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 MINDSTYLE  MAGAZINE  

SCHÖN

TRIP Girl Shirley Ibiapino suchte in den Inkaruinen Perus nach Neuorientierung

SCHO NUNGS LOS

SCHARF

Das elektrisierende Bild eines kalifornischen Sommers im Rauschzustand

Bangladesch und der Kampf gegen die größte Massenvergiftung der Menschheitsgeschichte

EXTREM KONTROVERS Ausgabe 20 4,80 EURO

Österreich 5,50 Euro Schweiz 10 SFR Benelux 5,50 Euro Italien/Spanien/Portugal (cont.) 6,50 Euro

NICCOLO PORCELLA ÜBER BIG-WAVE-SURFEN UND DEN SOG DES ADRENALINS

ANTIBIOTIKA ALS ÜBERSCHÄTZTE ALLHEILMITTEL UND WAS DIE MENSCHEN VON PFLANZEN LERNEN KÖNNEN


LR


editorial

GEMEINSAM IST DIE NEUGIER G

ut fünf Jahre ist TRIP Deutschland jetzt alt und die bisher erschienenen 20 Hefte waren stets geprägt von dem Willen, ungewöhnlichen Geschichten und besonderen Fotos den passenden Rahmen zu geben. Nicht der gefällige, politisch korrekte Mainstream interessierte, sondern Themen mit Ecken und Kanten, geschrieben von Journalisten, die als unermüdliche Weltenbummler nach Querköpfen und Begebenheiten suchten, welche sonst eher selten Platz finden in der oft glattgespülten Medienwelt. Interessant schien das, was unter der Oberfläche gärt. Fotografen wie etwa Autumn Sonnichsen, Julie Glassberg, Javier Arcenillas oder Claudia Diaz lieferten Einblicke in verborgen gebliebene Welten, schräg, kontrovers, selten bequem, aber immer mit viel Gefühl und Leidenschaft inszeniert. Bekannte Autoren wie Andreas Altmann, Martin Häusler oder Peter Zingler publizierten in TRIP Stücke, die gefüllt waren von der Poesie des Lebens und der Meinungsfreude. Immer wieder gelang es ihnen, uns das Schicksal außergewöhnlicher Menschen näherzubringen.

Dadurch ist eine großartige, treue Community an Lesern und Kontributoren entstanden, die keine Scheuklappen kennt und Reibungsflächen liebt. Ob Street Art, Tattoos, Boardsport, ferne Länder, politischer Mut oder schräge architektonische Visionen – vieles, was manche als randständig wahrnehmen, bekam in TRIP seinen gebührenden Platz. Allen gemeinsam ist die Neugier, die Sehnsucht nach weiterführender Erfahrung – und sei es im leidenschaftlichen Diskurs über Naturschutz, Rockmusik oder die Höhen und Tiefen des modernen Liebeslebens. Ab dieser Ausgabe übernimmt Florian Spieth das redaktionelle Ruder, ein ausgezeichneter Journalist und leidenschaftlicher Kitesurfer, ein Mann, der ferne Abenteuer genauso liebt wie hintergründige Gespräche mit überraschenden Zeitgenossen. An seiner Seite ein ebenso kleines wie großartiges Team von Journalisten, Lektoren, Grafikern. Die gemeinsame Mission: Das Profil von TRIP weiter zu schärfen, Kontroversen nicht zu scheuen und ebenso ehrlich wie emotional das „wahre Leben“ zu beschreiben. Diesmal rund um den Schwerpunkt Wasser. Fürwahr ein schönes, passendes Symbol. Alles bleibt im Fluss.

THOMAS GARMS, HERAUSGEBER 3


INHALT THEMENSCHWERPUNKT

WASSER

QUELL DES LEBENS, RAUM FÜR UTOPIEN UND TODBRINGENDE NATURGEWALT

56 SOMMERTRAUM IM RAUSCHZUSTAND

06 IM SOG DES ADRENALINS Niccolo Porcella sucht seinen Kick nur unter Extrembedingungen.

32 TOR ZUR SONNE Die angehende Architektin Shirley träumt vom selbst kreierten Eigenheim: Nachhaltig muss es sein!

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52 SCHWIMMENDE NEUBAUTEN Die Städte der Zukunft liegen auf und unter den Ozeanen.

FOTOS INHALTSSEITE // BEN BERNSCHNEIDER, NICCOLO PORCELLA, ÉRIKA DE FARIA, ATDESIGNOFFICE/CCCC-FHDI, ANDREW BIRAJ, CLAUDIA DIAZ, DANIEL ESSWEIN

Mit „Tales of an American Summer” entführt Ben Bernschneider in eine beklemmende Welt, dominiert von Drogenrausch und Alkoholexzessen.


STORYS AUS SÜDAMERIKA, BANGLADESCH, DEUTSCHLAND, NORDAMERIKA UND VON DEN WELTMEEREN

16 PARADE

42 MIT DEM WASSER KOMMT DER TOD In Bangladesch wird der Lebensspender Wasser immer wieder zur lebensgefährlichen Bedrohung.

> 16 News und Tipps Technik und Lifestyle > 18 Die bessere Wahl Guter Fisch > 20 Gimmicks Edel-Humidor > 22 Spielkram Kunst aus Schuhwerk > 24 Ladys Smelldating > 26 Hören HightechAkustik > 28 Rituale Andere Länder, andere Küsse > 29 Barkeeper Wissenswertes aus der Welt der Spirituosen > 30 A ­ usstattung Glatt & kaschiert

40 JUKEBOX Haare im Gesicht gelten als zutiefst männliches Attribut, ein Fakt, den Plattencover schon seit Jahrzehnten aufgreifen.

72 DER LETZTE SEINER ART Mit dem Defender schickt Land Rover eine Legende in Rente.

80 DER VERZWEIFELTE KRIEG GEGEN DIE KEIME Der Menschheit stehen durch Antibiotikaresistenzen bedrohliche Epidemien bevor. 86 BEVORZUGTE LAGE Luxushotel auf 25 Etagen im Herzen von New York.

90 VON FINNEN UND FLOSSEN Die Schöne und das Biest: Ocean Ramsey hat eine ganz besondere Beziehung zu Haien.

102 CALIFORNIA DREAMING Ein rotzfrecher Kraftprotz mit scharfen Kurven.

106 WEINANBAU AM WATTENMEER Auf Sylt befindet sich der nördlichste „Weinberg” Deutschlands.

113 IMPRESSUM 96 FLEISCHIGES VERGNÜGEN Bei der Kreation angesagter Edelburger werden jegliche Tabus gebrochen.

110 KOLUMNEN

> 110 Nackt auf dem Schaffell Autumn Sonnichsen über Heimatgefühle > 112 Die Kunst, sich unauffällig aufzulösen Thorsten Timm und die Überbleibsel einer alten Schulfreundschaft > 114 Fünf Wahr­ heiten über den weiblichen Orgasmus vorgetragen von Mike Ziegler

TITELFOTO // BEN BERNSCHNEIDER

76 NO SLEEP TILL DORTMUND Grafiker, Rapper und Schmuckdesigner: Markus Kaufhold ist ein kreativer Tausendsassa.

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TEXT FLORIAN SPIETH FOTOS QUINCY DEIN, JIMMI HEPP,

TIM MCKENNA, NICCOLO PORCELLA

DER SPRUNG AUS EINEM FLUGZEUG ODER SURFEN IN MONSTERWELLEN: NICCOLO PORCELLA SUCHT DEN KICK IM EXTREMEN. DAS BEZAHLTE ER KÜRZLICH FAST MIT DEM LEBEN.

IMSOGDES 6


DIE SCHWARZEN SEITEN

Der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind: Wer in der Schulter solcher Ozeanriesen seine Lines zieht, darf weder in Panik geraten noch Fehler machen.

W

enn sich Tausende Tonnen Wasser zu einer Wand mit der Dimension eines vierstöckigen Wohnhauses erheben, um kurz darauf mit unermesslicher Gewalt auf einer Riffplatte aufzuschlagen, bleiben die meisten Surfer am Strand und beobachten das Spektakel aus sicherer Entfernung. Niccolo Porcella tickt da anders. Obwohl der Hawaiianer mit italienischem Pass das extreme Risiko kennt, begibt er sich bei solchen Bedingungen immer wieder in Lebensgefahr, freiwillig und mit einer Passion, die nur wenige Menschen teilen können. Angstfrei ist aber auch er dabei nicht und erst recht nicht kopflos. Wer auf Maui aufwächst, kommt zwangsläufig mit Wellen in Berührung. Um aber zehn Meter hohe Wasserwände mit dem Board abzureiten – dazu braucht es freilich ein bisschen mehr als eine Meldebescheinigung auf den Aloha-Inseln. Das gesamte Jahr über bereitet sich der 28-Jährige physisch und psychisch darauf vor, an einem Tag mit 15-MeterSwell bereit zu sein, bereit, um sich den Kick abzuholen, den er als das höchste der Gefühle empfindet. Jaws auf Maui ist dann pure Magie für ihn, die Wellen eine Adrenalinspritze und keine

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lebensgefährliche Bedrohung. Wenn er sich neben Größen der Surfgeschichte wie Laird Hamilton oder Dave Kalama von einem Kite oder Jetski in die blauen Wände ziehen lässt, weiß er, warum er existiert. Surfen ist für ihn mehr als nur ein Sport, es ist sein Leben, ganz besonders dann, wenn der Sog des Adrenalins ihn in seinen Bann zieht. Du bist auf Maui geboren, auf Sardinien aufgewachsen und dann nach Maui zurückgekehrt, hast also dein ganzes bisheriges Leben auf Inseln verbracht. Wie wichtig ist Wasser für dich? Diese beiden Inseln haben natürlich eine große Bedeutung in meinem Leben. Genauso wie das Wasser. Ich bin sogar mit einer Wassergeburt auf die Welt gekommen, vielleicht liegt da ja schon der Grund für meine enge Beziehung zu diesem Element. Ich bin, seit ich denken kann, davon überzeugt, dass es meine Bestimmung ist, ein Waterman zu sein. Wasser ist sozusagen alles für mich, mein Spielplatz, mein Arbeitsplatz und irgendwie auch mein Lebensspender. Es ermöglicht mir, meine Grenzen zu erfahren, aber dient auch der Bewältigung von Stress oder einfach zum Druckabbau. Ich brauche Wasser zum Leben, genau wie Sauerstoff.


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Für seine Hochzeit tauschte Porcella Neopren gegen Anzug.

Mit einem Druck, dem die meisten Menschen nicht standhalten würden, kannst du ziemlich gut umgehen. Ich meine den Big-Wave-Day im Januar 2012 in Jaws, von dem du uns Bilder geschickt hast. Oh ja, der 4. Januar 2012 war einer der schönsten Tage in meinem Leben und ich werde ihn nie vergessen. Ein Swell mit dieser Größe ist selbst auf Maui eine Seltenheit. Schon einige Tage zuvor hat sich bei mir Nervosität und Aufregung aufgebaut, als ich die Vorhersage zum ersten Mal sah. Es gab plötzlich nichts anderes mehr in meinem Kopf. Genau solche Wellen sind es, die mir den größtmöglichen Kick geben. Ich kann mir nichts anderes auf dieser Welt vorstellen, das damit aufzuwiegen wäre. Du fühlst an solchen Tagen die ungeschminkte Kraft der Natur und dieses Erlebnis macht absolut süchtig. So süchtig, dass ich es wieder und wieder erleben möchte. Natürlich ist da auch Druck mit im Spiel, mit dem komme ich aber tatsächlich sehr gut klar.

Du hast uns auch ein Bild von einem deiner Waschgänge an diesem Tag geschickt. Nahezu unvorstellbar, wie man da lebend rauskommt. Was war die längste Zeit, die dich eine Welle je unter Wasser gedrückt hat? Das war es für mich auch ein bisschen, zumindest im Nachhinein, als ich die Bilder gesehen habe. Wenn du mittendrin bist, zählst du aber keine Sekunden. Dann bist du voll und ganz darauf konzentriert, alles so zu machen, wie du es Tausende Male trainiert hast. Bisher ist es immer gut gegangen. Genau kann ich nicht sagen, wie lang ich an diesem Tag unter Wasser war. Auf jeden Fall lang genug, dass ich mir dachte: „Lieber Gott, tu was, ich will noch weiterleben.“

Er hätte ebenfalls einen Weltklasseturner abgegeben: Mit Akrobatik und Kampfkunst hält Porcella sich fit.

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Machen wir uns nichts vor, kaum einer hat die Eier, an einem solchen Tag da rauszugehen. Was ist dein Geheimnis – oder fehlt bei dir einfach ein Sicherungsschalter? Mir gelingt es einfach sehr gut, die Angst zu kontrollieren und sie konstruktiv zu nutzen, um hohe Vorsicht walten zu lassen. Sonst würde ich jetzt wohl auch nicht mehr hier sitzen. Die Angst kann mich nicht davon abhalten, meine Ziele zu erreichen, auch nicht in Situationen, in denen mein Leben in Gottes Hand liegt. Klar kannst du das Risiko niemals so weit reduzieren, oder so gut werden, dass es ungefährlich wird, aber es ist und bleibt eben auch ein Extremsport. Um mich auf solche Grenzerfahrungen vorzubereiten, richte ich meinen gesamten Lebensstil darauf aus. Ich trainiere, bete und meditiere für die innere Ruhe. Aber auch auf körperlicher Seite sind natürlich ein paar Voraussetzungen notwendig. Um so fit wie möglich zu sein, mache ich jeden Tag Sport. Dehnen, Muskelaufbau und Ausdauertraining gehören genauso dazu wie Apnoetauchgänge. Trotz all dieser Vorbereitungen wärst du auf jeden Fall nicht der Erste, der mir für solche Aktionen einen Dachschaden attestieren würde (lacht).


„DU FÜHLST AN SOLCHEN TAGEN DIE UNGESCHMINKTE KRAFT DER NATUR UND DIESES ERLEBNIS MACHT ABSOLUT SÜCHTIG.“

Immer auf der Suche nach dem nächsten Nervenkitzel.

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Teahupoo auf Tahiti gilt als eine der mächtigsten und gefährlichsten Wellen der Welt.

Worin besteht die größte Herausforderung beim Big-Wave-Surfen und wie unterscheidet es sich vom klassischen Wellenreiten in kleinen und mittleren Wellen? Kleine Wellen zu surfen, bringt unheimlich viel Spaß. Du kannst viel technischer fahren, schwierige Tricks ausprobieren, ohne Angst haben zu müssen, dass ein Fehler gleich dein Leben kostet. Große und sehr große Wellen zu surfen,

ist ­dagegen etwas ganz anderes. Jede Aktion, jede Belastungsveränderung des Boards hat hohen Einfluss darauf, was als Nächstes passiert. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dabei nicht. Deshalb muss eigentlich jeder Schritt kognitiv erfolgen. Es muss ein in Bruchteilen von Sekunden abrufbares Programm für jede erdenkliche Situation zur Verfügung stehen. Bedingungen wie die am 4. Januar stellen höchste Anforderungen an die Physis,

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Dieser Abgang ging als heftigster Wipe-out in die Analen der Surfgeschichte ein.


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„ES MUSS EIN IN BRUCHTEILEN VON SEKUNDEN ABRUFBARES PROGRAMM FÜR JEDE ERDENKLICHE SITUATION ZUR VERFÜGUNG STEHEN.“

aber eben auch an die Psyche, weil man sich in eine viel gefährlichere Situation begibt als an einem Tag mit kleinen Wellen. Platz für Panik gibt es dann nicht, man könnte sie da draußen sogar als den ärgsten Feind bezeichnen. Die größte Herausforderung besteht deshalb für mich in der Kontrolle meines Körpers und meines Kopfes. Ein Tag, an dem du die Kontrolle kurz verloren hast, war der 22. Juli 2015. Auch von diesem Tag hast du uns Bilder geschickt, die beängstigend wirken. In der Szene spricht man vom heftigsten Wipe-out aller Zeiten. An diesem Tag bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen, könnte man sagen. Bereits Wochen vorher hatte ich ein Ticket nach Tahiti gebucht, natürlich ohne zu wissen, dass an diesem Tag einer der größten Swells aller Zeiten über Teahupoo hereinbrechen sollte. Es muss wohl Schicksal oder Vorhersehung gewesen sein. Wir waren an diesem Tag bereits ein, zwei Stunden auf dem Wasser, als plötzlich die gesamte Elite der BigWave-Surfer in Teahupoo auftauchte

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und die Welle zu ihrer absoluten Höchstform auflief. Dieses womöglich einmalige Erlebnis wollte ich mir nicht entgehen lassen und ließ mich ebenfalls in die Welle ziehen. Was ging in diesem Moment in deinem Kopf ab? Als ich da am Seil hing eigentlich wenig. Ich war unglaublich konzentriert, fokussiert und ruhig. Als ich das Seil losließ, merkte ich dagegen sofort, dass ich zu wenig Geschwindigkeit aufnahm. Erst auf den Bildern konnte ich später erkennen, dass sich eine starke Verwirbelung durch die vorherige Welle oder die Boote in meiner Welle heraufarbeitete. Sie führte dazu, dass mein Board einfach stehenblieb, als ich am Boden der Welle angelangte. So als würde eine innere Stimme mit mir sprechen, wusste ich sofort, dass jetzt der Zeitpunkt für den tiefsten Atemzug meines Lebens gekommen war. Ich versuchte, mich, so gut es ging, zu entspannen, ruhig zu bleiben, um so wenig Sauerstoff wie möglich zu verbrauchen.


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„MIT JEDER MUSKELKONTRAKTION VERÄNDERT MAN SEINE FLUGLAGE ODER DEN KURS, ES IST, ALS WÜRDE MAN SEINEN KÖRPER AUF EINE VOLLKOMMEN NEUE ART UND WEISE STEUERN.“

Was passierte dann? Der Sturz an sich war noch harmlos. In diesem Moment glaubte ich noch, dass mich die Welle nach hinten hinausschießen würde. Dann spürte ich Wasser an einer Hand und Luft an der anderen, wodurch mir klar wurde, dass mir der maximale Waschgang bevorstand. Der nur Bruchteile einer Sekunde darauf­ folgende Aufschlag war das Gewaltigste und Brutalste, was ich je erlebt habe. Er riss mir meine Auftriebsweste und meinen Neopren­anzug förmlich vom Körper, während ich fünfmal auf das Riff gedrückt wurde. Nach einer kleinen Ewigkeit erreichte ich dann die Oberfläche, um einmal tief einzuatmen, bevor die nächste Welle über mir explodierte. Sie drückte mich erneut zurück in das Riff, wobei ich mir den Rücken verletzte. Nach zwei bis drei weiteren Wellen wurde ich in die Lagune gespült.

Wie hast du es ohne schwerwiegende Verletzungen da raus geschafft? Ich schätze, mein Schutzengel war daran nicht unbeteiligt, ebenso wie mein Trainer, dem ich in solchen Momenten sehr dankbar bin. Als ich endlich wieder auf dem Jetski saß, spuckte ich Blut, hatte heftige Kopfschmerzen und sowohl mein Nacken als auch mein Rücken wiesen leichtere Blessuren vom Riffkontakt auf. Gleichzeitig fühlte ich mich in diesem Moment so lebendig und so glücklich wie noch nie zuvor. Nach 30 Minuten Pause fuhren wir also wieder raus und ich nahm das nächste Monster. Es war fast wie in einem Trance-Zustand, der noch lang anhielt. Erst am nächsten Morgen, als ich aufwachte, kamen mir plötzlich die Tränen und ich realisierte, was wenige Stunden zuvor passiert war. Wie reagiert deine Frau, wenn sie solche Bilder von dir sieht? Mein Bruder Francisco und meine Frau Jamie haben das Video gemeinsam im Internet entdeckt. Zum Glück erst nachdem wir telefoniert hatten und sie Bescheid wusste, dass es mir gut geht. Andernfalls hätte sie sich sicher schlimme Sorgen gemacht. Sie glaubt grundsätzlich immer an das Gute und vertraut darauf, dass mir nichts passieren wird. Alles andere wäre auch schwierig. Dieses Vertrauen unterstütze ich, indem ich mich auf alle Sportarten, die ich ausübe, absolut professionell vorbereite, dafür sorge, dass mein Körper und meine Seele in der entsprechenden Verfassung sind.

Basejumping und Wingsuit Flying gehören zu den neuesten Hobbys des 28-Jährigen.

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Eine weitere Sportart, der du dich mit großer Leidenschaft widmest, ist das Wingsuit Flying. Ebenfalls nichts für schwache Gemüter. Wie bist du dazu gekommen, dich aus Flugzeugen zu stürzen? Als ich das erste Mal Videoaufnahmen gesehen hatte, war es im Grunde schon um mich geschehen. Da bei dieser Sportart die organisatorischen Voraussetzungen aber doch etwas größer sind, fehlte mir zunächst der Zugang. Im Jahr 2010 war ich Teil einer Filmproduktion, bei der es darum ging, Extremsportarten und ihre Akteure zu zeigen. Insgesamt waren zehn Athleten an der Produktion von „Pushing the Limits“ beteiligt, unter anderem Jokke Sommers als professioneller Wingsuit Flyer. So kam ich mit ihm ins Gespräch und erfuhr von seinem Wunsch, Big-Wave-Surfen zu lernen. Er wiederum von meinem, Wingsuit Flying auszuprobieren. Was dann passierte, hat mein Leben wirklich enorm bereichert.


Der 4. Januar 2012 brachte mächtigen Swell nach Hawaii. Sein Kite hat Porcella an diesem Tag wahrscheinlich das Leben gerettet. Waschgänge mit diesem Kaliber können auch das Ende bedeuten.

