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Master-Vorbereitungsarbeit zum Thema

Teodor Vladov | SS 2011

1 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Verfasser_

Teodor Vladov

Kontakt_

Markgrรถninger Str. 46 70435 Stuttgart

Mail_

tvladov@abv.bg

Mobil_

0176/ 630 39 534

2 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Master-Vorbereitungsarbeit zum Thema

Verfasser_

Teodor Vladov

Studiengang_

Architektur, Master

Matrikel Nr._

7236

Betreuer_

Prof. Dipl.-Ing. Nicolas Fritz

Semester_

SS 2011

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1.1 Anlass und Motivation

2 – 18

1.1.1 Kurzinfo über Wettbewerbsstandort Konstanz

2

1.1.2 Wettbewerb Konstanzer Konzert- und Kongresshaus

6

1.1.3 Öffentliche Resonanz

10

1.1.4 Auswertung und Zusammenfassung

14

1.1.5 Stellungnahme

15

1.1.6 Motivation

18

1.2 Zusammenfassung der Themen und Schwerpunkte 1.3 Kurzvorstellung relevanter Referenzobjekte

2.1 Einführung in die Studiensystematik 2.2 Bauen am Wasser

19 20 – 21

22 23 – 33

2.2.1 Geschichte und Entwicklung der Wasserfront

23

2.2.2 Tendenzen und Typologien

29

2.3 Musik- und Konzerthäuser am Wasser

34 – 55

2.3.1 Kurze Geschichte des Konzerthauses

34

2.3.2 Konzerthäuser am Wasser

43

2.3.3 Auswertung eines Beispiels | Oslo National Opera House

47

2.4 Hybridisierung von Gebäude und öffentlichem Raum

56 – 83

2.4.1 Public Space

56

2.4.2 Public Space am Wasser

60

2.4.3 Hybridisierung

65

2.4.4 Hybridlösungen am Wasser

70

2.4.5 Auswertung eines Beispiels | Yokohama International Port Terminal

73

2.5 Zusammenfassung der Studie 4 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011

83


3.1 Kurze Standortanalyse

84 – 92

3.2 Analyse der Wettbewerbsvorgaben

93 – 97

3.3 Zielsetzung und Aufgabestellung

97

4.1 Fazit

98

4.2 Quellennachweis

99 – 106

4.2.1 Literaturverzeichnis

99

4.2.2 Abbildungsverzeichnis

99

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1 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


„Waterfronts demand architecture that is unique in its interactive physical and programmatic engagement with the urban context…” (aus “Building with Water”. Ryan, Zoë. 2010)

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1 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Mit der Erstellung dieser theoretischen Arbeit erziele ich die Schaffung eines Katalogs, der mich bei der spannenden Aufgabe begleiten soll, Musikbühne, Public Space und eine natürliche Wasserkulisse optimal miteinander zu kombinieren und daraus eine schlüssige Konzeption zu entwickeln.

Der Anlass für die Kombination genau dieser Elemente ist ein zwei Mal gegen die öffentliche Zufriedenheit gescheiterter Wettbewerb für ein Konzert- und Kongresshaus (KKH) in Konstanz am Bodensee. Zu allgemeine und visionsarme Architekturlösungen haben den Potenzialen des lang ersehnten Bauvorhabens nicht entsprochen, konnten den Wünschen der Bürger nach mehr Einzigartigkeit und intensiviertem öffentlichen Raum nicht gerecht werden und haben deswegen konzeptionell keinen Zuspruch erhalten. In meiner Vorstellung würde nur eine gelungene Mischung – ein Hybrid, bestehend aus allen drei obengenannten Elementen, eine bessere Lösung der Wettbewerbsaufgabe darstellen. Daher beschäftige ich mich in meiner Studie mit den Themen – Bauen am Wasser, Musik – und Konzerthäuser, und Hybridisierung von öffentlichem Raum und Gebäude. Die gesammelten Erkenntnisse dieser Vorbereitungsstudie sollen mich später bei der Ausarbeitung meiner im WS 2011/12 stattfindenden Masterarbeit begleiten und mir zum besseren Verständnis der Thematik verhelfen. Die genaue Aufgabenstellung für den theoretischen Teil der Masterthesis wird im Rahmen dieser Arbeit noch präziser ausgearbeitet und definiert.

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Kurzinfo_ Bundesland_

Baden-Württemberg

Regierungsbezirk_

Freiburg

Höhe_

405 m ü. NN

Fläche_

55.65 km²

Einwohner_

83.664

Einwohner KN & KR_

115.000

Bevölkerungsdichte_

1503 Einwohner je km²

Stadtgliederung_

Altstadt, 14 weitere Stadteile

Lage in Baden-Württemberg

Konstanz ist die größte Stadt am Bodensee, gleichzeitig eine sehr beliebte Universitäts- und Touristendestination. Die Stadt liegt am Ausfluss des Rheins aus dem oberen Seeteil, direkt an der Grenze zur Schweiz (Kreuzlingen, Kanton Thurgau). Und genau diese Nähe ist verantwortlich dafür, dass Konstanz während der Weltkriege nicht zerbombt wurde und dadurch ihr authentisches Antlitz bis heute bewahren konnte. Trotz der verhältnismäßig geringen Stadtgröße, erfreut sich Konstanz einer ausgesprochenen, internationalen Popularität – als eine fortschrittliche historische Stadt, die heutzutage neben ihrer schönen Lage und Tradition, auch sehr großes wirtschaftliches und kulturelles Potenzial aufweist und dadurch jährlich von tausenden Touristen und Interessierten besucht wird.

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Bedeutende Städte am Bodensee

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Konstanzer Altstadt und Hafen

Interessant für diese Studie ist nur die Altstadt von Konstanz, sowie ihre unmittelbare Umgebung insbesondere das am Wasser gelegene Gebiet „Klein-Venedig“ – als Standort des 2010 stattgefundenen Architekturwettbewerbs und potenzieller zukünftiger Bauort meiner Masterarbeit.

 Zurzeit wird „Klein-Venedig“ gelegentlich für Feste, Jahrmärkte und Zirkusvorstellungen genutzt, stellt aber hauptsächlich eine große und unbenutzte Brachgrünfläche dar. Eine Freizeitnutzung ist allerdings auch nicht möglich, da keine Aufenthalts-, Erholungs- oder Spielqualitäten vorhanden sind. Die seltenen öffentlichen Happenings auf „Klein-Venedig“ weisen jedoch eindeutig darauf hin, dass öffentlich orientierte Nutzungen an diesem Ort großes Interesse genießen und den Public Space am Wasser stark intensivieren und vollenden.  detailiertere Analyse unter Punkt 3. Stadnort und Aufgabe / S.84 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011

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Konstanzer Wasserfront

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Alstadtzentrum mit Konzil, Hafen und Bahnhof

Bahnhof mit Hafenmeile und Yachthafen

„Klein-Venedig“ mit Naturmuseum „SeaLife“ und Schweizer Grenze

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Siegerentwurf des 2010 Wettbewerbs – Dietrich / Untertrifaller | Atmosphärische Darstellung vom Hoteleingang

Seit mehr als 100 Jahren spielt Konstanz mit dem Gedanken ein neues Konzerthaus zu bauen, welches die Bühne größerer Events anbieten, die Konstanzer Philharmoniker beherbergen und somit die kulturelle Bedeutung der größten Bodenseestadt stärken soll. Dafür wurden über die Jahre verschiedene Standorte in Betracht gezogen, bis Oktober 1997, als auf Vorschlag des Oberbürgermeisters Horst Frank das Gebiet „Klein Venedig“ als zukünftiger Standort für das Naturkundemuseum SeaLife und ein neues Konzerthaus („Bürgerhaus“) ausgewiesen wird. Als Alternativvorschlag kommt zwei Jahre später die Studie des Mannheimer Kongressmanagers Maugé, der sich anstelle des Konzerthauses für ein multifunktionales Kongresszentrum mit angeschlossenem Hotel ausspricht. Mit der Ausführungsplanung einer Hybridkonzeption – einem Konzert- und Kongresszentrum auf Klein Venedig, wird inoffiziell der Konzern STRABAG beauftragt, welcher die Gesamtkosten des Bauvorhabens zwischen 75 und 85 Millionen Euro schätzt. Gebaut werden soll der Siegerentwurf des Architekturbüros Jo Franzke, der mit einem klaren und überzeugenden Konzept den im Jahr 2001 ausgeschriebenen städtebaulichen Ideenwettbewerb gewinnt. Eine Bürgerumfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem gleichen Jahr zeigt die deutliche Zustimmung der Konstanzer Bevölkerung zum Projekt: 78% sprechen sich für ein Konzert- und Kongresshaus aus.

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Im Oktober 2003 präsentiert das Büro Jo Franzke seine Machbarkeitsstudie und ein Kostenrahmen für die Realisierung des Projektes wird beschlossen – 49 Millionen Euro. Zwei Monate später führt die Stadt einen Bürgerentscheid zu dem Bau des Konzert- und Kongresshaueses durch. Überraschend wird die für die bindende Wirkung erforderliche Stimmenzahl verfehlt – das sogenannte Quorum Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


wird dadurch nicht erreicht und somit wird die Realisierung des Projektes für unabsehbare Zeit auf Eis gelegt. Der Gemeinderat beschließt die Überprüfung des Projektvolumens, des Raumprogramms und der zukünftigen Finanzierungsmöglichkeiten.

