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1 Klappentext: Der zuverlässige Architekt Manfred Steiner erhält einen Auftrag, der eigentlich eine Nummer zu groß für ihn ist. Er gerät zwischen die Fronten zweier Frauen. Barbara und Betti konkurrieren um seine Gunst, sie sind auch nicht zimperlich mit ihren Methoden. Um sich ihnen zu entziehen, heiratet er Irmi. Irmi verliebt sich aber in einen jungen Mann, der in den Diensten einer Mafiaorganisation steht. Bei einer gemeinsamen Bergtour mit Francesco, geraten sie in ein Unwetter mit schrecklichen Folgen. Sie ignorieren den Rat der Bergwacht.

„Morgen ist schon zu spät“ Ein Erotischer-Ines Roman von Michael Voss (2008)

Die Nachricht erreichte mich gerade in dem Moment, als ich nach Südtirol aufbrechen wollte. Auf meinem Anrufbeantworter wurde um Rückruf gebeten. Es war eine sympathische Frauenstimme und es sollte dringend sein. Meine Südtirol-Reise wollte ich allerdings nicht verschieben. Vor einigen Jahren hatte ich begonnen, mich auf alte Burgen und Schlösser zu spezialisieren. Die Sanierung und der Wiederaufbau oder auch nur eine Renovierung sollte für mich zukünftig das Arbeitsgebiet sein. Ein Münchner hatte sich eine alte Burg gekauft und benötigte fachmännischen Rat. Ich begleitete den Wiederaufbau und kontrollierte die Abrechnungen der Handwerker. So verbrachte ich jede freie Minute in Brixen, meist wohnte ich in einem kleinen Hotel oder aber bei Anneliese, einer langjährigen Freundin, mit ihr pflege ich ein Bratkartoffelverhältnis auf Ewigkeit. Sie hat auf einer Skitour ihre große Liebe gefunden und nach Brixen geheiratet.


2 Erneut läutete das Telefon, diesmal komme ich ihr nicht aus. „Hallo, jetzt hab ich aber Glück gehabt, hier spricht Frau von Reinertshagen, ach was, sagen Sie einfach „Barbara.“ „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Ich wollte Sie bitten, mein Anwesen in Mecklenburg-Vorpommern zu besichtigen.“ „Vielleicht können Sie mir erstmal erzählen, um was es geht. Wollen Sie renovieren?“ „Vielleicht später, zuerst will ich mal ein wenig mehr über mein Anwesen wissen. Ich bin da etwas unbeholfen und suche Rat von einem Fachmann. Ich dachte mir, ich lade Sie einfach mal ein, Sie können ja hier Urlaub machen und bei dieser Gelegenheit ließe sich ein Plan erstellen, was mit dem Anwesen geschehen könnte und was es wirklich für eine Vergangenheit hat.“ „Das klingt recht interessant, aber Sie wissen ja noch gar nicht mein Honorar, so könnte es ja sein, dass ich Ihnen viel zu teuer bin.“ „Das glaube ich eigentlich nicht, ich bin sicher wir einigen uns auf einen Tarif, der für uns beide okay ist. Haben Sie Familie?“ „Meine Arbeit erledige ich immer alleine. Meist sind die Objekte nicht so einladend, dass man dort wirklich bequem wohnen kann. Was haben Sie denn für ein Anwesen?“ „Es ist eine Mischung aus Herrensitz und Schloss. Im Krieg diente es als Standort einer Besatzungstruppe. Und nach dem Krieg haben es Honeckers Leute benutzt. Es gibt eine Mauer, welche zu einem Schloss gehörte. Aber vom Baustil ist es ein großer Viereckhof, nur die Ausmaße sind gigantisch.“ „Es klingt sehr interessant, wie lange haben sie denn das Anwesen schon?“ „Da muss ich nachdenken, ich habe es nach der Wende von meinen Eltern bekommen, habe einen kleinen Teil des Gebäudes bewohnbar gemacht und nutze es für das Wochenende. Meine Mutter wohnt dort seit ein paar Jahren ständig. Über die wahre Geschichte lässt sie mich im Unklaren.“ „Also ist der Rest eine Ruine?“ „Nein, so darf man dass nicht sehen, natürlich sind viele Zimmer nicht bewohnbar, aber eigentlich ist es sehr schön. Ach ja, ein Dach ist darauf und es ist auch ziemlich dicht. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es Personen gibt, die ich zwar nicht erkenne, jedoch besonders nachts hören kann.“ Wo liegt denn bitte ihr Anwesen?“


3 „Ich möchte mich am liebsten mit Ihnen hier in Wismar treffen.“ „Also verbleiben wir doch so, dass ich Sie anrufe, wenn ich mich auf den Weg machen könnte. Ach Barbara, mein Vorname ist übrigens Manfred, oder wie wir in Bayern sagen, Fredi.“ „Also, dann bis bald.“ Natürlich hat sie mit den wenigen Angaben, welche sie mir gegeben hat, mein Interesse geweckt. Ein altes Gebäude mit noch alten Bewohnern ist immer der Höhepunkt, solange es sich nicht um Leichen handelt. Es ist eine besondere Aufgabe und hat seinen Reiz. Am liebsten würde ich nun Südtirol laufen lassen, gäbe es dort nicht auch noch ein altes Schloss. Allein die Frage des Wetters, da spricht doch erstmal alles für Brixen. Ich mache mich also weiter daran, meine Koffer zu packen. Gott sei Dank nehme ich diesmal den Wagen. Wanderschuhe, Regenjacke, da kommt einiges zusammen. Auf der Rückfahrt darf ich den Wein nicht vergessen. Meine Südtirol-Reisen waren immer ein voller Erfolg. Brixen fasziniert mich immer wieder, besonders an den Marktagen, da tätige ich meine Einkäufe, besonders wenn es um den Wein geht, eine Ration für die nächsten Wochen. Nach vierzehn Tagen Aufenthalt ist es wieder an der Zeit, den Heimweg anzutreten. Als ich in München die Haustüre aufschließe, kann ich das rot blinkende Licht des Anrufbeantworters bereits erkennen. So höre ich eine Nachricht nach der anderen ab. Natürlich ist auch Barbara darauf, sie drängt auf einen baldigen Termin. Ich rufe sie als erstes an. Sie will zuerst von Südtirol einen Bericht hören, kommt aber dann schnell zum Kern der Sache. „Wann können Sie kommen?“ „Also ein paar Tage müssen Sie mir schon noch geben. Hier liegt ein Berg von Post, einige Anrufe muss ich abarbeiten. Also ich meine, eine Woche werde ich schon noch benötigen. Aber bitte eine Frage, wie soll ich denn am besten anreisen?“ „Mit der Bahn wird wohl am bequemsten sein.“ „Das meine ich auch, ich werde für Sie ein Zimmer im Hotel für die erste Nacht reservieren. Am nächsten Tag werden wir dann aufbrechen.“ Ich krame einen Kalender hervor und wir einigen uns auf den 4. April, so habe ich noch gut zehn Tage für die Vorbereitungen.


4 Zuerst gehe ich ins Internet und befrage Google nach einem Schloss oder Herrenhaus, auf welches die Beschreibung passt. Ich bin erstaunt, wie gut hier Mecklenburg-Vorpommern vertreten ist. Aber leider ist nichts vorhanden, was mir weiterhelfen könnte. Meine Unterlagen sind normalerweise sehr reichhaltig, da ich mich auf Meck-Pomm. ein wenig spezialisiert habe. Zu viele Objekte sind es inzwischen gewesen. Leider viele, bei denen eine Renovierung nicht mehr lohnte. Die Bausubstanz war einfach nicht mehr zu retten. Sie fallen in sich zusammen und irgendwann sind sie dann verschwunden. Es wird Gras über sie wachsen und zum Schluss ist es noch ein Hügel Erde. Vielleicht wird in ein paar hundert Jahren mal jemand die Grundmauern finden und sie historisch als wertvoll einstufen. Bei einigen Objekten wurde mit der Renovierung begonnen und wegen Geldmangels alles wieder eingestellt. Aber die vielen inzwischen wieder hergestellten Schlösser und Herrenhäuser sind zu bewundern und die Besitzer sind zu beglückwünschen. Nicht selten sind sie bis an den Rand des finanziell Möglichen gegangen, um ihr Werk fertig zu stellen. Ich lege mir meine Unterlagen zurecht, um meine Reise vorzubereiten. Messgeräte, Zeichenpapier und den üblichen Kram. Bei der Wäsche gehe ich auf Nummer sicher. Auf jeden Fall warme Sachen, die alten Gemäuer sind teilweise wie ein Kühlschrank. Die Feuchtigkeit kennt keine Grenzen. Soll aber gut für die Haut sein, sagt man. Für den 3. April bestelle ich ein Bahnticket mit Schlafwagen bis Hamburg, so komme ich auf jeden Fall ausgeruht an und kann mir eine Übernachtung im Hotel sparen. Jedes Objekt ist eine Herausforderung, selten gleicht das Eine dem Anderen. So gehe ich also mit neugierigen Gedanken zum Bahnhof. Mein Zug steht bereits zum Einsteigen bereit. Ich mache es mir bequem, schnappe mir einen Schmöker und vertriebe mir die Zeit mit Lesen. Das gleichmäßige Ruckeln lässt mich schon bald nach Abfahren in den Schlaf sinken. Die Ankunft in Hamburg ist pünktlich, so habe ich noch genug Zeit ein Frühstück einzunehmen. Auch mein Anschlusszug steht schon da, so dass ich auch in Wismar pünktlich sein werde. Ich rufe Barbara an und bestätige nochmals meine Ankunft. Sie will mich nun doch gleich am Bahnhof treffen, damit wir gleich losfahren können.


5 Etwas verunsichert stehe ich am Bahnhof, sagten wir nun unter der großen Uhr oder neben der großen Uhr? Wenn ich so um mich sehe, entdecke ich gleich mehrere große Uhren. Sie muss mich wohl erkannt haben, eine junge Frau steht plötzlich vor mir und meint, „Suchen Sie mich?“ „Wenn Sie Barbara sind? Ich hatte sie mir anders vorgestellt, eher wie eine Landfrau, stämmig und kräftig.“ Sie muss lachen. Das Gegenteil steht vor mir. Ein sehr ausgewogener Körperbau. Nicht zu dick, nicht zu dünn, in Bayern würde man sagen, „Genau richtig, es passt alles.“ Die nächste Überraschung die folgt alsbald. Es ist das Auto, es ist ein „Citroen Entchen“ in rot, etwas ungepflegt und mit einigen Roststellen versehen. Sie steht im Halteverbot und wird gerade aufgeschrieben. Sie schimpft wie ein Rohrspatz, so dass der Polizist von weiterem Schreiben absieht. Zuerst sage ich mal gar nichts, ich betrachte sie von der Seite, um mir ein Bild zu machen. Sie trägt eine Jeansjacke mit verschiedenen Tüchern, die sie sich um den Hals schlang. Der lange Rock hat viele Falten, so dass ich vermute, er wurde auf einer Ungarnreise erstanden. „Sie sagen ja gar nichts.“ „Ich lasse Sie gerade auf mich wirken.“ Sie lacht herzlich und meint, „Ich lasse mich nun mal nicht gerne aufschreiben.“ Die Straße führt uns Richtung Rostock, so vermute ich, es kann sich um die Gegend zwischen Rostock und Stralsund handeln. Hier liegt ja auch das Schlösschen Krönnewitz, welches ich von früher kenne. Wir gondeln, denn von Fahren konnte man nicht sprechen, so dahin. Sie steuert einen Parkplatz an und parkt das Entchen. Sie fängt das Gespräch so an: „Da ich nicht möchte, dass ein Fremder weiß, wie man zu meinem Anwesen kommt, werde ich Sie bitten, die Augen zu schließen. Mein Anwesen kennen nur sehr wenige, in einem Verzeichnis ist es nicht registriert. Wenn ich später weiß, dass ich Ihnen trauen kann, werden Sie erfahren, wo es ist.“ „Spätestens wenn ich es sehe, werde ich wissen, um was es sich handelt und wo es liegt.“ Wir steigen aus und vertreten uns die Beine, als sie auf mich zukommt, sagt sie, „Ich werde Ihnen nun die Augen verbinden.“ Ich bin so erstaunt, dass ich nur sage, „Wenn Sie meinen. Dann spielen wir eben Blindekuh.“


6 Sie lacht, „Da habe ich auch nichts dagegen.“ Sie nimmt eines ihrer Tücher, legt es sorgfältig zusammen. Geschickt legt sie das Tuch über meine Augen, wickelt es noch zweimal darum und meint, „fertig.“ „Soll ich nun das Entchen suchen oder führen sie mich hin?“ „Suchen Sie ruhig.“ So bekommt die komische Situation eine lustige Variante. Tatsächlich lässt sie mich nach dem Auto suchen. Als ich aber zu sehr vom Weg abkomme, nimmt sie meine Hand und führt mich zum Wagen. So sitze ich nun mit verbundenen Augen neben ihr im Auto. „Ich hoffe es wird Ihnen nicht schlecht.“ „Nein, ich bin selbst verwundert, wie aufregend dieses Spiel ist. Es macht sogar richtig Spaß.“ „Sie können ja raten, wo wir gerade lang fahren.“ Sie setzt die Fahrt fort und will ein wenig über mich erfahren. „Ich werde Ihnen im Telegram-Stil eine Kurzfassung geben. „Soll ich langsamer fahren oder geht es so?“ „Wie lange wird es denn dauern?“ „So etwa eine Stunde, je nach Verkehr.“ „Erzählen Sie mal ein wenig von sich.“ Barbara will bei Adam und Eva anfangen, so bitte ich um eine verkürzte Schilderung. „Studentin der Germanistik, sechsunddreißig Jahre, also noch unter Honecker aufgewachsen. Mein Onkel hat mir das Gebäude vermacht. Zuerst habe ich mit dem Gedanken gespielt es zu verkaufen. Lange Zeit war gar nicht klar, ob wir überhaupt einen Anspruch auf das Anwesen haben. Ein entfernter Onkel ist der eigentliche Eigentümer. Er hat aber keine Erben. So fragte er meinen Vater, ob er Interesse hat. Eines Tages stand der Postbote mit einer Urkunde vor der Türe. Wir hatten keine Ahnung was uns erwartet.“ Wir reden noch über dieses und jenes und stehen plötzlich vor dem Tor. „Sie nehmen das Tuch erst ab, wenn ich es sage.“ Unter schrecklichen Geräuschen schiebt sich ein Tor zu Seite. Wir fahren hinein in den Hof, das Tor schließt sich. „Sie dürfen das Tuch jetzt abnehmen.“ Ein Gebäude im Backstein-Stil und von gewaltigen Ausmaßen liegt vor mir. Eine riesige Mauer scheint das Anwesen zu umgeben. „Weiß man, was es früher war?“


7 „Nein, keine Ahnung. Vielleicht eine Art Gefängnis.“ Wir wollen einmal um das Anwesen laufen, aber überall befindet sich eine etwa sieben Meter hohe Mauer. „Wir sollten die Besichtigung auf später verschieben“, schlage ich vor. Barbara meint, es sei ihr eigentlich noch nicht aufgefallen. Bisher fand sie es eigentlich angenehm, so für sich zu sein. Wir begeben uns in den eigentlichen Innenhof. Man muss den Weg durch ein riesiges Portal nehmen. Eine kleine Türe befindet sich in den zwei großen Flügeln, welche früher für die Kutschen geöffnet wurden. Es braucht dringend ein wenig Öl, wie so vieles in diesem Haus. Es gibt keine Türe die nicht ohne Knarren geöffnet werden kann. Der Innenhof präsentiert sich fantastisch, er ist mit kleinem Blaubasalt belegt und in hervorragendem Zustand. Einige Pflanzenkübel sind bereits aufgestellt. Ein großer Brunnen befindet sich in der rechten Ecke. Mein Blick schweift über das Gebäude, ich kann es kaum einordnen. Es scheint so etwa dreihundert Jahre alt zu sein. Barbara ist inzwischen zu einer Türe gegangen, welche der eigentliche Hauseingang ist. Sie winkt und will mir nun das Innere zeigen. „Wenn Ihnen mein Tuch zu warm wird, dürfen Sie es gerne ablegen.“ „Ich habe mich inzwischen schon daran gewöhnt. Es ist so angenehm weich und warm.“ „Na dann behalten sie es doch einfach um.“ Der Eingangsbereich, ein riesiger Saal ist mindestens hundert Quadratmeter groß. Von diesem Saal gehen mehrere Türen in verschiedene Richtungen. „Wissen sie schon welche Türe wohin führt?“ „Ja sicher, ich habe alle Gänge untersucht, aber viele Räume sind ohne Einrichtung, manche wiederum wirken wie Büros.“ Wir entschließen uns, die Richtung nach rechts einzuschlagen. Es folgten drei leere Räume, jeder so etwa fünfundzwanzig Quadtratmeter. Der Zustand ist nicht schlecht, ein wenig Farbe und schon könnte man sich vorstellen, darin zu wohnen. Der vierte Raum war ein Badezimmer, ebenfalls mindestens fünfundzwanzig Quadtratmeter, aber die Waschbecken sind entfernt worden, genauso wie die Wannen. „Vielleicht gab es gar keine Waschbecken, vielleicht wurde hier nur geduscht.“ Könnte tatsächlich sein, wir fanden einen Bodenablauf und einige Wasserhähne. „Sehr seltsam.“ Ein unangenehmes Gefühl kroch in mir hoch, es lief mir kalt über den Rücken. So gingen wir einen Raum nach dem anderen durch. Alle gaben uns Rätsel auf. „Unterlagen haben Sie wohl keine?“


8 „Nein, ich hatte damals das Gefühl, dass die vorigen Bewohner sehr schnell verschwunden sind. Aber es waren weder Papiere noch Unterlagen zu finden. Nur über eine sehr große Antenne habe ich mich gewundert, es gab auch einen Parabolspiegel. Vom Dachboden aus gehen einige Leitungen in den Hof. Diese ließ ich entfernen. Auch ein Strom Generator gibt es hinter dem Haus. Ob er noch funktioniert, weiß ich allerdings nicht. Wir sind aber an das offizielle Stromnetz angeschlossen. Wasser bekommen wir über einen eigenen Brunnen. Also die Räume werden wir wohl an einem Tag nicht alle besichtigen können. Es wird wohl einige Tage brauchen.“ Barbara macht den Vorschlag, erstmal an eine Brotzeit zu denken. Meine Hoffnung, nun die Umgebung kennen zu lernen, wird zerschlagen. „Ich war schon vor einigen Tagen da und habe den Kühlschrank gefüllt, müssen Sie wissen.“ Wir begeben uns in eine riesige Küche, „das ist ja mehr eine Kantinen-Küche.“ „Vielleicht war hier früher mal ein Zentrum, wo die Leute mehrere Tage nicht raus konnten.“ Es kommt mir ein schrecklicher Gedanke. „Wie sieht es mit einem Keller aus?“ „Ja, den haben wir hier auch. Nicht sehr angenehm, den werden wir am Schluss ansehen. Vielleicht besser erst morgen.“ „Wieso, Sie machen mich neugierig?“ „Jetzt brauchen wir erstmal eine gute Brotzeit.“ Ich greife zu einer Tischdecke und beginne mit dem Tischdecken. „Sie sind aber gut erzogen.“ „Wieso? Warum soll der Mann nicht mal den Tisch decken?“ „Gibt es auch ein kühles Bier?“ „Ja klar, ich lasse doch einen Bayer nicht ohne Bier.“ In wenigen Minuten zauberte sie einen toll gedeckten Tisch, sie hat wirklich an alles gedacht. Ich erklärte ihr nun, wie ich vorzugehen gewohnt bin. „Einmal muss ich abklären, welche Pläne sie überhaupt von dem Objekt haben. Wie viel Kapital wollen sie investieren?“ „Das sind aber viele Fragen auf einmal. Eigentlich wollte ich von ihnen Vorschläge bekommen, ihre Erfahrung nutzen.“ „Okay, das ist auch gut, so werden wir uns hinsetzen und einige Planspiele durchgehen.“


9 „Spiele habe ich gerne, wie Sie ja schon gemerkt haben. Sie scheinen mein Tuch ja gar nicht mehr hergeben zu wollen?“ „Wenn ich es noch ein wenig tragen darf? Wo sind hier eigentlich die Schlafräume?“ „Es gibt Säle.“ „Aha, Schlafsäle, stimmt meine Vermutung also doch, dass hier eine InfanterieEinheit untergebracht war. Sicher waren es Leute vom Geheimdienst oder von der Stasi.“ „Schon möglich. Wir werden hoffentlich einiges aufklären können.“ Nachdem wir uns noch einen Kaffee gegönnt haben beginnen wir mit dem Grundriss des ersten Stockes. Es sind cirka sechshundert Quadtratmeter, es können auch mehr sein. Eine Vermessung wird die Wahrheit an den Tag bringen. „Wo ist denn Ihr Zimmer?“ „Vor etwa einem Jahr habe ich einen Teil abgetrennt und diesen ausgebaut. Ich habe kurzer hand eine Zwischenwand eingezogen und so eine Einlegerwohnung geschaffen.“ „Aber fürchten sie sich denn nicht, nur mit ihrer Mutter, sonst hier ganz allein?“ „Wer soll schon kommen, der nicht schon da ist.“ Beim Vermessen der Räume entdecken wir immer mehr seltsame Dinge. Doppelte Spiegel in einem Kleiderschrank. „Hier muss wohl mal ein Raum gewesen sein, in dem Leute verhört wurden.“ „Wieso?“ „Kommen sie mal, wenn man diesen Schrank öffnet, gibt es einen weiteren Raum.“ „Lassen sie sehen. Ist mir noch nicht aufgefallen. Gehen wir doch mal hinein. Hier steht noch ein Tisch mit einem seltsamen Stuhl.“ Ich bitte Barbara auf diesem Platz zu nehmen. Sie setzt sich bereitwillig nieder. Ich zeige ihr die angebrachten Ledergurte. „Für was sollen diese sein?“ Ich führe es Barbara vor. Mit wenigen Handgriffen sind alle Gurte festgezogen und sie ist fixiert. „Dieser Stuhl ist aber nicht für Frauen sondern für Männer“ gibt sie zu bedenken. „Wie fühlen Sie sich?“ „Sehr komisch, wenn ich mir vorstelle, dass hier Leute verhört wurden.“ Ich scherze und meine, „dann machen sie sich mal wieder los. Ich werde inzwischen die anderen Räume vermessen.“ Ich gehe aus der Türe und schließe sie.


10 Von der anderen Seite kann ich durch den Spiegel sehen, was sie tut. Sie bleibt völlig ruhig sitzen, versucht mit den Fingern an die Gurte zu kommen. Ich will sie aber nicht länger so zurücklassen und gehe wieder zu ihr. „Wollen sie noch ein wenig so sitzen oder wollen sie wieder frei sein.“ Ich warte nicht auf eine Antwort sondern erlöse sie aus ihrer Lage. „Schon seltsam, wenn man sich vorstellt, dass es kein Scherz ist.“ Prompt fragte sie mich, ob ich nicht mal Probesitzen will. Ich überzeuge sie davon, dass es wohl besser ist, wieder an die Arbeit zu gehen. „Feigling.“ Mehr sagt sie nicht. „Sie werden schon noch dran kommen.“ Im nächsten Zimmer finden wir eine ehemalige Abhörstation. Es gibt aber nur noch Fragmente, die wichtigen Teile sind bereits entfernt worden. Wir kommen zu den Schlafsälen. Sie sind an den Türen mit Nummern versehen. Die Liegen bestehen aus Doppelbetten, wir nennen sie auch Stockbetten. Sogar die Matratzen sind noch da. „Naturmatratzen“ meint Barbara. Sie riechen ein wenig vergammelt. Auch Decken sind noch darauf. „Einmal hinlegen? Vielleicht ein Mittagsschläfchen gefällig?“ meint sie. Ich lege mich auf eine einfache Liege. Gar nicht so unbequem, „Sie können ja die Nacht hier verbringen.“ Wir gehen in den nächsten Raum, hier fällt auf, dass weniger Liegen aufgestellt sind. Vielleicht der Offiziers Raum. Aber alles ist noch vorhanden, „hier könnte man auch ein Pfadfinderlager einrichten.“ „Sie waren mal bei den Pfadfindern?“ „Ich sehe schon, wir haben uns viel zu erzählen.“ Der nächste Raum war ein Toiletten Raum. „Oh, dass erinnert mich an etwas, dürfte ich mal einen Moment alleine sein?“ Sie versteht und geht diskret einen Raum weiter. Ich komme ihr nach und stutze: „Was war hier untergebracht?“ Eine Holzliege, ohne Matratze, der restliche Raum ist leer. „Jetzt legen sie sich mal hier hin!“ befahl sie. Ich lache und lege mich auf die Holzpritsche. „Sehr unbequem.“ „Nun passen sie mal auf. Liegen bleiben, klar?“ „Wieso?“ „Sie werden es gleich merken.“ Die Ledergurte hab ich wohl übersehen. Nun kam die Retourkutsche.


11 Sie hat richtig Freude daran mich Gurt um Gurt zu fixieren. So liege ich dann völlig unbeweglich auf der Pritsche. Sie nimmt noch eines ihrer Tücher, faltet es genüsslich zusammen und legt es über meinen Mund. „So ist es zwecklos zu rufen.“ Ein weiteres verwendet sie für die Augen. „Also bis bald, ich mache jetzt erstmal ein Mittagsschläfchen“, sagt sie und verschwindet. Die Zeit will nicht vergehen. Die Pritsche wurde immer härter, rufen einfach zwecklos. Aber ich muss zugeben, es hat auch seinen Reiz. Ich höre Schritte und die Türe geht auf. „Na wie geht es meinem Gefangenen?“ Zum Lachen ist mir in dieser Situation nicht mehr. Eine Antwort bleibe ich schuldig. Sie lacht und meinte nur, „hab ich mich nicht toll revanchiert? Das hätten Sie wohl nicht erwartet. Aber sie hatten ja vorhin auch ihre Freude.“ Sie macht nicht die geringsten Anstalten mich zu befreien. „Ich glaube“, meint sie, „es wurde früher eher ein Knebel verwendet und nicht ein Tuch. Soll ich mal suchen gehen, ob ich einen finde?“ Ich höre wie sie einen Schrank öffnet, „aha, was haben wir denn hier?“ Eine Schublade, wurde unter lautem Quietschen aufgeschoben. „Ich glaube, ich habe, was ich suchte.“ Sie geniest die Situation. „Vielleicht reden wir mal über ihren Preis?“ „Das ist gemein“, gebe ich zu Bedenken. Sie scheint zu überlegen, was sie noch alles ausprobieren könnte. „Ob ich Sie heute noch befreien soll? Ich werde abzählen. Oder besser eine Münze werfen. Sind sie damit einverstanden?“ Viel kann ich nicht einwenden. „Also Kopf, sie bleiben liegen. Zahl, ich mache sie frei.“ Sie wirft, „Kopf, da haben Sie aber Pech gehabt. Jetzt möchte ich aber ganz ehrlich von ihnen wissen, ob sie mitspielen oder lieber nicht. Sie dürfen jetzt entscheiden.“ Ich zögere, so eine Lage ist schon verflixt komisch. „Keine Antwort ist auch eine Antwort.“ Ehe ich mich versah, legt sie mir ein Tuch über das Gesicht und anschließend dass Geschirr. Sie zog es richtig fest. Ich frage mich, was das eigentlich für ein Aufenthalt werden soll. Ich muss erkennen, dass Barbara ihre wahre Freude an diesen Spielen hat. So langsam werde ich ungeduldig, es macht inzwischen keinen Spaß mehr, die Gurte schneiden ein und es tut weh. Automatisch muss ich mir vorstellen, wie es wohl einem Gefangenen zu Mute war, der hier gefoltert wurde. Ich bekomme eine Gänsehaut und Panik und will dieses Spiel nur noch beenden. Die Türe geht auf, ich werde von dem Geschirr erlöst.


12 „Ich glaube sie haben genug?“ „Ich würde schon ganz gerne meine Glieder bewegen.“ Daraufhin nahm sie die restlichen Gurte ab. Ich stehe auf und muss mich strecken. „Jetzt stellen sie sich mal vor, sie liegen hier mehrere Tage.“ „Schrecklich, und immer das Gefühl es könnte einen jemand umbringen. Dieses Regime hat doch vor nichts zurückgeschreckt.“ „Na, wieder okay?“ „Das war gemein, wie lange war es denn?“ „So wichtig ist das doch gar nicht, vielleicht eine Stunde oder länger, ich hab nicht auf die Uhr gesehen.“ „Pass auf, ich werde mich revanchieren.“ Sie grinst mich an, „passen Sie nur auf, hier gibt es noch viele unerforschte Türen.“ Inzwischen wechseln wir immer zwischen du und Sie. „Ich selbst kenne höchstens ein Viertel der Räume. Ich hatte immer Angst, alleine hier herumzustöbern. Aber jetzt sind wir ja schon zu zweit.“ Sie nimmt ihre Tücher und legt sie ordentlich um ihren Hals. „Wollen Sie meines immer noch tragen?“ „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gerne.“ Wir kommen zum nächsten Raum, dieser war leer. Ich wollte die Fenster öffnen, dies war aber nicht möglich, sie waren mit einem Sicherheitsschloss versehen. Die Fensterläden aller Fenster waren verschlossen. Den Blick nach Draußen gab es nur in Richtung Innenhof. „Wir sollten mal darüber nachdenken, wo ich die Nacht verbringe.“ „Aber Sie kennen doch die Schlafräume.“ „Wenn Sie meinen, das ich da gerne übernachten möchte, na ja?“ „Keine Angst ich habe da noch ein schönes Zimmer, mit anschließendem Bad.“ Wir kommen in einen bereits renovierten Teil des Gebäudes und ich fragte, ob es ihr Reich sei. „Nein, ich habe mein Reich gegenüber auf der anderen Seite des Gebäudes. Dieser Teil ist für Gäste bestimmt.“ Sie brachte mich zu einem sehr ordentlich eingerichteten Zimmer mit einem neuen Badezimmer. „Ich meine Sie sollten sich mal frisch machen, nach all den Strapazen.“ Ich lache und trage mein Gepäck hinauf. Sogar Warmwasser gibt es. Nach dem Duschen lege ich mich entspannt auf das Bett. Ich schalte den Fernseher ein und höre Nachrichten. Es klopft, „kommen Sie ruhig herein.“


13 Sie war umwerfend, in einen Sari gewickelt, mit einigen Tüchern verschlungen. „Toll! Ich hätte dir das nicht zugetraut.“ „Ich habe ein wenig für den Abend vorbereitet, wenn Sie wollen, treffen wir uns im Salon, den kennen Sie ja schon. Ich will es gleich vorweg nehmen, mein eigenes Reich bleibt für alle tabu, auch für Sie. Es sind allein meine Räume und meine Welt.“ Im Salon übergebe ich ihr das Tuch, „ich glaube es muss in die Wäsche.“ „Da könnten sie Recht haben.“ Sie warf es in die Ecke. „Haben sie hier eine Waschmaschine?“ „Natürlich gibt es so etwas.“ „Darf ich Ihnen denn meine Wäsche bringen?“ „Bringen schon, aber waschen tun Sie sie bitte selbst. Ich werde es Ihnen erklären, auch ein Bügeleisen habe ich für Sie. Sie können doch bügeln?“ „Klar, zwar nicht perfekt, aber man kann die Hemden tragen. Ich werde aber mal kurz meine Wäsche holen, so kann ich sie noch heute waschen und das Tuch wasch ich gleich mit.“ „Wie sie meinen. Darf ich ein wenig Musik auflegen, hier gibt es einen alten Plattenspieler und ein Radio aus den Fünfzigern.“ „Super, wollen Sie lieber Schnulze oder Klassik? Was trinken wir denn?“ „Einen Roten, dann Schnulze, vielleicht etwas italienisches aus den Sechzigern.“ So wühlen wir in den Singles und lassen es uns gut gehen. Es blieb nicht aus, dass wir uns nach drei Stunden Weingenuss duzten. „Sag mir noch, was bist du für ein Sternbild?“ „Stier mit Aszendent Schütze.“ „Aha gut, dann weiß ich Bescheid.“ „Was weißt du nun über mich, was ich nicht weiß?“ „Ich werde ein andermal darüber sprechen, dann, wenn du mir deine Pfadfindergeschichten erzählst. Ausgemacht!“ Ich wollte gerade aufstehen, als sie hinter mir steht und mir ein großes weiches Tuch umlegt. Sie verschlang es mehrmals um meinen Hals und meinte, „es wird dir gut tun.“ Ich wünsche eine gute Nacht, inzwischen ist es halb zwölf, gehe in mein vorläufiges Zuhause und schlafe erschöpft ein. Ich höre ein lautes Geräusch, schrecke auf und tastete nach dem Lichtschalter. Endlich, meine Tischlampe brennt. Das Geräusch kommt von einem Generator.


14 Ich gehe in den Gang hinaus. So kann ich erkennen, dass es bereits zu dämmern beginnt. Es wird wohl so um fünf Uhr sein. Ich sah in den Innenhof und erkenne eine Person. Wahrscheinlich ein Hausmeister. Ich betrachtete den Innenhof und entdeckte im verlegten Blaubasalt einen Stern. Im Zentrum des Hofes konnte ich bei längerem hinsehen auch ein Wappen erkennen. Vor jeder Türe befand sich ein Buchstabe. All diese Zeichen konnte man auf den ersten Blick nicht sehen. Die Einlegearbeiten sind so geschickt ausgeführt, dass man sie nur bei einem bestimmten Lichteinfall sehen kann. Ich hole meine manuelle Kamera, welche einen hochempfindlichen Film hat. Ich mache Fotos von verschiedenen Seiten, in dem ich den Gang entlang gehe und aus den Fenstern fotografiere. „Das hatten wir nicht vereinbart“ sagt Barbara hinter mir. „Bitte entschuldige“, ich erzählte von einem lauten Rattern. „Das ist die Wasserpumpe, sie füllt die Zisterne.“ „Ich wollte einfach nur Luft schnappen und beim Betrachten des Hofes entdeckte ich die Einlegearbeiten.“ Sie verstand nicht, „zeig mir was du meinst. Beim besten Willen, ich glaub du nimmst mich auf den Arm, ich kann nichts erkennen.“ „Komm wir gehen runter ich will es aus der Nähe sehen.“ „Wie spät haben wir es eigentlich?“ „Ach, dass ich es nicht gleich gesehen habe, da über dem Eingang des Hauptportals ist ja eine Uhr.“ „Die kannst du vergessen, die geht doch nicht mehr.“ „Aber sieh mal 5.35 Uhr. Das ist Zufall, sicher ist sie damals um diese Zeit stehen geblieben, außerdem wissen wir doch gar nicht ob es wirklich so spät ist.“ Ich gehe nun in mein Zimmer und sehe auf mein Handy, 5.36 Uhr. Es stimmt also. Wir sehen beide gleichzeitig auf die Uhr am Portal, 5.37 Uhr. „Sie geht. Hast du hier einen Hausmeister?“ „Wäre schön, aber kann ich mir nicht leisten.“ „Aber er ging doch über den Hof als ich runter sah.“ „Du spinnst ja wohl. Ich lege mich noch mal hin, dass war jetzt zuviel.“ „Warum bist du eigentlich hierher gekommen, du konntest doch nicht wissen, dass ich in den Hof sah?“ „Keine Ahnung, ich ging Pipi machen und hatte das Gefühl ich müsste nach dir sehen. So sah ich dich hier fotografieren.“


15 „Sei es wie es wolle, ich lege mich nun noch ein Stündchen hin.“ Kaum in meinem Zimmer angekommen und mich hingelegt, klopft es. „Bitte, komm rein.“ „Ich habe für dich etwas, damit du besser schläfst.“ Sie kommt herein, drückt mir zwei Ohrenstöpsel in die Hand und eine Schlafbrille. „Komm ich helfe dir.“ Sie macht das gleich selbst. So schlief ich nochmals so tief ein, dass ich nur durch ein Rütteln wach wurde. Sie nahm mir die Schlafbrille ab und redete auf mich ein. Ich nahm Sie in den Arm, und ich spürte, wie gut es ihr tat. Wir besprechen nochmals unser Ergebnis vom Vortage, aber zuerst wollte ich in den Innenhof. Ich suchte nach den Schriftzeichen. Nahm einen Wasserschlauch und befeuchtete den Blaubasalt. Es zeigten sich keinerlei Farbunterschiede, wo waren die Zeichen? Wie konnte ich diese Dinge sehen und jetzt sind sie verschwunden. Es muss mit dem Morgenlicht zusammenhängen. Wir beschlossen, hier nicht mehr weiter zu forschen, sondern am nächsten Morgen gegen halb sechs die Sache neu zu betrachten. Wir beschließen die gegenüberliegende Seite zu erkunden. Dieser Teil ist in bestem Zustand. Es scheint so, dass hier wohl bis zuletzt gearbeitet wurde. Die Wandfarbe ist noch so frisch, dass ist noch keine fünf Jahre her, als gestrichen wurde. Der Saal gleicht einem Klassenzimmer, es sind etwa 30 Tische. Ein Pult, eine Tafel. Wir fanden auch alte Landkarten von Deutschland, Polen und Russland. Diese stammen alle aus der Zeit um 1938. „Sie mal hier ist noch ein alter Diaprojektor.“ „Eine Schachtel, lass mal sehen, was darin ist.“ „Lauter alte Dias. Die werden wir uns zum Abendessen reinziehen“ meinte Barbara. Wir gingen einen Raum weiter und fanden mehrere Clubsessel, Beistelltische und eine wunderschöne Mahagoniwand. Als wir die Türen öffneten, staunten wir nicht schlecht. Geschliffene Karaffen und Gläser, ein Kühlschrank, mindestens vierzig Jahre alt, leider ohne Inhalt. Eine weitere Türe gab eine Bar aus den Dreißiger Jahren frei. Sogar die Flaschen waren noch darin. Sehen wir doch mal nach was es so gibt. Wir schnappten uns zwei Gläser, wuschen sie aus und probierten einen Cognac, der muss ja mindestens vierzig Jahre alt sein. „Prima, den trinken wir, wenn wir uns die Dias ansehen.“


16 So stellten wir fest, dass hinter den Mahagoniwänden noch Hohlräume sein mussten. Es muss also Geheimtüren geben. „So langsam werde ich das Gefühl nicht mehr los, dass es sich hier um ein Hauptquartier handelt. Wahrscheinlich vom Geheimdienst.“ „Da kannst du Recht haben. Ich war ja erst drei, viermal hier, immer mehr bekomme ich einen ähnlichen Eindruck.“ „Aber du bist schon sicher, dass hier außer dir niemand mehr ist?“ „Ich kann dass ja nicht kontrollieren. Ich kenne als Eingang nur dass Tor, durch welches ich rein komme.“ „Diese Räume sind in einem Zustand, als wäre gestern noch jemand hier gewesen. Wir werden das noch genauer untersuchen. Wann hast du denn das letzte Mal die Räume inspiziert?“ „Ach, dass kann schon länger her sein. Ich bin mit Betti, kurz nach der Übergabe mal alle Räume durchgegangen, dass ist sicher schon einige Jahre her. Ich habe mich damals entschieden, meinen Wohnteil abzutrennen. Eine kleine Baufirma, hier aus der Nähe, hat dies gemacht.“ „Wie ist das mit dem Strom?“ „Ich habe hier einen eigenen Generator, du wirst ihn kaum hören, da er in einem Spezialraum untergebracht ist. Wasser kommt aus der eigenen Quelle.“ „Du bist völlig autark.“ „Ja, so sehe ich das auch.“ „Wir werden alles aufzeichnen, sonst bekommst du nie einen Überblick.“ „Das war also der Erste Stock?“ „Ja, mehr gibt es nicht.“ Wir lachen beide, denn alles zusammen sind bestimmt gute 600 Quadtratmeter. „Einmal Durchmalen muss ja eine wahre Freude sein. Vor allem frage ich mich, was wirst du daraus machen?“ „Vielleicht ein Internat oder eine Tagungsstätte.“ Wir hatten noch viele gute wie auch blöde Ideen. „Was steht uns denn noch bevor?“ „Wir haben noch einen Speicher, wunderschön zum Gruseln. Na dass ist ja dann was für dich. Vielleicht hängen da noch ein paar Leichen.“ „Hast du ihn jemals besichtigt?“ „Nein, ich habe mal aufgesperrt, hinein geguckt und sofort wieder zugesperrt.“ „Warum denn? Ist es voll von Spinnweben?“


17 „Nein, aber der Wind pfiff durch den Dachgiebel, außerdem ist das nichts für mich.“ „Wir haben uns das für den Baumeister aufgehoben. Da werde ich dann einen freien Tag nehmen und die Einkäufe erledigen.“ „Ach, ich soll also den Speicher alleine besichtigen.“ „Natürlich, du wirst doch keine Angst haben?“ Sagt Barbara recht frech. „Nein, ein Gebäude ist vielleicht erschreckend, aber Angst muss man davor nicht haben. Eigentlich wollte ich lieber mit dir Einkaufen fahren.“ „Kommt ja gar nicht in Frage, dann weißt du ja wo wir sind. Erst wenn ich volles Vertrauen habe, wirst du es erfahren.“ „Und deine Freundin Betti? Die weiß aber wo es liegt.“ „Nein, die bekam genauso wie du eine Augenbinde, sie mag das.“ „Vielleicht einmal, aber dreimal? Ich glaube du warst auch mal bei den Pfadfindern?“ „Klar, ich hatte viel Spaß.“ „Und Betti, war auch dort?“ „Ja, wir waren zusammen da.“ „Daher also dein Spieltrieb.“ „Was habt ihr gemacht?“ „Eine Mutprobe war, in einem Kloster, ganz oben im Speicher eine Nacht alleine zu verbringen.“ „Und, hast du?“ „Nein, ich ließ immer den Anderen den Vortritt.“ „Die Gelegenheit wirst du morgen bekommen.“ „Das Schlimmste, was es bei uns gab, war ein Spiel im Wald.“ Berichtet Barbara. „Na, jetzt erzähl schon.“ „Aus unserer Gruppe wurde ein Mädchen heraus gewählt. Es wurden ihr die Augen verbunden, und wir führten sie auf eine große Wiese. In der Mitte angekommen, wurde sie noch gedreht. Dann musste sie zurückfinden.“ „Ihr Mädchen seid aber auch nicht zimperlich.“ „Da kannst du aber drauf wetten.“ „So hast du also deine Leidenschaft entdeckt.“ „Was für eine Leidenschaft meinst du denn?“ Bohrt Barbara hartnäckig nach. „Ach, tu doch nicht so, du weißt schon.“


18 „Du hast ja Recht, ich hatte immer schon gerne Blindekuh gespielt. Oder ähnliche Spiele mit Augenverbinden.“ „Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du es nicht auch magst?“ „Es kommt natürlich immer darauf an, mit wem du spielst.“ „Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend?“ „Oh nein, dass machen wir sicher nicht.“ Barbara grinst über ihr ganzes Gesicht. Ich schlage vor, „Wir treffen uns im Salon und trinken vom guten Cognac. Du bringst noch ein paar Leckereien mit, okay?“ „Wir können ja stattdessen mal Fernsehen.“ In meinem Zimmer angekommen, hatte ich das Gefühl, als hätte jemand etwas gesucht. Die Schranktüren waren offen, mein Koffer verschoben. Ich bin mir nun ganz sicher, hier muss noch jemand anderes hausen. Aber wer soll Interesse an meinen Dingen haben. Ich sah sofort nach meinem Navigationssystem. Man hat es nicht gefunden. Mein Handy ebenfalls nicht. Wenn ich beides zusammen schalte, kann ich per E-Mail meine Peilung senden. Nach dem Duschen und Umziehen begab ich mich wieder in den Salon, wo auch schon Barbara mit den Vorbereitungen für ein Abendessen begonnen hatte. Nach zwei Stunden versuchte ich den Absprung. „Arbeit wartet auf mich. Ich wollte schon gerne mal wissen, was mich im Speicher erwarten wird. Sicher werden wir einen großen Besen benötigen, um die Spinnweben zu entfernen. Es wird wohl besser sein, eher alte Sachen anzuziehen.“ „Würde ich dir auch raten. Aber du weißt ja, ich bin morgen nicht da, du wirst den Speicher alleine durchforsten.“ „Sicher werde ich nicht allzu viel schaffen. Wie lange wirst du denn weg sein?“ „Ich schätze mal so drei bis vier Stunden.“ „Da werde ich dann gerade mal einen kleinen Teil besichtigt haben. Okay, ich werde mich nun in mein Zimmer zurückziehen, ich muss noch die Aufzeichnungen von Heute verarbeiten. So bekommen wir langsam einen Überblick.“ Mein Plan hatte nun den ersten Stock vollständig erfasst, bis auf den Teil, der Barbara persönlich betrifft. Ich bin schon richtig gespannt, was mich im Speicher erwartet.


19 Die Nacht war sehr unruhig, ich konnte das Gefühl nicht loswerden, als hätten sich die ganze Nacht Generäle gestritten und diskutiert. Truppen waren durch den Hof marschiert. Auch Schreie von Gefolterten glaubte ich zu hören. Ich schreckte immer wieder hoch. Meine Träume spielen verrückt. Am nächsten Morgen erwachte ich wieder sehr früh. Vielleicht täuschte ich mich ja, aber in den Fenstern gegenüber im sogenannten Westteil, sah ich drei Personen hinter den Fenstern. Ich war aber zu müde, um dieser Fatamorgana nachzugehen. Ich verdrängte es kurzerhand. Nachdem ich mich wieder zu Bett begeben hatte, schlief ich umgehend ein. Starkes Klopfen ließ mich hochschnellen. „Ja bitte?“ „Kommst du zum Frühstück oder willst du noch ausschlafen?“ „Oh Gott, wie spät ist es denn?“ Ich suchte nach meiner Uhr. „Wenn du deine Uhr suchst, die hast du im Salon liegen lassen. Es ist übrigens kurz vor neun.“ „Ich komme, gib mir 15 Minuten.“ „Wow, dass ist ja phänomenal, woher hast du all diese Dinge?“ „Ich habe meinen Kühlschrank geleert, weil ich doch Einkaufen gehe. So haben wir zum Frühstück etwas mehr.“ „Du scheinst ja gut ausgestattet zu sein.“ „Logisch, nur vom Feinsten. Freust du dich schon auf den Speicher?“ „Na klar, ich werde allen Mut zusammennehmen.“ „Das find ich toll, du wirst also nachholen, was du früher versäumt hast.“ „Na klar. Wie viel Aufgänge gibt es denn überhaupt?“ „Ich konnte bisher nur zwei finden. Einen gleich neben dem Salon, einen weiteren im Westflügel.“ „Da werde ich wohl besser den hier nehmen, so kann ich auf unserem Wissen von diesem Stock aufbauen. Die Schlüssel stecken sicher, oder?“ „Nein ich werde sie dir geben, der Speicher war bis jetzt immer verschlossen.“ „Bitte sei vorsichtig, nicht das du irgendwo durchbrichst. Ich gehe mal voraus und zeige dir den Aufgang.“ Sie sperrt eine recht schmale Türe auf, dahinter geht eine steile Treppe nach oben. Was mich erwartet verschlägt mir den Atem. Keine Spinnweben, alles sauber. Über einigen Möbeln hängen alte Bettlaken. Es muss noch einen größeren Aufgang geben, denn die großen Möbel können unmöglich durch die


20 schmale Türe hier heraufgekommen sein. Ich sehe nach einem Lichtschalter und tatsächlich, hier ist einer. Ein Versuch, es geht. Eine Neonlampe fängt an zu flackern, dann ist sie an. Barbara meint, „Sieh mal ein toller Ledersessel.“ „Schau mal zu mir ein wunderbarer alter Schrank. Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen.“ „Nein ich bin platt.“ Ein alter Schreibtisch. Eigentlich wirkt dies nicht so, als müsse man hier Angst haben. „Lass uns mal in den nächsten Speicher gehen.“ Wir gehen auf die nächste Türe zu, aber sie ist versperrt. „Der Schlüssel könnte im Schreibtisch sein“, meint Barbara. „Ja, du hast Recht, hier ist ein ganzer Schlüsselbund.“ Gleich der Erste passt. Im nächsten Abteil sieht es nicht ganz so fröhlich aus. „Noch eine Türe, dann muss ich aber fahren“, sagt Barbara. „Hier könnte man richtige tolle Appartements bauen.“ „Du wirst dir schon was einfallen lassen, aber ich muss jetzt zum Einkaufen. Lass bitte den Schlüssel an der Türe unten stecken.“ „Eigentlich hatte ich mit dir was anderes vor.“ „Nein bitte, lass mich heute arbeiten.“ „Okay, es gibt ja noch eine andere Nacht.“ „Bitte fahre vorsichtig, sonst bin ich hier für immer der Hausgeist.“ „Mach dir keine Sorgen. Tschüss, im Kühlschrank ist noch was zum Essen.“ Ich höre wie sie die Treppe hinabsteigt. Kurz darauf kann ich noch vernehmen, wie sie ihr Entchen startet. Das große Schiebetor wird geöffnet, „quietsch-quietsch“. Kurz darauf höre ich einen Knall, es wird doch nicht die Speichertüre gewesen sein? Ich laufe durch die Abteile und blicke die Treppe hinab, es war die Speichertüre. Wo hat sie denn den Schlüssel gelassen? Ich gehe die Treppe hinunter und muss feststellen, dass von innen kein Griff an der Türe ist. Der Schlüssel steckt von außen. Frauen! Sie hätte sich doch denken können, dass ich den Schlüssel innen benötige. Jetzt bist du in einer blöden Lage, denke ich so bei mir. Ich versuche mich gegen die Türe zu werfen, aber die Qualität ist besser, als ich dachte. Ach was, die vier Stunden gehen im Nu vorüber. So begebe ich mich wieder an meine Arbeit. Mein größtes Interesse weckt der Raum mit den Kisten.


21 Jetzt fehlt nur ein Stemmeisen. Wie soll ich die sonst aufbekommen, mit den Fingernägeln bestimmt nicht. Meine Spannung stieg ins Unermessliche. Ich finde eine halbe Dachschindel, damit müsste es gelingen, den Deckel aufzustemmen. Ich glaub es nicht, der Inhalt ist eine alte Schreibmaschine und zwei alte Telefone. Jetzt bin ich aber enttäuscht. Nun die nächste Kiste, sie ist erheblich schwerer. Der Deckel wieder mit Nägeln gesichert. Muss dass ein Idiot gewesen sein, fluche ich. Aber auch dieses Hindernis kann überwunden werden. Wieder finde ich nur technische Geräte, scheint ein Funkgerät zu sein. Okay, packen wir es noch mal an, aber nach dieser Kiste mache ich erstmal eine Pause. Mit dem Schlüsselbund bewaffnet, tastete ich mich vor. Eine Stahltüre. Ich versuchte alle Schlüssel, bis ich feststellte, sie ist nicht abgesperrt. Stockdunkel, absolute Schwärze kommt mir entgegen. Ich taste nach einem Lichtschalter, aha, da ist einer. Ein – Aus, nichts geht. Jetzt wäre eine Taschenlampe recht hilfreich. Da breche ich in ein Brett ein. „Scheiße!“ Ich taste herum. Das könnte ein Deckel sein. Ein Vorhängeschloss am Boden. Irgendein Schlüssel wird doch wohl passen. Ich bin völlig außer mir, dass Wasser läuft nur so von meiner Stirn. Na endlich, es geht. Ich kann den Deckel anheben. Aber was wird darunter sein? Vorsichtig lege ich den Deckel oder besser die Falltüre um. „Scheiße!“, jetzt fluche ich schon wieder. Nur nicht in das Loch fallen. Ich setze mich auf den Rand und denke nebenbei an meine Jeans. Rutsche Stück für Stück am Rand entlang. Aha, dies muss eine Stufe sein. Keine Falltüre ohne Treppe. Alte Pfadfinderregel. Nach der ersten Stufe finde ich auch die zweite und dritte. Langsam komme ich voran. Dann eine Holzwand. „Scheiße!“ Dieses Wort verwende ich ab sofort öfter. Die Holzwand wird eine Türe sein. Ich taste alles ab, da ein Lichtschalter, klick, Licht an. Pah, so was Blödes, oben haben sie den Schalter wohl vergessen anzuschließen. An der Holzwand angekommen, versuche ich alle Schlüssel, keiner passt. Ich klopfe die Wand ab, klingt irgendwie hohl. Ich versuche die aufgesetzten Leisten zu entfernen. Eine Leiste scheint locker zu sein, nein, es ist eine Geheimtüre, drehen der Leiste, offen. Aber was ist jetzt? Ein modriger Geruch, es riecht nach alter Wäsche. Es graust mir schon ziemlich. Alte Mäntel, Umhänge, es kann alles sein. Ich muss mich überwinden, hineinzugehen. In diesem Moment, wo mein Fuß den Boden berührt, geht eine Türe auf.


22 Ich bin erstaunt. Eine Kapelle. Sehr gepflegt, viele Figuren sind mit weißen Tüchern abgedeckt. Eine soeben gelöschte Kerze, ich gehe sofort darauf zu, sie ist noch warm, das Wachs butterweich. Was wird hier gespielt? Mein Blick geht automatisch zur Eingangstüre, sie steht noch halb offen. Ich stürze darauf zu, aber niemand zu sehen. Ich betrachte mir die Kapellentüre von draußen. Nun steh ich im Innenhof und möchte zu gerne wissen, was das alles bedeutet. Vielleicht ist ja Barbara zurück. Ich gehe zum Salon, kann aber nirgends jemand entdecken. In meinen Gedanken taucht immer wieder die Person auf, die ich zu sehen glaubte, am ersten Morgen. Die Person mit Kapuze. Ich will mir die Mäntel in der Kapelle nochmals ansehen. Als ich zur Kapellentüre komme ist diese verschlossen. Meine klare Meinung, hier spukt es. Mein Bedürfnis mich zu duschen, kann nicht länger auf sich warten. Im Badezimmer entschließe ich mich zu einem Vollbad. Ach, ist das angenehm. Wie spät ist es denn eigentlich schon? Ich erschrecke, sechs Uhr. Nun ist Barbara ja schon mindestens drei Stunden überfällig. Na ja, vielleicht hat sie ja ihre Freundin getroffen, dann ist eine Verspätung selbstverständlich. Ich ziehe nur noch den Bademantel über und verzichte auf großes Tamtam. Im Salon drehe ich noch eine Kurve über die kleine Küche, mal sehen, was noch zu essen und trinken da ist. Ich schnappe mir ein Bierchen und zwei Scheiben Wurst. Ich schalte den Fernseher ein. Es dauert nur wenige Minuten und ich schlafe davor ein. Irgendwann um Mitternacht, schleiche ich mich in mein Schlafzimmer. Noch einen Blick in den Hof. Ich sehe Licht in der Wohnung von Barbara. Völlig verschlafen, denke ich, sie ist aber spät gekommen. Wie immer wache ich gegen sechs Uhr auf. Ich döse ein wenig vor mich hin. Werfe einen Blick in den Hof und siehe da, die Kapellentüre steht offen. Ich ziehe mir meine Trainingssachen an, ab in den Hof. Vorsichtig gehe ich auf die Türe zu. Ich kann Kerzenlicht erkennen. Eine Person steht oder kniet, genau erkennen kann ich es nicht. Vorsichtig gehe ich hinein. Die Person erschreckt furchtbar. „O Gott, wie können sie mir das antun.“ Trotzdem bin ich überrascht, sie ist keineswegs erstaunt mich hier zu sehen. „Darf ich mich vorstellen?“ „Ich kenne sie schon, meine Tochter hat mir von ihnen erzählt, so konnte ich sie mehrmals im Hof beobachten.“ „Ihre Tochter hat sie mal erwähnt. Sie sind also Barbaras Mutter?“


23 „Ihre Tochter ist wohl noch nicht zurückgekommen?“ „Sie hatte einen Unfall.“ „Ist sie verletzt?“ „Sie hat nur am Telefon gesagt, sie wird ein paar Tage im Krankenhaus sein.“ „Sie haben hier also Telefon.“ „Ja selbstverständlich, wir sind hier doch nicht hinter dem Mond.“ „Darf ich mal telefonieren?“ „Das geht leider nicht, meine Tochter hat das Betreten ihrer Räume ausdrücklich verboten.“ „Verstehe, wie machen wir das mit dem Essen?“ „Ich werde ihnen etwas vor die Türe stellen.“ „Das ist aber sehr freundlich. Ich würde mich mit ihnen gerne mal unterhalten.“ „Nein, dass will ich aber nicht. Meine Tochter wird ihnen erzählen, was sie wissen sollten, aber mehr auch nicht.“ „Bitte entschuldigen sie nochmals mein plötzliches Auftauchen, und dass ich sie so erschreckt habe.“ „Bitte lassen sie mich jetzt in Ruhe beten.“ Eine seltsame Frau. Wie alt wird sie wohl sein? Nachdem ich sie nur kniend gesehen habe, kann ich auch nicht auf ihre Statur schließen. Aber sie hatte einen dieser seltsamen Mäntel an, so wie ich sie im Kapellenschrank gesehen habe. Diese Kapelle werde ich mir noch genauer ansehen, ich glaube sie birgt mehr als sie so scheinen lässt. Ich entschließe mich erstmal zu frühstücken. Mal sehen, was es überhaupt noch zu Essen gibt. Der Kühlschrank ist so gut wie leer. Oder sagen wir es positiv, er ist nicht mehr sehr voll. Kaffeemaschine an und Milch habe ich auch noch genug. Ich richte es mir gemütlich ein und lese nebenbei die inzwischen gefertigten Pläne. Nun bin ich soweit, dass ich nun die Pläne aufeinander legen kann. Ich werde meine Arbeit auf jeden Fall im Speicher fortsetzen. Ich stehe wieder an meiner Falltüre. Ich leuchte den Raum nun richtig aus, kann sehen, dass die Falltüre ziemlich in der Raummitte war. Ich verschließe die Falltüre erneut, diesmal war mir die Technik ja bekannt. Der nächste Raum gibt mir Hoffnung, endlich mit der übrigen Welt wieder Kontakt aufnehmen zu können. Hier sind ein Funkgerät und ein Radio installiert. Die Antennen sind perfekt. Ich hole also mein Handy und mein Navigationsgerät. Endlich kann ich was von der Umgebung


24 sehen, dieser Raum ist der erste, der eine richtige Dachgaube aufweist. Ich öffne das Fenster und ein frischer Luftzug kommt herein. Nun endlich, normale Arbeitsbedingungen. Ich schalte das Radio ein, ein mindestens zwanzig Jahre altes Gerät, aber es funktioniert. Bei Radiomusik lässt es sich doch gleich viel angenehmer arbeiten. Ich suche mir ein Kabel, dieses zerschnitt ich, die nun freigelegten Leitungen verwende ich um eine Verbindung zu meinem Handy herzustellen. So gebastelt habe ich schon lange nicht mehr. Ich hoffe nur, dass ich keinen Kurzschluss baue. Nach etwa zwei Stunden, der erste Funkversuch. Ich habe Empfang. Zuerst rufe ich meinen Freund in Berlin an. Ich erzähle ihm die ganze Story. Er lacht sich schief. „Gib mir mal deine Peilung, dann kann ich dir sagen wo du dich befindest.“ Ich gebe ihm Längen und Breitengrad. „Also ich kann dir soviel sagen, du bist sehr nahe an der polnischen Grenze. Der nächste Ort ist in Richtung Westen etwa siebenundzwanzig Kilometer entfernt. In Richtung Osten, also in Richtung Polen, hast du nur Sumpfgebiet. Bitte bleib mir erhalten und meide diese Richtung.“ „Sag mal könntest du mich besuchen kommen?“ „Die nächsten drei Wochen völlig unmöglich, ich habe wie du weißt immer noch mein Projekt in Berlin fertig zu stellen. Wir werden am besten so verbleiben, wenn ich kurzfristig mal Zeit für ein langes Wochenende habe, sende ich dir eine SMS.“ „Super Idee. Es wäre mir lieber, wenn wir zukünftig per SMS in Verbindung bleiben.“ „Okay, bitte sei vorsichtig, wenn man dir die Augen verbindet, du weißt nie was folgt.“ Nach ausgiebigen Gelächter verabschieden wir uns. Ich hole noch mein Fernglas und genieße den Ausblick in die Ferne. Nur Wald und in der Ferne, flaches Land. Dieser Blick sollte nach meiner Peilung in Richtung Osten gehen. Mein nächster Blick soll zwei Kisten gelten, welche sich unter der Dachschräge befinden. Sie waren unheimlich schwer. Trotzdem will ich sie richtig öffnen können. Ich ziehe mit aller Kraft und tatsächlich kann ich sie bewegen. Es gibt kein Vorhängeschloss, der Deckel ist mit Nägeln verschlossen. Nachdem ich nun mit Werkzeug gut ausgestattet bin, dauert es nur Minuten bis der Deckel entfernt ist. Zum Vorschein kommen Maschinenteile. Die Teile sehen nach Motorteilen aus. Ich entschließe mich sie genauer zu betrachten. Hier liegt auch ein dickes Kuvert. Nach dem Herausnehmen des Inhalts, sehe ich mehrere Zeichnungen für den Bau eines Motors.


25 Ich vergleich ich die Teile mit der Zeichnung und darf die erfreuliche Feststellung machen, dass es sich um einen zerlegten Motor der Marke Horch handelt. Mein Forscherdrang war nicht mehr zu bremsen. Die Türe steht offen. Meine Stablampe bestätigte meinen Verdacht, Kotflügel, Kühler, Ledersitze. Ich hatte ja schon viel darüber gehört, dass so mancher Besitzer seine wertvollen Autos einmauerte oder zerlegte um sie vor Plünderung zu schützen. Heute fallen diese Entdeckungen unter den Namen „Scheunenfund“. Ich vermutete, dass ich hier etwas ganz Besonderes gefunden hatte. Meine Gedanken kreisten nur noch um zwei alte Karren der speziellen Art. Die Fahrgestelle, wo sind sie geblieben? Ich hob noch einige Planen auf, immer dasselbe, Blechteile. Im Lageplan verzeichnete ich „Schrott“. Völlig aufgelöst, versperrte ich die eine und anschließend die andere Türe. Ich blickte in den Hof und sah vor meiner Eingangstüre einen Korb stehen. Sie hat mich nicht vergessen. Im Korb fand ich ein richtig leckeres Essen. Schnitzel, Bier und gutes Landbrot. Ich verzog mich in den Salon und beschloss, den restlichen Tag um das Anwesen zu wandern. Aber zuerst mal einen Mittagsschlaf. Es ging mir super, in Gedanken baute ich die Fahrzeuge bereits zusammen. Ich sah mich schon über die Alleen Mecklenburgs gondeln, mit einem Brotzeitkorb und Barbara an meiner Seite, vielleicht mit einem großen Strohhut und einem wehenden Schal. Kräftiges Klopfen reißt mich aus meinen Träumen. „Herr … meine Tochter lässt ihnen ausrichten, sie müssen erstmal ohne sie auskommen. Sie muss noch mindestens drei Tage im Krankenhaus bleiben. Ein Fuß scheint in Gips zu sein. Ich soll ihnen ausrichten, Unkraut vergeht nicht.“ „Vielen Dank für ihre Mühe.“ „Das hab ich doch gern gemacht.“ Ihr Ton ist nun nicht mehr so ablehnend, eher freundlich. Ich nehme es gerne zur Kenntnis. Gegen Nachmittag spaziere ich nun durch das große Tor und befinde mich in einer Art Außenring. Ich gehe soweit bis ich ein Tor in der Außenmauer ausmachen kann. Es ist total verrostet. Von innen mit einigen Eisenstangen gesichert. Hier ist sicher die letzten zwanzig Jahre keiner mehr durchgegangen. Ein wildes Gewächs rankt sich in dem reich verzierten Tor hinauf. Dann finde ich ein weiteres Tor, welches in den Innenhof führt. Absolut fest verschlossen. Dies weckt mein besonderes Interesse, sofort fallen mir die zwei Fahrzeug-Fahrgestelle ein, welche mir zu meinem Puzzle fehlten. Hier muss ich rein, koste es was es wolle. Neben dem großen Tor gab es noch eine kleinere


26 Türe. Die müsste zu knacken sein. Nach einer halben Stunde hab ich es geschafft. Vorsichtig öffne ich die Türe. So lange kann es nicht her sein, die Scharniere sind weder verrostet, im Gegenteil, sie sind sogar mit Öl verschmiert. Also, schließe ich daraus, dass diese Türe benutz wird. Es waren Hallen, in denen die Fahrzeuge gewartet wurden. Zwei alte Lastwagen stehen dort. Mercedes, ältere Baujahre. Für LKW-Fans sicher Juwelen. Aber ganz hinten am Ende der zweiten Halle glaube ich zwei Fahrgestelle ausmachen zu können. Hier muss ich auf jeden Fall noch mal her. In der Zweiten Halle sehe ich noch eine weitere Türe, welche aber mit Kartons zugestellt ist. Ich öffne die Türe und komme in eine kleine Garage. Hier steht etwas, mit Leinentüchern zugedeckt, könnte noch ein Auto sein? Ich lüpfe die Tücher und traue meinen Augen nicht. Ein vollständig erhaltener Mercedes SSK. Das Fahrzeug ist stark eingestaubt, hier hat sicher niemand die letzten zwanzig Jahre nachgesehen. Es fängt an zu dämmern, ich muss zusehen dass ich rechtzeitig zurückkomme. In meinem Zimmer angekommen, hole ich meine gefertigten Pläne und versuche die Lage der Garagen anzumerken. So langsam wird mir klar, dass es ein Lebenswerk sein wird, hier eine klare Linie zu schaffen. Ich höre jemand rufen, ich gehe in den Gang und da steht die ältere Dame von gestern. „Guten Abend, ich habe mit meiner Tochter gesprochen, sie lässt ihnen viele Grüße ausrichten. Sie wird morgen oder übermorgen kommen. Sie wird von ihrer Freundin hergebracht. Sie hat ein Bein in Gips und diverse Kratzer und Pflaster an den Armen und im Gesicht.“ „Das tut mir aber Leid“, entgegne ich spontan. „Sie sind doch ihre Mutter?“ „Ja so ist es.“ „Wohnen Sie schon immer hier?“ „Na ja, ich soll ja nichts sagen, aber meine Tochter hat gesagt, ich könne Ihnen vertrauen. Also will ich Ihnen soviel verraten, wie sie wissen können. Ich lebe hier seit sechzig Jahren, während der Kriege war ich immer die Köchin, so hatte ich wenigstens zu essen. Die Besatzer waren nicht immer höflich, auch teilweise sehr grob, wenn Sie verstehen was ich meine. Aber jetzt bin ich in einem Alter, wo mir die Ruhe gut tut. Mein Wissensdurst hält sich in Grenzen. Aber nun muss ich wieder nach meinem Schwager sehen, es geht ihm sehr schlecht. Aber er ist ja auch schon vierundneunzig Jahre alt. Hier ist Ihr Abendessen, jetzt hätte ich es beinnahe wieder mitgenommen.“ „Vielen Dank und ich hoffe, Sie können mir noch ein wenig bei meinen Nachforschungen helfen.“


27 „Ich darf ihnen einen Tipp geben, aber sagen Sie nicht zu meiner Tochter, dass Sie es von mir wissen. Sehen Sie mal in den Rollschrank am Speicher. Es wird ihnen helfen.“ „Vielen Dank und gute Nacht, grüßen sie bitte ihren Schwager.“ Das war wohl der Tipp, den ich gebraucht habe. Meine Brotzeit verschlang ich, mein Hunger kam erst bei dem Anblick, eines schönen Schnitzels, der Wein gab mir den Rest. Eigentlich war ich viel zu müde, aber einen einzigen Blick wollte ich doch noch werfen. Mit der Taschenlampe unter dem Arm ging in Richtung Speichertüre. Da hörte ich Schritte, die sich aus dieser Richtung schnell entfernten. Ein Schatten, er war nicht mehr zu sehen. Es gibt also noch jemanden, der sich für die alten Dinge interessiert. Ich höre noch entfernt jemanden eine Treppe herunterlaufen. Das gefiel mir weniger. Sofort kontrollierte ich alles in meinem Zimmer. Zuerst mein Handy mit dem Navi. Ich stieg in den Speicher. Alles da, er hat es wohl noch nicht entdeckt. Ich muss es besser verstecken. Aber eine SMS ist auf dem Handy. „Sei vorsichtig, es könnte noch einige „Aktive“ in deiner Behausung geben. Bewaffne dich wenn möglich, wenigsten mit einem Knüppel.“ Ich grinste, dies war der Humor von Richard, eigentlich sagen wir nur Richi zu ihm. Wir kennen uns noch aus der Sturm-und-Drang-Zeit aus München. Okay, dass war wenigsten ein Hinweis. Der Schreck in der Abendstunde! So jetzt aber noch einen Blick in den Rollschrank. Hier muss er gewesen sein, denn beim letzten Mal, als ich den Rollschrank sah, war alles sehr ordentlich. Nun lagen einige Ordner verstreut herum. Ich fing an, in den Ordnern zu blättern. Es sind Personal-Ordner. Da sehe ich doch einfach mal unter „Reinertshagen“ nach. Wo ist „ R“? Hier liegt ein Ordner, ganz in der Ecke. Ich blättere, der Papierstaub lässt mich kräftig niesen. Da, eine richtig fette Personalakte. Mit Hans Georg als Vorname, aber da, eine zweite Akte, Hans Werner. Es waren wohl Brüder. Aber welcher ist nun Barbaras Vater und welcher der Onkel? Ich nehme die Akten einfach mit auf mein Zimmer, das erscheint mir erheblich bequemer, außerdem steht da mein Wein. Ich studierte die beiden Akten, eigentlich ist es seltsam, dass sich der Onkel diese nicht schon längst besorgt hat. Oder war er so ordnungsliebend, das er in seiner eigenen Registratur keine Unordnung duldete? Also, es war wohl so, dass der Onkel das Ekel der Familie war. Er hatte die gesamten Jahre das Kommando. Der Bruder hatte nur untergeordnete Arbeiten zu tun, sich um die Fahrzeuge zu kümmern, er war wohl der Praktische von beiden, und vielleicht nicht so fies veranlagt. Ich blättere einfach mal nach dem Zufallsprinzip und stoße


28 auf den Namen Reinbacher. Hier ist ein Sterbedatum, Moment mal, der war ja gerade mal zweiunddreißig Jahre. Bei Verhör, Herzinfarkt. Na, da kann man sich ja einen Reim darauf machen. Verhört wurde er vom Onkel. Ich lege die Unterlagen bei Seite und nehme einen kräftigen Schluck. So, noch Duschen und ab in die Koje. Inzwischen ist es bereits halb zwölf. So gut hab ich schon lange nicht mehr geschlafen. Das Frühstück halte ich kurz. Für diesen Tag habe ich mir die andere Seite vorgenommen. Im Speicher angekommen, schlage ich den Weg nach links ein. Wo ist denn hier der Lichtschalter, ich nehme meine Taschenlampe und leuchte den Raum ab. Auf der anderen, gegenüberliegenden Seite entdecke ich gleich mehrere Lichtschalter in einer Reihe. Der Raum ist ziemlich voll gestellt. Wiederum Kisten, aber auch einige Schränke. Die Schränke erscheinen mir am leichtesten zu öffnen. Alles voller Kleidung, Uniformen, Stiefel und Helme. Sieht nach Ausgehuniformen aus. Mein Interesse wird nun durch die verschiedenen Uniformen geweckt. Es sind welche von der SS und auch Polnische Uniformen sind darunter. Die nächste Türe ist nicht verschlossen, das Licht befindet sich an der Türe. wie angenehm, denke ich. Dieser Raum hat keine abgemauerten Seitenwände, keine Raumteiler, wie ich sie in den anderen Räumen vorgefunden hab. Diese Seite des Speichers hat also nicht viel gebracht. Ich will nochmals in den alten Teil des Speichers zurückkehren, mir den Rollschrank und noch die verbleibenden Kisten betrachten. Der Rollschrank ist noch wie am Vortage. Es ist immer dasselbe. Protokolle von Vernehmungen, einige endeten mit Herzinfarkt. Andere enthielten Urteile mit Verbringung in ein Lager. Auch sofortige Erschießung kam vor. Die Ausführung der Befehle fand wohl im Innenhof statt. Was muss hier alles passiert sein. Es folgen Landkarten und Papierrollen, wieder gleiches Bild. So ging ich Rolle für Rolle durch. Ganz unten in der Kiste ein Plan, so etwa einen Meter auf einen Meter fünfzig. Ich breitete ihn aus. Siehe da, verschiedene Anwesen. Sie waren feinsäuberlich verzeichnet. Sie bilden einen Kreis, verteilt über MecklenburgVorpommern. So jetzt wird die Sache ja recht interessant, die Unterlagen stammen aber aus der Zeit der ehemaligen DDR, also zu Zeiten von Honecker. Diese Anwesen, waren wohl alle mit einem privaten Telefonanschluss vernetzt. Dies geht wenigstens aus dem Plan hervor. Ein Blick auf die Uhr, da werde ich doch noch die zweite Kiste inspizieren. Diese offenbarte das Langersehnte. Endlich Pläne von diesem Anwesen. Die wichtigsten vier Rollen schnappe ich mir unter den Arm und


29 nahm sie mit auf mein Zimmer. Den Speicher verschloss ich abermals gründlich. Jetzt hatte ich viel Arbeit vor mir. Bin gespannt, welche Überraschung für mich auftaucht. Ich kann es kaum glauben, es muss noch einen Keller geben. Nicht unter dem ganzen Anwesen, aber trotz alledem gewaltig groß. Ein Gewölbe, wenn also die Maße nur annähernd stimmen, wie unter einer Kirche. Ich gehe mit dem Plan auf den Gang und vergleiche mit den verschiedenen Eingängen. Der größte Kellereingang befindet sich also neben Eingang „A“. Dies würde bedeuten, dass ich nur durch die Räume von Barbaras Teil Zugang bekommen könnte. Bei „F“ hat es wohl auch mal einen Zugang gegeben. Ich muss einen Kellereingang finden. Was wird mich dort erwarten? Ein wenig Gruseln wird es sicher. Vielleicht steht einiges unter Wasser. Fragen über Fragen. Ach, da bin doch ganz froh, dass Barbara noch ein wenig weg ist. Gerade als ich mich umdrehen will, sehe ich im Hof eine Person. Die alte Dame ist es nicht. Die Person kommt aber aus dem privaten Teil. Ich schätze eher ein „Er“, vielleicht 35 Jahre alt, könnte aber auch jünger sein. Er hat einen Gehfehler, vielleicht Kinderlähmung, so vermute ich. Er zieht deutlich sein rechtes Bein nach. Auch seine Körperhaltung ist nicht gesund. Ich höre ein leises Rufen. Ach, ich hatte es völlig vergessen, die alte Dame bringt das Abendessen. Ich laufe ihr entgegen und bedanke mich. „Haben sie was von Barbara gehört?“ „Ja sie wird wohl morgen kommen. Aber sie wird für sie keine große Hilfe sein. Aber vielleicht kann ihnen ja ihre Freundin Betti zur Hand gehen.“ Da hat mir doch die nette Dame wieder eine Flasche Wein eingepackt. Ein Zettel liegt ebenfalls dabei. „Gehen sie den Gang im Speicher weiter, bis sie in den Westteil kommen.“ Mein morgiges Programm, stand also fest. Speicher ohne Ende. Auch in den unteren Räumen bin ich ja noch nicht wirklich ganz rum. Da muss es noch einige Räume geben. Ich richtete mir einen schönen Abendtisch, köpfte die Flasche, sogar mit einer Tischdecke, diesen Luxus gönnte ich mir heute. Später werde ich mich in den Salon begeben und noch ein bisschen Fernsehen. Ich höre Schritte auf der Treppe und sehe eine Person. Er hat mich jetzt ebenfalls gesehen und hat gemerkt, dass ich ihm nichts will. Sicher wird er den Kontakt suchen, vor allem, da ja die Dame das Abendessen gebracht hat. Dies hat er sicher beobachtet. Diese Nacht sollte meine schlimmste Nacht werden, die ich jemals erlebt habe. Kurz nach dem Einschlafen hörte ich laute Schreie. Ich glaubte Stimmen von mehreren


30 Personen zu hören. Einige wimmerten laut und unmissverständlich. Sie wurden wohl gequält. Ich musste sofort an die Liege und den Stuhl denken. Sind sie zurückgekommen oder haben sie sich vor mir versteckt? Ich weiß es nicht. Den Stimmen nach sind es Hunderte von Menschen. Ich sprang auf und rannte zum Fenster, welches zum Hof ging. Ich konnte keine Personen erkennen. Auf dieser Seite sind sie wohl nicht. Es gibt also noch andere Zugänge und Räume. Dann Schüsse, eine Hinrichtung? Es wird sehr leise. War der Spuk vorbei, oder kommt es noch schlimmer? Was ist passiert, war es ein Alptraum? Ich habe es niemals herausgefunden, was sich hier abgespielt hat. Ich starre an die Decke. Macht mich dieses Anwesen noch verrückt? Sollte ich besser abreisen? Ich drehe mich nochmals um und schlafe ein. Am nächsten Morgen verdräng ich die Gedanken an die letzte Nacht und richte mir alles, um den Speicher zu untersuchen. Nun stand ich erneut vor einer Türe. Es war eine Eisentüre. Zwei Riegel sicherten den Zugang, so, wie sie in allen Kellern in der Kriegszeit anzutreffen waren. Sie wurde sicher vor nicht allzu langer Zeit geöffnet. Sie ließ sich ohne Knarren aufschieben. Dahinter befand sich ein komplett ausgebauter Speicher, eigentlich schon eine Wohnung. Neue Fenster, ein Badezimmer, Küche. Einfach toll, ich war sprachlos. Aber warum meinte die alte Dame, ich müsse mir dies ansehen. Zuerst kam mir der Gedanke, diese Wohnung liegt über dem Wohnteil von Barbara, aber ein Blick in den Hof, verriet Anderes. Am Ende des Ganges kommt wieder eine Eisentüre. Hier fand ich ein Treppenhaus, das nach unten führt. Aber es gab auch eine Türe zu einem weiteren Speicher. Ich entschloss mich, den Speicher zu betreten. Ein sehr ordentlicher Raum mit einigen abgedeckten Gegenständen, vielleicht Möbel? Aber ich irrte. Ich hob die erste Plane hoch und fand ein großes Ölbild. Ob das echt ist? Ziemlich alter Schinken, urteilte ich ohne Respekt. Von welchem Maler wird es sein? Eine riesige Sammlung wertvollster Gemälde. Ich vermutete Kriegsbeute. Aber warum macht mich die alte Dame darauf aufmerksam? Ich finde keine Erklärung. Es befindet sich noch ein weiterer Raum im Anschluss. Einige Regale mit Zeichnungen. Auch Papiere für die Fahrgestelle. Es hat wohl jemand beim Zerlegen vor dem Krieg Notizen gemacht, damit man diese Fahrzeuge später wieder zusammenbauen kann. Es sind Vermerke vorhanden über die Lagerung der Teile. Die Unterlagen nehme ich mit.


31 Kaum in meinem Zimmer angekommen, höre ich die große Eisentüre im Hof quietschen. Anscheinend kommt Barbara. Ich werfe einen Blick in den Innenhof, tatsächlich fährt ein Auto direkt neben die Eingangstüre von Barbaras Anwesen. Eine junge Frau steigt aus, dies muss wohl ihre Freundin Betti sein. Sie geht um das Auto herum, hilft Barbara aus dem Wagen. Oh Gott, es hat sie schlimm erwischt. Sie wird wohl noch einige Zeit brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. „Hallo, ich bin Betti.“ „O Gott, jetzt haben sie mich aber erschreckt.“ „Tut mir leid, dass kommt durch die Turnschuhe.“ „Hi, ich bin Manfred, meine Freunde nennen mich Fredy. Sie müssen die Freundin sein.“ „Ja, so ist es. Ich bin mit Barbara aufgewachsen.“ „Sind sie heute das erste Mal hergefahren?“ „Ja, sehend schon. Sie wissen ja, oder durften sie sehen?“ „Nein, ich habe das Spiel mitmachen dürfen. Wie geht es denn Barbara?“ „Ach, sie ist zäh. So wie ich sie kenne, wird sie morgen versuchen die Treppen zu erklimmen. Den Wein soll ich schon mal vorbei bringen. Das Abendessen kommt später, soll ich ausrichten.“ „Ich werde die Zeit nutzen, um zu duschen und mich ein wenig frisch zu machen, jetzt sind ja wieder Damen im Haus.“ „Okay, bis später.“ Nach zwanzig Minuten Entspannung begebe ich mich in den Salon. Ich höre schon dass Klappern von Geschirr. „Kann ich noch helfen?“ „Klar, du kannst die Gläser rüberbringen und den Wein auf den Tisch stellen, nimm bitte noch etwas Eis mit. Wasser brauche ich jetzt auch dringend, bitte eine große Karaffe.“ „Hast du sonst noch Wünsche?“ „Wenn du das Tablett noch rüber trägst, bin ich zufrieden.“ „Wie sieht es mit Besteck aus, oder machen wir es mit den Fingern?“ „Dass kannst du halten wie du willst. Für mich aber bitte Besteck.“ Ich lege noch eine Tischdecke auf und hole Servietten. „Toll machst du das, deine Frau hat dich gut erzogen.“


32 Ich enthalte mich jeden Kommentars. „Was hast du denn zu bieten? Ich meine das Fernsehprogramm.“ „Ach so, ich dachte schon du wünschst eine Tanzeinlage.“ „Leider gibt es hier keine CDs, sonst könnte man ja auch mal Musik hören.“ „Was machst du denn beruflich?“ „Babs und ich sind Kolleginnen. Wir arbeiten im selben Amt und sind für die alten Gebäude zuständig, besonders die noch in staatlicher Hand sind.“ „Eine schöne Arbeit, macht sicher viel Spaß.“ „Wie man es nimmt, wir müssen ständig Kompromisse machen. Dieses Anwesen ist ebenfalls schwer ein zu ordnen. Es ist kein Schloss, auch kein Landgut, schon eher eine Festung.“ Betti will nun wissen, „Bist du länger hier?“ „Keine Ahnung, vorerst hab ich erstmal Urlaub genommen.“ Ich erzähle weiter von meinen Beobachtungen. Betti gähnt, sie scheint müde zu sein. „Es wird spät, lass uns morgen weiter machen, ich muss jetzt ins Bett.“ „Okay, dann bis morgen, ich bleibe noch ein bisschen“, meine ich. Bei offenem Fenster hab ich einen tiefen Schlaf. Erst gegen neun Uhr, wache ich auf. Als ich in Salon komme, ist bereits ein Frühstück gerichtet. „Du bist wohl Frühaufsteherin?“ „Länger wie sieben kann ich einfach nicht schlafen.“ „Wie sieht es mit Barbara aus?“ „Sie will zum Frühstück kommen.“ „Na, da bin ich aber gespannt. Sollen wir ihr helfen?“ „Das kannst du vergessen.“ Da höre ich auch schon jemand auf Krücken zur Türe hereinhumpeln. „Hallo, lass dich ansehen, dich hat es ja sauber erwischt.“ „Schau mich nicht an, ich habe mich gerade im Spiegel gesehen.“ „Du wirst schon wieder gesund. Nach ein paar Wochen wird alles vergessen sein. Wir werden dich tragen, füttern und deine Freundin wird dich anziehen und wickeln.“


33 „So stellt ihr euch das vor, aber ihr werdet euch wundern.“ Ich helfe ihr in den Stuhl. „Deinen Humor hast du aber nicht verloren, das ist das Wichtigste. Erzähl doch mal wie alles kam.“ „Es kam ganz einfach aus dem Wald.“ „Was denn?“ „Der Traktor mit dem Baum. Ich nahm meine alte Abkürzung. Ich brauste den Waldweg entlang, als ein Traktor mit einem Baum mir in die Quere kam. Auf Waldboden zu bremsten hast du sicher nie versucht, also lass es bitte. Ich krachte voll in den Traktor. Als ich wieder aufwachte, war Betti am Krankenbett. Eigentlich hab ich ja noch Glück gehabt. Sie sagten mir, dass alles noch dran sei. Auch alles verheilen wird, eine kleine Narbe wird an der Stirn bleiben. Schönheit, kann man eben nicht zerstören.“ „Komm, beiß mal ab.“ Betti erhob Einspruch, „das ist meine Aufgabe.“ „Oh, Verzeihung, ich wollte euch nicht in die Quere kommen.“ Barbara fängt an zu lachen. „Da brauchst du nicht zu lachen, ich habe schon aus deinen Erzählungen entnommen, dass du Manfred magst.“ „Das klingt ja nach Eifersucht. Dass finde ich toll, auf keinen Fall werde ich mich zwischen euch stellen. Also bitte Betti, füttern, waschen und du weißt schon.“ Betti fährt nun etwas entspannter fort, „ich allein werde mich um dich kümmern, dass wollte ich nur klarstellen.“ „Selbstverständlich“ ich wollte das Thema lieber verlassen, und so fragte ich ob ich etwas Wäsche waschen kann. „Schweif nicht ab, die Wäsche, nehme ich mit in die Waschküche, ich werde das für dich erledigen.“ „Das ist aber lieb.“ „Das ist eine Gefälligkeit und nicht lieb.“ „Also, ich verspreche, ich halte mich da raus. Was habt ihr für heute geplant?“ „Du sagtest gestern Abend, dass du mal die andere Seite der Garage sehen willst.“ „Ja gern.“ Barbara ließ sich unterrichten, was ich inzwischen herausgefunden habe. Natürlich hab ich nur die Hälfte erzählt. „Dann ziehen wir mal los.“ Barbara hat sich dies wohl leichter vorgestellt. Wir nehmen sie zwischen uns.


34 „Hier ist nun mein Heim, du siehst es zwar nur von außen, aber du siehst, neue Fensterläden und Fenster.“ Ich merke an, „und Gardinen.“ Die Fassade ist ebenfalls neu herunter geputzt. So müsste es halt überall aussehen. „Ich hab nur noch keine Ahnung, wie ich an Geld kommen soll.“ „Das Geld kommt mit dem Konzept, ich verspreche es dir. Ein wenig Geduld gehört natürlich auch dazu. Hier haben wir das Garagentor.“ „Diesen Teil habe ich schon als Garage für mein Entchen benützt.“ Wir öffnen das Tor und vor uns stehen in Reihe und Glied etwa dreißig Motorräder. „Sag mir bitte, was macht man mit soviel Schrott? Wir werden nicht mal einen finden, der dieses Zeug abholt.“ „Da bin ich mir nicht sicher, aber es gibt genügend Fans für diese Dinge, wir müssen es nur richtig anfangen.“ „Das überlasse ich dir.“ Betti, hat sich aus der bisherigen Diskussion heraus gehalten. „Betti, was sagst du dazu?“ „Ich finde Manfred hat recht. Wir werden einen Weg finden, um das Zeug loszuwerden, am besten über das Internet.“ „Es war wohl eher eine Schmiede.“ Betti stöbert derweil im Schmiedegerümpel herum. „Seht mal was ich hier gefunden habe.“ Sie hält einen Eisenring in der Hand, an dem eine Kette angebracht ist. „Was soll dass?“ „Komm mal Manfred.“ Sie nimmt einen Lumpen und wischt den Schmutz ab. „So jetzt mal her mit deinem Hals.“ Sie legt mir das Eisen um den Hals, es schnappt zu. „So jetzt hab ich dich an der Leine.“ Ein sehr breites Eisen, man kann den Kopf weder drehen noch knicken. „Gefällt es dir?“ „Ich glaube du probierst es besser selber aus. Nun mach es wieder ab.“ „Es ist eingeschnappt, wir müssen erst den Schlüssel finden.“ Barbara ruft noch, „das ist nicht fair.“ Sekunden später muss ich feststellen, dass die Kette über mir an der Decke befestigt war. „Was soll dass?“ „Nur ein Spiel.“ „So jetzt mach es wieder ab, du hattest deinen Spaß.“ „Ach, ich glaube wir lassen das noch ein bisschen so. Zumindest bis wir den Schlüssel gefunden haben.“


35 „Na dann Prost.“ Eine wahre Fundgrube für Liebhaber. Mit der Zeit wird mein Eisen um den Hals unbequem. „Jetzt macht endlich die Dinger ab, sonst werde ich noch grantig.“ „Grantig, da sei vorsichtig, sonst lassen wir dich hier zurück.“ Barbara meint, „komm Betti, dass muss doch nicht sein.“ „Ich bestimme!“ „Komm lass den Blödsinn.“ „Sieh mal was hier noch auf der Zeichnung ist. Irgendwo muss das Ding doch sein.“ „Was willst du denn mit der Kugel?“ „Das ist keine Kugel, dass ist ein Helm. Wir werden ihn ausprobieren, ob er passt?“ „Geht doch.“ Ich spüre noch, wie ich einen Helm übergestülpt bekomme. Langsam wird es unbequem. Diese blöde Kuh, dachte ich mir. Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein. Der Helm wurde langsam warm, unbequem war er sowieso. Dann macht sich jemand an meinem Helm zu schaffen. Er wurde abgenommen. Endlich konnte ich wieder frische Luft atmen. „Wie geht es dir denn?“ „Du bist schon ein schreckliches Weib.“ Betti stand vor mir, ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht. „Jetzt weißt du, dass du vorsichtig sein musst. War es sehr schlimm?“ „Ich muss das nicht haben, aber wenn es dir Spaß gemacht hat, ist das okay.“ Inzwischen ist auch Barbara gekommen. „Na, wie geht es denn unserem Aufsässigen?“ „Beschissen wäre geprahlt.“ „Sei vorsichtig, ich habe ihn noch in den Händen.“ Meint Betti. Barbara will nun wissen, „Na wie war es denn, eigentlich wünschen es sich doch die Männer immer so. Ich könnte ja noch mal den Helm...“ „Schluss jetzt.“ Sie will es ausreizen. Sie zieht mir den Helm über und schreit „Mund auf“ und verschließt ihn. „So jetzt mache was dagegen“, sagt sie zu Barbara. „Ich bitte dich, ich weiß du hast deine verrückten Tage, wo du so etwas brauchst, aber bitte nicht mit Manfred, er ist unser Gast.“ Nach ein paar Minuten, entriss Barbara den Schlüssel von Betti. „So nun geh! Ich werde den Helm abmachen und ihn einschließen, jetzt reicht es wirklich““ Barbara schloss auf und entschuldigte sich für Betti. „Sie hat immer wieder solche Ausbrüche, normalerweise spüre ich es schon Tage zuvor.“


36 Wir treffen uns zum Abendessen, ein guter Wein steht am Tisch, keine Rede mehr vom Vergangenen. Wir gehen sofort zum Thema Gebäude über. „Ich will euch noch von meiner Entdeckung erzählen. Ich habe in einem verschlossenen Raum einen alten Mercedes entdeckt. Er ist sicher sehr wertvoll.“ „Wie wertvoll?“ „Wir müssen einen Spezialisten befragen. Ich konnte ihn auch nur ein wenig aufdecken. Aber ein guter SSK ist bestimmt eine halbe Million wert.“ „Pah, dann hat es sich ja gelohnt, dass du gekommen bist.“ Betti fährt in die Parade, „den hätten wir auch gefunden.“ „Warum bist du denn so angriffslustig?“ frage ich. „Es interessiert mich nicht, was ihr für ein Vermögen habt. Es geht mir darum, dass ihr Kapital braucht, um zu renovieren. So ein Fahrzeug kann man sehr gut verkaufen. Die zwei LKW bringen auch Geld. Die Motorräder kann man versteigern. So bringt ihr eine Menge Geld zusammen. Aber dies müsst ihr selbst entscheiden. Die Frage die bleibt, ist einfach, was tun mit dem Objekt? Deine Mutter und dein Onkel müssen ja auch irgendwo bleiben.“ „Na ja, da ist ja noch mein Halbbruder, der Wilhelm. Er müsste in ein Heim, da er für sich alleine nicht sorgen kann.“ „Also, da sind drei Personen, um die man sich kümmern muss.“ „Das finde ich echt gut, dass du so denkst.“ Kommt es plötzlich von Betti.“ „Na hör mal, man kann doch niemand auf die Straße setzen oder in ein Heim stecken.“ „So, mich müsst ihr entschuldigen, ich gehe heute früh zu Bett.“ „Wieso, hattest du zu wenig Schlaf?“ Ich räuspere mich, unterlasse weitere Kommentare. „Bis morgen zum Frühstück.“ Auf meinem Zimmer angekommen, versperre ich die Türe und lege mich zu Bett. Ich glaube, ich bin noch bevor ich im Bett war, eingeschlafen. So einen verrückten Tag hatte ich noch nicht erlebt. Ob Betti noch ganz dicht ist?

