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Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen Bekenntnisse aus den Untiefen des Horrorgenres Von Benjamin Hessler

Von einem, der auszog ... sich Autor zu nennen Vor kurzem hatte ich einen dicken Umschlag im Briefkasten, in dem sich eine in verschiedenen Handschriften ausgefüllte, fotokopierte Adressliste befand. Das dazugehörige Klassentreffen hatte ich verpasst; umso erfreulicher, auf diese Weise doch noch einen ungefähren Eindruck davon zu gewinnen, was aus den Kindern, an die ich mich erinnerte, für Leute geworden waren. Ich registrierte die überproportionale Anzahl von Berliner Adressen und staunte darüber, wie viele Mädchennamen sich bereits verändert hatten oder längst aus meinem aktiven Erinnerungsvermögen verschwunden waren. Eine Art Springsteen’scher Glory Days-Nostalgie setzte ein, von der mein Vater nichts erfahren darf, damit ich ihn deswegen weiter belächeln kann. Eine Spalte der Tabelle war bei dem Versuch, kleine Handschriften durch Vergrößerung leserlicher zu machen, auf die nächste Seite gerutscht: Beruf. Ach, dachte ich, spannend, und beugte mich mit neu geweckter, seltsam intensiver Neugier vornüber, schnell hin und her blätternd, um die Namen zuordnen zu können. Wie ein fleddernder Geier. Aha, Ärztin? Bestimmt Sirma, natürlich, wer sonst. Heizungsmonteur kann nur Christian sein, das Muskelpaket, und was zur Hölle macht eigentlich eine Marketingassistentin? Dann der Schock: Drehbuchautor. Von Neid durchpulst blätterte ich zurück, um zu erfahren, wer der Glückliche ist, der alles erreicht hat, wovon ich träume. Und, natürlich: Der Autor war ich. L’Auteur, c’est moi, sozusagen. Ich sprang vom Stuhl wie jemand, der in einer überregionalen Tageszeitung ein riesiges Nacktfoto von sich selbst entdeckt, komplett mit Hundeleine und Stachelhalsband. Im Kopf begann ich sofort, eine E-Mail an meine früheren Klassenkameraden zu entwerfen, in 58


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Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen Bekenntnisse aus den Untiefen des Horrorgenres Von Benjamin Hessler

Von einem, der auszog ... sich Autor zu nennen Vor kurzem hatte ich einen dicken Umschlag im Briefkasten, in dem sich eine in verschiedenen Handschriften ausgefüllte, fotokopierte Adressliste befand. Das dazugehörige Klassentreffen hatte ich verpasst; umso erfreulicher, auf diese Weise doch noch einen ungefähren Eindruck davon zu gewinnen, was aus den Kindern, an die ich mich erinnerte, für Leute geworden waren. Ich registrierte die überproportionale Anzahl von Berliner Adressen und staunte darüber, wie viele Mädchennamen sich bereits verändert hatten oder längst aus meinem aktiven Erinnerungsvermögen verschwunden waren. Eine Art Springsteen’scher Glory Days-Nostalgie setzte ein, von der mein Vater nichts erfahren darf, damit ich ihn deswegen weiter belächeln kann. Eine Spalte der Tabelle war bei dem Versuch, kleine Handschriften durch Vergrößerung leserlicher zu machen, auf die nächste Seite gerutscht: Beruf. Ach, dachte ich, spannend, und beugte mich mit neu geweckter, seltsam intensiver Neugier vornüber, schnell hin und her blätternd, um die Namen zuordnen zu können. Wie ein fleddernder Geier. Aha, Ärztin? Bestimmt Sirma, natürlich, wer sonst. Heizungsmonteur kann nur Christian sein, das Muskelpaket, und was zur Hölle macht eigentlich eine Marketingassistentin? Dann der Schock: Drehbuchautor. Von Neid durchpulst blätterte ich zurück, um zu erfahren, wer der Glückliche ist, der alles erreicht hat, wovon ich träume. Und, natürlich: Der Autor war ich. L’Auteur, c’est moi, sozusagen. Ich sprang vom Stuhl wie jemand, der in einer überregionalen Tageszeitung ein riesiges Nacktfoto von sich selbst entdeckt, komplett mit Hundeleine und Stachelhalsband. Im Kopf begann ich sofort, eine E-Mail an meine früheren Klassenkameraden zu entwerfen, in 58


