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W W W. T R I P M A G A Z I N . D E

 MINDSTYLE  MAGAZINE  

EXTREM DÜNNE LUFT UND TROCKENER POWDER: HELI-BOARDEN IM HOCHGEBIRGE KIRGISTANS

ERFOLGREICH TILL BRÖNNER: DEUTSCHLANDS BEKANNTESTER BLECHBLÄSER WECHSELT TROMPETE GEGEN KAMERA

Ausgabe 21 21 4 191860 404803

4,80 EURO

Österreich 5,50 Euro Schweiz 10 SFR Benelux 5,50 Euro Italien/Spanien/Portugal (cont.) 6,50 Euro

SCHÖN

230 Jahre Surfgeschichte im Spannungsfeld zwischen Romantik und Moderne

SCHARF

TRIP Girl: Profi-Skaterin Leticia Bufoni zeigt sich von ihrer sinnlichen Seite Über das Leben und Sterben im düsteren Tunnellabyrinth der Wüstenstadt Las Vegas

SCHO NUNGS LOS


Firmenauto des Jahres 2015 Obere Mittelklasse GESAMTSIEGER

MASERATI GHIBLI DIESEL. AB 65.380 €* DER MASERATI GHIBLI – AUCH MIT INTELLIGENTEM Q4 ALLRADSYSTEM ERHÄLTLICH • 3-Liter-V6-Motor mit 202 kw (275 PS) und einzigartigem Maserati-Sound • Maximale Effizienz mit nur 5,9 l kombiniertem Verbrauch • Umfangreiche Ausstattung mit individuellen Optionen • Ausgezeichnet als Deutschlands Firmenauto des Jahres 2015 KRAFTSTOFFVERBRAUCH (L/100 KM): INNERORTS 7,7 / AUßERORTS 4,9 / KOMBINIERT 5,9 – CO2-EMISSION: KOMBINIERT 158 G/KM - EFFIZIENZKLASSE B – ERMITTELT NACH EG-RICHTLINIE 1999/94/EG * Unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers inkl. 19 % MwSt., zzgl. Überführungskosten. Informationen zu Finanzierungsmöglichkeiten und Preisen erhalten Sie bei Ihrem Maserati Vertragspartner.

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editorial

INTUITION UND VERSTAND W

ollte man die Intuition physisch einkreisen, befindet sich diese im Solarplexus, jenem komplexen Nervengeflecht rund um Magen und Darm. Der Solarplexus ist unmittelbar mit dem Gehirn verbunden. Bestimmte Entscheidungen, nämlich die intuitiven, treffen wir hier. Mit diesem Bauchgefühl überlassen wir uns dem inneren Kompass, vertrauen auf einen umfassenden universellen Geist, der uns überall und immer führt. Wir fühlen, wann etwas gut und richtig ist, ohne langes Nachdenken und Abwägen. Gerade im Boardsport kommt man ohne ein gut funktionierendes, verlässliches Bauchgehirn nicht aus. Die innere Stimme navigiert, nimmt sämtliche Einflussfaktoren wahr. Sie sagt, was zu tun ist, und bringt uns, wenn wir ihr folgen, zumeist sicher ans Ziel. Wer mit dem Skateboard, Surfboard oder Freeride-Ski unterwegs ist, kennt dieses Phänomen. Bei der Suche nach Adrenalin bilden das perfekte Zusammenspiel des gut trainierten Körpers mit seinen schnellen Reflexen und technisches Können eine wichtige Grundlage. Aber es ist die Intuition, die uns diese Fähigkeiten erst richtig einsetzen lässt.

Leticia Bufoni, die zu den besten Skaterinnen der Welt zählt und die wir in dieser Ausgabe auf ziemlich sinnliche Weise porträtieren, wird dies nur bestätigen. Ihre riskanten Tricks auf dem Rail, für die sie höchstes Ansehen in der Szene genießt, würde sie ohne ihr Bauchgefühl nicht hinbekommen. Das Gleiche gilt für den Freerider Dirk Wagener mit seinen Whitehearts, der in diesem Heft über ein atemberaubendes Skiabenteuer in Kirgistan berichtet. Und die legendären Surfer, die auf Hawaii, an den Stränden Kaliforniens und anderswo durch ihre besessene Aus­ einandersetzung mit den Gezeiten und meterhohen Brechern Geschichte schrieben, denken genauso, wie man in dem Beitrag von Florian Spieth über das gewichtigste Surfbuch aller Zeiten lesen kann. Unseren Verstand setzen wir ein, damit wir alles wissen und kontrollieren können. Das ist gut so. Gleichzeitig hält er uns aber auch davon ab, Dinge zu tun, die außerhalb unserer Komfortzone liegen. Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung brauchen immer auch ein Stück weit „Unvernunft“ und das Vertrauen darauf, dass unsere Gefühle in den verschiedenen Lebenssituationen wie Seismografen zur Einschätzung für das jeweils angemessene Handeln führen.

THOMAS GARMS, HERAUSGEBER 3


INHALT THEMENSCHWERPUNKT

BOARDSPORT SINNSUCHE, ADRENALINKICK UND SCHLÜSSEL ZU GRENZENLOSER FREIHEIT

70 HELI-BOARDEN IM KIRGISISCHEN HOCHGEBIRGE

06 GENREWECHSEL Deutschlands Chefentdecker in Sachen Jazz tauscht Trompete gegen Leica M.

26 KAMPF GEGEN KLISCHEES

38 KEHRSEITE DES NEONLICHTS

Leticia Bufoni hat als weltbeste Skaterin Karriere Das Leben im unterirdischen Parallel­ gemacht. Für TRIP zeigt sie ihre sinnliche Seite. universum der Spielerstadt Las Vegas.

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FOTOS INHALTSSEITE // DIRK WAGENER, ALI KEPENEK, ATUMN SONNICHSEN, DANNY MOLLOHAN, ED FREEMAN, JELLE MOLLEMA

An Bord eines russischen MI-8 MTV hat sich eine Gruppe wagemutiger Boardsportler auf die Suche nach jungfräulichen Hängen und trockenem Powder gemacht.


STORYS AUS SÜDAMERIKA, DEUTSCHLAND, NORDAMERIKA, DEN NIEDERLANDEN, KIRGISTAN, ITALIEN, UNGARN, ENGLAND UND VON DEN WELTMEEREN

14 PARADE

50 230 JAHRE SURFEN Jim Heimann bündelt die Geschichte des Surfens auf einzigartige Weise in einem sieben Kilogramm schweren, 600 Seiten umfassenden Coffee Table Book.

> 14 News und Tipps Technik und Lifestyle > 16 Stichprobe Dotwork > 18 Mode Brillenkult > 20 Die bessere Wahl Schweinekotelett > 22 Ladys Sexy Maltherapie und der Wunsch nach Sauber­ männern > 23 Barkeeper Wissenswertes aus der Welt der Spirituosen > 24 Rituale Fremdessen

36 JUKEBOX Lippen gelten als das lustvollste Organ des Menschen und sind unter Designern damit äußerst beliebt.

46 URÄNGSTE UND BLATTGOLD William Rosewoods verleiht seltenen Tierschädeln eine glanzvolle Erscheinung.

66 MARSIANER Wie das zukünftige Leben auf dem Roten Planet aussehen könnte.

82 EDLE KURVEN Italienische Eleganz vereint mit Supersound: der Ferrari California T Handling.

88 STILBRUCH Champagner und Burger: Zulässig ist, was der individuelle Geschmack erlaubt.

92 OFENFRISCH UND VERFÜHRERISCH

Die urigsten und traditionsreichsten Pizzashops New Yorks.

96 SINNLICHE MOMENTE Zarte Haut und Seidenwäsche im verträumten Budapest.

113 IMPRESSUM 104 GENTLEMENLIKE The Savoy in London ist die erste Adresse für Liebhaber von Luxus und dem Glanz vergangener Epochen.

110 KOLUMNEN > 110 Das Leben, das ich immer wollte Autumn Sonnichsen über Glück und Sehnsüchte > 112 Schlaraffenland Thorsten Timm und die Begegnung mit einem kleinen grünen Männchen > 114 Von Römern und Wikingern Mike Ziegler teilt unsere Gesellschaft anhand von Äußerlichkeiten ein.

TITELFOTO // AUTUMN SONNICHSEN

60 KULTIGER RÜCKZUGSORT Die Bastardbarbiere von Rotterdam mischen eine bärtige Tradition mit einer sehr individuellen Auslegung von Stil.

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Till Brönner mit seiner Leica M, der LouisVuitton-Handtasche des Mannes, sexy, klein, minimalistisch.

TEXT MARTIN HÄUSLER FOTOS TILL BRÖNNER

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DIE SCHWARZEN SEITEN

Arrangeur des Göttlichen

W

AUF DEM GIPFEL SEINER KARRIERE BIEGT DER JAZZTROMPETER TILL BRÖNNER AB UND EROBERT DAS TERRAIN DER FOTOGRAFIE – UM AUCH HIER DEN MOMENT ZUR KUNST ZU ERHEBEN.

Wenige Meter von der Hamburger An die zweieinhalb Minuten unter der Hafenkante entfernt, unmittelbar vor Rotbuche erinnert sich Till Brönner dem Verlagshaus von Gruner + Jahr, noch heute, wenn er über sein fotografisches Erweckungserlebnis sprechen wächst eine wunderschöne Rotbuche. soll, über den Moment, der ihm solchen Vor ziemlich genau 20 Jahren steht Respekt einflößte vor der Kunst mit unter diesem Baum Till Brönner. Jim der Kamera. Inzwischen hat auch er Rakete hat ihn darum gebeten: „Stell immer eine dabei, eine Leica M, die dich da hin und lass mich machen!“ Louis-­Vuitton-Handtasche des Mannes, Nicht mehr als zweieinhalb Minuten sexy, klein, minimalistisch und – im fotografiert der Altmeister mit seiner Gegensatz zu Jim Rakete – digital. reduzierten Analogausstattung den „Mittlerweile ist mir das Fotografieren jungen Trompeter, aber die kurze fast so wichtig wie die Musik. Das hätte Zeit reicht aus, um Brönner eine ich nie erwartet“, sagt Till Brönner, der Woche später staunen zu lassen. Auf nach seinem 16. Jazzalbum vor Kurzem den Abzügen sieht er nicht mehr das seinen ersten Bildband mit Künstlerporjungenhafte Wunderkind, sondern einen Mann, der hart dafür gearbeitet hat, träts herausgebracht hat und mit einer bereits mit 25 Jahren sein viertes Album Fotoausstellung in der Hamburger Galerie Jenny Falckenberg für respektvolle vorzulegen. Bisher war Till Brönner immer enttäuscht gewesen von den Reaktionen sorgte. „Es ist eine künstlerische Tätigkeit, die mir eine ganz andere Bildern, die die sogenannten Promi­ Seite abverlangt. Ich hätte nie gedacht, fotografen von ihm gemacht hatten. welche Wirkung die Fotografie einmal Jim Rakete ändert das. Seine Brönnerauf mich ausüben könnte.“ Fotos werden überall gedruckt.

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Porträt des Schriftstellers Benjamin von Stuckrad-Barre.

Dabei ist das Arbeiten mit der Kamera radikal anders als das mit der Trompete. Hier die geschützte Ruhe beim Schuss, der Rückzug und die bedachte Auswahl der Motive, dort die völlig ungeschützte Erschaffung des Kunstwerks in dem einen entscheidenden Moment vor den Augen und Ohren aller. Der grobe Unterschied äußert sich bei Till Brönner vor allem im Druckempfinden. „Bei einer Vernissage kann ich mich total entspannen, weil alles fertig ist und ich es nicht mehr ändern kann. Vor einem Livekonzert bin ich immer nervös, weil ich gleich etwas machen muss, von dem ich nicht weiß, wie es werden wird, aber alle dabei zuschauen. Das ist ein völlig anderer Stresslevel.“

Nach seinem bereits 16. Jazzalbum brachte Brönner vor Kurzem seinen ersten Bildband mit Künstlerporträts heraus.

FOTO // ANDREAS BITESNICH

DIE SCHWARZEN SEITEN

Doch bei aller Wertschätzung für sein junges fotografisches Werk muss an dieser Stelle gesagt werden: Egal was, wen und wie Till Brönner zukünftig auch knipsen wird, er wird immer als der Ausnahmetrompeter in den Anthologien geführt werden, einer der ganz wenigen deutschen Blechbläser, die es in die Hall of Fame des Weltjazz geschafft haben, und der deshalb gerade neben Giganten wie Herbie Hancock, Al Jarreau und Aretha Franklin zum International Jazz Day ins Weiße Haus geladen wurde, um den Jazz „als einziges amerikanisches Kulturgut“ (Barack Obama) hochleben zu lassen. Auch einen Bildband hinzulegen, sagt Brönner, sei anstrengender gewesen, als er vorher gedacht hatte. „Ich habe das unterschätzt. Gut, dass ich vorher nicht gewusst habe, wie viel Arbeit das ist, sonst hätte ich das neben meinen musikalischen Verpflichtungen wahrscheinlich nicht machen wollen.“ Der Mut zum Risiko hat sich vorerst gelohnt. Und kurz nachdem die Lorbeeren vom Fotografendebüt verwelkt sind, gehen ihm schon die nächsten Abenteuer mit seiner Leica durch den Kopf. Nur überstürzen will Brönner nichts. „Ich möchte das, was von mir gezeigt wird, gezielt steuern und vorher sichergehen, dass es Relevanz hat. Mein Ideal ist nicht ein fotografierender Trompeter, sondern ein Fotograf, der nebenbei auch trompetet.“

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„ M i t t l e r we i l e ist mir das Fo t o g ra f i e re n fast so wichtig wie die Musik. Das hätte ich n i e e r wa r te t . “


„Ich war damals einem solchen FrustpoAuch für die Jazzlaufbahn des gebürtigen Vierseners hat es eine Art tenzial ausgesetzt und wusste überhaupt Erweckungserlebnis gegeben. Das nicht, was ich machen sollte. Es ging war, als der junge Brönner im Auto des nicht weiter. Ich wollte aufhören mit Bassisten seiner Schul-Big-Band Musik der Trompete. Was ich stattdessen tun von Charlie Parker hört. „Bis heute ist wollte? Ich weiß nicht, irgendetwas zwimir so etwas nicht mehr passiert. Meine schen Instrumentenbauer und Koch. Ich hatte keine Vorstellung, weil ich gleichWelt wechselte von schwarz-weiß zu zeitig noch so an der Trompete hing. bunt. Da ist der Groschen gefallen, Die Entscheidung ist mir Gott sei Dank wo die Energie steckt.“ Er hängt die erspart geblieben. Es war wirklich ,Letzte klassische Trompete an den Nagel und taucht tief ein ins Universum von Charlie Ausfahrt Brooklyn’.“ Parker, John Coltrane, Miles Davis und Malte Burba ist es, der ihn vor der LaufCo. Beim Wettbewerb „Jugend jazzt“ bahn eines Fernsehkochs bewahrt. Der trägt Brönner den Landessieg davon. Der Weg nach ganz oben scheint vorge- Frankfurter Blechblasprofessor diagnoszeichnet für den Spross einer Musitiziert bei Till Brönner eine völlig falsche kerfamilie, dessen Wurzeln bis zum Technik, etwas, was seinen ersten beiden Komponisten Franz Lachner, einem Lehrern nicht aufgefallen war. „Ohne ihn Zeitgenossen und Gegner Richard wäre ich heute nicht da, wo ich bin“, sagt Wagners, zurückreichen. Brönner, der inzwischen zusammen mit Burba an der Hochschule für Musik in Doch es kommt erst einmal anders. Dresden lehrt. „Ich musste mein System Zwar fährt Brönner erste Erfolge ein, komplett umstellen. Mir wurde bescheinigt: Wenn ich so weitermache, ist in bringt 1993 sein erstes Album auf den zehn Jahren Schluss. Dadurch habe ich Markt, aber er übt und übt und wird das Trompetespielen technisch neu geeinfach nicht besser. Schlimmer: Das lernt. Das war zwischen 20 und 25 und genaue Gegenteil ist der Fall. Er gerät ist für mich einschneidend gewesen.“ in seine bis heute größte Lebenskrise.

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Die geschützte Ruhe beim Schuss, der Rückzug und die bedachte Auswahl der Motive machen für Brönner den Unterschied zwischen seiner Fotografie und der Musik aus.


„ M u s i k i s t e t wa s , d a s d i e meisten Menschen nur a n l ä s s l i c h vo n e t wa s a n d e re m k o n s u m i e re n . “

FOTO // ANDREAS BITESNICH

Von Brönners Kamera eingefangen: Udo Lindenberg in seinem Element als Bühnenvirtuose.

Dazu muss man wissen, dass eine falso Brönner, komme einem Entzug mitzuteilen. Ist das so? Hat Musik für Till sche Technik bei Trompetern sehr weit gleich und sollte nur zusammen mit Brönner eine quasi metaphysische Dimension, die über den simplen Unterhaltungsverbreitet ist. Das Zusammenspiel von einem Fachmann durchlaufen werden. aspekt hinausgeht? Luft, Zunge und Muskulatur gerät bei „Danach merkte ich: Je mehr ich übe, ihnen so unökonomisch, dass das Gedesto besser werde ich. Vorher war es webe (beispielsweise der Lippen) überumgekehrt. Das ist bis heute so geblie- „Ganz klar, das würde ich sofort unterlastet und sich selbst sehr gute Musiker ben und eine Konstante in meinem schreiben. Ich würde sogar sagen, dass der vorzeitig ruinieren. Till Brönner ackert Leben geworden.“ unterhaltende Teil für mich der kleinere ein ganzes Jahr an seiner Rettung. „Die ist. Musik nehmen wir ja als etwas immer In der Tat hat Till Brönners Karriere Umstellung ist deshalb so schwierig, Verfügbares wahr, sodass wir den wahren seitdem einen beachtlichen Kursverlauf Wert gar nicht mehr erkennen. Ich halte die weil der Körper dem Gehirn zunächst genommen, der mit dem erwähnten anzeigt, dass sich das, was ich da Musik angesichts dessen, wie sie verwertet, Ritterschlag bei den Obamas einen gerade neu erlerne, nicht gut anfühlt“, wie sie bezahlt und wie sie konsumiert wird, erklärt Brönner. „In der Folge passieren zwischenzeitlichen Höhepunkt erreicht für unterbewertet. Musik ist etwas, das hat. Sein Spiel ist nunmehr selbstverviele Dinge, die das Trompetespielen die meisten Menschen nur anlässlich von ständlich, klingt eindringlich, appellativ, etwas anderem konsumieren. Dabei ist der geradezu verhindern: Die Stimmbänder verengen sich, der Luftstrom wird emotional, so als sei es früher vom Kopf tief sitzende, der therapeutische Teil der unterbrochen, die Treffsicherheit ist gesteuert worden und heute vom Herz viel größere Wert. Musik hat als Sprache schlecht. Man gerät in Panik, denn man bestimmt, immer getragen von der verstanden eine kommunikative Funktion. Sie bildet ein Terrain, auf dem sich klingt wie ein Anfänger.“ Diese Phase, Absicht, denen, die ihm zuhören, etwas

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DIE SCHWARZEN SEITEN

Sein Ideal ist nicht ein fotografierender Trompeter, sondern ein Fotograf, der nebenbei auch trompetet.

Menschen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, sofort verstehen. Sie ist also ein übersetzendes und integratives Element. Sie beschreibt, wühlt auf, erklärt und vereint, nicht nur die ausübenden Musiker. Ich würde sogar sagen, dass etwas Göttliches in der Musik liegt.“ Einen dieser Momente, in denen man das Göttliche in der Musik zu erkennen glaubt, erlebt Till Brönner 2003 ganz bei sich in der Nähe in Berlin Charlotten­ burg. Im „A-Trane“, dem Jazzclub der Hauptstadt, hört er Mark Murphy zu, einem der größten Jazzsänger aller Zeiten. „Wie er sich selber begleitet hat, wie er gesungen hat, es war für mich in diesem Moment klar, dass ich das in Zukunft von niemandem sonst wieder so hören werde. Das hatte eine Tiefe,

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die mir durch Mark und Bein ging. Unvergesslich.“ 2011 ist es Till Brönner noch einmal vergönnt, gemeinsam mit Murphy zu musizieren, im vergangenen Jahr stirbt der Amerikaner. Dass etwas Göttliches in der Musik steckt, hat Till Brönner – ihm selbst vermittelt das klingende Des das tiefste Wohlgefühl – schon weit vor seiner Jazzlaufbahn entdecken können. Seine Schulzeit verbringt er nicht auf einem stinknormalen Gymnasium, sondern auf dem Bonner Aloisiuskolleg, einem katholischen Jesuiteninternat. Kern der Erkenntnis ist dort weniger das Schulorchester, in dem Brönner bereits – neben Stefan Raab übrigens – die Trompete trainiert, es sind die weihrauchgeschwängerten Gottesdienste.


DIE SCHWARZEN SEITEN

FOTO // ANDREAS BITESNICH

Als einer der wenigen deutschen Blechbläser hat es Brönner in die Hall of Fame des Weltjazz geschafft.

6 4 P ro ze n t a l l e r Jazzer in Deutschland ve rd i e n e n we n i g e r a l s

„Der Katholizismus ist heute kein großer Teil meines Lebens mehr“, erklärt Till Brönner, „aber damals war ich schulbedingt häufig in der Kirche. Das Erlebnis, in einer Kirche einen richtigen Organisten zu hören, der zeitgenössisches oder klassisches Material auf der Orgel spielt, hat für mich etwas extrem Ursprüngliches. Die Kirchenorgel ist ganz nah am perfekten Instrument. Sie erzeugt Momente, in denen ich tiefe Einkehr empfinde. Das hat nur leider in meinem tatsächlichen Berufsleben überhaupt keinen Platz. Aber da könnte ich vielleicht mal drüber nachdenken …“ Brönner nebst Kirchenorgel im Kölner Dom – wird hier gerade das nächste Projekt geboren?

teil, durch seine Dozententätigkeit hat er immer Kontakt zur Basis. Dabei geht es längst nicht allein um die richtige Technik. Brönner muss sich regelmäßig mit den existenziellen Sorgen seiner jungen Studenten auseinandersetzen.

1 5 0 E u ro p ro A u f t r i t t .