Am nächsten Tag wurde schon beim Frühstück hart diskutiert. Ein wichtiger Faktor ist der Keller. „Glaubst du es gibt einen Keller?“ fragt Barbara. „Sicher, auf den Plänen ist einer. Ich habe schon mal eine Türe aufgesperrt, die ich als Kellertüre vernahm, aber einen richtigen Keller, das ist neu.“


37 Ich hole die Pläne und erkläre sie. „Es muss nicht unbedingt stimmen, aber zumindest irgendetwas wird da sein. Wir werden versuchen, einen Eingang zu finden.“ „Wo hast du denn aufgesperrt?“ „Das war hier drüben, erklärt Barbara, im Moment stehen Bretter davor. Wir brauchen sie nur wegräumen. Betti hilfst du?“ „Ja klar, ich bin dabei. Lass uns aber den Kaffee noch austrinken.“ Wo ist denn dein Kellereingang, welchen du aufgesperrt hast?“ „Der befindet sich in unserem Wohnbereich.“ „Hinein gesehen hast du aber nicht?“ „Nein, ich habe keinen Lichtschalter gefunden und habe einfach angenommen, dass es nur ein Kartoffelkeller ist.“ Als wir einige Bretter auf die Seite geräumt haben, fanden wir eine nicht verschlossene Türe. Da war auch schon der Lichtschalter. Zuerst verschlug es uns die Sprache. Die Wände waren abgeklopft, also im Rohzustand. Sogar ordentlich aufgekehrt, keine Spinnweben. Sieht so aus, als wären die Maurer gestern gegangen. Wir spürten einen leichten Luftzug, hier gibt es Luftschächte, aber keine Fenster. Im Raum standen einige lange Holztische und dazugehörige Bänke. So als wäre es eine Kantine. Alle sieben Meter waren Säulen und Rundbögen. Wir vermuten, dass man mit der Renovierung angefangen hat, aber nicht weiter machte. Dies bestätigte uns der folgende Raum. Hier war noch der alte Putz an den Wänden, marode, muffige Holzkästen standen durcheinander. So gingen wir auf den nächsten Raum zu. Dieser schien unterteilt zu sein. Wir fanden zuerst mal nur einen langen Gang. Links und Rechts Türen. Wir sahen in den ersten Raum auf der linken Seite. „Sieht aus wie eine Zelle.“ Unsere Vermutungen hat sich bestätigt, eine Pritsche und ein Klapptisch, mehr war hier nicht. Ich fühlte die Matratze, sie war absolut trocken, ein Schauer durchfuhr mich. Ein Dunkelraum, ohne Fenster. Jetzt erst entdeckten wir die Öffnungen in den Türen, es waren Luken, sicher zur Kontrolle. Wir ließen die Türe offen stehen und gingen zur gegenüberliegenden Tür. Der Raum bot ein ähnliches Erscheinungsbild. Wir kamen in einen weiteren Raum, hier waren niedrige Fenster und eine große Eingangstüre. „Ich vermute mal, dass hinter dieser Türe eine Rampe ist.“


38

Als sich unsere Augen an dass Licht gewöhnt hatten, sahen wir zwei Fahrzeuge. Große Limousinen. „Ob die noch fahren?“ fragt Betti. „Wir können es ja versuchen, nur mit den Nummernschildern würden wir auffallen.“ Ein Motorrad steht ebenfalls hier. „Da gibt es noch einiges zu renovieren.“ Ansonsten ist der Raum voll mit Gerümpel. Betti, ist eine Frau der Tat. Sie nimmt sich das große Tor vor. Mit einem riesigen Krach bricht sie das Tor auf. Gemeinsam ziehen wir am Türflügel. Nun kommt auch Licht in den Raum. Wir erkennen einen Vorraum, von hier gehen zwei Gänge weg. Ich nehme erstmal den rechten Gang und bin erstaunt, über lauter schmale Türen, eine neben der anderen. Da die Damen sich noch im großen Raum aufhalten, sehe ich schon mal in den ersten Raum. Ein mal ein Meter, ohne Fenster. Der zweite Raum, die gleiche Art. Sind wohl Abstellräume, aber warum dann so feste Türen? Die Türen sind von innen gepolstert. Kein Licht, seltsam. Ich habe den Eindruck, als würde mich hinter allen Türen gleiches erwarten. Ich gehe zurück, wähle den anderen Gang. Auch hier wieder viele Türen, nur der Abstand zueinander ist größer. Ich öffne die erste Türe, hier sind Stockbetten, immer zwei, also für vier Personen. Ein Lüftungsgitter zum Gang hin. Dieses hat in den anderen Räumen gefehlt. Nun kommen auch die Damen. „Was habt ihr denn die ganze Zeit getrieben?“ „Wir haben uns den Oldtimer angesehen, der ist richtig schick.“ „Wir werden ihn mal aus seiner Ecke holen. Das machen wir morgen“ Meint Barbara. „Was hast du hier entdeckt“? „Der rechte Gang hat lauter kleine Räume, etwas seltsam. Hier im linken sind wohl Schlafräume, aber ohne Fenster. Überall sind die Lichtschalter draußen.“ Betti drängelt sich vor, „das muss ich sehen.“ „Das sind Gefängniszellen, immer für vier Personen“ Erklärt sie. Ich gehe den Gang weiter und finde einen gefliesten Raum, ganz klar ein Duschraum. „Wo seid ihr denn?“ „Wir sind gerade in einer Zelle und lesen was an der Wand eingeritzt ist. Dies war wohl eine Art Gefangenentrakt.“ „Verrückt, wenn man sich die einzelnen Schicksale vorstellt. Wie viele sind hier überhaupt lebend wieder rausgekommen.“ „Was ist auf der anderen Seite?“


39 „Ihr findet dort lauter kleine Zellen.“ Ich bin noch bei dem alten Mercedes, er hat mich fasziniert. „Kommst du mal zu uns rüber, wir sind im rechten Gang.“ „Na wie findet ihr diese Räume?“ „Etwas eng.“ „Lass mich mal hineingehen.“ „Stell dich doch mal rein.“ Ich gehe hinein, die Türe wird geschlossen. Stockdunkel, absolut kein Lichtschein vom Gang. Ich versuche mich umzudrehen, dass geht nur sehr beschwerlich. Hier haben sie wohl die Leute hineingesteckt um sie gefügig zu machen. Ich sage, „ihr könnt jetzt wieder aufmachen“, aber es klingt sehr gedämpft. Das muss an der Türfüllung liegen. Ich klopfe dagegen, keine Reaktion. Ich stelle mir vor, was wohl ein Häftling für ein Gefühl empfunden hat, wenn er hier womöglich längere Zeit eingeschlossen war. „Na wie findest du das? Fragt Barbara. „Komm lass den Blödsinn.“ „Für heute werden wir Schluss machen.“ „Treffen wir uns später?“ Barbara meint, „wenn du gerne mal allein sein willst, sag es bitte.“ „Vielleicht hast du Recht, dann machen wir heute einfach mal getrenntes Abendessen und wir sehen uns morgen zum Frühstück.“ Wir sollten unbedingt überlegen, ob wir den kleinen Mercedes für dich richten lassen. Plötzlich wird die Türe aufgerissen, „Barbara Dein Onkel liegt im Sterben, hilf bitte! Wir wollen ihn nach Stralsund bringen, da gibt es einen Arzt, oder besser noch in ein Krankenhaus“ meint Barbaras Mutter. „Ich helfe euch ihn runter zu tragen, so könnt ihr ihn ins Krankenhaus bringen.“ Ich gehe sofort mit, Betti klappte an ihrem Wagen den Sitz um. „Wir legen ihn auf den Beifahrersitz.“ Die Mutter wollte lieber daheimbleiben. „Bitte fahrt jetzt los, ich bleibe hier, ich will lieber alleine sein.“ „Wir verstehen das“, meinte Barbara. „Wir rufen dich vom Krankenhaus aus an.“ „Junger Mann, können Sie mal zu mir kommen?“


40 „Ja sicher, ich komme gleich.“ „Nehmen Sie sich ein Glas aus der Vitrine und setzen sie sich zu mir, ich will Ihnen etwas erzählen. Ich muss Barbara einiges erklären, ich hoffe sie wird mich verstehen und mir verzeihen.“ „Um was geht es denn?“ „Sie fährt nicht ihren Onkel in Krankenhaus, sondern ihren Vater. Ich musste dies immer geheim halten, aber da ich nun spüre, dass es mit ihm zu Ende geht, muss sie es wissen. Ihr Vater und sein Bruder waren wie ein Ei dem Anderen. Sein Bruder jedoch war ein brutaler und unangenehmer Mensch. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht jemanden gequält oder sogar hingerichtet hat. Eines Tages ließ er seinen eigenen Bruder von den Wächtern abholen. Er warf ihm vor, das Land verraten zu haben. Sein Bruder war mein Mann. Sie müssen wissen, ich war mal sehr schön, sehen Sie sich ruhig die Bilder auf dem Kaminsims an.“ Ich stand auf, und ging zum Kamin. „Meinen sie die Bilder hier? Das ist doch Barbara.“ „Nein, das bin ich. Mein Mann sagte auch immer, sie kommt voll nach mir. Na denken sie, mein Mann kam in den Kerker, hier im eigenen Haus. Besuchen konnte ich ihn nicht mehr. Eines Tages kam sein Bruder abends vorbei und meinte, „übrigens morgen früh lasse ich ihn erschießen. Dann ging er mit einem Grinsen im Gesicht. Am selben Abend kam er nochmals zu mir und meinte, es tut mir leid.“ An seiner Stimme merkte ich aber, dass etwas nicht stimmte. „Ich muss dir etwas erklären, bitte erschrecke nicht.“ Ich spürte die Sanftheit in seiner Stimme, als ich plötzlich seine Verletzung an der rechten Hand bemerkte. „Bist du es?“, fragte ich. „Ja, aber es darf niemand wissen. Gestern Abend kam mein Bruder in Zivil in den Kerker. Er ging auf mich zu und meinte, damit du es weißt, ab morgen werde ich deine Frau vögeln. Daraufhin kam ich so in Rage, dass ich ihm einen Boxhieb verpasste. Er taumelte zurück und fiel an die Eisenkante meiner Liege. In diesem Moment kam mein Kumpel Gerhard vorbei, er hat alles beobachtet. Er sagt nicht viel und meinte nur, „um dieses Schwein ist es nicht schade.“ Komm beeil dich tausche einfach die Kleidung. Er half die Kleidung zu wechseln. Als sie es geschafft hatten, riefen sie die Wärter. Sie berichteten den Wärtern, dass der Gefangene den General angegriffen hätte, so blieb nur eine Möglichkeit, ihn zu erschlagen. Es war Notwehr! Die Wärter meinten, so brauchen wir ihn nicht mehr erschießen, ließen ihn abholen und in ein Massengrab werfen. Mein Mann, Hans-Werner, hieß ab diesem Tag Hans-Georg. Wir hielten dies natürlich geheim, ich hatte aber immer vor meiner Tochter Angst, dass sie es


41 herausbekommt. In den Aktenordnern hätte sie vielleicht einen Hinweis finden können. Die Jahre vergingen, als Barbara volljährig wurde, zog sie aus.“ „Was ist denn aus Gerhard geworden, er hat ja schließlich deinem Mann das Leben gerettet?“ „Er wollte so schnell wie möglich hier weg, er ließ sich nach Hamburg zur Marine versetzen. Später, hab ich nichts mehr von ihm gehört.“ „Aber dein Mann hat doch eine ganz andere Art gehabt, hat denn nie jemand etwas bemerkt, dass da was nicht stimmt.“ „Nein, er hat sich krank gemeldet, hat einen Nachfolger bestimmt. Die ganze Einheit, hat aufgeatmet. Sie dachten natürlich alle, ich hätte über Nacht die Fronten gewechselt.“ „Aber wann ist denn der Junge zur Welt gekommen“? „Es ist nicht unser Sohn, wir haben ihn gefunden, auf einem Transport war er zwischen den Männern. Ich bat, ob ich ihm was zu Essen geben dürfte. Der Transportführer meinte, nimm ihn, aber rede nicht darüber. So kam Wilhelm im Alter von etwa zehn Jahren zu uns. Er ist noch heute verstört, hat ein Trauma.“ „Wie alt ist er denn heute“? „Er ist inzwischen zweiunddreißig. Fast so alt wie Barbara.“ „Wie kam denn eigentlich Betti zu euch?“ „Betti stand eines Tages vor der Türe, etwa drei Jahre alt, genaues wissen wir bis heute nicht. Selbst der Suchdienst konnte keine Mutter oder Eltern ausfindig machen. Sie hatte Papiere bei sich, in denen stand, „Ich heiße Bettina Papenbruck.“ „Seitdem haben wir uns um sie gekümmert.“ „Aber von was habt ihr denn gelebt?“ „Ach, die Rente von Onkel Werner war sehr gut.“ Ich musste lachen, so viel Schlitzohrigkeit hätte ich ihr nicht zu getraut. „Sie dürfen sicher sein, über meine Lippen wird nichts nach Draußen dringen.“ „Er wird sterben, ich weiß es.“ „Sie sind aber noch sehr rüstig, und ich finde, sie sollten öfter mal unter Menschen. Sie müssen mir bei Gelegenheit ein wenig mehr erzählen. Ich finde sie sehr sympathisch, wir sollten alle mal zusammen Abendessen. Aber jetzt wollen wir erstmal sehen, was aus ihrem Mann wird.“


42 Das Telefon läutet. „Das sind die Kinder, tatsächlich, und was gibt es Neues?“ Barbara berichtet, „Die Ärzte haben ihn an den Tropf gehängt, aber es sieht nicht gut aus. Wir kommen jetzt wieder zurück.“ „Es wird noch dauern, darf ich sie nun alleine lassen?“ „Machen Sie, ich habe nur eine Bitte, retten Sie dieses Anwesen. Ich habe so auf Sie gesetzt.“ „Ich werde mein Möglichstes tun. In den nächsten Tagen wissen wir mehr. Also Gute Nacht.“ Es fallen mir die Gespräche mit Barbara ein, so genau weiß sie anscheinend nicht Bescheid. Vielleicht wollte sie auch nicht alles erzählen, so hat sie sich ihre Version zurechtgelegt. Es war so um neun Uhr, als ich sie beide kommen hörte. Ich sah mir im Fernsehen gerade einen Krimi an, als die Türe aufging und Betti herein kam. „Du hattest wohl noch nicht genug von Mord und Todschlag?“ „Wieso, was meinst du?“ „Na, alles was du heute so gesehen hast.“ „Na ja, es hing ja nirgends eine Leiche. Ich habe vorhin lange mit Barbaras Mutter gesprochen, sie hat mir einiges erzählt.“ „Alles?“ „Ich glaube schon.“ „Na, dann weißt du ja nun Bescheid. Ich finde es gut, wenn du alles weißt.“ Dann kam auch schon Barbara herein. Betti meint, „er weiß über alles Bescheid.“ „Ich wollte eigentlich vorschlagen, dass wir mal alle zusammen, ich meine auch mit deiner Mutter, abendessen.“ „Wir werden das in den nächsten Tagen arrangieren.“ Barbara kommt auf mich zu, „ich habe ja völlig vergessen, dir ein Tuch umzuwickeln, damit du besser schlafen kannst.“ „Was wird das denn?, keift Betti sofort“ „Betti, du kannst natürlich auch eines von mir haben, damit du nicht eifersüchtig wirst.“ Am nächsten Morgen, kam ich kaum aus dem Bett. Erst gegen neun, als Betti an der Türe stand und meinte, „willst du heute liegen bleiben?“, entschloss ich mich aufzustehen. Die beiden waren mit dem Frühstück schon fast fertig, als ich in den Salon kam. „Ach, sieh mal“, lästert Betti, „er trägt dein Tuch immer noch.“


43 „Was steht heute auf dem Programm?“ „Wir wollten uns doch den alten Karren ansehen, ob wir ihn in Gang bringen“ Antwortet Barbara. „Ja, irgendeine Lösung musst du haben, denn ein Auto brauchst du.“ Wir gingen gemeinsam zur Rampe und schoben die Türe auf. Betti fuhr mit ihrem Wagen in die Garage. Bei Tageslicht sah der alte Wagen noch schöner aus. Wir holten einen Besen und Wasser. Wir waren richtig begeistert, es kam ein kleiner Traum zum Vorschein. Wir klemmten das Batteriekabel um und versuchten zu starten. „Natürlich kein Mucks. Er muss in eine Werkstatt.“ „Wir werden in den nächsten Tagen einen Entschluss fassen, was meint ihr?“ „Da bin ich ganz deiner Meinung. Vielleicht ist es billiger, momentan einen Leihwagen zu nehmen?“ „Glaub ich auch.“ „Wo ist denn Betti geblieben?“ „Keine Ahnung.“ „Sie ist vorhin in diese Richtung gegangen.“ Wir gingen zu den Zellen. Alle Türen waren offen. Wir sahen Zimmer für Zimmer durch, keine Betti. Da hinten sind die Waschräume, „vielleicht nimmt sie ein Vollbad?“ Da stand sie, mit beiden Händen an eine Wasserleitung gefesselt. Mit Handschellen, linke Hand an ein Rohr, rechte Hand ebenfalls. Die Augen verbunden und einen Knebel im Mund. „Was soll dass denn?“ frage ich. „Ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“ „Viel Spaß“ meint Barbara zu Betti!“ Wir sehen später mal nach dir.“ „Na gut, ich werde inzwischen mal in den Salon gehen, so treffen wir uns einfach später bei Betti, um sie zu erlösen.“ Am späteren Nachmittag, traf ich wieder auf Barbara, „Hast du mal Betti besucht?“ „Wieso, ich dachte du hast.“ „Nein, ich wollte mich da nicht einmischen, es ist ja eure Sache.“ Wir gingen beide gemeinsam zu Betti in den Waschraum. „So, nun schnauf mal durch.“ Meint Barbara zu Betti. „Ihr seid ja so was von gemein, lasst mich hier hängen, seit Stunden, kommt niemand vorbei!“ Sie schimpft wie eine Furie.


44 „Hast du nun endlich genug?“ „Wartet nur ab, meine Zeit kommt bestimmt und dann wird es euch schlecht ergehen.“ „Aber für heute sollte erstmal Schluss sein. Ich für meinen Fall, gehe zu Bett.“ Am nächsten Morgen treffen wir uns alle im Salon. „Was steht denn heute auf dem Programm“? „Wann fährt denn jemand mal zur Post, es könnte sein, dass für mich einiges aus München eingetroffen ist?“ „Wir könnten das am Nachmittag machen“ schlägt Barbara vor. „Wir werden sehen, morgen reicht auch.“ Wir begaben uns in den etwas runtergekommenen Westteil. Betti hatte dann einen guten Einfall für die Verwendung des Anwesens. „Wir machen eine Grusel-Burg aus dem Anwesen. Vielleicht für das Fernsehen, so wie es dies in Frankreich gibt.“ Hier sind wohl früher mal die Herrschaftszimmer gewesen. Alle Räume haben Parkett und sehr große Türen. Auch Mobiliar ist teilweise noch vorhanden. Riesige Spiegel an den Wänden. „Hier haben also die Großkopferten gewohnt.“ Es waren verschiedene Wohnungen, eine an der anderen. Die letzte aus dieser Reihe war schon eine richtige Südwohnung. Die Sonne hat sie trocken gehalten, daher roch sie auch nicht so modrig. Die Wohnung ist auch komplett ausgestattet. Wir reißen die Fenster auf und öffnen die Läden. Sogar die Betten sind noch drin. Betti gibt mir einen Schubs und ich lande direkt in einem Federbett. „Puh, ist das aber widerlich.“ „Hier werde ich dich mal eine Nacht zurücklassen.“ „Wahrscheinlich bin ich dann am nächsten Tag erstickt.“ „Das könnte schon sein.“ „Aber bei offenem Fenster, da werden dann die Fledermäuse kommen, vielleicht auch Vampire!“ „Das ist doch dass Höchste.“ Barbara meint zu Betti, „du kannst ja gerne umziehen.“ „So schlecht ist das hier gar nicht. Ist doch eine große Wohnung. Sogar eine Küche ist vorhanden. Ein Badezimmer ist auch da. Seht euch mal die Fliesen an. Die Waschbecken kommen gerade wieder in Mode.“ „Sehen wir mal was darunter ist. Hier geht eine Treppe hinab, völlig separat. Vielleicht eine Einlieger-Wohnung?“


45 Im Untergeschoß finden wir einen Eingangsbereich. „Super, jetzt brauchen wir noch nach dem Speicher sehen, ob das Dach dicht ist. Dann steht ein Umzug für Betti an.“ Betti protestiert gleich, „ich will doch nicht alleine hier wohnen.“ „Hast du etwa Angst vor Geistern?“ „Na klar. Ich habe schon letzte Nacht Todesängste ausgestanden.“ „Hast du dir in die Hose gepinkelt?“ will Barbara wissen. „Werd jetzt bloß nicht frech.“ Meint Betti. „Los jetzt in den Speicher.“ Wir steigen in den Speicher, er ist nicht verschlossen. Gleich im Eingangsbereich gibt es hier zwei große Dachgauben. Die Räume sind sehr schön ausgebaut. Wir öffnen die Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Hier finden wir eine Bibliothek. Sogar mit vielen Büchern. „Also, es kann nicht so lange her sein, dass hier jemand gewohnt hat.“ Ein Mädchenzimmer, in den Schränken sind noch Kleider. „Schau mal, dass könnte dir passen.“ Barbara hält sich eines vor die Brust. Unterwäsche, die stammt ja wohl noch aus Omas Zeiten. „Ein Mieder, dass kannst du ja mal probieren.“ Die beiden albern herum, wie kleine Kinder. „Zieh doch mal an.“ Blusen und Röcke aus der Jahrhundertwende. „Toll, hier die Schals und Tücher. Komm wir binden Manfred ein Tuch um, vielleicht mag er es ja so gerne wie die deinen.“ Ich ließ es geschehen. Betti wickelte und wickelte, sie hatte ihre wahre Freude. „So nun noch eines, dann ist das so wie früher.“ Sie zog es sehr streng zu. Wenn es nicht so modrig wäre - die Mode war gar nicht so schlecht, angenehm warm. „Wir werden sie waschen. Dann darfst du sie tragen.“ Sie band mir noch eines vor die Augen und lachte. „So bleibst du jetzt.“ Sie nehmen mich am Arm und gehen mit mir in das nächste Zimmer. Ich tastete mich ein bisschen herum, zum Gelächter der beiden. Ich kam in ein anderes Zimmer, verschloss die Türe und befreite mich von den Tüchern. „Na Gott sei Dank.“ Da gibt es noch eine weitere Türe. Wir öffnen sie, hier geht es wohl in eine Art Wäschespeicher. Da hängen noch Bettlaken, Vorhänge, Tischdecken. „Guck mal Betti, da sind noch Stoffwindeln, die müssen ein Baby gehabt haben.“ „Die kann ich ja dann für dich verwenden.“ „Diese Wohnung könnte man sicher mit wenigen Mitteln renovieren.“ „Das Bettzeug muss noch gebügelt werden“, merke ich an.


46 „Das wäre doch eine Wohnung für Manfred“, meint Betti. „Ich will doch nicht ewig bleiben!“ „Wir werden dich zu überzeugen wissen, dass kannst du uns glauben.“ Wir steigen die Treppen hinunter, „Wir hätten den Koffer mitnehmen sollen.“ Ich gehe noch mal nach oben, um den Lederkoffer zu holen. Er ist ziemlich schwer, aber ich schaffe es. Als wir im Hof stehen, sehe ich Barbara mit einem großen Stoffpaket. „Was ist denn das, willst du etwa heute noch Waschen?“ „Na die Tücher und Schals, die werde ich dir waschen.“ „Aber die Windeln, hast du hoffentlich dort gelassen.“ „Mal sehen.“ Am Abend trafen wir uns wieder im Salon, um den Koffer zu inspizieren. Er ist abgeschlossen und das Schloss ist ziemlich stabil. „Wir brauchen einen Schraubenzieher, dann werden wir es schaffen“. Gegen die rohe Gewalt hatten die Schlösser keine Chance. Die Schnappriegel sprangen auf und wir staunten nicht schlecht über den Inhalt. Der Koffer war voll von Fotos. Die Qualität war teilweise sehr schlecht. Alle Bilder hatten etwas mit Militär zu tun. Gruppenfotos, aber auch Panzer und Granatwerfer. „Am besten wir bringen den Koffer zum Roten Kreuz. Vielleicht gibt es Hinweise auf Vermisste.“ Wir leerten den Koffer vollständig aus, ganz unten fanden wir dann doch noch etwas Interessantes. Jede Menge Fotos vom Anwesen. „Sieh mal, hier ist das große Garagentor. Und im Hintergrund kann man die LKWs sehen, die stehen heute noch dort.“ Auf einem Bild erkannten wir Barbaras Mutter in der Küche. Auf weiteren haben wir sogar Barbara im Kinderwagen entdeckt. „Schau mal, da ist ja unsere alte Schule und Betti ist auch auf dem Bild.“ „Kommt lasst uns ein Glas Wein trinken.“ Ich hole Gläser und ein wenig zum Knabbern haben wir auch noch. „Wie war das denn früher bei euch mit der Schule? Ich habe mal gehört, dass es Schulen gab, da waren mehrere Klassen in einem Raum.“ „Ja, so war das bei uns auch, zumindest die ersten vier Klassen. Wir sind ja schon sehr früh von hier weggekommen, wir, da meine ich Betti und ich. Es war für uns etwas Besonderes, dass wir zur Tante durften, in die Großstadt nach Stralsund.“


47 In Stralsund gab es ein Schwimmbad, und natürlich jede Menge Jungs. Wir gingen ins Kino, tanzen und konnten auch mal ans Meer zum Segeln. Ich höre sehr gespannt zu. „Ihr hattet ja riesiges Glück, dass ihr beide bei der Stadtverwaltung untergekommen seid, oder seht ihr das anders?“ „Wir haben ja auch hart dafür studiert. Wir waren die einzigen, die sich mit den alten Schlössern und Burgen auskannten. Jetzt sind wir inzwischen verbeamtet. Wir bekommen also später mal eine gute Pension.“ „Erzähl mal, wie war das bei dir?“, will Betti wissen. „Ich bin in München geboren. Hatte eine ziemlich Chaotische Kindheit, als Jugendlicher bin ich im Winter zum Skifahren. Im Sommer war ich im Segelclub. „Ich werde dann noch mal eine Flasche Wein öffnen. Soll ich noch ein paar belegte Brote dazu machen?“ „Was ist denn noch im Kühlschrank?“ „Salami, Streichwurst, dass war es.“ „Na dann machen wir noch eine richtige Brotzeit.“ Barbara tritt an meine Seite. „Ich werde dir helfen. Ich schneide das Brot und streich es mit Butter, du verteilst die Salami“. Betti lachte, „wenn man euch so zuhört, dann könnte man glauben, ihr seid seit zehn Jahren verheiratet.“ Betti kam mit einer Flasche Wein zurück, „ich hoffe es ist ein Trockener.“ Wir saßen recht lustig in der Runde, als im Hausgang etwas mächtig klapperte und schepperte. Wir sprangen auf und sahen jemanden in Eile davon rennen. „Wer war das denn?“ „Seht mal her, das ist mein Laptop. Er hat ihn verloren. Sicher ist er hin.“ Wir gingen sofort in mein Zimmer und mussten feststellen, dass alles durchwühlt war. „Einbrecher?“ „Aber hier kommt doch niemand rein.“ „Ich werde mal nach Wilhelm sehen, vielleicht weiß er etwas.“ „Komm bitte mit, vielleicht ist ja der Einbrecher noch im Haus.“ Wilhelm stammelte herum, „ich habe letzte Woche im Ausbildungsheim von den wertvollen Sachen erzählt, die Manfred entdeckt hat. Du weißt ja, wir haben doch noch den alten Stollen, durch diesen kommt man doch in die Anlage.“ Wir waren sprachlos. „Stollen, welchen Stollen?“


48 „Na ihr wisst doch, der hinten am zweiten Ausgang herauskommt.“ Ich vermute, da hat sich jemand einen Eingang gemacht. „Los, wir müssen nachsehen, Wilhelm, du kommst mit und zeigst uns den Stollen.“ Jeder von uns schnappt sich eine Taschenlampe, so zogen wir los. Wilhelm ging mit uns in den Keller. „Da ist er gelaufen“, stellte Wilhelm fest. Wir mussten uns etwas bücken und nach etwa sieben Metern kamen wir zu einem Eisengitter. Es stand offen, dahinter sahen wir ein kleines Wäldchen und einen Weg. Ein Kleinbus versuchte sich davon zu machen, aber er saß fest. Die Räder drehten im nassen Laub durch. Wir gingen auf ihn zu und Wilhelm erkannte seine Kumpanen sofort. „Was habt ihr euch den dabei gedacht. Los kommt raus.“ „Ihr habt ja nur Glück, dass wir hier keine Polizei brauchen. Macht auf, mal sehen was ihr erbeutet habt.“ „Da schau her, mein Handy und mein kleines Radio. Na viel war es ja nicht. So und jetzt geht ihr zu Fuß nach Hause. Den Wagen könnt ihr morgen abholen. Gebt den Schlüssel her.“ Sie meckerten und fluchten, aber sie stapften los. Wir schlossen den Wagen ab und gingen wieder zum Stollen zurück. Das Eisen Tor zogen wir zu. „So hier ist zu. Wer weiß wie viele solche Eingänge es noch gibt?“ Wilhelm will nun gehen, es ist ihm sehr unangenehm. „Los zieh ab, „aber bitte nie wieder mit jemandem über dieses Anwesen sprechen“, beschwört in Barbara. „Ich verspreche es.“ Betti meint, „hier war ich noch nie.“ „Doch, du kannst dich nur nicht mehr daran erinnern. Sie will die Pritsche sehen und ist begeistert. „Das ist ja äußerst praktisch, da muss man ja gar nicht lange rum tun, da bist du gleich fixiert.“ Anschließend gingen wir in das Verhörzimmer, und Barbara meint, „hier hat mich Manfred überrumpelt.“ „Wieso?“ „Er bat mich Platz zu nehmen, Sekunden später war ich angegurtet.“ Betti war begeistert. „Na Manfred, möchtest du nicht Platz nehmen?“ „Sicher nicht.“ „Ach komm, nur ganz kurz.“ „Ein anderes Mal, für heute hatten wir genug.“


49 „Versprochen?“ „Okay.“ Wir gingen auseinander und ich versuchte mein Laptop in Gang zu bringen, leider vergebens. Mein Handy war noch in Ordnung. Ich legte mich schlafen. Es war natürlich nicht gut, dass nun Fremde von diesen Schätzen wussten. Ich beschloss mit Wilhelm zu reden, er scheint die Anlage besser zu kennen als die beiden Damen. Zum Frühstück kamen wir alle ziemlich pünktlich gegen neun Uhr zusammen. Wir haben beschlossen, heute mal nach Stralsund zu fahren, um im Postfach nachzusehen. „Kann ich mit euch kommen?“ „Wir wollten eigentlich mal wieder unter uns sein.“ „Verstehe, ich habe ja auch alleine genug zu tun.“ „Ach hier ist eine Tüte, alles frisch gewaschen.“ „Super, vielen Dank.“ Wir packen alle zu, so stand das Frühstück schon nach kurzer Zeit auf dem Tisch. „Die Sonne kommt raus, ich werde mich mal ein wenig in die Sonne legen und den Tag genießen.“ „Mach das, du wirst es nicht für möglich halten, aber wir haben sogar Liegestühle. Wir werden den Innenhof mal ein wenig gemütlicher herrichten. Vielleicht noch ein paar Pflanzen. Auch ein Tisch könnte nicht schaden.“ „Ich werde von den Klapptischen und Bänken welche in den Hof stellen, vielleicht hilft mir ja Wilhelm dabei es zu dekorieren?“ „Frag ihn, er ist immer froh, wenn er ein bisschen Kontakt hat.“ „Seht euch doch mal nach einem gebrauchten Auto um, auf die Dauer wird es notwendig sein. Ich bringe euch noch runter, vielleicht treffe ich ja auf Wilhelm.“ Tatsächlich kommt Wilhelm. „Kannst du mir helfen?“ „Gerne, mir ist sowieso langweilig.“ Ich erkläre ihm meine Idee den Hof ein bisschen ansprechender zu gestalten. So haben wir den halben Vormittag damit verbracht, Bänke zu schleppen und einen Tisch aufzustellen. „Was hältst du von einer Brotzeit?“ „Finde ich prima.“ Er lief hinüber zu seiner Mutter. Schon nach kurzer Zeit kam sie mit ihm und einem gefüllten Korb zurück. „Das habt ihr aber toll gemacht, richtig gemütlich.“ Wir legen noch eine Tischdecke aus und dekorieren den Tisch mit einem Blumenstrauß. Als wir so beisammen saßen,


50 fühlte ich mich richtig wohl und sagte dies auch. „Ich bin übrigens Mathilde, sie können ja schlecht Mutter zu mir sagen.“ „Warum denn nicht, sie könnten ja auch die Mutter der Nation sein“. Sie lachte und meinte, „es würde mir gefallen, wenn sie bleiben würden.“ Ich war völlig sprachlos. „Sie könnten hier so viele Anwesen herrichten, da hätten sie Arbeit für die nächsten fünfzig Jahre.“ Wilhelm knüpfte gleich an und meinte, „wir haben da noch eine sehr schöne Wohnung, nur ein bisschen Farbe fehle noch.“ „Ach, du meinst die im Südflügel?“ „Ja ich habe euch gestern gesehen, wie ihr sie besichtigt habt.“ „Weißt du Wilhelm, es ist nicht so leicht, einfach mal von München wegzugehen und nach Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen.“ „Doch, doch du musst dir nur einen Möbelwagen nehmen. Beim Ausladen helfe ich dir.“ „Das ist aber lieb von dir. Was glaubst du den, was deine Schwestern meinen?“ „Die haben dich lieb, dass weiß ich.“ Mathilde sieht mich etwas nachdenklich an. „Wenn jetzt mein Mann stirbt, brauche ich unbedingt einen Mann im Haus.“ Das Gespräch fand erst ein Ende, als die Autohupe zu uns drang. Sie haben tatsächlich einen Gebrauchten mitgebracht. „Sieh ihn dir bitte an, du verstehst etwas davon. Ein alter Benz, er ist erst fünf Jahre und ein Diesel, den können wir mit unserem Heizöl betanken.“ „Scherz beiseite. Hat er schon viel Kilometer drauf?“ Wir sehen ihn uns alle an, sogar Mathilde hat Interesse. Sie meint, „da zahl ich was dazu.“ Der Zustand ist recht ordentlich. Betti meint, „und schöner wie mein alter Corsa ist er auch.“ Erst jetzt bemerken sie den aufgebauten Tisch. „Da muss erst jemand aus München kommen, um unseren Hof zu verändern.“ „Du hast das toll gemacht.“ „Aber ich hab das alles Wilhelm zu verdanken, der hat mir nämlich sehr geholfen.“ Wir setzen uns alle an den Tisch und stoßen mit einem Bier miteinander an. „Auf den neuen Wagen.“ Wilhelm setzt den Satz fort, in dem er sagt, „und dass Manfred hier bleibt.“ Betti und Barbara sehen sich an, „ist ja toll!“ „Seit wann hast du dich entschieden?“


51 „Noch gar nicht, es war eine Idee von deiner Mutter. Wir haben gerade darüber gesprochen, da seid ihr gekommen.“ Betti meint, „da hab ich ja einen Spielgefährten, oder etwa nicht?“ Mathilde sieht sehr ernst zu Betti hinüber und meint, „bitte lass den Blödsinn. Dein letzter Freund ist drei Tage drüben gesessen und hat dich dann verlassen.“ „Hab ich gar nicht verstanden, ich habe ihm extra gesagt, er müsse schon etwas geduldig sein.“ „Dies hat er wohl falsch verstanden. Er hat uns fluchtartig verlassen“, meint Barbara. „Der war aber auch nichts für uns“, fügt Betti an. Wir lachen noch. „Also ich mache jetzt meine Siesta, wir sehen uns dann später.“ Nachdem es ein wunderschöner Tag ist, öffne ich die Fenster und lasse die Sonne herein. Gegen Abend treffen wir uns im Salon, das heißt, eigentlich kommt nur Betti. Barbara lässt sich entschuldigen, sie wollte noch mal zum Autohändler und alles klarmachen. „Wenn du willst kann ich dir ja mal die Pläne erklären.“ Aber wichtig währe, einmal zu wissen, was alle wollen. „Sag mal, hast du wirklich vor, eventuell hierzuziehen?“ „Was soll ich hier? Mein Leben ist doch in München und wenn ich mal für länger weg bin, freue ich mich wieder zurückzukommen. Für eine gewisse Zeit hierzubleiben, warum nicht?“ „Wie meinst du denn, dass man Geld auftreiben könnte?“ „Ich glaube, dass man die alten Motorräder, Autos verkaufen kann. Auch wenn es kein Vermögen ist, aber für einen Teil der Sanierung wird es schon reichen. Da fällt mir gerade ein, ihr seid doch auf der Post gewesen, war nichts für mich da?“ „Doch, ich habe deine Post in den Raum mit dem doppelten Spiegel gelegt.“ „Wieso dass?“ „Ich dachte, wenn wir alleine sind, könnten wir da noch mal hingehen. Und dann wirst du mich verhören, oder so.“ „Wir könnten natürlich aus dem Anwesen eine Art Therapiezentrum machen. Du müsstest natürlich die Therapeutin sein.“ „Welche Therapie?“ „Na da haben wir doch gleich mehrere Möglichkeiten.“ Plötzlich steht sie hinter mir, hält mir die Augen zu. „Ist das schön?“ „Ja schon.“ „Dann lass sie mal geschlossen, versprichst du es mir?“


52 „Okay, wenn es dir gefällt.“ Sie legt mir ein sehr weiches Tuch über die Augen. Sie wickelt es mehrfach, auch über den Mund. Ich frage sie, „wie lang ist denn der Schal?“ „Länger!“ Sie macht einen kräftigen Knoten. „So fertig. Komm, jetzt gehen wir spazieren, ich werde dich führen. Hier kommen jetzt Treppen, Vorsicht.“ „Wir gehen also in den Speicher?“ „Vielleicht. So, jetzt immer gerade aus.“ Wir kommen in einen Bereich, der nicht ausgebaut ist, dies spüre ich am Luftzug. „Noch ein Stück, gleich sind wir da. So jetzt, bitte setzen.“ „Nein, dass mache ich nicht, wir machen jetzt Schluss.“ „Du traust dich also nicht?“ „Wieso nicht?“ „Ich dachte du hast den Mut.“ „Ja, aber keine Lust.“ „Ich verspreche, nur für zehn Minuten.“ „Wirklich? Versprochen?“ „Wie machst du mich fest?“ „Frag nicht so viel. Los stell dich hin.“ „Okay, aber nur zehn Minuten.“ „Hände auf den Rücken.“ Sie legt sehr geschickt in Sekunden eines ihrer indischen Tücher über Kreuz. „So, wie gefällt es dir?“ „Aufregend, aber gleich darfst du es wieder öffnen. Wo hast du denn plötzlich das Tuch her?“ „Mitgenommen, so und nun kommt was ganz Neues für dich. Eine Überraschung! Deshalb ist es auch besser, dass du stehst.“ Sie zieht mir die Hosen runter. Fummelt herum und ehe ich mich versehe, hat sie mir eine Windel angezogen. „Was wird das denn?“ „Jetzt kannst du alles machen, was du willst.“ „Wir haben aber ausgemacht, nur zehn Minuten.“ Sie fängt an das Tuch vom Kopf abzuwickeln. „Na endlich.“ Ich blicke in absolut dusteres Licht. „Wie stellst du dir den restlichen Abend vor?“


53 „Wie ich ihn mir vorstelle, ist nicht so wichtig. Du wirst auf jeden Fall den Platz hier genießen.“ Ich protestiere, „wir haben zehn Minuten gesagt.“ „Ich dachte, du hast mehr Mut.“ Ohne weiter nachzufragen verbindet sie mir die Augen. Diesmal mit einem weichen und dicken Tuch, sie zieht den Knoten fest. „So, siehst du noch etwas?“ „Wie sollte ich?“ „Wunderbar, dann brauche ich jetzt nur noch den Mund verschließen.“ „Nein, das wirst du nicht tun.“ „Du glaubst doch nicht, dass ich da lange frage. Mund auf!“ Ich kneife den Mund fest zusammen. Aber sie hält mir die Nase zu, und zack, schon hatte ich einen Knebel im Mund. Sie zog das Band fest und legte noch ein weiteres Tuch darüber. „So, und nun wünsche ich dir viel Spaß.“ Plötzlich hörte ich Schritte. Das Licht wurde angeknipst. „Wer sitzt denn hier?“ Barbara ist gekommen. „Sie hat dich tatsächlich dazu gebracht, dass du dich auf den Stuhl gesetzt hast.“ Sie nimmt mir den Knebel heraus. „Na wie fühlst du dich? Etwa wie damals im Kloster?“ „Mach mich bitte frei.“ „Da muss ich erst Betti fragen.“ Ihre Hände streichen über meinen Körper, es ist schrecklich scharf. Ich komme nur durch die Berührung schon fast zum Orgasmus. Da bleibe ich gerne noch etwas angeschnallt, denke ich mir. „Wie fühlt sich das an?“ „ Es ist ein Traum, aber jetzt gehe bitte und rede mit ihr, sie hat ausdrücklich zehn Minuten gesagt.“ „Wie lange sitzt du denn schon hier?“ „Keine Ahnung, wie spät es ist. Auf jeden Fall zu lange.“ „Ich werde jetzt wieder gehen, sollte sie zustimmen, machen wir dich frei. Ansonsten, gute Nacht, bis morgen Früh zum Frühstück.“ Sie knipste das Licht aus und ging. Sie hat wenigstens den Knebel vergessen, denke ich. Da geht die Türe nochmals auf, „ich habe doch was vergessen.“ Sie nimmt das Tuch und bindet es fest über den Mund. Es sind übrigens die frisch gewaschenen Tücher, du weißt schon aus dem Fundus. Also gute Nacht!“


54 Sie ging und kam auch nicht zurück. Ich verlor völlig das Zeitgefühl. Ich muss wohl mehrfach eingeschlafen sein. Als plötzlich die Türe aufging. „Na wie fühlst du dich?“ Ich murmelte so gut es ging durch das Tuch, dass es jetzt reichen würde. Betti meinte aber, „du hast ja gar keinen Knebel im Mund. Da hat Barbara aber schlampig gearbeitet.“ Sie nahm mir das Tuch vom Mund. „Jetzt trink mal einen Schluck Wasser.“ „Mach mich jetzt frei, die zehn Minuten sind längst vorbei.“ „Mein Ex saß hier drei Tage, kannst du dir vorstellen, wie sauer der war?“ „Ja kann ich. Möchtest du denn, dass ich für immer gehe?“ „Nein, ich glaube nämlich, dass du es magst. Ich werde dir noch was zu Essen holen.“ Sie ging, den Lichtschalter konnte ich nicht hören, sie ließ das Licht wohl an. Vielleicht war es ja schon hell. Nach einer Weile hörte ich sie beide. „Jetzt werden wir unseren Buben erstmal füttern.“ Sie hatten eine Riesenfreude daran, scherzten und lachten auf meine Kosten. Sie gaben mir noch zu trinken und meinten, „heute bekommst du einen freien Tag“ Ich werde zurück gelassen. Was steht mir noch bevor? Es dauerte aber nicht lange, als abermals jemand kommt, sehr leise. Die Lederriemen werden geöffnet. Ich nehme das Tuch ab und lege es auf die Seite. Es war Wilhelm. „Ich hab dich gestern nicht mehr gesehen und wollte lieber nachschauen." „Aber was werden denn Betti und Barbara sagen?“ „Sie werden sich an mir rächen.“ „Dann werde ich dir helfen.“ „Sie sind übrigens beide mit dem Wagen unterwegs.“ „Dann werde ich erstmal duschen.“ Ich ging in mein Zimmer und machte mich frisch. Zog mich völlig um und überlegte, was ich am besten tun solle. So weitermachen wollte ich auf keinen Fall. Ich sah auf meinem Tisch die Post. Es war eine Einladung nach Barcelona dabei. Das tut nun aber richtig gut. Ich überlege schon, ob ich nicht gleich abhauen soll. Ich blickte in den Innenhof und sah Bettis Wagen. Ich ging hinunter und sah nach dem Schlüssel, er steckte. Wilhelm kam und meinte, „du wirst doch jetzt nicht gehen?“ „Nein dass nicht, aber ich brauche ein paar Tage Abwechslung.“ Ich packte ein paar Sachen zusammen und fuhr Richtung Stralsund. Mein Navi zeigte mir den Weg. Nun sah ich ja die Gegend das erste Mal richtig. Auf dem Weg nach Stralsund entschloss


55 ich mich nach Berlin zu fahren. Ich wollte mir einen Leihwagen holen und den Wagen von Betti in Stralsund lassen. Dies tat ich dann auch und sagte dem Verleiher, dass das Fahrzeug von einer jungen Dame abgeholt werden würde. Ich nahm einen Mercedes, so konnte ich bequem auch eine weitere Strecke fahren. Das Handy läutete mehrfach, aber ich hob es nicht ab. Ich überlegte noch kurz, was ich eigentlich zurückgelassen hatte. Eigentlich alles unwichtige Dinge. In Berlin gab ich den Wagen zurück und flog nach München. In meiner Wohnung angekommen, setzte ich mich erstmal in die Badewanne. Ich genoss mein Weißbier und schüttelte den Kopf über das was ich erlebt habe. „Scheiß drauf!“, dachte ich bei mir. Ich ging zu Bett und stellte den Fernseher ein. Ist das schön wieder für sich zu sein. Ich sah mir die Einladung für Barcelona an. Das mache ich. Es ist in vier Wochen, da kann ich noch meinen Auftrag in Brixen erledigen. Am nächsten Morgen kommt der Anrufbeantworter nicht zur Ruhe. Betti und Barbara sind abwechselnd dran. Ich hebe also doch ab. Betti beschwört mich, dass alles nur ein kleiner Scherz war. Ich gehe nicht weiter auf das Gespräch ein und meine nur, „dein Wagen steht bei Avis, hole ihn dir ab, wenn du willst. Ansonsten wünsche ich dir alles Gute.“ Das tat gut. Ich telefoniere mit Brixen und entschließe mich, gegen Abend loszufahren. Auf dem Weg, mache ich noch einen Umweg über einen Herrenausstatter, ich brauche neue Klamotten. Mein VW-Bus wurde noch gewaschen, dann aber ging es ab in Richtung Italien. Ich ging wieder in mein Stammhotel und ließ mir eine gute Flasche Wein auf das Zimmer bringen. Meinen Freund in Berlin versuche ich vergeblich über das Handy zu erreichen, es war nur der Anrufbeantworter eingeschaltet. Ich mache mich frisch und gehe noch in die Stadt. Hier schätze ich besonders das bereits südliche Flair. Ich entscheide mich für ein Straßenrestaurant, denn man kann tatsächlich noch draußen sitzen. Eine Schinkenplatte und einen Wein vom Kalterer See. Dazu natürlich ein schönes Holzofenbrot und richtige Landbutter. Hier bin ich eigentlich Zuhause, zumindest mein zweites Zuhause. Meine Seele jubelt immer, wenn ich hier bin. Es ist fast halb zwölf als ich mich auf mein Zimmer begebe.


56 Am frühen Morgen fahre ich bereits hinauf zu meiner Baustelle. Hier muss ich nur beraten. Ein bekannter Architekt aus Verona führt die Bauarbeiten. Wir sprechen über die verschiedenen Bauabschnitte. Vor allem benötigen wir noch einen Geologen, da wir dem Gestein nicht trauen. Die Baustelle soll in den nächsten vier Wochen fertig sein. Das hat wirklich Spaß gemacht. Der Besitzer ist ein sehr wohlhabender Herr aus München. Er wird hier sicher die nötige Entspannung finden, die er dringend braucht. Dann endlich ruft mein Freund aus Berlin an. „Richi, ich hab mindestens hundertmal versucht dich zu erreichen.“ „Ja, stell dir vor, ich habe deine beiden Damen kennen gelernt. Nachdem ich nichts mehr von dir gehört habe, habe ich mich auf den Weg gemacht, so wie wir es ausgemacht hatten und habe das Anwesen gesucht. Auf Grund deiner guten Peilung, hatte ich auch kein Problem. Ein Problem stellte sich ein, als ich eine Klingel suchte. Zum Schluss blieb mir nichts anderes übrig, als auf die Hupe zu steigen. Dann endlich öffnete eine junge Dame. Ich stellte mich vor.“ Sie meinte aber, „Der Manfred ist bereits abgereist. Der hat das Handtuch geworfen.“ Sie bat mich dann herein. So lernte ich Betti und Barbara kennen. Sie wollte wissen, wie ich den Weg gefunden hätte. Ich erzählte von deiner Peilung.“ „Wie lange bist du denn geblieben?“ „Sie wollten natürlich, dass ich länger bleibe, aber ich hatte ja nur Sachen dabei für eine Nacht. Sie wollten noch wissen, wo sie dich finden könnten. Ich gab ihnen einen Tipp.“ „Du bist ja wahnsinnig. Ich war froh sie endlich los zu sein.“ „Sie meinten aber, sie hätten dich sehr lieb und wollten dich nicht so schnell aufgeben. Barbara meinte auch, sie hätte noch verschiedene Dinge, die sie dir bringen müsste. Ich meine, die wirst du nicht so schnell los. Sie meinte auch, sie würden dir eine Wohnung schenken, wenn du zurückkommst.“ „Ich will jetzt erstmal, dass Grass darüber wächst.“ „Was haben sie dir denn angetan, dass du so fluchtartig weg bist?“ „Ich will nicht darüber sprechen.“ „Betti meinte, sie hätte dich ein wenig eingeschränkt in deiner Bewegung. Was meint sie denn damit?“


57 „Lass es, ich werde dir später davon erzählen. Wann kommst du denn nach München?“ „Keine Ahnung, ich hänge hier mit einem Projekt von der Regierung fest. Das kann dauern.“ Ich erzähle noch von meiner Einladung nach Barcelona, welche in etwa vier Wochen ist. „Du fliegst ja sicher, oder fährst du von Brixen mit dem Wagen?“ „Weiß ich wirklich noch nicht. Wenn, dann müsste ich mit dem VW fahren, da kann ich auch mal drin schlafen. Da hätte ich dann noch eine Anfrage aus Arles in Südfrankreich, da müsste was renoviert werden.“ „Dann mach das doch, nimm deinen VW. Dir geht aber die Arbeit auch nicht aus?“ „Gott sei Dank, im Moment bin ich sehr gefragt.“ „Ich weiß, besonders von Betti, ich glaube sie hat sich in dich verliebt. Sie wollte wissen, ob du verheiratet bist.“ „Ach sieh mal an. Ich dachte die beiden Weiber sind zusammen.“ „Da blickst du nie durch, vielleicht sind sie ja Bi?“ „Auch möglich.“ Wir versprechen uns, uns bald zu treffen, spätestens in München zum Oktoberfest. Also Servus!“ Für heute Abend habe ich genug Arbeit mitgenommen. Ich muss noch mal die ganze Baustelle durchrechnen. Ich lasse mir eine Palette Parmaschinken und eine Flasche Rotwein auf mein Zimmer kommen, um dort zu arbeiten. Als ich auf die Uhr sehe ist es bereits 22.30 Uhr, Zeit für heute Schluss zu machen. Ich dusche noch und lege mich zum Fernsehen auf mein Bett. Ich sehe mir noch den Kalender für die nächsten vier Wochen an. Der Hoteldirektor des Hotels in Brixen hat mir extra sein Arbeitszimmer angeboten, um etwas Erleichterung zu haben. Ich habe es mir dort gemütlich eingerichtet. Eine sehr nette Bedienung ist bemüht mich vor dem Hungertod zu bewahren. Immer wieder kommt sie und fragt, ob ich nicht eine Kleinigkeit zum Essen bräuchte. Eine Kleinigkeit ja, aber nicht die große Schinkenplatte. Sie bringt Melone mit Schinken. „Kommen Sie und setzen Sie sich dazu. Ich kann das alles gar nicht essen. Sie sprechen so gut deutsch, wo haben sie dies gelernt?“ Meine Mutter ist aus Graz, mein Vater ist aus Brixen.


58 „Sie sprechen aber auch gut Deutsch, obwohl sie aus Bayern sind.“ Wir lachen und prosten uns mit einem guten Wein zu. „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen am Wochenende eine sehr schöne alte Almhütte.“ „Benötige ich eine Kletterausrüstung?“ „Nein wir erreichen sie über einen ganz bequemen Weg, man kann fast bis vor die Hütte mit dem Wagen fahren. Mein Vater hat sie vor etwa zehn Jahren erworben und seit dem renoviert er daran.“ „Meinen sie er braucht Hilfe?“ „Einen guten Rat nimmt er sicher gerne an. Er ist immer am Samstag und Sonntag oben auf der Alm.“ So beschließen wir, am Samstag gemeinsam dorthin zu fahren. Samstag früh, wird mir ein Zettel unter der Türe durchgeschoben. „Bitte nehmen Sie einen Anorak und warme Sachen mit.“ Als ich in den Frühstücksraum komme, huscht sie vorbei und fragt, ob es in einer halben Stunde recht sei. Ich nicke, und sehe ihr beim Hinausgehen nach. Ein fesches Mädchen, schon bei meinen letzten Besuchen ist sie mir aufgefallen. Wie alt wird sie wohl sein? Wie hübsch sie sich zurecht gemacht hat. Ich warte mit dicker Jacke und Jeans am Eingang des Hotels. Um die Ecke prescht ein Motorrad und hält direkt vor mir. „Komm, steigen Sie auf.“ „Ich dachte, wir nehmen den VW, der hat Vierradantrieb.“ „Mit dem Auto kommen wir zwar hinauf, aber mit dem Motorrad macht es mehr Spaß.“ Ich nehme hinter ihr auf dem Motorrad Platz. „Halten sie sich bitte fest, haben sie keine Scheu sich an mir festzuhalten.“ Sie braust los, als wolle sie mir beweisen, wie gut sie fahren kann. Ich halte mich an ihrer Hüfte fest. Hin und wieder greife ich recht herzhaft zu, damit ich nicht aus dem Sattel fliege. Sie hält kurz an und meint, „jetzt müssen wir den Anorak schließen, es wird im Wald ziemlich kühl. Sie dreht sich zu mir um und schließt ihn bis ganz oben, dabei blickt sie mir in die Augen, dass mir ganz komisch wird. Aber da gibt sie schon Gas. Durch den Wald macht die Maschine ein paar ganz tolle Sprünge. Links, rechts, dann kommen wir auf eine Lichtung. Sie gibt noch mal richtig Gas und da taucht auch schon ein Holzhaus auf. Vor dem Eingang winkt uns ein älterer Herr. „Du hättest aber auch mit dem Auto kommen können.“ Da bleibt mir ja die Spucke weg. „Ich wollte mal zeigen wie schön es mit dem Motorrad ist.“ Der Herr stellt sich als Vater vor und zeigt hinter das Haus, „hier steht mein Unimog.“


59 Es ist ein typisches Anwesen für diese Gegend. Er bietet uns einen Enzianschnaps an. „Dann müssen Sie aber auch mein selbstgebackenes Brot und die frische Butter probieren.“ Er ruft seine Tochter Irmi. In diesem Moment fragt er, wie ich denn heiße. „Sagen sie einfach Manfred.“ Wir setzen uns in der Stube an den großen Tisch und machen Brotzeit, „da hab ich noch eine sehr gute Leberwurst. Ich habe diese Sachen nur hier oben, wenn mal das Wetter umschlägt.“ „Verstehe, aber Sie Essen schon gerne gut“. „Ja, doch schon“. Er lacht. Irmi macht ein wenig Musik, richtige Almmusik auf der Zitter, so holt er noch seine Gitarre und fängt an zu singen. Später zeigt er mir das Haus. Es war prachtvoll renoviert. „Leider hat es meine Frau nicht mehr erlebt. Sie ist beim Bergsteigen umgekommen. Irmi war gerade mal zwölf Jahre. Ich bin sozusagen Alleinerziehender.“ „Sie machen das aber wirklich gut. Ihre Tochter ist ja eine richtige Vorzeige-Tochter.“ Da wird Irmi rot. Gegen Abend frage ich, wann wir wieder aufbrechen. „Heute nicht mehr, wir erwarten ein Unwetter.“ Der Vater muss lachen. „Wir erwarten immer ein Unwetter, wenn wir nicht ins Tal wollen.“ „Sie bekommen einen Schlafanzug meines Vaters, einen Bademantel bekommen sie ebenfalls. Ein paar Hausschuhe gibt es sicher auch noch.“ „Schlaf ich dann im Heu?“ „Seien Sie beruhigt, wir haben auch ein Gästezimmer.“ Der Vater meint zu Irmi, „der junge Mann glaubt, wir leben hier noch im achtzehnten Jahrhundert.“ „Stell dir vor, wir haben hier fließendes Wasser. Entschuldigen Sie, ich habe versehentlich „Du“ gesagt.“ „Was halten Sie von Leber und Blutwurst? Dann machen wir noch Bratkartoffeln dazu.“ „Aber nur, wenn wir alle mit helfen.“ Wir stoßen mit einem Enzian auf zukünftiges „Du“ an. Dann begannen wir mit der Küchenarbeit. Irmi deckt den Tisch. Ich fragte nach der Toilette. Irmi meinte, „da drüben liegt der Prügel, den brauchst du zum Wölfe vertreiben.“ „Den Witz kennen wir sogar in Bayern.“ Der Vater wollte etwas mehr über meine Arbeit erfahren. Eigentlich wusste er schon alles, wie ich feststellen musste. Irmi hat mich wohl ausgeforscht und es ihrem Vater erzählt. „Du bist aber gut informiert.“


60 „Ja klar, ich kenne dich ja schon fast drei Jahre.“ So langsam wird mir klar, was sie vorhat. Der Vater meint, „Irmi hat mir erzählt, dass ihre Familie eigentlich aus dieser Gegend ist.“ Irmi macht den Vorschlag, noch etwas Musik zu machen. Sie legt eine CD auf. „Nach dem Essen, können wir ja noch selbst musizieren.“ „Wenn ich da eine Hilfe bin, gerne.“ „Du machst das aber sehr gut.“ „Wahrscheinlich hast du dich nie getraut zu singen.“ „Hier oben auf dem Berg, kannst du ein paar Bergziegen vertreiben, mehr passiert hier nicht. Der Vater schenkt eine weitere Runde vom Enzian ein. „Prost auf das Singen.“ Inzwischen ist es draußen stockdunkel. Nur der Mond steht groß am Himmel. Keine einzige Wolke. „Da waren wir aber sehr brav, wenn sich der Himmel so zeigt.“ „Gibt es auch ein Bier“? Irmi holt noch zwei Flaschen aus dem Geräteschuppen. Wir gehen auf die Veranda, es wird schnell kühl. Irmi meint, „ich hole dir was zum Anziehen.“ Sie bringt eine dicke Strickjacke. Der Vater heißt übrigens Herbert. Irmi nennt ihn Herby, dass hört er besonders gern. Als wir beim Essen sitzen, will er ein bisschen über die Zukunft wissen. „Wir werden mit der Baustelle in drei Wochen fertig sein. Eigentlich ist meine Anwesenheit gar nicht mehr nötig. Aber ich bin halt gerne hier und so richte ich es mir ein.“ „Wie du weißt, betreibe ich einen Antiquitäten-Laden. Die Sachen kommen alle hier aus der Gegend. Aber auch von Freunden aus Florenz. Wenn einer stirbt, kommen die Erben oft mit einem Korb voll Zeug und bieten es mir an. Auch Bilder werden mir angeboten. Diese gebe ich aber in meisten Fällen gleich weiter an eine Galerie.“ „Machen sie denn das Geschäft allein?“ „Ich würde mich freuen, wenn meine Tochter zu mir käme, aber im Moment hat sie noch keine Lust.“ Irmi protestiert aus dem Hintergrund, sie ist nämlich gerade in der Küche, „du weißt genau, warum ich noch keine Lust habe.“ „Ach wieso denn?“ „Ich will meine Entscheidungen selbst treffen dürfen, bei dir kann ich das nie.“ „Sie hat sich damals für die Hotellehre entschieden, dass Hotel gehört meinem Bruder. So hat Irmi schon mal ganz leise angefragt, ob sie nicht doch bei mir


61 hineinschnuppern kann.“ Sie ruft aus der Küche, „jetzt ist aber genug Papa.“ „Ich würde mir gerne mal dein Geschäft ansehen. Für die Fertigstellung in der alten Burg, kann ich noch ein wenig Dekoration brauchen. Vielleicht ein paar alte Ölbilder oder Leuchter, na du weißt schon was da so hineingehört. Der Münchener hat mich gebeten mal meine Augen schweifen zu lassen, um das Ambiente zu vervollständigen.“ Mittlerweile ist schon zwölf Uhr nachts. „Komm Irmi, ich helfe dir noch beim Aufräumen. Herbert, du darfst dich schon zu Bett begeben.“ „Du bist aber sehr häuslich, hätte ich dir nicht zugetraut“, meint Irmi. „Ich bin doch Junggeselle.“ „Ich dachte du lebst mit einer Frau zusammen?“ „Das nennt man Leute ausfragen.“ „Na ein bisschen will ich es doch wissen.“ „Also, ich werde es dir erzählen. Ich war mal verheiratet, nach vier Jahren haben wir uns aber getrennt. Wir sehen uns noch öfter. Meine damalige Frau hat meinen besten Freund geheiratet.“ „Na das hat ja prima geklappt. So ist dein Freund also auch zufrieden.“ „Ich bin so viel unterwegs, dass ich mich gar nicht groß umgesehen habe.“ Da meint Irmi, „außerdem hast du immer noch mich.“ „Glaubst du nicht, dass ich zu alt für dich bin?“ „Wieso, ich bin doch schon dreiundzwanzig.“ „Na hör mal, das sind zwanzig Jahre. Überlege doch mal, wenn ich siebzig bin, bis du erst fünfzig.“ „Na dann werde ich dich im Rollstuhl fahren, wenn es sein muss.“ „Du machst mir dass ja sehr schmackhaft. Lass uns morgen weiter reden.“ „Ach, du ziehst dich also aus der Affäre?“ „Nein, nur für solche Gespräche sollte man nicht so viel getrunken haben. Komm mal zu mir.“ Sie geht auf mich zu. Wir nehmen uns in den Arm und küssen uns. „Wir wissen ja noch so wenig von uns.“ „Ich weiß alles, ich mag dich.“ Die Nacht ist sehr frisch, aber einfach herrlich, besonders wenn man aus der Großstadt kommt. Ich mache das Fenster weit auf zum Schlafen. Am nächsten Morgen höre ich es im Haus schon klappern und Türen schlagen.


62 Im Zimmer gibt es nur ein Waschbecken. So mache ich Katzenwäsche. Als ich die Treppe hinunterkomme ist bereits ein richtiger Sonntagstisch gedeckt. „Du bist der schwarze Peter“, ruft mir Irmi entgegen. Herbert meint, „komm lass ihn. Er ist ja noch richtig verschlafen, wie lange habt ihr denn noch gemacht?“ „Nur aufgeräumt, sonst nichts.“ „Will ich doch gar nicht wirklich wissen.“ Herbert meint, „wenn du Lust hast, können wir auf den Gipfel gehen, wenn du dich aber lieber austoben willst, gäbe es noch den Job eines Holzhackers.“ Ich entscheide mich für das Holzhacken. Zum Bergwandern habe ich nicht die richtigen Schuhe dabei. So an der frischen Luft ein bisschen Holz zu hacken, dazwischen ein Bierchen, so muss ein Sonntag aussehen. „Höre ich da Stimmen oder hallt das vom Tal“? Herbert springt sofort auf und geht auf die Veranda. „Da sind Leute.“ Er geht ums Haus und begrüßt Wanderer. „Können wir hier frühstücken?“ Vom Dialekt her Wanderer aus dem Ruhrpott. „Nein, dass ist privat. Auch der Weg ist privat.“ „Na Sie werden uns doch nicht verscheuchen, die Berge sind für jeden da.“ „Ist schon Recht, gehen Sie nur weiter.“ „Wir hätten jetzt aber gerne einen Teller Speck und was zu trinken.“ „Ich sagte ihnen doch. hier ist keine Jausenstation. Einen schönen Tag noch.“ „Das ist aber nicht nett von ihnen, wir würden ja auch bezahlen.“ „Bitte gehen sie jetzt weiter.“ Er dreht sich um, ist natürlich verärgert. „Die Fremden glauben, alles gehört ihnen.“ „So etwas kommt nur sehr selten vor. Bitte Herbert reg dich nicht auf, es lohnt sich nicht.“ „Jetzt werde ich die erste Runde des Holzhackens übernehmen.“ Herbert hat richtig Wut im Bauch, die muss jetzt raus. Wir räumen die Küche auf und begeben uns dann nach draußen. Irmi klappt die Liegestühle auf. „Sag bitte Bescheid, wenn ich dich ablösen soll.“ „Das kann dauern, weißt du, dass sind die gleichen Leute die in mein Geschäft kommen und glauben wir hätten was zu verschenken.“ „Oh, die kenne ich. Sie bestellen mich vierhundert Kilometer weit irgendwohin, und wenn ich dann sage was es kostet, meinen sie, „wir dachten sie interessieren sich für diese Dinge.“ „Die Welt ist voller Nassauer und Schmarotzer.“ „Ärgern wir uns jetzt nicht mehr, genießen wir lieber den schönen Tag.“


63 „Sieh mal, dahinten kommt ein Unwetter daher. Das wird gegen Nachmittag einen Wetterumbruch geben.“ Wir holen den Feldstecher und sehen in die umliegenden Berge. Man kann sehr deutlich erkennen, wie sich die Wolken über die Bergspitzen schieben. Herbert meint, „in drei bis vier Stunden, dann kann sogar Schnee kommen.“ „Komm, ich löse dich jetzt beim Holzhacken ab.“ Nach einer halben Stunde war ich fix und fertig. Die beiden lachten sich schief. „Dir fehlt körperliche Arbeit, mein Lieber.“ Die Wolken kamen immer schneller zu uns herunter. Das Mittagessen konnten wir nicht mehr auf der Terrasse einnehmen. Von Minute zu Minute zog es sich mehr zu. Da kamen auch schon die ersten Blitze. „Du brauchst dich nicht sorgen, wir haben einen Blitzableiter.“ „Sollen wir dein Motorrad nicht besser in den Schuppen stellen?“ „Das wird es schon aushalten.“ „Wir müssen jetzt den Funk einstellen, mein Vater ist nämlich Mitglied der Bergwacht.“ „Wo habt ihr denn einen Funk?“ Sie zeigt mit den Fingern nach oben, „direkt unter dem Dach.“ Nun geht es aber los, wir kommen gerade noch dazu die Fenster zu schließen. Wie aus Kübeln kommen Wassermassen. Dann kommt auch noch Schnee dazu. Ein Blick nach draußen ist unmöglich. Wie ein grauer Vorhang kommt es von oben. Dann ein fürchterliches Klopfen, Schlagen und Hilferufe an der Türe. Wir öffnen, es ist der Herr, welcher uns beim Frühstück so unangenehm gestört hat. „Meine Frau, meine Frau“, jammert er. „Kommen Sie zur Ruhe und schildern Sie genau was los ist.“ „Meine Frau ist abgestürzt, sie ist bestimmt Tod.“ „Können Sie uns in etwa sagen, wo es passiert ist.“ „Jetzt sitzen Sie doch nicht so blöd herum, gehen Sie endlich und bergen Sie meine Frau.“ „Wir müssen jetzt die Bergwacht verständigen, dann nehmen wir den Unimog. Sie zeigen uns wo es passiert ist.“ „Ich gehe da nicht mehr raus. Sie sind verpflichtet sie zu suchen.“ „Ich glaube Sie verstehen hier etwas falsch. Wir können nur helfen, wenn wir genaue Angaben haben.“ Herbert ruft die Bergrettung. „Hier ist die Gaisalm, wir brauchen Hilfe.“ Er versucht die Situation zu schildern.


64 „Wir können keinen Hubschrauber wegen dem Wetter schicken, wir haben Startverbot.“ Der Urlauber reist Herbert den Hörer aus der Hand und brüllt in den Hörer, „hören Sie mal, ich bin vom Fernsehen, wenn hier nicht endlich was passiert, kommen sie aber schlecht weg.“ Herbert nimmt wieder den Hörer und stößt den Typen auf die Seite. „Wir kommen mit dem Unimog, ist dein Fahrzeug bereit?“ „Ja, ich wollte schon losfahren, ich habe einen prima Helfer hier. Irmi wird hier bei dem Ehemann bleiben und sich um ihn kümmern.“ Kurze Absprache mit Irmi, dann fahren wir mit dem Unimog ab. Herbert kennt sich hier aus, wie in seiner Westentasche. Wir steigen einen schmalen Pfad hinauf, Herbert spricht noch mit der Rettung über das Funkgerät. Da hören wir Hilfeschreie. Wir versuchen zu orten, aus welcher Richtung es kommt. Da liegt eine Tasche, wir sind also in der Nähe. Herbert ruft die Kollegen und gibt Anweisung. Wir suchen von hier bergab. Wir rufen abwechselnd, das macht der Verunglückten Mut. Dann finden wir noch eine Thermosflasche. Es regnet nur noch schwach. Da hören wir wieder das Rufen. Sie kann uns einige Hinweise geben, wo sie sich befindet. „Sie muss hier unten sein.“ „Ich seile mich ab, du machst die Sicherung“, meint Herbert. Entfernt hören wir Leute kommen, es muss die Bergwacht sein. Wir nehmen Kontakt mit der Rettung auf und schießen eine Leuchtpatrone ab. Wir hören die Dame rufen, „Sie sind jetzt über mir.“ Herbert lässt sich langsam herunter, ich sichere ihn. Dann kommen auch schon die ersten Helfer der Bergwacht. Nach einigen Minuten, ruft Herbert, „ich hab sie! Wir brauchen unbedingt eine Trage.“ Die Frau stöhnt immer, „er wollte mich umbringen.“ „Sie muss einen starken Schock haben, da darf man es nicht so genau nehmen.“ Herbert gibt ihr Wasser. Die Trage wird hinabgelassen und nach einer weiteren halben Stunde haben wir sie auf sicherem Boden. Sie ist ohnmächtig, „komm Herbert, lass sie mich tragen.“ Sie schaut schlimm aus. „Meint ihr, wir können den Hubschrauber verständigen?“ „Er müsste auf dem Feld hinter meinem Haus landen.“ Als die Helfer an den Hilfsfahrzeugen angekommen sind, erreicht sie die Nachricht, dass ein fremder Hubschrauber auf dem Anwesen von Herbert steht. Die Rettung kann deshalb nicht landen, zuerst muss der fremde Helikopter weg. Wir versuchen den Piloten dazu zu bewegen, dass er endlich abfliegt, „er sei von einer Zeitung gemietet“ meint der


65 Pilot. „Ich glaube ich spinne.“ Er weigert sich, der Urlauber gibt hier ein Interview. Inzwischen wissen wir, dass es ein wichtiger Mann ist, vielleicht sogar ein Politiker. So kam er mir schon die ganze Zeit vor. Die Retter kommen nur mühsam voran. Als wir auf die Hütte zu kommen, trauen wir unseren Augen nicht. Mindestens fünfzig Personen, Geländewagen Fernsehkameras stehen herum. Herbert flippt aus. Ich versuche ihn zu beruhigen. Irmi sitzt in einer Ecke und weint. In der Küche befinden sich einige ungehobelte Kerle, die den Enzian austrinken, es sind Reporter einer Tageszeitung. Herbert kommt rein und schreit nur noch „raus, sofort raus.“ Inzwischen ist die ältere Dame zu sich gekommen. Sie berichtet dem Leiter der Bergwacht, was vorgefallen ist. Der ruft die Gandamerie von Brixen. Diese kommen mit Blaulicht und Martinshorn. Nach einer weiteren Stunde ist der Spuk vorbei. Der noblige Herr Urlauber wird festgenommen. Die Herren von der Presse verschwinden und zurück bleibt ein Chaos. Herbert muss lachen, „ich werde jetzt ein Schild anbringen. Für Preußen ist der Weg hier zu Ende, bitte umkehren.“ Wir werfen einen Blick in den Kühlschrank, völlig leer gefressen. Wir können es nicht glauben. Die Räucherkammer, verwüstet. Wir beschließen, ins Bett zu gehen. Wir werden morgen Bestandsaufnahme machen. Da läutet das Telefon, Herbert meint, „wenigstens das haben sie uns gelassen.“ Ein Anruf von der Polizeistation. Herbert, hier spricht Alfons, ich muss dir was erzählen. Wir haben ihn hier zehn Minuten gehabt, da bekommen wir einen Anruf aus Berlin. „Sofort freilassen, er hätte Immunität. Er sei Bundestagsabgeordneter. Aber das Schönste kommt noch, sein Chauffeur ist mit seinem Geländewagen im Rausch den Abhang runter.“ Am anderen Morgen mussten wir feststellen, das der gesamte Garten verwüstet ist. Wir beschließen Fotos zu machen, den Totalschaden fotografierten wir ebenfalls. Wir gehen zur örtlichen Zeitung und übergeben die Fotos. „Es tut mir Leid, wir dürfen über nichts berichten. Wir haben Anweisung.“ „Was war das für ein Pinkel, der sich so etwas leisten kann?“ Irmi versteht die Welt nicht mehr. Sicher erklärt man, dass alles ein einziges Missverständnis war. Ja, so läuft dass eben ganz oben. „Herbert, ich werde dir helfen, alles wieder zu renovieren.“ „Wir werden eine Woche den Laden zusperren.“ Ich verabschiede mich von Irmi mit einem langen Kuss. Sie wirft mir noch einen lieben Blick nach.


66 An der Rezeption frage ich, ob ich meine Wäsche abgeben könnte. „Ja klar, für Sie immer. Da haben wir übrigens ein Päckchen für Sie.“ „Ich erwarte aber nichts.“ „Keine Ahnung, es ist aber für Sie.“ „Ist es mit der Post gekommen?“ „Ja, heute früh.“ „Dann geben sie mal her, ich will mal sehen von wem es kommt.“ Ich gehe auf mein Zimmer und begebe mich zuerst mal in die Dusche. Zum Glück habe ich genug zum Anziehen dabei. Ich mache ein Bündel mit Schmutzwäsche und lasse es abholen. Ich schleiche noch eine ganze Weile um das Päckchen herum. Aber dann öffne ich es doch. Ein Kuvert, und viele Tücher. „Die Tücher hast du vergessen und als Erinnerung noch ein paar Fotos, die ich von dir gemacht habe, während du meditiert hast.“ Also hat sie mich fotografiert, als ich auf dem Stuhl saß. Ich nehme die ganzen Sachen und lege die Tücher in den Kleiderschrank. Die Fotos nehme ich besser in meine Brieftasche. Als ich in den Essraum komme, stelle ich fest, dass der Kachelofen bereits angeheizt ist. Ich öffne schnell die Türe und werfe die Fotos hinein. „Aha“, kommt es aus dem Nebenraum, „Beweismaterial wird vernichtet.“ Ich werde fast rot, so peinlich ist es mir. „Du sollst bitte zum Tagesanzeiger kommen, es gibt was Neues. Vater würde gerne mit dir morgen auf die Alm gehen.“ „Okay, sage ihm bitte, ich bin bereit.“ „Hast du alles verbrannt?“ „Ja habe ich.“ „Gut so, komm ich will dir einen Kuss geben.“ Wir nehmen uns in den Arm. „Ich werde jetzt zum Redaktionsbüro des Anzeigers gehen, mal sehen ob es tatsächlich was Neues gibt.“ Der Chefredakteur des Anzeigers bittet mich in sein Büro. „Wie viele Fotos haben Sie gemacht?“ „Sagen Sie mir erstmal, was Sie wollen. Ich lasse mich ungern ausfragen.“ „Also, der Herbert bekommt eine angemessene Entschädigung von dem bewussten Herrn, um sein Grundstück renovieren zu können. Der gewisse Herr will ihnen eine Entschädigung für die Mithilfe bei der Bergung seiner Frau zahlen. Die Bergwacht hat einen Scheck in Höhe von zwanzigtausend Euro bekommen.“ „Aha, war der Typ so wichtig?“ „Sie wissen doch, wer es war.“ Ich log, „ja klar!“


67 „Also den Film und alle Fotos für die gleiche Summe.“ „So läuft es nicht. Ich will, dass das Geld auf ein Sparbuch kommt und dieses Sparbuch soll Irmi gehören.“ „Ja, das lässt sich machen.“ „Setzen sie einen kurzen Schrieb auf, ich gebe ihnen dass Material und wir gehen zur Bank.“ „Morgen früh, kein Problem.“ Ich rufe Herbert an und bitte um einen Tag Verzögerung. Er ist ganz aufgeregt. „Stelle dir vor, ich soll mir eine Gartenbaufirma nehmen und alles herrichten lassen, es wird alles bezahlt. Der Betrag spielt keine Rolle. Mein Kühlschrank wird mit einem Betrag von tausend Euro neu gefüllt. Der muss ja berühmt sein, kanntest du ihn?“ „Nur vom Wegsehen“ gab ich zur Antwort, um nicht sagen zu müssen, dass ich keine Ahnung hatte. Wir beschlossen uns zum Abendessen zu treffen. „Irmi hat leider Spätdienst, du musst mit mir alleine vorlieb nehmen.“ „Ganz gut so, so können wir mal ein wenig reden.“ „Reden ist immer gut. Also bis später.“ Wir gehen in den Hirschen, die Kellnerin fragt, „habt ihr denn einen Tisch bestellt?“ Herbert meint, „seit wann muss ich einen Tisch vorreservieren?“ „Da schau rein, alles voll.“ „Habt ihr eine Gemeindeversammlung oder gibt es Freibier?“ „Nein alles Leute von der Presse. Nachher gibt der Bürgermeister ein Statement wegen dem Bergunfall.“ „Na hoffentlich haben sie es ihm schriftlich gegeben, damit er nichts Falsches sagt.“ Die Kellnerin muss lachen, „habt ihr gesehen, heute haben sie das Auto vom Herrn Minister unter einer Plane versteckt abgeholt. Wenn wir Glück haben, kommt er nie wieder.“ „Dann wird ein anderer kommen, diese Leute sterben nie aus.“ „Also kein Platz.“ „Aber in der kleinen Nebenstube, da könnt ich euch einen Tisch richten, da habt ihr dann eure Ruhe.“ „Super Idee“ meint Herbert. „Zu essen wird es doch noch was geben?“ „Freilich, die Einladung für die Journalisten, ist ohne Essen, nur ein Freibier.“ „Sie werden also nicht lange bleiben?“ Wir verziehen uns in das gemütliche Stüberl. Wir bestellen uns ein deftiges Essen und eine gute Flasche Wein. Zum Scherz meint


68 Herbert zur Bedienung, „Schreiben sie es auf die Rechnung von dem Großkopferten.“ „Mach ich.“ „Also ich muss jetzt mal was sagen“, so begann Herbert seine Rede. „Die Irmi mag dich schon seit mindestens zwei Jahren. Zu dieser Zeit, hast du sie sicher noch nicht beachtet. Sie fing ihre Lehre im Hotel an, und schwärmte von einem Gast, der Architekt oder so was ist.“ „So lange ist dass schon? Ich merkte nur immer, dass sie mich beobachtet und mir zulächelte. Sie ist ja in letzter Zeit eine richtige Frau geworden.“ „Ah, dass ist dir aufgefallen.“ lästerte Herbert. „Sie ist aber zwanzig Jahre jünger.“ „Na und, sei froh, dass du so ein junges fesches Dirndl bekommen kannst.“ „Herbert, ich bin doch so viel weg.“ „Da hätte ich aber noch eine Idee“, knüpfte er an. „Ich will ja langsam aus meinem Antiquitäten Geschäft aussteigen…“ „bitte lass das Thema mal beiseite. Ich liebe meinen Beruf, ich kann ihn nicht einfach so an den Nagel hängen.“ „Musst du doch gar nicht, du könntest hier für die Gemeinde nebenberuflich viel tun. Es wird übrigens gut bezahlt.“ Er lacht, „du hast Angst vor einer Bindung, hab ich Recht?“ „Vielleicht, ich kann es nicht sagen, was es ist. Ich finde, ich müsste Irmi noch etwas besser kennen lernen.“ Herbert hat sich das Gespräch wohl einfacher vorgestellt. „Was hältst du denn davon, wenn ich Irmi mit auf die Reise nach Barcelona nehme?“ „Was machst du denn in Barcelona?“ „Es ist eine große Familienfeier, der Sohn einer befreundeten Familie hat mit mir gesegelt, es ist eine alte Freundschaft, die man pflegen sollte. Der Vater wird achtzig und zu dieser Feier wurde ich eingeladen.“ „Na ja, wenn sie frei bekommt, finde ich das gut. Aber du musst sie schon selber fragen.“ Wir reden noch von München und genießen das Essen, dann verabschieden wir uns herzlich. Als ich in das Hotel komme, liegt in meinem Fach schon einiges an Post. Ich verziehe mich in den kleinen Salon und bestelle mir einen Kaffee mit Wasser ohne Sprudel. Irmi bringt es mir persönlich an den Tisch. „Hallo, na machst du hier dein Büro auf?“ „Im Moment schon. Ich würde dich morgen gerne zum Abendessen einladen, wir können ja mal nach Bozen fahren, wenn du willst.“


69 „Das finde ich eine gute Idee, wann willst du aufbrechen?“ „Wenn du frei hast, können wir fahren.“ „Ich lege dir eine Nachricht in das Postfach, willst du ein Telefon hier haben, dann könnte ich dir eines rüberlegen?“ „Nein, ist nicht nötig.“ So mache ich die Post auf und erledige das meiste gleich, in dem ich pausenlos mit dem Handy telefoniere. Natürlich sind auch Gespräche von den „Damen“ dabei, aber ich drücke sie einfach weg. Dann sehe ich einen Brief mit Poststempel Rostock. Er ist von Barbara. „Wir bedauern sehr, dass du hier nicht länger bleiben wolltest. Meine Mutter hofft jedoch, dass du uns wieder besuchen kommst. Betti hat sich für unsere Stelle in Berlin beworben. So wie es aussieht, wird sie schon in vierzehn Tagen dorthin umziehen. Sie hat einen regen Kontakt zu deinem Freund Richard. Vielleicht rufst du ja mal an, aber bitte erst nach den vierzehn Tagen. Ich will dich nämlich alleine sprechen.“ Ich sehe mir das Foto an, Mutter und Tochter Arm in Arm. Sie ist schon sehr hübsch. „Wen hast du denn da?“ Ich habe gar nicht bemerkt, dass Irmi in den Raum kam. Ich zeige ihr dass Foto und erkläre ihr um wen es sich handelt. „Sie ist aber sehr hübsch.“ Ich lasse sie auch den Brief lesen. „Und, willst du wieder nach Stralsund?“ „Also, im Moment auf keinen Fall. Zuerst muss ich wissen, ob die Besitzer einem Projekt von mir zu stimmen. Es geht ja schließlich um etwa vier Millionen.“ „Wow, dass ist ja ein richtiger Brocken.“ „Die Lage ist aber sehr schwierig, da erst Geld besorgt werden muss. Ich werde dir beim Abendessen ein wenig mehr erzählen.“ Ich pendle am nächsten Tag zwischen Baustelle und Hotel hin und her. So vergeht der Tag wie im Fluge. Am nächsten Morgen muss ich nach Bozen auf das Gemeindeamt und meine Papiere erledigen. Auf der Rückfahrt stehe ich im Stau. Der Rückweg zieht sich ewig. Endlich komme auch ich an der Engstelle vorbei. Ein Erdrutsch, fast schon normal. So habe ich dass Mittagessen verpasst. Im angrenzenden Kaffee meines Hotels nehme ich nur ein Stück Kuchen mit einem Milchkaffee. Anschließend mache ich eine schöne Siesta. Fast hätte ich meinen Termin mit Irmi verschlafen. Als ich runterkomme, wartet sie schon. „Entschuldige, aber ich habe verschlafen.“ Sie wirkt etwas kühl.


70 „Ist was?“ „Ich muss mit dir reden. Ich habe da einen etwas seltsamen Brief bekommen. Er ist aus Stralsund.“ Ich sage nicht viel, nur, „sie kann es nicht lassen, ich nehme an, der Brief ist von einer Betti.“ „Ja so ist es.“ „Der Brief ist unwichtig, die Fotos sind etwas seltsam.“ „Ach, Fotos hat sie auch mit geschickt?“ „Sie scheint aufs Ganze zu gehen. Sie will wohl unbedingt eine Herausforderung. Komm lass uns Essengehen, oder hast du keine Lust mehr?“ „Ich muss mit dir reden, es muss aber nicht unbedingt beim Abendessen sein.“ Auf dem Weg zum Restaurant ist sie sehr ruhig. Im Restaurant suchen wir uns einen abgelegenen Tisch. Kommentarlos legt sie mir das Kuvert vor. Ich mache das Kuvert auf und sehe die Bilder, welche ich schon kenne. „Ja, das ist Betti. Sie liebt diese Spielchen, und ich habe nicht nein gesagt. Sie hat allerdings gemeint, nicht länger als zehn Minuten.“ „Und dann?“ „Hat sie mich hängen lassen.“ „Hat es dir gefallen?“ „Ein bisschen schon, dass gebe ich ja zu.“ „Willst du, dass ich das auch mit dir mache?“ „Wenn du es schrecklich findest, natürlich nicht.“ „Würdest du mich denn auch fesseln?“ „Nur wenn du es wolltest.“ „Ich möchte mal sehen, wie es ist.“ „Du sprichst aber recht offen über diese Dinge.“ „Ich finde man sollte von Anfang an klar darüber reden.“ „Eine sehr moderne Einstellung.“ Sie nimmt meine Hand und meint, „bitte verspreche mir, keine Liebschaften nebenbei.“ „Okay.“ Nach einem doch noch wunderschönen Abendessen gehen wir noch durch die Altstadt bummeln. „Schau da ist noch eine Eisdiele offen, lass uns noch eine Tüte schlecken.“ Die Nacht ist so warm, dass wir für jeden einen Eisbecher bestellen. „Das wird die Kilos wieder in die Höhe treiben.“


71 Der Kellner fängt bereits an, die Stühle zusammen zu stellen. So macht er uns klar, dass er gerne Schluss machen möchte. Ich bringe Irmi noch zu ihrer Haustüre und versuche ihr einen Kuss zu geben. Sie meint aber, „ich glaube du willst noch einen Kaffee.“ „Ja, wenn du meinst, dann trinke ich bei dir noch einen Kaffee.“ „Ich will dir wenigstens mal meine kleine Bleibe zeigen.“ Wir steigen eine steile Treppe in den ersten Stock. „Du wohnst also unterm Dach, wie romantisch.“ Das Zimmer ist winzig, höchstens zwanzig Quadratmeter, aber sehr geschmackvoll und gemütlich aufgeteilt. Sie kommt auf mich zu und streift mir die Jacke ab. „Lass uns noch ein bisschen reden“, meint Irmi und hat ein ziemlich aufreizendes Lächeln um die Mundwinkel. Ich nehme sie in den Arm und dann nimmt alles seinen Lauf. Als wir uns am nächsten Morgen immer noch in den Armen liegen, stellen wir fest, dass wir doch prima zusammenpassen. Während sie ins Badezimmer geht, decke ich schon mal den Frühstückstisch und setze Kaffee auf. Da kein Tee da ist, nehme ich an, dass auch sie Kaffee trinkt. Nachdem Samstag ist, hat sie frei. „Würdest du gerne mit mir nach Barcelona kommen?“ „Das kommt aber plötzlich, spontan würde ich ja sagen. Ich muss erst mit meinem Onkel reden, ob ich frei bekomme?“ „Dann mach das bitte. Wenn du eine Woche frei bekommst, würde ich vielleicht sogar mit dem Wagen fahren.“ „Du willst doch nicht deinen Bus als Wagen bezeichnen.“ „Aber bitte, was hast du gegen meinen Bus. Da ist alles drin was ich brauche und eine Siesta kann man darin auch mal machen.“ „Aber wir können von Innsbruck aus fliegen. Von Mailand ginge auch gut, da weiß ich ein schönes Hotel. Ich werde mal die Möglichkeiten ausloten, schließlich muss eine Hotelkauffrau so was ja können.“ „Gut, ich gebe es in deine Hände. Der Termin ist der Achte, im nächsten Monat. Wir sollten also spätestens am Siebten dort sein. Wir brauchen auch dort noch ein Hotel. Wir sind zwar eingeladen, aber ein Hotel müssen wir uns selbst suchen.“ „Gut, ich nehme das ebenfalls in die Hand. Wie lange willst du denn bleiben?“ „Die Feier dauert zwei Tage, also drei oder vier Tage.“ „So und jetzt werden wir unseren freien Tag feiern. Ich habe noch eine Flasche Sekt im Kühlschrank.“ Der Sektkorken knallt und schon steht sie mit einem kleinen


72 Tablett im Türrahmen. Sie trapiert alles auf ein Nachttischchen. „So mein Lieber, und jetzt beginnen wir mit dem ersten Experiment.“ „Das klingt ja aufregend.“ Sie geht hinaus und kommt mit einer Hand voll Tüchern zurück. Sie wirft sie über das Bett, so dass alle verstreut herum liegen. Ich gieße erstmal für jeden einen Glas Sekt ein und ich warte ab, was folgt. Sie schnappt sich ein Tuch und verbindet sich die Augen. Sie haucht die Worte „nimm mich“ und muss dabei herzlich lachen. Ich nehme sie bei der Hand und führe sie zum Bett. Zuerst gebe ich ihr noch einen Schluck Sekt. Anschließend lege ich sie auf das Bett und nehme alle Tücher und streichle ihren Körper damit. Nun aber nehme ich eines und binde es um ihr rechtes Handgelenk, dieses fixiere ich am Bettpfosten. Ich mache es mit viel Gefühl und beobachte sie, ob es ihr wirklich angenehm ist. Nachdem ich auch ihre linke Hand fixiert habe, küsse ich sie erstmal herzhaft und beiße sie ganz leicht in die Lippe. Sie ist schrecklich aufgeregt und kichert ohne Unterlass. Ich fahre fort sie zu streicheln, ziehe ihren Slip herunter. Als ich ihr einen Tropfen Sekt in den Nabel gieße, erschrickt sie. Mit meiner Zunge lecke ich diesen Tropfen und beginne ihren Körper zu schlecken, was bei ihr eine Gänsehaut auslöst. Zwischendurch streichle ich sie auch zwischen den Schenkeln. Sie wird immer ruhiger und fängt an zu seufzen. Nun lecke ich sie auch in dieser empfindlichen Zone. Sie bekommt sehr schnell einen Orgasmus und lässt sich nach kräftigem Aufbäumen in das weiche Bett sinken. Sie ist völlig ruhig, aber atmet immer noch heftig. Ich binde sie nun los, lasse aber die Tücher an ihrem Handgelenk. Als ich nun in sie eindringe, stöhnt sie so laut, dass ich ihr den Mund zuhalten muss. Ich bekam ebenfalls einen überwältigenden Orgasmus. Wir liegen uns in den Armen und Irmi meint, „dass machen wir gleich noch mal.“ Den Vormittag verbringen wir mit Sekt und Schmusen im Bett. Als ich ihr die Tücher vom Handgelenk nehmen will, protestiert sie. „Lass sie mich noch tragen.“ Wir werden erst unterbrochen, als das Telefon läutet. Herbert fragt, ob wir nicht zum Essen kommen wollen. „Woher weist du denn, dass Manfred hier ist.“ „Du kennst doch unser Kuhdorf.“ „Wir brauchen aber noch eine gute Stunde.“ „Also dann essen wir halt heute italienisch, erst um halb drei!“ Als sie aus dem Bett steigt, ist sie ziemlich zerzaust, so wirkt sie richtig süß. Sie hat noch einen etwas wackeligen Gang. Als sie sich nochmals umdreht, stelle ich einen


73 leichten Silberblick fest. Ich liebe diesen Blick bei Frauen, wenn sie aus dem Bett steigen. Nach dem Duschen nimmt sie eine leichte Sommerbluse aus dem Kleiderschrank und bittet mich, die beiden Tücher um ihr Handgelenk zu schlingen. „Aber was wird dein Vater sagen?“ „Er wird sich wundern, aber ich will das so. Ich will das Gefühl jetzt nicht verlieren.“ Wir gehen auf den Tisch zu, an dem Herbert bereits Platz genommen hat. Die Flasche Wein ist bereits geöffnet. Er sieht Irmi an und meint, „es scheint dir sehr gut zu gehen, so glücklich hast du schon lange nicht mehr ausgesehen. Aber was hast du mit deinen Handgelenken gemacht? Selbstmord?“ Sie lacht ihn an und sagt, „alles musst du ja auch nicht wissen.“ „So wie ihr beiden ausseht, hattet ihr einen schönen Vormittag.“ „Ja, das darfst du mir glauben.“ „Ich freue mich für euch beide.“ Wir bestellen tatsächlich italienisch vom Feinsten. Herbert lacht seine Tochter immer wieder an. „Du fährst also mit nach Barcelona.“ „Ich hoffe, dass ich frei bekomme.“ „Aber sicher, ich werde mit meinem Bruder reden. Er muss dir frei geben.“ „Wir werden sehen.“ Gleich am nächsten Morgen rief Irmi im Personalbüro an und erkundigte sich nach ihren Urlaubstagen. „Wenn sie den auf einmal nehmen, sind sie für die nächsten Monate weg.“ „Wieso denn das?“ „Sie haben seitdem sie hier sind erst fünf Tage Urlaub genommen. Allein ihre Überstunden sind fast einen Monat.“ „Dann will ich hiermit höflich anfragen, ob ich zehn Tage Urlaub haben kann?“ „Aber sie sind doch an der Rezeption unsere wichtigste Kraft, da brauchen wir erst mal eine Ersatzkraft.“ „Verstehe. Da werde ich wohl mit meinem Onkel reden müssen.“ „Der steht gerade hinter mir, am besten rede ich gleich mal mit ihm direkt.“ „Der Urlaub ist genehmigt“ ertönt es aus dem Hintergrund. „Vielen Dank, ich brauche ihn wirklich unbedingt.“ „So schlimm ist es?“


74 Ich mache mir eine Liste mit Dingen, die unbedingt noch in den nächsten Tagen erledigt werden müssen. Es klopft an der Türe, Herbert kommt herein. „Es klappt, Irmi bekommt Urlaub. Ihr könnt also in vierzehn Tagen fahren.“ Herbert dreht sich um, da er Schritte hört. „Irmi, jetzt habe ich es Manfred bereits erzählt.“ „Macht nichts, gehst du mit zum Mittagessen?“ „Nein ich muss heute Nachmittag einen Kunden besuchen und ihm eine alte Madonna abschwatzen.“ „Am besten wir machen ein paar Fotos mit der Digitalkamera.“ „Gute Idee. Genügt es, wenn ich sie dir bis übermorgen fertig mache.“ „Wird schon reichen, ich treffe ihn allerdings schon übermorgen, aber erst gegen drei Uhr.“ „Das schaffe ich gut, du kannst dich auf mich verlassen.“ Ich versuche meine Rechnungen nach Datum zu sortieren, um mir die Auflistung zu erleichtern. Nach einer Stunde gebe ich auf, der Hunger ruft. Ich gehe über die Straße, zum Italiener. Irmi sitzt bereits mit einem Glas Wein in der Hand an einem etwas abseits gelegenen Tisch. „Hallo, konntest du dich endlich losreißen.“ „Ich hasse diese Arbeit, aber wenn ich sie nicht mache, bekomme ich auch kein Geld.“ „Und wenn du verhungerst, muss ich für dich sorgen“, scherzt Irmi. „Kommst du heute Abend zu mir?“ „Aber gerne.“ „Habt ihr denn im Moment viele Gäste?“ „Es sind zwei Reisegruppen angesagt, da sind die Vorbereitungen zu machen und das ist viel Arbeit. Ich habe übrigens in Barcelona alles reserviert, ich werde dir die Papiere morgen mitbringen. Ich habe mir gedacht, ein Hotel im Zentrum wird für uns praktischer sein. Willst du tatsächlich auf dem Hinweg schon über Arles?“ „Nein, auf dem Rückweg wird es angenehmer sein.“ Vor lauter Reden, haben wir immer noch nichts bestellt. „Ach, ich nehme einfach eine Pizza“, meint Irmi. „Dann nehme ich eine Lasagne, bitte ein Glas vom selben Wein, aber mit einer großen Flasche Wasser.“ Mario, unser Kellner, kennt mich nun schon seit drei Jahren, da kam er gerade frisch von der Schule und sprach immer von einem eigenen Lokal. Aber er ist wohl mit seinem Kellnerjob recht zufrieden. Er weiß genau, Wasser immer ohne Gas. „Wie findest du übrigens meinen Schal?“


75 „Ist mir sofort aufgefallen, er steht dir super.“ Ich küsse sie, aber wir werden dabei von Mario gestört. „Die Pizza bitte schön!“ Wir wechseln das Thema und reden nochmals von der bevorstehenden Reise. „Ich wollte eigentlich nächsten Mittwoch kurz nach München. So etwa für drei Tage, ich wäre dann am Sonntag zurück.“ „Mach dass, dann werde ich mal meinen Kleiderschrank ein wenig durchforsten und sehen, was ich für die Reise mitnehmen kann. Sicher ist es ja in Barcelona schon sehr warm.“ „Mit fünfundzwanzig Grad wirst du rechnen müssen.“ „Also Sommerkleidung.“ „Bitte Abendgarderobe nicht vergessen.“

Am nächsten Tag fahre ich noch mal zu meiner Baustelle und übergebe die Abrechnung, der Bauherr ist sogar persönlich anwesend. „Ich mache Ihnen den Scheck gleich fertig. Würde es Ihnen passen, wenn wir in vier Wochen mit der Einrichtung beginnen könnten?“ „Ja klar kein Problem.“ Ich erzähle noch von meiner Reise und verspreche, mich sofort nach meine Rückkehr zu melden. Ich entschließe mich kurzfristig nach München zu fahren. Im Hotel kommt mir schon Irmi entgegen, „und gibt es was Neues?“ „Ich habe gerade mein Geld bekommen und werde heute noch nach München fahren. Du bist mir doch nicht böse?“ „Nein, wenn du wiederkommst.“ „Drei Tage werde ich wohl brauchen. Ich muss meiner Zugehfrau noch Anweisungen geben und einiges an Wäsche mitnehmen, vor allem die Sommer Hosen, Hemden und so.“ „Na dann mach das mal. Ich freue mich schon, wenn du wieder da bist.“ Sehr spät abends komme ich in München an. Ich bin immer wieder froh über meine kleine Münchener Wohnung. Ich habe sie schon fast zwölf Jahre. Man hat mir auch schon ein Kaufangebot gemacht. Der Hausbesitzer will renovieren und dann die Wohnungen verkaufen. Ich habe den Vorvertrag bereits unterschrieben. Hier bekommt mich keiner mehr raus. Da fallen mir die Worte von Irmi ein.


76 „Ein Kind, vielleicht zwei.“ Da wäre die Wohnung zu klein. Sie hat ja nur zwei Schlafzimmer, wobei ich eines als Büro nutze. Als ich meine Jacke an den Haken hänge bemerke ich etwas in meiner Tasche. Irmi hat mir noch ein Foto mitgegeben. Wenn ich sie mir so betrachte, eine Änderung in meinem Leben, wäre schon sinnvoll. Nachdem ich dann auch noch das zweite Bier getrunken hatte, bekam ich schon Sehnsucht nach Irmi. Am nächsten Morgen rief ich sie gleich an, „Guten Morgen mein Schatz.“ „Das ist aber lieb, dass du anrufst.“ „Ich wünsche dir einen schönen Tag, arbeite nicht so viel.“ „Ich werde es in Grenzen halten. Morgen spätestens übermorgen werde ich zurück sein.“ Nach dem Frühstücken, nehme ich ein Taxi zu meiner Garage. Da steht er schon mein Prachtwagen. Seit über zehn Jahren habe ich diesen alten Mercedes 300 SL. Blau Metallic und graue Ledersitze, absolut wie neu. Ich habe eine kleine Werkstatt gefunden, wo er gepflegt wird und auch untergestellt ist. Ich starte den Wagen. Dieses Brummeln eines Sechszylinders ist schon ein Traum. Ich fahre offen durch München. Den Nachmittag verbringe ich mit Kofferpacken. Gegen Abend rufe ich Irmi an und erkundige mich ob alles klar ist. „Ich fahre morgen früh los. Ich freue mich schon.“ „Ich auch.“ Am Abend meldet sich noch mein Wohnungsbesitzer, er will wissen, ob ich noch am Kauf interessiert bin. „Natürlich, ich habe schon mit meiner Bank einiges vorbereitet.“ „Schade, ich hätte jemanden, der würde mehr bezahlen.“ „Tut mir leid der Notartermin ist in sechs Wochen, ist doch richtig?“ „Ja, stimmt.“ „Benötigen sie noch was, weil ich jetzt erstmal verreist bin. Ich werde zum Notartermin zurück sein.“ „Hoffentlich, sonst bekommt die Wohnung jemand anderes.“ Am nächsten Morgen starte ich schon sehr früh. Die Autobahn ist noch frei, so lasse ich ihn mal richtig laufen. Gegen Nachmittag komme ich am Hotel an. Irmi hat gerade Mittag und ist nicht da. Ich bringe den Wagen in die Garage und die Koffer auf mein Zimmer. Die Hosen lasse ich vom Zimmerservice abholen und gebe sie zum reinigen. Da taucht Irmi auf. „Na, war die Reise schön?“


77 „Ja, schon.“ „Wo ist denn dein Wagen?“ Die Betonung lag auf Wagen. „Er steht in der Garage.“ „Was ist es denn.“ „Du wirst es erraten müssen.“ „Das hab ich gerne. Machen wir das gleich?“ „Lass mich bitte noch meinen Kaffee trinken.“

Ich entschließe mich eine kleine Siesta zu halten. Als es an die Türe klopft, bin ich noch richtig im Halbschlaf. „Ja wer liegt denn da im Bett? Die Fahrt war wohl anstrengend für den älteren Herren?“ Sie kommt zu mir und begrüßt mich mit einem innigen Kuss. „Lass mich nur kurz duschen, dann bin ich wieder fit. Wir werden Koffer kaufen müssen.“ „Wieso, hier stehen doch genug herum.“ „Aber wenn deine noch dazu kommen, könnten wir Platzprobleme bekommen.“ „Was hast du den für einen Wagen? Vier Koffer, dass kann doch kein Problem sein?“ „Nein eigentlich nicht, es kommt nur auf die Größe an.“ „Na jetzt will ich ihn aber sehen.“ Du musst jetzt die Augen schließen. „Du kannst ja mein Tuch nehmen und mir die Augen verbinden.“ „Das lassen wir lieber, sonst kommt jemand vom Personal und fragt sich was das soll.“ Sie nimmt sich das Tuch von der Schulter und meint, „los, mach es.“ Ich lege das Tuch zusammen und verbinde ihr die Augen. Ein Zweisitzer stimmt das?“ „Ja“. „Jetzt will ich ihn endlich sehen.“ „Wau, ist der schön. Das ist also dein Schätzchen. Machen wir heute Abend eine Runde damit?“ „Ja sicher.“ „Ich freue mich, dass es dich gibt“, meint sie. Ich nehme sie in den Arm, da geht die Lifttüre auf. „Einen schönen guten Abend.“ Es ist ihr Onkel. „Sind Sie wieder da? Sie sind ja mein bester Gast. Jetzt entführen sie auch noch meine beste Kraft.“


78 Ich schüttle ihm die Hand, „ich hoffe Sie finden einen guten Ersatz für Irmi.“ Es ist schon gegen zehn und Irmi hat an der Rezeption immer noch reichlich zu tun, ich gehe inzwischen in die Bar und nehme einen Drink. Nach einer weiteren halben Stunde kommt Irmi nach. „Hast du noch Lust auf eine Runde?“ Wir ziehen noch auf dem Weg zu Irmis Wohnung ein wenig um die Häuser, damit sie den Kopf frei bekommt. An ihrer Haustüre angekommen, bittet sie mich noch mit nach oben. „Sieh mal was ich in unserer Buchhandlung bekommen habe. Tantra für Anfänger.“ „Ich weiß nicht ob ich so sportlich bin. Hast du schon mal hinein geschaut?“ Sie lacht, „aber wenn du nicht willst, machen wir das später.“ „Jetzt gehe erstmal duschen, ich komm dann nach.“ Wir duschen zusammen, reiben uns mit der Seife ein, verwenden extra feines Duschgel, kommen dabei richtig in Fahrt. Sie angelt sich ein Handtuch und so trocknen wir uns gegenseitig ab. Am Bett angekommen, nehmen wir ein Körperöl und reiben uns ein. Irgendwann halten wir es nicht mehr aus, fallen übereinander her. Es war wunderschön. „Tja, mein Lieber, dass war schon ein bisschen wie Tantra.“ „Ach, so geht das. Da müssen wir aber noch oft üben.“ „Jetzt hätte ich gerne noch eine Nachhilfestunde genommen.“ Sie wirft mir ein Kissen nach und schon hatten wir die schönste Kissenschlacht. „Jetzt muss ich aber gehen, sonst schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig.“ „Wir können ja hinter der Rezeption weiter machen.“ „Servus mein Schatz.“ Als ich in die Etage komme, wo mein Zimmer ist, fragt mich dass Zimmermädchen, „haben sie ihr Bett nicht benützt?“ „Ja, da habe ich wohl auf dem Teppich davor geschlafen?“ Den Witz hat sie nicht verstanden. Ich ziehe mich kurz um und frage an dem Empfang, wo denn hier ein gutes Koffergeschäft ist. „Da empfehlen wir doch besser nach Bozen zu fahren.“ „Okay, dann mach ich das.“ In Bozen treffe ich auf ein sehr schönes Ledergeschäft. Ich bitte die Verkäuferin zu meinem Wagen um Maß zu nehmen. Sie findet das sehr lustig, „das hatten wir noch nie, dass wir die Koffer nach der Autogröße heraussuchen mussten.“ Wir stellen ein perfektes Lederset zusammen. Alles in hellem Leder. Zwar nicht praktisch, aber einfach toll. So sind es fünf Stück. Genau bemessen. Als Irmi die neuen Koffer sieht flippt sie aus. „Welche sind die meinen?“


79 „Suche sie dir aus, nimm was du brauchst. Mehr passt nicht in den Wagen. Wenn du mir einen lassen könntest, damit komme ich aus.“ „Wenn wir mal Kinder haben, fallen zwei Koffer weg, denn dann brauchen wir den Platz für Kindersitze.“ „Aber wir haben doch noch den Bus, da bekommen wir sogar einen Kinderwagen rein.“ „Nicht nur, eine Wickelkommode kann auch installiert werden.“ So blödeln wir noch eine ganze Weile weiter. Ich gehe zur Rezeption und bitte, die Abrechnung fertig zu machen. „Da wird einiges zusammen kommen. Ich war ja fast vier Wochen hier.“ Die letzte Nacht vor der Abreise hat Irmi gebeten, dass ich bei ihr wohne. „Wenn ich morgen früh in das Hotel komme, komme ich nicht mehr raus“ waren ihre Worte. Ich brachte alle meine Sachen in Irmis Wohnung. Ich besorgte noch eine Brotzeit und einen guten Wein. Jetzt macht das packen mehr Spaß. „Also Sommersachen. Für kühle Abende natürlich auch eine Jacke.“ „Abendkleid?“ „Nimm vielleicht besser zwei.“ So ging es sehr schnell, dass die Koffer sich füllten. Sie führte ihre Kleider auch noch vor, so hatte ich den Spaß einer Modenschau. Während ich das Abendessen richtete und den Wein öffne, packte Irmi ihre Koffer fertig. Am Ende blieb uns ein Koffer übrig. „Hätte ich nicht gedacht, dann lassen wir einen hier.“ „Wir brauchen ja auch Platz für die Dinge, die wir auf der Reise kaufen.“ Wir gingen schon sehr früh zum Kuscheln über, so dass wir noch ewig herumalberten. Der Wein ging uns irgendwann aus. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war es gerade mal sieben Uhr. Aber wir waren schon so aufgekratzt, dass wir beschlossen loszufahren. Während Irmi das Bad belegte, richtete ich das Frühstück. Sie rief aus dem Bad, „aufräumen müssen wir übrigens nicht, es kommt jemand vom Hotelservice und macht das.“ Um neun war es dann soweit, wir starteten, Irmi rief nochmal ihren Vater an und verabschiedete sich. Etwas später werden wir das Dach öffnen und offen fahren. „Ich hoffe, du hast genug Tücher dabei, um dich einzuwickeln?“ „Das kannst du wohl glauben, ich habe sie alle in meiner Reisetasche, du darfst dann auswählen, was farblich zum Auto passt.“ Nach einer guten Stunde fahrt wurde es richtig warm, wir öffneten die Fenster.


