bauch visualisierst, desto mehr nimmst du auch emotional Kontakt zu ihm auf. Stelle dir vor wie es in dir wächst, sich dreht, auf deine Aktivitäten reagiert, deine Herztöne wahrnimmt, durch deine Bewe-

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gungen geschaukelt und auch beruhigt wird. Je öfter du dies bewusst wahrnimmst, desto mehr baut sich die Bindung zu deinem Kind auf. Man liest immer wieder, dass Babys auf Töne reagieren. Bereits im 2.ten Trimester können sie hören und mit Fortschreiten der Schwangerschaft auf Töne reagieren. Du, dein Partner oder auch das erwartungsfreudige Geschwisterchen könnt mit dem Ungeborenen sprechen, so dass die Stimme der Eltern und Geschwister von Tag zu Tag mehr dem Baby bekannt sind. Auch Musik dringt zu dem Baby durch, wenn du einmal auf einem Konzert bist, wird es seine Freude oder auch den Unmut darüber vielleicht durch Tritte zeigen. Dies sind nur einige Beispiele dazu, wie die erste Bindung in der Schwangerschaft stattfinden kann. Wie wird die Bindung mit dem Ankommen Deines Babys auf der Welt gefördert? Der erste Moment in dem du dein Baby auf die Brust gelegt bekommst ist einzigartig. Gemeinsam habt ihr den Geburtsvorgang durchlebt und seht euch nun das erste Mal. Unabhängig davon wie und in welcher Form die Geburt verlaufen ist, ist es für das erste Bonding nach der Geburt sehr wichtig, dass ihr möglichst schnell Hautkontakt bekommt, du dein Baby in den Armen halten kannst, ihr euch sehen, riechen, spüren könnt. Nun braucht es Ruhe, Zeit, Ungestörtsein und viel Kuscheln, damit ihr gemeinsam ankommen könnt und auch der erste Stillversuch ermöglicht wird. Je weniger ihr dabei gestört werdet, je mehr Zeit ihr gemeinsam habt, desto näher werdet Ihr euch kommen. Auch bei einem Kaiserschnitt ist in vielen Fällen der schnelle Hautkontakt möglich. Wenn du weißt, dass dein Kind per Kaiserschnitt auf die Welt kommen wird, dann kannst du dir vorbereitend ein Bondingtop besorgen. Dies kann über die Brust gezogen werden und sobald dein Baby da ist, das

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Kind darunter gelegt werden. So brauchst du keine Angst haben, dass es verrutscht, falls du es noch nicht so gut halten kannst, es hat es kuschelig warm und ihr habt direkten Körperkontakt. Als Alternative geht natürlich auch z.B. ein Bauchband aus deiner Schwangerschaft oder einfach ein warmes Tuch, welches über euch gelegt wird. Falls dein Baby aufgrund einer besonderen Situation räumlich von dir getrennt wird, mach dir keine Sorgen, die Bindung kann auch einige Zeit später noch aufgebaut werden. Bei Frühchen hilft zum Bindungsaufbau das sogenannte Känguruhen. Das Baby wird auf dich oder deinen Partner gelegt (dies ist auch mit Atemhilfen und ähnlichem) möglich und ihr kuschelt Haut an Haut. Das Baby hört so dure Herztöne, kann euch riechen, wird gewärmt und ihr könnt stundenlang kuscheln. Dies hat nachweislich für das Frühchen eine sehr beruhigende und stabilisierende Wirkung. Bei einer schlechten Geburtserfahrung kann ein heilendes Bonding-Bad helfen. Hierbei wird die Geburt für Mutter und Kind auf eine sanfte Art und in Form eines Bads noch einmal nachempfunden. Die Mutter liegt mit nackter Brust warm zugedeckt im Bett und bekommt, sobald sie signalisiert, dass es für sie gut ist, ihr für wenige Minuten zu Wasser gelassenes Kind auf den Bauch gelegt. Beide dürfen nun ganz in Ruhe kuscheln. Dies sollte auf jeden Fall durch eine erfahrene Person, z.B. deine Hebamme, Doula oder Traumatherapeutin, begleitet werden, da dies sehr emotional sein kann. Kinder sind Traglinge. Schon im Bauch haben wurden sie durch deine Bewegungen geschaukelt und damit beruhigt. In einem Tuch oder einer Babytrage fühlen sich Babys sicher und aufgehoben und werden durch eure Bewegungen sanft beruhigt. Auch hier kann es dich riechen, deinen Herzschlag


hören, eine wunderschöne Art euch zu binden. Das Tragen ist auch eine wundervolle Bindung für Vater und Kind. Gerade wenn du im Wochenbett erschöpft bist, ist dies für dich eine wunderbare Entlastung und Vater und Kind haben Zeit und Nähe für sich. Stillen Ein Privileg der Mama ist das Stillen, welches sehr bindungsfördernd ist. Bereits ab der Geburt kann gestillt werden, auch wenn du noch keinen Milcheinschuss hattest, wird das Baby bei engem Hautkontakt und wenn ihr nicht gestört werdet, nach kurzer Zeit von selbst beginnen an deine Brust zu krabbeln und versuchen an deiner Brust zu saugen. Der sogenannte Breast Crawl ist ein wunderbares Instrument der Natur, bei dem durch Kontaktflächen zwischen Mutter und Kind, die natürlichen Reflexe des Kindes aktiviert werden und es tatsächlich in der Lage ist, weitestgehend selbstständig an deine Brust zu robben. Ein wundervoller Start für eure Stillbeziehung. Auch wenn das Stillen nicht auf Anhieb klappt, lass dich dadurch nicht verunsichern und lege das Baby immer wieder an, so viel ihr mögt, irgendwann wird es vom Kuscheln auf das Stillen übergehen und das Stillen sich einspielen. Ihr müsst es beide lernen und werdet eine wunderbare Bindung ein-

