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SPIELZEIT 2020/21

NORA


Premiere in Greifswald, Großes Haus, am 13. September 2020 Premiere in Stralsund, Großes Haus, am 3. Oktober 2020 Aufführungsdauer: 1

Stunde und 30 Minuten, keine Pause

Regiefassung von Reinhard Göber für das Theater Vorpommern nach der Übersetzung von Paul Schlenther und Julius Elias

Ausstattungsleiterin: EVA HUMBURG / Technischer Direktor: CHRISTOF SCHAAF / Beleuchtungseinrichtung: ROLAND KIENOW / Bühnentechnische Einrichtung: JENSUWE GUT / Toneinrichtung: NILS BARGFLETH, ILJA WILL / Leitung Bühnentechnik: ROBERT NICOLAUS, MICHAEL SCHMIDT / Leitung Beleuchtung: KIRSTEN HEITMANN / Leitung Ton: DANIEL KELM / Leitung Requisite: ALEXANDER BAKI-JEWITSCH, CHRISTIAN PORM / Bühne & Werkstätten: Produktionsleiterin: EVA HUMBURG / Tischlerei: STEFAN SCHALDACH, BERND DAHLMANN / Schlosserei: MICHAEL TREICHEL, INGOLF BURMEISTER / Malsaal: ULRICH DIEZMANN (Leiter), ANJA MIRANOWITSCH (Stv.), SVEN GREINER / Dekoration: MARY KULIKOWSKI, FRANK METZNER / Kostüm & Werkstätten: Leiter der Kostümabteilung: PETER PLASCHEK / Ausstattungsassistentin und Ausbilderin: CAROLIN WENDORFF / Gewandmeister: RAMONA JAHL, ANNEGRET PÄSSLER, ANDREA SCHÜTTE / Modisterei: ELKE KRICHELDORF / Kostümfundus: ANGELIKA BIRGHAN / Ankleiderinnen: UTE SCHRÖDER, PETRA WESTPHAL / Leiterin der Maskenabteilung: CAROLINA BARWITZKI, ISABELL AHN (Stv.)

Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die Universitätsund Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-Rügen.

Es wird gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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NORA

Schauspiel von Henrik Ibsen Inszenierung Reinhard Göber Bühne und Kostüme Stefan Heyne Dramaturgie Sascha Löschner Regieassistenz/Abendspielleitung Bénédicte Gourrin Inspizienz Kathleen Friedrich Soufflage Jürgen Meier, Bénédicte Gourrin Helmer Hubertus Brandt Nora Friederike Serr Dr. Rank Tobias Bode Frau Linde Maria Steurich Krogstad Mario Gremlich Emmy Stella Michel Göber

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Es wird darauf hingewiesen, dass Ton- und / oder Bildaufnahmen der Aufführung durch jede Art elektronischer Geräte strikt untersagt sind. Zuwiderhandlungen sind nach dem Urheberrechts­g esetz strafbar.


NORAS VORBILD „Ibsen empfing zur Nora entscheidende Impulse in München. Laura Kieler, das Urbild der Nora, hatte als 19-jähriges Mädchen ein Kampfgedicht gegen Brand verfasst und war auf diese Weise mit Ibsen bekannt geworden. Er nahm auch an ihrem Schicksal teil, als sie sich verheiratete mit dem pedantischen, kränklichen Victor Kieler. In München fiel Frau Suzannah Ibsen das Werk John Stuart Mills über die ‚untergeordnete Stellung der Frau‘ in die Hand, sie drang in Ibsen, er solle ein Schauspiel über dieses Thema schreiben. Ibsen nahm Laura Kieler mit ihrem Drang nach Selbstständigkeit, nach Unabhängigkeit zum Vorbild; das Stück gedieh aber nur langsam. Da kam Laura Kieler nach München zu Besuch auf der Durchreise und erzählte Suzannah Ibsen eingehend von den Schulden, die sie sich um ihres kranken Mannes Willen aufgeladen habe und welche Komplikationen draus entstanden seien. Dieser Besuch Laura Kielers in München war ausschlaggebend, nun kam ‚ein Zug‘ in das Stück [...] Ich bin Laura Kieler in Dänemark noch persönlich begegnet. Sie war eine alte Dame von 80 Jahren. Es wird außer mir in Deutschland kaum noch jemanden geben, der das Urbild der Nora gekannt hat.“