80 „Du wirst sehen, in einer weiteren Stunde machen wir das Dach auf.“ Wir trödelten so gemütlich dahin, dass wir immer wieder überholt werden. Ich bot Irmi an, wenn sie Lust hätte, auch zu fahren. „Das nehme ich gerne an, so kannst du auch mal die Landschaft betrachten.“ Irmi fährt sehr gelassen und ruhig, richtig angenehm. Sie sucht nach einem Parkplatz um den Blick zu genießen und die ersten Fotos von unserer Reise zu machen. Sie hat sich ihr Kopftuch so gebunden, wie es in den Fünfzigern üblich war. Es steht ihr wirklich gut. Kombiniert mit einer schwarzen Sonnenbrille. „Warum siehst du mich so an?“ „Ich finde dich umwerfend. Dein Kopftuch macht mich richtig nervös.“ „Soll ich dir die Augen verbinden?“ „Lieber nicht, dann kommen wir ja überhaupt nicht mehr weiter, dann erreichen wir Mailand nie.“ „Na gut, das muss ich akzeptieren. Aber heute Abend, da hab ich eine Überraschung für dich.“ Kurz nach drei Uhr kommen wir in die Nähe von Mailand. Wir entschließen uns, weiterzufahren. Irmi gibt das Steuer nicht mehr ab. „Ich liebe dieses Auto, ich hab mich vom ersten Moment wohl gefühlt, ich werde ihn behalten.“ „Ich muss doch nicht Eifersüchtig werden?“ Sie greift nach meiner Hand und streichelt und kneift sie. „Sollen wir eine Pause machen?“ „Wie du willst. Wir können aber auch am Abend dafür etwas früher Essen gehen.“ Unser nächstes Ziel ist nun Genova. Auf dieser Strecke suchen wir uns eine Bleibe, vielleicht ein bisschen abgelegen von der Autobahn. „Ein Gast hat mir mal von einem kleinen Landhotel erzählt, es liegt so etwa achtzig Kilometer südlich von Mailand.“ Ich krame nach unserem Reiseführer und fange an zu blättern. Wir fahren nach siebzig Kilometern von der Autobahn ab und steuern eine Tankstelle an. Tanken war sowieso nötig. Irmi schilderte das Hotel und wollte wissen, ob er es kennt. Er greift zum Telefon und fragt seine Mutter, sie sei eine Spezialistin für abgeschiedene Landhotels. Tatsächlich kann sie helfen. Er nimmt ein Blatt Papier und fängt an zu zeichnen. Also hier die Straße weiter und dann kommt eine Abbiegung… Wir sehen uns beide etwas hilflos an, aber entscheiden uns seinem Rat zu folgen.


81 Nun habe ich wieder das Steuer übernommen. Die Zeichnung scheint weitestgehend zu stimmen, nur einmal müssen wir fragen, als wir plötzlich vor einem großen altem Tor stehen. Es ist stark von Efeu eingewachsen. Romantisch und zum Fürchten zugleich. Zuerst überlegen wir, ob wir nicht doch besser weiterfahren sollten. Aber unsere Abenteuerlust hat Vorrang. Irmi geht auf eine schwere Kette zu und hängt sich richtig daran. Es bimmelt, als würde man an der Himmelspforte läuten. Zuerst kommen riesige Hunde mit lautem Gebell. Hinter dem Eisengitter fühlen wir uns aber noch sicher. Mit etwas Abstand folgt ein älterer Herr in einem schwarzen Anzug. Wohl der Portier. „Sind sie angemeldet?“ „Wir kommen auf Empfehlung des Grafen Wallenstein.“ Er überlegt, „sagt mir im Moment nichts.“ Irmi meint, „er hießt mit Vornamen Theobald.“ Da geht dem Alten ein Licht auf, „Theo, dann kommen sie mal rein.“ Er pfeift seine Hunde zurück, drückt auf einen Knopf und das Tor öffnet elektrisch. „Fahren sie bis zur großen Treppe.“ Dort angekommen, steigen wir aus, die Hunde sind lammfromm. Sie legen sich richtig malerisch rechts und links neben unser Cabrio. Wir benötigen nur die zwei Koffer und die Tasche. Der Alte ruft den Hausdiener, der schnellen Schrittes herbei eilt. „Lassen sie bitte, ich bringe die Sachen auf ihr Zimmer.“ Irmi nimmt ihre Reisetasche und lässt den Rest der Koffer stehen. Als wir in die Halle kommen, verschlägt es uns den Atem. Irmi hält sich die Hand vor den Mund, um nicht vor Freude laut aufzuschreien. Der Herr in schwarz, meint, „gefällt es Ihnen?“ „Freunde von Theo sind auch unsere Freunde. Wie lange wollen sie denn bleiben?“ „Eigentlich nur eine Nacht, aber hätten wir das gewusst, hätten wir uns mehr Zeit genommen.“ „Gäste für eine Nacht nehmen wir hier eigentlich nicht, aber wir werden eine Ausnahme machen. Hat ihnen Theo unsere Gepflogenheiten mitgeteilt? Wir haben keine Zimmerpreise, jeder gibt, was er für richtig hält.“ „Das finde ich gut.“ „So hängt es ganz davon ab, ob wir für unsere Gäste später ein Zimmer frei haben werden. Theo, ist immer sehr großzügig.“ Er reicht uns die Zimmerschlüssel. „Einen Lift haben wir hier nicht. Es gibt aber einen Personallift, wenn Ihre Füße schon zu sehr strapaziert sind.“


82 „Nein, wir sind gut zu Fuß.“ Das Haus scheint leer zu sein. Nirgends können wir Gäste entdecken. „Sollen wir uns in ein Buch eintragen?“ „Das hier ist sehr privat. Keine Anmeldung, keine Meldung an das Finanzamt, Sie verstehen? Wir fragen nur nach den Vornamen.“ Wir verbeugen uns sehr höflich und stellen uns vor. Er schüttelt uns die Hand. „Seien Sie herzlich willkommen. Wenn sie sich frisch gemacht haben, kommen Sie bitte in Abendkleidung und finden sich im Salon ein. Wir werden dort ein Buffet aufstellen. Sie begeben sich dann bitte an den für Sie reservierten Tisch.“ „Wie Sie meinen, gibt es eine Uhrzeit?“ „Jawohl, Sie finden alles auf ihrem Zimmer, was sie wissen müssen.“ Wir steigen auf einer imposanten Treppe in den zweiten Stock. Zimmer Nummer zwei. Wie wir feststellen, hat das Stockwerk nur zwei Zimmertüren. Als ich den Schlüssel zum Schloss führe, öffnet sich dieses automatisch. So haben also früher die Fürsten gewohnt. Für uns erfüllt sich ein Traum. In keinem von mir früher besuchten Anwesen, habe ich so schöne und gepflegte Räume gesehen. Die Badezimmer in Marmor mit Gold verziert und feinstes Porzelan. Auf dem Bett finden wir eine Broschüre in Leder und Gold gefasst. „Die Zeremonie des Hauses“. Ich lese unter Frühstück, „Wir bitten beim Frühstück um absolute Ruhe.“ Ich überfliege die Anweisungen und komme gleich zum Abendessen. Bitte tragen sie zum Abendessen, die bereitgelegten Kimonos. Kommen sie in den Salon nur mit diesen Kimonos. Ich lasse es Irmi lesen. Beide reich mit Gold bestickt und sehr bequem. „Sieht sehr beeindruckend aus“, meint Irmi. Wir sehen auf die Uhr und stellen fest, dass wir uns beeilen müssen. Wir duschen und gewanden uns in die Kimonos. Hausschuhe stehen ebenso bereit. Als wir uns auf den Flur begeben, kommen auch unsere Nachbarn aus ihrem Zimmer. Ebenfalls in Kimonos gehüllt. Die Dame trägt eine schwarze Sonnenbrille. Der Herr hat einen Gehstock mit goldenem Knauf. Beide nicken kurz, aber kein Wort kommt über ihre Lippen. Wir begeben uns in den Salon, lassen den Herrschaften den Vortritt. Leicht abgedunkeltes Licht und ein Geruch, der mich an Weihrauch erinnert. Wir sehen auf die Tafel, nur das Beste vom Besten. Wir blicken auf eine weitere Tafel, die Sitzordnung: Tisch 5, ist wohl der unsere.


83 Wir begeben uns in den Speisesaal. Insgesamt sind es zwölf Tische. Einige Herrschaften haben bereits Platz genommen. Alle in den gleichen Kimonos, aber farblich mit Unterschieden. Ich bin doch verwundert, es sind durchaus auch Herrschaften in unserem Alter dabei. Zuerst wird ein Aperitif gereicht. Danach die Stille der Ruhe. Ein Herr betritt den Raum und hält eine kurze Begrüßungsrede. Nur ein paar Minuten, wir werden als neue Gäste vorgestellt. Wir erheben uns kurz und blicken in die Runde und grüßen. Danach folgt eine nicht enden wollende Speisenfolge. Immer wieder Wein und Champagner je nach Lust. Inzwischen lächeln uns auch schon die ersten Gäste zu. Also scheinen wir akzeptiert zu sein. Irmi macht ein paar böse Witze, aber ganz leise natürlich. Am Ende des Abendessens werden alle in den Rauchersalon gebeten. An diesen schließt sich ein Spielzimmer an. Roulette und Billard, alles was das Herz begehrt. Die meisten gehen an den Roulettetisch. So langsam wird mir klar, was hier abgeht. Ich flüstere Irmi zu, „alles Zocker.“ Ich nehme sie beim Arm und führe sie Richtung großer Türe. Dort steht ein großer Herr in goldener Livree und Perücke. „Wollen sie wirklich schon auf ihr Zimmer?“ „Wir sind schon seit heute früh unterwegs und dachten…“ „Besuchen sie doch unseren kleinen Nachtclub, wenn sie hier die Treppe nehmen, es wird für sie eine Überraschung sein.“ Das wollten wir uns nun doch nicht entgehen lassen. Wir steigen die Treppe hinab in einen Raum der ein riesiges Gewölbe hat. Gedämpftes Licht, sehr angenehme leise Partymusik. Es tanzen mehrere Paare eng umschlungen. Irmi und ich fühlen uns angesprochen und gehen auf die Tanzfläche. Als eine kleine Pause folgt, kommt ein Kellner auf uns zu und meint, „Ihr Séparée befindet sich hier.“ Er deutet auf die Nummer 22. „Was darf ich bringen?“ Wir bestellen eine Flasche Champagner. Irmi fängt sofort an zu schmusen, auch ich kann mich nicht mehr bremsen. Wir erleben eine Nacht wie bei 1001 Nacht. Erst spät gehen wir auf unser Zimmer. Wir hatten den Eindruck, dass die übrigen Gäste alle noch im Haus unterwegs sind. Auf unserem Rundgang fanden wir den Frühstücksraum. Immer wieder kamen wir ins Staunen, es war die Nacht der Nächte. Irmi meinte, „wenn wir mal Kinder wollen, dann machen wir die hier.“ Ein Paradies, wie es sich wohl niemand vorstellen kann. Am nächsten Morgen machen wir uns Sorgen, wie das mit der Abrechnung geht. „Was sollen wir denn bezahlen, wenn es keine Rechnung gibt?“


84 „Lass mal, ich werde schon einen Tipp bekommen, da bin ich mir sicher.“ Ich ging zum Empfang und ich wollte mit dem Empfangschef sprechen. „Lassen sie nur, ist schon alles erledigt. Wir werden Sie bei Gelegenheit bitten, dass Sie für uns einige Arbeiten erledigen. Da wir nun wissen, wer Sie sind, dürfen sie uns dies nicht ausschlagen. Die Familie Borsani wird sich bei Ihnen melden. Sind sie eher in München oder in Brixen zu erreichen?“ „Wie Sie es wollen, die Telefone enden immer auf meinem Handy, welches ich bei mir führe.“ „Sie kommen nicht zufällig in den nächsten zwei Wochen des Weges?“ „Das ließe sich einrichten. Im Moment sind wir auf dem Weg nach Barcelona.“ Ich gebe dem Empfangschef ein Kuvert für das Personal. „Wir danken und warten sie bitte einen Moment, bis ihr Wagen vorgefahren wird.“ Auf dem Weg zur Treppe, kommt mir Irmi entgegen. „Alles erledigt?“ „Ja.“ „War es schlimm?“ „Nein, sie wollen, dass ich für sie arbeite.“ „Es sind die Borsanis. Es gibt wohl eine Menge alter Herrensitze und Burgen und Schlösser, die in ihrem Besitz sind. Alle benötigen eine Renovierung.“ Als wir unsere Koffer im Wagen verstaut haben, kommt der Empfangschef auf uns zu und übergibt ein Kuvert. „Bitte bewahren sie es gut auf. Wir bedanken uns für ihren Besuch und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen.“ Erst jetzt fiel uns auf, dass unser Auto frisch gewaschen wurde. Wir fahren im Schritttempo zur Pforte. Der Kies knirscht unter den Rädern. Wir genießen den schönen Park und den Blick zurück. „Da fahren wir sicher nochmals hin, meinst du nicht auch?“ Irmi war ganz begeistert, „hier könnte ich leben.“ „Meinst du nicht, dass es auf die Dauer langweilig wird. Es kommt mir ein bisschen so vor, wie ein Goldener Käfig.“ „Na hör mal, die haben doch Abwechslung genug. Da vergeht doch kein Abend ohne eine Veranstaltung.“ „Es ist sicher ein Zockerparadies.“ „Aber wir werden demnächst mehr erfahren, da bin ich mir sicher.“ „Würdest du denn so einen Auftrag annehmen?“ „Das Problem was ich hier sehe ist, dass man nicht mehr selbstständig ist. Die haben so viele Objekte, dass man eigentlich keinen zusätzlichen Auftrag mehr annehmen


85 kann. Aber gerade dass ist ja dass Schöne an meinem Beruf, es ist die Freiheit.“ Wir diskutieren noch eine ganze Weile, bis wir vor der Entscheidung stehen, welches Ziel wir für heute Nacht ansteuern. Wenn wir gemütlich fahren und uns abwechseln, könnten wir es bequem bis Nizza schaffen. „Sag mal, hast du gestern Abend mitbekommen, wie sie die junge Frau entführt haben?“ „Was meinst du?“ „Zwei Herren in langen schwarzen Kimonos nahmen eine junge Frau zwischen sich und führten sie den Gang entlang in ein Nebenzimmer.“ „Ja und was ist da so schlimm daran?“ Irmi ist ganz aufgewühlt, „ja aber die Frau hatte die Hände auf dem Rücken gebunden und ihre Augen waren ebenfalls verbunden.“ „Hab ich nicht mitbekommen. Du hättest mich ja darauf aufmerksam machen können.“ „Ich dachte, du siehst es auch. Sie gingen ja an uns vorbei.“ „Nein, hab ich nicht bemerkt. Du hast mich so abgelenkt, dass ich für nichts anderes mehr einen Blick hatte. Möchtest du denn das auch?“ „Wenn du es tätest, ja klar. Aber Fremde, ich weiß nicht.“ „Es war sicher abgesprochen und nur ein Spiel.“ „Das ganze Schloss ist ja nur Spiel.“ „Sieh doch mal nach, was in dem Kuvert ist, welches wir erhalten haben“. Irmi öffnet das Kuvert und erst jetzt erkennt sie das Siegel auf der Rückseite. Sie zieht ein in Gold gefasstes Kärtchen heraus. „Mitgliedsausweis“. Sehr feierlich, hier steht, dass wir bei unserem nächsten Aufenthalt offiziell in den Club eingeführt werden. Irmi meint, „dann haben sie wohl die junge Dame gerade eingeführt. Wie werden sie es denn mit den Herren machen?“ „Das hat dir wohl sehr imponiert?“ „Imponiert? Weiß nicht, aber beeindruckend war es schon.“ „Das ist ja eine Seite, die ich an dir gar nicht vermutet hätte.“ „Du kennst mich halt viel zu wenig.“ „Da kann ich ja noch auf einiges gespannt sein.“ „Da kannst du drauf wetten.“ „War da nicht etwas mit einer Überraschung?“ „Stimmt, dazu sind wir gar nicht gekommen.“


86 „Was ist es denn?“ „Heute Abend werde ich es dir zeigen.“ Wir schließen das Verdeck und gehen in das kleine Restaurant, bestellen uns eine Kleinigkeit. „Sieh mal da treiben sich Burschen um dein Auto herum.“ Ich spring auf und renne hinaus. Gerade als einer der Burschen das Messer ansetzen will, schreie ich los. Vor Schreck türmen sie. Ein Streifenwagen, dessen Besatzung auf dem Parkplatz gerade seine Pause einlegte hat dies mitbekommen. Sie fahren den Typen hinterher. Ich betrachte mir den Wagen, kann aber nichts feststellen. Als ich wieder in das Lokal gehen will, kommt einer der Polizisten und fragt, ob alles okay ist. „Ja soweit ich es beurteilen kann.“ Wir setzen unsere Fahrt fort, haben noch das Dach geöffnet und Irmi will fahren. Es dauert nicht lange, da merken wir, dass uns ein Fahrzeug folgt. Wir behalten ihn im Auge. „Lass uns bei nächsten Möglichkeit auf einen Parkplatz fahren, mal sehen was er tut.“ Tatsächlich er fährt ebenfalls raus. Wir stellen uns direkt neben einen Tanklastzug. Es ist ein Holländer, er lächelt uns an, als wir vor ihm parken. Wir beobachten den alten Chevy, er hält sich in sicherem Abstand zu uns. Wir steigen wieder ein und fahren weiter. Er tut dies auch. Wir fahren bewusst sehr langsam. Er setzt zum Überholen an. Wir lassen ihn vorbeiziehen. Er schert direkt vor uns ein und bremst ab. Irmi hat das aber voll im Griff. Sie bremst kurz, schert links heraus, er ist aber schneller. Der Chevy versucht uns auszubremsen. Irmi gibt Vollgas. Wir ziehen locker an ihm vorbei. Wir rufen über unser Handy die Polizei und geben die Nummer des Wagens durch. Wir werden noch nach unserer Position gefragt. An der nächsten großen Raststelle fahren wir von der Autobahn ab und direkt zur Polizeistation. Dort ist man bereits informiert. Kommen Sie bitte hier zum Inspektor. Wir berichten alles nochmals, von den Burschen am Parkplatz usw. Wir haben den Chevy gerade mit unserer Motorradstreife angehalten. „Sie sind alle drei bekannt, sind immer hier in der Gegend, aber auch schon mal auf der französischen Seite. Aber diesmal werden wir ihnen den Wagen abnehmen, damit sie damit keine neue Straftat begehen können.“ Wir warten etwa zehn Minuten, als die jungen Burschen eintreffen. Sie sehen natürlich unseren Wagen und schimpfen was das Zeug hält. Sie werden in einen Nebenraum gebracht. „Sind das die Burschen?“ „Ja, absolut Sicher. Sie brauchen ja nur ihre Kollegen fragen, die haben ja schon ein Protokoll gemacht.“


87 „Ach, Protokolle haben wir von denen schon genug. Wir behalten sie einige Tage auf der Wache und ab geht es nach Frankreich, denn da kommen sie her. Nur diesmal werden wir ihren Wagen hier behalten.“ Wir verabschieden uns und setzen unsere Fahrt fort. Nach weiteren zwei Stunden steuern wir ein Motel an. Jetzt freue ich mich auf eine Dusche. Wenn man den ganzen Tag offen fährt, kommt man sich doch recht eingestaubt vor. Während Irmi duscht, lege ich mich etwas erschöpft auf das Bett und schlafe direkt ein. Erst ein paar Wasserspritzer auf mein Gesicht lassen mich wieder erwachen. „Ich glaube, ich hätte jetzt durchschlafen können.“ Wir gehen in aller Ruhe zum Abendessen. Wir sind nun ganz in der Nähe Cannes. Vielleicht sind es gerade mal zwanzig Kilometer. Bevor wir uns setzen, sehen wir uns die Bildergalerie an den Wänden an. Sie stammen wohl von Freunden, Verwandten und natürlich auch von Gästen. Der Kellner erzählt, dass hier oft junge Leute absteigen. Untertags sind sie in Nizza, Cannes oder Monte Carlo, dort denkt natürlich jeder, sie würden in einem der Nobelhotels wohnen. Hier in unserer Gegend ist leider alles auf Show ausgelegt. „Als ich Ihren Wagen sah, dachte ich, ach sieh mal schon wieder so junge Leute ohne Geld.“ Wir lachen alle herzhaft und erzählen unsere Story des Tages. Der Kellner meint, „die gefährliche Gegend ist ja eher um Montpellier und Nimes. Da ist schon so mancher sein Auto losgeworden.“ Vor allem an den Rastplätzen, da geht man mal ein paar Schritte spazieren und wenn man zurückkommt, ist der Wagen weg.“ Als er zurückkommt, spinnt er die Geschichte noch ein bisschen weiter. „Wissen Sie meine Frau ist eine vom Land, die redet nicht so fein herum. Aber sie ist eine patente Frau, schließlich sind wir ja schon fast dreißig Jahre verheiratet.“ Irmi sieht mich an und meint, „ob wir das auch mal schaffen?“ „Wenn du schön fleißig bist und sehr brav.“ „Du vertauscht hier die Rollen. Du hast ja gerade gehört, er ist sehr brav und folgsam.“ Wir stoßen auf das folgsam sein an. Er will wissen, was wir machen. „Meinen sie beruflich oder privat?“ „Privat“ meint er, dass sähe er ja. „Eine schöne Zeit verbringen und so.“ Wo wir denn hinwollten? „Barcelona“. Das weckte sein Interesse kaum, mit den Spaniern hatte er es nicht so, und mit Franco schon gar nicht. Er ging gar nicht mehr weg vom Tisch. Er berichtete von der Provence, dem Var Gebiet und natürlich der Cote Azur. Die Geschichten wollten fast gar kein Ende nehmen.


88 Das Abendessen welches er uns serviert ist köstlich, Irmi hat Fisch gewählt und ich ein schönes Steak. Es ist so gemütlich, dass wir die Zeit völlig vergessen haben. Als Irmi auf die Uhr sieht, meint sie, „jetzt wird es aber Zeit.“ Das Lokal ist mittlerweile komplett gefüllt. Unser Kellner bedient alle Tische alleine. Irgendwann kommt er wieder vorbei und meint, „ich hätte ihnen ja gerne noch so viel erzählt, aber sie sehen ja.“ Wir fragen, ob wir die Rechnung auf das Zimmer schreiben lassen können? „Ja, ist mir sowieso lieber, zum Kassieren habe ich jetzt keine Zeit“. Wir gehen auf unser Zimmer und streckten uns der Länge nach auf das Bett. „Jetzt bin ich fertig“. „Ich dachte wir machen Urlaub“, sagt Irmi. „Ein bisschen Urlaub ist es doch.“ „Lass uns nach dem Duschen noch ein bisschen Kuscheln.“ „Ja das machen wir.“ Aus dem Kuscheln wurde eine regelrechte Kuschelarie. Am nächsten Morgen wurden wir durch ein lautes Maschinengeräusch geweckt. Der Kellner schnitt Brennholz für den Barbecue-Grill. Als wenn er damit nicht warten könnte, bis alle auf sind. Irmi schaut auf die Uhr und meint, „die Gäste werden nicht nur aufgestanden sein, sondern auch schon weg“. Es ist halb elf. Das Frühstück kürzten wir ab, nahmen nur einen Kaffee und Orangensaft. Der Kellner bat uns bald wieder zu kommen, damit er uns den Rest der Geschichte noch erzählen kann. Wir versprachen, „wenn uns der Weg hier vorbeiführt, bestimmt“. Wir fuhren wieder zurück auf die Hauptroute Richtung Aix-en-Provence, um Zeit aufzuholen, gingen wir auf die kostenpflichtige Autobahn. Wir fuhren mit geschlossenem Verdeck, so konnten wir etwas schneller unterwegs sein. „Wir müssen unbedingt tanken“, weist mich Irmi an. Bei der nächsten Raststelle tanken wir den Wagen voll. Noch nach dem Öl und dem Wasser sehen. Reifendruck. Es fehlt Wasser, fast ein halber Liter! „Da müssen wir aufpassen, bei dem nächsten Tanken sehen wir nochmals nach.“ Die Tageszeit ist jetzt günstig, wir kommen schnell voran. Beim nächsten Tankstop kontrolliere ich das Wasser, wieder einen halben Liter. Da stimmt was nicht. Wir müssen bis Barcelona durchkommen. Erst da ist die nächste Mercedes Werkstatt. Wir entschließen uns, den Wagen nicht mehr so zu jagen. Irmi meint,


89 „komm fahr du lieber.“ Wir entscheiden in Montpellier zu rasten, die Nacht dort zu verbringen. Wir finden ein kleines Hotel mit Garage. Nach dem Einchecken haben wir das Gefühl, dass es ein Stundenhotel ist. Irmi hatte da plötzlich so einen schelmischen Blick. „Wenn wir schon in so einem Hotel sind, dann könnte ich ja meine Überraschung…“ „Was kommt denn jetzt?“ „Du wirst schon sehen, oder auch nicht.“ Sie kommt mit einem Tuch aus dem Bad und verbindet mir die Augen. „Ist es gut so?“ „Ja, wunderbar weich und trotzdem fest.“ „Na warte, es ist noch nicht zu Ende.“ Sie nimmt mich bei der Hand und führt mich zu einem Hocker. „Setz dich, befahl sie.“ „Spielst du jetzt Domina?“ „Sei ruhig, du redest nur, wenn ich dich etwas frage.“ Ich spüre etwas Kühles und höre etwas klappern. Ratsch und noch mal ratsch, das waren Handschellen. „Wo hast du die denn her?“ „Ich habe dich nicht gefragt. Sei still.“ Sie spielt ihre Rolle total süß. Sie bemüht sich sehr ernst zu sein, muss aber immer zwischendurch lachen. „So, Mund auf.“ Dann bekam ich einen Knebel in den Mund. „Gefällt es dir so?“ Da konnte ich ihr keine Antwort mehr geben. Sie setzte sich auf meinen Schoß und fing an mich zu beschmusen. „Jetzt werden wir eine Pause machen und den Buben ein bisschen sitzen lassen.“ Sie ging ins Bad und ließ sich das Badewasser ein. Da spürte ich, wie sie mir die Beine zusammenbindet. Es muss ein Tuch oder der Gürtel vom Bademantel sein. Sie verschnürte ihn mit dem Hocker. „Damit du mir nicht wegläufst.“ Mit einem weiteren Tuch wurde mein Mund nochmals umwickelt. „So schön brav, ich nehme jetzt ein Bad. Ach, eigentlich könnte ich mir einen Sekt bestellen. Genau, das mach ich noch.“ Sie rief bei der Rezeption an und bestellte eine Flasche Sekt auf das Zimmer. Ich wollte etwas sagen, aber ich blieb stumm. Sie stieg in die Wanne, und es klopfte an der Türe. „Zimmerservice!“ Sie rief, „kommen Sie nur rein, stellen Sie es auf den


90 Nachttisch.“ Die Türe ging auf und der Kellner oder Kellnerin blieb kurz stehen, ging aber dann an mir vorbei und stellte das Tablett am Nachtisch ab. Beim Zurückgehen strich mir diese Person über meine Hose und fühlte meinen riesigen Schwanz. Ich werde noch verrückt, dachte ich. Da fragte die Person, „kann ich noch was für Sie tun?“ „Sehen Sie mal ob es meinem Liebling gut geht?“ „Ich glaube schon.“ Sie nimmt meinen Kopf zwischen ihre Hände und gab mir einen Kuss auf das Tuch mit dem Knebel. Sie kontrollierte noch das Tuch an den Beinen und meinte, „alles okay!“ Die Türe fällt wieder in das Schloss. „Na, war das aufregend? Hatte ich dir nicht eine Überraschung versprochen.“ Ich saß so angebunden noch ein Weilchen. Sie trank ihren Sekt und beträufelte mein Glied damit. „Damit er ihn auch mal kosten darf.“ Sie spielt dieses Spiel, als hätte sie niemals etwas anderes gemacht. Dann begann sie die Beine loszubinden und ich durfte auch wieder reden. Sie nahm das Tuch von den Augen und blickte mich ganz tief an. „Ich liebe dich. Damit du für solche Spielchen nicht zu einer Betti musst, möchte ich dir sagen, ich kann das auch.“ „Machst du mir nun die Handschellen ab?“ „Die bleiben noch ein bisschen dran. Ich werde dich mit Sekt und leckeren Nüssen füttern.“ Sie macht das sehr liebevoll. „Das halte ich stundenlang aus.“ „Meinst du? Na dann gehen wir mal zu Bett.“ Sie kuschelt sich an mich und macht mich furchtbar scharf. Da stürzt sie sich über mich und es gibt ein richtiges Feuerwerk. „Jetzt darfst du mich aber endlich frei machen.“ „Wieso, meinst du das ist schon das Ende? Wir haben noch eine ganze Nacht vor uns.“ Am nächsten Morgen waren wir gerädert. Nach dem Duschen begaben wir uns in den Speisesaal. Die Koffer wollten wir erst danach fertig machen. Es waren kaum Leute da, ich hatte den Eindruck, sie hatten alle eine ähnliche Nacht hinter sich. Sie schlichen alle sehr leise am Buffet vorbei. Als uns die Kellnerin den Kaffee bringt, grinst sie uns an und meint, „Sie sollten was für seine Handgelenke tun.“ „Was meinen Sie denn, was da gut ist?“ Die Kellnerin nimmt eines meiner Handgelenke in die Hand und meint, „machen Sie einen leichten Verband mit etwas Creme um beide Handgelenke und lassen sie das dran, wenn sie wieder Handschellen


91 verwenden. Dann tut es nicht so weh.“ Sie lächelt Irmi verständnisvoll zu und geht. „Das muss die Kellnerin von gestern Abend gewesen sein.“ „Keine Ahnung, aber sie hat recht. Ich werde dir Tücher darum wickeln, damit man es nicht so sieht.“ Wir gehen hinauf, um die Koffer zu packen, ich hole den Wagen und bezahle am Empfang. Es ist wieder die Kellnerin, die abrechnet. Sie meint, „wenn du mal alleine in der Nähe bist, kann ich dir auch helfen.“ Ich wünsche einen schönen Tag. Ich gebe ein großzügiges Trinkgeld. „Das Personal dankt. Schöne Reise.“ Ich fülle nochmals Wasser nach und suche mir die Telefonnummer von Mercedes in Barcelona. Da kommt dann auch Irmi, sie hat ein schelmisches Lächeln um die Mundwinkel. Ich frage, „hat sie dir noch ein paar Tipps gegeben?“ „Wir hatten nur ein Gespräch von Frau zu Frau.“ Sie meinte, „man könne auch als Frau alleine kommen. Sie hätten den perfekten Service.“ „Jetzt weißt du warum hier die Gäste kommen und gehen.“ „Jetzt haben wir das auch mal erlebt, ich möchte es nicht missen“ meinte Irmi. Hast du dir eine Karte geben lassen?“ „Nein, aber wenn du wissen willst, wie es heißt, ich hab die Rechnung.“ „Du Schuft!“ „Deine Handgelenke sehen ja tatsächlich recht mitgenommen aus.“ Sie kramt in ihrer Tasche und zieht zwei Nikki-Tücher heraus. „Komm, ich mache sie dir darum, was sollen denn die an der Grenze denken?“ „Die werden dich verhaften, aber nimm es nicht so tragisch, die Frauengefängnisse sollen recht aufregend in Spanien sein.“ „Sei nicht so gemein, sonst mache ich dich das nächste Mal nicht mehr los, überlasse das den Putzfrauen am nächsten Tag.“ In La Jonquera gehen wir über die Grenze. Wir trinken dort den ersten „Cafe con leche“. „Da merkst du, dass du in Spanien bist.“ „Warum, weil der Kaffee so schlecht ist?“ „Das kannst du doch nicht mit unserem italienischen Kaffee vergleichen.“ In Barcelona wünschte ich mir ein Navi, aber leider ist keines da. So entscheide ich mich einen Taxifahrer zu bitten und vorauszufahren. Das funktioniert bestens, kostet ein paar Euro und man fährt nicht wie blöd in der Gegend herum. An der Rezeption, bitte ich als erstes um ein Gespräch mit Mercedes. „Wir erledigen das für Sie.“


92 Ich werde mit einem sehr netten Herrn verbunden, der perfekt Deutsch spricht. „Ich war zwanzig Jahre bei Mercedes in Stuttgart, jetzt bin ich Meister hier in der Niederlassung.“ Ich erkläre ihm mein Anliegen. „Darf ich den Wagen abholen lassen, wir machen das mit einer Grua.“ „Grua?“ „Dass sind bei uns die Abschleppdienste.“ „Okay. Machen sie das bitte.“ Wir sind gerade mal eine halbe Stunde auf dem Zimmer, da erhalten wir bereits die Nachricht, dass die Grua eingetroffen ist. Ich gehe hinunter und ich bin erstaunt. „Super organisiert!“ Wir laden den Wagen auf und der Fahrer meinte, „er wisse schon Bescheid.“ Nach einer weiteren Stunde bekomme ich schon Nachricht. „Die Wasserpumpe.“ Er hat schon ein Austauschteil in Stuttgart angefordert. Es wird etwa drei Tage dauern, „das geht mit dem Postschnelldienst. Sie müssen sich keine Sorgen machen, der Wagen steht in einer abgeschlossenen Garage.“ „Sag jetzt bloß nicht, dass wäre mit deinem Bus nicht passiert.“ „Eine Panne kann immer passieren.“ Da meldet sich der Werkstattmeister nochmals. „Ich habe noch etwas gefunden. Es sind zwei Wasserschläuche sehr brüchig. Wissen Sie, ich kenne den Wagen noch aus meiner Zeit in Stuttgart. In Barcelona werden wir nur mit dem Taxi unterwegs sein. „Wenn sie mal eine Probefahrt machen, und finden noch ein Problem, bitte beheben Sie es.“ „Gerne“ Als wir mit dem Portier ins Gespräch kommen, erfährt er den Grund unseres Besuchs. „Wir sind hier nahe dem Ritz, sie können in zehn Minuten zu Fuß dorthin gehen.“ „Wir werden am Abend einen Spaziergang machen und dort vorbei schauen.“ Nachdem Übermorgen die Feier ist, sollten ja die ersten Gäste dort eingetroffen sein. Wir erhalten noch einen kleinen Stadtplan, der Portier zeichnet uns die Lage unseres Hotels ein und wie wir zum Ritz gehen müssen. „Was hältst du von einem Spaziergang um die Häuser, mit anschließendem Essengehen in einer Tapa Bar?“ „Ich überlasse mich in Barcelona völlig deinem Willen.“ „Oh, sei vorsichtig, die Gefahr lauert hier überall.“ Irmi meint, „soll ich mal nach deinen Handgelenken sehen?“ „Wieso?“


93 „Ach, ich hab es völlig vergessen.“ „Na dann lassen wir es eben so.“ Wir fragen an der Rezeption nach einer gemütlichen Tapa Bar. Wir bekommen eine tolle Empfehlung. Die Stimmung im Lokal steigert sich mit jeder Flasche Wein die getrunken wird. Es dauert nicht mehr lange und wir werden herzlich willkommen geheißen. Ich bestelle Wein für das ganze Lokal. Das wird mit einem lauten „Hallo“ begrüßt. Sie fangen an Zigeunerlieder zu singen. Irmi meint nur, „üben die noch, oder singen die schon?“ Als dann alle wissen, dass wir im Hotel um die Ecke sind, werden die nächsten Abende gleich festgelegt. Schon wieder wird eine Flasche geköpft. Als ich auf die Uhr sehe, ist es zwei Uhr dreißig. Wir haben ganz schön einen in der Krone. „Guter Wein, nix Kopfweh“, meint der Ober. Da bin ich aber beruhigt. Das Erwachen am nächsten Morgen fällt uns nicht ganz leicht. „Die letzte Flasche war wohl schlecht“, ächzt Irmi. Sie tastet sich langsam ins Badezimmer vor. Ich rufe noch, „da ist der Schrank“ aber sie hat die Kurve auch so geschafft. Als wir in die Hotelhalle kommen, sehe ich breites Grinsen in den Gesichtern. Sieht man es mir an, oder hat es sich herum gesprochen. „Nix mehr Frühstück!“ „Hab ich mir gedacht.“ Wir gehen in ein Café um die Ecke. Wir öffnen die Türe, Irmi meint, „wo ist denn hier ein Lokal?“ Vor lauter Zigarettenrauch ist die Sicht vernebelt. Wir setzen uns lieber nach draußen. Dort stehen zwei Tische, eigentlich ist es viel zu laut, der Straßenlärm lässt jedes Gespräch im Keim ersticken. „Aber das ist Barcelona. Wunderbar! Soviel Chaos auf einmal, dass musst du mal erlebt haben. Ich kenne es nur noch von Sao Paulo.“ Wir beschließen uns mal das Ritz anzusehen. Das müsste diese Richtung sein. Wie hat er gesagt? „Rechts und wieder rechts geradeaus, Dritte links. Geht doch.“ Wir überlegen noch ob wir zuerst zu El Corte Inglés, einem großen Kaufhaus gehen sollen oder zuerst ins Ritz. Diese Entscheidung wird uns abgenommen. Ich bekomme einen kräftigen Schlag auf die Schulter. „Das find ich aber toll, dass du schon da bist.“ „Darf ich vorstellen Irmi, das ist Helfried mein Segelspezi.“ Helfried erklärt kurz den Zusammenhang. „Wo wollt ihr denn hin?“ „Wir sind gestern angekommen und wollten mal in das Ritz schauen, ob schon jemand da ist.“


94 „Meine Eltern machen gerade eine Rundreise, müssten eigentlich morgen eintreffen. Also ab morgen schätze ich mal werden alle da sein. Sag mal Manfred, kommt eigentlich auch dein Segelpartner, wie hieß er doch gleich? Ah, jetzt weiß ich es war Richard. Ich hab ihn ebenfalls eingeladen. Aber ich wie? nicht ob er zugesagt hat?“ „Wir haben zwar noch telefoniert, aber er ist in Berlin ziemlich angehängt, er arbeitet für die Stadt.“ „Seit wann ist er denn in Berlin? Ich dachte immer, den bekommst du aus München nie weg?“ „Irmi, du musst entschuldigen, aber wir kennen uns seit über zwanzig Jahren. Wir waren alle in der deutschen Jugendmannschaft beim Segeln. Wir haben unsere Freundschaft stets gepflegt.“ „Nein, da hab ich kein Problem, setzt euch mal am Abend zusammen und redet von euren alten Zeiten.“ „Das machen wir sicher, wir haben uns ja fast zwei Jahre nicht mehr gesehen. Bei der Kielerwoche war es das letzte Mal. Aber telefonieren tun wir immer wieder.“ „Machen wir es so, dass wir morgen mal bei euch vorbei sehen.“ Bis dahin werde ich wissen, ob Richard kommt.“ Helfried drückt uns noch die Hand und verschwindet im Gewühle. „Die Halle vom Hotel Ritz ist beeindruckend, hier kannst du halt nur im dunklen Anzug herum spazieren.“ „Machen wir doch.“ Wir betrachten uns die Leute, „sind aber auch ganz nette dabei“ meint Irmi. „Weißt du denn schon, wie viele es zur Feier sein werden?“ „Keine Ahnung.“ Da läutet mein Handy, „hi Richard, wo bist du denn gerade?“ „Wir, das heißt Betti und ich, sind in zehn Minuten in Barcelona.“ „Da schau einer an. Helfried hat gerade gefragt, ob du auch kommst?“ „Wohnt ihr im Ritz?“ „Ja freilich.“ „Wir nicht, wir sind um die Ecke in einem kleineren Hotel.“ „Wir treffen uns am besten heute Abend an der Bar. Okay?“


95 „Sag mal, dein Freund Richard ist der nicht mit Betti zusammen?“ „Sieht so aus, er hat sie jedenfalls dabei.“ Nachdem wir das Ritz verlassen haben schlendern wir durch die umliegenden Gassen. Irmi ist von den Auslagen der vielen Kindergeschäfte begeistert. „Da möchte man ja gleich ein paar Kinder haben.“ „Wir können ja schon mal mit dem Üben anfangen.“ Wir gehen zu El Corte Inglés. Irmi saust von einem Regal zum nächsten. Sie beißt sich an einem sehr leichten Chiffon Sommerfetzen fest. „Meinst du, das steht mir“? „Keine Frage, ziehe es doch einfach mal an“. Sie verschwindet in der Umkleide. Da steht sie nun vor mir. „Wow!“ Mir stockt der Atem. „Das nimmst du auf jeden Fall. Das ist die Sensation.“ Sie läuft auf und ab und zieht die Blicke der Spanier auf sich. Einige bekommen von ihren Begleiterinnen einen Rüffler. Ich gehe zur Verkäuferin und bitte, die Dame samt ihrem Chiffon einzupacken. „So, und jetzt will ich noch zu einem Friseur.“ „Im Hause gibt es einen guten“ meint die Verkäuferin. Da fällt mir aber ein, dass es im Ritz einen sehr bekannten Friseur gibt. Sie willigt ein. Wir besuchen das Restaurant im Hause. Irmi nimmt nochmals ihr Kleidchen aus der Tüte, „vielen Dank mein Schatz, das ist das schönste Geschenk, was ich je bekommen habe.“ „Das ist ja erst das erste, du weißt ja noch nicht was folgt. Ich liebe dich!“ Vor dem Kaufhaus finden wir gleich ein Taxi. Auf unserem Zimmer angekommen, finde ich eine Nachricht von Richi. „Treffen um neun in der Bar“. Wir strecken uns auf dem Bett aus, da wir vom Laufen erledigt sind. Den Termin beim Friseur haben wir noch festgemacht. Bis fünf ist ja noch lange hin. Als ich aufwache ist es bereits halb fünf. Irmi ist schon im Bad und macht sich frisch. „Du brauchst nicht mitzugehen, ich schaffe das auch alleine.“ „Wirklich, wenn du entführt wirst?“ „Dann musst du kommen und mich auslösen.“ „Okay, sage mir bitte bescheid, wie teuer du mich kommst.“ Ich sitze bei einem Gin Tonic und warte, dass Irmi beim Friseur fertig wird.


96 Ich sitze nicht lange und Helfried taucht hinter mir auf. „Na, du schaust aber gestresst aus“, sage ich zu ihm. „Was glaubst du, was das für eine Arbeit ist, alles unter einen Hut zu bringen?“ „Jetzt wollte ich dir gerade einen Törn mit einem Katt vorschlagen.“ „Ende der Woche, dass wäre toll“, meint Helfried. Übrigens Richi ist auch da, er hat eine heiße Braut mitgebracht.“ „Ach was?“, ich tue so, als wäre ich überrascht. „Wir sehen uns sicher noch heute Abend an der Bar.“ „Na dann bis später.“ Als ich gerade zu einem neuen Schluck ansetze, kommt eine junge Dame aus dem Friseursalon, ich verschlucke mich fast. Irmi hat sich die Haare kurzschneiden lassen. Zuerst hätte ich sie ja gar nicht erkannt. Ich stehe auf und sage nur „toll“. „Gefällt es dir?“ „Umwerfend. Komm nimm einen Drink.“ Ich muss sie immer wieder ansehen. „Du scheinst ja wirklich überrascht zu sein.“ „Bin ich. Lass uns in unser Hotel gehen, dann musst du den Fummel anziehen.“ Auf dem Zimmer angekommen, zieht sie sich das neue Kleid über. Da steht sie nun vor mir, was soll ich sagen. Sie könnte auch ein Model sein. Sie legt sich das Chiffontuch erst um den Hals, dann wickelt sie sich den Kopf ein, zum Schluss verbindet sie sich die Augen damit. „Komm, du darfst mich ausziehen.“ Bei so einem Angebot kann ich nicht widerstehen.

„Ich würde dich bitten, da du ja keine Krawatten trägst, wenigstens ein Tuch in dein Hemd zu stecken.“ „Such mir eines raus. Ich werde mir einen Pullover umhängen, dass ist in Spanien so üblich.“ „Super, dann sind wir ein richtig schickes Paar.“ Wir spazieren um die zwei Ecken und entschließen uns, erstmal eine Kleinigkeit im Ritz zu essen. Wir bestellen einen Mix aus verschiedenen Tapas. Dazu einen leichten Wein. Es dauert keine viertel Stunde, da taucht Richi mit Betti auf. Ich stupse Irmi an, „sieh mal, da kommt Betti.“ „Ach ja, die hätte ich mir anders vorgestellt, wirkt ein bisschen billig.“


97 „Irmi, bitte keinen Streit.“ „Warum streiten, die ist nicht meine Linie. Sag mal, und mit der hattest du was?“ „Nein, nur, du weißt schon.“ „Dafür kann ich sie mir allerdings schon vorstellen. Der Typ Domina ist sie schon.“ Richi steuert direkt auf unseren Tisch zu. „Hallo, lange nicht mehr gesehen, kommt es von Betti.“ „Es ist euch doch recht, wenn wir am Nebentisch Platz nehmen?“ „Klar, setzt euch.“ Richi will die Situation retten, er fängt an vom Segeln zu erzählen. Ich berichte, dass ich mit Helfried gesprochen habe, wegen des Katamarans. „Und? Macht er mit?“ „Ja, wenn alles vorbei ist.“ „Einen Tag mal richtig am Wind“ Ricci meint, „aber ohne Damen.“ „Das ist also der Macho“ meint Irmi. „Wenn du also glaubst wir sind aus Watte, dann hast du dich aber gewaltig getäuscht.“ Ich muss innerlich grinsen. Sie ist ganz schön auf Angriff eingestellt. Betti fragt Irmi, „Haben sie dir die Haare hier geschnitten, oder trägt man das so bei euch?“ „Hier geschnitten! Magst du es nicht?“ „Geht mich nichts an. Trage was du willst.“ Richi spürt, wie es zu brodeln beginnt. Auch ich stelle mir einen gemütlicheren Abend vor. Es kommt sicher noch zu einem gewaltigen Krach. „Was habt ihr denn zum Essen bestellt?“ Wir Männer versuchen das Thema zu wechseln. Wir beginnen ein Gespräch über spanisches Essen, wann wir das letzte Mal in Spanien waren. Von unserer gemeinsamen Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Segeln. „Und, habt ihr was gewonnen?“ „Wir waren Dritter.“ „Da waren wir schon ganz stolz auf uns.“ „Na wenigsten etwas!“, meint Betti. Als das Essen kommt entspannt sich die Situation etwas, da weniger geredet wurde. Richi aber stieß unbewußt wieder in eine Wunde. „Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?“ Irmi meint, „Ich weiß es gar nicht so genau, es sind wohl schon ein paar Jahre.“ Da hakt Betti gleich ein, „Dann war sie ja wohl noch in den Windeln?“ Irmi konterte, „Neidisch?“ Jetzt geht das wieder los. Betti legt gleich nach.


98 „Ist unser lieber Manfred genervt?“ „Wieso sollte er genervt sein“, fährt Richard dazwischen. „Schließlich gehörst du nun zu mir.“ „Ich gehöre niemand!“ Zack, das saß. „Manfred, ich muss mit dir reden.“ „Ich halte aber gar nichts davon. Vergiss doch einfach was war.“ „Ich will es aber nicht vergessen.“ Irmi meint, „Vielen Dank übrigens für die schönen Fotos.“ Betti faucht zurück, „War doch selbstverständlich. Du sollst doch wissen, woran du bist.“ „Ich glaube wir werden jetzt lieber gehen. Richi, wir sehen uns später.“ Irmi findet, „dass es doch jetzt erst richtig losgegangen wäre. Wir hätten uns zum Schluss wahrscheinlich geprügelt.“ „Vielleicht eine Schlammschlacht?“ Als wir uns schon einige Schritte vom Tisch entfernt hatten, rief Betti noch „Vergiss bitte nicht, dein Kind trocken zu legen!“ „Aber sage mir nun bitte, warum Betti?“ „Es war doch gar nichts.“ „Ich glaube es ist das Nuttige an ihr. Aber ich muss zugeben, ich kann mir vorstellen, dass sie im Bett beim Kampf ganz schön kräftig ist. Sie hat ja Oberarme wie eine Ringkämpferin.“ „Irmi, lass bitte. In ein paar Tagen sind wir hier wieder weg und alles ist vergessen.“ „Du glaubst doch nicht, dass die dich nicht weiter verfolgt. Die will dich, da besteht kein Zweifel.“ „Aber sie ist doch nun mit Ricci beisammen.“ „Das macht sie doch nur, um an dich ranzukommen. Die will den Ricci vielleicht mal an einen Balken fesseln, aber in Wirklichkeit will sie nur dich.“ „Sie ist doch eine Lesbe und ist mit Barbara zusammen.“ „Die ist halt bi. Mal hier, mal dort.“ Irmi kann sich nicht mehr beruhigen. Wir lassen uns noch einen Drink auf das Zimmer kommen und sehen noch ein bisschen fern. Irmi liegt in meinen Armen und kuschelt. „Vergiss nicht, mich trocken zu legen. So eine Frechheit, dass hätte sie wohl gerne, dass du sie trocken legst. Dieses Gesicht, das sie dabei machte, blöde Kuh.“


99 Wir rutschen etwas tiefer unter die Decken und schmusen, bis wir gemeinsam einschlafen. Am nächsten Morgen haben wir bereits Post in unserem Fach. Es ist der Zeitplan der Feierlichkeit. An unserem Frühstückstisch angekommen bestellen wir zuerst mal einen großen Orangensaft. Am Buffet holen wir uns ein Frühstück. Gemeinsam studieren wir den Terminplan. „Hast du Lust auf eine Ausstellung? Wir nehmen ein Taxi und geben dem Fahrer eine Adresse von einer Galerie. Von dort können wir dann immer noch weiter ziehen. Wir merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Wir laufen kreuz und quer, erst als uns die Beine schwer werden setzen wir uns in ein Restaurant. Als wir über die Straße gehen, sehen wir, wie Betti aus unserem Hotel kommt. Wir warten noch bis sie um die Ecke ist. Wer weiß, was sie sich diesmal ausgedacht hat. An der Rezeption liegt ein kleines Päckchen für uns bereit. Es ist ohne Absender. Auf dem Zimmer macht es Irmi auf. „Sie mal, wie besorgt deine Betti. Ein Gummihöschen.“ Wir duschen, legen unsere Sachen für später zurecht. Ich habe mich bereits hingelegt, als Irmi mit dem Gummihöschen an das Bett kommt. „Wie gefällt es dir?“ Ich sage besser nichts, aber ihr kleiner Popo sieht richtig scharf aus. „Fehlt ja noch die Windel.“ Es gibt noch ein Gerangel, aber darüber schlafen wir ein. Gegen sechs räkelt sich Irmi und streichelt mich, bis ich aufwache. „Ist es soweit?“ „Wieweit?“ „Eben soweit.“ „Da musst du noch mal rüber kommen.“ Sie hat tatsächlich ihr Höschen noch an. Ich muss lachen und ihr geht es ebenso. „Wie kindisch.“ „Besser kindisch und ein bisschen verrückt als langweilig und …“ Irmi geht duschen, ich folge ihr. „Ziehst du mich bitte aus?“ „Ja sicher mein Kind.“ Wir sind richtig albern und blödeln herum. Meine Hose ist eingegangen, stelle ich entsetzt fest. „Stell dich doch mal auf die Wage, dann wissen wir gleich ob es nicht doch an deinem Bauch liegt.“ „Ich nehme die andere Hose, die ist bequemer.“ „Noch das Sakko, jetzt werde ich gleich „Sie“ zu dir sagen.“


100 Als sie ihr „Kleines Schwarzes“ anhat, stell ich mir das Gesicht von Betti vor. Hoffentlich sitzt sie einen Tisch weit weg von unserem. „Jetzt sind wir viel zu früh fertig.“ „Du vielleicht, ich bin noch nicht fertig. Jetzt kommt noch Rouge und die Dekoration.“ „Mach dir doch so Indianer Striche, so sieht jeder, dass du auf Kriegspfad bist.“ Vor lauter Spaß macht sie sich tatsächlich links und rechts drei Striche. Sie macht sie mit Lippenstift, anschließend hat sie ihre liebe Not das wieder weg zu bekommen. Als wir wieder auf die Uhr sehen, ist es halb acht. „So, jetzt aber los.“ Es ist ein wunderschöner warmer Abend, das Tuch, welches mir Irmi noch verpasst hat ist viel zu warm. Ich werde es wohl ertragen müssen. Am Eingang des Hotels Ritz ist eine Hinweistafel aufgestellt, in welchem Saal die Feierlichkeit stattfindet. Auf einer weiteren Tafel finden wir unseren Tisch. Als wir dort eintreffen, sitzt Richard schon dort, aber alleine. „Bist du alleine?“ „Nein, sie braucht ein wenig länger.“ Da wir zu sechst am Tisch sind, bitte ich ihn die Damen zu trennen. „Wir nehmen Irmi in unsere Mitte.“ Ein weiteres Ehepaar kommt an den Tisch. „Gestatten Mayer mit a und y.“ Wir stellen uns ebenfalls vor. Sie fragen sofort, woher wir die Familie Hansen kennen. Ich erzähle in Kurzform und Telegramm-Stil meine Geschichte. Familie Mayer mit a und y holt da schon weiter aus. Wir erfahren von Hamburg und Flensburg, den Kriegstagen, …es nimmt kein Ende. Wir schweifen vom Thema vorsichtig ab, bis sie merken, dass uns ihre Geschichte nicht so sehr mitreißt. Da kommt dann endlich auch Betti als letzte an den Tisch. Sie sitzt nun Irmi gegenüber. „Na passt es?“, meint Betti. „Danke, sehr gut, an den Rändern vielleicht ein bisschen kratzig.“ „Da hast du wahrscheinlich ein billiges Fabrikat erwischt.“ „Aber für dich ist mir doch nichts teuer genug.“ „Vielen Dank nochmals für das Höschen.“ Jetzt muss sogar Betti lachen, dass ganze fängt an sich ins Lächerliche zu ziehen. „Den Chiffon-Schal, hast du den von deiner Oma, oder hast du ihn Manfred bekommen?“ „Nein von meiner Oma, du weißt doch, Manfred liebt es eher herber.“


101 „Aber ein feines Tuch trägt Manfred. Stammt das noch aus dem Fundus von Mecklenburg?“ „Nein, ich muss dich enttäuschen, es ist neu gekauft.“, schießt Irmi zurück. „Das Geld hättest du sparen können. Du kennst ja sicher die große Schachtel mit Tüchern und Schals?“ „Ja, ich kann mich erinnern.“ Familie Mayer kann dem Gespräch nicht folgen. Sie wenden sich befremdet ab. Betti spricht sehr laut, so bekommen auch die Nebentische unsere Gespräche mit. Sie sehen zu uns herüber, um zu sehen, was wir für Leute sind. Dann kommen aber schon die Getränke, Champagner zum Beginn der Feierlichkeiten. Der erste Redner steht auf und klopft an sein Glas. Es folgt eine halbe Stunde lang eine beeindruckende Rede. Anschließend spricht Hannes Hansen, auch er betont die schwierige Nachkriegszeit usw., usw. Betti fragt, „Gibt es hier auch Überlebende?“ „Jetzt reicht es aber, seien sie doch endlich ruhig!“, kommt es von Herrn Mayer. Erst jetzt merken wir, dass Betti bereits einen in der Krone hat. Richard ist das peinlich. „Betti bitte, wir sind hier auf einer Feier.“ „Ich bin ja schon brav.“ Nach etwa zwei Stunden wird es etwas lockerer, die Gäste stehen nun auch schonmal auf, um dem Gastgeber zu gratulieren. Es folgt das große Essen. Alles verläuft sehr ruhig und friedlich und absolut feierlich. Wir beobachten so unauffällig wie möglich Bettis Verhalten. Der Champagner fließt bei ihr ohne Ende. Die Hauptspeise ist vorüber. Da passiert etwas völlig Unvorhergesehenes. Drei Tische weiter kippt eine Dame vom Stuhl und meint, „Jetzt reicht es, ich gehe Heim.“ Betti kommentiert sehr laut, „Die hat ja wohl genug. Oberkante, Unterlippe. Peinlich, peinlich.“ Der Ehemann meint ziemlich trocken, „das hatten wir kürzlich schon einmal. Einfach nicht beachten.“ Vom Nebentisch springt ein Herr auf und hilft der Dame, die Richtung zu finden. Er bringt sie zur Gardarobe und gibt sie dort ab. „Also hier sitzen ja an jedem Tisch so etwa fünfhundert Jahre.“, fährt Betti fort. „Betti, bitte, halt noch ein wenig aus, dann gehen wir in die Bar.“ „Ich will jetzt mit Manfred ins Bett.“ Bettis Aussprache ist bereits ein Lallen.


102 Herr und Frau Mayer werfen ihr einen sehr bösen Blick zu, einen vernichtenden Blick. „Keine Angst mit Ihnen würde ich nie ins Bett gehen, auch nicht für viel Geld.“, meint Betti spöttisch. „Sie haben ja keine Ahnung, wieviel Geld ich habe.“ Seine Frau pufft ihn kräftig in die Rippen, fast käme ihm der Hauptgang wieder hoch. „Ich wollte das nur gesagt haben.“, fuhr er fort. „Wir haben in Kiel eine sehr schöne Villa.“ Frau Mayer steht auf und geht. „Na…, wollen sie Ihrer Frau nicht hinterher?“ Betti kommt richtig in Fahrt. Richard steht auf und schaut sie an, „Komm bitte mal mit auf das Zimmer.“ Völlig überrascht steht sie tatsächlich auf und geht mit ihm mit. Es vergeht eine halbe Stunde, es ist angenehm ruhig. Dann kommt Richard etwas zerzaust alleine zurück. „Draußen scheint Sturm zu sein“, bemerkt Irmi. „Ja, etwas heftiger Sturm.“ Er nimmt Platz und fährt genüsslich mit dem Essen fort. „Wo ist den Betti?“ „Die hängt am Bett.“ „Wie bitte?“ „Ja so ist es. oft gibt es nur die militärische Lösung. Den Feind überlisten und in den Kerker stecken.“ „Richard du hast dich nicht verändert.“ „Wir kennen uns schon so lange, du weist, ich fackle nicht lange.“ So genießen den weiteren Abend ohne Betti. „Sieh mal wer da kommt!“ Bevor sie an den Tisch kommt, legt Betti bereits los. „Du Scheusal, na warte, du wirst dich noch wundern.“ „Aber wie hast du…?“ Richard stammelt etwas unbeholfen herum. „Ich brauche keinen Schlüssel, ich kann das, auch wenn es mal länger dauert. Ihr habt wohl schon gegessen?“ Sie muss plötzlich loslachen. „Ich muss ja zugeben, ich habe es ja herauf beschworen. Ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, wie brutal der Richi sein kann?“ „Wir haben uns nur gewundert, warum er so zerzaust war.“ „Na das hättet ihr mal sehen sollen. Das Bett ist zerfetzt die Kopfkissen haben auch gelitten. Das war richtig toll. Ricci, ich liebe dich.“ Wir fangen alle an zu lachen. Wir sehen, dass sich Familie Mayer zu einem anderen Tisch gesetzt hat.


103 Betti holt aus ihrem Täschchen die Handschellen hervor, „So, wer ist der nächste?“ „Lass den Blödsinn.“ Betti meint aber, „Wir sind hier auf einer Familienfeier. Da muss Schwung rein, die sterben uns ja alle weg, bevor es richtig losgeht.“ Ein jüngerer Mann am Nebentisch schielt etwas verstohlen zu uns rüber. Betti steckt die Dinger wieder in ihre Tasche, „Der Abend ist noch nicht zu Ende.“ Einige Tische weiter, scheint ein Herr etwas angesäuselt zu sein, er will, eine Rede halten, aber der ganze Tisch versucht ihn davon abzuhalten. Er beginnt immer mit den Worten „Meine Damen und Herren“, und dann sackt er auf seinen Stuhl. Die Feierlichkeiten werden jäh unterbrochen, als jemand nach einem Sanitäter ruft. Karl-Hermann ist in sich zusammen gesackt. Wie wir später erfuhren, Herzinfarkt. Da es schon sehr spät ist, werden die Feierlichkeiten beendet. Wir treffen noch Helfried und er berichtet Einzelheiten von dem tragischen Vorfall. „Es war sein größter Wunsch, die Feierlichkeiten noch zu erleben. Eigentlich hatte er strengstes Reiseverbot. Wir verabschieden uns herzlich voneinander und bedanken uns für die Einladung, sogar Betti ist nun friedlich. Wir sind alle etwas geschockt durch den plötzlichen Vorfall. An unserem Hotel angekommen, entschließen Irmi und ich noch einen Absacker zu nehmen. Einige Hotelgäste haben es sich bereits in der Bar gemütlich gemacht. Wir suchen uns eine freie Ecke und bestellen noch einen Drink. „Betti ist schon komisch, auf der einen Seite ist sie originell und witzig, aber wenn die Sicherung durchbrennt, spinnt sie total.“ „Ihre Kindheit muss Scheiße gewesen sein.“ „Entschuldige den Ausspruch, aber es trifft den Nagel auf den Kopf.“ „Aber wie hat sie sich frei gemacht?“ „Keine Ahnung, ich weiß es nicht.“ „Vielleicht hat sie lang genug daran rumgemacht.“ „Ich habe das Gefühl, sie gefällt dir nun plötzlich.“ „Nein, das sicher nicht, ich glaube sie ist sehr ehrlich und sagt einfach was sie denkt. Das tut heute kaum jemand.“ „Du kannst dich ja mit ihr treffen.“ „Ich glaube, das ist keine gute Idee. Übermorgen gehen wir wieder unsere Wege und du wirst sie nie wieder sehen.“ „Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch, eine Dusche.“ „Er sei dir bewilligt.“


104 „Zuerst du oder ich? Oder zusammen?“ Wir gehen zusammen unter die Dusche und reiben uns gegenseitig mit Duschgel ein. Anschließend fallen wir nur noch ins Bett, vergessen beinahe das Licht zu löschen. Das Erwachen am nächsten Morgen fällt uns schwer. „Vergiss das Frühstück, nimm ein Aspirin und leg dich wieder hin. Aber mach das Nicht Stören Schild vor die Türe.“ Wir liegen aufgedeckt, wie tot in unserem Bett. „Heute ist Sonntag, meinst du ein Café hat offen?“ „In Spanien gibt es immer ein offenes Kaffeehaus.“ „Ich ginge gerne noch mal in die Kathedrale, vielleicht nach dem Frühstück?“ Wir gehen in den ersten Stock des Cafés um den Ausblick zu genießen. Wir beobachten das Treiben auf der Straße. „Sieh mal da drüben, da geht Richi mit Betti.“ „Wo wollen die denn hin?“ „Vielleicht auch in die Kathedrale. Da gibt es eine Gruft.“ „Jetzt ist die Stadt so groß, aber ausgerechnet sie müssen uns über den Weg laufen.“ Wir sehen ihnen aus sicherer Entfernung nach. „Was wohl die Leute denken, wenn sie uns so zusammen sehen?“ „Ach, die glauben sicher, was die wohl zusammenhält. So komische Typen.“ Sie zwickt mich und kitzelt mich. „Du bist böse. Ich finde wir passen gut zusammen.“ „Die Männer werden sich denken, seht euch mal den Lustmolch an, der hat sich „eine Junge“ geschnappt.“ „Sollen sie doch denken was sie mögen. Ich liebe dich.“ Wir nehmen ein Taxi und lassen uns zum Club de Vela bringen. Es ist ein neues Zentrum mit Restaurant, Kinos und Geschäften, es wurde extra für die Olympiade errichtet. Ich erkläre ihr, dass der noble Yachthafen weiter drüben liegt. Er heißt Royal Club Nautico. „Dort sind Yachten zu sehen, die sind teurer wie so manches Luxuschalet.“ „Kann ich mir gut vorstellen.“ „Was hältst du davon, wenn wir in unser Hotel fahren und ein wenig Siesta machen.“ „Sehr viel, vom vielen schauen und laufen, bin ich total fertig“. Wir nehmen ein Taxi zum Hotel. Im Taxi erreicht mich ein Anruf aus Italien. „Hier ist Mario, ich wollte mal nach ihrem Terminplan fragen. Wir würden uns gerne mit ihnen in San Remo treffen.“ „Ich habe gerade meinen Terminkalender nicht zur Hand, aber in etwa zehn Tagen


105 könnte das gehen. Ich werde sie unter dieser Nummer zurückrufen.“ Ich speichere seine Nummer in meinem Handy. „Waren das die Borsanis?“ „Ja, sie scheinen tatsächlich Interesse zu haben.“ Todmüde sinken wir in unser Bett. „Das Nichtstun ist doch sehr anstrengend“, müssen wir feststellen. „Schlaf schön“, waren meine letzten Worte, bevor ich einschlief. Gegen halb acht höre ich Klappern im Badezimmer. „Bist du schon auf, Schatz?“ „Ich konnte nicht mehr liegen bleiben.“ „Hab ich so laut geschnarcht?“ „Nein, es war zu ertragen.“ „Was fangen wir mit dem angebrochenen Abend an?“ „Also Essen gehen wir nicht, ich bin noch gesättigt vom Mittagessen.“ „Tanzen gehen, dass wäre eine gute Idee, da werden wir die Pfunde wieder los.“ Ich rufe den Portier an, ob er uns einen Tipp geben kann. Ja, da hätte er etwas, aber nicht ganz billig, „mit dunklem Anzug und so, Sie verstehen.“ „Bitte reservieren sie für uns einen Tisch.“ „Ab wann wollen sie denn hingehen? Also gleich vorweg, in Spanien ist vor Mitternacht nichts los.“ „So lange wollen wir aber nicht warten.“ „Sie können auch in den Nachtclub vom Ritz gehen.“ „Ich gebe ihnen Nachricht für was wir uns entscheiden.“ Wir wägen ab, „lass uns bitte nicht in das Ritz gehen, ich brauche keine erneute Szene von deiner lieben Betti.“ „Gut, dann gehen wir in den noblen Club.“ Wir lassen uns einen Tisch für halb zehn reservieren. Wir werfen uns also erneut in Schale, zwischendurch bedienen wir uns an der Minibar. Im Taxi fahren zum Club. Wirklich sehr edel. Sogar ein Portier mit Livré steht am Eingang. Wir werden zu unserem Tisch gebracht, tatsächlich ist es noch recht leer. „Vielleicht liegt es am Sonntagabend.“ „Nein, dass weiß ich von Freunden, die in Mallorca ein Haus haben. Das Lokal füllt sich tatsächlich erst langsam ab elf.“ So hatten wir die Tanzfläche fast für uns alleine. „Du tanzt sehr gut. Sicher gehst du in München oft aus.“


106 „Eigentlich nicht. Ich tanze halt gerne.“ Die Musik ist bunt gemischt, also für Jeden etwas. Auf manche Sachen müssen wir uns einstimmen, da wir ja bisher noch wenig miteinander getanzt haben. „Das kann doch nicht sein, sieh mal wer da gerade kommt.“ Wir bleiben noch auf der Tanzfläche, aber lange werden wir uns nicht verstecken können. Wir beobachten Betti und Richi, wo sie sich hinsetzen. „Ach, Gott sei Dank, sie sitzen in einer anderen Ecke.“ „Eigentlich schade, dass ich so wenig Kontakt zu Richi habe, nur wegen der blöden Betti.“ Wir verziehen uns an unseren Tisch. Richi und Betti sind auf der Tanzfläche. Sie tanzen zusammen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Ein sehr harmonisches Paar. Da steht plötzlich Ricci mit Betti vor uns. „Ja wo kommt ihr denn her?“ „Wir haben den Tipp im Hotel bekommen.“ „Dürfen wir uns an euren Tisch setzen?“ „Gerne, aber nur wenn es keine Debatten gibt, wir wollten einen friedlichen Abend verbringen.“ Betti meint, „ich verspreche es, ich bleibe brav.“ Sie setzen sich zu uns, da unser Tisch größer ist und in einer Nische, einfach gemütlicher. Wir gehen gemeinsam auf die Tanzfläche. Da ruft Betti plötzlich „Damenwahl“. Ich denke, „Scheiße“. Sie tauscht so schnell, das Irmi völlig verdutzt ist. Betti tanzt sehr gut, das muss ich zugeben. Sie schaut mich an, als wolle sie sagen, jetzt gehörst du mir. Da wird die Musik langsamer, sie drückt sich sehr eng an mich. „So mein Lieber, jetzt werde ich dir mal was sagen. Ich werde dich bekommen, ob du willst oder nicht. Wir gehören zusammen, auch wenn du dich noch sträubst. Ich werde nicht locker lassen, bis ich dich da habe, wo ich will.“ Sie nimmt meinen Kopf und gibt mir einen Kuss, der nicht enden will. Sie schlingt ihre Arme so um meinen Hals, dass mir fast die Luft weg bleibt. „Hast du jetzt verstanden?“ „Ich will dass nicht“, ist alles was ich rausbekomme. Irmi kommt auf uns zu und meint, „ich glaube es ist genug. Ich bin der Meinung, es reicht, wir gehen.“ Ich stimme Irmi zu und Richi kommt mir nach, „Ich muss dich unbedingt sprechen.“ Wir vereinbaren einen Termin nach dem Frühstück. In einem Straßenkaffee, gegenüber unserem Hotel, werde ich Richi treffen. Ich erzähle Irmi, was ich von Richi bereits erfahren habe und sie meint, „Ich finde es schrecklich, dass sie uns immer wieder in die Quere kommt. Mach doch morgen Vormittag einfach was du für wichtig hältst. Ich mache einen Stadtbummel.“


107 „Das ist lieb.“ Im Lift sieht sie mich liebevoll an, so gehe ich auf sie zu und küsse sie leidenschaftlich. Wir gehen wieder gemeinsam unter die Dusche und streicheln uns ohne Ende und setzen das Spiel im Bett fort. Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass es nur noch zwei Tage sind. Die Zeit verfliegt. Über Handy verabrede ich mich mit Richi. Er erzählt mir seine Probleme mit Betti. Er hat das Gefühl, dass sie ihn nur als Mittel zum Zweck verwendet. Das hat Irmi ebenfalls festgestellt. Er fühlt sich von ihr aber sehr angezogen, ihre Art gefällt ihm. Er schwärmt von ihrem Körper. „Also, gebe dir einen Ruck und heirate sie.“ „Du spinnst wohl, ich heirate nicht. Ich hätte sie gerne bei mir, aber eine Heirat, kommt nicht in Frage. Stell dir vor, ich kenne sogar ihren Chef in Schwerin. Das wird mir zu eng. Außerdem, sie will dich.“ Wir reden noch über Bettis Vorlieben beim Sex. „Also ganz klar ich bleibe bei Irmi, wir werden uns mit Sicherheit noch in diesem Jahr verloben. Außerdem werde ich nach Brixen gehen.“ „Aber du wolltest doch eine Wohnung in München kaufen.“ „Das mache ich auch, der Termin ist bereits festgelegt.“ Da fällt mir ein, ich muss noch eine E-Mail schreiben, um den Termin zu bestätigen. „Wann reist ihr ab?“ „Wir fahren sobald der Wagen fertig ist.“ „Ihr seid mit dem Auto da?“ „Ja wir haben den alten SL rausgeholt. Er hatte eine Panne, die Wasserpumpe. Wir haben eine tolle Fahrt hinter uns. Auf der Rückfahrt muss ich noch ein altes Kloster besuchen.“ „Wir treffen uns sicher in München wieder, oder in Berlin. Also mach es gut, Servus.“ Da läutet mein Handy, es ist der Werkstattmeister. „Ihr Wagen wird morgen früh fertig sein.“ „Ich würde den Wagen aber gerne noch bis Donnerstag bei Ihnen lassen.“ „Das ist kein Problem, holen Sie ihn, wenn Sie ihn brauchen, bei uns ist er gut untergebracht. Wir haben übrigens noch eine Bremsleitung getauscht, sie war angescheuert.“ „Sie sind wirklich ein Vorbild für so manche Werkstatt.“


108 Ich muss jetzt kurz in das Restaurant und dann auf mein Zimmer. Als ich auf das Zimmer komme, ist Irmi gerade damit beschäftigt, Kleider zu probieren. „Sieh mal, ich habe einen typischen Ibiza-Laden entdeckt. Ich habe meine ganze Sommer-Garderobe dort eingekauft.“ „Das sieht ja richtig flippig aus.“ „Sag bloß, es gefällt dir nicht?“ „Doch, ich liebe diese Sachen. Sie stehen dir super gut. Du kannst ja gleich eines zum Abendessen anziehen, und wenn du Lust hast gehen wir nochmal tanzen.“ „Gerne, wann kommen wir schon so locker dazu.“ „Jetzt brauch ich nur noch eine leichte helle Sommerhose.“ „Da hab ich was gleich um die Ecke vom Ritz gesehen, die wird dir stehen. Wenn du willst, können wir da noch hin.“ „Okay, warum nicht.“ Ich nehme meine Brieftasche und wir ziehen noch mal los. Tatsächlich, die Hose passt wie angegossen. Der Verkäufer ist sehr geschickt. „Jetzt fehlt nur noch ein passendes Hemd.“ „Dann bringen sie schon eines.“ „Na ja, so was haben wir ja eigentlich schon im Schrank.“ „Dann lassen wir es weg.“ Wir ziehen mit der Hose ab. „So, jetzt sind wir frisch eingekleidet.“ Irmi, macht mit ihrer Anprobe weiter. Sie wirft sich eine Stola über die Schulter und meint, „na können wir so gehen? Findest du mich scharf?“ „Und wie, pass auf, dass ich nicht gleich über dich herfalle.“ Sie legt sich die Stola über den Kopf und wickelt sie herum. „Sehr geheimnisvoll, komm lass dich beschmusen.“ Sie wirft mir die Stola über, und zieht mich fest an sich. „Da werden wir heute nirgends mehr hingehen.“ Wir lassen uns noch eine kleine Brotzeit auf das Zimmer bringen um uns zu stärken. Aber dann ziehen wir endlich los. Wir gehen noch mal in den gleichen Club, mit der Hoffnung, das Betti mit Richi nicht nochmal auftauchen. Diesmal ist Spezial-Thema „Salsa Musik“. So ausgetobt haben wir uns noch nie. „Jetzt haben wir bestimmt ein halbes Pfund abgenommen.“ Irmi versucht sich in Flamenco, nicht ganz einfach, aber sie bekommt es ganz gut hin, sogar die Spanier klatschen dazu. Sie hat ein tolles Rythmusgefühl. Als wir uns verabschieden, meinte der Portier, „Kommen sie doch bald wieder.“ Wir gehen noch durch die kleinen Gassen und sehen da und dort in die Fenster. Auch ein paar


109 klassische Patios sind noch zur späten Stunde beleuchtet. Schon ganz schön morbid. Ähnlich wie Venedig, stellen wir fest. Es sind Gebäude, die niemals zerstört wurden. Am nächsten Morgen, wurden wir durch einen Anruf aus dem Schlaf gerissen. Helfried teilte mit, dass er sofort nach Hamburg müsse. Leider könne er am Segeltörn nicht teilnehmen. Einer seiner Vorstände sei verunglückt und dieser sei in wichtigen Verhandlungen gewesen, nun müsse er diese Arbeit übernehmen. „Tut mir leid für dich, aber wir werden das in Hamburg nachholen.“ Ich verspreche, demnächst nach Hamburg zu kommen. „Wie kannst du so was versprechen?“ meint Irmi, „Du weißt genau, dass wir das nächste Jahr keine freie Minute haben.“ „Wie kommst du darauf?“ „Du bist jetzt mit mir zusammen, da hast du keine freie Minute mehr.“ Sie lachte und zieht mich wieder in das Bett. Wir setzen das Kuscheln fort, als wieder durch einen Anruf gestört wird. Es ist wohl nicht unser Vormittag. Es war die Werkstatt, wann ich komme. „Wie spät haben wir denn?“ „Kurz vor elf.“ Jetzt konnte ich nur noch lachen. Wir kamen nicht umhin uns in das Bad zu begeben. Als wir in die Halle kommen, meinte der Portier lächelnd, „Barcelona hat sie wohl in seinen Bann gezogen?“ „Da haben Sie absolut recht. Wir sind begeistert von dieser Stadt.“ Wir gehen in unser Stamm-Café, wir stellen fest, es stört uns weder Rauch noch der Lärm. Irmi meint, „wir haben uns bereits umgestellt, Barcelona hat uns verschlungen.“ Zugegeben, wir fühlen uns sauwohl. Der Ober meinte, „wie immer?“ „Ja, bitte. Und vergessen sie nicht den frisch gepressten Orangensaft.“ „Wie könnte ich.“ Während wir auf den Kaffee warten rufe ich noch mal bei Mercedes an und fragte wie lange sie offen haben. Der Meister meinte, „heute würde er durchmachen, da er früher gehen muss.“ Unsere Begrüßung ist herzlich, als wären wir alte Freunde. Er zeigt uns den Weg. „Wir haben ihn separat abgestellt.“ Er schließt ein Tor auf, und da steht er, mein alter Mercedes. Er übergibt mir eine Liste und einen Karton mit Teilen. „Die Wasserpumpe hebst du besser auf, denn in Deutschland bekommst du ein


110 Austauschteil dafür. Die Wasserschläuche wollte ich dir nur zeigen, damit du siehst, dass es dringend notwendig war, sie zu tauschen.“ „Na hör mal, nach dreißig Jahren.“ „Aber jetzt ist er wieder wie neu. Dieses Auto war in Stuttgart meine große Leidenschaft, ich kenne es in und auswendig. Aber nun habe ich eine Überraschung für dich. Folge mir bitte.“ Wir gehen ihm nach, Irmi fragt schon, „Was hat er vor?“ Er öffnete eine Eisentüre und es verschlug uns den Atem. Eine riesige Mercedes Sammlung. Selbst Irmi war ergriffen. Alle Fahrzeuge im Neu-Zustand. „Diese Autos gehören unseren guten Kunden. Sie stellen sie hier ab und lassen sie von uns pflegen. Wenige Male im Jahr werden sie ausgefahren. Diese fünf gehören übrigens meinem Chef. Der da hinten ist meiner, ein 180er Ponton.“ Als wären sie gestern vom Band gelaufen. Da könnte meiner gut dazwischen stehen. Wir fragen, ob wir ihn noch zum Essen einladen dürften. Heute ginge es nicht, aber wenn wir morgen den Wagen holen, käme er mit. Wir fahren mit dem Taxi in die Altstadt. Die Häuser sind meist verfallen. Die Bewohner sehen uns mit Skepsis an, „Was wollen die hier?“ Diese Viertel ziehen mich immer magisch an, vielleicht, weil man sagt, meine Oma sei eine Zigeunerin gewesen. Gut, wenn ich mir die Gesichter so ansehe, meine Tante, die Schwester meines Vaters würde hier nicht auffallen. Wir winken einem Taxi, das gerade an uns vorbei fährt. Im Hotel angekommen überlegen wir, „Wann wollen wir morgen eigentlich losfahren?“ „Wir haben keine Eile, Arles ist höchstens fünf oder sechs Stunden von hier.“ „Trotzdem möchte ich diese Nacht nicht wieder losziehen. Aber wir können ja noch mal in die Bar vom Hotel Ritz. Ich glaube Richi ist bereits abgereist.“ „Vielleicht treffen wir ja noch die Eltern von Helfried. Hannes und Hilde sind sehr unternehmungslustige ältere Herrschaften. Sie sind so richtige Hamburger noch vom alten Kaufmannsadel. Okay, zurück zur Abreise, ich denke wenn wir gegen elf abfahren reicht das locker.“


111 Kaum auf dem Zimmer angekommen, hat Irmi eine Idee. Sie kommt mit einem großen Tuch auf mich zu. „Setz dich mal bitte.“ „Nein bitte nicht.“ „Tu doch mal deine Hände auf den Rücken.“ „So mein lieber, keiner kann sehen, dass deine Hände gefesselt sind.“ „Öffnen kannst du es sowieso nicht mehr.“ Ich versuche mich zu befreien, aber es ist tatsächlich fest. Es zieht sich eher fester, umso mehr ich daran ziehe und arbeite. Sie kommt noch mit einem weiteren Tuch. „Was kommt denn jetzt noch.“ „Nur die Augen.“ „Was wird jetzt?“ „Wir gehen jetzt spazieren und ich führe dich.“ „Nein, auf keinen Fall.“ „Ich mache dich erst frei, wenn wir spazieren waren.“ „Dann hole ich jetzt ein Messer.“ „Dass wird schwierig, da du ja nichts siehst.“ Da hat sie sicher Recht. „Als ich allein in der Stadt war, habe ich eine Überraschung für dich gekauft.“ „So, was denn?“ „Wirst du gleich merken.“ Sie macht über das indische Tuch noch zusätzlich Handschellen. „Da staunst du, was?“ „Es hat mich zwar etwas Überwindung gekostet, aber dann bin ich doch rein gegangen.“ „Wo rein?“ „Na in den Sexladen.“ „Das hätte ich dir nicht zugetraut.“ Sie drückt sich an mich und ist ganz begeistert über ihr Werk. Sie wirft mich auf das Bett und setzt sich auf mich. „Jetzt gehörst du mir. Sag mal, hat das Betti mit dir auch gemacht?“ Ich will protestieren, da schiebt sie mir ein Tuch in den Mund. Ein weiteres darüber, „So jetzt ist Ruhe.“ Ich liege auf dem Bett und warte ab, vielmehr bleibt mir auch gar nicht übrig. Sie macht sich im Bad fertig. „Also, entweder kommst du jetzt, oder ich gehe alleine in die Bar.“ „Ich gehe so nie vor die Türe.“ „Wie du meinst.“ Sie sperrt die Türe auf und geht. Ich versuche mich zu befreien, aber es ist aussichtslos. Ich verweile nach meinem Gefühl hier einige Stunden. Meine Gelenke fangen an zu schmerzen. Da geht die Türe erneut auf. „Na lebt mein Schatz noch?“


112 Irmi, Gott sei Dank. Sie geht in das Bad und duscht. „So, ich gehe jetzt zu Bett, bitte gehe auf die Couch.“ Sie nimmt mich am Arm und führt mich zur Couch. Ich versuche ihr klarzumachen, dass es jetzt reicht. Ich frage sie, ob sie vorhin im Zimmer war. „Nein, wieso sollte ich?“ Sie öffnet die Handschellen und das indische Tuch. „Den Rest kannst du alleine machen“. Nach dem ich alle Tücher und Schals entfernt habe gehe ich erstmal unter die Dusche. So ein Blödsinn. Ich gehe davon aus, dass sie vorher schon mal da war. Aber besser ich sage jetzt nichts. Ich krieche zu ihr ins Bett und nehme sie in den Arm. „War es wenigsten schön?“ Fragt sie scheinheilig. Wir schmusen noch ganz heftig miteinander, und schlafen in Tücher gewickelt ein. Am nächsten Morgen ist alles völlig verdreht und ein heilloser Durcheinander. Nach dem Duschen nehmen wir das Frühstück mal wieder im Hotel ein. Ich bitte den Portier die Rechnung fertig zu machen. Irmi meint, „Wenn du den Wagen inzwischen abholen könntest, dann mach ich die Koffer.“ „Alles klar.“ Als ich in die Werkstatt komme, gehe ich erstmal an die Kasse. Ich bin erstaunt über den günstigen Preis. Mein Werkstattmeister ist heute nicht da. So lasse ich mir den Wagen aus der Halle bringen. Auf dem Weg in das Hotel verfahre ich mich gewaltig. So bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder ein Taxi zu bitten, vorauszufahren. Es hat wohl alles etwas länger gedauert, denn als ich ankomme, steht Irmi bereits mit den Koffern vor der Hoteltüre. „Wo warst du denn so lange?“ „Ich hab mich in der Stadt verfranst.“ „Okay, hilf mal, die Koffer kommen mir erheblich schwerer vor.“ Wir verladen alles nach Plan. Das Verdeck lassen wir offen, es ist ein so schöner Tag, dass es eine Sünde wäre, geschlossen zu fahren. Wir bummeln gemütlich dahin. Irmi fragt, ob sie nicht ein bisschen fahren dürfe. „Mach das“, wir steuern einen Parkplatz an und tauschen die Plätze. Sie fährt wesentlich flotter und schneller. „Du möchtest wohl nur noch weg?“ „Ich habe jetzt Lust auf den Wind, wenn er einem durch die Haare fährt.“ Tatsächlich ist es ein faszinierender Anblick, wenn der Wind durch Irmis Haare braust. Ich hole die Kamera und mache ein paar Fotos. Irmi am Steuer. Sie fährt jetzt etwas langsamer und schiebt die Sonnenbrille nach oben, „mach noch ein paar Fotos. Sieht sicher toll aus.“ „Na da wird sich dein Vater freuen.“ „Wir können sie ihm ja per E-Mail schicken.“


113 „Das machen wir.“ An der Grenze angekommen, entschließen wir uns ein zweites Frühstück einzunehmen. Ich versuche in Arles meinen Kontakt zu erreichen. „Immer belegt. Trinken wir zuerst einen Kaffee.“ Als ich es wieder versuche, hab ich endlich Glück. Er ist etwas umständlich, da mein Auftraggeber gerade nicht da ist. Aber er erklärt mir genau, welches Kloster es ist. Ich notiere mir die Nummer der Nationalstraße. Ich verspreche, „bis spätestens vier Uhr sind wir da.“ Wir haben also viel Zeit. So hab ich es gerne, nur keine Hetze. In Montpellier werden wir Mittagessen. „Darf ich jetzt wieder fahren, oder willst du noch?“ „Ich würde gerne noch ein Stück weiterfahren.“ „Mir scheint, du magst den Wagen.“ „Ich könnte mich direkt in ihn verliebe.“ „Dann werden wir ihn wohl besser zukünftig in Brixen einstellen, dann kannst du ihn fahren, wann immer du willst.“ Wir setzen unsere Fahrt fort und kurz vor Montpellier gehen wir erstmal von der Autobahn runter zum Mittagessen. Während Irmi das mit dem Essenbestellen erledigt, gehe ich eine gute Landkarte kaufen. Diesmal haben wir es auf Anhieb entdeckt. Gar nicht so schwierig. Nach einer gemütlichen Mittagspause, fährt Irmi weiter in Richtung Arles. In Arles müssen wir erstmal eine Ringstraße überstehen, bis wir dann endlich die richtige Straße erreicht haben. So jetzt sind es noch siebenundzwanzig Kilometer. Wir stehen vor einem riesigen Portal. Ein Pfeil weist uns den Weg zur Klingel. Als wir läuten, kommt auch schon ein Pater in einer dunkelbraunen Kutte auf uns zu. Ich nenne ihm meinen Namen und er scheint auch schon auf mich gewartet zu haben. Wir werden hereingelassen und auf einen Parkplatz dirigiert. Es stehen so in etwa dreißig Fahrzeuge der Nobelklasse dort. „Da sind wir ja in der richtigen Gesellschaft.“, sagt Irmi. „Ob dass die Dienstfahrzeuge der Mönche sind?“ Da steht auch schon der Pater neben uns und erklärt, dass im Moment ein Seminar stattfindet. Wir mögen uns bitte ruhig verhalten, die Herren sind gerade in einer Meditation im Garten. Ich frage den Pater, aus welcher Branche die Herren kommen. „Alles Politiker.“ Na, da hab ich doch richtig geraten. Wir werden in ein Besprechungszimmer geführt. „Gleich wird ein Pater mit Ihnen alles besprechen.“


114 Er zeigt mir Pläne, in denen der Gilb wohl schon vor längerer Zeit Einzug gehalten hat. Er fragt mich, ob ich nicht Lust hätte bei einer Meditation teilzunehmen. „Wissen Sie wie das geht?“ „Ja natürlich gerne, wann wäre das denn?“ „Ihre Frau darf auch dabei sein. Obwohl wir ein reines Männerkloster sind. Außerdem würde ich Ihnen gerne einige Zimmer zeigen. Auch unseren Speisesaal und die große Küche.“ „Gern, dann legen Sie mal los.“ Er führt uns durch breite und schmale Gänge, Treppen rauf und wieder runter. Ein riesiges Anwesen, dieses Kloster. Nach der Küche zeigt uns der Pater den Essraum. „Wir nehmen am besten hinten in der kleinen Nische Platz, da sind wir ungestört.“ Ich bekomme eine Liste mit Arbeiten, die Vorrang haben. Ich frage ihn, welche Handwerker denn vor Ort da wären? „Alle, Sie brauchen nur die Anweisung zu vergeben. Wir wollen aber, dass die neue Technik den Gesamteindruck nicht stört.“ Inzwischen sind die Gäste mit der Meditation fertig, so kommen alle Teilnehmer der in den Speisesaal. In ihren frommen Kutten wirken sie recht brav. Gegessen wird nach Speiseplan, ohne Sternekoch. Hausmannskost, am Nachmittag dürfen sie Holz hacken. In der Früh um sechs gibt es eine kalte Dusche. Irmi meint, „Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir uns ein Hotel im Ort suchen?“ Der Pater lacht so fröhlich, dass ich mich seinem Lachen anschließe. „Aber jetzt werde ich Ihnen was erzählen. Das beste Hotel am Platz gehört auch unserem Orden. Außerdem hab ich schon für sie reserviert, Sie sind natürlich unsere Gäste.“ „Willst du denn den Auftrag annehmen?“, fragt Irmi, nachdem wir alleine sind. „Morgen werden wir über den Preis reden.“ „Eine gute Unterkunft, in Form einer Einzelzelle wird er dir sicher anbieten.“ „In San Remo werden wir sehen, ist der Auftrag interessanter, nehme ich lieber den an. Schon von der Entfernung zu Brixen, so kann ich wenigstens am Wochenende bei dir sein.“ „Ach du glaubst, du machst dir schöne Tage in San Remo und ich sitze weinend am Fenster in Brixen. Wir müssen mal ernstlich darüber reden, wie wir uns das gemeinsame Leben vorstellen.“ „Du kannst ja tatsächlich mein Lehrling werden.“


115 „Wer lernt denn da von wem? Das ich nicht lache, jetzt hab ich gerade ein Crash Programm in Sachen Sex hinter mir und jetzt soll ich dein Lehrling werden.“ „Irmi Liebste, eines nach dem anderen.“ „Ja, so sehe ich das auch.“ Wir fahren vor dem kleinen aber sehr edlen Hotel vor. Ein Page springt sofort zum Auto, reißt den Schlag auf und hilft Irmi aus dem Wagen. „Darf ich Ihren Wagen in die Garage bringen.“ „Ja sicher, dann nehmen wir das Gepäck dort heraus, dann sind wir direkt neben dem Lift.“ Wir gehen schon mal die Treppen zur Rezeption hinauf. Als wir oben ankommen, dauert es nur wenige Minuten und der Page steht mit unseren Koffern neben uns. „Wir sind gerade angerufen worden, sie benötigen ein Zimmer zusätzlich.“ „Ja, das stimmt.“ „Wir haben das schon für sie erledigt. Wenn sie mir bitte folgen wollen.“ Er begleitet uns zum Lift und drückt auf die zwei. „Hier haben wir das eine Zimmer und gleich daneben das andere. Wenn ihr Vater dann mal nach Ihnen sehen will, braucht er nur die Verbindungstüre öffnen.“ „Ja wissen Sie, wenn ich nachts schlecht träume, kommt er und bringt mir eine warme Milch.“ „Ach das ist ja rührend.“ „Manchmal ließt er mir auch eine Gute Nachtgeschichte vor. Vom bösen Wolf, oder so.“ „Sie haben aber einen lieben Vater.“ „Ja, lieb ist er auch manchmal.“ Irmi kostet die Situation richtig aus. „Kann ich auch von meiner Seite zuschließen?“ „Ja natürlich, sie brauchen den Schlüssel nur hinübernehmen.“ „Dann werde ich das mal machen.“ Ich denke so bei mir, welches Biest sie doch sein kann. „Wir servieren übrigens das Abendessen in einer Stunde, Ihr Tisch steht für sie bereit.“ „Vielen Dank, dann werde ich mal Duschen gehen, ich weiß nicht was meine Tochter vorhat.“ „Na dann bis später.“ Der Page verlässt uns mit einem gütigen Lächeln. „Hätte ich dem jetzt ein Trinkgeld geben müssen? Vater, das ich nicht lache.“


116 „Ja, er hat dir deinen inneren Lustmolch gleich angesehen. Der kommt immer erst später zum Vorschein“, gebe ich zu bedenken. „Jetzt ist es aber genug.“ Ich nehme Irmi auf den Arm und trage sie zu Bett, es gibt eine lustige Rauferei und Irmi ruft immer, „der Lustmolch, der Lustmolch, Hilfe!“ Wir duschen uns und machen uns fein. Als wir zum Abendessen in den Speisesaal kommen, sind wir allein. „Sind wir die ersten, oder die einzigen?“ „Es kommen noch weitere Herrschaften, aber die Herren sind noch im Seminar“, meint der Kellner. „Ach schau mal, da machen sie einen auf fromm und einsichtig, und hier haben sie ihre Weiber.“ „Irmi, warum bist du denn so aufgedreht?“ „Mir gefällt das, diese Heuchelei, die sich hier abspielt.“ „Die machen sich wenigstens die Mühe es zu vertuschen, gegen Geld gibt es hier alles.“ Wir bekommen einen ausgezeichneten Portwein. „Heute wirst du noch vernascht.“ „Au weia, das wird noch spannend.“ „Eine warme Suppe vorweg, anschließend servieren wir einen Hirschbraten“, erfahren wir vom Ober. „Da freuen wir uns schon drauf. Den haben sie sicher selber erlegt. Da zieht der Pater dann seine Kutte aus, kleidet sich in dunkel grün und ist der Jäger aus Kurpfalz“, meint Irmi. „Hast du schon mal einen Jäger in einer Kutte gesehen? Das wäre dann ein Kuttenjäger.“ „Nein, ist mir nicht bekannt.“ Der Ober hat wohl einen Teil unseres Gesprächs belauscht, er kommt auf den Tisch zu und meint, „den hat der Kurfürst persönlich erlegt. Dieses ganze Gebiet gehört einem Kurfürsten. Er hat seine eigenen Jäger.“ „Leibeigene?“ „Irmi, bitte. Du wirst als unartige Tochter heute noch was abbekommen.“ „Oh, wie schön. Hoffentlich sind die Betten stabil.“ Jetzt betreten weitere Herrschaften den Speisesaal. „Sieh mal, lauter Papis mit ihren Töchtern.“ Tatsächlich lautere ältere Herren Manager mit ihren Gespielinnen betreten den Speisesaal. Irmi macht einen bösen Witz nach dem anderen. Eine jüngere Gespielin zischt ihren Liebsten an, „Geh doch hin, wenn du meinst.“ Irmi nimmt die Serviette und hält sie sich vor das Gesicht. Sie sagt ziemlich laut, „Ende der Vorstellung.“ Etwas leiser