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der ich mich in aller Form für diesen bedauerlichen Fehler entschuldigte. Ich sei natürlich nicht etwa Drehbuchautor, sondern lediglich Filmstudent im Bereich Drehbuch, stehe also ganz am Anfang, würde mir selbstverständlich nie anmaßen, mir diese ehrwürdige Bezeichnung überhaupt ans Revers zu heften etc. Wie konnte das überhaupt

LA MASCHERA DEL DEMONIO (1960; Plakatausschnitt)

passieren? Hatte etwa ich selbst mich in dem kurzen Telefongespräch mit der Organisatorin des Klassentreffens »Drehbuchautor« genannt? Passiert mir so etwas inzwischen? Die Idee mit der Rundmail verwarf ich wieder: blöder Bescheidenheitsgestus, fast noch unsympathischer als das angeberische »Drehbuchautor« da auf dem Papier. Feige geradezu. Andererseits: Drehbuchautor? Wie es dort so in der Liste stand, schien mir das Wort auch nur ein Text zu sein, den ich geschrieben hatte. Eine Kürzestgeschichte, und zwar eine reichlich unrealistische, die ich nie in einer so rohen Fassung hätte herausgeben dürfen. Wenigstens bin ich mit solchen absurden Verhaltensweisen nicht allein, im Gegenteil. Unter den Schriftstellern, die ich kenne – mehrheitlich junge, die sich mehrheitlich von zum Teil ungekochtem Reis ernähren – besteht eine höchst beliebte Methode, sich psychologisch gleichzeitig selbst zu foltern und zu schützen darin, sich jegliche Eignung für diesen Beruf rundheraus abzusprechen – vorauseilend, bevor andere es tun können. Sätze wie »Bald ist es so weit – bald 59


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DRACULA (1931)

finden sie heraus, dass ich ein Hochstapler bin!« oder das verzweifelt zwischen zwei gleichzeitig gerauchten Espressos hervorgestoßene »Jetzt fliegt alles auf!« sind verbreitete Topoi. In Prokrastinationsphasen vor einem Abgabetermin markieren sie nach meiner Beobachtung den Übertritt in eine Art Krise der Krankheit. Kurz nach solchen Äußerungen erwischt man sich dann in aller Regel dabei, wie man hektisch eine Handvoll Socken (einzeln), das festeste Schuhwerk (halbhohe Segeltuch-Sneaker) und ein Schweizer Taschenmesser (!) in eine Reisetasche stopft und sich dabei fieberhaft einredet, bestimmt auch ohne Geld, Portugiesischkenntnisse und Nahkampfausbildung »ganz wunderbar klarzukommen in Bogotá.« Glücklich, wer dann jemanden hat, der auch nachts um drei noch die Geduld aufbringt, ganz sachlich die Frage nach Visum und Impfungen aufzuwerfen und darauf hinzuweisen, dass man in Kolumbien spanisch spricht. Und der einen daran erinnert, wie man mal in Dortmund auf einen Hütchenspieler reingefallen ist, und zwar zweimal, und zwar in Folge, weil man angeblich das »System durchschaut« hatte und den ersten Einsatz zurückgewinnen wollte. Und jetzt hör auf zu flennen und lass mich schlafen, verdammt, du überlebst in Bogotá keine 20 Minuten. Letztlich besteht das Problem mit meinem eigenen Autorenstatus schlicht darin, dass ich ihn mir selbst nicht beweisen kann. Es gibt nur Hinweise und Verdachtsmomente, und einzig und allein meine Stimmungslage bestimmt, ob ich in den Indizien eine belastbare Kette erkenne oder alles nur für ein einziges, enormes, durch eine Kaskade von unglücklichen Fehleinschätzungen der Umwelt zustande gekommenes Missverständnis halte. Ich verlange nicht nach einem Diplom oder etwas Vergleichbarem; seltsam genug, dass es so etwas überhaupt gibt und dass ich es voraussichtlich bald bekomme. Psychologisch wird das indes nicht das Geringste ändern. Zeig mir jemanden, der sich in irgendeiner Disziplin allen Ernstes für einen »Meister« hält, weil er darin »Magister« ist, und ich zeige dir jemanden, der sich niemals in meinem Badezimmerspiegel blicken lassen würde. Hilfreicher als ein Zertifikat wäre ein breiter Konsens über die hinreichende Bedingung des Schriftstellerdaseins; über den einen, entscheidenden Punkt, den man abhaken können muss, um offiziell ein stabiles Selbstverständnis als Autor aufrechterhalten zu können. Was könnte das sein? Mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften kommt als alleinige conditio sine qua non wohl kaum in Frage. Gott sei Dank, denn ich hätte bisher nur einen einzigen Monat in meinem Leben vom Schreiben annähernd leben können, und das auch nur, weil zufällig zwei kleine Artikel und eine größere Satire gleichzeitig bezahlt wurden und mein Co-Autor auf seinen Anteil verzichtete. Viel mehr hat Kafka in seinem ganzen Leben nicht mit 60


