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Essays

Umwege erhöhen die Ortskenntnis Wie eine goldene Uhr, eine kunstaffine alte Dame und unzählige krumme Nägel meine Karriere als Sportjournalist verhinderten Von Sebastian Bleyl

Grafiken: Sebastian Bleyl

Wenn mir mal wieder jemand diese Fragen stellt: »Warum schreibst du? Und warum gerade Drehbücher?«, fällt mir meist nichts Besseres ein als das abgegriffene Statement, dass ich einfach Geschichten erzählen will. Wenn ich so richtig in Fahrt bin, sage ich sogar: »Ich muss Geschichten erzählen.« Das verstehen die Leute dann meistens, denn 58

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Umwege erhöhen die Ortskenntnis Wie eine goldene Uhr, eine kunstaffine alte Dame und unzählige krumme Nägel meine Karriere als Sportjournalist verhinderten Von Sebastian Bleyl

Grafiken: Sebastian Bleyl

Wenn mir mal wieder jemand diese Fragen stellt: »Warum schreibst du? Und warum gerade Drehbücher?«, fällt mir meist nichts Besseres ein als das abgegriffene Statement, dass ich einfach Geschichten erzählen will. Wenn ich so richtig in Fahrt bin, sage ich sogar: »Ich muss Geschichten erzählen.« Das verstehen die Leute dann meistens, denn 58

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Umwege erhöhen die Ortskenntnis

irgendetwas müssen wir ja schließlich alle. Aber warum gerade Drehbücher? Warum monatelang an etwas herumdoktern, was doch nicht mehr ist als eine bessere Gebrauchsanweisung, die nach dem Dreh einfach ihre Daseinsberechtigung verliert? Ich könnte doch auch Lyrik oder Prosa schreiben. Oder über Fußball. – Ja, über Fußball, weiß Gott. Wahrscheinlich würde mir das sogar deutlich mehr Spaß machen, mir eine Art inneren Frieden verschaffen, den ich jetzt noch nicht einmal erahnen kann. Andererseits: Was bliebe mir dann noch, um mich in den Pausen zu erholen und auf andere Gedanken zu kommen? Etwa weiterhin die herrlich überflüssigen Spielberichte und spekulativen Transfernews auf Kicker.de und Co. schmökern? Wohl kaum. Dann doch lieber alles wie bisher. Man muss ja auch nicht jedes Hobby zum Beruf machen. Aber woher kommt dieser Drang, sich Geschichten auszudenken und sie auch noch anderen Menschen erzählen zu wollen, und woher kommt die Überzeugung, dass ich das kann? Gab es klar benennbare Momente in meinem Leben, die mich zu dem machten, was ich heute bin? Gab es Begegnungen, die mich inspirierten, eben diesen Weg zu gehen? Welche Ereignisse führten zu welchen Erkenntnissen? Mein Weg zu mir im Hier und Jetzt war mitunter holprig und alles andere als direkt und zielgerichtet. Bei langen Teilabschnitten sind die Spuren in meinem Gedächtnis fast vollständig verwischt, und dennoch muss es diese entscheidenden Augenblicke doch gegeben haben. Oft erinnere ich mich nicht mehr an sie, weil es damals gewöhnliche und unbedeutende Situationen waren. Manche von ihnen kristallisieren sich erst vom heutigen Standpunkt aus als die letztlich relevanten Momente und auslösenden Ereignisse heraus. Retrospektiv betrachtet, scheinen sie wie Straßenlaternen im nebligen Dunst der verblassenden Erinnerung und weisen in ihrem Verlauf fast schon wieder eine gewisse Stringenz auf. Steckt uns der Weg und das Ziel also schon in den Kinderbeinen, und alles was wir tun müssen, ist einfach nur drauflos marschieren? Ich bin in einem kleinen Dorf im Erzgebirge aufgewachsen. Das Dorf heißt Cranzahl, und Microsoft Word zeigt mir meinen Heimatort immerzu als Fehler an. Der Name bedeutet so viel wie Krähenanzahl, weil es dort so viele Krähen gibt. Seit Menschengedenken wird Cranzahl von einer ganzen Heerschar dieser finsteren Gesellen heimgesucht. So viel zur Stimmung dort. Der Winter beginnt zudem meist schon im September und endet erst im Mai. Meines Wissens gibt es keinen Ort in Deutschland, der kälter ist, sieht man vielleicht einmal von der Zugspitze ab. Ich erinnere mich an meterhohe Schneewehen und eisige Stürme, an einen Skistock aus Aluminium, der stundenlang an meiner Zunge klebt und an den modrigen Geruch des dauernassen Leders meiner Winterschuhe. Die Sommer waren auch nicht viel bes59