Sophie Rützow

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Der gesellschaftliche Modellierungsprozess im Sinne der abendländischen Zivilisation ist besonders schwierig. Er muss, um auch nur einigermaßen zu gelingen, entsprechend dem Aufbau der abendländischen Gesellschaft, eine besonders reiche Differenzierung, eine besonders intensive und stabile Regulierung des psychischen Apparats produzieren. Er nimmt daher im allgemeinen, und vor allem in den mittleren und oberen Schichten, mehr Zeit in Anspruch als der Modellierungsprozess in weniger differenzierten Gesellschaften. Der Widerstand gegen die Einpassung in den vorgegebenen Zivilisationsstandard, die Anspannung, die diese Einpassung, diese tiefgreifende Transformation des ganzen psychischen Apparats, den Einzelnen kostet, ist immer sehr beträchtlich. Und später als in weniger differenzierten Gesellschaften erlangt daher auch der Einzelne in der abendländischen Welt mit seiner Erwachsenenfunktion zugleich den psychischen Habitus eines Erwachsenen, dessen Hervortreten im großen und ganzen den Abschluss des individuellen Zivilisationsprozesses bezeichnet.

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Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation


EMANZIPATION ALS SKANDALON?

Der Regisseur Reinhard Göber über seine NORA

Nora im 21. Jahrhundert. Funktionieren Dramaturgie und Figurengestaltung Ibsens auch heute noch? Sind die Konflikte der Nora anwendbar auf heutige, hiesige Verhältnisse? Ibsen ist zeitlos, jedenfalls solange wir in einer bürgerlichen Gesellschaft leben. Die seziert und extemporiert Ibsen sehr spielerisch. Adorno sagte einmal: „Im Zustand der Familie reflektiert sich der Zustand einer Gesellschaft“. Nicht zuletzt deshalb ist Ibsen immer noch ein aktueller Seismograf für den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft, für ihre individuellen und sozialen Konflikte. Deshalb habe ich auch sehr gerne „Hedda Gabler“, „Volksfeind“ und „Nora“ hier inszeniert. Ibsen hat den Grundkonflikt der NORA gar nicht erfunden … Ibsen verdichtet authentisches Material mit einer speziellen theatralen Wirkungsästhetik, die dem psychologischen Realismus unterzuordnen ist. Beispiel „Nora“: Eine Freundin von Ibsen, die Schriftstellerin Laura Kieler, wird auf Betreiben ihres Mannes 1887 in ein Irrenhaus eingeliefert, weil sie eine Unterschrift gefälscht hatte, um ein Darlehen zurück zu zahlen. Daraus entsteht DAS Theaterstück zur Emanzipation der Frau, wobei Ibsen immer wieder darauf verwies, dass es ihm eher um die Emanzipation des Menschen geht.

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Nun hast du den Konflikt bei „Nora“ ins 21. Jahrhundert vorangetrieben? Im Prinzip bleibt die Original-Handlung, ich habe sie nur anders „eingefärbt“. Nora rettet Ihren alkoholsüchtigen Mann, der damals in einer Staatskanzlei arbeitet, mit einem heimlichen Darlehen eines Jugendfreundes von Helmer, um eine kostspielige Entziehungskur in Italien anzutreten. Dafür fälscht sie den Vertrag mit der Unterschrift ihres gerade verstorbenen Vaters. Dieses Darlehen arbeitet sie bei uns nun als Lifestyle Bloggerin ab. Dafür macht sie ihr Privatleben öffentlich, sie verkauft es. Als Helmer das erfährt und er um seine Reputation als angehender Bankdirektor fürchten muss, explodiert das Doppelleben von Nora und ihre Lebenslüge, die sie selbst aber lange als Lebensglück empfindet. Dich interessieren hierbei Grundprobleme heutiger Beziehungen. Wie lange hält die Liebe, halten familiäre Konstrukte? Heute wird jede dritte Ehe geschieden, im Schnitt innerhalb von 15 Jahren. Bei den Helmers reichten da 1879 schon acht Jahre, dann geht Nora, verlässt Mann und Kind. Und schon damals war es so; der gesellschaftliche Skandal war, dass sie als Mutter ihr Kind beim Ehemann lässt. Auf Grund der Kinderfrage gab es damals eine reumütige zweite finale Fassung von Ibsen, in der Nora in ihrer Familie bleibt. Theaterhistorisch verschwand diese Fassung aber schnell von den Bühnen. Marx klassifizierte schon im 19. Jahrhundert die Emanzipation mit seinem berühmten Satz; „Wir müssen uns selbst emanzipieren, ehe wir andere emanzipieren können“. Deshalb muss Nora sich so radikal trennen, sie muss herausfinden, wer sie ist und da ist man im Epizentrum auch der heutigen Selbstsuche, die natürlich auch narzisstische Züge trägt.