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dem Schreiben verdient. Gute Nachrichten, wenn man will. Ich bin ungefähr so gut wie Kafka. So gesehen. Umgekehrt hat Wolfgang Koeppen ein halbes Leben als Schriftsteller sein Geld verdient, ohne ein einziges Wort zu veröffentlichen. Auch nicht gerade zu beneiden, im Übrigen. Wahrscheinlich wünscht man sich in so einer Situation irgendwann, das vermaledeite erste Buch wäre genau so ungeschrieben geblieben wie all die anderen, die wegen des vermaledeiten ersten Buches jetzt von einem erwartet werden. Eine befreundete Autorin beendet bei diesem Thema jeden Gesprächsversuch mit einem kategorischen »Schriftsteller ist man, wenn man schreibt!« Wenn man dann vorsichtig nachfragt, wie das denn nun wieder genau zu verstehen sei, unterbricht sie einen und wiederholt, lauter, augenrollend, »Schriftsteller ist man, wenn man schraheibt ...« Spätestens bei dem ungeduldigen Singsang versteht man: Hic sunt leones. Don’t go there. Was sie damit meint, weiß die Kollegin selbst nicht, und das soll auch so bleiben. »Kollege« ist noch so ein Wort, das man als »Autor« am liebsten immer in »Gänsefüßchen« setzen würde, wenn das nur nicht so wahnsinnig »blöd« wäre. Aber ohne jede Distanzierungsgeste verwendet, hat es schwer wiegende Konsequenzen. Ist Elfriede Jelinek etwa eine Kollegin von mir? Werde ich irgendwann in der Great Teeküche In The Heavens mit Henry James ein kollegiales Pläuschchen halten können, nur weil ich jetzt gerade ein paar Nullen und Einsen hin- und herschiebe? Eher nicht. Vielleicht auch gar nicht so schlimm: Ich habe auch nur The Turn of the Screw gelesen, und immer darauf angesprochen zu werden nervt ihn bestimmt total. Bei Gesprächen über den angestrebten oder ausgeübten Beruf steht man in aller Regel ziemlich gut da, wenn man von sich behaupten kann, das zu tun, was man »immer schon machen wollte«. Wenigstens das kann mir keiner nehmen. Schriftsteller werden wollte ich seit jeher, wie andere Astronaut. Aber was weiß man schon als Kind? Ein Autor war für mich jemand, der auf einer idyllischen Veranda gelegentlich eine mechanische Olivetti bedient, damit märchenhaft viel Geld und Sympathie einfährt und in seiner Freizeit Kriminalfälle löst. Ich machte mir keinerlei Gedanken darüber, was er dort tippte, dieser arme Sisyphos an seiner klappernden Höllenmaschine, den ich mir damals noch als glücklichen Menschen vorstellte. Die Einsamkeit des Cursors auf der leeren Seite kannte ich noch nicht. Schreibblockade hätte ich wahrscheinlich für eine unattraktive Sorte Ritter Sport gehalten. Die Geschichten, die ich damals erfand, waren stets aus einem Guss, keine Minute langweilig und fanden ein begeistertes Publikum in mir und allen, die sich nicht wehren konnten oder es zumindest unterließen. Waghalsigkeiten in Plots bekämpfte ich nicht 61

Henry James: Das Durchdrehen der Schraube (dtv 2001)