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DIE SCHWARZEN SEITEN

Gemeinsam entwickelten wir die Idee, eine Fernsehserie auf die Beine zu stellen, und fanden mit The Go Big Project auch noch einen sehr motivierten Produzenten. Die Serie heißt „Liftoff“ und handelt davon, wie wir in das Leben des anderen eintauchen und seinen Sport erlernen. So bin ich in den letzten Jahren viel mit den besten Wingsuit Flyern unterwegs gewesen, hab endlos viele Sprünge absolviert und fühle mich manchmal schon fast wie ein Vogel.

Das Glück fliegt über den Rücken der Pferde.

Anflug auf die Traum­ insel Moorea mit ihrem breiten Riffgürtel.

„JEDE FORM VON ANGST MUSS ÜBERWUNDEN WERDEN, UM SICH IN DEN STURZFLUG ZU BEGEBEN, DER EINFACH UNBESCHREIBLICH IST.“ Welcher Sport verleiht dir den intensiveren Kick? Das ist schwer zu sagen. Im Kern ist es, glaube ich, schon das Surfen in großen Wellen. Wingsuit Flying ist dagegen eine ganz andere, ebenso intensive Erfahrung. Für einen Basejump zunächst den Berg besteigen zu müssen, dann mit einem grandiosen Ausblick und dem abschließenden Sprung belohnt zu werden, ist was ganz Besonderes und immer wieder eine tiefgreifende emotionale Erfahrung. Jede Form von Angst muss überwunden werden, um sich in den Sturzflug zu begeben, der einfach unbeschreiblich ist. Mit jeder Muskelkontraktion verändert man seine Fluglage oder den Kurs, es ist, als würde man seinen Körper auf eine vollkommen neue Art und Weise steuern.

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Hast du Angst vor dem Moment, in dem es keine neuen Herausforderungen mehr für dich gibt? Das hätte ich garantiert, aber diesen Moment sehe ich noch nicht und kann ihn mir auch nicht vorstellen. Es gibt immer neue Herausforderungen, auch solche, die noch niemand bewältigt hat. Gemeinsam mit drei anderen Wingsuit Flyern habe ich gerade als einer der ersten Menschen die West Maui Mountains auf Hawaii mit dem Wingsuit überflogen. Für diesen Sommer habe ich mir vorgenommen, meine zweite Heimatinsel Sardinien erstmals zu überfliegen. Es wird also garantiert nicht langweilig, denn es warten noch so viele Lines darauf, von mir geflogen zu werden.


BODENHAFTUNG Im Mutterland des Yoga kennt man gemeinhin keine PVC-Matten, sondern übt auf Teppichen. Auch PranajayaYogamatten werden aus reiner Baumwolle gefertigt, ein Naturprodukt, das Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben kann. Das wahrt die Hygiene und bietet Halt, genauso wie die Anti-Rutsch-Noppen auf der Unterseite. Die Matten halten den OEKO-TEX-Standard 100 ein und sind in verschiedenen Farben erhältlich. Um 59,90 Euro. www.pranajaya.de

BRETTERWELT 16

Frühstücksbretter, von denen es einfach besser schmeckt. Jedes Teil der Reihe Schöne Aussicht wird von Hand verlesen und mit einem Motiv versehen, das Appetit aufs Draußensein macht. Etwa 16 Euro. www.pensionfuerprodukte-shop.de

KONSERVIE­RUNGS­Die Kollektionen von Alcarol erhalten ARBEIT Vergängliches: Die zu Möbeln verarbeiteten Elemente bestehen aus Holz mit Geschichte, etwa Kanalplanken aus Venedig oder Baumrinden und deren natürlicher Moos- und Flechtenschicht. Mit durchsichtigem Resin überzogen bleiben Patina und Bewuchs erhalten und bieten einen echten Blickfang. Etwa 4.300 Euro. www.alcarol.com


SCHLÜSSELFUNKTION

Noke Padlock ist ein System, mit dem sich Schränke und Ketten einfach und schnell verschließen lassen. Eine App steuert das Vorhängeschloss, sobald das Smartphone mit aktiviertem Bluetooth nah genug ist. Praktisch: Es können zusätzliche Nutzerkonten angelegt werden, um auch anderen zu erlauben, das Schloss beispielsweise einmalig oder immer zu bestimmten Zeiten zu öffnen. Circa 70 US-Dollar. www.noke.com

SCHWUNGVOLL Der hält was aus: Die doppelte Stahlrohrkonstruktion der bunten Sitzgelegenheit oyo präsentiert sich flexibel und robust. Die Kunststoffschale mit Glasfaserverstärkung und versteckten Schaumpolstern bietet in drei Positionen wippende Bequemlichkeit. Ob im Büro als Besuchersessel, im Meetingraum als Besprechungsstuhl oder zu Hause als Esszimmerstuhl, der Hingucker bringt Schwung in die Bude. Ab 369 Euro. www.aeris.de

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BAMBUSBIKE Schön und nachhaltig, das ist das Bambusfahrrad my Oti von my Boo. Der Rahmen wird in Ghana gefertigt und schafft dort Arbeit und Perspektive, auch das Rohmaterial ist direkt aus der Region. Die Bikes werden in Deutschland endmontiert und entsprechen den europäischen Richtlinien. Etwa 1.600 Euro. www.my-boo.de


DIE BESSERE WAHL

WORAN ERKENNE ICH

GUTEN FISCH?

Fisch ist gesund. Allerdings nur, wenn er auch frisch in der Pfanne landet. Diese Eigenschaften sollten beim Kauf beachtet werden.

TEXT SARAH ZAHORSKY

 FLEISCH 

 HAUT  Die Haut von fangfrischem Fisch hat eine natürliche Farbe, einen leicht metallischen Glanz und ist vollständig beschuppt. Eine Ausnahme hierbei stellen die Makrele

 FLOSSEN  Freiliegende, nicht verklebte Flossen indizieren Frische und gute Fangbedingungen. Fehlende, beschädigte Flossen sind dagegen ein Zeichen für zu volle Schleppnetze.

Das Fleisch von frischem Fisch ist fest und elastisch. Dies lässt sich einfach testen, indem man leicht mit dem Finger auf den Fisch drückt. Je frischer der Fisch, desto schneller gerät das Fleisch nach leichtem Druck wieder in Form.

und der Hering dar, sie verlieren beim Fang häufig Schuppen. Auf den Verzehr von Fisch, dessen Haut eine blasse Farbe angenommen hat, blutig oder trocken ist, Druckstellen oder Verletzungen aufweist, sollte man lieber verzichten.

 AUGEN  Frischer Fisch hat klare, runde, nach außen gewölbte Augen. Sobald ein trüber Schleier über den Pupillen liegt und die Augen eingesunken sind, ist das ein

FOTO // PIXELIO.DE/W.R.WAGNER

Anzeichen für längere Lagerung.

18  GERUCH  Ein frischer, unaufdringlicher Geruch von Meer

 KIEMEN 

oder Algen verweist auf frischen Fisch. Säuerlich bis

Die Kiemen sollten leuchtend rot und

fauliger Geruch deutet dagegen auf einen Fisch im

die einzelnen Kiemenblätter deutlich erkennbar sein. Sind sie schleimig

fortgeschrittenen Verwesungsstadium hin. Kauft man Fisch von der Theke gibt es auch hier Indikatoren,

 EINGEWEIDE 

und verklebt, braungrau, graugelb

die man auf der Suche nach Frische und Qualität

Bei frisch ausgenommenem Fisch ist die

oder grauweiß verfärbt, lässt dies

beachten sollte. Die Theke muss ein leichtes Gefälle

Bauchhöhle gut ausgeweidet, frei von

auf schlechte Lagerung oder kranke

haben, damit das Schmelzwasser vom Eis, auf dem

unangenehmen Gerüchen und das Rückgrat

Fische aus Zuchtfarmen schließen.

der Fisch liegen sollte, ablaufen kann. Der gekaufte

ist ausgekratzt. Eventuelle Blutrückstände

Fisch wird am besten in einer Isoliertüte transportiert,

sind leuchtend rot. Ist der Fisch nicht ausge-

eine Lagertemperatur von zwei Grad Celsius sollte

nommen, sind die Konturen der Eingeweide

nicht überschritten werden.

deutlich erkennbar.


Dein tag, unser Beitrag. Heute ein Kรถnig.


GIMMICKS

DICKE KISTE Tausende Arbeitsstunden, 2.675 Bauteile, eine komplexe Mechanik und hochkarätige Schweizer Uhrmacherkunst machen den Emperador zum wohl teuersten Humidor der Welt. Gekrönt wird das Schatzkistchen von einer Tourbillon-Uhr mit einem Zifferblatt mit Clous-de-Paris-Guilloche. Der Zugang zu den 24 Grand-­CruZigarren, in vier Lagen Blattgold eingewickelt und einzeln in Glasröhren arrangiert, lässt sich per Code schützen. Das selbst regulierende System garantiert einen Feuchtigkeitsgehalt von 70 Prozent. Peripheriegeräte präsentieren sich in einer Schublade: Zigarrenschneider, Tischfeuerzeug und der Aschenbecher mit seiner „magischen“ Mechanik. Knapp eine Million Euro. www.imperiali-geneve.com

UNPLUGGED Ladekabel ständig im Weg? Hier kommt die Rettung. Die induktive Ladestation EP-PG9201 von Samsung lädt das Smartphone durch einfaches Drauflegen und vermeidet so lästigen Kabelsalat. Etwa 50 Euro. www.samsung.com

KAMERAKIT Wie funktioniert Fotografie? Viddy zeigt, wie es geht: Das in England entwickelte Kit ist eine Lochkamera zum Selberbauen. Für die eigene Bastellust oder als kreatives Geschenk. Das Set und ein Film genügen, es wird kein Kleber oder zusätzliches Werkzeug benötigt. Den Bausatz gibt es in vier Farben: Grün, Schwarz, Blau und Rot. Circa 18 Britische Pfund. www.thepopuppinholecompany.com

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SPIELKRAM

AUSGEFLIPPT!

TEXT ALEXANDRA DINTER

Kunst aus Schuhwerk

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Sie sind bunt, leicht, trendig und der Inbegriff eines Urlaubsaccessoires: Flip-Flops. Doch endet die schönste Zeit des Jahres, endet meist auch die Zehensandale – leider meist als Abfall am Strand.


chtlos zurückgelassen gammeln sie neben all dem anderen Plastik­ müll im Sand, verschmutzen Küsten und treiben in die Ozeane. Weltweit betrachtet ein großes Problem, findet auch Julie Church, als sie 1998 die verwüsteten Strände der abgelegenen Insel Kiwayu im Indischen Ozean besucht. Die gebürtige Kenianerin legte den Grundstein des Unternehmens, das sich heute als Ocean Sole – The Flipflop Recycling Company aktiv für den Umweltschutz einsetzt. Inspiriert von den Handwerksarbeiten der Einheimischen stellen sie Skulpturen und Geschenkartikel aus alten, angespülten Kunststofftretern her. Mindestens fünf Prozent des Verkaufserlöses fließen in die firmen­eigene Stiftung, die­unter dem Motto

„RISE to action – Recycle, Innovate, Sustain, Educate“ Projekte zum Schutz der marinen Ökosysteme unterstützt. Neben Schlüssel­ anhängern, Schmuck und kleinen Figuren finden sich auch die sogenannten Giants im Portfolio. Diese knallbunten Charity-Riesen ziehen als Botschafter in die Welt: Seit 2006 lässt sich beispielsweise ein lebensgroßer Minkwal in Mombasa bewundern, eine 18 Fuß hohe Giraffe schaffte es 2008 auf die Laufstege der Fashion Week in Rom, ein lebensgroßer Hai ziert den Eingang des S.E.A. Aquarium in Singapur und 2013 wurde eine XL-Elefanten­ skulptur in die Ausstellung des Discovery Museum in Newcastle aufgenommen. www.ocean-sole.com

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STÄHLERNER PHALLUS

Seit mehr als 300 Jahren wird im japanischen Kawasaki das „Penis-Fest“ gefeiert. Hierzu werden drei überdimensionale Phallus-Statuen durch die Stadt getragen – eine aus schwarzem Eisen, ein Holzpenis und ein zwei Meter hohes pinkes Glied. Dabei schreit die Menge „Husaka, Husak, Husake“, was so viel heißt wie „Es lebe der Penis“. Wer sich auf eine von zwei hölzernen Peniskanonen setzt und die Eichel streichelt, dem soll besonders viel Glück widerfahren. Grund für diese Festivität ist eine Legende. Laut dieser wurde eine schöne Jungfrau von einem Dämon befallen, der in ihrer Vagina lebte und mit seinen scharfen Zähnen den Bräutigam in der Hochzeitsnacht entmannte. Daraufhin bat die Jungfrau einen Schmied einen Stahlpenis anzufertigen, mit dem sie den Dämon besiegte. Denn an diesem Glied biss er sich schlichtweg die Zähne aus.

Foto // Kanamara Mikoshi

LADYS

MEIN GEDÄCHTNIS HEUTE

Foto // prokop/photocase.com

www.graphitti-blog.de

FRÜHER

Peinliche Dinge, die ich gemacht habe

Peinliche Dinge, die ich gemacht habe

Namen

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Telefonnummern Geburtstage

HIER RIECHT´S

Dein Shirt, mein Shirt – unser erstes Date. Die Singlebörse hat ein neuer Trend erobert: Smell Dating. Wem Anstarren beim Silent Dating zu langweilig, Speed Dating zu traurig oder Power Dating zu hektisch ist, verlässt sich auf Pheromone, die körpereigenen SexDuftstoffe. Teilnehmende tragen für mehrere Tage ein Baumwollshirt und senden das an die Zentrale. Umgekehrt bekommt man eine Auswahl getragener Shirts geschickt. Können sich zwei riechen, werden die Schnuppernäschen benachrichtigt und können sich im echten Leben treffen. Diese neue Dating-Methode kommt natürlich aus den USA. Der Satz „Ich kann dich gut riechen“, bekommt so eine ganz neue Bedeutung.

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MATILDA BY BRETZ I CO N I C AWA R D 2016 WIN N E R

A L E XA NDER-BRETZ-STR ASSE 2 · D-5 5 4 57 GE N SIN GE N · T E L . 06727- 895 - 0 · C U LTS O FA@ BR ETZ. D E F L AG S H I P S : S T I LW E R K B E R L I N | H O H E S T R A S S E 1 D O R T M U N D | S T I LW E R K D Ü S S E L D O R F A LT E G AS S E 1 F R A N K F U R T | ST I LW E R K F I S C H M A R KT H A M B U R G | H O H E N STAU F E N R I N G 6 2 KÖ L N R EU D N ITZ ER STR. 1 LEIPZ IG | Q 3, 5 M A N N H E IM | H O H E N ZO L L E R NST R . 9 8 -1 00 M Ü NC H E N | HALLPLATZ 37 NÜRNBERG | KÖNIGSTRASSE 26 STUTTGART | UNTERE DONAUSTRASSE 27 WIEN | WWW.BRETZ.COM


HÖREN

B

DER MYTHOS LEBT

ereits zu Beginn der 90er-Jahre hatte Sennheiser mit dem Modell für Furore gesorgt: Es zeichnete sich nicht zuletzt dadurch aus, dass es ausschließlich von Hand gefertigt wurde und auf gerade einmal 300 Exemplare, damals bei einem Preis von 19.500 D-Mark, limitiert war. Noch heute schwärmen HiFi-Liebhaber in den höchsten Tönen. Nun, knapp ein viertel Jahrhundert später, erinnert sich Sennheiser an das audiophile Meisterstück und bringt eine neue und überarbeitete zweite Generation heraus.

TEXT NIELS-GERRIT HORZ

SENNHEISER BRINGT MIT DEM ORPHEUS SEIN HOCHWERTIGSTES KOPFHÖRERSYSTEM ZURÜCK AUF DEN MARKT – IN EDLEM GEWAND UND MIT BRILLANTEM SOUND.

Schlichte Eleganz gepaart mit technischer Meisterschaft, das ist der Sennheiser Orpheus.

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Wie beim Vorgänger handelt es sich um ein echtes Stück Handwerk: Das Design ist zeitlos und unaufdringlich, die Technik von höchster Qualität. Mit einem Tonfrequenzbereich von acht Hertz bis zu 100 Kilohertz und einer Verzerrung von gerade einmal 0,01 Prozent bei einem Kilohertz – der geringsten Verzerrung, die je in einem Tonwiedergeber gemessen wurde – hält der Orpheus alle Versprechen von glasklarem Sound. Komfort bieten die Ohrpolster sind in Handarbeit mit geschmeidigem Leder sowie mit einem die verarbeitenden Materialien: Die weichen, allergenfreien Velour-Mikrofaser-Mix bezogen. Das makellose Stück ist präzisionsgefertigten Ohrmuscheln jedoch ein seltenes Gut, denn der Hersteller hat angekündigt, nicht mehr als 250 sind aus massivem Aluminium, Exemplare im Jahr herzustellen. Auch der dazu gehörende Verstärker greift tief in die Schatzkiste: Es wurden Platin, Gold und Silber verbaut und das elektronische Kleinod ist in eine Verkleidung aus solidem Carrara-Marmor eingelassen. Ein makelloses Gesamtkunstwerk, mit dem es dem Audio-Giganten Sennheiser gelingt, dem sagenumwobenen Namensgeber größtmögliche Ehre zu erweisen, schließlich galt Orpheus als genialer Musiker, der mit seinen Klängen sogar die Götter betören konnte. www.sennheiser-reshapingexcellence.com

x Durch ausgefeilte Technik hat der Orpheus die geringste Verzerrung, die je in einem Tonwiedergeber gemessen wurde.

FAKTEN

Preis: etwa 50.000 Euro Erhältlich ab Mitte 2016


RITUALE

Foto // benicce/photocase.com

ANDERE LÄNDER, ANDERE KÜSSE

In vielen Teilen der Welt ist der Kuss Bestandteil des Begrüßungsrituals. Wann, mit wem und wie geküsst wird, ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich. TEXT SARAH ZAHORSKY

 RUSSLAND 

Wer kennt ihn nicht: den Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew. Dass sich in Russland Männer zur Begrüßung auf den Mund küssen, ist allerdings eher selten. In der Regel küsst man sich auch hier dreimal auf die Wange. Nach dem ein oder anderen Wodka gibt es dann auch mal einen Schmatzer auf den Mund.

NEUSEELAND 

 ÄTHIOPIEN 

Das äthiopische Volk macht die Anzahl der Begrüßungs­ küsse abhängig von der Beziehung zum Gegenüber: ­Minimum sind drei Küsschen auf die Wangen, hat man sich besonders gern, können es auch bis zu zehn werden. Sich in der Öffentlichkeit auf den Mund zu küssen, ist dagegen sogar für Liebespaare tabu.

 ÖSTERREICH, VATIKAN UND ­TÜRKEI 

Küssen mit Stil ist hier die Devise. Traditionell wird die Frau vom Mann mit einem Handkuss begrüßt. Wichtig hierbei ist, dass der Mann die Hand der Frau leicht anhebt und den Handrücken nicht, oder nur leicht, mit seinen Lippen berührt, um keinen Speichel zu hinterlassen. Im Vatikan und in der Türkei wird der Handkuss sogar unter Männern als Zeichen des Respekts vergeben.

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Foto // Nele/photocase.com

Maori, die Ureinwohner Neuseelands schenken sich das Küssen, stattdessen legen sie ihre Stirn und Nase gegeneinander und tauschen ihren Atem aus, damit sich die Seelen treffen können. Dieser intime Begrüßungsbrauch wird „Hongi“ genannt, dem gern auch Tanz und Musik folgen.


BARKEEPER

HUGO TRINKT JETZT PIMM’S

WISSENSWERTES AUS DER WELT DER SPIRITUOSEN

Pimm’s ist kein konventioneller Aperitif. Reinrassig britisch wie der rote Doppeldeckerbus oder das Gurkensandwich, gilt er im Königreich als kultiger Sommerdrink mit einer gewissen Exzentrik. Als Appetitanreger und Begleiter für die Wartezeit zwischen der Ankunft sämtlicher Gäste bis zum Dinner ist der Pimm’s No. 1 Cup die typisch britische Alternative: Zitronenschalen, Curry, Nelken, Kräuter und verschiedene Wurzelarten sorgen für den runden Geschmack und Topqualitäten als Aperitif. Ein weiterer Pluspunkt des auf Ginbasis beruhenden Pimm’s: Mit 25 Prozent Alkoholgehalt ist er weniger stark als Wodka, Rum oder andere Spirituosen. Aufgeschüttet mit Ginger Ale, Ginger Beer, Prosecco oder Almdudler entsteht ein leichter Longdrink, der nur wenig

mehr Alkohol enthält als ein Glas Bier und deshalb auch bei heißen Temperaturen gut verträglich ist. Ob für Liebhaber der Eleganz im edlen Weinglas, für den gemeinsamen Abend mit Freunden im Pimm’stypischen Henkelglas oder für lange Abende in einem Pitcher: Der Präsentation sind ebenso wenig Grenzen gesetzt wie der Art des Genießens. www.anyoneforpimms.com

Pimm’s Mule

Pimm’s No. 1 Cup

Glas mit Eiswürfeln auffüllen. • 5 cl Pimm’s • 15 cl Ginger Beer • Limettenspalte • Gurkenscheiben

Glas mit Eiswürfeln auffüllen. • 5 cl Pimm’s • 15 cl American Ginger Ale • Gurkenscheiben • Zitronen- und Orangenscheiben • frische Minze

Pimm’s Swizzle

Pimm’s James

Glas mit Eiswürfeln auffüllen. • 5 cl Pimm’s • 1 cl Zitronensaft • 5 cl Ananassaft • 1 cl Zuckersirup • 5 Dashes Creole oder Peychaud’s Bitters • Zitronenscheibe

Glas mit Eiswürfeln auffüllen. • 5 cl Pimm’s • 5 cl Ginger Beer • 5 cl Prosecco • Orangenscheibe • frische Minze

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Verantwortungsvoll genießen. DrinkIQ.com


VON KAR O

LIN W ÜSTN EY

TRIANGL circa 72 Euro

&

Glatt kaschiert NEOPREN SCHMIEGT SICH MITTLERWEILE NICHT MEHR NUR ALS WÄRMESCHUTZ AN DIE DURCHTRAINIERTEN KÖRPER GEBRÄUNTER SURFER, SONDERN KOMMT AUCH ZUNEHMEND IN DER MODEBRANCHE ZUM EINSATZ.