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Das Gespräch fand am 6.9.2020 im Theater Vorpommern statt. Die Fragen stellte Sascha Löschner.


Eine vernünftige Ehegestaltung

und Ehereform muss jedenfalls in gleicher Weise die Eheschließung und Eheführung wie die Ehetrennung und Ehescheidung ins Auge fassen, vor allem aber muss sie in allen diesen Punkten die Gleichberechtigung und Gleichstellung beider Geschlechter zum Ausgangspunkt und Mittelpunkt aller ihrer Bestrebungen nehmen. Mögen die Religionen, welche den Gedanken der Nächstenliebe an die Spitze ihrer Gebote setzen, noch so viele Erklärungs- und Entschuldigungsgründe für die Stellung anführen, die sie dem Weibe innerhalb der Ehe als „Untertanin“ des Mannes anwiesen — die unbestreitbare Tatsache, dass sie diese Erniedrigung des Weibes viele Jahrhunderte hindurch duldeten und guthießen, die gewohnheitsmäßige Selbstverständlichkeit, mit der die Frau in der Ehe vom Manne der Freiheit beraubt, als Spielzeug und Werkzeug, als Haustier und Lasttier gemissbraucht wurde, wird einst als unauslöschlicher Makel am Judentum, Christentum, Buddhismus und Mohammedanismus kleben bleiben. Magnus Hirschfeld: Geschlechtskunde

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Die Idee der „guten Mutti“ hat hierzulande eine lange und ambi-

valente Geschichte. Sie beginnt mit einem Konzept, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts alle Beziehungen zwischen Individuen prägte: die romantische Liebe. Seit die Familie als Keimzelle der Gesellschaft entdeckt und die Liebe zwischen Mutter und Kind „heilig“ ist, hat sich die Rolle der Frau als Mutter wesentlich verändert. Das Muttersein wurde von der simplen biologischen Funktion zu einer normativen Idee, die alle anderen Rollen der Frau überlagerte. Als Adolf Hitler in den 1930er-Jahren das „Mutterkreuz“ für den verdienten „Dienst am Deutschen Volk“ einführte, säte er auf bereits ideologisch fruchtbarem Boden. Das nationalsozialistische Frauenbild orientierte sich an der Ideologie der deutschnationalen oder alldeutschen Biedermänner, die über den „Emanzipationskoller der entarteten Weiber“ schimpften und die „Entmutterung der Frauen“ anprangerten. Diese „Berufung zur Mutter“ als prägendes Frauenbild hat in Deutschland und Österreich bis heute überdauert. Lisz Hirn: Rückkehr der Biederfrauen

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Die Gestelle des Ich und des Du, die wir i-Phone und you-Tube nennen, sind Prothesen der Zärtlichkeit, weil wir mit ihrer Hilfe weiter lieben können, obwohl wir schon längst zu Versehrten der Liebe geworden sind. Alexander Pschera: 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien.

Es ist auch nicht bloß Mitleid, wenn ich propagiere, die Männer zu eman-

zipieren; ich sehe vielmehr die Gefahr, dass, wenn die Frauen sich allein emanzipieren, politisch und im Sinne der Gleichberechtigung, sie eines Tages vor den Männern stehen werden, und die können nichts mehr mit ihnen anfangen, weil sie Angst haben, impotent zu werden, nicht die nötige Bestätigung zu bekommen; die Frauen werden dann die äußerst frustrierende Erfahrung machen, dass nach dem harten Weg zur Selbständigkeit die Männer ihnen voller Bewunderung auf die Schulter statt auf die Schenkel klopfen und, was die Lust anbelangt, sich an die Weibchen wenden, vielleicht ab und zu ihre Ansprüche dem linken Über-Ich einflößen, auch mal mit so einer ins Bett gehen, aber im Endeffekt wird den Frauen doch nur die Souffragette oder die Verstellung übrigbleiben. Hazel E. Hazel: Unwissenschaftliche Betrachtungen eines weiblichen Monsters

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Wenn man Sie heute um eine Art Rezept für die Frauen bäte, die noch isoliert und allein sind, was würden Sie dann einer jungen Frau, die sich emanzipieren möchte, raten?