gehen. Bist du eine Mutter, die nicht stillen kann oder mag, mache dir keine Sorgen. Auch das zugewandte Füttern, indem du Augenkontakt mit deinem Baby hast, auf seine Signale reagierst und ihr euch körperlich nahe seid, also das Kind in deinem Arm liegt, ist der Bindung sehr förderlich. Dies kann dann auch dein Partner übernehmen und so die Bindung zu seinem Kind immer mehr aufbauen. Massagen Wundervoll für Mama, Papa und Kind sind, neben Kuscheleinheiten und dem Tragen, auch Massagen. Die Babymassage hilft euch aufeinander einzugehen, achtsam miteinander zu sein, euch zu entdecken und körperlich sehr nah zu sein. Du siehst, es gibt viele Wege und Möglichkeiten um eine sichere Mutter-Kind-/ Vater-Kind-Bindung aufzubauen. Einige werden für dich interessant und anwendbar sein, andere nicht. Welchen Weg ihr als Familie auch wählt, euer Weg ist der für euch richtige. Am wichtigsten ist, achtsam miteinander zu sein, sich Zeit zu geben und in aller Ruhe gemeinsam im Familienleben anzukommen.

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Stillen? Ja, ich will! CHRISTINA LAW-MCLEAN


„Möchtest du stillen?“ ... „Ja, wenn es klappt schon.“ So ähnlich hört sich die Antwort oft an, wenn man eine frischgebackene Mutter fragt wie sie ihr Baby ernähren möchte. Schade daran: Es scheint, als würde die Mutter bereits bevor sie überhaupt das erste Mal gestillt hat, daran zweifeln, dass es klappen wird. Zu solchen Zweifeln gibt es meist überhaupt keinen Grund! Der Großteil der Frauen ist körperlich bestens in der Lage zu stillen. Eine Schwierigkeit stellt oft eher das sogenannte Mindset dar, also die Gedanken und Einstellungen, die man zum Stillen hat. Diese werden unter anderem beeinflusst von den ganzen Geschichten, die wir in Familie und Freundeskreis erzählt bekommen, wenn das Thema zur Sprache kommt. Ob es die eigene Mutter ist, die bei jeder Gelegenheit betont, dass sie ja nur kurz gestillt habe, weil sie zu wenig Milch hatte oder die Tante, die zustimmt und vermutet, dass das sicher in der Familie läge oder die Freundin, die immer plastischer ihre Probleme mit wunden Brustwarzen schildert. Selbst wenn man es schafft, diese „Horrorstorys“ zunächst beiseite zu schieben, so kommen sie oft als Zweifel zurück. Woher kommen diese „Horrorstorys“? Nachdem man als Schwangere diese Erfahrungsberichte aus Familie und Freundeskreis lange genug mit angehört hat, fragt man sich irgendwann „Haben die vielleicht doch recht?“, oder man gewinnt den Eindruck „Stillen scheint ganz schön schwierig zu sein“, denn diese Geschichten müssen ja einen Ursprung haben. Haben sie auch. Die Generationen der heutigen Großmütter beispielsweise haben

ihre Kinder in recht stillfeindlichen Zeiten bekommen. Die Großmütter, welche in den 70er Jahren entbunden haben, taten dies nicht nur in sehr altmodisch organisierten Krankenhäusern, welche rigide Zeitabläufe und die Trennung von Mutter und Baby vorsahen. Zusätzlich wurden sie von den massiven Anzeigekampagnen der Babynahrungsmittelindustrie und dem daraus entstehenden Trend zur künstlichen Nahrung beeinflusst. Durch diese Randbedingungen wurde ihnen der Stillerfolg sehr schwer gemacht. Die Großmütter, die in den 80er Jahren Kinder bekamen, hatten außerdem, z.B. vor dem Hintergrund des Dioxinskandals, Angst vor Schadstoffen in der Muttermilch und waren aus diesem Grund schneller bereit künstliche Babymilch zu füttern. Da ist es also nicht verwunderlich, wenn viele der heutigen Großmütter damals rasch und entmutigt aufgaben mit ihren Stillversuchen und deshalb nicht so recht an erfolgreiches Stillen glauben. Zusätzlich ist meine Erfahrung aus über 20 Jahren Stillberatung und Müttergruppen, dass in den Erzählungen von Müttern an andere (werdende) Mütter über Geburten oder Stillzeit oft jeweils die Extreme betont werden. Man hört also entweder Geschichten, bei denen alles super problemlos und rosarot geschildert wird oder eben das negative Gegenteil, die ganz normalen Verläufe bleiben dabei außen vor. Bei einer „Horrorgeschichte“ weiß man zusätzlich nie, wie genau die Voraussetzungen waren und schon deshalb kann man sie nicht 1 zu 1 auf sich selbst übertragen.