MITCHELL & NESS circa 43 Euro

ION circa 180 Euro 30

DARK FUTURE circa 70 Euro


AUSSTATTUNG

HUGO BOSS circa 220 Euro

LACOSTE LIVE circa 154 Euro

MI-PAC circa 50 Euro

ION circa 33 Euro

RIP CURL (NEOPRENREINIGUNGSMITTEL) circa 10 Euro

WE ARE REPLAY circa 220 Euro

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TRIP GIRL

Shirley suchte auf einer Reise zu den Inkaruinen nach Neuorientierung – fand hingegen zurßck zu sich selbst.

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Tor zur Sonne SHIRLEY STUDIERT ARCHITEKTUR UND VERDIENT IHR GELD ALS MODEL. SIE TRÄUMT DAVON, IRGENDWANN IN EINEM NACHHALTIGEN HAUS ZU LEBEN, DAS SIE SELBST ENTWORFEN HAT. FOTOS ÉRIKA DE FARIA TEXT EMILIO FRAIA

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SCHÖN

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TRIP GIRL

I

m Juni 2014 wanderte Shirley Ibiapino nach ­Cusco, Peru, und von dort zum Machu Picchu. Sie war drei Tage zu Fuß unterwegs, bis sie die Inka­ ruinen erreicht hatte. Zu dieser Zeit hatte Shirley ihr Hochschulstudium für Architektur auf Eis gelegt und auch ihren Nebenjob als Verwaltungsassistentin aufgegeben. „Mein Leben war damals ein Chaos, ich dachte, dass ich oben auf den Ruinen für mich und meine Seele eine Neuorientierung finden würde“, sagt sie. „Aber es war nicht so.“

Zurzeit lebt sie noch bei den Eltern. Sie hofft aber, bald ausziehen zu können und auf eigenen Füßen zu stehen. Shirleys großer Traum ist es, sich ein eigenes Haus zu bauen. „Es soll Holzböden haben, ein Wohnzimmer mit hohen Decken, große Fenster mit Blick auf meinen Garten und viel natürliches Licht“, schwärmt sie. „Ich will eine Anlage haben, mit der man das gebrauchte Wasser aufbereiten kann, Solarenergie gewinnen und essen, was ich selbst anbaue. Ich will, dass alles nachhaltig ist.“

Es war ihre erste große Reise, weg von der gewohnten Umgebung São Paulo. Nach anfänglicher Unsicherheit im Ausland will sie nun die Welt erkunden. „Bevor ich 30 werde, möchte ich einfach los, mit dem Rucksack auf den Schultern“, verrät Shirley, die jetzt 26 Jahre alt ist. Nach ihrer Rückkehr aus Peru setzte Shirley ihr Studium an der Hochschule Anhembi Morumbi fort. Sie sei ein großer Fan des Architekten Vilanova Artigas, gesteht sie, und würde gern an Projekten mitarbeiten, die sich auf die Koexistenz von Natur und Mensch konzentrieren.

„In São Paulo fehlt Grün“, beklagt Shirley. „Es ist verrückt, zu wissen, dass diese Stadt eine enorme Anzahl an Flüssen besitzt und wir keine Ahnung davon haben. Sie sind alle zubetoniert und wir sehen sie nicht.“

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Bei ihren Spaziergängen erkundet Shirley gern unbekannte Orte. „Zu meinen Lieblingszielen in São Paulo gehört der Victor-Civita-Platz. Früher war es eine Müllkippe, heute ist es ein nachhaltiger Platz.“ Dort gäbe es ein unglaubliches OpenAir-Kino, berichtet sie.


TRIP GIRL

Der Nebenjob als Model l채uft so gut, dass Shirley dar체ber nachdenkt, die j체ngere Schwester als Sekret채rin einzustellen.

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SCHÖN

Kein Laufstegmaß – aber Shirley weiß ihre 1,70 Meter perfekt ins rechte Licht zu rücken.

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TRIP GIRL

Die schöne Architektur­ studentin lebt noch bei ihren Eltern, träumt aber vom eigenen Haus. Nachhaltig soll es sein.

Neben dem Studium jobbt sie jetzt als Model. „Nachdem mir so viele Leute dazu geraten haben, habe ich beschlossen, es einfach mal zu versuchen. Und es macht mir großen Spaß. Zuerst hatte ich zwei Shoots pro Woche. Jetzt ist es so viel geworden, dass ich darüber nachdenke, meine jüngere Schwester als Sekretärin einzustellen“, lacht sie. „Mit meinen 1,70 Meter bin ich nicht groß, kein Laufstegmodel. Trotzdem habe ich viele Anfragen für TV-Werbung, Videos, Anzeigen. Solange ich jung bin, werde ich auf diese Weise gutes Geld verdienen, aber das ändert nichts an meinem Wunsch, später als Architektin tätig zu werden.“

„BEVOR ICH 30 WERDE, MÖCHTE ICH EINFACH LOS, MIT DEM RUCKSACK AUF DEN SCHULTERN.“

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www.kustom-life.de

In dieser Ausgabe: 1936 Ford 3-Window Coupé +++ 1953 Triumph +++ 70er-Style-Chopper +++ 1976 Harley-Davidson +++ 1934 Plymouth Six Tudor Sedan +++ Bel Air Mild Kustom

Foto: Michael Schmidbauer Kustom Life Magazine

April / Mai 2016

# 02

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TEXT ALEXANDRA DINTER

BART

HAARE IM GESICHT SIND EIN ZUTIEFST MÄNNLICHES ATTRIBUT. DIESE COVER-AUSWAHL WIRFT EINEN BLICK AUF DIE ENTSPRECHENDEN MODEN SEIT DEN 70ER-JAHREN.

D

ichter Bewuchs der Wangen prägt die Mode und – man bedenke die ikonengleiche Verehrung des ­ Moustache – Design und Lifestyle der „hippen“ Generation. Ein Blick auf die Plattencover der letzten Jahrzehnte zeigt jedoch: Die Gesichtsfrisur ist nicht nur wandlungsfähig, sie war auch stets präsent. Kein Wunder, denn Bärte sind Teil der menschlichen Körperbehaarung. Und diese ist bekanntermaßen den gängigen Trends unterlegen. Das Ent­fernen oder Kürzen kann ästhetischen, politischen, religiösen oder praktischen Nutzen haben. So verbot Alexander der Große seinen Soldaten das Tragen eines Bartes, da dieser im Kampf störe. Die bis dahin bärtigen

Griechen nahmen sich ein Beispiel, genauso die Römer. Wilder Bewuchs galt von da an als barbarisch. Ein Gedanke, der sich wohl bis heute durchgesetzt hat. Kultur versus Natur. Ein aufwendiger Kampf, der spätestens seit dem 15. November 1904, dem Tag, an dem Gillette sein Patent einreichte, weniger blutig verlief. Dass die glattrasierte Seite nie gänzlich die Oberhand behielt, mag auch an einer grundlegenden Eigenschaft des Bartes liegen: Er ist ein sekundäres Geschlechtsmerkmal, steigert als solches die Attraktivität gegenüber potenziellen Sexualpartnern und dient als Mittel zur Abgrenzung – gegenüber Konkurrenten und Frauen. Die Parade der Plat-

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tencover zeigt die Entwicklung der Haartrends seit den 70er-Jahren: Der glattrasierte Elvis fand zu seinem Backenbart, die Pilzköpfe trugen nach der Trennung die lange Hippie-Matte und ZZ Top entdeckten ihr Markenzeichen. Ebenfalls unverkennbar: Frank Zappas Schnauzer. Motörhead und viele andere Genrekollegen retteten die Kotletten durch die 80er. Spätestens in den 90ern zieren Goetee, Henriquatre, je nach Genre auch als Rap Industry Standard, und Soulpatch die Gesichter. Heute darf es vor allem im Indie-Bereich vollbuschig sein mit Schifferkrause und konturgenauem Hollywoodian. Neben diesem Holzfällerlook glänzt der Dreitagebart als All-time-Favorite-Mode. Wem nun nicht mehr als zarter Flaum gegeben ist, der zieht nach – oder bleibt beim Milchkrug.


JUKEBOX

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GESELLSCHAFT

MIT DEM WASSER KOMMT DER TOD

Ein junges Leben zwischen Ăœberflutungen, Epidemien und der drohenden Vergiftung.

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FOTOS ANDREW BIRAJ TEXT INA KRUG

Das Leben wird zum Überleben, wenn gewaltige Fluten alles verschlingen und sich unbemerkt „die größte Massenvergiftung in der Geschichte der Menschheit“ vollzieht.

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GESELLSCHAFT

P

addelschlag für Paddelschlag gleitet die Schaluppe über ein schier grenzenloses Meer. Wasser, so weit das Auge reicht. Nur 72 Stunden zuvor leuchtete hier das Grün der Felder. Sanft wiegt sich die Ernte nun auf dem Grund der Fluten. Eine dreckige, stinkende Brühe. Der Schlamm, den die Fluten mit sich brachten, sinkt stetig wie eine Decke auf die Saat hinab. Einige Holmlängen entfernt geht eine sechsköpfige Familie auf dem Dach einer Wellblechhütte den Aufgaben ihres alltäglichen Lebens nach. Wasser drang durch alle Ritzen in die Baracke, schwappte über die Fußschwelle, brachte Ratten mit sich und stieg schließlich über die Betten hinaus. Wie viele andere harren sie nun wochenlang ohne Obdach aus. Und warten. Darauf, dass die Fluten sich zurückziehen, mit Morast überzogene Felder zurücklassen und sie wieder von vorn beginnen können. Jahr für Jahr. In immer kürzeren Intervallen. Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt. Und selbst in den seltenen Ruhephasen lauert seit Jahrzehnten täglich eine weitere unsichtbare tödliche Gefahr.

Bangladesch, nicht mal halb so groß wie Deutschland, Heimat von rund 150 Millionen Menschen. Dicht an dicht leben sie in dem von einem Labyrinth aus Wasseradern durchzogenen Gebiet. Viele haben keinen Strom. Keinen Fernseher. Die Zahl an Analphabeten ist groß. Worte wie Klimawandel sind in einige Hütten nicht vorgedrungen. In einem pulsierenden Land, das zum großen Teil nur einen Meter über dem Wasserspiegel liegt, wo der Anstieg des Meeresspiegels schon jetzt beginnt, Teile des Grund und Bodens zu verschlingen. „In manchen Jahren, wie 2004 oder 2007, waren die Fluten besonders schlimm und überrollten einen Großteil der Hauptstadt Dhaka”, sagt Andrew Biraj. Kaum ein Mensch sei nicht direkt oder indirekt von den Bedrohungen des Wassers betroffen. Es ist seine Heimat, von der er spricht. Die Szenen, die der Fotograf ablichtet, sind Bilder von Disparitäten, Missverhältnissen und ewigem Kampf. Die Opfer von Landminen, der Alltag von Prostituierten oder ein Leben auf dem Schiffsfriedhof. Für seinen Fotojournalismus wurde er mehrfach ausgezeichnet mit Preisen wie dem World Press Photo Award oder dem zweiten Platz beim Pictures of the Year. Er hat großen Respekt vor den Menschen, die er fotografiert, die ihm einen Einblick in ihr Leben gewähren. „Obwohl Bangladesch Jahr für Jahr dieser Form des natürlichen Elends ins Auge blicken muss, gibt es einen starke Widerstand auf Seiten der Bevölkerung.

SO ERSCHEINT ES WIE EINE BITTERBÖSE IRONIE, DASS IN DIESEM, VOM NASSEN ELEMENT ÜBERLAUFENEN LAND DAS TRINKWASSER KNAPP IST.

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Die Menschen finden ihren Weg, mit den oft monatelangen Überflutungen zu leben. Ich war sehr ergriffen von ihrem Zusammenhalt und ihrem unaufhörlichen Kampf gegen die Widrigkeiten ihres Daseins.“ Seine Bilder sind sein Weg, um dem Rest der Welt zu zeigen, wie die Menschen mit dem Wasser leben und mit ihrem Schicksal umgehen. Wie die mehrfache Großmutter, die er in ihrem Dorf besuchte. Die mehr Überschwemmungen überlebt hat, als sie zählen kann. Längst ist sie gezeichnet von den Anstrengungen, von dem immer wiederkehrenden Kampf. Tiefe Furchen ziehen sich durch ihr Gesicht. „Die Wassermassen überschwemmen die Dörfer und Städte, Menschen suchen mit ihrem Hab und Gut Unterschlupf auf ihren Dächern, den Dämmen der Flüsse, oder in Booten. Reisfelder und Getreide gehen unwiederbringlich in den Fluten verloren“, erzählt Biraj.

Zwischen den überschwemmten Häusern tragen Boote die Menschen über die stinkende Flut.

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„MENSCHEN SUCHEN MIT IHREM HAB UND GUT UNTERSCHLUPF AUF IHREN DÄCHERN, DEN DÄMMEN DER FLÜSSE, ODER IN BOOTEN.“ ANDREW BIRAJ

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GESELLSCHAFT

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Mehrere zehn Millionen Menschen sind von einer Arsenvergiftung bedroht.

Tausende fielen so Jahr für Jahr der Cholera und anderen Durchfallerkrankungen zum Opfer. Ein Problem, das in den 70er-Jahren gelöst werden sollte. Mit dem Ziel, die Bevölkerung mit vermeintlich sauberem Wasser zu versorgen, bauten Organisationen wie Unicef mehrere Millionen Brunnen. Doch die Menschen kamen vom Regen in die Traufe. Seit einigen Jahren entdeckt die dörfliche Bevölkerung über das ganze Land verteilt schwarze Flecken an Händen und Füßen. Ausschlag, Geschwüre. Lange Zeit verstrich, bis man die Ursache entdeckte: Mit jedem Schluck trinken sie Gift. Arsen. Oft vergeht ein Jahrzehnt, bis die Folgen sichtbar werden. Bis auch die inneren Organe befallen sind – Haut-, Blasen- und Nierenkrebs als Folge auftreten. Das so lebenswichtige Grundwasser in der Region ist verseucht. Die Menschen können es nicht sehen. Sie können es nicht schmecken. Aber es kann sie töten.

Sanft wiegt eine junge Mutter ihr Neugeborenes im Arm, während die seichten Wellen des gewaltigen Sees die Pfeiler ihrer Holzhütte umspülen. Dieses Mal hat sie Glück gehabt. Nur einen Meter vor ihrer Hütte stoppten die Wassermassen. Trotzdem steht ihr eine ungewisse Zeit voll Hunger und der Gefahr einer Epidemie bevor. Sie hofft, dass das Wasser dieses Mal nicht höher steigt. Eine andere junge Mutter hatte weniger Glück. Sie versucht ihr Kleines in der überfluteten Behausung trocken zu halten. In Verbindung mit dem Entenpaar, das neben dem Bett schwimmt, ein bizarrer Anblick. Alltag in Bangladesch. Es scheint, als komme das Unheil von allen Seiten. Wasser, das Elixier des Lebens, bedeutet hier Tod. Kommt der Monsun oder schmilzt der Schnee im Himalaja, schwellen die Flüsse zu reißenden Strömen an. Mit unbändiger Gewalt treten sie dann über die Ufer, verschlingen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, lösen Hungersnöte aus. An den Küsten hingegen wüten tropische Wirbelstürme, richten mit Sturmfluten großen Schaden an und sorgen ebenfalls für Überflutungen bis ins Landesinnere. So erscheint es wie eine bitterböse Ironie, dass in diesem, vom nassen Element überlaufenen Land das Trinkwasser knapp ist. Frauen und Kinder nehmen lange Märsche auf sich, um ihre Krüge mit Wasser für den täglichen Bedarf zu füllen. Szenen, die Beklemmungen auslösen. Aus Mangel an Wasserversorgung, trank die ländliche Bevölkerung noch vor wenigen Jahrzehnten Tag für Tag das dreckige Wasser aus den Tümpeln.

Was im ersten Moment wie eine apokalyptische Version des Krimis „Arsen und Spitzenhäubchen“ von Joseph Kesselring klingt, ist bitterer Ernst. „Man geht in Bangladesch von mindestens 50 Millionen Einwohnern aus, deren Trinkwasser Arsen oberhalb des von der WHO empfohlenen Grenzwertes von zehn Mikrogramm pro Liter enthält“, sagt Prof. Dr. Hauke Harms, Leiter des Departments Umweltmikrobiologie vom Helmholtz-Zentrum. Das bedeutet, dass über 50 Millionen Menschen akut von einer Vergiftung durch Arsen bedroht sind. Das kontaminierte Wasser wird zudem für landwirtschaftliche Zwecke genutzt, was den Verzehr von Reis und Gemüse in den betroffenen Gebieten ebenfalls gefährlich macht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht längst von der größten Massenvergiftung in der Geschichte der Menschheit.

ES SCHEINT, ALS KOMME DAS UNHEIL VON ALLEN SEITEN. WASSER, DAS ELIXIER DES LEBENS, BEDEUTET HIER TOD. 48


GESELLSCHAFT

Erinnert im ersten Augenblick an Venedig: Ein Großteil der Hauptstadt wurde von den Wassermassen überflutet.

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MIT UNBÄNDIGER GEWALT TRETEN DIE FLÜSSE ÜBER DIE UFER, VERSCHLINGEN ALLES, WAS SICH IHNEN IN DEN WEG STELLT.

Die Menschen finden ihren Weg, um monatelang in den Fluten zu überleben.

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GESELLSCHAFT

Der Kampf, um gegen die Massenvergiftung anzukommen, geht nur schleppend voran.

Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Lösungsansätze entwickelt. Filter, die das Trinkwasser vor Gebrauch reinigen. Doch der jungen Mutter mit ihrem Neugeborenen auf dem Arm fehlt das Geld für eine solche Apparatur. Das Wenige, was sie hat, sichert das Überleben von einem auf den anderen Tag. Prof. Dr. Harms entwickelte deshalb einen Schnelltest, der auf gentechnisch veränderten Bakterien beruht, die bei Kontakt mit arsenhaltigem Wasser Licht produzieren. Aus der Lichtmenge errechnet sich die Arsenkonzentration. Eine einfache Lösung, da in vielen Landesteilen in unmittelbarer Nähe zu vergifteten Brunnen auch arsenfreie Brunnen – häufig aus tieferen Bohrungen – zur Verfügung stehen. Gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam reiste er nach Bangladesch, um sich einen Eindruck von der Situation vor Ort zu machen. „Anders als Labormessungen erlaubt der Test, den Nutzern der Brunnen die Ergebnisse im Gespräch vor Ort am Tag der Messung zu übermitteln, zu erklären und Maßnahmen vorzuschlagen“, sagt der Experte. Seit der Aufnahme dieser Schnelltests hat sich vor Ort einiges bewegt, allerdings längst nicht genug. Die Fortschritte gehen mühsam und schleppend voran, Rückschläge werfen Helfer und Betroffene immer wieder zurück. „Die politische Lage ist in Bangladesch in der jüngsten Vergangenheit eher unübersichtlicher geworden und mit jedem Machtwechsel – Bangladesch wird von zwei sich abwechselnden ‚Partei-Dynastien’ beherrscht – fängt man mit seinen Bemühungen wieder von vorn an.“

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Die unklare Zuständigkeit und undurchsichtige Interessenlage der zuständigen Behörden und Akteure habe bisher die Erteilung einer Genehmigung für die landesweite Verwendung des erwiesenermaßen unbedenklichen Tests ausgebremst. Die unsichtbare Arsenvergiftung ist nicht das größte Problem, das das Wasser in Bangladesch mit sich bringt. Es gibt greifbarere Probleme, die auf der politischen Agenda weiter oben stehen. Die erschütternde und an Ironie kaum zu übertreffende Wahrheit ist: Viele der 50 Millionen Betroffenen werden in den Fluten sterben, noch bevor das Gift zu wirken beginnt. www.andrew-biraj.com


Beim Spaziergang ins Büro Wale beobachten – ein faszinierender Gedanke.

Schwimmende Neubauten TEXT ALEXANDRA DINTER ENTWÜRFE UND VISUALISIERUNGEN ATDESIGNOFFICE/CCCC-FHDI

BEGRENZTER RAUM ERFORDERT KREATIVE NUTZUNGSKONZEPTE. DER ENTWURF EINES UTOPISCHEN METROPOLENPROJEKTS BEGEGNET EINEM LANGGEHEGTEN MENSCHHEITSTRAUM: LEBEN AUF UND UNTER DEM MEER. 52


VISIONEN

U-Boote und Elektrofahrzeuge sollen zum wichtigsten Transportmittel der Insel werden.

ie Oberfläche der Erde misst 510 Millionen Quadratkilometer, rund 70 Prozent davon sind mit Wasser bedeckt. Ein begrenztes Platzkontingent mit stetig steigender Nachfrage: Umfasste die Weltbevölkerung beim Jahresbeginn 2016 rund 7,39 Milliarden Menschen, rechnen die Prognosen der UNO für den Zeitraum 2015 bis 2020 mit einem Wachstum von rund 78 Millionen Menschen pro Jahr. 2050 erwartet man bereits etwa 9,7 Milliarden Menschen auf dem Globus. Ein Zahlenspiel, das besonders in Ballungszentren zum Nachdenken anregt. Die Volksrepublik China beheimatet aktuell etwa 18,8 Prozent der Weltbevölkerung und ist damit Ranglistenerster der bevölkerungsreichsten Staaten. Kein Wunder, dass man hier einer visionären Idee Raum gibt: die Ausdehnung des menschlichen ­Lebensraums auf die Ozeane.

