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travel nil

Gehan, eigentlich ein persischer Mädchenname, steht für die Welt. Oder das Leben. Das läuft an Bord einer Feluke langsam, sehr langsam ab. Träge schiebt sich der acht Meter lange Schiffskörper durch das mal dunkelgrün, mal gelblich trüb schimmernde Nilwasser vor der lang gestreckten Skyline von Luxor Richtung Affeninsel und weiter ins etwa zweihundert Kilometer entfernte Assuan. Andere Lateinsegel gesellen sich in stiller Eintracht dazu. Nur wenn eines der großen Fluss-Passagierschiffe den Kurs der Gehan kreuzt, kommt Bewegung ins Boot. Dann zeigt sich, wie elastisch die langen Spieren der traditionellen Nilsegler, die das Segel am oberen Ende des Tuches tragen, wirklich sind. Wie Peitschen schlagen sie plötzlich aus, wenn die großen Bugwellen der Passagierdampfer durchgehen und die kleinen Boote auf einmal wild schaukeln lässt. Dass die Belastungen fürs Rigg auch zu groß werden können, zeigen zwei Felukenbesitzer auf einem wackligen Steg direkt vor dem Luxor-Museum, die am Wasser eine der langen Spieren reparieren, die zu Bruch gegangen war. Sie tun das auf ihre ganz spezielle Art: mittels eines dünnen Eisenbandes, welches um die angeschäftete Verlängerung und das intakte Restholz geschlagen und mit Nägeln befestigt wird. Ganz einfach. Bis zum nächsten Malheur. Dann wird eben erneut repariert. Nebenan streicht ein Bootsjunge einen Riemen. Die gibt es auf jeder Feluke gleich doppelt. Denn Motoren haben die Nilsegler allesamt nicht. Bei Windstille wird gepullt. So wie man das etwa von Marinekuttern kennt. Doch was dort lediglich Ausbildungszwecken dient, ist hier Alltag. Segeln in seiner ursprünglichsten Form. Wer es etwas bequemer mag, bucht eine Flusskreuzfahrt. Die führt zumeist von Luxor über die Schleuse von Esna, Edfu und Kom Ombo zum Assuan-Staudamm. Das wird heute gemeinhin auch als die klassische Nilreise bezeichnet.

Um die Neonlampe surrte ein Schwarm Mücken. Draußen nistete sich Dunkelheit ein, der Nil versank zu regelmäßigen und unregelmäßigen geometrischen Formen, die die Straßenlampen auf der anderen Seite des Ufers und die erleuchteten Fenster der Hausboote erzeugten. Die beginnt zumeist mit dem Einschiffen in Luxor: Entschleunigung heißt ab jetzt das Zauberwort. Das Kontrastprogramm zum chaotisch-quirligen Kairo beginnt mit dem Betreten eines Flusskreuzfahrers, denn die Strecke von Luxor bis nach Assuan ist kein Feluken-Kapitän bereit zu segeln, auch nicht für ein gutes Bakschisch. Wir fühlen uns sofort zurückversetzt in eine Zeit fernab vom hektischen Trubel, als es noch als etwas Besonderes galt, eine Kreuzfahrt auf dem

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längsten Strom der Erde zu unternehmen, und als sich nur wenige dieses Vergnügen leisten konnten. Auch wenn die modernen Schiffe etwas anders aussehen als die zu Zeiten der auch heute noch sehenswerten Verfilmung von Agatha Christies „Death on the Nile“ aus dem Jahre 1978. Und sich die Nilreisenden auch nicht mehr so schick kleiden wie Sir Peter Ustinow, Jane Birkin, Mia Farrow, Bette Davis und David Niven in dem englischen Mordsspektakel vor Pyramiden- und Sphinx-Kulisse. Bereits ein Jahr vorher kam der damals zehnte Bond mit Roger Moore, Curd Jürgens und Bond-Girl Barbara Bach in die deutschen Kinos: Auch „Der Spion, der mich liebte“ setzte auf die atemberaubenden Pharaonen-Kulissen, Wüstensand und den Nil. Nicht zuletzt wegen des spektakulären Sets gilt er den Fans bis heute als einer der besten Bonds mit Moore als 007-Darsteller. Stille. Wie in Zeitlupe ziehen sattgrüne Felder, Palmen und die ockerfarbenen Ziegelbauten der Fellachen nun vorbei. Baumwollene Lateinersegel in Weiß bis Dunkelrot begleiten den Weg nach Assuan. Ungewohnt für einen Bildreporter: Hier finden die Motive den Weg zum Fotografen und nicht umgekehrt. Freundliche Menschen winken vom Ufer. Wir winken zurück. Und atmen durch. Die 18 Kilometer pro Stunde, auf die die drei Caterpillar-Diesel mit jeweils 470 Pferdestärken unsere von Viking River Cruises gecharterte MÖVENPICK M/S ROYAL LILY bringen, erscheinen uns Großstadtbewohnern als ungewohnt langsam. Die Hitze tut ein Übriges. Relax. Erst jetzt sind wir wirklich in Ägypten angekommen. Tagsüber und manchmal auch des Nachts ist die LILY unterwegs. Deutsche haben zumeist keine Vorstellung davon, wie es auf der Brücke eines ägyptischen Flusskreuzfahrers aussieht. Wie sollten sie auch. Ein Besuch beim Steuerstand ist interessant und unbedingt zu empfehlen: Konzentriert, dabei aber völlig entspannt, sitzt Kapitän Nubi am Steuer seines Schiffes. Falsch: Er sitzt nicht. Vielmehr hockt er im Schneidersitz, die Füße sorgsam über den jeweils anderen Oberschenkel gefaltet, auf dem Steuerstand. Auch das Wort Steuer ist relativ und weicht von den Vorstellungen ab, die einem ein wagenradgroßes, rundes Lenkrad, womöglich aus messingbeschlagenem Mahagoni, vorgaukeln. Das Steuer von Nubi sind drei schwarze, einfache Kunststoffgriffe von Rolls Royce. Jeder regelt für eine der – seitlich schwenkbaren – Schrauben Geschwindigkeit (Hebel nach vorn) und Richtung (Hebel zur Seite). Eigentlich brauche er für dieses Schiff drei Hände, lacht Nubi und richtet seinen Blick nach vorn, wo sich der bis zu einem Kilometer breite Nil vor seinem erfahrenen Auge weitet.

Wasser-Rast: Auf der Schiffsreise den Nil hinauf muss die Schleuse in Esna passiert werden. Händler werfen ihre Waren auf die Decks der Kreuzfahrtschiffe. In der Pharaonen-Zeit war Esna ein bedeutender Handelsort, der den Namen Tesnet trug. Heute ist dort eine große koptische Gemeinde beheimatet.

VOM UFER WINKEN DIE BEWOHNER DER TEILWEISE NOCH MIT NILSCHLAMM ERRICHTETEN HÜTTEN. HAUSBOOTE SÄUMEN UNSEREN WASSERWEG. GENERATIONEN LEBEN ZUSAMMEN AUF DEM NIL.

Sailing Journal 04/2009  
Sailing Journal 04/2009  

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