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EIN DIALOG

zu, eine gute und umfassende Ausbildung in den Naturwissenschaften halte ich für unumgänglich. Dann muss man diese Dinge aber auch anwenden können! Experimentieren und ausprobieren, nur so erreichen wir Fortschritte, die für alle nutzbar sind. Sehen Sie, Herr Newton, was nützten Ihre Erkenntnisse Ihren Zeitgenossen? Nichts! Denn sie konnten noch nicht in die Praxis umgesetzt werden. Erst nachdem die Praktiker die Technik so weit verfeinert hatten, konnte man Ihre Theorien anwenden. Diderot: Sie gehen ja ganz schön ran, Herr Siemens, da merkt man gleich, dass Sie beim preußischen Militär waren. Wenn Sie erlauben, möchte ich behaupten, dass Sie alle recht haben. So scheint es mir zumindest. Denn ohne sicheres Wissen lässt sich nur wenig erreichen in der Welt. Doch was nützt all das angehäufte Wissen, wenn wir nicht gelernt haben, zu denken – selbst zu denken? Beides müssen wir dem Bürger vermitteln und zugänglich machen. Wer sich bilden will, dem soll die Möglichkeit dazu gegeben werden. Das war der Grund, warum ich mich jahrelang für meine Enzyklopädie so gequält habe. Sie sollte das gesamte Wissen unserer Zeit zusammenfassen! Ihre Verbreitung sollte das Wissen verbreiten und den Samen der Bildung in Europa verteilen! Vico: Mein lieber Diderot, Sie lassen sich ja von Ihrer Begeisterung richtig fortreißen. Ich möchte doch noch einmal zu den Anfängen zurückkehren. Das scheint mir notwendig. Ich halte die Naturwissenschaften für einen Irrweg. Denn Logik und Rationalismus eliminieren das Wahrscheinliche, aber genau das ist doch das Objekt und die Methode von Geschichte, Jura, Politik, Kunst und Rhetorik! Damit verschwindet es auch aus dem Wissensschatz und damit aus der Bildung, meine Herren! Nehmen Sie das Beispiel der Geschichte! Was für ein Verlust, wenn wir sie nicht mehr zum Bildungskanon rechnen. Ohne die Kenntnis der Geschichte,

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von dem, was gewesen ist, bleibt uns unsere Gesellschaft unverständlich. von Knigge: Gesellschaft, das ist nun wieder mein Stichwort. Jeder Mensch sollte lernen, wie er sich in der Gesellschaft richtig verhält, wie er Konflikte vermeidet, wie er ohne anzuecken sein Ziel erreicht. Ich kann mir vorstellen, dass solche Fähigkeiten in der Zukunft einen deutlich höheren Stellenwert erhalten, als diesen offenbar von Ihnen zugestanden werden. von Siemens: Herr von Knigge, wer sich durchsetzen will, kann nicht immer Rücksicht auf andere nehmen. Wer eine Idee zum Leben erwecken will, muss kämpfen! Da gibt es leicht einmal Opfer. Ich will Ihnen aber gerne zusprechen, dass auch Ihre Mittel zum Ziel führen können. Gleichzeitig möchte ich jedoch betonen, dass wir auf den alten Bildungsmüll verzichten müssen. Wir sollten die Dinge unterrichten, die Bezug zu unserer Lebenswelt haben, die es uns ermöglichen, Fortschritte zu machen. Und, da muss ich mich wiederholen: Dies sind in erster Linie die Naturwissenschaften. Diderot: Das gefällt mir so an Ihnen, Herr von Siemens, dass Sie so hohen Wert auf den praktischen Nutzen legen. Raus aus dem Elfenbeinturm, rein ins Leben, das ist mir auch wichtig. Auf die Naturwissenschaften würde ich mich jedoch nicht beschränken. Auch die Geisteswissenschaften spielen in unserer Welt eine wichtige Rolle. Unsere Gesellschaft ist mehr als nur wirtschaftlicher Erfolg und technischer Fortschritt! Was ist mit Kultur, Kunst und Philosophie? Newton: Papperlapapp, Diderot! Reißen Sie sich zusammen! Der Mensch ist ohnehin unberechenbar. Was soll man sich dann mit ihm befassen? Wir müssen unser Wissen auf eine solide Basis stellen. Dies kann nur gesichertes Wissen sein. Tatsachen, die sich beweisen lassen. Dies sollten die Inhalte der Bildung sein!

Das Wahre ist nur eines, das Wahrscheinliche vieles, das Falsche grenzenlos. Giambattista Vico

Der Brockhaus Bildung21  

Wissen für das 21. Jahrhundert, Leseprobe

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