117 fügt sie noch hinzu, „Jeder vögelt jetzt bitte seine eigene Dame.“ Es war wohl doch etwas zu laut. Wir nehmen uns nach dem Abendessen noch eine Flasche Bordeaux mit auf das Zimmer. Kaum angekommen, wirft sich Irmi auf das Bett und schreit, „Jeder vögelt jetzt seine Dame!“ Ich ziehe ihr die Kleider aus. „Ja Papi, bitte das Höschen auch.“ Es gibt einen Kampf, als es plötzlich an die Türe klopft. „Wir würden gerne schlafen, wir haben das Zimmer neben ihnen.“ Ich rufe zurück, „meine Tochter ist wieder nicht artig, aber ich habe das gleich.“ Er schimpft noch ziemlich laut auf dem Gang. „Das ist ein anständiges Hotel.“ Da wir sehr spät in das Frühstückszimmer kommen sind wir allein. „Na da haben wir uns wenigstens die bösen Blicke erspart.“ „Jetzt wir es aber Zeit - dein Termin beim Kaputzenmännlein. Ich glaube, du gehst besser alleine.“ „Okay, vielleicht besser, was machst du inzwischen?“ „Ich nehme mir alle jungen Pagen vor.“ Als ich zum Pater komme, fragt dieser sofort nach meiner Assistentin. „Sie hat heute frei.“ Der Pater fragt sofort nach meinem Honorar. Ich setze mein Honorar sehr hoch an, und hoffe, dass es ihm zu hoch ist. „Das geht in Ordnung, wir brauchen das nicht zu bezahlen, es ist eine Spende. Da sagst du jetzt besser nichts. Na, dann soll er mal blechen, für seine sündige Meditation. „Rechne ich mit Ihnen ab, oder mit Ihrem Meditator?“ „Nein, bitte mit uns. Er hat uns bereits eine größere Summe da gelassen.“ „Ich brauche noch die Adressen ihrer Handwerker, die mit dem Kloster vertraut sind.“ „Sie werden eine Liste per Fax bekommen.“ „Vielen Dank und wir bleiben in Verbindung.“ Auf dem Weg zum Portal sehe ich die Herren in einem Raum sitzen. Es ist wohl eine Art Schweigeminute. Vielleicht gehen sie auch gerade in sich, oder so. Im Hotel sehe ich Irmi in der Halle sitzen, mit einem Glas Champagner. „Du lässt es dir wohl gerade gut gehen?“ „Sicher, ich wurde eingeladen. Wie sieht es aus? Finde ich dich zukünftig unter einer Kutte oder hast du abgelehnt?“


118 „Noch ist alles offen. Wir werden morgen wieder abreisen“. Für den Nachmittag wollen wir noch eine kleine Wanderung machen, es bietet sich hier regelrecht an. Der Portier empfiehlt uns den Wanderweg Nummer fünf. „Ein leichter Weg. Am Schluss des Weges werden sie ein kleines Labyrinth finden. Es macht viel Spaß und im Moment sind nicht viele Leute dort.“ „Gibt es hier auch einen Mittagstisch?“ „Ja aber nur eine kleine Speisekarte.“ „Für uns wird es genügen.“ Wir bestellen nur eine Kleinigkeit. Aber Durst haben wir.“ „Eine große Flasche Mineralwasser, bitte.“ Irmi kommt mit ihrer Champagner Flasche in der Hand nach. Der Ober nimmt sie ihr ab und stellt sie in einen Eiskühler. „Dann fällt ja wohl unsere Siesta flach“, meint Irmi. „Wenn du dich hinlegen willst, ich muss nicht unbedingt wandern.“ „Doch, dass Labyrinth lass ich mir nicht entgehen.“ Nach dem Essen machen wir uns gleich auf den Weg. Es hat etwas aufgefrischt und so nehmen wir Jacken mit. Irmi hat ihre Stola umgehängt und sich extra noch ein Tuch mitgenommen. Nach einer halben Stunde des Wanderns, ist immer noch kein Labyrinth zu sehen. „Es wird schon kommen.“ „Weißt du denn noch woher wir gekommen sind?“ „Aber da haben wir ja das Labyrinth. Gar nicht groß, na ja, fangen wir doch mal an.“ „Wo willst du beginnen?“ „Ich gehe zu „B“ gut, dann nehme ich „F“. Gemeinsam gehen wir die schmalen Wege nach. „Ist ja ganz einfach, da man ja den Weg verfolgen kann.“ „Normalerweise sind die Büsche so hoch, da kann man dann nichts erkennen.“ „Man hat sie kürzlich zurückgeschnitten, damit sie wieder kräftig wachsen, in ein oder zwei Monaten sind sie mannshoch. Im Moment kann man ja sogar darübersteigen.“ Im Nu waren wir in der Mitte angekommen. „So und jetzt wieder zurück, aber auf dem richtigen Weg.“ Irmi kommt auf mich zu, „Mach die Augen zu.“ „Und nun suche den Weg. Du schummelst ja schon wieder.“ Sie nimmt ihr Tuch und verbindet mir die Augen. „So, und nun los.“ Die Büsche sind gerade noch so hoch, dass man mit den Händen fühlen kann. Aber ich gerate immer wieder in eine Sackgasse. Ich verlaufe mich so, dass ich keinen richtigen Weg mehr finden kann. Ich nehme das Tuch runter und gebe mich geschlagen. „Ich habe verloren.“ Irmi steht am Rand und hat es beobachtet. „Na, war wohl nichts.“


119 „Komm lass uns zurückgehen, der Wind wird immer stärker und die Wolken wirken bedrohlich.“ Es wird noch ein Gewitter geben. „Komm gehen wir etwas schneller.“ Da fängt es schon an zu tröpfeln. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig. Als wir die Hotelhalle betreten, duscht es aus allen Rohren. Wir entschließen uns zu einer verspäteten Siesta. Irmi muss zuerst noch ihre Haare föhnen. Ich habe mich schon hingelegt und bin auf Anhieb eingeschlafen. Als ich aufwache, liegt Irmi in meinen Armen, sie hat sich unter meine Decke gekuschelt. Süß, wie sie daliegt. So brav, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Sie muss gespürt haben, dass ich sie beobachte, sie schlägt ihre Augen auf und kuschelt sich noch etwas fester an mich. „Ob wir heute noch mal aufstehen?“ „Da bin ich mir nicht so sicher.“ Sie meint, „Da hätte ich noch ein paar gute Ideen und Argumente, um im Bett zu bleiben.“ „Allein das Wetter spricht gegen Aufstehen.“ „In Kürze kommen die Manager von der Nachmittagsmeditation.“ „Da lass uns doch besser hier mit der Meditation schon anfangen. Soll ich dir zeigen, wie es geht?“ „Ein wenig Ahnung hab ich schon, aber du könntest es mir zeigen.“ „Am besten wir setzen uns gegenüber, im Schneidersitz.“ „Das Wichtigste ist, seine Gedanken zu verschieben, also wenn dir was in den Sinn kommt, schiebe es beiseite. Halte deine Gedanken nicht fest, oder grüble darüber nach. Stell dir vor, du sitzt an einem Wasserlauf, betrachtest nur das Wasser, und sehe es an dir vorüberziehen. Höre nur auf dein Inneres.“ Wir versuchen es beide gemeinsam und es scheint zu funktionieren. „Wir können uns ja im Anschluss eine Softschnulze reinziehen.“ „Da muss ich immer weinen, meist sind es ja auch richtige Frauenfilme.“ „Wie machen wir das eigentlich in San Remo?“ „Wir werden uns ein Hotel suchen und unseren Kontakt anrufen. Denn das Anwesen, welches wir besichtigen, ist wohl im Moment unbewohnt, zumindest wurde das angedeutet.“ Wir werden die Cóte Azur genießen und gemütlich dahin gondeln.“ Den Abend verbringen wir richtig entspannt, nichts kann uns etwas anhaben. Die Mönche haben wir bereits vergessen. Irmi fängt an, die Sachen schon mal zu


120 sortieren. „Wir müssen morgen unbedingt die Wäsche abgeben, meine Sommersachen sind alle reinigungsbedürftig.“ Dann fällt mir ein, dass ich den Notartermin für den Kauf der Wohnung rückbestätigen muss. Ich mache das lieber gleich. Da wir zusammen bleiben, werden wir uns in Brixen etwas Größeres suchen. Fünf Zimmer brauchen wir schon, da ich ja auch das Büro dabei haben möchte. Irmi ruft aus dem Badezimmer, „Und vergiss die Kinder nicht.“ Da wird es wohl besser sein, wir bauen uns ein Haus. Frisch gefönt kommt sie aus dem Bad, „Toll, wie dir die kurzen Haare stehen.“ Sie kommt auf mich zu und gibt mir einen Kuss. Der Kellner pocht an die Türe und serviert das Abendessen. Aus dem Fernseher tönt eine Edelschnulze. „Du darfst gerne umschalten, bevor das Fett aus der Röhre fließt.“ „Lass nur, hin und wieder ist sowas ganz lustig, es passt sogar zum Abendessen.“ Die Luft ist heute Nacht so gut, so kurz nach dem Regen ist sie vollkommen gereinigt. Wir lassen das Fenster auf. Als wir aufwachen ist bereits die Sonne am Himmel und wirft ihre ersten Strahlen in unser Zimmer. Wir packen noch unsere Koffer, bevor wir zum Frühstücken gehen. Am Tisch steht eine große Karaffe frischer Orangensaft. Ich trinke gleich zwei Gläser hintereinander weg. An der Rezeption erfahre ich, dass alles schon erledigt ist. „Auch die Extras?“ Alles ist abgerechnet. Ich bedanke mich vielmals und lasse noch ein gutes Trinkgeld für das Personal zurück. Die Koffer werden bereits zum Wagen hinausgebracht. Irmi macht noch das Verdeck auf und legt sich wieder ein Tuch um den Kopf. „Ist es dir nicht zu frisch, so am Morgen, die Sonne ist noch nicht so kräftig?“ Nach einer viertel Stunde sind wir bereits am Meer. Wir blicken auf ein glitzerndes vor uns liegendes Meer. Da bekommt man richtig Lust zum Segeln. „Wir könnten doch mal einen Segelurlaub machen“ schlage ich vor. Wir kommen an das große Autobahnkreuz, hier müssen wir aufpassen, sonst fahren wir plötzlich nach Paris und nicht nach Nizza. Irmi macht sich gut als Navigationsgehilfin. Wir steuern direkt auf Nizza zu. Hier suchen wir uns einen Parkplatz direkt am Meer. Die Uferpromenade wollen wir wenigsten einmal auf und ab spazieren. Da


121 entdecken wir auch einen Eisstand und lassen uns zwei große Becher fertig machen. Wir setzen uns in die Sonne und stellen soeben fest, das Nichtstun uns sehr gut tut. „Dann lass uns weiterfahren.“ Irmi geht nach unserer Pause wie selbstverständlich auf das Steuer zu. „Du liebst ihn wohl?“ „Den gebe ich nicht mehr her. Du musst schon sagen, wenn du ihn auch mal wieder fahren willst.“ „Nein, ich sitze gerne neben dir, du fährst so ausgeglichen. Ich finde es schön dich beim Fahren anzusehen.“ „Wir müssen unbedingt mal wieder tanken. Lass uns am besten gleich hier tanken, sonst vergessen wir es noch.“ Wir setzen unsere Fahrt fort und sind schon bald an der Grenze. Die Grenzer winken nur, anhalten müssen wir nicht. Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis San Remo. Nicht umsonst heißt diese Gegen Blumen-Riviera. Überall findet man Blumengestecke und Dekorationen. Sogar einen großen Wagen sehen wir, wie er gerade geschmückt wird. Wir fahren rechts heran und rufen unseren Kontaktmann an. Er fragt, in welcher Richtung wir stehen, und gibt uns Anweisungen, wie wir direkt zu ihm kommen. „An der gelben Tonne fahren Sie links hoch.“ Irmi macht das prima. Da stehen wir vor einem etwas vergammelten Gebäude. Ein Herr in Jeans, stellt sich als der Verwalter vor. Er geht voraus und hat bereits die Türe zur Sonnenterasse geöffnet. Auf einem großen Tisch hat er Pläne ausgebreitet. Er erklärt uns, dass das Gebäude etwa dreihundert Jahre alt sei und deshalb unter Denkmalschutz steht. Wir wollen hier einen sehr exklusiven Nachtclub einrichten. „Die Vorschriften sind zu beachten, denn sie sind hier sehr streng. Brandschutz ist oberstes Gebot.“ „Dürfen wir das Gebäude besichtigen.“ „Ja natürlich, ich wollte es ihnen sowieso zeigen. Nur im rückwärtigen Teil darf eventuell etwas angebaut werden, von vorne mit der Seite zum Meer darf nichts verändert werden.“ „Es ist ja auch eine wunderschöne Fassade, wenn sie mal renoviert ist.“ Der Verwalter erklärt, dass dieses Gebäude bisher die Verwaltung war. „Wo soll ich denn während der Bauzeit wohnen?“ „Ich werde es Ihnen zeigen.“ Wir gehen in einen Anbau. „Dieses Gebäude ist erst drei Jahre alt, hier würden wir ihnen eine Wohnung einrichten.“ Er sperrt den Anbau auf. „Hier habe ich bisher


122 gewohnt. Alles ist neu, also einmal durchwischen und sie können hier einziehen.“ Irmi ist ganz begeistert. „Sieh mal mit Blick auf das Meer. Eine wunderschöne Terrasse.“ „Für drei Jahre würden Sie hier wohnen können. Dann müssen sie allerdings umziehen, dann haben wir das nächste Projekt für Sie.“ „Klingt interessant, wie sieht es denn mit der Bezahlung aus?“ „Sie sagen uns ihr Honorar, oder Ihre Bedingungen und dann sagen wir Ihnen, ob wir uns einigen.“ Irmi meint ganz frech, „Dann fangen wir mal bei zehntausend an.“ Der Verwalter meint, „Bitte vergessen sie nicht, wir stellen eine Haushälterin und einen Firmenwagen und alles was sie brauchen. Das Honorar, sollte Ihr Taschengeld sein.“ Ich erkläre ihm, dass ich ja laufende Festkosten habe, diese fallen ja nicht weg, nur weil ich in San Remo wohne. „Sagen sie uns einfach, was sie sich vorstellen.“ Ich gehe in die Offensive und beginne mit achttausend. „Das entspricht auch unseren Vorstellungen.“ „Steuern brauchen wir nicht, wir zahlen Sie mit Bargeld.“ „Sehr nett, aber ich muss es schon versteuern.“ Er legt mir einen Vertrag vor und meint, „Jetzt brauchen Sie nur noch unterschreiben.“ „Lassen sie uns bitte eine Nacht darüber schlafen.“ „Sehen sie das rote Gebäude, das ist unser Hotel, wir betreiben es schon seit sieben Jahren mit großem Erfolg.“ Irmi meint, „Da brauchen Sie sicher eine Managerin für den Empfang.“ „Sind Sie…“ „Ja klar bin ich.“ „Sie können morgen anfangen, unser Empfangschef ist letzte Woche in den Ruhestand gegangen.“ Irmi bekommt ganz glänzende Augen. „Dass ist es.“ „Also, schlafen Sie bitte eine Nacht über unser Angebot und selbstverständlich bekommen Sie den Job im Hotel, sollte sich Ihr Partner für uns entscheiden.“ „Das machen wir, willst du auch?“ „Natürlich will ich auch. Ich warte nur auf den Pferdefuss. Es ist viel zu schön um wahr zu sein.“ „Aber was wird dein Vater sagen?“ „Es wird ihn hart treffen. Aber irgendwann muss ich doch meinen eigenen Weg gehen.“ „Du kannst ihn ja mal heute Abend anrufen und fragen. An seiner Reaktion wirst du schnell erkennen was er denkt.“


123 „Aber ich bin doch nicht mit meinem Vater zusammen, sondern will bei dir sein.“ „Na gut, sage es ihm am besten genau so.“ Wir diskutieren ohne Unterlass über dieses Projekt. Da ärgere ich sie ein bisschen um vom Thema abzulenken. „Was mache ich dann mit meinem VW-Bus?“ „Den nehmen wir, wenn wir mit den vielen Kindern zum Strand fahren.“ „Du möchtest also Managerin sein und viele Kinder haben.“ „Dafür haben wir ja dann eine Nanni.“ „Also bauen wir unser Haus hier und nicht in Brixen.“ „So sieht es wohl aus.“ Am nächsten Morgen sind wir fest entschlossen, im Frühstückssaal sehen wir den Verwalter. „Wohnen Sie hier im Hotel?“ „Ja, unter dem Dach gibt es eine sehr schöne Wohnung, diese habe ich mir heraus gesucht. Na, was sagt das Herz?“ „Unser Herz sagt ja.“ „Wirklich?“ „Ja, aber wann fangen wir an?“ „Ihre Bekannte hat noch sechs Wochen Zeit. Aber Sie sollten möglichst gestern mit ihrer Arbeit angefangen haben.“ „Also drei Wochen brauche ich noch. Ich habe in München noch einen Notartermin und einen kleinen Umzug hätte ich da auch noch.“ „Also, wenn Sie die Einrichtung meinen, die bekommen sie von uns gestellt. Den Vertrag habe ich hier, Sie sollten ihn mit einem Anwalt durchlesen und unterschrieben an uns faxen. Das Original bringen Sie uns dann mit. Von München oder Brixen ist es ja nicht weit. Die Formalitäten für Ihre Anmeldung, dass macht unser Büro, auch die Anmeldung bei der Steuerbehörde. Sie brauchen sich nur noch um unsere Pläne kümmern.“ „Ein Frage habe ich noch, wie sind Sie auf mich gekommen?“ Er grinst über beide Ohren. „Wir hatten eine Liste mit drei Fachleuten und da waren sie dabei. Vor einigen Tagen waren Sie in unserem Anwesen, Sie wissen schon, dass Hotel mit unserem Spezialservice. Sie fuhren durch das Portal, ihre Autonummer wird automatisch registriert. Der Wachhabende meldet Ihren Namen und Nummer, der Rest geht automatisch seinen Weg. Wir haben Sie beobachtet, Sie gefielen uns, Sie haben benehmen und ein gutes Auftreten. So waren Sie unser Mann.“


124 „Also haben wir den Job eigentlich einem Bekannten namens Theo zu verdanken.“ „Ja, so ist es. Theo arbeitet auch für uns. Aber das ist eine andere Abteilung. Er sucht Objekte, welche wir kaufen können oder in unser Portfolio passen. Er prüft und macht eine Studie. Berechnet die Rendite.“ Der Verwalter verabschiedet sich und lässt uns noch eine Flasche Champagner an den Tisch bringen. „Sie sind natürlich eingeladen, Sie können so lange bleiben wie sie wollen.“ „Vielen Dank, aber eine zweite Nacht ist genug, dann müssen wir zurück und die Vorbereitungen treffen.“ Irmi sieht sich noch das Hotel etwas genauer an. Schließlich geht es ja um ihre Zukunft. Wir gehen zu Fuß an die Promenade und genießen den Blick und die Luft. „Also, wollen wir hier bleiben?“ „Es hängt nur von dir ab.“ Irmi meint, „Jetzt bin ich Schuld, wenn ich die falsche Entscheidung treffe.“ „Wenn wir wieder in Brixen sind, werde ich erstmal mit einem Anwalt darüber reden. Wieviel Steuern anfallen …“ Den Nachmittag verbringen wir damit, die nähere Umgebung ein wenig abzufahren und kennen zu lernen. Gegen Abend frage ich Irmi was sie nun von der Idee hält. „Sofort, ich finde den Ort sehr schön, meine Arbeitsstätte ist fantastisch. Nur mein Vater wird enttäuscht sein, aber da muss ich durch. Ich werde es ihm erklären, dass ich nicht eine Ewigkeit in Brixen bleiben kann.“ „Ich bin deiner Meinung, und wenn du willst, helfe ich dir bei dem Gespräch mit deinem Vater.“ Am nächsten Morgen treten wir die Rückreise an, mit recht gemischten Gefühlen. Für mich gibt es kein Problem, da ich das Herumreisen gewohnt bin. Zu lange an einem Ort, das ist für mich zu langweilig. Wie wenn er es geahnt hätte, ruft Herbert auf Irmis Handy an. Irmi erzählt so begeistert, dass er doch tatsächlich fragt, ob wir zurückkommen. Ich denke mir, dass ist als Einstieg nicht schlecht. Mein Telefon piepst, eine SMS. Es ist die Bank, sie hat den Termin bestätigt. Da kommt ja eine ganze Menge auf uns zu, sobald wir zurück sind.“ „Hast du nicht einen Kollegen, der dich dort unterstützen könnte?“ Du musst doch nicht alles alleine machen?“ „Gar nicht so schlecht, deine Idee.“ „Irmi du bist gut, du bist ab sofort meine Assistentin.“ „Das bin ich doch schon die ganze Zeit.“


125 „Eine ganz besonders liebe Assistentin.“ „Mit seinen Mitarbeitern soll man aber nichts anfangen.“, ermahnt mich Irmi. „Zuerst haben wir angefangen und dann bis du Mitarbeiterin geworden.“ „Wie man es sich doch zurechtlegen kann.“ Für den Rückweg entscheiden wir uns für die Route über den Gardasee. „Da werden wir in Riva nochmals übernachten. Da kenne ich ein süßes Hotel. Sehr Privat und persönlich.“, meint Irmi. „Als krönenden Abschluss genau das Richtige. Warst du da etwa schon mit einem Anderen?“ „Mein Onkel und ich haben es mal besucht, es stand zum Verkauf. Aber letztendlich war der Preis zu hoch. Ich wusste gar nicht, dass du Eifersüchtig sein kannst.“ Wir necken uns noch die nächsten hundert Kilometer. Machen Witze über Paare, die wir überholen. Irmi entdeckt ein junges Punker Pärchen. „Wo die überall Ringe haben, sieh mal, in der Nase mindestens fünf Ringe, im Ohr eine ganze Reihe Nieten. Wenn die sich mal gegenseitig verhängen, brauchen sie einen Klempner.“ „Ein Autospengler tut es auch. Am schönsten finde ich das breite Band am Hals mit seinen Spikes.“ „Da kann er den Kopf kaum noch drehen, und wenn, dann ersticht er sich.“ „Aber sie ist noch besser, sie hat ja überall Ketten. Um den Hals mindestens fünf Reihen. Das mag bei einem Schlagloch ganz schön klappern und scheppern.“ „Aber die Frisur ist doch echt geil.“ „Wie bei einem Hahn. Der steht länger beim Frisieren wie du.“ „Der macht das doch mit Zucker, pfui.“ „Die nehmen doch heute Gel. Jeden Tag eine Tube, geht ganz schön ins Geld.“ „Du sieh mal die haben eine echte Rarität. Der Alfa ist mindestens schon vierzig Jahre alt.“ „Aber wie neu.“ „Der wird halt Autospengler sein. Wenn er mal keine Arbeit hat, klopft er in ihren Körper ein paar Nieten und Ringe. Möchte nicht wissen, wie ihre Muschi aussieht.“ „Ach, ich glaube die hat dort einen Reisverschluss, mit Vorhängeschloss.“ „Komm überhol endlich, die glauben ja noch, wir wollen etwas haben.“ Wir nähern uns der Ringstraße welche uns um Genua führt. „Da rüber, die Spur müssen wir nehmen.“


126 „Danke Frau Navigator.“ „Bitte sehr!“ „Haben wir eine Karte, ich würde gerne mal darauf sehen?“ „Das musst du nicht, ich weiß schon wie wir fahren müssen.“ „Na, dann ist ja alles gut. Wenn wir dann in Venedig sind, haben wir die falsche Straße erwischt.“ „Aber du musst zugeben, Venedig ist sehr schön.“ Doch Irmi scheint sich tatsächlich gut auszukennen. „Da kommt einer mit Lichthupe, jetzt setzt er auch noch die Fanfare ein.“ „Ein Maserati, toll, da mache ich doch gerne Platz.“ „Sieh mal, er bedankt sich sogar.“ „Ein schönes Fahrzeug, in der Farbe Aubergine.“ „Sehr seltene Ausführung.“ „Mit was fährst du eigentlich, wenn du nicht Motorrad fährst?“ „Ja in Zukunft mit einem Mercedes. Bisher habe ich den Citroen meines Vaters genommen. Er fährt ja nie damit. Er macht alles zu Fuß, und was man nicht zu Fuß erreicht, da nimmt man den Unimog.“ Wir entscheiden uns für eine Pause, „Zeit um zu tanken und zu rasten.“ Wir finden einen Parkplatz direkt vor dem Restaurant. „Mach ihn lieber zu, Liebling.“ „Hab ich da recht gehört. Da will ich aber gleich einen riesigen Kuss.“ Wir schließen das Verdeck und machen die Fenster zu. „Hat dein VW Buss eigentlich auch Vorhänge?“ „Könnte man anbringen, die Halterungen sind da. Aber für mich ist es ja mehr ein fahrendes Büro. Für eine Siesta muss man nicht gleich die Vorhänge schließen. Egal, du nimmst den Mercedes, der steht dir einfach toll.“ Wir machen ausgiebig Pause. „Du sagtest doch, ein sehr romantisches Hotel?“ „Deswegen kann man da trotzdem zum Abendessen gehen. Ich dachte wir verbringen noch mal so richtig eine Nacht nur für uns. Wenn wir Daheim sind, beginnt wieder der Alltag.“ „Darf ich auch mal wieder fahren?“ „Genieße ihn, so lange du ihn noch hast.“ Wir lassen das Verdeck zu, da es nach Regen aussieht. Nach einer Stunde kommen wir dem Gardasee entschieden näher. „Da steht ein Schild, zum Gardasee.“


127 „Sind wir denn schon soweit? Wir haben es gar nicht bemerkt.“ „Da geht es aber nach Sirmione, wir müssen nach Riva, das ist im Norden.“ „Noch zehn Minuten und wir müssen abfahren, Richtung Riva.“ In Riva kennen wir uns schon recht gut aus, da waren wir beide schon öfters. Das Hotel liegt direkt an der Uferpromenade. Wir halten direkt vor dem Eingang. Mit den Zimmern ist es etwas schwierig. „Wir haben nur noch ein großes Doppelzimmer mit Balkon.“ „Ist egal, wir nehmen es, es ist unsere letzte gemeinsame Nacht.“ Ein wirklich wunderschönes Zimmer, mit Blick über den See. Welcher in der untergehenden Sonne seine schönste Seite zeigt. „Wildromantisch“, meint Irmi. „Lass uns doch das Essen auf das Zimmer kommen, so können wir auf dem Balkon den Abend genießen.“ „Genau, geh du schon mal in das Badezimmer, ich bestelle ein leckeres Essen. Eine schöne Flasche Wein aus der Gegend von Friaul, dazu einen Parmaschinken.“ Der Zimmerkellner bringt sogar ein Tischtuch für den Balkontisch. Er holt noch eine Kerze und zündet sie gleich an. „Oh, an Lachs hat er auch gedacht.“ Irmi holt sich eine Stola, es ist doch etwas kühler wie gestern in San Remo. „Sieh mal in die Berge, da gibt es auf den Gipfeln noch Schnee.“ „Das sind doch die Gletscher, du willst mich wohl testen.“ „Ich werde dich jetzt füttern.“ „Au fein, mach das.“ „Aber zuerst stoßen wir mal auf unsere gelungene Reise an. Wir haben wirklich viel erlebt, langweilig war es nicht. Jetzt müssen wir nur noch die Dinge in die Tat umsetzen.“ Am nächsten Morgen sehen wir uns beide noch im Bett liegend etwas fragend an. „Schaffen wir das?“ Kann Irmi ihren Vater überzeugen? Es wird ihm sehr schwer fallen. „Er hat immer geglaubt, dass ich ewig bei ihm bleibe. Oder wenigstens um die Ecke wohne. So wie das halt am Dorf ist. Jeder kennt jeden und alles gehört zusammen. Da geht man nicht einfach in einen anderen Landesteil. Als Südtiroler an die Cote Azur? Oder an die Riviera?“ „Landesverrat!“ Irmi bekommt Zweifel, ob sie das ihrem Vater antun kann. „Bitte, mach dich jetzt nicht verrückt. Wir werden mit ihm reden.“ Wir gehen in den Speisesaal zum Frühstücken, aber er ist gesteckt voll. „Da hätten wir mal besser das Frühstück auf das Zimmer bestellt.“ „Wir können ja mal auf die Terrasse sehen, vielleicht haben wir dort mehr Glück?“


128 Tatsächlich ist dort ein Tisch frei. Die Sonne scheint bereits voll auf die Terrasse. „So, jetzt werden wir den Rest auch noch hinter uns bringen.“ „Lass mich fahren, das lenkt ein wenig ab.“ „Wie du meinst.“ Wir parken an Irmis kleinem Apartment und bleiben nicht lange unentdeckt. Als ich die Koffer hinauftrage, höre ich schon die Stimme des Vaters. Er nimmt Irmi herzlich in die Arme und freut sich, dass sie wieder da ist. Auch mich nimmt er in die Arme. Er schnappt sich auch einen Koffer und trägt ihn hinauf. „Erzählt, wie war es?“ „Toll, wir haben soviel erlebt.“ Der Vater wird ernst und meint, „Irmi, ich muss dir was erzählen.“ „Ist etwas passiert?“ „Wie man es nimmt. Mein Bruder hat das Hotel verkauft.“ Irmi verschlägt es die Sprache. „An wen?“ „Es ist ein Konzern, sie haben schon mindestens zehn Hotels.“ „Ausländer?“ „Ja Deutsche.“ „Sie haben am meisten geboten.“ „Warum hat er den verkauft?“ „Er hat seit längerem gesundheitlich Probleme. Er hat lange mit mir gesprochen, er braucht einfach viel Ruhe. Er will auch noch was vom Leben haben.“ „Er hat ja Recht. Ich verstehe es ja. Aber wie lange ist denn noch Zeit?“ „Die Wirtschaftsprüfer kontrollieren gerade die Bücher, der Vertrag wird noch diese Woche unterschrieben. Aber sie versprechen, das Personal zu übernehmen. Irmi, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, wenn du willst, kommst du in mein Geschäft.“ „Das kommt alles etwas plötzlich. Das würde ja bedeuten, dass ich noch während der Saison freigestellt würde.“ „Könnte so kommen. Aber sie müssen alle abfinden, die nicht bleiben.“ „Wir müssen dir etwas erzählen.“ „Wir haben in einem Hotel in San Remo erfahren, dass man am Kauf unseren Hotels Interesse hätte. Dieser Konzern hat Onkel ein Angebot gemacht, aber es war wohl zu niedrig.“ „Es ist ja nicht unser Hotel, wir sind ja vor vielen Jahren ausbezahlt worden.“ „Ich freue mich trotzdem, dass Onkel sich nun zur Ruhe begeben kann. Es stimmt schon, es hat ihn ziemlich fertiggemacht. Das Hotel in San Remo hat mich gefragt,


129 ob ich dort anfangen möchte. Sie haben im Moment die Stelle eines RezeptionsChefs frei. Dies würde für mich einen großen Sprung bedeuten in meiner Hotel Laufbahn.“ Herbert wendet sich an mich „Was meinst du Manfred?“ „Wir wollten mit dir reden. Sie haben viele Luxushäuser und suchen jemanden, der sich darum kümmert.“ „Ach sieh mal an, da kommt euch ja die Gelegenheit mit dem Hotel eigentlich gerade recht. Jetzt wollte ich euch vorsichtig auf die Veränderung hinführen, jetzt dreht sich das Blatt, nun habt ihr mir klargemacht, dass ihr eigentlich von hier fort wollt. Seid mir nicht böse, das muss ich erstmal verkraften.“ „Wir sehen uns morgen. Servus beieinander.“ „Vater, sei doch jetzt nicht eingeschnappt. Wir müssen einfach reden.“ „Da gibt es doch nichts mehr zu reden. Ihr habt euch doch schon entschieden, wenn ich recht überlege.“ „Bitte, zerschlag jetzt nicht das Porzellan.“ Er wirft die Türe hinter sich zu. „Na das war heftig, kurz und klar.“ „Er wird sich schon wieder fangen. Ich wollte es ihm eigentlich schonender beibringen.“ „Ja, das war heftig. Dein Onkel hat nie etwas zu dir gesagt, oder?“ „Doch er hat in den letzten Wochen immer gemeint, dass es ihm zu viel würde. Er sprach auch mal von einem Herzschrittmacher. Für ihn wird es eine Zeit der Ruhe werden.“ „Na, da sind wir ja im richtigen Moment gekommen.“ „Wann willst du denn nach München? Bitte bleibe noch ein bisschen hier, ich brauche jetzt deine Unterstützung.“ „Aber du kannst doch nicht verantwortlich für deinen Vater sein.“ Du musst raus und nicht nur um die Ecke.“ „Ich weiß ja, aber ohne dich werde ich es nicht schaffen.“ „So, jetzt machen wir erstmal Schluss mit der Diskussion. Ich bleibe auf jeden Fall noch einige Tage bei dir. In München brauche ich ja auch nur zwei Tage. Ich komme sofort nach dem Notartermin zurück. Haben wir hier einen guten Anwalt, oder muss ich nach Bozen?“ „Bozen wird wohl besser sein. Ich frage meinen Onkel, der hat einen sehr guten Anwalt.“ „Bei deinem neuen Vertragspartner öffnen sich Welten.“


130 „Okay, jetzt hast du es geschafft. Bleibe bitte bei dieser Einstellung.“ Wir gehen zu Bett und kuscheln ganz fest miteinander. Nach zwei Tagen ohne Kontakt zum Vater, stand dieser zum Frühstück plötzlich vor der Türe. „Du musst entschuldigen, aber ich konnte mir nie vorstellen, dass du mal nicht mehr bei mir bist. Aber du wirst jetzt erwachsen, du musst deinen eigenen Weg gehen. Ich will euch nicht im Wege stehen.“ Irmi nimmt ihren Vater in den Arm. „Aber bevor ihr geht, wird geheiratet. Das verlange ich von euch.“ „Wir versprechen es dir.“ Die Wogen sind geglättet. „Irmi, ich hab dich lieb.“

Schon sehr früh nehme ich meine Reisetasche und fahre in der Morgensonne Richtung Norden. Ich lasse alles noch mal durch meinen Kopf gehen. Schon verrückt, was sich in den letzten sechs Wochen alles getan hat. Ich stelle mir vor, ich will heiraten. Dieser Gedanke, hätte vor zwei Monaten jemand gesagt, „Heirate!“, ich hätte die Krise bekommen. Meine Freiheit einfach aufgeben, völlig unvorstellbar! Als ich in München zu meiner Werkstatt komme, werde ich mit einem Hallo begrüßt. Ich berichte von dem Ausfall der Wasserpumpe, dem Tausch der Schläuche. „Bei so einer alten Karre, musst du mit allem rechnen.“ „Bitte mottet ihn wieder ein, aber es könnte sein, das ich ihn für immer abhole, ich gehe nach Brixen und heirate.“ „Du und heiraten? Was machst du denn mit all deinen Mäuschen?“ „Die wollen alle eingeladen werden, ausgehen, alles auf meine Kosten. Versorge bitte den Benz, auch wenn ich ihn vielleicht schon in Kürze für immer abhole.“ Nach vier Wochen in einem bequemen Auto nun wieder in meinem VW Buss zu sitzen, ist schon eine gewaltige Umstellung. „Wir haben eine komplette Revision gemacht, mit Ölwechsel und was nötig war.“ „Vielen Dank.“ Daheim angekommen, sehe ich erstmal nach meinem Computer. Die E-Mails checken. Auch eine Mail von Barbara ist dabei. „Viele Grüße von meiner Mutter. Mein Onkel ist verstorben, was ja eigentlich für ihn eine Erlösung war. Außerdem habe gehört, dass Betti dich besucht hat. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war. Viele Grüße, Deine Barbara.“


131 Mein Hausbesitzer hat den Termin auf Übermorgen festgelegt. Das läuft ja wie am Schnürchen. Wenn ich Glück habe, könnte ich ja am nächsten Samstag bereits wieder in Brixen sein. Mein Arbeitskollege und Freund ist fast zehn Jahre jünger und es sieht für ihn im Moment, mit der Arbeit, nicht so rosig aus. Als ich ihn frage, ab wann er denn abmarschbereit wäre, kam die Antwort wie ein Blitz. „Sofort.“ Da läutet mein Handy. Ich sehe gar nicht auf das Display und sage nur, „Hallo, was gibt es?“ Es ist Barbara. „Hast du einen Moment Zeit für mich?“ „Ja klar, für dich immer.“ „Immer dieser blöde Spruch.“ „Was kann ich für dich tun“. „Ich habe dir doch eine Mail geschickt, was meinst du dazu? Kannst du kurzfristig vorbei schauen?“ „Ich werde in den nächsten vierzehn Tagen Helfried in Hamburg besuchen, da wäre ein Abstecher denkbar.“ „Bitte mach es möglich, ich werde auch dafür sorgen, dass Betti nicht da ist.“ „Manfred“, säuselt sie, „ich brauch dich.“ Bernhard, so heißt übrigens mein Freund, meint, „Da brennt wohl was an.“ „Pass mal auf, ich will Privates und Geschäftliches absolut trennen.“ „Ist schon okay.“ „Ich werde das mit dem Kloster absprechen.“ „Angestellt bist du natürlich bei mir nicht. Wir machen einen Honorarvertrag. Bist du versichert?“ „Noch bei meinen Eltern.“ „Meinst du nicht, dass es an der Zeit ist, vor allem in deinem Alter, mal auf eigenen Füssen zu stehen? Na, da werden wir einiges ändern müssen, so kommst du nie auf die eigenen Füße.“ Oh Gott, der eiert ja rum, das macht mich ganz verrückt. Aber er kann was, das ist für mich wichtig. Er braucht im Grunde nur seine Bestätigung, die werde ich ihm verschaffen. Nach einem Jahr wird er sich nicht mehr vorstellen können noch bei den Eltern zu wohnen.


132 Ich rufe Irmi an, sie müsste jetzt eigentlich schon zu Hause sein. „Wie geht es, du gehst mir sehr ab, es ist richtig langweilig.“ „Mir geht es genauso. Wie geht es deinem Vater?“ „Er malt sich bereits aus, wo er sein Gästezimmer haben will.“ „Na, dann haben wir ja das Schlimmste überstanden. Was hat dein Onkel zu deinem neuen Job gesagt?“ „Das fand er nicht gut, da er den neuen Besitzern versprochen hat, dass ich sicher bleibe.“ „Sag mal, was machst du eigentlich mit deinem Appartement? Willst du es kündigen?“ „Das muss ich nicht, das hat mein Vater mal gekauft und es gehört mir.“ „Dann haben wir also in Brixen und München immer ein Zuhause.“ Mit einem Glas Wein und einem Stückchen Käse beschließe ich den Abend. Der nächste Tag vergeht wie im Fluge, gleich in aller Frühe meldet sich mein Steuerberater und bittet um die Unterlagen vom Vorjahr. Ich kann mich erinnern, dass ich alles in einen Karton gelegt habe, aber was stand da drauf? Ich suche und wühle in meiner Kammer. Ich bringe meine Buchhaltung zu meinem Steuerberater. „Du musst natürlich in San Remo auf das Amt und dir eine Residencia besorgen. Aber ich gehe mal davon aus, dass dies von deiner neuen Stelle erledigt wird.“ „Es ist aber nur wichtig, dass ich in Italien gemeldet bin, oder?“ „Ja sicher.“ „Dann melde ich mich lieber in Brixen an, da kenne ich die Leute schon.“ Da ich schon in der Stadt bin, gehe ich zu Dallmayer zum Essen. Den Nachmittag verbringe ich mit Besorgungen und beim Hugendubel, ich brauche dringend Unterlagen über die Borsanis und ihre Verwandtschaft. Außerdem suche ich Unterlagen über die Riviera und San Remo. Am späten Abend ruft noch Irmi an und wünscht für den nächsten Tag alles Gute beim Notar. „Mein Entschluss steht fest, ich kaufe.“ Ich rechne noch mal, ob ich es mir leisten kann. Ja, ich kann. Also mache ich mich auf den Weg. Pünktlich komme ich zum Notar. Mein bisheriger Vermieter und Hausbesitzer ist schon da. Er hat alle notwendigen Unterlagen mitgebracht.


133 „Ich habe schon geglaubt, Sie kommen nicht mehr.“ Ich frage ihn noch, ob er mir nicht eine der vier Garagen verkaufen wolle, die es im Hof gäbe. „Es wird eine frei, aber verkaufen tue ich sie nicht.“ „Aber Sie können einen langen Mietvertrag haben, wenn Sie wollen.“ Der Notar ruft uns in seine Stube, er verliest die Pflichten, die nun auf mich zukommen und auch meine Rechte, die allerdings sehr gering sind. „Gehen wir noch zum Essen?“ Mein bisheriger Vermieter freut sich und kommt natürlich mit. Wir bestellen einen Enzian zum Anstoßen. Wir reden über unwichtige Dinge, mit meinen Gedanken bin ich gerade bei meiner Hochzeit, die mir bevorsteht. Wir verabschieden uns sehr freundschaftlich, man könnte schon sagen, „herzlich.“ Am frühen Nachmittag entschließe ich mich noch nach Brixen zu fahren. Völlig fertig komme ich gegen elf Uhr nachts vor der Haustüre an. Der Verkehr mit den Lastwagen war fürchterlich. Irmi und ich treffen fast zeitgleich an der Wohnung ein, sie hatte Spätdienst und ist ebenfalls fertig. Wir setzen uns noch gemütlich zusammen und ich berichte von dem Wohnungskauf. „Wann fahren wir nach München?“ „Wann immer du willst.“ Du sollst ja auch die Wohnung verschönern. Vor allem der Balkon zum Hof, der ja besonders am Abend sehr gemütlich ist wird erneuert. Eine neue Küche muss auch rein. Na, und natürlich das Bad kommt sofort raus.“ „Wann willst du denn das alles machen?“ „Ich habe einen neuen Assistenten, der wird es überwachen und wenn ich dort fertig bin, geht er zu den Mönchen.“ „Das finde ich eine gute Idee, so kannst du doch den Auftrag auch noch mitnehmen.“ Am nächsten Morgen haben wir keine Eile, da Irmi Spätdienst hat. „Wie lange bleibst du denn noch bei deinem Onkel?“ Die Übergabe des Hotels findet in drei Wochen statt, die mach ich noch mit, da ich einen Sonderbonus bekomme. Ich werde auch die Neue noch einlernen.“ „Also bist du so in etwa sechs Wochen reisefertig.“ „Ja, könnte hinkommen.“ „Dann werde ich den Vertrag morgen fertig machen und auch zusagen.“


134 Die Steuerkanzlei bekommt alle Vollmachten. Den Mönchen sende ich ein Fax mit der Zusage. So war ich mittags sehr zufrieden mit mir. Irmi freut sich wie ein Schneekönig, „Das geht ja alles viel schneller wie gedacht.“ Für den Abend sind wir mit ihrem Vater zum Abendessen verabredet. Das Hauptthema ist die bevorstehende Hochzeit. Die hätte Irmis Vater lieber in Brixen organisiert. „Er hat auch schon mal herumgefragt…“ meint er. Dann aber lenkt Irmi das Gespräch wieder auf San Remo. „Sieh doch mal, wir bleiben doch in Italien.“ „Ja, das beruhigt mich ja auch.“ „Wir können in vier Stunden hier sein, wenn du uns brauchst.“ Wir haben einen sehr harmonischen Abend und ich verabrede mich mit ihm in seinem Geschäft für den nächsten Morgen. Am nächsten Morgen rufe ich meine E-Mails ab. Da sind ja einige neue Dinge im Posteingang. Angebote für die Wohnung von den Handwerkern. Die Mönche haben bestätigt. Barbara hat eine E-Mail gesendet. Borsani bestätigt den Vertrag. Ich soll mir in Mailand meinen Firmenwagen abholen, wenn es geht, wird der Verwalter mich am Flugplatz abholen. Ich bestätige sogleich den Termin. Da wird sich Irmi freuen, wenn wir den Bus weitergeben, sie mochte ihn nicht besonders. Sie will das kommende Wochenende auf der Alm verbringen. Dass wird toll, da bin ich gerne dabei. „Herbert wird auch oben sein.“ „Das ist ja das reinste Familientreffen.“ Ich gehe hinüber zum Geschäft von Herbert, er begrüßt mich lachend. „Was gibt’s Neues?“ „Gerade waren Touristen da, die wollten meine echte Madonna für dreihundert Euro haben. Ich hab ihnen gesagt, da sollen sie nach Garmisch, da sind sie sogar billiger, da sie dann original aus China kommen.“ „Woher sollen die das wissen?“ „Aber ich hab ihnen eine alte Lampe angedreht, die hat auch dreihundert Euro gekostet, da waren sie zufrieden.“ „Was war die Lampe wert?“ „Das hängt immer vom Blickwinkel des Betrachters ab. Für den einen ist sie nichts wert, für den anderen wo sie genau über den Tisch passt, ist sie dreihundert Euro wert.“ „Du Gauner.“ „Sie sind sehr zufrieden gegangen.“ Ich spreche Herbert auf die Hochzeit an.


135 „Ich richte die Hochzeit aus, das ist ja wohl klar.“ „Aber ich muss natürlich noch mit Irmi sprechen und um ihre Hand anhalten.“ „Ich weiß, dass sie auf deine Frage wartet.“ „Dann werde ich nun ganz offiziell um ihre Hand bei dir anhalten.“ „Meinst du das ernst?“ „Ja sicher, oder willst du mich nicht als Schwiegersohn?“ „Komm in meine Arme, als mein zukünftiger Schwiegersohn.“ Zum Mittagessen, das er hochoffiziell ankündigt, zieht Irmi ein tolles Dirndl an. Wir haben einen Tisch in der kleinen Stube bestellt. Ich bitte nun Irmi, mich zu heiraten, ihr kommen Tränen. Herbert meint, „mein Schwiegersohn, lasst euch beiden gratulieren.“ „Wir feiern soeben die Verlobung“, meint mein Herbert. „Darf ich mich um alles kümmern?“ Wir übertragen die Organisation an Herbert. Zusammen legen wir die verschiedenen Termine fest. Es geht ja nun tatsächlich Schlag auf Schlag. Hätte man mir das am Anfang des Jahres erzählt, da hätte ich ihn ausgelacht. Das Wochenende auf der Alm war sehr erholsam und harmonisch. Irmi und ich fuhren mit dem Motorrad über die kleinen Wege und hatten viel Spaß. Auch ich wagte mich mal an den Lenker. Aber ich gebe zu, es ist nicht mein Ding. Da nehme ich schon lieber den Unimog. Herbert erklärt mir, dass der Unimog schon über vierzig Jahre alt ist. „Er war früher im Besitz der Feuerwehr. Vor zehn Jahren haben sie ihn ausgemustert, da hab ich ihn für eine symbolische Lira gekauft.“ Er musste allerdings komplett renoviert werden. Beim Holzhacken löse ich Herbert wieder ab, so wie wir es schon damals gemacht haben. Man kann für den Winter gar nicht genug Holz im Schuppen haben. Außerdem macht es die Seele frei, bei jedem Schlag wird einem wohler. Wenn dann am Ende auch noch ein großer Holzstoß vor einem liegt ist man so richtig zufrieden. Irmi richtet gerade ein leckeres Abendessen, man kann es bereits durch das offene Fenster riechen. „Herbert, ich glaube wir müssen uns noch duschen, so wie wir geschuftet haben, sind wir jetzt nicht der edle Duft des Waldes?“ Beim Vorbei gehen sehe ich Irmi über die Schulter, „Ist das eine Kürbiskernsuppe?“ „Ja, wenn du dich jetzt brav duschst, dann sollt du auch was bekommen.“ Mit einem Kuss verschwinde ich im Badezimmer. Sie reicht mir durch einen Türschlitz neue Wäsche, „Du darfst ruhig reinkommen, schließlich sind wir ja verlobt.“


136 „Da komm ich doch gleich.“ Sie legt mir das Handtuch um und fängt schon mal mit dem abrubbeln an. Herbert ruft von unten, „Ist das Jugendfrei, oder soll ich weiter Holz schichten?“ „Es ist jugendfrei, komm nur rauf, Manfred hat es gleich.“ So wie sich das Wetter gerade zeigt, könnte es heute Nacht noch kräftig regnen. „Ich stell dein Motorrad auch in den Schuppen. Den Unimog muss ich auch noch verschließen wenigstens eine Plane rüber werfen.“ Der Unimog ist eine offene Version. Die Sitze haben einen Leinen-Überzug, eigentlich sollte man ihn schon wieder tauschen. Aber Irmi sagt immer, das gibt ihm so einen urigen Charakter. „Du kannst jetzt in das Bad, ich fühle mich wie frisch geboren, meinst du die Suppe ist schon fertig?“ „Probier doch mal, aber verbrenn dir nicht den Mund.“ Sie ist so lecker und mein Hunger so groß, dass ich gleich richtig zuschlage. „Wir hätten übrigens auch gerne noch was.“ „Ich werde euch etwas drinnen lassen.“ „Möchtest du lieber Wein oder trinkst du vorab mit Herbert und mir ein Bier?“ „Bitte zuerst auch ein Bier.“ Ich stelle noch die Krügerl auf den Tisch und jeweils ein Bier dazu. „Komm, gib mir mal das Brot, ich werde es schneiden.“ Es wird schnell dunkel, „Siehst du, da zieht was herauf.“ Wir gehen vor die Türe und sehen nach Norden. „Eine Stunde wird es noch dauern, aber dann geht es los.“ Als wir um den Tisch versammelt sind, geht das Licht aus, „Ich glaube es geht schneller.“ „Wir bekommen den Strom von drüben, da hat es wohl in die Leitung eingeschlagen.“ Irmi holt die Kerzen. „Die braucht man auf einer Hütte immer.“ Jetzt wird es romantisch. Wir stoßen mit den Krügen an und hören schon den herannahenden Sturm, Sekunden später prasselt der Regen an die Fenster. Das Tal kann man inzwischen nicht mehr erkennen, es ist, als hätte jemand die Gardinen zu gezogen. Nur schemenhaft sehen wir die Straße und den Kirchturm. An der Türe hören wir ein Wimmern, ich spring auf und sehe nach. Es ist ein kleiner Hund. Er muss sich verlaufen haben. „Halsband hat er keines.“ „Schau, er ist verletzt. Es hat ihn wohl ein Ast getroffen.“ Wir holen ein Handtuch und trocknen ihn ab. „So schlimm ist es nicht.“ „Es ist ein Mischling, sieht aus wie eine Mischung aus Jagdhund und Dackel.“ Herbert meint, „Es ist doch ein reinrassiger. Der ist für die Jagd sehr gut geeignet.“


137 Der Hund legt sich geduckt unter den Tisch. Wir reichen ihm noch ein paar Wurstscheiben. Die er richtig verschlingt. „Der ist schon länger unterwegs. Er hat wohl mal ein Halsband gehabt, man sieht es am Eindruck um den Hals. Sicher hat er sich losgerissen.“ Wir streicheln ihn und geben ihm noch Wasser. Herbert meint, „Ich hoffe, dass nicht irgendwo noch der Besitzer liegt.“ Er könnte aber auch aus dem hinteren Tal sein, da gibt es einen schmalen Durchgang, den die Jäger benützen.“ „Wir werden ein Foto machen und es aushängen. Der Besitzer sucht ihn bestimmt schon.“ Der Hund beschäftigt uns noch den ganzen Abend. Wir streicheln ihn und füttern ihn, bis Herbert meint, „Jetzt wird es ihn gleich zerreißen, er hat schon einen dicken Bauch.“ Das Gewitter hat sich verzogen und der Hund geht zur Türe und kratzt. „Ich mach mal auf, mal sehen was er tut.“ Er geht vor die Türe und bellt mich an. „Er will uns etwas mitteilen.“ Er geht immer zwei Schritte und schaut ob man ihm folgt. Es ist aber zu dunkel, um noch was erreichen zu können. Herbert holt die große Lampe von der Bergwacht. „Bleibt ihr nur hier, ich gehe ihm mal ein paar Schritte nach.“ „Nimm bitte das Funkgerät mit, wir schalten hier den Sender ein.“ „Wo bleibt er nur?“, Doch dann meldet sich Herbert. Zuerst hören wir nur Krächzen und Rauschen. Dann eine leise Stimme, es ist Herbert. Die Verbindung ist schwierig. „Hallo, hört ihr mich?“ „Ja, wir können dich hören.“ „Hier liegt eine Person, verständigt bitte die Ambulanz.“ „Die Person trägt die Kleidung eines Jägers, ist aber nicht ansprechbar.“ Die Lebenszeichen sind sehr schwach. Wir sehen aber auch schon den Unimog der Bergwacht, den Irmi inzwischen verständigt hat. Der Unimog tastet sich vorsichtig nach oben. „Hierher!“ ruft Herbert. Im Scheinwerferlicht erkennen wir einen älteren Herrn, er hat noch die Leine vom Hund umhängen. Der Arzt meint, „sieht nicht gut aus. Er ist wohl schon Tod.“ „Er hatte wohl einen Infarkt.“ „Vielleicht ist es ein Tourist und er hat den Hund Gassi geführt.“ „Wir werden es heute Abend nicht mehr klären können.“ Der Hund geht uns nicht mehr von der Seite. „Macht ja nichts, einen Hund kann man überall mitnehmen.“


138 „Wir werden mal sehen, was er für einen Namen bekommt?“ „Also sicher hat er einen Namen, es ist ja gar nicht klar, ob er bei uns bleibt.“ „Wir gehen auf jeden Fall zum Tierarzt und im Tierheim werden wir anrufen, ob jemand einen Hund vermisst“ Wir gehen zu Bett, mittlerweile ist es halb zwei. Der Hund geht ganz brav unter den Tisch und wir legen ihm noch ein Handtuch darunter. Am nächsten Morgen weckt er uns, er steht vor unserem Bett und jault uns an. Dies macht er recht liebevoll. „Auf jeden Fall hat er einen Dackelblick“ stellt Irmi fest. Nachdem es Sonntag ist, können wir nicht allzu viel ausrichten. Beim Tierheim ist keine Vermisstenanzeige eingegangen. Ich schnappe mir den Hund und wir gehen Gassi. Eine Leine hab ich nicht, so muss es ein Strick tun. „Wir haben vergessen, dem Herrn die Leine vom Hund abzunehmen.“ Wir gehen einen kleinen Steig bergauf. Da winselt der Hund und zieht in eine Richtung. Da liegt ein Rucksack, er zieht kräftig in diese Richtung. Ich hebe den Rucksack auf und öffne ihn. Es sind außer einer Brotzeit noch ein Regenumhang darin und Tabletten. Ich entscheide mich natürlich zum Mitnehmen, er wird ja nicht jemand anderes gehören. In unserer Hütte angekommen, rufe ich Irmi und Herbert um meinen Fund zu zeigen. „Der Hund hat mich hingeführt.“ Wir benachrichtigen die Bergwacht über den Fund. „Wir kommen rauf zu euch, und holen den Rucksack ab.“, meint der Diensthabende. Berti von der Bergwacht, kommt nach einer halben Stunde. „Seht mal was wir in seiner Hosentasche gefunden haben. Einen Autoschlüssel.“ „Lass sehen.“ „Der könnte von einem BMW sein, aber ein original ist es nicht. Er wurde wohl später mal angefertigt.“ „Das meint der Boss auch.“ „Also hier ist der Rucksack, leider kein Hinweis auf den Besitzer.“ Der nächste Morgen bringt Licht in das Ungewisse, der Tierarzt kann einen Chip feststellen. „Ich werde in einer Stunde wissen, was mit dem Hund ist.“ Er untersucht den Hund und gibt ihm eine Spritze, damit er wieder zu Kräften kommt. „Er muss schon länger Unterwegs sein, das sieht man an seinen Pfoten.“ „Ich gebe die Daten des Chips weiter.“ Wir nehmen den Hund wieder mit. Er geht ganz dicht bei Irmi, sieht sie immer mit großen Augen an. Als wolle er sagen, „Nimmst du mich?“ Irmi streichelt ihn immer wieder. In unserer kleinen Wohnung


139 verzieht er sich sofort unter den Tisch. Ich gehe schon mal Hundefressen besorgen, wir können ihm ja nicht immer unseren Schinken anbieten. Mit einer großen Tüte Trockenfutter, aber auch mit Dosen beladen, komme ich die Treppe rauf. Irmi lacht und meint, „Da bleibt ja für dich auch noch was übrig.“ Der Tierarzt ruft uns an. „Also den Halter haben wir. Es ist ein Ehepaar aus der Nähe von Köln. Die haben ihn wohl an der Autobahn ausgesetzt. Die sind in den Urlaub mit dem Wagen gefahren. Es gibt eine Meldung von einer Tankstelle aus Düren, die haben gesehen, wie jemand den Hund angebunden hat und weggefahren ist. Sie haben aber auch gesehen, wie ein Herr kam und ihn losgemacht hat und mitgenommen hat.“ „Also dieser Herr, den wir gestern gefunden haben, ist wohl der Retter des Hundes.“ „Also bleibt er erstmal bei uns.“ Das Futter nimmt er gerne an, mein Schinkenbrot wäre ihm aber lieber, das sagt mir sein Hundeblick. Nach wie vor heißt er bei uns nur Hund. Irmi kann aber feststellen, das er auf „Waldi“ recht gut hört. „Vielleicht heißt er ja Waldi?“ Wir beschließen bei „Waldi“ zu bleiben, obwohl wir den Namen nicht gerade originell finden. Vom Tierarzt bekommen wir einen Hundeausweis. „Jetzt musst du ihn mitnehmen, ich kann ihn ja schlecht mit ins Hotel nehmen.“ „Da hab ich kein Problem, bei meinem Beruf kann man schon mit Hund aufkreuzen.“ Waldi gewöhnt sich schnell an mich und Irmi, er geht gerne in Wirtshäuser, bleibt ganz ruhig unter dem Tisch liegen. Es fällt nur auf, dass er bei Herren in dunkeln Anzügen sich versteckt. Also war sein Herrchen ein Anzugträger. Er muss ihn wohl schlecht behandelt haben, sonst würde er sich nicht verstecken. Wir lassen uns die Adresse der Besitzer vom Tierarzt geben. „Wenigstes anrufen werde ich sie.“ Er scheint Autofahren zu lieben. Auf dem Beifahrersitz fühlt er sich wohl und sieht aus dem Fenster. Wir fahren für einige Tage nach München. In einem Straßencafé, werde ich auf den schönen Hund von einer freundlichen Dame angesprochen. „Was ist denn das für eine Rasse?“ „Gnädige Frau, dass ist ein Südtiroler Fährtensuchhund.“ „Ach nein, was Sie nicht sagen.“ „Welche Fährten sucht er denn?“ „Ich habe ihn abgerichtet auf hübsche Damen.“


140 „Nein, Sie Schlimmer.“ Waldi und ich machen sehr schnell unsere Erfahrungen mit allein stehenden Damen. Als ich mit Irmi telefoniere berichte ich ihr von meinen neuen Erfahrungen. Sie erinnert mich noch an meine Unterlagen welche ich zur Hochzeit brauche. „Familienstammbuch, Geburtsurkunde.“ „Waldi jetzt haben wir echt was zu tun.“ „Und lass den Blödsinn mit dem Hund, er kann doch nichts dafür, wenn die Damen auf ihn fliegen.“ Nach einer guten Stunde ruft Irmi aufgeregt auf meinem Handy an. „Sie haben einen BMW gefunden.“ „Holländische Autonummer, der Schlüssel passt. Die Polizei in Holland klärt alles Weitere. Also ein tierlieber Holländer. Da wollte er mit ihm spazierengehen und es trifft ihn ein Herzinfarkt. Armer Mensch, wahrscheinlich alleinstehend?“ „Na wenigstens hatte er einen Begleiter auf seinem letzten Weg gehabt.“ Waldi findet meine Wohnung wohl ganz okay, er legt sich unter den Wohnzimmertisch und schnarcht. Ich wusste gar nicht, dass ein Hund so laut schnarchen kann. Na wenn das das Frauchen hört, jetzt sind wir schon zu zweit. Wir, das heißt Waldi und ich, entscheiden uns zuerst das Standesamt aufzusuchen, wegen der Papiere, denn das liegt in Schwabing in der Mandelstraße, da ist der Englische Garten nicht weit, da gehen wir zum Chinesischen Turm zum Essen. „Waldi, hast du Lust dazu?“ Er springt auf, als hätte er es verstanden. Stupst mich mit der Schnauze, ganz nach dem Motto: „He Alter, komm, jetzt packen wir es aber.“ Inzwischen hat er eine sehr feine elegante Leine mit Halsband bekommen. Auf der Treppe begegnet uns der Hausverwalter. „Aha, auf den Hund gekommen?“ „Wie Sie sehen.“ „Er steht Ihnen gut.“ „Also Servus.“ „Waldi, den Weg machen wir zu Fuß.“ So viel gelaufen, bin ich schon lange nicht mehr. Auf dem Standesamt erfahre ich, dass ich mein Familienstammbuch in Kreuth abholen muss. „Waldi, das ist zu Fuß zu weit.“


141 Am Chinesischen Turm bestelle ich für den Hund einen schönen Knochen. „Und lassen Sie auch noch Fleisch dran.“ Die Kellnerin hat Humor „Sie meinen wohl, dass Sie da auch noch abbeißen können?“ Die Kellnerin ist eine Rasse, sie mag Hunde. Sie kommt extra mit einem Schüsselchen Wasser und meint, „Wenn dass Herrle was zum trinken bekommt, bekommt der Hund auch was.“ „Vielen Dank.“ Es ist so ein Tag, wo man Helden zeugen könnte, einfach toll. Die Sonne scheint und unter dem Kastanienbaum schmeckt das Essen noch besser. Die Musik des kleinen Karussells klingt herüber. „Da bin ich als Kind auch schon darin gesessen.“, erkläre ich Waldi. Er ist allerdings mit seinem Knochen sehr beschäftigt. Am Spätnachmittag stelle ich fest, dass ich außer einem riesigen Spaziergang nichts erledigt habe. Auch mal schön,. „Gell Waldi, dass haben wir wieder toll gemacht. Da haben wir uns doch den ganzen Tag nur herumgepeltzt.“ Waldi sieht mich an, als hätte er es verstanden. Seinen Knochen hat er gut sichtbar unter dem Tisch platziert. Ich rufe noch Bernhard an und teile ihm mit, dass er den VW-Bus als Firmenwagen bekommt. „Der Vertrag geht direkt an dich.“ „Meine Eltern meinen,…“ Ich unterbreche ihn und sage, „Ich mache keinen Vertrag mit deinen Eltern sondern mit dir.“ „Ja, entschuldige.“ „Wenn du lieber bei deinen Eltern bleiben willst, dann sage es bitte.“ Der kostet mich noch den letzten Nerv. Aber ich bin sicher, wenn er erst mal weg von zu Hause ist, wird sich das Blatt wenden. Seine Eltern können wohl nicht loslassen. Ich richte meine Sachen für den nächsten Tag, Kreuth, wie lange war ich da schon nicht mehr. Meine halbe Jugend hab ich dort verbracht. Da fallen mir natürlich die vielen Waldfeste ein. Was man nicht alles an Alkohol vertragen hat. Die Schutzengel hatten keine freie Minute, sie mussten ständig eine Nachtschicht einlegen. Damals, da war ich gerade achtzehn Jahre, hatte ich einen schwarzen Käfer mit Faltschiebedach, ein tolles Auto. Ich hole mir meine alten Fotos aus dem Schuhkarton und ein Glas Wein dazu. Wobei ich feststellen muss, dass ich unbedingt wieder einen guten Wein mitbringen muss. Mein Vorrat ist am Ende. Waldi liegt mittlerweile schon auf der Couch. Er sieht sich die alten Fotos mit mir an. Bei dem einen oder anderen wirft er mir einen Blick zu, als würde er meinen, „Vergiss es, die hat doch längst einen anderen.“


142 „Waldi du bist mir unheimlich, kannst du meine Gedanken lesen?“ Er grunzt nur und dreht sich zur Seite. Wir gehen noch mal kurz um den Häuserblock und treffen natürlich wie immer um diese Zeit alle Hundebesitzer aus dem Viertel. Das Amt ist immer noch im selben Gebäude, wie schon vor dreißig Jahren. Hier bekomme ich tatsächlich alle Unterlagen. „Wissen Sie, ich will heiraten.“ Die Beamtin meint, „Spät, aber besser wie nie.“ Weiter will sie noch wissen, „Ist sie hübsch?“ „Sehr!“ Mit den besten Wünschen verabschiedet sie sich. Waldi macht mit mir noch einen Spaziergang zu einem sehr ruhigen Biergarten. Hier bestelle ich mir einen Leberkäse mit Brezel und einem Weißbier. „Ich bringe Ihnen für ihren Hund noch ein Wasser, vielleicht ist ja noch ein schöner Knochen in der Küche?“ Waldi wirft mir einen Blick zu, als hätte er es verstanden. Mit seiner Zunge schleckt er sich auffällig oft schon mal die Schnauze. Wir genießen die Sonne, die Spatzen sind besonders frech, sie fliegen direkt in den Brotkorb. Als ich ihnen dann auch noch eine Semmel zerteile und hinwerfe sind sie nicht mehr zu bremsen. Es mögen zwanzig sein, zählen kann man sie nicht, es sind zu viele. Sie raufen sich um die Brotstücke. Man könnte ewig zuschauen, aber wir müssen wieder nach München. Waldi mag den Mercedes nicht so gerne, auf den Ledersitzen rutsch er hin und her. Vergeblich versuche ich ihm klar zu machen, dass er auf die Fußmatte gehört. In der Wohnung angekommen, mache ich ihm erstmal sein Fressen. Der Computer ist wieder voll mit Nachrichten. Da sind wieder die Mönche, sie bestätigen meine Bedingungen, eine Liste mit Handwerkern aus dem Dorf ist beigefügt. Wunderbar, die Unterlagen werde ich schon mal für Bernhard zusammenstellen. Ich lege ihm auch die Straßenkarte dazu. Ich rufe ihn an, um zu fragen ob er einen Laptop hat. „Ja sicher, aber er muss noch mit seinem Vater reden, ob er ihn mitnehmen darf?“ „Wir kaufen einen neuen, lass ihn deinem Vater.“ Wir verabreden uns für den Abend, um eine Liste anzufertigen, was noch gekauft werden muss. Unterwäsche wird er ja wohl seine eigene haben, nicht dass er sich die auch mit dem Vater teilt. Ich richte eine Brotzeit zum Abendessen, die Wurst und das Brot hab ich aus Kreuth mitgebracht. Bernhard ist begeistert, wie weit ich mit den Vorbereitungen bin. Ich erkläre ihm die Route auf der Straßenkarte, er betrachtet das so, als wolle er sagen, hoffentlich tun mir die Mönche nix. „Also Mönche sind sehr friedliche


143 Menschen, denke an die Benediktiner aus dem Kloster Andechs. Wenn du dort ankommst, bin ich schon da.“ „Ach, wir fahren nicht zusammen?“ „Das geht leider nicht, ich komme ja von Brixen.“ „Im VW-Bus sind alle notwendigen Dinge, pass bitte gut darauf auf.“ Ich übergebe ihm auch die Papiere und die Doppelkarte der Versicherung. „Und wenn ein Unfall passiert?“ „Dann hast du Pech gehabt, dann gehst du den Weg zu Fuß weiter. Dein Koffer hat ja sicher Räder.“ „Ich weis noch nicht welchen mir Mami mitgeben wird?“ „Jetzt lach doch mal, sieh es nicht, wie deine Hinrichtung. Es ist ein toller Job, du wirst dort nicht mehr weg wollen.“ „Aber was sollen denn meine Eltern ohne mich machen?“ „Die werden froh sein, wenn endlich der Sohn aus dem Hause ist. Sie werden wahrscheinlich ein Fest veranstalten und die Puppen tanzen lassen. Wenn du zurückkommst, wird dein Zimmer ausgeräumt sein, und dein Vater wird dort seine elektrische Eisenbahn aufgebaut haben.“ „Woher weißt du, dass mein Vater eine elektrische Eisenbahn hat?“ „Vergiss es, es war ein Scherz.“ Irmi meldet sich und ist froh, dass ich mit dem Mercedes komme. Sie berichtet, dass es täglich schwieriger wird, mit den neuen Besitzern auszukommen. „Sie planen einen kompletten Umbau. Das Personal wird weitgehend ausgetauscht.“ „Die armen Mitarbeiter, hoffentlich finden sie neue Anstellungen.“ „Wie geht es Papa?“ „Er überlegt bereits, ob er seinen Laden nicht verpachten soll. Er hat wohl die Idee in den Süden zu gehen.“ „Was sagt er denn von der Hochzeit?“ „Er macht alles sehr geheim. Er sagt mir nix. Aber ich glaube er denkt sich schon was Schönes aus. Wie viele Gäste werden wohl von deiner Seite kommen, wollte er wissen.“ „Außer Richi, kommt niemand. Ricci könnte auch mein Trauzeuge sein. Wen nimmst du denn?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Ich hoffe Ricci kommt allein.“


144 „Ich werde es ihm sagen, dass wir keine Überraschungen mögen. Ja, vielleicht kommt noch Helfried, aber sonst wüsste ich niemand.“ „Deine Familie?“ „Vergiss sie. Nein, da kommt niemand. Ich werde versuchen, morgen bis drei Uhr in Brixen zu sein.“ „Super toll, dann kauf ich für uns ein schönes Abendessen ein.“ „Soll ich was vom Viktualienmarkt mitbringen?“ „Dann kommst du ja viel später, da ist es mir schon lieber du bist bis drei Uhr da. Außerdem ist ja morgen Vormittag Markt bei uns, da bekomme ich alles was uns schmeckt. Papa wird auch da sein.“ „Fein, dann bis morgen.“ Ich wühle noch ein wenig in meinen Papieren und mache es mir auf der Couch bequem, Waldi legt sich direkt auf meine Schuhe und grunzt zufrieden vor sich hin. Wie schnell man sich doch an einen Hund gewöhnt. Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich Sachen erzähle, die ihm sicher völlig egal sind. Ich erkenne es schon an seinem Blick, ich deute es als, „Komm, lass mich doch einfach in Ruhe.“ Nur wenn ich den Weg in die Küche antrete, da wird er sehr kommunikativ. Er dakelt hinter mir her, wirft mir Blicke zu, „Komm, nimm besser die Leoni, die mag ich besonders gern.“ Seine Scheibe bekommt er natürlich. Ich richte mir eine kalte Platte, er passt genau auf, dass ich nichts schon vorher in den Mund schiebe. Mach ich es heimlich, bellt er mich an, „Und ich?“ Schon nach so kurzer Zeit sind wir sehr gut eingespielt. Wenn ich zum Metzger gehe, muss er natürlich draußen warten. Aber er bellt mindestens einmal so laut, dass das Fräulein meint, „Kommen Sie, bringen Sie ihm eine Scheibe raus.“ Ein gescheiter Hund, sagt mein Hausbesitzer, der muss reinrassig sein. Ich schalte noch den Fernseher an und wir lassen uns im Wohnzimmer nieder. Eine Wurstscheibe für mich, eine für Waldi. Da kommen wir gut zusammen. Unser Frauchen wird sagen, „Den hast du ja sauber verzogen.“ Waldi, da werden wir uns zusammen nehmen müssen. Wir sehen uns einen Krimi an, was nicht einfach ist, bei jedem fremden Geräusch rennt er zur Türe und bellt. Am nächsten Morgen gebe ich Waldi nur ein bisschen zum Fressen, damit ihm während der Fahrt nicht schlecht wird. Er setzt sich neben die Türe, damit ich ihn nicht vergesse. Ich habe für den Beifahrersitz extra eine Matte besorgt, damit Waldi sicher sitzt und nicht herum rutscht. Einen Hundegurt hab ich auch gekauft.


145 In Brixen fahren wir direkt zur Wohnung von Irmi. Bis ich alle Sachen hinauf getragen habe, steht auch schon Irmi auf der Treppe. „Liebling, wie geht es?“ „Wenn das noch länger so weitergeht, kündige ich. Wir haben da so einen Idioten, der ganze Betrieb mit den Gästen bricht in sich zusammen. Zwei Ehepaare sind schon frühzeitig abgereist.“ „Bekommst du denn eine Abfindung?“ „Sollte ich bekommen, aber eigentlich hat man nur Anrecht wenn man mindestens fünf Jahre dabei ist. Mir fehlt aber ein Jahr.“ „Dann werden sie dir auch nichts geben.“ „Lass uns am Abend darüber reden.“ Sie muss noch mal weg. Ich richte meine Dinge fürs tägliche Leben in einen kleinen Schrank. Gegen Abend kommt dann auch Herbert. Er hat einen tollen Verkauf gehabt und ist ganz glücklich. Er berichtet, dass er eventuell jemand hat, der sein Geschäft pachten will. „Es ist ein Freund, der auch schon ein Geschäft in Bozen hat. Wir kennen uns schon ewig und er möchte sich gerne vergrößern.“ „Dann kommst du also mit nach San Remo?“ „Könnte sein. Aber nur unter der Bedingung, dass ich eine eigene Wohnung dort habe.“ „Kein Problem, wir werden dir dabei helfen.“ Wir diskutieren noch Irmis Problem. Irmi würde gerne kündigen, was wir alle voll verstehen können. Ihr Onkel hat gemeint, „Wenn du willst, kannst du gehen wann immer du willst. Ich habe dir ein super Zeugnis geschrieben.“ „Dann geh doch, was hält dich noch.“ „Ist denn der Verkauf schon komplett über die Bühne“? „Ja, mein Onkel hat schon übergeben. Er hat seit fünf Tagen seine verdiente Ruhe.“ „Ihr dürft übrigens für die Reise meinen CX haben.“, „Ja und du?“ „Ich habe mir nach zwölf Jahren CX fahren, heute einen Lancia gekauft.“ Wir gratulieren und stoßen mit einem Sekt darauf an. Er hätte es sich schon so lange gewünscht, und nun will er das Geld dafür vom Konto holen. Er hat es in bar, da bekommt man einen besseren Preis. „Ihr könnt dann mit dem CX machen was ihr wollt, er ist ja eigentlich noch wie neu. Er hat ja gerade mal dreißigtausend Kilometer drauf.“ „Wir werden ihn in Ehren halten und pflegen.“ Er kommt noch auf die Hochzeit zu sprechen. Sie wird ja eher nicht so groß. Irmi hat zusammengezählt, es werden etwa vierzig Personen sein. Er verrät uns, dass er es


146 gerne hätte, wenn wir in derselben Kapelle heiraten würden, wo er auch schon seine Frau geheiratet hat. Wir finden den Gedanken sehr gut und stimmen auch sofort zu. Zum Essen gehen wir zum Waggerl, mit dem hab ich schon gesprochen, der würde uns eine schöne Tafel richten. Irmi ist begeistert. „Wir werden am Freitag zum Waggerl zum Mittagessen gehen, dann lernst du ihn auch kennen.“ Waldi meldet sich zu Wort. „Unser Waldi muss wohl runter.“ „Lass mich das machen, damit er sich an mich gewöhnt“, meint Herbert. Alles entwickelt sich jetzt sehr schnell. Am nächsten Tag gehe ich meine Papiere auf dem Amt abholen und beantrage die Residencia. Das Standesamt benötigt meine Papiere aus Deutschland. Zum Anwalt nach Bozen muss ich ebenfalls um beim Notar meine Unterschrift bestätigen zu lassen. Ganz schön hektisch, stelle ich fest. Die Tage ziehen vorbei, als wäre ich im D-Zug. Irmi konnte tatsächlich ihre Arbeit sofort beenden. Es wurde zwar noch paar Mal angerufen, weil man Unterlagen suchte, aber ansonsten hatte sie frei. Sie hatte noch mit dem Brautkleid zu tun. Ich telefonierte mit Helfried, der schrecklich in Eile war. So versprach ich ihm, alles per E-Mail zu machen. Richi konnte es gar nicht glauben, „Du und heiraten?“ Er verbindet sein Kommen mit seinem Urlaub und bleibt zehn Tage. Ich bitte ihn noch, allein zu kommen. Umso näher der Termin für die Hochzeit rückt, umso mehr beschleicht mich ein seltsames Gefühl. „Ist es Panik?“ Vielleicht ist es auch das Nichtwissen, was kommt danach? Es fällt mir die ganze Prozedur auf einmal ein, Kinder, Unruhe und Schule. Ist es das, was ich wollte? Wenn ich so im Stillen bei einem Glas Wein sitze, überfällt mich dieses Panikgefühl immer wieder von Neuem. Irmi scheint das zu beobachten, sie spricht mich ohne Vorwarnung an. „Ich habe das Gefühl, dass du dich, wenn du könntest, lieber von allem zurückziehen würdest. Hab ich recht?“ Das ist ein schwieriges Thema. Da muss ich vorsichtig mit der Antwort sein, denke ich so bei mir. Ich beginne meine Antwort so zu formulieren. „Ich möchte das, aber es wäre schön, eine Zeit nur mit dir allein zu sein. Ich finde Kinder lieb und nett, aber wo wir doch beruflich so engagiert sind, ist doch im Moment, so meine ich, dieser Gedanke etwas verfrüht.“ „Ist es wirklich nur das?“ „Ja bestimmt, ich freue mich ganz toll auf unsere Hochzeit. Ich will auch bestimmt immer mit dir zusammen sein.“ „Aber?“, kommt es von Irmi. „Die Vorbereitungen, sind jetzt so plötzlich und ganz nah gerückt.“


147 Ich gehe zu ihr und nehme sie in den Arm. „Liebling, du wirst dir später Vorwürfe machen, dass du so einen alten Dackel genommen hast. In zwanzig Jahren bin ich dreiundsechzig, du bist aber erst dreiundvierzig.“ „Was soll denn der Blödsinn? Glaubst du nicht, dass ich mir das auch überlegt habe? Aber ich werde dich auch noch in zwanzig Jahren lieben.“ „Na, wenn du das so siehst, steht ja Nichts im Wege. Ich hoffe du bist eine gute Altenpflegerin“, scherze ich noch dazu. „Wieviel Zeit haben wir denn noch bis zum Tag X?“ Sie nimmt einen Kalender und streicht die vergangen Tage weg. „Siehst du, hier den Tag werde ich jetzt rot umranden. Das ist der Tag X.“ „Das sind ja doch noch lockere drei Wochen.“ „Die werden wie im Fluge vergehen.“ „Müssen wir eigentlich noch nach San Remo?“ „Muss nicht sein, die Verträge sind unter Dach und Fach. Die Mönche haben sich mit einem Stellvertreter einverstanden erklärt. So gehe ich dort erst hin, wenn die Planung abgeschlossen ist. Bernhard ist sehr gewissenhaft und ich kann mich auf ihn verlassen. So können wir noch mal nach München und gemeinsam überlegen, wie wir die Wohnung eventuell umbauen.“ „Aber ich glaube, dass wir in den nächsten zwei Jahren sicher nur selten nach München kommen“, wirft Irmi ein. „Wir werden in San Remo erstmal unser neues Heim installieren. Der neue Auftrag ist gigantisch. Dein neuer Hoteljob wird dich voll beanspruchen.“ „Na dann lass uns doch einfach nach München fahren um es zu genießen.“ „Den Waldi werden wir hier bei Papa lassen, der liebt ihn ja heiß und innig. Hast du schon bemerkt, dass er sich immer vordrängelt, um mit ihm Gassi gehen zu können?“ „Ich finde es herzig, wie er sich um Waldi bemüht. Und der Waldi schätzt das sehr. Immer einen Hundekuchen in der Tasche. Waldi weiß das natürlich genau. Er kennt ihn schon am Schritt, wenn er die Treppen hochkommt. Auf die Frage von Irmi, ob er denn Waldi mal ein langes Wochenende nehmen würde, strahlten seine Augen und er willigte sofort ein. So übergaben wir den Waldi an Herbert am nächsten Donnerstag. Herbert holte den Waldi schon am Mittwoch, da er schon sehr früh auf die Alm will. So hatten wir schon am Donnerstag das Frühstück in Ruhe geplant. Ich helfe Irmi beim Tischdecken und stelle sogar Blumen


148 dazu. Die Blumen habe ich beim Semmelholen am Blumenstand entdeckt. Irmi freute sich natürlich rissig über den Rosenstrauß. Nach dem Frühstücken verschwanden wir nochmals im Bett. Wir kitzelten uns und tobten bis die Kissen flogen. Sie band meine Hände am Bett fest und verband mir die Augen. Es war ein wunderbarer Morgen. „So und jetzt machst du mich wieder los.“ „Das werde ich mir noch überlegen. Du sollst es schon auskosten dürfen. Ich gehe jetzt erstmal in das Badezimmer. Wenn du willst, mache ich dir die Hände auf den Rücken.“ „Ja bitte, das ist bequemer.“ Sie macht mich los, „So und nun leg dich bitte auf den Bauch.“ Sie setzte sich auf meinen Po und bog die Hände mit viel Kraft auf den Rücken. Sie wickelt um die Handgelenke jeweils ein weiches Tuch und ehe ich mich versehe, klickten die Handschellen zu. „So, viel Spaß.“ Sie kontrollierte noch, ob das Tuch um die Augen auch fest genug ist. „Ich werde die Schlüssel im Zimmer verstecken, wenn du sie gefunden hast, kannst du ja selber aufsperren.“ Sie gab mir noch einen dicken Kuss und verschwand im Badezimmer. Langsam tastete ich umher und hatte natürlich keine Chance einen so kleinen Schlüssel zu finden. Also versuchte ich erstmal das Tuch von den Augen, abzustreifen. Dies gelang relativ leicht, in dem ich es nach unten schieben konnte. Jetzt entdeckte ich den Schlüssel. So jetzt wird sie aber staunen. Sie stand mittlerweile unter der Dusche. Erst jetzt musste ich feststellen, dass ich nicht mit dem Schlüssel an das Schloss heran kam. Da sie die Handschellen so verschlossen hatte, dass Handrücken an Handrücken lag. Ich muss also doch auf sie warten. So saß ich und wartete. Die Badezimmertüre ging auf und sie lachte. „Da schaust du, jetzt hast du zwar den Schlüssel gefunden, aber aufgehen tut es trotzdem nicht. Du hast dir ja das Tuch runtergeschoben, das gilt nicht.“ Sie kam zu mir und nimmt mich in den Arm und küsst mich. Sie machte das Tuch auf und legte es erneut zusammen. „So mein lieber Schatz, setz dich bitte.“ Sie macht das Tuch erneut fest, diesmal wickelt sie es aber ein zweites Mal herum. So ist der ganze Kopf eingewickelt, so hatte ich keine Gelegenheit, es vom Kopf zu schieben. „So und jetzt wirst du es noch ein wenig genießen. Wer weiß, wie oft wir die Gelegenheit zu diesem Spiel haben. Ich werde wenigstens hin und wieder so sein, wie Betti. Soll ich dir auch noch eines über den Mund binden?“


149 „Warum eigentlich nicht?“ Sie holt noch ein weiteres Tuch, legte es fest zusammen und bindet es zweimal über den Mund. „Noch alles okay?“ Ich nickte. Inzwischen höre ich sie an ihrem Kleiderschrank kramen. „Ich werde mich gleich fertig machen, du hast noch Zeit. Ich werde für unsere Rückkunft noch ein bisschen einkaufen, so dass wir was zu essen haben.“ Die Türe fällt ins Schloss. Ich muss eingeschlafen sein, als ich aufwache, war ich bereits von allem befreit. Ich hatte nur noch eines im Sinn, ich wollte jetzt mit ihr schlafen und richtig Sex haben. Sie muss es an meinem Blick erkannt haben, sie sagte nichts, streifte ihre Bluse ab und begann langsam sich auszuziehen, schnell holte ich eine Flasche vom besten Sekt, den wir noch im Kühlschrank hatten. Wir beschlossen unser Liebesspiel zu unterbrechen. So wie wir es gewohnt sind, begann ich mit dem Tischdecken. Immer wieder kam ich von hinten an Irmi heran und streichelte sie, oder küsste sie in den Nacken. Seitdem sie die kurzen Haare trägt, reizt mich ihr Nacken besonders. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich ihren Nacken beobachte. Als sie mit dem Essen zum Tisch kommt, zünde ich noch schnell eine Kerze an. Zum Essen drehe ich das Licht aus, so genießen wir unser Abendessen bei Kerzenschein. Zum Nachtisch habe ich noch ein traumhaftes Eis besorgt. Wir fütterten uns gegenseitig. Wir stellen fest, das Küssen mit Eis im Mund seinen besonderen Reiz hat. Der Abend fand sein Ende mit viel Schmusen im Bett, aus dem wir ja sowieso kaum herausgekommen sind. Den nächsten Tag wollten wir in München verbringen. Irmi wollte unbedingt fahren, so hatte ich sowieso keine andere Wahl, wie auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Sie ging den Tag recht zügig an, schon nach zwei Kurven ging die Tachonadel auf über hundertsechzig. „Rase doch nicht so, München läuft uns doch nicht weg.“ Sie bremst sich ein wenig, in dem sie auf hundertfünfzig runter geht. Der Wagen machte ihr einen Heidenspaß. Wir zogen den Irschenberg hinauf, als wäre es ein kleiner Hügel. „So, jetzt darfst du den Rest fahren.“ Noch eine Stunde benötigten wir, dann waren wir in München. Wir hatten auch Glück, denn vor unserer Garageneinfahrt parkte niemand. Kaum waren wir in der Wohnung, umarmten wir uns, ein schönes zweites Zuhause. Ich öffne die Balkontüre vom Küchenbalkon und es herrscht vollkommene Ruhe im kleinen Innenhof.


150 Eine Amsel zwitschert und trillert und auf dem einen oder anderen Balkon sitzen schon die Leute. Da putzt eine Hausfrau ihre gelben Rüben, auf einem anderen sitzt ein junger Mann und liest ein Buch, nebenbei trinkt er ein Bier. „Wir werden eine Liste machen, und überlegen, was es zu Essen geben soll.“ „Ich finde es besser, wir gehen zum Essen.“ „Es wird auch besser sein, für vier Tage nicht unbedingt den Kühlschrank zu füllen.“ Den heutigen Tag wollten wir mit einem ausgedehnten Spaziergang in der Stadt verbringen. Am Viktualienmarkt war ich schon seit längerem nicht mehr. Wir beschlossen die S-Bahn zu nehmen, damit uns die Parkplatzsuche erspart bleibt. Irmi suchte noch einen leichten Sommermantel, eventuell auch eine neue Bluse. So steuerten wir das nächste Geschäft an. Hier trafen wir eine alte Bekannte von mir. „Ja was machst du denn hier?“ Bussi links und rechts. „Hallo. Ich glaube hier finden wir nichts.“ Als wir vor der Türe stehen, meinte Irmi, „Gibt es ein Geschäft, wo du niemanden kennst. Hast du was mit ihr gehabt?“ „Nicht lange, gab ich kurz zurück.“ Wir kratzten die Kurve und steuerten auf das Kaufhaus Beck zu. „Damen, dritter Stock.“ „Wir sollten bei deiner Größe vielleicht besser in der Kinderabteilung suchen“, gab ich zu Bedenken. So frotzelten wir ohne Pause weiter. Aber sie näherte sich ihrem Sommermantel. Sie konnte sich sogar entscheiden. So wurde wenigstens dieses Problem gelöst. „Blusen, wo bekomme ich diese?“ Die Verkäuferin zeigte in die entsprechende Richtung. „Jetzt freue ich mich schon, wenn du sie alle anprobieren wirst.“ Sie nahm einige mit in die Umkleide, zwischendurch öffnete sie den Vorhang, „Gefällt dir diese?“ Da stand sie plötzlich oben ohne da. „Oder besser diese?“ Sie war so was von aufgekratzt. Aber auch hier wurden wir fündig. Sie streifte durch die Regalreihen und griff hier und da nach einem Gegenstand. Bis wir zu den Tüchern kamen. Hier verharrte sie, und grinste breit. „Na, da werden wir mal sehen, ob wir was für unseren Liebsten finden?“ Sie nahm eines und kam auf mich zu. Sie legte es langsam und genüsslich zusammen. „So lass mal sehen“, sie verband mir die Augen vor all den Leuten. Sie fragte eine Verkäuferin, „Meinen Sie, es steht Ihm?“


151 Irmi meinte, „dass nehmen wir auf jeden Fall.“ Sie sucht noch ein weiteres. „Meinen Sie, das könnte er auch tragen?“ Die Verkäuferin hatte anscheinend auch gefallen an dem Spiel. Sie legte es zusammen und kam auf mich zu. „Darf ich?“ „Wenn Sie meinen.“ Sie legte es mir um und verschloss es mit einem Knoten. „Also ich finde es steht ihrem Freund.“ Inzwischen hatten sich schon einige Herrschaften eingefunden. Natürlich guckte keiner so direkt, aber hinter einer Ecke sah man sie stehen und gucken. „Wir nehmen die beiden.“ Als wir wieder auf dem Marienplatz stehen, meinte ich, „Du traust dir ja was.“ „Ja warum denn nicht, du hast ja gesehen, sogar die Verkäuferin hat gleich mitgespielt.“ „Was hältst du von einem schönen Kaffee?“ „Eigentlich ist es ja jetzt Zeit Weiswürste zu Essen.“ „Gut, dann machen wir das.“ Wir gehen in die Sendlingerstraße zum Spatenhaus. „Was machen wir denn jetzt noch, wollten wir nicht in einen Computer Shop?“ Sie wollte aber gerne noch nach Schuhen schauen. „Da sind wir in der richtigen Gegend, da findest du Auswahl ohne Ende.“ Wir genehmigten uns noch einen Cappuccino. Unsere Einkaufstour zog sich noch bis in den frühen Abend hinein. „Willst du nun morgen früh noch mal in die Stadt?“ „Eigentlich hab ich jetzt genug, mein Konto ist sowieso geplündert.“ Gegen Abend entschlossen wir uns noch einen kleinen Schwabing Bummel zu machen. Als wir uns endlich entschlossen den Heimweg anzutreten, kam Richi um die Ecke. Großes „Hallo“ war angesagt. „Ihr könnt doch jetzt nicht gehen, wo ich gerade in München bin.“ Er hatte von Berlin die Nase voll und hat sich spontan zu einem Wochenendtrip nach München entschlossen. Vorsichtig fragt Irmi, „Du hast nicht zufällig Betti dabei?“ „Doch die kommt nach, sie ist noch Einkaufen.“ „Wollt ihr sie denn noch treffen?“ „Nicht unbedingt.“ „Wenn man vom Teufel spricht, da kommt sie um die Ecke.“ Zuerst hat sie uns gar nicht erkannt, als sie am Tisch steht, fällt sie aus allen Wolken. „Was macht ihr denn hier? Ich dachte ihr seid in Brixen?“


152 „Reiner Zufall“, erklärte Irmi. „Wir mussten gestern verschiedene Dinge einkaufen und dazu haben wir uns entschlossen, nach München zu fahren.“ Dann bestellen wir halt noch ein Bier, wir sind ja gut zu Fuß. So langsam bekomme ich schon wieder Hunger. Richi schlug vor, doch einfach eine große Platte zu bestellen, so könnte ja jeder nehmen wozu er Lust hätte. Das taten wir dann auch. „Wie geht es euch beiden?“ Diese Frage richtete Irmi direkt an Betti. „Wir sind immer noch zusammen, wie du siehst.“ „Hätte ich nicht gedacht, dass Richi sich doch so lange fest beißt. Oder lässt sie dir keine Chance zu entkommen?“ Betti wechselte das Thema und erzählte von Barbara und der Entdeckung eines neuen Kellergewölbes. „Sie hat es mir geschrieben.“ „Hast du mir ja gar nicht erzählt“, kam es von Irmi. „Ist ja auch nicht so wichtig.“ Richi erzählte noch von seiner Arbeit. „Du bist also immer noch für die Stadt Berlin tätig? Ich dachte immer, die haben kein Geld mehr.“ „Ist ja auch so, seitdem sie mich beschäftigen, wird es immer weniger.“ „Scherz beiseite, das Geld ist tatsächlich recht knapp. Viele Renovierungen werden auf spätere Termine verschoben. Aber das hat auch sein Gutes, so geht mir die Arbeit nicht aus.“ „Betti versucht gerade von Wismar nach Berlin zu kommen, sie hat einen Versetzungsantrag gestellt.“ „Ach, sieh mal einer an, dann wird das ja doch noch ein wenig ernster.“ „Wir passen ganz gut zusammen“, meint Betti. „Wo sind denn hier die Waschräume?“ „Betti, dass ist ganz einfach, „immer der Nase nach.“ „Ach warte, ich komme gleich mit.“ So gingen Betti und Irmi gemeinsam auf das WC. „Wie bei alten Schulfreundinnen“, Richi konnte sich die Bemerkung nicht verbeißen. „Haha!“ Als wir alleine waren, frage ich Richi, wie er das aushält. „Eigentlich nicht so schlimm, sie bekommt ab und zu einen Rappel, aber dann ist es wieder vorbei.“ „In letzter Zeit hab ich ihr Verlangen immer umkehren können, ich meine nicht ich, sondern sie wurde angebunden, so lasse ich sie dann immer eine Weile schmoren, dann ist es wieder normal.“ „Na ja, wenn das geht.“


153 „Wir schlagen uns so durch, sie ist ja doch sehr kumpelhaft, du weißt ja, ich liebe diese Art.“ „Na dann passt ja alles.“ „Wollt ihr noch einen Schnaps?“ Richi macht den Vorschlag, doch den Abend in meiner Wohnung zu verbringen. „Wir müssen ja noch den Kaufvertrag feiern.“ Auch Betti ist ganz scharf darauf, meine Wohnung zu sehen. Irmi findet es ganz lustig und sagt spontan zu. „Wir haben übrigens den VW-Buss endgültig abgegeben. Er wird jetzt von meinem freien Mitarbeiter gefahren.“ Ich berichte ihm von meinem neuen Mitarbeiter. „Da könnte ich mich schließlich bei dir auch noch bewerben.“, meint Richi. „Da könnten wir ja glatt eine neue Firma gründen“. „Dass will ich mir eigentlich ersparen, die Firma habe ich in Italien schon. „Du weißt ja, mein Vertrag läuft ja in einem Jahr aus.“ „Klar, du bist immer herzlich willkommen. Du bist so ein Mitarbeiter, wie ich ihn suche, da du ja selbstständig arbeiten kannst. So verdienst du natürlich super. Wie du ja vielleicht inzwischen gehört hast, gehen wir in Kürze nach San Remo.“ „Also jetzt köpfen wir erstmal ein Fläschchen von unserem Roten aus Kaltern.“ Irmi empfiehlt, „Lass uns doch ein bisschen auf den Balkon rausgehen, es ist heute so angenehm warm.“ Betti läuft inzwischen durch die Wohnung, immer gut bewacht von Irmi. Sie lässt sie nicht aus den Augen. Sie macht ohne zu fragen die Schlafzimmertüre auf, aber Irmi macht einen Schritt und stellt sich ihr in den Weg. „Das ist privat.“ „Aber Irmi, ich kenne doch deinen Schatz, ich wollte doch nur sehen, wie ihr hier so schlaft.“ „Jetzt hast du es gesehen, das ist genug.“ „Wie treibt ihr es denn so?“ „Das geht dich gar nichts an!“ Betti gibt nicht auf, „ich würde dir gerne Handschellen anlegen.“ „Hast du denn welche mitgebracht?“ „Du hast recht, ich habe immer welche dabei.“ Sie geht an die Gardarobe zu ihrer Umhängetasche und zieht ein paar heraus. „Komm, sei kein Feigling.“ Irmi meint, „Gehe doch zu Richi, mit dem kannst du machen was du willst.“


154 „Das macht mir aber im Moment keinen Spaß. Ich will dich.“ „Was hast du denn davon, wenn du mir jetzt Handschellen anlegst?“ „Das wirst du schon sehen, aber du hast ja Angst.“ „Hab ich nicht.“ „Na, dann geh doch her.“ „Also, wenn du damit zufrieden bist.“ Irmi dreht sich um und legt ihre Hände brav auf den Rücken. Es ratscht zweimal und Irmi hat die Handschellen angelegt. „Bist du jetzt zufrieden?“ „Sehr! Jetzt verbinde ich dir noch die Augen.“ Irmi bleibt stehen und rührt sich nicht von der Stelle. Betti greift sich von der Gardarobe einen dünnen Schal und bindet Irmi diesen gleich zweimal über die Augen und verknotet ihn. Irmi spürt, wie sie langsam scharf wird, sagt aber kein Wort. Sie meint nur, „Und jetzt?“ Betti nimmt sie bei den Armen und führt sie auf den Balkon. „Seht mal wen ich hier habe.“ Ich reiche Irmi einen Schluck Wein und führe das Glas zu ihrem Mund. „Gefällt es dir?“ „Du wirst es kaum glauben, aber im Moment ja.“ So meint Betti recht frech, „Dann werden wir dass so lassen.“ Wenige Minuten später verabschieden sich Betti und Richi meint, „Wir hören uns dann spätestens morgen.“ „Das Tuch vor den Augen, soll ich es abnehmen?“ „Nein, ich hab mich entschieden, dann muss ich es auch durchhalten.“ „Okay, ich bring dich ins Bett.“ Ich nehme sie in die Arme und Irmi meint, „Ich bin ja eigentlich ziemlich scharf. Möchtest du denn gerne?“ „Aber zuerst mache ich dich mal richtig scharf.“ Wir beginnen mit einem heftigen Spiel, Irmi, gefällt es, nur mit dem Mund arbeiten zu können. Nach einer weiteren Stunde, fallen wir völlig fertig ins Bett. Inzwischen ist es halb drei. Irmi legt sich auf die Seite und schläft erstaunlich schnell ein. Irgendwann in der Nacht stöhnt sie ziemlich heftig. „Fehlt dir etwas?“ „Nein, nein es ist mir nur der Arm eingeschlafen, aber ich hab ihn auch schon wieder aufgeweckt.“


155 „Kann ich dir helfen?“ „Ja, du kannst mir das Tuch besser umbinden, es ist wohl verrutscht.“ „Soll ich ein anderes nehmen?“ „Nein, ich mag dieses recht gerne, lege es einfach neu um.“ Ich lege das Tuch neu zusammen und binde es ihr um. „Okay, so ist es angenehm.“ Am nächsten Morgen, ist der Platz neben mir im Bett frei. Ich sehe mich um und kann Irmi nicht entdecken. Als ich sie finde, ist sie gerade im Badezimmer. „Brauchst du Hilfe?“ „Nein ich finde mich gut zurecht.“ „Du hast ja das Tuch immer noch vor den Augen.“ „Ja klar, wenn schon denn schon.“ „Möchtest du das Tuch weiterhin umhaben?“ „Ja, eigentlich schon.“ „Also, du sagst mir bitte Bescheid.“ „Sag mal, würdest du dich das auch trauen?“, will Irmi wissen. „Wieso fragst du?“ „Weißt du, ich hatte ja eigentlich keine Lust zu solchen Spielchen, aber wie sie zu mir gesagt hat, ich würde mich nicht trauen, da wollte ich es wissen.“ Ich nehme sie in meine Arme und drücke sie recht fest. „Das mit den verbundenen Augen finde ich im Moment gerade besonders toll.“ „Wieso?“ „Ich habe die Hände gefesselt und kann daher die Augenbinde nicht herunternehmen.“ Es klingelt an der Türe, „Es ist Betti.“ „Ich wollte Irmi erlösen, oder hast du sie schon befreit?“ „Ich hätte nicht gedacht, dass du mitspielst.“ „Warum nicht, man muss alles Mal ausprobieren.“ Irmi schüttelt ihre Arme und greift zu dem Tuch. „So, wer traut sich jetzt?“ „Irmi, lass das, ich finde es ist jetzt genug.“ „Wir werden uns jetzt einen ruhigen Tag machen. Ich habe auch eine Torte mitgebracht.“ „Lecker, dann mach ich uns einen schönen Kaffee.“ Wir beschlossen nicht länger in München zu bleiben, so wollten wir am Dienstag wieder nach Brixen fahren. Als wir den Wagen beladen, erreichte Irmi ein Telefonat aus Brixen.