ATDesignOffice, mit Sitz in England und China, bezieht in Projekte Architektur, Innenraumgestaltung, Stadtplanung und Landschaftsbau mit ein und wurde beauftragt, eine schwimmende Stadt zu entwerfen. Das Konzept stützt sich dabei auf die in Kooperation mit der chinesischen Baufirma CCCC-FHDI entwickelten Technologien eines weiteren Projekts: eine rund 50 Kilometer lange Brücke zwischen den Städten Hongkong, Macau und Zhuhai. „Ein Teil dieser Brücke ist ein Unterwassertunnel, der mit einer 150 Meter langen, vorgefertigten Betonbox verbunden ist“, erklärt der Architekt Tony Fan. „Die Megabox wird auf einer nahe gelegenen Insel gegossen und schwimmend zur Baustelle gebracht, bevor sie verbunden wird. Wir wurden beauftragt, in Zusammenarbeit mit Ingenieuren einen Masterplan für eine zehn Quadrat­ kilometer große schwimmende Insel zu entwickeln, die mit derselben Technologie gebaut werden kann“, sagt er zum Grundgedanken des Baukonzepts.

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VISIONEN

Das Herz der Stadt ist der Freizeit- und Vergnügungsbereich. Dieser verfügt über ein Hotel am Meeresboden und eine Open-Air-Bühne als wortwörtlich krönende Spitze.

Entstanden ist der Entwurf Floating City. Die Idee: Vorgefertigte Module verbinden sich als kleine Bausteine mosaikgleich zur Infrastruktur einer ganzen Metropole. Die vorgefertigten Teile in der Form eines Drei- oder Fünfecks können vertikal überlappen und bilden so eine dreidimensionale Struktur – unter und über Wasser. Der Plan der schwimmenden Stadt sieht zudem interne und externe Verkehrssysteme vor: Ein Überseedock fertigt die großen Schiffe ab; für private Boote sowie den zivilen U-Boot-Verkehr steht ein Yachthafen zur Verfügung. U-Boote und Elektrofahrzeuge sollen zum wichtigsten Transportmittel der Insel werden – Staus, Verkehrslärm und Luftverschmutzung der Vergangenheit angehören. Wasserkanäle als Hauptverkehrsadern verbinden neben Brücken und Fußgängertunneln die unterschiedlichen Bereiche dieses ungewöhnlichen Ortes. Neben spektakulären Blicken auf die Wasserlandschaften und ihre Bewohner soll Floating City zwei öffentliche Grünanlagen erhalten. Die obere bietet Raum für Sport und Erholung an der

Die künstliche Insel bietet Lebensraum für Mensch – und Tier.

frischen Luft, aber auch für die örtlich betriebene Landwirtschaft. Ebenso das Unterwassergrün: Palmhäuser und vertikale Gärten dienen zugleich der Freizeitbereicherung als auch der Lebensmittelversorgung. Ein gläserner Schacht in der Mitte der vertikalen Gärten stellt für die Unterwasserstadt eine natürliche Belüftung und Beleuchtung sicher. Das Herz der Stadt ist der Freizeit- und Vergnügungsbereich. Dieser verfügt über ein Hotel am Meeresboden und eine Open-Air-Bühne als wortwörtlich krönende Spitze. In seinem Zentrum befindet sich ein großes Einkaufs- und Unterhaltungszentrum. Nebengebäude werden durch „Archimedische Brücken“ angeschlossen, sodass auch unter Wasser Zugang zum Komplex besteht. Alle Wohnräume der schwimmenden Stadt haben den Vorzug der direkten Meeresanbindung – und genießen zudem die Nähe zu den örtlichen Einrichtungen und Diensten. Der Randbereich beherbergt landwirtschaftliche

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Ein riesiger Schacht bietet Licht, Luft und spektakuläre Perspektiven.

Betriebe sowie ein modernes Müllverarbeitungszentrum. Im oberen Teil des rautenförmigen Stadtplanentwurfs befindet sich eine Fabrik, im unteren Teil ein Gezeitenkraftwerk. Diese Anlagen sollen die Basis für eine nachhaltige Nahrungsmittel- und Energieversorgungskette bilden. Jules Verne wäre von der Idee sicher begeistert gewesen. Einer von Chinas größten Investoren ist es laut ATDesignOffice auch und schickt das Projekt nach genaueren Prüfungen und in kleinerem Maßstab womöglich bald in einen Testlauf.

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FOTOGRAFIE

Sommertraum im Rauschzustand

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FOTOS BEN BERNSCHNEIDER POSTPRODUCTION BENJAMIN PEZO TEXT FLORIAN SPIETH

Mit „Tales of an American Summer“ serviert Ben Bernschneider das elektrisierende Bild eines kalifornischen Sommers, garniert mit der Würze amerikanischer Popkultur – Protokoll einer Sinnsuche. 57


FOTOGRAFIE

ch weiß nicht genau, was ich an Palm Springs so sehr liebe. Das Wetter, die Landschaft mit den arschhohen Palmen gegen diese Berge. Ich will hier sterben. Angesichts meines massiven Alkoholkonsums bin ich auf dem besten Weg, es zu schaffen.“ Mit kurzen Tagebucheinträgen wie diesem entführt Ben Bernschneider den Leser in „Tales of an American Summer“ in eine beklemmende Welt, dominiert von Drogenrausch und Alkohol­exzessen, die im Stile von „Fear & Loathing in Las Vegas“ mitunter einen harten Kontrast zu seinen Bildern darstellt. Palmen, junge Frauen in dünnen Flatterkleidern, endlose Weiten im Golden State und die schrille Welt der Fast-Food Restaurants verleihen das Gefühl, mittendrin zu sein, im Sommertraum der amerikanischen Westküste. Von Hochsommer, Strandatmosphäre und sich im Hauch eines Lüftchens sanft hin und her wiegenden Palmenkronen ist im Hamburger Stadtteil ­Eilbek wenig zu spüren. Auf einem Industriegelände befinden sich hier die Soundbase Studios, wo Ben Bernschneider gerade dabei ist, eine Dokumentation über Udo Lindenberg zu schneiden. Mit Liebe zum Detail wurde die oberste Etage der ehemaligen Industriehalle zu einem Büro umgebaut, in dem sich Tonkabinen und Schnittplätze befinden. Hier verbringt Bernschneider in den kommenden Wochen den größten Teil seiner Zeit. Um Geld zu verdienen, wie er sagt. Wobei er mit den Gedanken schon längst beim zweiten Teil seiner als Trilogie geplanten „Tales“-Serie ist, dem Teil seiner Arbeit, den er als wahre Leidenschaft bezeichnet. Der erste Band „Tales of an American Summer“ ist für ihn der Ausdruck seiner Liebe zu analoger Fotografie und zugleich Schlüssel für die Bewältigung einer Schaffenskrise.

„Mit Angstattacken sa ich beim Arzt und mir wurde klar, dass ich etwas verändern musste.“

PALM SPRINGS. KURZ NACH 3 UHR AM NACHMITTAG.  KURZ NACH DEM DRITTEN GIMLET. DIE HITZE IST KAUM ZU ERTRAGEN. NUR ANGELICA SCHEINT DAS KALT ZU LASSEN.

Als Werbetexter wurde Bernschneider über fünf Jahre hinweg mit diversen Auszeichnungen bedacht, beruflicher Erfolg war für ihn keine Vision, sondern Realität. Dann kam 2005 der Zusammenbruch, der alles veränderte und sein bisheriges Leben infrage stellte: „Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um in meiner damaligen Agentur immer das Maximum zu liefern, bis mein Körper irgendwann rebellierte. Mit Angstattacken saß ich beim Arzt und mir wurde klar, dass ich etwas verändern musste.“ Er schmiss Werbeshootings, drehbegleitende Shoohin, kaufte sich eine Mini- tings und vereinzelte Editorial-Produktionen füllten die Folgejahre und sicherten DV-Kamera und produzierte mit einem Freund ein gutes Einkommen. Manisch, wie eine Mystery-Serie, durch ­Bernschneider laut eigener Aussage im die Pro Sieben auf die Grunde jedes Projekt verfolgt, eignete er Newcomer aufmerksam sich in nächtelangen Tutorial-Lerneinheiten die Funktionsweise der Technik an, wurde. Quasi über Nacht bis er alles blind beherrschte. Doch genau avancierte Bernschneider aufgrund exorbitant an diesem Punkt ging ihm „die ganze guter Einschaltqouten Blitzerei“ eigentlich nur noch auf die mit dem Mystery-Thriller Nerven. „Studio­fotografie fing immer mehr ­„Gonger – das Böse veran, mich zu langweilen, wurde für mich zu gisst nie“ zum angesageinem rein technischen Ablauf, der keine testen Mystery-Autor in Seele besitzt“, sagt er. „Deshalb wurde ich Deutschland. Ruhm, der nicht lange anhalten sollte. Der zweite „Gonger“-Teil im Folgejahr floppte und machte Bernschneider, wie er es ausdrückt, im Handumdrehen zum „Arsch vom Dienst“. Der Flop haftete an seinen Fersen. Parallel laufende Projekte wurden aufgrund des Misserfolgs gekippt, woraufhin Bernschneider das Schreiben von Drehbüchern vorerst an den Nagel hing und sich verstärkt auf die Fotografie konzentrierte.

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immer unzufriedener mit meinen eigenen Bildern und auch die Komplimente kamen immer von den falschen Leuten, von denen ich gar keine Komplimente haben wollte.“ Die Spaßkomponente sei zunehmend verlorengegangen. Als liebloser Prozess boten das Einstellen der Blitzanlage und die folgende, stundenlange Retusche am Computer keine Befriedigung mehr. Eine Schaffenskrise brach über Bernschneider herein, die eine immer stärker werdende Aversion gegenüber den eigenen Arbeiten zu Tage förderte und ihn zu einer Entscheidung zwang, die den Grundstein für die „Tales“-Trilogie legte.

HOLLYWOOD. HIGH NOON. NICHTS IST SO SEXY WIE EINE FRAU IN CHUCKS ODER VANS. ICH GLAUBE, DER SCHUHFETISCH IST DIE NATÜRLICH ERWEITERUNG MEINES FUSSFETISCHS.


FOTOGRAFIE

„Digitale Fotografie für die Arbeit und analoge Fotografie für alles, worin ich richtig aufgehe, was mein Herz mit Liebe füllt.“

EIN MOTEL IN LA. KURZ VOR MORGENGRAUEN. DIE VIERTE FLASCHE WEISSWEIN IST IMMER NOCH NICHT LEER. HABE SELTEN SO EINEN HINTERN GESEHEN. ODER SO EINE PUSSY. BEIDE GUCKEN AUS DEM FENSTER.

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Um von der technischen, polierten Hochglanzfotografie wegzukommen, tauschte er sein Werkzeug. Analoge Kameras wie die Nikon FM2, die Leica Minilux oder eine Yashica T4 gehörten fortan zu seinen ständigen Begleitern und eröffneten ihm ganz im Sinne der Entschleunigung eine vollkommen neue Inspirationsquelle, aus der auch sein erster Bildband „Diamondtimes“ resultierte. Bei dieser Entscheidung sei es nie darum gegangen, auf einen analogen Hipp-Zug aufzuspringen, was er nicht müde wird zu betonen. Viel mehr darum, einer wirklich tiefen Begeisterung für die ganz eigene Dynamik dieser Art des Fotografierens einen Weg zu bahnen. „Ich genieße jeden Aspekt der analogen Fotografie: das Warten auf die Bilder, die Vorfreude, ob sie was geworden sind, aber auch die Verlangsamung, da man nicht wie ein Wilder auf den Auslöser hämmert. Sie bietet die Möglichkeit, viel intensiver mit dem Model zu agieren, mich mehr mit dem Drumherum zu beschäftigen und die Szene dadurch so aufzuladen, dass darauf letztlich die Attraktivität eines Bildes aufbaut und nicht auf schön retuschierter Haut.“ Vollends verzichtet Bernschneider natürlich auch heute nicht auf die digitale Fotografie, da sie zweifellos Vorteile für bestimmte Produktionen bietet. Bei großen Jobs würde er niemals analog fotografieren. Hätte der Auftraggeber während eines Shootings nicht die Möglichkeit, direkt am Bildschirm zu groß und der Arbeitsaufwand mit seine Meinung analoger Fotografie entsprechend höher. zu äußern, wäre Genau das führte zu einer Trennung, mit das Risiko für der Bernschneider heute seine Fotografie die Einhaltung differenziert: „digitale Fotografie für die von Deadlines Arbeit und analoge Fotografie für alles, worin ich richtig aufgehe, was mein Herz mit Liebe füllt.“ Zu den Projekten, die er als Herzensangelegenheit bezeichnet, gehört ganz klar der kürzlich erschienene Bildband „Tales of an American Summer“, der zugleich eine innige Verbindung mit Amerika ausdrückt, ohne dabei politisch sein zu wollen. In seiner Kindheit lebte Bernschneider einige Jahre in Brasilien und ging dort auf eine amerikanische Schule. Begeisterung für Traditionen wie

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Abschlussbälle, Halloween oder andere amerikanische Bräuche, die man in Deutschland eher aus klassischen Coming-of-Age-Filmen kennt, hegte er schon damals. „Zurück in die Zukunft“, „Die Goonies“, das war seine Welt, ebenso wie die Mode der 70er bis späten 80er. Diese popkulturelle Prägung ist auch heute noch präsent für ihn und Grundlage für eine emotionale Verbindung mit den Staaten. Darüber hinaus sieht Bernschneider auch die Renaissance der analogen Fotografie ganz klar in den USA verwurzelt, weshalb es keine passendere Kulisse für dieses Projekt hätte geben können. „Tales of an American Summer“ zeigt die 80er in den Staaten, die entsprechende Mode und was sie kulturell aus den Augen Bernschneiders geprägt hat. Die vereinzelte Unschärfe, das leichte Rauschen, die Fotografie mit realem Licht und der Druck auf grobporigem Papier machen die analoge Authentizität in diesem Bildband vollkommen.


Die vereinzelte Unsch채rfe, das leichte Rauschen, die Fotografie mit realem Licht und der Druck auf grobporigem Papier machen die analoge Authentizit채t in diesem Bildband vollkommen.

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FOTOGRAFIE

RANCHO MIRAGE. 22 UHR. TAGSÜBER IST ES ZU HEISS & WIR SIND MEIST ZU BETRUNKEN, UM EINE BANK IN DER WÜSTE ZU ÜBERFALLEN. UND NACHTS SIND WIR MIT ANDEREN DINGEN BESCHÄFTIGT.

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Scheißhaufens. Oh yeah, und ich musste mein MacBook Pro verkaufen, um die Whiskey-Shots zu bezahlen.“ Eine Foto-Love-Story, bei der die Bilder im Sinne klassischer Bildunterschriften mit Text begleitet werden – das kam für Bernschneider von Anfang an nicht infrage. Für ihn kreiert der Sound eines Textes die Geschichte, viel mehr als der eigentliche Inhalt. Das Zusammenspiel dieses Sounds mit den Bildern war letztendlich auch ausschlaggebend für die Motivwahl im gesamten Werk. Der rote Faden des Tagebuchs hat durchaus autobiografische Züge, wurde von Bernschneider aber entsprechend ausgeschmückt: „Es finden sich viele Dinge aus meinem wahren Leben, aber natürlich habe ich keine 36 Wodka getrunken, keinen Zahn verloren und auch nicht versucht, voll auf Speed eine Kuh umzuschubsen.“

Analog brachte Bernschneider auch seine Tagebucheinträge mit einer Olympia-Monica-Schreibmaschine zu Papier. Sie fußen auf einer fiktiven, teils extrem überzeichneten Szenerie, aber eben auch auf realen Erlebnissen, Eigenschaften des Autors und Fotografen. Versagensängste, Geldsorgen und Verfolgungswahn spiegeln sich dort wider, finden ihren Anker in einer Chronologie von Alkohol- und Drogenexzessen, die Wahnvorstellungen beim Protagonisten hervorrufen und eine Gefangenschaft in der selbst geschaffenen Ausweglosigkeit darstellen. „Vor zwei Tagen habe ich LA verlassen. Nichts hat sich wirklich verändert. Ich hänge fest in einer Hillbilly-Bar, stürze Whiskey-Shots, unterhalte mich mit Hinterwäldlern mit der Aufmerksamkeitsspanne eines

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FOTOGRAFIE

„Ich genie e jeden Aspekt der analogen Fotografie: das Warten auf die Bilder, die Vorfreude, ob sie was geworden sind, aber auch die Verlangsamung, da man nicht wie ein Wilder auf den Auslöser hämmert.“

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WEST HOLLYWOOD. 9 UHR MORGENS. ALLES LÄUFT HIER IN ZEITLUPE AB. DEN NEW YORKERN IST DIE STADT ZU ENTSPANNT. DIE SPINNEN, DIE NEW YORKER.


FOTOGRAFIE

BEVERLY HILLS. 3 UHR NACHTS. ICH WEISS NICHT, WIE ICH HIERHIN GEKOMMEN BIN. ICH SPÜRE, WIE ICH AUF DIESER PARTY JEDES GESICHT AUS DEM KINO UND DER KLATSCHPRESSE KENNE. ICH SPÜRE NUR MEIN EIGENES GESICHT NICHT MEHR.

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„Natürlich habe ich keine 36 Wodka getrunken, keinen Zahn verloren und auch nicht versucht, voll auf Speed eine Kuh umzuschubsen.“

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FOTOGRAFIE

Für die Finanzierung seiner Hommage an die analoge Fotografie bediente sich Bernschneider einer eher ungewöhnlichen Variante. Ihm fehlten schlichtweg die Mittel, um die Reise und die Druckkosten des Buchs vorzustrecken. So entstand die Idee einer Crowdfunding-­ Kampagne, mit der er sich an seine zahlreichen Fans und Follower in den sozialen Netzwerken wendete. Durch den Kauf unterschiedlicher Pakete konnten sie das Projekt mitfinanzieren. Angefangen mit einem eBook für zehn Euro, einem eBook mit Postkarte aus den Staaten für 15 Euro über das gedruckte Buch für 39 Euro bis hin zu Pakten mit mehreren Büchern und einem großen Print für einige Hundert Euro. Der Erfolg war überwältigend. Innerhalb von sechs Stunden kamen 10.000 Euro zusammen, was den Startschuss für die Buchproduktion ermöglichte. Über die öffentliche Facebook-Gruppe „Tales of an American Summer“ konnten Freunde des Projekts zugleich hautnah der Reise beiwohnen und

Ein Projekt, an dem man sich nicht sattsehen kann.

PALM SPRINGS. 5 UHR MORGENS. DAS SCHÖNSTE WETTER. DIE SCHÖNSTEN PALMEN. DIE SCHÖNSTEN NÄCHTE UND DIE SCHÖNSTEN FRAUEN. LETZTERE SIND ABER IMMER NUR AUF DER DURCHREISE.

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ROUTE 66. 11 UHR MITTAGS. NICHTS WIRKT BERUHIGENDER AUF MEINE SEELE ALS DIE WEITE UND DIE STILLE, DIE MAN IM KALIFORNISCHEN NIEMANDSLAND ERFÄHRT. ODER ES LIEGT AM LAUWARMEN BIER AUS MEINEM KOFFERRAUM.

die ­Entstehung des Buches mitverfolgen. Wer hinter diesem Ansatz lediglich ein strategisch gelöstes Ticket in die Zwanglosigkeit, heraus aus den Fängen von Verlagen vermutet, ist auf dem Holzweg. „Absolute Freiheit bei der Umsetzung bedeutete diese Herangehensweise natürlich nicht. Ein gewisser Druck ist zwangsläufig vorhanden gewesen, da etliche Leute ja bereits ihr Geld für das Buch ausgegeben hatten. Versagen kam also nicht infrage, ebenso wenig wie ein Aufschub der Erscheinung. Das wäre einem Todesurteil gleichgekommen.“ Mit diesem Ernstfall musste sich Bernschneider zum Glück nicht auseinandersetzen, da von der Produktion bis hin zum Druck alles im Rahmen des Zeitplans blieb und ihm das Buch förmlich aus den Händen gerissen wurde.

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FOTOGRAFIE

SUNSET STRIP. 11 UHR NACHTS. EGAL, WIE PLEITE ICH BIN, ICH BIN SÜCHTIG NACH DEN SCHÖNSTEN HOTELZIMMERN. NACHDEM DIE MINIBAR GELEERT IST, DENKE ICH MIR, DASS ES BESSER IST, VOR GELDSORGEN IM FÜNFSTERNE-HOTEL ZU WEINEN ALS AUF DER STRASSE.

Schauplatz für den zweiten Teil wird die schwüle Hitze und das Nachtleben von Miami und New Orleans sein.

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Für den in diesem Jahr anstehenden zweiten Band, der „Return of an American Summer“ heißen soll, wie Bernschneider mir bereits verriet, setzte er auf dasselbe Finanzierungskonzept. Mit einem Zielbetrag von 8.000 Euro wurde die Crowdfunding-Kampagne im Februar 2016 gestartet und bereits in den ersten zehn Stunden kamen über 11.000 Euro zusammen. Das lag vielleicht auch an den noch attraktiveren und zum Teil limitierten Paketen, die zum Beispiel eine Einwegkamera mit 36 unentwickelten Bernschneider-­ Originalen von der Reise, den Soundtrack auf ­Audio-Kassette oder sogar ein Abendessen mit dem Fotografen enthielten. Schauplatz für den zweiten Teil wird die schwüle Hitze und das Nachtleben von Miami und New Orleans sein. Sollte der Erfolg des zweiten Bandes ebenso groß ausfallen, soll im Anschluss „The End of an American­Summer“ als letzter Teil der Trilogie folgen und die Chronologie der Tagebucheinträge eine Fortsetzung finden. Ein Projekt, an dem man sich nicht sattsehen kann, das nachdenkt über das Leben an sich und die seltsamen, schillernden, vor Lust brennenden Wesen, die es bevölkern.

