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I

m Februar 2005 ergab sich dann ein unerwartetes Ereignis, als mich Bob via E-Mail über das Internet kontaktierte. Im Mai besuchte er mich in Großbritannien und es war uns beiden offensichtlich, dass wir spätestens von da an zusammengehörten. Im August 2005 fand die Hochzeit statt, für die wir uns für Exeter im Süden Englands entschieden hatten. Nach dem Standesamt nahmen wir an einer selbst organisierten, heidnischen „Handfasting“-Zeremonie teil, in der eine Priesterin uns ganz der alten Tradition entsprechend für ein Jahr und einen Tag den Bund schließen ließ, indem uns von meiner Mutter die Hände verbunden wurden. Die Elemente Feuer, Wasser, Wind und Erde wurden mit in die Zeremonie eingebunden, als all unsere Gäste auf dem Lent-Feld in der Nähe von Shaldon in der Grafschaft Devon mit dem Blick auf den Fluss Teign im Kreise und geschützt von einer Esche um uns standen.

AN BORD DER FRANCIS LEE ANGEKOMMEN, BEGANN NUN UNSERE ERSTE GEMEINSAME REISE – ES SOLLTEN 1.500 MEILEN AUF DEM AMERIKANISCHEN FLUSSSYSTEM VOM LAKE MICHIGAN ZUM GOLF VON MEXIKO ZURÜCKGELEGT WERDEN.

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Der Traum meines Mannes war es schon seit Langem, mit einem Segelboot auf den Gewässern eine alternative Lebensweise zu entdecken und zu versuchen. So sparte er die letzten vier Jahre sein hart verdientes Geld. 2004 ersteigerte Bob seine 30 Fuß lange FRANCIS LEE, eine S-2, die in Holland/Michigan von denselben Herstellern wie TIARA und PURSUIT gebaut wurde. Das für mich unbekannte Territorium und damit die FRANCIS LEE betrat ich Mitte Oktober 2005, als wir gemeinsam in die Vereinigten Staaten flogen. Nachdem wir den Bedarf an Konserven, Kaffee und anderen wichtigen und weniger wichtigen Dingen gedeckt hatten, musste die FRANCIS LEE in Sister Bay/Wisconsin im Norden der USA in die kalten Gewässer des Michigansees gesetzt werden. Der Lake Michigan hat eine Gesamtfläche von 57.800 Quadratkilometer und ist bis zu 281 Meter tief. Die atemberaubenden Farben zu dieser Jahreszeit waren faszinierend. Die Bäume trugen rot-gold-gelbe Kleider, welche im Sonnenlicht noch intensiver schillerten. Wie sehr freute ich mich auf das erste Glas Wein im Bauche unseres neuen Zuhauses!

An Bord der FRANCIS LEE angekommen, begann nun unsere erste gemeinsame Reise – es sollten 1.500 Meilen auf dem amerikanischen Flusssystem vom Lake Michigan zum Golf von Mexiko zurückgelegt werden. So führte uns die Reise in den nächsten zehn Wochen durch den Illinois River, Mississippi River, Ohio, Tennessee und den Tombigbee entlang, bis wir Anfang Dezember 2005 in Mobile Bay/Alabama im Golf von Mexiko münden sollten. Unseren ersten Halt machten wir in Sturgeon Bay, wo wir einige Tage auf besseres Wetter warteten. Die Marinas waren schon für die Saison geschlossen, trotzdem konnten wir uns an Strom und Wasser anschließen. Die Bibliotheken in den größeren Städten wie Racine und Manitowoc in Wisconsin nutzten wir dafür, mit unseren Familien und Freunden über E-Mails in Kontakt zu bleiben. Wir kamen uns zu diesem Zeitpunkt vor wie Schnecken, die ihr Haus mit sich herumtragen. Nur dass wir eben auch jede kleine Bewegung, jede Schwellung des Bootes mitspürten. Mit dem Wetter spielten wir Hase und Fuchs. Jede kleine Gelegenheit, weiterzukommen, nutzten wir. Bei Sturm verstauten wir unser schaukelndes Häuschen in einem Ankerplatz an der Küste des „oh so“ steinigen Lake Michigans. Die Dusche an Land schien dann auch irgendwann zu schwanken, als wir uns dort in einer Marina das heiße Nass über unsere Körper laufen ließen – was für ein Genuss! Städte kann man riechen, bevor man sie sieht! Ganz deutlich wurde mir dies auf dem Michigansee. So rochen wir die Skyline der vor uns auftauchenden Städte Manitowoc, Milwaukee und Racine im Bundesstaat Wisconsin und später auch Chicago/Illinois, wo wir nach einem Halloween-Wochenende in einer der interessantesten Städte der USA den See verließen und in den Chicago-Fluss einliefen. Von Manitowoc bis nach Milwaukee hatten wir nachts zwei Meter hohe Wellen, die an den Bug der FRANCIS LEE knallten – mein erstes unangenehmes Erlebnis auf dem Wasser.

Sailing Journal 04/2009  
Sailing Journal 04/2009  

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