{' '} {' '}
Limited time offer
SAVE % on your upgrade.

Page 6

Grenzen ermöglichen Leben «Die Bibel öffnet Fenster in die Wirklichkeit des Reiches Gottes.» So begann Ralph Kunz seinen Schnelldurchgang durch das Alte Testament mit Blick auf Inklusion und Exklusion. Letztere ist nicht einfach negativ. Denn Grenzen sind ein Bauprinzip von Gesellschaften und Gemeinschaften. Grenzen vermitteln Orientierung und geben Zugehörigkeit. Die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1 erzählt in dieser positiven Weise von Exklusion, von Unterscheidungen und Grenzen, welche Leben ermöglichen: Tag und Nacht, Land und Wasser. Eine weitere lebensfreundliche Grenzziehung nimmt Gott vor, wenn er Adam und Eva aus dem Paradies ausstösst (1. Mose 3,24). Das ist zwar eine radikale Exklusion, jedoch mit der Absicht, die grundlegende Differenz zwischen Gott und Mensch zu wahren. Der Mensch wird davor geschützt, zu sein wie

Die Ber u«f ung des Einen hat zu m Ziel , ein Segen f ür a l le zu wer den .

»

Gott. Er soll und darf Mensch sein. Etwas theoretisch gesagt: Der Mensch wird vom Gott-Sein exkludiert, damit wahre Inklusion geschehen kann, nämlich die Gemeinschaft von Verschiedenen, von Gott und Mensch. Inklusion ist nämlich nicht Gleichmacherei. Auch das mosaische Gesetz, die Thora (wörtlich: die Weisung) zieht Grenzen: Zwischen rein und unrein, zwischen heilig und unheilig. Diese Grenzen sichern die Ordnung des Bundes zwischen Gott und Menschen und spannen so einen Lebensraum auf, in dem heilvolles Leben möglich ist. Inklusion als Zielvorstellung Inklusion ist in der Bibel eine Zielvorstellung. Gott erwählt den einen Menschen Abram aus der grossen Völkerwelt heraus (1. Mose 12) – man könnte meinen, jetzt beginne ein ganz exklusives Geschehen. Aber die Berufung des Einen hat zum Ziel, ein Segen für alle zu werden. Die zerstreu-

6  THEMA INKLUSION meinTDS 2017 | 23

ten Nationen von 1. Mose 11 (Turmbau zu Babel) sollen wieder inkludiert werden in die Gemeinschaft mit Gott. Eines der endzeitlichen Bilder malt die grosse Völkerwallfahrt zum Berg Zion mit Versöhnung und Frieden, wo alle dazugehören, unter Gottes Weisung leben und ihre Schwerter zu Pflugscharen machen (Jesaja 2,1–5). Weil Gott Inklusion will, wirft er einen engagierten Blick auf Prozesse der Ausgrenzung: Sei es persönlicher Ausschluss im zwischenmenschlichen Bereich, Marginalisierung von ganzen Gruppen oder Stigmatisierung als Produkt struktureller Sünde. Die Geschichte des Auszugs Israels aus Ägypten (2. Mose) erzählt, wie Gott den Sklavenhaufen am Rand der ägyptischen Gesellschaft herausführt, befreit, erwählt, zu einem heiligen Volk macht. Der Bundesschluss am Sinai ist die Inklusion des Volkes Israel in die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott. Diese drückt sich aus in Lob und Klage des Psalmenbuchs, das einen weiten Bogen spannt: Es beginnt mit dem einzelnen Mensch, der auf Gottes Weisung (Thora, Gesetz) hört und als grünender, fruchttragender Baum am lebendigen Wasser gepflanzt ist (Psalm 1). Es endet mit dem Gotteslob der ganzen Schöpfung: «Alles, was Atem hat, lobe den Herrn.» (Psalm 150,6) Für die Menschen ist aber die Grenzziehung, die Gott mit dem Bund und Gesetz vornimmt, eine schwierige Angelegenheit. Israel wird immer wieder ungehorsam und schliesst sich dadurch selber vom Bund aus. Es macht nicht nur die Grunderfahrung von Inklusion am Sinai, sondern auch von Exklusion beim Exil, bei der Deportation nach Babylon. In der prophetischen Botschaft ist die Gerichtsankündigung der Ruf zur Umkehr. Denn Gott bleibt beim Ziel der Inklusion: Er lädt ein zur Rückkehr unter seine Herrschaft nach dem Selbstausschluss. Evangelium als universale Inklusion So tritt Jesus von Nazareth auf mit der frohen Botschaft (Evangelium) des Reiches Gottes. Das ist die universale Inklusion, was sich an den verschiedenen Mahlgeschichten im Lukasevangelium schön zeigen lässt. In Lukas 5,29–39 gibt der Zöllner Levi ein grosses Gastmahl. Als Kollaborateur mit der römischen Besatzungsmacht wird er ausgeschlossen von den Frommen – und Jesus nimmt seine Einladung trotzdem an, entgegen den Bestimmungen der Thora: «Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Umkehr.» (5,32)