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5 TIPPS

FÜR EINEN ENTSPANNTEN STILLSTART

1 Eine entspannte und zuversichtliche Grundeinstellung als beste Voraussetzung für einen erfolgreichen Stillstart

Offenheit für das „Erlebnis Baby“ macht entspannt! Wenn man zu viele festgezurrte Vorstellungen davon hat, wie es sein wird mit dem Baby, dann kann man manche Momente nicht so genießen, wie diese es verdient hätten. Nur weil sie eben unerwartet gekommen sind oder nicht genau so passiert sind wie man es sich vorher ausgemalt hatte. Geburtshilfe, das Leben mit Neugeborenen, Stillen, Kinder allgemein sind nur begrenzt „planbar“ oder vorhersehbar, und das bleibt auch in den nächsten Jahren so. Einer der Schlüssel für eine entspannte Babyzeit ist also, diese „Unplanbarkeit“ anzunehmen und das „Erlebnis Baby“ zu genießen wie es ist.

2 Gute Information beruhigt und gibt Sicherheit Oft mache ich die Erfahrung, dass werdende Mütter sich vor allem über die Geburt als solche informieren und weniger über die Zeit danach. Fundierte Information auch über das Wochenbett und den Stillstart ist wichtig und beruhigt. Halbwissen von Verwandten, unsortierte und widersprüchliche Infos aus Internetforen und Broschüren von Babynahrungsherstellern verwirren und verunsichern mehr als dass sie helfen. Gute Ratgeber, wenn es um Informationen zum Stillen und auch zu Büchern oder Kursen zum Thema geht, sind ausgewiesene Fachleute wie z.B. Hebammen und Still- & Laktationsberaterinnen IBCLC. Entweder bieten sie selbst Kurse an oder sie können Tipps geben, welche Kurse oder Bücher empfehlenswert und hilfreich sind. Welche Art der Information am besten ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Die eine werdende Mutter fragt der Stillberaterin lieber in einem Kurs persönlich Löcher in den Bauch, die andere stöbert lieber gemütlich für sich durch ein gutes Still- oder Babybuch. Neu zur Auswahl stehen inzwischen auch Onlineangebote wie Onlinekurse, Homepages oder Youtube-Kanäle. Aber auch hier gelten die gleichen Regeln, am besten sollten diese Angebote von einer neutralen und vertrauenswürdigen Quelle wie einer Hebamme oder einer Still- und Laktationsberaterin kommen.

3 Ein Netzwerk gibt Rückhalt Eine Nachsorgehebamme zu haben, ist eine unschätzbare Hilfe gerade in den ersten Tagen Zuhause. Da die Versorgungssituation je nach Region recht angespannt sein kann, sollte man

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sehr früh anfangen Kontakt aufzunehmen und eine Hebamme zu suchen. Zusätzlich tut es einfach gut, Gleichgesinnte zu haben, mit denen man sich immer wieder treffen und austauschen kann. In einer Still- oder Krabbelgruppe beispielsweise kann man solche Kontakte knüpfen. Zusätzlich hilfreich: Diese Gruppen werden meist von einer Stillberaterin oder erfahrenen Stillmutter geleitet, die offene Fragen beantworten kann. Tipp: Zu einem Stillgruppentreffen kann man ruhig auch bereits in der Schwangerschaft einmal gehen, gerade wenn einem ganz viele Fragen im Kopf herumschwirren.

4 Es gibt nicht „den einen richtigen Weg“ Stillen ist bunt! Manchmal gibt es Umwege bis man ans gewünschte Stillziel kommt und jedes Stillpaar hat seinen eigenen Weg dorthin. Jeder Tropfen zählt. Zunächst ist es wichtig, dass einem klar ist, dass sich jedes Stillpaar erst einmal zusammen einspielen muss. Mutter und Baby brauchen ein wenig Zeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Und ja, es kann auch die ein oder andere Herausforderung geben. Wichtig hierbei ist, sich rasch kompetente Hilfe zu holen. Viele Stillprobleme lassen sich durch gute Unterstützung von Hebamme oder Stillberaterin von Anfang an vermeiden oder aber bald in den Griff bekommen. Und durchhalten lohnt sich!

5 Ein stillunterstützendes Umfeld im Wochenbett hilft beim Start Für einen guten Stillstart ist es förderlich, wenn die Randbedingungen während und direkt nach der Geburt Mutter und Baby viel Nähe ermöglichen und ein entspanntes stillfreundliches Umfeld bieten. Das macht den Kopf frei. Am besten ist es, wenn beide rund um die Uhr zusammen sein können und frühzeitiges Stillen nach Bedarf möglich ist. Wenn man in einer Klinik entbinden möchte, kann man sich nach den dortigen Regeln auf einer Kreißsaalführung oder einem Informationsabend erkundigen. Bei Krankenhäusern, welche mit der „Babyfreundlich“ Plakette der WHO ausgezeichnet sind, sind die genannten Voraussetzungen automatisch gegeben. Aber auch andere Krankenhäuser bieten 24-Stunden-Roomin-In, Stillen nach Bedarf, gute Beratung durch geschultes Personal etc. an. Nachfragen, vergleichen und informieren lohnt sich. Wenn man ambulant oder Zuhause entbindet, hat man diese Dinge natürlich selbst in der Hand. Egal wann es nach Hause geht, sollte man es aber auf jeden Fall vermeiden, in diesen innigen ersten Stunden, Tagen und Wochen von zu viel Besuch „überrannt“ zu werden. Es ist zwar schön, wenn sich viele Freunde und Verwandte mit den Eltern freuen und das Baby begrüßen möchten, aber es bedeutet auch immer Stress (vielleicht positiven Stress, aber dennoch Stress) und Ablenkung.