INFO

„Tales of an American Summer“ Softcover, 240 Seiten Premium-Offset-Druck Preis: 39 Euro Auch als eBook erhältlich. www.benbernschneider.com

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DERLETZTE SEINERART

TEXT NIELS-GERRIT HORZ 72


KULT

ER IST EINE IKONE UNTER DEN GELÄNDEWAGEN. NUN FRAGT LAND ROVER SEINE FAHRER NACH IHREN „DEFENDER MOMENTEN“ UND BELOHNT EINEN MIT DEM LETZTEN PRODUZIERTEN MODELL.

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r ist Kult. Das robuste Allradfahrzeug Land Rover Defender begeistert Generationen von Abenteurern, die mit ihm an ihrer Seite die spektakulärsten Spots und die entlegensten Landstriche für sich erobern konnten. Seit der erste Land Rover Defender 1948, damals noch ohne einen richtigen Modellnamen, das Werk im englischen Solihull verließ, hat sich einiges getan. Als der Chefingenieur Maurice Wilks die Pläne für die Serie I des Wagens vorstellte, war noch nicht klar, ob sich der britische Kraftprotz behaupten könnte. Aus der Materialnot der Nachkriegszeit entstand die Idee, einen vom amerikanischen Willys Jeep inspirierten Wagen für die Landwirtschaft zu entwickeln. Für diesen Zweck wurde ihm ein solider Kastenrahmen mitsamt einem Stahlrohrskelet verpasst. Doch Stahl war Mangelware, weshalb eine praktische wie schnörkellose Karosserie aus Aluminiumblech verbaut wurde, ein Aufbau, dem man über die Jahre treu bleiben sollte. Ein stabiler Tausendsassa. Dennoch war die Sorge groß: Wird der Wagen ein Erfolg?

wenn man im Nirgendwo ins Ungewisse unterwegs ist. Der Abenteurer ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn mit seinen sechs Gängen und einer Geschwindigkeit von bis zu 145 Kilometern kommt der Wagen auch im Dickicht des Großstadtdschungels vorbildlich zurecht.

Land Rover setzte alles auf eine Karte. Wäre der Wagen im Kampf um den Nutzfahrzeugmarkt gescheitert, wäre die Existenz des Konzerns in Gefahr gewesen. Doch er kam an und seitdem sind mehr als zwei Millionen Exemplare vom Band gerollt.

Doch auch Legenden werden älter und so hat der kantige Alleskönner sich die Rente mittlerweile wirklich verdient. Nach 68 Jahren läuft der letzte Defender vom Band. Ein bittersüßer Moment. Und so lässt es sich Land Rover nicht nehmen, auf ganz besondere Art von seinem ältesten Sohn Abschied zu nehmen. Im vergangenen Jahr hat der Konzern die Aktion „Defender Momente“ ins Leben gerufen! Alle Fans und Fahrer waren aufgefordert, ihren eigenen ganz besonderen „Defender Moment“ festzuhalten und zusammen mit der Geschichte einzureichen. Gleichgültig, ob man die erste oder die neueste Generation des Wagens auf der Auffahrt stehen hat. Ob Strandausflug an die weiße Küste von Calais oder eine Expedition auf den Spuren der Rallye Dakar an der Laguna Verde in Chile, die Erinnerungsfotos sollen alle Nuancen des Kultmodells beleuchten. Denn eines ist klar: In den vergangenen fast 70 Jahren ist der Wagen zu einem steten Begleiter, einem Kumpel, geworden. Er war überall dabei und machte alles mit, viele der ersten Modelle fahren heute noch und an bodenständige Originale erinnert man sich gern.

Der kernige Praktiker mauserte sich schnell vom Zweck- zum Allzweckuntersatz. Er ebnete sich die Bahn von englischen Feldwegen bis in die Dschungel Südamerikas oder das australische Outback. Die Patina aus Staub und Schlamm hat ihm dabei noch mehr Charakter verliehen. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Expeditionen an den entlegensten Orten dieser Welt ohne den Land Rover Defender ausgesehen hätten. Er wurde zu einem Symbol von Freiheit und Abenteuer. Mit seinen 122 PS hat der Vier-Zylinder genug Kraft, um hart zu arbeiten und dort weiterzukämpfen, wo andere schon aufgegeben haben. Genau, was man braucht,

Eine Jury kürte aus mehr als 4.800 Einreichungen acht Monatssieger sowie zwei Wild-Card-Teilnehmer. Nun stehen die zehn Finalisten fest und wie man es sich wünschen würde, treffen altgediente Off-road-Kutschen auf junge Expeditionsfahrzeuge. Bis Mai 2016 kann man nun online über den schönsten „Defender Moment“ abstimmen. Mitmachen lohnt sich. Unter allen Teilnehmern der Abstimmung wird eine elftägige Reise für zwei nach Namibia samt einer Land Rover-Safari verlost. Ein Preis, der nur vom ausgelobten Gewinn für den Siegermoment übertroffen wird: Diesem winkt der letzte für Deutschland produzierte Wagen seiner Art, ein Defender 90 Heritage!

DER ABSCHIED VOM DEFENDER IST EIN RAUSCHENDES FEST DER BILDER.

www.defender-momente.de

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KULT

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01 Badespaß 02 In den ligurischen Alpen versperrte dieser Esel die Weiterfahrt. 03 Island im Herbst – hier im Hochland ist eine echte Spielwiese für den Defender. 04 Unterwegs in den Schluchten Marokkos … 05 Uruguay, Rio de la Plata

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06 Januar 2014 Laguna Verde in Chile 07 Frankreichreise an den Atlantik 08 Am Fuße des Kilimand­ scharos in Kenia 09 Im Atlasgebirge unterwegs 10 1976 in Nigeria vor dem Start einer Safari durch Benue State

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SZENEN EINES KÜNSTLERLEBENS. MARKUS KAUFHOLD IST EIN VIELBESCHÄFTIGTER MANN: ER ARBEITET ALS GRAFIKDESIGNER, RAPPT UNTER DEM PSEUDONYM KARL ANORMAL UND BRINGT MIT WOOD FIST EINE EIGENEN SCHMUCKKOLLEKTION HERAUS.

FOTOS CLAUDIA DIAZ TEXT NIELS-GERRIT HORZ

NO SLEEP TILL DORTMUND

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KUNSTHANDWERK

reative Köpfe kommen nie zur Ruhe. Ideen prasseln auf sie ein wie Regentropfen in einem Sommergewitter und es liegt an ihnen, diese zu filtern und die Geistesblitze nutzbar zu machen. Ein solcher Kreativer ist der Wahl-Dortmunder Markus Kaufhold, der immer daran arbeitet, bei all den neuen Projekten das Wichtige nicht aus dem Blick zu verlieren. Dabei fiel ihm der Erfolg nicht in den Schoß. Geboren wird das sportliche Multitalent in Wernigerode, der Vater geht bereits früh zurück nach Afrika, um dort im Befreiungskampf gegen das Apartheitsregime und für die Unabhängigkeit Namibias zu kämpfen. Er kam nie zurück. Der ländliche Harz wird der jungen Familie zu klein, woraufhin Mutter und Sohn nach Datteln in Nordrhein-Westfalen ziehen. Bereits mit zehn Jahren geht es von dort regelmäßig nach Dortmund. Hier, in der Pott-Metropole, kommt Kaufhold mit der Hip-Hop- und Graffiti-Szene in Kontakt und gibt fortan sein ganzes Taschengeld für Konzerte und Spraydosen aus. Der kreative Grundstein ist gelegt. „Dann habe ich mich nachts rausgeschlichen und meine Stadt vollgelackt“, sagt er heute mit einem Lächeln. Nach dem Abitur absolviert Kaufhold eine Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten, beginnt danach das Design-Studium in Düsseldorf. Mittlerweile hat er ein eigenes Atelier in Dortmund, in dem er seine Ideen verwirklicht. Die Fotostrecke „Dieser Markus Kaufhold“ von Claudia Diaz dokumentiert vor Ort einige Stationen im Tagesablauf des vielbeschäftigten Künstlers: Er steht stets sehr früh auf, denn, wie er selbst sagt, ist er „sehr faul und sehr langsam“. Seine Freundin Lana, Tätowiererin und Model, kann sich noch einmal umdrehen, während Markus bereits bei Tagesanbruch auf der Matte steht, was ihm die nötige Zeit verleiht, um sich all seinen Ideen und Projekten zu widmen. Design prägt sein Leben. Und seine Haut. Tattoos sind eine Leiden­ schaft, die er mit seiner Lebensgefährtin teilt.

Markus Kaufhold ist ein Morgenmensch. Er steht schon auf der Matte, wenn sich Freundin Lara lieber nochmal umdreht.

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KUNSTHANDWERK

Seinen Körper zieren einige Tätowierungen, in denen er persönliche Erfahrungen verarbeitet. So steht zum Beispiel auf seinem Oberschenkel der Schriftzug „Heute ein Freund – Morgen ein Feind“, eine Erkenntnis, die Kaufhold in mehreren Fällen am eigenen Leibe erfahren musste. Seinen Arm ziert ein großflächiges Bild einer Trümmerlandschaft, über der ein Bomber Mikrofone abwirft. Er glaubt an die verändernde Kraft der Musik. „Rap ist meine (letzte) große Möglichkeit, viele Leute zu erreichen“, sagt er entschlossen. Und da ist er ganz der Macher, denn im Ruhrgebiet ist es um den Hip-Hop in den letzten 20 Jahren ruhig geworden. Zusammen mit Jens Albert, alias Der Wolf, und anderen Rappern aus der Metropolregion hat er den Verein „Krupplyn“ (eine Wortkreuzung aus Krupp, als Symbol des Ruhrgebiets, und Brooklyn, als Genius loci des Rap) gegründet, um musikalisch „den Ruhrpott auf die Landkarte zurückzubringen“. Er soll die lokale Hip-Hop-Szene durch gemeinsame Veranstaltungen, Shows oder Sampler fördern und auch helfen eine gemeinsame Identität zu stärken, gerade in Abgrenzung zu anderen lokalen Szenen, wie etwa Berlin. In seinen Texten will er in Zukunft auch vermehrt ethische und gesellschaftliche Themen aufgreifen, denn der Kreative sieht dort viele Baustellen, denen es sich zu widmen gilt. So ernährt er sich pescetarisch, weil für ihn die Tiere in der moderne Fleisch­ industrie keinen Stellenwert mehr haben, und plädiert für einen bewussteren Umgang mit Nahrung.

Oben: Ein fertiger Wood Fist. Rechts: Echte Handwerkskunst, Markus Kaufhold fügt alle Komponenten eines Rings im Atelier per Hand zusammen.

Kaufhold ist zudem ein begeisterter Kraftsportler. Jedoch geht es ihm hierbei nicht darum, möglichst spektakuläre Muskelberge aufzubauen, sondern vor allem um die eigene Gesundheit. Der stressige Alltag als Selbstständiger und Künstler ist belastend und so dient ihm der Sport dazu, einen freien Kopf zu bekommen und fit zu bleiben. Früher machte er Kung Fu, heute stemmt er beim Kreuzheben über 100 Kilogramm. Er schätzt das regelmäßige Training, da es Verspannungen vorbeugt und er sich wacher und konzentrierter fühlt. So tankt Kaufhold jene Konzentration, die er braucht, um bei seinen vielen Projekten den Überblick zu bewahren. Wer wie Markus Kaufhold ein Leben als Gesamtkunstwerk lebt, dabei jedoch auf die aufgesetzte Attitüde eines Künstlers verzichtet, kommt an den Punkt, wo er aus der erarbeiteten Komfortzone ausbrechen muss, um weiter voranzukommen. Deswegen plant Kaufhold einen Umzug nach Köln, um dort einen Fusion Store zu eröffnen, in dem seine Freundin tätowieren und er seine Arbeiten präsentieren kann. In diesem wird es sicherlich auch eines seiner neuesten Projekte zu sehen und zu kaufen geben: Wood Fist. Individuell auf die Wünsche des Trägers angepasste Ringe, die in Analogie zu Namebelts – klassischen Accessoires der Rap-Kultur – den Namen des Trägers, sein Pseudonym oder ein anderes Wort zur Schau stellen.

„DANN HABE ICH MICH NACHTS RAUSGESCHLICHEN UND HABE MEINE STADT VOLLGELACKT.“

MARKUS KAUFHOLD

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„JETZT HABE ICH DIE EIGENEN MÖGLICHKEITEN, JETZT GEHT ES RICHTIG LOS MIT WOOD FIST.“

Kraftsport und Body Art sind Markus Kaufhold wichtig.

MARKUS KAUFHOLD

Die Idee dazu kam Kaufhold ganz nebenbei. Freestyle sozusagen. Er experimentierte mit der CNC-Fräse eines Freundes, wobei der erste Rohling entstand. Was zuerst nur eine Spielerei war, nahm in seinem Kopf immer konkretere Formen an, doch fehlte ihm noch das Equipment. Er wollte die Idee auf keinen Fall verwerfen, blieb hartnäckig, beschaffte das nötige Werkzeug und Zulieferer für hochwertige Materialien. „Jetzt habe ich die eigenen Möglichkeiten, jetzt geht es richtig los mit Wood Fist“, sagt er stolz. Der Kunde hat die Wahl zwischen Eichenholz, Karbon und Messing, wobei demnächst auch Wurzelholz und Mammutelfenbein ins Sortiment aufgenommen werden sollen. Weniger Bling-Bling, dafür wertige Materialverliebtheit. Der Style geht damit wortwörtlich „back to the Roots“ und kokettiert mit der Kulturgeschichte des Schmucks. Die ältesten, der Menschheit bekannten Ringe sind über 21.000 Jahre alt – und wurden aus Mammutelfenbein gefertigt. Mit den breiten Lettern, die die Hand des Trägers überspannen, erinnern die Werkstücke zudem an zwei althergebrachte Funktionen des Rings, die neben der reinen Ästhetik des Wertgegenstandes von Bedeutung für den Träger waren: Siegelwerkzeug und Schlagwaffe. Die Zurschaustellung des guten Namens trägt den Rang einer Person innerhalb der Gesellschaft klar sichtbar nach außen. Dient ein Siegelring vor allem als Abkunfts- und Würdenzeichen – man denke hier beispielsweise an den Fischerring des Papstes – wird er zudem genutzt, um Besitzansprüche geltend zu machen. Eine Funktion, die wohl auch der Schlagring bisweilen ausfüllen sollte. So ist die „Holzfaust“ durchaus auch ein Schwanengesang auf die zum Teil in der amerikanischen Gang-Kultur liegenden Wurzeln des Hip-Hop. Autorität und Gewalt. Zwei Mittel, die eigene Street Credibility zu verdeutlichen.

Wood Fist ist also eine Mischung aus modernedlem Designschmuck und traditionellen Elementen – und wird von seinem Macher, ebenfalls eine klassische Tradition des Rings, gern auch mal verschenkt: Zwei der ersten Wood-Fist-Ringe gehen an Autor Sascha Bisley und den Kult-Fitnesstrainer Karl Ess. „Wenn man Leuten was Gutes tut und ihnen ihren Namen als Ring mitbringt, freut sich jeder,“ sagt er begeistert über den vielen Zuspruch, den er für seine Schmuckstücke bekommt. Markus Kaufhold wird weitermachen und strebt mit Wood Fist und seinen anderen Projekten auf allen Ebenen in Richtung Erfolg. „Man muss das alles kanalisieren, wenn man so viel macht, sonst wird man mit keiner Sache Erfolg haben“, sagt er mit optimistischem Blick in die Zukunft. www.woodfist.com

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DER VERZWEIFELTE KRIEG GEGEN DIE KEIME VON THOMAS GARMS

ANTIBIOTIKA GELTEN ALS SEGEN DER MEDIZIN. DOCH IHRE WIRKSAMKEIT WIRD MAßLOS ÜBERSCHÄTZT, SAGT STEPHEN HARROD BUHNER, EINER DER WELTWEIT FÜHRENDEN EXPERTEN FÜR ANGEWANDTE PFLANZENMEDIZIN. DURCH RESISTENT GEWORDENE MIKROORGANISMEN WÜRDEN GEFÄHRLICHE EPIDEMIEN DROHEN.

Zählt Krankenhäuser zu den gefährlichsten Orten der Welt: Stephen Harrod Buhner.

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B

GESUNDHEIT

akterielle Infektionen nehmen weltweit zu. Zugleich werden pharmazeutische Antibiotika zur immer stumpferen Waffe. Denn pathogene Bakterien sind hartnäckige Überlebenskünstler. Sie tricksen die moderne Medizin aus und mutieren zu virulenten „Superkeimen“. Gemeint sind Erreger, denen die gängigen Antibiotika nichts anhaben können und die zunehmend tödlich sind. Sie machen ausgerechnet jene Mittel unwirksam, die in den vergangenen Jahrzehnten die wichtigste Verteidigungslinie waren im Kampf gegen Erreger wie Staphylokokken, Clostridien oder Mykobakterien. Die Zahlen sind dramatisch: So sterben allein in Europa jährlich rund 25.000 Menschen an Infektionen durch sogenannte multiresistente Keime. Weltweit sind es 700.000 Menschen. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen könnte sich die Zahl der Todesopfer rund um den Globus bis 2050 auf zehn Millionen im Jahr erhöhen, rechnete die Berliner Charité in einer Studie vor. Nach dieser Hochrechnung würden künftig mehr Menschen an den Superkeimen sterben als derzeit jährlich an Krebs und Diabetes zusammen.

Auch das Weltwirtschaftsforum in Davos zählt die wachsende Antibiotikaresistenz längst zu den größten Gefahren für die Weltwirtschaft. Es drohe eine post-antibiotische Ära, in der bereits harmlose Infektionen und kleine Verletzungen tödlich sein können. Doch es gibt Hoffnung. TRIP sprach mit Stephen Harrod Buhner, einem der weltweit führenden Experten für angewandte Pflanzenmedizin. In seinem Buch „Pflanzliche Antibiotika“ zeigt er wirksame Alternativen bei Infektionen durch resistente Bakterien, Krankenhauskeime und MRSA auf.

die unterschiedlichsten Arten von Bakterien miteinander in Berührung. Die meisten davon sind menschliche Infektionserreger. Gleichzeitig haben alle diese Bakterien Kontakt mit pharmazeutischen Antibiotika. Man hat festgestellt, dass unter solchen Umständen die Bakterien wahllos Informationen miteinander austauschen. Hat ein Bakterium einmal einen Resistenzmechanismus gegen Antibiotika entdeckt, wird dieses Wissen anderen Bakterien und sonstigen Mikroorganismen extrem schnell mitgeteilt. Daher sind Kliniken vielleicht der beste Schulungsort für infektiöse Bakterien. Von dort breiten sie sich rasch in die menschliche Gemeinschaft aus. Haben wir die Welt durch Antibiotika verseucht? Die Welt ist buchstäblich überschwemmt von einer enormen Menge an antibakteriellen Substanzen. Nur wenige davon können biologisch leicht abgebaut werden. Allen ist gemeinsam, dass sie fortwährend ihre antibakterielle Wirkung ausüben, egal ob sie ins Erdreich oder ins Grundwasser gelangen. Dies wiederum hat die Bakteriengemeinschaft auf unserem Planeten gezwungen, sich durch Veränderung ihrer Genome so anzupassen, dass sie resistent werden gegen diesen Angriff. Bakterien sind aber nicht unsere Feinde. Sie sind auch keine gefährliche Lebensform.

Die Zahlen sind dramatisch: Allein in Europa sterben jährlich rund 25.000 Menschen an Infektionen durch sogenannte multiresistente Keime.

Für Sie gehören Krankenhäuser zu den gefährlichsten Orten dieser Welt. Warum? Zum Umgang mit Pandemien gehört die Notwendigkeit, erkrankte Menschen zu isolieren, damit die weitere Ausbreitung von Infektionen verhindert wird. Doch das Gegenteil geschieht: In Kliniken stößt eine große Zahl von kranken Menschen aufeinander, viele davon mit bakteriellen Infektionen. Unter solchen Umständen kommen auch

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Genauer bitte ... Bakterien sind unsere Vorfahren und wir ähneln ihnen sehr. Den Bakterien den Krieg zu erklären, ist wie eine Kampfansage gegen jedwede Lebensform auf Erden – inklusive uns selbst. Wir überschwemmen die Welt mit Antibiotika – im Glauben, dass wir damit einen Sieg über Krankheiten erringen würden. Stattdessen haben wir die ökologischen Grundlagen der Welt destabilisiert.  