Till Brönner ist jetzt 45, er hat einen Sohn, jettet jedoch „familienfeindlich“, wie er selbst sagt, um die Welt. Drei Viertel des Jahres ist er mit seiner Trompete (und neuerdings der Leica!) Seine eigene Entscheidung, es mit unterwegs. So ein Getriebener muss der Trompete bis ganz nach oben zu eine Mission haben. Allein mit der schaffen, fiel in einem Alter, als andere Liebe zu einem Instrument und einer noch an ihren Commodore-Computern Musikgattung ist so eine Hingabe nicht daddelten. Dass ihm das hehre Vorhazu erklären. Gibt es diese Mission? ben mit einer seltenen Mischung aus Ta- „Ich würde das nicht zu hoch hängen. lent, Disziplin, Glück und den richtigen Ich habe aber für mich erkannt, dass Förderern auch gelang, bezeichnet Till es ein Ziel zu geben scheint, das ich Brönner heute als „jenseits der Norm“. unterbewusst verfolge. Ich merke, dass Denn ihm entgeht nicht, dass der übermir diese Mission, auch in Momenten, wiegende Teil der Jazzmusiker am Exisin denen ich am liebsten alles hintenzminimum lebt. Ein Makel, den die schmeißen möchte, folgt. Biografisch weist mich immer wieder etwas darauf Der Aufstieg in derartige Dimensionen „Jazzstudie 2016“ einmal mehr bestätigt hin, dass ich weitermachen soll. Ich würde durchaus Sinn ergeben. Denn so hat – 64 Prozent aller Jazzer in Deutschland verdienen weniger als 150 Euro pro merkte rückblickend, dass ich immer wie Till Brönner seine Karriere gebaut Auftritt. „Und nun soll man das auch wieder auch gezwungen war, darüber hat, kann man sich eine Rückkehr in noch studieren?“, provoziert Brönner. zu sprechen, dass Jazz keine Katzendie Niederungen deutscher Berieselungsmusik nicht mehr vorstellen. Der „Viele sind bankrott, bevor es losgeht. musik ist, sondern voller Energie und Mann, der in seinen Zwanzigern sein Lebensfreude. Allein dieses Interview Es ist schwierig, das meinen StudenGeld beim RIAS-Tanzorchester verdien- ten zu vermitteln. Kunst auf der einen hier zwingt mich auf positive Weise zu te und in den Fernsehshows von Dieter Seite – wenig bis null Verdienst auf der reflektieren – für die Musik.“ Thomas Heck blasen musste, hat ausanderen. Mit 18, 19 Jahren ist das lustig. reichend Qualifikation abgeliefert, die Was aber denkt man darüber, wenn man Die Fotografien von Till Brönner sind ihn auf ewig für die Champions League 40 Jahre alt ist und eine Familie hat? Wir erhältlich über die Galerie Jenny des Jazz berechtigen. Abgehoben ist Falckenberg, Warburgstrasse 35, 20354 brauchen in Deutschland dringend ein Till Brönner deswegen nie. Im GegenHamburg www.jennyfalckenberg.com großes Zuhause für den Jazz.“

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Oben: New York, 51st and 6th.

Sinnliche Momentaufnahme: Topmodel Toni Garrn.

Jazzkünstler, Schauspieler und Stars wie Seal finden sich im fotografi­ schen Portfolio Brönners.

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NACHWUCHS­SKATER Bisher stand man vor der Wahl: entweder lässig durch die Stadt boarden oder den Kinderwagen schieben. Mit dem Longboardstroller kann man endlich beides verbinden und den Nachwuchs mit aufs Brett bekommen. Spaßige Spazierfahrt und lässiges Work-out für City-Familien. Um 599 Euro. www.quinny.de

KOSTPROBE GEFÄLLIG? 14 

Mash and Grape bietet ein Abo für handverlesene Spirituosen. Alle drei Monate kommt ein Päckchen ins Haus, in dem drei Proben enthalten sind. Wenn einer der edlen Tropfen besonders gefällt, kann man ihn zum Vorzugspreis erstehen. Das JahresAbo kostet 99 US-Dollar. www.mashandgrape.com

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KLANGKISTE Genau das Richtige für Nostalgiker und Musikliebhaber mit dem Wunsch nach dem gewissen Etwas. Die Jukebox RR2000 ist eine echte Zeitmaschine, denn sie kann nicht nur Schallplatten abspielen, sondern lässt auch die Musik von MP3-CDs, SD-Karten und USB-Sticks erklingen.­ Etwa 875 Euro. www.ricatechstore.com

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ROUTE 66 Auf den Rücksitzen kultiger amerikanischer Straßenschiffe ist schon so manche Versuchung ausgelebt geworden. Mit dem Carsofa kann man sich das AutokinoFeeling ins Haus holen. Die Repliken dieser klassischen Sitzboliden werden in Handarbeit und nach Kundenwunsch gefertigt und wecken den Wunsch, laut Bill Haley zu hören. Ab 4.950 Euro. www.americanwarehouse.de

STADTZEIT Jede Großstadt tickt anders. Mit den Designeruhren von Citybomb kann man jetzt die Skyline seiner Lieblings-City (beispielsweise Hamburg, Dresden, München, Düsseldorf, aber auch Los Angeles, Paris und weitere) in die eigenen vier Wände bringen. Besonderer Clou für noch mehr Nostalgiegefühl: Der Werkstoff ist eine aufgearbeiteten Schallplatte. Circa 40 Euro. www.citybomb.de

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Die Mischung aus Lines und Dots ergeben einen stimmigen Cocktail.

Von der Meerjungfrau bis zum Arschgeweih, Tätowierungen sind salonfähiger denn je. Doch Tattoo ist nicht gleich Tattoo. Die Technik macht das Kunstwerk.

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Dotwork gehört momentan zu den beliebtesten Techniken – und wird dabei gern und falsch mit postimpressionistischer Malerei verglichen: Der sogenannte Pointillismus bezeichnet eine Richtung der bildenden Kunst, die im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre Blütezeit fand. Bedeutende Maler wie Georges Seurat und Paul Signac entwickelten ihre ganz eigene Technik. Sie setzten die Farbe Punkt an Punkt – und ihre Werke entfalteten erst mit einigem Abstand betrachtet ihre volle Wirkung.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Nadelarbeiten, die im Dotwork-Stil ausgeführt werden. Doch während die pointilistische Malerei mit der Wechselwirkung der zahlreichen ungemischt nebeneinander aufgetragenen Farben spielt, bedient sich der klassische DotworkArtist meist ausschließlich schwarzer Tinte. Sie wird zum Teil in Handarbeit oder mit der Maschine unter die Haut gebracht.

Ein Herz für Farbe und Punkte ...

TEXT ALEXANDRA DINTER TATTOOS UND FOTOS PEDI, BUBBLEGUM ART TATTOO, HAMBURG

STICHPROBE

„ICH MAG ES GERN AUCH MAL SKIZZENHAFT, KLECKSIG UND ‚SCHMUTZIG‘. IRGENDWANN HABE ICH ANGEFANGEN, DIESEN STIL MIT DOTWORK ZU KOMBINIEREN.“ (PEDI, BUBBLEGUM ART TATTOO)

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Punkt um Punkt ein kleines Kunstwerk.

Die handwerkliche Arbeit des Tätowierers ist also sehr viel treffender mit der eines Grafikers oder Kupferstechers zu vergleichen: Sie arbeiten mit Schraffuren, um Grau- oder Farbwerte und Schattierungen darzustellen. Mit dieser grafischen Technik sind unterschiedlichste Motive umsetzbar: Realistisches – in klassischbildnerischer Stechermanier – oder Ornamentales. Gern in Kombination mit einer Kontrastfarbe oder Linework – oder gar anderen Techniken. Im Grunde verhält es sich mit dem Tätowieren wie mit jeder anderen Form der Kunst: Sobald man beginnt, Regeln aufzustellen und Darstellungsnormen zu bestimmen, kommt ein Künstler, der sie bricht. Punkt.


DER KULTLOOK DER STARS

RAY-BAN IST DIE WOHL MEISTGETRAGENE UND BEKANNTESTE SONNENBRILLENMARKE DER WELT. ZU RECHT.

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A

ls in den 1930er-Jahren das Fliegen aufkam, kamen bald Klagen von Piloten, die im Cockpit von der grellen Sonne geblendet wurden. Um dem entgegenzuwirken, entstand die erste Brille mit grünen Gläsern. Sie hielt die unliebsamen Sonnenstrahlen ab und erlaubte einen störungsfreien Flug. Dies war der Anfang von Ray-Ban (übersetzt etwa „Strahlenabhalter“). Das erste Modell, die Ray-Ban Aviator, erschien 1937 zuerst mit Kunststoffgestell, im Jahr drauf dann auch mit einer Metallfassung. Das Produkt war ein Erfolg und in den Folgejahren wurde das Segment praktischer Sehhilfen für besondere Situationen um zwei Modelle erweitert.

Egal ob Madonna oder Jack Nicolson – kein Star kommt ohne eine Ray-Ban aus.

TEXT NIELS-GERRIT HORZ

MODE


RAY-BAN IST DAS SYMBOL EINES JUNGEN UND MODERNEN LEBENSGEFÜHLS. MIT DER SONNENBRILLE VERBINDET SICH SEITHER EIN MYTHOS.

ist das Kernstück eines trendigen Looks. Sie hilft, wenn man gesehen, aber nicht erkannt werden will. Sie ist zeitlos und stilbewusst. So ist es auch kein Widerspruch, wenn sie sowohl von Seinen endgültigen Durchbruch hatte harten Draufgängern, wie Peter Fonda in Ray-Ban in den 50er-Jahren. Nach „Easy Rider“ (1969) oder Clint Eastwood dem Zweiten Weltkrieg bildete sich in „Dirty Harry“ (1971), als auch eine neue Jugendkultur aus, die vom glamourösen Sexsymbolen wie Marylin schlichten und gradlinigen Look der Monroe getragen werden. Auch in T-Shirts und Jeans und den starken späteren Jahren ist Ray-Ban die Marke, Bildern des Hollywood-Kinos beeinflusst die Legenden schreibt: Unvergesslich war. Die Leinwandikonen dieser Zeit ist der lässige Look der „Blues Brothers“ trugen in ihren Paraderollen Ray-Banin den 80ern oder die coole Eleganz Brillen. Egal ob James Dean in „Denn der „Men in Black“ am Ende der 90er. sie wissen nicht, was sie tun …“ von 1955 Ray-Ban ist eine konstante Größe. Jede oder Audrey Hepburn in „Frühstück Generation erinnert sich an ihr Modell, bei Tiffany“ von 1961: Ray-Ban ist das an ihren Star mit dunklen Gläsern. Symbol eines jungen und modernen www.ray-ban.com Lebensgefühls. Mit der Sonnenbrille verbindet sich seither ein Mythos. Sie

John F. Kennedy galt als frischer Wind der US-Politik, auch er zeigte sich lässig mit seiner Ray-Ban.

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DIE BESSERE WAHL

SCHWEINEKOTELETT

Das Schweinekotelett, auch Kotelettstrang genannt, befindet sich beiderseits der Wirbelsäule und reicht bis hin zur Hinterkeule. Die vorderen Koteletts werden Stielkotelett genannt und sind besonders fettarm. Nackenkoteletts haben einen kleinen circa drei Zentimeter großen Knochen und sind fettdurchzogen, das macht das Fleisch im Gegensatz zum Stielkotelett saftiger und schmackhafter.

 HALTBARKEIT  Im Kühlschrank bleibt das Kotelett bis zu drei Tage frisch.

 FARBE  Schweinefleisch ist in der Regel

Eingelegt ist es auch länger haltbar.

rosa bis hellrot und das sichtbare Fett weiß und matt. Ist Letzteres gelblich, lässt das auf eine Mastzucht und übermäßigen Maiskonsum schließen. Bräunliches Fleisch weist auf eine längere Lagerdauer hin.

 FLEISCH  Das Kotelett sollte leicht fettdurchzogen und weder trocken noch feucht sein. Schmieriges beziehungsweise klebriges Fleisch mit hohem Fettgehalt sind keine gute Wahl. Darüberhinaus ist sicher, dass wässriges Fleisch beim Braten trocken und zäh wird.

 STRUKTUR  Für eine zarte Fleischqualität ist es wichtig, dass das Kotelett feinfaserig ist und eine matte Oberflä-

 GERUCH  Riecht das Fleisch neutral

che hat. Trockene Schnittflächen und

bis leicht süßlich, kann es bedenkenlos

Ränder mit einer groben Maserung

verzehrt werden. Bei Stall- oder Tiergeruch

sind Anzeichen für schlechtere Qualität.

sollte das Fleisch nicht gekauft werden.

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FOTO // PVICUSHKA/PHOTOCASE.COM

TEXT SARAH ZAHORSKY


DAS NEUE RANGE ROVER EVOQUE CABRIOLET

WILD THING landrover.de

Land Rover präsentiert das erste Premium-Kompakt-SUV-Cabriolet der Welt. Dank seines InControl Touch Pro Infotainment-Systems und innovativer Technologien wie Terrain Response ist das neue Range Rover Evoque Cabriolet bestens für den urbanen Lebensraum gerüstet. Vereinbaren Sie jetzt eine Probefahrt und erobern Sie den Großstadtdschungel.


LADYS

BLUMENBOTE

Frauen lieben Blumen – und kleine Aufmerksamkeiten befeuern die Liebe. Doch Blumen sind nicht gleich Blumen. Ein Strauß von der Tanke oder aus dem Supermarkt weckt eher selten Begeisterungsstürme. Ganz anders die Kreativbouquets von Bloomon, die in der Größe der Wahl (S, M oder L) via Kurier direkt vom Feld zur Angebeteten geliefert werden. Im FrischeAbo ab 23,95 Euro. www.bloomon.de

MALTHERAPIE

SAUBERMANN 22 

Wie wichtig ist Sauberkeit in der Beziehung? Sehr! Laut Umfrageergebnis einer deutschen Partnerbörse geben 30 Prozent der Frauen nach einem schmuddeligen Auftritt beim ersten Date keine zweite Chance. Und Domizil vor dem ersten Kennenlernen einer gründlichen jede Fünfte hat aus Hygienegründen bereits Reinigung unterziehen. Der saubere Zustand des Bads wird schon einmal eine Beziehung beendet. Gut, dabei als viel wichtiger empfunden als der des Schlafzimmers, dass immerhin 81 Prozent der Männer ihr wo mangelnde Reinlichkeit nur für fünf Prozent der Damen ein absolutes No-Go ist – hier darf es also schmutziger zugehen.

QUELLE: EDARLING

Kritzeln entspannt. Doch Mandalas ausmalen ist leider wenig sexy. Ganz anders das Malbuch „Fill Me In“. Die insgesamt 20 vom Kamasutra inspirierten Illustrationen wurden mit einem Augenzwinkern in moderne Form gebracht. Das erste echte Ausmalbuch für Erwachsene mit der besonderen Portion Sexyness. Etwa 20 Euro. www.fillmein.co.uk


BARKEEPER

EDLE TROPFEN AUS DEM LAND ZWISCHEN DEN MEEREN

WISSENSWERTES AUS DER WELT DER SPIRITUOSEN

Genuss mit Tradition: Kyle’s Club verbindet Moderne und Historie in urigen Flaschen.

Der Name Kyle’s Club hat seinen Ursprung nicht in der englischen Sprache, wie man vielleicht im ersten Moment vermuten würde. Vielmehr entspringt er einer Huldigung an die ehemalige Hansestadt Kiel, die früher unter dem Namen „Kyle“ bekannt war und sich im Handel sowie der Veredelung von Spirituosen verdient machte. Nach überlieferten Rezepturen werden die PremiumBrände von Kyle’s Club dort in liebevoller Handarbeit in der eigenen Produktionsstätte abgefüllt. Bei der Herstellung der kleinen „Batches“ werden höchste Qualitätsstandards angesetzt und nur exzellente Ingredienzien genutzt.

Kyle’s Club Rum – Dieser karibische Vertreter schöpft seinen harmonischen Charakter aus der Lagerung in Eichenfässern. Eine traditionsbewusste Note rundet ihn mit feiner, blumiger Nase ab. Ideal genießen lässt sich die sensorische Vielfalt bei Zimmertemperatur, aber auch als Longdrink ist der Kyle’s Club Rum nicht zu verachten. Kyle’s Club Vodka – Aus reinem Weizenfeindestillat hergestellt präsentiert sich dieser Vodka herrlich mild und klar. Die extra feine Filtration verleiht eine Samtigkeit, die gerade im puren Genuss zum Vorschein kommt. Aber auch für neue Cocktailkreationen ist der Kyle’s Club Vodka ein Hit. Kyle’s Club Gin – Es gilt als schwer, einen Gin zu produzieren, der sich den traditionellen Wachholderaromen hingibt, gleichzeitig aber auch seine ganz eigene Note durchsetzt. Das Erfolgsrezept von Kyle’s Club: Lemongrass als Akzentgeber. So versprüht der Gin einerseits eine milde Zitrusfrische, erhält auf der anderen Seite aber auch eine tolle Würzigkeit. Gerade im Finish ist er trotzdem schön trocken abgerundet.

Kyle’s Club Rum 12 Years – Der zwölf Jahre gereifte Rum ist ein Hochgenuss für jeden Feinschmecker. In ehemaligen BourbonFässern aus amerikanischer Weißeiche gereift, erhält er seine würzige Geschmacksnote. Der weiche Blend setzt sich aus edelsten lateinamerikanischen Original-Rumsorten zusammen. Ein Geheimtipp für Liebhaber.

Weitere Informationen unter www.kylesclub.de

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 Gewinnspiel    TRIP verlost drei Kyle’s-Club-Pakete (1x Kyle’s Club Rum 12 Years, 1x Kyle’s Club Rum, 1x Kyle’s Club Vodka, 1x Kyle’s Gin plus sechs Longdrinkgläser) Die Gewinnspielfrage: Welchem Handelsverbund gehörte die Stadt „Kyle“ an? Um teilzunehmen, einfach die richtige Antwort unter dem Stichwort „Kyle’s Club“ per E-Mail an info@t-o-v.de senden. Einsendeschluss ist der 9. September 2016. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Teilnahme ab 18 Jahren. Teilnahmebedingungen unter www.terraoceanisverlag.de/kontakt-impressum www.massvoll-geniessen.de


RITUALE

FREMD ESSEN

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Das Wie unterscheidet sich von Kultur zu Kultur jedoch stark. Die größten Fettnäpfchen, Dos and Don’ts der internationalen Essgewohnheiten. TEXT SARAH ZAHORSKY

SAUDI-ARABIEN EHRENMAHL 

 KOREA ORGELPFEIFENORDNUNG

Das Alter bestimmt in Korea die Tischordnung: Der Jüngste sitzt am nächsten an der Tür, der Älteste beginnt das Mahl. Wer vor ihm fertig ist, gilt als unhöflich, ebenso, wer quer über die Tafel langt. Steht eine Schüssel zu weit weg, isst man etwas anderes.

 SPANIEN BODENKUNDE 

FOTO // PETERPAUL/PHOTOCASE.COM

Private Essenseinladungen gelten als höchste Ehre im Königreich und werden der Sitte nach erst nach mehrfacher Wiederholung angenommen. Dann gilt: pünktlich erscheinen und Schuhe aus. Der Gast eröffnet und beendet die Mahlzeit. Nach dem Kaffee ist es Zeit zu gehen, auch wenn mehrfach darum gebeten wird, zu bleiben.

Snacken auf Spanisch: Tapas. Die beliebtesten Tapas-Bars zeichnen sich durch ihren Boden­ belag aus: Je mehr Olivenkerne und Krümel dort liegen, desto besser das Essen. Achtung beim Bestellen von Cola: Unbedingt „Coca-Cola“ ordern, „Cola“ heißt auf Spanisch „Schwanz“.

 INDIEN FINGERFOOD 

 RUSSLAND NACHSCHLAG 

 JAPAN STÄBCHENSITTE 

Aufzuessen ist in Russland nicht möglich. Sobald der Teller leer ist, wird er vom Gastgeber wieder aufgefüllt. Deswegen unbedingt einen Rest liegen lassen, wenn der Hunger gestillt ist. Beendet wird das Essen klassischerweise mit Unmengen von Vodka. Und Achtung: Was für den Teller gilt, gilt auch fürs Glas.

Serviert wird im Land der aufgehenden Sonne in Schälchen auf niedrigen Tischen. Frauen sitzen im Fersen-, Männer im Schneidersitz. Suppen schlürft man laut, für den Rest gibt es Stäbchen. Für deren Benutzung gilt: Nicht ablecken oder als Zeigestab verwenden und schon gar nicht senkrecht ins Essen stecken, das erinnert an das Ritual zu Ehren Verstorbener.

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FOTO // FULT/PHOTOCASE.COM

FOTO // MARKUS SPISKE/PHOTOCASE.COM

Gabel und Messer haben im Land der 1.000 Farben nichts auf dem Tisch zu suchen. Die Inder genießen mit allen Sinnen und benutzen Daumen, Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand. Die linke ist dagegen beim Speisen tabu, da sie zur Körperpflege genutzt wird.


Dein tag, unser Beitrag. Heute ein Kรถnig.


TRIP GIRL

Leticia Bufoni ALS SKATEBOARDERIN HAT SIE SICH MIT VIEL BISS GEGEN JEDEN WIDERSTAND AN DIE WELTSPITZE VORGEKÄMPFT. ALS TRIP GIRL ZEIGT LETICIA IHR SINNLICHES WESEN.

TEXT SARAH ZAHORSKY FOTOS AUTUMN SONNICHSEN

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S

Skateboarden ist eine Männerdomäne. Während Bilder von hübschen, zierlichen Mädels auf Longboards oder Cruisern gern für Marketingzwecke von Modelabels und Boardherstellern eingesetzt werden, um ein losgelöstes Lebensgefühl zu vermitteln, gelten im Profisport andere Regeln. Ob Street oder Park, wenn es hart zur Sache geht, Schürfwunden und Knochenbrüche zu den kalkulierten Risiken zählen, wird das weibliche Geschlecht auf dem Skateboard eher belächelt. Ein Klischee geprägtes Rollenbild, das bis heute Bestand hat. Als Rebellin, die mit dieser Stigmatisierung bricht, könnte man Leticia Bufoni bezeichnen. Auch wenn ihre Motivation zu skaten nicht in erster Linie darin begründet ist, einen Kampf für die Gleichstellung zu führen. Gegen jeden Widerstand ist sie mit ihrem Skateboard bis an die Weltspitze gerollt, hat sich Respekt erkämpft, auch den der männlichen Skater.

Seitdem hat die talentierte Skaterin eine steile Karriere eingeschlagen: Bufonis Ehrgeiz und Dickhäutigkeit verhalfen ihr vier Jahre in Folge von 2010 bis 2013 zum Street-Weltmeistertitel bei den Frauen und zu drei Goldmedaillen bei den X Games, womit sie sich deutlich von ihren Konkurrentinnen abheben konnte. Im Jahr 2013 folgte die Nominierung für den ESPY Award als weibliche Actionsportsthletin des Jahres. 2015 gewann sie nicht nur die erste SLS Nike SB Super Crown World Championship, sondern wurde mit dem Titel der besten weiblichen Skateboarderin ausgezeichnet.

