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NEUE Nr. 30

ZEITUNG

Informationen des Ostdeutschen Heimatmuseums (OHM)

8. Jahrg. 2009

Eine Gemäldegalerie, die sich sehen lassen kann Aus dem Inhalt NZ aktuell S. 2 OHM Fürsorge und Sicherheit Zeitgeschichte S. 3 Das war die DDR – Unrechtsstaat im Dienst der SED Siedlungsgebiet Osteuropa S. 4 Die deutschen Auswanderer in Rußland Persönlichkeiten S. 5 Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger OHM S. 6 Valentins-Empfang Blickfang: Das Ostlandfenster Sonderausstellung S. 7 „Die Hugenotten in Brandenburg-Preußen“ Geschichte S. 8 Der Erste Weltkrieg in den Deutschen Kolonien Historische Bauten S. 9 Die Garnisonskirche zu Potsdam Termine S. 10 Landsmannschaften und Freundeskreise Kulinaria S. 11 Aus der „Zille-Zeit“: Graupensuppe mit Backpflaumen Denkwürdige Ereignisse S. 12 Die Revolution von 1918/1919

Das Museum zeigt damit eine Bildergalerie, die in unserer Region in Vielfalt und historischer Ausstrahlung ihres Gleichen sucht. ► Dazu gehört auch „Das Flötenkonzert von Sanssouci“ - Gemälde von Adolph von Menzel (* Breslau 1815 - † Berlin 1905) - zu sehen als Replik ebenso in der Abteilung „Preußen“ des OHM, hier ein Ausschnitt des gezeigten Werkes. .

Mit der Übereignung des berühmten Großgemäldes nebenberuflich Schlesier“ - eine Idee: Nienburg brauct „Schlacht bei Königgrätz“ von Carl Röchling (s. unten - Öl ein Museum für die Heimat im Osten. Kurzer Hand auf Leinwand) präsentiert das OHM nunmehr über 50 bekaufte er das gerade verfügbare historische Traufendeutende Gemälde und Stiche, aber auch Nachschöpfungen haus in der Weserstraße und zusammen mit Dieter durch Künstlerhand von im Zweiten Weltkrieg vernichteten Lonchant, seit Jahrzehnten der Geschichte und Kultur oder entwendeten bedeutenden Werken. der Vertreibungs- und Siedlungsgebiete der Deutschen verbunden, ging es an die Arbeit. Nach Gründung des Trägervereins öffnete im Herbst 1996 das „Ostdeutsche Heimatmuseum“ (OHM). Nach 10 Jahren ist die anfängliche „Heimatstube“ nun zum öffentlich anerkannten historischen Museum gewachsen, das zugleich als Zentrum grenzüberschreitender Kulturarbeit weithin Anerkennung findet. In über drei Geschossen präsentieren sich Hinterpommern, Ostbrandenburg/Preußen, Ost-West-preußen, Danzig, Schlesien sowie das Sudetenland mit den Siedlungsgebiete von Deutschen in Osteuropa, Asien und Übersee. Trotz beengtem Raum werden vielfältigste Exponate aus Geschichte und Kultur gezeigt, darunter Volkstrachten, Uniformen, Dokumente, Bilder, Landkarten, Porzellane, sowie Glas- und Handwerkskunst. Vorträge und Kulturveranstaltungen ergänzen das Angebot. ▲ Carl Röchling (Saarbrücken 1855 - † Berlin1920) widmete sich insbes. in Niedersachsen entsteht Tage militärischenEinmalig und militärhistorischen Themen, wie dieser hier beim Gemälde „Schlacht bei Königgrätz“, das die NZ im Ausschnitt vorstellt.


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NEUE ZEITUNG

8. Jahrg. 2009/30

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+ NZ aktuell +++ NZ aktuell +++ NZ aktuell + +++ OHM jetzt behindertengerecht Sicherheit für innen und außen Das OHM hat bedeutend investiert: RollstuhlfahrerRampe am Eingang, behindertengerechte Toilette, elektronische Warnanlage im Foyer, 8 Feuerlöscher verteilt auf beide Etagen, Riegelgesicherte Eingangstür, verplankte Fenster der Ausstellungsräume im EG und OG und Vergitterung der Nebenraum-Fenster.