156 „Was ist, du bist so ernst.“ „Sie haben Papa ins Krankenhaus gebracht, es geht ihm nicht gut.“ „Was hat er denn?“ „Es ist noch nicht sicher, wir werden gegen Mittag verständigt.“ „Na, dann lass uns fahren.“ Gegen drei Uhr waren wir bereits in Brixen. Wir fahren direkt zum Krankenhaus. „Sie können im Moment nicht zu ihm, wir sind noch bei den Untersuchungen.“ „Was fehlt ihm denn?“ „Es scheint eine Art Herzinfarkt zu sein.“ „Ach Gott.“ „Zurzeit haben wir ihn am Tropf. Natürlich hoffen wir, dass dann eine Besserung eintritt.“ Nach drei weiteren Stunden werden wir geholt. „Er ist nicht ansprechbar.“ Wir werden gebeten im Warteraum zu warten. Die Zeit der Ungewissheit zieht sich ewig. Dann kommt ein Arzt auf Irmi zu und meint, „Kommen sie bitte mit, er ist im Moment aufgewacht.“ Wir folgen ihm auf die Intensiv-Station. Der Anblick ist furchtbar. Er hängt an unzähligen Schläuchen und ist eigentlich nicht wirklich ansprechbar. Der Arzt kommt erneut zu uns und bittet uns in sein Sprechzimmer. Wir erfahren, dass er wohl einen Gehirnschlag hatte. „Wichtig ist, dass er die nächsten Tage überleben wird.“ Der Arzt bittet uns erstmal nach Hause zu gehen. Wir werden verständigt, wenn es etwas Neues gibt. „Sie können jetzt nichts für ihn tun.“ So beschließen wir, dass wir erstmal unser Gepäck abladen. Gegen Mitternacht erhalten wir einen Anruf, dass wir umgehend in das Krankenhaus kommen sollten. Der Arzt wartet bereits auf uns. Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Vater soeben verstorben ist. Ich nehme Irmi in die Arme. Sie fängt bitterlich an zu weinen. Wir trösten uns damit, dass es kein langes Leiden war. Ihr Onkel kommt sofort aus dem Urlaub zurück und steht ihr natürlich zur Seite. Gemeinsam organisieren sie die Beerdigung im Familiengrab. Am dritten Tag beschließt Irmi in die Wohnung ihres Vaters zu gehen. Dort findet sie einen Brief des Notars, der sie zur Testaments-Eröffnung bittet. Sie ist Alleinerbin, nur die Alm soll auch zur Hälfte ihrem Onkel gehören. Ihr Onkel, lehnt aber die Hälfte ab.


157 Inzwischen ist die Beerdigung bereits vierzehn Tage her. Für das kommende Wochenende beschließen wir auf die Alm zu fahren und uns von dem ganzen Durcheinander zu erholen. Wir sprechen mit einem Bauern, welcher unser Nachbar ist, dass er sich um die Alm kümmert. So fahren wir in Richtung San Remo. Wir spüren auch, dass wir den Abstand brauchen. In Brixen kommt Irmi nicht zur Ruhe. Umso mehr wir uns von Brixen entfernen, haben wir das Gefühl, wieder in ein Gleichgewicht zu kommen. Irmi beginnt auch wieder zu lachen. Wir entscheiden uns spontan, unsere Hochzeit im kleinsten Rahmen durchzuführen. Nur der Onkel, Richi und Anneliese mit ihrem Mann sind gekommen. Das mit der Kirche, meint Irmi, holen wir nach. Wir kommen spät abends an und übernachten in dem Hotel, wo auch Irmi in Kürze anfangen wird. An der Rezeption wird sie bereits als Kollegin begrüßt. Wir nehmen noch einen Drink an der Bar, um den Neuanfang zu begießen. Für den nächsten Tag hab ich auch schon einen Termin mit dem Verwalter der Villa Borsani. Das Frühstück bekommen wir noch auf unser Zimmer. Den nächsten Tag, werden wir schon in unserer neuen Behausung verbringen. Irmi fährt mich noch zum Verwalter und beginnt anschließend ihre neue Arbeit. Der Verwalter zeigt mir das gesamte Anwesen, und gehen bei dieser Gelegenheit auch die Pläne durchgehen. Er sperrt die Garage auf und meint, „Sie können sich einen Wagen heraussuchen.“ Ich entscheide mich für einen Fiat 130, ein sehr hübsches Coupe. „Eine gute Wahl, er ist noch ziemlich neu und gerade für den Alltag passend.“ Für die Vorbereitungsphase rechnen wir mit drei Monaten. Schon für den nächsten Tag kommt die Baufirma um den Teilabriss zu planen und vorzubereiten. Ich stecke also bereits vollkommen in meiner neuen Arbeit. Die gesamte Mannschaft ist hoch motiviert und sehr sympathisch. Ich bin ja nur froh, dass unsere Wohnung ein wenig entfernt liegt. Zuerst wird eine Bestandsaufnahme vom Objekt erstellt und diese wird in den Computer eingegeben. So kann man später den Baufortschritt besser feststellen und eventuell notwendige Rückwandlungen leichter kontrollieren. Irmi ist erstaunt über den Fiat, findet ihn riesig und toll. Wir beschließen an die Playa zu fahren und unser Abendessen in einem kleinen Fischrestaurant einzunehmen.


158 Irmi berichtet von ihrem ersten Tag als Chefin, der ein sehr aufregender war. Die Organisation ist völlig anders als in ihrem vorherigen Hotel. Sehr moderne Computertechnik. Das Haus hat doppelt so viele Gäste. Der Speisesaal ist riesig. Einfach alles um einiges Größer. Sie mag das, endlich raus aus der Kleinstadt. So sitzen wir bis spät in die Nacht. „Haben wir auch ein Zuhause?“ „Ja, wir können dort gut die nächsten Tage verbringen, sie haben uns einige Möbel aus dem Hotelfundus reingestellt.“ Ein Willkommensgruß steht auf dem Tisch und auch eine Schale mit Obst fehlt nicht. Wir sind richtig gerührt, wieviel Mühe man sich mit uns gemacht hat. Das Badezimmer ist mit neuen Handtüchern ausgestattet. Aber wir sind nur noch müde und fallen sofort in unser Bett. Wir schlafen bei offenen Fenstern und hören ein Käuzchen. „Jetzt fühle ich mich wohl“, meint Irmi. Aufgeweckt werden wir durch den Lärm eines Lastwagens, der zur Baustelle über unser Grundstück fährt. „Hier müssen wir umgehend absperren, sonst können wir uns vor Staub nicht mehr retten.“ Wir schließen die Fenster und haben so unsere notwendige Ruhe. Nach dem Frühstück bringe ich Irmi noch in das Hotel, da sie ja ihr Auto dort gelassen hat. Da kommt auch schon der erste Wichtigtuer. Er will die Baugenehmigung sehen. Wir versichern ihm, dass es eine gibt. Dies reicht ihm nicht, nach zehn Minuten ist die Baupolizei vor Ort. Der Kommissar ist sehr freundlich, da er die Bauherren kennt und über die Baustelle informiert ist. Die Anwohner wollen natürlich keine Baustelle vor ihrer Nase, also versuchen sie alles im Keim zu ersticken. Jetzt lerne ich die Italiener von ihrer freundlichen Seite kennen. Der Beamte geht auf seinen Kollegen zu und erklärt die Lage. „Herr Kollege, ich weiß nichts von einer Baustelle, sie wird doch nicht illegal sein?“ Es wird verfügt, dass sofort die Arbeiten einzustellen sind. Als alle abgerückt sind, kommt der Architekt. „Was war los?“ Ich erkläre ihm die Situation. Er meint etwas kleinlaut, „Wir haben die Bautafel vergessen. Sie kommt morgen.“ „Na, das geht ja schon gut an.“ Wir entscheiden uns zu einem Kaffee in der kleinen Trattoria um die Ecke. Der Architekt verständigt die Baufirma und bittet um einige Tage Geduld.


159 Wir rechnen mit zwei Jahren Umbauzeit, also werden sich alle freuen, wenn endlich wieder Ruhe ist. Ich gehe in die Wohnung und richte es mir gemütlich ein. Ich studiere noch mal die Baupläne und suche nach Dingen, die übersehen wurden. Aber es sieht so aus, als hätte man an alles gedacht. Plötzlich steht Irmi im Raum. „Was machst du denn hier?“ „Ich nehme gerade meine Mittagspause. Aber erzähl erstmal, was ist mit eurer Baustelle?“ Ich gebe ihr die neuesten Nachrichten. „Na das ist ja toll.“ Ihre Mittagspause ist vorbei, sie muss wieder in die Arbeit. „Es strengt dich mehr an, als du zugeben willst. Stimmts?“ „Das ist am Anfang immer so, ich muss mir ja auch Respekt verschaffen.“ „Du machst das schon richtig, sage aber bitte, wenn du Hilfe brauchst.“ Der nächste Morgen wurde bereits hektisch eingeläutet. Irmi wurde schon gegen sieben Uhr früh angerufen, dass es Ärger an der Rezeption gäbe. Ein Gast wolle nicht bezahlten, oder hatte nicht genug Geld. Da muss die Chefin her. Sie verabschiedete sich mit einem heftigen Bussi und verschwand. Kurz darauf meldet sich mein ehemaliger Hausbesitzer, dass in meiner Wohnung ein Wasserrohrbruch ist. Sie mussten die Türe mit der Feuerwehr öffnen. Es hing wohl mit der neuen Armatur an der Badewanne zusammen. Da ich ja versichert bin, macht es mir keine weiteren Sorgen. Ich bitte ihn, alles in Ordnung zu bringen. Ich rief noch meinen Versicherungsagenten an, er versprach, sich um alles Weitere zu kümmern. Ich zog mir noch eine aktuelle Tagenszeitung rein, so war der Vormittag doch noch gerettet. Dann meldet sich mein neuer Mitarbeiter aus Arles. Er möchte gerne zurück nach München. Er hätte nicht gedacht, dass er so schnell Heimweh bekäme. Die Biergärten gingen ihm ab. Ich mach ihm klar, dass er da durch muss. „Es sind höchstens drei Monate.“ Er kippt mir fast aus den Schuhen, wie ich ihm das klarmache. „Es könnte übrigens sein, dass du anschließend nach Mecklenburg musst. Wir haben dort in einem Anwesen einen Kellerraum gefunden, der sehr aufschlussreich sein soll. Außerdem gibt es dort ein reizendes Mädchen, welches sich dort um dich


160 kümmern wird.“ Mehr hab ich ihm nicht gesagt, soll er doch ruhig schon mal darüber nachdenken. „Also musst du München mit seinen vielen Biergärten erstmal vergessen.“ Da er schon einiges von Mecklenburg gehört hat, meinte er, „Das könnte was für mich sein.“ Natürlich weiß ich, dass er dringend nach einem Mädchen sucht. Es ist also eher das Mädchen und nicht der Keller, oder vielleicht beides? Daheim angekommen, rufe ich zuerst mal Irmi an. Heute hatte sie einen guten Tag, sie meint, „Es war mal an der Zeit auf den Tisch zu hauen.“ Sie muss da durch, wenn sie eine gute Chefin werden will. Der Verwalter geht mit ihr zum Abendessen um einige Umstellungen mit ihr zu besprechen. Es kommt eventuell noch ein weiteres Hotel dazu, welches sie parallel führen soll. „Eine riesige Chance“, wie sie meint. Man ist also mit ihr sehr zufrieden. Ich beschließe, mit Barbara zu telefonieren. Ich versuche es zuerst bei ihrer Mutter im Schloss, erfahre aber, dass sie in Wismar ist. Ich rufe in ihrer dortigen Wohnung an, und am Telefon ist Betti. „Ja so was, was gibt uns denn die Ehre? „Hast du etwa Sehnsucht nach mir?“ „Eigentlich wollte ich Barbara sprechen.“ „Da wirst du wohl mit mir reden müssen.“ „Ist sie außer Haus?“ „Nein sie sitzt im Schlafzimmer, du weißt schon.“ „Aha, ich kann es mir denken.“ Betti ist nicht mehr zu bremsen. „Ich wünschte, du würdest hier sein. Da hätte ich schöne Ideen, wie wir den Abend verbringen könnten.“ „Betti, bitte, ich bin jetzt verheiratet.“ „Wo ist das Problem?“ „Ich will dich doch gar nicht heiraten. Obwohl, ich würde dich sofort nehmen.“ Barbara hat wohl mitbekommen, mit wem Betti telefoniert. Sie versucht sich erfolglos zu verständigen. „Ich gebe sie dir mal an das Telefon.“ Eine Verständigung kam nicht zustande, da sie wohl einen Knebel im Mund hatte. „Wie du hörst, sie will gar nicht mit dir reden.“ „Wenn du mal alleine in München bist, würde ich dich gerne treffen.“ „Richte bitte Barbara aus, ich rufe noch mal durch. Also Servus Betti, bis auf ein andermal.“


161 „Schade, ich könnte jetzt mit dir noch ewig reden. Aber jetzt hab ich endlich mal deine Handynummer, so kann ich mich ja melden.“ Damit hatte ich natürlich nicht gerechnet, dass ausgerechnet Betti bei Barbara zu Besuch ist und nun auch noch meine Handynummer hat. Ich ziehe noch ein wenig um die Häuser, um in einem kleinen Straßenrestaurant hängen zu bleiben. Die Luft ist heute Abend einfach wunderbar. Wieder zuhause kann ich das Meer bis ins Zimmer riechen. Bei offenen Fenstern gehe ich zu Bett. Dann erreicht mich ein Anruf auf dem Handy, es ist der ehemalige Besitzer meiner Wohnung. „Da sind zwei Umzugskartons angekommen.“ „Von wem sind die denn?“ Frage ich. „Sie sind aus Wismar. Von einer Frau …, ich kann es nicht lesen.“ „Bitte stellen sie die Kartons einfach in meine Wohnung. Und vielen Dank für die Mühe. Sind sie schwer?“ „Ja ziemlich. Sicher hat jeder seine zwanzig Kilo.“ „Aha. Ich werde in etwa vierzehn Tagen wieder in München sein. Wir müssen auch noch die Kosten abrechnen, bitte alle Belege aufbewahren.“ Der Bauleiter berichtet, dass es neue Schwierigkeiten gibt. „Die Grünen, wollen den Bau nun verhindern. Die Genehmigungen sind aber alle da. Wir werden uns morgen früh alle an einen Tisch setzen und Kriegsrat halten.“ Noch ist ein Abbruch der Bauarbeiten möglich, es ist bis jetzt kaum etwas geschehen. Gegen Mittag sehe ich dann endlich Irmi. Wir gehen in die Wohnung und sie erzählt von ihren neuen Aufgaben. Es kommt tatsächlich für sie ein neues Hotel dazu. Der Konzern hat nur sechs Kilometer weiter ein Haus dazu gekauft. Da wird es die nächste Zeit mit der Ruhe vorbei sein. Sie muss heute noch mal kurz in ihr Büro, obwohl sie eigentlich frei hat. Wir beschließen den Abend nur für uns zu reservieren. So kaufe ich noch einige Leckereien, eine gute Flasche Wein. Ich decke schon mal den Tisch. Als sie dann aus ihrem Büro kommt, ist sie ziemlich fertig. Ich empfehle ihr, sich erstmal unter die Dusche zu stellen. Nach dem sie dies getan hat, kommt sie in ihrem weißen Bademantel aus Seide. Sie sieht darin unheimlich scharf aus, dazu hat sie sich noch ein Tuch umgelegt, welches ich besonders gerne habe. Wir zünden noch Kerzen an und stellen fest, dass wir uns schon wie ein altes Ehepaar benehmen. Ich richte ihr einige kleine Brötchen mit Lachs und Tunfisch und füttere sie damit. So wird sie langsam abgelenkt und wird von Minute zu Minute


162 feuriger. Schon nach wenigen Minuten kommt sie um den Tisch und öffnet mein Hemd. „Sei nicht so zugeknöpft, ich werde dich jetzt verwöhnen.“ Wir werden durch lautes Klappern aufgeschreckt. Ich sehe im Esszimmer ein kleines Kätzchen, welches sich an unserem zurückgebliebenen Abendessen bedient. Sie muss über den Balkon hereingekommen sein. Als ich sie auf den Arm nehme fängt sie sofort an zu schnurren. Ich nehme sie mit in das Schlafzimmer und Irmi ist ganz hin und weg von so einem kleinen Viecherl, wie sie sagt. Das kleine Viecherl hat auch nicht die geringste Scheu und legt sich zwischen uns auf das Kopfkissen. Sie fängt an sich zu putzen und streckt sich wie eine Diva. Wir beschließen sie zu behalten, natürlich nur, wenn sie will. Am nächsten Morgen hat sie wohl Hunger, auf jeden Fall streicht sie uns so lange um die Nase, bis wir endlich aufstehen. Ich verdünne etwas Milch mit Wasser und mische noch Haferflocken darunter. Es scheint ihr zu schmecken. Wenige Minuten später, springt sie vom Balkon und ist verschwunden. „Ob sie wohl wiederkommt?“ „Wir werden sehen.“ Ich beginne den Frühstückstisch zu decken und sehe bei dieser Gelegenheit aus dem Fenster. Es sammeln sich mehrere Fahrzeuge im Hof. Heute scheint tatsächlich der Tag der Wahrheit zu sein. Wir lassen uns aber nicht aus der Ruhe bringen. Irmi hat Spätschicht und kann so noch einiges erledigen. Gegen neun Uhr ist der Hof dann zugeparkt. Alle sind da. Sogar die Herren aus Mailand und Rom. Wir treffen uns alle im großen Saal im Hotel. Die Vorstände beginnen mit einer langen Rede, vom Erhalt der alten Schätze, aber nicht um jeden Preis. Man könne aus diesem Objekt auch Luxus-Wohnungen machen und teuer verkaufen. Es muss nicht unbedingt ein Nachtclub sein. Wir beschlossen, am Nachmittag zu dem neuen Gebäude zu fahren. Den Mittag saßen wir alle an einem Tisch und diskutierten über die Möglichkeiten. Ich versprach die ersten Vorentwürfe für ein Luxus-Wohnhaus auszuarbeiten. Gegen Nachmittag begaben wir uns in einer langen Autoschlange in Richtung Genua. Es waren aber nicht siebzig sondern hundertzehn Kilometer bis wir an einem schlossartigen Gebäude ankommen. „Wirklich ein Traum!“ Für einen Nachtclub wie geschaffen. Luxuriöse Anfahrt, alles ähnlich wie im Anwesen von Mailand. Nach drei Stunden Besichtigung fiel die Entscheidung, dies wird der neue Club. Für mich bedeutet das, jeden Tag über


163 zweihundert Kilometer fahren. „Sie bekommen einen neuen Wagen, als Trost, für ihren weiten Weg.“ „Vielen Dank, aber ich mag den alten Fiat recht gerne.“ „Den dürfen sie behalten, wir werden ihnen den Wagen mit einem Euro verrechnen, denn verschenken können wir ihn natürlich nicht.“ Mit dem Architekten verabredete ich mich schon für den nächsten Morgen. „Alles umstellen“, meinte er, „das liebe ich. Ich bin es schon gewöhnt. An dem Club in der Nähe von Mailand, habe ich drei Jahre gezeichnet.“ „Also werden wir erstmal mit dem Luxus-Wohnhaus beginnen, da habe ich die Pläne schon fertig.“ Wir beschlossen, die Anträge für die Gemeinde neu zusammen zu stellen. Wir werden anschließend mit dem Club weiter machen. Gegen Abend berichte ich Irmi von den Neuigkeiten. „Ach du Armer, jetzt musst du immer so weit fahren.“ Ich frage sie noch, ob sie mit nach München kommt. Aber sie muss leider ablehnen, da sie eine neue Mannschaft einlernen muss. Ich beschließe von Nizza aus zu fliegen, mit dem Wagen wäre es zu weit, für ein Wochenende. Im Reisebüro besorgte ich mir ein Ticket nach München. Die nächsten Tage sind sehr hektisch und ich sehe Irmi immer nur kurz. Sie kommt meistens erst spät nach Hause, ist dann völlig fertig. Aber sie macht es mit viel Freude. In München erwartet mich schönstes Wetter. Ich nehme mir einen Leihwagen, fahre zuerst in die Wohnung. Auf dem Weg dorthin bekomme ich allerdings Lust auf einen Besuch in einem Biergarten. Ich beschließe das Mittagessen noch um eine Stunde zu verschieben, also zuerst doch in die Wohnung. Vom Wasserschaden ist nicht allzu viel zu sehen. Es ist bereits alles wieder aufgeräumt und geputzt. Im Gang stehen die zwei Umzugskartons. Ich trage sie in das Wohnzimmer, um sie zu inspizieren. Soweit ich es erkennen kann, sind sie von Barbaras Mutter. Ich schneide die Verschnürung auf, um zu sehen, was sie mir geschickt hat. Hier befindet sich ein Briefumschlag. Ich öffne ihn und beginne zu lesen. Sie bedauert, dass kein engerer Kontakt mehr besteht, da sie auf mich so viel Hoffnung gesetzt hat. Sie will mir aber einiges anvertrauen. Sie hätte sich entschlossen, mir die zwei Kisten zu schicken. Ich solle später mit ihren beiden Töchtern reden und alles erklären.


164 Beide Töchter? Ich las weiter und staunte nicht schlecht. Betti ist die Tochter von ihrem Schwager. So sind es Stiefschwestern. Sie erklärt, dass sie ihr Schwager gezwungen hätte mit ihm zu schlafen, daraus ist Betti hervorgegangen. Sie hat Betti zu ihrer Schwester gegeben, da es ihr Mann nicht ertrug, sie im Haus zu haben. Ihre Schwester, sei vor vielen Jahren gestorben. Die beiden Mädchen mochten sich vom ersten Tag an. Immer wenn sie sich trafen, unternahmen sie alles zusammen. Sie wissen anscheinend nicht, dass sie Halbschwestern sind. Im Karton sind alle Unterlagen. Ich solle entscheiden, ob ich alles vernichte oder an die Öffentlichkeit gehe. Sie schreibt weiter, das unter dem großen Hof ein Raum ist. Er sei zugemauert. Es befinden sich dort noch einige Leichen, die sie nicht mehr entsorgen konnten. Das Kriegsende gab ihnen nicht mehr die Möglichkeit. Im nahe gelegenen Moor hätten sie während der Kriegswirren mehrer zu Tode gekommene Menschen „entsorgt“. Ich überflog die Zeilen und ich musste mir erstmal ein Glas Wasser holen, so ausgetrocknet war mein Mund. Das muss ja eine Bestie gewesen sein. Ihr Schwager war ihr also sehr ähnlich. Das Anwesen hat immer ihrem Mann und seinem Bruder gehört. Sie stellten es zu Kriegsbeginn freiwillig dem Geheimdienst zur Verfügung. So hatten sie auch in dieser Zeit das Sagen. Sie legt Pläne bei, wie das Anwesen früher war. Die Mauer wurde erst zu Kriegsbeginn errichtet. So langsam verstand ich, warum ich im Anwesen so viele Foltergegenstände fand und ich verstand nun auch die verschiedenen Räume. Ich lehnte mich erstmal zurück und musste Luft holen und überlegen. Überlegen, was ich mit diesem Wissen anfangen soll. Was wird mich erwarten, wenn ich die Kisten auslehre. Vielleicht will ich es gar nicht wissen, was da noch alles kommt. Noch könnte ich alles packen und auf den Müll werfen. Aber wie kann man so etwas entsorgen, ohne nicht selbst in Probleme zu kommen. Ich ging aufgeregt im Raum auf und ab. Ich entschloss mich in Wismar anzurufen. Am Telefon meldete sich Barbara. „Hallo, wie geht es?“ „Was willst du denn?“ „Ich wollte mal hören, wie es deiner Mutter geht.“ „Was geht dich denn meine Mutter an?“ Ich log und erzählte von einem seltsamen Traum. Sie wollte es aber gar nicht wissen. „Meine Mutter wurde letzte Nacht eingeliefert.“ „Wieso, was hat sie denn?“ „Sie hat, so wie es aussieht nur noch einige Tage.“


165 „Das tut mir aber Leid. Willst du, dass ich komme?“ „Woher dein plötzliches Interesse? Du bist hier doch weg, und hast einen Schlussstrich gezogen, oder etwa nicht?“ „Ich bitte dich Barbara, gebe mir Nachricht, ich will auf jeden Fall zur Beerdigung kommen.“ „Erkläre mir bitte,“ meint Barbara, „was soll dieser Schein der Spedition, hier steht, sie hat zwei Pakete an dich geschickt.“ Ich musste nochmal lügen. „Was für Pakete?“ „Hast du keine bekommen?“ „Ich weiß von nichts. Ich bin doch in San Remo, wie du weißt. Ich hatte einen Rohrbruch, so bin ich schnell mal her geflogen, um nach dem Rechten zu sehen. Ach ja, vielleicht kommen ja die Pakete noch.“ „Aber warum sollte meine Mutter dir Pakete senden? Hast du mal mir ihr telefoniert?“ „Nein, niemals. Oh, mein Handy läutet, ich muss auflegen, wir hören voneinander. Okay?“ Auf dem Handy war Irmi, sie hat bereits aufgelegt. Da kam mir auch schon mein ehemaliger Vermieter entgegen. „Alles in Ordnung? Haben sie die Kisten gefunden?“ „Ja, vielen Dank, darf ich sie zum Essen einladen?“ „Geht leider nicht, meine Frau wartet schon mit dem Mittagessen.“ „Also dann später, versprochen?“ Ich beschließe den Biergarten am Chinesischen Turm aufzusuchen, so konnte ich beim Laufen etwas Abstand gewinnen. Wo soll ich denn bloß mit den Kisten hin. In der Wohnung konnten sie nicht bleiben. Wenn Irmi die Kartons findet. Trotzdem entschloss ich mich, ihr alles zu erzählen, den Brief lesen zu lassen und dann mit ihr eine Entscheidung zu fällen. Im Biergarten war Selbstbedienung. Ich stellte mich in eine Schlange am Bier Ausschank an. Ich nehme eine Radlermass und einen Kartoffelsalat mit Leberkäse und einen Radi. Mit Blick in die Sonne, gewinne ich meine gute Laune zurück. Trotzdem kreisen meine Gedanken um diesen Brief. Irmi meldete sich erneut. Ich schilderte den Biergarten in seiner schönsten Form. „Hör sofort auf, sonst komme ich nach.“ „Es wäre schön, wenn das ginge, aber leider ruft die Arbeit.“ Wir versprachen uns, schon in Kürze nach München zu fliegen. Ich trinke jetzt eine Maß auf dich. „Tu das, aber nimm nicht das Auto.“


166 In meiner Wohnung angekommen, stolperte ich über die beiden Kisten. Also, es hilft ja nichts, ich muss da durch. Also alles ansehen! Zuerst kommen Berge von Papier. Endlich bekomme ich Originalpläne zu sehen. Auch alte Photos sind vorhanden. Zwei Aktenordner mit Notizen über verschiedene Personen. Anscheinend ehemalige Häftlinge. Ich beginne zu lesen und zu blättern. Egal was ich lese, alle Personen sind verstorben. Ich werde mir das später ansehen, da brauche ich ja Wochen zum durcharbeiten. Ich schiebe die Kisten in die Abstellkammer. Die Nacht war so von Wärme erfüllt, dass ich mich noch auf den Küchenbalkon setzte. Irgendwann übermannte mich die Müdigkeit und ich zog mich in das Schlafzimmer zurück. Am nächsten Morgen zogen Wolken auf, zwischendurch blinzelte zwar noch die Sonne, aber man konnte klar erkennen, dass sich das Wetter ändern wird. Ich ging in meine kleine Bäckerei und besorgte mir mein Frühstück. Auf dem Küchenbalkon richtete ich mir den Tisch und genoss noch den Vormittag. In der Zeitung gab es nichts wirklich Neues. Da beschloss ich, mir nochmals die Kisten vorzunehmen. Ich holte mir die zweite Kiste hervor, die ich noch nicht geöffnet hatte. Sie war ziemlich fest verschnürt und so benötigte ich ein Messer, um sie zu öffnen. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Inhalt sah. Es waren durchweg Folterinstrumente darin. Das einfachste waren wohl Handschellen. Schon etwas kräftig angerostet, aber wohl noch funktionstüchtig. Eine Halskrause aus Eisen. Eisen für die Beine. Eigentlich Dinge, die wir schon im Schloss mit Barbara und Betti gefunden hatten. Auch eine Kugel in welche der Kopf gesteckt werden konnte war dabei. Lauter eklige Dinge, die seiner Zeit dem Delinquenten schreckliche Qualen verschafft haben. So erhoffte man sich wohl Geheimnisse aus der Person quetschen zu können. Es gab auch verschiedene Eisen, die man miteinander verbinden konnte, so konnten die Personen in einer bestimmten Stellung fixiert werden. Alles Dinge für ein Museum oder einem SM-Lokal. Natürlich gab es auch eine ganze Anzahl von Knebelgeschirren. Ich packte alles wieder in die Kiste zurück und betrachtete mir nur den Helm nochmals. Er lässt sich in der Mitte aufklappen, so dass der Kopf in die untere Hälfte gelegt werden kann. Sodann wird die obere Hälfte auf das Gesicht gedrückt. Der Kopf ist dann vollständig eingeschlossen. Es bleibt nur eine Öffnung für die Nase. Am Mund lässt sich ebenfalls eine Klappe öffnen, sodass der Person etwas eingeflößt werden konnte. Öffnen lässt sich dieses Ding nur mit einem Schlüssel.


167 Ich finde ein Kästchen mit einigen Schlüsseln, alle kräftig angerostet. Ich versuche, den für den Helm zu finden. Es finden sich auch einige Fotos von Personen, die bei dem Gebrauch der Geräte fotografiert wurden. Da ist wohl der Schlüssel für den Helm, in einem separaten Kuvert. Ich stecke ihn in das Schloss und er lässt sich tatsächlich umdrehen. Der Helm geht auf, etwas schwer aber wenn ich Öl darauf gebe, könnte es durchaus funktionieren. Ich hole eine Spraydose und öle das Ding. Tatsächlich geht es nun etwas leichter. Nachdem er nun offen vor mir liegt, erkenne ich die Technik. Innen ist er ausgepolstert, so dass man nichts hören kann, wenn man ihn aufgesetzt hat. Für die Nase ist ein Polster vorgesehen, so kann man nichts sehen. Für den Mund hat man eine Art Knebel konstruiert, so dass die Person den Mund nicht schließen kann. Er kann so zu trinken bekommen, ob er will oder nicht. Nachdem ich es mir gemütlich eingerichtet hatte, begann ich den Brief nochmals zu lesen. Wenn nun eigentlich außer mir keiner von diesen Dingen weiß, so liegt es nur ganz allein bei mir, die Angelegenheit publik zu machen. Ich lese weiter und bekomme ein schlechtes Gewissen, wenn ich nur daran denke, wie viele Unbekannte da noch in den Kellern liegen. Zumindest das Rote Kreuz sollte die Liste bekommen. Die Liste ist mehrere Seiten lang und enthält geschätzt einige hundert Namen. Das Beste wird sein, ich gehe damit zu meinem Anwalt, der wird sicher einen Rat wissen. Da ruft Irmi an. „Warum meldest du dich nicht?“ Ich berichtete ihr von diesen zwei seltsamen Kisten und das ich im Moment überlege, was zu tun ist. Sie stimmt ebenfalls der Meinung zu, es einem Anwalt zu übergeben. „Halte dich da raus, das ist der einzige Rat, den ich dir da geben kann. Aber sag mir bitte, wann kommst du zurück?“ Eigentlich wollte ich schon Übermorgen wieder in Nizza sein. Ich erzähle ihr noch ein bisschen von München,. „Aber bitte, wie geht es dir?“ „Ich bekomme eine Assistentin, da es alleine nicht mehr zu schaffen ist. Die zwei Hotels müssen umorganisiert werden. Sie müssen unbedingt mit einander vernetzt sein. So können wir bei den Warenbestellungen mehr einsparen.“ „Ich finde es toll, wie du es machst.“ „Ich werde auch von meinem Boss kräftig gelobt. Sie wollen mir nun auch einen Firmenwagen bereitstellen, da ich ja immer pendeln muss.“ „Ich freue mich schon wieder bei dir zu sein.“


168 Mein Anwalt soll entscheiden, was passieren soll. Aber ich werde sie noch in einem Copy-Shop ablichten, so dass ich auf jeden Fall eine Kopie habe. Ich entschließe mich für heute Schluss zu machen und mich mit einem Buch ins Bett zu begeben. Da läutet mein Handy, soll ich jetzt tatsächlich noch drangehen? Zumindest muss ich sehen, wer es ist. Es ist Barbara. „Entschuldige, dass ich dich noch spät anrufe, aber ich wollte mit dir reden.“ „Okay, lass uns miteinander reden.“ „Hast du immer noch keine Kisten bekommen?“ „Doch ich habe zwei Kisten bekommen.“ „Was ist darin?“ „Wir müssen uns treffen. Ich kann es dir jetzt am Telefon nicht erzählen. Nur soviel, deine Mutter hat alle Unterlagen von eurer Familie mitgeschickt.“ „Warum schickt sie es dir?“ „Sie hatte wohl sehr viel Vertrauen zu mir.“ „Was schreibt sie?“ „Ich kann es dir am Telefon nicht erzählen.“ „Okay, ich komme morgen nach München, ginge das bei dir? Ich nehme den Zug, und werde gegen Nachmittag bei dir sein, geht das?“ „Wenn du Betti nicht mitbringst.“ „Ich verspreche es, ich komme allein.“ „Also bis morgen“. Ich schlafe sehr unruhig und muss immer wieder an die Unterlagen denken. Um sechs in der Früh halt ich es nicht mehr aus und beginne mir mein Frühstück zu richten. Die Morgensonne kommt bereits auf den Küchenbalkon, so entschließe ich mich mein Frühstück dort einzunehmen. So langsam öffnen sich auch die Balkontüren der anderen Nachbarn. Jeder blickt verschlafen in die Runde, entdeckt die anderen Nachtbaren und winkt herüber. Wir mögen uns hier alle, treffen uns in den umliegenden Biergärten zu Abend. Ich schrecke richtig hoch, als das Telefon läutet. Es ist Barbara. „Ich sitze schon im Zug und bin gerade an Hannover vorbeigefahren. Ich freue mich, dich wieder zu sehen.“ „Ich mich auch, also bis bald.“ „Nimm bitte ein Taxi zu mir.“ Es ist noch zu früh, um in der Kanzlei anzurufen. So lege ich mir die Unterlagen zurecht, um sie zu kopieren. Die Sonne kommt mit jeder Minute näher und mehr auf meinen Balkon. Es ist wunderbar hier zu sitzen, ich genieße es richtig.


169 Jetzt wird es aber Zeit, den Weg zum Anwalt anzutreten. Ich packe alle wichtigen Dinge in eine große Mappe. Mal sehen, was er zu diesem Fund meint. Eine halbe Stunde später sitze ich bei Christof. Seine Stirne legt sich in Falten. „Ziemlich brisant das ganze Material. Gibst du es einer Zeitschrift, ließe sich viel Geld damit machen.“ „Will ich aber nicht. Wenn überhaupt, soll dies die Tochter tun. Sie kommt übrigens noch heute und ich werde ihr empfehlen, sich mit dir in Verbindung zu setzen. Du wirst sie doch sicher gut beraten.“ „Sie wird sicher entsetzt sein, wenn sie das ganze liest.“ „Oder, sie ahnt es bereits.“ „Sie kann doch die ganzen Jahre nicht so naiv gewesen sein. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht wissen?“ „Wir werden sehen.“ Auf dem Heimweg mache ich noch einen Umweg über ein Antiquariat und suche noch Dokumente über alte italienische Schlösser oder herrschaftliche Anwesen. Ich komme so ins Stöbern, dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergangen ist. Bei einem Blick auf die Uhr, stelle ich fest, dass ja Barbara längst angekommen ist. Als ich auf meine Haustüre zugehe, erkenne ich schon von weitem, dass jemand mit einem Koffer dort wartet. „Entschuldige bitte, ich habe vollkommen im Antiquariat die Zeit vergessen.“ „Ist schon okay. Ich warte ja erst zehn Minuten.“ „Komm lass uns rauf gehen, gib mir bitte deinen Koffer, es ist immerhin der vierte Stock, ohne Lift.“ Oben angekommen, bin ich völlig aus der Puste. „Komm bitte rein. Es ist nicht besonders aufgeräumt, ich bin ja gerade mal vier Tage hier und jeden Tag unterwegs.“ Sie ist erstaunt über die nette Wohnung. „Klein aber Fein“, meint sie. „Wir setzen uns auf den Balkon.“ Als wir auf den Balkon treten, sitzt ausgerechnet mein neugieriger Nachbar auch schon draußen. „Ja hallo, wie geht es denn ihrer Frau?“ „Alles bestens, sie arbeitet für drei.“ Er wollte wohl gleich klare Linien schaffen, so dass meine Begleitung Bescheid weiß, dass ich verheiratet bin. „Hier bist du aber ganz schön unter Beobachtung.“, meint Barbara. „Richtig, hier lebst du wie in einem Dorf.“


170 „So jetzt bringe ich dir erstmal was zu trinken und dann den ersten Karton, den ich mit der Spedition erhalten habe. Zwei Gläser Weinschorle und zwei Brezeln zum Knappern.“ „Du bist aber lieb, hast du dass alles schon vorher besorgt?“ „Ich kann dich doch nicht bei trocken Brot und Wasser begrüßen.“ Zuerst beginnt sie den Brief ihrer Mutter zu lesen. Sie ist sehr ruhig, hin und wieder kommt ein Stöhnen, oder mehr ein Aufatmen. Ich vertiefe mich in eine Zeitung, damit sie nicht das Gefühl hat, ich beobachte sie. Nach einer ganzen Weile hält sie inne. „Geahnt habe ich es ja schon lange. Es gab zu viele Bemerkungen meiner Mutter bezüglich Betti. Sie bat mich immer, mich um Betti zu kümmern.“ „Wie meinst du, wird es Betti aufnehmen?“ „Ich glaube sie ahnt es ebenfalls. Sie hat wohl mehr die Gene ihres Vaters geerbt.“ „Sieht so aus.“ „Wie geht es ihr denn so mit Richi?“ „Stell dir vor, sie sind immer noch beisammen.“ „Ich muss unbedingt mal Richi anrufen, in letzter Zeit komme ich zu nichts mehr.“ Sie legt den Brief beiseite und blickt mich lange an. Da erst fällt mir auf, dass sie ihre Haare viel kürzer trägt, es steht ihr ausgesprochen gut. Sie hat sich auch wieder ihre Tücher umgebunden. Sie spürt, wie ich sie betrachte. Ich spreche sie auf ihre Veränderungen an und wie gut es ihr steht. „Du hast aber lange gebraucht, um es zu merken.“ „Bitte entschuldige, ich habe so viel um die Ohren.“ Ich berichte ihr über die Geschehnisse der letzten Wochen. Sie betrachtet mich wie ein Fuchs, der ein Kaninchen beobachtet. Plötzlich sagt sie, „Ich liebe dich.“ Mehr nicht. „Warum hast du geheiratet, hast du nie einen Moment daran gedacht, dass wir beide gut zusammenpassen würden.“ Ich betrachte sie lange. Sie steht auf, nimmt eines ihrer Tücher vom Hals und kommt auf mich zu. „Bitte nicht auf dem Balkon, zurzeit beobachten uns etwa hundert Augen.“ „Eben drum“. Sie faltet es ganz langsam zusammen, geht hinter mich und legt es mir über die Augen. „Nicht hier!“ Ich ziehe es etwas wütend herunter und stehe auf. Sie kommt mir aber direkt hinterher. „Bleib stehen du Feigling.“ Wir sind jetzt im Gang und sie verbindet mir nun endgültig die Augen. Wir beginnen uns heftig zu küssen und kommen so langsam in die Richtung des Schlafzimmers. So feierten wir unser


171 Wiedersehen ziemlich heftig. „Lass uns in die Leopoldstraße gehen, wir werden dort zum Essen gehen.“ „Okay, du musst mir alles zeigen.“ Als wir wieder nach Hause kommen, ist bereits auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht von Irmi. Bitte rufe umgehend zurück, es tut sich Sagenhaftes. Ich entschuldige mich bei Barbara und gehe zum Telefonieren in das Nebenzimmer, mein Arbeitszimmer. „Hallo Irmi, wie geht es dir?“ „Was ist, du klingst so anders?“ „Nein, nichts, keine Ahnung. Was gibt es bei dir Neues?“ „Ich soll Chefin vom gesamten Hoteldepartment werden. Ich habe einige Vorschläge gemacht, die Hunderttausende an Euros einsparen lassen. Sie waren so begeistert, dass sie mir den Posten anboten. Es gibt nur noch einen Chef über mir.“ „Aber wo musst du dann hin?“ „Ja, das ist das Problem, der Sitz ist in Mailand.“ „Aha, dann werden wir uns nicht mehr so oft sehen.“ „Dann musst du eben auch nach Mailand kommen. Ich hab schon mal vorgefühlt.“ „Was hast du? Das musst du schon mir überlassen.“ Ich wurde richtig wütend. Sie meinte, „Ich habe ja nur gesagt, dass ich doch verheiratet bin, mich nicht trennen will. Sie meinten, es gibt für alles eine Lösung. Sie werden noch einige Häuser dazu kaufen, eine neue Zentrale einrichten. Sie werden sie dir anbieten. Aber bitte, es ist deine Entscheidung, du kannst ja auch in San Remo bleiben. So werden wir uns dann nur am Wochenende sehen.“ „Bitte lass es uns in Ruhe besprechen, nicht am Telefon.“ „Wann kommst du denn wieder Heim?“ „Es wird sicher noch drei Tage dauern.“ „Super, dann können wir ja am Wochenende alles bereden.“ „Okay, einverstanden, also bis Samstag.“ „Ach, wie ist denn das Wetter in München?“ Ich sage nur „Biergarten, okay?“ „Ich verstehe, wenn du deiner Münchener Luft um dich hast, vergisst du den Rest der Welt.“ „Da könntest du Recht haben.“ „Also dann bis Samstag. Servus.“ Als ich wieder in den Wohnraum komme, wühlt Barbara in den Kisten und betrachtet alte Fotos. Von einigen weiß sie noch als sie aufgenommen wurden.


172 „Die Fotos aus der Kriegszeit sind ja schrecklich. Wir haben auch noch unsere Witze über diese komischen Geräte gemacht. Sie betrachtet sich die diversen Geräte und meint, für Betti sicher ein lustiges Spielzeug.“ Sie nimmt den Helm und will wissen, wie er funktioniert. „Du klappst ihn hier auf, ich habe auch schon Öl drauf gegeben und ihn gereinigt, vorher ließ er sich kaum öffnen.“ „Du hast ihn ausprobiert?“ „Nein, nur betrachtet. Er ist anders, als der im Lager. Er ist wohl die perfekte Lösung, bei dem im Lager war noch nicht alles so ausgefeilt. Es war wohl ein Versuchsträger.“ „Komm mal her, ich will ihn mal ausprobieren.“ „Ach so, jetzt also soll ich das Versuchskaninchen sein.“ „Klar, also komm.“ „Erst wollen wir mal den Schlüssel testen.“ Wir schließen den Helm und öffnen ihn mit dem Schlüssel, es ist ein stabiles Schnappschloss. Barbara reinigt ihn nochmals und wischt ihn gründlich aus. „So jetzt aber. Setz dich am besten auf den Stuhl, so muss ich mich nicht zu sehr strecken.“ Ich setze mich in den Fernsehstuhl. Zuerst lege ich meinen Kopf in die untere oder besser hintere Hälfte. „Passt doch gut, genau deine Größe.“ Sie rutscht ihn noch ein wenig hin und her, „So jetzt ist es perfekt. Jetzt kommt die obere Hälfte, einfach zuklappen.“ Langsam kommt der obere Teil auf mich zu. „Du musst den Mund öffnen, der Knebel muss doch rein.“ Ich öffne den Mund ein wenig. Ein etwa vier Zentimeter langes Teil schiebt sich in meinen Mund, ziemlich dick. „Okay?“ Eigentlich kann ich gar nichts mehr sagen, sie lupft nach mal kurz an und schaut nach, ob auch die Augen gut bedeckt sind. „Ich werde lieber Wattepats holen und auf die Augen legen, damit es weicher ist.“ Sie holt aus dem Bad ein wenig Watte und legt sie auf die Augen. Nun aber schließt sie den Helm. Im ersten Moment fühle ich mich stark eingeengt. Aber es ist auch aufregend. Mit den Händen fühle ich den Helm ab. Ich kann noch nicht einmal das Schloss finden. Es ist ein völlig seltsames Ding. Ich scheine auch nichts mehr zu hören, die Ohren sind wie taub. Ich versuche ihr klar zu machen, dass sie ihn nun wieder abnehmen soll. Sie beginnt mich zu streicheln. Das Atmen fällt mir etwas schwer, da anscheinend die Luftzufuhr nicht mehr so intakt ist. Aber vielleicht soll es ja so sein.


173 Sie wickelt mir eines ihrer Tücher um den Hals. Als sie beginnt mir die Hände auf den Rücken zu drehen, versuche ich zu protestieren, aber völlig zwecklos. Sekunden später sind meine Hände auf dem Rücken gefesselt. Nach einigen Minuten öffnete Barbara den Helm. „Wir war es?“, will sie wissen. „Aufregend, einengend und auch ein bisschen scharf. Mach mir jetzt bitte die Handschellen auf.“ „Kommt ja gar nicht in Frage. Wir sind noch nicht am Ende. Wenn ich schon mal die Gelegenheit habe, meinen Liebsten zu fesseln, nutze ich das schön aus.“ Sie hat nun richtig Feuer in den Augen. Ich liebe es, sie so zu sehen. Aber nicht lange, sie verbindet mir sofort die Augen. Etwas hilflos aber doch glücklich spielen wir noch eine ganze Weile so weiter. Sie probiert den Helm, spielt damit herum. „Du möchtest wohl unbedingt wissen, wie es ist.“ „Okay, aber nur ganz kurz.“ Sie setzt sich in den Fernsehsessel. Gleiche Prozedur, klick und zu. Sie sitzt ganz ruhig da, als würde sie abwarten, was passieren würde. Ich hole zwei Tücher und binde ihre Hände an der Sessellehne fest. Sie windet sich ein wenig, aber streckt mir ihre Muschi entgegen. Ich mache sie mit der Zunge scharf und plötzlich bekomme ich das Gefühl, als würde sie keine Luft mehr bekommen. Ich öffne den Helm. Sie ist völlig verschwitzt, aber beginnt zu lachen. „Hast du Angst um mich gehabt?“ „Eigentlich nicht, aber ich wollt lieber nachsehen.“ So klappe ich den Helm wieder zu. Sie hat wohl nicht damit gerechnet, sie versucht zu protestieren. Zu spät. Sie sitzt ganz ruhig da, ich höre sie leise atmen. Sie versucht sich aus den Tüchern zu befreien, aber keine Chance. Die sind fest. Inzwischen richte ich die Betten für die Nacht, sie sind ja ziemlich zerwühlt. Da fällt mir ein, dass ja am nächsten Morgen die Zugehfrau kommen würde. Ich binde ihre Hände los, helfe ihr beim Aufstehen. Sie zeigt mit der Hand auf den Helm und versucht mir klar zu machen, dass sie das Ding jetzt loswerden will. Ich führe sie ins Schlafzimmer und lege sie ins Bett. Sie hat den Helm immer noch auf. Völlig ruhig liegt sie nun da. Gut, was soll sie schon anderes machen. Ich öffne den Helm, sie blickt mich an und meint, „Schade, dass es nur einen Helm gibt. Ich möchte jetzt mit dir schlafen.“ „Es scheint dir zu gefallen.“ „Es ist komisch, aber er ist ja völlig dicht.“


174 „Stell dir vor, sie haben ihn früher irgendwelchen Leuten aufgesetzt und sie mussten ihn tagelang tragen. Das ist dann nicht mehr lustig.“ Am nächsten Morgen verräumen wir all diese Dinge, da ja die Putzfrau kommt. Wir beschließen zum Anwalt zu gehen und ihm alle Unterlagen zu übergeben. Er soll entscheiden, was er der Presse oder der Polizei sagen will. Barbara übergibt ihm eine Vollmacht. „Was willst du denn mit dem Anwesen anfangen?“ „Ja, nun weiß ich wenigsten, dass ich eine Schwester habe, ich werde auf jeden Fall mit ihr teilen.“ „Verkaufen? Lass dich beraten, vielleicht besser verpachten.“ „An einen Fernsehsender, vielleicht machen sie dann Big Brother dort im Schloss. Da können sich ja die Herren austoben.“ „Aber die Damen doch auch, oder sollen die nichts davon haben? Am besten du suchst einen Manager, oder du übernimmst gleich selbst diese Arbeit.“ „Ich werde übrigens ebenfalls nach Berlin gehen. Betti hat dort eine große Wohnung gefunden.“ „Ich dachte sie lebt dort mit Richi.“ „Nein, auf keinen Fall, sie liebt ihn doch nicht. Es verbindet sie einiges Gemeinsames, du verstehst schon was ich meine. Sie spricht immer wieder von dir, aber ich hab ihr gesagt, dass sie die Finger von dir lassen soll. Sie soll es mit Richi treiben.“ Wir gehen nicht zufällig gleichzeitig in das Bad. Wir gehen in die Dusche und seifen uns gegenseitig ein. Da klingelt es, die Putzfrau. Ich nehme meinen Bademantel und öffne ihr. „Sie hätten nicht aufmachen müssen, ich habe doch einen Schlüssel.“ „Ach ja, das hatte ich vergessen.“ Sie sieht mich etwas schräg an, als sie eine Frauenstimme aus dem Bad hört. Schnell merkt sie, dass es nicht Irmis Stimme ist. Sie sagt sehr leise, aber ich konnte es noch hören: „Du Bazi.“ Sie hat ja eigentlich recht. Wir werden Auswärts zum Frühstück gehen. Als wir an der Türe stehen und ich nach dem Schlüssel suche, legt mir Barbara eines ihrer Tücher um den Hals und wickelt es nochmals herum. „Erdrosseln Sie ihn fei nicht, ich habe meinen Lohn noch nicht bekommen.“ „Auf Wiedersehen, Frau Bierstein“, grüße ich freundlich in die Küche. „Das Tuch steht ihnen aber gar nicht gut.“ „Soll nicht ihr Problem sein.“ „Was sagt da ihre Frau dazu?“ Sie hat immer das letzte Wort. Aber eine Seele von Putzfrau. Ich kenne sie schon aus der Zeit vor meiner Ehe. Sie hat so Manches


175 aufräumen müssen. Als wir am frühen Nachmittag in die Wohnung kommen liegt auf dem Küchentisch demonstrativ ein Brief, dieser ist beschwert mit einem paar Handschellen. Sie schreibt nur, „Viel Spaß, Sie Wüstling! Ihre Gerti. Grüßen sie Ihre Frau von mir.“ Wir lachen, „Sie mag dich wohl.“ „Ja, sie hat mich mal aus einer blöden Lage befreit. Seitdem ist sie zutraulich.“ „Was ist passiert?“ „Eine meiner früheren Freundinnen, hat mich mal zu einem Päckchen verschnürt und mich liegen lassen bis zum nächsten Morgen.“ Sie hat herzlich gelacht als sie mich des Morgens so vorgefunden hat.“ „Und?“ „Sie hat mich noch eine ganze Weile so liegen lassen. Erst als sie die Betten machen wollte, meinte sie ich störe hier gewaltig. Sie löste die Fessel und schickte mich ins Bad. Als ich wieder frisch heraus kam, hatte sie ein tolles Frühstück zubereitet. Natürlich bekam sie ein gutes Trinkgeld für diese Befreiung. Sie putzt nur bei Junggesellen, aber jeder Junggeselle kommt mal unter die Haube, so sind es inzwischen auch einige Ehepaare um welche sie sich kümmert.“ „Schade, dass ich Morgen wieder nach San Remo muss.“ „Sag mal, meinst du, ich könnte noch eine Weile in deiner Wohnung bleiben?“ „Was verstehst du denn unter einer Weile?“ „So eine Woche etwa.“ „Klar geht das, ich werde es Irmi erklären.“ „Das würde ich lieber lassen. Mach sie doch nicht gleich nervös. Sie wird sich völlig zu unrecht Gedanken machen.“ „Ach ja, völlig zu Unrecht!“ „Haha!“ Ich muss morgen spätestens um zehn am Flugplatz sein. Ich werde wieder nach Nizza fliegen, da steht nämlich mein Wagen. Vom vielen Gehen, sind wir völlig fertig und schlafen recht schnell ein. Nachdem wir verschlafen haben, geschieht alles in Hetze. „Bussi, Servus und bis bald.“ Sie fällt mir noch mal um den Hals und meint, „Schade, dass ich dich jetzt ewig nicht mehr sehe.“ „Den Schlüssel legst du bitte auf den Tisch, die Türe ziehst du einfach zu. Okay?“ Mein Taxi klingelt bereits das zweite Mal und ich stürze die Treppe mit Karacho hinunter.


176 In Nizza gelandet, klingelt auch schon mein Handy und es ist Irmi. „Na mein Schatz, wieder zurück in der Arbeitswelt? Können wir uns in einer Stunde im Hotel treffen?“ „Klar, ich bin pünktlich.“ Schon schön wieder in Nizza zu sein. Ich fahre über die Autobahn nach San Remo und bin auch pünktlich im Hotel. Das Fräulein an der Rezeption meint, „Ihre Frau sitzt im Restaurant und wartet auf sie.“ Wir fallen uns um den Hals und Irmi meint, „Du kannst ja gleich duschen gehen, aber erst muss ich dir alles erzählen. Also… als du abgeflogen bist hatte ich einen ruhigen Abend.“ „Aha!“ „Da kam mir die Idee, mal ein neues Konzept aufzustellen. Gegen drei Uhr Früh, hatte ich ein völlig neues System entwickelt. Ich legte es in meine Tasche und wollte es nochmals überdenken. Am nächsten Morgen steht nun plötzlich und völlig unerwartet mein Chef im Raum und fragt, ob ich ihn zum Essen begleiten wolle. Hier eröffnet er mir, dass ein drittes Hotel hinzukommen würde. Er wusste ja nicht, dass ich es schon wusste, man hat ja schließlich seine Beziehungen. Ich fragte ihn, ob er meine Idee hören wolle. Er war begeistert und wie du weißt, war ich vorgestern in Mailand.“ „Aha!“ „Da hat man mir den Vorschlag unterbreitet, den du ja schon kennst.“ „Welchen Vorschlag?“ „Ich soll Chefin aller zwölf Hotels werden.“ „Ach ja, deshalb also Mailand.“ „Hab ich es dir denn nicht erklärt?“ „Nein, nicht so wie du es jetzt erzählst. Du gehst also nach Mailand und ich bleibe in San Remo.“ „Nein, du sollst ja mitkommen, denn Luca hat gemeint, die Umbauten übernimmst du, so sind wir ein gutes Gespann und müssen nicht getrennt werden.“ „Ja, aber die zwei Schlösser, die wir gerade umbauen.“ „Da musst du mit ihm reden. Wie findest du das denn?“ „Na ja, erstens würde ich gerne gefragt werden und zweitens, Mailand ist eine Geschäftsstadt und hat weder mit San Remo was gemeinsam und ich weiß auch nicht, ob mir Mailand auf die Dauer gefällt.“ „Aber dann könnten wir viel öfter mal nach Hause nach Brixen. Sogar München ist dann nur noch ein Katzensprung.“ „Versuchst du es mir schmackhaft zu machen?“


177 „Na ja eigentlich schon.“ „Du hast dich wohl schon entschieden?“ „Eigentlich ja.“ „Ich finde es einfach nicht gut, dass ich hier so überrollt werde. Ich soll meinen Beruf aufgeben und zukünftig den Hausmeister für die Hotels spielen.“ „Du bist sauer, stimmts?“ „Ja, ziemlich. Ich möchte es mir überlegen.“ „Wir müssen aber morgen nach Mailand, die Flüge sind bereits gebucht.“ „Entscheiden werde ich aber nichts. Wer soll denn dann eigentlich meinen Job machen?“ „Da hätten sie einen jungen Mann, der sollte sowieso dein Assistent werden.“ „Sie wollen mich eigentlich rausschmeißen, oder sehe ich das etwa falsch?“ „Du willst einfach nicht verstehen, es ist für mich die Chance.“ „Ich soll also meinen Beruf aufgeben, damit du deine Chance hast.“ „So nicht, lass uns bitte noch heute Abend darüber reden.“ Sie steht auf und geht raus, ohne wie üblich noch ein Bussi zu geben. Ich glaube, sie hat es sich einfacher vorgestellt. Da kommt eine SMS von Barbara. „Deine Wohnung ist wunderbar, am liebsten würde ich hier bleiben, was hältst du davon?“ Ich muss lächeln, komisch wie sich die Sachen ergeben. Ich verstehe ja, das Irmi einfach noch sehr jung ist und ihren Beruf über alles liebt. Aber muss ich deshalb gleich Hausmeister werden? Nein, so nicht. Mein Entschluss steht fest, ich mache da nicht mit. Ich habe genug Arbeit und brauche die Italiener nicht. Dann mache ich so weiter wie bisher. Der Abend in der Wohnung verläuft ziemlich schweigend. Irmi versucht mir die Sache nochmals schmackhaft zu machen, aber ich blockiere total. Am nächsten Morgen müssen wir bereits um sechs Uhr am Flughafen sein. Unsere Stimmung hat den Tiefpunkt erreicht. Gegen neun sind wir im Verwaltungsgebäude der Organisation. Wir werden in einen Konferenzraum gebeten. Nach und nach treffen verschiedene Herren ein, die mir alle unbekannt sind. Als wir Platz genommen haben, ergreift einer das Wort. Er stellt uns gegenseitig vor und erklärt, warum wir hier alle an einem Tisch sitzen. Er berichtet über das neue Firmenkonzept und kommt auch direkt zur Sache. Irmi soll neue Gesamtchefin der Hotel Group werden. Alle stimmen zu, also keine Frage. Jetzt kommen sie zu mir. Sie stellen den neuen Assistenten vor. Ein etwa zweiunddreißigjähriger Bursche. Er steht auf und berichtet über seinen bisherigen


178 Werdegang. Alle sehen mich an und erwarten wohl eine Reaktion. Ich zucke die Schultern und sage, „Wenn sie meinen. Ich verstehe nicht, wie das alles klappen soll. Aber wenn sie bereits einen Nachfolger haben, dann ist ja mein Kommentar eigentlich sowieso überflüssig.“ Die Sitzung wird unterbrochen und der Vorredner bittet mich in sein Büro. Er versucht umständlich zu erklären, dass sie auf Irmi nicht verzichten können. „Verstehe. Eigentlich brauchen sie mich doch gar nicht mehr.“ „Wir wollen sie aber als Ehepaar einbinden. Unser Vorstand legt großen Wert darauf, möglichst immer Ehepaare zu verpflichten.“ „Verstehe. Erwarten sie denn sofort eine Entscheidung von mir? Meine Frau hat sich ja bereits entschieden.“ „Sie schließen San Remo noch ab, aber ihre Frau muss sofort nach Mailand.“ „Ja da sehe ich kein Problem, wir werden uns halt nur am Wochenende sehen. Aber das halten wir schon aus.“ „Dann lassen sie uns bitte wieder in den Konferenzraum gehen.“ Wieder am runden, eigentlich ist er ja oval, Tisch angelangt, verkündet nun der Vorstand seine Entscheidung. Irmi geht bereits nächste Woche nach Mailand. Mein Platz wird für die nächsten drei Monate auf jeden Fall noch San Remo sein. Auf dem Weg zu Flughafen reden wir kaum ein Wort. Ich glaube es hat intern im Konzern einen Riesenkrach gegeben. „Wahrscheinlich hat einer in die eigene Tasche gewirtschaftet, alles eben Mafia.“ Irmi sinniert plötzlich, „Wir hätten eben in Brixen bleiben sollen.“ „Gute Leute werden immer gebraucht. Aber ich glaube, du solltest den Posten annehmen. Du kannst ja nach zwei Jahren wieder gehen.“ „Wärest du damit einverstanden?“ „Wir würden uns in den nächsten drei Monaten halt nur noch am Wochenende sehen. Einverstanden?“ Sie sendet eine SMS an den Vorstand, dass sie die Stelle antreten wird. „Also ab nächsten Montag dann in Mailand.“ Wir kommen ziemlich erschlagen in unserer Wohnung an und setzen uns mit einem Fläschchen Wein auf den Balkon. Irmi beginnt, „Eigentlich wollten wir uns doch hier eine Wohnung kaufen und bleiben.“ „Ja so ist das eben, wenn man Managerin sein will.“ Sie beginnt bereits vom Umzug zu reden. Welche Dinge sie hier lässt und welche sie unbedingt in Mailand braucht.


179 „Da werden wir wohl so manches Ding doppelt brauchen.“ Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Samstag beginnt Irmi die Koffer zu packen. Der Sonntag verläuft ziemlich einsilbig. Irmi merkt, dass sie eventuell einen Fehler gemacht hat. Sie zweifelt an ihrem Entschluss. Ich halte mich mit meiner Meinung zurück. Montag früh richte ich das Frühstück. Irmi räumt die Sachen in den Wagen und sieht mich traurig an. „Du wolltest es so.“, sagt Irmi. Sie fährt langsam vom Grundstück, so als würde sie lieber bleiben. Als ihr Wagen um die Ecke schleicht, kommt mir der Gedanke, dass uns der Beruf die Ehe kaputt machen wird. Den restlichen Tag verbringe ich damit meine Sachen zu regeln, die in den letzten Tagen liegen geblieben sind. Ich beschließe mal ein längeres Gespräch mit Richi in Berlin zu führen. Er ist ganz erstaunt von mir zu hören. Zuerst schwärmt er von seiner Freundin Betti. „Eine wunderbare Frau, wir ergänzen uns perfekt.“ „Das freut mich.“ Ich berichte ihm von meinem Desaster hier in San Remo. Wir telefonieren gut eine Stunde miteinander. Dann ist es mir wohler, so habe ich mal alles von der Seele geredet. Gegen Abend spaziere ich an die Uferpromenade. Ich setze mich in ein kleines Restaurant, als ich einen Anruf von Irmi bekomme. „Na, was treibst du gerade?“ „Ich räume meine Sachen in die Schränke.“ „Am nächsten Wochenende geht es übrigens nicht, da haben wir Sitzung.“ „Das geht ja schon gut an. So wird ein Wochenende nach dem anderen dahingehen.“ Ich wünsche ihr noch eine gute Nacht und erhebe das Glas auf sie. „Bussi, Bussi.“ Noch spät nachts ruft mich Barbara an, sie hat über Richi von der ganzen Sache gehört. „Also komme ich jetzt zu dir.“ „Bitte Barbara, das geht nicht.“ Sie erzählt von meinem Anwalt, dass er einen Kontakt zum Fernsehen gemacht hat, sie wollen eventuell einen Film drehen. „Super, dann hast du endlich mal Einnahmen.“ „Ich bin übrigens immer noch in deiner Wohnung. Ich werde dir den Kühlschrank auch wieder auffüllen. Deine Putze war heute da, wir hatten einen riesigen Spaß. Sie hat mir so manche Geschichte aus ihrem Leben erzählt. Man könnte darüber ein Buch schreiben. Ich wünschte du wärest jetzt bei mir.“


180 „Barbara lass den Unsinn. Du weißt, dass das nicht geht.“ „Warum denn nicht, ich könnte ja auch nach San Remo kommen.“ „Nein, auf keinen Fall.“ „Sei umarmt und ein dickes Bussi, schlaf gut.“ Vielleicht hätte ich mit ihr tatsächlich den besseren Partner gefunden. Der nächste Morgen bringt einen seltsamen Anruf. Eine Anwaltskanzlei fragt an, ob ich Interesse hätte eine Villa in der Toskana umzubauen. Falls ich mich entscheiden würde, käme noch ein Stadtpalast in Florenz dazu. Ich ließ mir Bedenkzeit geben und notierte die Nummer. „Könnte ich auch mit dem Bauherren direkt sprechen?“ „Es ist ein sehr vermögender Besitzer, der noch nicht genannt werden will. Er ist deutscher, ziemlich bekannt.“ „Wie lange rechnet er denn mit den Umbauarbeiten?“ „Ein Architekt ist mit den Dingen bereits beschäftigt und hat ihre Empfehlung bekommen. Später werden sie verstehen, wie wir auf sie kommen. Es hängt weitläufig mit Brixen zusammen.“ „Okay, ich verstehe.“ „Wann könnten wir uns treffen?“ „Es müsste in Köln sein. In unserer Kanzlei, ein reines Vorgespräch, sozusagen zum Abtasten, ob man sich sympathisch findet.“ „Finde ich gut, das ist auch meine Philosophie.“ „Wann hätten sie denn mal Zeit?“ „Nächster Dienstag ginge es bei mir, da ich vorher in München bin.“ Habe ich einfach mal so dahin geschwindelt. Nach zehn Minuten bekomme ich einen Rückruf mit Termin Bestätigung. Im Internet reserviere ich mir einen Flug. Die restlichen Tage der Woche vergehen ruckzuck. Nur einmal ist es Irmi gelungen durchzurufen. Immer wenn ich ihr Handy rufe, wird abgeschaltet. Sie scheint schrecklich im Stress zu sein. Die Arbeiten in Arles werden ohne Reklamation abgenommen. Das freut einen ja dann doch. Da die Herren mit Bargeld abrechnen wollen, wird das Wochenende noch erfreulicher. Auch ich rechne mit meinem Kollegen sofort ab, er hat seine Arbeit toll gemacht, es war ja schließlich seine erste Auslandsarbeit. Ich werde ihn sicher wieder berücksichtigen. Da ich bereits montags sehr früh nach Köln fliege, verziehe ich mich leise nach dem Mittagessen. Ich bummle ganz gemütlich Richtung Flugplatz Nizza, als ein Ferrari an mir vorbei braust. Er bremst aber ab und winkt, „kenn ich den?“


181 Er deutet mir, dass ich bei der nächsten Raststelle rausfahren soll. Als wir nebeneinander stehen, erkenne ich den Herrn als einen vom Vorstand aus Mailand. Ob ich etwas Zeit hätte, vielleicht auf einen Kaffee?“ „Ich bin doch sehr verwundert.“ Er wolle mir einiges erklären. „Es gibt innerhalb der verschiedenen Familien Borsani Erbstreitigkeiten.“ „Aha, ich verstehe.“ „Die einen wollen die Firma wie bisher erfolgreich weiterführen, die anderen wollen Geld sehen.“ „Ich verstehe.“ Er erklärt mir, dass es sein könne, dass meine Arbeit komplett wegfallen würde. „Wie steht es dann mit meinem Vertrag?“ „Er müsste ausbezahlt werden.“ Ich solle mir schon mal Gedanken machen über die Abfindungssumme. „Vielen Dank für den Tipp.“ Ich bitte ihn noch um eine Karte, aber er hatte keine zur Hand, oder besser, er wollte keine herausgeben. So kannte ich nur seinen Vornamen „Mario“. Ich saß noch einen Moment im Wagen und dachte, den werde ich wohl dann zurückgeben müssen. Als Erinnerung bliebe mir nur noch mein hundertdreißiger Coupe. Auch egal. Jetzt kann ich in Ruhe nach Köln fliegen. Es war ein ziemlich stürmischer Flug, ich verzichtete sicherheitshalber auf ein Frühstück im Flieger. In Köln wurde ich von einem Herrn im dunklen Nadelstreifenanzug abgeholt. Ich stellte mich vor und er bat mich zum Wagen. Wir fuhren ohne ein Wort zu sprechen direkt in die Kanzlei. Eine schöne sehr vornehme Kanzlei, alles in dunkles Holz gekleidet. Es wurde nur geflüstert. Man bat mich in einen Konferenzraum. „Haben sie schon gefrühstückt?“ „Bitte nur einen Kaffee, hätten sie vielleicht noch einen Orangensaft?“ Ein Herr im schwarzen Anzug tritt ein, „Gestatten, Müller-Heidenstahl.“ Ich gebe ihm meine Karte. „Ja, erzählen Sie doch mal, was Sie so gemacht haben.“ Ich beginne bei Adam und Eva meinen Werdegang aufzuzählen. „Kommen wir doch mal speziell auf die Schlösser der letzten Zeit zu sprechen.“ Ich nehme meine Mappe und blättere für ihn die verschiedenen Projekte durch. „Alles natürlich mit Referenzen.“ „Das gefällt uns gut. Wir dürfen Ihnen den Namen unseres Klienten noch nicht nennen, aber soviel sollen Sie wissen. Er hat einen Stadtpalast mit viertausend


182 Quadratmetern gekauft und zwar in Florenz. Dieses Projekt soll ein Hotel werden. Da sind sie uns aus Italien empfohlen worden.“ „Darf ich wissen von wem?“ „Spielt keine Rolle. Unser Klient hat des Weiteren ein Herrenhaus auf dem Land gekauft, hier will er zukünftig wohnen. Diese beiden Projekte werden über unsere Kanzlei beaufsichtigt. Das heißt, die Baufirmen werden von uns direkt bezahlt. Wenn Sie noch Zeit haben, können wir ja mal die vorläufigen Pläne ansehen.“ Er bestellt eine Frühstücksplatte und lässt die Pläne kommen. Schon beeindruckend, was ich da zu sehen bekomme. „Wir rechnen mit etwa drei Jahren Bauzeit, wie sehen Sie das?“ „Da will ich noch nichts zu sagen, da müsste man schon mehr Zeit haben und auch die Projekte im jetzigen Zustand sehen. Ich möchte aber schon gerne wissen, wer mich empfohlen hat?“ Unser Klient war kürzlich in Brixen und hat da ein von Ihnen fertiggestelltes Projekt gesehen.“ „Gut, ich vermutete schon eine andere Quelle.“ „Die Empfehlungen die wir bekommen haben, sind ausgezeichnet.“ „Wann soll die Entscheidung fallen?“ „Wenn Sie ja sagen, geht es morgen los. Sie bekommen einen ordentlichen Vertrag und eine Dienstwohnung in Florenz. Wir wollen mit den Umbauten möglichst bald beginnen.“ „Die Baugenehmigungen sind schon vorhanden?“ „Wir brauchen noch eine Tektur, aber sonst ist alles genehmigt.“ „Klingt gut, was haben sie denn so an Honorar gedacht?“ „Sie dürfen sicher sein, unser Klient ist großzügig. Er weiß auch, dass er einen guten Mann braucht, sonst geht alles den Bach hinunter.“ „Okay, klingt gut. Bis wann muss ich mich entscheiden.“ „Ich stehe im Moment unter Vertrag und muss erst klären, wie es bei diesem Projekt weitergehen soll.“ „Wir geben Ihnen eine Woche, dann sollten Sie wieder hier erscheinen.“ „Einverstanden.“ Wir nehmen noch gemeinsam unser Frühstück ein und verabschieden uns. Auf dem Rückweg werde ich kurz über München fahren. Ich nehme den Zug. Als ich die Wohnung aufsperre, höre ich rascheln, aber sonst nichts. In der Küche sitzt meine Besucher Katze auf dem Tisch und zerreist gerade eine Tüte. Barbara ist entweder schon abgereist oder gerade unterwegs. Ich hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setze mich auf den Balkon. Das Kätzchen freut sich über


183 meinen Besuch und setzt sich umgehend auf meinen Schoß und beginnt zu schmusen. Da sperrt auch schon die Türe, Barbara kommt mit Einkaufstüten. „Hallo was machst du denn hier? Du hattest doch nicht etwa Sehnsucht nach mir?“ „Nein, nur nach meiner Wohnung“, log ich.“ „Okay Scheusal.“ Sie umarmt mich und drückt mir einen festen Kuss auf den Mund. Sie will alles wissen. Sie hat ja von Richi schon einiges gehört und hakt nun nach. Ich erzähle wie es ist, soll sie ruhig Bescheid wissen. Sie erzählt von Verhandlungen mit dem Fernsehsender und das die Chancen gut stehen, das Projekt zu vermarkten. „Aber was machst du mit den Leichen im Keller?“ „Das wird soeben vom Anwalt geprüft. Es könnte aber gut für unser Projekt sein. So was Gruseliges hatten die schon lange nicht mehr. Eine Idee, ähnlich wie Big Brother haben sie auch schon. Da man das Schloss komplett verriegeln kann. Der Projektleiter wird immer richtig scharf, habe ich den Eindruck.“ „Dann bringe ihn doch mit Betti zusammen, dann bekommt er was er will.“ „Eine gute Idee. Wie lange willst du denn bleiben?“ „Ich habe keine Eile. Ein paar Tage auf jeden Fall.“ „Ich habe morgen einen Termin beim Sender, komm doch einfach mal mit. Du wirst dich wundern, was das für Typen sind. Sie wollen nächste Woche zum Besichtigen nach Meck-Pomm. kommen.“ „Ach, dann wirst du ja die Wohnung wieder verlassen.“ „Was soll das denn heißen?“ Du wirst mir doch einen Schlüssel geben, oder etwa nicht?“ „Was willst du denn machen, wenn Irmi plötzlich im Türrahmen steht?“ „Ich werde ihr etwas zu trinken anbieten und sie fragen, ob sie lieber links oder rechts schläft?“ „Aha. Ich glaube sie sieht das etwas anders.“ „Mailand-München, da hat sie gute Verbindungen.“ „Ich glaube aber eher, dass sie zuerst mal in ihre Wohnung nach Brixen fahren wird, dort war sie schon Monate nicht mehr.“ „Wo habt ihr denn noch über all Wohnungen?“ „Ich habe eine in San Remo gekauft, Irmi weiß es noch gar nicht. Es sollte eine Überraschung zum ersten Hochzeitstag werden. Ich renoviere sie gerade. Sie ist ein kleines Schmuckkästchen. Nur sechzig Quadratmeter. Ein toller Blick über den Ort und das Meer.“


184 „Da müssen wir hin, komm lass mich mit dir kommen.“ „Nein, du kümmerst dich um die Fernsehleute, schließlich musst du mal wieder Geld verdienen.“ „Du Scheusal, Antiromantiker, ach ich weiß gar nicht, was du noch alles bist. Aber ich liebe dich.“ „Bedenke, ich bin verheiratet.“ „Aber doch nur noch auf dem Papier. Schon nach einem Jahr ist eure Ehe am Ende.“ Ich sage nichts aber gebe ihr irgendwo Recht. Die nächsten Tage erhalte ich über mein Handy verschiedene Anrufe von diversen Vorständen. Ich werde nach Mailand kommen, verspreche ich. Ich nehme also den Zug schon am folgenden Tag. Barbara will noch ein paar Tage bleiben und dann mit dem Team nach Wismar reisen. Wir versprechen uns nicht mehr aus den Augen zu lassen. In Mailand ist es stickig heiß. Die Abgase hängen zwischen den Häusern, wie man hier nur wohnen kann? Auf direktem Weg steuere ich den Palazzo an, um den Vorstand zu treffen. Ich habe einen Termin in einer halben Stunde bin aber schon vor der Türe. Bis ich beim Empfang ankomme, sehe ich schon auf dem Gang Irmi herbeistürmen. „Warum hast du denn nichts gesagt, dass du kommst?“ „Es sollte eine Überraschung sein. Der Vorstand hat mich gebeten. Du ahnst ja sicher was sie wollen.“ „Du weißt also Bescheid, warum rufst du mich nicht an und informierst mich?“ „Aber sei beruhigt, ich habe einen Tipp bekommen.“ „Von wem?“ „Wenn du es für dich behältst. Mario, hat mich informiert.“ „Sei vorsichtig, der dreht sich wie er es braucht. Außerdem will sein Freund ihn aus dem Gewühle holen, er will mit auf einem Landgut leben.“ „Ach so ist das. Aber immerhin hat er mir rechtzeitig einen Tipp gegeben, so war ich wenigstens vorbereitet.“ „Was willst du denn tun?“ „Ich habe einen Vertrag. Sollen sie ihn auszahlen.“ „Sei bitte vorsichtig, schließlich bin ich ja hier in einer gehobenen Position.“ „Ich habe meinen Termin in zwei Minuten.“ „Viel Glück.“


185 Sie hat mir kein Bussi gegeben. Ist sie so im Stress? Oder hat sie bereits einen Anderen. Die Herren Vorstände sind alle vollzählig erschienen. „Wir haben ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten. Das geplante Projekt muss aufgegeben werden. Die Familien können keine Einigung finden. Wir wollen Sie nicht verlieren, haben aber zurzeit keine Aufgaben für Sie. Am liebsten würden wir sie einfach freistellen. Wir wissen aber, dass das nicht geht. Unser Vorschlag, wir zahlen ihnen hundertfünfzigtausend und sie können den Firmenwagen behalten. Was halten sie davon?“ „Wenn ich ihnen den Firmenwagen zurückgebe und sie legen 100 tausend drauf, das wäre machbar.“ „Das geht nicht, sie müssen verstehen, dass uns der Firmenwagen nur etwa die Hälfte kostet, da wir ja am Werk beteiligt sind.“ „Ich will ihre Freundschaft nicht verlieren und ich würde mich freuen wenn Sie mir ihre Türen offen lassen, so würde ich den Vorschlag akzeptieren.“ Der Herr vom Vorstand, kommt auf mich zu und drückt mir die Hand, umarmt mich und meint, „Ich wusste sie sind ein Mann von uns. Wir werden immer und das verspreche ich Ihnen persönlich, auf Sie zurückgreifen. Sie brauchen nur noch hier unterschreiben.“ „Sie gestatten aber doch, dass ich lese, was ich unterschreibe.“ „Lesen Sie in Ruhe und Frühstücken sie in meinem Büro.“ „Gerne!“ Er geht mit mir in das Büro nebenan. Wir gehen den Vertrag Stück für Stück durch. „Ist die Steuer in diesem Betrag enthalten, oder kommt sie noch darauf?“ „Wir werden die Hälfte der anfallenden Steuer übernehmen.“ „Okay, das muss noch in den Vertrag. Die Kfz-Papiere erhalte ich wann?“ „Ja, das ist so ein Problem, es ist ja ein Werkswagen.“ „Dann müssen Sie ihn auslösen.“ „Okay, das kommt auch noch in den Vertrag. Ich glaube dann haben wir das alles.“ „Ich glaube auch.“ „Noch eine Nacht drüber schlafen?“ „Nein, wir unterschreiben nachdem die Kleinigkeiten geändert sind.“ Er holt die Sekretärin und bittet um eine Abänderung. Eine halbe Stunde später sitzen wir im Firmenrestaurant und stoßen auf die gütliche Einigung an. Am Nachmittag treffe ich dann Irmi. „Wie soll es mit uns weitergehen?“ „Hast du bereits einen Freund?“ Sie stottert und meint, „Auf keinen Fall.


186 Wir werden doch nicht auseinander gehen?“ Sie schlägt vor, dass wir uns in den nächsten Wochen in Brixen treffen. Dann will sie noch wissen, wie wir uns geeinigt haben. „Alles im Guten, dass ist das Wichtigste.“ „Okay, wir treffen uns in Brixen.“ „Soll ich noch bleiben oder hast du für abends schon einen Termin?“ „Heute Abend geht es leider nicht, wir gehen mit dem Vorstand zum Abendessen. Ich verstehe, du scheinst dich in Mailand wohl zu fühlen?“ „Ja, ich bin gerne hier, die Stadt gefällt mir.“ Wir nehmen uns in die Arme und gehen aus einander. Gleich am Morgen des nächsten Tages gehe ich zu meinem neu erworbenen Appartement. Es gefällt mir gut, ich beschließe die Firmenwohnung zu räumen und ab sofort hier zu sein. Auf dem Weg zum Firmensitz schaue ich noch bei der Bank vorbei, ich staune nicht schlecht, das Geld ist bereits auf dem Konto. Ich spreche mit dem Filialleiter und frage ihn, wie ich es am besten anlegen soll. „Kein Risiko bitte, ich möchte immer darüber verfügen können.“ „Sie haben aber sowie so noch kein Geld angerührt, vom Gehalt, da ist eine Menge zusammen gekommen.“ „Na dann, geben Sie mir mal zehntausend, ich muss noch die Möbel für meine neue Wohnung kaufen.“ Ich beschließe die nächsten Wochen hier zu bleiben. Aber vorher muss ich noch in Köln zusagen. Ein Gefühl beschleicht mich, ich glaube meine Ehe ist tatsächlich schon am Ende, bevor sie richtig angefangen hat. Alle haben mich vor so einer jungen Frau gewarnt. Sie ist einfach für mich zu jung. Ich bummle kreuz und quer durch die Altstadt. Da steht plötzlich eine Frau vor mir. „Entschuldigung, ich habe mich verlaufen. Mein Hotel muss hier in der Nähe sein.“ „Wie heißt es denn?“ „Ach ja, das ist tatsächlich nicht weit. Sie sind versehentlich eine Straße zu weit gegangen. Kommen Sie, ich bringe sie zum Hotel.“ „Darf ich Sie noch zu einem kleinen Appero einladen?“ „Neben ihrem Hotel ist eine sehr nette Bar.“ „Na, dann zeigen Sie mir diese mal.“ Sie scheint Schweizerin zu sein, aber ich kann mich auch irren.


187 Wir setzen uns an einen Tisch, der zum Gehsteig den Blick richtet. So können wir ein bisschen den Trubel beobachten. „Sind Sie hier im Urlaub oder arbeiten sie hier?“ „Ich bin Architekt und habe gerade einen Auftrag abzuwickeln.“ „Bleiben sie noch länger oder haben sie schon einen Anschlussauftrag?“ „Noch nichts Konkretes, aber Arbeit hab ich immer.“ „Ich frage sie so direkt, weil wir ein Bauvorhaben in der Nähe von Rom haben.“ „Es tut mir leid, aber ich interessiere mich nur für alte Gemäuer. Neubauten mache ich nicht.“ „Verstehe.“ „Geben Sie mir aber auf jeden Fall mal ihre Karte.“ Ich erkläre ihr, dass ich am nächsten Tag viel Arbeit habe und nun langsam nach Hause müsse. Sie hätte es wohl lieber gehabt, wenn ich noch etwas geblieben wäre. In meinem Appartement angekommen, merke ich erst jetzt, wie leer es eigentlich noch ist. Außer einem Bett steht kaum etwas darin. Da aber schon morgen die Möbel kommen, werde ich die Nacht auch noch überstehen. Ich mache das Licht wieder aus, da ich ja noch nicht mal Vorhänge habe. Da fast Vollmond ist, ist es ja sowieso hell genug. Bei offenem Fenster höre ich die Grillen zirpen, welche in den Zypressen sitzen. Die angenehme Meeresluft weht herüber vom Strand. Während ich den Blumenduft genieße, schlafe ich ein. Die Morgensonne kommt ungehindert in mein Schlafzimmer. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, es ist erst fünf Uhr dreißig. Ich schnappe mir ein Tuch und verbinde mir die Augen, so ist es wieder dunkel. Als ich dann endgültig aufwache, ist bereits halb neun. Da mich ja nichts in der Welt zur Eile treiben könnte, gehe ich erstmal auf den Balkon und lasse meinen Blick schweifen. Das Meer glitzert, ein großes Segelschiff zieht gerade vorüber. Etwas schräg unter meinem Appartement richtet in einem kleinen Café der Ober die Tische. Jetzt hält mich nichts mehr. Unter die Dusche und ab zum Frühstück. Das Café hat gerade mal sechs Tische und der Ober ist gleichzeitig der Besitzer. Er ist unheimlich höflich und bemüht, mir einen schönen Tisch zu decken. Den Orangensaft presst er höchst persönlich von frischen Orangen. Der Kaffeeduft kommt bereits herüber und ich beginne zu träumen. Eine Frau an meiner Seite, wäre bestimmt nicht falsch. Irmi scheint sich aber anders entschieden zu haben. Sie hat sich bereits drei Tage nicht mehr gemeldet. Wenn ich anrufe, geht sie nicht dran. So rufe ich Barbara an und frage sie nach ihrem Befinden. Sie ist immer noch in meiner Wohnung und scheint sich sauwohl zu fühlen. „Hast du nicht Lust, nach San Remo zu kommen?“


188 „Woher dein Sinneswandel?“ „Es täte mir gut, und ich wollte dir eine Freude mache.“ „Ich muss aber mit den Filmleuten nach Meck-Pomm.“ „Möchtest du, dass ich mitkomme?“ „Natürlich wäre es mir lieber, Unterstützung zu bekommen. Aber das musst du entscheiden. Wieso hast du denn plötzlich soviel Zeit?“ „Ich habe mich entschlossen ein paar Tage Urlaub zu machen, außerdem warte ich noch auf einen Bescheid meines neuen Projektes.“ „Gebe mir bitte Nachricht, wie du dich entscheidest.“ „Ich sitze hier gerade in einem kleinen sehr netten Cafe mit Blick auf den Hafen und genieße mein Frühstück.“ Ich entscheide mich gegen eine Reise nach Meck-Pomm. und bleibe lieber hier. Ich werde meinen neuen Wagen genießen und ein wenig die Blumen-Riviera entlang bummeln. Vielleicht kommen mir ja noch ein paar gute Ideen für meine Einrichtung. Da meldet sich auch schon das Umzugsunternehmen und fragt, ob es nicht auch heute ginge, sie hätten gerade Zeit. Warum nicht? Es sind ja nur ein paar Stücke und diese werden gleich hier sein. Ich schlendere noch durch die schmalen Gassen und sehe mir meine neue Nachbarschaft an. Hier finde ich auch ein Gardinengeschäft. Ich vereinbare gleich einen Termin zum Ausmessen. Als ich wieder vor meiner Haustüre stehe, kommt auch schon der Spediteur um die Ecke. Am schwierigsten ist der Wohnzimmerschrank, da das Stiegenhaus relativ eng ist. Sie kratzen ein wenig an den Wänden. Aber schließlich klappt es doch, dass Ding ist im Wohnzimmer. Noch fünf Kisten und der Umzug ist überstanden. Da fällt mir ein, dass ich kürzlich ein Küchenstudio gesehen habe. Ich mache mich direkt auf den Weg. Es ist ein kleines Studio, aber sehr individuell. Eine sehr professionelle Beraterin möchte die Küche lieber zuerst sehen und anschließend eine Beratung durchführen. Einige Kleingeräte nehme ich gleich mit, so dass ich mir wenigstens schon mal einen Kaffee machen kann. Die Anwaltskanzlei aus Köln meldet sich mit der Nachricht, dass man sich gerne in Florenz treffen würde. Wir vereinbaren einen Termin eine Woche später. Das gefällt mir, so habe ich jetzt eine Woche stressfreien Urlaub. Ein zum Haus gehörender Hausmeister bietet seine Dienste an, um Bilder aufzuhängen und kleine handwerkliche Tätigkeiten auszuführen. Gerne nehme ich seine Dienste in Anspruch.


189 Die nächsten Tage verbringe ich mit Dekorieren und Aufräumen. Für die Küche haben wir eine gute Lösung gefunden. Es wird aber drei Wochen dauern, bis sie endgültig eingebaut wird. Ich fahre nochmals in das alte Appartement um nachzusehen, ob ich nichts vergessen habe. Irmis persönliche Gegenstände verpacke ich in zwei Kisten. Es ist sowieso kaum noch etwas da, da sie ja fast alles mit nach Mailand genommen hat. Meine Versuche sie zu erreichen, scheitern. Sie scheint ein neues Handy zu haben. Ich werde in zwei Tagen mit dem Wagen nach Mailand fahren. Die Schlüssel für die alte Wohnung habe ich inzwischen übergeben, so dass dieser Lebensabschnitt abgeschlossen ist. Nach Mailand werde ich mit dem Hundertdreißiger fahren. Am Vortag mache ich noch einen Ölwechsel und lasse ihn kurz durchchecken. Am nächsten Morgen wache ich schon früh auf und entschließe mich auch gleich aufzustehen. Ich werde auf der Strecke mein Frühstück nehmen. Der Wagen schnurrt, als hätte er schon seit Wochen darauf gewartet, mal wieder ausfahren zu dürfen. Für sein Alter steht er noch da, als hätten sie ihn gestern ausgeliefert. Sein Sechszylinder läuft so leise, als würde er noch gar nicht an sein. Auf der Autobahn lasse ich ihn mal richtig sausen. Bei einer großen Raststelle entschließe ich, erstmal richtig zu frühstücken. Nach einer guten Stunde setze ich die Fahrt fort. In Mailand steuere ich ein Parkhaus an, von hier werde ich ein Taxi nehmen. In der Zentrale angekommen, erfahre ich, dass Irmi heute frei hat. Ich nehme also ein Taxi zu ihrer Wohnung. Ihr Wagen steht vor der Haustüre. Ich läute, aber keiner macht auf. Sie scheint nicht da zu sein. Dann werde ich noch heute nach Brixen fahren. Inzwischen ist es ein Uhr. Als ich meine Fahrt fortsetzen will, entdecke ich einen Ölfleck unter dem Wagen. Wenn der von meinem Wagen ist, muss ich aber bald etwas unternehmen. Ich werde es im Auge behalten. Nach etwa achtzig Kilometern geht der Anzeiger für den Öldruck in den Keller. Ich fahre sofort rechts ran. Weit und breit keine Ortschaft. Ich rufe über mein Handy die nächste Polizeistation. Dort ist man sehr freundlich und verspricht Hilfe. Wo ich denn gerade sei, wenn ich das nur wüsste. Ich schildere die Straße. Einer der Beamten meint, er müsse sowieso nach Hause, er würde vorbeischauen. Nach etwa einer Stunde kommt ein kleiner Fünfhunderter angebraust. „Tut mir leid, aber es ging nicht schneller.“ Er betrachtet sich das Malheur.


190 „Mein Schwager hat eine Werkstatt.“ Er ruft ihn sofort an und schwärmt von dem schönen Hundertdreißiger. Er würde sofort aufbrechen mit seinem Abschleppwagen. Nach wiederum einer Stunde war der Schwager dann auch schon da. „Der muss nach Mailand zu Fiat.“ „Das sehe ich auch so.“ Er lädt den Wagen vorsichtig auf. „Sie werden sehen, es ist nichts Großes. Sicher nur eine Dichtung.“ Die Werkstatt sieht das anders. „Lassen Sie ihn einfach mal hier. Wenn wir Ersatzteile brauchen, wird es dauern.“ „Aber achten sie darauf, dass er nicht beschädigt wird. Es ist ein Familienheiligtum.“ „Schon klar.“ Wir tauschen die Adressen aus und ich nehme einen Leihwagen. Ich komme erst spät abends in Brixen an. Gehe wie gewohnt zu meinem Hotel und wen sehe ich da sitzen? In trauter Zweisamkeit. Irmi mit einem jungen Mann. Ich trete zurück und überlege ob ich nicht in ein anderes Hotel gehen soll. Es gibt ja noch das kleine Hotel um die Ecke. Ich mache das, denn begegnen will ich Irmi jetzt nicht. Ich spaziere noch durch die mir so vertrauten Gassen und gehe zum Abendessen in die kleine Pizzeria, bei der ich so oft mit Irmi war. Der Ober meint auch sofort, „Wo hast du Irmi gelassen?“ „Sie kommt später“, schwindele ich. Es geht mir immer wieder durch den Kopf wie soll ich reagieren? Auf sie zugehen oder wie oder was? Nach dem Essen spaziere ich zu unserer gemeinsamen Wohnung. Es ist Licht. Sicher ist sie zu Hause. Ich gehe zum Gehsteig gegenüber und blicke hinauf. Da sehe ich zwei Personen. Erst jetzt fällt mir auf, dass der Wagen vor dem Eingang der Ferrari ist, welchen ich mal getroffen habe. Es ist also der junge Mann aus dem Vorstand. Ich muss zugeben, er passt gut zu Irmi, aber es sitzt doch tief in mir. Bin ich jetzt beleidigt, vielleicht ist ja jetzt der Weg offen, um mit Barbara zusammen zu kommen. Kein Nachteil ohne Vorteil, denke ich. Habe ich Irmi wirklich geliebt? Oder war es die Eitelkeit, mit so einer jungen Frau zusammen zu sein? Ich weiß es im Moment nicht so recht. Ich will nichts überstürzen. Ich halte es für besser, erstmal in mein Hotel zu gehen. Ich nehme mir noch einen Chianti mit aufs Zimmer. Es ist eine wunderbare Nacht, ich öffne die Balkontüre und Brixen ist so, wie ich es liebe. Ob ich hier überhaupt noch öfter sein werde? Wie soll ich Irmi zukünftig begegnen, wenn wir uns hier in unserem gemeinsam geliebten Ort treffen? Der Wein macht mich schwermütig, so entscheide ich mich für das Schlafengehen. Ich will jetzt nicht länger darüber nachdenken. Es zieht ein Gewitter auf, so eines, wie wir es hier öfter gemeinsam erlebt haben.