Trotz des fehlgeschlagenen ersten Versuchs, nimmt der Wunsch nach einem neuen Kulturzentrum für die sich in viele Richtungen immer weiter entwickelnde Stadt am Bodensee wieder Überhand und im Jahr 2008 wird erneut ein europaweiter, dreistufiger Architektur- und Bieterwettbewerb von dem Gemeinderat beschlossen. Markterkundungen und Investorengespräche haben gezeigt, dass sich die Stadt diesmal nicht auf private Investoren und Betreiber für das Konzert- und Kongresshaus festlegen, sondern selbst als Investor auftreten soll. Parallel werden Vekehrssimulationen und Analysen auf Makro- und Mikroniveau durchgeführt, die beweisen, dass die Stadt durch bestimmte verkehrslenkende Maßnahmen den zusätzlichen Verkehr, der durch das Konzert- und Kongresshaus entstehen wird, aufnehmen kann. Neben der Bewältigung der schwierigen Anbindungssituation stehen vor allem aber ein schlüssiges, städtebauliches Gesamtkonzept, die Planung eines repräsentativen und funktionellen Konzert- und Tagungshauses inkl. anteiliger Freiflächen und diese eines 3-4 Sterne-Hotels und einer dazugehörigen Parkierungsanlage in der Wettbewerbsausschreibung. Die Jury - Prof. Fritz Auer [Vorsitz], Dr. Eckart Rosenberger, Prof. Klaus Trojan, und Günther Vogt, wählt diesmal das Büro Dietrich | Untertrifaller aus Bregenz, das in der Endrunde gegen Wilhelm Holzbauer (Wien), siegreich bleibt, zum Wettbewerbsgewinner. Das Gesamtkonzept des Büros überzeugt durch klare städtebauliche Struktur, kompakte Baukörper, energieeffizientes und qualitativ hochwertig ausgestattetes Bauen, sowie technische Raffinessen und Highlights, wie das große Blickfenster zum See. Die flexible Nutzung des mit 1.200 fest installierten Konzertsesseln ausgestatten Hauptsaals, welcher per Knopfdruck durch einen mobilen, zufahrbaren Saalboden horizontal geteilt wird und dabei innerhalb von nur 1,5 Stunden zum Kongressraum verwandelt werden kann, ist ein weiterer Pluspunkt des Gewinnerentwurfs. Dieser lässt die energetischen Aspekte auch nicht außer Acht – das in Niedrigenergiebauweise geplante 3 Sterne-Hotel liegt unmittelbar neben dem in Passivhaus-qualität organisierte Konzert- und Kongresshaus, sodass eine bedarfsorientierte Wärme- und Kälteverschiebung mittels Energiemanagement zwischen den beiden Gebäuden stattfinden kann. Das Parkhaus, welches 450 Fahrzeugen Platz bietet, schirmt die ruhige Lage des Konzerthauses von dem Schienenlärm ab und vervollständigt das Gebäudeensemble. Die Projektgröße entspricht etwa dem Festspielhaus in Bregenz mit beiden Baustufen. Der Baubeginn ist geplant für Februar 2011, die Fertigstellung für Mai 2013. Die Baukosten werden insgesamt mit 60 Millionen Euro angegeben, 43 Millionen Euro davon sind für das Konzert- und Kongresshaus vorgesehen.

 In einer Volksabstimmung am 21. März 2010 haben allerdings noch die Bürger das letzte Wort.

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Siegerentwurf des 2010 Wettbewerbs – Dietrich / Untertrifaller | Lageplan

Siegerentwurf des 2010 Wettbewerbs – Dietrich / Untertrifaller | Atmosphärische Darstellung vom Haupteingang

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Siegerentwurf des 2003 Wettbewerbs – Büro Jo Franzke | Lageplan

Siegerentwurf des 2003 Wettbewerbs – Büro Jo Franzke | Atmosphärische Darstellung vom Gebäudevorplatz

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Südkurier | Lesermeinungen

Trotz des starken Wunsches nach einem neuen Konzerthaus für die Stadt und der Überzeugung des Gemeinderates, dass der Siegerentwurf von Dietrich | Untertrifaller eine optimale Lösung für die Bedürfnisse des Ortes darstellt, löst dieser bei der Bevölkerung einen „Kulturkrieg“ aus. Für die Befürworter ist es die Jahrhundertchance, größere Veranstaltungen und Musikevents nach Konstanz zu holen und somit die Stadt in das größte Kulturzentrum am Bodensee zu verwandeln. Die Gegner dagegen sehen darin „einen Millionengrab und Parkplatz mit Seeblick“ - ein zu allgemeines, sehr teures und nicht überzeugendes Architekturkonzept, was weder mit seiner besonderen Gestaltung beeindruckt, noch den bestehenden Freiraum am „Klein Venedig“ aufwertet. (Süddeutsche Zeitung, 30.04.2010) Ein Auszug der Kommentare und Meinungen der Konstanzer Bürger:

Kommentare | Baunetz.de, 02.Feb.2010 Kuben „Kuben Architektur mit dem Charme von 70er Jahre Hochschulbauten. Selbst die Hochglanz Renderings haben nicht so viel "Schminke" um die triste Provinz Tanzsaal Atmosphäre zu überdecken. Schade, für 60 Millionen...“

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E. Rich | Baunetz.de Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Leserbriefe | Südkurier, 13.Feb.2010 Verstand einschalten „Im Vorfeld wurde uns eine herausragende, einmalige und überwältigende Architektur angepriesen. Diese sehe ich in dem viereckigen Blechkasten nicht! Er reiht sich nur in die „Perlenkette“ (Zitat: Baubürgermeister Werner) von Lago und Sealife. Dann soll der Saal eine feste Bestuhlung bekommen, dies lässt nur eine stark eingeschränkte Nutzung zu. Mit der zweiten Ebene ist der Saal dann zum Beispiel für Rock-Konzerte zu niedrig. Also, auch wieder nix für die Jugend und für Top-Acts ist die Kapazität von nur 1200 Besuchern eh zu klein. Das Fenster wird wahrscheinlich auch nur selten zu sehen sein, da es bei den meisten Veranstaltungen störend wirkt. Ich hätte mir auf dem Platz einen schönen Park vorgestellt, zumal der Stadtgarten bei mittlerweile ca.80 000 Einwohnern viel zu klein ist. “ Christian Schmid | Gartenweg 5

Es geht ums Wohl der Gemeinschaft „Ob Pro oder Kontra Konzert- und Kongresshaus sollte nicht allein auf eigenen Interessen beruhen, sondern das Wohl der Gemeinschaft im Auge haben. Nicht jeder profitiert, wenn ein Konzert- und Kongresszentrum entsteht und floriert, aber jeder zahlt, wenn’s steht und die Erwartungen nicht erfüllt. “ Waltraud Weigel | Jacob-Burckhardt-Straße 17

Fangt endlich an! „Also doch wieder eine Schuhschachtel als Konzerthaus – immerhin in Goldfolie verpackt. Innen in alpenländischem Holzflair. Oder doch wieder vertraute Konzilatmosphäre? Ob das für gehobene Anlässe festlich wirkt? Eine repräsentativere Außenerscheinung hätte sich wohl mancher Befürworter gewünscht. Etwas Ästhetisches, was den grauen Sea-Life-Kasten überragt und vom See her zu sehen wäre …“ Manfred Kammerlander | Riesenbergweg 37

Fenster ist nur netter Gag „Das Bühnenfenster zum See ist ja ein netter Gag, aber ob ich an der Segelregatta als Hintergrundunterhaltung eines Klavierkonzerts teilnehmen will, möchte ich doch sehr bezweifeln. Mindestens ist diese Vorstellung sehr gewöhnungsbedürftig. Viel lieber würde ich in der Pause vom Foyer einen weiten Blick auf den See genießen. (...)So notwendig und schön ein Konzert und Kongresshaus wäre – so aber nicht.“ Hans Wölcken | Schützenstraße 16

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Leserbriefe | Südkurier, 20.Feb.2010 Warum so viel Bedenkenträgerei? „Warum sieht man das KKH nicht als eine einmalige Chance für Konstanz? Industriemäßig kann sich aufgrund der geographischen Lage nicht mehr viel tun, neue Arbeitsplätze nicht in großem Maß geschaffen werden. Die Stadt muss mit den Pfunden wuchern, die sie hat: mit Geschichte, Kultur und Natur. Also sollten Tourismus und ein Tagungsgeschäft zu Wirtschaftszweigen ausgebaut werden, damit Konstanz eine Zukunft hat.“ Dr. Ute Stölzle Geschäftsführerin Genzyme CEE GmbH | Bleicherstraße 10

Eine Jahrhundertchance „Es ist eine Jahrhundertchance! Ich war von 1992 bis 2002 als Geschäftsführer der Südwestdeutschen Philharmonie tätig. Eine lange Zeit, in der ich die Vor-, besonders aber auch alle Nachteile des Konzils als „Stammhaus“ des Orchesters kennenlernen konnte. In alten Aktenstücken fand ich unter anderem eine Expertise aus den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, in welcher die Schwachpunkte bereits deutlich benannt wurden. Schon damals wurden die Nachteile für das Publikum aufgelistet, das hieraus entstehende Handicap für das Orchester und dessen Entwicklungsmöglichkeiten klar benannt. Bis heute hat sich nichts geändert. Es war mir wie auch unserem damaligen Chefdirigenten Petr Altrichter sowie allen Freunden des Orchesters klar, dass nur ein neuer Saal die Zukunft des Orchesters nachhaltig sichern kann, seine musikalische Entwicklung und – davon abhängig – die weitere Entwicklung seines Publikums. Die Ausstrahlung des Orchesters weit über die Stadtgrenzen, ja die Ausstrahlung der Stadt selbst als kulturelles Oberzentrum hinaus hing und hängt unmittelbar hiervon ab.“ Peter Conzelmann | Schiltacher Straße 11

Seenahe Kulturachse „Man mag manches kleinreden, aber etwas stolz auf unsere seenahe „Kulturachse“ darf man dann schon sein: Sie beginnt beim Archäologischen Landesmuseum, führt über die Alte Brücke/Rheintorturm zum Stadttheater, zum Konzilsgebäude (mit Ausstellungen!), weiter über die Hafenmeile zum Jungen Theater, zum Bodensee-Naturmuseum (im Sea-Life), und könnte auf KleinVenedig sinnvoll mit einem modernen, zweckmäßigen Konzert- und Kongresshaus abschließen.“ Bruno Neidhart | Brandesstraße 14 D

Mut statt Angst „Die KKH-Ängste (Verkehr, Kosten) sind nachvollziehbar: Der Verkehr muss unabhängig vom Bau des KKH ohnehin verbessert werden. Das KKH ist die Möglichkeit, das Thema umfassend anzugehen. Das KKH ist eine Jahrhundertinvestition, und damit eine Investition, die sich nicht auf drei oder fünf Jahre rechnen muss.“ Moritz Meidert | Im Baumgarten 1

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Ohne Haus droht Abkoppelung „Konstanz darf als kulturelles Oberzentrum des Bodenseeraumes nicht länger hinter Städten wie zum Beispiel Friedrichshafen, Singen und Lindau zurückstehen. Wir brauchen ein zeitgemäßes Konzert- und Kongresshaus, damit wir nicht von der Entwicklung abgekoppelt werden. Die Konstanzer Bürger müssen Gelegenheit erhalten, mittlere Veranstaltungen am Ort besuchen zu können und nicht nach Friedrichshafen, Singen, Radolfzell oder Kreuzlingen fahren zu müssen.“ Joachim Hotz | Wallgutstr. 36