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Patricia Highsmith: Suspense oder wie man einen Thriller schreibt (Diogenes 1985)

auf einem Schlachtfeld aus Schaubildern, Dramaturgiebüchern und Selbstzweifeln, sondern mit Improvisation beim Vortrag und einem niedlichen Äußeren. Letzteres entriss mir die Zeit, und eine Romanschriftstellerexistenz, wie ich sie anvisierte, ließ sich nicht auf Improvisation gründen. Nein, etwas mit aller Macht tun zu wollen ist leider nicht das Gleiche, wie es zu tun. Vielleicht ist es manchmal sogar hinderlich: Ich erinnere mich, wie ich als etwa Zwölfjähriger kniehoch durch zusammengeknüllte DIN-A4-Blätter gewatet bin, auf denen jeweils eine bis maximal fünf Zeilen beschrieben waren. Die Rückseiten der Blätter fühlten sich an wie Braille; die kleinen »o«s waren teilweise durchgestanzt. Meine Reiseschreibmaschine hatte Bums und war dementsprechend eine der aggressiveren Geräuschquellen im Haus. Auf den Blättern standen lauter erste Sätze von großen Romanen, oder genauer: von genau einem Roman. Das Problem war Patricia Highsmith. In der geheimnisvollen gelb-schwarzen Ecke im Bücherregal meiner Eltern war ich auf Suspense gestoßen, ihren kleinen, feinen Essay über das Schreiben. Besonders beeindruckt hatte mich eine Passage über die Wichtigkeit eines gelungenen ersten Satzes, der den Ton des ganzen Textes festlegt und im besten Fall eine Art vorangeschobene Essenz, ein Programm der Geschichte mitliefert. Nun gut, dachte ich, wenn die entscheidende Hürde der erste Satz ist und es danach quasi wie von selbst vorangeht – das bekomme ich hin. Dann begann die Tortur. Aus einem Drei-Wort-Satz über einen gewissen Lord Hastings, der schlecht schlief, entwickelte sich binnen kurzer Zeit ein irrwitzig verschachteltes Ungetüm, Text gewordene M.C.-Escher-Architektur. Zum Schluss enthielt der Satz eine ausführliche Schilderung des furchtbaren Vorfalls, auf den die Schlafstörungen des Lords zurückgingen. Irgendwann war ich so tief in winzige Detailfragen verstrickt, dass mir unmittelbar aufeinanderfolgende Wortwiederholungen nicht mehr auffielen. Abgesehen davon war der ursprüngliche Plan gewesen, den furchtbaren Vorfall (irgendetwas mit einem kopflosen Ritter) erst ganz am Schluss der Geschichte zu enthüllen. Übers Formulieren hatte ich das Erzählen vergessen. Frustrierend. Eine gewisse Befriedigung verschaffte es mir immerhin, mit großer Autorengeste das Blatt aus der Maschine zu reißen, zusammenzuknüllen und hinter mich zu werfen. Ich begriff, dass die Sache mit dem Autorwerden nicht ganz so einfach war, wie ich gehofft hatte. Aber da war es längst zu spät, um noch damit aufzuhören. Vielleicht bin ich am besten beraten, den ständigen Selbstzweifel sozusagen als konstituierendes Element in die Definition des Autorseins mit aufzunehmen – zumindest vorläufig, ich will die Hoffnung 62


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ja nicht aufgeben. Vielleicht sind Selbstzweifel sogar der schriftstellerischen Produktivität zuträglich, weil man permanent gegen sie anschreibt. Möglicherweise ist die beste Methode, meinem mutmaßlichen Autorsein auf die Spur zu kommen, die kriminalistische. Nicht CSI, eher Derrick: die altehrwürdige Frage nach dem Motiv. Wenn ich tatsächlich freiwillig dieses merkwürdige Halbwesen Autor sein sollte: Warum? Welcher Teufel reitet mich?

... Gefühle zu kriegen Als Floskel in positiven Kritiken liederlicher Bauart findet man zum Ende hin häufig den Hinweis, dass der Film oder das Buch »zum Nachdenken anregt«. Was soll das bedeuten? Ich habe dabei immer

NIGHT OF THE LIVING DEAD

(1968; Plakatausschnitt)

das vage Gefühl, dass darin möglicherweise irgendwo eine Beleidigung versteckt sein könnte, die sich entweder an den Autor des Werks richtet oder an sein Publikum, also an mich. Alles regt zum Nachdenken an, auch – und gerade – Ich bin ein Star, holt mich hier raus!, Florian Silbereisen und 20 Zentimeter, kleiner Peter. Das Gehirn ist nun mal online, man kann gar nicht nicht über den Input nachdenken, den man bekommt. Wenn die wichtigste Absicht des Autors war, mich 63


... Fortsetzung in

Scenario 2


Scenario 2 Essay Gruseln  

essay about horror film

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