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unschuld

wir wären alle gern unschuldig Alexander Riemenschneider und Regula Schröter im Gespräch

Regula Schröter: „Wir wären alle gern unschuldig“ sagt Frau Habersatt. In beiden Inszenierungen, die du vergangene Spielzeit realisiert hast, war die Auseinandersetzung mit der Schuld-Unschuld-Dialektik zentral. „Wie alles was geschieht mich gleichsam anklagt“, war für dich ein Kernsatz deiner Beschäftigung mit Shakespeares Hamlet. Würde sich der Königssohn ebenso schuldig machen, wenn er den Tod seines Vaters nicht rächt, wie wenn er ihn rächt? In Jelineks Aber sicher! hast du ein monumentales Stimmengeflecht von (vermeintlich) unschuldig schuldig Gewordenen auf die Bühne gebracht und nach dem Verhältnis von Schuld und Schulden in den heutigen Finanzkrisen gefragt. Alexander Riemenschneider: Ja, warum immer wieder Schuld. Und jetzt Unschuld. Wie bin ich da hinein geraten? Ich glaube gar nicht so sehr auf der Suche nach der eigenen Erlösung von Schuld, sondern weil der Schuldbegriff an jeder Ecke lauert, wo es um die existentiellen Fragen geht: Die Frage nach der Möglichkeit des menschlichen Handelns, die Frage nach Verantwortung, die Frage, ob es etwas vor oder nach dem Leben gibt. Das „Ziehen“, das Frau Habersatts Satz verursacht, das spüre ich. RS: Dea Lohers Stück fächert in vielen kleinen fast alltäglich wirkenden Geschichten ein Gesellschaftspanoptikum auf, das von großen menschlichen Konflikten erzählt. Von der Sehnsucht nach Angenommensein, der Frage ob es ein Recht auf Glück gibt, von Ausgrenzung, Verlust und der Suche nach Vergebung und Erlösung. Auch wieder existenzielle Fragen im Zusammenhang mit Schuld, die eher unbeantwortet als beantwortet im Theaterraum stehen bleiben dürfen. AR: Der Text ist eine Beschreibung von Leben in seiner ganzen Unabgeschlossenheit. Das in Unschuld erwähnte „Buch von der Unzuverlässigkeit der Welt“ sagt ja, dass wir unser Leben erst im Nachhinein zu einer Geschichte zusammenbinden. Das Stück versucht, sich in eine Gegenwart zu werfen, in der noch nichts erkannt und gedeutet ist. Es ist die Kraft von Unschuld, dass mir eine Niederlage, ein biografischer Bruch nicht schon als Wendepunkt, als Voraussetzung für das „Wieder-bergauf-Gehen“ vorgeführt wird. Manche Brüche bleiben ungeheilt. Punkt. Das auszusprechen und zu sehen, kann schmerzvoll, und doch der Beginn von einem Trost sein, der das Leid anerkennt und nicht versucht zu verkleinern. Wir haben mit unserem Diskurspaten Pastor Helmut Langel über die Möglichkeit von Trost angesichts eines unbegreiflichen Verlustes gesprochen. Und darüber, dass man auch als Tröstender von dieser Hilflosigkeit und Ohnmacht erfasst wird. Und dass es nicht darum geht, scheinbar tröstende Antworten zu geben, sondern dass man gemeinsam nicht begreift, gemeinsam keine Antwort hat. In den Proben haben wir auch über die These nachgedacht, dass viele Schulderfahrungen eigentlich Ohnmachtserfahrungen sind. Ohnmacht dem Leben, dem Schicksal gegenüber. Gerade für uns als Menschen, die sich gerne souverän, gestaltend, planend, schaffend wahrnehmen wollen, dieser Schrecken: Dass Dir das Leben diese Souveränität radikal und absolut entziehen kann. Und dass diese tiefe Erfahrung der Ohnmacht lieber in ein Schuldgefühl überführt wird. Besser ich bin schuld als: Ich konnte nichts tun. Vielleicht stimmt das für Frau Habersatt, die Familien von Gewalt­ opfern aufsucht, und um Vergebung für Taten bittet, die sie nicht begangen hat und so versucht ihrem eigenen Verlustschmerz Erleichterung zu verschaffen.