▲ Unter Leitung von Vorstandsmitglied Albin Broszeit wurden jetzt die rückwärtigen Fenster durch Gitter gesichert. Großzügiger Sponsor: OHM-Mitglied Rainer Hagemann.


8. Jahrg. 2010/30

NEUE ZEITUNG

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Zeitgeschichte Im Herbst dieses Jahres jährt sich zum zwanzigsten Mal der Tag der Wiedervereinigung und damit zugleich des Zusammenbruchs der DDR. Um die jetzt von interessierter Seite betriebene schönende Verklärung des Lebens im „Arbeiter- und Bauernstaat“ zu entzaubern, veröffentlicht die NZ in den nächsten Ausgaben in einer Serie objektive Einblicke in die Wirklichkeit des kommunistischen Unrechsstaates.

Das war die DDR Folge 3: ▲ Gießkanne zur Überwachung verdächtiger Personen auf Friedhöfen - insbesondere bei Menschenansammlungen zu Beerdigungen.

Die als „Stasi“ im Volksmund bezeichnete allmächtige politische Geheimpolizei der DDR wurde auf sowjetisches Geheiß bereits Ende 1945 ins Leben gerufen mit dem Ziel, politische Gegner auszuspähen und in staatliches Gewahrsam zu verbringen. Dabei bedienten sich die Kommunisten zermürbender Verhörmethoden bei unmenschlichen Haftbedingungen mit Folter, oft mit Todesfolge. Ab 1950 wurden alle Maßnahmen vom „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS) gesteuert, das sich flächendeckend tausender hauptamtlicher und „Inoffizieller“ Mitarbeiter bediente. In der gegen den Westen gerichteten „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA) wurden neben Spionage, Sabotage, Personenüberwachung und Menschenraub bis hin zum Mord betrieben. Letzter „Chefspion“ des SED-Staates war bis zu seinem Tod (2006) der regimetreue Markus Wolf, der 30 Jahre unerkannt den DDR-Auslandsgeheimdienst geführt hatte.

„Der Staatssicherheitsdienst (SSD)“

▲ „Passkontrollhelfer“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)


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Jugend-Seminar

Quelle: Schulmuseum Leipzig Ausgewählt von Schülerinnen und Schülern der Pestalozzi-Mittelschule Hartha

▲ Landrat Heinrich Eggers (Landkreis Nienburg / Weser) überbrachte Grüße von Kreisverwaltung und Kreistag. Er unterstrich die Bedeutung der OHMSonderausstellung und des Jugend-Seminars als Baustein zur Festigung der Demokratie, deren Bedrohung durch von „rechts“ wie von „links“ entgegengewirkt werden müsse. Das OHM schließe mit seinem gegen das Unrechtssystem DDR gerichteten Engagement eine bestehende Lücke in der Abwehr radikaler Kräfte.

► Von Schülerinnen und Schülern des Jugend-Seminars gestalstaltete Vitrine der OHM-Sonderausstellung“. Gezeigt werden schulische Unterrichtsmaterialien, Sportler-Ehrenurkunden, Freizeit- und Geduldsspiele, Kinderbücher Jugendzeitschriften sowie eine Auswahl von Militärliteratur und Kriegsspielzeug, das in der DDR reichlich zu erhalten war.