Straßenbefragung | Südkurier, 24.Feb.2010 „Ich finde es wichtig, in die Kultur zu investieren. Deshalb hoffe ich, dass der Bürgerentscheid zugunsten des Konzerthauses ausfällt.“ Helma Hof | Verwaltungsangestellte

„Es ist schon lange fällig, dass Konstanz ein großes Haus in der Art erhält. Wir müssen immer nach Friedrichshafen oder Bregenz fahren, wenn wir größere Veranstaltungen sehen wollen.“ Renate Reinhard | Kauffrau

„Eine Stadt wie Konstanz braucht so etwas. Den Entwurf stell ich mir aber mit Sea Life zusammen hässlich vor.“ Stefanie Flath | Arzthelferin

„Ich finde es gut, für die Kultur Geld auszugeben. Man darf dabei nicht zu kurzfristig denken.“ Stefan Ziegler | Qualitätsmanager

Offizielle Banner der KKH Gegner

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„Konzerthaus am Ende der Sackgasse? Nein zu klein Venedig“ – der siegreiche Slogan

Bürgerentscheid | 21.März.2010 Mit dem Bürgerentscheid vom 21.März 2010 findet der um das geplante Konzert- und Kongresshaus herrschende Kulturkrieg in Konstanz ein Ende – die Bürger haben mit großer Mehrheit den Bau des geplanten Projektes auf Klein Venedig abgelehnt. Neben allen Unsicherheiten über die Finanzierung des Bauvorhabens, haben hauptsächlich konzeptionelle Schwächen diese Entscheidung hervorgerufen – 79% der Befragten empfinden die Anbindung und Erschließung des Standorts als sehr problematisch, 74% wollen Klein-Venedig als Grünfläche erhalten, 57% wollen nur ein reines, aber dafür prägnanteres Konzerthaus. Deutlich wird in den Studien auch die starke Kritik vieler an der ortsunbezogenen und einfallslosen Architektur. (Studie, Universität Konstanz, 2010)

Zusammenfassung  Schon zweimal beweisen die Konstanzer Bürger, dass sie ihren großen Wunsch nach einer längst ersehnten und fehlenden Kultureinrichtung – einem Konzerthaus am See, erst und nur dann zustimmen werden, wenn ein in allen Punkten schlüssiges Architekturgesamtkonzept vorgelegt wird. Ein Konzept, welches den Bedürfnissen und Besonderheiten des Ortes gerecht wird und mit Form und Funktion Einzigartigkeit beweist.

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Die folgende Liste bietet eine Übersicht relevanter Projekte, die sich teilweise oder sogar komplett mit den Themen und Schwerpunkten dieser Studie auseinandergesetzt haben und durch gelungene und außergewöhnliche architektonische Lösungen hervorstechen. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, werden allerdings nur manche davon näher betrachtet und analysiert.

Kultur- und Kongresszentrum Luzern, Schweiz Architekten_ Jean Nouvel | 2000 Die Architektur des KKL Luzern wird von der stark ausgeprägten Einbeziehung des Wassers im Innen-, sowie auch im Außenraum geprägt.  S.44

Opera Copenhagen, Dänemark Architekten_ Henning Larsen Architects | 2004 Besonders wichtig für den Entwurf ist die Weite des Blickfelds über den Hafen, die einprägsame Wirkung und die Einbeziehung des Wassers.  S.45

Sydney Opera House, Australien Architekten_ Jørn Utzon | 1973 Die Dachlandschaft greift das Thema Wasser auf und interpretiert es in der Form von stilisierten „Segeln“. Das Opera House gilt als Symbol der Stadt.

Elbphilharmonie Hamburg, Deutschland Architekten_ Herzog und de Meuron | 2012 Die neue Hamburger Philharmonie bietet mit ihrer eleganten Glassfassade die Interpretation einer Wasserwelle und gilt als neues architektonisches Wahrzeichen der Stadt.

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Oslo Opera House, Norwegen Architekten_ Snøhetta | 2007 Die Kombination aus Konzerthaus, Wasserlage und begehbarer Dachlandschaft führt zur starken Aufwertung des öffentlichen Raumes.  S.47

Ponte Parodi, Italien (Genua) Architekten_ UN Studio | 2011 Das begehbare Hafen- und Kulturgebäude soll den öffentlichen Raum Genuas erweitern und dadurch den Public Space intensivieren.  S.72

Abu Dhabi Performing Arts Centre, UAE Architekten_ Zaha Hadid Architects| 2015 Die milden, teils begehbaren Landschaftsformen des ArtZentrums wirken natürlich und betonen die Wasserlage.

Yokohama International Port Terminal, Japan Architekten_ F.O.A. Foreign Office Architects| 2002 Die Funktionalität des Hafens, hybridisiert mit einem hochwertigen Public Space am Wasser hat den Terminal in einen begehrten Freizeitraum verwandelt.  S.73

Seattle Olympic Sculpture Park, USA Architekten_ Weiss/Manfredi Architecture | 2006 Die öffentlichen Landschaftsterrassen am Wasser fungieren als Ausstellungsfläche für das Seattle Art Museum und werten den öffentlichen Raum am Wasser auf.  S.63

San Juan Skate Park, Puerto Rico Architekten_ Acconci Studio | 2012 Um die Nutzung des San Juan Strandes zu intensivieren, wird ein neuer Skate Park angeboten, welcher neuen Nutzungsraum schafft und das Freizeitangebot erweitert. Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011

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In diesem zweiten Punkt findet die Hauptstudie der theoretischen Arbeit statt – die Einführung und Vertiefung in die Schwerpunkte, sowie die Untersuchung relevanter architektonischer Projekte und ihre Prüfung in unterschiedlichen Themenbereichen. Am Ende dieses Kapitels werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und systematisiert.

Um eine einheitliche und repräsentative Analyse der Schwerpunkte durchführen zu können, ist auch eine einheitliche Systematik gefragt – die gleiche Herangehensweise bei der Untersuchung der unterschiedlichen Themenbereiche. Dafür führe ich ein allgemeines Symbolsystem ein, was einerseits den gleichen Vorgang in Form von Analyseabfolge und –Logik beim detaillierten Untersuchen relevanter Projekte verspricht, und andererseits optisch zum schnellen, bequemen Finden und Vergleichen von Ansätzen in den unterschiedlichen Bereichen verhilft.

Bereich Städtebau

Bereich Public Space

Bereich Gebäude

Städtebauliche Gesamtlage

Öffentlicher Raum und Public Space

Konzept und Grundriss

Urbane Situation & Umgebung

Blickbeziehung zum Wasser

Eingang und Kommunikation

Bauen am Wasser/ Wasserlage

Raumzonierung/ Negativer Raum

Hybridisierung und Technik

Erschließung Verkehr

Aktivitätsaufteilung

Besonderheiten und Details

Erschließung Fußgänger

Public Space Wegeführung

Gebäude Wegeführung

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Canale Grande und Santa Maria della Salute, Venedig

Wasser ist essenziell für das Leben in jeder Form – es ist eine der wertvollsten Ressourcen der Welt – nicht zufällig von der Umweltschützerin Vandana Shiva „Blaues Gold“ benannt. Ein Material, was wir einerseits seit Ewigkeiten mit aller Kraft versuchen zu bewahren und schützen, andererseits aber auch teilweise immer noch in seiner rauen Macht fürchten. Im Architekturbereich ist das Wasser, angesichts der zunehmenden Betonung von Umwelt-Ansätzen für Wohnen, Arbeiten und Spielen, inzwischen zentrales Diskussionsthema bei der modernen Gebäude- und Stadtplanung.

Wasser als Symbol Die Wichtigkeit von Wasser als Lebensquelle und -symbol muss man gar nicht hinterfragen - abgesehen von seinen lebensbegleitenden, spielerischen und therapeutischen Qualitäten, wäre die menschliche Existenz ohne Wasser einfach unmöglich. Und obwohl das Wasser fast zwei Drittel der Erdoberfläche abdeckt, sind nur 3% davon Trinkwasser (wovon wiederum zwei Drittel in Form von Eis existieren). Wie der flämische Chemiker, Physiologe und Physiker J.Baptist van Helmont in seinem in 1662

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erschienen Werk „Oriatrike oder, die Physik neu definiert“ einst schrieb: „Die ganze Erde, der Boden, und jeder, der angefasst werden kann, ist aufrichtig und materiell das Nachkommen von Wasser nur, und wird wieder zu Wasser reduziert, von Natur und Kunst…“

Wasser ist überall in der Religion, Literatur und Kunst jeder Kultur vorzufinden. In der religiösen Welt ist Wasser hochheilig – vom Taufen in dem Jordan Fluss bis zur rituellen Versenkung in dem Ganges, während der religiösen Feste in Indien. Quellwasser wird oft als heilig verehrt - von den antiken Bädern in England bis zu den modernen heißen Thermen in Florida, die natürlichen Wasserquellen werden für wohltuend für die körperliche Katharsis und die spirituelle Verjüngung gehalten. Schon in der Kunst des Mittelalters findet man Andeutungen für die besondere Wirkung und Bedeutung des Wassers für den Menschen - Sandro Botticellis GemälDie Geburt von Venus (1485) | Sandro Botticeli de „Die Geburt der Venus“ (1485), auf dem Venus bei ihrer Erschaffung aus einer Jakobsmuschel aussteigt und ihre Verführungskraft aus dem frischen und klaren Wasser zu schöpfen scheint – stellt eine metaphorische Abbildung des Wassers als Symbol der Gesundheit und Schönheit dar .