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Kolostrum

der Zaubertrank aus Mamas Brust CHRISTINA LAW-MCLEAN


Wenn man frischgebackene Mütter beim ersten Anlegen begleitet, so bekommt man nicht selten einen zweifelnden Blick zugeworfen und die Mutter sagt: „Aber da ist doch noch gar nichts!“ Etwas unglaublich Wertvolles „Im Gegenteil!“, ist dann meist meine Antwort. „Natürlich ist da schon etwas, sogar etwas sehr wertvolles und das auch noch in genau der richtigen Menge!“ Während der Schwangerschaft fahren die Hormone nicht nur wegen des heranwachsenden Babys manchmal Achterbahn. Der Körper jeder Schwangeren bereitet sich, sozusagen nebenher, auch auf die Zeit nach der Geburt vor, in der das Baby Muttermilch braucht. Unter anderem das milchbildende Hormon Prolaktin steigt bereits in der Schwangerschaft stark an, wird aber noch durch ein anderes Hormon, welches von der Plazenta gebildet wird, sozusagen „in Schach“ gehalten. Sobald die Plazenta geboren wurde, stellt der mütterliche Körper alle Zeichen auf „Milchbildung“. In der Brust bildet sich aber auch in der Schwangerschaft bereits die Neugeborenenmilch, das sogenannte Kolostrum. Genau das Richtige, zur richtigen Zeit, in der richtigen Menge Dass das Kolostrum bereits in der Schwangerschaft gebildet wird, können manche Frauen daran merken, dass ab und an ein Tropfen gelblicher Milch im BH zu sehen ist. Wenn das Neugeborene also in den ersten Stunden und Tagen an Mamas Brust trinkt, so steht diese erste Mahlzeit nicht nur bereit, sondern ist in idealer Weise auf das Baby abgestimmt - in Menge wie auch in der Zusammensetzung. Kolostrum ist reich an Immunglobulinen, welche das noch untrainierte Immunsystem des Neugeborenen unterstützen. Der kindliche Darm wird

durch das Kolostrum optimal mit förderlichen Bakterien „besiedelt“ und erhält Hilfe bei der weiteren Reifung. Es wirkt außerdem anregend auf die Darmtätigkeit des Neugeborenen und erleichtert die Ausscheidung des ersten Stuhlgangs, des sogenannten Mekoniums (wegen der tiefgrünen fast schwarzen Farbe auch Kindspech genannt). Zusätzlich ist die Zusammensetzung leicht verdaulich, der Eiweißgehalt ist höher als in „reifer“ Muttermilch, Fett und Kohlehydrate sind im Vergleich zu reifer Muttermilch anteilsweise weniger. Habe ich wirklich genug Milch? Gerade den Fakt, dass bereits bei den ersten Anlegeversuchen genügend Neugeborenenmilch in der Brust ist, zweifeln leider viele Frauen an. Die Vorstellungen davon wieviel ein Neugeborenes in den ersten Stunden trinkt sind meist überzogen. Der Magen eines wenige Stunden alten Babys ist nicht größer als eine Kirsche. Entsprechend ist die Trinkmenge am ersten Tag pro Mahlzeit durchschnittlich etwa 7ml (variiert zwischen 2-14ml). Da das Kolostrum wie beschrieben sehr leicht verdaulich ist und Magen und Darm recht rasch passiert, ist es gut, wenn ein Neugeborenes häufige kleine Mahlzeiten zu sich nimmt. Das ist für dessen Verdauungssystem gut und regt gleichzeitig die Milchproduktion der Mutter wunderbar an. Mitverantwortlich für die Befürchtung mancher Mütter, in den ersten Tagen nicht genug Milch für ihr Baby zu haben ist bestimmt auch der Begriff „Milcheinschuss“ für die anfängliche Schwellung des milchbildenden Gewebes, welche so etwa ab dem 3. Tag nach der Geburt zum Tragen kommt. Dieser sehr missverständliche Begriff suggeriert, dass zu diesem Zeitpunkt plötzlich Milch da ist, die vorher nicht da war. Die deutlich merkbare Schwellung kommt aber in Wahrheit nicht ausschließlich von der sich nach

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und nach in der Menge steigernden Muttermilch. Der andere Teil der Schwellung kommt z.B. durch die gesteigerte Durchblutung und angestaute Lymphflüssigkeit. Der Übergang zwischen der goldgelben manchmal etwas dickflüssigen Neugeborenenmilch dem Kolostrum zur „reifen Muttermilch“ ist fließend und erfolgt nach und nach. Wenn das Baby nach Bedarf stillen darf, d.h. es darf trinken wann es möchte und so lange es möchte, so steigert sich die Milchmenge der Mutter quasi gleichzeitig mit der Erhöhung der Kapazität des Babymagens. Und was ist, wenn mein Baby in den ersten Stunden noch gar nicht trinken mag? Manche Babys sind in den ersten Stunden noch etwas mitgenommen und scheinen noch gar nicht an die Brust zu wollen, weder früh noch häufig. In diesen Fällen hilft zum einen ausgiebiger Hautkontakt, also Hautauf-Haut kuscheln auf dem Oberkörper der Mutter. So können sich diese Babys durch den einmaligen „Mamaduft“ sozusagen Appetit holen. Auf der anderen Seite verpasst man so die zarten Hungerzeichen nicht, falls das Baby doch trinken möchte. Zusätzlich kann die Mutter dem Baby auf die Sprünge helfen, indem sie immer wieder ein paar Tropfen Kolostrum von Hand ausstreicht bzw. „ausdrückt“. Das Baby kann diese wertvollen Tropfen entweder direkt von der Brustwarze schlecken oder die Tropfen können auf einem Löffel gesammelt werden und können dem Baby vom Löffel gegeben werden. Davon profitieren Baby und Mama: Das Baby erhält trotz Schläfrigkeit Kolostrum und durch das gewinnen der Neugeborenenmilch von Hand wird auch die Brust der Mutter stimuliert. Wichtig auch in Ausnahmesituationen Da man inzwischen weiß, wie wichtig und wertvoll diese ersten Tropfen Muttermilch sind, versucht man Mütter zunehmend

