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Dr. Alemán

Dr. Alemán

von Oliver Keidel

unter Mitarbeit von Tom Schreiber, basierend auf realen Begebenheiten

gefördert von: – BKM – éQuinoxe script development

Fassung 6. Juli 2006

2pilots Filmproduktion Eigelstein 78 50668 Köln +49 221 9139153 www.2pilots.de

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Drehbuch des Jahres

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INT. DEUTSCHLAND, MARCS STUDENTENWOHNUNG – TAG

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Ein Revolver in der Hand eines Kindes. Stark vergrößertes Druckraster. Das Bild ist ein Ausschnitt aus einem Schwarzweißfoto. Im Ton nur ein sanftes Dröhnen, wie im Inneren eines Flugzeugs. Nach einer Weile schweben wir langsam zurück. (Titelsequenz) Der Junge, der den Revolver hält, ist vielleicht vierzehn, dunkelhäutig mit blondierten Haaren. Er steht in der Tür eines kleinen Hauses aus Zementsteinen und beobachtet ein paar tanzende Menschen davor. Abendstimmung. Die Blätter einer Bananenstaude ragen ins Bild. Das Bild ist an eine orangene Tapete geklebt. Daneben weitere Fotos, fußballspielende Kinder in einer ähnlichen Umgebung. Herausgerissene Seiten einer Zeitschrift. Überschrift des Artikels: „Cali. Hauptstadt der Rumba“. Wir erkennen nun, dass wir uns in einer Studentenwohnung befinden, einem ausgebauten Keller mit eigener Küche und Bad. Die Wohnung wirkt verlassen. Graues Licht fällt durch die schmalen Kellerfenster herein. In einer Ecke eine Kiste mit einer Müllhalde aus medizinischen Lehrbüchern. Oben darauf ein zerlegbares medizinisches Modell des menschlichen Oberkörpers; ein paar Schichten sind abgefallen, die Lage der Innereien und der Blutgefäße ist sichtbar. Wir schweben zurück, durch eine Tür hindurch ... 2

INT. DEUTSCHLAND, HAUS MARCS MUTTER – TAG

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... und rückwärts eine Treppe herauf, durch den Flur einer hellen Doppelhaushälfte. Ein Wohnzimmer mit ausladendem Bücherregal. Frauenschuhe im Eingangsbereich. Ein Tennisschläger. Ein älteres Foto: Arztfamilie, das Bild ist offenbar entstanden bei der Verleihung des Doktortitels an den älteren Sohn. Der Vater hat spanische Gesichtszüge, die Mutter ist eine feingliedrige Deutsche. Der jüngere Sohn (MARC) steht etwas verloren daneben. Er trägt als einziger keinen Arztkittel. 3

I/E. DEUTSCHLAND, HAUS MARCS MUTTER & PRAXIS – TAG

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Die Rückfahrt setzt sich fort durch die Haustür. Ein Doppelhaus, neben der Wohnung der Familie Tränker der Eingang der Arztpraxis gleichen Namens. Wir schweben langsam aufwärts. Der Vorgarten, silberner VW Passat in der Einfahrt. Wir schweben höher. Eine lange Reihe von Vorstadthäusern. Immer

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mehr. Niemand auf der Straße. Deutsche Provinz. Ein Fluss. Das Licht reflektiert. Für einen ganz kurzen Moment sehen wir noch, wie die deutsche Provinz unter uns sich in tropisch überwucherte Berghänge verwandelt hat. Dann bricht das warme, brummende Geräusch aus dem Flugzeuginneren abrupt ab. 4

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EXT. FLUGHAFENGEBÄUDE CALI – TAG

Eine Schiebetür öffnet sich zischend. Blendendes Licht. Die Hölle bricht los. Hämmernder Lärm. Das Donnern eines startenden Jets. Menschen rufen spanische Namen. Verzerrte Musik aus einem vorbeifahrenden Autoradio. Haupttitel: „DR. ALEMÁN“ Vor der Flughafentür auf dem Wartesteig steht MARC. Mitte zwanzig, schlacksiger deutscher Student. Abgenutzte, schwarze Lederturnschuhe. Ein nostalgischer Seesack auf der Schulter. In der Art, wie er so dasteht und die plötzliche Reizüberflutung einfach auf sich einprasseln lässt, liegt etwas Herausforderndes. Abenteuerlust. Auf seinem linken Handrücken drei kleine, runde Narben. Er blinzelt in die Sonne. Schweißperlen treten aus seiner Stirn hervor. Untertitel: „14. AUGUST“ Vor ihm eine Reihe von wartenden Familienangehörigen und Firmenfahrern mit Namensschildern, die Marc mit freundlicher Neugier anstarren. Taxifahrer drängeln sich zu ihm vor und bieten ihm auf Pidgin-Englisch ihre Dienste an. Der hämmernde Lärm kommt von einem einsamen Arbeiter mit Presslufthammer. Hinter den Leuten bremst ein weißer Familienvan, ein stämmiger, blauäugiger Glatzkopf in Marcs Alter (der FRANZOSE) steigt aus und ruft Marc etwas zu. Marc steht stoisch da und hört ihn gar nicht. Der Mann mit dem Presslufthammer legt eine Pause ein, als zwei andere Arbeiter die Baustelle mit einem Warnschild sichern. Plötzlich hört man die Vögel zwitschern. Marc lässt sich erst aus seinen Gedanken reißen, als der Franzose seine Frage zum dritten Mal wiederholt: FRANZOSE: Marc Tränker aus Deutschland? MARC: Ich glaub ja. FRANZOSE: Okay. Komm, komm. Er schiebt Marc ungeduldig in den Wagen.