GESUNDHEIT

.... Weshalb die Zahl derer, die im Krankenhaus sterben, ständig ansteigt. Kann man das nicht verhindern? Es kann nicht verhindert werden. Eines der enorm gefährlichen Probleme der westlichen Welt beruht auf dem Mangel an Verständnis dafür, dass der Tod Teil unseres ökologischen Systems ist. Anstatt das zu akzeptieren, versuchen wir beständig in diesen Kreislauf einzugreifen und haben die utopische Fantasie entwickelt, den Tod aus diesem System verbannen zu können. Wie meinen Sie das? Es scheint oft so, als fühlten sich die meisten Menschen in irgendeiner Art und Weise grundlegend angegriffen, wenn sie krank werden. Man glaubt, man habe ein Grundrecht auf ein leidenfreies Leben. Der Tod ist nicht in das medizinische System integriert, sondern wird eher häufig als die Folge von Versagen des medizinischen Systems oder des einzelnen Arztes definiert. Gerade in den letzten 50 Jahren prägte sich diese Denkweise immer weiter aus. Das wird den Druck auf die Ökosysteme der Welt weiter erhöhen. Am Ende drohen Pandemien in gewaltigem Ausmaß. Die steigenden Todesfälle in Krankenhäusern aufgrund von Antibiotikaresistenzen sind lediglich die sprichwörtlichen Kanarienvögel in der Kohlenmine. Sie sind die frühen Warnzeichen für das Scheitern des derzeitigen medizinischen Systems. Vermeintlich eliminierte Erkrankungen wie Lungenentzündungen und Tuberkulose breiten sich erneut wieder stärker aus. Wie können wir das stoppen? Gar nicht. Bakterien sind unglaublich intelligent. Sie besitzen enorme Fähigkeiten, eine hoch entwickelte Sprache und sie sind viel älter als die Menschheit. Das Problem ist unsere kulturell tief verwurzelte Fortschrittsgläubigkeit. Wir gehen irrtümlicherweise davon aus, dass uns die Wissenschaft befähigt, die Welt ohne Konsequenzen so zu verändern, wie wir es wollen. Aber das können wir nicht. Klingt ziemlich kulturpessimistisch ... Bakterielles Lernen findet auf einer exponentiellen Wachstumskurve statt. Für eine lange Zeit ist diese Kurve, wie andere exponentielle Kurven auch, nahezu unverändert flach geblieben. Allerdings hat sich das bakterielle Lernen jetzt unglaublich beschleunigt. Wir haben nur noch begrenzt Zeit, bevor unser medizinisches System völlig versagt. Mir ist klar, dass sich dies extrem, ja sogar ziemlich erschreckend anhört. Aber ich greife solche Erkenntnisse nicht aus der Luft. Sie sind das Ergebnis von jahrzehntelangen Studien und der Analyse von Forschungen

der führenden Bakteriologen weltweit. Um es mit anderen Worten zu sagen: Wir haben es einfach versäumt, die wahre Natur der Ökosysteme der Welt zu verstehen und welche Rolle die Bakterien in ihnen spielen. Warum wird die Wirksamkeit von Antibiotika überschätzt? Das hat mit einem erheblichen Missverständnis der Natur der Bakterien und der ökologischen Systeme der Welt zu tun. Der Glaube, dass Bakterien ziemlich einfältige Organismen seien, die keine Fähigkeit zur Innovation besäßen, hinderte uns genauso daran, die Dinge klar zu sehen, wie unsere Vorstellung vom Menschen als Spitze der evolutionären Pyramide. Mit der festen Überzeugung, dass uns die Wissenschaft ermöglicht, die Welt neu zu ordnen, fällt der Glaube daran ziemlich leicht, dass der Einsatz von Antibiotika nur wenige Auswirkungen habe, dass diese ein starkes medizinisches Werkzeug seien, welches für immer wirksam sein werde, dass wir auf Dauer den „Krieg“ gegen die Krankheit gewinnen könnten. Dennoch stehen diese Annahmen in keinem Verhältnis zur Realität. Mittlerweile setzt sich die Überzeugung durch, dass der massenhafte Einsatz von Antibiotika eine der gefährlichsten Eingriffe in das Schicksal der menschlichen Spezies darstellt. Ferner muss man verstehen, dass die Mehrzahl der medizinischen Fortschritte während der letzten 100 Jahre nicht ohne Antibiotika hätten stattfinden können. Wenn Antibiotika irgendwann auf breiter Front versagen, wird selbst das, was heute zur medizinischen Routine zählt, nicht länger relativ harmlos sein. Dann können selbst einfache Operationen unglaublich gefährlich werden, sobald resistente Bakterien über die Haut Zugang finden. Ohne funktionierende Antibiotika wird das medizinische System, so wie wir es heute kennen, aufhören zu existieren.  

Wenn Antibiotika irgendwann auf breiter "Front versagen, wird selbst das, was heute zur medizinischen Routine zählt, nicht länger relativ harmlos sein."

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Das bedeutet die Ausbreitung resistenter Erkrankungen. Hat die Pharmaindustrie ihre Macht verloren? Nun ja, eine solche Ausbreitung steht zu befürchten. Der Klimawandel ist dann das geringste Problem. Die Pharma­ industrie wird noch für einige Zeit ungeheuer mächtig bleiben. Die Konzerne haben eine Menge Geld und enorme Ressourcen, um die Gesundheitsindustrie der westlichen Welt zu steuern. Dennoch ist das Modell, das sie verwenden, irgendwann nicht mehr treffsicher und fern der Realität. Egal, was sie tun – die Krankheitserreger werden sich sehr viel schneller anpassen, als das in der gleichen Geschwindigkeit neue, wirksame Medikamente entwickelt werden könnten. Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass diese Unternehmen nicht in erster Linie an der Heilung von Krankheiten interessiert sind. Sie sind daran interessiert, Geld zu verdienen, viel Geld. Das wird Auswirkungen darauf haben, wie man sich dem Problem der Resistenzen nähert. Sie behaupten, dass kaum noch neue wirkungsvolle Antibiotika entwickelt werden können. Woran liegt das? Ich gebe eigentlich nur wieder, was die weltweit führenden Bakteriologen sagen. Demzufolge gibt es nur sehr wenige neue Antibiotika in der Pipeline und die meisten Pharmafirmen auf der Welt haben ihre Forschung und Entwicklung rund um Antibiotika gestoppt. In den Vereinigten Staaten versucht man, diese Art von Forschung auf staatliche Stellen abzuschieben. Stattdessen machen die Unternehmen lieber eine Menge Geld mit Produkten, die nicht heilen, sondern Körperfunktionen aufrechterhalten. Antibiotika gehören zu den wenigen Medikamenten, die tatsächlich Erkrankungen heilen. Forscher wie Stuart Levy und Brad Spellberg haben festgestellt, dass die niedrigeren Erträge aus der Antibiotikaforschung in Kombination mit der zunehmenden Resistenzrate die Antibiotikaforschung zu einem schlechten Investment machen. Ein Unternehmen, das jahrelang an der Entwicklung eines neuen Antibiotikums arbeiten müsste, dessen Präparat dann aber innerhalb von sechs Monaten nach Marktstart zu versagen beginnt, wird aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht Zeit oder Geld in die bakterielle Forschung stecken.   Sollten wir also besser Frieden schließen mit den Bakterien? Bakterien sind von grundlegender Bedeutung für das Leben auf diesem Planeten.

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Wenn sie weg wären, würde auch alles andere Leben auf der Erde innerhalb kürzester Zeit verschwunden sein. Entscheidend ist, dass wir damit beginnen, die wahre Natur der Bakterien zu lehren, deutlich zu machen, dass diese nicht nur unsere Vorfahren sind, sondern auch die primären Organismen, von denen alle ökologischen Systeme abhängen, ob Makro- oder Mikrosysteme. Unsere Körper sind Mikro-Ökosysteme. Ohne Bakterien in unserem Verdauungstrakt oder auf unserer Haut könnten wir nicht überleben. Es ist töricht, Krieg gegen Organismen zu führen, die älter sind als wir selbst, nämlich Milliarden von Jahren. Das heißt? Wir müssen einen anderen Weg finden, einen, der uns erlaubt, mit Bakterien im Gleichgewicht zu leben. Einen, in dem wir Frieden schließen. Wir sind nicht dafür geschaffen, ewig zu leben. In Ihrem Buch behaupten Sie, dass Bakterien keine Resistenz gegen Medizinkräuter entwickeln können. Warum? Pflanzen und pflanzliche Medikamente sind nahezu unempfindlich gegen Bakterien. Doch sie gelten als relativ simple unempfindliche Organismen. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Für mich gehören sie zu den intelligentesten Organismen auf dem Planeten.


XXXX GESUNDHEIT

Sie können nicht laufen, sich nicht verstecken, keinen Arzt rufen, nicht ins Krankenhaus gehen. Wenn Pflanzen also von Krankheitserregern infiziert sind, müssen sie sich selbst helfen. Pflanzen sind lebende Medikamente, nicht einfache, einzelne Chemikalien. Sobald Bakterien einen Weg finden, die Abwehrmechanismen zu überwinden, erstellen die Pflanzen eine Antwort darauf. Dieser Prozess endet nie. Während pharmazeutische Antibiotika aus vergleichsweise wenigen Molekülen bestehen, die von den Bakterien ziemlich einfach entschlüsselt und überwunden werden können, enthalten Pflanzen Hunderte bis Tausende von Molekülen. Die Bakterien schaffen es nicht, diesen veränderbaren, höchst komplexen Widerstand zu brechen. Lässt sich das natürliche Gleichgewicht wieder herstellen und wie lange würde das dauern? Grundsätzlich wäre das sicher möglich. Vorrausetzung dafür wäre aber wahrscheinlich eine ziemlich starke Reduktion der menschlichen Bevölkerung. Dies aber ist ein heikles Thema. Wir Menschen haben die Belastungsfähigkeit des Planeten überschritten. Weltweit sind die Ökosysteme in Unordnung geraten und durch den Bevölkerungsdruck kollabieren sie mehr und mehr. Die gesamte Struktur der westlichen Welt basiert auf unzutreffenden Annahmen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Aber unsere Gewohnheiten zu ändern, damit zu beginnen, erneuerbare Medikamente einzusetzen, unser Denken über Bakterien oder über den Tod zu verändern – das wird nicht einfach sein. Ich vermute jedoch, dass die Ökosysteme der Welt uns früher oder später dazu zwingen werden. Den Menschen ist es noch nie leicht gefallen, ihr Verhalten zu ändern, egal wie vernünftig es wäre, dies zu tun.

Haben Sie noch ein paar Beispiele? Zu anderen potenten systemischen Antibiotika zählen Alchornea cordifolia, ein tropisches Wolfsmilchgewächs, das bei Infektionen und Hauterkrankungen eingesetzt wird, Sida acuta, das die asiatische Volksheilkunde etwa als Antidot bei Skorpionund Schlangenbissen nutzt, aber auch zur Behandlung von Tuberkulose, Magen- und Nervenleiden sowie Herzbeschwerden, und Artemisia annua, ein Heilmittel, das beispielsweise gegen Malaria wirkt. Auch Honig enthält leistungsstarke antibakterielle Komponenten. In Afrika, Asien und Teilen Südamerikas gehen Wissenschaftler und traditionelle Heiler an Gesundheitsprobleme anders heran. Was macht die dritte Welt besser und was können wir daraus lernen? Viele nichtwestliche Wissenschaftler haben verstanden, dass sich Profitgier nicht mit menschlicher Gesundheit verträgt. Pharmazeutika sind oft zu teuer, haben zu viele Nebenwirkungen und häufig treten Resistenzprobleme auf. Man ist sich bewusst, dass die zugrunde liegenden Annahmen der westlichen Medizin oft mehr Probleme schaffen, als sie lösen. Diese nichtwestliche Kulturen besitzen eine Art von Demut gegenüber der Natur, die wir in den Industrienationen nicht kennen. Wir täten gut daran, diesem Beispiel zu folgen.

INFO

Stephen Harrod Buhner zählt zu den weltweit führenden Experten für angewandte Pflanzenmedizin. Er ist preisgekrönter Autor von 17 Büchern, unter anderem „Pflanzliche Virenkiller“, das 2016 bei HERBA PRESS erscheint. Stephen Harrod Buhner lebt und arbeitet in New Mexico.

Welche Alternativen empfehlen Sie für die Behandlung von Infektionen? In den letzten 30 Jahren haben wir festgestellt, dass systemische pflanzliche Antibiotika wie etwa Cryptolepis außergewöhnlich gut funktionieren, wie Breitband­ antibiotika. Viele Menschen mit Infektionen durch resistente Bakterien nutzen das Mittel zur Heilung von Infektionen, von denen ihre Ärzte gesagt hatten, dass sie nicht geheilt werden können. Pflanzliche Arzneimittel sind erneuerbar, nachhaltig, kostengünstig und umweltverträglich.

„Pflanzliche Antibiotika“ ISBN: 978-3-946245-00-1 560 Seiten, Hardcover farbige Abbildungen Preis: 49,80 Euro www.herba-press.de

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The Sea is calling you. It's fun to be crazy.

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TEXT THOMAS GARMS

FÜR DEN CITY-TRIP NACH NEW YORK EMPFIEHLT SICH DAS MANHATTAN PARK HYATT.

Elegante Vorfahrt: der Eingangsbereich des One57.

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FLUCHTPUNKTE

ie Lage ist höchst attraktiv: Der stylishe Wolkenkratzer One57, in dem das neue Luxushotel die obersten 25 Etagen belegt, liegt an der 57. Straße zwischen sechster und siebter Avenue. Damit befinden sich etwa der Central Park und die Carnegie Hall in unmittelbarer Nachbarschaft, aber auch Broadway und Times Square sind nahebei. Wer hier logiert, darf keine Höhenangst haben und wird dafür mit einem atemberaubenden Ausblick auf Midtown Manhattan belohnt. Auf typisch amerikaDie Gäste werden nische Art präsentiert mit einem atemsich das Haus großzüberaubenden gig mit reichlich Platz, Ausblick belohnt. was in New Yorker Hotels alles andere als selbstverständlich ist: King-Size-Betten, deckenhohe Fenster, Hightechannehmlichkeiten, ein Wellnessbereich der Superlative. 210 Zimmer, darunter 92 Suiten, bieten dank bodentiefer Fenster einen exzellenten Blick. Mit einer Größe von 44 bis 49 Quadratmetern zählen die Standard- und Deluxe-Zimmer zu den größten der Stadt. Inspiriert von bekannten New ­Yorker Wohn- und Appartementhäusern, entwarf Innendesigner Yabu Pushelberg ein Interieur, das in allen Bereichen den Puls der Stadt erlebbar macht. Dazu tragen vor allem unverkennbare, gestalterische Elemente aus modernen Materialien und besondere Möbelstücke bei. Als einziges Hotel weltweit bietet das Park Hyatt New York in den Badezimmern Produkte der Linie Tubereuse 40, der außergewöhnlichen französischen Parfüm- und Körperpflegemarke Le Labo Fragrances. Der Duft wurde exklusiv für das Hotel entwickelt.

Holz und Leder prägen das Interieur des Grillrestaurants The Black Room.

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Wer sich auf seinen Streifzügen durch Big Apple die Füße wund gelaufen hat, entspannt in dem über drei Stockwerke verteilten Spa Nalai, das mit Dampfbad, Whirlpool und einem Schwimmbad mit Unterwasserlautsprechern aufwartet, aus denen ein speziell für das Hotel kreierter Soundtrack der Carnegie Hall erklingt. Das Signature-Treatment nutzt die Energie der Erde: Während der Anwendung liegt der Gast auf einem modernen Bett aus Quarzsand.

Für die kulinarischen Geschicke des Hauses ist Chefkoch Sebastien Archambault verantwortlich. Im The Back Room at One57, einem Grillrestaurant mit 96 Plätzen, stehen einfache und gleichzeitig elegante Menü­ variationen mit hochwertigen Produkten einer gehobenen Küche zur Auswahl.


Entspannung pur: Der Pool ist mit Unterwasser足 lautsprechern ausgestattet. Unten: Wohnraum einer Suite.

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FLUCHTPUNKTE

Rechts: Die Zimmer gehören zu den größten der Stadt. Mitte und unten: In den Lobby-Bereichen zählt bequeme Wohnlichkeit.

Was die Einrichtung der Lobbys und Restaurants betrifft, sorgt das Park Hyatt mit seiner Wohnzimmer­atmosphäre dafür, dass sich die Gäste quasi wie zu Hause fühlen. Die Living Room genannte Bar gleicht eher einer stilvoll eingerichteten Wohnung, bequeme Sofas, dezente Designer­lampen, großformatige Kunst an den Wänden. Ein schöner Platz, um bei einem gepflegten Cocktail zu entspannen. The Back Room ist ein sehenswertes Restaurant mit einer zentralen offenen Showküche, mit retro-modernen Leuchtkugeln und bequemen Ledersesseln an braunen Tischen. Mit einer dezenten Stimmung, die viel Ruhe gibt und die Möglichkeit, sich auf den Genuss der Speisen zu konzentrieren. Das Restaurant­ konzept folgt dem eines Grills, es gibt Lobstersalat und Steak Tartare, Roasted Chicken, in Sirup geröstetes Schweinefleisch und natürlich Steaks. Das Essen ist eine Wucht – und für die gebotene Qualität in diesem Ambiente verblüffend günstig.

Auch Kunstfreunde kommen im Park Hyatt New York auf ihre Kosten. Das Haus arbeitet unter anderem mit der Carnegie Hall, dem Museum of Modern Art (MoMA), der Central Park ­Conservancy and Sotheby’s zusammen, um seinen Gästen ein persönliches, kulturell authentisches New-York-Erlebnis zu bieten. Zu der Sammlung von 350 Werken gehören unter anderem Arbeiten von Ellsworth Kelly, Rob ­Fischer oder Robert Longo. Rund zehn Kunstwerke wurden speziell für das Hotel gefertigt.

Kunst spielt in dem Hotel eine Große rolle. Die aus 350 hochkarätigen Werken bestehende Sammlung ist sehenswert.

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INFO

Park Hyatt, 153 W 57th St, New York, NY 10019, USA +1 646 774 1234 Preis: ab 736 US-Dollar pro Zimmer und Nacht www.newyork.park.hyatt.com


VON FINNEN UND FLOSSEN

OCEAN RAMSEY IST MEERESBIOLOGIN, WASSERSPORTLERIN UND MODEL. ALL IHRE FÄHIGKEITEN NUTZT DIE SCHÖNE HAWAIIANERIN, UM ZU SCHÜTZEN, WAS SIE LIEBT: DAS MEER MIT ALL SEINEN BEWOHNERN. GANZ BESONDERS HAIE.

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Foto // Juan Oliphant/WaterInspired.org

PORTRÄT

Das Mädchen und das Meer: Ocean Ramsey ist in ihrem Element.

TEXT ALEXANDRA DINTER FOTOS JUAN OLIPHANT/JUAN SHARKS, ONE OCEAN RESEARCH WATER INSPIRED 91


Zu ihrer Arbeit gehören Öffentlichkeits­ arbeit, die Organisation von Events und Beach Clean-ups genauso wie die Erforschung und Begegnung mit Haien.

eit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blütenblätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas.“ Mit diesen Worten beginnt „Die kleine Meerjungfrau“, Hans Christian Andersens berühmtes Märchen. Es erzählt von Liebe, Sehnsucht nach idyllischen, kaum erreichbaren Welten – aber auch von großem Leid.

Betrachtet man die Bilder und Videos, die Ocean Ramsey in ihrem Element zeigen, wird man von der vermittelten Ästhetik und Ruhe unweigerlich in ihren Bann gezogen. Schwer zu glauben, dass es sich nicht um die Illustration romantischer Literatur, sondern reale Aufnahmen handelt, zeigen viele doch ein wirklich außergewöhnliches Sujet: Mensch und Hai in perfekter Harmonie.

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Der Hai gleitet lautlos durch das tiefblaue Wasser. Es ist ein Großer Weißer. Seine Bewegungen sind geschmeidig und gleichmäßig. Man erkennt seine markanten Kieferknochen mit den langen Zahnreihen, die typischen, kleinen schwarzen Augen, den weißen Bauch und die langen Kiemenschlitze vor den Brustflossen. Die Assoziationen, die der Anblick dieses Tieres auslöst, ist meist jedoch wenig sympathisch: Menschenfresser. Ein Bild, das nicht zuletzt durch die Verfilmung von „Jaws“ entscheidend geprägt wurde. Ocean Ramsey möchte

das Image des Hais verbessern und inszeniert ein neues, gelassenes Verhältnis zu diesem Meeresbewohner, indem sie mit ihm auf Tuchfühlung geht. Sie steigt zu ihm ins Wasser, holt tief Luft und erlebt einen faszinierenden Tauchgang, an der Rückenflosse des Raubfisches hängend. Mensch und Hai gleiten gemeinsam, bis ihre Silhouetten, bis Finnen und Flossen, eins werden und im dunklen Hintergrund verschwinden ...

Nomen est Omen. Die Liebe zum Ozean wurde der blonden Powerfrau praktisch in die Wiege gelegt. Schon früh lernt sie schwimmen und surfen an den heimischen Stränden von Hawaii und San Diego. Die erste Begegnung mit einem Hai hinterlässt dabei bleibenden Eindruck: „Es war ein Weißspitzenriffhai. Ich beobachtete ihn, wie er anmutig über dem Riff schwebte. Ich fühlte mich dabei nie ängstlich oder irgendwie eingeschüchtert von seiner Präsenz, er war einfach schön und friedlich. Tatsächlich hatte er viel mehr Angst vor Foto // Juan Sharks OneOceanDiving.com

Foto // Juan Oliphant/WaterInspired.org

Foto // Water Inspired

PORTRÄT

„Haie haben mich immer gefesselt und haben einen besonderen Platz in meinem Herzen.“

Kämpft nicht allein: Kollegen, Freunde und Familie waren Ocean immer eine große Unterstützung.

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Foto // Juan Sharks / OneOceanDiving.com

Ocean Ramsey ist am liebsten als Apnoetaucherin unterwegs. Die Blasen erschrecken die Haie.

Ansporn für ihre Arbeit ist die leidenschaftliche Verbindung zur Unterwasserwelt, aber auch der Zorn und das Mitgefühl, die das menschenverursachte Leid dieser Tiere in ihr hervorrufen: „Haie haben mich immer gefesselt und haben einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich hatte im Laufe der Jahre einige erstaunliche Erfahrungen mit ihnen, die mich inspiriert haben, für sie zu kämpfen. Es schmerzt mich, zu wissen, dass die Population mit einer alarmierenden Geschwindigkeit von 70 bis 100 Millionen Haien pro Jahr allein für Haifischflossensuppe reduziert wird. Das sind zwei bis drei Haie pro Sekunde – für eine giftige Suppe, die lediglich ein chinesisches Statussymbol darstellt. Es ist eine Tradition, die im AlleinFoto // Juan Sharks / OneOceanDiving.com

mir als ich vor ihm! Von diesem Moment an wusste ich, Haie werden verkannt und es bedarf eines Perspektivwechsels in der Wahrnehmung dieser Tiere. Ich studierte Meeresbiologie und begann das Tauchen, um ein besseres Verständnis für das Meer und die Haie zu entwickeln.“ Heute ist Ocean Ramsey nicht nur Biologin und aktive Tierschützerin, sondern auch erfolgreiche Tauchlehrerin, Unterwasserfotografin und Apnoetaucherin.