Heutzutage haben Installationskünstler wie Olafur Eliasson die urbanen Wasserwege als Inspirationsquelle für sich entdeckt, in ihrem Versuch die Wahrnehmung der ursprünglichen Verbindung zwischen Wasser und gebauter Umgebung zu fördern. Im Jahr 2008 entwarf der isländische Künstler die Installation „The New York City Waterfalls“, die aus drei, entlang des East Rivers platzierten Wasserfällen besteht, jeder davon in Form eines 27 bis 36 Meter hohen Gerüsts, sichtbar aus dem Lower Manhattan. Die so erbaute Einrichtung ließ Ströme aus hoch gepumptem Wasser in einem grandiosen Spektakel mit donnernder Wucht zurück in die Flussmassen rasen. So, wie bei vielen anderen Projekten Eliassons, sollte die InThe New York City Waterfalls (2008) | Olafur Eliasson stallation zu Erforschung der Wassergrenzen animieren und eine Illustrierung der Macht der natürlichen Wasserwege, sowie ihre konstante Änderung und Präsenz in der Stadt illustrieren. (Ryan, Zoë; 2010; S. 7-9)

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„Wasser besitzt die Qualität, die tief verwurzelten und primitivsten Teile unserer Natur herauszuholen. In den tiefen Schluchten unserer Städte, sind Wasser, zusammen mit Feuer, den Bäumen und dem fast verborgenen Himmel, die Elemente, die uns an unsere primitive Vergangenheit erinnern. Unter diesen erzeugen Wasser und Feuer die direktesten Assoziationen. Das Feuer in der Stadt ist aber gefährlich, deswegen auch negativ und böse, während das Wasser als sehr positiv und lebensspendend gilt – als das Element unserer aller Ursprung. Seine Wildheit und Ausgelassenheit rühren uns mit ihrer Unbändigkeit und Vitalität.“ (Halprin, Lawrence; 1963; Cities) Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Die Stadt an der Wasserfront Bevor man über eine „Wasserfront“ spricht, muss man diesen Begriff zuerst genauer definieren – als Wasserfront bezeichnet man die Bucht, den Kanal, den See, das Meer, den Teich und den Fluss, natürlich oder auch von Menschenhand erschaffen. Die urbane Wasserfront stellt heutzutage einen wesentlichen Schlüsselbereich für die adäquate städtebauliche Planung und Neugestaltung der modernen, „gesunden“ Stadt dar. Geschichtlich gesehen, haben Kanäle, Flüsse, Seen, Meere und Ozeane, die die Kanten von Städten und Metropolen bilden oder diese sogar teilen, den topologischen Charakter der städtischen Gebiete bestimmt: das Wasser als Nahrungs- und Transportmittel war überhaupt der Grund für die Entstehung der frühesten Siedlungen und ist bis heute noch prägend für ihre Entwicklung. Die Niederlassungen der antiken Ägypter entlang des Nils, die Ansiedlung Londons an der Themse und Roms am Tiber, oder die auf den Ufern der Botany Bay entstandene Stadt SidThe Port of Rotterdam (1903) | Maximilien Luce ney zeigen deutlich, dass Städte am Wasser nicht nur konstant der Zeit standhalten, sondern auch – bedingt durch die enorme Potenziale ihrer Lage, sich zu einzigartigen und lebendigen Zentren am Wasser entwickeln konnten. (Breen, Ann & Rigby, Dick; 1996; S. 13-14) Mit der Industrialisierung – zu Beginn des 19. Jahrhunderts – kam es zu einem der bedeutendsten Ereignissen, die später die Entwicklung aller Städte am Wasser beeinflussen sollten, als die großen Handelsstädte wie New York, London, Rotterdam, Rio de Janeiro, Lissabon und Kapstadt zu Industriehäfen wurden. Wasserdampfbetriebene Boote und Schiffe erlaubten es nun größere Mengen an Waren schneller und flexibler weltweit zu transportieren und um bei dem neuen Handelstrend mithalten zu können, passten sich die meisten der restlichen Wasserfronten der Welt diesem industriellen Charakter an. Dadurch wurden diese aber gefährlich, verschmutzt und absolut unbewohnbar und ungenießbar für die Öffentlichkeit, was damals den Spalt zwischen der Wasserfront und dem sozialen, kulturellen und ökologischen Leben der Day’s End/Pier 52, NY (1975) | Gordon Matta-Clark Stadt deutlich vergrößerte. Gleichzeitig wurde es modern für die Stadtbewohner die beruhigende Wirkung der Wassernähe außerhalb der Stadt zu suchen, was, in Kombination mit dem sich verändernden Lebensstil der Menschen zu dieser Zeit, dazu führte, dass in Europa viele neue Erholungsorte am Wasser entstanden sind. Diese Tendenz hat sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber stark gewandelt als die Wassertransportindustrien aus wirtschaftlicher und logistischer Notwendigkeit den Großteil ihrer Aktivitäten in die Peripherie der Städte umsiedelten. Dadurch sind ganze Häfen, Hafenareale und -gebäude verlassen worden, konnten aber, verwüstet durch jahrzehntelange, unnachhaltige Nutzung, nicht mehr anders in Gebrauch genommen werden und sind zu Brachflächen, feinster Lage aufgegeben worden. Eine kritische Stellungnahme zu der Situation der postindustriellen Wasserfront äußerte der Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011

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Neues Gewandhaus, Leipzig (1884) | Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

„In der Gegenwart, mit der universellen Verfügbarkeit von genauen Aufzeichnungen mit "richtiger" Akustik und originalen Instrumenten im heimischen Wohnzimmer, gibt es (im Vergleich zu, sagen wir, vor 50 Jahren) eine weit größere Erkenntnis für die Bedeutung des architektonischen und akustischen Kontextes der Musik.“ (Forsyth, Michael; 1985; Vorwort)

Theater, Philharmonien, Konzert- und Opernhäuser zählen heutzutage zu den anspruchsvollsten und hochaktuellsten Architekturprojekten unserer Zeit. Nicht nur Metropolen, sondern auch mittelgroße Städte und Kleingemeinden vollenden ihre kulturelle Infrastruktur, indem sie neue Behausungen für die Darstellenden Künste planen oder schon bestehende renovieren. Als angesehene Objekte, überzeugen diese nicht nur durch die Attraktivität ihrer Akustik, Innenraumausstattung und Funktionalität, sondern prägen gleichzeitig das Stadtbild mit ihrer unverwechselbaren Architektur. Diese haben sie über die Jahrhunderte in ihrem Grundsatz, basierend auf den Wurzeln der griechischen und römischen Theater, mit zwei großen Ausnahmen – der Überdachung und der obligatorischen Landschaftsanpassung, beibehalten und hauptsächlich technisch optimiert. (van Uffelen, Chris; 2010; S.7)

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Die “vorarchitektonische“ Bühne In der älteren Baugeschichte gab es keine Räume, die ausschließlich dem Hören dienen sollten – die antike Bühne repräsentierte das Schaubare als Hauptzweck. Und obwohl die Akustik zu der Zeit nicht erforscht werden konnte, wusste man intuitiv, dass eine vom Ohr erlauschte Schallquelle mit dem Auge beobachtet werden will – hatte also der Zuschauer gute Sicht, so war auch die Schall-Linie zu ihm frei. Genauso intuitiv wurden die gesamten Schauplätze organisiert: fiel auf einem ebenen Platz ein Schausteller, ein Redner oder Musikant auf, ordnete sich sein Publikum zum Kreis (1) – diese Form übernehmen bis heute noch Arenen und Zirkusbauten. Um noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, griff man auch zu manchen Hilfsmitteln und baute sich z.B. ein Schaugerüst, um die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen (2). Weitere Entwicklungen, um die Zuschaueranordnung zu optimieren, waren die Szene mit Vollzugslinie (3), die an einer Wand angelehnte Bühne (4), die Perspektiv(Guckkasten-)Bühne (5) und die sog. Shakespeare-Bühne (6). Die hindernisfreie Direktlinie vom Darsteller zu jedem einzelnen der Hörer ist über alle Zeiten und alle Stilformen der Baukunst hinweg gültiges Funktionsgesetz “Vorarchitektonische” Anordnung von Zuschauern oder Hörern auf ebener Fläche geblieben. (Herzog, Thomas et al.; 1989; S.35 - 36)

Antike griechische und römische Bühnen Sakralbauten zur Ehrung der Götter, sowie Orte des öffentlichen Geschehens waren prägend für die Entwicklung der Architektur in der antiken Welt. Während Tempel als Heiligtümer des Glaubens, und Badehäuser als Treffpunkte für Erholung und sozialen Austausch dienten, stellten Theaterbühnen eine Plattform dar, die Kunst, Kultur und Politik zu Einem zusammenschmelzen ließ. Typisch für das griechische Amphitheater waren seine starke Landschaftsanpassung und die kreisrunde Form. Eins der markantesten Beispiele dafür ist das Theater von Epidaurus, erbaut im 3.-4. Jh. v. Chr. Das Zentrum des 3/4 Kreises war eine mit Altar versehene Rundbühne – die Orchestra, um die sich die Zuschauerringe aufwärts konzentrisch weiterentwickelten. Dies ermöglichte mehr als 15.000 Zuschauern eine gute Sicht auf die Bühne. Diese wurde nach hinten von einem mächtigen Bühnenhaus (Skene) abgeschlossen, was zur Lagerung Theater von Epidaurus (3.– 4. Jh. V. Chr.) wichtiger Theaterrequisiten und später selbst als Auftritts- und Spielort der Darsteller diente. Die Bühnenwand war entweder mit Bildern bemalt oder mit Tafeln behangen, wodurch für das jeweilige Stück die Theaterkulisse kreiert werden konnte.

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Das Fehlen von Decke und Wänden ermöglichte außerdem das Einbeziehen der Natur als eine natürliche Theaterkulisse, was zusätzlich zu der Schaffung einer einzigartigen Atmosphäre beitrug. Deswegen blieb das antike Theater auch in der Spätzeit immer ein Freilichttheater. Akustisch gesehen, hätte eine waagerechte Decke, in Kombination mit der waagerechten Wand oder Säulenreihe bei der letzten Sitzstufe des Amphitheaters falsche Fokusbildungen im Raum erzeugt und zu einem Übermaß an Hall geführt.