Kein Geländer, kein Hindernis entgeht den prüfenden Augen dieser Frau. Ständig ist sie auf der Suche nach neuen Herausforderungen, um über sich selbst hinauszuwachsen. Ihre bisher größte war ein Ollie über 16 Treppenstufen herunter, der sie mächtig stolz macht. An einem gewöhnlichen Tag verbringt Bufoni ein bis drei Stunden im Skatepark. Ihre Spezialität sind riskante Tricks auf dem Rail, für die sie höchstes Ansehen in der Szene genießt. Verletzungen gehören für die ambitionierte Skateboarderin zum Alltag. Angst vor Schmerzen hat sie nicht. Nach ihrem schlimmsten Unfall, bei Als einziges Mädchen unter zehn Jungen lernte Bufoni dem sie sich zahlreiche Bänder zerrte und das mit neun Jahren auf den Straßen ihrer Heimatstadt São Fußgelenk auskugelte, musste sie sofort operiert Paulo – gegen den Willen ihres Vaters – das Skateboarden. werden und durfte 30 Tage lang keinen Sport Während ihre Mitschülerinnen das taten, was man von machen. Dieses einschneidende Erlebnis hindert pubertierenden Mädchen erwartet, wurde sie aufgrund sie aber nicht daran, auch weiterhin immer wieder ihrer jungenhaften Erscheinung als Lesbe bezeichnet und ans Limit zu gehen. ausgegrenzt. Der besorgte Vater unternahm alles, um seine Tochter von diesem Weg abzubringen, musste sich ihrem Dickkopf jedoch geschlagen geben. Selbst als er das Skateboard seiner Tochter zerbrach, warf sie nicht das Handtuch. Stur baute sie sich ein neues Set zusammen und brachte damit die Bemühungen ihres Vaters zum Erliegen.

STÄNDIG IST SIE AUF DER SUCHE NACH NEUEN HERAUSFORDERUNGEN, UM ÜBER SICH SELBST HINAUSZUWACHSEN.

Ein Kampf, der sich auszahlen sollte. Mit elf Jahren konnte das Nachwuchstalent bereits etliche Siege in lokalen Wettbewerben aufweisen, wodurch ein brasilianisches Bekleidungsunternehmen auf sie aufmerksam wurde und der erste Sponsorenvertrag folgte. Drei Jahre später flog die 14-Jährige zum ersten Mal mit ihrem Vater nach Kalifornien, um an den X Games in der Disziplin Street teilzunehmen. Große Erfolge blieben zunächst aus, jedoch erkannte Bufoni die Chancen, die LA für ihre Skateboardkarriere bereithielt. Somit entschied sie sich, dort zu bleiben, um ihrer Leidenschaft mit voller Konzentration nachgehen zu können.

Neben dem Skateboarden ist Surfen eines ihrer größten Hobbys. Durch die Artverwandschaft der beiden Sportarten prägte und individualisierte das Surfen ihren Skatestil. Viele Jahre lang hat sie zudem intensiv Capoeira betrieben, was zu den am weitesten verbreiteten Sportarten in Brasilien zählt. Ihre immense physische Kraft hat sie sich mit diesem akrobatischen Tanzstil angeeignet. Um sie beizubehalten, trainiert Bufoni bis zu dreimal die Woche mit einem Personal Trainer.

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TRIP GIRL

Die professionelle Skateboarderin zeigt sich fĂźr TRIP ganz privat.

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TRIP GIRL

Mithilfe eines Personal Trainers hält sie ihren Körper in Form.

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IHRE IMMENSE PHYSISCHE KRAFT HAT SIE SICH BEIM CAPOEIRA ANGEEIGNET.

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TRIP GIRL

Selten erlebt man den quirligen Adrenalinjunkie so ruhig wie hier auf dem Bild.

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2014 unterzeichnete sie einen Sponsorenvertrag mit Nike SB, was sie zu einer absoluten Ausnahmeerscheinung in der Geschichte des Skateboardens macht. Darüber hinaus wird die Brasilianerin unter anderem von Marken wie Plan B, Oakley, Nixon und TNT Energy gesponsert. Doch obwohl das Potenzial und die sportlichen Erfolge der jungen Skaterin für sich sprechen, weigern sich die großen Skateboardunternehmen, eine Frau zu sponsern. Festgefahrene Strukturen in einer im Grunde für Stilbruch und Rebellion stehenden Subkultur. Diese Tatsache einfach nur hinzunehmen liegt nicht in der Natur Bufonis.

Steht Bufoni mal nicht auf ihrem Skateboard, macht sie mit Freunden auf ihrer Harley die Straßen unsicher oder springt mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug. Die Suche nach Adrenalin bestimmt ihr Leben. Da die Harley zu schwer ist, um damit zu tricksen, hat die Powerfrau auch noch ein Dirt Bike in der Garage stehen, mit dem sie Wheelies und Sprünge macht. Skateboarden ist und bleibt allerdings ihre größte Leidenschaft, der sie auch als alte Frau noch nachgehen möchte, wenn denn die Knochen so lange halten.

Mit 21 gründet sie ihr eigenes Skateboardlabel Yeah Yeah Skateboards, was auch als öffentlicher Protest gegen die Blockadehaltung der Big Player verstanden werden kann. Sie ist der Meinung, dass es beim Skaten um den Spaß an der Sache gehen sollte und nicht darum, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Um unter Beweis zu stellen, dass durchaus auch Frauen in den radikalen Paradedisziplinen des Skateboardens ihren Mann stehen, misst sie sich im Rahmen von Wettbewerben so oft mit der männlichen Konkurrenz, wie es nur geht. Nicht selten hat das vermeintlich stärkere Geschlecht dabei das Nachsehen.

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STEHT BUFONI MAL NICHT AUF IHREM SKATEBOARD, MACHT SIE MIT FREUNDEN AUF IHRER HARLEY DIE STRASSEN UNSICHER.


Behind the Shooting

TRIP GIRL

LETICIA BUFONI ZEIGT SICH BEI AUFNAHMEN IN LOS ANGELES EXKLUSIV FÜR TRIP VON IHRER EROTISCHEN SEITE.

TEXT AUTUMN SONNICHSEN Unsere Fotos sind am einzigen Tag des Jahres entstanden, an dem Los Angeles von Hagel und einer krassen polaren Kälte heimgesucht wurde, nichts also für eine sonnenverwöhnte brasilianische Sportlerin, die – so meine Idee – leicht bekleidet auf einer Motorhaube posieren sollte. Hämatome, Narben und viele Tattoos zieren ihren Körper. Sie hat sich fast den ganzen rechten Arm tätowieren lassen. Den linken will sie „sauberer“ lassen, um ihrem Vater zu gefallen, sagt sie. Einige ihrer Tätowierungen wurden gemacht, um Narben zu bedecken, andere sind Widmungen an besondere Menschen, wie ihre beiden Neffen. „Hoffnung“ und „Glaube“ steht auf den Fingern geschrieben. S.P. und L.A., in beiden Städten ist sie zu Hause. Beide Städte sind hinter ihren beiden Ohren tätowiert – Leticia wuchs auf in Vila Matilde, São Paulo, wo sie angefangen hat zu skaten, bevor sie zehn Jahre alt wurde. Mein Lieblings-Tattoo befindet sich auf ihrer Hand: „Trouble“. Das Tattoo hat sie mit ihrer Freundin Clara Aguilar (Ex-Big-Brother-Bewohnerin in Brasilien) im Hard Rock Hotel in Las Vegas nach einer ziemlich heißen Partynacht stechen lassen. Ich lernte Leticia erst an dem Tag kennen, an dem wir für das Fotoshooting verabredet waren. Sie kam auf Krücken angehumpelt mit einem orthopädischen Stiefel am linken Fuß, den sie sich während einer Skate-Session für den Internet-Channel „The Berrics“ verstaucht hatte. Sie konnte kaum gehen und hatte Schmerzen beim Stehen, der Knöchel sah aus wie ein lila Fußball, so geschwollen war er. Aber sie ließ sich ihre Schmerzen nicht anmerken, überspielte sie mit einem breiten, tapferen Lächeln. Draußen prasselte der Regen, und so zogen wir uns ins Haus zurück. Leticia machte es sich auf einem Bett bequem und erzählte mir, dass sie derzeit ohne Freund sei, nicht einmal über eine Beziehung nachdenke, da sie zu viel reise. Dann hob sie ihren Hintern, posierte mit zerzaustem Haar, zog sich eine grüne Männerunterhose an, die sehr eng saß. Mit meiner Kamera entdeckte ich die herrliche Schönheit einer jungen, selbstbewussten Frau mit einem starken Körper. Einer Frau, die noch am Anfang ihres Lebens steht, aber bereits viel zu erzählen hat. Als endlich die Sonne rauskam, gingen wir in die Straßen von L.A., um dort weiter zu fotografieren. Trotz Krücken, verletztem Fuß und Schmerzen vibrierte ihr Körper und sie lachte. Eine lebendige Frau, bereit für das Leben. So wie wir es mögen.

Kaum zu glauben, dass die zierliche Leticia die Männer im Sport das Fürchten lehrt.

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AUSGABEN

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AUF DAS WESENTLICHE FOKUSSIERT!


LIPPEN-

BEKENNTNISSE Von Madonna über Kylie Minogue bis hin zu Rihanna greifen die Gesangsdiven tief in die Schmink­kiste, um ihre Reize hervorzuheben. Blutrot, voll und herzförmig ist das gängige Schönheitsideal und So viel Verehrung und Wiedererkenverführt als Symbol purer Sinnlichkeit zu Schwärnungswert fördert natürlich den merei – nicht umsonst heißt der Schwung der Nachahmungsquotient. Während das Oberlippe „Amor­bogen“ – und zum Kauf. Verkauft nur kurze Zeit später veröffentlichte wurde übrigens auch das original Artwork des Lippenmotiv der „Rocky Horror Picture Stones-Logos. 2008 ersteigerte es das Victoria and Show“ selbst zum Kultobjekt avancierte, Albert Museum in London – für 92.500 US-Dollar. spielen zahlreiche Plattencover der Rock- Eindeutig lohnende Mundpropaganda. branche bis heute mal mehr, mal weniger erfolgreich mit dem berühmten Vorbild. Jüngstes Beispiel: Kid Rock. Doch auch genrefremd entstehen grandiose Arbeiten, wie das Funkalbum „Wild Cherry“ aus dem Jahr 1976 eindrucksvoll beweist. In der Popmusik bedient man sich sittlicherer, aber nicht weniger einprägsamer Looks.

ROT, PRALL UND FEIN GESCHWUNGEN. DAS VIELLEICHT LUSTVOLLSTE ORGAN DES MENSCHEN IST AUCH UNTER DESIGNERN EIN DURCHAUS BELIEBTES SUJET.

TEXT ALEXANDRA DINTER

Die wahrscheinlich bekannteste Mundpartie der Musikbranche ist überhaupt kein Covermotiv, sondern ein Markenzeichen. 50 Pfund verdiente der Londoner Grafikstudent John Pasche, als er Mick Jaggers Wunsch nach einem Logo, welches auch ohne Schrift funktionieren würde, umsetzte. Inspiration war dabei die Darstellung der hinduistischen Gottheit Kali und natürlich die Physiognomie des Frontmannes selbst – und wie es funktionierte! Nachdem das „Tongue and Lip Design“ 1971 erstmals auf der Innenseite des Rolling-Stones-Albums „Sticky Fingers“ massentauglich veröffentlicht war, mauserte sich das Motiv zur Rockikone und zum Merchandise-Klassiker.

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JUKEBOX

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GESELLSCHAFT

UNTER DEM NEONLICHT

In den düsteren Tunneln von Las Vegas leben Hunderte Obdachlose in einem Paralleluniversum. Dort riskieren sie täglich ihr Leben.


FOTOS DANNY MOLLOHAN TEXT INA KRUG

Der Weg in die schillernde Welt.

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O GESELLSCHAFT

lichen Sturzfluten schützen soll. Eine Stadt unter der Stadt. Ihre Bewohner wurden eingesogen in den Rachen der schillernden Spielhöllen, wieder ausgespuckt auf den trostlosen Staub vor den Toren. Alles gewagt, alles erträumt, alles verloren.

Orange-rotes Neonlicht flackert auf dem Beton über Davids Kopf. Geschäftig verteilt er Duftspray in seinen Schuhen, stellt sie ordentlich auf den Boden und widmet sich mit einem Deoroller der Pflege seiner Achseln. Wenige Meter weiter glitzert die Attrappe der Skyline von Manhattan in der Dämmerung. Unter künstlichem Himmel gleitet zeitgleich etwas nördlicher eine Gondel durch den imitierten Canale Grande. Über David beginnt hektischer Trubel. Touristen werden mit Reisebussen angekarrt, um eines der bekanntesten Fotomotive abzulichten. Die leuchtende Schrifttafel, die verheißungsvoll verkündet: „Welcome to Fabulous Las Vegas“. Die Stadt der Superlative. Lauter, schriller, verrückter, die größten Kasinos, die größten Hotels, die wildesten Partys. Wahrlich fabelhaft. Eine Kitschwelt in der Millionen Touristen Milliarden von Dollar in die Kasinokassen spielen. Während Urlauber unter dem Leuchtzeichen posieren, ist David unter ihren Füßen damit beschäftigt, mit einer selbstgebauten Barriere die Ameisen von seinem Zuhause fernzuhalten. In einer der vielen Röhren des mehrere 100 Kilometer langen Tunnelsystem, das Las Vegas vor den gefähr-

Sin City, die Stadt der Sünde, hat ein zweites Gesicht, das keiner sehen will. Selbstmordraten, die exorbitant hoch sind, Crack-Nutten, die abgemagert auf dem Bordstein kauern, Obdachlose, die nicht geduldet werden. Einige von ihnen haben sich deshalb immer weiter zurückgezogen. In ein unauffälliges, fast unsichtbares Einsiedler­ leben. In dem finsteren Labyrinth der Tunnel haben sie sich ein Heim geschaffen. Sie haben nichts und doch mehr als andere. Ein schattenspendendes Dach über dem Kopf, während draußen in der Wüste die Hitze flimmert. „Aber letztlich sind die Abflüsse Todesfallen“, sagt der in Las Vegas wohnhafte Journalist Matthew O’Brien. Er ist zusammen mit dem Fotograf Danny Mollohan in die Unterwelt hinabgestiegen, um die Kontraste zur Glitzerwelt einzufangen. Es war eigentlich die bestialische Geschichte von T.J. Weber, die auf Matts Schreibtisch landete und ihn in die Tunnel trieb. Ein Mörder, der vor der Polizei in die Weite der Tunnel flüchtete. Matt wollte diese Unterwelt erforschen, um Webers Gefühle nachzuempfinden. Was er erwartete, waren beengte, dunkle, klaustrophobische Gänge. Was er fand, waren Menschen. „In dem Moment, als ich dem ersten Obdachlosen dort unten begegnete, wusste ich, dass ich eine Story hatte“, erzählt er. Aus den für die Erkundung geplanten Wochen wurden Jahre. Die Gefühle, die er dabei erlebt, beschreibt er als Erwartung, Angst, Hochgefühl, Müdigkeit, Einsamkeit und Bedauern darüber, je einen Fuß in dieses düstere Labyrinth gesetzt zu haben. Herausgekommen ist das Buch „Beneath the Neon – Life and Death in the Tunnels of Las Vegas“.

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Irgendwo an diesem Ort der Finsternis traf er auf David. Noch nicht ahnend, dass seiner tragischen Lebensgeschichte noch so viele andere folgen sollten. David hatte die so typische Geschichte all jener durchlebt, die in der Stadt des Glücksspiels das Unglück fanden. „Ich wusste nicht, welche Art von Menschen in diesen Abflüssen leben würde und nahm an, dass viele von ihnen psychisch krank seien oder instabil oder Verbrecher. Aber wie bei David stellte sich heraus, dass die meisten nette Leute waren, denen ich im wahrsten Sinne des Wortes am tiefsten Punkt in ihrem Leben begegnete. Viele von ihnen wurden noch nie nach ihrem Leben gefragt und nach anfänglichem Zögern öffneten sie sich mir total“, erzählt Matt. David wusste, wie man hart anpackt, hatte einst einen langjährigen Job, arbeitete mit Schwermaschinen.

SIN CITY, DIE STADT DER SÜNDE, HAT EIN ZWEITES GESICHT, DAS KEINER SEHEN WILL.


Beliebtes Fotomotiv: das Las-Vegas-Schild direkt über Davids Obdach.

Dann kam der Schicksalsschlag und alles ging bergab. Seine Mutter starb, er erbte mit einmal viel Geld. „Ich beschloss, nicht mehr zu arbeiten, und ertränkte meinen Kummer in Alkohol“, erzählte er Matt. Dann kamen Glücksspiele hinzu. Innerhalb weniger Wochen war das ganze Geld weg. „Meine Mutter hat sich selbst erhängt. Sie hat sich umgebracht. Was ich für Hoffnungen hatte? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte keine. Ich war verloren. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich war geschieden. Meine Großmutter starb. Alle Frauen aus meiner Familie waren weg.“ Der Rest seiner Verwandten weiß nicht, dass er hier lebt. Um Geld bitten, will er nicht.

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Wie viele Menschen genau in den Tunneln leben, ist ungewiss. Je nach Jahreszeit ist von bis zu 1.000 die Rede. Matt und Danny trafen auf ehemalige Soldaten, Pagen, LkwFahrer, Bauarbeiter und Geschäftsleute. Sie alle nehmen es in Kauf, in ständiger Lebensgefahr zu hausen. Regnet es in den Bergen, füllen die Sturzfluten die Tunnel in wenigen Minuten. Ein reißender Strom, der alles mit sich nimmt, was sich ihm in den Weg stellt. Eine Erfahrung, die auch David machte. Dort wo er nächtigte, wurden einst zwei Männer einfach weggespült. Manchmal, so erzählte er, höre er nachts noch ihre Schritte im Tunnel hallen. Hier unten geschehen Dinge, von denen die posierenden und knipsenden Touristen unter dem Neonlicht nichts ahnen.


GESELLSCHAFT

DASS ES KEINEN EIMER VOLL GOLD AM ENDE DES NEONREGENBOGENS GIBT, ERFUHREN MATT UND DANNY BEI JEDER EINZELNEN IHRER ZAHLREICHEN BEGEGNUNGEN.

Eddie ist hautkrebsanfällig und meidet das Sonnenlicht. So kam er in die Tunnel.

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Gary wurde schon viele Male vom Wasser überrascht und eingeschlossen.

Und auch die Probleme in den lichtdurchfluteten Seitenstraßen gehen an ihnen vorbei. Die „National Coalition for the Homeless“ bewertet Las Vegas als eine der gemeinsten Städte gegen Obdachlose in den USA. Menschen ohne Bleibe werden aus dem Park vertrieben, ihnen Essen zu spenden soll in einigen Grünanlagen sogar verboten sein. Der ehemalige Bürgermeister Oscar Goodman schlug einst vor, die wachsende Schar an Obdachlosen in eine Zitadelle in der Wüste zu verbannen. Seine Frau, die 2011 seine Nachfolge antrat, nahm diesen Vorschlag zwar nicht in ihr Programm auf, für eine Verbesserung der Situation sorgte sie allerdings auch nicht. Wie die vertriebenen und isoliert lebenden Tunnelbewohner auf einen Journalisten samt Fotografen reagieren, konnte deshalb niemand vorausahnen. „Zuerst genoss ich die Situation immer mit sehr viel Vorsicht“, berichtet Danny „Ich bin ziemlich gut darin, die Körpersprache zu lesen, aber das kann auch in die falsche Richtung gehen. Also versuchte ich, ein Gespräch zu beginnen. Während ich das tat, machte ich ein paar Schüsse aus der Hüfte. Ich habe für das gesamte Projekt eine Leica M3 benutzt, die ist unauffällig, und der Auslöser lautlos.“ Er versuchte, die Szene intim zu halten. „Ich wollte das Motiv so erfassen, als ob ich gar nicht da bin. Ich benutzte deshalb überhaupt keine Beleuchtungsanlagen. Jedes Foto ist in dem zur Verfügung stehenden Licht geschossen worden. Kein Blitz.“

Jahrelang erkundeten die beiden so das schier endlose Tunnelsystem. Nachdem im Sommer 2002 die Idee in Matts Kopf heranwuchs, nahm er sich zwei Jahre später ein Sabbatjahr, um das Röhren­ system vollständig zu erforschen. Monat für Monat kroch er von einem Tunnel in den nächsten, ohne etwas zu finden. Mal war er allein, mal waren sie zu zweit. Nach weiteren zwei Jahren hatte er noch immer nur einen Bruchteil der mehrere 100 Meilen langen Unterwelt überhaupt gesehen. Auf der Suche nach Bewohnern hallten seine Schritte in teils völliger Dunkelheit. Fades Grau in Grau, die einzige Abwechslung war hier und da ein Graffiti an der Wand oder eine aufgescheuchte Ratte, die die Gänge auf der Suche nach Nahrung durchstöberte. Kakerlaken und giftige Spinnen stroben auseinander. Hier traf Matt auf den ehemaligen ProfiJockey Ernie. Als er ihn zum ersten Mal sah, wusch der erschreckend kleine und dünne Mann gerade sein T-Shirt in einem Rinnsal, das aus dem Tunnel floss. Dass jegliche Art von Chemikalien in der Brühe schwimmt, schien ihm egal zu sein. Er schüttelte das Hemd aus und hängte es an zwei Schrauben in der Wand zum Trocknen. Ein nasser Schlafsack und ein Koffer voller verschmutzter Kleidung lagen neben ihm. Die waren als Nächstes an der Reihe. Er trug Turnschuhe, Jeans, und ein T-Shirt, auf dem „God Bless America“ stand. Und Socken, in die er die Hose gesteckt hatte. „Damit die schwarzen Witwen nicht in die Hose kriechen“, erklärte er. Seit zehn Jahren lebte er hier schon allein. Seine „Wohnung“ lag in einem kleinen Rohr, das ein gutes Stück über dem Boden in eine Betonwand eingelassen war. Ein

Mike erinnert Danny an seinen Vater.

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Stück Pappe, eine Kerze und ein Haufen Müllsäcke, die eine Sackgasse formten, füllten das Innere. Das Stück Pappe, sagte er, dient als eine Matratze und die Kerze als Leselicht. Die Müllsäcke enthielten Decken und Winterkleidung. Der Mittelteil des improvisierten Zimmers war in einem hellen Beige gestrichen. So könne er die schwarzen Witwen erkennen. Als Jockey war er früher überall auf der Welt unterwegs, bevor seine Abwärtsspirale begann. „Meine Frau hat mich verlassen. Ich glaube, sie hat festgestellt, dass ich nicht das war, was sie wollte“, erklärte er.


