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„WEISST DU, WER ICH BIN? DER MONDSTRAHL. WEISST DU, WOHER ICH KOMME? SCHAU NACH OBEN!“, SCHRIEB DER FÜR SEGELSCHIFFE SCHWÄRMENDE FRANZÖSISCHE SCHRIFTSTELLER GUY DE MAUPASSANT.

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ann kam der Mistral. Wie aus dem Nichts fällt der berüchtigte, kalte Mittelmeerwind, den die Einheimischen auch Aurassos nennen, wenn er sehr stark bläst, oder Cisampo, wenn er außergewöhnlich kalt weht, über die berühmte Big Class der 20er-Jahre her. Er rüttelt am Rigg und zerrt an Schoten und Tuch. Das 84 Tonnen verdrängende, Teak auf Eisen geplankte Schiff schüttelt sich kurz, und beginnt, stark zu krängen. Mikael Créac´h wirft einen kurzen, prüfenden Blick in die Segel. Dann gibt der Skipper kurz und knapp das Kommando, die Vorsegel zu bergen. Jeremie Le Floc`h, sein 31-jähriger Bootsmann, und die Vorschiffscrew um die 30-jährige Géraldine Gomez, den erst 24-jährigen Tristan Rouff und die 27 Jahre alte Emmanuelle Bily handeln sofort. Nur Minuten später ist das weiße, im Wind schlagende Tuch gebändigt und an Klüverbaum und Deck gesichert. Nur mehr mit dem gesetzten Gaffel-Groß gischtet das weiße Schiff kurze Zeit später als endgültiger Match-Race-Sieger durchs Ziel. Das Duell der beiden klassischen Schwestern anlässlich der Les Voiles d`Antibes ist der stilvolle Paukenschlag, mit dem die diesjährige Regattaserie für klassische und die sogenannten Vintage-Yachten am Mittelmeer eröffnet wurde. Noch nie hatten sich die so ähnlichen, nur in Länge und Segelfläche sich auf den ersten Blick unterscheidenden Yachten dort im direkten Wettkampf Boot gegen Boot ihre Kräfte gemessen. Doch weitere Wettfahrten im Rahmen der renommierten Panerai Classic Yachts Challenge mit ähnlich spannenden Rennen folgen: etwa die Vele d´epoca a Porto Rotondo in Italien vom 9. bis zum 13. September. Oder die vor dem französischen Cannes nur eine Woche später, vom 21.bis zum 26. September, laufenden Régates Royales. Hier geben sich schon traditionell die Yachten, welche in der Klassi-

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kerszene des Mittelmeerraumes Rang und Namen haben, ein Stelldichein. Darunter finden sich regelmäßig so wohlklingende Namen wie IONA, TIGRIS, BONA FIDE, WAYWARD oder LULU. All diese Yachten haben eines mit der MOONBEAM OF FIFE III, der kleinen Schwester der „IV“, gemeinsam: Sie sind älter als 100 Jahre, und dabei doch noch – oder besser: wieder – bestens in Form. Tatsächlich ist auch die MOONBEAM IV heute in einem wesentlich besseren Zustand als noch vor wenigen Jahren. Nachdem Charles Johnson 1926 seine Yacht an Henry „Nipper“ Cecil Suton krankheitsbedingt abgegeben hatte, wechselte sie fortan mehrmals ihre Eigentümer: 1937 hießen die Reginald B. Asley, John P. T. Boscawen und J. E. Cowie. Neun Jahre später wurde das Boot von Colin C. McNiel erworben. 1947 folgte M. E. Binet, und schließlich wurde die MOONBEAM IV sogar von Prinz Rainier von Monaco aufgekauft, der sein neues Spielzeug sogleich in DEO JUVANTE (Mit Gottes Hilfe), das offizielle Familienmotto, umtaufte. Das war im Jahr 1950. Über den Grund, warum der Prinz seine Yacht nur fünf Jahre später schon wieder weiterveräußerte, kann nur spekuliert werden. Es wird behauptet, dass Grace Kelly, die Frau des blaublütigen Seglers, sich am Hochzeitsabend auf die Ex-MOONBEAM zurückgezogen hatte … 1959 gelang das Schiff dann unter dem Namen DULSOL in den Besitz der Société Civile de Plaisance et de Croisière von Monaco. Seitdem durfte die Yacht wieder ihren ursprünglichen Namen führen. Nahezu jeder der Eigner, durch dessen Hände das Schiff im Laufe der Jahrzehnte gegangen war, hatte hier und dort mehr oder weniger gravierende Veränderungen an Rumpf, Motorisierung, Innenausbau oder Rigg vorgenommen – nicht immer zum Vorteil des edlen Fife-Risses.

Ganz in seinem Element: Bootsmann Jeremie Le Floc`h beim SegellattenWechsel. Währenddessen rauscht die MOONBEAM IV durch die aufgewühlte See bei den Regatten der Panerai Classic Challenge vor Antibes.

Sailing Journal 04/2009  
Sailing Journal 04/2009  

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