Jetzt ist die Zeit der Inklusion, der Umkehr, der Gnade. Die Pharisäer und Schriftgelehrten aber exkludieren sich selber und bleiben dem Fest ferne. Die nächste Mahlszene (Lukas 7,36–50) spielt im Haus eines Pharisäers – und «da war eine Frau, die galt in der Stadt als Sünderin». Aber nicht so bei Jesus! Die Frau nimmt diese inklusive Haltung von Jesus wahr und das setzt die Kraft der Liebe frei. Dann speist Jesus fünftausend Menschen, die selber nichts zu essen hatten (Lukas 9,10–17). Bei Martha zuhause (Lukas 10,38–42) schliesst er Maria in den Kreis derjenigen ein, die Gottes Wort hören und lernen – in einer Gesellschaft, die Frauen vom Studium der Thora ausschloss. Abendmahl als Inklusion in die Gemeinschaft mit Gott Wiederum beim Essen mit einem angesehenen Pharisäer erzählt Jesus Gleichnisse von Gastmählern (Lukas 14). Das Bild von Willy Fries (1881–1965) illustriert, wie Geschundene und Arme, Frauen und Männer verschiedener Hautfarbe aus der Dunkelheit zur lichtvollen Mitte streben: Zum nährenden Mahl, das alle inkludiert – ausser denjenigen, die sich selber exkludieren, dem Gastmahl den Rücken drehen und davongehen. Das Abendmahl (Lukas 22) ist die grosse Einladung zur Versöhnung, zur Inklusion in die Gemeinschaft mit Gott und mit den andern am Tisch. Ein Seitenblick auf Paulus (1. Korinther 11,17–34) zeigt, wie problematisch oder gar schädlich das Abendmahl wird, wenn die Teilnehmenden zertrennt sind und andere ausschliessen; damals in Korinth waren Hungernde neben Vollgefressenen in einem Raum – das Zerrbild eines Mahls der Liebe, Versöhnung und Gemeinschaft. Die Kirche verdankt sich dem inklusiven Prozess, den Gott schon von Anfang an vor Augen hatte und angestossen hat. Ihr Geschäft ist es, den inklusiven Weg von Jesus zu gehen: Ihm nachzufolgen und andere dazu einzuladen. Mit den Worten von Paulus: «Gott hat uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen.» (2. Korinther 5,18) Zugehörigkeiten zu einem Geschlecht (Mann und Frau), zu einer sozialen Gruppe (Sklave und Freier) oder zu einer Ethnie (Jude und Grieche) bleiben wichtig, kommen aber in ein anderes Licht: Entscheidend ist die Weggemeinschaft mit Jesus («Ihr seid alle eins in Christus», Galater 3,28). Inklusion in der Kirche ist eine Frucht des Heiligen Geistes: Die Gemeinde richtet sich im Gebet

Profile for TDS Aarau

meinTDS Jan. 2017  

meinTDS Jan. 2017  

Profile for tdsinform
Advertisement