191 In den Bergen kracht es manchmal schon recht heftig, aber anschließend ist die Luft wieder rein. Als ich am nächsten Morgen in den Frühstücksraum komme, werde ich sofort von Anneliese begrüßt. „Hallo, warum wohnst du hier?“ „Irmi und ich haben ein wenig Unstimmigkeiten.“ „So so, das gehört dazu.“ „Ihr seid doch jetzt bald ein Jahr verheiratet. Oder?“ „Ja, du hast Recht. Noch zwei Wochen, dann haben wir Hochzeitstag.“ „Du sagst das aber nicht glücklich.“ „Unstimmigkeiten, du verstehst.“ „Komm, setz dich dort in die Ecke, da hast du deine Ruhe, ich bringe dir noch eine Zeitung.“ Als sie mir das Frühstück bringt, meint sie, „Irmi ist ja ebenfalls da.“ „Ja ich weiß.“ „Sie ist aber nicht allein, habe ich gehört?“ „Was du so alles hörst. Anneliese, behalte es für dich, dass ich da bin.“ „Okay, ich schweige wie ein Grab.“ Nach dem Frühstück fahre ich nach Bozen um Robert zu treffen. Er hat schon einen Tisch auf seiner Terrasse gedeckt. Seine Frau Hilde ist eine Deutsche und stammt aus Hannover. Sie sind nun bald zwanzig Jahre verheiratet. Sie ist mehr eine Südtirolerin als so manche, die hier geboren sind. Sie spricht die Sprache sehr breit, vielleicht etwas zu gekünstelt. Aber ich mag sie sehr. Sie ist immer gerade heraus und redet nicht lange um den heißen Brei. „Sie ist da mit einem Anderen, hau ihn doch raus, lass es dir nicht gefallen. Man muss kämpfen. Was glaubst du, wo wir heute wären, würde ich nicht immer kämpfen.“ Wir lachen herzlich und genießen den Wein. „Da hinten zieht ein Gewitter auf.“ „Das sieht aber gefährlich aus. Diesmal wird es heftig. Ich spüre es schon seit Tagen in meinem Ellenbogen, das da was kommt.“ In der Ferne sieht man schon die ersten Blitze. Robert holt sofort seine Kamera. „Wir haben da schon eine ganze Sammlung von Fotos. Die Gewitterwolken sind wie ein Schauspiel.“ Während wir den Wolken und dem Gewitter in der Ferne zusehen, vergeht die Zeit. Schon eine Stunde später hat sich da was zusammen gebraut, was wirklich sehenswert ist. „Was schätzt du, wie weit es noch weg ist?“ „Nach meiner Erfahrung sind es noch vier bis fünf Kilometer. Aber es zieht schnell, sieh mal wie die Wolken sausen.“


192 Robert, heißt eigentlich Roberto, er fotografiert wie ein Wilder. „Wir müssen das Radio einschalten, wir haben hier einen Sender für Wetterwarnungen.“ Als wir den Sender gefunden haben, wird bereits berichtet. Sturmwarnung, eine Warnung für die Bergsteiger. Das Wetter ist bereits über kleine Täler hinweg gezogen und hat schreckliche Verwüstungen angerichtet. „Komm, wir trinken jetzt einen Schampus. Für mich bitte mit Orangensaft.“ „Jetzt wird es aber Zeit, dass auch wir unsere Sachen hereinräumen.“ Eilig greifen wir uns die Gartenstühle und den Tisch und verräumen alles nach drinnen. Die ersten Böen fegen schon um das Haus. Hilde rennt die Treppe nach, oben um die Fenster zu schließen und die Verandatüre abzuschließen. Dann kurbeln wir noch die Markise rein. „So geschafft.“ Wir gehen in das Haus und betrachten uns das Wetter von drinnen. Der Dackel versteckt sich unter dem Wohnzimmertisch, obwohl alles verschlossen ist, spürt man einen heftigen Wind im Haus. In kurzer Zeit bauscht sich der Wind zum heftigen Sturm auf. Hinter dem Haus scheppert es. „Ach, das war der Grill. „Meine Wäsche“, schreit Hilde. Wir rennen zur hinteren Türe und helfen. Ein Leinentuch hat das Weite gesucht. Wir werden es wohl in weiter Ferne wieder finden. Es beginnt zu Regnen, so heftig, dass wir den nächsten Baum nicht mehr erkennen können. Der Boden zittert, wir haben das Gefühl der Berg wird weggerissen. Robert wird blass. „So etwas habe ich hier noch nicht erlebt.“ Hilde behält die Ruhe. „Auf jeden Fall haben wir die Hausratversicherung einbezahlt.“ Diesmal brauchen die sich nicht wieder heraus reden und sagen es war nur ein kräftiges Lüfterl.“ „Kommt, lasst uns in die Stube gehen und etwas essen, ich habe einen schönen Braten vorbereitet. Wenn du uns schon mal besuchst, dann wollen wir das feiern.“ Robert meint, „Ich bin besorgt, so stabil ist unser Häuschen auch wieder nicht.“ Die ersten Dachschindeln fliegen davon. Es wird wohl hineinregnen. Hilde lacht, „Wischen war sowieso fällig.“ Wir gehen in die Stube und setzen uns um den Tisch. Robert hilft beim Reintragen des Essens, ich öffne die Flaschen. Das Unwetter dauert fast eine Stunde. Im Treppenhaus bildet sich ein Rinnsaal. „Lass es jetzt regnen, wir können nichts dagegen tun.“ Der Strom fällt aus, Robert testet das Telefon. „Tot. Da ist wohl einer der Masten umgestürzt. Für den Strom haben wir ein Notstrom-Aggregat. Also, jetzt nehmen wir erstmal Kerzen.“


193 Wir lassen uns nichts anmerken, aber eigentlich ist keinem Wohl bei diesem Unwetter. „Ich werde dir auch gleich beim Dachdecken helfen.“ Robert lacht, „Das ist aber sehr nett. Du wirst wohl besser die Nacht bei uns bleiben.“ „Gerne“, da kommt ein mächtiger Krach zu uns rüber. „Das war wohl ein Baum, der entwurzelt wurde.“ Wir gehen an das Wohnzimmerfenster und sehen einen mächtigen Baum, welcher umgerissen wurde. „Du hast doch einen Leihwagen, oder ist das dein Eigentum?“ „Wieso?“ „So wie es aussieht, hat der Baum noch dein Auto gestreift.“ „Ein Leihwagen, mir egal, ob er eine Delle hat.“ Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei. Wir treten vor das Haus und betrachten uns den Schaden. Wir holen aus der Garage eine Plastikfolie, um das Dach abzudecken. Robert holt die Motorsäge. „Jetzt haben wir Arbeit.“ Wir beginnen den umgerissenen Baum zu zerlegen. Vorher machen wir aber noch ein Foto für die Versicherung. Weiter unten im Tal hören wir Feuerwehr und diverse andere Alarmsirenen. Strom haben wir immer noch nicht, so dass Robert vorschlägt den Generator zu holen. „Wir haben zwei, einen transportablen und einen fest installiert im Haus.“ Der im Haus hat sich bereits eingeschaltet, das geht automatisch. Ich versuche über das Handy meinen Vermieter des Wagens zu erreichen. Kein Netz. „Sicher hat es den Sender umgerissen.“ Wir machen noch ein paar Fotos mehr vom Baum, vom Wagen und der Einfahrt. Wir zerlegen den Baum richtig fachmännisch. Die einzelnen Stücke räumen wir auf die Seite. „Sehr gutes Brennholz.“ Betont Robert. Erst jetzt erkennen wir, dass der Baum, die Stromleitung und das Telefonkabel mitgerissen hat. Der Wagen wird Stück für Stück freigelegt. „Den brauchst du nicht mehr fahren, der hat Totalschaden.“ Wir müssen ihn hier nur wegschaffen, er steht in der Einfahrt. „Ich fahr ihn gleich weg.“ Wir müssen alle lachen und ich geh zum Wagen. Er springt gutwillig an und läuft. Da er nur am Heck eingedrückt ist, lässt er sich sogar fahren. Eher schleichen als fahren. Wir schieben ihn vorsichtig zur Seite. Das Heck schleift hinterher. Da piept der Notfunk der Bergwacht. Robert meldet sich mit seiner Kennnummer. „Schwerer Steinschlag in Brixen. Es ist eine Gerölllawine abgegangen.“ Die nächste Meldung kommt vom Nachbarn. Es hat ihm den Stall weggerissen. Wir werden zum Nachbarn geschickt, um dort zu helfen. Hilde packt gleich was zum Trinken ein. Trinken ist immer wichtig. Die Leute stehen unter


194 Schock. Wir nehmen die Gummischuhe, mit dem Auto hat das keinen Sinn. Wir müssen einen Wald durchqueren, hier finden wir totales Chaos. Das gibt Brennholz für die nächsten Jahre. Andreas, der Nachbar, sieht richtig blass aus, er kommt uns bereits entgegen. „Kommt mal her, so was haben wir hier noch nicht erlebt.“ Zwei Kühe sind umgekommen. „Das Pferd habe ich noch rechtzeitig retten können. Wir haben es in der Garage untergebracht.“ Wir packen alle mit an. Nach zwei Stunden Arbeit gibt es wenigstens einen Überblick. Es ist stockdunkel und wir können sowieso nichts mehr tun. Wir haben Lampen dabei und tasten uns langsam Richtung unseres Hauses. Dort fallen wir nur noch in die Sessel, sind fix und fertig und brauchen nur noch was zu trinken. Hilde holt einen Lambrusco, die zwei Liter Flasche. Nichts Besonderes, aber jetzt muss es so was sein. Sie schneidet noch dicke Brotscheiben ab und den Schinken legt sie auf einen großen Holzteller. Eben eine richtige Brotzeit. Eine Stunde später sind wir bereits in den Betten. Der nächste Morgen bringt Sonnenschein pur. Wir treten vor das Haus und können erst jetzt den Schaden einschätzen. Wir machen Fotos bis der Chip voll ist. Robert holt einen Neuen. Wir werden es für die Versicherung brauchen. Da geht doch mein Handy wieder. Sie haben den Funkmasten wieder aufgestellt. Mein Autovermieter lacht, „Sie haben Glück, Sie sind der Zehnte. Wir hoffen immer nur, dass es keinen Personenschaden gegeben hat. Wir lassen den Wagen abholen. Brauchen sie einen Neuen?“ „Nein, meine Freunde haben noch einen, den ich verwenden kann.“ Wir rufen über Funk die Bergrettung und erkundigen uns nach den verschiedenen Schäden. „Den schlimmsten Fall haben wir in den Bergen bei Brixen. Hier haben wir zwei Tote zu beklagen.“ Den restlichen Tag verbringen wir mit Aufräumen. Wir decken das Dach, flicken undichte Stellen. Den Wald werden die Forstarbeiter in Ordnung bringen. Hilde fährt in den Ort um Wurst, Brot und Schinken zu kaufen. Es ist zwar nur eine kurze Strecke, aber sie benötigt dafür fast zwei Stunden. Viele umgestürzte Bäume, Wege, die weggespült wurden. Sie hat einen kleinen Geländewagen und kommt recht gut durch. Als sie zurückkommt, meint sie, sie hätte von dem Bergrutsch in Brixen gehört. „Es müsse ganz in der Nähe sein von eurem Anwesen. Du musst unbedingt mit der Bergrettung und der Feuerwehr reden. Nimm das Funkgerät, es ist in Funktion.“ In meiner Brieftasche habe ich die Koordinaten und gebe diese an die zuständige Stelle. „Wir rufen zurück, wir müssen erst die Daten abgleichen.“


195 Als zurückgerufen wird ist Robert am Funk. „Die Daten scheinen zu stimmen. Du musst unbedingt hin. Du sollst zur Einsatzleitung kommen. Das ist die Feuerwehr in Brixen. Man kann nur mit dem Hubschrauber dorthin. Das ganze Gebiet ist verwüstet.“ Hilde leiht mir ihren Wagen. Nach einer Stunde, es kam mir wie eine Ewigkeit vor, komme ich zur Einsatzleitung. Sie zeigen mir die Stelle auf der Karte. „Ja das ist unser Anwesen.“ „Wissen Sie ob dort jemand war?“ „Eigentlich nicht. Wir waren schon ewig nicht mehr dort.“ „Sehen Sie mal, wir haben Luftaufnahmen gemacht, da liegt ein Unimog. Ist das Ihrer?“ „Könnte schon sein. Aber wer soll denn dort mit dem Unimog hinfahren?“ Da fällt mir Irmi ein. Vielleicht ist sie ja mit dem Freund dorthin gefahren. Ich erkläre dem Einsatzleiter die Lage. „Es ist also durchaus möglich, dass doch jemand dort war. Ich kann es nicht mehr ausschließen.“ Ich rufe in unserer Wohnung an, vielleicht wird ja abgehoben, das wäre dann Entwarnung. Aber es hebt niemand ab. Ich fahre sofort in die Wohnung, um selber nachzusehen. Ich schließe auf. Es liegen einige Sachen rum. Im Schrank fehlt die Bergsteiger Ausrüstung, also sind sie in die Berge. Der Schlüssel vom Unimog ist nicht am Hacken. Die Schlüssel eines Ferraris liegen auf dem Tisch. Ich gehe in die anderen Zimmer, etwas unaufgeräumt, sie müssen ja eine tolle Nacht gehabt haben. Ich sehe in den Kühlschrank. Voll, sie haben gut eingekauft. Das Handy von ihm liegt auf dem Nachtisch. Im Badezimmer liegen seine Sachen umher. Dem jungen Mann fehlt wohl eine Mami zum Aufräumen. Ich werde angerufen, ich soll zum Sportplatz kommen, dort steht ein Hubschrauber der Bergwacht. Sie wollen zur Hütte. Das Fernsehen ist auch da. Einer bekommt einen Platz zum Mitfliegen. Wir heben zügig ab und fliegen direkt zu unserem Anwesen, oder was davon übrig ist. Zu sehen ist nicht viel, außer Geröll und größere Felsbrocken. „Wir können hier nicht landen, zu gefährlich.“ Aber der Unimog ist deutlich zu erkennen. „Es ist unserer.“ Vom Gebäude ist nichts mehr übrig. „Da brauchen wir die Hunde. Können Sie sagen, ob ihre Frau hier war?“ „Nein, es könnte sich auch jemand anderes den Unimog ausgeliehen haben und war auf der Hütte. Wir haben die Hütte auch an Freunde abgegeben.“ „Also morgen früh brauchen wir die Hunde. Sonst haben wir keine Gewissheit.“


196 Es kommt mir alles so seltsam vor. Mit keinem Gedanken käme ich auf die Idee, es könnte Irmi was geschehen sein. Es ist so unwirklich. Wie ein Traum. Ich gehe wieder in die Wohnung und räume ein wenig zusammen. Die Nacht werde ich wohl hier bleiben. Ich verständige Robert und Hilde. Ich berichte, dass alles nicht so recht zusammenpasst. „Es wäre ja schrecklich, wenn die beiden dort droben waren. Wenn es so war, dann hatten sie keine Chance gehabt. Wir werden morgen mit den Hunden hinaufgehen.“ „Vielleicht kann ich dabei sein. Ich gebe euch sofort Bescheid, wenn ich was Neues weiß.“ „Okay, viel Glück. Wir hoffen, dass sich alles in Wohlgefallen auflöst.“ Ich sehe mir die Sachen von Irmi an, sie hat sich einiges an neuer Kleidung zugelegt. Das Handy von ihrem Freund schalte ich ab. Ich finde seine Arbeitsmappe, vielleicht wollten sie ja nur in Ruhe arbeiten. Auch Irmi hatte eine Arbeitsmappe dabei. Am darauffolgenden Morgen trafen wir uns bereits um fünf Uhr. Die Freiwillige Feuerwehr, der Rettungsdienst und die Bergwacht. Inzwischen gehen wir alle davon aus, das Irmi mit ihrem Bekannten auf der Alm war. Wir fahren mit Jeeps und Unimogs nach oben. Wir kommen aber nur etwa zwei Kilometer, dann liegen die ersten Bäume quer. Die Arbeiter fangen sofort an, den Weg frei zu sägen, die restliche Mannschaft geht zu Fuß weiter. Nach einer guten halben Stunde kommen wir an den Hang, wo das Geröll beginnt. Von hier muss es noch eine gute halbe Stunde sein. Wir steigen vorsichtig über Geröll und umgestürzte Bäume. Da sehen wir endlich den grünen Unimog von Irmis Vater. Er ist völlig zerquetscht. Eigentlich kann man nur das Heck sehen. Die Hunde gehen voran und schlagen sofort an. „Hier muss jemand sein.“ Mit den bloßen Händen tragen wir das Geröll ab. Endlich können wir durch eines der Fenster sehen. Es sind Irmi und Francesco, aber so wie wir erkennen können, hat keiner überlebt. Es ist ein Schock für alle. Nach einer weiteren Stunde haben wir den Wagen so weit frei, dass wir die Türe mit einer Rettungsschere öffnen können. Sie wurden regelrecht zerdrückt. So wie es aussieht, wollten sie wohl noch fliehen. Sie haben alle ihre Sachen im Wagen. Sie hätten sicher eine Chance gehabt, wenn sie etwas früher weggekommen wären. Vom Haus, oder besser gesagt von der Alm, steht kein einziger Balken mehr. Teile von der Alm liegen bis zu dreihundert Meter im Tal. Es wird ein Hubschrauber geordert, der die


197 Toten zu Tal bringen soll. Es geschieht alles sehr leise, kaum einer spricht. Alle die wir hier sind, haben es vielleicht geahnt, aber keiner wollte es wahrhaben. Als wir spät abends wieder im Tal sind, kommt uns der Pfarrer entgegen und hat den Vorschlag, für den nächsten Tag einen Gottesdienst abzuhalten. Wir stimmen zu. Der Polizeiwachtmeister möchte gerne die Angehörigen von Francesco verständigen. Ich gebe ihm die Telefonnummer. Im Fernsehen erscheint ein langer Bericht, gleich angehängt an diesen Bericht kommt eine Sendung über den Klimawandel. Eine Diskussion über den Raubau in den Bergen. Ich gehe in die Leichenhalle, um von Irmi allein Abschied zu nehmen. Ihre Verletzungen sind schrecklich, ich kann nur hoffen, dass sie nicht zu lange leiden musste. Vom Amtsvorsteher werde ich zu einem Termin gebeten. Ich muss den Nachlass regeln. Ich frage beim Notar, ob es Niederschriften gibt. Dieser bittet mich ebenfalls zu einem Termin. Die Beerdigung muss geregelt werden. Anneliese bietet ihre Hilfe an. Ich verständige Barbara. Sie ist völlig sprachlos und meint, sie würde sich etwas später wieder melden. Die Eltern von Francesco kommen um ihn zu identifizieren. Sie lassen seine Leiche abholen. Den Vater kannte ich aus verschiedenen Aufsichtsratssitzungen. Er kam auf mich zu und meinte, „ob ich Näheres wüsste, warum sein Sohn mit Irmi hier war?“ „Keine Ahnung.“ Er soll sich seinen eigenen Reim darauf machen. Die Mutter ist völlig geschafft. Der Bruder hilft wo er kann und organisiert die Überführung. Auch ihn kenne ich aus den Sitzungen. Er fragt, wo denn der Schlüssel für den Ferrari sei. Ich hole den Schlüssel aus der Wohnung. „Wie kommst du denn zu dem Schlüssel?“ Ich ging auf die Frage nicht ein und reichte ihm diesen ohne weiteren Kommentar. Ich übergebe ihm auch eine Reisetasche mit persönlichen Dingen wie Kleidung. „Wieso kommen alle diese Sachen in deine Hände, will er wissen?“ Der Vater geht auf ihn zu und nimmt ihn beiseite. Er scheint ihm einiges zu erklären. Er dreht sich um und nimmt die Dinge und geht zum Wagen des Bruders, wirft die Sachen hinein und fährt ab. Die Geschäftstasche mit Unterlagen wollte ich mir aber noch ansehen, diese habe ich bewusst liegen gelassen. Nachdem dann endlich alle des Weges sind, ziehe ich mich in die Wohnung zurück. Ich öffne eine Flasche Prosecco, lehne mich


198 auf der Couch zurück und beginne über die letzten neun Monate nachzudenken. Es war von Anfang an nichts okay. Eigentlich hat uns der Vater zur Hochzeit getrieben. Wir hätten sicher nicht gleich geheiratet, wir kannten uns ja eigentlich viel zu wenig. Da ruft der Notar an und fragt, wo ich denn bliebe. „Entschuldigung, ich habe im Trubel die Zeit vergessen.“ Zehn Minuten später bin ich beim Notar. Er erklärt mir ein langes Prozedere und zum Schluss meint er, ich sei der einzige Erbe, da es keine Geschwister gebe. Er händigte mir verschiedene Unterlagen aus, mit denen ich auf die Ämter muss. Ich ging direkt zum Anwalt und bat diesen, diese Angelegenheiten für mich zu erledigen. Er machte mich noch darauf aufmerksam, dass Irmi eine Unfallversicherung habe. Ich solle mich darum kümmern. Ich übertrug ihm die Angelegenheit, später würde ich ihm die Police nachreichen. In der Wohnung haben wir alles sehr ordentlich abgelegt, dafür sorgte schon Irmi mit ihrem ausgeprägten Ordnungssinn. Da fiel mir ein, dass sie ja den Wagen des Vaters noch irgendwo in Mailand geparkt haben müsse, außerdem gebe es sicher in ihrem Schreibtisch noch verschiedene persönliche Dinge. Ich durchstreife die Wohnung und überlege was ich denn nun machen soll. Den restlichen Tag verbringe ich mit Grübeln, es will mir einfach nicht in den Kopf, dass alles so schnell vorbei ist. Warum musste sie mit Francesco auf die Alm. Warum überhaupt mit Francesco? War sie in ihn verliebt? Alles ging mir durch den Kopf. Ich setzte mich auf den Balkon und wollte einfach die Uhr zurückdrehen. Alles begann mit dem Job in Mailand. Vielleicht war sie ja schon damals in Francesco verliebt. Wieso hab ich ihn eigentlich auf der Autobahn getroffen, kam er womöglich von Irmi aus dem Hotel? Ich schaltete den Fernseher ein um mich abzulenken. Da fielen mir wieder die Unterlagen in die Hände, sie lagen immer noch auf dem Tischchen neben der Couch. Beim Durchblättern stoße ich auf Interessantes, da wollte Francesco wohl einige Hotels aus dem Familienclan herauslösen und sich persönlich einverleiben. Jetzt verstehe ich, warum er Irmi brauchte. Der Kontakt war also rein geschäftlich. Sie hätte die Hotels intern separat führen müssen, ohne, dass die Familie es merkt. Jetzt hole ich mir die Unterlagen, die in Irmis Zimmer auf dem Tisch liegen und vergleiche mal die Daten. Tatsächlich hat sie eine Aufteilung vorbereitet.


199 Sogar der Computerzugang wurde schon geändert. Was hatten die beiden vor? Wollten sie gemeinsame Sache machen? Ich beschloss, nachdem ich hier alles abgewickelt habe, nach Mailand zu fahren und mich mit dem Vater von Francesco zu treffen. Wir haben uns immer sehr gut verstanden. In der ganzen Wohnung sind Dinge von Francesco verteilt. Ich sammle alles ein und lege es in einen Karton. Im Kleiderschrank hängt ein Anzug von ihm. Da meldet sich Barbara. „Soll ich zu dir kommen?“ „Besser nicht, hier in Brixen möchte ich erstmal Abstand bekommen. Wenn du willst, kannst du ja nach San Remo kommen. Wir können uns aber auch in München treffen. Ich habe hier sicher noch gut eine Woche zu tun. Wie laufen die Gespräche mit dem Fernsehsender?“ „Wenn ich viel Glück habe, mieten sie es für die nächsten zwei Jahre.“ „Das wäre ja toll, dann hättest du es ja vorläufig los. Wir müssen aber noch reden, da liegen auf dem Speicher Dinge, die nicht jeder bekommen sollte.“ „Was meinst du“? „Ich habe damals einiges gefunden, wovon ich dir noch nicht berichtet habe.“ „Aha, dann muss ich mit dem Vertrag noch etwas warten.“ „Oder du darfst nur einen Teil vermieten.“ „Das geht nicht, sie wollen alles.“ „Dann unterschreibe noch nichts, ich muss dir noch etwas erzählen.“ „Am liebsten wäre es mir, wir würden uns in München treffen. Du hast ja noch den Schlüssel. Übermorgen, ist das in Ordnung?“ „Ja okay, ich nehme den Zug.“ Am Abend treffe ich mich mit Robert und Hilde. Wir besprechen die Beerdigung. Hilde will wissen, „Was machst du denn jetzt mit der Wohnung?“ „Keine Ahnung, vielleicht vermieten.“ „Wir hätten eventuell jemand, der eine Wohnung sucht.“ „Lass uns darüber ein andermal reden. Ich brauche noch etwas Zeit.“ „Sicher, versteh ich ja, überstürze nichts, du weißt ja, du warst immer gerne hier.“ Ich erzähle von den Unterlagen, die ich gefunden habe. Robert meint, „Vergiss es, es ist vorbei, krame nicht in alten Sachen. Belasse es wie es ist. Du wirst es nicht mehr erfahren.“


200 Am nächsten Vormittag um elf ist die Beerdigung. Das ganze Dorf ist erschienen. Sogar der Bruder von Francesco ist da. Ich bin doch sehr verwundert, was er hier will. Nach der Beerdigung kommt er zu mir und wünscht ein Gespräch. „Was kann ich für sie tun?“ „Hat mein Bruder bei ihnen noch Unterlagen zurück gelassen?“ „Was meinen Sie denn? Ich habe nichts gefunden. Sie haben alles erhalten.“ Ach im Badezimmer habe ich noch Rasiersachen gefunden und einen Anzug. Das habe ich mit der Post zu ihnen geschickt.“ „Aber meine Frau muss noch in der Firma Sachen haben, außerdem ist noch ihr Wagen dort. Ich komme in den nächsten Tagen dort hin und hole alles ab.“ „Aber wir suchen Unterlagen von meinem Bruder.“ „Suchen Sie wo Sie wollen, vielleicht sind sie ja noch unter dem Geröll. Ich habe mit den Unterlagen Ihres Bruders nichts zu tun. Glauben Sie nicht, dass es schon genug ist, wenn ich hier meine Frau mit ihrem Bruder zusammen finde? Es reicht, jetzt Gehen Sie bitte.“ Er schleicht davon mit deutlichem Murren. Aus diesem Gespräch entnehme ich aber, dass die Unterlagen doch recht brisant sein müssen, sonst würde er nicht so einen Aufstand proben. Vielleicht weiß der Vater von alledem nichts. Ich werde die Unterlagen sichten und zusammenlegen. Ich kann dann immer noch entscheiden, ob ich dem Vater die Unterlagen übergebe. Der Papierkram nimmt kein Ende. Anneliese, mein altes Bratkartoffelverhältnis, hilft wo sie kann. Vielleicht ist es gut so, so komme ich nicht zum Nachdenken. Über all den Trubel habe ich völlig den Termin mit der Kölner Kanzlei vergessen. Ich erhalte einen Anruf, ob wir den Termin um einen Tag verschieben können. „Kein Problem, aber bitte zwei Tage.“ So habe ich noch einen Tag mehr Luft. Mein hundertdreißiger ist schon seit vier Tagen fertig. Das Treffen mit Barbara muss ich vorerst aufschieb. So nehme ich den Zug nach Mailand und setze die Reise mit meinem Fiat fort. Anneliese wird den Hausschlüssel für die Wohnung in Brixen bekommen und nach dem Rechten sehen. Sie kann auch die Post weitersenden. Ich schaffe noch Ordnung in der Wohnung und mache mich am nächsten Morgen auf nach Mailand.


201 Zuerst hole ich den Fiat ab. Die Rechnung war noch erträglich. Bei so einem alten Wagen kann schon mal was kaputt gehen. Ich fahre von dort zur Verwaltung, wo sich Irmis Büro befunden hatte. Dort laufe ich direkt dem Senior in die Arme. Er kondoliert nochmals und ich drücke ihm mein Bedauern aus zum Tod seines Sohnes. „Was haben die beiden dort gemacht?“, will er wissen. „Wir werden es nie erfahren und es wird besser sein, wir lassen alles ruhen.“ Er begleitet mich in das Büro von Irmi. Hier stehen schon einige Schachteln herum, die ich wohl mitnehmen soll. Auch der Autoschlüssel liegt dabei. „Der Wagen steht in der Tiefgarage auf Platz dreiundzwanzig.“ Eine hilfreiche Sekretärin holt ein Wägelchen um die Sachen in den Keller zu bringen. Sie drückt mir noch ihr Beileid aus und meinte, sie sei gut befreundet mit Irmi gewesen. „Wollen sie mit mir sprechen?“ Wir verabreden uns für den Abend in einer Pizzeria. Den Wagen fahre ich aus der Garage, bringe ihn in eine Mietgarage in einem Hochhaus. Hier soll er erstmal stehen, ich werde ihn später holen. Am Abend treffe ich Claudia, die Sekretärin. Ich frage sie direkt, ob sie von einer Beziehung zu Francesco etwas weiß. „Francesco habe Irmi bedrängt, es war ihr eigentlich sehr unangenehm. Sie hatten wohl eine geschäftliche Vereinbarung miteinander.“ „Sie meinen die Verträge?“ „Woher wissen Sie von den Verträgen, fragt Claudia.“ Ich habe wohl etwas zufiel geredet. Ich schwindele ihr vor, dass mir Irmi davon erzählt habe. Ich wüsste aber nicht genau, um was es eigentlich ging. „Bitte verstehen Sie mich richtig, ich habe absolutes Sprechverbot, wenn es um diese Dinge geht. Ich kann Ihnen da nicht weiter helfen.“ Ich beruhige sie, „Es ist für mich nicht von Interesse, ich will es gar nicht wissen.“ Sie will mir wohl einen Tipp geben, sie setzt ihr Gespräch fort. „Irmi, hat sich da anscheinend an einer Firma beteiligt.“ „Aha, mit was?“ „Sie hat Geld aufgenommen, um zwanzig Prozent Anteile zu haben an der neuen Gesellschaft.“ „Wie hat sie diese abgesichert?“


202 „Keine Ahnung, vielleicht mit ihrer Wohnung in Brixen.“ Jetzt schrillen bei mir die Alarmglocken. Gott sei Dank habe ich die Vertragsunterlagen noch. Ich frage Claudia, ob der Vertrag schon unterschrieben ist, welcher Notar eingeschaltet ist. Sie nennt mir den Anwalt, welcher damit vertraut wurde. „Aber ich glaube unterschrieben ist noch nichts.“ Ich rufe sofort meinen Anwalt in Brixen an und erkläre ihm die Situation. Er wird sofort das Grundbuch schließen lassen, damit keine Eintragungen mehr vorgenommen werden können. „Wie hoch ist denn die Summe?“ „Keine Ahnung.“ Claudia ist sehr hilfreich, sie gibt mir mehr Informationen als es ihr recht ist. So wie es aussieht, sollte wohl an diesem Wochenende der Vertrag unterschriftsreif gemacht werden. Deshalb hat der Bruder von Francesco durchgedreht. Mein Anwalt aus Brixen ruft zurück. „Ich habe mit dem Grundbuchamt gesprochen, es können keine Eintragungen mehr gemacht werden. Sollte es jemand versuchen, werde ich sofort verständigt.“ Claudia gibt mir ihre Privatnummer, für den Fall, dass ich Hilfe brauche. Sie will wohl dort weg, ich überlege, ob ich sie nicht einstelle, verschiebe aber den Gedanken auf später. Was bin ich doch froh, die Verträge zu besitzen. Ich habe sie sicher in meinem Bankschließfach deponiert. Eigentlich nur damit Anneliese sie nicht in die Hände bekommt. Sie muss ja solche Unterlagen nicht unbedingt lesen. Ich frage Claudia noch, ob sie wüsste, welche Bank Irmi in Mailand verwendet hat. Sie nennt mir zwei Adressen. „Ich werde gleich morgen in der Früh dort vorbeischauen.“ Claudia meint noch, „Sehen sie doch mal in die Kartons, die ich Ihnen gerichtet habe, da gibt es noch Papiere.“ Ich verspreche Claudia, dass wenn ich das nächste Mal wieder in Mailand bin, mit ihr in ein schöneres Lokal gehen würde, nicht in eine Pizzeria. Wir verabschieden uns recht herzlich. Am nächsten Morgen mache ich gleich bei der ersten Bank einen Termin. Ich stelle mich vor und erkläre die Situation mit dem Unfall. Der Direktor möchte mich persönlich kennenlernen. Es ist eine stattliche Person, fast zwei Meter groß und kräftig gebaut. Vielleicht war er mal Boxer, vermute ich. Er lässt einen Kaffee kommen und beginnt mir zu erklären, dass Irmi um einen recht hohen Kredit


203 nachgesucht hat. Sie wollte sich an einer Firma beteiligen. Als Sicherheit hätte sie ihre Wohnung in Brixen angeboten. „Ist es schon zu einem Abschluss gekommen?“ „Sie wollte morgen hier erscheinen, die Bewilligung liegt schon vor.“ Das hat sich ja dann erledigt. Der Direktor sieht das ebenso. Sie müssen aber noch die Übernahme des Kontos bestätigen. „Zuerst will ich mal die Auszüge sehen.“ Er legt mir den aktuellen Auszug vor. Nahezu ausgeglichen! „Da brauche ich nichts zu übernehmen.“ „Sie müssen aber noch den Kreditantrag stornieren.“ „Damit habe ich nichts zu tun. Im Übrigen ist das Grundbuch bereits gesperrt, da werden vorläufig keine Eintragungen mehr vorgenommen.“ Der Direktor wird etwas unruhig. „Wir haben aber schon vor drei Tagen einen Eintrag vorgenommen.“ „Dieser konnte nicht mehr vorgenommen werden“, lächle ich. „Vergessen sie den Antrag, die Angelegenheit hat sich erledigt.“ „Haben sie Kosten gehabt, so ziehen Sie diese vom Konto ab.“ „Der Testamentvollstrecker wird sie noch verständigen.“ Da kam ich ja gerade noch rechtzeitig. Claudia gehört Dank. Auf dem Weg zur zweiten Bankverbindung will ich eigentlich schon umkehren, aber warum nicht doch fragen? Auch hier werde ich direkt zum Direktor gebracht. Ich lege die Unterlagen vor, um mich zu legitimieren. Er lässt die Kontounterlagen kommen. „Ja, da haben wir eine Finanzierung, möchten Sie diese übernehmen?“ „Um was handelt es sich denn?“ „Ihre Frau hat anscheinend ohne Ihr Wissen ein Appartement gekauft.“ „Wie hoch sind die Schulden, wo liegt es?“ „Sie hat hier einen Bürgen, namens Francesco…“, ich unterbreche ihn und sage, dass dieser Bürge mit ihr zusammen verunglückt sei. Er wird blass, „Ja, wollen Sie denn die Wohnung übernehmen?“ „Wie hoch sind denn die Schulden, wie hoch ist der Wert der Immobilie?“ „Der Wert liegt bei etwa vierhunderttausend, so haben wir diese Wohnung eingeschätzt.“ „Und die Schulden?“ „Liegen bei der Hälfte.“


204 „Ich muss noch heute nach Florenz, aber auf dem Rückweg, werde ich eine Entscheidung fällen. Einer Übernahme steht aber nichts im Wege.“ „Da bin ich aber froh.“ „Geben sie mir bitte noch die Adresse.“ Er reicht mir einen Zettel mit der Anschrift. Den Schlüsselbund von Irmi habe ich mitgenommen, da ich ihre Sachen sichten wollte. Auf dem direkten Weg, fahre ich in die neue Wohnung. Der Taxifahrer meinte, eine sehr vornehme Gegend. Er hält vor einem Haus mit vier Wohnungen. Ich sperre auf und sehe auf den Namen der Briefkästen Francesco… Er hat also auch hier gewohnt. Im ersten Stock steht auf dem Namensschild „Irmingard“. Als ich aufschließen will, wird die Türe von innen geöffnet. Eine Putzfrau, „Schönen Tag.“ „Wer sind Sie?“ Sie ist ziemlich forsch. Sie weiß anscheinend von nichts. Sie erklärt, nachdem ich mich ausgewiesen habe und die Situation geschildert habe, dass der Bruder von Francesco gerade hier war und etwas gesucht hat. „Papiere, sagte er.“ Sie müsse jetzt alles wieder ordentlich machen, was er durcheinander gebracht hätte. Die Wohnung ist sehr geschmackvoll eingerichtet. Die Putzfrau erklärt, dass sie auch nebenan bei Francesco putzen würde. „Der kommt auch nicht mehr, sage ich beiläufig. Der Bruder hätte ihr kein Wort gesagt. Er sei auch in der Wohnung nebenan gewesen und hätte auch dort Papiere gesucht. Da erhalte ich einen Anruf auf dem Handy. Anneliese erklärt, dass in der Nacht jemand in der Wohnung war und alles furchtbar durcheinander gebracht hätte. Man hätte wohl was gesucht. „Die Verträge!“ „Was für Verträge?“ „Vergiss es bitte. Es tut mir leid, bitte tausch die Schlösser, anscheinend hat jemand noch Schlüssel.“ „Ach, und verständige die Polizei.“ „Mach ich.“ Ich bitte die Putzfrau mir einen Schlüsseldienst zu benennen. Wir rufen umgehend dort an und eine viertel Stunde später ist er da. „Ich möchte, dass Sie die Schlösser tauschen.“ Er braucht eine gute Stunde. Der Putzfrau gebe ich keinen neuen Schlüssel mehr. „Putzen ist hier in Zukunft nicht nötig.“


205 Ich lasse mir ihre Telefonnummer geben und ich verspreche mich zu melden. Sie packt etwas beleidigt ihre Sachen zusammen und geht. Ich gehe durch die Wohnung und finde auch hier Sachen die wohl Francesco gehören. Ich packe alles in eine Kiste und stelle sie in den Besenschrank. Ich ziehe die Gardinen zu und entdecke am Schlüsselbrett einen Autoschlüssel. Ich schnappe ihn mir und gehe in die Tiefgarage. Da nur ein Wagen dort steht gehe ich auf ihn zu und der Schlüssel passt. Ich suche die Wagenpapiere. In der Sonnenblende. Tatsächlich, sie hat sich einen neuen Wagen gekauft, ohne etwas zu sagen. Ich öffne die Motorhaube, klemme die Batterie ab und verschließe den Wagen wieder. Ein wunderschönes Mercedes Kabrio. Woher hat sie das Geld genommen. Na ja, gut verdient hat sie ja. Sie wird mir immer fremder. Was hat sie da alles hinter meinem Rücken gemacht? Aber jetzt muss ich nach Florenz, mein Auftrag wartet. Da überlege ich mir, warum nehme ich denn eigentlich nicht den Mercedes? Ich schließe die Batterie wieder an und verlasse die Garage. Als ich vor dem Haus parke, sehe ich den Bruder anbrausen. Ziemlich rüpelhaft fährt er mich an. „Was suchst du denn hier?“ „Muss ich das Ihnen erklären? Ich habe die Schlösser getauscht und die Alarmanlage eingeschaltet. Mein Anwalt wird sich um die Wohnung kümmern.“ „Diese Wohnung gehörte meinem Bruder.“ „Das sehe ich anders, ich war bei der Bank und habe alle Unterlagen eingesehen.“ Er sieht mich etwas erstaunt an. „Ich werde mich mit Ihrem Vater treffen und einiges zu besprechen haben. Leben Sie wohl.“ Ich fahre davon, eigentlich wollte ich ja noch mal in die Wohnung, aber durch diesen Auftritt zog ich es vor, jetzt zu fahren. Am späten Abend treffe ich in Florenz ein. Das Hotel liegt zentral und ich bekomme sogar einen Tiefgaragen-Platz. Auf meinem Zimmer angekommen, werfe ich erstmal alles von mir. Ich muss jetzt dringend duschen. Ich ziehe einen bequemen Bademantel an und bestelle mir ein Abendessen auf das Zimmer. Ich rufe Anneliese an und erzähle ihr von der Wohnung und den Konten in Mailand. „Wo ist da Irmi reingerutscht?“ „Sie hat ein zweites Leben geführt. Man kann dass nur mit ihrem jungen unerfahrenen Alter erklären.“ Francesco hat sie einfach überrumpelt. Von meinem Balkon habe ich einen wunderbaren Blick über Florenz. Ich genieße diese plötzliche Ruhe und denke über


206 die letzten Tage nach. Was war Irmi für eine Frau? Niemals käme ich auf die Idee, ihr diese Dinge zuzutrauen. Ich muss Ordnung in diese Sache bringen. So langsam verliere ich den Überblick. Ich werde einen Anwalt beauftragen alles zu regeln. Das Frühstücksbuffet ist gigantisch. Meine neuen Klienten werden bald auftauchen. Ein großer Herr in heller Sommerhose und gestreiftem Hemd kommt auf meinen Tisch zu und stellt sich als Herr Dieter Bögemann vor. „Ich würde gerne mit Ihnen arbeiten.“ „Nehmen Sie doch Platz.“ „Wir warten schon draußen. Mein Anwalt und der Architekt sind auch dabei.“ Als wir vor das Hotel treten, erwarten mich drei Herren. Wir stellen uns vor und Herr Bögemann meint, „Wir können zu Fuß gehen, es ist gleich um die Ecke.“ Wir stehen vor einem riesigen Palazzo. Die Türen werden aufgeschlossen. Der Patio ist wirklich beeindruckend. Herr Bögemann meint, „für dreißig Pferde!“ „Haben sie schon eines im Stall?“ Der Anwalt meint, „mein Mandant hat ein Gestüt.“ „Aha“. Wir treten ein und gehen in den ersten Stock, das Planta Noble. Dort ist schon alles vorbereitet. „Herr Architekt übernehmen Sie und erklären Sie die Details.“ Er beginnt ausschweifend und will mir die Problematik erklären. „Sie müssen wissen, es ist nicht mein erster Palazzo, den ich renovierte. Haben Sie schon mit der Stadtverwaltung gesprochen?“ „Warum?“ „Sie müssen erstmal anfragen, ob Sie umbauen dürfen. Denkmalschutz!“ „Das wollte ich Ihnen überlassen. Mein Italienisch ist eher eines für Anfängers.“ „Gut so, ich will aber nicht einfach nur der Übersetzer sein.“ Herr Bögemann erklärt, dass sein Architekt nur mal so drüber geschaut hätte. Er würde auch nicht vor Ort sein. Dies sollte schon meine Aufgabe sein. „Verstehe!“ Nach etwa vier Stunden der Beratung bekommen alle Hunger. Herr Bögemann lädt zu Tisch. Wir gehen in das Hotel nebenan. Der Anwalt flüstert mir leise zu, „Das Hotel gehört ihm bereits. Hier sollen Sie während der Umbauarbeiten wohnen.“ „Aha. Ich flüstere ihm zu, aber mit Tiefgarage.“ „Selbstverständlich!“ Das Mittagessen ist in einem separaten Raum vorbereitet. Wir gehen von einer Bauzeit von zwei Jahren aus. „Haben Sie überhaupt so viel Zeit?“ „Das hängt immer von der Bezahlung ab. Sie verstehen schon, Zeit ist Geld.“


207 „Da wird mein Anwalt sicher eine Lösung mit Ihnen finden. Nach dem Essen will ich Ihnen noch mein Anwesen auf dem Land zeigen. Ich habe es vor drei Wochen erworben, hier will ich mich zurückziehen. Ich brauche einfach mehr Zeit für mich. Man wird ja nicht jünger. Leben kann man nicht erwerben. Bessere Ärzte vielleicht. Also werde ich die Geschäfte meinem Sohn übertragen. Er soll mit seiner Frau langsam in das Unternehmen hineinwachsen. Sie wissen schon, was ich meine.“ „Leider nicht, ich habe weder Sohn noch Tochter.“ „Da müssen sie aber dran arbeiten. Kinder zu haben ist ein Geschenk.“ „Wie Sie meinen“. Ich denke so bei mir, ein ziemlicher Sprücheklopfer. Ich hoffe nur, dass er sich den Umbau auch wirklich überlegt hat. Da fängt er an von Millionen und Millionen zu reden. Brauch ich das? Stil hat er keinen, nur Geld. Als wir am Nachmittag in seine Finca kommen, bin ich doch erstaunt. „Ein sehr schönes Anwesen.“ „Hat mir ein Geschäftspartner vermittelt.“ „So so…“ „Hat einiges gekostet. Pläne gibt es keine. Da möchte ich, dass Sie sie anfertigen.“ „Wann soll ich denn überhaupt mit meiner Tätigkeit anfangen?“ „Sie fangen bereits an, haben sie es noch nicht bemerkt?“ „Dann sollten wir mal über mein Honorar reden.“ „Na dann fangen sie doch einfach mal an, mit dem reden.“ „Entschuldigen Sie aber ich möchte das schon mit Ihnen alleine besprechen.“ „Die Herrschaften hier können das alles hören.“ Es dauert nicht mehr lange und ich steh auf. Sein Getue geht mir ganz schön auf den Senkel. Soll ich den Auftrag wirklich annehmen? Ein wenig Zeit gebe ich ihm noch. Der Anwalt versucht einzulenken und bittet mich mit auf die Terrasse zu kommen. „Verstehen Sie doch, er hat einfach ein unschätzbares Erbe, es sind Milliarden.“ „Sein Auftreten gefällt mir überhaupt nicht. Was hat er denn für Vorstellungen über meine Kosten?“ „Gar keine, er zahlt einfach.“ „Das sehe ich anders. Ich glaube er will einen Entwurf und wenn er diesen hat, wird sein Architekt weiterarbeiten.“ „Nein, auf keinen Fall.“


208 Wir gehen wieder in den Raum. Ich frage ihn direkt, wie er vorgehen will. „Sie machen jetzt einen Entwurf, den legen Sie mir vor, gefällt er mir, dann schließen wir einen Arbeitsvertrag.“ „Dann hätte ich gerne für den Entwurf einen Vorschuss.“ „An was hatten Sie denn gedacht?“ Ich bitte ihn, mir einen Vorschlag zu machen. Er meint zwanzigtausend. Ich lächle, „Da kommen wir nicht zusammen.“ „Für einen Entwurf zahle ich eigentlich gar nichts.“ „Eben, weil Sie so an die Ideen kommen, anschließend sagen Sie, bis auf bald. Ich glaube wir verabschieden uns hier. Ihre Vorstellungen sind nicht die meinen.“ „Sagen sie mir, wie stellen sie sich dieses Gebäude vor. So kann ich sehen, was ihre Ideen sind.“ „Eben, die behalte ich lieber für mich. Wenn sie mit mir arbeiten wollen, gehe ich davon aus, dass sie wissen, wie und was meine Arbeiten sind. Im Internet finden sie auf meiner Homepage, alles was ich bisher gemacht habe. Übrigens, bei keinem meiner Klienten hat Geld jemals eine Rolle gespielt. Es ist mir also völlig egal, ob Sie Geld haben oder nicht.“ Ich stehe auf und verabschiede mich. Sein Anwalt bringt mich zur Türe und entschuldigt sich. „Es tut mir leid“, sage ich zu ihm. „Wieso?“ „Sie müssen ihm Tag für Tag in den Arsch kriechen, ich sicher nicht.“ Jetzt bin ich richtig erleichtert. So ein neureicher Schnösel. Schade, dass solch schöne Anwesen an solche Typen gehen. Anneliese ist am Handy. „Hier ist die Polizei.“ „Ach, wegen des Einbruchs?“ „Nein, es gibt eine Anzeige.“ „Warum?“ „Angeblich sind wichtige Geschäftsunterlagen von deiner Frau gestohlen worden.“ „Und wo?“ „Das sagen sie nicht.“ „Sie sollen dir mal die Ausweise zeigen. Ich warte am Telefon.“ Im Hintergrund höre ich lautes Stimmen-Wirrwarr. „Sie wollen sie nicht zeigen.“ „Werfe sie sofort raus. Es sind keine Polizisten.“ „Sie gehen und meinen sie kommen wieder.“


209 „Notieren dir die Autonummer.“ „Mach ich.“ Ich fahre in mein Hotel zurück und nehme einen Umweg über einen Kollegen. Leider hat er nur kurz Zeit. Ich erzähle im Telegrammstil über das Bauvorhaben. Er lacht, „Vergiss es. Für dieses Projekt gibt es einen Baustopp. Es gibt Ärger mit den Erben.“ „Gut zu wissen.“ Wir versprechen uns, in Kontakt zu bleiben. Als ich in das Hotel komme, stehen die Herren im Eingang. An der Rezeption bitte ich meine Rechnung fertig zu machen, ich reise ab. „Es ist schon bezahlt“, kommt es zurück. „Ich bin gewohnt meine Rechnungen selber zu bezahlen.“ „Tut mir leid, schon erledigt.“ Als ich mit dem Koffer in die Garage gehe, begegnet mir der Anwalt. „Schade, dass wir nicht zusammengekommen sind.“ „Es hätte sowieso nicht geklappt, da ja nicht gebaut werden darf. Ich weiß von dem Baustopp. Sie hätten mich nur gebraucht, da ich Beziehungen habe. Stimmts?“ „Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich in Köln zurück bin werde ich Sie nochmals anrufen.“ „Gerne.“ Ich überlege kurz, ob ich nicht besser nach San Remo fahre. Jetzt fühle ich mich richtig wohl, nicht jeder kann es sich leisten, einen Auftrag abzulehnen. In San Remo angekommen, verstaue ich erstmal den Wagen in der Garage. Hier soll er erstmal bleiben, bis ich mich entschieden habe. Eine leichte Plane gegen Staub werde ich noch besorgen und die Batterie abklemmen. Ich suche die Papiere des Wagens. So wie ich Irmi kenne, hat sie diese unter der Fußmatte. Tatsächlich, ich muss lachen, typisch Irmi. Auch die Reserve Schlüssel hat sie dort versteckt. Wie kann man nur so leichtsinnig sein. Ich nehme alles mit in die Wohnung und verstaue es im Safe. Anneliese berichtet, dass sie die Autonummer notiert hat. Sie war auch schon auf dem Polizeirevier und hat von dem Vorfall berichtet. „Das waren niemals echte Polizisten.“


210 „Die haben nur etwas gesucht. Diese Herren auf dem Revier haben aber im Unimog noch eine Tasche gefunden, ziemlich beschädigt, aber es sind viele Papiere darin. Du sollst sie abholen, sie denken, die Tasche gehöre dir.“ „Das mache ich doch gerne. Sonst ist alles friedlich?“ „Ja. Ich habe verschiedene Zeitschriften für dich gesammelt, es sind alles Berichte von der Gerölllawine.“ „Was hat es mit den Papieren auf sich, in was ist Irmi da geraten?“ „Es muss sich um mehr handeln, als ich so erkennen kann.“ Da ich immer noch Urlaub habe, fahre ich mit der Bahn nach Mailand um den Wagen abzuholen. Vielleicht befinden sich ja in den Unterlagen doch noch Hinweise. Am nächsten Morgen nehme ich den ersten Zug nach Mailand. Der Wagen steht immer noch gut geparkt in der Garage. Allerdings ist er ziemlich verstaubt, sodass ich erstmal in eine Waschanlage fahren muss. Vielleicht hat ja Irmi auch hier unter den Fußmatten Papiere versteckt. Ich sehe umgehend nach. Eine CD, was wird da drauf sein? Sie liegt hier schon länger. Der Umschlag ist ziemlich vergammelt. Ich fahre nochmals in Irmis neue Wohnung. Es stehen eine Menge Autos vor dem Gebäude. Ich entschließe mich weiterzufahren. Vielleicht hält die Familie gerade einen Kriegsrat. Also, diese Wohnung werde ich sobald als möglich verkaufen. Ich fahre direkt nach Brixen. In Bozen mache ich einen Zwischenstopp bei der Polizei und hole mir die seltsame Tasche ab. Ich unterschreibe, dass ich sie empfangen habe. Ich nehme sie an mich, als hätte ich sie seit längerer Zeit vermisst. Es ist eine zweite Tasche von Francesco. Als ich aus dem Polizeigebäude gehe, lege ich meine Jacke darüber, damit es niemand sieht. So langsam kann ich mit meinen Recherchen beginnen. Noch einen Stopp bei Anneliese. Sie lässt mich nicht mehr gehen. „Du musst jetzt zum Abendessen bleiben. Du solltest auch besser hier schlafen. Vielleicht warten die Gauner ja schon um die Ecke.“ Wir verbringen einen netten Abend miteinander. Bis ich mich dann in das Gästezimmer zurückziehe. Wie oft habe ich hier schon geschlafen? In meinen Anfangszeiten war ich hier jedes Wochenende. Mit Hilde und Robert gehe ich am nächsten Morgen in die Bank, um alles aus dem Schließfach zu holen. Wir nehmen eine große Tasche mit, um alles hineinzupacken. „Willst du mit nach München fahren?“, Er ist Frührentner. Er hat eine Verletzung an beiden Armen im Zuge einer Bergrettung bekommen.


211 Seine Versicherung zahlt ihm eine gute Rente. „Wir kommen beide mit“, meint Hilde. „Wir waren schon lange nicht mehr in München. Hast du genug Betten?“ „Für euch wird es allemal gehen.“ Wir brechen noch am selben Tag auf. Nun haben wir alle Dokumente im Wagen. Als italienische Touristen wird uns niemand anhalten. Wir haben aber den Eindruck, als würde uns jemand folgen. Wir geben mal richtig Gas und verschwinden. Der Verfolger, wenn es einer war, ward nicht mehr gesehen. Wir nehmen den Weg durch das Inntal über Wörgl nach München. Gegen zehn Uhr nachts kommen wir vor der Wohnung an. Bis wir alles in die Wohnung geschleppt haben, vergeht eine halbe Stunde. Wir verstauen alles in einem Schrank. „Komm, lass uns auf den Küchenbalkon ein Bier trinken.“ „Deine Wohnung kommt mir viel größer vor.“ „Ist sie aber nicht, leider.“ Ich richte eine Schlafgelegenheit im Gästezimmer, meinem Arbeitszimmer. Der nächste Morgen überrascht uns mit einem mächtigen Gewitter. Ich hole frische Semmeln und Brezeln. Hilde hat schon den Tisch gedeckt. Robert sortiert gerade die Unterlagen nach Datum und versucht sie Personen zu zuordnen. „Dies sind die Unterlagen von Irmi und diese sind von Francesco.“ „Hast du schon mal reingeschaut?“ „Nein, aber es sieht aus als seien es Verträge.“ Ich rufe Gerhard an, er ist mein Anwalt und bitte ihn vorbeizukommen. Er wohnt gleich um die Ecke und lehnt das Angebot eines deftigen Frühstücks nicht ab. Er kann gut italienisch und hat vielleicht schneller den Durchblick als wir. Zuerst sehen wir uns die CD an. „Es sind Kopien von Vermögenswerten einer Italienischen Firma.“, erklärt uns Gerhard. Nach langem Hin und Her meint Gerhard, er würde diese Unterlagen lieber mitnehmen, sie sollten nicht in unserer Wohnung bleiben. „Sie scheinen sehr brisant zu sein. Was habt ihr da für Sachen?“ „Es sind Unterlagen von einem riesigen Imperium.“ Gerhard lässt sich von einem Kollegen abholen, alleine will er damit nicht auf die Straße. „Wir werden alles in den Safe der Kanzlei packen.“ Ich erzähle ihm, wie wir zu diesen Unterlagen gekommen sind. Er empfiehlt uns einen Kollegen in Mailand, der ist sauber und sehr ehrlich.


212 Gerhard ist gerade mit seinem Kollegen weggefahren, da hält eine Limousine vor unserem Haus. „Das sind dieselben Leute die in Brixen vor der Türe standen. Du weißt schon, die sich als Polizei ausgegeben haben.“, sagt Hilde beängstigend. Einer von ihnen geht auf die Haustüre zu und es läutet. Wir beschließen nicht zu öffnen, sondern wenn möglich, die Autonummer zu notieren. Sie bleiben stehen. „Anscheinend wissen sie, dass wir da sind.“ „Klar, die haben doch deinen Wagen gesehen.“ Robert geht in das Nebenzimmer und kann von dort aus die Autonummer erkennen. Er notiert sie und meint, dass es gut wäre, diese überprüfen zu lassen. Wir rufen beim Revier um die Ecke an und schildern die Situation. Zehn Minuten später kommt eine Streife vorbei und stellt sich direkt neben den Wagen, so kann er nicht davon fahren. „Es wird wohl eine Personenkontrolle durchgeführt.“, meint Hilde. Ein Wachtmeister notiert Namen und Passnummern. Sie bitten den Fahrer den Kofferraum zu öffnen. Einer der Beamten hebt eine Decke auf, darunter liegt eine Waffe. Er tritt einen Schritt zurück und bittet einen Kollegen sich die Waffe anzusehen. Plötzlich versucht einer der Typen sich aus dem Staub zu machen. Die Beamten bemerken es und daraufhin läuft er schneller. Ein zweiter Typ versucht in die andere Richtung zu entfliehen, wird aber durch einen Fausthieb des Beamten daran gehindert. Es herrscht Chaos pur! Die Beamten ziehen ihre Waffen. Ein zweiter Streifenwagen kommt, die Straße wird abgesperrt. Zehn Minuten später kreist ein Hubschrauber über uns. Die drei verbliebenen Typen werden festgenommen. Der Wagen wird beschlagnahmt und auf einen Tieflader der Polizei aufgeladen. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Ich bekomme einen Anruf vom Revier, dass ich bitte vorbeikommen soll. Ich gehe sofort hin. Ich werde in ein Nebenzimmer gebeten. Ein Beamter vom Ausländeramt ist anwesend. Er bittet mich, den gesamten Vorfall zu schildern. Ich beginne mit der Einstellung von Irmi bei dem italienischen Hotelkonzern. Berichte vom Unfall bei Brixen. Das angeblich irgendwelche Papiere in meiner Wohnung gesucht wurden. „Ich habe aber nichts erhalten. Man hat meine Wohnung in Brixen aufgebrochen.“ Der Beamte erklärt, dass er sehr beunruhigt ist, da eine große Organisation dahinter stehen würde. „Haben Sie denn Angst vor diesen Leuten?“ „Nein, aber mein Vorgesetzter hat mich um Diskretion gebeten.“


213 „Ich will ja nur, dass sie mich endlich in Ruhe lassen.“ Die Beamten wollen wissen, was ich in Italien für Arbeiten mache. Ich erkläre meine Tätigkeit und zeige meine Arbeitszulassung für Italien. „Vielleicht sind Sie ja auf irgendetwas gestoßen, und wissen noch gar nicht was es ist.“ „Kann ich mir nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie. Vielleicht hat ja meine verstorbene Frau Irmi etwas in Händen, von dem ich nichts weiß?“ Die festgenommenen Herren werden über einen Anwalt in München vertreten, der verlangt die sofortige Freilassung. „Sie hatten nicht nur unerlaubt Waffen bei sich, sondern wir sind gerade dabei und vergleichen die Namen mit den Fahndungslisten in Italien.“ Vom Revier gehe ich direkt zu meinem Anwalt und schildere ihm alles. „Vielleicht ist das alles eine Nummer zu groß für uns. Sollten wir nicht besser die Papiere bei der Polizei abgeben?“ „Oder wir geben sie einem Mailänder Kollegen.“ „Die Idee gefällt mir, genau das machen wir damit.“ Gerhard ruft einen Kollegen an. Er vereinbart mit ihm ein Treffen in Mailand. Auf meinem Handy erhalte ich eine SMS von Francescos Vater. „Möchte dich unbedingt sprechen!“ Der nächste Morgen bringt des Rätsels Lösung. Die Münchener Kanzlei hat alle Papiere gesichtet und die vorhandene CD enträtselt. Die beiden älteren Söhne hatten eine Übernahme der Firma geplant. Irmi sollte als Strohmann die Anteile verwalten. Der Vater durfte davon nichts wissen. Er will nämlich seine Anteile nicht abgeben. Der Vater hält mit seiner Frau und Tochter einundfünfzig Prozent. So hatten die beiden Söhne nicht viel zu sagen. Sie wollten sich die übrigen Prozente einverleiben. Zur endgültigen Unterschrift ist es noch nicht gekommen. Irmi hält aber die Anteile der neu gegründeten Firma und hat als einzige Unterschriftsvollmacht. So ist nun das Konto blockiert, und da liegt anscheinend viel Geld. Nun kann ich verstehen, dass der Bruder die Papiere braucht. Da sind ihm alle Mittel recht. Sicher hat der Vater über die Bank Wind von der ganzen Sache bekommen. Meine beiden Gäste habe ich durch die ganze Aufregung völlig vergessen. Gut, dass sie sich selbstständig gemacht haben. Auf dem Küchentisch finde ich einen Zettel,


214 „Sind in der Stadt, mach dir keine Sorgen. Wir werden Übermorgen den Zug nach Brixen nehmen. Deine Hilde und Robert.“ Ich packe meinen Koffer und fahre zurück nach Brixen. Hier gibt es viel zu tun. Jetzt kann ich verstehen, warum der Vater einen Termin will. Ich werde diesen Termin mit meinem Anwalt wahrnehmen. Ich verständige Gerhard und bitte ihn mitzukommen. „Das mach ich nicht alleine.“ In vier Tagen will er nach Brixen kommen, damit wir uns vorher abstimmen können. Die Gemeinde meldet sich, um über die Alm zu reden. Ich treffe mich mit dem Bürgermeister zum Abendessen, er ist seit Jahren ein guter Freund von mir. Er hat mir immer wieder gute Aufträge zukommen lassen. „Was hast du mit der Alm vor?“, will er wissen. „Ich möchte sie gerne der Gemeinde schenken.“ „Aber, aber, damit hatte ich nicht gerechnet. Die Gemeinde kann ja eine Gedenktafel anbringen, vielleicht auch für die Bergwacht eine Hütte bauen. Bereite die Papiere vor, ich werde sie unterschreiben.“ „Dafür darfst du die Rechnung für das Essen übernehmen.“ Er ist über glücklich, er denkt, dass es Irmi auch so gewollt hätte. Das Areal ist sehr groß, so dass die Hütte auch im geschützten Bereich neu errichtet werden kann. Am nächsten Morgen kommt Gerhard. Wir fahren sofort weiter in Richtung Mailand. Während der Fahrt sprechen wir uns ab. „Wir lassen sie einfach mal reden, dass wir Papiere haben, sagen wir nicht.“ Der Termin ist um drei Uhr. Der Patrone Borsani lässt uns durch seine Sekretärin abholen. Als wir in das Besprechungszimmer kommen, ist er erstaunt, dass ich jemanden dabei habe. Ich erkläre, dass es der Familienanwalt von Irmi und mir ist. „Wir, ich meine mein Sohn und ich wollten unter vier Augen mit Ihnen reden.“ „Erstens sind es sechs Augen und nun sind es eben acht. Zweitens hab ich lieber einen Zeugen, so können Sie mich nicht überrumpeln.“ „Okay?“ Die beiden Herren setzen sich uns gegenüber und sagen nichts. „Ich frage, ob ich hier zum Schweigen her gekommen bin?“ Der Senior meinte, „er wolle wissen, was ich weiß.“


215 „Spielen wir nicht Katz und Maus, dafür ist die Situation zu ernst.“ Er sieht mich erschrocken an. „Ihr Sohn hat in meine Wohnung einbrechen lassen, hat mir Prügel angedroht, hat mir Schläger nachgeschickt. Diese sitzen wohl im Moment bei der Polizei in München.“ Der Vater tut als wisse er von nichts. Tut sehr erstaunt. Der Sohn sitzt arrogant daneben, spricht kein Wort. Vielleicht hat ihm der Vater das Wort verboten. „Mein Anwalt und ich haben die Polizei verständigt, für den Fall, dass wir nicht bis fünf im Hotel sind.“ „Was trauen Sie uns denn alles zu?“ „Ihrem Sohn traue ich alles zu, er ist ein Gauner wie er im Buche steht.“ Mit so einer Antwort hat der Vater wohl nicht gerechnet. „Ja wenn Sie nichts zu sagen haben, können wir ja wieder gehen.“ „Bleiben Sie bitte.“ Seine stimme klingt jetzt weich und versöhnlich. „Wir benötigen durch den Tod ihrer Frau einige Unterschriften von ihnen.“ „Kein Problem, soweit ich in der Lage bin, sollen Sie die notwendige Unterschrift bekommen.“ Der Sohn steht auf und wirft einen Stoß Papiere über den Tisch und meint, „jedes Blatt bitte einzeln. und bitte heute noch, „morgen ist es zu spät!“ „Nett, dass Sie wenigsten bitte sagen.“ „Sie brauchen aber die Papiere nicht über den Tisch zu werfen.“ Der Vater ermahnt seinen Sohn zu korrektem Verhalten. „Das sind ja sicher mindestens fünfzig Blatt.“ „Ja genau, es sind sechsundfünfzig.“ „Ich werde sie mitnehmen und in Ruhe durchlesen. Mein Anwalt wird den Inhalt prüfen.“ „Dann unterschreiben sie dieses Blatt zuerst, die restlichen Blätter können sie prüfen.“ Ich nehme das dringende Papier und lese es durch, ohne Kommentar lege ich es Gerhard hin. „Meine Herren, das ist eine Bankvollmacht.“ „Ja was dachten Sie denn?“ „Da müssen wir erst wissen, was es für Folgen hat, wenn mein Mandant hier unterschreibt. So einfach geht das nicht.“ Der Sohn wird wütend und läuft im Raum auf und ab. Der Vater ermahnt ihn zur Ruhe. Gerhard meint, „So kommen wir hier nicht weiter. Sie erklären uns nichts, wollen uns doch mehr oder weniger zur Unterschrift zwingen. Ihr Sohn hat uns ja


216 bereits gezeigt, zu was er fähig ist. Erklären Sie uns zuerst was hier eigentlich los ist.“ Der Vater meint, „Wir werden das bei einem Abendessen besprechen, wenn es ihnen Recht ist.“ „Dürfen wir die Papiere inzwischen mitnehmen?“ „Bleiben Sie hier im Raum und lesen Sie alles in Ruhe durch. Wenn Sie mich brauchen, klopfen Sie an dieser Türe.“ Gerhard bittet noch um eine Kanne Kaffee und Wasser. Wir beginnen mit der ersten Seite und erfahren so langsam welche Schweinerei sich die beiden Söhne ausgedacht haben. Der Vater hat anscheinend über die Bank von diesem Vorhaben erfahren. „Sieh mal, hier steht, dass das Appartement zurückgegeben werden muss. Es soll auf den Bruder übertragen werden. Ach sieh mal hier, der Wagen ebenfalls. Da gibt es noch ein Konto, anscheinend mit viel Geld, das soll auf den Vater übertragen werden. Die Bürgschaft von Irmi soll von mir gelöscht werden, das heißt ich soll die Summe einzahlen. So nicht meine Herren!“ Wir streichen alle Dinge an, so dass wir eine Gesprächsgrundlage haben. „Das Fahrzeug gehört ebenfalls Irmi, warum soll es jetzt zurückgegeben werden. Wie auch die Wohnung. Die Notarverträge habe ich gesehen, wie auch den Kreditvertrag mit der Bank.“ Wir verabschieden uns und verlegen den Termin auf das Abendessen. Wir kommen etwas zu spät, da wir das Lokal nicht gleich gefunden haben. Der Ober bringt uns an den Tisch vom Senior. „Wieso kommen Sie nicht allein?“ „Ich war der Meinung, dass Ihr Sohn ebenfalls da sein wird. Nachdem was ich gelesen habe, nehme ich lieber meinen Anwalt mit. Solange Sie nicht mit offenen Karten spielen, kommen wir sowieso nicht weiter.“ Wir setzen uns und der Vater beginnt mit einer Erklärung. Vorher will er aber noch wissen, ob wir irgendwelche Unterlagen besitzen. „Ich will ehrlich sein“, beginne ich. „Ich habe eine Kaufurkunde von der Wohnung und ich habe mit der Bank wegen der Finanzierung gesprochen. Des Weiteren habe ich die Fahrzeugpapiere von dem Mercedes. Ich habe in Bozen erfahren, dass eine Grundschuld auf das Anwesen von Irmi aufgenommen werden sollte. Dies haben wir verhindern können. Mehr weiß ich eigentlich nicht, aber Sie können mich ja aufklären.“


217 Der Vater beginnt eine Geschichte aufzutischen. „Meine beiden Söhne haben mit Irmi eine Firma gegründet. Es war eine Firma, die speziell für das Finanzamt gedacht war, wenn Sie verstehen was ich meine.“ „Ich verstehe gar nichts. Irmi hätte auf die Wohnungen keine Belastungen aufnehmen können ohne meine Zustimmung. Irmi hat für Ihre Firma gearbeitet, wenn Ihre Söhne strategische Winkelzüge für das Finanzamt vor hatten, so hätte Irmi das vorher geprüft, sie hätte niemals Francesco vertraut. Wenn sie ihre Geschäftsführerin war, so können sie dies aufgrund der Sterbeurkunde löschen lassen, wozu brauchen Sie mich?“ Er druckst herum. Ich habe das Gefühl, es geht um mehr. Er fährt fort. „Irmi hatte Zugang zu einem Konto, dort hatte sie nur alleine eine Zeichnungsberechtigung.“ „Das war sicher leichtsinnig. Aber auch dies können sie durch die Urkunde löschen.“ Er fragt, ob es ein Testament gäbe. „Was geht Sie das Testament von Irmi und mir an?“ „Verstehen Sie doch, wenn Sie alles erben, dann haben sie ja auch dieses Konto geerbt. Dieses Vermögen gehört aber unserem Familienclan.“ „Darüber können wir sicher reden.“ Dieses Vermögen kennt keiner, wenn Sie verstehen.“ „Ich verstehe nicht.“ Jetzt stelle ich mich lieber dumm. Gerhard kann sich ein Grinsen nicht verbeißen. Der Vater erzählt weiter, „wir können damit auch nicht vor Gericht gehen, wenn Sie mich verstehen.“ „Nein, ich verstehe es nicht. Die Papiere, die ich unterschreiben soll, warum sind Sie unverständlich und warum soll ich Eigentum von Irmi an Sie abtreten?“ „Wir können über alles reden.“ „Nur ihr Sohn gefällt mir nicht, wie auch seine Methoden. Legen sie mir alles offen, so kommen wir am schnellsten voran.“ Inzwischen wird das Essen aufgetischt. Eine köstliche Seezunge und einen noch köstlicheren Wein. Der Vater lässt sich nicht lumpen. Nach dem zweiten Glas Wein frage ich ganz direkt: „Von wie viel Geld reden wir eigentlich?“ Der Vater verschluckt sich, oder war es eine Gräte? Er bekommt einen roten Kopf. „Sie werden uns jetzt doch nicht abnippeln?“ Gerhard schaut mich an, „Bitte nicht solche Späße.“ Als der Vater Luft bekommt, spricht er ganz leise, es ist kaum zu verstehen. „Es geht um zwei Milliarden.“


218 „Und da haben Sie den Mut, eine Wohnung und einen Wagen zurückzuverlangen?“ Er entschuldigt sich dafür. „Dass hat sich mein Sohn ausgedacht. Das streichen wir.“ „Ich mach Ihnen einen Vorschlag, schließlich hatten sie mir mal einen tollen Job angeboten, außerdem mag ich Sie. Sie waren immer ehrlich zu mir und haben mir eine gute Abfindung gegeben.“ „Ich würde Ihnen diesen Job nochmals anbieten. Wäre auch bereit mit Ihnen eine eigene Baufirma zu gründen.“ „Aha, das klingt ja schon ganz nach Freundschaft.“ „Ich will doch mit Ihnen weiter zum Essen gehen können.“ War da was im Wein, oder warum wird er so freundlich? Mein Vorschlag, unsere Anwälte, auf meiner Seite Gerhard, auf Ihrer Seite eine seriöse Person, lassen sich eine Möglichkeit einfallen. Ich will auch kein Geld, was mir nicht gehört. Ich will ja schließlich nicht mit einem Anker um den Hals aufwachen.“ Er lacht, „dass ist die Mafia, die gibt es doch gar nicht mehr.“ „Das wäre neu. Beruhigt mich aber.“ „Wissen Sie, mein Sohn ist noch sehr jung und er will immer mit dem Kopf durch die Wand.“ Ich gebe zu bedenken, „Vielleicht will er „Sie“ ja an die Wand spielen, um Ihnen zu zeigen wie gut er ist.“ Da sieht mich der Vater mit einem bösen Blick an, „Ich habe nichts gehört! Einen Patron betrügt man nicht.“ „Okay, okay. Ich sehe, wir haben eine Lösung gefunden. Sollen sich die Anwälte morgen zusammensetzen?“ „Einverstanden!“ Gerhard fragt noch nach seinem Honorar. Ohne zu überlegen, sage ich, „das übernimmt natürlich die Firma des Patrons.“ „Vielleicht noch eine Nachspeise“, lenkt er vom Thema ab. „Einen Grappa für mich.“ Als wir uns verabschieden, meint der Patron, „Du bist wie ein Sohn für mich.“ Der Patron fährt fort, „Du weißt ja noch gar nicht, dass ich noch einen Benjamin habe. Es ist mein Jüngster, er ist noch auf der Schule. Ich werde Ihn später zu Dir in die Lehre schicken.“ Wir klopfen uns auf die Schultern. Gerhard meint etwas später, „du hast ja ganz schön dick aufgetragen.“ „Mach du jetzt deinen Job gut, so können wir nur gewinnen.“ Ich treffe Gerhard noch beim Frühstücken, er fragt, „Was hast du heute vor?“ „Ich werde einen Stadtbummel machen, so langsam gefällt mir Mailand.“


219 „Also ich für meinen Teil freu mich schon auf den Biergarten am Osterwaldgarten.“ „Da gehen wir dann hin, wenn wir dies hier überstanden haben.“ Auf meinem Stadtbummel komme ich zu einem Herrenausstatter. „Ich brauche dringend einen Sommeranzug und einen Borsalino.“ War es die Verkäuferin oder war es die tolle Auswahl, so verbrachte ich fast zwei Stunden in diesem Geschäft. Am Ende verließ ich es mit einer riesigen Rechnung. Ich ging direkt in das Hotel, ich wollte mich einfach ein wenig ausstrecken. Als ich in die Halle komme treffe ich wieder auf Gerhard. „Was machst du denn hier?“ „Mein Kollege und ich sind hier zum Essen.“ „Na da will ich nicht stören. Wie läuft es.“ „Mein Honorar haben wir schon ausgehandelt, zweihundert Tausend.“ „Das freut mich für dich, da kannst du mich dann endlich zum Bier einladen.“ Gerhard verzieht sich mit seinem Kollegen in einen Nebenraum. Ich lasse mir eine kleine kalte Platte mit einem Prosecco auf das Zimmer bringen. Bei geöffneter Balkontüre genieße ich die Brotzeit. Anschließend lege ich mich aufs Ohr. Das Klingeln des Telefons lässt mich hochschrecken. „Gerhard hier“. „Wie ist es gelaufen?“ „Fertig! Wir haben eine Salomonische Lösung. Wenn du Lust hast, treffen wir uns in einer Stunde in der Halle.“ „Okay, machen wir.“ Gerhard erklärt es mir ziemlich umständlich und ausführlich. „Ein gutes Ergebnis, lobe ich ihn. Was haben wir gewonnen?“ „Mein Honorar hat er bereits abgezeichnet.“ „Was gewinne ich dabei?“ „Du wirst für immer deine Ruhe haben. Die Wohnung wird lastenfrei an dich übergeben, du kannst sie dann verkaufen oder behalten. Der Wagen gehört ebenfalls dazu. Für deine Unannehmlichkeiten wirst du zweihunderttausend erhalten. Du überschreibst das Konto, alles was Irmi unterschrieben hat wird für ungültig erklärt. Also keine Folgekosten für dich. Jetzt gratuliere mir bitte.“ „Darauf trinken wir einen.“ „Nein erst wenn alle unterschrieben haben.“ „Auch der Sohn?“


220 „Ja auch der. Die Gorillas übrigens, das hat sich erledigt, die wurden alle mit Steckbrief gesucht, sie werden nach Rom überstellt und bekommen dort längere Zeit Urlaub.“ „Sieht so aus, als würden wir das überstanden haben.“ „Morgenfrüh haben wir ein Treffen, so gegen elf.“ Im Garten des Hotels setzen wir uns noch zu einem Gläschen Wein zusammen. „Also, da kannst du sagen was du willst, mein Biergarten ist mir lieber.“ „Ich hätte eine Wohnung in Brixen zu vermieten, wäre das nichts für dich?“ „Wie teuer?“ „Ich mach dir einen Sonderpreis. Die Miete darfst du dann auch in München bezahlen.“ „Ich werde es mir überlegen, es war schon immer der Wunsch meiner Frau in Südtirol eine Bleibe zu haben.“ „Vielleicht kannst du es ja geschäftlich absetzen.“ „Bis wann musst du es wissen?“ „Eilt nicht.“ Gerhard hat auch eine Anwaltszulassung in Italien und könnte so auch dort arbeiten. Pünktlich stehen wir auf der Matte. Die Mitarbeiterin springt auf und bittet uns herein. „Kommen Sie, die Mannschaft wartet schon auf Sie.“ Wir setzen uns an einen großen runden Tisch und der Patrone beginnt uns zu begrüßen. „Wir werden neue Freunde gewinnen, wenn wir diese Papiere unterschrieben haben.“ Jetzt nicht lachen, denke ich bei mir. Ein Notar ist ebenfalls anwesend. Der Notar steht auf, stellt sich kurz vor, zeigt seine Zulassung und beginnt mit dem Vorlesen des Textes. Stück für Stück bespricht er jeden Satz. Nach zwei Stunden bittet er um eine Pause. „Wir unterbrechen eine viertel Stunde.“ Es gibt Kaffee und ein Stück von einem sehr guten Kuchen. Als er fortfährt, bleibt ihm fast die Luft weg, so fertig ist er vom Vorlesen. Nach einer weiteren Stunde wird unterschrieben. Die von der Bank bestätigten Schecks werden überreicht. „Abgeschlossen. Bravo!“ Keiner hat das Wort Betrug in den Mund genommen, diesen hatten die Söhne doch ganz offensichtlich vor. Der Senior lehnt sich zurück und meint, „Wollen Sie nun eine Baufirma mit mir gründen?“


221 „Lassen wir erstmal etwas Wasser über diese Angelegenheit fließen.“ „Einverstanden“. Als wir in der Türe stehen und uns verabschieden, kommt noch mal der Vater und drückt mir die Hand. „Vielen Dank, Sie verstehen sicher was ich meine.“ Ohne Kommentar gehe ich zum Lift. Wir fahren ohne viel zu reden in unser Hotel und gehen an die Bar. Wie aus einem Mund bestellen wir. „Ein Bier“. Wir reservieren uns noch einen Tisch im Restaurant. Duschen, das ist jetzt ein muss. Gerhard bittet sich ein wenig hinlegen zu dürfen. „Ich werde dich wecken.“ Als wir im Restaurant ankommen, haben wir schon einen mächtigen Hunger. Wir haben einen ruhigen Tisch in einer Ecke. Wir lassen die Dinge Revue passieren. „Wenn du dir überlegst, es ging um zwei Milliarden.“ „Da waren wir doch richtig billig.“ „Preiswert, nicht billig. Aber oft kommt da noch ein Geschäft nach.“ „Ob der Sohn jetzt mehr zu sagen hat?“ „Ich glaube nicht. Er hat ja nur fünfundzwanzig Prozent. Die Familie wird ihn zukünftig im Blick haben.“ Als ich am nächsten Tag an der Rezeption bezahlen will, erfahre ich, dass alles bereits abgerechnet sei. „Auch das Restaurant?“ „Alles!“ „Der Wagen wird gerade gebracht.“ „Welcher Wagen?“ „Ihr Fiat, er ist von der Werkstatt gebracht worden. Wir haben die Bezahlung schon vorgenommen.“ „Wie viel?“ „Schon erledigt“. Gerhard ist begeistert von dem Fiat. „Du kannst ihn haben, wenn du die Wohnung in Brixen mietest.“ „Wirklich?“ „Du musst ihn halt pflegen. Das erwarte ich von dir.“ „Der Wagen ist ein Traum, wenn man Fiat mag.“ „Es ist ein echter Joungtimer.“ „Weißt du auf was ich mich jetzt wirklich freue?“ Wie aus einem Mund sagen wir: „Auf den Biergarten am Osterwaldgarten.“ „Wir fahren jetzt aber nur bis Brixen, ich will den Wagen dort in der Garage lassen.“ „Ist die Batterie nicht leer wenn du wieder vorbei kommst?“


222 „Nein ich habe einen Batteriewächter besorgt. Den schließe ich an der nächsten Steckdose an und brauche mich um nichts kümmern.“ „Das finde ich toll.“ „In San Remo habe ich das auch. Die meisten Autos sind ja nach sechs Wochen schon am Ende mit der Batterie.“ Wir lassen uns Zeit, da ja alle Probleme gelöst sind. Da entdecken wir einen Hinweis auf ein kleines Lokal. Es liegt etwas abseits der Autobahn. „Lass uns dort eine Pause machen.“ „Ich würde gerne noch mal über die Wohnung in Brixen reden. Ich könnte ja in Brixen ein Büro eröffnen und ein Konto, so könnte ich den Scheck gleich hier lassen, dies wäre mir viel lieber, als ihn auf mein Münchener Konto einzuzahlen.“ „Du musst nur zur Behörde und dich anmelden. Ein Bekannter sitzt dort im Amt und hilft dir.“ „Was willst du denn für eine Miete?“ „Wir werden fragen, was angemessen ist, aber ich denke mal sechshundert Euro sind fair.“ „Mit dem Wagen?“ „Ja klar.“ „Gehst du morgen mit mir auf das Amt?“ „Können wir machen, morgen ist Markt, da ist Brixen am schönsten.“ „Okay, abgemacht, ich miete deine Wohnung.“ „Ich bin froh, einen Freund in der Wohnung zu haben. Wenn du irgendwelche Fragen hast, wende dich einfach an Anneliese.“ Wir wollen gar nicht mehr aufstehen, wir sitzen in einer gemütlichen Weinlaube. „Hier müssen wir uns auf jeden Fall ein paar Flaschen mitnehmen.“ „Du kannst dir ja eine Kiste in deine neue Wohnung stellen.“ „Das mach ich, hast du soviel Platz in deinem Wagen?“ „Den schaffen wir uns.“ Jetzt bekommen wir erst richtig Appetit, wir bestellen uns noch einen Parma-Schinken. „Das Lokal werde ich mir merken, dass ist eine echte Alternative zum Biergarten. Steffi wird begeistert sein, wenn sie die Neuigkeiten erfährt, sicher wird sie sofort umziehen wollen.“ Das war wohl Gedankenübertragung, da klingelt auch schon Gerhards Handy.


223 „Hallo mein Schatz, gerade reden wir von dir.“ Steffi will natürlich wissen, wie alles gelaufen ist. „In zwei Tagen werde ich zurück sein, dann wirst du dich freuen.“ Nach über zwei Stunden Pause ziehen wir weiter. Natürlich haben wir eine Kiste Wein mitgenommen. Gegen Nachmittag treffen wir in Brixen ein. Ich rufe gleich mal auf dem Amt an, vielleicht kann man schon was vorbereiten. Tatsächlich ist Mario noch an seinem Schreibtisch im Amt. „Wir kommen schnell rüber, und füllen schon mal die Papiere aus.“ Mario ist der Amtsvorsteher in der Verwaltung. Er hilft wo er kann. „Jeder Steuerzahler ist uns wichtig.“ Gerhard bekommt auch sofort eine Steuernummer. „Jetzt gehst du rüber zur Bank und richtest dir ein Konto ein.“ Mario fragt, ob er mitgehen soll. „Der Filialleiter ist ein Freund.“ So wandern wir zu dritt über die Straße. Mario voran und Gerhard an seiner Seite. Der Filialleiter winkt uns schon entgegen. „Diesen Service machen wir nur bei Neubürgern, die Geld mitbringen.“ Der Filialleiter ist ein recht lustiger Typ. „Wenn es Schwarzgeld ist, müssen wir in den Raum nebenan, da haben wir keine Kamera.“ Gerhard reicht ihm den Scheck. „Den hätte ich gerne auf das Konto einbezahlt.“ „Das ist aber mächtig viel.“ „Mein Startkapital“. „Der Scheck ist ja von den Borsanis, wie seid ihr denn daran gekommen?“ „Geheimnis“. Als alles für Gerhard eingerichtet ist, reiche ich noch meinen Scheck über den Tisch und bitte um Gutschrift auf mein Konto. Er sieht mich erstaunt an und meint, „Da habt ihr ja kräftig abkassiert.“ „Wir kleckern nicht, wir klotzen.“ Mario ist erstaunt über diese Kontakte. Er wüsste gerne mehr, aber wir schweigen. Der Filialleiter tippt mein Konto ein und meint „Aha, was ist denn das? Komm mal herüber zum Bildschirm, stimmt das?“ Ich sehe hinein und sage, „Alles klar, sei doch froh, wenn was auf dem Konto ist.“ Das war nicht immer so. „Jetzt soll ich den Scheck noch dazu buchen?“ „Sollst du.“ „Sollen wir da nicht mit einem Teil auf Festgeld gehen?“ „Ich gebe dir noch Nachricht. Im Moment lassen wir mal alles so wie es ist. Vielleicht kauf ich bald eine Villa?“ Wir lachen herzlich und beschließen zusammen auf eine Brotzeit zu gehen. Als dann alles verbucht ist, meint der Filialleiter, „Jetzt sperren wir aber zu, sonst kommt noch jemand und will was abheben?“


224 Wir wandern über den Platz zu unserer Stammkneipe. Wir leisten uns jetzt etwas Gutes. Wir sitzen hier lange und haben viel zu lachen. „Du wirst also deine Wohnung an Gerhard abgeben.“ „Also ehrlich, ich suche eine Villa, nach Möglichkeit etwa zweihundert Jahre alt. Hier in der Gegend, so im Umkreis von fünfzig Kilometern. Vielleicht in Bozen. Ich möchte gerne alles auf den Punkt bringen. Nicht immer umherreisen müssen.“ Da täte sich vielleicht was, aber ich darf noch nichts sagen.“, meint der Filialleiter. Um Mitternacht treten wir den Heimweg an und Gerhard meint, „Es wäre ja toll, wenn wir dann Nachbarn wären.“ „Mal sehen, ich will nichts überstürzen.“ Nach einem reichhaltigen Frühstück tritt Gerhard die Heimreise an. „Ich werde hier alles ordnen und übergebe dir in München die Schlüssel.“ „Super, wann kommst du?“ „So in einer Woche werden wir wieder im Biergarten sitzen.“ Ich verständige Anneliese über die Vermietung und frage sie nach Umzugskisten. „So schnell willst du uns schon verlassen?“ „Nein, ich hoffe doch, dass mein Gästezimmer bei dir immer noch existiert?“ „Aber freilich, du bist uns immer willkommen. Du kannst ja deine Kisten hier in die Garage stellen.“ „Nein, ich werde alles nach San Remo bringen, da ist die Wohnung noch ziemlich leer.“ „Wo gehst du als nächstes hin?“ „Wieder nach San Remo, aber erst muss ich die Wohnung fertig machen, damit Gerhard rein kann. Ein lustiger Typ übrigens. Kein typischer Deutscher. Er hat ja eine italienische Mutter.“ „Ja dann!“ Eine Spedition bringt einige Kisten, die ich umgehend zu packen beginne. Barbara meldet sich mit der Nachricht, dass sie das halbe Objekt vermietet habe. Sie müsse jetzt alles freimachen und die Gegenstände in den verbleibenden Teil schaffen. Der Speicher würde zugemauert und nur noch durch eine Türe begehbar gemacht. „Wie hat übrigens deine Schwester Betti die Nachricht aufgenommen?“ „Sie ist jetzt Berlinerin, das will sie auch bleiben. Anscheinend steht uns eine Hochzeit mit Richi ins Haus. Richi fährt mit ihr nach München, vielleicht können wir uns alle dort treffen?“


225 „Aber sie wird nicht in meiner Wohnung wohnen.“ „Nein Richi, hat noch ein Zimmer bei seiner Mutter.“ „Wusste ich ja gar nicht. Gib bitte bald Nachricht, wann es wäre. Da wäre ich doch gerne in München.“ Da ruft Alfredo vom Hotel Gran Garda an. „Ich brauche deine Hilfe. Du hast mir doch vor vier Jahren wegen dem Anbau geholfen. Wir wollen einen weiteren Anbau machen. Die Direktion lädt dich ein.“ „Wie lange?“ „Bis zwei Wochen, übernehmen wir die Kosten.“ „Dann reserviere mir mal ein Doppel zur allein Benützung. Es würde mir kommenden Montag ganz gut passen.“ „Okay, machen wir. Wir erwarten dich also am nächsten Montag.“ Ein Betrieb ist das heute, dass Telefon steht ja überhaupt nicht mehr still. Ich rufe Barbara an, um zu klären, ob sie nun nach München kommen oder nicht. „Stell dir vor, ich fahre nach Indien, eine Freundin geht dort in einen Ashram zum meditieren. Sie hat mich gefragt, ob ich das nicht auch einmal will?“ „Ich finde das toll, mach es auf jeden Fall. Es wird dir sehr gut tun. Wann soll es denn losgehen?“ „Wir reisen schon übermorgen und wir werden so etwa sechs Wochen bleiben.“ „Ja, dann melde dich doch wenn du zurück bist.“ Ich entschließe mich nach Riva mit dem offenen Mercedes zu fahren. Also muss ich vorher noch nach San Remo. Ich spaziere in Richtung Bahnhof und kehre noch in einem Straßencafé ein. Die ersten Touristenbusse scheinen eingetroffen zu sein, es schieben sich ganze Massen durch die kleinen Straßen. Voran wie immer eine Person mit einem bunten Regenschirm, den sie in die Luft hält. Eine Bahnverbindung nach San Remo ist kein leichtes Unterfangen. Genau genommen eine Tagesreise. Dreimal umsteigen. Aber warum nicht? Es pressiert ja nicht. Also werde ich es morgen angehen. Anneliese wird sich freuen, ich muss bereits um sieben Uhr am Bahnhof sein. Ich schnappe mir noch eine Tageszeitung, die Gemeinde berichtet, dass sie ein Grundstück für die Bergwacht geschenkt bekommen hat und nun endlich eine Hütte für die Übungen bauen kann. Ein großzügiger Spender, der nicht genannt werden will. „Aha, das bin ich. Da bin ich ja richtig stolz auf mich.“ In diesem Moment fällt mir aber auch ein, dass ich zukünftig


226 nicht mehr so oft hier sein werde. Ich lasse meinen Blick über die Straße schweifen und mache mir so meine Gedanken. Wie verwurzelt ich eigentlich hier schon bin. Es ist meine zweite Heimat geworden. Schon lange bevor ich Irmi kennen gelernt habe, bin ich hierher gekommen. Ich verabrede mich noch mit Anneliese zum Mittagessen. Ich bestelle einen Tisch im Ochsen. Sollte es sich ergeben, dass ich hier ein schönes Anwesen finde, so käme ich ja auch zurück. Als wir beim Essen sitzen habe ich das Gefühl, als hätte Anneliese eine Träne im Auge. „Du wirst mir abgehen.“ Sie will wissen, wie denn mein Wunschhaus aussehen sollte. „Ich möchte endlich alles unter einem Dach haben. Mein Büro, meine Wohnung. Ich brauche auch Platz für eine Mitarbeiterin. Ich stelle mir vor, dass ich San Remo verkaufe, um mir so ein Objekt leisten zu können und wenn es noch schlimmer kommt, verkaufe ich auch noch Mailand.“ „Die Idee finde ich gut. Also werden wir jetzt alle auf die Suche gehen, dir etwas zusuchen.“ Abends setzen wir uns noch auf einen leckeren Roten zusammen, gehen aber früh zu Bett. Anneliese muss mich richtig rütteln, so tief war ich noch in meinen Träumen. Noch völlig verschlafen, fahre ich erstmal bis Mailand. In der ersten Klasse sitze ich praktisch alleine. Ich mache es mir bequem, indem ich die Füße auf den mir gegenüberliegenden Platz lege. Kurz vor Mailand schrecke ich hoch, ich habe doch tatsächlich die ganze Zeit geschlafen. In Mailand muss ich umsteigen, in einen Zug nach Genova. Ich begebe mich direkt in den Speisewagen. Hier nehme ich ein richtiges Frühstück. Eine neue Tageszeitung gibt es hier auch, so vergeht die Zeit relativ schnell. Bis ich gefrühstückt und die Zeitung gelesen habe, ist die halbe Strecke schon vorüber. Das Umsteigen in Genova gestaltet sich etwas problematischer, da der Anschlusszug bereits weg ist. Der nächste Zug geht erst in drei Stunden. Ein Mietwagen muss her, dass ist die bessere Lösung. Bis ich dann endlich aus Genova raus bin, ist eine gute halbe Stunde vergangen. Es hat mich doch mächtig geschlaucht. Als ich dann endlich in San Remo ankomme, bin ich nur noch müde. Ich setze mich vor den Fernseher und schlafe auch gleich ein. Da ich ja immer noch keine Vorhänge habe, scheint mir die Sonne wie üblich am nächsten Morgen in das Gesicht. Ich sehe auf meinen Terminkalender und stelle fest, dass ich eigentlich nur noch das Wochenende habe, und dann schon aufbrechen muss um pünktlich in Riva zu sein. Ich fühle mich schon sehr wohl in meiner kleinen Wohnung und wenn sie erstmal eingerichtet ist, wird es noch um einiges schöner. Da entdecke ich einen


227 größeren Stoß Post, die Zugehfrau hat sie in die Küche gelegt, so dass ich sie eigentlich nicht finden konnte. Hinter dem Brotkasten hat sie die Briefe gesteckt. Es ist auch eine Bestätigung dabei, damit ich den Mercedes von Irmi ummelden kann. Na dann werde ich das mal tun. Wir haben hier in San Remo ein Servicebüro, die solche Arbeiten erledigen. Die Dame ist sehr zuvorkommend und ich fülle alle Papiere mit ihr aus. „Dann bekommen wir ja auch neue Nummern wenn es nicht anders geht.“ Ich besuche noch ein Maklerbüro, um die Wohnung in Mailand anzubieten. Dieses Büro hat eine Filiale dort. Die Dame erklärt mir, dass ziemlich viel Steuern zu zahlen sind, wenn die Wohnung verkauft wird. „Wie sieht es mit vermieten aus?“ „Das können wir für sie auch erledigen.“ „Wir probieren beides. Bei Vermietung, dann aber nur an eine bekannte Firma, nicht an eine Privatperson.“ „Wie sie wollen, ich vermerke es.“ Am Montag bin ich froh, dass mich die Sonne so zeitig weckt, so komme ich schon recht früh aus den Federn. Ich starte bereits um sieben Uhr Richtung Gardasee. Ich mache verschiedene Pausen und fahre sogar zwischendurch offen. Es ist ein richtiger Traumtag. Am Nachmittag treffe ich im Hotel ein. Hier hat sich wirklich nichts verändert, ich glaube, die haben nicht mal gestrichen. Auch am Empfang ist noch alles beim Alten. Der Empfangschef tut so, als wäre ich noch gestern hier gewesen. „Nein, nein, so ist es nicht, es sind ziemlich genau vier Jahre her.“ Mein Freund kommt gerade des Weges, „Was, du bist schon da? Ich hoffe dein Zimmer ist schon fertig. Wenn nicht, dann kommst du zu einem netten Zimmermädchen in das Zimmer.“ Er hat immer einen Scherz auf den Lippen. „Ist das dein ganzes Gepäck?“ Er ruft den Boy und bittet alles auf das Zimmer zu bringen. Mein Zimmer ist ein großzügiges Zimmer. Der Teppichboden könnte auch mal eine Renovierung gebrauchen, für ein VierSterne-Hotel schon ganz schön abgewohnt. Denke ich. Zum Abendessen gesellt sich mein Freund hinzu, außerdem stellt er mir den Manager vor, der für den Umbau verantwortlich zeichnet. Er hat auch schon Pläne mitgebracht. Wir wollen eventuell die alten Bungalows abreißen, hier einen schönen Anbau hinsetzen. Einige Tische weiter sitzt eine recht fesche Dame. Die kenne ich irgendwoher. Ich frage meinen Bekannten, wer das denn sei. „Sie ist jedes Jahr um diese Zeit hier.“ „Auch schon vor vier Jahren?“


228 „Sicher, Die haben Aktien vom Konzern, sozusagen Mitbesitzer.“ Sie spürt, dass wir über sie reden, dreht sich um und lächelt herüber. Nach dem Abendessen gehen wir noch an die Bar, um über alte Zeiten zu reden. Da gesellt sich die Dame hinzu. „Woher kenne ich sie bloß?“ „Ich war schon vor vier Jahren hier, Sybille.“ Ich stelle mich ebenfalls vor. Da fragt sie direkt: „Wir können ja auf „Du“ trinken.“ „Wenn Sie meinen.“ Sie lässt gleich Champagner kommen. „Darauf müssen wir doch trinken.“ Mein Freund meint, er müsse noch die Hotel-Kasse abrechnen und dass sein Tag doch sehr lange war. Er empfiehlt sich. „Bis morgen, dann können wir ja noch weiterreden.“ Sybille scheint sich zu langweilen. Sie beginnt sofort, mir ihre halbe Lebensgeschichte zu erzählen. „Meinen Mann habe ich vor vier Wochen verlassen.“ „Das tut mir leid.“ „Muss es aber nicht, jetzt habe ich ja dich kennen gelernt. Du bist doch unverheiratet, wie ich erfahren habe?“ „Du scheinst ja einen guten Draht zur Rezeption zu haben.“ „Das kannst du aber annehmen. Seit siebzehn Jahren komme ich jedes Jahr hierher.“ „Dann warst du schon als Kind hier?“ Sie denkt nach und meint, „Stimmt. Weist du, ich muss hierher kommen, meine Anteile abwohnen. Meine Eltern haben hier mal fünf Prozent erworben. Du bist Architekt?“ „Ja ich bin hier um einen Anbau zu planen.“ „Was hast du denn morgen vor?“ „Ich werde mich in Pläne vertiefen.“ „Schade, ich dachte wir können was zusammen unternehmen.“ „Vielleicht ein paar Tage später?“ An der Rezeption hole ich mir eine Karte vom Gardasee. Ich suche den Campingplatz, wo ich mit meiner Stiefmutter mit dem Wohnwagen in meiner Kindheit war. Ich war zwölf und es war meine erste Auslandsreise. Also will ich auf alten Spuren wandeln. Einmal so um den See kurven. Alfredo kommt zu mir und tut etwas geheimnisvoll. „Pass mal auf, die Sybille ist ziemlich scharf und sucht wohl dringend einen Burschen.“ „Danke für den Tipp.“ „Sie wird dich nicht so leicht aufgeben.“ Sie entdeckt mich bei der Rezeption, ich unterhalte mich mit dem Empfangschef, der etwas älter ist und die Gegend natürlich wie seine Westentasche kennt. Er nennt hier vier Campingplätze, die meiner


229 Beschreibung nach in Frage kommen. Sybille meint, „Komm wir werden das gemeinsam angehen. Ich kenne die Gegend auch ganz gut.“ Ich hole den Wagen aus der Garage und Sybille sitzt schon darin, ehe ich mich versehen konnte. „Na dann fahr mal los.“ „Willst du dir das wirklich antun? Ich versuche doch meine alte Vergangenheit zu finden.“ „Ja, meinst du nicht, dass mich das auch interessiert.“ „Na ja, wie du meinst.“ Wir fahren offen und in Richtung Sirmione. Mal fährt man direkt am See mal mehr im Hinterland. Da entdecke ich wieder die alte Villa am See. „Ich habe sie schon seit Jahren im Blick. Aber diesmal wird hier wohl umgebaut.“ Ich wende und fahre direkt auf den Hof. Sofort kommt ein Bauarbeiter und ich begrüße ihn höflich und erzähle von meinem Interesse. Darauf kommt eine sehr elegante Dame aus dem Haus. „Kann ich Ihnen helfen?“ „Sie sind Deutsche?“ „Jawohl, wir haben dieses Anwesen erworben und beginnen es umzubauen.“ Wir kommen ins Gespräch und sie sieht zum Auto hinüber. „Das ist doch Sybille, oder nicht.“ „Ja doch, so heißt die Dame.“ Die beiden begrüßen sich herzlich und stellen fest, dass sie alte Freundinnen sind. Wir werden in das Haus gebeten. Sybille erzählt, dass ich ein Freund von ihr bin. Die Hausdame serviert einen Champagner und wir nehmen auf der Terrasse, welche zum See blickt, Platz. Die Hausdame will aber mehr über meine Tätigkeit hören. „Wir suchen eigentlich einen Bauleiter.“ „Bauleiter bin ich nur für Freunde. Wenn ich aber den Hotelumbau übernehme, könnte ich mich auch um ihr Anwesen kümmern.“ „Das währe ja ganz toll.“ Sie fragt Sybille, ob sie nicht Lust hätte, bei ihr zu wohnen. „Aber du weißt doch, ich muss im Hotel wohnen. Das ist doch meine Rendite.“ „Aber anschließend kommst du zu mir, versprochen?“ Wir tauschen unsere Telefonnummern aus und versprechen uns in den nächsten Tagen zu sehen. „Ich brauche dringend Ihre Erfahrung.“ „Das Haus dürfen Sie nur sehr vorsichtig umbauen, auf keinen Fall zu viel, hier ist weniger mehr.“ Wir setzen unsere Fahrt fort und sind schon nach wenigen Kilometern am ersten Campingplatz. Ich sehe mich um, muss aber feststellen, dass dieser Platz nicht der gesuchte ist. Wir fahren weiter. Beim nächsten Platz habe ich


230 das Gefühl, der könnte es sein. Wir parken am Eingang, ein freundlicher Wächter kommt auf uns zu. Ich erzähle ihm mein Anliegen. „Gehen Sie nur, nach Ihrer Schilderung könnte es tatsächlich hier gewesen sein. Wir gehen vor zum See, die Felsen, welche man überwinden muss, um in das Wasser zu kommen, hier sind sie. Es sind nur wenige Wohnwagen hier, der Platz ist höchstens zur Hälfte besetzt. Ich erzähl Sybille wo in etwa unser Wohnwagen gestanden haben muss. Die Waschräume sehen eigentlich noch so aus wie früher. Weiße Fliesen und immer noch die typischen Toiletten. „Wir hatten damals einen Wohnwagen neben uns stehen in dem ein junges Mädchen mit langen Zöpfen war. Mit zwölf Jahren hatte ich natürlich noch keine rechte Vorstellung, was geschehen könnte. Das Mädchen war aber schon dreizehn vielleicht auch schon vierzehn. Wir waren hier eine kleine Bande von zehn bis vierzehn Jährigen. So tobten wir hier zwischen den verschiedenen Wohnwagen durch oder waren am Wasser. Teilweise hatten wir aufblasbare Schlauchbote. Auch auf Luftmatratzen lieferten wir uns Wasserschlachten. Meine Stiefmutter war erst seit wenigen Wochen meine Stiefmutter. Mein Vater ließ sich scheiden und so kam es, dass ich bei ihm blieb. Meine Stiefmutter war gerade mal fünfunddreißig also recht jung. Sie holte immer Eis oder besorgte eine große Wassermelone. Mein Vater hatte uns samt Wohnwagen hierher gebracht und fuhr anschließend wieder nach München.“ Sybille meinte, „Schade, dass ich damals nicht dabei war. Wir waren schon damals im Hotel und dort ging es eher steif zu. Wir mussten immer leise sein und niemand durfte gestört werden. Eigentlich nicht besonders kinderfreundlich.“ „Vielleicht warst du ja damals noch gar nicht auf der Welt. Du bist ja noch recht jung.“ „Jetzt willst du nur wissen wie alt ich bin, stimmt es?“ „Du bist doch höchstens kurz über dreißig.“ „Meinst du?“ „Du wirst es mir sicher noch verraten.“ „Erzähl weiter, was habt ihr noch getrieben.“ „Eines Tages haben wir hier Räuber und Schandi gespielt. Ich Depp wollte natürlich Polizist sein. Es hat sich noch ein zweiter gemeldet. So waren wir zwei Polizisten


231 gegen den Rest der Bande. Erst später kam mir der Gedanke, dass man als Polizist gegen die Mafia keine Chance hat.“ „Was ist denn geschehen?“ „Man hat uns in einen Hinterhalt gelockt. Mein Helfer türmte und flüchtete zu seiner Mama in den Wohnwagen. Ich wurde gefangen genommen. Ich musste mich ergeben. So fesselten sie mich an einen Baum. „Den Marterpfahl. Meine Stiefmutter fand das sehr lustig. Sie kam dazu und gab meinen Verfolgern Tipps, um es richtig zu machen. Sie holte noch Tücher und so wurden mir auch noch die Augen verbunden. Über den Strick band sie noch ein Tuch, so gab es kein Entkommen. Ich stand dort bereits eine kleine Ewigkeit, als ich merkte, dass ich Pipi muss. Ich rief, „Macht mich los, ich muss auf das Klo.“ Keiner rührte sich, ich hatte das Gefühl, sie haben mich vergessen. Da spürte ich, dass jemand meine Hose herunter zog, so konnte ich endlich Pipi machen. Ich schrie, man solle mich endlich losmachen. Aber es dauerte nicht lange, und ich bekam etwas in den Mund gesteckt und es wurde ein Tuch darüber gebunden. Das erste Mal in meinem kurzen Leben spürte ich eine angenehme Erregung. Ich konnte hier also nur stehen und warten, dass jemand Erbarmen mit mir hatte. Für mich war es eine Ewigkeit.“ „Da wäre ich gerne dabei gewesen, ich hätte dich vielleicht befreit, aber wenn ich es mir überlege, vielleicht hätte ich die Chance auch wahrgenommen.“ „Wie denn?“ „Möchtest du es wissen?“ „Vielleicht? So könnte ich dich besser einschätzen.“ „Willst du das denn?“ „Vielleicht.“ „Komm mal mit. Stell dich mal hier an den Baum. Nimm die Hände auf den Rücken. Möchtest du es noch mal erleben?“ „Jetzt nicht, und nicht hier.“ „Okay, es wird eine Gelegenheit geben.“ Sie steht recht frech vor mir. Sie hat so einen Blick, dem ich kaum widerstehen kann. Sie greift nach ihrem Tuch, welches über ihrer Schulter hängt. „Sag noch ein Wort und…“ „Was dann?“ „Ich mag dich. Ich glaube wir werden noch viel Spaß miteinander haben.“


232 „Du hast noch nicht fertig erzählt, wie ging es denn weiter.“ Meiner Stiefmutter bin ich wohl irgendwann abgegangen und sie sah nach mir. „Du stehst ja immer noch hier. Warum hast du dich denn nicht frei gemacht. Den Mund haben sie dir ja auch zu gebunden.“ Sie nahm das Tuch ab und so konnte ich endlich losschimpfen. Sybille lachte, „Kann ich verstehen. Mit zwölf hat man ja wohl die ersten sexuellen Gefühle.“ „Keine Ahnung, aber ich hatte sie wohl.“ Wir bedankten uns beim Platzwart, es war übrigens der Campingplatz in Lazise, und setzten unsere Fahrt fort. „Hast du Lust, gehen wir schwimmen?“ „Nur wenn es ein Sandstrand ist. Ich habe keine Lust über Felsen zu steigen.“ Bei Sirmione finden wir dann den passenden Strand. Sybille hatte ihren Badeanzug schon an, aber ich hatte keine Badehose dabei. „Ich werde dir eine basteln.“ Sie kramte in ihrer riesigen Tasche und förderte ein Dreiecktuch hervor. „Das müsste gehen.“ „Wie stellst du dir das denn vor?“ „Wir werden sehen. Vielleicht einen Tanga.“ Wir gehen in eine gemietete Umkleide. „Nicht schön, aber es geht.“ Als wir wieder aus dem Wasser kommen, lacht Sybille herzlich. „Mann sieht ja alles.“ „Oh Gott, wie peinlich. Wir sind hier doch nicht an einem FKK Strand.“ „Dann hätte ich mir ja auch nicht die Mühe mit deiner Badebekleidung machen müssen.“ Die Herrschaften, welche in der Nähe unserer Badehandtücher liegen, grinsen und feixen. Ein Melonenverkäufer kommt vorbei und wir nehmen aufgeschnitten Parmaschinken und Melone. Inzwischen habe ich mir aber ein Badehandtuch umgebunden. Sybille legt das als Hose dienende Tuch in die Sonne zum Trocknen. Wir schmatzen so vor uns hin und lächeln uns gegenseitig zu. „Eine nette Begleitung“ scheint auch sie zu denken. Wir liegen in der Sonne, ab und zu wenden, wir uns um keinen Sonnenbrand zu bekommen. So wie man das mit einem Stück Fleisch macht, das auf einem Grill liegt. Sybille lässt sich einölen. „Hör nicht auf, ich finde es riesig. Du machst das wunderbar. Nicht aufhören.“ „So und jetzt du.“ „Ach, ich brauch das nicht.“ „Leg dich jetzt auf den Bauch und dann kommt dein Rücken als erstes dran.“


233 „Ach lass es, ich will nicht.“ Sie wirft sich auf mich und es beginnt ein Gerangel. „Also gut“, ich lege mich auf den Bauch. „Was sollen denn die Leute denken, wenn du so über mich herfällst?“ „Ach, ich glaube die wären froh wenn es ihr Partner auch mal täte.“ Sie gießt eine Handvoll Badeöl über meinen Rücken. „So jetzt wirst du mir zwischen den Fingern wegrutschen.“ Sie hat einen großen Spaß und beginnt mich zu kitzeln. Sie setzt sich auf meinen Po, um eine bessere Ausgangsbasis zu haben. So habe ich nicht mehr so viele Möglichkeiten auszuweichen. Sie ist kräftiger als ich dachte. Sie hat mich richtig im Griff. Sie versucht mir die Hände auf den Rücken zu drehen, aber es ist zu rutschig. Immer wieder kann ich mich befreien. „So jetzt ist aber Schluss.“ Sie schnappt sich das Tuch, macht eine Schlinge und da hat sie mich tatsächlich. So schnell kann ich gar nicht schauen, da zieht sie die Schlinge zu. „So basta!“ Sie schlingt eines der Enden noch ein paar Mal herum und verknotet es kräftig. „Was soll das werden?“ „Das fragst du mich. Sie dich mal an.“ „Scheiße, ziemlich fest.“ „So gefällt mir das, hätte nicht gedacht, dass ich so schnell meinen Spaß haben werde.“ „Magst du das denn?“ „Kommt darauf an. Das ist ja nur der Anfang, da gäbe es noch einiges mehr an Spaß. So und jetzt gibst du wieder Ruhe, ich will mich noch etwas bräunen.“ Sie legt sich wieder in die Sonne. Ich rolle mich auf die Seite, so ist es auszuhalten. „Na, geht es dir noch gut?“ „Ja, ja, es wird nicht mehr lange dauern, dann werde ich grantig.“ „Oh, dass will ich aber erleben.“ Wir liegen etwa noch einer Stunde und ich signalisiere, dass ich ganz gerne Heimfahren würde. „Das kannst du gerne, ich werde dir dabei zusehen.“ „Los mach mich jetzt frei.“ Wir werden jäh aus diesem Spielchen gerissen als hinter uns eine Stimme erklingt. „Sofort aufhören und mitkommen.“ Sybille meint, „Scheiße Polizei“. Über der Straße etwa hundert Meter vom Strand ist die Polizeiwache. „Das ist verboten.“


234 „Wie, das mit dem Augenverbinden?“ „Was ist daran schlimm?“ „Sex in der Öffentlichkeit ist verboten.“ „Wer hatte Sex?“ Der Wachtmeister wird ärgerlich. „Wir hatten bestimmt nichts Böses vor.“ „Was war denn dass, was Sie da getrieben haben.“ „Keine Ahnung, sagen Sie es uns bitte.“ Wir versprechen dann, es nicht mehr zu tun. Sybille fügte hinzu, „wenigstens nicht mehr auf der Straße. Entschuldigen Sie, ich meine am Strand.“ Der Beamte erkennt, dass er uns eigentlich nichts Konkretes vorwerfen kann. „Also jetzt packen Sie ihre Sachen und gehen Sie. Wenn ich Sie nochmal erwische kostet es eine harte Strafe.“ Sybille, kann es nicht lassen. „Sperren Sie uns dann in einen Kerker?“ „Raus jetzt.“ Wir gehen zum Auto und als wir darin sitzen, müssen wir beide losbrüllen vor Lachen. „Du bist schuld, mit deinem blöden einölen.“ „Ach, du hattest wohl keine Gefühle.“ „Doch schon. Komm wir fahren jetzt in das Hotel. Hast du auch so einen Hunger?“ „Auf was?“ „Auf Spaghetti. Ich werde dich füttern.“ „Nein, du musst sie ohne Gabel hineinschlürfen.“ „Da freu ich mich schon darauf, und das alles in dem Hotel-Restaurant.“ „Na ja, ob das der richtige Platz ist?“ Wir fahren dieselbe Straße, die wir auch gekommen sind zurück. An der Villa haben sie inzwischen aufgehört zu arbeiten. „Woher kennst du eigentlich die Besitzerin?“ „Sie ist eine Kundin meines Mannes.“ „Da hat sie sich wohl nichts gedacht, als sie dich mit mir gesehen hat.“ „Währe mir auch egal. Aber sie lebt auch mit verschiedenen Männern. Ich sehe sie nicht oft, aber wenn, dann hat sie immer einen anderen Mann an ihrer Seite.“ „So was gibt es also auch bei euch Frauen.“ Ich fahre den Wagen in die Garage und wir verabreden uns in einer Stunde im Restaurant. Lange Duschen, das ist jetzt richtig schön. Kaltes Wasser läuft über meinen Kopf. Da sehe ich im Spiegel, dass ich einen ganz schönen Sonnenbrand habe. Da sollte man eigentlich einen Jogurt darauf tun. Da werde ich die Hilfe von Sybille benötigen. Noch eine frische Sommerhose und ein weißes Hemd, jetzt stimmt alles wieder. Als ich in das Restaurant komme, treffe ich meinen Freund.