Gang Zuschauerring

Orchestra (Kreisbühne)

Skene (Bühnenhaus)

Theater von Epidaurus | Grundriss

Im antiken Rom hatten die Theaterbauten eine sehr ähnliche Struktur, allerdings waren diese unabhängig von der Topographie des Ortes, dafür viel stärker im urbanen Kontext angebunden. Außerdem – bedingt durch die konzentrische und damit auch mit der Entfernung sichttechnisch immer schlechter werdende Anordnung der Sitzplätze, wurden diese nach dem sozialen Status der Besucher verteilt. Senatoren oder Regierungsmitglieder saßen entweder direkt vor der Orchestra oder fanden seitlich, in erhöhten Logen (Tribunalia) Platz. In den übrigen Sitzreihen bestand freie Platzwahl für den einfachen Bürger. Parallel entwickelte sich im Römischen Reich eine andere Plattform des kulturellen und religiösen Lebens – die Basilika (von griechisch – „Königshalle“). Ursprünglich nur für Gerichtssitzungen und Handelsgeschäfte gedacht, entwickelten die Römer die Grundform der Basilika weiter, so dass beispielsweise halbkreisförmige Exedren an einem Giebelende des Hauptschiffes bevorzugte Plätze für Gruppen und Kollegien boten, wodurch aus dem Nutzbau ein Audienzsaal für Volksversammlungen wurde. Die Basilika war zum Hören gedacht und wurde später zum Grundbautypus der christlichen Kirche. (Herzog, Thomas et al.; 1989; S.37 - 41) Typischer Grundriss einer römischen Basilika

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Mittelalterliche Theater- und Opernhäuser Dem Beginn karolingischer und ottonischer Baukunst folgten mehrere hundert Jahre, in denen der Bauwille niemals ausdrücklich darauf gerichtet war, Räume zum Hören von Klang und Rede oder Bühnen zum Sehen vom Schauspiel zu schaffen. Während des Mittelalters wurden keine Theater oder Musikhäuser mehr gebaut, da zu der Zeit die Kirchengänge, -treppen und -fassaden, sowie improvisierte mobile Szenen der Darstellung von Musik- und Schauspielkunst dienten. Später, in der Renaissance, wurde der Bau von Theaterhäusern erneut aufgegriffen und weiter nach dem antiken Archetyp fortgesetzt. Innovation war allerdings die Überdachung des Raumes, die dazu beitrug, dass – im Vergleich zu der Freilichtbühne, bei der wesentliche Aspekte der Akustik ungebändigt ins Freie verlorengegangen sind – das ganze Spektrum des Halls gut gefangen und den Zuschauern in seinen zahlreichen Facetten weitergegeben werden konnte. Die Bühne wurde schlicht und eben gestaltet, während das aufsteigende Auditorium kunstvoll verschönert wurde. Eins der beeindruckendsten Beispiele dieser architektonischen Entwicklung ist Andrea Palladios Teatro Olimpico in Vicenza. Der Hauptunterschied zu der antiken Teatro Olympico, Vicenza (1580) | Andrea Paladio Bühne lag bei Palladios Theater nicht nur in der sich über dem Saal ausstreckenden Decke, sondern in der detailgetreuen, kunstvollen und durch optische Perspektiventäuschung erzielten Inszenierung einer „echten“ Stadt. Diese Inszenierung verlieh der Skene eine eindrucksvolle Tiefenwirkung und der Bühne – ein authentisches und beeindruckendes Dauerbühnenbild.

Überdachung Bühnenbild Inszenierte Tiefenwirkung Auditorium Bühne

Teatro Olimpico | Schnitt

Durch diese optischen und akustischen Innovationen war es nun möglich nicht nur Schauspiel, sondern auch schmuckvolle Barockarien in einer intimen Klangumgebung, reich an Ornament und Detail, in ihrer vollen Pracht zu genießen. Somit wurde den Anfang der Entstehung für Räume zum Hören und Sehen gesetzt – die Musiksäle. (van Uffelen, Chris; 2010; S.7); (Forsyth, Michael; 1985; S.8 - 17 )

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Kultur- und Kongresszentrum Luzern, Schweiz Architekten_ Jean Nouvel | 2000 Fläche_ 35.000 m² (7 Geschoße) Programm_ Hauptmusiksaal_ 1.900 Plätze; Mehrzwecksaal_ 900 Plätze; Kongresssaal _ 300 Plätze; Besprechungsräume, Restaurants, Cafés, Büros Das KKL Luzern liegt direkt am Wasser, in unmittelbarer Nähe zum Calatrava Bahnhof und wenige hundert Meter von der Altstadt entfernt. Ursprünglich als Floater gedacht, sollte das Projekt später aus ökologischen Gründen an die Ufer realisiert werden. „Wenn ich nicht zum Wasser gehen kann, soll das Wasser zu mir kommen.“, so Nouvel. Er entwarf ein Gebäude, dessen Idee- das Äußere nach Innen und das Innere nach außen zu tagen – in Form von drei, durch Wasserkanäle erschlossene und wie Schiffe in der Werft angereihte Nutzungen, zum Ausdruck kam. Ein über den See hinauskragendes, das Wasser reflektierende Dach vollendete diese Komposition und ließ den Innenund Außenraum zu einer homogenen Einheit zusammenschmelzen.

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Eingangsbereich und Konzertsaal

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Lageplanmit historischer Achse


Opernhaus Kopenhagen, Dänemark Architekten_ Henning Larsen Architects | 2004 Fläche_ 41.000 m² (14 Geschoße, davon 5 - unterirdisch) Programm_ Hauptmusiksaal_ 1.400 – 1.700 Plätze; 5 weitere Probe- und Übungssäle_ 120 – 200 Plätze; Veranstaltungsraum für 200 Gäste; Restaurant, Café, Büros Das Gebäude komplettiert eine im Stadtzentrum anfangende, historische Achse und dominiert Kopenhagens Innenhafen und die umliegenden Altbausiedlungen. Auf die Inspiration der Wassernähe weist vor allem das Schiffsformen nachempfundene Äußere des Opernhauses – ein kolossales, sich über vier Geschoße erstreckendes Glasfoyer, hervorgeholt, um über die ganze Wasserfront zu blicken, und ein über 32 Meter auskragendes Dach, welches die Wasserreflektionen aufnimmt und über den dadurch intim gewordenen Vorplatz wacht. Zahlreiche Freizeitangebote ergänzen diese Atmosphäre und gewährleisten eine stetige Belebung des öffentlichen Raumes, unabhängig von der aktuellen Nutzung des Gebäudes.

Innenraum und Konzertsaal

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Lageplan mit historischer Achse

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Guangzhou Opera House, China Architekten_ Zaha Hadid Architects | 2010 Fläche_ 70.000 m² Programm_ Hauptmusiksaal_ 1.800 Plätze; Mehrzwecksaal; Veranstaltungsräume; Lounges, Restaurant, Café, Büros Das kürzlich fertiggestellte Opernhaus in Guangzhou ist konstruktiv und gestalterisch ein Symbol der hochmodernen Architektur für die Darstellenden Künste. Seine landschaftliche Struktur ermöglicht einerseits einen weiten Panoramaausblick über die Flussküste, erfüllt funktionell gleichzeitig aber die Rolle eines urbanen Kultur- und Sozialzentrums. Eine Promenade – ausgeführt als interne Straße, nimmt ihren Anfang am öffentlichen Platz vor dem Guangzhou Museum und zieht sich weiter, bis zum Haupteingang des Opernhauses. Café, Bar, Restaurant und andere Freizeitnutzungen, eingenistet in den durchgeschnittenen Landschaftsformen, begleiten den Besucher entlang dieser Promenade.

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Erschließung und Konzertsaal

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Flusslage des Opernhauses


Oslo Opera House (2010) | Abendatmosphäre

Architekten_ Snøhetta AS

Bauherr_ Ministry of Church and Cultural Affairs

Bauzeit_ 2004 – 2008

Akustik_ Brekke Strand Akustikk / Arup Acoustic

Baukosten_ 500 Millionen Euro

Statik_ Reinertsen Engineering ANS

Fläche_ 38.500 m² Programm_ Hauptauditorium_ 1.360 Plätze; Zweitauditorium_ 400 Plätze; Proberäume; Veranstaltungsräume; Restaurant, Café, Büros

Das Nobel-Friedenszentrum, fertiggestellt im 2005, die Deichmanske Bibliothek und Museum, die in 2012 eröffnen sollen (eine Kollaboration von dem in Oslo situiertem Büro Space Group und dem New Yorker Architekten Team REX) und die neue Schisprungschanze in Holmenkollen von dem Büro JDS, sind nur ein Teil von den in den letzten Jahrzehnten entstandenen Projekten, die die Stadtlandschaft der norwegischen Hauptstadt wesentlich verändern sollten. Das am meisten erwartete Stadterneurungsprojekt ist allerdings das im 2008 fertiggestellte Opernhaus an der Wasserfront Oslos. Gestaltet als eine Mischung aus Eisberg und Kreuzfahrtschiff, bot die gebaute Vision des einheimischen Architektenteams Snøhetta eine öffentlich zugängliche Plattform für die Darstellenden Künste an, die sich natürlich in die Wasserfront der Stadt einfügte. (Ryan, Zoë; 2010; S. 128) Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011

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Kurzinfo_ Land_

Norwegen

Stadt_

Oslo

Stadt-Typ_

Hauptstadt

Höhe_

1 m ü. NN

Fläche_

454 km²

Einwohner_

599.506

Bevölkerungsdichte_

1321 Einwohner je km²

Stadtgliederung_

15 Stadteile

Oslo wurde im Jahr 1299 als Hauptstadt Norwegens gegründet und entwickelte sich im Hochmittelalter zu einer wichtigen Kaufmanns- und Residenzstadt. Trotz Naturkatastrophen und Kriegsschaden, wuchs Oslo zu einer der wirtschaftlich stabilsten Hauptstädte der Welt und Skandinavische Halbinsel, Norwegen und Oslo einer der sehenswertesten Städte Skandinaviens heran. Geografisch einmalig in ihrer inneren Fjordlage, beeindruckt die Stadt nicht nur mit breitem Angebot an Ausbildungs-, Dienstleistungs- und Kultureinrichtungen, sondern auch mit ihrer natürlichen Umgebung. Einst für Hafenindustrie genutzt, ist Oslos Wasserfront heutzutage einer der wichtigsten Punkte der urbanen Stadtentwicklung. Als ein Glied in der Kette von neuen, die Küstenfront aufwertenden Nutzungen ist im Jahr 2008 das Opernhaus von Oslo entstanden.

Urbane Situation

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Offenheit und Zugänglichkeit waren die Schlüssel Konzepte der urbanen Gestaltung des Oslo Opernhauses, das – in seinem Erscheinungsbild, wie aus dem Wasser zusammengefegt – eine markante, kantige, rampenartige Struktur darstellt, die sich 24 Stunden am Tag der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Dieses Vorhaben beschreibt Snøhettas Teamleiter Craig Dykers so: “Unsere Intention war einen direkten Zusammenhang zwischen dem urbanen Kontext und dem natürlichen Zustand eines Fjords zu schaffen. Anstatt eine Barriere oder harte Grenze zum Meer zu sein, ermöglicht das Gebäude mit seinen dezent in und aus dem Hafenlage

Wasser führenden Rampen die direkte Verbindung zu der natürlichen Umgebung“.

Ermöglicht wurde das Projekt durch die in den 1980ern angefangene Initiative für die Revitalisierung der Wasserfront, deren Hauptziel das Säubern der Ufer war. Mit dem Bau des Opernhauses wurde also nicht nur die urbane Vision einer neuen Empfangssituation für die Stadt erschaffen, sondern auch ein schwerwiegendes, ökologisches Problem gelöst – die Aufwertung der Wasserfrontsituation um das neue Gebäude hat zur deutlichen Reduzierung der Verschmutzung auf dem Meeresgrund geführt und der Wiederentstehung des natürlichen Lebens in dem Küstengebiet eine Chance gegeben. Durch die Erweiterung des sonst vorwiegend im Stadtinneren befindlichen öffentlichen Raums, wurde außerdem Bürgern und Touristen, durch die allgemein zugängliche Dachlandschaft, ermöglicht, bisher unbekannte und faszinierende Ausblicke über das Meer und die Küstenzonen zu genießen.