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auch in Ausnahmesituationen zu unterstützen, ihrem Baby Kolostrum geben zu können. Zum Beispiel in der Betreuung von Frühgeborenen werden inzwischen auch die ersten Muttermilchmahlzeiten quasi als eine Art Medikament wertgeschätzt. Hier zählt tatsächlich jeder Tropfen und kann helfen, Frühchen vor Infektionen und gefährlichen Darmkomplikationen zu bewahren. Aber auch wenn die Mutter einen Schwangerschaftsdiabetes hat und das Neugeborene deshalb nach der Geburt regelmäßige Blutzuckerkontrollen bekommt und einem sogenannten „Frühfütterungsschema“ gefolgt wird, ist es in einigen Kliniken inzwischen möglich, bereits vor der Geburt Kolostrum zu sammeln, damit das Baby im Falle einer notwendigen Zufütterung die Neugeborenenmilch seiner Mutter bekommt. Und selbst wenn eine Mutter sich bereits in der Schwangerschaft dazu entschließt, gar nicht stillen zu wollen und plant mit einem Medikament abzustillen, wird diesen Müttern, wenn sie dies wünschen, trotz des Abstillwunschs die Möglichkeit gegeben, ihren Babys eine Kolostrum-Mahlzeit zu geben. Diese kann dann wie eine Art „Schluckimpfung“ trotz Abstillens immerhin die positive Besiedlung des kindlichen Darms gewährleisten. Fragen? Beratung tut in jedem Fall gut! Nicht nur in den letztgenannten Situationen macht es Sinn, sich von einer Stillberaterin ausführlich beraten zu lassen. Manche bieten - wie ich - hierzu vorbereitende Kurse oder auch ortsunabhängig Onlinekurse an. Manchmal ist aber auch ein persönliches Gespräch mit Stillberaterin oder Hebamme zu diesen Fragen eine große Hilfe. Gerade wenn es darum geht, dem eigenen Körper zu vertrauen, dass er bestens darauf vorbereitet ist, das Baby mit wertvollem Kolostrum zu versorgen.


Das Neugeborene braucht nur drei Dinge:

Wärme in den Armen seiner Mutter, Nahrung aus ihrer Brust und Geborgenheit durch die Sicherheit ihrer Nähe. All dies bekommt es durch das Stillen. Dr. Grantly Dick-Read

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Die goldene Stillhypnose TATJE BARTIG-PRANG


Hypnose ist ein sehr mächtiges Tool, um durch eine Kombination aus tiefer Entspannung und positiven inneren Bildern direkten Einfluss auf Körperfunktionen zu nehmen, die sich im normalen Leben meist unserer bewussten Kontrolle entziehen. Besonders für den Stillstart habe ich als Stillberaterin und Hypnotiseurin in meiner Praxis ganz wunderbare Ergebnisse mit hypnotischen Entspannungsübungen und Mentaltechniken erzielen können. Man sagt nicht umsonst: „Stillen beginnt im Kopf.“ Klingt einfach, kann manchmal aber über alle Maßen schwer sein! Da begleiten uns Aussagen aus der eigenen Familie wie: „Bei uns hatte nie jemand genug Milch.“ Oder eine schwere Geburt macht uns den Stillstart schwierig, beeinflusst vielleicht sogar Milcheinschuss und Milchfluss. Vielleicht sind wir schlecht beraten worden, sodass unser Baby früh unnötigerweise mit künstlichen Saugern oder Säuglingsersatznahrung in Kontakt gekommen ist. Vielleicht gab es aber auch einen besonderen gesundheitlichen Umstand, der Zufüttern oder andere Interventionen unumgänglich machte. Oder das kleine Baby spürte eventuell die Nervosität der Mutter, den Zweifel. Oder umgekehrt, den zu verkrampften Willen „alles richtig, alles perfekt“ zu machen. Aber auch Mütter, die aus verschiedenen Gründen auf eine Milchpumpe angewiesen sind, profitieren von einer sanften hypnotischen

Stillentspannung, die auch das Abpumpen erleichtern kann. Und nicht zuletzt bietet die Goldenen Stillentspannung eine wunderschöne Auszeit für „alte Stillhäsinnen“, die sich mit einer duftenden Tasse Tee und ihrem neugeborenen Wunder im Arm einfach einige Minuten Zeit für sich nehmen möchten. Auch in der Schwangerschaft kannst du dich mit dem Hypnoseskript herrlich entspannt auf euren Stillstart vorbereiten. Es gibt also kaum eine (Still-)Situation, in der die Goldenen Stillentspannung nicht genutzt werden könnte. Die Anmerkungen in eckigen Klammern machen es dir sogar in Eigenregie ohne Hypnoseausbildung möglich, das Skript für deine individuellen Bedürfnisse passend zu machen. Nutze zum Beispiel nur die von den mit dem Herzsymbol ❤ versehenen Kraftsätze, die wirklich zu deinem Herzen singen: Die für dich passen, die dich ansprechen, die dir weiterhelfen. Oder ersetze sie sogar durch eigene! Du kannst sogar die mit einem Sternsymbol ★ markierten Teile einfach weglassen, um das Skript zu kürzen, wenn du z. B. wenig Zeit hast. Das Hypnoseskript kannst du selbst über die Diktierfunktion in dein Handy sprechen oder es dir von einem lieben Menschen vorlesen lassen. Manchen Frauen mögen es sogar, nur darin zu lesen. So wie du es magst, ist es ganz genau richtig!