GESELLSCHAFT

Dann kamen die Drogen. Er begann, seine Rennen zu verpassen. „Und ich spiele. Leider spiele ich, verdammt noch mal“, fluchte er. Seiner Meinung nach sei das Glücksspiel noch viel gefährlicher als die Drogen. Denn an Drogen kommt man nicht immer und überall ran. „Aber die Slot-Maschine – vertrau mir, die ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche da und wird immer dein Geld nehmen.“ Das Tunnelsystem entdeckte er, als er ungestört Crack rauchen wollte. Er beschloss, wiederzukommen, um zu sehen, was er findet. „Vielleicht eine Schatztruhe oder so etwas. Stattdessen fand ich dieses kleine Rohr“, erzählte er. Dass es keinen Eimer voll Gold am Ende des Neonregenbogens gibt, erfuhren Matt und Danny bei jeder einzelnen ihrer zahlreichen Begegnungen. Es sind die Geschichten wie die von Gary, der seit Jahrzehnten drogenabhängig ist und in seinem Tunnelabschnitt Meth kocht. Und nun isoliert in der Dunkelheit an Darmkrebs erkrankte. Oder die Begegnung mit Mike, die besonders Danny sehr nah ging: „Die Erfahrung, die für mich am meisten hervorsticht, war, als ich Zeit mit einem der Jungs verbracht hab und sich herausstellte, dass er für die gleiche Transportfirma wie mein Vater gearbeitet hatte. Er, Mike,

musste aufgrund von Rückenproblemen aufhören für das Unternehmen zu fahren, und das ist der Grund, warum er heute in den Tunneln lebt. Kurz bevor ich damit begann, in den Tunneln zu arbeiten, verlor mein Vater seinen Job als Lkw-Fahrer“, erzählt Danny. Der Grund dafür? Schlimme Rückenprobleme. Er hätte allerdings das Glück gehabt, dass er an einem Punkt in seinem Leben in einem gut bezahlten Job gearbeitet hatte und deshalb eine Rente erhalte. „Nun, ohne diese Rente und die Hilfe seiner beiden Söhne hätte mein Vater genauso enden können wie Mike. Das ist es, an was ich dachte, wenn ich diese Männer und Frauen sah. Das könnte mein Dad sein! Fuck, das ist etwas, was die Leute nicht verstehen, wenn sie Obdachlose in den USA sehen – es könnte dein Vater, Mutter, Bruder sein, oder du.“

Matts verdreckte Schuhe aus der Parallelwelt kontrastieren mit der glamourösen Fassade des Cesars Palace.

INFO

„Beneath the Neon – Life and Death in the Tunnels of Las Vegas“ Autor: Matthew O`Brien, Fotograf: Danny Mollohan www.huntingtonpress.com www.beneaththeneon.com

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„FUCK, DAS IST ETWAS, WAS DIE LEUTE NICHT VERSTEHEN, WENN SIE OBDACHLOSE IN DEN USA SEHEN – ES KÖNNTE DEIN VATER, MUTTER, BRUDER SEIN, ODER DU.“ DANNY MOLLOHAN

Auch Matt gingen die Bilder nicht aus dem Kopf. Er beschloß anzupacken. Viele Jahre, nachdem er David zum ersten Mal getroffen hatte, half er ihm und vielen anderen in das Programm HELP. Die Organisation leistet den Ärmsten der Armen Beistand. Einzelne Tunnelbewohner werden in Notunterkünften untergebracht, ihre Gesundheit und ihr Suchtverhalten untersucht, während ihnen zusätzlich auch Beratung geboten wird. Auch David wurde so untergebracht, bis er schließlich starb. In einer gemütlichen Wohnung, glücklich, es geschafft zu haben, sein Leben umzukrempeln. „Die Obdachlosen in den Tunneln waren so gastfreundlich und offen zu mir, dass ich mich gezwungen fühlte, zu versuchen, mich zu revanchieren“, erklärt Matt. Im Jahr 2009 gründete er Shine a Light, ein Projekt, das den Menschen in den Tunneln Nahrung, Kleidung, Wasserflaschen oder Decken zur Verfügung stellt und darüber hinaus eng mit HELP zusammenarbeitet. Ein kleiner Lichtblick am Ende des Tunnels.


Matt mit einem der Obdachlosen ins Gespräch vertieft.

Kleine persönliche Details wie Zeitungsausschnitte an der Wand sorgen für etwas Wohnlichkeit.

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Eine Studie in Gold: Schatzkammer trifft Naturkundemuseum

KUNST

D E R

M A N N

M I T

D E N

G O L D E N E N H Ä N D E N JÄGER UND GEJAGTER: DER JUNGE KÜNSTLER WILLIAM ROSEWOODS VERBINDET IN SEINEN WERKEN DIE FASZINATION DES MORBIDEN MIT DER MYSTISCHEN WIRKUNG DES GOLDES. 46

TEXT NIELS-GERRIT HORZ FOTOS NIKOLA ZECEVIC


E

Kunst und Kritik gehören für Rosewood zusammen.

in leerer Blick starrt gespenstisch und fordernd in den Raum, messerscharfe Fänge lassen menschliche Urängste erwachen. Gleichzeitig verleitet eine schimmernde Verlockung einen dazu, näher zu treten, löst Begehrlichkeiten aus. Es ist die Mischung dieser beiden Elemente, die die Faszination der vergoldeten Schädel des jungen niederländischen Künstlers William Rosewood ausmacht.

Mit 17 Jahren geht er an die Willem de Kooning Academy in Rotterdam, um sich dort in Werbekunst und -design ausbilden zu lassen. 2015 macht er seinen Abschluss als Illustrator. Im Juni 2015 zeigt er seine Kunst unter anderem auf der Art ­Basel und im Frühjahr 2016 dann in seiner jüngsten Ausstellung „Goldrush“ in Miami.

Es gibt nur wenige Werkstoffe, die beim Betrachter so viel Begeisterung hervorrufen wie Gold. Nahezu jede Zivilisation entwickelte ein besonderes Verhältnis zu diesem Edelmetall, egal ob im Vorderen Orient, in Afrika oder in den Andenmetropolen der Inkas. Auch heute noch ist die „Feinunze Gold“ eine feste Größe unseres Wirtschaftslebens, aber auch Privatpersonen suchen im goldgelben Schein immer wieder gern eine sichere Anlageform. ­William Rosewood verarbeitet das edle Metall genau deshalb in seinen Kunstwerken, wohlwissend, welche Begierden es auslöst. Er nutzt es für ein Spiel mit den niederen Gelüsten der Menschheit, um auf den Umgang mit bedrohten Tierarten und der Natur aufmerksam zu machen. Rosewood gehört mit seinen 21 Jahren zu den „jungen Wilden“ im Kunstbetrieb, ist bereits seit frühester Kindheit von Kunst und Design fasziniert. Im Alter von 16 gründet er sein erstes Unternehmen, damals noch im Bereich Kleidung. Er lernt, was es bedeutet, die eigenen Ideen umzusetzen: Vor allem viel Arbeit, wenig freie Zeit, nicht enden wollende Meetings und noch mehr Arbeit.

Der Name der Ausstellung ist Programm. ­Rosewood präsentiert sich als der Midas der ­modernen Kunst: Was er anfasst, wird zu Gold. Anders als bei seinem phrygischen Vorgänger ist es bei ihm jedoch nicht die Gier nach Reichtum, die ihn dazu bringt, Dinge in Gold zu verwandeln, sondern die Sorge darum, dass die Gier wichtiger wird als der Respekt vor dem Leben. Der junge Künstler stellt Tierschädel aus, die er aufwendig mit Blattgold überzogen hat, darunter ein Sibirischer Tiger, ein Polarbär, ein Riesenpanda, ein Berggorilla und ein Weißes Nashorn. Seltenes auf Seltenem.

Wichtig ist es ihm, zu betonen, dass es sich nicht um echte Tierskelette, sondern um Abgüsse handelt. Er selbst beteiligt sich nicht am Handel mit bedrohten Arten. Sein Ansinnen liegt darin bergründet, das Töten dieser Tiere zu beenden, ihren Wert als Lebewesen und Teil unserer Natur zu verdeutlichen. „Deshalb entschied ich mich für 24 Karat Blattgold. Gold ist immer ein Luxusgut oder zeigt, wie wertvoll etwas ist!“, sagt er.

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KUNST

„GOLD IST IMMER EIN LU X U S G U T O D E R Z E I GT, WIE WERTVOLL ETWAS IST!“

Bewusst bleiben dabei Teile der Schädel unvergoldet: die Reißzähne, das Horn. So steht dem vom Künstler aufgetragenen Goldwert der natürliche Rohstoff gegenüber, für den das Tier von Wilderern gejagt wird. Das Zusammenspiel von Natur und Kunst soll abschließen, das Tier als ganzheitlichen Wert zeigen, der sich nicht mit Gold oder Geld aufwiegen lässt. So löst Rosewood die Materialien aus ihrem ursprünglichen Kontext und schafft eine tiefere Ebene, eine neue Perspektive auf seine Objekte.

ein Spannungsfeld, das Fragen aufwirft. Sind sie eine Bedrohung oder die Bedrohten? Welchen Wert hat Leben? „Das Problem ist, dass diese Tiere gerade für ihr Fell oder ihre Knochen getötet werden“, sagt der Künstler nachdenklich. Der Goldüberzug kann also auch als Versuch verstanden werden, die Knochen wieder zu umhüllen, ist Schutzmantel und Exponierung zugleich.

Die Werke erinnern an die Ikonenkunst und Reliquien des Mittelalters oder die aufwendig vergoldeten Artefakte der Inkas, bei denen Gold symbolischer Ausdruck für das Göttliche ist. Für die Inkas galt Gold als verfestigtes Licht, ein Stoff des Himmels und der Götter, mehr Kultobjekt als Währung. Durch das Vergolden sollte eine Verbindung zum Himmel entstehen, dem Ort, an dem das Gute und Reine bis in alle Ewigkeit bewahrt ist. Und da schließt sich der Kreis, ist doch das Bewahren auch ein zentrales Thema der Werke von William Rosewood: „Ich nehme nur Tiere, die auf der Liste der bedrohten Arten stehen.“ Mächtige Räuber, die auf der Roten Liste stehen – die Exponate wirken nach. Sie sind wie eine Lupe, die Rosewood ansetzt, um seine Aussage zu transportieren, um einen Fokus zu setzen: Allesamt sind sie gefährliche Kreaturen, die in freier Wildbahn eine Gefahr für den Menschen darstellen. Hier liegen sie bar jeden Lebens vor dem Betrachter. Das edle Material erzeugt in Verbindung mit dem nackten Skelett als grundlegendem Fundament des Körpers

Der mystische Glanz des Goldes interagiert mit der rohen Natur der Schädel.

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Für Rosewood stellt die Natur einen ständigen Inspirationsquell dar, einen Ort an den er immer wieder zurückfindet, um sich zu erden, auch künstlerisch. „Wenn man meine Arbeiten betrachtet, findet man immer wieder Verbindungen zu ihr“, sagt er. „Wir brauchen die Natur, aber die Natur braucht uns nicht.“ Das Leben und der Umgang des Menschen mit dem Planeten ist für ihn eine Frage von Respekt und Nachhaltigkeit. Seine Kunst hat ein Ziel und das ist ehrgeizig: William Rosewood will mit seinen Kunstwerken zum Umdenken anregen. Er will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass einige der größten Schätze unseres Planeten bald verschwunden sind, weil sie durch unsere Gier nach Materiellem ausgestorben sein werden.


Rosewood ist der Midas der modernen Kunst: Was er anfasst wird zu Gold.

„ICH NEHME NUR TIERE, DIE AUF DER LISTE DER AUSSTERBENDEN ARTEN STEHEN.“

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VON FLORIAN SPIETH

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FOTO // TÓ MANÉ

VON DEN POLYNESISCHEN WURZELN BIS ZUM GLOBALEN MARKT- UND KULTURPHÄNOMEN – JIM HEIMANNS „SURFING. 1778-2015“ IST EIN EINZIGARTIGES SCHWERGEWICHT DER SURFLITERATUR.

Am sogenannten „Big Monday“ im Januar 2013 brach Big-Wave-TowSurfer McNamara seinen eigenen Guinness World Record, indem er eine über 100 Fuß hohe Welle surfte.

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FOTO // JIM HEIMANN COLLECTION

KULT

Cover des Magazins „Pictorial California and the Pacific“ im Jahr 1930. Mit solchen SepiaPrints wurde die Schönheit Kaliforniens beworben und den Touristen schmackhaft gemacht.

FOTO // RAY JEROME BAKER

r begab sich so weit vom Ufer fort, bis er nahe der Stelle war, an der die Welle sich aufzubauen beginnt; und unter äußerst aufmerksamer Beobachtung ihrer ersten Regung paddelte er mit großer Schnelligkeit vor ihr her, bis sie ihn schließlich überragte und ausreichend Kraft erlangt hatte, um sein Kanu vor sich herzutragen, ohne unter ihm wegzugleiten. Nunmehr stillsitzend, wurde er in gleich raschem Lauf wie die Welle dahingetragen, bis sie ihn auf den Strand beförderte. Dann sprang er ab, entleerte sein Kanu und machte sich auf die Suche nach einer neuen Welle.“ Dieser Tagebucheintrag des „Resolution“Schiffsarztes William Anderson aus dem Jahre 1777 gilt als die erste schriftliche Schilderung des Surfens. An der Küste Hawaiis fesselte ihn seine Beobachtung, die er in fast poetischem Ton resümierte: „Ich konnte nicht umhin zu folgern, dass dieser Mann allergrößtes Vergnügen empfand, als ihn das Meer so rasch und leicht vorantrieb.“ Nur den Königen und nur zum Zeitpunkt des Festes zu Ehren des Gottes Lono war das Surfen zu dieser Zeit auf Hawaii erlaubt, als der britische Entdecker James Cook vor der Küste ankerte.

George Freeth gehörte im Jahr 1907 zu den ersten Surfern auf Waikiki, die parallele Fahrten forcierten, und wurde dafür von Jack London bewundert.

Fast zwei Jahrhunderte später wurde der in Süd­kalifornien aufgewachsene Jim Heimann in denselben Bann gezogen. Gefesselt vom Anblick der in sich überschlagenden Wellen dahingleitenden Surfer saugte er als Teenie alles in sich auf, was dieser Sport zu bieten hat, tauchte ab in die lokale Szene der West Coast. „Surfen ist ein komplexer und einzigartiger Sport. Seine Entwicklung von der simplen Fertigkeit, sich mit einem Stück Holz über Wasser zu halten und von einer brechenden Welle vorangetrieben zu werden, bis zur heutigen, wettkampfverseuchten internationalen ­Community ist ein Labyrinth aus Orten, Akteuren und Emotionen. Es kann unwägbar und todbringend sein, harmlos und stürmisch, ekstatisch und befriedigend. Es gibt auf der Welt des Sports nichts Vergleichbares“, beschreibt Heimann. Über Jahrzehnte befallen vom Surfvirus, hat er einen monumentalen Bildband geschaffen, der sich von allem abhebt, was die bisherige Surfliteratur zu bieten hat. Auf 600 Seiten dokumentiert „Surfing. 1778-2015“ bildgewaltig und emotionsgeladen, wie das Surfen die Welt von Polynesien aus eroberte, sich zu einem Marketinginstrument und einer eigenen Industrie entwickelte.

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FOTO // DAVID DARLING

Aus dem einstigen Sport der K Ăś n i g e w u rd e eine weltweite Bewegung mit etwa 20 Millionen Aktiven.

Dick Brewer (Mitte) galt in den späten 60ern als Guru des progressiven Shortboard-Designs. Lopez (links) und Abellira (rechts), beides Top-Pipeline-Rider, posten 1969 mit Brewer auf einer Surfboard-Werbeanzeige.

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FOTO // LEROY GRANNIS

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Surfen ist Anpassung und Auflehnung, ein Stück Zivilisationsgeschichte, das auf einem kleinen spitzen B o a rd b e r u h t .

Surfin´ is the only life: San Onofre, Kalifornien, 1963.

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FOTO // AJ NESTE

Wahrscheinlich die surrealste Welle der Welt. Sie entsteht, wenn die Chinesische See in den Qiantang River drückt, und baut sich dann bis auf 30 Fuß Höhe auf. Durch heftige Strömungen nicht ungefährlich. Dafür wurden bis zu 20 Minuten lange Ritte auf nur einer Welle dokumentiert.

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FOTO // PIERRE VAN SWAE

KULT

FOTO // BEV MORGAN

Aus dem einstigen Sport der Könige wurde eine weltweite Bewegung mit etwa 20 Millionen Aktiven, ein globales Markt- und Kulturphänomen. Belief sich die Zahl der Surfer in Kalifornien in den frühen 60ern des vergangenen Jahrhunderts auf etwa 5.000, ist Wellenreiten heute ein mit Sehnsucht erfülltes Bild von Freiheit und individueller Selbstverwirklichung für die breite Masse geworden. Surfen ist Anpassung und Auflehnung, ein Stück Zivilisationsgeschichte, das auf einem kleinen spitzen Board beruht. Gegliedert in fünf Kapitel widmet sich Heimann den einzelnen Epochen der Surfgeschichte, die ähnlich der Hippiebewegung mitunter von Sinnsuche und Widerstand gegen das Establishment geprägt war. „Mein ganzes Leben ist diese Flucht, diese Welle, in die ich stürze“, konstatiert Mickey Dora „Da Cat“, eine Ikone der Surfkultur. „Ich kämpfe um mein Leben, riskiere alles, Mann – und hinter mir rutscht mir die ganze Scheiße den Buckel runter, Polizisten, Priester, Politiker, Windsurfer. Und wenn die Welle abgeritten ist, ziehe ich einen Bogen, reite eine neue Welle und fange die ganze verdammte Chose von vorne an.“

Durch die kostengünstige Massenproduktion von Plastik­ boards und einer boomenden Teenie-Surfkultur wurde Gordon Clark in kürzester Zeit zum „Blank-Baron“. Clark Foam Factory in Kalifornien, 1975.

Buch nicht wiederzugeben. Es ist die Befriedigung, die Surfer und Nichtsurfer gleichermaßen daraus ziehen, eine so enge Verbindung mit der Natur einzugehen, ob sie sich nun in Gruppen am Rincon scharen, früh am Morgen in Biarritz hinauspaddeln, ein Monster in Teahupoo attackieren oder am Strand sitzen und im Mantra immer aufs Neue anbrandender Wellen schwelgen. Die Kleidung, die Bretter, die Musik, die Wettkämpfe, Rivalitäten und Freundschaften sind alle nur Begleiterscheinungen, die Hauptrolle spielt das Wasser.“

Das Wechselspiel mit den Subkulturen einzelner Jahrzehnte, den Einfluss aufbegehrender Jugendbewegungen – die Surfen als revolutionären Akt verstanden – bis hin zum hedonistischen Lebensgefühl ganzer Generationen von Surfern präsentiert Heimann wie kein anderer Auto zuvor mit starken Bildern und kurzen sowie tiefgreifenden Texten. Schilderungen und O-Töne von Surflegenden, Experten der Wassersportbranche und den bekanntesten Surffotografen machen das Werk zu einem Zeitzeugnis, das mit jedem Kapitel ein sehnsüchtiges Wechselbad der Gefühle liefert.

Dennoch konnte sich das Surfen seiner popkulturellen Prägung nicht entziehen. Besonders in den letzten beiden Kapiteln geht der kalifornische Kulturanthropologe auf die „umstürzlerische“ Kraft der Werbung, der Mode-, Film- und Musikindustrie ein. Anhand von Werbetafeln, Postkarten, Filmpostern, Titelseiten von Magazinen, Kleidungsstücken sowie Fotos von Profis und Amateuren schildert er das Auf und Ab des Surfsports und gibt Einblicke, die selbst eingefleischten Boardsportlern neu sein dürften. Gegenstand sind auch die Evolution der Surfboards vom hölzernen Trümmer zum Schaumboard mit Glasfasermantel – die im Grunde schon eine eigene Geschichte an sich darstellt – sowie die verschiedenen Strömungen, aus denen sich individuelle Disziplinen und Fahrstile entwickelten.

Das faszinierende, den Adrenalinspiegel ins Unermessliche schießen lassende Gefühl, welches den Suchtfaktor des Surfens ausmacht, auf Papier zu bannen ist aus Sicht des Autors allerdings schlichtweg unmöglich: „Was einem das Surfen gibt, ist in etwas so Greifbarem und Handfestem wie einem

Man nimmt Heimanns Hommage als bildliche Huldigung an den Surfsport war. 56


FOTO // LEROY GRANNIS

FOTO // TOM KECK

Hawaii, 1962: Eher ein Akt jugendlicher Rebellion als ein ernst gemeintes Statement. „Wir taten Dinge wie diese, um zu provozieren“, erzählt Surflegende Greg Noll. „Jeder wusste, dass es die Leute aufregt, wenn man ein Hakenkreuz auf sein Auto malt. Was machten wir also? Wir malten zwei drauf.“

Gedrängel in den Wellen: Waimea Bay Hawaii, 1966.

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FOTO // RB CONTENTPOOL

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Als zermürbendste Aufgabe empfand Heimann die Auswahl der Bilder für das 600-Seiten-Werk aus einem Pool von insgesamt 7.000 Fotos. Kein leichtes Unterfangen, das schlussendlich doch in äußerst attraktiver Form gelungen ist. Als bildliche Huldigung an den Surfsport nimmt man Heimanns Hommage war, die das Surfen in einem Spannungsfeld zwischen romantisch und modern, zwischen naturnaher, nonkonformistischer Lebensart und artifiziellem, kommerziellem Breitensport zeigt. Surfen ist einzigartig, was seinen Einfluss auf Musik, Mode, Lifestyle und Sprache betrifft, und es nimmt diese und andere Elemente der Alltagskultur auch bereitwillig in sich auf, um den Sport weiter voranzubringen.

FOTO // JIM RUSSI

Carlos Nogales 2015 in Teahupoo, einer der anspruchsvollsten Wellen des Planeten.

„Die Geschichte des Surfsports in einem einzigen Band unterzubringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit“, schreibt Heimann im Vorwort. Dennoch ist es ihm gelungen die Auslassungen und Schwachpunkte früherer Publikationen zu erkennen und diese Lücken zu füllen. Über 230 Jahre Surfgeschichte gebündelt in einem Coffee Table Book, das nicht nur aufgrund seiner sieben Kilogramm ein echtes Schwergewicht darstellt. Ob Surfenthusiast oder Strandliebhaber mit Leidenschaft für anspruchsvolle Fotografie, dieses Buch wird jeden fesseln, der sich für den Lifestyle des Surfens begeistern kann. FOTO // RB CONTENTPOOL

Locals am North Shore auf Hawaii 1993.

INFO

Surfing. 1778–2015 Taschen Verlag Jim Heimann Hardcover, 592 Seiten  150 Euro Seth Moniz surft nur einen guten Meter über dem Riff: Tahiti im August 2014.

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e r e i b r a b d r a t s a e B i D ot erdam vonR

FOTOS JELLE MOLLEMA TEXT ALEXANDRA DINTER 60


HANDWERK

BEI SCHOREM HAARSNIJDER & BARBIER FLÖßEN TÄTOWIERTE GENTLEMEN EINER ALTEN TRADITION NEUES LEBEN EIN – UND BIETEN ZWAR NICHT DEN LETZTEN, ABER SICHER DEN KULTIGSTEN RÜCKZUGSORT NUR FÜR MÄNNER.