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Also ich halte es für sehr schwierig, allgemeine Ratschläge zu geben: alles hängt von der Sozialisation, der Kindheit, der Jugend eines jeden ab, und man sollte sich vor allem nicht zwingen, nicht gegen seine Natur, gegen sich selbst handeln — das ist immer schlecht. Aber ich würde denken, dass die Frau die größte Chance hat zu entkommen, die berufstätig ist, ihr Geld verdient. Die Emanzi­ pation der Frau fängt mit ihrer ökonomischen Emanzipation an. Aus verschiedenen Gründen. Sicher, Arbeit ist nicht gleich Freiheit, Arbeit hat eine negative Seite, aber es gibt auch eine positive: wenn man das Glück hat, ein wenig wählen zu können, findet man einen großen Teil seiner Erfüllung darin. Aber auch wenn die Arbeit langweilig ist, gibt sie eine Unabhängigkeit, die es einem möglich macht, sich nicht den Wünschen und Forderungen eines Mannes beugen zu müssen. Wenn du verheiratet bist, kannst du deine Ehe in dem Augenblick lösen, wo du Geld hast. Wenn du deinen Lebensunterhalt selbst verdienst, bekommst du in deiner Beziehung mit dem Mann jedenfalls nicht diese materielle Abhängigkeit zu spüren, die die Basis ist für alle psychologischen und emotionalen Abhängigkeiten, denen die Frauen sich beugen. Dann würde ich einer Frau raten, nicht zu heiraten! Denn die Ehe läuft im allgemeinen einer Berufsarbeit zuwider. Sehr oft geben Frauen aus Sentimentalität, Bequemlichkeit oder der Einfachheit halber ihre Berufsarbeit auf, wenn sie heiraten, und geraten damit ganz in diese schreckliche Sache: in die völlige Abhängigkeit von einem anderen Menschen. Auch würde ich der Frau, so wie die Dinge heute sind, von einem Kind abraten. Denn Kinder sind für die Frau heute die schrecklichste aller Versklavungen. Sie steht allein da mit der Erziehung, der Mann greift sozusagen überhaupt nicht ein, die Gesellschaft auch nicht. Außerdem definiert sich die Mutter in Bezug auf ihre Kinder, und die Kinder erzeugen in ihr rasch Schuldgefühle, die aus der Mutterschaft eine ganz und gar verschlingende Aufgabe machen. Die Frau verliert so jedes Selbstgefühl und jegliche Identität zugunsten ihrer Kinder. Wenn die Frau trotz allem verheiratet ist und Kinder hat, wiederhole ich meinen ersten Ratschlag: so zu kämpfen, es irgendwie zu schaffen, dass sie ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit durch Arbeit erlangt.