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Skript: Die goldene Stillentspannung EINLEITUNG

[Dieser Teil des Skripts hilft dir dabei, in eine erste sanfte Entspannung hineinzufinden.] Ich möchte dich einladen, dich einfach zurück zu lehnen, zu entspannen, dich immer mehr und mehr fallen zu lassen. Und schließlich in eine angenehme und immer tiefere Entspannung zu gleiten. Du findest nun bald deinen besonderen Ort der Entspannung. An einen Ort, wo das Stillen leicht und angenehm ist. Entspannt und einfach. Du machst es dir gemütlich. Du freust dich darauf, wie angenehm es sich anfühlen wird, ganz entspannt und locker zu werden. Nimm nun einmal einen tiefen Atemzug, halte ihn, lass deinen Atem langsam wieder entweichen. Während du ausatmest, lässt du auch die Anspannung deines Alltags ziehen. Und während du immer tiefer in deinen Stuhl sinkst oder in die Oberfläche, auf der du ruhst, kannst du dir nun vorstellen, wie deine Augenlider aufeinander zu liegen kommen, das obere Lid sinkt auf das untere - ganz schwer, ganz entspannt; und du spürst, wie du langsam, aber immer sicherer in einen schönen und auch immer tieferen Entspannungszustand driftest.

★ VERTIEFUNG [Dieser Teil des Skripts vertieft die Entspannung noch einmal vielleicht brauchst du ihn nach einiger Übung nicht mehr.] Während du nun immer tiefer entspannst, begegnest du derselben sanften Entspannung, die durch deinen Körper fließt, von oben nach unten fließt, und immer intensiver wird. Sie fließt von deinem Kopf, deinem Haaransatz über dein Gesicht, deine Wangen, deinen Hals hinunter bis in deine Schultern. Und du spürst wie deine Schultern sich entspannen, sie sinken hinab, sinken entspannt hinab und die Entspannung fließt weiter durch deinen Körper. Und während du nun immer tiefer entspannst, bemerkst du, wie diese sanfte Entspannung in deinem Körper aufsteigt, ganz unten beginnend, langsam von unten nach oben, bis du immer entspannter bist.

★ UMGEBUNGSHARMONIE [Dieser Teil des Skripts hilft dir besonders dabei, jegliche äußeren Einflüsse positiv in deine Hypnosereise zu integrieren] Und ab jetzt nimmst du jeden Ton, jedes Geräusch, alles, was deine Ohren erreicht - leise oder lauter - sogar dein eigenes weiches Atmen nur noch als Wegweiser war; als Wegweiser in eine immer tiefere und tiefer Entspannung. Die Geräusche leiten dich weiter und weiter nach unten. Weiter nach unten in diese wundervolle Entspannung, die du jetzt erreichst.

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DAS GOLDENE KRAFTFELD

[Dieser Teil des Skripts ermöglicht es dir, dein persönliches Kraftfeld zu visualisieren. Die hypnotische Entspannung ermöglicht es dir, deinen Körper durch innere Bilder zu steuern.] Du fühlst die tiefe Entspannung überall in deinem Körper - sie wiegt dich sanft und sicher in ein wunderbar angenehmes Wohlgefühl. Und vielleicht spürst du, wie dieses Wohlgefühl beginnt, sich besonders im Bereich deines Oberkörpers, deiner Brüste zu sammeln, sich auszudehnen, ein goldenes Kraftfeld um dich und dein Baby herum, zu erschaffen. Glänzend, strahlend, weich und golden. Um dich herum. Ein golden schimmerndes Kraftfeld. Nur für dich und dein Baby. Und innerhalb dieses Feldes ist völlige Entspannung, Sicherheit, Wohlfühlen. Alles dort kann genauso sein, wie du es möchtest, Genauso, wie du es dir wünschst. Der Schimmer deines Kraftfelds breitet sich aus, immer weiter aus, bis in jeden Winkel, wo du es brauchst, wo es seine entspannende, heilende, belebende oder jede andere Wirkung entfalten darf, die gerade perfekt ist für dich ist, perfekt für dein Baby. Perfekt für euren gemeinsamen Stillerfolg. Und dieser Schimmer, du nimmst ihn immer intensiver wahr. Er wird durch eine wundervolle, unerschöpfliche Quelle in deinem tiefsten Inneren gespeist. Ein warme, belebende und unendlich entspannende Quelle reinen Lichts. Golden schimmernd oder strahlend oder wandelbar in jede Farbe, die du dir wünschst. Du bist Herrin über deine Gedanken. Deine Gedanken beherrschen deinen Körper. Dein Körper nährt dein Baby perfekt. Dein Körper nährt dein Baby mühelos. Lade das Licht, das tief in dir wohnt, ein, in dir zu scheinen. Erlaube dir im warmen, entspannenden Schein deines Lichtes zu leuchten. Genieße dein Kraftfeld und die wunderbaren Gefühle der Sicherheit, der Entspannung und des Wohlfühlens, die es dir bringt. Über dein Kraftfeld kannst du die Entspannung und das Vertrauen, die dir ein müheloses Stillen, ein erfolgreiches Stillen garantieren, in jede Faser deines Körpers ziehen lassen. In jeden Winkel deiner Seele, in jeden deiner Herzschläge. Erlaube deinem Kraftfeld die Meisterin über alle negativen Gefühle, die Abwehr aller ungewollten Gedanken, aller negativer Energien zu sein. Und vielleicht bemerkst du nun, wie du Gefühle und Gedanken auf eine neue Art und Weise wahrnehmen kannst. Und vielleicht beginnst du auch festzustellen, wie du über deine Wahrnehmung bestimmen kannst, bestimmen kannst, wie du fühlst. Wie du denkst. Was da ist.