Sept. 2009

Heimatkunde Klasse 3 „Schulunterricht

in der DDR“ Meldung eines Schülers: „Pioniere Achtung! – Frau Neumann, ich melde, die Klasse 3 b ist zum Unterricht bereit.“ Lehrerin: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ – Schüler: „Immer bereit!“ Lehrerin: „Setzt euch! Kinder ich habe euch etwas Schönes mitgebracht. Norbert, komm nach vorn, du darfst einmal darauf spielen.“ Norbert schlägt auf die Trommel. „Was ist das für ein Instrument und wozu brauchen wir es?“ Norbert: „Zum Marschieren“. Lehrerin: „Was brauchen wir außerdem zum Marschieren?“ (Hat erwartet: Fanfaren, Trompeten, Pauken). Norbert schweigt und blickt nach unten. Lehrerin verärgert und mustert ihn: „Schämst du dich denn gar nicht? Das ist doch das letzte, wie du hier rumläufst. Du bist doch eigentlich ein fleißiger Pionier“. Norbert (verlegen): „Der Nicki war im Westpaket. Den hat meine Oma geschickt“. Lehrerin (später): Ich habe euch noch etwas mitgebracht. Was ist denn das?“ Norbert: „Das ist ein rotes Halstuch für die Thälmannpioniere.“ Lehrerin: „Das ist richtig. Ihr müsst wissen: Bevor ihr am Pioniergeburtstag im Dezember als Thälmannpioniere aufgenommen werdet, gelobt ihr nach den Gesetzen der Thälmannpioniere zu leben und Ernst Thälmann nachzueifern.“ (Text redaktionell leicht gekürzt)


8. Jahrg. 2009/30

Neue Zeitung

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Persönlichkeiten

Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger * 6. 4. 1904 Schwäbisch-Ebingen † 9. 3. 1988 Tübingen Lebensweg: 1925–31 Studium der Geschichte, Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaften – 1932 Heirat, zwei Kinder - 1940-45 Tätigkeit im Reichsaußenministerium - 1948 Rechtsanwalt – 1949–58 Mitglied des Bundestages – 1958–66 Ministerpräsident von Baden-Württemberg – 1966–69 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – 1969-80 erneut im Bundestag. Der CDU-Politiker Kurt-Georg Kiesinger führte als Bundeskanzler in den Jahren 1966-1969 die erste Große Koalition der Bundesrepublik. In seiner dreijährigen Amtszeit überwandt der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg mit Hilfe seiner Minister Franz-Josef Strauß und Karl Schiller die wirtschaftliche Rezession und sanierte die Staatsfinanzen. Nach dem Scheitern der CDU/FDP-Regierung (1966) berief die CDU/CSU den redegewandten, als „König Silberzunge“ bekannten Schwaben in Nachfolge des glücklosen Kanzlers Ludwig Erhard zurück nach Bonn. Als Bundeskanzler wandte er sich gegen die Studentenrevolten der „68er-Generation“ und setzte die „Notstandsgesetze“ zur Abwehr der

inneren und äußeren Notstände durch. Mit der Bildung einer Koalitionsregierung zwischen SPD und FDP verlor Kiesinger sein Amt als Bundeskanzler und wurde 1969 von Willy Brandt (SPD) abgelöst.

▲ In memoriam: Großveranstaltung in Berlin (Foto v. l.): Abgeordneter Dieter Lonchant, Parlamentspräsident Peter Lorenz und Bundeskanzler Kiesinger.


Jugend-Seminar

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Sept. 2009

Gedenkstätte Deutsche Teilung Denise Siekmeier Max Schlorff Realschule Nienburg

▲ Projektleiter Roland Taffel (Mittelschule Hartha) und Schüler seiner Arbeitsgruppe bei der Sichtung des aus Hartha mitgebrachten Materials zur Gestaltung einer Vitrine der OHM-Sonderausstellung „Das war die DDR – Unrechtsstaat im Dienst der SED“.

► Die ehem. Grenzkontrollstelle Marienborn ist heute Gedenkstätte. Millionen von Reisenden in die DDR oder Rückfahrer in den Westen – insbesondere die Transitfahrer im Berlinverkehr - haben sie noch heute in wenig angenehmer Erinnerung, wusste man doch nie, ob oder ggf. welche Schikanen sich die „Paßkontrollkräfte“ der DDR ausdenken würden, um ihre Allmacht zu beweisen. Heute bieten die zur Erinnerung erhaltenen Grenzanlagen ein vergleichsweise friedliches Bild.