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HANDWERK

Gemeinsam erfolgreich: die Schorem-Gründer Leen (l.) und Bertus (r.).

chorem, niederländisch für Drecksack oder Abschaum, kann wörtlich übersetzt werden mit „Ich habe ihn rasiert“ – ein treffendes Wortspiel, fanden die beiden Gründer eines ungewöhnlich wilden Herrensalons, als sie 2010 nach einem Namen für ihre Unternehmung suchten. Das beginnt schon bei der Einrichtung: Gedeckte Geschäftsführer Lion Bergmann und Robert Farben und original Mobiliar aus dem vergangeRietveld, alias Leen „The Bearded Bastard“ und nen Jahrhundert lassen eine stylishe Mischung Bertus „The Bloody Butcher“ sind trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit seit vielen aus Saloon, 50er-Jahre-Diner und Herrenclub des Fin de Siècle entstehen. Das althergebrachte Jahren befreundet und ebenso lang Barbiere der Handwerkszeug von Pinsel, Kamm und Rasieralten Schule. Sie haben ihr Handwerk von der messer wird um modernes Gerät sowie eigene Pieke auf gelernt und setzen mit ihrem Barbershop im Herzen der „Arbeiterstadt Rotterdam“ Kreationen ergänzt. Selbstgebaute Sprühflaschen mit dem Label eines bekannten Whiskeys der Flut an Unisex-Salons ein entschiedenes beispielsweise. Kontrastprogramm Oder die hauseientgegen. Einen Hergene Pomade. rensalon mit fast schon WAHRER STIL ,,MODETRENDS VERBLASSEN, .. ,, Mit der Marke legendärem Ruf. Bei JEDOCH BLEIBT FUR IMMER. (ROBERT RIETVELD) Reuzel, was auf Schorem gibt es weder niederländisch Foliensträhnchen noch „Schmalz“ bedeutet, unterstreichen die Barbiere Flitterkram, dafür exakte Konturen und Kerle von Rotterdam ihre historischen Wurzeln und unter sich. „No Bullshit“ eben. Frauen sind nicht kreierten eine Hommage an jene Zeit, in der Poerwünscht, was nicht heißt, dass die Barbiere maden noch aus tierischen Fetten hergestellt und das schöne Geschlecht nicht zu schätzen wüssten, wie sie entschieden klarstellen: „Wir lieben mit Apfelaromen verfeinert wurden. Frauen, und wir sehen es als unsere Aufgabe, Traditionsbewusstsein auch an den Wänden. die Jungs für ihre Mädels so gut wie möglich aussehen zu lassen. Wir glauben jedoch, dass ein Hier hängen die berühmten Schorem-Tableaus, auf denen die Evergreens der Frisurenwelt angeBarbershop ein Ort für Männer ist.“ Frauen seien priesen werden. „Wir entschieden uns, nur die einfach eine zu große Ablenkung. „Wenn eine klassischen Stile anzubieten, die sich im Laufe attraktive Dame dabei ist, verwandelt sich jeder der Jahrzehnte unter Beweis gestellt haben. DieMann in einen Pfau, der seine Federn zeigt, und will sich als Alphamännchen beweisen. Es ändert se Cuts kommen nie aus der Mode. Es sind zeitlose Ikonen wie Elvis Presley und James Dean die Atmosphäre.“ Und die Atmosphäre ist in diesem Salon schließlich das Kernstück. und die Grundlagen eines jeden anderen Haar-

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Das Ambiente muss stimmen. Einfach „nur Haare schneiden“ reicht da nicht …

schnitts.“ Egal ob „Flattop Boogie“ oder „­ Junior Pomp“, die Kunden müssen nur den Arm heben und auf die gewünschte Frisur zeigen. Man versteht sich ohne Worte. Auch Termine gibt es keine. Wer kommt, wartet, bis er an der Reihe ist. Trinkt dabei ein Bier, blättert in einem Magazin oder schaut den Meistern bei ihrer Arbeit zu. Denn die Show gehört zum Gesamterlebnis. Neben scharfen Schnitten und heißen Tüchern sorgt nicht zuletzt die Crew für das begehrte Flair. Dabei ist der Auftritt der insgesamt 14 „Scumbags“, wie sie sich selbst betiteln, weniger Inszenierung als wohlüberlegte Personalplanung. Leen und Bertus haben ihre ganz eigene Vorstellung vom perfekten Barbier: „Wir haben da keine Regeln, wir wissen einfach, wer der richtige Mann ist, sobald er den Laden betritt. Es ist uns egal, wie man aussieht oder welche Musik man mag. Ein Barbier hat einfach in unser Team zu passen und eine Leidenschaft für das Handwerk mitzubringen. Wir würden nie einen Mann einstellen, für den das Ganze nur ein Job ist.“ Auch eine kriminelle Vergangenheit ist da kein Hindernis. Das Team vereint „Rockabillys, Psychos, Gentlemen, Vagabunden, Punks, Raufbolde, Freaks, Künstler, Rocker und Biker“ zu einer Art Clan jenseits aller Subkulturen. Das zelebrieren die tätowierten Gentlemen, indem sie nicht nur modisch die alten Zeiten aufleben lassen – es Das richtige Label: Nicht nur die Pomade ist eine Eigenkreation.

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herrscht Krawattenpflicht –, sondern sich auch als Gruppe entsprechend verhalten. Ein Tattoo des Shoplogos gehört quasi zur Corporate Identity, ist allerdings weder obligatorisch noch zwingend bindend: „Es ist weder so, dass wir es ihnen mit einem Lötkolben ausbrennen, wenn sie uns verlassen“, sagt Bertus und lacht, „noch sind sie verpflichtet, eines zu tragen. Aber wenn sie es wollen, bekommen sie es kostenlos. Es ist Ausdruck des Stolzes, ein Teil des Schorem-Teams zu sein.“ Auch die Crewporträts sprechen Bände: Zwischen Schiebermütze, Fedora und weißem Kittel sitzt ein durchweg finsterer Blick, darunter ein Spitzname, der dem Drehbuch alter Gangsterstreifen zu entstammen scheint. „Raunchy Randy The Retro Rebel“, „Gio Thenewkid“ und „Demon Daan“. Der Mafiaschick kommt an – und wirkt authentisch. Fast erwartet man, dass Al Capone zur Tür hereinschneit und in einem der alten Ledersessel platznimmt. Doch die Stimmung im Raum ist keineswegs angespannt: „Wir haben immer Zeit für ein paar Witze und was zu Lachen.“ In allem steckt ein Augenzwinkern, eine Prise Selbstironie. In allem, außer dem Handwerk selbst.


HANDWERK

Die Aufgabe des Barbiers definiert Chef Bertus Bertus ­allerdings auf den herrschenden Modetrend und ein eventuelles Verebben der bärtigen durch nichts weniger als Perfektion. Weniger Begeisterung an, hebt er warnend die Hände. Kreativität sei es, was zähle, denn solide Handgriffe und ein sorgfältiger Service vom FachMan solle niemals eine Jahrtausende alte Tradimann. Es ist diese Einstellung zur eigenen Protion unterschätzen. „Die ersten Zeichnungen von fession, die die niederländischen Barbiere auch Barbieren wurden in den Pyramiden gefunden, sie an ihre Angestellten und Auszubildenden verwaren Friseure, die ersten Chirurgen, die ersten mitteln. Während die neuen Teammitglieder in Zahnärzte, die ersten Tattoo-Künstler. Der Barberihrem ersten Lehrjahr von ihren Kollegen einiges shop selbst ist ein Third Place in der Gesellschaft.“ einstecken und sich erst als Teil der Bruderschaft Diese Funktion als sozialer Treffpunkt wird deutbeweisen müssen –„der Rest des Teams triezt und lich, wenn man die Kundenschar in seinem Laden verarscht sie den ganzen Tag“ – , können Externe betrachtet. Die Männer wollen mehr als waschen, schneiden, föhnen. Sie ganz bequem ein wollen eine Zeitreise an How-to im eige,,WIR GEBEN EINEN SCHEISS DARAUF , WIE MAN AUSSIEHT. ICH nen YouTubeeinen mystischen Ort, .. BIN EIN TATOWIERTER BARBIER, MEINE..TATTOOS SIND ALT UND an dem Männer noch Channel ansehen ,, oder einen Kurs ABGENUTZT, GENAU SO WIE EINE GUTE TATOWIERUNG SEIN SOLLTE. unter sich sein können. buchen – in der Egal welchen Alters. (ROBERT RIETVELD) eigens gegrünNicht umsonst ist das deten Old School Barber Academy. Sie liegt Rasieren an sich ein Initiationsritus. Eine Transformation. Optisch, aber auch emotional. Das begleich gegenüber des Shops, in den ursprünglichen Räumlichkeiten, die jedoch längst zu klein stätigt auch Bertus, wenn er von seinem außergewöhnlichsten Arbeitstag berichtet: „Ein Vater kam geworden sind, um dem regen Kundenstrom mit seinem krebskranken Sohn zu uns. Schorem gerecht zu werden, der gleich einer Pilgerschar stand auf seiner Bucket List. Leen verpasste ihm täglich seinen Weg zum Laden findet. eine Rasur und einen Haarschnitt. Eine Woche In der kurzen Zeit seit der Eröffnung feiert später kam der Vater nochmal, um uns zu erzählen, dass sein Sohn verstorben sei. Und um uns zu ­Schorem einen Erfolg, den sich die Gründer selbst danken, ihm eine gute Zeit gegeben zu haben. Das nicht ganz erklären können. Bertus und Leen war einer der emotionalsten Momente in unserem touren um die Welt, geben Workshops, Interviews Leben – und wir verdrückten zusammen eine Träund schreiben Autogramme. „Es ist wirklich ne.“ Ein echter Mann, ein Gentleman zu sein, das seltsam und wir hätten nie erwartet, dass so etwas heißt eben mehr, als nur einen stilvollen Auftritt passiert. Ich meine, wir schneiden Haare, nicht hinzulegen. Davon ist auch Bertus überzeugt: „Der gerade Hexen­werk, oder? Wir wollten wirklich Gentleman von heute trägt, was immer er will. Es nur einen Barbershop eröffnen, etwas Spaß haben geht dabei nicht so sehr darum, wie du aussiehst, und unseren Freunden die Haare schneiden. Ich sondern darum, wie du dich verhältst.“ denke, wir hatten einfach sehr, sehr viel Glück, zur www. schorembarbier.nl richtigen Zeit das Richtige zu tun.“ Spricht man

PROFI-TIPP FÜR EINE PERFEKTE RASUR: Wärme und Nässe sind die

beiden Grundlagen für jede Rasur. Je weicher das Barthaar, desto leichter ist es abzunehmen. Am besten nimmt man eine lange, heiße Dusche, bevor man sich rasiert – und sucht sich die besten Produkte für die eigene Haut. Ein Barbier kann dabei immer beratend zur Seite stehen.

Termine gibt es nicht – wer rasiert werden will, kommt einfach vorbei.

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Im Barbershop haben Frauen Hausverbot: Hier bleibt Mann unter sich.

Wie eine Zeitreise: Bei Schorem ist man traditionsverbunden.

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Ma rs me ns ch en TEXT ALEXANDRA DINTER

DER MOND IST EROBERT, DIE ERDE UNTERTAN GEMACHT. JETZT PEILT DER MENSCHLICHE EXPANSIONSWILLE EINEN NEUEN HIMMELS­ KÖRPER AN: DEN MARS. FILMREIFE IDEEN FÜR DIE GRUNDLEGENDE ORGANISATION VON LEBEN AUF DEM ROTEN PLANETEN. 66


VISIONEN

Pflanzen sichern das Überleben der Menschheit – auch auf fremden Planeten.

Der Wettlauf ins All prägte die Mitte des 20. Jahrhunderts und gipfelte am 21. Juli 1969 in der Mission Apollo 11. Circa eine halbe Milliarde Menschen saßen weltweit vor den Mattscheiben und verfolgten, wie die ersten Menschen den Mond betraten. Die erfolgreiche Ankunft als globales Medienereignis. Über ein halbes Jahrhundert später, im Herbst 2015, beobachtet die Welt hingegen gespannt, wie ein Astronaut verzweifelt an seiner Heimreise arbeitet. „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ läuft weltweit in den Kinos und erzählt die Geschichte eines Raumfahrers, der infolge eines Unglücks allein auf dem Mars zurückgelassen wird und fortan ums Überleben und die Rückkehr zur Erde kämpft. Die cineastische Liebeserklärung an die NASA wird ein Kassenerfolg – und findet­

sogar im All begeisterte Zuschauer: Der Astronaut Scott Kelly schaute die extra­terrestrische Robinsonade während seiner einjährigen Mission an Bord der ISS, 250 Meilen über der Erdoberfläche – und twitterte sein Erlebnis zur Erde. Einer der PR-Höhepunkte einer tatsächlich ungewöhnlich engen Zusammenarbeit zwischen Hollywood und der Weltraumbehörde, die – ebenso wie die Privatunternehmen SpaceX und Mars One – fleißig daran arbeitet, innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte bemannte Flüge zum Mars zu verwirklichen. So launchte die NASA etwa zeitgleich zum Filmstart einen Wettbewerb. Ziel der „3-D Printed Habitat Challenge“ war es, herauszufinden, wie wohl die Architektur auf dem roten Planeten aussehen könnte. 165 Vorschläge gingen ein. Gewonnen hat der Entwurf „Mars

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Ice House“ eines New Yorker Weltraumforschungskollektivs. Der Baustoff des futuristisch-eisigen Iglus liegt nahe, da es auf dem Mars Wasser gibt und es außerdem sehr kalt ist. Die mittlere Temperatur des Planeten beträgt etwa minus 55 Grad Celsius. Und das ist nur eine der zahllosen, eher ungemütlichen Eigenschaften dieses „erdähnlichen“ Himmelskörpers. Die dünne Atmosphäre besteht aus 95,3 Prozent Kohlenstoffdioxid bei lediglich niedrigem Druck und etwa 38 Prozent der irdischen Schwerkraft. Das heißt, ein Mensch kann auf dem Mars theoretisch sehr große Sprünge machen, findet aber sonst wenig lebensbegünstigende Bedingungen vor: Wasser – beispielsweise – kann nicht in flüssiger Form auf der Mars­ oberfläche existieren. Die wahrscheinlichsten Todesursachen für Menschen wären wohl: Verhungern, Verdursten, Ersticken, Erfrieren oder Explodieren.


VISIONEN

Hülle um Hülle hält Sauerstoff und Wärme drinnen sowie Strahlung und toxischen Marsboden draußen.

Diese ernüchternde Erkenntnis trifft auch Filmastronaut Mark Watney, stoisch-charmant gespielt von Matt Damon. Er resümiert: „Das ist der Weltraum. Er wird sich nicht kooperativ zeigen.“ Da er als Gestrandeter aber nun mal keine andere Wahl hat, als auf dem kleineren Erdbruder zu siedeln, beschließt er pragmatisch zu denken und kommentiert sein Tun lapidar im Logbuch: „Mir bleibt nur eine Option: Ich muss mich mit Wissenschaft aus der Scheiße ziehen.“ Während der Kinoheld notgedrungen mit Duct Tape und Ausrüstungsschrott experimentiert, sieht die Vision der r­ ealen Forscher eine Nutzung von In-situ-Material vor, jedoch ist auch ihr Eishausentwurf kein Domizil 100-­prozentig „made on Mars“. Der Vorschlag der Forschergruppe beinhaltet einen Transport mit der SpaceX Falcon Heavy und dem Space Launch System (SLS) der NASA zu einem wohlüberlegten Standpunkt an den Flanken des Vulkanareals Alba Mons. Wäre der Siedlungsbausatz dort erst einmal sicher gelandet, soll er die Regolithdecke sprengen, das darunterliegende Eis sublimieren und so gleichzeitig ein Fundament legen und den Rohstoff für den Bau ernten. In weiteren Schritten

würde eine aufblasbare ETFE-Membran (Ethylen-Tetra-Fluor-Ethylen) installiert, die später verhindern soll, dass sich die frischgedruckte Eishülle gleich wieder in der Atmosphäre auflöst. Ja, richtig gelesen: gedruckt. Die solide, isolierende und lichtdurchlässige Hülle soll von Robotern mithilfe eines Verbunds aus Wasser, Fasern und Aerogel gedruckt werden. Schicht um Schicht entstünde so ein Kokon, der dazu dient, Sauerstoff und Wärme drinnen sowie Strahlung und den toxischen Marsboden draußen zu halten. Schleusen sichern den Übergang zwischen geschütztem Wohnraum und lebensfeindlicher Umgebung. Doch wie kommen Wärme und Sauerstoff hinein? Die Antwort der Wissenschaftler lautet: durch Pflanzen und Menschen. Ohne unsere grünen Gefährten ist Leben undenkbar, auf der Erde, wie auch auf dem Mars. Hollywood sieht das genauso – zum Glück ist Protagonist Marc Watney nicht nur der einzige, sondern auch der „beste Botaniker“ auf dem Planeten. So lässt er in seinem improvisierten Gewächshaus selbsterzeugtes Wasser von der Decke regnen und züchtet in der roten Erde Kartoffeln auf den gelagerten Exkrementen

INFO

der Crew. Nach kulinarischem Genuss klingt das nicht – aber vielleicht nach plausibler Lebensgrundlage? Das will die Wissenschaft jetzt herausfinden. So haben unter anderem Forscher der Universität ­Wageningen in den Niederlanden erfolgreich Nutzpflanzen auf simulierten Mars- und Mondböden angebaut. Ganz ähnlich wie Mark Watney im Film setzten die Forscher dem Mars-Analog Erdbakterien sowie organisches Material hinzu. Gras war hier das Mittel zum Erfolg und der brachte eine wichtige Erkenntnis: Der Mars ist fruchtbarer als der Mond. Allerdings ebenso ungenießbar. Die Mars- und Mondböden enthalten zahlreiche Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Arsen, die für den Menschen giftig sind. Ein weiteres Experiment soll im Jahr 2016 untersuchen, wie sich diese Belastung senken lässt. Finanziert werden die Forschungsarbeiten durch Crowdfunding. Wer 500 Euro zur Verfügung stellt, erhält – sollte das Experiment erfolgreich sein – eine Einladung zu einem Dinner mit Marsgemüse, direkt hier unten auf der Erde. Aus der Region ist das nicht, aber dafür fair gehandelt und ein guter Testlauf für den glücklichen Marsmensch von morgen. Denn: Frisches Essen hebt bekanntlich die Laune.

VISUALISIERUNGEN

Mars Ice House: NY – SEArch (Space Exploration Architecture) www.marsicehouse.com und Clouds AO (Clouds Architecture Office) Spenden fürs Marsdinner: crowdfunding.wageningenur.nl/project/planten-kweken-op-mars

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Der Mars ist fruchtbarer als der Mond. Allerdings ebenso ungenießbar.

Eine solide, isolierende und lichtdurchlässige Hülle – Eis ist der grundlegende Baustoff dieses Domizils.

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Staubig und stickig: Der rote Planet ist kein menschenfreundlicher Lebensraum.


ABENTEUER

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Dominik Hartmann genießt die Airtime – nicht nur im MI-8-Hubschrauber.

IM KIRGISISCHEN HOCHGEBIRGE WERDEN BOARDSPORTABENTEURER MIT FEINSTEM POWDER EMPFANGEN – ZUMINDEST DANN, WENN PIONIERGEIST UND DIE GUNST DES KIRGISISCHEN MILITÄRS ZUSAMMENKOMMEN.

TEXT UND FOTOS DIRK WAGENER 71


Down the Line – im kirgisischen Hochgebirge wird keine Abfahrt zweimal genommen.

Aber nicht diese Reiseerleichterung war der Grund, der uns nach Kirgistan­ lockte. Als 15-köpfige Crew aus Freeride-Freunden ging es uns um das einzigartige Erlebnis, mithilfe eines russischen Helikopterungetüms im riesigen, weitaus unbekannten Terrain des Tian Shan unberührten, kontinentaltrockenen Powder unter die Planken zu nehmen. Bevor wir zu unseren Skiabsichten und den Hüttenunterkünften unterhalb des 3.180 Meter hohen Too-Ashu-Passes aufbrachen, hatten wir aber eine Woche lang Gelegenheit, uns von der Skurrilität der Hauptstadt und der atemberaubend rauen Schönheit des restlichen Landes zu überzeugen.

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Ein Hauch von Marco Polo. Die breite, mit Schlaglöchern übersäte Straße ohne Fahrstreifen, auf der Wir tauchten ein in den Basar­ 16 Meter wir in einem klapprigen Kleinbus aus Kirgistans trubel Bischkeks, wo man vom misst eine Hauptstadt Bischkek herausrollen, heißt Seidenexotischen Gemüse über chinesistraße. Hier verlief einst die Karawanenroute. An schen Schnupftabak bis hin zum traditionelle diesem eiskalten, aber klaren Tag handeln die frisch abgetrennten Schafskopf kirgisische Menschen am Straßenrand allerdings mit Kohle nahezu alles kaufen kann. Dort Jurte im und nicht mit Seide, Gewürzen und Kamelen. Auf entdeckten wir auch eine exquisite den Ladeflächen zerbeulter Uralttransporter lieGewürzpaste namens Lhasa aus Umfang. gen keine in Form gepressscharfem Paprika, Knoblauch und ten Briketts, wie wir sie kenÖl und erfuhren, dass das sogenen, sondern unbehauene nannte Fettschwanzschaf sehr beliebt ist „Berge, die ewig mit Schnee bedeckt sind“. Kein Brocken in Felsgröße, direkt bei den Kirgisen. Eine fettige Grundlage Wunder, rund 70 Prozent der Landesfläche liegen aus dem Flöz gestemmt. Wir auf einer Höhe von über 3.000 Metern, weshalb half uns auch, die von Vodkaexzessen fahren immer in Richtung geprägten Partynächte in Bischkek zu die meisten Berge auch im Sommer eine ewige Süden, fasziniert von der überstehen, denn die lokale Bar- und Schneekrone tragen. Weite der Landschaft. Die Clubszene ist wirklich unglaublich Wirtschaftlich zählt Kirgistan zum Armenhaus Sonne strahlt vom azurblauschräg und ein entsprechendes Abenen Himmel. Kalter Dunst teuer für sich. Letztlich schafften wir es der Welt. Fast die Hälfte der Menschen lebt unter wabert langsam über eine zum Glück, uns aus der Dunstglocke der der Armutsgrenze. Neben Gold verfügt das Land verschneite Steppe, auf Metropole – die einst einer Karawanenüber weitere Rohstoffe, etwa Kupfer und Kohle, die station entsprang – loszureißen. Sofort der vereinzelte Pferde- und jedoch von zweitrangiger Bedeutung sind. Gold ist lichtete sich nicht nur der Schleier in Rinderherden auf der Suche das wichtigste Ausfuhrgut des Landes mit einem unseren Schädeln. Glasklare Luft, die nach kargem Futter umAnteil von knapp 40 Prozent. Landwirtschaft ist herstreifen. Zu allen Seiten wegen der großen Temperaturschwankungen müh- gibt es in Kirgistan überall gratis, dazu ragen imposante Bergketten sam. Aber in Kirgistan gilt ohnehin: Proteine statt Nomaden, die ihre Viehherden auf den auf. Der Allgemeinbegriff für Kohlenhydrate. Die nomadisch geprägte Bevölkedürren Hochebenen weiden lassen, die zahlreichen Gebirgszüge rung liebt Fleisch, egal ob Schaf, Rind oder Pferd. Steinadler, die für ein kleines Trinkgeld Nicht nur deshalb ist die Viehzucht weit verbreitet. lautet bei den Kirgisen „Alaauf Touristenarmen Platz nehmen, Jurtencamps, die irgendwo im Nirgendwo Der Reichtum der Kirgisen besteht besonders in Too“, was so viel heißt wie den ländlichen Regionen aus der Anzahl der Pferde vergorene Stutenmilch und ein Schlafund des Viehs in ihrem Besitz. Ein ausgewachsenes plätzchen offerieren, und natürlich den Pferd kostet umgerechnet etwa 1.000 Dollar und ist allnächtlichen Anblick eines von der ein ähnliches Statussymbol wie bei uns eine S-Klas- Zivilisation unbeeinflusst leuchtenden se aus Sindelfingen. Tourismus gilt als hoffnungsSternenhimmels. trächtige Zukunftsbranche und genau deshalb hat Kirgistan seit 2012 als einziges zentralasiatisches Land die Visumspflicht abgeschafft.