★ ELIMINATION [Falls du Probleme mit Negativität hast, schlechten Gedanken, Gefühlen oder Erinnerungen, hilft dir dieser Teil des Skripts, dieser Negativität ziehen zu lassen und durch positive Dinge zu ersetzen.] Und irgendwann, vielleicht gleich, vielleicht nie, kann es sein, dass du Dinge wahrnimmst, die anders sind, als die, die du spüren willst. Und ich frage mich, ob du dir vor deinem inneren Auge, in deiner Fantasie vorstellen kannst, wie diese Dinge einfach von der dir wegsinken,

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hinab nach unten durch deinen Körper nach unten, weiter nach unten in deine Füße, bis sie einfach in den Boden sinken, weiter nach unten, nach unten in die Erde und sich schließlich einfach in dieser Erde auflösen, tief in der Erde, wo sie umgewandelt werden und gute und wunderschöne und positive Gefühle, Gedanken und Erfahrungen. Du stillst bequem. Du stillst entspannt. Du stillst einfach. Stell dir vor, wie alle Gedanken, alle Gefühle, alles, was wirklich gut für dich ist, zu dir kommen. Dein goldenes Kraftfeld zieht sie einfach magisch an. Dein goldenes Kraftfeld weiß genau, welche Gedanken und Gefühle, welche inneren Bilder hilfreich für dich und dein Baby sind. Das Feld wählt genau die aus, die euren Stillerfolg tragen. Denn dieses Feld ist euer ganz persönlicher Bereich, der Bereich über den du die völlige Kontrolle hast. Kontrolle darüber, was du fühlen und was du denken möchtest.

Kraftsätze

[Diese Sätze kannst du innerhalb dieses Skripts nutzen oder auch alleinstehend. Wichtig ist erst einmal nur, dass du dir die Kraftsätze aussuchen kannst, wie sie dir gefallen!] ❤ Meine Milch fließt leicht. Meine Milch fließt reichlich. ❤ Mein Körper macht genau die richtige Menge Milch für mein Baby. ❤ Ich spüre wie unzählige winzige Milchbläschen sich jedes Mal schneller füllen. ❤ Ich und mein Baby. Mein Baby und ich. Wir sind ein Team. ❤ Meine Brust ist perfekt dazu geschaffen, mein Baby zu stillen. ❤ Mein Baby wächst mit meiner Milch und meiner Liebe.

★ VERSTÄRKUNG & ABSCHLUSS [Dieser Skriptteil hilft dir dabei, die Hypnose abzuschließen.] Du fühlst nun, dass du die Quelle einer wundervollen und erfüllenden Stillzeit tief in dir trägst. Und diese Erkenntnis bringt dir eine tiefe Entspannung, die weit über diese Hypnose hinausreicht. Immer wenn du dich an dein Goldenes Kraftfeld erinnerst, wirst du wieder dieses Gefühl von tiefer Entspannung fühlen, wie der goldene Schimmer dich und dein Baby umhüllt. Und du wirst wieder fühlen, dass du alles mitbringst, um perfekt für dein Baby zu sorgen. Dass du jederzeit die beste Hilfe für dich und dein Baby geben oder finden kannst. Weil du weißt, dass nur du allein deine Gedanken und Gefühle kontrollierst. Ich lade dich nun ein, wieder in die Zeit und an den Ort zurückzukehren, von dem du zu unserer kleinen Stillentspannung aufgebrochen bist. Du wirst dir deiner Umgebung wieder voll bewusst, bist aber immer noch sehr, sehr tief entspannt.

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AUSLEITUNG

[Dieser Skriptteil hilft dir dabei, endgültig wieder in dein Alltagsbewusstsein zurückzukehren.] Während ich nun von fünf an rückwärts zähle, tauchst du langsam und angenehm aus deiner hypnotischen Entspannung auf und wieder in deine Alltagswelt ein: Viel erfrischter und entspannter, als du es vorher gewesen bist! Fünf - Du beginnst langsam wieder in deine Alltagswelt einzutauchen, immer mehr und mehr. Du fühlst die Temperatur der Luft auf deinem Gesicht und die Umgebungsgeräusche gewinnen wieder an Bedeutung. Vier - Du bist nun fast schon ganz aufgetaucht und bringst dein wundervolles Entspannungsgeschenk mit in deinen Alltag. Drei - den goldenen Schimmer des Vertrauens, der Entspannung und der guten Gefühle. Zwei - Bewege nun mehrmals kräftig deine Hände, bewege schnell deine Füße! Eins - Nun bist du wieder zurück in deinem Alltag, erfrischt, hell wach und sehr entspannt: Öffne deine Augen!