Wasserverbindung und Aussicht

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Verkehrssituation

Ă–ffentlicher Raum

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Public Space Abfolge und Aussichtspunkte

Das 38.000 m² große, begehbare Dach des Konzerthauses – entworfen in Zusammenarbeit mit dem Norwegischen Meeresmuseum – fungiert als öffentlicher Raum für die Aufführungsbesucher, aber auch für diejenigen, die einfach nur die einmalige Aussicht der Landschaftsterrassen genießen wollen. „Die Leute verspüren eine natürliche Verbindung zu etwas, worauf sie rumlaufen können – zu dem öffentlichen Bereich. Die Positionierung einer als elitär eingesehenen Institution unter den Füßen des Besuchers, verändert total seine Haltung zu dem Ort. Der Ort wirkt dadurch ungezwungen und wird zum natürlichen Teil des Besucher Alltags “, so Craig Dykers. (Ryan, Zoë; 2010; S. 130-131)

Funktionsbereiche/ Raumaufteilung

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Bewegung/ Aktivitätszonen

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Das Opernhaus, welches neben der Norwegischen Opera auch das Nationalballett beherbergt, erstreckt sich über 5 Geschoße. Probe- und Workshop-Räume für Ausbildungsprogramme, Umkleiden, Lagerflächen, Büros, sowie andere Nutzräume, zusammen mit zwei in klassischer Hufeisenform ausgeführten Auditorien für jeweils 1.350 und 400 Besucher, sind hauptsächlich unter dem begehbaren Dach verborgen.

Grundriss Erdgeschoß

Vereint unter dem Rampendach, werden die öffentlichen und gebäudetechnischen Nutzungen im Grundriss klar definiert und voneinander getrennt. Die durch Material und Form erzielte Aufteilung in unterschiedliche Funktionsbereiche, erhöht die Nutzbarkeit des Gebäudeinneren und erleichtert die Raumoffenheit und –Bewegung | Besucher

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Raumoffenheit und –Bewegung | Opernpersonal

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Lesbarkeit des Grundrisses. Dank der großzügigen Verglasung des viergeschossigen Foyers, zum Vorplatz, wird der Übergang zwischen Innen- und Außenraum schwellenlos ausgeführt und ein Raumkontinuum erschaffen, das den Besucher allmählich von der Hektik der Außenwelt in die ruhige Kunstatmosphäre einführt.


1.OG

2.OG

53 3.OG

Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Der Schnitt des Opernhauses lässt nicht viel von der verwinkelten, organischen Form des Gebäudeäußeren ahnen. Ähnlich wie der Grundriss, ist dieser programmatisch klar aufgeteilt in West- und Ost Trakt und dem Zweck, einen optimal entwickelten Raum für die Darstellenden Künste anzubieten, dienend. Der Westtrakt weist allerdings eine offenere und repräsentativere Empfangsarchitektur auf, während die Architektur des Osttraktes hauptsächlich der Funktionalität untergeordnet ist.

Längsschnitt

Besondere Aufmerksamkeit verdient hier die Gestaltung des Hauptauditoriums. Mit einer 16x16m großer Bühne, einer 11,8 Meter tiefen Unterbühne, zwei seitlichen und zwei Rückbühnen, sowie 9 Meter lichter Höhe, bildet es das Zentrum des Opernhauses. Die äußerst flexible Zusammenstellung von den (teilweise mobilen) Bühnen erlaubt das schnelle Wechseln zwischen den einzelnen Auftritten, bedingt durch die Möglichkeit zur Bereitstellung vorgefertigter Kulissen. Darüber hinaus, befindet sich der große Proberaum direkt neben den Bühnenräumen und kann bei Bedarf einen zusätzlichen Speicherraum anbieten. Um die weitere Flexibilität des Auditoriums zu gewährleisten, lässt sich der Orchestergraben in der Höhe verstellen, um die optimale optische und akustische Bühneneinstellung für die jeweilige Nutzung zu ermöglichen. Die Anordnung der insgesamt 1.370 Sitzplätze des Zuschauerraums, aufgeteilt auf Parterre und 3 Balkonen, vereint in sich die architektonische Vision eines modernen Auditoriums für die traditionelle musikalische Darbietung, mit den Anforderungen einer visuellen und akustischen Intimität. Im Unterschied zu älteren Opernhäusern, die oft die Nachhallzeit der Musik durch die Fügung zahlreicher, skulpturaler Elemente regelten, werden diese Anforderungen hier durch den ästhetischen Einsatz einer modernen, formalen Architektursprache erfüllt. Hauptauditorium

Kontrollierte Lichtquelle

Rückbühne Besucherterrassen Hauptbühne

Unterbühne / Lager

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Funktionsschnitt und –Aufteilung | grün_ Zuschauer / orange_ Bühne / beige_ Technik

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Bauen an der Wasserfront zieht neben allen bereits erwähnten Vorzügen, oft ein Paar schwierig zu bewältigende Konstruktionsprobleme mit sich, die sich häufig im Kampf mit einem moorigen Bauuntergrund oder mit der Kraft der Wassermassen äußern. Bei dem Opernhaus von Oslo wurde dieses Problem durch das Einsetzen von bis zu 55 Metern unter der Wasseroberfläche reichenden, an solidem Untergrund befestigten Pfählen, die als Fundamentkonstruktion des Gebäudes fungieren, behoben.

Die Materialität des Opernhauses spielt eine sehr wichtige Rolle für den repräsentativen und beispiellosen Charakter des Gebäudes. Während im Außenraum heller, italienischer Marmor benutzt wurde, um einerseits den Eindruck des, den monolithen Fjord nachahmenden, Gebäudes zu kräftigen und andererseits einen robusten „Teppich“ der Öffentlichkeit anzubieten, sollte der Innenraum mit seiner Materialität Wärme und Geborgenheit ausdrücken. Mit Ammoniak verarbeitetes Eichenholz wurde daher für alle Innenraumoberflächen benutzt – vom Foyer bis zum Konzertsaal.

Materialität im Außen- und Innenraum

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A Sunday on La Grande Jatte (1884) | Georges Seurat

“Die Wasserfront an sich, ist der größte, verschwendete Vermögenswert, der in der Lage ist, die Menschen in ihre Freizeit zu locken: Ein Teil von dieser Wasserfront soll zu einem großartigen maritimen Museum werden, das die beste Exponaten Sammlung und die feinste Verpflegung anbieten soll. Dies würde Touristen in den Bezirk am Nachmittag, Touristen und Stadteinwohner an den Wochenenden und an Feiertagen bringen und im Sommer sollte es einen Einschiffungspunkt für Vergnügungsreisen im Hafen und um die Insel sein; So ein Einschiffungspunkt soll so glamourös und pikant sein, wie es die Kunst nur erlaubt. Wenn um diese Wasserfront nicht bald neue Restaurants und allerlei andere Einrichtungen entstehen würden, bin ich bereit meinen Hummer samt Schale zu essen. ” (Jacobs, Jane; „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“; 1963; Zitiert von Breen, Ann & Rigby, Dick; 1996; S. 59)

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Bei allen Aktivitäten bevorzugt und erstrebt der Mensch die Nähe des Wassers – Tatsache, die sich auch mit voller Kraft auf die Planung und Gestaltung des öffentlichen Raums auswirkt. Ein Public Space mit oder gar am Wasser besitzt eine natürliche und daher – größere, Anziehungskraft, und erfreut sich somit auch höhere Frequentierung und Nutzbarkeitsqualität. Und während die gezielte Schaffung öffentlicher Räume an der Wasserfront eine Erscheinung des letzten Jahrhunderts ist, so ist die Einbeziehung von Wasser im Public Space auf die Ursprünge der baulichen Geschichte zurückzuführen. Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Wasser im öffentlichen Raum

Die Berücksichtigung mancher historischer Beispiele weist deutlich darauf hin, dass seit antiken Zeiten die Interaktion zwischen Mensch, Wasser und gebauter Umgebung ein fester Bestandteil der architektonischen Planung darstellt. Ein symbolisches Beispiel der starken Verbindung dieser Elemente ist bestimmt der Trevi-Brunnen in Rom, fertiggestellt in 1762. Der Brunnen, der den Abschluss des im Jahr 19. v. Chr. neben dem Pantheon erbauten Aquädukts Aqua Virgo bildet, stellt den griechischen Gott Oceanus unter einem Triumphbogen als Beschützer der Wasserquellen und der Weltmeere dar. Die Zirkulation des stufenartig runterfließenden Wassers, das im Becken gesammelt und dann wieder hochgeschossen wird, ist eine starke Metapher des menschlichen Lebens – unmöglich ohne Wasser. Nach dem Muster vom Trevi-Brunnen sind im Trevi Brunnen, Rom (1762) |Nicola Salvi Laufe der nächsten Jahrhunderte viele Brunnen gebaut worden, die weltberühmte Versammlungsorte repräsentieren sollten - von Champs Élysées in Paris (1724) über Londons Trafalgar Square (1845) bis zum Chicagos Grant Park (1901). Vielfältig in ihrer Form und Ausführung, revitalisieren und aktivieren Brunnen und Wasserspiele den öffentlichen Raum bis heute noch. Zahlreiche, moderne Projekte versuchen die Grenzen zwischen Public Space und Wasser möglichst schmal zu halten, um die Interaktion zwischen dem Menschen und dem natürlichen, lebensessenzielen Element zu intensivieren. Ein Beispiel dafür ist der Floodable Square (Überschwemmungsplatz) in Bordeaux, der seit 2006 ahnungslose Vorbeigehende mit einer einzigartigen Idee überrascht – ein untiefer Teich „überflutet“ regelmäßig den Platz und tritt dann – innerhalb von ein paar Minuten zurück ohne jede Spur zu hinterlassen. Zur gleichen Zeit bietet der Crown Brunnen im Chicagoer Grant Park ein ganz andeCrown Brunnen, Chicago (2004) |Jaume Plensa res Erlebnis, was den öffentlichen Raum dank einer einmaligen Symbiose zwischen Wasser und interaktiven Medien mit der Kultur zusammenbringt. Vom spanischen Künstler Jaume Plensa entworfen und als Ergänzung des Chicago Art Institute, zieht der in 2004 installierte Brunnen Erwachsene und Kinder an. Die Gesichter von 2.000 Stadteinwohnern werden auf Medienwänden animiert und „bespucken“ zur Freude der gesammelten Menge den Platz periodisch mit Wasser zum Plantschen und Spielen.