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ABENTEUER

Die Jagd mit Steinadlern ist bei den kirigisischen Nomaden eine traditionelle Kunst, die innerhalb der Familien weitergegeben wird. Neben zwei Piloten und einem Bordingenieur sind auch ein Tankwagen und mehrere Techniker nรถtig, um den MI-8-Hubschrauber in die Luft zu bekommen.

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2,5 Prozent beträgt der Alkoholgehalt von vergorener kirgisischer Stutenmilch.

Das beinharte Mannschaftsspiel, gegen das die Holzfäller-Games in Kanada wirken wie ein Kindergeburtstag, ist in Kirgistan noch beliebter als Fußball. Nicht ganz so hart wie dieser Männersport waren die Matratzen beim Zwischenstopp in einem Jurtencamp in den verschneiten Bergen im Osten Kirgistans, welches uns – wenn auch nur als Besucher – das Lebensgefühl der Nomaden näherbrachte.

Wäre es nicht so kalt gewesen, hätten wir sogar Strandurlaub machen können. Am Issyk-Kul. Nach dem Titicacasee ist er der zweitgrößte Gebirgssee der Einige Tage später erklimmen wir mit unserem Welt, zwölfmal so groß wie der Bodensee. Trotz der Lage Kleinbus die kurvige Straße des Too-AshuPasses. Die Luft wird immer dünner. Nach und auf 1.700 Metern Höhe und nach tauchen neue Berggipfel auf und erstrahlen Lufttemperaturen von bis im Sonnenlicht. Verbeulte Lastwagen kommen zu minus 20 Grad Celsius uns im Schneckentempo entgegen und der im Winter friert er nie zu. Asbestgeruch ihrer strapazierten Bremsbeläge Noch skurriler als dieses legt sich über die marode und mit Schlaglöchern Binnenmeer in den Bergen gespickte Hochgebirgsstraße. Früher führten wirkten die traditionellen die Serpentinen sogar auf schwindelerregende Wettkämpfe der Nomaden 3.586 Meter. Mittlerweile verläuft die wichtige auf uns. Beim Nationalsport Verkehrsroute, die Nord- und Südkirgistan miteiBuzkaschi treten zwei nander verbindet, auf einer Höhe von etwa 3.200 Mannschaften mit jeweils Metern durch einen schummrig beleuchteten fünf Reitern gegeneinander Tunnel unter dem Berggrat hindurch. an, die auf kleinen Steppenpferden einem Ziegenkadaver hinterherjagen, dem zuvor der Kopf abgetrennt wurde. Dieses etwa 40 Kilogramm schwere Spielgerät muss jeweils in eines von zwei Toren befördert werden, die aussehen, wie die Ummauerung eines Brunnens.

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Als wir wieder aus dem Dunkel der Röhre hervorrollen, hat sich die Landschaft komplett verändert. Blendend weiße Hochgebirgszüge bis zum Ende des Horizonts zaubern uns ein Zahnpastalächeln ins Gesicht. Aufgrund des komplett fehlenden Strauch- oder Baumbewuchses wirkt hier alles wie auf einem Eisplaneten. Unsere Blicke wandern über die tief verschneite und nahezu unbesiedelte Hochebene von Suusamyr und versuchen deren surreale Weitläufigkeit einzuschätzen. Das Tal zieht sich in mehr als 2.000 Metern Höhe über eine Länge von 150 Kilometern durch zwei gewaltige Hauptketten des Tian Shan.


Der extrem trockene, sehr kontinentale Schnee des Tian-Shan-Gebirges sorgt für riesige weiße Spray-Fahnen.

ABENTEUER

Diese grandiose Aussicht können wir von nun an eine Woche lang genießen, denn nach einem kleinen Abzweig an der Südseite des Gebirgspasses endet unsere Fahrt an der 2.960 Meter hohen Gipfelstation eines klapprigen Doppelsessellifts und dem zugehörigen kleinen Restaurant. In einer Art Minidorf aus vier Holzhäuschen und ein paar ausrangierten Überseecontainern beziehen wir unsere Basis. In manchen der Stahlboxen schläft man wortwörtlich auf heißen Kohlen, denn die Kirgisen haben sich eine ziemlich improvisierte Heizidee einfallen lassen: Unter den Containern werden Koksöfen verbaut, die für eine erträgliche Raumtemperatur in dieser frostigen Umgebung sorgen. Wir bekommen den Tipp, den Wasserhahn in unserem Container ständig laufen zu lassen. Die Nachttemperatur fällt häufig auf bis zu minus 40 Grad Celsius ab und erst im Winter Warm ums Herz wird uns allen dagegen schnell, als wir direkt oberhalb des Basislagers unser 2013/14 hat die SuusamyrTransportmittel für die kommende Woche erbliHochebene mit minus 52 cken: Einen MI-8 MTV in stilechter CamouflageGrad Celsius einen neuen Lackierung mit einem roten Stern auf der AlumiKälterekord aufgestellt. niumaußenhaut. Wie alle diese seit 1964 in Serie produzierten und unglaublich robusten Großraumhubschrauber russischer Bauart hat auch unser Heli vor der Haustür schon Oldtimerstatus. Manche Gipfel lassen Er gehört dem kirgisischen Militär, ist 29 Jahre alt sich mit dem schweren und von nun an eine Woche lang als Skiomnibus Helikopter nicht anfliegen. der Lüfte an uns abkommandiert. Die Crew für Akki Bruchhausen und Dominik Hartmann wählen unseren Freeride-Truppentransporter – bestehend die Variante per Tourenski aus Chefpilot, Copilot und Bordingenieur – hat und Aufstieg aus eigener Kraft. das kirgisische Militär gleich mitgeliefert. Und wir haben nicht irgendwen am Steuerknüppel sitzen, sondern eine Legende der Lüfte: Major Vladimir, ranghoher Offizier der kirgisischen Streitkräfte und ehemaliger russischer Kampfpilot, der noch dickere Brummer gesteuert hat – wie beispielsweise den MI-24-„Gunship“, bekannt aus „Rambo III“. Bis nach Maueröffnung war Vladimir drei Jahre in der ehemaligen DDR als Hubschrauberpilot stationiert. Statt Krisengebiete fliegt er mittlerweile aber viel lieber den Schnee im Hochgebirge an. Mit seiner Pilotensonnenbrille und der beigefarbenen Daunenjacke mit Zobelfellkragen sieht er

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extrem lässig aus. Neben der abgeklärt wirkenden Coolness ist aber auch seine Performance am Knüppel gewaltig. Davon überzeugt er uns während der folgenden Powder-Tage immer wieder aufs Neue. Egal, ob tief verschneite Gipfelplateaus, steile Grate oder ausgesetzte Landeplätze – es ist beeindruckend, wie er den MI-8 beherrscht. Diese Erfahrung verleiht unserem Abenteuer den Fünf-Sterne-plus-Charakter, da wir aufgrund des unbekannten Terrains zumeist erst im Flug ein Geländecasting vornehmen und entscheiden, welcher Berg und Hang befahren werden kann, oder ob ein Drop-off am Gipfel und eine Landung am Rückkehrpunkt möglich sind. Dazu ist ein Freeride-Tag mit dem MI-8 in den irren Höhen des kirgisischen Tian Shan auch immer eine fein austarierte Kerosinkalkulation. Rein rechnerisch wäre mit den 3.630 Litern Tankinhalt eine Reichweite von mehr als 600 Kilometern möglich. Aber in Höhen zwischen 2.500 und 4.500 Metern Höhe wird die Luft nicht nur immer dünner zum Atmen, sondern bedingt auch einen geringeren Gegendruck für die Rotorblätter des Hubschraubers. Daraus resultieren ein höherer Kerosinverbrauch und eine geringere Reichweite als in der Ebene.


ABENTEUER

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Ob auf dem Basar oder am StraĂ&#x;enrand, in Kirgistan versucht sich jeder ein paar Som mit dem Verkauf von Waren hinzuzuverdienen.


Die Kirgisen essen gern Fleisch und der Duft von gegrillten Lamm- oder Ziegenspießen liegt förmlich ständig in der Luft.

Das Fettschwanzschaf gilt in Kirgistan als gehaltvolle Delikatesse.

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Heli-Base auf fast 3.000 Metern Höhe mit Blick über das Hochtal von Suusamyr.

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Denis Grigorev, ein exzellenter Freerider aus Usbekistan, lässt es in den Bergen Kirgistans stauben.


ABENTEUER

Vladimir hat natürlich seine doch ziemlich ungewöhnlichen Sprit-Spartricks. Am Ende eines langen Freeride-Tages, wenn wir durch das Hochtal von Suusamyr nach Hause knattern, geht er gern in den Tiefflug. So tief, dass uns garantiert kein Radar erfassen würde. Auf der endlosen Straße, die sich schnurgerade durch die eisige Hochebene zieht, könnten wir die Fahrer einsamer Lkws, die ihre schwere Ladung in Richtung China oder Tadschikistan steuern, locker durchs geöffnete Fenster abklatschen. Auf die Frage an Vladimir, warum er so tief fliegt, antwortet dieser nur trocken: „Macht Spaß!“

Ein MI-8 MTV fliegt mit einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern und wird von drei leistungsstarken GasturbinenTriebwerken angetrieben. Schwebeflug knapp über dem Boden

Purer Spaß sind auch die Skierlebnisse, die wir dank des MI-8 und Vladimirs Crew erleben. Zwischen acht und zwölf Powder-Runs schaffen wir – je nach Gelände und Wetter – pro Tag. Nach dem allabendlichen Reis mit Ziegenfleischeinlage und dem unvermeidbaren Vodkarausch, nutzen wir das höhenbedingte Blähungsstakkato vor dem der Schneeverhältnisse und des Terrains, das wir Einschlummern, um innezuhalten und zu begreifen, vorfinden, kann man eigentlich nur den überstrawelch einzigartiges Abenteu- pazierten Begriff „epic“ verwenden. Ein leichter er uns hier geschenkt wird. Schwindel befällt uns auch, wenn wir darüber Zur objektiven Beschreibung nachdenken, wie viele Erstbefahrungen möglicherweise dabei sind. Denn vermutlich sind bisher nur wenige Freerider mit Helikopterunterstützung in die riesigen und vollkommen abgeschiedenen Gebirgsketten des Tian Shan vorgedrungen. Zwei Mal gefahren wird hier kein Hang. Gipfellandungen sind so gut wie ausgeschlossen. Ganz oben läuft alles per „Touch-and-go“, was den Adrenalinspiegel in die Höhe schießen lässt. Die Gefahr, dass der schwere Helikopter mit seinen bis zu 13 Tonnen Fluggewicht zu tief in den Schnee einsinkt oder eine Wechte abbricht, ist zu groß. Vladimir hält den MI-8 bei unseren Drop-offs im

Schlafen auf heißen Kohlen: improvisierte Befeuerung direkt unter dem Wohncontainer.

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und die Crew springt mit Ski am langen Arm hinaus. Danach herrscht Höllenlärm, Schneekristallchaos und Rotorsturm, wenn die Turbinen des Bergboliden noch mal bis zur Höchstleistung gepeitscht werden, er über uns abhebt und in einem irren Sturzflug hinter der nächsten Felswand verschwindet. Keine Frage, nur dank solider Uralttechnik, Unmengen an Kerosin und Vladimirs Können sind wir immer weiter und höher in die Abgeschiedenheit des tief verschneiten Tian Shan vorgedrungen. Freeriden wäre hier sonst wohl nur im Expeditionsstil mit mehrtägigen Touren, Biwaks und viel Gepäck möglich gewesen. Neben der Hommage an dieses Land aus hohen Bergen gilt unsere Hochachtung deshalb vor allem dem coolsten Heli-Piloten Kirgistans und seiner Crew. Die höchste Höhe, die Vladimir je mit einem MI-8 MTV geflogen ist, waren unglaubliche 7.300 Meter. Die Frage, ob er dabei durch eine Sauerstoffmaske geatmet hat, beantwortet er trocken: „Njet, nur Zigaretten!“


ABENTEUER

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ESSEN

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INFO

Kirgistan gehört zu den sichersten und demokratischsten Ländern Zentral­ asiens. Überfallen wird man hier am Straßenrand höchstens von der kirgisischen Gastfreundschaft. Und nachdem sich das Volk bei der sogenannten Tulpenrevolutionen 2005 und dem Umsturz 2010 erhoben hat, um zwei autoritäre und korrupte Präsidenten davonzujagen, wurde sogar eine parlamentarische Republik nach deutschem Vorbild etabliert. SKIGEBIETE

Es existieren einige kleine Skistationen mit Liften: Im Süden, rund 40 Kilometer von Bischkek entfernt, im Nationalpark Ala Artscha sowie ein Zwei-Pisten-Gebiet am Too-Ashu-Pass, das über einen Doppelsessel- und einen klapprigen Schlepplift verfügt. Größte Skistation mit vier Sesselliften und den Ausmaßen eines kleinen Alpenskigebiets bei höchster Liftankunft auf 3.040 Metern ist Karakol ganz im Osten des Landes am Issyk-Kul-See.

FLÜGE

Auf dem Hauptstadtflughafen Bischkek landet man von Europa aus am besten mit der Aeroflot oder Turkish Airlines. Mit Aeroflot fliegt man über Moskau für nicht mehr als 400 Euro hin und zurück. Selbst Skigepäck ist im Ticketpreis inbegriffen, wenn man es vorher telefonisch anmeldet. WÄHRUNG

Die nationale Währung ist der Som. Ein Euro entspricht in etwa 80 Soms. Die Lebenshaltungskosten in Kirgistan sind sehr günstig. Für ein Essen oder eine Hotelübernachtung liegen sie bei der Hälfte oder lediglich einem Drittel der Preise in Europa.

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Das Essen in Kirgistan hat – schon allein aufgrund nomadischer Tradition – immer mit Ziege, Schaf oder Pferd zu tun. Und es sind natürlich nicht die Filetstücke, die man dann in seinem Reis findet, sondern meist ziemlich exotisch-fettige Fleischteile. Frisches Obst, Gemüse und Salate gibt es aber sowohl in Restaurants als auch auf den Basaren reichlich. Zum Frühstück muss man mit löslichem Kaffee rechnen, mit Reisbrei, aber auch mit roter Wurst, Käse und Spiegeleiern. Tee ist zu jeder Mahlzeit traditionell wichtig – und der Gastgeber ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Tassen der Gäste immer mindestens halbvoll sind. VISA

Bürger aus EU-Staaten benötigen seit 2012 kein Visum mehr. Ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass reicht zur Einreise nach Kirgistan.

WEB-INFOS

www.whitehearts.de www.snowxplore.de www.ak-sai.com

Immer wieder atemberaubend: die Kraft, der Lärm und die Luftwirbel, wenn der MI-8 nach dem Drop-off über den Köpfen abhebt und in den Weiten der Berge verschwindet.


MOTOR

Logenplatz: Der Ferrari California an der Hafenmole von Portofino.

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VON DER SONNE VERWÖHNT DER NEUE FERRARI CALIFORNIA T HANDLING SPECIALE STEHT FÜR ITALIENISCHE ELEGANZ, SUPERSOUND UND EIN ZIEMLICH SPORTLICHES FAHRERLEBNIS.

VON THOMAS GARMS 83


MOTOR

Breitwillig formt das Publikum eine Gasse, kann den Blick nicht abwenden von den wohlproportionierten Rundungen der Boliden und würde, falls das in diesem Moment unbeobachtet bliebe, am liebsten anerkennend das stramme Hinterteil tätscheln. Wer nah genug herankommt, späht neugierig in das mit feinem Semianilinleder ausgekleidete Cockpit. Handys und Fotoapparate werden gezückt, unzählige Schnappschüsse entstehen. Die neue Errungenschaft aus der Automobilschmiede in Maranello ist ein dankbares Motiv.

Gutes Handling: Die Bedienelemente am Steuer und in der Mittelkonsole.

Oh wie schön ist Italien! Zumindest für Automobilisten. In der Heimat von muskulösen, gut aussehenden Rassepferdchen wie Ferrari muss man weder Missgunst befürchten noch Deckung suchen vor irgendwelchen Anwürfen ökologischer Rechthaber. Ganz im Gegenteil: Hier darf man noch mit einem 560-PS-starken V8Turbotriebwerk unter dem Hintern huldvoll lächelnd durch die enge Fußgängerzone Portofinos sprozzeln, dienstfertig von Polizisten eskortiert, die taillierte Uniformjacken und weiße Handschuhe tragen, wohlbesorgt darum, dass den sechs nagelneuen, herrlich in der Sonne glitzernden California T Handling Speciale ein angemessener Empfang bereitet wird.

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Natürlich weiß Ferrari, wie man Sehnsuchtsobjekte optimal inszeniert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Bevor die Journalisten, Blogger und Kameraleute zur Präsentation erscheinen dürfen, waren die Scouts des Herstellers vermutlich wochenlang unterwegs, um die perfekte Örtlichkeit für den Testdrive und möglichst ansprechende Bildhintergründe ausfindig zu machen. Portofino ist solch ein Ort. Als malerisches Städtchen an der ligurischen Küste gelegen, von Sonne beschienen, edel, aber nicht zu mondän, mit einem kleinen, von Restaurants und Boutiquen gesäumten Hafen versehen, wo man die Fahrzeuge während des Mittagessens zu einem optisch attraktiven Halbrund aufstellen und den Mechanikern Gelegenheit geben kann, rechtzeitig vor der Weiterfahrt etwaige Staubflöckchen und Fingertapser mit antistatischen Lappen vom Lack zu bannen. Kurzum: der perfekte Zielort für die Inszenierung automobiler Träume und Begehrlichkeiten. Schließlich geht es – mehr als bei anderen Fahrzeugen – um Emotionen, Mythen, technische Überlegenheit und das Gefühl eines schier grenzenlosen Fahrspaßes.


Ferraris sind immer mehr als nur ein teures Auto. Sie sind Gesamtkunstwerke, Fixpunkte einer von markanten Zwischengasstößen orchestrierten Fortbewegungsart, die sich tapfer dem Trend zu akkubetriebenen, von Satelliten und Apps gesteuerten Fortbewegungskabinen widersetzt. Am California-Lenkrad mit seinen Paddels und drei verschiedenen Fahrmodi darf man noch ganz man selbst sein und kann entscheiden, ob man für den kurvenreichen Sprint über die SP227 Richtung Santa Margherita Ligure den Sportmodus wählt, bei dem das Magnetic-Ride-Fahrwerk die Viskosität des Dämpferöls in Bruchteilen von Sekunden durch Stromimpulse verhärtet und das Auto bei marginaler Reduktion des Fahrkomforts wie von der Tarantel gestochen zu sprinten beginnt. Dabei wird ein Sound entfesselt, der nichts zu wünschen übrig lässt. Wo sonst die Turbos das Geräusch praktisch wegdämpfen, haben es die Klangzauberer in Maranello geschafft, dass der Motor sowohl während der Ansaug- als auch während der Auslassphase herrlich explosive Trompetenstöße von sich gibt. Die zwei Abgasrohre der Schalldämpfer und ihre Geometrie wurden eigens neu entwickelt, um den Motorsound mit steigenden Drehzah-

BEI EINEM FERRARI GEHTS UM MYTHEN UND EMOTIONEN.

len schrittweise zu erhöhen, was sich insbesondere während der Fahrt mit geöffnetem Dach durch die herrlich reflektierenden Straßentunnel als Höllenspaß erweist. Alternativ lässt man den Wagen einfach satt grummelnd vor sich hin gleiten und genießt die von Wärme und handwerklicher Kunstfertigkeit geprägte Atmosphäre im Cockpit. Die Nutzungsmöglichkeiten dieses Gran-Turismo-Supersportwagens sind also vielfältig. Nicht ohne Grund heißt das sich vergleichsweise komfortabel fahrende Modell nach jenem amerikanischen Sonnenstaat, wo die hedonistische Lebenseinstellung groß geschrieben wird. Wer will, kann selbstverständlich die Assistenzsysteme deaktivieren und mit dem California auf der Rennstrecke ordentlich Gummi geben. Aber eigentlich ist der Name Programm und darf gern als Einladung verstanden werden zum lustvollen, souveränen Cruisen. In nur 14 Sekunden öffnet und schließt sich das faltbare Hardtop.

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Oben: Rassige Front. Unten: Das mit Semianilinleder ausgestattete Interieur.


MOTOR

Geschmeidige Passfahrten mit schier unerschöpflichen Kraftreserven, eine fabelhaft direkte und doch höchst komfortable Lenkung, das Platzangebot mit dem „2+“-Sitzkonzept und einem vergleichsweise großzügigen Gepäckfach im Heck machen den California durchaus alltagstauglich. Und gut sieht er außerdem aus. Die Flankenform des California wurde vom berühmten Styling der Pontonflügel am 250 Testa Rossa inspiriert, wobei sich die Linie des vorderen schwungvoll nach hinten zum kompakten, muskulösen hinteren Kotflügel zieht und den Seiten somit eine aerodynamische Schnittigkeit verleiht. Dem Heck kommen sorgfältige Aerodynamikstudien zugute, die zu einem neuen Diffusor mit drei senkrechten Finnen führten. Farbtechnisch wartet der Wagen mit dem „Rosso California“ auf, einem intensiven, tiefen Rot, das von klassischen Ferraris inspiriert wurde. Alternativ gibt es das „Blu California“, das die Vielseitigkeit und Eleganz dieses neuen Modells unterstreicht.