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Drehbuch des Jahres

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I/E. AUTO, STRASSEN VON CALI – TAG

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Der heillose Verkehr einer zehnspurigen Umgehungsstraße. Der Franzose, am Steuer des weißen Familienvans, redet ohne Punkt und Komma auf Marc ein. FRANZOSE: ... Kolumbien hat seit quasi vierzig Jahren Bürgerkrieg. Revolutionäre, Konterrevolutionäre, Drogenmafia, Entführungen, Mord und Totschlag. Siehst du die Nummernwesten bei den Motorradfahrern? Weil die Sicarios so gerne mit dem Motorrad kommen. Ändern aber auch nichts, die Nummern. Totmachen ist so normal wie bei euch Sauerkraut. Musst nicht mal volljährig sein. Eigentlich ein Fall für die Blauhelme. Aber das verbietet ja der Nationalstolz. Marc schaut vom Beifahrersitz aus dem Fenster, mit der demonstrativen Ruhe dessen, der gerade zu viel wahrzunehmen hat, um sich ein Urteil zu bilden. Die Motorradfahrer tragen tatsächlich alle große Nummern auf Westen und Helmen. Menschen verschiedener Hautfarben, Verkäufer mit Handkarren, die Handykarten anbieten. Daneben Einkaufszentren und Bürohäuser wie zu Hause. Ein paar Soldaten auf der Ladefläche eines Pickuptrucks winken mit ihren MPs zwei Mädchen am Straßenrand zu. 6

I/E. AUTO, WOHNGEBIET OREJUELAS – TAG

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Der Franzose kurvt viel zu schnell durch ein ordentliches Wohnviertel. Reihenhäuser. FRANZOSE: Bist du Christ? MARC: (etwas überrascht) Ich ... naja ... Er bremst abrupt, springt aus dem Wagen und lässt Marc alleine auf dem Beifahrersitz zurück, während der Motor weiterläuft. FRANZOSE: Das einzig Gute hier sind die Vermieter. Menschen mit Werten. Marc starrt auf das Haus. Das Haus und die ganze Gegend sehen gar nicht viel anders aus als sein Zuhause in Frankfurt. Etwas tropischere Vegetation im Vorgarten. Der Franzose zerrt Marcs Seesack aus dem Kofferraum. 7

INT. HAUS FAM. OREJUELA, MARCS ZIMMER – TAG

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Marc stolpert in ein kleines Zimmer und stellt seinen Seesack auf den Boden. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Schrank. In einer Ecke noch ein Putzeimer und eine Flasche „Ajax“.

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Marc setzt sich auf das Bett und starrt auf das Putzmittel. Er will seine Fußballschuhe ausziehen. Da platzt der Franzose herein. Er zerrt seine riesige rote Reisetasche unter dem Bett hervor. FRANZOSE: Morgen früh bin ich wieder in Paris. Dann werd ich neu geboren. Komm! 8

EXT. HAUS OREJUELA, BRAVES WOHNGEBIET CALI – TAG

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Der Franzose stürmt mit Marc im Schlepptau aus der Haustüre. Ihnen kommt eine rundliche Frau um die 50 entgegen (SEÑORA OREJUELA), Einkaufstaschen in der Hand. FRANZOSE: Gott sei mit Ihnen, Señora! Das ist mein Nachfolger, ich muss ihm noch den Weg in die Klinik zeigen. SEÑORA OREJUELA: Doktor .... Gott sei mit Ihnen, Doktor. Marc will sie begrüßen, aber der Franzose zerrt ihn weiter. 9