Sie kann über fünf Minuten die Luft anhalten und taucht ohne Sauerstofftank sogar in Tiefen bis zu 50 Meter. „Es war sehr wichtig für mich, meine Freitauchfähigkeiten zu verbessern, um enger mit Haien und anderen Meereslebewesen interagieren zu können. Gerätetauchen ist auch super, aber die Blasen neigen dazu, die Tiere einzuschüchtern. Zudem ist Apnoetauchen sehr beruhigend und gibt mir ein Gefühl des Friedens. Es ist eine Form der Meditation für mich.“

Ocean Ramsey ist stolz auf den Erfolg ihres Hai-MenschKennenlernprogramms: „Glücklicherweise haben die Haie jedes Mal die Einstellung der Menschen verändert!“ 94


„In letzter Zeit haben wir viel mit Kindern gearbeitet, um unsere Jugend von Anfang an für die Ozeane zu sensibilisieren und zu zeigen, wie man sie schützt.“

gang das Haivorkommen auf der Welt zerstört und ihre Existenz bereits um 90 Prozent verringert hat. Das sinnlose Töten zu beenden und andere für die Bedeutung unserer Weltmeere zu sensibilisieren – das ist meine Mission.“ Um die Öffentlichkeit über die grausamen Praktiken des weltweiten Haifangs – Stichwort Finning und Culling – zu informieren, Haie noch besser zu erforschen, ihren Lebensraum zu schützen und vor allem möglichst viele Menschen für ihre Passion zu begeistern, gründete Ocean Ramsey gemeinsam mit einem Team aus Mitstreitern die Organisationen Water Inspired und One Ocean Research.

Foto // Juan Sharks / OneOceanDiving.com

Foto // Juan Oliphant/WaterInspired.org

PORTRÄT

Respekt statt Angst: Das Tauchen mit Haien ist ihre Passion.

haltensweisen zeigen, die man lesen kann, die ausdrücken, wie sie sich in einer bestimmten Situation fühlen. Wenn Haie jemanden nicht in ihrem Territorium akzeptieren, verdeutlichen sie dies mit Zeichen und Verhaltensweisen, bevor die Situation mit einem Biss eskaliert. Für Haie ist ein Biss der letzte Ausweg. Sie sind klug und wollen selbst nicht verletzt werden. Deshalb versuchen sie, ihren Gegenüber zu warnen, indem sie via Körpersprache signalisieren: Ich will dich hier nicht, geh mir aus den Augen! Wenn ein Hai seine Brustflossen senkt, die Kiemen bläht oder das Maul öffnet, ist man gut beraten, sich aus seinem Bereich zu entfernen.“ Das Programm sei sehr erfolgreich und habe schon so manchen Teilnehmer davon überzeugt, den Hai zum neuen Lieblingstier zu erklären. Ocean Ramsey hat zudem ein paar nützliche Tipps, falls man als Taucher im Meer auf einen der Raubfische trifft: „Ruhig bleiben, nicht zappeln, immer Blickkontakt halten, die Arme nah am Körper halten – und niemals einem Hai den Rücken zuwenden.“

Ein weiteres ihrer zahlreichen Projekte ist das „Pelagic Animal Research and Interaction Program“ oder einfacher ausgedrückt: Schnorcheln mit Haien. Nachdem Ocean Ramsey in ihrer Karriere mit über 32 verschiedenen Haiarten getaucht ist, möchte sie nun auch anderen Menschen die Chance geben, die Unterwasserwelt kennenzulernen und einen anderen Umgang mit ihren Bewohnern zu pflegen. „Ich habe die Haie und ihr Verhalten seit vielen Jahren studiert und möchte Angst durch Erziehung ersetzen. Wenn man Haie aus erster Hand kennt und versteht, sieht man nicht die gefürchteten „menschen­ fressenden“ Tiere, die uns die Medien präsentieren. Natürlich sind sie hervorragende Jäger, die eine Menge Respekt verdienen. Sie sind sehr mächtige und leistungsfähige Tiere. Das ­Erstaunliche an Haien ist jedoch, dass sie Ver-

INFO

Weitere Informationen zu Ocean Ramsey und ihren Projekten finden sich in den sozialen Netzwerken sowie auf folgenden Webseiten: www.waterinspired.com, www.oceanramsey.com, www.oneoceandiving.com

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EDELBURGER BOOMEN. EIN RIEGE JUNGER, ENGAGIERTER FLEISCHLIEBHABER WARTET MIT REZEPTUREN AUF, DIE BISLANG VÖLLIG TABU WAREN. PASSEND ZUM TREND IST JETZT DAS LIEBEVOLL GESTALTETE KOCHBUCH „BURGER UNSER“ ERSCHIENEN.

TEXT THOMAS GARMS FOTOS DANIEL ESSWEIN 96


SOULFOOD

Der Bad Ass Burger hat ordentlich Speck und eine deftige Note.

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SOULFOOD

Trotzdem ist der Hamburger bis heute weltweit über alle Massen erfolgreich. Um kulinarische Fragen ging es dabei nie. Sobald der Heißhunger kommt, sich diese schwer kontrollierbare Gier nach Grillduft und deftigem Fleisch­ aroma bei uns einstellt, parkt man eben kurz bei McDonalds, Burger King & Co. und die bloßen Hände greifen wonnevoll zu. Mit einem herzhaften Biss in den Hamburger wird locker und unkompliziert gespeist.

Es war längst an der Zeit – der Burger musste endlich raus aus der Schmuddel­ ecke. Die flunderartigen Fleischklopse, mit ein bisschen Grünzeug und Dillgurken eingeklemmt zwischen zwei fluffigen Teiglingen, mit einer Scheibe Schmelzkäse und ein paar Zwiebelringen garniert, begleitet von fettigen, stark gesalzenen Fritten und Ketchup, waren zu lange diskreditiert als ungesundes Fast Food. Billig, möglichst schnell von den ungelernten, schlecht bezahlten Aushilfen der HamburgerKetten über den Tresen geschoben, galten sie als Inbegriff des sogenannten Junkfood – minderwertiges, ungesundes Essen sozusagen. Stark fett-, salz- oder zuckerhaltige Lebensmittel, industriell hergestellt, nachgerade der Gegenentwurf zu einer ausgewogenen, gesunden Ernährung. Also eine Art (system-)gastronomisches Teufelszeug.

Leckere Varianten: Burger mit Lachs, Shrimps oder Wachtelbrüstchen.

Doch jetzt hat eine Riege von ambitionierten Köchen den Kampf gegen das zweifelhafte Image aufgenommen. Edel-Burger-Brater boomen. Mit einem Mix aus ungewöhnlichen Zutaten und Zubereitungsarten wird das Thema derart inspirierend und lecker inszeniert, dass es eine wahre Freude ist. Junge Gastronomen, oft zuvor in artfremden Branchen tätig, greifen zu Ideen, die bisher tabu waren. Bräter neuen Typs mit Namen wie „The Burger-Lab“, „Hans im Glück“, „Burgeramt“ oder „Ruffs Burger“ entwickeln sich zu Stars der Gastroszene. Mit einem Schnellimbiss alter Prägung hat das zumeist nicht viel zu tun. In einer Lücke zwischen Fast-Food-Ketten und dem klassischen Bedienungsrestaurant angesiedelt, werden immer häufiger sogenannte Gourmetburger angeboten – gehoben, kulinarisch anspruchsvoll, aber ohne lange Wartezeiten. Ware aus der Tiefkühltruhe gibt es nicht: Für die Deluxe-Brater ist es eine Frage der Ehre, dass die Burger stets frisch zubereitet werden und man bei der Auswahl der Zutaten Wert auf allerhöchste Qualität legt. Ob frisch durch den Wolf gedrehtes Rindfleisch vom Biobauern, speziell gebackene Brioche-Brötchen, selbst kreierte Saucen und Mayonnaisen sind ebenso selbstverständlich wie der konsequente Verzicht auf Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker.

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Dieser Trend wird inzwischen auch flankiert von entsprechenden Kochbüchern. Das liebevoll gestaltete und fotografierte „Burger Unser“ aus dem Callwey Verlag ist nicht das erste und sicherlich nicht das letzte Buch, das über Burger geschrieben wurde – aber vermutlich das beste. Schon der Name deutet die Stoßrichtung an: Ziel war es, eine Art „Burger-Bibel“ zu schaffen – und das ist durchaus gelungen. Man erfährt, warum der erste Schritt zum guten Burger die Wahl des richtigen Buns (= Brötchen) sei, und findet auch gleich eine schöne Auswahl entsprechender Backvorschläge. Grundsätzlich unterscheiden die Autoren zwischen den „drei Ts (Taste, Textur und Topping), also den Geschmack und Farbe bringenden, den einzuarbeitenden und den darauf zu platzierenden Zutaten“. Sie empfehlen, stets zuerst die Buns zu backen, um dann die Fleisch-Patties perfekt auf deren Durchmesser abzustimmen.

FÜR DELUXEBRATER IST DIE FRISCHE ZUBEREITUNG EINE FRAGE DER EHRE.


Marmoriertes Rindfleisch bildet die Basis f端r gute Burger.

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Während die Buns backen, bereite man das Hack vor. Dabei sei die Frage sehr wichtig, welche Zusammensetzung das Patty haben soll, also welchen Blend man verwenden möchte. Hier gäbe es nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten, die der Fantasie keine Grenzen setzen. Auch Fleisch vom Schwein, Kalb, Lamm, Wild, Geflügel sorge für Abwechslung. Genauso könne man aber auch vegetarische, vegane und Fisch-Patties verwenden. Wenn es um die Saucen und Beilagen geht, sei es ebenfalls eine Frage der Ehre, diese selbst zuzubereiten. Die Range der Rezepte reicht von selbstgemachten Pickles über Trüffel-Pommes, gegrillten und gegarten Gemüsekreationen bis hin zu in Holunderblütenhonig und Thymian eingelegten Zwergorangen. Bei den Saucen findet man nicht nur ein historisches Mayonnaiserezept, sondern auch ausführlich erklärt, wie man Tomatenketchup selbst herstellt. Ein echter Hammer ist das Rauchmandel-Parmesan-Ketchup mit dem wunderbaren Namen „The Soprano“.

Hinter dem Projekt steht einerseits der gelernte Koch Hubertus Tzschirner, der bereits verschiedene Kochbücher verfasst hat und als Frontman seiner Firma „Esskunst“ immer wieder in unterschiedlichen Locations, Messen und im Fernsehen als Showkoch auftritt. Als Co-Autoren hinzu kommen Nicolas ­Lecloux, Marketingchef beim SmoothieHersteller „true fruits“, Thomas Vilgis, ein promovierter Physiker, der hauptberuflich am Max-Planck-Institut das Thema „soft matter food science“ erforscht, sowie Florian Knecht, ein mehrfach ausgezeichneter Amateurgrillmeister, der sich bestens auskennt in den Themen Gadgets, Grillen und Gartechniken. Der Fünfte im Bunde ist Nils Jorras, der in der Sternegastronomie tätig war, bevor er sich auf verantwortungsvollen Fleischkonsum konzentrierte. Als Fotograf zeichnete Daniel Esswein verantwortlich, der jahrelang im Eventcatering tätig war, bevor er seine Leidenschaft für die Fotografie mit seinen Kontakten in der Branche verband und als Fotograf mehrerer Kochbücher tätig wurde. Ob Burger-Novize oder -Papst – das „Burger Unser“ verspricht den Eintritt ins Burgerparadies. Nicht mehr und nicht weniger. Amen.

Das Autorenteam: Florian Knecht, Nicolas Lecloux, Hubertus Tzschirner, Daniel Esswein und Nils Jorra.

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INFO

„Burger Unser – Das Standard­werk für wahre Liebhaber“ von Hubertus Tzschirner, Nicolas Lecloux, Thomas Vilgis, Nils Jorra und Florian Knecht Callwey Verlag ISBN: 978-3-7667-2201-0 Hardcover, 288 Seiten Preis: 39,95 Euro


SOULFOOD

Dieser Burger ist vom Typ her muskulös, tätowiert, Träger eines dunklen Gürtels einer Kampfsportart und Fahrer eines so lauten Motorrads, dass selbst sedierte Betrunkene davon ernüchtern. SO GEHTS: Patty Blend: Rind (mit Käse gefüllt) Patty-Grammatur: 200 Gramm Patty-Zubereitung: Grill 100 Prozent Rib Short Rib (Leiter) Fat Champion „Short Rib“ ist die amerikanische Bezeichnung für die Querrippe und besteht aus Rib Short Rib und Chuck Short Rib. Wir nehmen nur das vordere Stück – die sogenannte Leiter – und lassen sie uns vom Metzger entbeinen. Der wird sich freuen, weil er mit der Leiter eh nicht groß was anfangen kann. Dieser Cut dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorrätig sein. Im Idealfall vom Nebraska-Rind (maisgefüttert). Soll es deutsches Rind sein, empfehlen wir eine Ochsenleiter. Dieser Blend erinnert an einen Sumo-Ringer im Tutu ... Sehr fleischig im Geschmack, ergibt der hohe Fettanteil fast rosafarbene Patties, die gegrillt sogar einen verwöhnten Burger-Fan umhauen.

2 EL Honigsenf 2 EL BB-Mayonnaise 1 bis 2 Spritzer Zitronensaft 1 Prise Meersalz 1 Msp. Chili Alle Zutaten verrühren, würzig abschmecken und bis zur Verwendung beiseite stellen.

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16 bis 20 dünne Scheiben Pancetta etwas Rapsöl zum Braten etwas Butter etwas Meersalz etwas Pfeffer eine große rote Tomate (in Scheiben geschnittene) 16 gebackene Zwiebelringe 4 EL BBQ-Ketchup Die Pancetta-Scheiben in einer Pfanne mit etwas Öl von beiden Seiten knusprig ausbraten. Die Buns aufschneiden und in der Pfanne mit etwas Butter auf den Innenseiten goldgelb anbraten, wenden und bis zur Verwendung beiseite stellen. Die vorbereiteten Patties auf dem Grill von beiden Seiten bis zum gewünschten Garpunkt knusprig braten. Mit Salz und Pfeffer würzen. Die Bun-Böden großzügig mit Chipotle-­ Mayonnaise bestreichen und nacheinander mit den Patties, Tomatenscheiben, Pancetta, Zwiebelringen und Ketchup belegen, Bun-Deckel draufgeben und Burger sofort servieren.

Die Patties sollten an allen Seiten sehr gut verschlossen sein, da sonst beim Braten der Käse aus dem Inneren austritt. Wer keine Hamburgerpresse besitzt, kann die Patties trotzdem mit etwas Fingerspitzengefühl und Geduld füllen, indem man das Fleisch in zwei Drittel und ein Drittel aufteilt. In die größere Menge eine Kule einarbeiten und aus der kleineren Fleischmasse einen Deckel formen, mit dem man dann das gefüllte Unterteil verschließt. Beim Würzen der Patties sollte die Würze des Käses berücksichtigt werden.


TEXT SIMON SCHUMACHER FOTOS SIMON SCHUMACHER/BMW

California D reaming

Bei entspannter Fahrt kann man das Panorama genießen.

BEI SOLCHEN KURVEN KOMMT MAN UNWEIGERLICH INS TRÄUMEN. ERST RECHT, WENN MAN AUF DEM HIGHWAY ONE EINEN ROTZFRECHEN BMW 2ER M COUPÉ M2 UNTER DEM HINTERN HAT. 102


MOTOR

Der Autor posiert vor dem Coupé, das auch auf der Rennstrecke eine gute Figur abgibt.

B

MW sagt: „Es ist das Auto, auf das viele gewartet haben.“ Tatsächlich? Für Fahrzeuge mit ordentlich Wumms unter der Haube scheint der Markt nach wie vor ausgesprochen stabil. Im letzten Jahr, so verkündet MEntwicklungsleiter Dirk Häcker stolz, wurden 35.000 M-Modelle verkauft, dazu noch einmal etwa 28.000 der milderen M-Performance-Reihe. Nun präsentieren die Bayern, fünf Jahre nach dem M1 Coupé, erneut ein Kompaktklassen-Coupé für die junge Zielgruppe. Zum M1 Coupé hat das BMW M2 Coupé mit 30 PS noch einmal kräftig an Muckis zugelegt und ist nun auch mit Doppelkupplungs­ getriebe erhältlich. Schon im Stand demonstriert das Testfahrzeug ein kraftvolles Antlitz: große Lufteinlässe vorn, breit ausgestellte Radhäuser, dicke Schürzen und 19-ZollPneus. Es ist mehr ein Trainingsanzug denn ein eleganter Dreiteiler.

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Sportlich trumpfen neben dem optischen Auftritt auch die Leistungskennzahlen auf: Der Sechszylinder bietet 370 unverblümte Pferdestärken und ein Drehmoment von 465 Newtonmetern, die sich im Overboost auf stolze 500 steigern lassen. In 4,3 Sekunden jagt man ihn auf 100 Stundenkilometer. Leider ist auf der legendären Küstenstraße, dem Highway One, schon deutlich früher Schluss. Ja, im Prinzip neigen wir in spätpubertärer Manier immer wieder dazu, zu beschleunigen, um wieder ausrollen zu lassen, da man die erlaubten 45 bis 55 Meilen pro Stunde schlicht viel zu schnell erreicht. Auf der anderen Seite bleibt so mehr Zeit, den faszinierenden Ausblick zu genießen. „Kalifornische Riviera“ nennt man die Traumroute, die sich über 650 Kilometer meist direkt am Pazifik entlangzieht. Sie bietet alles, was man von einer Küstenlandschaft erwartet: palmengesäumte Strände, markante Dünenlandschaften, Wellen, die gegen die Felsküste prallen, hohe Berge und Wälder mit gigantischen Mammutbäumen.

Es ist mehr ein Trainingsanzug denn ein eleganter Dreiteiler.


MOTOR

Auch im Stand eine Augenweide.

Der BMW M2 Coupé liefert ebenfalls genau das, was man von ihm erwartet: Er liegt tief, wirkt breit und bringt seine enorme Leistung unmittelbar auf die Straße. Nicht zuletzt aufgrund bewährter Teile: Fahrwerk, Lenkung, Bremse, Differential und die 19-Zoll-Räder – alles alte Bekannte aus dem großen Bruder M4. Mit 1.570 Kilogramm ist der M2 gewiss kein Leichtgewicht und nur 20 Kilo leichter als der M4, dennoch wirkt er deutlich agiler. Serienmäßig mit Sechs-Gang-Handschaltung, die selbstverständlich das Drehzahlniveau erhöht, dafür beim Runterschalten automatisch Zwischengasstöße gibt, was für die perfekte akustische Note sorgt. Um den BMW M2 Coupé in seinen Grenzbereich zu bringen, begeben wir uns auf den Laguna Seca Raceway. Nun mit optionalem Sieben-Gang-M-Doppelkupplungsgetriebe mit Rennstartfunktion (3.900 Euro Aufpreis) ausgestattet, drehen wir zum Ende noch ein paar Runden auf der Rennstrecke. Für ungeschönten Fahrspaß werden die technischen ­Helferlein abgeschaltet. Im „Sport+“-Modus verzichtet man auf maximale Traktion und Fahrstabilität

und lässt mehr Schlupf zu. Gelingt es, der Maschine Herr zu werden, genießt man die rasante Fahrt, wenn das Auto eben genau das tut, was von ihm erwartet wird. Man erfreut sich an der berühmten Korkenzieherkurve, wenn man sie – wohl eher zufällig – im richtigen Moment einfährt, anbremst, einlenkt, ohne beim ersten Mal zu wissen, wo die Reise hingeht, da man sie nicht einsehen kann.

Fazit: Mit dem M2 hat BMW genau ins Schwarze getroffen. Er ist rotzfrech und auf den ersten Blick eindeutig das Gegenteil von Zurückhaltung. Genau aus diesem Grund kann er sich seiner Fans sicher sein. Einziger Wermutstropfen ist der Preis, bekommt man doch für „nur“ 15.800 Euro mehr schon den großen Bruder M4, der im Innenraum mehr Platz bietet. Eines ist jedoch sicher: Die Freude am Fahren gehört zu den Garantieleistungen des M2.

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WEINANBAU AM WATTENMEER TEXT NILS LACKNER FOTOS NILS LACKNER, BALTHASAR RESS, SYLTWEIN 0,7 Hektar darf der Sรถlviin sein Zuhause nennen.

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Ideal für Sylt: Solaris treibt früh aus.

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in kräftiger, kühler Wind bläst mir ins Gesicht. Die Luft riecht klar und salzig, ihre Frische ist fast greifbar. Irgendwo hinter mir liegt das Wattenmeer, es muss Flut sein, denn ich kann ein leichtes Meeresrauschen vom Ufer her hören. Der wolkenverhangene Himmel wirkt melancholisch schön, ab und zu blitzen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, aber generell sieht es eher nach Regen aus. Das scheint das Brautpaar aber nicht zu stören, welches in diesem Moment freudestrahlend aus der kleinen St. Severin-Kirche nach draußen kommt und sich überglücklich von den anwesenden Hochzeitsgästen gratulieren lässt. Ein Fotograf umkreist die Gruppe und versucht, die besten Bilder in den Kasten zu bekommen. Keitum, das romantische Friesendorf auf Sylt, ist ein beliebter Wallfahrtsort für heiratswillige Paare aus der gesamten Republik. Auch der Tennisprofi Michael Stich und seine Frau haben sich hier das Jawort gegeben.