Auf dem Programm des Jugend-Seminars stand am 17. September ein Besuch der ehemaligen Grenzkontrollstelle Marienborn bei Helmstedt, heute „Gedenkstätte Deutsche Teilung“. Wir wußten nur, daß es sich hierbei um einen einstigen Grenzübergang handelte. Nach der Ankunft wurde uns zunächst etwas über die ursprüngliche Größe der Grenzanlage Marienborn mitgeteilt. Man kam sich hier richtig klein vor, so riesig ist das Areal immer noch. Vor dem Gebäude der Passkontrolle stellten wir uns auf und erfuhren, wie die Kontrollen draußen im Auto und drinnen im Gebäude abliefen. Von außen konnte man nicht ins Gebäude sehen. So war es auch nicht möglich zu erkennen, warum die Kontrolle mal schnell oder langsam ablief. Wir erfuhren, dass die Passkontrolle dazu diente, unerwünschten Personen die Ein- bzw. Ausreise zu verbieten. Die Kontrollen dauerten besonders lange, wenn zwischen den beiden deutschen Staaten die „Großwetterlage“ schlecht war. Zur Führung gehörte auch die Besichtigung der Kontrollgarage. Hier wurden alle Fahrzeuge gründlich durchsucht, wenn der Verdacht auf Schmuggel oder Fluchtversuch bestand. Wurden die Fahrzeuge dabei auseinander genommen, mussten die Eigentümer diese selbst wieder zusammensetzen oder die Arbeiten bezahlen. Wir erfuhren, dass selbst Kranken- und Leichenwagen durchsucht wurden, um eine Flucht zu verhindern. Noch auf der Rückfahrt nach Nienburg hatten einige von uns ein mulmiges Gefühl.


Sept. 2009

Jugend-Seminar

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Der politisierte Alltag „Kinder kriegen“ genoß in der DDR viel Förderung, denn die Führung hatte erkannt, wie schief die Alterspyramide war. Kinder im kommunistischen Geist erzogen, waren aber auch für die SED Garanten, für eine gesicherte sozialistische Zukunft.

Leo Warner Freier Journalist

Junge Ehepaare hatten einen Anspruch auf ein zinsloses Ehedarlehen von 5.000 Mark. Mit jedem Kind, das sie bekamen, reduzierte sich die Rückzahlungsverpflichtung. Mit dem dritten Kind war der Kredit schließlich „abgekindert“. In den gut 13.000 Kindergärten der DDR, der ersten Stufe des Bildungssystems, sollte spielend gelernt und zum guten Bürger der DDR erzogen werden. Der 1950 eingeführte „Tag des Kindes“ diente deshalb nicht nur der Freude der Kleinen. Er wurde zum „Sozialistischen Ehrentag“ entwickelt, an dem man u. a. zugleich auch „verdiente“ Kindergärtnerinnen und Pionierleiter auszeichnete. Höhepunkte waren „Pioniernachmittage“, bei denen den Jungpionieren erstmals das blaue Halstuch mit dem speziellen Pionierknoten angelegt wurde. Die älteren Kinder, „ThälmannPioniere“ genannt, trugen rote Halstücher. Mit dem 14. Lebensjahr ging man zur FDJ. Ab 1972 waren bis zu 96 Prozent der Schüler Mitglied bei der FDJ. Die Jugendweihe ist keine Erfindung der DDR. Die Kommunisten benutzten das freidenkerisch-atheistische Fest allerdings seit 1954 zum Machtkampf gegen die Kirchen. „Jugendweihe statt Konfirmation oder Firmung“ lautete der Schlachtruf. Die SED-Agitation bewirkte, dass alljährlich Hunderttausende junger Menschen den Kirchen den Rücken kehrten und ein Gelöbnis auf den Kommunismus ablegten. Dem Wort „Solidarität“ begegnete man im DDR-Alltag häufig. Aber es ging nicht nur um Hilfen für die sozialistischen Brudervölker in Vietnam, Chile und Nicaragua. Anfangs ging auch um unbezahlte, später um entlohnte Freizeit-Arbeitseinsätze vor Ort. Im DDR-Sprachgebrauch nannte man die unfreiwilligen Einsätze zunächst „Sobbotnik“. Das Wort stammt her vom russischen „Sobbota“, was mit „Sonnabend“ zu übersetzen ist. So trommelten die Funktionäre immer dann zum Sobbotnik, wenn Unzulänglichkeiten in Betrieb und Umwelt auszubügeln waren. Es galt Grünanlagen zu pflegen oder Klassenzimmer zu streichen. Zum Löten am Produktionsband, ja selbst zu Gleisarbeiten im Zug des „Nationalen Aufbauwerkes“ wurde gerufen. Das Erscheinen war Pflicht. Als braver DDR-Bürger hatte man sich in das Unabwendbare zu fügen, das in der Bevölkerung als „freiwilliger Zwang“ bezeichnet wurde. Das Beste waren die Bratwürste auf dem Grill und das Bier hinterher. ◄ Projektleiterin Eva-Maria Wichmann (Realschule Nienburg) arbeitet mit Schülerinnen und Schülern am Leit-Thema des Seminars: „Das war die DDR – Unrechtsstaat im Dienst der SED“.