235 „Hat sie dich rumgekriegt?“ „Wieso?“ „Ich habe euch doch gesehen.“ „Wir hatten einfach einen lustigen Nachmittag.“ „Freut mich für dich. Dein Platz ist dort in der Ecke, den habe ich schon für euch reserviert. Da seid ihr etwas für euch.“ Da kommt Sybille zur Türe herein. Sie hat sich richtig chic gemacht. Alles in weiß. Mit einem großen weißen Tuch um die Schultern. „Wow, da haben wir sicher viel Spaß.“ Sie kommt auf den Tisch zu und lächelt, „bin ich richtig angezogen für das Spaghetti-Essen?“ „Da sieht man jedenfalls jeden Fleck, toll siehst du aus. Wo willst du sitzen?“ „Ich sehe gerne in das Lokal, es ist immer besser, dem Feind ins Gesicht zu schauen.“ „Komm setz dich neben mich.“ Sybille fragt den Hoteldirektor, „wollen sie nicht auch mit uns essen?“ „Ich will doch nicht stören.“ Ich ermuntere ihn, „komm, setz dich zu uns.“ „Was habt ihr heute getrieben?“ „Getrieben ist der passende Ausdruck.“ „Die Polizei hat uns mitgenommen, nur weil ich ihm die Augen verbunden habe.“ „Na, da war sicher noch was anderes.“ Sybille beginnt mit der Erklärung, „sieh mal es war so.“ Sie steht auf, nimmt ihr Tuch, legt es über mein Gesicht und bindet es im Nacken. Das ganze Lokal sieht gebannt zu uns rüber. „Ja, und dann kam die Polizei.“ Sie nimmt das Tuch wieder ab. „Aufregend“, sagt eine Frau am Nebentisch. Der Mann meint, „Das geht uns nichts an.“ „Du kämst ja gar nicht auf so eine Idee“, meint seine Frau. „Du würdest ja gleich um Hilfe schreien.“ „Probier es doch einfach mal aus.“ Wir müssen alle lachen und prosten uns gegenseitig zu. „Auf die Strandspiele.“ „Da haben sie völlig Recht. Lachen ist gesund.“ Wir prosten uns noch mehrmals zu und haben Spaß bis Mitternacht. Die Kellner fangen an, die Stühle hochzustellen. „Jetzt wird es aber Zeit.“


236 Wir gehen noch für einen Absacker an die Bar und verschwinden. Ich bringe Sybille an ihre Zimmertüre, da will sie mich hineinziehen. „Sybille, bitte nicht so schnell, lass uns etwas Zeit.“ „Wie du meinst, es entgeht dir aber einiges.“ „Mag sein, aber lass uns erstmal kennen lernen.“ „Okay, aber einen Gute-NachtKuss darfst du mir noch geben, davon bekommt man noch keine Kinder.“ Für den nächsten Morgen sind bereits einige Termine wegen des Anbaus festgelegt. Bereits zum Frühstück sitzen wir zusammen und haben schon eine Diskussion. „Soll es modern werden oder im alten Stil weitergeführt werden?“ Ich mache einige Entwürfe aus der Hand. „Ich bin eher für einen modernen Anbau.“ Schon das alte Gebäude hat eigentlich keinen wirklichen Charme. Es ist nur die tolle Lage am See. Da kommt Sybille hinzu. „Es macht euch doch nichts aus, wenn ich mich hinzugeselle.“ Sie mischt sich sofort in das Gespräch ein, und plädiert auch für einen modernen Anbau. Ihre Argumente sind erstaunlich präzise. Woher hat sie dieses Wissen. Ist sie vielleicht Kollegin. Bei einer Gesprächspause frage ich sie ohne Umschweife. Sie hat Design studiert. Zwar mehr in die Stoffrichtung, aber hat auch schon für ein Architekturbüro gearbeitet und dies ziemlich lange. Ich bin begeistert, da hab ich sogar jemand mit Fachkenntnissen. Erst jetzt fällt mir auf, wie schick sie sich angezogen hat. Statt eines Gürtels hat sie ein Tuch durchgezogen. In die Bluse hat sie sich ein Hermes Tuch gelegt. „Entschuldige, aber ich komme erst jetzt dazu, dir zu sagen, wie toll du aussiehst.“ „Danke.“ Wir gehen wieder in den Raum und führen unser Gespräch weiter. „Was soll denn überhaupt mit dem Anbau geschehen? Werden es neue Zimmer oder soll er eine andere Verwendung bekommen.“ Einer der Direktoren erklärt, wie man sich die Aufteilung vorstellt. „Also an die Arbeit, du hast jetzt wirklich viel zu tun, wenn ich dir dabei helfen kann, würde ich mich freuen.“ Wir gehen in einen zum Arbeiten hergerichteten Nebenraum. Zeichenbrett und alles was man braucht sind hier vorhanden. Sybille beginnt sofort mit einem Entwurf. „Super, wie du das machst.“ „Aber am Nachmittag machen wir frei, ist das klar?“ „Alles klar.“ Einer der Herren Direktoren kommt, um sich die ersten Entwürfe zu betrachten. „Ich wusste gar nicht, dass sie nicht nur Mitgesellschafterin sind, sondern auch hier mitarbeiten wollen.“


237 „Tja, das hat sich gestern ergeben.“ „Sie sind ein Kind schnellen Entschlusses.“ „Das wird heute von einem verlangt.“ Sein Blick schweift über die Entwürfe und einer hat es ihm besonders angetan. „Diese Idee finde ich bemerkenswert.“ Sybille schmunzelt. „Ihre Idee?“ „Sie hat wirklich Ahnung!“, stellt er anerkennend fest. Wir treffen uns mit allen Herren zum Mittagessen. Am großen Tisch werden die Einzelheiten besprochen. „Wir haben den Termin beim Bürgermeister bereits am kommenden Freitag.“ „Oh, dass wird knapp. Da dürfen wir nicht lange trödeln.“ Claudia fragt, wie es eigentlich mit dem Honorar aussieht. „Sie sind ja Mitbesitzerin, da gibt es nichts. Mit unserem Architekten werden wir schon eine Lösung finden. Im schlimmsten Fall, macht er hier Urlaub für die nächsten Jahre.“ Nach einer kurzen Ruhepause machen wir uns auf zu unserem Ausflug. Die Strecke über Brescia hat zwar schöne Ausblicke, aber wenig Strand. Wir bummeln durch Brescia und finden viele Andenken, besonders für die hier jährlich stattfindende „Mille Millia“. Wir setzen uns in ein Café am kleinen Hafen und sehen den Fischern zu. „Erzähl doch mal ein bisschen von dir.“ „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich war auf einer Design Schule und habe bei einem Freund meines Vaters im Architektur-Büro gearbeitet. Als dieser sehr persönlich werden wollte, habe ich dort aufgehört. Ein Jahr später habe ich geheiratet, aber feststellen müssen, dass mein Mann sehr vielseitig war. So haben wir uns vor etwa vier Wochen getrennt. Wir werden uns scheiden lassen. Wie ist das bei dir? Soviel ich weiß, hast du gerade bei einem Unfall deine Frau verloren.“ Ich erzähle ihr die Umstände. „Tut mir leid.“ „Wir hatten geheiratet und uns kurz darauf aus den Augen verloren. Sie bekam eben den Superposten, der unserer Ehe nicht besonders gut tat.“ Die Sonne kommt nun kräftig durch und ich frage, Sybille ob wir offen fahren sollen. „Das machen wir.“ „Schöner Wagen.“ „Was fährst du?“ „Ich fahre seit Jahren Peugeot, immer das Coupe.“ „Sehr schönes Auto. Ein echtes Damenauto.“


238 „Also, nun lass uns doch ein Stück weiter fahren.“ Als wir auf den Parkplatz kommen, macht sich gerade jemand an meinem Wagen zu schaffen. „Kann ich ihnen vielleicht helfen, ich hätte den Schlüssel, so brauchen Sie ihn nicht aufzubrechen?“ Der Typ ist so perplex, das er sich entschuldigt mit der Ausrede, „er habe nur aufgepasst, dass niemand auf dumme Gedanken kommt.“ „Warum brauchst du dazu die Eisenstange?“ „Das ist nur so.“ „Aha, jetzt verschwinde.“ „Für das Aufpassen bekomme ich normalerweise ein Trinkgeld.“ „Du Lümmel, hier hast du einen Euro.“ „Was du gibst dem auch noch Geld? Du bist ja wohl verrückt.“ „Nein nicht unbedingt, wenn er den Wagen zukünftig wieder sieht, wird er tatsächlich darauf aufpassen, das ist Zigeunerehre.“ „Damit scheinst du dich auszukennen.“ „Ich liebe Zigeuner.“ „Da werde ich glatt zur Zigeunerin.“ Sie nimmt aus ihrer Tasche ein großes Tuch und wirft es sich über den Kopf. Schlingt es im amerikanischen Stil herum und bindet es hinten im Nacken. „Jetzt siehst du aber aufregend aus.“ „Finde ich auch, ich trage es gerne so.“ Wir fahren vom Parkplatz und der kleine Lümmel winkt uns zu. Er hat sich bereits von dem Euro ein Eis geholt. Die Eisenstange hatte er wohl versteckt. Er braucht sie doch für den nächsten Wagen. Als wir an Sirmione vorbeikommen, meint Sybille, „hier ginge es zum Strand, und da drüben ist das Revier. Hast du Lust auf eine Einzelzelle?“ „Mit dir schon.“ „Ich sagte Einzelzelle.“ „Lass uns jetzt lieber ins Hotel fahren. Dort können wir ja noch in den See gehen und schwimmen.“ In der Halle kommt uns bereits einer der Direktoren entgegen. „Wo waren sie denn? wir haben bereits eine Entscheidung getroffen. Wir werden den Vorschlag von Sybille weiter verfolgen. Können sie den bis Freitag komplettieren?“


239 „Nicht perfekt, aber für den Bürgermeister wird es reichen. Morgen früh machen wir uns gleich an die Arbeit, wir werden den Tag durcharbeiten. Dann bleibt uns noch der Donnerstag für die Feinarbeit.“ „Wann ist denn der Termin im Amt?“ „Freitag um zehn. Das reicht.“ Sybille meldet sich zu Wort. „Ich will aber mitarbeiten.“ „Natürlich, es ist ja deine Idee. Hiermit erkläre ich dich zu meiner persönlichen Assistentin.“ „Angenommen. Dann verlange ich jetzt meine Ruhestunde und ein Abendessen, sonst trete ich in die Gewerkschaft ein.“ „Bei der Drohung, kann ich nicht nein sagen.“ Bevor wir uns vor ihrer Zimmertüre trennen, nehmen wir uns kräftig in die Arme. „Bitte bedenke, wir kennen uns erst gerade mal drei Tage.“ „Aber intensive Tage“, gibt Sybille zu bedenken. Der nächste Morgen ist grau und nebelig, völlig ungewohnt zu dieser Jahreszeit. Eben ein echter Arbeitstag. Wir treffen uns beim Frühstück. Die Herren Direktoren sind zum Glück nicht da. Sybille ist superschick. „Willst du so arbeiten?“ „Warum nicht, muss man in Schutt und Asche sein um mit dir zu arbeiten? Ich will doch hübsch für dich sein. Ah, ich hab was vergessen, ich komme gleich wieder.“ Ich bestelle schon mal das Frühstück, das meiste bekommt man aber am Buffet. Sybille kommt mit einem Tuch in der Hand. „So heute ist es das erste Mal.“ Sie legt es zusammen und legt es mir um den Hals, „Super, es steht dir ganz toll.“ „Und weich ist es auch. Danke, du bist ein Schatz.“ Nach dem Frühstück, verschanzen wir uns im Arbeitszimmer. Ab und zu sieht jemand von den Direktoren vorbei, um einen Blick zu erhaschen. Gerade als sich Sybille über mich beugt und mich streichelt geht die Türe auf. „Entschuldigung“ es ist mein Freund. „Wie kommt ihr voran? Wie ich sehe sehr gut.“ „Wir sind schon ziemlich weit.“ Er sieht Claudia so von der Seite an, er scheint sie zu bewundern, will aber nichts sagen. Er fragt nur mit einem Blick zu mir, „Seit wann trägst du denn Tücher?“ Sybille antwortet wie aus der Pistole geschossen, „Ab sofort.“ „Entschuldigung, ich wollte mich nicht einmischen.“ Er verzieht sich recht schnell, da er sowieso von dieser Arbeit nicht viel versteht.


240 Es wird an diesem Tag recht spät. Einer der Direktoren bringt persönlich ein Tablett mit Häppchen vorbei, mit der Bemerkung, „Sonst fallen sie mir ja noch vom Fleisch.“ „Wir müssen einfach fertig werden, der Bürgermeister wird Augen machen. Ein Prosecco würde sicher unserem Kreislauf etwas Gutes tun.“ „Kommt sofort.“ Der Direktor beginnt uns zu loben. Ich antworte, „Lassen sie dass lieber, bis wir wirklich fertig sind.“ Gegen elf kündigt sich das Ende an. „Jetzt freu ich mich aber auf das Bett. Der Rücken ist schon krumm vom Zeichnen.“ „Ich würde dich gerne zum Kuscheln einladen.“ Sybille sieht mich recht flehend an. „Aber nur Kuscheln, keine langen Spielchen.“ „Ich verspreche es. Ab Freitag haben wir dann aber Urlaub. Versprochen?“ Freitag früh richten wir die Unterlagen für den Bürgermeister. Mit einer großen Rolle voller Pläne und einer dicken Aktentasche mit Zeichnungen schreiten wir Richtung Amt. Im großen Sitzungssaal erwartet man uns bereits. Es wird uns ein Platz am Tischende zugewiesen. Der Bürgermeister sitzt uns gegenüber. „Aber das ist ja der Direktor, der uns gestern die Brötchen gebracht hat.“ „Nur gestern, war er einer der Direktoren, heute ist er der Chef vom Bauamt. So nah sind hier die Verbindungen.“ Er steht auf und begrüßt uns sehr persönlich. Er hätte ja schon einen Blick vorab erhaschen können. Aber wir sollen jetzt unsere Idee vortragen. Vier Stunden tragen wir alles im Detail vor. „Sie dürfen jetzt einen Kaffee trinken gehen, wir haben jetzt nämlich die Abstimmung.“ Als wir draußen vor der Türe sind, meint Sybille, „Was stimmen die denn jetzt ab?“ „Na ja, ob wir den Auftrag bekommen oder nicht.“ „Ach so. Du hast ja gar kein Tuch im Hemd. Muss ich mich denn um alles kümmern?“ „Vielleicht. Hättest du es denn gerne?“ „Bitte keine Persönlichkeiten mit dem Chef. Wir sind jetzt im Dienst.“ Wir nehmen uns in den Arm und gehen in die Kantine. Nach einer Stunde werden wir wieder nach oben gebeten. Der Bürgermeister blinzelt uns zu. Den Auftrag zur Neugestaltung erhält das Architektenteam… Wie heißen Sie eigentlich?“ Alles fängt an schallend zu lachen. Anschließend treffen wir uns alle zur kleinen Feier im Restaurant in Riva, es gehört übrigens ebenfalls dem Bürgermeister.


241 Der Herr Bürgermeister führt noch ergänzend aus, dass noch das Gemeindehaus einer Renovierung entgegen sieht. „Wird alles erledigt.“ „Wir müssen aber noch das Problem mit dem Wohnsitz lösen.“ „Wieso?“ „Die Gemeinde hätte es gerne, wenn sie schon den Auftrag an sie vergibt, dass die Steuern dafür in die Gemeinde-Kasse von Riva fließt.“ „Das wird sofort nachgeholt. Aber wo werden wir wohnen. Wir können doch nicht im Hotel bleiben?“ „Da haben wir uns etwas ausgedacht. Es gäbe hinter dem Rathaus in der Altstadt ein Gebäude, dass könnten sie mieten.“ „Wir werden es uns ansehen. Günstig mieten?“ „Sicher, nur günstig!“ Wir beschließen aber für die nächsten Wochen unsere Zimmer zu behalten. Wir finden eine Lösung mit dem Honorar und werden etwas verrechnen. Das gefällt auch den übrigen Direktoren. Als wir am Nachmittag auf unser Zimmer kommen, steht hier schon ein Prosecco im Eiskübel und eine Obstschale. Ich lasse mich aufs Bett fallen. „Aber eines steht fest, ab sofort ist Urlaub angesagt.“ Sybille öffnet die Flasche und reicht mir ein Glas. „Auf unsere Partnerschaft. Übrigens vielen Dank, dass du das Projekt mir zugeschrieben hast. Ich bin doch gar keine richtige Architektin.“ „Aber klar doch, du bist meine Partnerin, damit bist du Architektin, schließlich sind wir in Italien. Montag melden wir dich an. Somit bist du Resident in Italien. Düsseldorf hast du damit den Rücken gekehrt.“ Da wird ein Eilbrief unter der Türe durchgeschoben. Sybille geht hin. „Von meinem Mann. Es ist ein Brief von seinem Anwalt. Er will die Hälfte von meinem Vermögen.“ „Aha, der will auch zwei Wochen zukünftig hier umsonst wohnen.“ „So nicht, das sind meine Anteile von meinen Eltern.“ „Mach dich jetzt nicht verrückt, übergebe es deinem Anwalt. Beginne jetzt nicht damit, schmutzige Wäsche zu waschen!“ „Aber ärgern tut es mich doch.“ Ich nehme sie in die Arme und versuche sie mit meinen Küssen abzulenken. „Du hast immer noch kein Tuch in deinem Hemd.“ „Dann hol eines.“


242 Sybille geht zum Schrank und zum ersten Mal sehe ich, welche Mengen an Tücher und Schals sie im Schrank hat. Sie sucht eines heraus und kommt auf mich zu. Sie legt es zusammen und verbindet mir die Augen. „So, ab jetzt beginnt der Urlaub.“ Den restlichen Nachmittag kommen wir nicht mehr aus dem Bett. Gegen Abend gehen wir dann schwimmen und verziehen uns anschließend auf unser Zimmer. Wir lassen uns ein köstliches Abendessen bringen und stoßen einmal mehr auf unsere gemeinsame Arbeit an. „Das macht ja richtig Spaß, so werden wir noch Alkoholiker.“ „Wenn wir soviel Erfolg haben. Um das Rathaus müssen wir uns auch noch kümmern.“ „Du bekommst ja richtig Biss.“ „Was glaubst du, wie lange ich auf so eine Gelegenheit gewartet habe? Mein Mann wollte nie, dass ich mein eigenes Geld verdiene.“ „Was macht er denn so eigentlich?“ „Er hat einige sehr gute Handelsvertretungen. Er verdient wirklich gut.“ „Aber warum will er denn dann die Hälfte von deinem Geld?“ „Ich habe mein Erbe, von meinen Eltern bereits erhalten. Er hat aber vergessen, dass wir einen Ehevertrag haben. Da ist alles geregelt.“ „Also, dann kann es dir doch egal sein. Also, ich freue mich, in dir eine echte Partnerin gefunden zu haben, so bin ich eigentlich froh, dass deine Ehe am Ende ist.“ „Du bist ein Scheusal.“ „Aber ein liebes.“ „Ach stimmt ja, du bist ja ein bisschen Zigeuner. Wie viel bisschen?“ „Du musst das überprüfen, finde es heraus. Ich bin dein Versuchsobjekt.“ „Dann lass uns mal versuchen.“ Am folgenden Samstag ist das Wetter eher schlechter. Es stellt sich somit die Frage, was treiben wir? „Ausruhen, oder wir besuchen noch mal deine Freundin in der Villa?“ „Wir könnten ja auch einen Auftrag zwischendurch annehmen?“ „Das machen wir“. Es fängt richtig an zu schütten, wie aus Kübeln. Als wir an der Villa ankommen, öffnet niemand. „Scheinen in Deutschland zu sein. Sehen wir einfach nächste Woche nochmal vorbei.“ „Ich kann sie auch anrufen, in meinem Handy müsste ihre Nummer gespeichert sein.“ Wir sind etwas ratlos, dass Wetter wird eher schlechter als besser. Kein


243 einziger Sonnenstrahl am Himmel und auch nicht in Sicht. „Nach San Remo ist es zu weit.“ „Wieso zu weit? Das machen wir, wir können uns ja beim Fahren ablösen, dann musst du nicht alles fahren.“ „Was brauchen wir dort?“ „Komm, wir nehmen uns noch Montag und Dienstag frei.“ „Aber wir haben doch Urlaub, wir müssen uns nicht frei nehmen.“ Wir packen ein paar Sachen in eine Tasche und fahren in Richtung San Remo. Wir wechseln uns ab und Sybille ist begeistert von dem Wagen. „Der könnte mir gefallen.“ Als wir an Genova vorbei sind, klärt sich das Wetter auf. „Siehst du, die Riviera ist immer gut für schönes Wetter.“ Die letzten hundert Kilometer fahre ich wieder, obwohl Sybille nur sehr ungern das Steuer abgibt. Als ich in die kleine Straße einbiege ist Sybille begeistert, „Jetzt verstehe ich warum alle so gern hier wohnen.“ „Da hinten am Berg liegt die Wohnung.“ „Da hast du sicher einen tollen Blick über das Meer und den Ort.“ Wir fahren in die Tiefgarage und stellen den Wagen ab. „Da stehen aber tolle Autos, wahrscheinlich lauter reiche Leute.“ „Bis jetzt sind wir im Haus zu zweit. Die anderen zwei Wohnungen sind noch nicht verkauft. Ich habe mich lieber für die Dachterrasse entschieden, ich wollte keinen Garten.“ „Find ich auch besser.“ Als ich aufsperre, kommt uns ein abgestandener Geruch entgegen. „Ich muss in Zukunft die Klimaanlage einschalten, wenn ich abfahre.“ Wir reißen die Fenster auf und gehen auf die Terrasse. „Komm, ich hole was zu trinken.“ „Wasser, nur ein großes Wasser bitte.“ „Sollst du haben. Der Kühlschrank ist immer mit Trinkbarem gefüllt.“ Sybille trägt den Liegestuhl nach draußen, ein Tischchen und ich nehme den zweiten Liegestuhl. „Wunderbar, nicht dass ich am Gardasee unzufrieden währe, aber hier ist es schon besonders schön.“ „Aber sag mal, hast du nicht noch eine Wohnung in München?“ „Woher weißt du?“ „Dein Freund hat es erwähnt.“ „In München konnte ich meine Wohnung, die ich lange Zeit gemietet hatte, erwerben. Das ist gerade mal ein halbes Jahr her. Sie muss noch renoviert werden. Aber im Moment ist dort noch eine Freundin zu Gast.“


244 „Eine Freundin, gibt es da etwas, was ich noch wissen sollte?“ Ich beginne ihr die Geschichte zu erzählen. Als ich fertig bin, ist es bereits tiefe Nacht und die Mücken piesacken uns. „Lass uns hineingehen.“ „Lerne ich deine Damen mal kennen?“ „Wenn es sich ergibt, sicher. Richi und seine Lebensgefährtin Betti, mit Sicherheit. Er ist mein bester Freund, seit dem Studium.“ „Er lebt doch in Berlin?“ „Ja, er arbeitet für die Stadtverwaltung.“ „Ein Beamter, sicher das genaue Gegenteil von dir.“ „Das zieht sich sicher an.“ Wir machen zum Schlafen das Mückennetz herunter. „Jetzt haben alle Mücken Glück, die sich darin befinden. Sie werden uns ärgern und piesacken. Wir werden das Spray nehmen.“ Wir schlafen bis uns die Sonne in das Gesicht scheint. Sybille holt zwei Tücher damit wir uns die Augen verbinden können. So schlafen wir doch tatsächlich zwei Stunden länger. Die angenehme Morgenfrische lässt uns schnell auf andere Gedanken kommen. „Aber später gehen wir zum Frühstück.“ „Später ja, aber vorher kommst du jetzt erstmal zu mir. Ich werde dir jetzt mal Tandra etwas näher bringen.“ Sybille ist wohl Spezialistin in Tantra. Wir sitzen uns gegenüber und befühlen uns, natürlich mit verbundenen Augen. „Nur fühlen, nicht fummeln!“ „Wo ist da der Unterschied?“ Wir lassen die Frage offen und befühlen weiter. Irgendwann gehen wir dann zum Fummeln über. Erst gegen Mittag sind wir mit dieser Übung fertig und verschwinden zu zweit im Bad. Auch das Duschen zieht sich, da es auch hier eine Tantra-Übung gibt. Mein Magen fängt an kräftig zu knurren. „Hat das auch mit Tantra zu tun, oder ist das einfach nur Hunger?“ „Weißt du, du musst wissen, ich bin sehr fraßgrantig.“ „Was ist das?“ „Noch eine halbe Stunde, dann habe ich das Stadium erreicht. Komm lass uns lieber gehen.“ Wir ziehen uns recht salopp an und schlendern zum Strand. „Hier habe ich ja wie immer meine Stammkneipe.“ Die Wirtin sieht Sybille sehr misstrauisch an. „Hat die was gegen mich, oder liegt das an etwas, was ich noch nicht weiß?“ „Sie ist wahrscheinlich eifersüchtig, normalerweise komme ich immer allein. Vielleicht hat sie sich ja Hoffnungen gemacht.“ „Du Depp, auf den Arm nehmen kann ich mich auch alleine.“


245 „Vielleicht liegt es auch daran, dass deine Bluse sehr weit offen ist. Der Vatikan sieht alles.“ „Entschuldige, ich habe mein Tuch vergessen.“ „Ja, ja kaum eine Woche zusammen, schon wird man vernachlässigt.“ Sie beugt sich zu mir und gibt mir einen heftigen Kuss. Da kommt die Wirtin, „Die Semmeln bitte!“, und schiebt einen Brotkorb zwischen uns. „Wollen sie noch Marmelade? Das Buffet ist bitte drinnen.“ „Vielen Dank, aber hätten sie vielleicht noch etwas Parmaschinken?“ „Kommt sofort.“ So langsam füllt sich das Lokal denn es gibt hier auch einen guten Mittagstisch. Die Wirtin und ihre Helferin haben wirklich alle Hände voll zu tun. Es gibt hauptsächlich Spaghetti und Nudelgerichte. Inzwischen sind alle Plätze belegt. Wir bestellen uns noch eine Flasche Wein, jetzt ist die Wirtin zufrieden, sie hatte wohl Angst, dass wir einen Tisch belegen und nicht zu Mittag bleiben. „Möchtest du denn noch einen Teller Spaghetti?“ „Wenn ich mir die Portionen so ansehe, bekomme ich richtig Appetit.“ „Also Leonore, bring uns bitte noch zwei Teller Spaghetti Bolognese.“ „Aber gerne doch die Herrschaften. Ihren Kaffee trinken Sie noch aus?“ „Nein dürfen sie abräumen.“ „Darf ich?“ „Was hab ich dir getan, dass du so garstig bist?“ „Das Fräulein, wer ist das?“ „Eine gute Bekannte.“ „So, so, jede Woche eine gute Bekannte.“ „Aber ich war doch immer alleine hier.“ Am Haus angekommen, gehe ich zuerst in die Garage. Sybille ist sehr schweigsam. „Ist etwas, entschuldige, hab ich dich vernachlässigt.“ „Du hast mir den Wagen verschwiegen. Das ist ja ein tolles Gefährt.“ „Mein eigentlicher Dienstwagen.“ Sybille bittet sich reinsetzen zu dürfen. „Ja klar doch, sollen wir eine Runde drehen?“ „Morgen, versprochen?“ „Du wirst sehen, der Mercedes ist bequemer. Der Maserati ist knochenhart.“ „Hier sind noch Damensachen darin.“ „Die sind sicher noch von Irmi. Ich werde ihn bei der nächsten Inspektion reinigen lassen. „Komm her, lass dir jetzt ein großes Bussi geben und dann gehen wir nach oben. Hast du Lust auf eine Tantra-Übung?“


246 „Au ja, ich bin gespannt, was du mir heute beibringst. Aber bitte denke an die Spaghetti.“ „Wir machen etwas Leichtes, trinken aber vorher noch einen Grappa. Los, wer zuerst oben ist, und nicht den Lift.“ Völlig aus der Puste kommen wir oben an. „Ich hatte ja auch drei Spaghetti mehr. Du hast gewonnen.“ Die Wohnung ist angenehm kühl, die Air Contition hat kräftig nachgeholfen. „Angenehm, sehr angenehm.“ Ich hole den Grappa, aber Sybille ist sofort in das Badezimmer zum Duschen. Sie kommt mit einem Chiffontuch bedeckt, sehr verführerisch auf mich zu. „Zuerst den Grappa, haben wir ausgemacht.“ Sie nimmt mich bei der Hand und bringt mich zur Dusche. Sie legt selbst Hand an, beim Einseifen mit dem Duschgel. „Na, wirkt es schon?“ „Den Grappa bitte, aber sofort.“, meint Sybille. „Dann geh ihn mal suchen.“ „Im Kühlschrank, da muss ich nicht lange suchen.“ Sybille hat sich inzwischen die Augen verbunden und so gebe ich ihr das Glas an die Lippen. „Na, nicht zu verachten?“ Sie hat aber bereits völlig andere Ideen. „Drück dich jetzt nicht, ab in den Tantra-Raum.“ Ich lasse noch das Mückennetz herunter, dann hab ich aber keine Chance mehr. Auch ich bekomme die Augen verbunden und dann beginnt der Tantratraum. Es dämmert schon als wir wieder erwachen. Sybille hat so fest geschlafen, dass sie sicher durchgeschlafen hätte. Ich krieche aus dem Bett und zünde ein paar Kerzen an. Aus dem Kühlschrank hole ich noch eine Flasche leckeren Rosé. Wir verdösen den halben Abend im Bett. Immer mit neuen Tantra-Spielen. Als wir am Frühstückstisch sitzen, kommt uns die Idee, schon mal nach Materialmustern für den Umbau zu sehen. „Wenn wir bei der nächsten Sitzung schon mal Farbmuster und Marmor vorlegen können, schinden wir mächtig Eindruck. Auch Teppichböden und Vorhangmuster sollten wir schon mal präsentieren.“ „Eine gute Idee. Wir haben hier an der Riviera unzählige Geschäfte die sich auf diese Arbeiten spezialisiert haben. Wir haben den Anbau auch besser im Griff, wenn wir uns gleich selbst um diese Dinge kümmern.“ Sybille schnappt sich gleich mal das Branchenbuch, um einige Firmen herauszuschreiben. Es dauert nicht lange und sie


247 hat die ersten Seiten voll geschrieben. „Wir sollten sie aber nach Regionen sortieren, sonst kurven wir ständig hin und her.“ Wir konzentrieren uns zuerst mal auf die Gegend um San Remo. Ein Stoffhändler auf unserer Liste, den besuchen wir als erstes. Er hat ein riesiges Lager. Wir gehen Reihe für Reihe durch und Sybille kommt aus dem schwärmen gar nicht mehr heraus. Sie nimmt teilweise gleich vier Meter von einem Stoff als Muster mit. Hier müssen wir aber für die Muster zahlen. Sie staunt nicht schlecht, als wir die Rechnung bekommen. Fast neunhundert Euro legen wir hin. „Aber du musst zugeben, einer ist schöner wie der andere.“ „Stell dir mal vor, ein Zimmer mit diesem Marmorboden und diesem Vorhangstoff.“ Sie war in ihrem Element. Der Möbelgroßhändler ist nicht weit, „Wollen wir den noch vor dem Essen machen?“ „Wenn du noch kannst, machen wir den tatsächlich noch vorher.“ „Also den werden wir suchen müssen. Gib ihn doch einfach mal im Navi ein.“ „Gute Idee!“ Die Routenführung beginnt mit dem Hinweis, „Bitte wenden“ Wir sind aber in einer Einbahnstraße. Ein paar Kurven und wir sind auf dem richtigen Weg. Es ist eine recht kleine Straße und diese ist durch einen Möbeltransporter zugestellt. „Komm, wir gehen zu Fuß.“ Der Möbelhändler hat Stress und kein Personal. Er atmet erleichtert auf, als wir ihm sagen, „Wir sind vom Fach.“ „Wir finden uns schon zurecht.“ „Schauen Sie nur. Haben Sie Bleistift und Papier? Schreiben Sie einfach die Nummern auf, später gehen sie an den Computer und tippen diese ein, dann bekommen Sie voll automatisch ein Angebot.“ „Gut organisiert.“ Wir merken gar nicht wie die Zeit vergeht. Sybille macht von vielen Möbeln Fotos über ihr Handy. „So wie ich das sehe, bekommen wir hier die komplette Einrichtung. Außerdem haben sie hier Spitzenqualität.“ „Jetzt knurrt mir aber der Magen.“ „Ach, du bist das, ich dachte die haben einen Hund.“ „Also jetzt an den Computer da drüben und die Nummern eingegeben.“ Sybille setzt sich an den Computer und ich gebe die Nummern durch. Drei Uhr, die richtige Zeit zum Essen zu gehen. „Na, haben sie alles gefunden?“ „Wir sind begeistert, es ist für ein Hotelprojekt.“ „Würden Sie mir die Freude machen, mich zum Essen zu begleiten?“ Wir sind überrascht. Das Lösungswort hieß wohl „Hotelprojekt“. Er ging mit uns in eine sehr


248 gemütliche Tapa Bar. Er erkundigte sich über das Projekt. Ein Teller nach dem anderen kam auf den Tisch. Wir sitzen mit ihm sicher eine gute Stunde, der Wein floss reichlich. Heute waren wir wirklich fleißig. Die Verabschiedung ist sehr herzlich, wir versprechen uns wieder zu melden. Er käme auch gerne nach Riva um eine Repräsentation zu machen. Heute sind wir froh über den Lift. Wir laden alles in einen Wäschekorb und schleifen es bis zur Lifttüre. In der Wohnung angekommen, beginnt Sybille die Materialien zu sortieren, „was passt zu was“. Sie ist völlig abwesend, in ihre Gedanken versunken. Ich spüre sofort, es ist ihr Ding. „Jetzt hören wir aber auf, wir müssen auch mal abschalten.“ Ich richte schon mal den Abendtisch. „Oder möchtest du lieber ausgehen?“ „Nein, ich bleibe lieber Daheim, wir setzen uns raus auf die Terrasse.“ Ich gehe noch schnell unter die Dusche. Sybille verzieht sich in das Badezimmer. In der Zwischenzeit dekoriere ich mit Kerzen die Terrasse. Sie lässt sich Zeit, aber als sie heraus kommt, bleibt mir die Spucke weg. Chiffon wohin ich blicke. Alles in Gelb. Wie schafft sie das nur, immer eine neue Überraschung. „Lass dich küssen, du bist eine Traumfrau.“ „Wo hast du so schnell die Dekoration her?“ „Schau mal in den Schrank, der ist voll davon. Kerzen ohne Ende.“ Ich lasse noch die Markise heraus und alles ist perfekt. Sybille fragt, ob wir den Job nicht von hier aus machen könnten. „Schwierig, man muss schon vor Ort sein.“ „Hier habe ich mich sofort wohl gefühlt. Der Ort, die kleine Straße, der Blick, alles wie im Traum.“ „Ein kreatives Aus braucht man in unserem Beruf.“ Sie richtet ein paar leckere Brötchen. „Jetzt lass uns doch erstmal anstoßen, es war unser erster kreativer Tag.“ „Ich finde wir ergänzen uns gut.“, sagt Sybille. „Meine ich auch, was dem einen nicht einfällt, fällt dem anderen ein.“ Natürlich können wir das Projekt nicht einfach vergessen. Sybille hat immer neue Ideen. „Am besten du nimmst einen Block und machst dir Notizen.“ „Wann bist du denn mit deiner Planung fertig?“, will sie wissen, „Dann könnte ich nämlich schon mal mit den Zimmern anfangen.“


249 „Ich beeile mich, brauche aber noch die Renditeangaben vom Direktor. Wie viel Zimmer es denn sein müssen, damit es sich rechnet. Im Keller ein Hallenbad, steht ja schon mal fest. Aber das war es dann auch schon. Fitnessclub, Massageräume, an alles muss man denken.“ Wir sitzen die halbe Nacht beisammen und planen. „Also eines musst du mir versprechen, wir brauchen hier wirklich so bald als möglich, Gardinen und zwar dunkle.“ „Bekommst du. Vorerst begnüge ich mich mit einem Tuch.“ Sie hat noch einen Teil ihres Chiffonkleides an. Wie sie da so liegt, sieht sie hinreißend aus. Ich rücke etwas näher an sie heran. „Du willst doch nicht schon wieder? Schlaf jetzt.“ „Wie du meinst.“ Ich wache auf, als ich leicht gestreichelt werde. Sybille lässt den Chiffon Schal über meinen Rücken gleiten. „Nur weiter so, dann steh ich nie mehr auf.“ Sie legt sich neben mich und fährt mit den Fingern auf meinem Rücken auf und ab, zeichnet Figuren. Schreibt Worte. „Hast du schon wieder Lust auf Tantra?“ „Daran habe ich jetzt gar nicht gedacht.“ „Ich aber schon.“ Ich nehme ihren Schal und lege ihn locker über ihre Augen. Eher so als würde es ein Turban sein. Sie zieht ihn aber herunter, so dass ihre Augen verdeckt sind. „Streichle mich bitte.“ Sie legt sich auf den Bauch, so dass ich ihren Rücken streicheln kann. Ich hole etwas Öl und reibe sie damit ein. Sie sackt völlig weg. Ich höre nur noch leichtes Stöhnen. Sie greift sich zwischen die Beine und massiert sich. Den restlichen Abend kommen wir nicht mehr aus dem Bett. Am nächsten Morgen machen wir ein langes Frühstück, um dann bis nach Riva durchzufahren. Wir wechseln uns immer mal wieder ab. Sybille würde am liebsten das Steuer gar nicht abgeben. „Das ist mein Wagen, ich habe mich in ihn verliebt.“ „Du kannst ihn verwenden, wann immer du willst.“ Am liebsten fährt sie ihn offen. Sie trägt dann ein Tuch um den Kopf. Es ist bereits später Nachmittag als wir in unserem Hotel ankommen. Wir lassen einen Pagen kommen und bitten ihn, das mitgebrachte Material in den Sitzungssaal zu tragen. Da ist ganz schön was zusammengekommen. Er braucht einen Wagen, so viel Gewicht hat es. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen mit den Direktoren. Sie sind von der Ausbeute begeistert. Sybille arrangiert alles recht anschaulich auf dem Tisch. Ich


250 habe noch ein paar Zeichnungen angefertigt. Jetzt brauchen wir grünes Licht, damit wir den Auftrag abwickeln können. Mehr investieren wir hier nicht, jetzt muss eine Entscheidung fallen. Einige der Herren meinen, dass unsere Vorschläge vielleicht zu teuer sein. Andere sind begeistert. „Also investieren müssen sie schon“, trage ich vor. Einen kurzen Überblick über die Kosten lässt Schweigen über ihre Gesichter kommen. „Fast zwei Millionen, mit soviel haben wir nicht gerechnet.“ „Das wird aber nicht ganz reichen, je nachdem wie Sie die Zimmer ausstatten wollen, kommen hier noch weitere Kosten auf Sie zu.“ Einer der Direktoren winkt ab, „Viel zu viel“. Ein anderer meint, „Ohne Investition geht hier bald nichts mehr. Wir müssen ausbauen.“ Die Herren wollen sich zurückziehen. „Wir sind ihnen zu teuer, meint Sybille.“ „Die werden es abgespeckt mit jemand anderes machen.“ „Sybille, ich mache keine gemurksten Sachen, dann lieber nichts.“ „Da hast du Recht. Wir gehen jetzt essen.“ „Schon wieder Spaghetti? Lieber einen großen Salat. Aber Wein muss sein.“ Wir wollen gerade aufstehen, da kommt einer der Direktoren auf uns zu und meint, „Sie können heute noch keine Entscheidung fällen. Zwei Herren würden lieber ihre Anteile verkaufen. Sie sind zu alt, da würden sie erst mit hundert eine Rendite sehen.“ „Das ist ein klares Argument.“ „Sie müssen mit den Anwälten reden, um Klarheit über die Anteile zu haben.“ „Dann sollen sie ihre Anteile an ihre Kinder übertragen, die sind sicher offener.“ „Wir werden sehen.“ „Wir sind auf den Auftrag nicht angewiesen.“ „Ich hätte ihn aber gerne gehabt.“ „Vielleicht kommt er ja noch später. Außerdem müssen wir noch unsere Unterlagen mitnehmen, wir lassen auf keinen Fall etwas hier.“ Am nächsten Vormittag fahren wir nach München. Die Entscheidungen, hier in Riva werden sich noch ziehen. Endlich stehen wir in Schwabing vor dem Haus. „Hier ganz oben, da ist die Wohnung, ohne Lift!“ Wir schleppen unsere Koffer in die Wohnung. „Du hast nichts davon gesagt, dass du keinen Lift hast.“, lästert Sybille. „Bitte trage mich nach oben.“


251 Ich öffne die Wohnungstür, ein abgestandener Geruch kommt mir entgegen. „Mein letzter Besuch hat hier wohl das Lüften vergessen.“ Ich gehe gleich in die Küche und mache die Balkontüre auf. Auch im Schlafzimmer steht die Luft. „Fenster auf, und durchlüften.“ Im Arbeitszimmer stehen immer noch die zwei Kisten. Ich dachte ja eigentlich, dass Barbara sie mitgenommen hat. Sybille geht durch die Wohnung und meint, „du hast schon Recht, hier muss was getan werden, aber Charme hat sie.“ „Es ist eine richtige Junggesellen-Wohnung.“ „Darf ich dir beim Einrichten helfen?“ „Wir werden darüber sprechen. Aber nachdem ich deinen Geschmack inzwischen kennen und schätzen gelernt habe, werde ich dir die Wohnung anvertrauen.“ „Wann warst du denn das letzte Mal hier?“ „Vor etwa drei Wochen, oder waren es vier. Ich weiß es gar nicht mehr so genau. In der Zwischenzeit, wie gesagt, war Barbara hier. Ihr gehören auch die zwei Kisten in meinem Arbeitszimmer. Vielmehr ihre Mutter hat sie mir geschickt, aber ich bat sie, diese Dinger samt Inhalt wieder mitzunehmen.“ „Was ist denn drin?“ „Schau nach, wenn es dich nicht ekelt. Aber vorher müssen wir im Schlafzimmer die Betten abziehen, die modern nicht schlecht. Ich werde für morgen die Zugehfrau bestellen. Sie war wohl schon länger nicht mehr hier.“ Ich rufe sie an, aber sie meint nur sehr kurz angebunden, „dass sie hat keine Zeit mehr hat und legt auf.“ Ich rufe nochmals durch und bitte sie, mir mal zu erklären, woher die plötzliche Wende? „Sie waren ja schon sehr seltsam, aber ihre Bekannte, die ist ja närrisch.“ „Wieso denn, was ist denn passiert. Jetzt beruhigen Sie sich doch bitte. Wir kennen uns jetzt etliche Jahre, da haben wir uns immer sehr gut verstanden.“ „Ja, da war ich ja auch nur für sie da.“ „Das sollen sie zukünftig auch nur sein. Kommen sie doch morgen zum Frühstück und dann erzählen sie mir alles.“ „Weil Sie es sind, bis morgen.“ Mit Sybille beginne ich die Wohnung in Ordnung zu bringen. „Na also hör mal, die Bekannte ist ja eine recht Unordentliche, wie sagen die Bayern eine, Gschlamperte.“ „Da hast du die richtige Bezeichnung gefunden. Also morgen kommt die Putzfrau. Aber du musst wissen, sie kennt mich schon sehr lange und hegt und pflegt mich. Sie hat so manches Erlebnis mit mir geteilt. Ohne sie wäre ich verzweifelt. Ich versteh gar nicht, warum Barbara die Wohnung so ungepflegt hinterlassen hat.“ „Wir werden es morgen erfahren.“


252 Wir überziehen das Bett neu und geben eine Menge Wäsche in die Waschmaschine. „Sie wird sie morgen gleich bügeln. Hast du noch was zum Waschen?“ „Nein eigentlich nicht, meine Sachen wasche ich immer mit der Hand.“ Wir richten uns den Essenstisch draußen auf dem Balkon. Als hätte ich es schon geahnt, der Nachbar tritt auf seinen Balkon und meint, „Die Letzte war ja ein recht gfegertes Weib. Die lief hier nackert rum. So was haben wir hier noch nicht erlebt. Ah, entschuldige ich hab nicht gesehen, dass du Besuch hast.“ „Ist schon Recht, das ist übrigens Sybille.“ „Die Letzte hieß aber Barbara, sind sie nicht mit einer Irmi verheiratet?“ Seine Ehefrau meint, „Hängen sie einfach einen Zettel an das schwarze Brett, dann weiß das Haus Bescheid. Wenn es ginge, mit Foto, bitte.“ „Wie sie wünschen Herr Nachbar.“ Sybille meint, „ihr habt hier aber ein gespanntes Verhältnis.“ „Als Barbara hier hauste, stand er sicher jede freie Minute auf dem Balkon um einen Blick zu erhaschen. Hier tut sich doch nichts, da sind sie begeistert, wenn mal was los ist. Wegen der Moral, muss man sich natürlich aufregen. Pro Forma, du verstehst schon was ich meine.“ „Das Arbeitszimmer machen wir morgen.“ „Barbara ist anscheinend tatsächlich sehr kurzfristig abgereist. Sie hat sogar ihre Zahnbürste im Bad vergessen.“ Sybille meint, „dass soll eher heißen, ich komme wieder.“ „Am Schlüsselbrett hängt aber der Zweitschlüssel, sie hat also keinen Schlüssel mehr.“ Wir beschließen aber bald zu Bett zu gehen, die Fahrt hat uns doch recht kaputt gemacht. Wir lassen das Schlafzimmerfenster offen, dann kommt auch schon die Besucherkatze. „Die ist von irgendeinem Anwohner. Sie besucht mich immer, wenn ich hier bin. Ist ein Fremder hier, kommt sie nicht herein. Sie schmust recht heftig, anscheinend hat sie den Parmaschinken gerochen.“ Ein fast sternenklarer Himmel ist durch das Dachfenster zu sehen. Das Schlafzimmer hat eine Dachgaube, sehr romantisch. Durch schrilles Läuten werden wir geweckt, die Putzfrau, fährt es mir durch den Kopf. Ich springe auf, aber es ist ein Eilbote. Aus Indien, von Barbara. Sie schildert in Kurzform ihre Erlebnisse im Ashram. „Aber der Punkt ist wohl, dass man ihr das Geld gestohlen hat. Hilfe, sende an folgendes Konto Geld.“ „Sybille meint, gut zu wissen, das mach ich dann auch so.“


253 „Selbstverständlich werde ich dir helfen, wenn es nicht Millionen sein müssen.“ Sybille bleibt noch im Bett, „das ist ja eine Zumutung, es ist gerade mal sechs.“, schimpft Sybille. Ich lege mich ebenfalls wieder hin. Wir kuscheln recht heftig miteinander. „Mit wie viel Frauen muss ich denn so rechnen?“ „Wenn es klingelt kann es also absolut mal eine Bekannte sein.“ „Wenn es nicht gerade die Putzfrau ist, absolut möglicht.“ Gegen halb neun läutet es erneut, diesmal aber die Putzfrau. „Hallo, ich bin die Sybille.“ „Die Letzte hat mich vor die Türe gesetzt. Sie meinte, „sie macht hier schon alleine sauber, dafür wird hier kein Geld ausgegeben. Ach, und im Übrigen hat sie gemeint, sie sei hier die Neue.“ „Das tut mir aber leid, damit hätte ich nicht gerechnet. Sie wollte hier doch nur ein paar Tage übernachten.“ „Den Schlüssel hab ich ihr übrigens abgenommen, der hängt nun wieder am Schlüsselbrett.“ „Wie haben Sie das denn gemacht?“ „Sie kam mit dem Koffer über die Straße, ich fragte ganz nebenbei, wollen Sie verreisen? Sie war so perplex, dass Sie meinte, sie flöge nach Indien. Dann geben Sie mal schön den Schlüssel wieder her. Die will ich hier aber nicht mehr sehen, wir verstehen uns doch richtig?“ Mit Blick zu Sybille, meint sie, „sie werden schon sehen, auf was sie sich da eingelassen haben. Das ist ein ganz Schlimmer. Die einzige die ihn im Griff hat bin ich.“ Sie lacht herzlich und geht auf Sybille zu. „Sollten sie ihn mal ans Bett fesseln, rufen sie mich bitte an, sonst schmort er wieder drei Tage.“ „Jetzt ist aber genug, erzählen sie nicht solche Geschichten.“ „Weil es doch wahr ist.“ Sybille findet das Gespräch sehr lustig und meint, „wo finde ich denn ihr Telefonnummer.“ „Im Buch, dort drüben.“ „Na, dann werde ich Sie anrufen, wenn es soweit ist.“ „Wir gehen jetzt erstmal auf die Leopoldstrasse, einen Kaffee trinken.“ „Mein Arbeitszimmer können Sie lassen, dass mach ich selbst.“ Wir gehen zum Italiener und trinken einen Cappuccino. „Man hat das Gefühl, als würde keiner in München arbeiten, die Cafés sind doch fast alle voll.“


254 „Das sind Studenten, haben eine Pause, oder Geschäftsleute, die sich hier treffen.“ „Wie lange hast du denn deine Putzfrau schon?“ „Schätze acht Jahre oder mehr.“ „Eigentlich bin ich erstaunt, dass wir beide so gut miteinander können. Ich hab schon meine Ecken und Kanten, dass wirst du noch merken.“ „Hab ich schon, aber auch ich bin nicht einfach.“ „Aber in Chiffon gehüllt sehr appetitlich.“ „Du magst das, stimmt es?“ „Sehr, ich liebe Frauen, die in Tücher gehüllt sind.“ „Dann weiß ich ja, wie ich mich kleiden muss.“ „Nicht muss, kannst. Ich bin für jede Abwechslung dankbar.“ Schon sitzen wir eine Stunde und haben es gar nicht bemerkt. „Komm wir gehen wieder heim.“ Wir spazieren noch durch die Hohenzollernstraße und sehen in die Geschäfte. Als wir die Haustüre aufsperren, kommt uns gerade die Putzfrau entgegen. „Dann also wieder am Mittwoch.“ „Ja bitte“. „Sie mal, da ist ein Fax drin, es ist vom Hotel. Sie spinnen ja wohl total. Wir sollen den Anteil von dem älteren Direktor übernehmen. „Also wenn du das willst, ist das aber deine Sache.“ „Ich werde mit Papa reden, er investiert gerne in Italien.“ „Kommt er denn auch ins Hotel?“ „Selten, er geht immer nach Bali. Daran hat er einen Affen gefressen.“ „Ich geh schon mal an den Computer und arbeite ein wenig.“ „Okay, dann nehme ich mir mal die zwei Kisten vor.“ Sie erschrickt, „ist da noch ein Kopf drin?“ „Nein, das ist ein Folterhelm.“ „Verstehe“, sie wird nachdenklich und betrachtet sich das Ding genau. „Die anderen Sachen, was ist das?“ „Handschellen und Knebel. Es gibt aber ein Kästchen mit Schlüsseln, also befreien kann man sich.“ Sie betrachtet sich die Dinge sehr genau, Sie nimmt ein paar Handschellen, „Komm mach sie mal bitte zu, ich will es mal ausprobieren.“


255 „Dann musst du zu mir kommen, wenn du unbedingt willst.“ „Das sind ja richtig alte Dinger.“ „Erst den rechten Arm, ratsch. Nicht nach vorne, nach hinten, wenn schon denn schon. Linke Hand.“ Ratsch. „Schon komisch“ meint Sybille. „Ich habe zwar immer davon gehört, aber ausprobiert hab ich es noch nie.“ Sie läuft damit auf und ab, als würde sie es vorführen. „Ich hoffe du hast den Schlüssel.“ „Der wird schon im Kästchen sein.“ „Ich hoffe doch.“ „Sonst muss ich mich um dich kümmern. Waschen, füttern und so.“ „Würdest du das tun?“ „Klar für dich doch immer. Bist du jetzt zufrieden?“ „Sehr komisch, aber irgendwie aufregend.“ „Soll ich dir noch die Augen verbinden?“ „Okay, mach mal.“ „Setz dich lieber hin, sonst stolperst du noch durch den Raum.“ Ich führ sie zum Sessel. Sie sitzt ganz in Gedanken und sagt kein Wort. Ich spreche sie auch nicht an, sie soll selbst entscheiden. „Hole mal bitte einen Knebel, aber reinige ihn vorher.“ „Wie du meinst.“ Ich reinige ihn im Bad und lege ihn ihr um. Ich ziehe ihn fest, aber sie meint, „Fester“ Sie kann bei diesem System keinen Laut mehr von sich geben. „Wenn ich dir helfen soll, klopfe mit dem Fuß auf den Boden.“ „Sie nickt“ Mehr kann sie nicht. Sie steht auf und geht vorsichtig durch den Raum. „Komm, ich mach jetzt das Zeug ab.“ Sie schüttelt aber den Kopf. „Wie du willst.“ Sie geht sehr vorsichtig in das Badezimmer. Sie kennt sich schon recht gut aus. Sie schafft es sogar ohne Hilfe Pipi zu machen. Vom Bad geht sie in das Schlafzimmer, sie legt sich auf das Bett. Als ich nach einer Weile nach ihr sehe, ist sie eingeschlafen. Ich mache den Knebel ab, dabei wacht sie auf. „Warum machst du das?“ „Es ist doch sehr unangenehm und unbequem?“ „Es ist für mich eine völlig neue Erfahrung. Mach ihn wieder zu.“ Nach einer Stunde rührt sich etwas im Schlafzimmer, sie schleicht vorsichtig wieder in das Wohnzimmer. Ich mache ihr die Augenbinde ab, den Knebel ebenfalls. „Soll ich die Handschellen ebenfalls öffnen?“


256 „Ja bitte“ Sie erzählt von einem Gefühl, dass sie so nicht kannte. Sie legt die Gegenstände auf meinen Schreibtisch. Das Tuch bindet sie sich wieder um den Hals. Sie kramt weiter in der Kiste. Sie kommt mit dem Helm zu mir, „Was soll das eigentlich sein?“ „Probier ihn aus.“ „Nein auf keinen Fall, da bekomme ich Platzangst.“ Sie klappt ihn auf und wieder zu, macht das mehrmals. Sie legt ihren Kopf in die untere Schale und meint, „Bis jetzt geht es ja noch.“ Sie schließt ihn ein wenig und sagt, „Gemein ist ja, dass man nichts mehr sagen kann.“ „Das Teil was sich in den Mund schiebt ist unangenehm. Es hält die Zunge nach unten. Reden wirst du auf keinen Fall etwas, wenn er mal zu ist.“ Sie schließt ihn fast völlig. Aber doch nicht ganz. „Nein, da hab ich Angst.“ „Komm leg ihn bitte bei Seite. Du hast ja noch nicht mal den Schlüssel in der Hand.“ „Hast du bemerkt, umso mehr du ihn schließt, drückt sich ein Polster auf die Ohren, ähnlich wie bei großer Kopfhörern. Du kannst wirklich nichts mehr hören. Auf die Augen legt sich ebenfalls ein dickes gepolstertes Teil.“ „Es wird aufgedrückt, wenn er geschlossen ist. Also sehen wirst du sicher nichts mehr, nicht den kleinsten Lichtschein.“ „Furchtbar, komm leg ihn weg.“ „Wir haben dort im Anwesen noch verschiedene andere Varianten gefunden. Teilweise wesentlich einfacher. In den Briefen und Unterlagen ist zu lesen, dass der Delinquent damit tagelang gefangen gehalten wurde. So haben sie ihn gezwungen, sein Wissen preiszugeben.“ Claudia legt den Helm in die Kiste zurück. Sie betrachtet die anderen Utensilien. „Gib mal dein Handgelenk her, ich habe da was gefunden.“ „Nein, ich muss arbeiten.“ „Los gib schon her.“ Sie legt mir Handschellen an, welche sehr breit sind. Sie sind mit einem Vorhänge Schloss geschlossen werden. „Also mach schon, damit du zufrieden bist.“ „Umdrehen, Hände auf den Rücken.“ „Der Vorteil ist, dass sie nicht einschneiden, da sie so breit anliegen.“ „Wie fühlst du dich?“ „Wie schon? Gefesselt.“


257 „Versuch dich mal loszumachen. Hier sind die Schlüssel.“ „Ich komm doch gar nicht an die Schlösser heran. Keine Chance.“ „So und jetzt den Helm.“ „Nein, auf keinen Fall.“ „Setz dich hier hin.“ „Du willst mich wohl foltern?“ „Nein ich möchte nur sehen, wie es ist.“ „Ich lege dir auch ein Tuch auf die Augen, das ist weicher wie das blöde Leder.“ „Also wenn, dann nur ein paar Minuten.“ „Einverstanden“. Ich lege meinen Kopf also in die untere Schale. Sie nimmt ein weiches Tuch, legt es zusammen und auf die Augen. Das Leder legt sie darüber. Dann schließt sie den Helm vorsichtig. Klack, zu. Ich bekomme fast Panik, da mir einfällt, dass der Schlüssel ja gar nicht im Kästchen sein kann. Mir fällt ein, dass Barbara ihn in der Hand hatte. Wer weiß wo sie ihn hingelegt hat. Tatsächlich, ich kann nichts sehen und hören, sprechen sowieso keine Möglichkeit. Ich versuche mich zu beruhigen und denke mir, Claudia wird schon wissen was sie tut. Es vergeht eine Ewigkeit, bis sie mich bei der Hand nimmt. Sie führt mich wohl in das Bad. Sie will wohl wissen, ob ich auf die Toilette muss. Ich versuche den Kopf zu schütteln, aber auch dies geht nicht. Ich merke, dass sie an den Handschellen herum macht, aber anscheinend bekommt sie sie nicht auf. Ich rede mir immer ein, dass sie schon eine Lösung finden wird. Aber es tut sich nichts. So langsam wird es warm in dem Helm. Vor allem das Tuch wärmt enorm. Außerdem hat sie noch eines um den Hals gewickelt. Es gibt nur eines, Ruhe bewahren. Ich suche den Sessel und setze mich, lehne mich zurück. Sie versucht mit verschiedenen Schlüsseln den Helm zu öffnen. Aber es scheint keiner zu passen. So vergeht eine Ewigkeit, bis ich merke, dass sich der Helm öffnet. „Na, lebst du noch?“ „Es wurde schon Zeit, ich dachte schon, du findest den Schlüssel nicht.“ Sie holt einen feuchten Lappen aus dem Bad um mein Gesicht frisch zu machen. Sie bringt ein Glas Wasser. „Nun mache bitte die Dinger von den Handgelenken.“ „Du, ich versteh es nicht, keiner der Schlüssel will passen. Tut es schon weh?“ „Nein, dass nicht, aber es wird lästig.“ Sybille lacht, greift in die Tasche und holt die passenden Schlüssel. „Hat es dir wenigstens Spaß gemacht?“


258 „Aufregend war es schon.“ „Während du im Helm geschmort hast, habe ich mit meinem Vater gesprochen, es könnte sein, dass er die Anteile am Hotel übernimmt. Er will es mit seinem Steuerberater durchrechnen.“ Sybilles Handy läutet, der Vater ist dran. „Also, wir werden das machen.“ Aber nur unter der Bedingung, dass du den Auftrag machst und in Zukunft mehr Mitsprache hast. Wir werden noch heute die anderen Direktoren verständigen.“ „Na das bedeutet, dass wir die nächste Zeit wohl am Gardasee verbringen werden.“ Auf meinem Handy kommt eine E-Mail von Barbara. Sie bedankt sich für das transferierte Geld und kündigt ihre Rückreise an. Ich sende sofort die Rückantwort. „Keine Wohnmöglichkeit mehr in meiner Münchener Wohnung.“ Außerdem melde ich den Wagen zur Inspektion an. Mein Werkstattmeister bei Mercedes fragt sofort nach dem SL.“ „Ja der steht seit Monaten in der Garage.“ Wir fahren zurück zur Vertretung. Der Wagen ist aber doch noch nicht ganz fertig. „Die Hauptsache ist, dass sie nicht vergessen, neues Öl nachzufüllen.“ Der Werkstattmeister kommt auf uns zu und meint, „er ist fertig, steht schon draußen. Wir buchen die Rechnung von ihrem Konto ab. Seit wann haben Sie denn eine italienische Nummer?“ Ich erzähle ihm, dass ich seit einem Jahr in Italien lebe. „Dann haben wir sie ja als Kunden an die italienischen Kollegen verloren.“ „Könnte sein.“ Sybille bekommt die Rückbestätigung, dass ihr Vater tatsächlich den Anteil erworben hat. „Heute unterschrieben“, lautet die SMS. „Dein Papa.“ „Prima, jetzt hast du zwanzig Prozent.“ „Anteile oder Schulden?“, frage ich. „Wir werden uns die Bücher mal ansehen. Für meinen Papa ist das kein Problem, da er ja eine Produktion in Italien hat, so kann er die Gewinne mit dieser Investition aufrechnen. Jetzt packen wir noch fertig und stellen die Koffer für morgen Früh bereits an die Türe.“


259 Auf dem Küchenbalkon richten wir uns die Brotzeit. Leberkäse und Händelmair Senf, Radi und ein richtiges Bauernbrot. Gut ich gebe zu, so ein Brot bekommen wir auch in Italien. Übrigens Leberkäse ist dort auch zu bekommen. Der Gardasee gilt ja sowieso als Haussee der Münchener. An jeder Ecke steht ein Münchner Auto. „Sieh mal ich hab einen Führer und ein Buch über den Gardasee gekauft.“ „Aber wir kennen ihn doch schon wie unsere Westentasche.“ „Man findet immer noch einen Geheimtipp. Lass uns zu Bett gehen, wir werden morgen frühzeitig aufstehen. Außerdem wollen wir ja noch ein bisschen kuscheln.“ „Jetzt hab ich mich schon richtig an deine Wohnung gewöhnt. Was hältst du davon, wenn wir sie uns richtig gemütlich herrichten?“ „Viel, vor allem bei deinem Geschmack wird es sicher perfekt.“ „Wir werden ein paar Fotos machen, und können so schon mal vorplanen.“ Der Wecker reißt uns aus den Träumen. „Noch ein Stündchen bitte.“ „Bleib du noch liegen, ich geh schon mal in das Bad. Semmeln und Brezeln hole ich auch noch schnell.“ Der Kaffee riecht schon durch die Wohnung. Claudia ist inzwischen auch schon im Bad. Ich richte schon mal das Frühstück, für den Balkon ist es noch zu kühl, so bleiben wir in der Küche am Katzentisch. Noch eine Kerze und fertig. Sybille staunt nicht schlecht, wie gemütlich die Küche ist. „Wir brauchen auch nicht groß aufräumen, da ja heute noch die Zugehfrau kommt.“ Ich trage schon mal die Koffer runter, die Unterlagen verstauen wir besser auf dem Rücksitz. „Geht ja eine ganze Menge hinein, in den Kofferraum.“ Ich hänge noch das Windschott ein, da wir ja vielleicht offen fahren können. Wir versperren die Wohnung, nachdem ich noch meine Anweisungen für die Zugehfrau auf dem Tisch hinterlassen habe. Sybille kommt noch mit ihrer Reisetasche und ihrer Handtasche. „So, es kann losgehen.“ „Die ersten Sonnenstrahlen kommen ja schon durch. Lass uns bis Garmisch geschlossen fahren, dann machen wir auf.“ Wir haben unsere Lederjacken schon mal auf den Rücksitz gelegt. Nachdem wir die Stadtgrenze von München hinter uns gelassen haben, haben wir einen traumhaften Blick auf das Gebirgsmassiv. „Es hat sicher Föhn, sonst hätten wir nicht einen so tollen Blick.“ Wir gehen es sehr ruhig an. Wir werden immer wieder überholt. Sybille meint, „Lass mich fahren, ich hab jetzt richtig Lust auf die Tube zu drücken.“


260 Auf dem nächsten Parkplatz wechseln wir. Sybille lässt es richtig rauschen. Nach einer halben Stunde sind wir bereits in Garmisch. Inzwischen scheint die Sonne so toll, dass wir das Dach öffnen. Wir nehmen die Lederjacken, Sybille wickelt sich in ein Tuch um den Kopf. „Komm her, jetzt werde ich dir ebenfalls eines umbinden.“ Wir fahren noch bis Innsbruck, bleiben dort zu einem zweiten Frühstück. Wir lassen den Wagen in einem Parkhaus. Die Beine wollen wir uns noch vertreten. Sybille entdeckt ein Dirndl und möchte es unbedingt anprobieren. Dann lass uns reingehen. Es steht ihr wie angegossen. „Ich schenke es dir, zu unserem zweiten Monatstag.“ „Sind wir schon so lange beisammen?“ „Ich denke schon. Dann nehmen wir es mit.“ „Vielen dank“, sie gibt mir einen Kuss, die Verkäuferin dreht schüchtern zur Seite. Wir finden ein sehr schönes Straßencafé und bestellen nochmals ein kleines Frühstück. Sie sieht immer wieder in die Tragetasche mit dem Dirndl. „Es gefällt mir sehr gut.“ „Warum hast du es nicht gleich angelassen?“ „Weil wir doch offen fahren wollen.“ Wir setzen die Fahrt offen fort. Sybille gibt das Steuer nicht mehr ab. „Gewöhn dich schon mal daran, dass ich den Wagen in Zukunft öfter nehmen werde.“ „Du kannst ja deinen weggeben und diesen nehmen.“ „Wirklich? Das würdest du tun.“ „Warum denn nicht, du bist doch meine Partnerin. Ich hole mir dann meinen aus San Remo.“ „Jetzt versteh ich, du willst ja eigentlich den Maserati.“ „Eigentlich schon, der Mercedes ist doch mehr ein Damenauto.“ „Jetzt wird das ja immer toller. Du magst ihn gar nicht?“ „Es ist doch der Wagen von Irmi, also soll ihn auch eine Frau weiterhin benutzen.“ „Ich versteh dich, aber ich glaube, da kann ich dir helfen, indem ich damit fahre.“ Gegen Mittag treffen wir in Riva ein. Der Hotelportier kommt uns schon entgegen, „Habe sie schon kommen sehen.“ Er hilft uns mit den Taschen und ein Wägelchen für die ganzen Unterlagen und Muster. Den Wagen fährt Sybille in die Garage. Wir fühlen uns hier schon wie zu Hause, von allen Seiten kommt ein Hallo. „Das Zimmer wie immer?“ „Nein, diesmal ein Doppel für zwei.“ Großes Gelächter. Wir staunen nicht schlecht, wir haben ein


261 richtig großes Zimmer bekommen, mit eigenem Wohnzimmer. Unsere Sachen sind schon oben. Sybille räumt alles in die Schränke. Sogar eine kleine Terrasse haben wir. Ich öffne die große Türe und lasse frische Luft herein. „Mach doch die Markise etwas raus, dann ist es gemütlicher. Sieh doch mal in unsere Minibar, vielleicht haben wir Glück und es ist Prosecco darin.“ „Willst du eigentlich für die gesamt Umbauzeit hier bleiben oder suchen wir uns etwas zum Mieten?“ „Vielleicht vermietet ja deine Freundin in der Villa uns ein paar Zimmer?“ „Nein auf keinen Fall, die nervt ohne Ende. Zuerst würde sie sich auf dich stürzen. Anschließend würde sie alles tun um uns zu trennen.“ „Das klingt ja nach einem ziemlichen Scheusal.“ „Ist sie auch.“ „Ich dachte es ist eine Freundin?“ „Na ja, wir kennen uns von verschiedenen Partys aus Düsseldorf.“ „Dann lassen wir das lieber. Wir werden erstmal hier bleiben.“ Das Abendessen lassen wir uns auf das Zimmer bringen, bei einem gemütlichen Glas Wein sitzen wir auf der Terrasse. Etwas später verziehen wir uns nach drinnen. Die Mücken haben uns zu sehr gepiesackt. Wir lassen uns das Frühstück auf das Zimmer bringen. Auf dem Tablett mit dem Frühstück ist ein Brief beigelegt. Er stammt vom Besitzerkonsortium. Es ist die Bewilligung zum Baubeginn. Eine Sitzung wird einberufen, sie findet heute Nachmittag um vier Uhr statt. „Na, schön, müssen wir eben den Mittagsschlaf vorverlegen.“ Sybille wollte mal nach ihrem Peugeot sehen, wenigsten einmal durch die Waschanlage fahren. Es stellte sich heraus, dass die Batterie inzwischen entleert ist. Wir nehmen ein Überbrückungskabel um den Wagen zu starten. Sybille dreht ein paar Runden um die Batterie wieder fit zu machen. „Wir nehmen einfach die nächsten Tage deinen Wagen, dann erholt er sich schon wieder.“ Für den Nachmittag präpariere ich noch die überarbeiteten Pläne. Es müssen alle unterschreiben, diesmal auch Sybille in Vollmacht für ihren Vater. Der Vater ruft übrigens mehrfach an, um ihr Anweisungen zu geben. Er wolle selber am folgenden Wochenende kommen. Wir bestellen für eine Probebohrung eine Spezial-Firma, da


262 wir feststellen müssen, wie groß der Wassereinbruch sein wird. Das neue Gebäude wird ziemlich nahe dem See sein. Ein Teil der Bungalows muss abgerissen werden. Also vor Saisonende geht sowieso nichts. Am nächsten Tag unterschreiben wir die Verträge für die Auftragsvergabe und mein Honorar. Da wird mein Konto wieder lachen. So langsam muss ich eine Rücklage für die Steuer machen, sonst trifft mich noch der Schlag. Am Samstag machen wir noch Vorbereitungen, um den Vater von Sybille zu empfangen. Sie stellt ihm eine Obstschale auf das Zimmer. Pfirsiche so groß wie Kinderköpfe. Das Hotel bietet uns für das Wochenende ein Riva Motorboot an, damit wir auf den See hinaus fahren können. Das nehmen wir natürlich sofort an. Wir probieren es gleich aus. Der Vater ist ein sehr sympathischer Herr. Sehr ruhig, lässt sich das Projekt zeigen und stellt dabei fest, dass Sybille immer von „wir“ spricht. „Daraus entnehme ich, dass ihr beide befreundet seid. Wie lange geht das denn schon?“ Wir fangen spontan an zu rechnen, „Sechs Wochen, oder sind es sieben? So genau wissen wir das nicht, wann es begonnen hat.“ „Na, wenn ihr vier Wochen schon mal überstanden habt, dann kann man ja hoffen.“ Er wendet sein Wort an mich, „Sie werden gemerkt haben, dass meine Tochter nicht immer einfach ist. Sie hat den Dickkopf von mir. Das Geldausgeben von meiner Frau.“ „Papa, jetzt ist aber genug.“ „Den Nachmittag würde ich gerne in Ruhe verbringen, vielleicht ein wenig in den Spa Bereich gehen. Ihr könnt ja was unternehmen.“ „Wir haben aber extra für dich ein Boot organisiert.“ „Das können wir immer noch am Sonntag machen.“ „Wir werden zum Einkaufen gehen. Ich brauche dringend ein paar Hemden.“ Als wir an der Rezeption vorbeikommen, ruft uns der Page. „Die Herren von der Fahrzeugkontrolle wollen wissen, wem der Peugeot gehört?“ „Komm wir gehen zu den Herren.“ Die Herren stellen sich vor und weisen sich aus mit einem Zertifikat vom Zoll. Sehr freundlich beginnt der eine: „Das Fahrzeug ist länger wie sechs Wochen hier, stimmt das?“ „Kann schon sein. Ich habe die Tage nicht gezählt.“ „Sollten sie aber, sie müssen das Fahrzeug sofort verzollen und auf italienisches Kennzeichen ummelden.“


263 „Wieso, wir haben doch Europa?“ Er beginnt mit einer Abhandlung für die Benutzung von Fahrzeugen, blablabla. Sybille unterbricht ihn. „Reden Sie doch bitte Klartext.“ „Wem gehört das Fahrzeug?“ „Der Firma meines Vaters.“ „Wir haben aber recherchiert, ihr Vater ist an diesem Hotel beteiligt.“ „Ja, wie so nicht?“ Dann darf er in Italien kein Auto auf deutschem Kennzeichen fahren.“ „Dann bringen wir den Wagen halt zurück, dann bekommt ihn meine Mutter.“ „Sehen Sie, jetzt verstehen wir uns schon besser, wann wollen sie ihn bitte zurück bringen?“ „Wann immer Sie wollen.“ „Okay, ich notiere, sie bringen das Auto nächste Woche zurück.“ „Es liegt ja nicht an mir, aber die Vorschriften.“ „Ich weiß, ich weiß.“ Er verabschiedet sich äußerst höflich. Winkt sogar nochmals vom Tor zurück. „Tja, so ist das mit Europa. Aber du hast ja in Zukunft den Mercedes.“ „Willst du ihn wirklich mir überlassen?“ „Wenn du immer schön lieb bist, und mich nicht verlässt.“ „Versprochen!“ Als wir am Abend am Tisch sitzen, erzählt Sybille ihrem Vater die Geschichte. „Ja, dass mach ich doch gerne. Ich glaube ich bin vor fünfzehn Jahren, dass letzte Mal eine längere Strecke gefahren.“ Sybille hat sich für diesen Abend besonders hübsch gemacht. Sie umgurrt ihren Vater, als wolle sie etwas von ihm. „Sag mal, könnte es sein, dass du etwas von mir willst?“ Sie schlägt ihm vor, dass er hier in Riva eine kleine Wohnung kauft. „Aber wir haben doch das Hotel zur Verfügung. Aber ich verstehe schon, auch deine Mutter war schon immer ungern für längere Zeit im Hotel. Sie meinte auch schon, ob es nicht angebracht sei, mal ein Appartement zu kaufen. Wie lange rechnet ihr denn mit dem Anbau und Umbau?“ „Auf jeden Fall wird es ein Jahr dauern“, unterbreche ich das Gespräch. „Allein, bis alle Genehmigungen vorhanden sind, sind schnell drei Monate vergangen. Die Lage zum See erleichtert auch nicht gerade die Bautätigkeiten.“ „Habt ihr euch denn schon was angesehen?“ „Nein, aber es sollte vielleicht in der Altstadt sein. Dort können wir zu Fuß hingehen. Wir können es auch als unser Baubüro ausweisen.“ „Wie teilt ihr euch denn die Arbeit untereinander auf?“


264 „Die Bautätigkeit, mache ich, die Einrichtung und das Design macht Sybille. Ein perfektes Team, eigentlich könnte es nicht besser sein.“ Dem Vater macht es Spaß uns zuzuhören. „Dafür dass ihr euch erst so kurz kennt, seid ihr aber schon sehr harmonisch. So ähnlich war das auch bei meiner Frau und mir.“ Sybille zeigt ihm verschiedene Fotos, die wir über den Computer zusammengestellt haben. „So könnte es mal aussehen.“ „Was sagt denn der Bürgermeister dazu. Ihr wisst, er hat das meiste Geld in dem Hotel und die größten Anteile.“ „Er ist begeistert, wir haben ihn auch schon auf dem Amt besucht.“ „Also, ich sehe schon, ihr werdet hier länger bleiben. Dann sieh dich mal nach einer Wohnung um. Wenn du was gefunden hast, müssen wir das natürlich über die Firma in Rom abwickeln, du weißt schon was ich meine.“ Wir gehen noch an die Bar und haben eine Menge Ideen, was alles verändert werden sollte. „Hier ist schon lange nichts mehr gemacht worden. Das liegt an den vielen Gesellschaftern. Sie sind zu alt, wollen eigentlich nur ihre Rendite. Komm wir machen für heute Schluss.“ „Dann verzieht euch mal, ich bleibe noch auf ein Gläschen hier sitzen.“ Sybille umarmt ihren Papa und er schüttelt mir recht herzlich die Hände. „Ein netter symphatischer Typ.“, stelle ich fest. „Manchmal, er kann auch anders sein. Warum wolltest du denn so plötzlich gehen?“ „Ich hatte richtig Lust mit dir zu schlafen, je länger ich dich angesehen hab, umso schärfer wurde ich.“ „Das finde ich gut.“ Wir stellen uns unter die Dusche und seifen uns gegenseitig ein. Dann gibt es nur noch das Bett. Ich öffne noch die Terrassentüre, es ist eine herrliche warme Nacht. Sybille und ich tauschen Erfahrung mit Tantra aus. Es wird spät, aber wir kommen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Als ich am nächsten Morgen mein Handy einschalte, ist ein SMS darauf. Ich rufe sofort zurück, es ist die Zugehfrau. „Gut dass sie anrufen, gestern kam die Frau, ich glaube sie heißt Barbara, und wollte den Wohnungsschlüssel. Ich habe ihn aber nicht herausgegeben. Sie hatte drei schräge Typen dabei, die wollte ich nicht in ihre Wohnung lassen.“ „Sehr gut, auf keinen Fall aufsperren. Ich will keinen Dauergast, den ich zum Schluss nicht mehr loswerde.“ „Ich setze mich wie ein Hund vor die Türe und werde knurren, wenn sie auftaucht. Wie ist das Wetter bei ihnen?“ „Traumhaft!“


265 „Dann bin ich aber froh, wir haben hier auch Biergarten-Wetter.“ Kaum haben wir aufgelegt, der nächste Anruf: Barbara. „Stell dir vor, wir sind gestern aus Indien zurückgekommen…“ „Was heißt wir?“ „Ich habe da ein paar nette Freunde kennen gelernt. Die sind jetzt mit mir hier in München. Ich brauche deinen Wohnungsschlüssel.“ „Wieso?“ „Ja, wir wollen zusammen in München bleiben, bis wir eine Wohnung gefunden haben, wollten wir deine Wohnung nutzen. Sie steht ja sowieso leer. Du hast doch nichts dagegen und den Autoschlüssel brauchen wir auch. Sonst können wir ja nicht herumfahren.“ „Also, da hast du was falsch verstanden. Meine Wohnung ist keine Pension, außerdem will ich sie nicht mit fremden Leuten belegen. Ich komme übermorgen zurück und muss dort arbeiten.“ „Das macht uns nichts aus, wir stören dich nicht. Wir überlassen dir die Couch.“ „Aber Barbara, bei aller Freundschaft, das geht nicht, außerdem will ich es nicht, Personen die ich nicht kenne, kommen nicht in meine Wohnung.“ „Das kannst du doch nicht machen, wir sind auch ganz brav.“ „Ich schlage euch vor, fahrt weiter in deine Burg.“ „Die hab ich doch vermietet.“ „Aber du hast doch deine Wohnung dort?“ „Die hab ich separat vermietet an einen Künstler.“ „Ja dann nimm dir ein Landhotel oder so was.“ „Das geht nicht, wir sind alle abgebrannt. Wir haben in Indien mehr Geld gebraucht als gedacht.“ „Sag mal, ich hab den Eindruck du hast ein bisschen zuviel an der Pfeife geraucht?“ „Ja, stimmt, wir sitzen hier auf dem Monopterus im Englischen Garten. Sag mal, könnte deine Putzfrau uns nicht doch den Schlüssel geben? Wir bräuchten auch noch etwas Kleingeld, ob sie es uns leihen könnte?“ „Barbara, wenn du wieder bei Sinnen bist, können wir gerne wieder telefonieren, im Moment sehe ich da keinen Weg. Außerdem, die jungen Herren, die du bei dir hast, scheinen ziemliche Schmarotzer zu sein. Schicke sie zur Arbeit und dann könnt ihr euch eine Wohnung mieten. In den Biergärten suchen sie immer Aushilfen.“ „Da haben wir auch schon daran gedacht, aber eigentlich wollen wir nicht arbeiten. Wir sind im Geiste immer noch im Ashram.“


266 „Na dann, wünsche ich viel Spaß dort.“ Ich lege auf, dass fehlte ja noch, in meiner Wohnung. Ich rufe nochmals meine Zugehfrau an und bitte sie täglich zu kontrollieren, ob die Türe noch verschlossen ist. Sie kann ja auch den Hausbesitzer bitten, einen Blick auf meine Wohnung zu werfen. „Nein, nein, sie können sich auf mich verlassen, ich werde täglich nachsehen.“ Ich rufe aber doch noch Bepo an, erzähl im Telegrammstil was los ist. „Die saßen hier gestern den halben Tag vor der Türe. Ziemlich runtergekommen die Typen. Ich wollte schon die Polizei rufen. Sie haben mich um eine Flasche Wein gebeten. Sie meinten, sie würden nur auf den Schlüssel warten. Dieses Mädchen kannte ich ja schon, die hatte schon beim letzten Mal einen jungen Mann dabei.“ „Ach was, dass ist ja interessant.“ „Sie waren ziemlich laut, so dass ich rüber ging und läutete.“ „Sehr gut, die kommen auf keinen Fall noch mal rein.“ Sybille lachte fröhlich, „dass hab ich auch schon hinter mir. Drei Monate Ashram in Indien, da lebst du anschließend im siebten Himmel. Mein Vater hat mich damals schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt. Er setzte mich in sein Vorzimmer als Telefonistin. Heute bin ich froh darüber, damals hätte ich ihn umbringen können. Ich war weit weg von jeder Realität. So scheint es jetzt mit deiner Barbara zu sein.“ „Es ist nicht meine Barbara. Es ist eine Kundin, wie viele.“ „Bin ich etwa auch nur eine Kundin wie viele?“ „Sybille komm her, wie kommst du denn auf so was?“ „Ich kann sehr kratzbürstig sein, wenn mich jemand enttäuscht.“ „Gut so, fahre deine Krallen wieder ein. Bisst du eifersüchtig auf Barbara?“ „Vielleicht?“ Richi läutet durch. „Hi, wie geht es dir? Wir sind hier richtig im Stress. Pass mal auf, ich bin am Samstag in München, könnte ich eine Nacht mit Betti bei dir wohnen.“ „Das geht leider nicht, da ich ja selbst nach München komme.“ „Auch gut, dann wohne ich mit Betti bei meiner Mutter. Hast du schon gehört, Barbara ist in München?“ „Ja, ich weiß.“ „Wir werden sie treffen, sie meint, sie sei dann in deiner Wohnung.“ „Richi, das hat sich erledigt. Sie zieht mit ein paar seltsamen Typen umher.“ „Ach, davon hat sie nichts gesagt. Sie sagte nur, es sind sehr symphathische Jungs, Freunde aus dem Ashram.“


267 „Das kann man sehen wie man will. Wir telefonieren uns zusammen, okay?“ „Machen wir.“ Sybille zieht sich zurück, „Ich gehe ein wenig schwimmen, du hast ja heute wohl einen stressigen Familientag?“ „Sieht so aus, es hört gar nicht auf.“ Barbara lässt nicht locker, hängt schon wieder an der Leitung. „Ich habe meine Freunde woanders untergebracht, ich bin nun alleine. Darf ich nun in die Wohnung?“ „Nein, tut mir leid!“ „Aber ich will die Briefe, die in den Kisten sind.“ „Die Kisten sind beim Spediteur und werden zu dir nach Hause geschickt, eigentlich müssten sie schon dort sein.“ „Ja aber, ich wollte die Sachen hier haben.“ „Ich werde es dir überlassen, wo du sie haben willst, aber nicht in meiner Wohnung.“ „Du willst mich wohl nicht mehr?“ „So wie du im Moment drauf bist, ist es mir lieber, wir behalten etwas Abstand. Ich brauche keine vergammelte Wohnung.“ „Dann kommen wir zu dir, damit du meine Freunde kennen lernst. Sehr anständige Burschen. Sie sind übrigens toll im Bett.“ „Lass das Barbara, so kenn ich dich nicht, so will ich dich auch gar nicht kennen. Ihr könnt ja nach Berlin gehen, vielleicht kann euch ja Richi eine Wohnung besorgen.“ „Mit dem habe ich schon gesprochen. Der Haussegen mit Betti hängt etwas schief, der kommt am Wochenende und meinte er wohne in deiner Wohnung.“ „Tut er nicht, er geht zu seiner Mutter. Rede doch einfach mal mit deiner Schwester.“ „Mit wem?“ „Na, du weißt doch noch, Betti ist deine Stiefschwester.“ „Ach so. Die hat wohl einen neuen Freund, sie arbeitet in so einem komischen Club oder Nachtlokal.“ „Ach jetzt verstehe ich, Richi war etwas seltsam. Ich werde ihn am Wochenende treffen.“ Sybille zeigte vollstes Verständnis, dass ich am Wochenende nach München fahre. Sie hat dann viel Zeit für ihren Papa. Am Freitagnachmittag packe ich ein paar Hemden zusammen und eine Jeans und fahre bei schönstem Wetter nach München. Kurz nach dem Brenner zieht es sich zusammen, ich halte, an um das Dach zu schließen, da kommen schon die ersten Tropfen. Bis München regnet es durch. Ich finde keinen Parkplatz und Regenschirm hab ich auch nicht dabei. Was soll das?