DIE MODIFIZIERTE SCHALTLOGIK BRINGT MEHR SPORTLICHKEIT

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Bei der brandneuen Option „Handling Speciale“ handelt es sich um ein Ausstattungspaket, das eine Reihe von spezifischen Kalibrierungen und Konfigurationen enthält. Neben den schon erwähnten Besonderheiten der unterschiedlichen Fahrmodi wurde auch die Schaltlogik modifiziert, was zu einem sportlicheren Gangwechsel beim Hoch- und Herunterschalten führt. Das HS-Paket beinhaltet zudem um 16 Prozent härtere vordere Fahrwerkfedern und 19 Prozent härtere hintere Federn, was dank reduziertem Roll-, Wank- und Eintauchverhalten eine weiter verbesserte Fahrzeugkontrolle mit sich bringt. INFO

Hubraum: 3.855 Zentimeter Motor: V8-Benziner mit Turboaufladung Leistung: 560 PS Höchstgeschwindigkeit: 316 Kilometer pro Stunde Beschleunigung: von null auf 100Stundenkilometer in 3,6 Sekunden Verbrauch EU-Drittelmix (Liter/100 Kilometer): 10,5 Liter Listenpreis: 184.689 Euro plus 6.902 Euro für HS-Paket

Platz an der Sonne: Die Heckansicht des California mit geöffnetem Hardtop.


GENUSS

WENN EINS UND EINS MEHR ERGIBT ALS ZWEI TEXT UND FOTOS NILS LACKNER

Ein Grauburgunder wie der vom Weingut Braun in der Pfalz macht SpaÃ&#x; zu einer breiten Vielfalt an Speisen.

TABUS EXISTIEREN, UM GEBROCHEN ZU WERDEN, ZUMINDEST DANN, WENN DER INDIVIDUELLE GESCHMACK ES ERLAUBT.

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N e b e n T re nd s s p i e l t auch Regionalität e i ne g ro ß e Ro l l e .

Schon die alten Römer wussten, dass zu einem üppigen Mahl viel Wein gehört. Über drei Liter solle man pro Tag trinken, war die Empfehlung. Selbst die Soldaten wurden in Weinrationen bezahlt und dazu aufgefordert, jede Mahlzeit damit zu begleiten, vom Frühstück angefangen bis zum Mitternachtssnack. Der Wein, der damals getrunken wurde, muss furchtbar geschmeckt haben. Oft wurde er mit Gewürzen, Ölen oder sogar Asche versetzt, um ihn angenehmer zu machen. Trotzdem galt er als unverzichtbares Getränk zu jeder Mahlzeit. Seitdem hat sich vieles verändert in der kulinarischen Welt. Aus Gelagen wurden 25-gängige Molekulardinner, statt Krügen stehen jetzt mundgeblasene Bleikristallgläser auf den Tischen und auch der Wein selbst ist ein anderer. Eines jedoch ist geblieben: die Lust am alkoholischen Beigetränk zum Mahl. Die Anekdote der alten Römer erzähle ich gern, wenn man mich nach dem einen perfekten Wein zu einer bestimmten Speise fragt. Sie zeigt sehr schön, dass es keine Antwort darauf geben kann, meiner Meinung nach noch nicht einmal geben darf. Wer als Sommelier meint, darauf eine allgemein gültige Auskunft parat zu haben, sollte seine Berufswahl überdenken. Selbst in

einem bedeutend kürzeren historischen Zeitfenster, sagen wir mal die letzten 20 Jahre, gab es unendlich viele geschmackliche Trends und Entwicklungen, welche die Auswahl des Weins beeinflusst haben. Natürlich gibt es die Klassiker, wie zum Beispiel Austern und Chablis oder Roquefort und Sauternes. Sie haben sich etabliert und man findet sie immer wieder auf Karten rund um den Erdball. Es handelt sich um stimmige Kombinationen, die scheinbar einer breiten Masse an Genießern Spaß bereiten. Aber auch nicht mehr und nicht weniger. Doch was passiert wohl, wenn ich einem Austernfischer in der südlichen Bretagne zu seinen Austern Chablis serviere, statt seines geliebten Muscadet-Weins aus der Region? Neben Trends spielt auch Regionalität eine große Rolle.

Champagner ist mittlerweile mehr als nur ein Aperitif. Auch der 100% Meunier von Salmon macht eine gute Figur zu Gerichten.

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In den USA habe ich häufiger eine Redewendung dazu gehört: „What grows together, goes together!“ (Was zusammen wächst, passt auch zusammen.) Die Speise- und Weinkulturen einzelner Regionen sind meist über Jahrzehnte zusammen herangereift, unabhängig von den sich schnell ändernden Mode­ erscheinungen der modernen Restaurantszenen. Wer wüsste besser, was zu ihrer Küche passt, als die Menschen, welche die Zutaten mit den eigenen Händen anbauen, fangen und zubereiten? Wer bin ich denn, mich als urbaner Sommelier zu erdreisten, der Nonna einer italienischen Großfamilie zu erzählen, dass ihre Pasta nicht mit Rotwein serviert werden sollte, obwohl die Familie das seit 60 Jahren so macht?


GENUSS

We i n b e g l e i t u n g i s t i m m e r a u c h I n te r p re ta t i o n s s a c h e , persönlicher Geschmack und es k o m m t d a ra u f a n , wo u nd m i t wem ich am Tisch sitze. Was also macht eine gute Kombination aus? Was sind die Faktoren? Über den wichtigsten wurde hier noch gar nicht gesprochen: den Geschmack – und zwar den individuellen. Entscheidender kann ein Kriterium nicht sein. Wenn dir ein kräftiger Rotwein zu deinem zarten Sushi schmeckt, dann trink verdammt nochmal einen großen Roten zum Fisch. Dein Dinner, deine Regeln. Als Sommelier kann ich dir nur sagen, warum ich glaube, dass etwas anderes besser dazu passt. Aber es steht mir nicht zu, deinen Geschmack zu bestimmen. Wie also geht ein Weinprofi vor, wenn er Speisen und Weine füreinander aussucht? Grundsätzlich gibt es verschiedene Herangehensweisen. Ich kann einen Gegenpol schaffen. Ein gutes Beispiel wäre ein cremiger, fetter Käse, wie zum Beispiel bei einem Käsefondue, den man mit einem frischen, säurebetonten Wein unterstreicht. „Säure schneidet Fett“, lernt man schon in der Sommelierausbildung. Somit nimmt man dem Käse etwas von seiner Wuchtigkeit und kreiert ein eleganteres Aromenprofil. Daher serviert der Profi zu scharfen Curry- und Chili­ gerichten beispielsweise gern restsüße Weine. Süße und Schärfe nehmen

einander ein wenig die Gewalt und dämmen sich gegenseitig ein, um so ein runderes Mundgefühl zu erreichen. Wer es probieren möchte, bestellt beim nächsten Thaicurry einfach einen halbtrockenen Riesling oder Gewürztraminer als Begleitung.

auf seiner Karte für seine Spritzigkeit und die leichten Beerennoten. Oder er möchte ein Highlight setzen und empfiehlt den gereiften Chardonnay mit vanilligen Holznoten und leichtem Anflug von Balsamico. Dieser setzt sich selbst gekonnt in Szene und stiehlt der Crème brûlée die Show. Der Fokus liegt jetzt also nicht auf reiner Untermalung, sondern auf dem Wein selbst. Den Eiswein findet der Sommelier zwar ebenfalls gut, aber eher zu einem kräftigen Blauschimmelkäse statt zur Crème brûlée. Man sieht also, dass mehr als nur ein Weg ans Ziel führen kann. Weinbegleitung ist immer auch Interpretationssache, persönlicher Geschmack und es kommt darauf an, wo und mit wem ich am Tisch sitze. Wir alle kennen das Phänomen, dass uns bestimmte Weine im Urlaub unglaublich lecker erscheinen. Kaufen wir davon aber eine Kiste und öffnen voller Erwartung zu Hause eine Flasche, macht sich nicht selten Enttäuschung breit. Die besten Erinnerungen haben wir an Abende, an denen die Atmosphäre stimmte, die wir in toller Gesellschaft verbachten. Eines meiner persönlichen Lieblingserlebnisse war ein Abend am Strand mit Burgern, Champagner und Sonnenuntergang. Aber würde ich mir deshalb jetzt jedes Mal einen Champagner als Burgerbegleitung bestellen? Sicher nicht!

Moderne Zeiten: Burger und Wein.

Auch ergänzende Elemente kann man für sich nutzen. Am deutlichsten wird dies wahrscheinlich im Dessertbereich, wo ich zu meiner süßen Crème brûlée einen noch süßeren Eiswein wählen könnte. Süß und süß ergänzen sich gern und ergeben eine opulent-verführerische Note. Hätte ich den Sommelier gefragt, hätte er mir also vielleicht auch den Eiswein empfohlen. Vielleicht aber auch nicht, denn eventuell liebt er im Moment den neuen Rosé-Champagner

Die neue Schule der Sommeliers (hier Nils Lackner) moderiert auch mal im T-Shirt und traut sich, neue Wege zu gehen.

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Auch ein Craft Beer kann heute als Begleitung angeboten werden, gerne auch im Weinglas.

Wir müssen lernen, uns von den Konventionen frei zu machen und alte Stigmata über Bord zu werfen. Immer noch zu präsent sind Ideen, welche heute keinen Halt mehr haben, allen voran die Gretchenfrage zum Thema: „Darf ich Weißwein zum Fleisch und Rotwein zum Fisch anbieten?“ Die Antwort lautet ganz klar: Ja! Woher kommt dann ein solches Klischee? Fisch und Meeresfrüchte enthalten Omega-3-Fettsäuren, einige Rotweine sind kräftig und gerbstoffhaltig.

Nun hat man herausgefunden, dass diese beiden Stoffe zusammen mit unserem Speichel einen metallartigen Geschmack im Mund hinterlassen können. Ähnlich wie eine Dose Cola, die zu lange in der Sonne stand. Diesen Geschmack will man natürlich vermeiden. Es gibt nur ein Problem mit dem angestaubten Lösungsansatz, denn heutzutage kommen auch einige Weiß- und Roséweine mit hohem Gerbstoffgehalt ins Glas. Auf der anderen Seite gibt es heute leichte Rotweine, die bestens zu Fisch passen, am besten leicht gekühlt. Was, Rotwein gekühlt? Ein weiteres Tabu, das gern gebrochen werden darf. Fleischgerichte enthalten dagegen viele Proteine. Die wiederum freuen sich über Tannine (Gerbstoffe), holzige Nuancen vom Barriquefass und rustikale Bodennoten. Alles Charakteristika, welche schon lange nicht mehr nur dem Rotwein vorbehalten sind.

Moderne Sommeliers wissen das und spielen bewusst damit, fordern diese Vorurteile geradezu heraus und zeigen gern neue Wege im Zusammenspiel zwischen Wein und Speisen. Grenzen werden verschoben und es ist nicht mehr unüblich, neue Kombinationen serviert zu bekommen. Champagner zum Steak. Restsüßer Wein als Aperitif statt zum Dessert. Gereifter Riesling im Rotweinglas zu deftigen Fleischgerichten. Oder einfach mal keinen Wein, sondern ein Craft Beer oder einen Gin Tonic als Begleiter eines Ganges. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Hinzu kommen neue Trends. Naturweine, ungefiltert und mit leichten Hefenoten. Weine mit weniger Alkoholgehalt. Reifenoten im Weißweinbereich. Auch im Speisenbereich tut sich einiges. Gab es früher ein klar strukturiertes Gericht auf dem Teller, werden heute vielerlei Kleinigkeiten im Tapas-Stil serviert. Oder Trilogien einer Zutat, teilweise in verschiedenen Aggregatzuständen. Welcher Wein passt denn da? Und welcher Teil der Trilogie ist der wichtigste, an dem sich dann der Wein ausrichtet? Es gibt nur einen möglichen Lösungsansatz, um herauszufinden, was man wirklich mag. Mit einem offenen Horizont an die Sache herangehen und einfach vieles ausprobieren. Immer wieder neue Kombinationen entdecken, sich verführen lassen und auch anderen Ideen eine Chance geben. Im Endeffekt geht es doch nur um den Spaß am Essen und Trinken. Da sollte man nicht alles zu ernst nehmen. Der Weg ist das Ziel und viele Wege führen bekanntlich nach Rom.

INFO Mehr zu unserem freiberuflichen Sylter Sommelier Nils Lackner auf Instagram. Buchung unter sommelier@tripmagazin.de, damit er seine Geheimnisse im Umgang mit Wein im Rahmen einer coolen Probe teilt.

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FOOD

DAS NEW YORK PIZZA PROJECT ZEIGT DIE TRADITIONSSHOPS DER STADT, DIE NIEMALS SCHLÄFT – UND IMMER HUNGRIG IST.

WE LOVE PIZZA! HIERZULANDE IST ES DAS BELIEBTESTE FAST FOOD, IN NEW YORK ABER IST ES EINE GLAUBENSFRAGE.

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ür die einen ist sie ein schlichtes Soßenbrot, für die anderen ist sie die flachste Versuchung, seit es Heißhunger gibt: Pizza. Eigentlich braucht es nur Mehl, Hefe, Wasser, eine Prise Salz und den Belag. Eigentlich … Kaum ein Fast Food polarisiert so wie Pizza. Flacher oder dicker Teig, Pfanne, Steinofen oder Tiefkühlware, Tomaten­ soße, White oder mit Käse im Rand? Soll es Pizza Napoletana, Deep-dish-Pizza, Pizza Romana oder lieber Pizza Genovese sein und – wo bekommt man die dann?

Das fragen sich auch fünf junge New ­Yorker und schnell wird klar, Pizza und ihre Tradition sind ein Thema, dem sie sich widmen wollen. „Die Idee kam uns, als wir zusammensaßen und über Pizza redeten. Darüber, was unsere Lieblingspizzen sind und was Pizza für New York und seine Kultur bedeutet“, sagt Ian Manheimer, einer der Köpfe hinter dem Projekt. Das Soßenbrot ist mittlerweile ein fester Teil amerikanischer Kultur und Geschichte. „Die erste Pizzeria in New York wurde 1905 von Gennaro Lombardi eröffnet“, berichtet Manheimer. Doch es soll fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis das Fast Food seinen Siegeszug in die Mägen der Nation abschließt.

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Denn richtig beliebt wird die Pizza in den USA erst, nachdem die amerikanischen Soldaten aus dem Italieneinsatz im Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, wo sie mit der ländlichen Küche und dem „Arme-Leute-Essen“ in Kontakt kamen. Heute ist die Handpizza aus dem Straßenbild New Yorks nicht mehr wegzudenken und verbindet völlig unterschiedliche Lebenswelten: Ob Investmentbanker, Fabrikarbeiter oder Tourist, sie alle bestellen sich ihr Mittagessen in einer Pizzeria – und lieben es heiß und innig. Dieses verbindende Element fasziniert auch die fünf Projektgründer.


TEXT NIELS-GERRIT HORZ FOTOS THE NEW YORK PIZZA PROJECT

„DIE IDEE KAM UNS, ALS WIR ZUSAMMENSASSEN UND ÜBER PIZZA REDETEN.“ IAN MANHEIMER

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FOOD

New Yorks Pizzerien sind wie die Stadt: lebendig, etwas chaotisch und liebenswert.

2010 beschließen sie, sich intensiv mit diesem Teil der New-Yorker Küche auseinanderzusetzen und ziehen die nächsten vier Jahre durch die Stadt, immer auf der Suche nach weiteren traditionellen Shops. Dabei haben sie eine Vielzahl – insgesamt 120 – der bunten, etwas kauzigen, aber typischen Läden gefunden und Stunden damit verbracht, ihren jeweiligen Charme einzufangen und sich mit den „Machern“ und ihren Kunden zu unterhalten. Sie richten einen Blog ein und posten die Bilder auf Instagram.

Doch sind den Autoren vor allem die Menschen hinter den Blechen wichtig: „Wir lieben Pizza und die kleinen Familienunternehmen, doch sie stehen in ständiger Konkurrenz zu den großen Ketten“, sagt Manheimer etwas wehmütig. Eines dieser Familienunternehmen ist Nachdem die Resonanz überwältigend Di Fara Pizza in Midwood, Brooklyn. ausfällt, beschließen die fünf kreativen Vor dem Ofen steht der 80-jährige Dom Köpfe – zwei von ihnen sind Fotografen, Demarco, der immer noch täglich den zwei sind Grafiker und einer Produktent- Teig knetet. Demarco ist eines jener wickler – ein Table Book zu veröffentliseltenen Originale in New York und chen. Durch ein Crowdfounding sollten viele sagen, dass seine Pizza die beste 15.000 Dollar gesammelt werden. Der der Stadt ist. Seine Kinder helfen dem gesammelte Betrag ist doppelt so hoch. liebenswürdigen Meister seines Fachs, Entstanden ist ein buntes Pizzenbilderdoch kann sich dieser ein Leben ohne patchwork, das sich wie ein Raster über Pizza nicht vorstellen. „Was meine Brüder meinem Vater voraushaben, ist Gedie Stadt erstreckt. Hierbei ist klar, dass schwindigkeit“, sagt Maggie, Demarcos anhand der Rezeptur deutlich wird, dass Tochter. Doch Qualität ist eine Frage Stadtteile und auch ganze Städte unterschiedlichen Einflüssen unterworfen sind vieler Faktoren: Erfahrung, Zeit, gute und sich unterschiedlich entwickeln. „Piz- Zutaten und Leidenschaft sind es, die za ist ein Nebenprodukt dieses großen echte Handwerkskunst und ein hervorragendes Produkt ausmachen. Experiments Multikulturalismus.“

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„PIZZA IST EIN NEBENPRODUKT DIESES GROSSEN EXPERIMENTS MULTIKULTURALISMUS.“ IAN MANHEIMER

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EROTIK

FRANZI GANZ PRIVAT FOTOS ROGER SCHÃœEBER VISAGISTIN MONIKA LEYENDECKER KASSAI TEXT NAOMI STILLER 96


NATÜRLICH KÖNNTE DIE SCHÖNE FRAU AUCH IN JEDER ANDEREN STADT FRÖHLICH DIE MORGENSONNE BEGRÜSSEN – DIESMAL HATTE BUDAPEST DAS PRIVILEG.

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EROTIK

Zarte Haut und Seidenwäsche: ein Blick in den Spiegel.

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FRANZIS SINNLICHER KÖRPER IST VON JEDER SEITE EIN GEDICHT.

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Franzi ist ein Morgenmensch. Schlechte Laune beim Aufwachen kennt sie nicht.

Es sind nicht nur ihre Augen und das süße Lächeln. Wenn Franzi vor der Kamera agiert, ist sie mit allen Sinnen dabei. Sie weiß, dass es beim Fotografieren nicht nur darauf ankommt, wie man sich bewegt, sondern was man dabei fühlt. Und damit dem Betrachter ein paar neue reizvolle Perspektiven eröffnet. Die Unbefangenheit und Fröhlichkeit sind das Markenzeichen der Wahl­

berlinerin mit ihrem kurzen dunklen Haarschopf. Geboren wurde Franzi allerdings in Rudolstadt, Thüringen.­ Immer mal wieder verdiene sie sich als Model etwas dazu. „Mir machen die Fotojobs großen Spaß“, sagt sie. Privat habe sie kein Problem, sich auch mal hüllenlos zu zeigen. „Das ist doch total natürlich.“ Hauptsächlich aber konzentriere sie sich auf ihr Studium im Fach Health Professions Education.

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EROTIK

Mit einer heißen Tasse Tee genießt die schöne Brünette die morgendliche Ruhe auf dem Balkon.

Die Shooting-Reise nach Budapest und die Arbeit mit dem Schweizer Fotografen Roger Schueber haben ihr viel Freude bereitet. „Die ungarische Hauptstadt bietet eine ganz besondere Atmosphäre und viele interessante Perspektiven“, sagt Roger Schüeber. Ein Besuch im berühmte Café Gerbeaud oder im Thermalbad St. Gellért reichen oft schon aus, um sich von dem nostalgischen Charme der Donaumetropole fesseln zu lassen. Nach der Arbeit kann man durch das alte jüdische Viertel streifen und sich in einer der unzähligen Bars entspannen.

SCHÖNE ANSICHT, SCHÖNE AUSSICHTEN. 101


EROTIK

Manche Augen hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Diese zum Beispiel.

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SINNLICHES ERWACHEN IM WEICHEN MORGENLICHT.

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JUWEL MIT KASKADENDUSCHE

VON THOMAS GARMS

FÜR DISTINGUIERTE GENTLEMEN IST „THE SAVOY“ IN LONDON DIE ERSTE ADRESSE.

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FLUCHTPUNKTE

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Am Haupteingang nimmt Doorman Tony die Gäste in Empfang.


FLUCHTPUNKTE

Wer den glanz vergangener Epochen liebt, steigt hier ab Wohnst du angemessen oder übernachtest du nur? Was Hotels betrifft, lässt sich diese Frage in der Regel bereits im Eingangsbereich beantworten. Dieser vermittelt durch seine Architektur, Möblierung, Dekoration und Größe schon im ersten Augenblick, wo man zu Gast ist. Das gilt für Hotels im Allgemeinen, spezieller für Grand- und Palasthotels und besonders auch für „The Savoy“ in London, eine der Ikonen des internationalen Hotelgewerbes. Wer sich im Glanz vergangener Epochen sonnen möchte, der steigt hier ab. Man schreitet durch die hölzerne Drehtür hinein auf den polierten Marmorboden im klassischen schwarz-weißen Schachbrettmuster, der seit dem 18. Jahrhundert in den reichen Haushalten Londons in Mode war, nimmt die prächtigen Säulen wahr, spürt die Patina der Mahagonipaneele an den Wänden, alles in weiches Licht getaucht von golden schimmernden Stofflüstern. Marlene-Dietrich-Cocktail mit Champagner und Zitrone. Mitte: Die Beaufort Bar.

Kaum hat man die Halle betreten, ist das hektische Treiben der britischen Finanzmetropole wie weggeblendet. Man fühlt sich angekommen in einer Oase der Entspannung und Erholung mitten im betriebsamen Herzen Londons. Wie in einem prächtigen Privathaushalt vermitteln bequeme Polstermöbel, dekorative Beistelltische und sorgsam platzierte Kunstgegenstände schon im Eingangsbereich ein Gefühl von Behaglichkeit, das durch aufwendige Blumenarrangements abgerundet wird. Es gibt keinen Tresen, an dem eintreffende Gäste sich anstauen – Anmeldung und Check-out erfolgen diskret im Nebenraum an verschiedenen Schreibtischen aus Edelholzfurnier. Eine Sünde, hier seinen Trolley selbst hindurchbugsieren zu wollen. In Palasthotels wie dem Savoy zu wohnen, heißt, den ganzen Service völlig selbstverständlich in Anspruch zu nehmen, und der beginnt stilgerecht schon vor der Tür bei der Versorgung des Gepäcks.