 Die symbolische, erfrischende, spielerische und beruhigende Qualität des Wassers wird ständig und überall gefragt. Kombiniert mit den technischen Gegebenheiten und den Entwicklungspotenzialen unserer medialen Epoche, ergibt dieses einmalige und äußerst hochwertige öffentliche Räume in der Stadt.

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Public Space an der Wasserfront

Die Rückeroberung der städtischen Wasserfront, durch die Deindustriallisierung der Küstengebiete oder die einfache Wiederfindung der urbanen Wasserlage wirkten sich besonders stark auf die Entstehung und Erweiterung neuer öffentlicher Räume am Wasser aus. Die plötzliche Möglichkeit die Schönheit der natürlichen Umgebung genießen zu können ohne dafür die Stadt verlassen zu müssen, machte den Public Space am Wasser schnell zum beliebten Zufluchtsort vor der Monotonie des Alltags. Städteplaner und Architekten sahen darin das Potenzial aus den ausschließlich der Erholung gewidmeten öffentlichen Bereichen am Wasser, lebendige Organismen zu schaffen, die ein breites Nutzungsangebot abdecken sollten. Bald ergänzten Kultur, Gastronomie und Dienstleistung die Aufenthaltsflächen an der Wasserfront, wodurch diese oft Paris Plage (Entstehung - 1960er/2002) | Stadt Paris zum gefragtesten öffentlichen Raum der Stadt wurde. Viele Städte weltweit – wie z.B. Barcelona, Hamburg, New York, Seattle und Paris, verdanken ihre Popularität heutzutage dem Ausbau lebendiger und funktionierender Public Spaces als Verbindung zu ihrer natürlichen Wasserumgebung. Die HafenCity in Hamburg ist eine der markantesten und größten Initiativen Europas in dieser Richtung. Mit der Etablierung eines großmaßstäblichen Revitalisierungsprojektes im Jahr 1997, konnte die Stadt mit ihrem öffentlichen Raum das Elbufer nach mehr als 100 Jahren wieder genießen. Situiert zwischen der historischen Speicherstadt und der Elbe, bot der Masterplan auf einer Gesamtfläche von 157 Hektar, eine kosmopolitische Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Kultur und vor allem – einzigartigem Public Space, was Stadtbewohner und Touristen durch zahlreiche Einkaufs-, Flanier- und Erholungsmöglichkeiten am Wasser zu sich zog. Außer einer dynamischen Belebung des Magellan-Terrassen (2005) | Teil des HafenCity öffentlichen Raums, trug die Revitalisierungsinitiative Masterplans auch zu einer enormen Verbesserung der ökologischen Situation im Hafengebiet bei.

 In dem Kontext der weltweiten wirtschaftlichen Umstrukturierung und der Tendenz zur Erschaffung eines urbanen Rahmens zwischen Stadt und Wasserfront, versuchen Hamburg und viele andere Städte weltweit sich an die Veränderungen anzupassen und funktionsfähige Knoten im weltweiten Touristen- und Händlernetz zu bleiben. Die Änderungen in der Struktur des Passagiertransports, die Wichtigkeit und inhärente Herausforderungen der Zonierung an der Wasserfront, sowie Vorschriften der Landnutzung, die Umweltpolitik, die Entwicklungsanreize, die Beteiligung der Gemeinschaft und öffentlich-privater Partnerschaften haben alle zum Umdenken der öffentlichen Qualitäten der traditionellen städtischen Wasserfront und zur Weiterentwicklung seiner neuen Identität beigetragen. (Ryan, Zoë; 2010; S. 26-59)

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Olympic Sculpture Park Seattle, USA Architekten_ Weiss/Manfredi Architecture | 2006 Fläche_ 35.000 m² Programm_ Landschaftspark mit Ausstellungsterrassen; Ausstellungpavillons, Veranstaltungsräume; Café; Infrastruktur Das Olympic Sculpture Park in Seattle ist das Ergebnis eines Wettbewerbs, dessen Ziel die öffentliche Erweiterung des Seattle Art Museums, anstelle einer stark durchfahrenen Industriebrachfläche an der städtischen Wasserfront war. Mit seiner durch Aufschüttung erreichten Landschaftsstruktur in der Form eines „Z“, stellt der Entwurf der Architekten Weiiss und Manfredi, eine “grüne“ öffentliche Plattform dar, die nicht nur der Ausstellung von Kunstobjekten aller Art dient, sondern auch eine Verbindung zwischen dem Public Space der Stadt und der zuvor ausgeschlossenen Wasserfront herstellt. Dabei sind neue Ausblicke über die Skyline von Elliot Bay und die Wasserküste Seattles entstanden.

Bewegung und Eingangssituation

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Urbane Wasserlage

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Toronto Central Waterfront, Kanada Architekten_ West 8 & DTAH | 2006 - 2011 Länge der Wasserfront_ 3.5 km Programm_ Wellenlandschaft als Aufenthaltsraum an der Wasserfront; Wasserpark; Bootsstege; schwimmende, mit Brücken erreichbare Kleininsel im Wasser Die Verbindung zwischen dem lebendigen Stadtzentrum Torontos und dem Ontario See, sowie die Vollendung einer zusammenhängenden und öffentlich attraktiven Wasserfront waren die Hauptprioritäten in dem Entwurfsbeitrag von West 8 und DTAH für den 2006 ausgeschriebenen Wettbewerb. Inzwischen umgesetzt, ergänzt das Projekt mit einer einfachen, aber abwechslungsreichen Architektursprache die bestehende Wasserlinie der Stadt mit Aufenthalts-, Spiel- und Flanierqualitäten, und bietet eine Erweiterung der urbanen Infrastruktur an. Das Konzept ermöglicht durch seine Vielfältigkeit verschiedene multisaisonale Nutzungen und eröffnet neue Perspektiven der Wasserfront.

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Sommer- und Winternutzung

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Wasserfront von Toronto


Metropol Parasol, Sevilla (2011) | Jürgen Mayer H.

Bedingt durch große Fortschritte im Technik-, Kommunikations- und Informationsbereich, wandelt die kulturelle und soziale Revolution seit dem Ende des 19. Jh. auch das Feld der Architektur stark um. Die städtische Population – früher stark örtlich und kulturell angebunden, bevorzugt heutzutage die dynamische Bewegung und Veränderung und richtet ihr Umfeld nach diesen Kriterien ein. Um sich diesem stetigen Wechsel anpassen zu können, befindet sich die Architektur in dauerhaftem Wandel, bei der sie ihre Grenzen und Grundsätze neu definiert und optimiert. Diese „Umformung“ äußerst sich einerseits in der experimentellen Erkundung von neuen topologischen (geometrischen) Formen und andererseits in der generativen Formung von flexiblem und wechselhaftem Raum. Der Versuch, diese topologisch-geometrischen und kinetisch-generativen Räume zusammenzuführen, um daraus eine neue, leistungsstärkere Multifunktions-Plattform zu erzeugen, bezeichnet man als Hybridisierung. (Zellner, Peter; 1999; S. 6-16) Im Prinzip, ergibt die Mischform von zwei oder mehreren, sich gegenseitig zu einer homogenen Einheit ergänzenden Nutzungen, eine neue, durchsetzungsvermögendere Struktur, die durch äußerste Flexibilität ausgezeichnet wird. Und während die Mehrzwecknutzung nach Innen die Funktionalität und somit auch die Attraktivität einer solchen Struktur steigert, wertet diese gleichzeitig auch ihr urbanes Umfeld nach außen stark auf. Oftmals einprägsam und beispiellos in ihrem Erscheinungsbild, als Verschmelzung von städtebaulicher Situation und Funktionsunterbringung, tragen Hybridstrukturen viel zur Steigerung der Attraktivität der allgemeinen Stadtlandschaft bei.

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Slussen Spacescape, Schweden Architekten_ BIG (Bjarke Ingels Group) | 2008 Typ_ Hybrid/ Infrastuktur/ Kultur/ Dienstleistung Programm_ Masterplan für die Revitalisierung von Slussen als hochwertiger urbaner Raum (Konzeption)

Trotz seiner zentralen Lage steht das Viertel Stockholms kurz vor dem Zusammenbruch, da es durch ungünstige Verkehrsführung und einen dadurch undefinierten Public Space weder seine Wasserlage genießen, noch sozial und kulturell anlocken kann. Als Lösung dieser ungünstigen Situation, bot das dänische Büro BIG im Jahr 2008, ein Hybrid aus funktionsfähigerer Infrastruktur, kultureller Nutzung und Dienstleistung. Dieses gewähreistete nun den Stadteinwohnern freien Zutritt zu der Wasserfront, beinhaltete ein breites Freizeitnutzungsangebot und bot abwechslungsreiche, hochwertige Aufenthaltsmöglichkeiten mit Wasserblick, anstelle der früher undefinierten, öffentlichen Flächen an.

Erschließung und Konzertsaal

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Flusslage des Opernhauses

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Ponte Parodi, Italien Architekten_ UN Studio | 2012 (Fertigstellung) Typ_ Hybrid/ Infrastruktur/ Kultur/ Dienstleistung Programm_ Neues urbanes Zentrum zur Reaktivierung der Wasserfront Genuas

Ziel des Projektes ist die Wasserfront Genuas zu vervollständigen, indem es - anstelle eines ehemaligen Industriegeländes - die Verbindung zwischen dem aktiv genutzten Fähreterminal und dem Bereich des „Alten Hafens“, dem touristischen Punkt der Stadt, ein neues und belebtes urbanes Zentrum schafft. Dies, wird durch die Ausbildung eines dreidimensionalen Platzes auf dem Mittelmeer, unter dem sich kulturelle, dienstleistende und freizeitliche Nutzungen, wie Vortragssäle, Restaurants und Geschäfte, Fitnessstudios und Schwimmbäder befinden, geschafft. Neben seinem breiten Nutzungsangebot, eröffnet das Hybrid auch tolle neue Perspektiven über Genua und seine natürliche Umgebung.