SOLARIS HEISST DIE REBSORTE SYLTS. MAN FINDET SIE IM INTERNATIONALEN KONTEXT SOGAR NOCH WEITER NÖRDLICH.

Ich bin allerdings aus einem ganz anderen Grund hier. Es ist nicht die Kirche mit ihrem gotischen Turm, welche mich interessiert, sondern das, was daneben liegt. Ein 0,3 Hektar großes Stück Land, welches in sauberen Reihen mit Weinreben bepflanzt ist. Ein Weinberg auf Sylt? Streng genommen gibt Solaris heißt die Rebsorte Sylts. Man es sogar zwei. Wobei man mit dem Wort Berg wohl eher findet sie im internationalen Kontext sogar noch weiter nördlich, zum Beivorsichtig umgehen sollte, spiel auch in Dänemark. Ursprünglich denn eine Neigung ist fast kommt Solaris aber aus dem tiefsten nicht erkennbar. Trotzdem Süden Deutschlands, aus Freiburg. Dort wachsen hier seit einigen wurde sie 1975 am staatlichen WeinJahren Trauben, aus denen bauinstitut gezüchtet. Der Fokus lag Wein gekeltert wird. Das macht Keitum zum nördlichs- darauf, eine pilzresistente Rebsorte zu ten Weindorf Deutschlands. bekommen. Man merkte sehr schnell, dass die Neuzüchtung sehr früh reifte Heute treffe ich mich mit eiund gab ihr den Namen Solaris, in ner Gruppe Weinliebhabern, Anlehnung an ihre Fähigkeit, auch aus bestehend aus drei Pärchen, wenig Sonnenlicht viel herauszuholen um ihnen den Sylter Weinbau (Sol ist das lateinische Wort für Sonne.). näherzubringen. Dazu werDie landwirtschaftliche Nutzung weit den wir eine Weinbergsbeoben im Norden spielte bei den Überlegehung mit anschließender gungen damals überhaupt keine Rolle. Probe unternehmen. Der erste der beiden Sylter Weinberge gehört Balthasar Ress, einem Weingut im Rheingau. Er ist aufgrund seiner Lage direkt an der Landstraße zwischen Keitum und Munkmarsch der häufiger wahrgenommene und dadurch auch bekanntere. Mit einer Höhe von zehn Metern über dem Meeresspiegel kann er auch den Titel „niedrigster Weinberg Deutschlands“ für sich beanspruchen. Der nördlichste Weinberg ist er allerdings nicht. Diesen Superlativ musste er abgeben, wenn auch nur um Haaresbreite, genauer gesagt um drei geografische Sekunden. Der Söl’ring von Balthasar Ress präsentiert sich in einer Syltkarte in Tuchform.

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„GEGEN UNSEREN GRÖSSTEN FEIND WÜRDE CHEMIE SOWIESO NICHT HELFEN.“ HENNING LEHMANN

Die Trauben sehen gesund aus und scheinen hier gut zu gedeihen. Beim Gang durch die Rebzeilen fallen uns immer wieder dicke Exemplare auf. Meine Gäste sind überrascht. „Das sieht ja aus wie bei uns daheim in der Pfalz“, sagt Klaus. Eine typische Reaktion. Wenn ich vom Weinbau auf Sylt erzähle, ernte ich immer wieder ungläubige Blicke, meist gefolgt von einer abwinkenden Handbewegung. Das sei doch alles nur ein Marketing-Gag, lautet die häufigste Vermutung. Doch hier, knappe 200 Meter vom Wattenmeer entfernt, wirkt das Ganze schon viel greifbarer. Man spürt, dass dies hier kein Experiment einer PR-Agentur ist, sondern real betriebener Weinanbau. Balthasar Ress behandelt seinen Weinberg an der Nordsee auch alles andere als stiefmütterlich. „Wir haben vor Ort zwei Angestellte, welche sich um alles kümmern. Zudem kommt einer unserer Kellermeister alle paar Wochen extra nach Sylt, um nach dem Rechten zu sehen. Das macht zwar logistisch viel Arbeit, ist aber die Mühe wert“, versichert Kai Schnaus vom Weingut Ress. Meer und Wein gehören auf Sylt zusammen.

Nur ein paar Gehminuten entfernt befindet sich gut versteckt Sylts zweiter Weinberg. Ruhig und friedlich ist es hier, mit einer wunderschönen Aussicht auf das Sylter Hinterland. Nebenan grasen zwei gelangweilt ausschauende Galloway-Rinder und in der Ferne sehen wir das Hochzeitsauto Sein Partner Olaf Klein betreibt einen der eben frisch Vermählten die Munkmarscher Chaussee Biobauernhof, sodass es für die beiden selbstverständlich war, auch bei ihrem entlanggleiten. Wein viel Wert auf natürlichen Anbau zu legen. So verzichten sie komplett auf Olaf Klein aus Tinnum und den Einsatz von Chemikalien und setHenning Lehmann aus zen auf ausgewogenen Biotopbewuchs. Westerland haben sich hier „Gegen unseren größten Feind würde einen Traum verwirklicht und auf 0,7 Hektar Fläche fast Chemie sowieso nicht helfen“, erzählt Henning und nimmt uns mit in den 3.000 Rebstöcke gepflanzt. Ihr Sölviin ist der unbekann- hinteren Bereich des Weinbergs. Dort tere der beiden Weine, steht sehen wir deutlich, was er meint. Der seinem Rheingauer Bruder raue Nordseewind bereitet den Reben aber in nichts nach. „Wir hier merklich mehr Probleme als ihren verschieben hier die Grenzen Mitstreitern. Dabei sind wir auf dem des deutschen Weinbaus“, Weg hierher gerade mal um einen Höhenberichtet Henning mit einem meter geklettert. „Meistens herrscht Westwind, so bläst es fast an jedem Tag breiten Lächeln. Er ist kurz hier in den Weinberg hinein.“ vor uns angekommen, um den aktuellen Zuckergehalt seiner Trauben zu messen. „Vor ein paar Jahren hätte das niemand für möglich gehalten. Jetzt produzieren wir hier bei uns fast 1.000 Flaschen Wein im Jahr.“ Als Quereinsteiger hat sich Henning in den letzten Jahren viel Fachwissen selbst angeeignet, eigentlich ist er Architekt. Man merkt ihm an, wie stolz er auf das Erreichte ist.

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GENUSS

Die Folgen sind erkennbar. Eine breite Schneise hat sich gebildet, in der die Pflanzen weniger kräftig sind und weniger Trauben tragen. „So ist das eben hier oben im Norden“, merkt Henning gelassen an, auch heute weht eine steife Brise von der Küste herüber.

Sölviin mit Geschenkbox.

Trotz der Nähe der beiden Weinberge zueinander haben wir zwei komplett unterschiedliche Getränke im Glas. Der Söl'ring von Balthasar Ress Wir machen uns auf den Weg in den Ortskern hat viel Frische und Lebendig­ von Keitum, um dort in Ruhe in einem Restaukeit, mit viel Zitrusfrucht. rant die Weine zu probieren. Vorbei an den tyDarunter verbergen sich eine pischen Ferienhäusern mit ihren reetgedeckten leichte Würze und ein Hauch Dächern kommen wir in das alte Kapitänsviertel, Meersalz, gradlinig und wo die schönsten und ältesten Häuser zu finden nordisch anmutend. Er passt sind. Der Tisch, an dem wir Platz nehmen, super zu Meeresfrüchten wie ist lecker gedeckt mit allerlei einheimischen zum Beispiel der Sylter-RoyalDelikatessen. Galloway-Schinken, Rauchwurst Auster oder Scampi. Sein und Holsteiner Deichkäse lachen uns entgegen. Gegenspieler, der Sölviin, Die Stars sind aber natürlich die beiden Weine, überrascht mit einer hohen welche wir parallel zueinander verkosten. Aromatik, wirkt süffig, etwas reifer und verspielter. Auch er besitzt ein elegantes Säurespiel und ist sehr zugänglich. Welcher der Bessere ist, kann unsere Gruppe heute nicht entscheiden. Klaus bringt es auf den Punkt: „Beide sind viel besser, als man es erst mal erwartet. Jeder mit eigener Persönlichkeit und doch zeigen beide ganz deutlich, dass Weinbau nicht nur auf südlichere Gefilde reduziert werden kann und darf. Prost!“

Friesen sind pragmatisch. Bei Wind wird der Kleinwagen zur Weinbar.

Reifes Lesegut.

INFO Balthasar Ress SÖL'RING 75 Euro (0,75 Liter) www.balthasar-ress.de Syltwein SÖLVIIN OHK 34 Euro (0,75 Liter) www.syltwein.com Keitum Weinbergstour/Probe 149 Euro pro Person, nils.lackner@syltwein.com, +49 152 28759836 Den freiberuflichen Sommelier Nils Lackner können Sie für Ihre eigene Weinprobe über sommelier@tripmagazin.de buchen.


VON AUTUMN SONNICHSEN*

NACKT AUF DEM SCHAFFELL

MIT MEINER KAMERA DARF ICH ­FREMDE FRAUEN MEIN EIGEN ­NENNEN UND JEDE WOHNUNG ­AUF DER WELT WIRD MEIN ZUHAUSE.

Hallo! Ich bin eine Frau, die ziemlich viel unterwegs ist, aber wenn ich ehrlich bin, würde ich es vorziehen, nicht aus dem Haus zu gehen. Oder vielleicht möchte ich das Haus nicht verlassen, weil ich so viel reisen muss. Das Wichtigste in jedem Fall ist, dass ich nach so vielen Jahren endlich weiß, wo mein Zuhause ist.

KOLUMNE

HEIMAT

Ich kann sagen, dass meine Heimat meine Wohnung im Zentrum von São Paulo ist. Ich liebe diesen Platz: die Höhe und die großen Fenster, die mir das Gefühl geben, über der Stadt zu schweben. Die Palme am Fußende meines Bettes, meine Messersammlung an der Küchenwand, meine Salztöpfe, meine Fotos, das Geräusch des Kühlschranks und die Anwesenheit eines warmen Körpers, der mich manchmal morgens mit Streicheleinheiten weckt. Dies ist die Stadt, die ich gewählt habe, die Wände, die ich dekoriert habe.

*AUTUMN SONNICHSEN arbeitet als Fotografin. Sie hat einen Freundeskreis, der sich über die ganze Welt verteilt – und so kommt sie in den Genuss, sich überall zu Hause fühlen zu dürfen.


Aber vielleicht ist das nicht mein wirkliches Zuhause. Ich dachte darüber neulich nach – im Flugzeug auf dem Weg zurück nach Brasilien. Der Flug war voll von Mitgliedern der brasilianischen Nationalmannschaft im Armdrücken. Die Sportler machten einen glücklichen Eindruck, wahrscheinlich durch das Reisen. Ich bat sie um ein Foto und sie stellten sich zu einer Gruppe in Superhelden-Posen auf. Sie erzählten mir von ihren Triumphen, schauten mir in die Augen, waren stolz. Was für ein Glück! Ich habe eine Kamera und mit ihr kann ich irgendeinen Fremden am Flughafen von Santiago fragen, ob er mir seinen Bizeps zeigen mag. Wegen meiner Kamera rufen mich die schönsten Frauen an und sagen: „Hey Autumn, ich fühle mich momentan top und finde, ich sehe heiß aus, wollen wir nicht zusammen ein paar Fotos machen? Ich bringe noch ein paar Freundinnen mit.“

Fünf Minuten später steht die Frau, die du kaum kennst, vor deiner Tür. Dann reibt sie sich, nur mit einem Höschen bekleidet, an deinem grauen Schaffellteppich, der nur für diesen Zweck gekauft wurde. Ihre Freundin steht halb nackt in deinem Badezimmer und trägt Lippenstift auf. Meine Kamera macht diese Frauen zu meinen Frauen. Sie macht ihre Welt zu meiner Welt. Jede Wohnung, die ich für ein paar Tage miete, in Städten, die ich noch nie zuvor besucht habe, wird in diesem Moment zu meinem Zuhause. Mein Haus ist die Haut dieser Frauen, meine Heimat ist ihr Schoß, meine Heimat ist ein entfernter Berg, meine Heimat ist die Stadt zu unseren Füßen. Liebe Grüße, Autumn

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VON THORSTEN TIMM*

DIE KUNST, SICH UNAUFFÄLLIG AUFZULÖSEN Foto // DWerner/photocase.com

IN MEINEM KELLER STEHEN – NEBEN DEN GANZEN DINGEN, DEREN TÄG­ LICHEN ANBLICK ICH NICHT ERTRAGE, VON DENEN ICH MICH ABER NICHT ENDGÜLTIG TRENNEN MÖCHTE, UND DEN GANZEN PRAKTISCHEN SACHEN, DIE MAN SO BRAUCHT, UM HAUS, GARTEN UND FAMILIE ZU UNTER­­­­­­HALTEN – NOCH ZWEI UMZUGSKISTEN VON E ­ INEM SCHULFREUND.

Sie sind mit „Sebastian 1“ und „Sebastian 2“ beschriftet. Ein paar Mal sind sie inzwischen mit mir umgezogen, haben etwas gelitten, die Kanten mit jeder Menge Paketklebeband geschient, „Sebastian 1“ etwas feucht geworden, stehen sie ordentlich übereinander, wie versprochen. Die Kisten hat Sebastian damals bei mir untergestellt, als er nach dem Studium auf Weltreise gegangen ist. Er hatte seine Studentenbude aufgelöst, die spärlichen Möbel verkauft, Krempel weggeworfen seinen Rucksack gepackt. Ein paar Sachen sind übrig geblieben, sie waren ihm wohl zu sehr ans Herz gewachsen, um sie wegzuwerfen, aber nicht geeignet, um sie mitzunehmen. Diese Dinge füllen die zwei Kisten. Was drin ist, weiß ich nicht. Gestern bekomme ich von Sebastian eine E-Mail: Hi Thorsten, ich habe die „100 Thing Challenge“ angenommen, das heißt, ich will meinen Besitz auf 100 Dinge beschränken. Bitte entsorge die Kisten, die noch bei dir im Keller stehen. Dann bin ich bei 97. Du hast sie doch aufbewahrt, oder? Wär das nicht auch was für dich? Grüße, Sebastian Streber! Für mich? Ich denke kurz darüber nach, die E-Mail meinen Eltern weiterzuleiten. Wenn ich daran denke, ihre Wohnung irgendwann einmal auflösen zu müssen, wird mir

KOLUMNE

LEBENSPLANUNG

schwarz vor Augen. Sollten sie noch ein paar Jahre durchhalten, könnte man sich überlegen, ob man nicht vorsichtshalber vorher ablebt, das würde eine Menge Mühen ersparen. Das bringt mich auf den Gedanken, was man seiner Nachwelt denn als Hinterlassenschaft so zumuten kann. Freut sich da irgendein Erbe über ein Sammelsurium von Spezialschrauben, die ich aus kaputten Waschmaschinen, Staubsaugern und Co. ausgebaut habe (man weiß ja nie, ob man die nochmal braucht) oder ist das nur Ballast? Und wenn ich noch schnell ein kleines Neuschwanstein baue, eine „Mondscheinsonate“ komponiere, ein „Buddenbrooks“ schreibe? Wenn ich also etwas wirklich

*THORSTEN TIMM (46) muss dieses Jahr noch umziehen, vielleicht haben die Nachfahren Glück und er trennt sich von der ein oder anderen Kiste.

Großartiges hinterlasse, verzeiht man mir dann die lückenlose TRIP-Magazin-Sammlung? Die Ho-Chi-Minh-Büste auf meinem Schreibtisch lächelt süffisant. Ja, ihr Kommunisten tut euch leicht! Alles Volkseigentum ... Fehlt nur noch ein fettleibiger Buddha, der etwas von „Hinterlasse nichts als die Ringe deiner Paddel im Wasser“ faselt. Ich stehe stolz zu meinem Gerümpel und ich bin ziemlich gespannt, welche Schätze die zwei Kisten bereithalten. Vielleicht, liebe Nachwelt, wird sich in meinen Kisten ja doch noch ein unveröffentlichtes Romanmanuskript finden. Und für den Rest gibt es eBay.

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Impressum TRIP erscheint vierteljährlich in der Terra Oceanis Verlags GmbH & Co. KG in Kooperation mit der Pracima­media GmbH und wird über ausgewählte Pressefach­geschäfte sowie den Bahnhofsbuchhandel und Flughäfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertrieben.

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Ben Bernschneider, Quincy Dein, Jimmi Hepp, Tim McKenna, Niccolo Porcella, Érika de Faria, Andrew Biraj, Claudia Diaz, Juan Oliphant, Simon Schumacher, Nils Lackner, Balthasar Ress, Autumn Sonnichsen, Daniel Esswein

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2190-1171

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TRIP BRASIL Editor Paulo Lima, Diretor

Superintendente Carlos Sarli, Editorial Diretor Fernando Luna, Diretor Financiero Agenor S. dos Santos, Diretora de Publicidade e Circulação Isabel Borba, Diretora de Projetos Especiais e Eventos Proprietários Ana Paula Wehba, Diretora de Criação Ciça Pinheiro www.tripeditora.com.br

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Im Terra Oceanis Verlag erscheinen folgende Titel:

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3/2013

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4/2015


VON MIKE ZIEGLER*

FÜNF WAHRHEITEN ÜBER DEN WEIBLICHEN ORGASMUS

Wenn du eine halbwegs gutgehende Kneipe betreibst, mit vielen weiblichen Stammgästen, wirst du – ob du willst oder nicht – schnell zum Experten in Sachen Sex. Insbesondere wenn die Mädels mit ihren „besten“ Freundinnen unterwegs sind. Nach dem Austausch über Stutenbissigkeiten und MobbingAktionen am Arbeitsplatz wird üblicherweise hingebungsvoll der aktuelle Beziehungstatus durchgekaut. Und je mehr die Damen im Tee haben, desto deftiger geht es zur Sache. Spätestens nach der vierten Runde werde ich auch gern mal als Experte für männliches Paarungsverhalten einbezogen nach dem Motto: „He Mike, warum machen sich die Kerle eigentlich so viel aus Analsex?“ „Das musst du deinen hammermäßigen Knackarsch fragen, Herzchen“, sage ich dann. Damit komme ich in der Regel am besten durch. Nach dem, was man so aufschnappt beim Getränkebringen, halten sich die meisten für ziemliche Sexbomben und verzeichnen endlos serielle Orgasmen. Das Gegenteil ist wahr. Oft genug bleibt nach Geschäftsschluss eine bei mir hängen, heult sich aus und will in der Kiste getröstet werden. Dabei zeigt sich, dass es den Mädels weniger um den tatsächlichen Höhepunkt, als vielmehr um die Show geht. Ziel des ganzen Gestöhnes und Augenverdrehens ist die empfangene Aufmerksamkeit aus Gründen der Selbstbestätigung. Frauen legen großen Wert auf Dramaturgie. Sie wollen dich ordentlich abspritzen sehen. Das ist ihnen der sichtbare Beweis, dass sie „gut“ waren im Bett.

KOLUMNE

LIEBESLEBEN

Foto // pixx/photocase.com

VIELE MÄNNER HABEN EINEN FAST ZWANGHAFTEN EHRGEIZ, IHRE BETTGEFÄHRTIN ZUM HÖHEPUNKT ZU BRINGEN. DIE MÜHE IST LEIDER OFT VERGEBLICH.

Dazu passen die Ergebnisse einer Studie der Webcam-Plattform CAM4. Die Forscher wollen herausgefunden haben, dass nur drei Prozent der deutschen Frauen täglich zum Orgasmus kommen. Nicht der Verkehr, sondern die Masturbation sei für 83 Prozent der deutschen Frauen die häufigste Methode, den Orgasmus zu erreichen, gefolgt von 71 Prozent durch vaginale Stimulation mit der Hand, 70 Prozent durch Oralverkehr, 61 Prozent durch Vaginalverkehr und ganz unten auf der Skala Analverkehr, welcher für weniger als 30 Prozent der Frauen regelmäßig zum Orgasmus führte. Das ist kein neues Phänomen. Die Komplexität der weiblichen Psyche und damit auch die des weiblichen Orgasmus haben schon ganze Generationen von Sexualforschern mehr oder

*MIKE ZIEGLER, verdient sein Geld als Gastronom und ist in seiner Kneipe immer wieder dem ungestillten Liebeshunger weiblicher Gäste ausgesetzt.

weniger ergebnislos zu durchdringen versucht. Rein mechanische Anstrengungen, die den Akt mehr oder minder zu einer Art Ausdauersport machen, bieten genauso wenig verlässlichen Erfolg wie der Einsatz komplexer Liebestechniken, Stichwort G-PunktMassage. Anders als bei den Männern sitzt bei den Frauen das Lustzentrum im Kopf. Die Klitoris ist, wenn man so will, nur das Übertragungsrelais.

Die erfolgreichsten Liebhaber sind die, die geistvoll unterhalten können und später, wenn es so weit ist, glaubwürdigen Dirty-Talk beherrschen (loben, loben, loben). Frauen sind Wesen, die durch den Druck der Mütter („Wann triffst du denn endlich mal den Richtigen ?“) und einen überbordenden beruflichen Ehrgeiz ihrer weiblichen Identität beraubt wurden und den lieben langen Tag mit ihren Hosenanzügen zeigen wollen, das es keinen Unterschied gibt zwischen Mann und Frau in einer Welt voller Unisex-Toilettentüren, gendergerechten Spielplätzen, Doppelnamen und Ampelweibchen. Da hilft nur noch die weiche Macht der Überzeugungskraft. Spendierhosen tragen, die Mädels nur so lange bürsten, wie es Spaß macht, und niemals fragen: Bist du gekommen? Ein echter Kerl spürt so was.

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