Simone de Beauvoir: Über den Kampf für die Befreiung der Frau

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Ibsen lässt seine Figuren in einer geschlossenen Box agieren, in der jede Person falsch ist. Allenfalls in der Tapetentür könnte in den gelb-grauen Räumen eine andere, unbekannte Person erscheinen. Wie soll auch ein richtiges Leben aussehen, wenn keine Position des Außens in Gestalt eines Proletariats oder eines Gottes zu erkennen ist? Das Bürgertum ist mit den Fabrikanten, Rechtsanwälten, Privatdozenten, Ärzten, Pastoren, Journalisten, Schiffsbauern, Richtern, Fotografen, Verlegern und Beamten, die Ibsens Stücke mit ihren in der Regel berufslosen Frauen, Geliebten, Müttern und Hausdamen bevölkern, ganz auf sich verwiesen. Diese bürgerliche Mitte entzieht sich selbst den Boden, sie muss sich weder von einer hergebrachten Autorität emanzipieren noch von einer aufstrebenden Klasse distanzieren. Die Kritik an sich selbst kommt aus ihr selbst – allerdings ohne den Gedanken auf irgendeine Einheit der Differenzen. Das Allgemeine ist die Erfahrung der Entzweiung, die sich Vermittlung nur noch als Lüge und Betrug vorstellen kann. Es gibt keine Idee, wie die resignierten Egoisten wie Hjalmar, Helmer und Hilde und pathetisch Isolierte wie Stockmann oder Nora, so die Formulierungen des achtzehnjährigen Hugo von Hofmannsthal von 1892, jemals zusammenfinden könnten. Sie haben alle Naivität verloren und möchten doch, dass etwas komme und sie forttrage. Ibsens Beziehungswelt ist fern einer Vorstellung von Heiratsmärkten. Die Frauen, die irgendwann eine Wahl getroffen haben, haben längst aufgehört, über Beziehungsfallen zu räsonieren. Hier muss man niemandem erklären, »warum Liebe weh tut« (Eva lllouz). Die Angst, den anderen zu verlassen oder von ihm verlassen zu werden, wird von der Angst, sich von Anfang an verfehlt zu haben, in den Schatten gestellt. Man muss heute unwillkürlich an die Studienräte und Fachbereichsleiterinnen denken, die in den 1990er Jahren von der fixen Idee beherrscht waren, bei den Achterbahnen des Finanzmarktkapitalismus mitverdienen zu können, und am Nachmittag nach der Rückkehr von der Arbeit in der Schule den Rechner aufklappten, um die Aktienmärkte der Schwellenländer zu verfolgen. Man kann sich ein Gespräch zwischen einer Vorwurfspersönlichkeit im Max-Mara-Outfit aus dem Universitätsmilieu und einem fiebrigen Jungunternehmen aus der Biotechnologiebranche bei einem Fest zum fünfzigsten Geburtstag eines Babyboomers aus dem Zeitungsgewerbe vorstellen. Und eine halberwachsene, sehr gescheite kleine Person, die über die Renovierung der Demokratie durch das Netz doziert.

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Von heute aus können wir mit Ibsens Begriff der Lebenslüge den Umgang mit der Seelenwirklichkeit der hinter uns liegenden Periode des »Neoliberalismus« studieren: Der gehemmte Aufbruch, das nervöse Bedürfnis, die ironische Selbstisolation, der unendliche Mangel an Sein. Man lenkt wieder von sich selbst ab und schimpft auf gewissenlose Investmentbanker, windige Unternehmensberater und die Doppelmoral prominenter Finanzzocker. Dabei war man doch selbst an diesem riesigen Spiel der Produktion von Geld aus dem Nichts beteiligt. Die meisten haben am Ende verloren – aber nicht gigantisch, auf keinen Fall existenzbedrohend. Übrig geblieben ist allerdings das schale Gefühl, der Gier auf den Leim gegangen zu sein, ohne sich ihr wirklich überlassen zu haben.

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Heinz Bude: Die Ibsen-Hypothese


Zwei Begriffe

drängen sich immer wieder in den Vordergrund, die unleugbar auch religiös konnotiert sind: Wahrheit und Vergessen. Das Netz erschafft eine neue, kaum zu unterlaufende Faktizität. Es macht sich den Umstand zunutze, dass Wahrheit nie im Subjekt oder Objekt, sondern nur im Dazwischen, in der Beziehung, in der Sprache oder im Code zu finden ist. Uber die reine Subjekt- oder die reine Objektwelt wissen wir schon lange nichts Wahres mehr zu sagen, allein über die Sprache, in der wir uns verständigen und die eine eigene, unsere eigentliche Welt ist, streben wir einen Konsens in der Wahrnehmung dessen an, was wir für wirklich halten, und nennen es dann provisorisch wahr. In diesem Wahrheitsspiel gibt es von nun an einen dritten Akteur, das World Wide Web. Da es aber weder über individuelle Erfahrungen noch über ein personales Zentrum verfügt, kann es keinen ebenbürtigen Dialog, also auch keinen Konsens geben. Auf welche gemeinsamen Wahrnehmungen und Erfahrungen sollte er auch gründen? Die neue »Wahrheit« wird zu einem rein algorithmischen Phänomen. Hier schließt gleich der zweite Begriff an: das Vergessen. Wahrheit war erträglich, weil wir vergessen konnten. Nur Gott vergaß nicht. Das ist der Grundstein jeder Hölle. Um mit diesem Gott, der nicht vergisst, koexistieren zu können, haben wir ihm die Gnade zugesprochen. Nun haben wir uns einen neuen Gott geschaffen, einen wahren Deus ex machina, der nicht vergisst, und der alle unsere Lebensbereiche kontaminieren wird. Denn die Fähigkeit, zu vergessen, ist kein Mangel des Gehirns, sondern eine geradezu hygienische Notwendigkeit für sein Funktionieren und Wohlergehen. Ohne Vergessen könnten wir nicht lernen, nicht unterscheiden, nicht Zusammenleben. Doch nun bleibt aller Informationsmüll und - schlimmer noch - jede Lüge, jede Schmähung und Kränkung für alle jederzeit abrufbar und unlöschbar erhalten. Die Grausamkeit des Netzes, das nicht vergisst, wird Menschen in den Selbstmord treiben. Das Netz ist gnadenlos. Michael Roes: Engel und Avatare