Jugend-Seminar

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Sept. 2009

Bewaffnete Organe Jasmin Seidel Florian Suhrmann Pestalozzi-Mittelschule Hartha

▲ MA Carsten Reuß, stellv. Leiter des Preußenmuseums NRW (Minden) beim Vortrag vor dem OHM-Jugend-Seminar. Thema: „Die DDR und die deutsche Geschichte“.

▲ Aus der OHM-Sonderausstellung: Soldat der Luftlandetruppen der NVA (r.) und ein Bausoldat. Das war ein Wehrpflichtiger, der z.B. aus religiösen Gründen den Waffendienst verweigert hatte. Er mußte in Sonder-Einheiten dienen. (Schulterklappe: Spaten).

Zu den „Bewaffneten Organen“ der DDR zählten die Truppen der Nationalen Volksarmee (NVA) genauso wie die Grenztruppen, die Volkspolizei, die bewaffneten Kräfte der Zollverwaltung und die zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gehörenden Gliederungen. Die von der Sowjetunion unterstützte - zunächst als Freiwilligenarmee konzipierte - Gründung der NVA erfolgte am 18. Januar 1956. Sie war im Aufbau der Sowjetarmee angeglichen. Die Ereignisse beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953 nutzte die DDRFührung, um 1962 die allgemeine Wehrpflicht durchzusetzen und in der Folgezeit bis zu 170.000 Soldaten unter Waffen zu bringen. Alle Führungskräfte waren Mitglied der SED. Als Mitglied im „Warschauer Pakt“ wurde die NVA einige Male in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt: z.B. Kubakrise 1962, sowj. Einmarsch in die CSSR und die Zeit der Wende. Zum aktiven Einsatz kamen die Truppen nicht. Bis zur Auflösung der NVA 1990 hatten ca. 2,5 Mio. DDR-Bürger ihren 18-monatigen Wehrdienst geleistet, was notwendig war, um bestimmte Berufe erlernen oder einen Studienplatz erhalten zu können. Wehrdienstverweigerung gab es nicht. Auf Druck der Kirchen wurde später eine Verweigerung des Dienstes mit der Waffe möglich. Der Militärdienst mußte trotzdem abgeleistet werden. Die Wehrpflichtigen mussten als Bausoldaten („Spatensoldaten“) dienen. Sie galten als Drückeberger und hatten Schwierigkeiten im späteren Berufsleben zu erwarten. 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit gegründet. Der geheime Nachrichtendienst der DDR verfügte über weitreichende Befugnisse und sorgte für eine flächendeckende Überwachung der Bevölkerung. Das MfS war auch für die Auslandsspionage zuständig. Die „Stasi“ war ein Werkzeug der SED und sicherte ihren Machterhalt. Sie galt als Schild und Schwert der Partei. Neben den hauptamtlichen gab es eine Vielzahl „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM), zu denen jeder Bürger gehören konnte. Seine auf Bespitzelung beruhenden Informationen wurden in Akten geführt, was zu Überwachung und Repressalien führen konnte. Wer einen Ausreiseantrag stellte, wurde besonders beobachtet. Eine wesentliche Rolle spielte die Stasi bei der Aufdeckung von Fluchtversuchen.