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I/E. AUTO, CALLE 1 – TAG

Der Franzose fährt das Seitenfenster hoch, beschleunigt und rast über eine rote Ampel. Marc hält sich fest. MARC: Doktor? Ich dachte, du bist auch Student. Der Franzose zuckt mit den Schultern und deutet auf ein grün durchwuchertes Viertel aus einfachen Hütten und verwinkelten Gassen, das sich einen Berghang zu ihrer Linken hinaufzieht. FRANZOSE: Siloé. Das Schlimmste überhaupt. Hier nie anhalten. Scheiße. Vor ihnen stauen sich die Autos. Der Franzose muss stoppen, seinen Worten zum Hohn. Er blickt nervös um sich, ob sich auch niemand dem Auto nähert. FRANZOSE: Hier kriegst du verdammt schnell mal ne Kugel in die Hirnrinde. Marc inspiziert interessiert das gefährliche Siloé. Ein Stück entfernt spielen ein paar Jungs Fußball. An eine halbüberwachsene Mauer hat jemand mit weißer Farbe gepinselt: „Ich liebe Siloé. Und Sie?“ Der Franzose drückt auf die Hupe, als würde so der Stau in Gang kommen. Marc beobachtet eine braungebrannte, drahtige Frau mittleren Alters (WANDA), die umringt von einer Kinderschar vor einem Kiosk am Straßenrand hockt. Die Kinder versuchen sie zum Aufstehen zu bewegen. Aber sie ist offensichtlich sturzbetrunken. Andere Kinder stehen daneben und schlecken Eis. Der Franzose wirft Marc einen Seitenblick zu wie ein Leichenwagenfahrer auf seine Fracht. FRANZOSE: Warum machst du dein praktisches Jahr gerade hier? Selbstmordgedanken?

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Drehbuch des Jahres

Marc blickt ihn an und nimmt sich, statt zu antworten, ein Kaugummipäckchen, das neben dem vollen Aschenbecher liegt. Er hält inne. In dem Päckchen sind keine Kaugummis. Ein weißes Pulver rieselt heraus. Marc blickt zwischen dem Pulver und dem Franzosen hin und her. Der Franzose braucht einen Moment, bevor er sieht, was Marc da entdeckt hat. Er reißt Marc das Päckchen aus der Hand. FRANZOSE: Das hier ... Damit wollen sie uns wahnsinnig machen. Er schleudert das Päckchen in hohem Bogen aus dem Fenster. Wie ein Fernsehprediger in moralischer Extase. FRANZOSE: Ich hab das hinter mir. Aus. Er atmet heftig. Marc bemerkt auf seinen Nasenflügeln den Überrest eines feinen weißen Randes, wie Mehl auf einem Bauernbrot. Der Franzose sieht Marcs Blick und wischt sich mit der Hand über die Nase. FRANZOSE: Also, warum bist du hier? Marc reibt verwundert einen kleinen Rest von dem Pulver zwischen seinen Fingern und versucht zu ergründen, was in dem Mann vorgeht. Er grinst den Franzosen an. MARC: Cali. Hauptstadt der Rumba. Schöne Mädchen, du weißt schon ... Der Franzose schnaubt. FRANZOSE: Klar. Ein junger Mensch will was sehen von der Welt. Aber ich sag dir was. Das ist vorbei! Ich habe etwas verstanden hier. Ich habe sehr viel verstanden. Marc starrt ihn an. Die Betrunkene draußen rappelt sich auf, stützt sich an der Wand ab und gewinnt ihre Würde zurück. Einen Augenblick scheinen ihre Augen Marc anzustarren. Intensive, schwarze Augen. Marcs Blick bleibt an ihr hängen, bis das Auto wieder in Bewegung kommt. 10

EXT. HUV (UNI-KRANKENHAUS), EINGANG – TAG

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Marc tritt durch eine Toreinfahrt mit einem Schild Hospital Universitario del Valle. Hinter Marc wendet der Franzose den weißen Van, er lehnt sich noch aus dem Fenster. FRANZOSE: Sprich mit den Vermietern. Sie haben mir den Weg gezeigt! Gott sei mit dir, Bruder! Marc blickt sich nach ihm um, als er wegfährt. Marc überquert den ungepflasterten Platz vor dem Krankenhaus und bahnt sich den Weg durch eine Schlange von wartenden Menschen.

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Sie lassen ihn vorbei und starren ihn an. Gegenüber der Schlange sind kleine Verkaufsstände mit Süßigkeiten und Früchten aufgebaut. Am Eingang des Krankenhauses versperren zwei SECURITY GUARDS Marc den Weg. Sie tragen Pumpguns. Marc zieht mit gewissem Respekt einen Brief aus der Tasche. MARC: Ich soll hier mein Praktisches Jahr ...

Der eine Soldat nimmt misstrauisch den Brief in die Hand. Nach einem Moment gibt er ihn weiter an seinen Kollegen. Marc wartet. Krankenwagen fahren an ihm vorbei auf das stacheldrahtumgrenzte Gelände. Da taucht ein energischer Mittfünfziger mit Bart in Arztkleidung auf und nimmt dem Sicherheitsmann den Brief aus der Hand. Der OBERARZT. OBERARZT: Sie sind der Medizinstudent aus Deutschland? Marc nickt erleichtert. OBERARZT: Wie sagt man bei Ihnen: Heil Hitler! Marc schneidet eine Schmerzensgrimasse. Der Oberarzt bricht in Lachen aus.

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... Fortsetzung in

Scenario 1


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