Hinweise zur SICHEREN Entspannung: Falls du dein Baby während der Entspannung stillst oder auf dem Schoß hast, solltest du liegen oder weit nach hinten gelehnt sitzen, sodass du auf gar keinen Fall vornüberkippen oder zusammensinken kannst, falls du während der Hypnose einschläfst – diese Positionen sind ohnehin sehr geeignet für einen entsapnnten Stillstart und ermöglichen sogenanntes „Intuitives Stillen“ bzw. „Breast-Crawl“/„baby-geleitetes Anlegen“. Solltest du gesundheitliche Probleme haben, stimme dich im Zweifel immer mit deinem Arzt oder deiner Hebamme ab; das gilt besonders, wenn du unter einer psychischen Erkrankung, unter einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder unter einer Form von Epilepsie leidest. Die Goldene Stillentspannung ersetzt keine Stillberatung, sondern wirkt unterstützend. Falls du Stillprobleme hast, wende dich bitte an eine gute Stillberaterin. Du findest professionelle Stillberaterinnen, die zertifiziert und aktuell weitergebildet sind, z.B. hier: http:// www.bdlstillen.de/stillberatungsuche.html (IBCLC) oder hier http://www.ausbildung-stillbegleitung.de/BegleiterInnenListe.html (DAIS) oder ehrenamtlich arbeitende Stillberaterinnen hier http://www.afsstillen.de/afs-vor-ort/stillberatung.html (AFS) oder hier http:// www.lalecheliga.de/stillberatung/lllstillberaterinnen (LLL)

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Tragen ist Liebe in Bewegung Fast 10 Monate Tragling-Dasein im Bauch, somit hat ein Baby das Getragenwerden noch im Blut. Wieso nach der Geburt damit aufhören? Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen auch heute noch!

ALINE

(Alle Bilder dieses Artikels wurden von Aline zur Verfügung gestellt.)

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Der menschliche Säugling: Biologisch ein Tragling Der Mensch ist genetisch als sogenannter aktiver Tragling programmiert. Affenmütter wie OrangUtans und Schimpansen tragen ihre Kinder drei bis vier Jahre lang mit sich herum. Getragen werden sorgt dafür, dass Babys weniger schreien und strampeln und die Herzschlagfrequenz sinkt. Tragen bietet Sicherheit und Schutz, ein sehr wichtiges Grundbedürfnis für alle Lebewesen. Etwas ursprüngliches und unbewusstes, ist in jedem noch so modernen Menschen geblieben. Das Bewegen oder Schaukeln eines unruhigen, oder sogar schreienden Babys. Wir nehmen unbewusst wahr, dass Bewegung unsere Babys beruhigt. Dazu noch der enge Körperkontakt und der Geruch eines vertrauten Menschen. Die perfekte Kombination. Die Traglingsnatur des menschlichen Säuglings Liegt ein junger Säugling entspannt auf dem Rücken, so winkelt er gern die Beine (im Hüftgelenk) an und spreizt sie mehr oder weniger auseinander. Dabei läßt sich erkennen: Das Hüftgelenk, das Kniegelenk, das Fußgelenk und eine deutliche Innenbiegung des Unterschenkels sind gerade so beschaffen, dass die Fußsohlen eher einander zugekehrt als - wie später beim Stehen - vom Körper weggerichtet sind; der Säugling „könnte in die Füße klatschen“. Der Säugling nimmt damit mit seinen Beinen bevorzugt gerade die Haltung ein, die im letzten Absatz des vorangegangenen Abschnitts (A) als typisch für solche Traglingsjunge beschrieben wurde, die sich mit Händen und Füßen am Körper der Mutter anklammern. Die beschriebene, bei entspannter Rückenlage gern vom Säugling gewählte Beinhaltung entspricht zugleich etwa derjenigen, die er einnimmt, wenn ihn ein Erwachsener auf der Hüfte trägt. Vielleicht ist diese Trageweise für den Säugling - nachdem der Mensch den aufrechten Gang erworben hatte - biologisch sogar die ursprüngliche, an die er anatomisch am besten angepaßt ist (BÜSCHELBERGER 1964, 1976).

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Wie füreinander gemacht? Die gesündeste Art zu tragen, ist auf dem Rücken. Um die eigene Wirbelsäule und Muskulatur langsam an das Tragen zu gewöhnen, sollte man früh damit beginnen. Das Wachstum, somit das steigende Gewicht des Babys, stärkt auch nach und nach die Muskulatur und Wirbelsäule des Trägers. Womit tragen? Um herauszufinden, welche Art der Trage und welche Trageweise am besten zu einem passt, bietet sich eine Trageberatung an. Trageberater haben für gewöhnlich ein großes Sortiment an Tragehilfen und Tüchern, die man ausprobieren kann, ohne sie kaufen zu müssen. Denn Tuch ist nicht gleich Tuch und Tragehilfe ist nicht gleich Tragehilfe. Der Markt ist inzwischen sehr umfangreich und jede Trage oder Tuch bietet seinem Träger anderen Komfort. Gut investiertes Geld, wenn man sich vor Fehlkäufen bewahren möchte. Bei Wind und Wetter. Auf Wald und Wiese. Tragen ist einfach die praktischste Art und Weise sich mit seinen Kindern fortzubewegen. Bis zu welchem Alter getragen wird, ist nicht vorgeschrieben. Open end! Wie auch eine Stillbeziehung ist auch die Zeit des Tragens eine Beziehung, die sich für beide richtig anfühlen soll, denn Tragen macht Spaß!

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Du hast

eine Botschaft

und möchtest gern in einer der kommenden Ausgaben einen Artikel veröffentlichen? Oder du hast

eine schöne Geburt erlebt

und möchtest gern werdende Mütter an deiner Geburtserfahrung teilhaben lassen? Ich freue mich auf deine Email: patricia@thebirthjourney.de

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Verlagsleitung (V.i.S.d.P) Patricia Bargenda KONTAKT Dorfstrasse 1 19357 Dambeck patricia@thebirthjourney.de www.thebirthjourney.de

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The Birth Journey - Sonderausgabe  

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