Sept. 2009

Jugend-Seminar

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Mauer und Stacheldraht Kaum ein anderes Bauwerk symbolisierte die Teilung Europas in zwei Machtblöcke, den sog. „Eisernen Vorhang“ Preußenmuseum NRW deutlicher als die innerdeutsche Grenze zwischen 1961 und 1989. Der Ausbau dieser Grenze zur nahezu unüberwindlichen Sperranlage vollzog sich in mehreren Etappen. Er war die unmittelbare Folge der Verschärfung der politischen Spannungen zwischen den Großmächten USA und UdSSR in den 1950er / 1960er Jahren. Die anhaltende Fluchtwelle und die Abwanderung von Fachkräften aus der Industrie, Forschung und Landwirtschaft, die durch staatliche Repressionen oder mangelnde persönliche Entwicklungsperspektive die DDR verließen (bis 1961 über 2,5 Millionen), führte am 13. August 1961 zur hermetischen Abriegelung der Grenze mit militärischen Mitteln. Sie vollzog sich mit Billigung der UdSSR und wurde von den Westmächten als Maßnahme zur Erhaltung des „status quo“ an der Schnittstelle der Machtblöcke letztlich hingenommen und akzeptiert. Langwierige Verhandlungen ermöglichten 1963 das 1. Passierscheinabkommen, das WestBerlinern den Verwandtenbesuch in Ost-Berlin erlaubte. Weitere Vereinbarungen folgten. So wurde Rentnern aus der DDR der Besuch der Bundesrepublik gestattet. 1972 / 1973 schloß man den „Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen BRD und DDR“ ( Grundlagenvertrag). Anderen Bürgern der DDR blieb bis auf geringe Ausnahmen weiterhin die Möglichkeit zu Reisen in die Bundesrepublik oder West-Europa versagt. Verzweifelte Versuche, selbst unter Lebensgefahr die DDR dennoch in Richtung Westen zu verlassen, erfolgten bis 1989. Das Grenzsystem der DDR erfasste neben der innerdeutschen Grenze mit gestaffelten kilometerlangen Drahtzäunen und geländespezifischen Sperranlagen, einschließlich den Bereich um West-Berlin, ebenso die Küstenregionen an der Ostsee. Die Grenzgebiete zu den „Sozialistischen Bruderländern“ Polen und der ehem. Tschechoslowakei wurden ebenfalls streng überwacht, jedoch nicht nachhaltig mit vergleichbaren Sperrsystemen ausgebaut. Zur Grenzsicherung gehörten auch die ca. 1 Million Bodenminen und zeitweise ca. 60.000 Selbstschußapparate. Durch Schusswaffengebrauch verstarben vermutlich bis zu 900 Personen. Für die Grenzüberwachung waren hauptsächlich die Soldaten der Grenztruppen ver-

Carsten Reuß

antwortlich, sowie die sog. Paßkontrollkräfte, die Uniformen der Grenztruppen trugen. ◄ Aus der OHM-Sonderaustellung: WestBerliner Schutzpolizist blickt in den Ostsektor. Tafeln: „Der 17. Juni 1953“ und „Der 13. August 1961“. Die abgebildete Vitrine wurde vom Jugend-Seminar mitgestaltet.


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Sozialistische Planwirtschaft Tina Schaffrin Benny Henzschel Pestalozzi-Mittelschule Hartha

▲ Dr. Chr. Hinckelmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ostpreussischen Landesmuseums (Lüneburg) sprach zum Thema „Zu Besuch in der DDR – eine Interzonenreise“. ▼ Schülerinnen und Schüler des OHMJugend-Seminars präsentierten auf dem Empfang zur Eröffnung der Sonderausstellung vor zahlreichen Ehrengästen ihre während des Seminars gefertigten Arbeiten.

