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Carmen Lehrertisch 6. Juni 2013 · 18.15 Uhr Theatercafé Anmeldung: www.theaterhagen.de/ theaterpaedagogik Kostenfreie Materialmappen für den Schulunterricht bestellen: www.theaterhagen.de/ theaterpaedagogik

Carmen verhält sich falsch. Oder? Wenn man so erzählt, wie Carmen sich verhält, scheint völlig eindeutig: Was sie macht, ist falsch. Erlebt man sie allerdings in der Oper von Georges Bizet, löst sich das eindeutige Urteil schnell auf. Denn die Musik beglaubigt Carmens ebenso leidenschaftliche wie wechselhaften Gefühle in jedem Moment. Was übrigens auch für die anderen Charaktere zutrifft. Gefunden hatte Bizet sie in einer Erzählung von Prosper Mérimée. Er gewann zwei der besten Librettisten seiner Zeit, Henri Meilhac und Ludovic Halévy, auf der Grundlage der Novelle ein Libretto für ihn zu schreiben. Dass Mérimées Geschichte ein riesiges Potenzial für eine Oper bot, hatte Bizet richtig erkannt. „Carmen“ sollte zu einer der

weltweit am häufigsten aufgeführten Opern werden. Der Komponist, der kurz nach der Uraufführung an der Pariser Opéra-Comique starb, erlebte diesen Erfolg allerdings nicht mehr. Von der Premiere in Paris am 3. März 1875 gibt es desaströse Berichte. Das Publikum reagierte von Akt zu Akt zunehmend verstört auf die Geschichte und ihre Titelheldin, auf die für damalige Verhältnisse unerhörte erotische und emotionale Wucht dieser Oper. Der große Erfolg kam durch eine Bearbeitung zustande, die man aus heutiger Sicht als Verfälschung begreifen kann: Anstelle der gesprochenen Dialoge, wie sie in der Opéra-Comique üblich waren, hatte Bizets Freund Guiraud Rezitative komponiert und in die Partitur eingefügt. Sie entsprachen nicht dem Charakter des Werks, aber dem zeitgenössischen Geschmack, und so konnte die Oper in dieser Verfälschung ihren Welterfolg antreten. Dass inzwischen die Urfassung wieder zur Verfügung steht, ist ein großes Glück. Der Wechsel zwischen der hochemotionalen Musik und den knappen Dialogen ist ungemein spannend. Man erlebt eine Carmen, die man nicht einfach mit dem Etikett „femme fatale“ bekleben und abtun kann, sondern die der Mittelpunkt einer äußerst bewegenden, letztlich tragischen Liebesgeschichte ist.

Am Premierenabend sowie vor den Aufführungen am 11. und 14. Juni gibt es um 19.00 Uhr eine Einführung im Theatercafé

Zu Gast

Der international gefragte und gefeierte Regisseur Anthony Pilavachi ist zum ersten Mal zu Gast in Hagen. Er kam auf Zypern zur Welt, wuchs in Frankreich auf und lebt seit 1987 in Deutschland. Zu den Inszenierungen, für die er in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit gewann, zählen „Der fliegende Holländer“ in Frankfurt (1999), die Welturaufführung von Verdis rekonstruierter Fassung „Gustavo III“ 2003/04 in Göteborg und Darmstadt, „Zar und Zimmermann“ in Bremen (2006), und der komplette Wagner’sche „Ring“ in Lübeck, für dessen Aufzeichnung auf DVD Anthony Pilavachi 2012 mit dem renommierten Echo Klassik Preis ausgezeichnet wurde. Weitere Termine: 11.6., 14.6., 28.6., 3.7. und 10.7.2013 – jeweils um 19.30 Uhr sowie in der nächsten Spielzeit 2013/14.

Der etwas andere, junge Blick hinter die Kulissen mit und von Jeannie Hannibal. Ich war im Konzert. Tropf. Tropf. Tropf. Ich nehme ein zaghaftes Schlagen auf einer Trommel wahr, im gleichmäßigen Rhythmus pulsiert das Tropfen. Ein Geiger hebt seinen Bogen zum Spielen an. Ich halte den Atem an. Leise und vorsichtig beginnt er zu musizieren. Doch er streicht den Bogen ganz merkwürdig über die Saiten. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und merke, dass ich angespannt bin. Diese Atmosphäre ist unbehaglich. Das leise Klingeln eines Triangles. Plötzlich durchschneidet ein lauter Gong die Klangwelt. Dann tockert, quietscht, sägt, klirrt es, als würden die Geigen, Kontrabässe, Trommeln und Flöten in einer ganz anderen Sprache sprechen. Wie in einer Versuchsküche, einem Musiklabor. Das Tockern und Tropfen wird mal leiser, mal lauter. Es wird quietschiger. Die Geigen scheinen zu nach Hilfe zu schreien. Gefangene, die ihrem Schmerz Ausdruck verleihen. Die Stimmung wird düster. Ich denke an Harry Potter, „Herr der Ringe“ und andere Fantasy-Filme. Das Kreischen der Geigen tut in der Seele weh. Es klingt wie Stimmen von Außerirdischen, Science Fiction pur. Das Kreischen verhallt, harmonisch aufeinander abgestimmte Töne fluten den Saal. Ich denke an eine

Juni/Juli 2013

Blumenwiese, an ein Liebespaar, das im Sonnenlicht tanzt. Plötzlich ziehen dunkle Wolken auf, ein Blitz erschreckt die Tanzenden, schräge Töne wecken den Zuhörer aus seiner Wohlfühlzone. Dieses „Töne-Erzeugen“ ist so fantasievoll, ein Blick über den Tellerrand in eine ferne Galaxie. Wie ein Herzschlag pulsiert es im Saal. Tock. Tock. Tock. Ein Piepen. Jenes Piepen und impulsartige Auf und Ab, das im Krankenhaus auf dem Monitor läuft. Der Dirigent wedelt, fuchtelt, führt, leitet, pulsiert mit den Instrumenten und wirft sich voller Körpereinsatz in die Wogen aus Tönen. So verwirrend wie aufregend war mein Erlebnis im 8. Sinfoniekonzert des philharmonischen orchesterhagen. Das erste Stück „Puls für großes Orchester“ von Moritz Eggert war sehr modern, ein scheinbares Durcheinander an Tönen. Dem 16-jährigen Florian vom Fichte-Gymnasium, den ich in der Pause getroffen habe, gefiel das nicht so gut: „Ich mag viel lieber klassische Musik, weil sie so schön harmonisch klingt.“ Ihr fragt euch, warum ich Florian getroffen habe? Er ist einer der Schüler, deren Schule Dank der

Werner Richard – Dr. Carl Dörken-Stiftung Karten im Konzertabonnement gestiftet bekommt, damit junge Leute wie ihr kostenlos ins Konzert gehen könnten. Coole Sache, oder? Vielleicht hat eure Schule sogar ein Abonnement? Nutzt es aus, die Konzerte sind nicht nur modern. An unserem Abend wurde es mit Anton Bruckners 5. Sinfonie auch noch richtig schön „klassisch“ und ich saß hinterher ganz beglückt im Zug nach Hause…

kultich.theaterhagen@gmail.com

theaterzeitung

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Theaterzeitung Juni 2013  

Die aktuelle Ausgabe der Theaterzeitung des theaterhagen im Juni 2013

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