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DOCH WIE NÄHERT MAN SICH DER MUTTER ALLER STRÖME? AM BESTEN BEFÄHRT MAN IHN MIT EINER FELUKE.

Auch Mahmut wird nicht reich mit seinen bezahlten Segelfahrten. Trotzdem reichen die Einnahmen gerade so aus, um damit den Lebensunterhalt für sich und seine Familie notdürftig bestreiten zu können. Dafür fährt der erfahrene Bootsführer alles, was anfällt: Oft sind es Eier, Reifen oder Wasser. Am liebsten sind ihm als Fracht jedoch Fremde von den 300 auf dem Nil fahrenden Flusskreuzfahrtschiffen. Die schätzen es durchaus, fernab des Tourismus-Wulings einmal ruhig und sanft auf dem Wasser dahingleiten zu können. Für Mahmut bringt dies das meiste Geld. Seit mehreren Jahren steuert er ab Luxor für Kapitän Hamada Hashim dessen stolzen Nilsegler, wie lange genau, weiß er nicht. Oft mit dabei, wenn Skipper Mahmut auf Fahrt geht, ist sein zwölfjähriger Neffe. Der heißt ebenfalls Mahmut. Mahmut der Jüngere ist Bootsmann, Koch und, wenn es sein muss, auch Steuermann in einem. Nur wenn die kindlichen Kräfte einmal nicht ausreichen, lascht Mahmut der Ältere kurz die beindicke Pinne fest und geht dem Kleinen zur Hand.

Anis zog sich um und setzte sich mit seiner Galabya auf die Schwelle zur Veranda, die auf den Nil ging. […] Seine Augen glitten über das stille Wasser, das bewegungslos und glanzlos dalag, nur die Stimmen der Bewohner der Hausboote unter den Bäumen am anderen Ufer wurden hell herüber getragen. Zusammen bringen sie mit ein paar Handgriffen die gut zehn Meter lange, gertenschlank auslaufende Spiere in

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die gewünschte Position, fieren den unteren, kurzen Baum, der Bootsmann gibt dem Bug einen letzten Stoß und springt beherzt, mit der Leine in der Hand, an Deck. Der Skipper legt das Ruder, holt die Schot dicht, das riesige Baumwolltuch füllt sich erst widerstrebend, dann willig mit dem staubigen, alles bestimmenden Wüstenwind, und die stolze Gehan nimmt Fahrt auf, dem Sonnenuntergang entgegen, der den ruhig dahin fließenden Strom in ein goldenes Licht taucht. Mahmut der Jüngere kocht derweil auf einer kleinen Feuerstelle an Bord Wasser und bereitet den wohlschmeckenden schwarzen ägyptischen Tee mit frischer Minze, der mit viel Zucker in kleinen Gläsern gereicht wird. So muss es gewesen sein, zur Zeit der Pharaonen, segelnd auf dem Nil. Vom Ufer winken die Bewohner der teilweise noch mit Nilschlamm errichteten Hütten. Hausboote säumen unseren Wasserweg. Generationen leben zusammen auf dem Nil. Oder feiern und geben sich dem Genuss der Haschischpfeife hin, wie von Nagib Machfus beschrieben: „Nichts ist unserem Hausboot vergleichbar. Die Liebe ist ein überholtes, verbrauchtes Spiel, aber in unserem Hausboot ist sie Sport. Das Laster ist anderswo ein Laster, aber hier in unserem Boot Freiheit. In den Häusern sind die Frauen traditionelle Reliquien, aber in unserem Hausboot sind sie voll jugendlicher Erotik und betörend. Der Mond ist ein lebloser, sich drehender Planet, aber hier bei uns Poesie. Der Wahnsinn ist überall eine Krankheit, aber bei uns eine Philosophie. Jeder Gegenstand hat seinen Wert, woher er auch sein mag, aber in unserem Hausboot ist er ein Nichts.“

Sailing Journal 04/2009  

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Sailing Journal 04/2009  

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