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ser: Wenn man Glück hatte, wurde man von den Großen im Freibad lediglich ins tiefe Becken geschubst. Wenn nicht, landete man auch schon mal in der dunklen Ecke des bereits zu Urinstein gewordenen WC-Häuschens. Und wenn man dann mit Tränen in den Augen nach Hause radelte, fiel man auch noch hin und schlug sich die Knie auf dem spitzen Schotter blutig, dass es heute noch wehtut, wenn man nur daran denkt. Als ich sechs Jahre alt war, ergriffen meine Eltern die Gelegenheit, so etwas Ähnliches wie Hoteliers zu werden. Das »Ferienheim Grubenlampe« des volkseigenen Betriebs VEB Grubenlampen- und Akkumulatorenwerke Zwickau lag ein paar Kilometer außerhalb von Cranzahl recht malerisch am Fuße des 898 Meter hohen Bärensteins und unweit einer kleinen Trinkwassertalsperre. Gleich an meinem ersten Tag dort traf ich auf die drei Jungs aus der Nachbarschaft. Sie lauerten mir direkt vor der Haustür auf und lockten mich in ihr Versteck. In dem windschiefen Bretterverschlag stank es ganz fürchterlich, weil das Heu, mit dem sie den nassen Boden ausgelegt hatten, in aller Ruhe vor sich hin schimmelte. Und auch sonst war die Atmosphäre im Raum nicht besonders angenehm. Die drei schwiegen mir beharrlich mitten ins Gesicht und musterten mich mit einer gewissen Feindseligkeit. Den Anführer kannte ich schon aus dem Klo im Freibad, und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie mich überhaupt nicht in ihrer Mitte haben wollten. Vielleicht lag das an meinen abfälligen Bemerkungen über die baulichen Mängel ihrer Hütte, vielleicht aber auch nur daran, dass ich für diese halbwüchsigen Wilden ja fast so etwas wie ein Stadtmensch war. Um die gespannte Stille zu überspielen, erzählte ich ihnen schließlich die Geschichte von der goldenen Armbanduhr meines Großvaters. Der habe mir, wie ich mit finsterer Miene vorgab, doch tatsächlich verraten, dass er kurz nach dem Krieg hier ganz in der Nähe die goldene Armbanduhr seines Großvaters vergraben hatte. Warum er das getan hatte, sei ein altes Familiengeheimnis, orakelte ich. Die drei starrten mich mit großen Augen an und warteten gespannt darauf, dass ich das Geheimnis lüften würde. Ich hielt inne und schaute einmal langsam ringsum. Ich hatte es geschafft. Ich war einer von ihnen. Zumindest dachte ich das für einen kurzen, naiven Moment. Doch die drei sahen das natürlich anders. Sie konnten einfach nicht akzeptieren, dass das Geheimnis geheim bleiben sollte. Die wunderschöne Geschichte alleine reichte ihnen nicht. Vielmehr wollten sie die goldene Uhr lieber gleich ausgraben. Ich zuckte mit den Schultern und willigte ein. Was blieb mir auch anderes übrig? Eine gute Stunde später stand ich verschwitzt und dreckig in einem Erdloch und musste kleinlaut zugeben, dass ich mich mit den Koordi60

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naten wohl doch etwas verschätzt hatte. Aber die Geschichte von der Uhr sei wahr, beteuerte ich. Die Jungs zogen sich enttäuscht in ihre vergammelte Hütte zurück und sprachen erst Wochen später wieder mit mir. Ganz offensichtlich wollten sie nicht mit einem Geschichtenerzähler, einem Lügner also, befreundet sein. Ich aber war insgeheim tief beeindruckt, dass ich sie mit dieser an den Haaren herbeigezogenen Geschichte zumindest für ein paar Minuten um den kleinen Finger hatte wickeln können. Rückblickend war dies wohl das erste Mal gewesen, dass ich eine Geschichte spannend erzählt hatte und damit eine gewisse Wirkung erzielen konnte. Das Prädikat »Spannend erzählt« zeichnete auch alle meine Lieblingsbücher aus, zumindest suggerierte dies der Stempel auf dem Buchdeckel. Es war ziemlich einfach, mir zu Geburtstagen oder Weihnachten eine Freude damit zu machen. Diesem Gütesiegel vertraute ich blind und wurde selten enttäuscht. Bücher wie Der rote Freibeuter,