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Riten der Bürgerlichkeit Der Weihnachtsbaum stammt vermutlich aus den skandinavischen Ländern. Die Schweden brachten den Brauch während des Dreißigjährigen Krieges nach Deutschland, doch erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde er populär. Noch 1765 staunte Goethe, der in Leipzig bei einem Freund war, über den Weihnachtsbaum im Hause. (In Straßburg ist jedoch bereits für 1605 belegt, dass Christbäume in den Häusern aufgestellt wurden.) 1840 wurde der deutsche Brauch gleichzeitig in England und in Frankreich eingeführt, in England vom Gatten der Königin Victoria, Prinz Albert, und in Paris von Prinzessin Helene von Mecklenburg, nun Duchesse d’Orleans, sowie von protestantischen Familien aus dem Elsass oder aus Deutschland. Während des Zweiten Kaiserreichs setzte sich die Tradition – unterstützt von Kaiserin Eugenie – durch; Flüchtlinge aus dem Elsass und aus Lothringen, die nach der Niederlage 1870 nach Frankreich kamen, trugen ihrerseits zu ihrer Verbreitung bei. Gegen Ende des Jahrhunderts scheint es, als habe »der Brauch die ganze Nation erfasst«. Französische Missionare in Grönland und in afrikanischen Kolonien erhielten jedes Jahr einen komplett geschmückten Christbaum. Noch bevor der Weihnachtsbaum in Frankreich üblich wurde, erwähnte man gelegentlich diesen »deutschen Brauch «, eigenartigerweise stets mit leiser Nostalgie, als handle es sich um eine alte französische Sitte, die in Vergessenheit geraten sei. Am 23. Dezember 1830 beklagte die Gazette des menages, in Frankreich und vor allem in Paris kümmere »die gegenwärtige Generation sich wenig um die alten Bräuche«, ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo die häuslichen Traditionen hochgehalten würden. Auch das Journal des jeunes filles schilderte im Dezember 1849 die deutschen Bräuche höchst gefühlvoll und bedauerte, dass die Franzosen es nicht verstünden, eine verzauberte Weihnachtsstimmung zu schaffen. Die Zeitung empfahl, Frankreich solle dem deutschen Vorbild folgen und die Feste am Jahresende nutzen, um die Generationen um den häuslichen Herd zu versammeln, vorzugsweise bei den Großeltern. Zwischen den Kommentaren von 1830 und 1849 besteht kaum ein Unterschied. Weihnachts- und Neujahrsfest sollten Anlass sein, das private Leben zu glorifizieren. Nach zwei Revolutionen (1830 und 1848) kontrastierte man die Instabilität des öffentlichen Lebens mit der Stabilität der Familie: »Die Freuden des Familienlebens«, schloss der Journalist 1849 seinen Artikel, »sind der einzige Ort und das einzige Glück, das keine Revolution uns jemals rauben kann.« Philippe Ariès: Geschichte des privaten Lebens

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WER NICHTS WIRD, WIRD INFLUENCER