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Erschließung und Konzertsaal

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Flusslage des Opernhauses


Yokohama International Port Terminal (2002) | Public Space und Funktionalität

Architekten_ Foreign Office Architects

Bauherr_ Port and Harbour Authority/Yokohama City

Bauzeit_ 2000 – 2002

Detail Design_ Kensuke Kishikawa

Baukosten_ 170 Millionen Euro

Statik_ Shokan Endo

Fläche_ 48.000 m² Programm_ Hafennutzung_ 17.000 m²; Restaurants_ 3.000 m²; Geschäfte /Dienstleistung_ 1.000 m²; Konferenzsaal_ 500 m²; Parkplatz_ 600 Autos; Flanier- und Spazierflächen; Ausblickspunkte

Da ein (hybrides) Konzerthaus am Wasser bereits näher untersucht wurde (Oslo Opernhaus,  S.47), konzentriert sich diese Analyse auf die Erschaffung einer Public Space Landschaft und ihre Verschmelzung mit der stark ausgeprägten Funktionalität einer öffentlichen Plattform. Das beste Beispiel dafür ist vielleicht das Yokohama International Port Terminal der Architekten Alejandro Zaera Polo und Farshid Moussavi (F.O.A.), welches trotz seiner peripheren Lage und infrastrukturellen Hauptnutzung, zum signifikanten Teil von Yokohamas Stadtleben geworden ist. Als Vorreiter dieser Art multifunktioneller Plattformen, hat das Yokohama Port die Ansätze in der Beziehung zwischen Gebäude und natürlicher Umgebung, sowie öffentlichem und funktionellem Raum revolutioniert. (Ryan, Zoë; 2010; S. 69) Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011

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Kurzinfo_ Land_

Japan

Stadt_

Yokohama

Stadt-Typ_

Großstadt

Höhe_

1 m ü. NN

Fläche_

435 km²

Einwohner_

3.692.809

Bevölkerungsdichte_

8.490 Einwohner je km²

Stadtgliederung_

15 Stadteile

Yokohama liegt auf der westlichen Seite der Bucht von Tokio und ist nur 30 km von der japanischen Hauptstadt entfernt. Als zweitgrößte Stadt des Landes und bedingt durch ihre WasJapanische Inseln serlage, besitzt sie einen bedeutenden Handelshafen und eine sehr prägnante Wasserlinie. Diese wurde jedoch, nach der Eröffnung Japans für die Europäische Welt in der Mitte des 19. Jh., hauptsächlich von Handels- und Industrienutzung dominiert und war daher lange Zeit für das soziale Leben der Stadt unzugänglich.

Der Prozess der Deindustrialisierung und die darauffolgenden Versuche neue urbane Zonen an der Wasserfront zu etablieren, führten zu der Entstehung neuer öffentlichen Plattformen des sozialen Lebens am Wasser, wie z.B. das Pacifico Yokohama (1994) und das neue International Port Terminal.

Urbane Situation

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Trotz der wichtigen menschlichen Interaktionen (Leute treffen, begrüßen, sich verabschieden), die an Orten passieren, an denen eine bestimmte Tätigkeit zu einer bestimmten Zeit stattfindet – ein Konzert im Musiksaal, ein Spiel im Stadion oder das Andocken eines Schiffes im Hafen – leiden solche Orte oft unter Mangel an konstanter öffentlicher Identität. Bei der Hybridisierung eines Schiffsterminals mit einem hochwertigen öffentlichen Raum, gelang es den Architekten von F.O.A. dem Yokohama Port diese einzigartige Identität zu verleihen. Konzeptionell über die Grenzen des gestellten Bauauftrags hinausgegangen, entwarfen sie eine dem Public Space gewidmete Plattform am Wasser, welche neben der infrastrukturellen, auch eine explizite gesellschaftliche Funktion trug und eine öffentliche Attraktion für die Stadt darstellte. Mit der relativ niedrigen Anzahl an Kreuzfahrtschiffen, die den Hafen besuchen – 50 bis 60 Schiffe jährlich, die dort im Schnitt zwei Tage lang angedockt liegen – betrachteten die Architekten den Terminal nicht nur als Mittel zum Zweck für die Abfertigung von Passagieren, sondern auch als Selbstzweck, als einen neuen öffentlichen Platz und ein Stück Infrastruktur mit dem Potenzial, als ein riesiges Foyer für Veranstaltungen innerhalb des Terminals oder im Hafen selbst zu fungieren. Das Vorhaben dieser Initiative für Öffentlichkeit setzte sich schnell durch und der abgelegene Terminal wurde zum aktiven und beliebten Public Space der Stadt. Hafenlage

Wasserverbindung und Aussicht

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Verkehrssituation

Ă–ffentlicher Raum

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Public Space Abfolge und Aussichtspunkte

Am Pier aufgebaut, setzt das Port die öffentliche Achse fort, die eine der Hauptgeschäftsstraßen der Stadt mit dem Yokohama City Stadion verbindet und reiht sich außerdem in eine Perlenkette von Kultur- und Freizeiteinrichtungen an der Wasserfront ein. Am Endpunkt dieser Achse befindet sich der Haupteingang zum Terminal und seitlich von ihm – die als unsteile Rampen ausgeführte Aufgänge zu der begehbaren Dachlandschaft des Gebäudes. Somit wird eine natürliche Fortsetzung des Public Space sowohl in die öffentlchen Funktionsbereiche, als auch zu den Freizeitnutzungen der Anlage erschaffen. (Ryan, Zoë; 2010; S. 69)

Hauptterrasse

Westterrasse Ostterrasse

Freilichtbühne

Grünflächen

Haupteingang

Funktionsbereiche/ Raumaufteilung

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Bewegung/ Aktivitätszonen

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Das Gebäude besteht aus drei Hauptgeschoßebenen mit Parkplätzen und Gepäckabfertigung im Untergeschoß, das Passagierabfertigung mit Schaltern für den Inlands- und für den Internationalen Schiffsverkehr im mittleren Geschoß, und dem darüber liegenden „Promenadendeck“. Die einzelnen Ebenen werden nicht als getrennte Bereiche behandelt, sondern besitzen kontinuierliche Übergänge und verschmelzen so zu einer homogenen und einladenden Einheit.

Multifunktionshalle

Die Intention der Architekten war, anstelle einer strengen und vordefinierten Abfolge voneinander getrennter Funktionsbereiche, ein „no return“ Pier zu erschaffen – eine Struktur, die einen ununterbrochenen und multi-direktionalen Raumfluss anbietet. Die Verzahnung unterschiedlicher, pro-

Ausland-Gates Funktionsablauf

Zoll

Inland-Gates

grammgesteuerter Kreisläufe dient daher der Ablenkung von der nutzungsspezifischen, linearen Funktionsstruktur und einer erfolgreichen Fortsetzung des Public Space im Gebäude.

Inland-Terminal

Haupteingang

Zufahrt

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Grundriss Erdgeschoß

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„Faltung“ der Geschoße


Anstatt der Entwicklung des Gebäudes zu einem prägnanten Solitär oder einem figurativen Objekt auf dem Pier, ist dieses als Erweiterung des städtischen Bodens erzeugt und als eine systematische Ableitung der Zirkulationslinien zu einer gefalteten, gegabelten Oberfläche konstruiert. Diese Faltung produziert bedeckte und überdachte Räume, die die verschiedenen programmatischen Bereiche aufnahmen, sowie offene Zonen als Orte für freizeitliche Aktivitäten. (Gregory, Rob; 2008; S. 1)

Untergeschoß

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Dachlandschaft

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Bewegungsfluss

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Funktionszonen

Schnittdarstellung der „Faltung“ und „Verflechtung“ der Ebenen

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VERSCHNEIDEN

SCHLITZEN

FALTEN

Die zu einer allgemein zugänglichen, mehrzwecknutbaren Plattform verflochtene Struktur des Yokohama Port Terminals ergibt sich aus der Schlitzung, Verschneidung und Faltung der drei Gebäudeebenen. Daraus entstehen Räume, Gänge, Erschließungswege, Aussichtsterrassen und Freizeitbereiche, die einen offenen und einladenden Raumfluss bilden und eine einheitliche Architektursprache in den unterschiedlichen Gebäudeteilen vorweisen. (Martinez, Kelly; ArchStudio: Urban Ecologies; 2008; Studie)

Raumbildungsfaltung

Durchgangsfaltung Verbindungsfaltung Zusammenschmelzung

Aussichtsfaltung

Synthesen Diagramm

Formbildung

81 Musikpark am Wasser | Teodor Vladov MA4 SS2011


Kurzinfo_ Bundesland_

Baden-Württemberg

Regierungsbezirk_

Freiburg

Höhe_

405 m ü. NN

Fläche_

55.65 km²

Einwohner_

83.664

Einwohner KN & KR_

115.000

Bevölkerungsdichte_

1503 Einwohner je km²

Stadtgliederung_

Altstadt, 14 weitere Stadteile

Konstanz ist die größte Stadt am Bodensee, gleichzeitig eine sehr beliebte Universitäts- und Touristendestination. Die Stadt liegt am Ausfluss des Rheins aus dem oberen Seeteil, direkt an der Grenze zur Schweiz Lage in Baden-Württemberg (Kreuzlingen, Kanton Thurgau). Und genau diese Nähe ist verantwortlich dafür, dass Konstanz während der Weltkriege nicht zerbombt wurde und dadurch sein authentisches Antlitz bis heute bewahren konnte. Trotz der verhältnismäßig geringen Stadtgröße, erfreut sich Konstanz einer ausgesprochenen, internationalen Popularität – als eine fortschrittliche historische Stadt, die heutzutage neben ihrer schönen Lage und Tradition, auch sehr großes wirtschaftliches und kulturelles Potenzial aufweist und dadurch jährlich von tausenden Touristen und Interessierten besucht wird.

Bedeutende Städte am Bodensee

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Bedeutende Städte am Bodensee

Konstanz ist ein Knotenpunkt in der Verbindung zwischen Zürich und Stuttgart und auch eine der wichtigsten Hafenstädte am Bodensee, die gleichzeitig das Tor zum Rheintransport ausbildet. Die infrastrukturelle Erschließung der Stadt ermöglicht eine sehr gute Erreichbarkeit per Land und Wasser, sowie – bedingt durch die Nähe zweier Flughäfen (Friedrichshafen -15 min, Zürich - 40 min) – auch per Lufttransport.

Stadt und Infrastruktur

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Konstanz und Kreuzlingen

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Der südliche Teil von Konstanz – begrenzt nach Norden durch den Rhein, nach Osten durch den Bodensee und nach Süd-Westen durch die Grenze zur Schweiz – bildet das Herz des kulturellen und sozialen Lebens der Stadt. Dort befindet sich die Konstanzer Altstadt, sowie alle wichtigen kulturellen und infrastrukturellen Einrichtungen.

Altstadt und Wasserfront

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Eindr端cke von Konstanz

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Teodor Vladov_Masterthesis (Short)  

Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart

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