»Das Dorf heißt Cranzahl, und Microsoft Word zeigt mir meinen Heimatort immerzu als Fehler an.«

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James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter (Verlag Neues Leben 1985) Gerhard Beutel: Die Faust der Stedinger (Verlag Neues Leben 1975, 3. Aufl. 1986) Götz R. Richter: Kamau der Afrikaner (Verlag Neues Leben 1962, 9. Aufl. 1985)

Die Faust der Stedinger und Kamau der Afrikaner machten mich glücklich, und meine Mutter auch, denn wenn ich las, war ich ruhig und raubte ihr mit meiner Hyperaktivität nicht wie sonst die letzten Nerven. Und so las ich bei jeder Gelegenheit, um ihr wenigstens diesen einen Gefallen zu tun.

Parallelwelten In der Schule verliefen die ersten vier Jahre ohne größere Vorkommnisse. Die von mir erbrachten Leistungen trugen einigermaßen zur Zufriedenheit meiner Eltern bei. Ihr Sohn war ein durch und durch durchschnittliches Kind, die Note 2 ein verlässlicher Begleiter. Die eine oder andere 3, die immer häufiger hinzukam, versuchte ich mit der Hervorhebung der obligatorischen 1 in Kunsterziehung aufzuwiegen, doch schon bald merkte ich, dass die 1 in Kunsterziehung meine Eltern nicht halb so sehr begeisterte, wie sie die 3 in Mathematik und Betragen beunruhigte. Von der 3 in dem Fach Schreiben will ich hier erst gar nicht anfangen. Lieber zurück zur 1 in Kunsterziehung. Die 1 in Kunsterziehung war eine Bank. Auf sie war Verlass. Nie hatte ich eine 2. Nicht einmal eine 1– ist mir unter den Pinsel gekommen. Egal was ich auch malte, schmierte, knetete oder zeichnete – ich bekam eine 1. Das Prozedere war immer dasselbe. Unsere Kunsterziehungslehrerin Fräulein Riedel war eine herzensgute Frau, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer geradezu erfrischend unangepassten Outfits wenig Respekt bei der Schülerschaft genoss und stattdessen immer wieder Opfer von menschenverachtenden Späßen wurde. Am Ende jeder Stunde kam sie zu mir, griff nach meinem Chef-d’œuvre, hielt es mit ausgetrecktem Arm vor sich, kniff ein Auge zusammen, strich sich über den zarten Flaum ihres Damen-Kinnbarts und nickte in devoter Begeisterung. Dann bat sie um Gehör (wovon in dem heillos lärmendem Durcheinander im Klassenzimmer natürlich niemand Notiz nahm) und hielt eine flammende Lobrede auf meine Kreation. Die kunstvolle Orchestrierung der Farben, der gewagte Pinselstrich und der Mut zur Auslassung beeindruckten sie immer wieder aufs Neue und machten auch mich stolz und glücklich. Die Doppelstunde Kunsterziehung war wie eine Oase in einer immer ernster werdenden Welt. Dort konnte ich mich meinen kindlichen Vorstellungen und Spinnereien noch uneingeschränkt hingeben. Es gab keine Zwänge und keine Verbote, keine Vorschriften und keine Ideologien. Ich konnte mich einfach wunderbar treiben lassen und bekam sogar noch Lob und Anerkennung dafür. Von mir aus hätte es noch ewig so weitergehen können, doch dann kam die fünfte Klasse. 62