Handel und Versorgung in den 40 Jahren DDR sind auch ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Situation, in der sich die DDR seit ihrer Gründung 1949 befand. Den Westen vor den Augen und die sozialistische Planwirtschaft im Nacken, das konnte mit den Jahren nicht gut gehen. Die HO und der Verband der Konsumgenossenschaften (VdK) betrieben eigene Läden und Warenhäuser, die für die Versorgung der Bevölkerung verantwortlich waren. Ausgehend von den Fünfjahresplänen unterlagen sie einem immensen Druck. Erst 1958 konnte die Rationierung aufgehoben werden. Die Verantwortung für die kritische Versorgungslage trug in erster Linie das politische System. Der Versuch, soziale Gerechtigkeit, Konsum für jedermann und stabile Preise zu erreichen, ging mit rigoroser staatlicher Lenkung der Volkswirtschaft einher. Die verordneten niedrigen Preise für Grundnahrungsmittel, Mieten, Heizung und Sozialleistungen führten zur Überteuerung anderer Produkte. Zugleich erschwerte der Wettbewerb auf dem Weltmarkt die Wirtschaftslage. Devisenmangel belastete den Staatshaushalt. Deswegen gingen ganze Produktionen in den Westen, was jedoch bei der eigenen Bevölkerungen zu Mangelerscheinungen führte. Das brachte die DDR-Wirtschaft in einen Teufelskreis, aus dem die politische Führung keinen Ausweg fand. Bis zum Ende der DDR blieben Versorgungsschwierigkeiten ständiger Begleiter im Alltag. Es war eine sozialistische Konsumkultur entstanden. Das Schlangestehen vor den Geschäften gehörte ebenso dazu wie der Tauschhandel, die Eigenversorgung mit allem, was der Garten hergab und die Verschwendung hochsubventionierter Lebensmittel, wie z.B. Brot, das als Tierfutter billiger war als die Erzeugnisse aus der volkseigenen Futtermittelproduktion.


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NEUE ZEITUNG

8. Jahrg. 2009/30

Denkwürdige Ereignisse Ende Oktober 1918 begann ein Aufstand, der im Deutschen Reich die Monarchie beendete und zur Errichtung einer parlamentarischen Demokratie führte. Ausgehend von meuternden Matrosen erfasste die Revolution insbes. die großen Städte. Erst nach Bildung der Reichsregierung im Februar 1919 wurden die Aufstände beendet. Träger der Revolution waren die nach russischem Vorbild organisierten „Arbeiter– und Soldatenräte“, die Mehrheitssozialisten (SPD), sowie Links-

Die Revolution von 1918 / 1919

▲ Barrikade des kommunistischen „Spartakusbundes“ in Berlin 1919

▲ Die SPD-Partei-Zeitung Vorwärts verkündet die Abdankung des Kaisers

radikale. SPD-Chef Friedrich Ebert wurde Reichskanzler, Philipp Scheidemann 1. Ministerpräsident der neuen Republik. Kaiser Wilhelm II. hatte am 28. 12. 1918 abgedankt und war im holländischen Doorn ins Exil gegangen. Der Führer der Kommunisten, Karl Liebknecht, der ein Zusammengehen mit Ebert ablehnte, hatte seinerseits am 9. November die Gründung einer „Sozialistischen Republik“ ausgerufen. Um dem Chaos Herr zu werden, rief Ebert die noch intakten Verbände der kaiserlichen Armee und rechtsgerichtete Freikorps zu Hilfe, die den Aufstand niederschlugen und damit die Republik retteten. Dadurch wurde am 13. 2. 1919 die Bildung einer demokratischen Reichsregierung ermöglicht.


Neue Zeitung Nr. 30 8. Jahrgang 2009