RS: Es waren die Figuren, die dich dazu bewegt haben Unschuld auf die Bühne zu bringen. Sie sind Getriebene, die alle Verlust erleben, Suchende, denen allen etwas fehlt: eine Aufenthaltsbewilligung, das Augenlicht, ein Kind, eine Aufgabe, eine Ansprache, ein Zeh, ein Fuß, ein Wunsch. Alle sind sie versehrt. Erschütternd und manchmal schmerzhaft komisch sind ihre Schicksale und schicksalhaften Begegnungen untereinander. AR: Dea Loher schafft es, jeder Figur Momente zu geben, in denen sie in ihrer ganzen Zerrissenheit, Widersprüchlichkeit, Größe oder auch Kleinheit sichtbar wird. Fadoul, der aus seinem Glauben heraus etwas Großes schaffen will und dessen Idee von Gott am Ende scheitert. Elisio, der Tausende von Kilometern auf sich genommen hat um aus einem Land zu fliehen, wo die Menschen sterben wie die Fliegen, muss miterleben, wie unzählige Menschen im Norden freiwillig aus dem Leben scheiden. Die blinde Absolut, die behauptet, in einer vollkommenen Welt zu leben und sich doch nichts mehr wünscht als sehen zu können. Frau Habersatt, die selbst Leid erfahren hat und nun die Wunden anderer aufreißen möchte. Frau Zucker, Ex-Kommunistin, die einst die Menschen befreien wollte und inzwischen nur noch um sich selbst kreist. Franz als Bestatter, der sich immer mehr zu seinen Toten als zu seiner Frau hingezogen fühlt, obwohl der feste Job endlich den finanziellen Rahmen für ein Kind schaffen würde, das Rosa sich sehnlichst wünscht. Rosa, die sagt: „Ich möchte, dass das Leben weiter geht“ und gleichzeitig Abschied nimmt. Dea Loher beschreibt die oft schmerzhaften Absurditäten des menschlichen Daseins in kunstvoll geformter poetischer Sprache voller emotionaler Wucht. RS: Auch das Stück ist in einer Art und Weise gebrochen; verglichen mit klassischen Handlungsdramaturgien seltsam unrund. Es franst. Die Geschichten wuchern. Der Text entzieht sich einer Stringenz, erzählerisch, räumlich und zeitlich. Unterschiedliche literarische Töne und Formen werden nebeneinander gestellt: dialogische Passagen, lyrische Prosa, Monologe, Chöre. Er ist gleichzeitig realistisch und metaphorisch. Manche Figuren kann man über mehrere Szenen verfolgen, manche Erzählstränge mit anderen verflechten. Es gibt aber auch Geschichten, die verwaisen und Figuren, die einmal und nie wieder auftreten. Fragmente, die wie Fremdkörper einsam im Geschichtengeflecht stehen. Man könnte von einer kaleidoskopischen Struktur, von Episoden oder von Mosaiksteinen sprechen. Du nennst beim Inszenieren die einzelnen Geschichten und Teile oft „Scherben“. AR: Scherben sind ein Ausdruck von Gebrochenheit. Etwas ist nicht mehr ganz und kann auch nie mehr ganz werden. Allein das ist es wert dieses Stück zu spielen. Lebensläufe zu zeigen, die sich nicht im Nachhinein doch als Erfolgsgeschichte deuten lassen. Linien zu zeigen, die ins Nichts gehen. Von Menschen zu erzählen, die überfordert von der sozialen Realität leise implodieren, von Menschen, die dem gesellschaftlichen Druck nicht standhalten Alles Themen, mit denen wir uns auf der Bühne auseinandersetzen, seit wir als neues Team hier am Theater Bremen sind. Es bleibt auch bei Unschuld wieder die Frage: Warum ist es so schwer zuzugeben, dass wir alle Versehrung in uns tragen? Warum müssen wir uns gegenseitig den Eindruck vermitteln, alles in der Hand zu haben? Auszüge aus dem Gespräch mit unserem Diskurspaten Pastor Helmut Langel finden Sie unter: www. spielwiese.theaterbremen.de


Programmflyer Unschuld