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Ich weiß nicht warum, aber plötzlich wurde ich von mysteriösen dunklen Kräften dazu getrieben, die Nase unschuldiger Mitschülerinnen mit meinen staubigen Pantoffeln blutig zu schlagen und in der Kaufhalle Süßigkeiten zu stehlen. Dazu gehörten bevorzugt der Schokoriegel Fetzer und die Schlager-Süßtafel. Einmal klaute ich sogar Brausepulver. Und das, obwohl es nur zehn Pfennig kostete und ich mir locker zehn Packungen hätte leisten können. Warum ich mir ausgerechnet den billigsten Artikel aussuchte, ist mir heute noch schleierhaft, ebenso warum ich die Tüte direkt vor der Kaufhalle aufriss und mir den gesamten sauren Inhalt mit einem Mal in den Mund schüttete. Prompt kam die Verkäuferin heraus und stellte mich zur Rede. Ich wollte mich gerade rausreden, doch in diesem Moment wurde das Brausepulver in meinem Mund zu einer gigantisch aufschäumenden Masse und brachte mich vorerst zum Schweigen. Die unnachsichtige Verkäuferin benachrichtigte umgehend meine noch viel weniger nachsichtige Klassenlehrerin, und die sprach mir prompt einen Tadel aus. Das war damals eine große Sache, da man mit drei Tadeln am Ende des Schuljahres nicht versetzt wurde. Dementsprechend groß war dann auch meine Angst, die schriftliche Benachrichtigung meinen Eltern zur Unterschrift vorzulegen, und so unterzeichnete ich dieses gefährliche Blatt Papier schließlich selbst. Und zwar nicht einfach so, sondern höchst professionell mit Blaupapier und einer bereits unterschriebenen Klassenarbeit als Vorlage. Das Ergebnis war erschreckend. Es sah eher aus wie ein ausgefranster Stempelabdruck als die Unterschrift meiner Mutter, und je länger ich daran herumdokterte, desto schlimmer wurde es. Meine Klassenlehrerin erkannte den Schwindel natürlich auf den ersten Blick, und so war der zweite Tadel die logische Konsequenz. Es wurde langsam brenzlig. Doch als das Schuljahr zu Ende ging und ich es irgendwie geschafft hatte, den unheilvollen dritten Tadel zu vermeiden, wurde ich zu meiner großen Erleichterung schließlich doch noch in die sechste Klasse versetzt. Zwei Tadel, unzählige Einträge ins Klassenbuch, eine 4 in Betragen und ein besorgniserregender Notendurchschnitt brandmarkten mich dennoch zu einem ausnehmend schlechten Schüler. Doch selbst in diesem Jahr schaffte ich die 1 in Kunsterziehung. Vielleicht war ich ja wirklich gut; vielleicht war ich aber auch nur der einäugige König unter den Blinden. Wie dem auch sei, ich empfinde noch heute tiefe Verbundenheit und Dankbarkeit für Fräulein Riedel. Sie war die Einzige, die mein spärliches Talent erkannte und förderte und mich daran glauben ließ, dass auch ich etwas sehr gut konnte. Die Wende 1989 war eigentlich eine super Sache, nur kam sie für mich genau ein Jahr zu früh. Sieben Jahre lang war ich einer der 63

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Jugend + Technik, März 1987

DER SCHWARZE KANAL

(DDR 1960–1989)

ar – Armeerundschau, 12/1987

ideologisch auf Linie getrimmten Dreikäsehochs, die dem Aufruf des Schuldirektors beim morgendlichen Fahnenappell am 1. Mai »Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!« ihr übereifriges und hochtoniges Pionierehrenwort »Immer bereit!« entgegenschmettern. Noch heute empfinde ich tiefes Bedauern, dass es mir nicht wenigstens einmal vergönnt war, das blaue FDJ-Hemd zu tragen und mit den anderen Großen das betont lustlos dahingemurmelte »Freundschaft« auszutauschen. Auch hätte ich ein Jahr später vielleicht nicht mehr die naive Angst gehabt, dass es mir schlecht ergehen könnte, wenn der Aggressor aus dem Westen bei seiner Invasion unseres friedlichen Landes und den darauffolgenden Hausdurchsuchungen bei mir im Kinderzimmer all die Träger sozialistischen Gedankenguts findet. Um dem vorzubeugen, warf ich kurzerhand alle Zeitschriften weg, die ich hatte. Und ich hatte eine Menge! Angefangen mit der im politischen Kontext völlig harmlosen Jugend + Technik über das bereits bedenklichere Neues Leben bis hin zu der natürlich absolut verräterischen Armeerundschau ar. Es musste alles raus. Und zwar schnell! In einer Nacht- und Nebelaktion im Herbst ’89 landete das gesamte Inventar meiner Printmedien schließlich im Müll. Dass ich dabei selbst die in jahrelanger Sammelleidenschaft zusammengetragenen kompletten Jahrgänge meiner geliebten Mosaik wegwarf, ist an Dummheit nicht zu übertreffen und macht mich noch heute traurig und wütend. Wie ich zu dieser übertriebenen Angst gekommen war, ist mir heute absolut schleierhaft. Vielleicht war ich einer der Geschichten über den Klassenfeind aufgesessen, die Karl Eduard von Schnitzler in seiner Sendung DER SCHWARZE KANAL im DDR-Fernsehen verbreitete, und hatte sie in meiner kindlichen Naivität etwas überdramatisiert. Das Ende der DDR und die Aussicht auf die gnadenlose Konkurrenzsituation in der leistungsorientierten kapitalistischen Gesellschaftsordnung der bald schon wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland versetzte alle Menschen in der Schule in helle Aufregung. Ständig wurde einem nun angedroht, dass sich die Zeiten künftig ändern würden. Ohne zu verstehen, was genau das für mich bedeutete, hielt ich die Pferde fortan etwas besser im Zaum und legte mich richtig ins Zeug. Ich schaffte es aufs Gymnasium und hätte dort sehr gern Kunst und Geschichte als Leistungskurse gewählt, doch das ging natürlich nicht. Stattdessen musste ich mich mit den üblichen Pflichtfächern abmühen, um meine Hochschulzugangsberechtigung zu erreichen. Und all das, um mich nach dem Abitur doch nur in einer beispiellos juvenilen Orientierungslosigkeit wiederzufinden. Ich wusste einfach nicht, was aus mir werden sollte. Dementsprechend inhaltslos waren dann auch die nächsten zwei Jahre. Aber gut, es gibt wohl Schlimmeres als jung zu sein und seine Jugend zu verschwenden. 64