Autor: /mecki78 21.08.18 - 13:14

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Man braucht dafür keine Schulbildung, kein Talent, keine Lebenserfahrung, kein außergewöhnliches Aussehen, kein unternehmerisches Geschick (dafür gibt es dann später ein Management) und nicht einmal halbwegs fundierte Deutschkenntnisse. Also ein Job für alle, die eigentlich gar nichts können. Also so wirklich nichts können. Quasi weniger als nichts. Man darf lediglich keine Angst vor öffentliche Auftritten haben oder sich sonst irgendwie in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ich sage aber nicht, dass das ein schöner Job ist. Der kann auch echt stressen und einem manchmal so richtig auf die Nerven gehen. Ich sage auch nicht, dass man nicht auch dafür hart arbeiten muss; da kann jeder C Promi ein Lied von singen. Und wer jetzt denkt, das ist ja reine Geldscheffellei, der hat damit sogar recht, nur da bleibt gar nicht so viel bei den Influencern selber hängen, wie viele immer meinen, denn wie gesagt, früher oder später brauchen diese Leute ein Management, denn es geht hier darum sich selber zu vermarkten und auch das will gelernt sein. Mit dem richtigen Management im Rücken steigt die Bekanntheit drastisch, die bringen einen auf die richtigen Events, die schließen die passenden Werbeverträge ab und schon explorieren die Einnahmen; die jetzt aber primär an eben genau dieses Management fließen, denn das ist kein Freundschaftsdienst von denen. Nur die Top 10 scheffeln vielleicht wirklich Kohle, für den Rest ist das auch hartes Brot. Wir denken immer nur, denen geht es doch super, weil in deren Videos und in Interviews und auf deren Fotoaccounts sind natürlich immer nur „heile Welt“ Bilder zu sehen. Immer top gestylt, immer fröhlich und gut drauf, immer unterwegs in coolen Karren und auf coolen Events, immer in bester Gesellschaft ... aber das ist alles nur Teil des vermarkteten Produktes. Sprich, auch wenn die gerade beschissen drauf sind müssen sie heile Welt spielen, weil nur so bleiben sie populär und nur so verkauft deren Management dann Produkte.

Mecki

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IMPRESSUM

Theater Vorpommern GmbH Stralsund – Greifswald – Putbus, Spielzeit 2020 / 21 GESCHÄFTSFÜHRUNG: Dirk Löschner, Intendant; Peter van Slooten, Verwaltungsdirektor REDAKTION: Sascha Löschner GESTALTUNG: Büro Jakobs & Hahn, Hamburg / Wiebke Jakobs QUELLEN: Quellen: Hinderk Emrich / Michael Roes: Engel und Avatare. Ein Dialog über reale und virtuelle Welten. Berlin 2011; Simone de Beauvoir: Über den Kampf für die Befreiung der Frau. Kursbuch 35, Berlin 1974. Hazel E. Hazel: Unwissenschaftliche Betrachtungen eines weiblichen Monsters, Kursbuch 17, Berlin 1969. Lisz Hirn: Rückkehr der Biederfrauen. DIE ZEIT Österreich Nr. 10/2019 https://www.zeit.de/2019/10/feminismus-gleichstellung-konservatismustradition-biederfrauen (letzter Aufruf am 27.2.2020 12.02 UhrHeinz Bude: Die Ibsen-Hypothese. ); In: Karin Wieland, Heinz Bude, Thomas Ostermeier: Lebenslügen im Kapitalismus. Karls Hanser Verlag in der Hanser Box 2014, E-Book; Philippe Ariès: Geschichte des privaten Lebens. Bd. 4: Von der Revolution zum Großen Krieg. Berlin 1993. Magnus Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd. 3: Einblicke und Ausblicke. Stuttgart 1930. Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation: soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Bd. 2.: Wandlungen der Gesellschaft; Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Frankfurt am Main 1992. Alexander Pschera: 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien. Berlin 2011; Sophie Rützow: Ibsen und München, 4.5.1956. Typoskript, Stadtarchiv München https://www.literaturportal-bayern. de/themen?task=lpbtheme.default&id=504 (letzter Zugriff am 7.9.2020); Wer nichts wird, wird Influencer: https://forum. golem.de/kommentare/games/community-wir-leben-im-zeitalter-der-influencer/wer-nichts-wird-wird-influencer/1200 19,5164313,5164313,read.html (letzter Zugriff am 7.9.2020). Für die Grafik verwendeten wir Motive aus Hans Bellmer: Die Puppe. Gerhardt Verlag, Berlin 1962.


THEATER VORPOMMERN GMBH SPIELZEIT 2020/21

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Programm Nora TVP20_21  

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