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Im Prinzip ist es ganz einfach: Je mehr sich die gleichförmigen und auf Effizienz getrimmten Kettenhotels auch im Luxussegment breitmachen, desto interessanter wird als bewusst gewähltes Kontrastprogramm der Aufenthalt in einer der Juwelen jener Zeit, als man noch mit Schrankkoffern zu reisen pflegte. Die Fairmont-Gruppe als Betreiber des Savoy setzt darauf, dass eine bestimmte Kundschaft immer genau das will, was es kaum noch gibt. Flachbildschirme, Designermöbel und sprechende Minibars auf den Zimmern sind inzwischen genauso wenig etwas Besonderes wie die aufgeplusterten Fashion-Hotels mit den Namen von Modeschöpfern, in denen das Personal oft besser gekleidet ist als die Gäste, aber nicht weiß, wie das Verdeck eines Morgan Plus 4 ordentlich geschlossen oder ein Lamborghini Aventador LP 750-4 Superveloce gestartet wird. Im Savoy kann man davon ausgehen, dass man hier fachkundig Hand anlegt an automobile Kronjuwelen und das Fahrzeug entsprechend achtsam in eine gesicherte Parkgarage verbracht und nötigenfalls auch noch penibel ausgesaugt wird.


Nach dem Umbau verfügt das Hotel über ein grosszügiges Spa mit Therapieräumen und Pool.

Kurzum: Was einst die gekrönten Häupter zu schätzen wussten, kann heute nicht verkehrt sein, nämlich eine Bühne zu bieten mit Glanz und Gloria, auf der sich ein jeder mit genügend Cash fühlen darf wie ein Fürst auf Urlaub. Gleichzeitig musste aber so modernisiert werden, dass das Haus bezüglich Komfort, Ausstattung und Architektur Schritt halten kann mit den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts, die da vor allem heißen: Klimaanlage, Spa und WLAN. Energie­sparlampen und Duschköpfe mit reduziertem Wasserdurchlauf sind auf jeden Fall tabu. Das 1889 eröffnete Savoy hat einst Könige, Staatsmänner und Legenden aus der Welt der Bühne und des Films beherbergt und damit genügend „Heritage“, um als eines der ersten Häuser in London zu gelten. Es hat einige der bekanntesten Bars und Restaurants der Stadt zu bieten, darunter die American Bar und den Savoy Grill. Viele der insgesamt 268 Zimmer und Suiten bieten einen atemberaubenden Blick auf die Themse und die City of London.

Bereits 1246 sprach König Heinrich III. den Streifen zwischen dem Strand und der Themse dem Onkel der Ehefrau des Königs, Peter Graf von Savoyen, zu. Peter hat den Savoy Palace am Ufer errichtet und seither verbindet sich sein Name mit diesem Ort. Über 600 Jahre später wählte der Impressario Richard D’Oyly sich diese Stätte für ein neues Theater, um dort die berühmten Opern seiner Freunde Gilbert und Sullivan aufzuführen. Er wählte den Namen Savoy Theater für das neue Gebäude und fortan waren die Produktionen als die Savoy-Opern bekannt. D’Oyly Carte hat seine Shows lange Zeit in Amerika produziert. Er war von den neuen Hotels, in denen er dort wohnte, so beeindruckt, dass er sich entschloss, bei seiner Rückkehr nach London ein eigenes Hotel zu errichten. Nach einer Bauzeit von fünf Jahren wurde das neue Savoy am 6. August 1889 eröffnet. Es war eine Sensation. Das erste echte Luxushotel Londons, The Savoy, war auch das erste mit elektrischem Licht. Es hatte die ersten elektrischen Aufzüge, die Gästezimmer waren über Sprachrohre mit dem Diener, dem Zimmermädchen, den Etagenkellern sowie mit dem anderen Teil des Hotels verbunden. Später war das Savoy das erste Hotel, das die meisten seiner Zimmer mit privaten Badezimmern en Suite anbieten konnte. Das SavoyBadezimmer war für die Kaskadendusche und die sich schnell füllende Badewanne berühmt. D’Oyly gelang es den bekannten Hotelmanager César Ritz für sein neues Wunderhotel zu begeistern.

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Dieser brachte Auguste ­Escoffier mit, den besten und gefeiertsten Koch jener Tage, der die Herrschaft über die Küchen übernahm. In den frühen Jahren zählten Sarah Bernhardt und Dame Nellie Melba zu den Gästen; für sie kreierte Escoffier den berühmten Toast Melba, als sie Diät hielt, und die Pfirsiche Melba, als sie es nicht tat. Oscar Wilde wohnte hier mit seinem Freund Lord Alfred Douglas. Häufig war auch der Prinz of Wales mit seiner Entourage hier zu Gast. Im Jahr 1904 war das Hotel ein solcher Erfolg, dass es um das neue von Thomas Colcutt gestaltete Gebäude am Strand erweitert wurde; die American Bar und der Savoy Grill zogen in diesen neuen Teil des Hotels um. Der Jugendstil hielt Einzug und das Edelstahlschild, eine Ikone, wurde 1929 über dem Savoy Court angebracht.


FLUCHTPUNKTE

Auch Film- und Theaterstars haben „The Savoy“ geliebt. In diesem Hotel traf die Engländerin Vivien Leigh zum ersten Mal ihren künftigen Ehemann, Sir Laurence Olivier. Aus Amerika kamen Stars wie Al Jolson, Errol Flynn sowie Katharine Hepburn und aus Frankreich Josephine Baker und Coco Chanel. Während des Zweiten Weltkrieg speiste Winston Churchill häufig mit seinem Kabinett in diesem Hotel und bis zu seinem Tod im Jahr 1965 war er im zweiten Restaurantclub des Savoy, The Other Club, ein oft gesehener Gast. Bei einem Empfang im Savoy wurden Prinzessin Elizabeth und Lieutenant Philip Mountbatten das erste Mal zusammen gesehen. Als aus der Prinzessin einige Jahre später die Königin wurde, fand der größte und eleganteste Krönungsball Londons im Savoy statt. Dieses neue Elisabethanische Zeitalter bescherte dem Savoy eine neue Generation Schauspieler, Filmstars und Politiker. Zu den glamourösesten gehörten: Elizabeth Taylor, Sophia Loren und Marilyn Monroe. Mit Gästen wie Louis Armstrong, Marlon Brando und Jane Fonda bis hin zu den Beatles und Bob Dylan swingte das Savoy in die 1960er-Jahre. Noch heute gibt es die Tafeln, auf denen die besonderen Wünsche dieser Gäste notiert sind – Lieblingsgetränke, Lieblings­ blumen, Lieblingsspeisen.

Die Suite im Stil von Eduard VII. bietet einen herrrlichen Blick auf die Themse. Unten: Der Savoy Tea Shop.

Im Dezember 2007 schloss das Savoy die Pforten, um sich einer kompletten Renovierung zu unterziehen; und am 10. Oktober 2010 wurde das Haus in neuem prachtvollen Glanz wieder geöffnet. Die aufwendigste Renovierung der britischen Hotelgeschichte hat sich gelohnt: Viele alte Stilelemente wie Zierleisten, Einbauten und Beschläge wurden erhalten und sind in das neue Design eingeflossen. Über 400 Einrichtungsstücke wurden ausgebaut, restauriert und wieder eingebaut. Zudem gibt es jetzt ein modernes Spa mit einem Pool. In den luxuriösen Zimmern und Suiten wurde den beiden Stilrichtungen des Hotels – das Zeitalter Edward VII. und Art déco – Rechnung getragen, und Tradition und modernste Technologien dezent miteinander verwoben. Der Designer Pierre Yves Rochon hat für die Einrichtung ausschließlich beste Materialien gewählt, von den Murano­ lüstern über italienische Bettwäsche bis hin zu den Wandaccessoires aus Seide und Marmorfußböden. Die geräumigen Badezimmer sind mit den berühmten Savoy-Regenduschen und SignaturAccessoires aus dem Haus Miller Harris ausgestattet.

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Im Rahmen der Renovierung wurden auch die Restaurants und Bars, denen das Savoy einen Teil des Renommees zu verdanken hat, wieder glanzvoll ins Leben gerufen. Für den Savoy Grill hat sich der Designer Russell Sage von den Glanzzeiten des Restaurants inspirieren und die Original-Art-déco-Einrichtung aus den 1920er-Jahren restaurieren lassen. Die Speisekarte des Chef-Patron Stuart Gillies und des Chefkochs Andy Cook ist von den klassischen Grill-RoomGerichten inspiriert. Auf der Karte finden sich auf der Holzkohle gegrilltes Chateaubriand mit Pommes Soufflés, Krabben- und Garnelencocktail, Limonen- und Schokoladensoufflé und die Pfirsich-Melba-Eiskreation. Leger und gleichzeitig luxuriös – so lässt sich das Konzept des neuen Restaurants Kaspar’s Seafood Bar & Grill beschreiben.


Das stylishe Interieur im Stil der 20erund 30er-Jahre hält die Erinnerungen an die glamouröse Vergangenheit des Hotels wach: Eine Decke aus Blattsilber, Art-déco-Spiegel an den Wänden, kupferne Geländer, Säulen aus Muranoglas und Marmorböden erzeugen ein elegantes und leichtes Ambiente. Die American Bar, weltweit eine Ikone unter den Cocktailbars, war Heimat legendärer Barkeeper wie Ada „Coley“ Coleman und Harry Craddock, der das „Savoy Cocktail Book“ geschrieben hat, welches noch heute als die Bibel der Barkeeper gilt. Jeden Abend tritt in der Bar ein Livepianist auf, der American Jazz zum Besten gibt. Die Beaufort Bar hingegen verbreitet altmodischen Glamour. In theatralischem Schwarz und geprägtem Gold gehalten, dreht sich in diesem Art-déco-Interieur alles um Champagner, Cocktails und Kabarett.

Der Wurzelgrund für das Bedürfnis, ein solches Hotel ein paar Nächte lang als Domizil zu wählen, liegt in der Möglichkeit, damit der glatten durchdeklinierten Effizienz zu entfliehen. Bei einem Hotel wie dem Savoy geht es nie allein um die Übernachtung, es geht vor allem um das Ambiente, das ganze Drumherum, das Wohnen als Erlebnis an sich. Daher sollte man genügend Zeit einplanen für Mußestunden und die besonderen Angebote. Einfach den späten Nachmittag vertrödeln beim High Tea im Thames Foyer, von den mit köstlichen Sandwiches und Törtchen gefüllten Etageren zu probieren und währenddessen das bunte Treiben der Gesellschaft zu beobachten, kann genauso lohnend sein, wie die Teilnahme an einer Whisky Masterclass mit dem Experten Joseph Lewis White.

ob Riesenrad oder Big Ben: London bietet Viele attraktionen.

In den Bädern wartet eine Auswahl edler Pflegeprodukte mit blumigholziger Note von Le Labo.

INFO

The Savoy Strand London WC2R 0EU, Großbritannien Tel.: + 44 20 7836 4343 Fax: + 44 20 7836 2398 E-Mail: savoy@fairmont.com www.fairmont.com/savoy Doppelzimmer ab 559 Euro

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VON AUTUMN SONNICHSEN*

DAS LEBEN, DAS ICH IMMER WOLLTE

KOLUMNE

SEHNSUCHT

*AUTUMN SONNICHSEN arbeitet als Fotografin. Wenn sie das richtige Mädchen vor der Linse hat, vergisst sie alles um sich herum. Auch die Abfahrtszeiten der gebuchten Züge und Flüge.


WARUM ES SICH NICHT AUSSCHLIESSEN MUSS, WUNSCHLOS GLÜCKLICH ZU SEIN UND TROTZDEM NOCH EIN PAAR SEHNSÜCHTE ZU HEGEN.

Vor zehn Jahren war ich 22 Jahre alt. Wenn man mich damals gefragt hätte, was ich vom Leben erwarte, wäre meine Antwort gewesen, dass ich bereits alles habe, was will. Ich möchte Glück, viel mehr davon, als in meinen Körper hineinpasst. Ich will, dass mich das Leben fortnimmt in die ganze Welt, diese Arbeit, diese Frauen, einen gesunden Körper, der es mir erlaubt, zu klettern, zu laufen und zu lieben auf die intensivste körperliche Art und Weise.

mir durch die Knochen fährt. Ich möchte vielen Pariser Feuerwehrmännern beim Jogging zusehen, mit ihren sexy roten Shorts bekleidet. Im Anschluss möchte ich Platz nehmen dürfen an einem vollen Tisch mit all meinen Lieblingsspeisen – und den schweren Tisch mit anderen bis zum Fenster tragen, weil dort das Licht besser ist. Ich möchte, dass eine Pariser Köchin für mich kocht und unter ihrer weißen Bluse einen blauen BH trägt. Ich möchte, dass sie mich daran erinnert, was Essen wirklich bedeutet. Was es bedeutet, jemanden, den ich liebe, zu ernähren. Ich möchte in das Taxi zum Flughafen steigen und sehen, wie diese Köchin ans Fenster kommt, mir aus ihrer Wohnung neben dem Eiffelturm zuwinkt und mit dieser Geste eine gute Reise wünscht. Ich möchte, dass das Flugzeug nach São Paulo fliegt. Ich möchte zu Hause ankommen, in mein Bett sinken und wissen,

Ich möchte, dass diese Tänzerin aus Recife zu mir an die Cote d'Azur kommt, nach Nizza, mit ihren weißen Turnschuhen und das rote Tuch von der Haut auf die Treppe gleiten lässt, um mir ihre Nacktheit zu zeigen. Ich möchte, dass sie mich den Zug verpassen lässt, weil das Shooting zu schön ist und ich unbedingt noch ein weiteres Bild von ihr machen will. Ich möchte, dass das vorbeikommende Ehepaar stehenbleibt, um mir zu sagen, wie herrlich das nackte Mädchen anzuschauen ist. Ich möchte mich bei meinen Kollegen in Paris entschuldigen, dass ich zu spät zum Abendessen kommen werde, weil ich einfach zu intensiv damit beschäftigt war, den Po des Mädchens noch besser in Szene zu setzen. Ich will nach Paris kommen und am nächsten Tag früh aufwachen, an der Seine mit meinen schmutzigen Turnschuhen laufen gehen und dabei zuschauen, wie die frühe Morgensonne die Rückseite der Notre Dame erwärmt. Ich möchte die Kälte spüren, die

dass es irgendwo auf der Welt ein Örtchen gibt, das nur mir gehört. Nun ich bin 32 Jahre alt. Und wenn mich jetzt jemand fragt, was ich noch vom Leben will, ist meine Antwort: Noch will ich alles. Und ich will, dass du mit mir kommst und mich fragst, ob ich bleiben kann.

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VON THORSTEN TIMM*

Gestern hatte ich Besuch von einem kleinen grünen Männchen. Es hatte seine fliegende Untertasse selbstbewusst im Gemüsebeet meiner Frau geparkt. Der Rhabarber hin, die Bohnen abgebrochen. Zuerst vermutete ich, er wolle eigentlich nach Schloss Neuschwanstein. Wenn man bedenkt, wo er herkommt, wäre das ohnehin eine navigatorische Meisterleistung gewesen. Von unserem Gemüsebeet zum Parkplatz von Neuschwanstein sind es Luftlinie nur 77 Kilometer. Er klärte mich aber schnell auf, dass er ganz absichtlich hier gelandet sei, weil sein Ufo nicht die Abgasnorm der Innenstadt von München erfüllt. Und tatsächlich konnte ich an der Scheibe eines Ufo-Bullauges eine rote Feinstaubplakette erkennen. Ich war erstaunt, wie gut er Bescheid wusste, er meinte nur ganz trocken: Informationszeitalter. Als sich meine Aufregung gelegt hatte, bot ich ihm Kaffee und Kuchen an. Es ist das erste Mal, dass ich extraterrestrischen Besuch empfange, und es wird in letzter Zeit so viel über Willkommenskultur diskutiert, dass ich jetzt natürlich nichts falsch machen wollte. Allerdings nicht ganz uneigennützig, ich brauchte auf den Schreck erst Mal ein Gläschen Eierlikör. Als er den ganzen Rest meines Geburtstagskuchens verputzt hatte, ohne dass für mich ein einziger Krümel übrig geblieben war, regten sich in mir aber Gedanken, wie ich ihn wohl wieder loswerden könnte. Weshalb war er denn überhaupt hier? Er berichtete, im Universum würde man sich erzählen, in Deutschland müsse man nur herumsitzen und würde dafür Geld bekommen, er wollte mit

KOLUMNE

WILLKOMMENSKULTUR

Foto // ts-fotografik.de/photocase.com

GERADE IN HOCHENTWICKELTEN GESELLSCHAFTEN STELLT SICH IMMER WIEDER DIE FRAGE, OB DEREN ENTLOHNUNGSSYSTEME EIGENTLICH FAIR SIND.

SCHLARAFFENLAND

gebunden. Weil mich solche Dinge, wenn ich sie denn erst entdeckt habe, fürchterlich ablenken, band ich ihm einen klassischen Windsor und schon sah er, abgesehen von der Gesichtsfarbe, ziemlich nach Aufsichtsratsvorsitzendem aus. eigenen Augen sehen, ob es dieses Schlaraffenland wirklich gebe. Sein erster Eindruck wäre, dass der Kuchen im Schlaraffenland ganz hervorragend sei. Na, vielen Dank, ich werde das Kompliment an meine Frau weitergeben. Ob das aber ausreicht, um sie für das zerstöre Gemüsebeet zu besänftigen, wage ich zu bezweifeln. Ich versuche zu erklären, dass es natürlich einige Sozialhilfeempfänger gebe und dann natürlich die Flüchtlinge, über die er vermutlich Berichte in seinem universalen Bild­ empfänger gesehen habe, das wäre aber nur ein kleiner Teil. Der Großteil der Deutschen arbeitet für sein Geld. Nein, nein, sagte er, es gehe ihm nicht um die staatlich alimentierten Bedürftigen, es wäre ja in einem zivilisierten Universum überall üblich, den Schwachen zu helfen. Er spreche von einer Kaste in dunklen Anzügen. Da erst fiel mir auf, dass der grüne Mann in feinem Tuch von Armani steckte, die Krawatte hatte er einfach zu einer Schleife

Da wo er herkomme, wären die Straßenpflasterer am besten bezahlt, weil das vor allem bei Hitze wirklich harte Arbeit sei, nicht sonderlich abwechslungsreich und auch nicht besonders viel Freude bereite. Während Menschen, die ihre Ideen verwirklichen könnten, anderen Arbeit auftragen und die Gesellschaft gestalten praktisch leer ausgingen. In Deutschland wäre das aber genau andersherum und das klinge dann doch paradiesisch. Ich malte mir kurz aus, wie Hunderttausende kleine grüne Männchen in dunklen Anzügen nach Deutschland strömen, weil sie unsere neoliberale Wirtschaftsordnung für das Schlaraffenland halten. Da sprang ich in die Untertasse, startete das Triebwerk, schaffte es aber nur bis zum Blumenbeet. Kein Sprit! Vielleicht müssen wir doch unsere Entlohnungssysteme überdenken.

*THORSTEN TIMM (47) würde gern mal an einem Tag unanständig viel Geld verdienen. Aber wo liegt die Grenze des Anstandes? Bei 2.000 Euro oder erst bei 5.000?

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Martin Häusler, Autumn Sonnichsen, Dirk Wagener, Nils Lackner, Naomi Stiller, Thorsten Timm, Mike Ziegler

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Superintendente Carlos Sarli, Editorial Diretor Fernando Luna, Diretor Financiero Agenor S. dos Santos, Diretora de Publicidade e Circulação Isabel Borba, Diretora de Projetos Especiais e Eventos Proprietários Ana Paula Wehba, Diretora de Criação Ciça Pinheiro, Relações publicas  Monalisa de Oliveira, Luiza Nascimento, Gabriel Fernandes, www.tripeditora.com.br

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3/2010

1/2013

2/2013

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VON MIKE ZIEGLER*

Foto // kallejipp/photocase.com

VON RÖMERN UND WIKINGERN NATÜRLICH ZÄHLEN DIE INNEREN WERTE. ABER ERST, WENN DIE ÄUSSERLICHKEITEN ÜBERZEUGT HABEN.

Ich will euch mal ein Geheimnis verraten: Die Menschen sind für mich entweder Römer oder Wikinger. Kaum entert ein Gast meine Kneipe, habe ich diesen im Bruchteil von Sekunden einsortiert. Wikinger weisen in der Regel einen bedenklichen Pflegezustand auf. Deodorants scheinen sie nicht zu nutzen, Haarbüschel wachsen aus den Ohren, die Schuhe sind ungeputzt. Die Frauen tragen Jacken aus Gore-Tex-Teflon, haben, wenn überhaupt, zu viel Lippenstift in der falschen Farbe aufgetragen und einen breiten Hintern. Der Verführungskraft der materiellen Welt werden die nützlichen Dinge entgegengestellt, weswegen die Wikinger den Gehweg vor der Kneipe gern mit Cargofahrrädern zuparken und damit den breit bereiften Coupés der Römer keinen Platz mehr lassen. Die in die Halteverbotszone abdrängten Römer mit ihrer barocken Freude am Prunk legen hingegen viel Wert auf ihr Aussehen. Alles ist auf Stil und Haltung bedacht: der hautenge Pulli, der sich über eine offensiv zur Geltung gebrachten Oberweite spannt, der Rock, der den Blick freigibt auf penibel rasierte Beine, das elegante Make-up. Bei den Männern sind dunkle Kleidungstücke erste Wahl, die Füße stecken in schmalen Mokassins ohne Socken. Hat der Wikinger als Zierde allenfalls einen Knopf im Ohr, schmückt sich der Römer mit mechanischen Uhren Schweizer Provenienz.

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ERKENNUNGSZEICHEN

Meine Mutter trichterte mir zwar ein, dass es sich nicht gehöre, Menschen nach ihren Äußerlichkeiten zu beurteilen und dass in erster Linie die sogenannten inneren Werte zählten. Aber andererseits vögelt ein Habicht ja auch nicht mit einem Suppenhuhn. Einer meiner besten Freunde ist Anlageberater (Kategorie „Römer“) und er teilt seine Kunden wie folgt auf: Mit Weintrinkern kannst du Geschäfte machen, mit Biertrinkern nicht. Womit sich der Kreis schließt. Selten fragen Wikinger nach einem Glas Riesling oder Bordeaux. Stattdessen brüllen sie quer durch den Raum: Mach mir mal ne Halbe fertig, Mike! Ein Römer würde so etwas nie tun, drängt sich aber stattdessen gern mal an der Bar vor. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Ertrag pro Glas Wein deutlich höher ist als beim Bier.

*Als Gastronom verfügt MIKE ZIEGLER über einen ausgezeichneten Radar, wer ihm ordentlich Umsatz bringt und wer nicht.

Zu den wichtigsten Funktionen des Aussehens und der Kleidung gehört es, die zwischenmenschliche Kommunikation zu erleichtern. Mit ihrer Hilfe sortieren wir unterbewusst, wer für uns relevant sein könnte und wer nicht. Ganze Industrien leben prächtig davon. Wie sollte ein Gangsta einen anderen Gangsta erkennen, wenn es keine glitzernden Gliederketten gäbe und keine weißen Nike-Sneaker? Viviane, meine treue Tresenkraft, sagte es neulich ganz unverblümt: Bei einem ersten Date achte ich streng darauf, mit welchem Auto ich abgeholt werde und welche Schuhe er trägt. Erst wenn das stimmt, hat der Kerl überhaupt die Chance, mich davon zu überzeugen, dass er das Herz am rechten Fleck hat. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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TRIP 21