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Umwege erhöhen die Ortskenntnis

In einer Nacht im Frühjahr 1997 saß ich bis in die Morgenstunden mit einem alten Freund in meinem unaufhaltsam dahinrostenden Opel Corsa. Wir hatten irgendwo weit draußen auf einem Feldweg angehalten, tranken billiges Bier aus Dosen, hörten laute Musik und rätselten über unsere Zukunft. Mein Kumpel war wohl ziemlich betrunken, als er vorschlug, dass ich doch eine Zimmermannslehre machen könnte, und ich war offensichtlich auch nicht ganz bei klarem Verstand, als ich dieser hirnrissigen Idee sogar noch nachging. Hirnrissig allein deshalb, weil ich auch damals schon von eher hagerer Gestalt war und im Übrigen unter panischer Höhenangst litt. Dementsprechend schwindelerregend verliefen die folgenden zwei Jahre. So lange dauerte die Lehre bei einem kleinen Bauunternehmen im Ort. Den theoretischen Teil der Ausbildung erledigte ich mit links, aber die Tätigkeit eines gemeinen Zimmerers besteht nun mal in der praktischen Anwendung des erlernten Wissens, und das ist dann eine ganz andere Hausnummer. Nur selten gelang es mir zum Beispiel, einen dieser bis zu 33 Zentimeter langen Sparrennägel mit gefühlten 100 Hammerschlägen ins Holz zu schlagen, ohne ihn dabei krumm und schief zu klopfen. Die Häme der missgünstigen Gesellen war mir jedenfalls sicher, und das wurde auch nicht besser, als ich eines Tages in der Mittagspause im Bauwagen verkündete, nach der Lehre noch studieren zu wollen. Meine Kollegen reagierten verwundert und fühlten sich vielleicht ein bisschen verraten. Jedenfalls arbeitete ich die letzten Wochen dann ziemlich oft allein. Doch das war nicht einmal das Schlechteste, denn in den vielen einsamen Stunden des meditativen Vor-mich-hin-Klopfens dachte ich mir fortan einfach verschiedenste Geschichten für Filme aus. 90-Minüter also, die in Echtzeit vor meinem geistigen Auge abliefen und mich ganz weit weg in eine andere Welt entführten. Ich war wie gefangen darin, und es war unendlich viel aufregender, diese Geschichten weiterzuspinnen, als mich mit den ollen Nägeln rumzuärgern. An diesen Tagen hatte ich zum ersten Mal eine vage Vorstellung davon, wie wunderbar und erfüllend es sein muss, selbst Filme zu machen. Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis ich meine ersten kinematografischen Gehversuche unternehmen durfte, denn zuerst wartete ein klitzekleiner Umweg auf mich, der sich anfangs jedoch überhaupt nicht wie ein solcher anfühlte.

Quantensprung Im Sommer 1999 war es endlich so weit. Ich kehrte meiner Heimat den Rücken zu, und bei all dem Jubel darüber wäre es mir wahrscheinlich sogar entgangen, wenn ich dabei noch eine Krähe über65

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Scenario 7 Umwege  

Essay from a script writer