268 Da muss ich jetzt durch. In schnellen Schritten, nähere ich mich der Eingangstüre. An der Wohnungstüre hängt ein Zettel. „Rufe mich bitte an, habe keine Bleibe, warte im Café Rialto.“ „Scheiße, keine Ruhe hat man.“ Ich ziehe mich kurz um, die nassen Sachen in den Trockner. Eine frische Hose und Hemd. Den Schirm und rüber ins Rialto. Da sitzt Barbara und ließt ein Buch. „Hallo, wie lange sitzt du denn schon hier?“ „Keine Ahnung, vielleicht vier Stunden.“ Ich bestelle mir einen Gin Tonic und setze mich zu ihr. „Wie stellst du dir das denn vor?“ „Ich wollte in deiner Wohnung bleiben.“ „Das geht nicht, und ich will es auch nicht mehr. Schon gar nicht, wenn du so komische Typen dabei hast.“ „Die sind nicht komisch.“ „Mein Hauswirt hat mir das anders geschildert.“ „Das ist ja auch ein Spießer.“ „Dann bin ich sicher auch einer. Wo sind denn die Typen?“ „Spreche nicht immer von den Typen.“ „Egal, wo sind sie denn, warten sie um die Ecke?“ „Nein sie arbeiten in einer Brauerei, um Geld zu verdienen.“ „Jetzt komm mit, aber nicht das die anderen nachkommen.“ In der Wohnung angekommen, schicke ich sie erstmal unter die Dusche. „Ich hab den Eindruck, du hast schon seit Tagen kein Wasser gesehen.“ „Stimmt schon. So von Indien zurück, muss ich mich erstmal wieder umgewöhnen.“ Ich lege ihr meinen Bademantel bereit. „Wo sind denn deine Sachen?“ „Ich habe nichts mehr. Sie haben uns ausgeraubt. Ich habe nur meinen Pass und meinen Geldbeutel. Das Ticket hatte ich ja zum Glück auch noch. Vielen Dank, dass du mir Geld geschickt hast. Du bekommst es zurück.“ „Jetzt geh dich endlich duschen, du riechst ja noch nach Ashram.“ „Riecht toll, gell?“ „Wie man es nimmt.“ So frisch gewaschen im meinem Seidenbademantel sieht sie wieder aus, so wie ich sie kenne. Sie geht in das Schlafzimmer an meinen Schrank und holt sich ein Tuch. Wickelt sich dieses raffiniert um die Frisur, „Kann ich so zu dir kommen?“


269 „Ich hab dir schon einen Wein eingegossen. Setz dich zu mir.“ Sie beginnt von Indien zu erzählen. „Natürlich weiß ich, dass da viele rumhängen, die kein Geld haben und nur auf eine blöde Kuh wie mich warten. Meine ersparten viertausend waren in zwei Wochen weg.“ „Wie stellst du dir denn dein Leben in Zukunft vor?“ „Ich bekomme vielleicht einen Job bei dem TV Sender, der mein Anwesen gemietet hat. Sie brauchen eine Organisatorin, und da ich mich dort auskenne, haben sie mir ein Angebot gemacht. Ich werde es wahrscheinlich annehmen. Ich habe zwar die Miete zum Leben, aber ich gebe Betti die Hälfte.“ Ich erzähle ihr von meinen Funden, die sie sicher noch nicht kennt. „Im Speicher sind echte Schätze, Bilder und Wertgegenstände. Außerdem sind in der Garage, die vier Fahrzeuge. Diese sind ein Vermögen wert.“ „Wirklich? Das sind doch nur Rostlauben.“ „Gehe in Hamburg zur Firma Mirbach, die werden dich aufklären. Brauchst du noch Geld?“ „Im Moment hab ich nichts mehr.“ „Aber eine Bitte, verabschiede dich von den Typen. Sie sind Schmarotzer. Sie kommen nur, solange du Geld hast. Eine Bitte, nicht in meine Wohnung.“ „Du kannst dich darauf verlassen, ich verspreche es dir.“ „Soll ich uns ein wenig zum Essen richten.“ „Wenn du noch was im Kühlschrank findest, hätte ich nichts dagegen.“ Barbara geht in die Küche und findet auch was. Sie macht einen Thunfischsalat. Toastbrot ist ebenfalls noch da. Ich mache am Esstisch noch eine Kerze an, um die Stimmung ein wenig zu heben. Da ihr Handy läutet, bin ich jetzt gespannt, wie sie reagiert. Sie sagt den Herren, dass es nicht geht. Sie müssen sich was anderes suchen. Sie scheinen ziemlich verärgert zu reagieren. Sie fluchen. „Wisst ihr was, lasst mich ab sofort einfach in Ruhe.“ Sie legt auf. „Die haben mich doch tatsächlich beschimpft.“ „Weil du nicht das tust, was sie von dir erwarten.“ Sie beginnt vom Leben im Ashram zu erzählen. „Es war sehr schön. Aber wenn ich ehrlich bin, eigentlich nicht mein wahres Leben, wahrscheinlich bin ich zu spießig.“ „Nein, dass sicher nicht, aber deine Lebenseinstellung durch deinen Beruf in Wismar, ist einfach eine andere Welt.“


270 „Viele die dort leben, leben von der Hand in den Mund. Warten immer nur, dass jemand mit viel Geld kommt. Es wird dir sehr schnell klargemacht, dass du teilen musst. Und immer nach dem Motto „Geld ist nicht alles, erlöse dich von diesem Fluch der Gier“.“ „Ach ja, wie siehst du das heute, rückblickend?“ „Ich werde von Tag zu Tag nüchterner. Darf ich zu dir auf die Couch?“ „Komm setzt dich her.“ „Darf ich ein wenig kuscheln?“ Jetzt ist sie wieder die alte Barbara. „Ja klar, komm an meine breite Seite.“ Ich nehme sie in den Arm. „Gehen wir zu Bett?“ „Oder muss ich auf die Couch?“ Ich denke an Sybille, dann betrachte ich mir wieder Barbara, ich lebe in einem ständigen Konflikt. Eigentlich will ich mich von Barbara lösen, aber kaum steht sie vor mir, ist mein Vorsatz dahin. Ich hatte mich doch eindeutig für Sybille entschieden. Was ist es eigentlich, was mich an Barbara so anzieht? Inzwischen kriecht sie unter meine Decke. Beginnt mich zu streicheln. Sie legt sich auf mich, blickt mir mit ihrem fast unschuldigen Lächeln direkt in die Augen. Sie legt ihren Kopf auf meine Brust. „Sag mal, bei dir rührt sich ja gar nichts, wie lange soll ich dich denn noch anmachen?“ Sie greift in die Schublade neben dem Bett und zieht ein feines weiches Tuch heraus. „Jetzt werden wir das mal beschleunigen.“ Sie verbindet mir die Augen. „Wow, da kann ich nicht widerstehen. Na, wirkt es schon?“ „Da fällt mir ein, da haben wir doch noch was.“ „Du kennst dich aber gut bei mir aus.“ „Ich hab ja lange genug hier geschlafen, da hab ich schon mal in deine Schubladen durchgestöbert.“ „Ach so?“ Sie zieht die Schublade auf, fischt sich ein paar Handschellen. Sie fixiert meine Hände an das Bettgestell. „So mein Lieber, jetzt vertreibe ich dir deine schlechten Gedanken.“ Sie macht das einfach toll. Ich werde scharf, wie schon lange nicht mehr. Sie streichelt mich, zwickt mich, leckt mich. Nachdem wir beide mehrere Orgasmen hatten, meint sie lapidar: „Sag ich doch, geht doch.“ Sie rollt sich auf die Seite und rutscht recht dicht an mich heran. „Mach mich jetzt bitte los.“ „Wir lassen das, gleich morgen früh.“ Da häng ich ja jetzt saudumm herum. Gegen Morgen wecke ich sie auf, „Jetzt mach mich endlich los.“


271 „Nein, ich hab es dir doch versprochen. Sei still, sonst bekommst du noch einen Knebel in den Mund.“ „Ich muss aber auf das Klo.“ Sie steht auf, wackelt etwas verschlafen in das Badezimmer und kommt mit einem Handtuch zurück. Ich merke es erst, als sie es mir zwischen die Beine legt. „So, jetzt ist aber Ruhe.“ „Mach wenigstens das Tuch ab.“ Kommentarlos greift sie in die Schublade und holt den Knebel. Sie legt ihn mir an, zurrt ihn zu und dreht sich um. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dann so gelegen bin. Sie schiebt meine Augenbinde etwas beiseite, „Schläfst du noch?“ Sie nutzt die Chance und setzt sich auf mich und genießt ihren Ritt in vollen Zügen. Anschließend entfernt sie alles, auch den Knebel. „Na alles okay?“ „Ja danke. Warte nur, bis ich frei bin.“ „Ich mache dich jetzt frei, aber nur wenn du sehr brav bist. Okay?“ Endlich kann ich mich wieder bewegen. Die Arme sind schon ganz steif, die Muskeln verkrampft. Wir gehen zusammen unter die Dusche. „Ich möchte gerne bei dir bleiben.“ „Aber Barbara, sieh mal, ich bin doch jetzt mit Sybille zusammen, mit ihr ergänze ich mich doch auch in beruflicher Hinsicht.“ „Du kannst ja mit ihr arbeiten, aber geschlafen wird mit mir. So einfach ist das nicht. Du wirst sehen, ich habe vom Ashram viele neue Techniken mitgebracht. So wie vorher, das war ja schon eine Kostprobe.“ „Ja, aber wir haben das noch ein bisschen anders gemacht.“ „Erzähl es mir nicht, ich will es nicht wissen. Es reicht schon, wenn du mich halb erstickst.“ „Aber es hat dir doch gefallen oder?“ „Na ja?“ „Aber du warst ziemlich scharf, das musst du zugeben?“ „Gib uns eine Bedenkzeit, du fährst jetzt erstmal nach Hamburg und in dein Gehöft und klärst das mit den Wertgegenständen. Nach ein paar Wochen werden wir uns wiedertreffen.“ „Gibst du uns beiden eine Chance?“ „Ich weiß es nicht. Für den Sex, gibt es sicher keine Bessere als dich. Aber wir können doch nicht vom Sex leben, ein wenig Arbeit muss ja auch noch sein.“


272 „Na ja, ich dachte, du arbeitest und ich überrasche dich jeden Abend mit etwas Neuem. Ich mache dir auch immer ein gutes Essen. Das ich kochen kann, dass weißt du. Was hast du heute Vormittag vor?“ „Ich muss zum Anwalt, zum Finanzamt und noch Teile für meinen Computer besorgen.“ „Siehst du, dass kannst du alles ohne mich machen, ich gehe in die Stadt und werde mir ein paar neue Klamotten kaufen.“ „Aber du triffst nicht deine schrägen Typen und schleifst sie womöglich noch hier her?“ „Nein, wir zwei werden uns in der Stadt treffen. Okay?“ „Gut, wir treffen uns zum Mittagessen im Franziskaner.“ „Vergesse nicht den Regenschirm, es sieht nach Regen aus.“ „Solange es noch nicht regnet, gehe ich zu Fuß, ich muss den Kopf frei bekommen.“ Ich kann ja nicht ewig so rum tun, einmal muss ich mich entscheiden. Mein Handy läutet. Ah, Sybille. „Du pass mal auf, ich habe gerade in deiner Wohnung angerufen und hatte Barbara dran. Was soll dass denn heißen?“ „Sie saß gestern Abend vor meiner Türe, ohne Geld und war völlig durchnässt.“ „So klang sie jetzt aber nicht mehr.“ Sie meinte, „Aha Sybille, gut das wir uns mal sprechen. Welche Seite willst du denn von ihm?“ „Wie soll ich das verstehen?“ „Es tut mir leid. Wenn du zurückkommst, müssen wir reden. Ich kann den Umbau auch mit einem anderen Architekten machen.“ Wenn ich zurückkomme, werden wir reden.“ Sybille meint, „Ich glaube, ich hab was Blödes gesagt.“ „Aber vielleicht die Wahrheit?“ Ich bin nun sehr kühl und gebe darauf keine Antwort mehr. Ich schalte ab. Das hab ich mir wohl selber eingebrockt. Wie konnte ich auch nur Barbara mit in die Wohnung nehmen. Blöder Gedanke, ich hätte sie doch nicht einfach da sitzen lassen. Ich bin so in meine Gedanken versunken, dass ich bei Rot in die Straße laufe. „Vorsicht!“, schreit eine Frau. Ich springe zurück und stolpere ihr in die Arme. „Danke, jetzt haben Sie mir das Leben gerettet. Ich hatte meine Gedanken wo völlig anderswo.“ „Das hat man gesehen.“ Sie lächelt mir zu, „Beim nächsten Mal, laden sie mich zum Essen ein.“ „Abgemacht.“ Da ich alle Sachen schneller erledigt habe, wie eingeplant, gehe ich mit einer Zeitung in den Franziskaner. Ich merke gar nicht wie die Zeit vergeht. Es streichelt mir jemand von hinten über den Rücken.


273 „Barbara, ist es schon soweit?“ „Stell dir vor“, meint sie strahlend, „ich bin von deiner Wohnung bis hier her gelaufen. Es hat übrigens gerade angefangen zu tröpfeln.“ „Wir haben ja einen Schirm. Lass uns was bestellen.“ „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich für einen Hunger auf was Handfestes habe. Immer der Reis mit Curry, manchmal mit Huhn, oder etwas nicht Identifizierbaren.“ „Am besten du nimmst einen Schweinebraten mit Knödel.“ Eine gute Stunde haben wir hier verbracht. Barbara meint aber, „Es wird Zeit, dass wir zum Einkaufen gehen.“ „Ach, du warst noch nicht?“ „Wie denn ohne Geld?“ „Entschuldige!“ Wir grasen alle Modegeschäfte ab, beim Beck haben wir angefangen, jetzt sind wir gerade beim Loden Frey. Im Bayrischen Hof nehmen wir noch einen Gin Tonic und anschließend ein Taxi nach Hause. Dort packt sie alles aus, „Du bist ein Schatz.“ „Ich kann dich doch nicht in Sack und Asche rumlaufen lassen.“ „Komm in meine Arme, ich will, dass alles so bleibt wie es immer war.“ „Aber du bist doch nach Indien und wolltest die Welt kennen lernen.“ „Sag mal, wie ernst ist es denn mit deiner Sybille?“ „Wir verstehen uns gut.“ „Du hast ja heute früh mit ihr telefoniert.“ „Ja ja, sie war sehr nett, sie meinte, wir müssen uns unbedingt kennen lernen.“ „Hat sie das gesagt?“ „Ja…“ „Ich muss noch in mein Büro und ein wenig arbeiten.“ „Mach das, ich mache uns inzwischen ein leckeres Abendessen.“ „Du bist ein Schatz. Haben wir noch genug Wein?“ „Eine Flasche, mehr ist nicht da.“ „Okay, dann trinke ich vorher ein Bier.“ „Ich richte es dir und bringe es in dein Büro.“ Für mich ist diese Freundschaft schon sehr tief. Ich merke es immer, wenn wir beisammen sind. Sybille und Barbara sind ja eigentlich grundverschieden. Sybille mehr die Dame, die den Luxus liebt, sich überall perfekt benehmen kann. Eine super Schule besucht hat.


274 Nur das Beste trägt. Aber mit ihrer Bemerkung, dass sie doch tatsächlich meint, „ich arbeite für sie“, dass hat mich ja doch geschockt. Meist reagiere ich bockig auf so eine Antwort. Oder ich schmeiße gleich alles hin. Ich habe ja den Vorteil, dass ich die Arbeit nicht unbedingt brauche. Eine Hotelrenovierung würde ich ja eigentlich nur aus Freundschaft übernehmen. Wirklich mögen tue ich diese Arbeit nicht. Wenn Barbara da ist, fühle ich mich richtig aufgehoben. Es ist eher meine Welt. Sie ist der unkomplizierte Typ. Der Mensch, der im richtigen Moment zugreifen kann. Der Typ, der viel Humor hat und immer ein Spielchen im Ärmel hat. Auch wenn es manchmal kein Ende nehmen will. Es mir dann auch wirklich zu viel wird. So brauche ich sie nach einigen Stunden für eine neue Anregung. Ein eventueller Umbau ihres Objektes, könnte eine Entscheidung bringen. So müsste ich ja dann doch für sehr lange Zeit nach Mecklenburg. Ich grüble, und eigentlich ist doch alles sternenklar. Sybille das Püppchen, Barbara meine Geliebte mit Rubens Figur. Ich hänge über meiner Buchhaltung fest. Es will nichts gelingen, wahrscheinlich, weil ich nicht bei der Sache bin. Es hat mich doch mehr getroffen, was Sybille von sich gab. Barbara kommt herein und meint, „Dass Essen ist fertig.“ Sie stellt sich hinter mich und legt mir ein Tuch über die Augen. „Sonst kommst du ja doch nicht, aber wenn du nichts mehr sehen kannst, fängst du an, dass Essen zu riechen.“ Ich drehe mich zu ihr und nehme sie in die Arme. Sie zieht das Tuch fest zu und meint, „Komm jetzt, erschnüffle das Essen. Du musst raten was es gibt.“ Das mach ich doch gerne. Sie führt mich zum Tisch. „Also jetzt riech mal. Nicht hineinlangen, das gilt nicht.“ Ich nehme das Tuch runter und staune nicht schlecht. Sogar mit Kerzenlicht. Wir stoßen erstmal mit einem Prosecco an. „Auf deine Wiederkehr.“ Da läutet ihr Handy. „Schalte es bitte ab, sonst finden wir keine Ruhe.“ „Es sind die Typen, sie stehen vor dem Haus. Wir wollen eine Sause machen, sie haben gerade ihren Lohn bekommen.“ Sie wird sehr bestimmt. Aber da läutet es auch schon Sturm an der Türe. Ich gehe an den Türöffner und sage, „Wir wollen jetzt nicht gestört werden.“ Ich sehe auf die Straße und sehe, dass sie bereits angetrunken sind. Sie sitzen auf einem Auto und dessen Alarmanlage fängt an zu heulen. Sie schlagen auf der Haube herum. Barbara meint, „sie muss jetzt runter.“ „Barbara, wenn du jetzt gehst, dann bleib unten.“


275 „Was soll das, ich war mit denen doch drei Monate in Indien.“ „Indien ist Indien und München eben München. Du musst einen Schlussstrich ziehen.“ Da kommt auch schon die Polizei. Der Wageneigentümer hat sie wohl angerufen. Sie beginnen sich mit der Polizei zu schlagen. „Die sind doch sturzbetrunken. Was willst du denen denn erklären?“ „Dann stehen sie morgen wieder da.“ „Die wollen, dass du sie frei hältst. Wenn du meinst, dass das deine Welt ist, dann kann ich dich nicht halten, aber hier haben die nichts verloren.“ Sie sieht, wie die Polizei sie mitnimmt. Es wird noch mit dem Autobesitzer geredet. Sie stehen noch eine ganze Weile vor der Haustüre. Ein Polizist geht auf das Haus zu und läutet. Ich gehe runter und frage, was ich tun könne. „Die Herren behaupten, sie hätten sie eingeladen.“ „Mit Sicherheit nicht, ich kenne sie gar nicht. Meine Freundin war mit ihnen in Indien, seitdem glauben diese Typen, sie werden von ihr ausgehalten.“ „Wir nehmen die beiden jetzt mit aufs Revier.“ Der Wagenbesitzer kommt zu mir und meint, ich soll seinen Schaden bezahlen. „Wenden sie sich an die Polizei. Einen schönen Abend.“ Als ich wieder hochkomme, ist Barbara eingeschnappt. „Ich mach dir einen Vorschlag. Die Burschen sind ja spätestens morgen früh wieder vor unserer Türe. Dann bietest du ihnen einen Job auf deinem Anwesen an. Als Gärtner und Hausmeister mit einer ordentlichen Bezahlung. Du wirst sehen, sie werden sich uninteressiert zeigen. Sie werden dir vorschlagen, dass sie lieber hier in München sind.“ „Okay, ich probiere es aus. Aber ich befürchte, du wirst Recht haben.“ „Lass uns jetzt nicht den Abend verderben. Also, wir fangen noch mal von vorne an.“ „Soll ich noch mal in das Arbeitszimmer gehen?“ „Okay, mach das.“ Ich setze mich wieder an meinen Schreibtisch. Sie kommt noch mal mit einem Tuch zur Türe herein. Verbindet mir die Augen und führt mich an den Tisch. Ich nehme sie in den Arm und küsse sie. Wir setzen uns an den Tisch und prosten uns nochmals zu. Ich stippe meinen Finger in die leckere Sauce und reiche ihn Barbara, damit sie ihn abschleckt. Sie macht das mit viel Vergnügen und zeigt große Lust.


276 Mit dem Füttern machen wir weiter. „Ich möchte dir aber noch mal die Augen verbinden, dann macht es mir mehr Spaß.“ „Mach es doch einfach.“ Sie kommt um den Tisch und beginnt mich zu küssen. „Du musst alles schlecken.“ „Meinst du?“ „Ja sicher, wir spielen jetzt, Schlecken. Du zuerst?“ Ich knöpfe ihre Bluse auf und beginne an ihrem Busen zu schlecken. „Da ist aber nichts drauf.“ „Dann tun wir was drauf.“ Ich streiche ihren Busen mit einer leckeren Sauce ein. Aber jetzt geht es los. Sie wird wahnsinnig scharf. „Lass uns im Schlafzimmer weiter machen.“ „Wie du meinst.“ Ich trage sie in das Schlafzimmer. Sie legt ihre Arme um meinen Hals. Es wird eine wunderbare und endlose Nacht. Ich stelle fest, so ist es einfach nur mit ihr. Weder Irmi oder sonst eine Bekannte hatte „dieses“ gewisse Etwas. Am nächsten Morgen kommen wir kaum aus den Betten. „Wir haben doch überhaupt keine Eile. Lass uns den Tag in Ruhe angehen.“ Während ich Semmeln und Brezeln hole, darfst du den Tisch von gestern aufräumen. Die kleine Bäckerei hat immer eine gute Auswahl, es macht richtig Spaß dort einzukaufen. „Wenn es dich nicht stört, würde ich einiges mit den Filmleuten klären. Sie haben nämlich bis jetzt nur eine kleine Anzahlung getätigt.“ „Aber du hast ihnen doch nicht etwa schon die Schlüssel überlassen?“ „Doch, die sind schon im Anwesen.“ „Dann kläre das mal, im schlimmsten Fall fahren wir hin.“ „Ja aber du hast doch ein eigenes Objekt, da hast du doch überhaupt keine Zeit für mich.“ „Für dich hab ich immer Zeit.“ Eigentlich warte ich ja darauf, dass sich Sybille meldet, aber sie schweigt. Richi meldet sich, „ja bist du tatsächlich hier?“ „Ich dachte schon du verschiebst es wieder.“ „Komm doch einfach rüber, dann gehen wir zusammen zum Essen.“ „Ich bin schon auf dem Weg.“, meint Richi. Jetzt hab ich gar nicht gefragt, ob Betti dabei ist. Aber ich glaube mich zu erinnern, dass der Haussegen schief hängt. Richi


277 steht bereits eine halbe Stunde später vor der Türe. „Ja, da schau her, jetzt haben wir uns ja schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“ „Einen Kaffee oder lieber ein Weißbier?“ „Weißbier bitte.“ „Erzähl, wie läuft es so.“ „Ach du weißt ja, die in Berlin haben nie Geld. Kaum ist ein Projekt angefangen, wird es wieder abgebrochen. Aber mein Gehalt stimmt und das ist schon in Ordnung.“ Barbara kommt zurück, mit Einkaufstüten hauptsächlich mit Salat und Obst. „Stell dir vor, ich war bis zum Markt.“ „Sieh mal wer da ist.“ „Hi Richi, wo ist Betti?“ „Die ist noch in Berlin. Wir haben uns ein wenig aus den Augen verloren.“ „Schade, ihr habt so gut zusammen gepasst.“ „Ja schon, aber in letzter Zeit ist sie in einen Club eingetreten, da verbringt sie fast jeden Abend.“ „Ein Sexclub?“ „Ja, natürlich.“ „Tanzt sie da an der Stange?“ „Nein sie macht Fesselspiele. Sie sucht sich jemand aus dem Publikum und der wird dann auf der Bühne von ihr gefesselt. Sie hat dann ihren Spaß mit der Person, manchmal ist es den Leuten auch peinlich. Aber sie lässt nichts aus. Sie hat auch schon Frauen auf die Bühne gebeten.“ „Und, erzähl?“ „Ja die hatten auch ihren Spaß. Bevor die Leute nicht ihren Orgasmus bekommen, bindet sie sie nicht los. Nun stell dir vor, das Lokal ist jeden Abend brechend voll.“ „Kann ich mir denken.“ „Sie verdient gute Kohle dabei.“ Barbara will noch mehr wissen. „Wie hat sie sich denn gemacht?“ „Sie wird immer besser. Sie trägt jetzt ganz kurzes Haar. Sie hat auch immer eine breite Halsfessel. Sie meint, das ist ihr „Markenzeichen“. Das Ding am Hals ist sehr breit, die Leute starren sie immer an. Es ist verschlossen, den Schlüssel hat sie in den Gully geworfen. Sie wird es immer tragen, meint sie. Einmal musste sie auf ein Amt, da wäre es ja sehr unpassend gewesen. Sie hat einen Rollkragenpullover mit einem


278 dicken Schal getragen. Das macht sie auch, wenn sie in die Stadt geht und mal etwas schicker aussehen will.“ „Das tut sie also doch.“ „Ja, die kurzen Haare stehen ihr wirklich gut.“ Richi will wissen, was aus meinem Objekt geworden ist. „Du meinst das mit Sybille. Du kannst ruhig offen sprechen. Barbara hat gestern mit ihr telefoniert.“ „Ich lasse euch jetzt besser alleine, das soll wohl ein Männergespräch werden.“ „Danke, du bist ein Schatz.“ „Brauchst du den Wagen, hier ist der Schlüssel.“ „Mit italienischer Nummer? Nein, auf keinen Fall.“ Richi will natürlich wissen, warum einen Mercedes mit italienischer Nummer? Ich erzähle ihm die Story in Kurzform. „Ach, und du hast ihn übernommen?“ „Ja, er ist recht praktisch. Mit dem Maserati, wirst du immer schief angesehen. Jetzt im Sommer kann man natürlich mit dem Benz offen fahren. Willst du mit Betti wieder zusammenkommen, oder habt ihr euch getrennt?“ „Ich liebe sie, aber sie sucht immer neue Herausforderungen. Letztlich hat sie mich drei Tage am Stuhl sitzen lassen, da war ich natürlich stinksauer. Am Anfang ging es ja noch. Aber sie steigerte sich laufend. Dann hab ich meine Sachen gepackt.“ „Das kann ich verstehen.“ „Vielleicht wollte sie ja auch deine Grenzen ausloten?“ „Jetzt kennt sie meine Grenzen.“ Wir kommen so ins reden und kommen natürlich auch vom hundertsten ins tausendste. „Wie sieht es bei dir aus, wirst du mit Barbara zusammen bleiben?“ „Tja, da gibt es noch eine Sybille. Ich hab mich zwar gerade mit ihr gezankt, aber sie ist halt auch ein Schatz. Ich muss heute rückblickend zu geben, hätte damals Irmi nicht so auf eine Heirat gedrängt, so hätte ich mich sicher nicht so schnell entschlossen zu heiraten. Aber du weißt es ja, ihr Vater wollte seine Tochter in guten Händen wissen.“ „Es ist schade, dass es so gekommen ist.“ „Das Unwetter konnte keiner ahnen, vielleicht hätte ich es nie erfahren. Obwohl geahnt hab ich es ja irgendwie.“ Barbara ruft an, sie würde gerade auf der Leopoldstraße sitzen und wir sollten doch auch kommen. „Das machen wir. Wer weiß, wie lange das Wetter noch hält.“


279

Barbara winkt uns schon zu, um sich bemerkbar zu machen. „Ich hab gerade mit Betti gesprochen, sie lässt euch grüßen. Sie meinte noch, „Grüß mir den Richi besonders, der ist nämlich sauer auf mich.“ Also Richi, sei wieder lieb zu ihr.“ Richi grunzt etwas Unverständliches in sich hinein. „Also was essen wir?“ „Bier hab ich schon für euch bestellt. Da kommt es ja schon.“ „Darauf hab ich mich seit Berlin gefreut.“ Mit einem einzigen Zug trinkt er es fast aus. „Na, da wirst du noch ein Zweites brauchen.“ „Was sagt Betti denn noch?“ Barbara berichtet vom Gespräch mit Betti. „Sie ist in einem Club, aber sie wird das nicht mehr lange machen. Die Film-Firma hat bei ihr angefragt, ob sie nicht mitarbeiten könnte. Sie können das mit ihr realistischer darstellen. „Du sprichst jetzt von Mecklenburg?“ „Ja sicher, ihr habt es doch an eine Filmfirma vermietet, oder etwa nicht?“ „Ja, das stimmt.“ Barbara entgegnet, „Aber ich habe doch Betti gar nicht den Namen gegeben.“ „Aber sie war doch dort. Sie war ein langes Wochenende dort, ich weiß es genau.“ „Ich verstehe.“ „Ich will mich ja nicht einmischen, aber ich glaube du solltest mal nach dem Rechten sehen.“ „Das glaube ich auch.“ „Leider hab ich keine Zeit, aber nimm doch einfach den Zug und fahr hin.“ „Ich kann den Produzenten der Fernsehfirma nicht erreichen, er hebt einfach sein Handy nicht ab.“ „Das kannst du alles vor Ort klären.“ „Soll ich morgen schon fahren?“ „Das liegt ganz bei dir. Übermorgen ist sicher auch noch okay.“ Richi will heute unbedingt in einen Biergarten. Er hat aber vorher einiges wegen seiner Mutter zu erledigen, anschließend ist es sowieso schon sechzehn Uhr, also Biergartenzeit. Wir trennen uns erstmal und treffen uns dann später wieder. Wir faulenzen so richtig in den Tag hinein. Sybille ist am Handy, sie will nun wissen, wann ich zurückkomme. Dies alles sagt sie in einem Ton, der mir nicht gefällt.


280 „Im Moment ist meine Anwesenheit nicht unbedingt erforderlich, die Pläne sind fertig und alles geht seinen Weg. Den Innenausbau übernimmst sowieso du. Also fang schon mal an Vorschläge vorzubereiten und den Herren zu präsentieren.“ Sybille entgegnet ziemlich kühl. „Ja, wenn du keine Zeit hast, dann müssen wir uns hier eventuell eben einen anderen Architekten suchen.“ „Wenn du das so siehst, dann sucht euch halt einen anderen Architekten. Dann bekomme ich halt mein Geld für die Pläne und Entwürfe.“ Kaum hat sie aufgelegt, da ist mein Freund der Hoteldirektor dran. „Sag mal was ist denn los, mit euch zwei?“ „Pass mal auf, wir kennen uns ja schon lange, und du hast mich ja auch vor Sybille gewarnt. Sie versucht sich in meine geschäftlichen Angelegenheiten zu mischen und über meine Zeit zu bestimmen. Du kennst mich, das brauch ich nicht.“ Er klingt sehr beunruhigt. „Die Herren von der Geschäftsleitung sind besorgt um den Umbau.“ „Sie müssen sich entscheiden, ob sie mich brauchen oder Sybille. Eigentlich haben sie einen Vertrag mit mir, aber ich bin bereit davon zurückzutreten.“ „Der Bürgermeister, dass sag ich dir im Vertrauen, mag Sybille nicht. Er meint sie sei eine typische Deutsche.“ „Ist sie das nicht?“ „Sie ist eine waschechte Düsseldorferin auf und nieder.“ „Also, ich sage es dir ganz klar, der Bürgermeister macht den Umbau nur, wenn du die Regie hast, ansonsten sagt er alles ab. Er will auf keinen Fall, dass Sybille das Sagen hat. Er meint, sie hat zu wenig Gefühl für den Süden.“ „Weißt du, Sybille meint, weil ihr Vater nun fünfundzwanzig Prozent hat, gehört das Hotel ihr. Das müsst ihr mal klarstellen. Es wird nicht mehr lange dauern, und sie will Personal-Entscheidungen treffen.“ „Hat sie schon, gestern kam sie mit einem jungen Mann vom Markt zurück und meinte der solle als Page hier im Hotel anfangen.“ „Dann wird sie bald mit einem neuen Direktor aufwarten. Verweist sie jetzt erstmal in ihre Schranken, dann reden wir weiter. Du weißt ja, wo du mich erreichen kannst und bitte gib die Unterlagen vom Gemeindeamt nicht an Sybille, sonst kommt sie sich noch wichtiger vor. Also Servus.“ „Gibt es Ärger?“ fragt Barbara in einem scheinheiligen Ton.


281 „Nein, nur Kompetenzprobleme.“ „Wächst dir deine liebe Sybille über den Kopf?“ „Barbara, ich bitte dich. Sie soll doch machen, was sie will.“ Ich sage nun ganz klar, „Ein Umbau ist sowieso nicht mein Ding. Es ist ein reiner Freundschaftsdienst.“ „Den kannst du auch bei mir leisten, da musst du nicht nach Riva an den Gardasee.“ „Barbara, versteh doch, mein Leben ist in Italien. Ich will dort nicht weg.“ „Nimm mich doch mal mit nach San Remo, du hast es mir schon mehrmals versprochen.“ „Mal sehen.“ Sie reserviert sich ein Bahnticket und eine Platzkarte nach Hamburg, von dort nimmt sie einen Leihwagen. „Danach werden wir weitersehen.“ Im Biergarten, geht es heiß her. Er ist voll besetzt, kein einziger Platz in Sicht. Eine riesen Gaudi, Richi läuft zur Hochform auf, endlich riecht er wieder Bayrische Luft. Mit einer Dame am Nebentisch beginnt er gerade zu busseln. „So hab ich das noch nicht erlebt, da könnt ich mich auch wohlfühlen.“, meint Barbara. „Kein Problem, wenn du mir nicht solche Typen daherschleifst, kannst du ja bei mir wohnen. Ich kann aber auch eine andere Wohnung für dich suchen.“ „Wenn ich aus Mecklenburg zurückkomme, werden wir eine Entscheidung treffen.“ Sie fällt mir um den Hals, „Ich liebe dich. Wenn wir jetzt gehen, fessle ich dich ans Bett.“ „Du Biest, du lässt mich dann hängen, bis du von deinem Ausflug zurück bist.“ Ein Mädchen am Nachbartisch hat dem Gespräch zugehört. „Ach Kleine, überlass ihn einfach mir, ich vertreibe ihm die Zeit, bis du zurück bist. Ich kann das mit dem Anhängen sehr gut. Aber ich kenne auch noch andere Spiele, da wirst du noch einiges dazu lernen.“ „Danke, für deinen Vorschlag, aber im Moment mach ich das lieber selbst.“ Wir prosten uns noch mehrmals zu. Das letzte Bier wird angekündigt, „Wer noch Durst hat muss jetzt mit an die Theke kommen.“ „Nein, ich kann nicht mehr. Wir müssen sowieso zu Fuß gehen oder ein Taxi nehmen.“ Richi sitzt inzwischen am Nebentisch bei dem etwas vorlauten Mädchen. Sie diskutieren, wie man am besten gefesselt wird. Das Mädchen greift in ihren Utensilienbeutel und zeigt Richi ein paar Handschellen. „Man muss immer bereit sein.“


282 Die Kellnerin ruft uns ein Taxi und Richi entschließt sich mit seiner neuen Flamme weiter zu ziehen. Ich frage Barbara. „Wann geht denn dein Zug?“ „Irgendwann um elf.“ „Also, dann legen wir uns jetzt erstmal hin.“ Arm in Arm schlafen wir ein. Gegen neun wachen wir auf, ich springe runter, um Semmeln zu holen und Barbara macht schon mal Kaffee. Sie packt nur einen kleinen Koffer. „Ich bestell dir schon mal ein Taxi.“ Sie steht schon im Hausgang und ruft, „Ich melde mich, wenn ich mehr weiß, ist das für dich okay?“ „Ja natürlich.“ Ich trage ihr noch den Koffer runter und sie bekommt noch ein dickes Bussi. Sie rauscht ab. Na, dann werde ich mal zu meinem Wagen spazieren, der steht noch im Biergarten. Ein bisschen laufen kann sowieso nicht schaden. Ich gehe quer durch den englischen Garten zum Parkplatz des Biergartens. Dort sitzen doch tatsächlich noch die Letzten oder schon die Ersten, bei einem gepflegtem Bier. Ich setze mich an einen ruhigen Tisch und bestelle mir ein Weißbier mit einem Paar Weißwürste. Die Kellnerin fragt, ob man mich gestern Nacht vergessen hätte, oder ob ich schon wieder da bin. „Ich muss doch meinen Wagen holen.“ „Das ist immer eine gute Ausrede um gleich ein Bier zu trinken.“ So sind manche Wagen tagelang hier gestanden. Heute mache ich einen schönen Ausflug. Vielleicht fahre ich über Salzburg, Zeit hab ich ja im Überfluss. So langsam gewöhne ich mich an die Kratzer im Wagen, es könnte auch moderne Kunst sein. Richi muss wieder nach Berlin zurück und seine neue Flamme wird ihn besuchen kommen. Inzwischen daheim, lese ich die Abendzeitung und genieße die Sonne, die inzwischen voll auf den Balkon scheint. Ich werde mir mal eine Markise zulegen. Gedanklich rücke ich immer mehr von dem Auftrag am Gardasee ab. Also, ich mach es nur, wenn sich Claudia zurückzieht. Ich lass mich doch nicht von ihr herum kommandieren, das hab ich noch nie gemocht. Kommandieren mach ich lieber selbst. Das Telefon läutet. Auf dem Display erscheint: „Anruf von Unbekannt.“ Barbara ist dran. „Hier gibt es Ärger, die Herrschaften können wohl gar nicht bezahlen, benützen das gesamte Gebäude und meine Halbschwester spielt die große Schauspielerin. Sie ist fast ständig unter Alkohol, vielleicht sind es auch Drogen?


283 Ich weiß es nicht.“ „Schmeiß alle raus, nimm dir einen Anwalt. Deine Schwester hat ja nichts zu sagen, du bist ja im Testament als alleinige Verwalterin eingesetzt. Melde dich, sobald du mehr weißt.“ „Okay, ich mach das.“ Leider ist das Objekt unverkäuflich, es wäre die beste Lösung. Gegen Abend erhalte ich eine Mail, vom Hotel. „Wegen Kompetenzproblemen wird das Projekt bis auf Weiteres verschoben. Ich soll bitte meine Honorarrechnung senden.“ Ich rufe meinen Freund an und frage, was passiert ist. „Ganz einfach, sie wollen mich rausschmeißen.“ „Wieso denn dass?“ „Das gnädige Fräulein hat einen Freund, der gern Hoteldirektor wäre. Der Vater glaubt, er habe hier das Recht das Ruder in die Hand zu nehmen. Morgen findet eine Gesellschafter Versammlung statt. Der Herr Bürgermeister will Sybilles Vater in seine Schranken verweisen.“ „Na dann, viel Spaß, weiß er eigentlich welcher Betrag dir zusteht, wenn er dich kündigt?“ Spät abends ruft noch Sybille an. „Was ist denn jetzt los. Kommst du oder nicht?“ „Soviel ich weiß, ist das Projekt gestoppt.“ „Was hier läuft bestimmen ich und mein Vater.“ „Wie du meinst, ich werde mich da raushalten. Macht das unter euch aus. Gebt mir eine Nachricht, wenn ihr euch entschieden habt.“ „Wir brauchen dich aber für den Neubau.“ „Ihr braucht mich sicher nicht, es gibt in Riva noch einen sehr netten Kollegen.“ „Ich will aber mit dir zusammen arbeiten.“ „Eine Zusammenarbeit sieht bei mir aber anders aus. Ich glaube, wir haben da unterschiedliche Ansichten.“ „Wieso denn?“ „Weil ich mir von dir nichts vorschreiben lasse, dass das mal klar ist, ich bin doch nicht dein Fuzzi.“ Ein Kollege aus Bremen meldet sich und will ein Meeting für einen Erfahrungsaustausch, da er gerade in München ist. Er hätte ein Projekt in Mecklenburg „Kein Problem, sie können ja in mein Büro kommen.“ Am Nachmittag treffe ich ihn. Er hat noch wenig Ahnung von diesen alten Gehöften. Sein Klient will auch nur das Nötigste machen lassen. Wahrscheinlich nur etwas „schönen“ und anschließend teuer verkaufen.


284 Allein ein Dach, kann locker zwei Millionen kosten. Ich sehe mir Fotos an und denke mir meinen Teil. Das Objekt wird wohl von der Gemeinde für etwa zwanzigtausend angeboten, soweit ich die Preise kenne. „Sie kennen sich ja gut aus.“ „Die Gemeinden haben leider nicht die Mittel. So bieten sie die Häuser günstig an, mit der Auflage, dass es perfekt renoviert wird.“ Im Laufe des Gesprächs erhalte ich immer mehr den Eindruck, dass er selbst der Klient ist. Er zeigt mir Fotos. „Das Objekt ist etwa dreihundert Jahre alt.“ „Da genügt ein Blick, man kann es erkennen. Seitdem ist niemals etwas gerichtet worden. Ich schätze sie zahlen dafür einen Euro pro Forma?“ Er fühlt sich durchschaut. „Sehr grob geschätzt sind die Kosten mindestens drei Millionen.“ „Dann müssen wir das vergessen. Wir dachten da eher an polnische Arbeiter und so.“ „Wenn es wirklich Maurer und Zimmerleute sind, und nicht wie in den meisten Fällen, Erntehelfer. Leider haben sie keinen blauen Schimmer, was sie machen müssen. Sie müssen ja darauf achten, dass die Mischung der Materialien stimmt.“ „Ja, ja ich glaube wir werden unserem Klient abraten. Läge es günstiger, vielleicht in der Gegend des Müritzsees, da lohnen sich diese Investitionen eventuell. Hier ist der Tourismus in voller Blüte. Vielen Dank für ihre Einschätzung.“ Am nächsten Tage besuche ich ein Kloster nahe Regensburg. Ich fahre immer gerne in ein Kloster zu Mönchen. Diese Ruhe, die sie ausstrahlen, tut mir sehr gut. „Keine größeren Geldsorgen. Enorm viel Sachwissen. Nur der Denkmalschutz nervt bisweilen.“ Ich bekomme vom Klostervorstand noch eine Empfehlung für ein Kloster bei Linz. Das passt mir gut in den Kram, ich werde auf direktem Weg dorthin fahren. Der Abt kündigt mich dort auch gleich an. Ich wähle eine Route über die kleinen Landstraßen, da mich keine Zeit drückt. Für den Abend suche ich mir in einem kleinen Ort ein Nachtquartier. Die Zimmer sind im ersten Stock und darunter befindet sich das Lokal. Hier findet alles in einem Raum statt. An einem Tisch sitzt die Familie, am nächsten das Personal. Einen Stammtisch hat es auch. Hier sitzt meist der Bürgermeister, mit seinen Kumpanen. Noch ein weiterer Tisch ist belegt, „Hier sitzen Gäste aus Norddeutschland“, meint die Tochter des Hauses, die gleichzeitig wohl das Lokal führt. Die Speisekarte hat keine große Auswahl, gerademal fünf Speisen sind darauf. Auf Grund des abgegriffenen Blattes schließe ich, dass es die Karte für das ganze Jahr ist. Nur die


285 Getränkekarte ist ausführlicher. Der Punkt Schnäpse, allein hat eine halbe Seite aufzuweisen. „Einen Kaiserschmarrn bitte.“ „Da haben Sie gut gewählt, den mach ich nämlich selbst.“ „Na dann legen Sie mal los.“ Ich merke, dass sie gerne ein Gespräch anfangen möchte. „Gehört der Wagen mit der italienischen Nummer Ihnen?“ „Ja, so ist es.“ „Ein schöner Wagen, leider schon ziemlich zerkratzt.“ „Sie denken aber schon noch an meinen Kaiserschmarrn, oder wäre es Ihnen lieber, wenn ich mit in die Küche komme? Wenn ich wiederkomme, wird der Wagen sicher neu lackiert sein.“ „Kommen Sie wirklich wieder?“ „Wenn ich jetzt bald meinen Kaiserschmarrn bekomme, sicher.“ „Ich laufe ja schon. Ich bringe Ihnen inzwischen einen Schnaps.“ „Machen Sie das.“ Ich entschließe mich vom Bier auf den örtlichen Wein umzusteigen. Das Bier ist etwas lack. Es wird hier wohl wenig getrunken. „Der Schnaps ist eine Wucht. Da bringen Sie mir mal noch einen.“ „Sie sprechen aber gut Deutsch, für einen Italiener. Sind Sie aus Mailand?“ „Nein aus San Remo.“ „Da muss es ja wunderschön sein?“ „Ist es, wenn Sie mal in die Gegend kommen rufen sie mich einfach an.“ „Das wird aber mein Papa nicht erlauben.“ Ich habe den Eindruck, dass hier nur selten Fremde vorbeikommen. Sie ist ja regelrecht ein Plappermäulchen. „Ja, da haben wir ja schon den Kaiserschmarrn.“ „Sieht sehr lecker aus.“ Da kommt auch schon das Ehepaar. „War es schön beim Wandern?“, werden sie sofort befragt. „Sehr schön. Wir nehmen auch den Kaiserschmarrn.“ „Das hätten Sie mal früher sagen sollen, dann hätte ich weniger Arbeit gehabt. Aber ich mache dann halt nochmal einen Neuen.“ „Und Sie wissen ja, zweimal vom selben Schnaps wie gestern.“ „Dieser Herr ist aus Italien, San Remo.“ „Angenehm“ Ich grüße zurück. „Sind sie auch zum Wandern hier?“ „Nein nur auf der Durchreise.“ „Gehört ihnen der Benz draußen?“ „Entschuldigen sie, aber ich würde jetzt gerne meinen Kaiserschmarrn essen.“


286 „Tun sie das, Guten Appetit.“ „Danke“. Ich gehe schon frühzeitig auf das Zimmer. Da es keinen Fernseher gibt, nehme ich das Buch, welches ich in Regensburg erworben habe und beginne zu lesen. Ein Glas Wein hab ich auch noch mit auf das Zimmer genommen. Gegen halb zwölf beginnt im Nebenzimmer ein riesiger Krach. Recht hellhörig, denke ich so und muss grinsen. Es ist nicht klar, wer wen beschimpft. Oder ist es nur ein Spiel? Mit kräftiger Stimme, rufe ich, „Bitte etwas Ruhe.“ „Kommen sie doch einfach rüber, dann haben wir zusammen mehr Spaß.“ Ich drehe mich um und versuche einzuschlafen. Die Dame schreit ziemlich energisch. „Mach mich jetzt sofort los.“ Er lacht etwas schrill, fast hysterisch. Die haben aber kräftig einen in der Krone. Ich entschließe mich, mal an der Türe zu klopfen. Ziemlicher Lärm, aber keiner meldet sich. Ich drücke die Klinke herunter und staune nicht schlecht. Im Zimmer gibt es einen Pfosten. Hier steht die junge Frau und ist festgebunden. Er lacht im Sessel sitzend und sieht ihr zu, wie sie nicht loskommt. „Jetzt hören sie doch auf. Ich würde gerne schlafen.“ Er entgegnet in lallender Sprache, „Wir machen eine Bergübung. Meine Frau hängt gerade fest am Abgrund.“ Ich gehe auf sie zu und beginne sie loszubinden. „Nein, nicht doch“, meint sie. „Dann hören Sie doch zu schreien auf.“ Die Wirtin kommt ebenfalls die Treppe rauf. „Wenn jetzt nicht bald Ruhe ist, schmeiße ich Sie alle raus.“ „Ich hab damit nichts zu tun, ich will selber schlafen.“ „Dann stecken Sie ihr halt was in den Mund, dann ist sicher bald Ruhe.“ „Gute Idee.“ Sie bekommt ganz feurige Augen. „Los mach schon.“ Nach wenigen Minuten ist Ruhe im Raum. Sie versucht zwar noch was los zu werden, aber ich gehe wieder in mein Zimmer. Nun kann ich endlich schlafen. Am nächsten Morgen sehe ich die beiden beim Frühstücken. Sage aber nichts. Das junge Fräulein meint, „entschuldigen Sie, aber es kam so plötzlich über uns.“ „Wenn es wieder über Sie kommt, sollten Sie das im Wald machen, da verscheuchen Sie höchstens die Rehe.“ Nach dem Frühstücken bezahle ich und fühle mich recht unausgeschlafen. Auf dem Weg nach Linz mache ich an einer Waldlichtung eine kleine Pause, es wurde noch ein richtiges Nickerchen. Jetzt hab ich wohl meinen Schlaf nachgeholt.


287 Das Kloster in Linz ist schnell gefunden. Es handelt sich mehr um eine Beratung, die Patres wollen in erster Linie Firmen wissen, die das nötige Material anliefern. Auch hier kann ich helfen, dass hätte man allerdings auch schriftlich machen können. Nach etwa zwei Stunden der Beratung setze ich meine Fahrt nach Salzburg fort. Eigentlich hab ich gar nichts zu tun, aber ich bummle gerne in Salzburg und so bleibe ich noch über Nacht und werde dann entscheiden, was der nächste Tag bringt. Ein Traum von Frühstück erwartet mich am Buffet. Ich hole mir noch eine Tageszeitung. Eine Dame am Nebentisch, dem Dialekt nach aus Wien, fragt mich, ob ich das erste Mal hier bin. „Im Hotel ja, aber in Salzburg war ich schon öfter.“ Ich blicke konzentriert in meine Zeitung, da ich auf einen Kontakt nicht scharf bin. Auf dem Weg nach München, das Wetter ist traumhaft, ich fahre offen. Als ich in München in meine Wohnung komme, liegen etliche Faxe im Korb. Allesamt aus Italien. Sie kündigen meinen Vertrag für die Hotelrenovierung. Na, da bin ich aber froh. Ich solle meine Abrechnung schicken. Handschriftlich teilt mir mein Freund, der Hoteldirektor mit, dass er aufhören würde. Das Affentheater brauche er nicht. Ich rufe ihn kurz an und frage, ob er schon Pläne habe. „Er hat eine Kündigungsfrist von sechs Monaten. Die wird er noch durchhalten müssen.“ Ich werde ihm den Kontakt geben, von Irmis ehemaliger Firma aus Mailand. So sehen wir uns ja vielleicht wieder. Der Vater von Sybille, hat sich doch tatsächlich bei Übernahme der Anteile eine Mitsprache für die zukünftige Geschäftsführung geben lassen. Sehr clever. Da sollen sie mal sehen, wie sie zurechtkommen. Ich gehe für einen Imbiss zum Rialto über die Straße. Auf dem Weg dorthin, ruft Sybille an. „Komm jetzt zurück, ich regle alles für dich.“ „Aber ich glaube du verstehst da was falsch. Ich komme nicht zurück. Mach du dein Ding, aber ohne mich.“ Ich schalte das Handy auf stumm. Ich kann es mir leisten, mal auszuspannen. Mal keinen Auftrag zu haben. Ich sitze im Bistro und bin eigentlich mit mir und der Welt zufrieden. Die Angelegenheit mit Sybille, es war wie ein Wirbelwind. Vielleicht eher ein Sturm. Sie war schon was Besonderes, das muss ich zugeben. Geschmack hatte sie. Aber sie war ja auch sehr herrschsüchtig, und das brauch ich überhaupt nicht. Ich telefoniere ein paar alte Freunde durch, frage was sie treiben. Überall eher Stille. Jeder kämpft um das Geschäft. Ich beschließe, noch bis auf Weiteres in München zu bleiben. Ich bringe den Wagen zum lackieren. Ich nehme ein Taxi in die Stadt. Was hab ich doch alles in dieses Hotelprojekt


288 investiert. Eigentlich sollte ich doch eine Rechnung schreiben. Was soll ich berechnen? Zustehen würde mir sicher ein Betrag von zwölf bis fünfzehntausend. Ich entschließe mich, den Bürgermeister von Riva anzurufen. Als ich ihn an der Strippe hab, fängt er an zu jammern. „Hätten wir doch bloß den Deutschen nicht als Partner aufgenommen. Er macht so viel Ärger. Die junge Senora ist auch nicht einfach.“ Ob ich denn jetzt Zeit hätte, mich um das Rathausprojekt zu kümmern? Das hab ich ja vollkommen vergessen. „Natürlich, für Sie mache ich doch alles.“ Ich werde mir ein Zimmer in Brescia nehmen, um etwas Abstand zu haben. In drei Tagen komme ich ihn im Rathaus besuchen. Also doch Gardasee. Ich habe seinerzeit die Bitte mit dem Rathaus nicht so ernst genommen. Ich schreibe eine Rechnung an das Hotel, bleibe aber unter zehntausend, so kann sich keiner beschweren. Noch ein paar Besorgungen und in einer Woche geht es wieder an den Gardasee. Ob ich wohl Sybille begegnen werde. Sicher, es wird sich nicht verhindern lassen, dafür ist der Ort zu klein. Ich verständige noch Barbara, erkläre ihr kurz das Geschehen, und dass sie nachkommen soll. Den Wagen bringe ich zum waschen und reinigen. So frisch gewienert, sieht der Benz halt doch besser aus. Eigentlich wollte ich noch bei Anneliese vorbeisehen, aber die Zeit wird schon wieder knapp. Sie schickt mir regelmäßig meine Post und Abrechnungen. In Brescia nehme ich ein Zimmer in einem kleinen Hotel, ich kenne es schon aus früheren Zeiten. Am nächsten Vormittag habe ich einen Termin beim Bürgermeister. Er zeigt mir einige Vorentwürfe vor, ist aber eigentlich mit keinem zufrieden. Wir machen eine Begehung und ich muss feststellen, dass wir hier mit dem historischen Stadtkern kollidieren könnten. „Wir müssen vorsichtig sein, sonst bekommen wir mit den Grünen Ärger. Das hatte ich schon in San Remo.“ Der Bürgermeister findet, wir sollten den Stier bei den Hörnern packen und die Grünen zu einem Gespräch bitten. „Lieber im Vorfeld abklären, wie im Nachhinein.“ Zum Mittagessen gehen wir auf die Plaza. Da sehe ich Sybille mit ihrem Vater heran kommen. Der Bürgermeister gibt mir einen Stoß und lacht. „Deine Freundin? Oder nicht mehr?“ „Nicht mehr!“ Sie steuert direkt auf unseren Tisch zu. Wir begrüßen uns höflich. Der Vater meint, er verstehe nicht, warum ich abgesprungen sei.


289 „Wir haben verschiedene Ansichten über die Arbeitsweise. Ich bin nun mal kein Angestellter Ihrer Tochter.“ „Ach so war dass, da hat Sie wohl wieder einmal die Mutter durchblicken lassen.“ „Mir egal wer da durchblickt, ich brauche das nicht.“ Sybille sieht mich mit großen Augen an. „Sehen wir uns denn mal? Du hast noch Sachen in unserem Zimmer.“ „Stelle sie bitte zusammen, ich hole sie an der Rezeption ab.“ „Okay, wie du meinst. Bleibst du noch oder gehst du wieder nach San Remo?“ „Wir werden sehen.“ Der Vater drückt mir recht herzlich die Hand und meint noch im Weggehen, „Lassen sie sich nichts gefallen. Einmal unterm Pantoffel, immer unterm Pantoffel.“ Der Bürgermeister meint, „Sie ist es, der Vater ist schon ganz in Ordnung. Aber eines muss ich dir sagen, sie ist verliebt in dich.“ „Wie kommst du darauf?“ „Sie sieht dich an, mit so viel Leidenschaft.“ „Kann schon sein. Aber nicht so. Sie soll sich einen Hund zulegen, dem kann sie Kommandos geben.“ Der Bürgermeister lacht verschmitzt. Als ich an den Wagen komme, finde ich einen Zettel an der Scheibe. „Rufe mich an, ich liebe dich. Ich will mich mit dir vertragen.“ Ich stecke den Zettel in die Hosentasche. Ich komme in mein Hotel und da wartet Sybille. „Woher weißt du?“ „Hier weiß doch jeder von jedem. Ich bringe dir nur deine Sachen. Setzt du dich mit mir an die Bar?“ „Können wir machen.“ Sie ist bildhübsch, sie wirft alles in eine Waagschale. Sie hat sich ihr feinstes Tuch umgebunden, was sie hat. Ich spüre ich werde schwach. Sie kommt auf mich zu und legt ihre Arme um mich. „Komm, jetzt sei ein Lieber.“ „Aber arbeiten will ich nicht mit dir.“ „Musst du ja nicht. Du trägst wieder kein Tuch. Ich will mich um dich kümmern.“ „Weißt du denn, ob ich das will?“ „Du warst in München mit Barbara zusammen, stimmts?“ „Ja es stimmt.“ „Du wirst nie von ihr lassen können.“ „Woher willst du dass wissen?“ „Sie hat das, was ich nicht habe.“ „Du hast aber vieles was sie nicht hat.“ „Du brauchst also uns beide. Das wird schwierig. Ich bin nämlich ziemlich eifersüchtig.“ „Das hab ich schon gemerkt. Wahrscheinlich hast du deshalb so reagiert.“ „Möglich.“


290 „Gehen wir heute Abend zum Essen?“ „Wenn du willst. Soll ich dich abholen?“ „Nein, ich hole dich ab. Okay?“ Wir geben uns einen kurzen Kuss und Sybille verschwindet durch die kleine Halle. Ich nehme die Tasche mit den Gegenständen, die ich damals in unserem Zimmer zurückgelassen habe. Diverse Hemden, Pullis und meine Badesachen. Es liegt noch ein Tuch von ihr darin, mit einem Zettel dabei, „Damit du mich riechst.“ Sie hat noch mein Lieblings-Parfum darauf gegeben. Ich rieche daran, dabei kommen all die schönen Stunden in Erinnerung, die wir gemeinsam hatten. Es klopft an meine Zimmertüre, ich rufe herein und hab mit dem Zimmermädchen gerechnet. Aber es war Sybille. „Ach, du bist es?“ Sie hat sich aufgebretzelt, alle Achtung. „Wow, was hast du vor?“ „Wir wollten doch zum Essen gehen.“ „Ja schon, aber….“. „Gefällt es dir nicht?“ „Doch schon!“ „Also mach dich fertig.“ Ich nehme eine helle Sommerhose mit einem weißen Hemd, den Kragen lasse ich offen. Einen Pulli dazu, locker über die Schulter geworfen. Sie geht an den Schrank und sucht ein Tuch heraus, „So dass gehört noch dazu.“ Sie legt es ordentlich zusammen und legt es um meinen Hals. „Jetzt können wir gehen.“ „Wohin gehen wir denn?“ „Wir fahren nach Sirmione.“ „In das Restaurant am kleinen Hafen?“ „Ja genau dorthin.“ Sie hat ihren kleinen Peugeot geöffnet. „Gibst du uns noch eine Chance?“ „Ich kann es nicht sagen, vielleicht geht ja auch alles etwas zu schnell. Wir kennen uns jetzt gerademal sechs Wochen.“ „Es sind sieben und drei Tage.“ „Wow, du bist aber genau.“ „Ich zähle noch mit. Mein Vater mag dich übrigens sehr.“ Wir kurven ewig um das Lokal, bis wir endlich einen Parkplatz finden. Wir haben einen wunderbaren Tisch. „Was nehmen wir?“ „Ich hab schon alles geregelt. Lass dich überraschen.“ Der Ober bringt zwei Prosecco. Es folgt eine wahre Flut von Leckereien. Alles genau aufeinander abgestimmt. „Da hast du dir ja wirklich was einfallen lassen.“


291 „Alles nur für dich. Ich möchte mir gerne eine Wohnung am See kaufen, würdest du mit mir dort einziehen?“ „Ich sagte doch, ich brauche Zeit. Außerdem kann ich ohne München und San Remo nicht leben, das beides gehört zu mir.“ Eine längere Gesprächspause tritt ein, wir sehen uns in die Augen. Ihr Blick lässt mich dahin fließen. Aber ich weiß, ich darf nicht gleich nachgeben. So entscheide ich mich, erstmal nicht gleich alles hinzuwerfen. „Ich schlage einfach mal vor, dass jeder von uns seiner Arbeit nachgeht. Eine Zusammenarbeit mit dir kann ich mir nicht vorstellen. Wir können uns ja sehen, aber zusammenziehen, dass kann ich mir im Moment nicht vorstellen.“ Mein Handy läutet, oh Gott ich habe vergessen es auszuschalten. „Entschuldige!“ Anneliese ist dran. „Ich möchte dich nur informieren, dass hier eine große Ausschreibung läuft. Es soll ein Kulturzentrum gebaut werden, der Bürgermeister meinte, du sollst kommen und dir die Papiere holen.“ „Das ist aber lieb, dass du mich gleich angerufen hast, wie geht es euch?“ „Du weißt ja, mit unseren kleinen Wehwehchen können wir ganz gut umgehen, daher geht es uns gut.“ „Ich komme in den nächsten Tagen, ich bin gerade am Gardasee.“ „Na dann ist das ja sowieso nur ein Katzensprung.“ Sybille fragt, „War das schon wieder eine Verflossene?“ „Nein, es ist meine Hausdame, sie kümmert sich in Brixen um meine Wohnung. Ich muss dort hin, da es eine Ausschreibung gibt.“ „Na, dann bist du ja eigentlich schon wieder weg.“ „Nein, das Amt in Riva wird renoviert, da werde ich mitmischen.“ „Also bist du dem Ort treu geblieben.“ „Ich mag den Gardasee.“ „Ich weiß schon, die alten Erinnerungen.“ „Sollen wir noch mal auf den Campingplatz fahren?“ „Wenn du willst. Warum nicht.“ „Das Wasser ist dort sehr sauber, nur die Felsen stören.“ Inzwischen sind wir beim Nachtisch angelangt. „Ich hätte gerne noch einen Grappa und einen Cappuccino.“ „Wirst du mal wieder bei mir schlafen?“ „Vielleicht. Heute aber nicht.“


292 Ich muss mich schon sehr beherrschen, um nicht gleich ja zu sagen. Aber ich werde einige Tage vergehen lassen. Als sie mich in das Hotel bringt, versucht sie noch mich umzustimmen. Auf dem Parkplatz angekommen, steigt sie aus und kommt auf mich zu. „Ich will dir jetzt die Augen verbinden.“ Sie zögert nicht und nimmt ihr Tuch und legt es zusammen, verbindet mir die Augen. „So und jetzt bring ich dich auf dein Zimmer.“ „Nein, das tust du nicht.“ Ich nehme das Tuch herunter und bitte sie nun zu fahren. Sie ist eingeschnappt und dreht sich weg. Sie fährt ab, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Am nächsten Tag meldet sie sich nicht. Auch am übernächsten nicht. Aber ich hab auch sehr viel zu tun. Wegen des Bürgermeister-Amtes muss ich noch nach Mailand, da der Umbau dort abgesegnet werden muss. Schon mal in Mailand, sehe ich mal nach der Wohnung. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Beim Verwalter der Wohnung sehe ich noch kurz vorbei. „Ein sehr netter Mieter, macht keinerlei Probleme.“ „Gut so, dann bis bald.“ Auf dem Rückweg meldet sich Barbara, sie hat nun alles einem Anwaltsbüro übergeben. Es ist ein Rechtsanwalt, er wird sich auch gleich um die ausstehende Miete kümmern. „Ich komme dann direkt zu dir, wenn es dir recht ist.“ „Sag mir, wann dein Zug ankommt, ich hole dich ab.“ „Ich komme mit dem Wagen, ich hab mir einen gebrauchten BMW gekauft.“ „Fahr bitte langsam und vorsichtig.“ „Ich sende dir noch eine SMS wegen des Hotels.“ „Alles klar, rufe einfach durch, wenn es soweit ist.“ Für morgen hatte ich den Ausflug nach Brixen eingeplant. In Brixen bin ich einfach daheim. Da grüßen mich die Anwohner und meine Geschäfte hab ich auch schon seit Jahren. Ich setze mich in ein Café am Marktplatz und trinke meinen geliebten Cappuccino mit einem kleinen Cognac. Immer wieder werde ich begrüßt und wenn es nur ein „Hallo“ ist. Erwin, Chef von den Bergsteigern, kommt vorbei und berichtet über die neue Hütte, die sie gerade aufbauen. „Mit deinem Grundstück, hast du uns ein schönes Geschenk gemacht.“ „Das freut mich. Ich werde euch mal besuchen kommen, wenn ihr fertig seid. Dann könnt ihr mir ein Bier ausgeben.“ „Aber sicher, dass machen wir gerne.“


293 „Habt ihr schon einen Namen für die Hütte?“ „Wir wollen gerne Irmis Namen mit hinein bringen, aber Genaues wissen wir noch nicht.“ „Es wird euch schon was einfallen.“ Er klopft mir noch auf die Schulter und zieht weiter. Ich muss mich beeilen, denn Anneliese hat ein Mittagessen vorbereitet. Ich besorge noch einen schönen Blumenstrauß und mach mich auf den Weg. Sie kommt mir schon mit offenen Armen entgegen. „Du hättest mir aber keine Blumen mitbringen müssen.“ Wir drücken uns fest und umarmen uns. „Du siehst aber erholt aus. Sieh mal, da hab ich die Papiere für die Ausschreibung.“ „Vielen Dank, ich setz mich mal in das Wohnzimmer und sehe mir die Papiere an. Das scheint diesmal aber ein größeres Projekt zu werden, was ich hier erkennen kann. Ich werde gleich mal zum Bürgermeister gehen und mit ihm einen Plausch halten. Damit ich wenigstens die Richtung kenne, die er sich vorstellt. Vor allem, wie viel Geld zur Verfügung steht.“ „Mach dass, dann kannst du gleich beim Metzger vorbei schauen und die Filets holen für euch beiden. Wenn ihr wollt, grillen wir heute Abend.“ „Dann bringe ich aber noch zusätzlich Bier mit.“ „Kannst du gerne machen.“ „Wann ist das Essen soweit? Nicht das ich mich verratsche.“ „Du hast noch gut eine Stunde Zeit.“ „Okay, ich gehe mal rüber zum Amt“. Eine neue Vorzimmerdame hat sich der Herr Bürgermeister zugelegt. Ich stelle mich vor, „Sie können einfach durchgehen, er hat gerade Zeit.“ „Hallo, wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“ „Hast du die Ausschreibung erhalten?“ „Ja, ich habe mich sogar schon mal daran gesetzt. Sag mal, wie viel wollt ihr denn ausgeben?“ „Da wir einen Zuschuss bekommen, kann es etwas teurer sein.“ Ich mache gleich mal einige Skizzen. „Meinst du vielleicht in dieser Art?“ „Nein, nicht so Rustiko. Ich dachte mehr an einen modernen Anbau, als richtigen Kontrast zum Bestehenden. Mit Tiefgarage unter dem gesamten Platz.“ Ich mache ihm einige neue Skizzen. „So vielleicht in dieser Art?“ „Ja, du findest immer gleich den richtigen Weg. Geh mal mehr ins Detail, und bringe mir die Entwürfe bis


294 morgen früh. Wir haben morgen nämlich die Vorentscheidung. Aber du weißt ja, die Gemeinde gibt ja sowieso alles dir. Du bist ja schon unser Hofarchitekt. Geht das noch bis morgen früh um zehn?“ „Klar, mach es in Ruhe, damit es perfekt wird.“ „Also, Servus und vielen Dank.“ Ich komme gerade noch rechtzeitig, Anneliese hat den Tisch schon gedeckt. „Wo bleibst du denn? Setz dich und nimm dir vom Wein.“ „Zuerst bitte Wasser.“ „Ist auch da, hol dir eines aus dem Kühlschrank.“ „Du hast dir ja wieder eine Arbeit gemacht.“ „Es soll dir doch schmecken, du hast sowieso abgenommen.“ Wir sitzen fast drei Stunden beim Essen, wir kommen von einem Thema zum Nächsten. Anneliese will natürlich über Barbara einiges wissen. „Sybille, hast du ja auch noch. Wie blickst du denn da noch durch? Pass auf, dass du die Namen nicht verwechselst. Übrigens, Gerhard dein Mieter passt auf den Fiat auf, wie ein Schießhund. Letztes Wochenende hat er ihn aufpoliert.“ „Fühlt er sich wohl?“ „Ja, er war schon einige Male auf einen Wein hier.“ „Ihr versteht euch wohl recht gut?“ „Ja, er hilft auch mal beim Einkaufen, wenn ich mal nicht den Wagen hier habe.“ „Wie geht es deinem Göttergatten?“ „Er ist gerade in Mailand bei einer Untersuchung. Die Arme haben in letzter Zeit recht geschmerzt. Hoffentlich können sie ihm helfen. Unser Neffe hat ihn hingefahren.“ „Hat der jetzt auch schon den Führerschein? Die Zeit vergeht. Wann kommen sie zurück?“ „Erst Anfang der Woche, sie machen noch einen Ausflug nach Venedig und Ravenna. Da wirst du schon wieder weiter sein.“ „Ich schätze mal, in zwei Tagen hab ich eine Antwort.“ „Wenn du den Auftrag bekommst, wirst du deine Wohnung wieder brauchen.“ „Nein, ich nehme lieber dein Gästezimmer. Natürlich nur, wenn du es mir vermietest.“


295 „Wie könnte ich bei dir nein sagen. Du weißt ich freue mich immer wenn du uns besuchst.“ „Ich mache mir da wirklich keinen Stress. Ich muss mich noch ein wenig zum Arbeiten zurückziehen.“ „Mach dass, ich mach jetzt sowieso erstmal Siesta.“ Nachdem sich Anneliese zurückgezogen hat, mache ich mich im Wohnzimmer breit. Meine Zeichenunterlagen und mein Papier liegen schon nach kurzer Zeit überall im Wohnzimmer umher. Ich merke gar nicht wie die Zeit vergeht. Anneliese steht im Türrahmen und fragt, ob ich nicht auch mit ihr einen Kaffee trinken wolle? „Liebend gerne, da kann ich nicht nein sagen.“ Sie lässt sich meine Zeichnungen zeigen und erklären. „Du bist eine Bürgerin, deine Meinung ist wichtig. Außerdem sitzt du im Gemeinderat.“ „Sag mal, hättest du nicht mal Lust auf die Alm zu spazieren?“ „Du meinst wegen der Erinnerungen? Jetzt mach ich aber noch die Entwürfe fertig, damit ich sie dem Bürgermeister morgen präsentieren kann.“ Noch gute zwei Stunden sitze ich daran und gehe schon mal ins Detail. Alles in eine ordentliche Mappe, so kann ich es abgeben. Den Abend verbringe ich mit Anneliese auf der Veranda. Wir sprechen viel über die alten Zeiten. Als uns die Mücken beginnen aufzufressen, gehen wir hinein. „Lass uns schlafen gehen.“ Durch das konzentrierte Arbeiten bin ich einfach müde. „Also bis morgen früh und vielen Dank für das schöne Abendessen.“ Bei offenem Fenster schlafe ich wie ein Bär. Schon früh beginne ich meine Zeichnungen noch mal zu überdenken und frage mich, ob ich alles richtig gemacht habe. Nach dem Frühstück, Anneliese ist bereits beim Gemeinderatstreffen, gehe ich auch hin und gebe meine Mappe ab. Ich werde aber gleich hereingebeten. „Hier kannst du gleich sehen, was deine Kollegen abgegeben haben.“ „Ach, schau mal, dass ist eine ähnliche Idee, wie die meine. Vielleicht sollte ich mit diesem Kollegen kooperieren.“ „Wenn du das tätest, dann wäre alles entschieden. Dann bekommt ihr beide den Auftrag.“ „Ich arbeite gerne in einem Team. Außerdem hat es Vorteile, wenn ich mal nicht da bin, so kann der Kollege für mich einspringen. Ich bin sicher, wir werden ein gutes Team sein.“ Anneliese sitzt vor dem Haus und schneidet an ihren Rosen.


296 „Na, freust du dich?“ „Ja, riesig. Ich habe auch schon mit dem Kollegen gesprochen. Wir haben morgen ein Arbeitstreffen.“ „Da wirst du ja wieder viel in deiner zweiten Heimat sein.“ „Sie lässt dich nicht los. Der Gardasee ist ja auch nicht weit weg, er gehört noch zum Randgebiet.“ „Wirst du Gerhard nun kündigen?“ „Nein auf keinen Fall, lieber such ich mir was Neues. Er hat mir viel zu viel geholfen. Außerdem erinnert mich das Anwesen zu sehr an Irmi. Nein, dass ist sicher, er darf dort für die nächsten Jahre wohnen bleiben.“ „Ich kenne etwas, das würde ich dir gerne zeigen.“ Wir spazieren um eine Ecke und stehen vor einem etwas renovierungsbedürftigen Haus. „Bitte, es würde mich freuen, wenn du mein Nachbar wärest.“ Die Idee gefällt mir sehr, wieder eine Bleibe hier zu haben. Vor allem, da sich ja Anneliese darum kümmern würde. „Sag mal, was würde denn deine Betreuung so monatlich verschlingen?“ „Ich kann es dir leider nicht umsonst machen, du weißt ja, ich bin die Alleinverdienerin.“ „Also bitte, das würde ich nicht annehmen. Sag, was du einfach bekommst. Wenn du mit zweihundertfünfzig einverstanden wärst?“ „Ja klar.“ „Kommst du damit auch wirklich klar?“ „Doch, das ist schon okay. Das Frühstück aber extra. Wenn ich es an dein Bett bringen soll, dann wird es teuer.“ Wir machen noch einige böse Witze. Doch ich bin mir sicher, dass ich es mache. Der nächste Tag wird alles entscheiden. Mein Banker begrüßt mich wie immer mit einem großen Hallo. „Na, was kann ich für dich tun?“ Ich schildere ihm mein Vorhaben. „Ja, du weißt ja, am Geld wird es nicht liegen, du musst da schon selber durch. Du bist dann halt direkter Nachbar von Anneliese.“ „Warum nicht?“ „Sie schwärmt immer von dir.“ „Das tun auch andere.“


297 „Wenn du dass so siehst, dann schlag zu. Kauf dir diese Hütte.Wie viel glaubst du denn, wirst du für den Umbau brauchen?“ „Bestimmt noch mal so viel.“ „Damit wirst du nicht auskommen. Das ist eine Komplet-Sanierung.“ „Die Lage ist natürlich einmalig, mit dem Blick in das Tal.“ „Im Winter musst du natürlich viel Schneeräumen.“ „Okay, mach es, mach die Papiere für den Notar fertig, im schlimmsten Fall verkaufe ich Mailand.“ „Wegen der Steuer werde ich etwas von dir brauchen.“ „Wie hoch wird der Kredit denn sein, den ich beantragen soll?“ „Nimm doch einfach eine Hypothek auf, dann kannst du immer noch nein sagen, wenn du es nicht brauchst.“ „Mach den Notar-Termin bitte für Montag.“ „Du kannst dich auf mich verlassen.“ „Servus!“ Anneliese ist wie von den Socken, als sie erfährt, dass ich es kaufe. „Du wirst mir doch nicht die ganze Arbeit aufhalsen.“ „Aber sicher doch. Ich werde dann immer am Wochenende kommen und meckern.“ „Sei vorsichtig, ich kann auch mal meine Zähne zeigen.“ „Irmi, hat mir übrigens ein Geheimnis von dir verraten.“ „Das währe?“ „Dass du es magst, wenn sie dir die Augen verbindet.“ „So ein Biest.“ „Stimmt es?“ „Wenn du es für dich behältst. Ja.“ „Kannst du dich eigentlich noch an den Heuschober erinnern?“ „Was meinst du?“ „Du wirst es doch nicht vergessen haben?“ „Die lange Skitour, wo wir so fix und fertig waren.“ „Du meinst doch nicht etwa unsere Nacht vor zwanzig Jahren?“ „Du Scheusal, du hast es vergessen.“ „Du hast mich verführt. Ich wusste doch gar nicht, wie mir geschieht.“ „Du spinnst wohl, du bist auf mich zu, hast mich an den Balken gedrückt, hast gemeint, ob wir es mal versuchen?“


298 „Hab ich das?“ „Ja klar.“ „Aber es war wunderbar. Du hast mir übrigens die Augen verbunden, dass kommt mir erst jetzt.“ „Sag jetzt bloß nicht, du wusstest ja nicht wer ich bin.“ „Wie sollte ich. Ich hab doch nichts gesehen. Komm, lass dich umarmen.“ „Du warst übrigens richtig süß damals, ich hatte dass Gefühl, als müsste ich dir helfen.“ „Na, hör mal, woher sollte ich denn die Übung haben. Ich bin doch ein ganz Braver.“ „Was sich sicher geändert hat.“ „Wie alt ist eigentlich dein Sohn?“ „Zwanzig, wie du sicher weißt.“ „Ist er…?“ „Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen. Lassen wir das Thema bitte.“ Ich beginne zu grübeln. Rechne nach. „Das lässt dich jetzt nicht in Ruhe? Stimmts?“ „Na ja, wenn du nicht darüber reden willst.“ „Ich war damals aber schon mit ihm zusammen, soll ich jetzt hingehen und einen Vaterschaftstest machen?“ „Nein, er ist doch ein toller Vater.“ „Jetzt hab ich dir aber einen großen Schrecken eingejagt.“ „Stimmt, aber einen Sohn zu haben, eigentlich ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke.“ „Du meinst so einfach die ganze Zeit überspringen. Da ist er, oder so.“ „Nein, das geht nicht. Sieht er mir den irgendwie ähnlich?“ „Er hat dein Grübchen. Sonst gibt es keine Ähnlichkeit. Er trägt gerne ein Tuch um den Hals.“ „Aha. Aber das war es dann schon.“ „Ich bin der Meinung, es ist genug darüber gesprochen worden. Wir sollten die Sache nun ruhen lassen.“ „Aber ich wollte…“ Anneliese bringt ein Bier und auf einem Teller einen Wurstsalat. „Der ist zwar noch von gestern übrig geblieben, aber es wird dich stärken.“ „Dafür darfst du dir ein Bussi abholen.“


299 Auf dem Kaminsims stehen Familienfotos. Ich sehe mir den Sohn sehr genau an. Anneliese merkt dies und meint, „Na zufrieden?“ Ich steuere auf die Badezimmertüre zu. „Soll ich dir ein frisches Hemd bringen?“ „Wenn du noch eines übrig hast, gerne.“ Anneliese kommt mit dem frischen Hemd in das Badezimmer. „Na, tut es gut. Jetzt hole ich mir mein Bussi ab.“ Sie kniet sich zur Wanne herunter und nimmt meinen Kopf in die Hand. Sie küsst mich richtig herzhaft. „Ich würde dir jetzt gerne die Augen verbinden.“ „Dann tue es.“ Sie geht hinaus und kommt mit einem weichen Tuch zurück. Legt es zusammen und bindet es mir über die Augen. „Gut so?“ „Traumhaft.“ Ich höre es rascheln und schon steigt sie in die Wanne. Wow, damit hätte ich nicht gerechnet. „Was im Heu geht, geht auch in der Wanne.“ So Leidenschaftlich hatte ich sie nicht mehr in Erinnerung. Das Wasser geht heftig über den Wannenrand hinaus. Sie drückt mich unter Wasser und umgekehrt. Anschließend wickeln wir uns in Handtücher und gehen zu Bett. „Hab ich dich jetzt überrumpelt?“ „Ich hoffe… aber es war wunderbar. Das kannst du ruhig öfter machen.“ Wir schlafen mit einander ein. Das Abendessen haben wir völlig vergessen. Am nächsten Morgen richte ich alles für den Notartermin. „Anneliese, ich will, dass du von mir eine Vollmacht bekommst. Nimm bitte deinen Pass für den Notar mit.“ Beim Notar ist bereits alles vorbereitet, die Unterlagen von der Bank liegen ebenfalls vor. In einer halben Stunde ist alles vorbei. „Jetzt gehen wir aber zur Feier des Tages gut essen.“ Anneliese sieht mich verliebt an. „Ich mag dich.“ „Aber du hast einen Mann und einen erwachsenen Sohn.“ „Na und. Wo siehst du das Problem. Du wirst doch ein Geheimnis für dich behalten können. Wann fängst du mit den Umbauarbeiten an?“ „Morgen muss ich unbedingt wieder nach Riva. Vielleicht gibt es ja schon eine Baugenehmigung.“ „Du willst ja nur zu Sybille.“ „Bitte, lass uns jetzt nicht streiten. Ich muss doch an meine Arbeit denken.“ Am Abend ist Anneliese sehr nachdenklich und ruhig. „Was ist, sag was ist los?“ „Ach lass mal, ich hab ein bisschen Katzenjammer. Jetzt fährst du wieder weg, wer weiß wann du wiederkommst?“


300 „Wir bauen doch hier gemeinsam ein Haus, ich komme sicher schon in wenigen Tagen wieder.“ „Meinst du?“ Am nächsten Morgen ist es soweit, ich muss aufbrechen. Anneliese bringt mich noch zum Wagen. Nimmt mich in den Arm. „Bis bald. Nimm das mit.“ „Was ist das?“ „Ich habe es getrocknet. Es ist die Erinnerung aus der Badewanne.“ Sie reicht mir eine kleine Tüte. Ich sehe hinein, ein Brief und das Tuch. Ich gebe beides in das Handschuhfach. Ich öffne das Dach und gleite gedankenversunken dahin, bis mich ein Raser anhupt. Ich bin wohl zu weit nach links gekommen. Mein Autotelefon läutet, Anneliese. „Wo bist du denn schon?“ „Ich freue mich schon, wenn du zurückkommst.“ „Ich freue mich auch schon wieder auf Brixen.“ Sie legt auf. Hoffentlich hab ich da keinen Fehler gemacht. Ich komme mehr und mehr ins Grübeln. Sie ist fast zehn Jahre älter. Hat aber ohne Frage enorme Reize. Vielleicht haben wir ja sogar einen gemeinsamen Sohn. Ich biege zu einer Raststätte ab. Ich brauche jetzt erstmal einen Cappuccino. Noch eine Stunde und Sybille steht wieder vor mir, mit all ihren Reizen, in Chiffon gewandet und ihren langen Beinen. Als ich auf den Parkplatz des Bürgermeisteramtes komme, sehe ich ein Pärchen eng umschlungen. Ist das nicht Sybille? Ja sicher, sie dreht sich um und sieht mich kommen. Etwas verlegen, druckst sie herum. „Es ist ein Bekannter aus der Disco.“ „Du musst mir nichts erklären. Ich hoffe er ist nett.“ „Ja, sicher, ich glaube ich hab mich verliebt.“ „Da gratuliere ich dir. Was hat er denn für einen Beruf?“ „Er muss nicht arbeiten, sein Vermögen ist nicht kaputt zu kriegen.“ „Na Gott sei Dank, da hast du ja dann den Richtigen.“ Mir fällt ein Stein vom Herzen, das hätte sich erledigt. Der Bürgermeister empfängt mich mit offenen Armen. „Es kann losgehen, die Grünen haben zugestimmt. Es steht nichts mehr im Wege.“


301 „Na dann legen wir mal los.“ Wir legen einen Zeitplan fest und wollen uns in einer Woche schon treffen, um die Innenausstattung zu bestimmen. Ich bin voll im Stress. So gefällt mir das. Die Baufirma muss mit ihrem Angebot noch etwas runter, aber sonst stimmt alles. Die Fassade wird eine deutsche Firma erstellen. Wir kommen zügig voran. Mein kleines Zimmer im Hotel, habe ich gegen ein größeres getauscht, da ich ja auch dort arbeiten will. Wir stecken bereits das Grundstück ab, als plötzlich ein „Hallo“ von hinten ertönt. „Barbara, was machst du denn hier?“ „Ich habe mit Gerhard telefoniert und der hat mir von deinem Auftrag hier erzählt. Da hab ich mich in meinen Wagen geworfen und bin halt hergefahren. Ich hoffe ich störe dich nicht?“ „Nein, überhaupt nicht.“ Ich nehme sie in die Arme. „Das ist wohl Barbara“, ertönt es aus einem Wagen heraus. Wir sehen uns um und ich sehe Sybille mit ihrem neuen Lover. Wir winken ihr zu. „Sybille hat sich verliebt“ erkläre ich Barbara. „Da hab ich dann wohl eine Konkurrenz weniger.“ „Sieht so aus.“ Ich erkläre Barbara die Baustelle, soweit das überhaupt möglich ist. „Da wirst du ja die nächste Zeit ziemlich festhängen.“ „Ja, aber ich hänge hier gerne. Ich mag die Gegend, den See und das Klima. Wenn du willst, können wir mit dem Boot mal raus.“ „Ich hab einen riesigen Hunger, hast du auch schon Appetit?“ „Komm lass uns zum See gehen und eine Pizza essen.“ Das Lokal ist gut besucht und wir finden nur schwierig einen freien Platz. Da mich aber der Ober kennt, winkt er mich mit Barbara zu einem etwas abgelegenen Tisch. „Zuerst zur Feier des Tages eine Flasche Prosecco.“ Wir stoßen an und ich freue mich wirklich, Barbara bei mir zu haben. Hinter einem großen Busch sitzen Geschäftsleute und ich bekomme einige Wortfetzen mit. Es geht um Erbe und ein riesen Berg Schulden und das jetzt bald Geld fließen müsse. Ich versuche die Leute zu erkennen. Die Stimmen kommen mir aber bekannt vor. Einer der Herren steht auf, es ist Sybilles Vater. Ich rutsche mit meinem Stuhl etwas zurück, damit er mich nicht sieht. Als er zurückkommt, versuche ich mehr zu hören. Inzwischen hat die andere Person mit dem Handy telefoniert. Sybilles Vater hat wohl Geldprobleme. Der fremde Herr stellt ihm ein Ultimatum. „Wenigstens zwei Millionen, sonst geht gar nichts mehr“. Die Herren stehen auf und gehen auseinander. Das war interessant. Der Ober bringt die Vorspeise. Ich versuche Barbara den Sachverhalt zu erklären.


302 Meine Kündigung beim Hotelauftrag und dass mein Freund als Direktor geht. Nach dem Essen schlendern wir noch am See entlang und überlegen, wie wir in Zukunft wohnen wollen. „Zusammen“, meint Barbara, „oder nicht?“ „Natürlich zusammen!“ Wir fahren getrennt in das Hotel, da sie ihren Wagen nicht stehen lassen will. Da fällt mir wieder die kleine Tüte ein. Die muss ich aus dem Wagen nehmen, ich hab ja noch nicht einmal den Brief von Anneliese gelesen. In der Tiefgarage hält Barbara direkt neben mir, so kann ich die Tüte nicht aus dem Wagen nehmen. Ich verschiebe es auf eine andere Gelegenheit. An der Rezeption frage ich nach einem Zimmer mit Verbindungstüre. Ja, das geht, aber ich müsse nochmal umziehen. Das macht das Personal, ich müsse mich um nichts kümmern. Barbara geht in das Badezimmer, um sich eine Wanne einzulassen. Ich gehe nochmal in die Garage, um das Kuvert zu holen. Das Tuch entnehme ich der Tasche, rieche daran, es riecht traumhaft gut, als wäre Anneliese hier. Ich lasse es im Handschuhfach. Den Brief nehme ich mit nach oben. Barbara plätschert noch in der Wanne, so beginne ich zu lesen. Sie schreibt von unserer gemeinsamen schönen Zeit von früher und wie schön es gestern war. Sie hätte nie aufgehört mich zu lieben, auch wenn sie wüsste, dass schon wegen des Altersunterschiedes keine Chance bestehen könne. Ja, da hat sie sicher Recht. Aber ich mag sie ja auch, aber mit ihr leben, den Gedanken verwerfe ich sofort. Ich werfe den Brief weg, ich will nicht, dass ihn Barbara findet. Barbara kommt aus dem Bad, in ein großes Handtuch gewickelt. Die Haare hat sie ebenfalls in ein Handtuch gewickelt. „Du schaust aber gut aus, kommt es ganz spontan von mir.“ „Gefalle ich dir?“ „Das weißt du doch“. Wir werden aus unserer gegenseitigen Bewunderung gerissen, als mein Handy läutet. Mein Freund, der Hoteldirektor. „Na, mein Guter, was kann ich für dich tun?“ „Stell dir vor, Sybilles Vater ist pleite. Er hat seine Hotelanteile vor einer Stunde zum Verkauf angeboten.“ „Was ist passiert?“ „Sie haben in Deutschland eine Steuerprüfung gehabt.“ „Scheiße, da tut er mir aber leid.“ „Mir nicht, der wollte mich doch rausschmeißen.“


303 „Wer kauft die Anteile?“ „Wahrscheinlich die Gemeinde, denn die haben ja schon den Hauptanteil.“ „Für das Hotel sicher positiv. Wird es noch einen Umbau geben?“ „Ja, dann natürlich. Aber ohne seine Tochter. Dann kannst du dich ja wieder bewerben.“ Ich mach doch schon den Umbau für die Gemeinde, was soll ich denn noch alles machen. In Brixen hab ich ja Gott sei Dank einen Partner der mir viel abnimmt. „Komm doch in die Bar, so ab elf, dann hab ich Zeit.“ „Barbara ist hier, da wird wohl nichts draus.“ „Na dann machen wir das eben morgen.“ Barbara lockt aus dem Schlafzimmer, sie hat sich dekorativ auf das Bett gelegt. „Hier braucht dich jemand, tönt es laut und deutlich!“ Als ich in das Schlafzimmer komme, liegt sie mit verbunden Augen auf dem Bett, die Beine gespreizt. „Nimm mich, lass dich nicht länger bitten.“ Ich ziehe mich aus und beginne sie zu streicheln und zu lecken. Sie begleitet dies mit lüsternen Geräuschen. Es ist eine wunderbare Nacht. Die Balkontüre ist offen und der Duft der Blumen und des Sees kommen in das Zimmer. Die Sterne sind so klar, wie schon lange nicht mehr. „Ich hatte so Sehnsucht nach dir, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten“. Ich hole noch eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank. „Prost, auf dein Wiederkommen.“ Wir streicheln uns gegenseitig. Am nächsten Morgen kommen wir nicht aus dem Bett. „Komm lass uns doch das Frühstück auf das Zimmer kommen.“ Ich stelle den kleinen Tisch auf den Balkon und da kommt auch schon das Frühstück. Barbara duscht gerade als der Ober kommt und hat vergessen die Badezimmertüre zu schließen. Der junge Kellner bekommt einen roten Kopf und wendet sich demonstrativ ab. Die Morgensonne blinzelt bereits auf unseren Balkon und der leichte Nebel über dem See verzieht sich. „Wie stellst du dir denn dein Leben zukünftig vor?“, will ich von Barbara wissen. „Ich wollte dich fragen, ob ich nicht deine Assistentin werden kann. Ich mache dann die Botengänge und so.“ „Aber du kannst ja noch kein Italienisch?“ „Ich werde mich sofort in einen Kurs einschreibe.“ „Gut, die meisten Südtiroler können ja auch Deutsch.“


304 Das mit den Botengängen gefällt mir tatsächlich. Sie könnte mir schon einiges abnehmen. Mit der Zeit wird sie immer mehr lernen. So dass sie vielleicht auch bei den Zeichnungen helfen kann. Ich hole ein Blatt Papier und einen Zeichenstift. „So, jetzt mach mal eine Skizze von dieser Aussicht.“ „Du meinst den See und so?“ „Genau, versuch es mal.“ Sie drückt vielleicht noch etwas zu fest auf, aber sie hat einen guten Strich. „Lass mich gleich noch eines machen.“ Sie hört gar nicht mehr auf. Im Nu, hat sie drei vier Zeichnungen fertig. Sie ist recht begabt. „Prima“. „Es gibt in Riva eine Zeichen- und Malschule, da wirst du dich einschreiben.“ „Au fein, das mach ich sofort!“ „Wir müssen sowieso später nach Riva. Beim Abstecken des Grundstücks brauch ich sowieso einen Helfer, da kannst du gleich etwas lernen. Du bist dann halt der Lehrling.“ „Da brauch ich aber eine Schiebermütze.“ „Du kannst dir auch ein Kopftuch umbinden.“ „Das würde dir wohl besser gefallen.“ „Komm machen wir uns fertig, damit wir keine Zeit verlieren.“ In Riva einen Parkplatz zu finden, ist wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen. Zum Schluss fahre ich auf den Hotelparkplatz. Als wir aussteigen winkt Sybille herüber, sie steht im Eingang mit einigen Koffern. Ich stelle sie Barbara vor. Ein etwas verhuschtes Lächeln geht über ihr Gesicht. „Hallo freut mich, leider können wir nun nicht zum Essen gehen, da ich gerade mit meinem Daddy abreise. Wir müssen dringend wegen einigen Arbeiten nach Düsseldorf.“ Sie verstauen alles im Kofferraum des kleinen Peugeot und düsen davon. Na, die haben es aber eilig. Mein Freund kommt heraus, „die sind wir los.“ „Also, sag mir einfach Bescheid, wenn sich was wegen des Anbaus tut.“ „Jetzt liegt alles beim Bürgermeister, die Gemeinde hat den größten Anteil am Hotel.“ Barbara versucht einen guten Lehrling abzugeben. Sie trägt die Arbeitstasche und ein sehr professionelles Messband. Sie hat sich einen weißen Plastikhelm herausgesucht und aufgesetzt. So wie es auf einer Baustelle üblich ist. Die Arbeiter haben ihren Spaß dabei und finden sie natürlich wunderschön. Einige pfeifen ihr nach. Andere


305 helfen beim Herumsteigen auf den Brettern. Sie ist die Augenweide auf der Baustelle. Nach gut zwei Stunden ist alles erledigt. „Na, wie war ich?“ „Super, ich muss ja aufpassen, dass die Leute dich nicht für die Architektin halten. Dann wäre ich der Lehrling. Mach weiter so, wenn du die Zeichenklasse besuchst, wirst du mehr Freude an dieser Arbeit haben. Irgendwann wirst du dann dein eigenes Objekt in Angriff nehmen.“ Ich erzähle von dem Häuschen in Brixen, was ich erworben habe. „Übermorgen werden wir kurz rüberfahren, dann kannst du es beurteilen. Lass uns jetzt an den Hafen gehen, einen Drink nehmen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir morgen früh ein Treffen mit dem Gemeinderat haben. Es geht wohl um den Anbau des Hotels. „Kann ich mal sehen, was du schon alles zusammen getragen hast?“ „Ja klar, im Hotel gibt es ein Zimmer, da liegen die Muster.“ „Können wir da mal schnell hinschauen?“ „Ich frag mal, ob der Raum frei ist?“ Der Bursche an der Rezeption gibt uns den Schlüssel, zum Lagerraum, „aber bringen sie ihn gleich wieder zurück, nicht dass er verloren geht.“ „Sieh mal, hier haben wir die Marmormuster und hier die Fliesen für die Bäder und Duschräume. Dazu eventuell die Vorhänge.“ Wenn wir grünes Licht bekommen, können wir am nächsten Tag loslegen. Im Computer sind schon die ersten Räume visuell in 3 D enthalten. Da kannst du die Türe öffnen und durchgehen. Wir haben die Materialien eingescannt. Man kann sie auch tauschen, du brauchst nur auf das richtige Programm klicken.“ „Toll, was es alles gibt. Hast du einen Stick?“ „Dann können wir uns das mal in deinem Computer ansehen. Wir brauchen uns das nur runterladen.“ „Ja, ich hab alles, du wirst deinen Drink schon noch rechtzeitig bekommen.“ Inzwischen ist das Café am Hafen schon ziemlich gefüllt. Na ja um diese Zeit, kein Wunder, da machen alle Pause. „Sollen wir nicht gleich was essen?“ „Mir egal, aber nur eine Kleinigkeit.“ „Ich hätte jetzt Lust auf eine Lasagne.“ „Okay, dann nehme ich auch eine.“ „Etwas zu trinken, außer Wasser?“


306 „Aber bitte nur einen Gespritzten.“ Barbara macht mich auf eine Wetterfront aufmerksam. „Sieh mal, da kommt etwas auf uns zu. Wir gehen wohl besser in das Lokal.“ Die Wolken sausen, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Dann die ersten großen Regentropfen. Immer wieder werfen wir einen Blick auf den See. Es schüttet aus allen Kübeln. Im Hotel stehen sie schon mit Handtüchern bereit. „Jetzt machen wir Tee für alle.“ „Hättet ihr auch einen leckeren Früchtekuchen mit Sahne?“ „Na, da schauen sie mal in die Kuchen-Vitrine.“ „Wir ziehen uns nur kurz um.“ Barbara geht von der Dusche direkt ins Bett. „Ich muss jetzt nur noch schlafen. Geh nur und esse deinen geliebten Kuchen.“ Ich wickle sie fest ein, noch ein Tuch über die Augen und dann schläft sie auch schon fast ein. Als ich in die Lobby komme, sind schon einige Herrschaften zusammen. Alle erzählen, wie sie der Sturm erwischt hat. Jeder hat eine andere Variante. Wir prosten uns zu. Ist schon interessant, wie so ein Sturm plötzlich Freundschaften schließen lässt. Das ganze Hotel scheint ein einziger Verein zu sein. Plötzlich sind alle per „DU“ und man umarmt sich. Noch ein paar Grog und wir liegen auf dem Boden. Nach zwei Stunden empfehle ich mich, ich muss doch mal sehen, was Barbara macht. Als ich in das Zimmer komme, höre ich tiefes Schnarchen. Ich schleiche mich vorsichtig an sie heran, um zu sehen, ob sie vielleicht Fieber hat. Da zieht sie mich ins Bett. „Komm lass uns üben.“ „Auweia, du musst aber starkes Fieber haben.“ „Sehr starkes, komm und kühl mich ab.“ Ob mir das gelingt, mit dem vielen Grog? „Man soll keine Kinder machen, mit zuviel Alkohol im Blut.“ „Wer sagt denn das?“ Sie gibt nicht auf. Dann liege ich doch neben ihr. Sie war schon nackt. Nur noch das Tuch. Sie ist mächtig scharf, wirft sich auf mich, drückt meine Arme runter und meint, „Jetzt gehörst du mir.“ Sind das Fieberträume, dann muss ich sehr vorsichtig sein. Oder spricht sie aus dem Nirwana. Sei´s drum, sich zu wehren, zwecklos. Ich lasse mich gerne verführen. Als wir am nächsten Morgen aufwachen ist wieder strahlender Sonnenschein. Wir treten auf den Balkon und lächeln uns an.


307 „Meinst du es hat vielleicht schon geklappt?“ „Ich habe auf jeden Fall sehr gut geschlafen.“ Sie trägt immer noch das Tuch, aber jetzt um den Hals. „Ich glaube, du musst erstmal zum Friseur.“ „Schau ich wirklich so schlimm aus? Ich versuche es erstmal selbst. Die Dauerwelle ist ziemlich strapaziert.“ Wir duschen gemeinsam und entschließen uns, erstmal ein Frühstück einzunehmen. „Lass uns doch drüben am Hafen frühstücken. Da ist sicher eine Menge los, da können wir noch zuschauen.“ Es herrscht reges Treiben, aus manchen Boten muss noch Wasser geschöpft werden, bei anderen wiederum ist die Persenning gerissen. Jeder hat alle Hände voll zu tun. Wir setzen uns in ein kleines Café direkt an der Kaimauer und sehen zu. Barbara möchte gerne mal in den Schuhladen gehen, sie braucht dringend leichte Sommerschuhe. Sie geht alleine, da hat sie mehr Muße, wenn ich dabei bin, fühlt sie sich gedrängt. Ich bestelle mir zum Kaffee noch einen Cognac. Schnappe mir die Tageszeitung und genieße die Sonnenstrahlen. Ich sehe Barbara noch lange nach, bewundere ihren Hüftschwung. Sie überquert die Hauptstraße und verschwindet in einem Geschäft. Sie ist nicht nur sehr hübsch, sondern ich habe das Gefühl, es könnte tatsächlich für immer sein. Ich habe die ewige Rennerei satt. Ein schönes Heim, ein paar Kinder und natürlich immer gute Aufträge. Das Leben könnte so einfach sein. Was spricht eigentlich dagegen?

ENDE Alle Rechte bei Michael Voss

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