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© Tarek Alakmeh

ISOLIERT

Um die Palästinenser aus ihrem ursprünglich eigenen Land zu vertreiben setzt die Militärmacht Israel alles daran dies in die Praxis umzusetzen. Schon im Einschulungsalter wird einem Palästinenser der Alltag drastisch erschwert, doch auch Jugendliche und Erwachsene sind von Gewalt und Unterdrückung bedrängt. ๑۩۩๑

Mitte Oktober, als die Olivenbäume reif wurden und die Natur sich für den kommenden Winter zurückzog, erlebte ich meinen ersten Schultag. Ich war damals noch sechs Jahre alt und damit jung und unerfahren in vielen Dingen. Am Tage davor wurde ein Festmahl errichtet und unsere Nachbarn besuchten uns. Meine Eltern gratulierten und sprachen mir Glück zu für mein erstes Jahr, welches ich hauptsächlich ohne Hilfe von Mutter und Vater zu bewältigen hatte. Glücklicherweise wurden früher Schulwegbegleiter engagiert um mit mir und meinen Schulfreunden sicher durch die Strassen laufen zu können. Vor allem eine Begleiterin ist mir im Kopf geblieben. Sie hiess Barkai, musste damals 16 gewesen sein und kam aus Israel. Oft erzählte sie mir lustige Witze und sprach mir Mut für jede Prüfung zu. Auch für Überraschungen war sie immer gut zu haben, vor allem wenn es darum ging die Zeit todzuschlagen welche wir an den Toren von Ramadin verbrachten. Ich wohnte mit meinen Eltern und einigen Geschwistern in diesem Viertel. Es ist bis zum heutigen Tage komplett von den umliegenden palästinensischen Gebieten isoliert, was mich damals im Grundschulalter nicht unbedingt gestört hatte. Barkai war ja immer bei mir und hatte sich um mich gekümmert, so wie eine grosse Schwester. Sie war auch oft zu Besuch bei uns im Hause meiner Familie. Man hatte gar nicht gemerkt dass sie einer anderen Nationalität angehörte, da sie sich prima mit allen Palästinenser aus dem Viertel verstand. Umso stolzer war ich sie als meine grosse Freundin zu haben. Mit dem Alter wurde ich immer intelligenter und da wurde es irgendwann unvermeidbar mit Barkai über ein kritisches Thema zu sprechen, welches meinen Glauben an die gute, schöne Welt innert Sekunden zerstörte. „Barkai, ich habe mal eine Frage, so ganz unter uns.“, begann ich mit etwas errötetem Gesicht. „Dann schiess los, Kamal!“, lächelte sie mich an. „Es gibt doch viele Gesetzte auf der ganzen Welt. Genauso wie sie auch in Israel, beziehungsweise Palästina vorzufinden sind.“, erörterte ich etwas unsicher. „Ja, das ist richtig.“, bestätigte Barkai. „Wieso haben die Israelis dann das Recht über den eigenen sowie den Gesetzten der UNO zu stehen? Sie bebauen Land, das rechtlich gesehen gar nicht ihnen gehört. Sie regieren und kontrollieren Land, in welchem eigentlich nur die palästinensische Polizei etwas zu sagen hat. Wieso sind wir hier in Ramadin eingesperrt? Wieso werfen andere Israelis mit Steinen über die Mauer auf uns?“, fragte ich gespannt. „Kamal… Das ist, wie soll ich sagen. Die Gesetzte und Gebiete sind zwar offiziell so festgelegt und anerkannt aber… Man will keinen neuen Krieg beginnen, es ist eben eine Grauzone…“, antwortete Barkai. „Eine Grauzone? Was bedeutet das? Wäre es denn auch erlaubt, wenn andere Länder ihre Gebiete um ein Vielfaches auf Kosten des Nachbarn ausbreiten? Oder ist es dann auch eine Grauzone?“, fragte ich mit zittriger Stimme.


© Tarek Alakmeh

„Nein Kamal, da hast du Recht. Das wäre nicht möglich. Du musst aber auch beachten, dass Palästina und Israel Konfliktländer sind. Es ist nicht einfach gegen Israel strikte Massnahmen zu ergreifen, da diese in einem schweren Krieg enden und viele Verletzte fordern würden.“, antwortete Barkai. „Ich glaube es nicht. Ich dachte wir wären Freunde!? Den Palästinensern das Land zu enteignen, sie zu töten, einzusperren, jahrhundertealte Kulturen auszurotten, dass ist legitim? Nur weil Israel dem Rest der Welt nicht schadet? Was bringt dann die UNO? Regelungen festlegen, wenn diese aber eindeutig nicht eingehalten werden, nicht reagieren?!“, antwortete ich lautstark. Ich wollte wegrennen, doch ich beherrschte mich und blieb bei Barkai. „Kamal, reg dich doch nicht auf. Die UNO sowie PLO sind ja dran Menschenrechtsverstösse zu dokumentieren und zu beweisen. Das dauert eben eine Weile“, erwiderte Barkai mit traurigem Gesicht. „Seit dem ich lesen kann sehe ich am Basar in den Zeitungen immer dieselben Schlagzeilen. Ehepaar im Auftrag des israelischen Geheimdienstes exekutiert, Duzende Tote auf palästinensischer Seite bei ungerechtfertigtem Raketenabschuss…“, ich musste Schlucken als ich diese Worte zum ersten Mal so wiedergab. Zum ersten Mal tauchte ich aus dieser wunderbaren Scheinwelt auf, in der Barkai vergeblich versucht hatte, mich vor dem Unheil der realen Welt zu verbergen. Tage nach dem Gespräch verliess Barkai unser Viertel. Ich war sehr traurig, als ich es von meiner Mutter erfuhr. Die folgenden Schultage waren nur noch elendig. Stundenlanges Warten vor Toren, die sich meiner Bildung in den Weg stellten. Eine grosse Konsequenz folgte schnell; ich verlor die Lust an der Schule, dem Lernen und dem langen Warten vor dem Tor. Ich war darauf bezogen kein Einzelfall, die meisten Schüler und Schülerinnen verloren mit der Zeit die Motivation und die Kraft jeden Tag bis zu vier Stunden am Tor von Ramadin zu warten. Umso glücklicher war ich, als ich erfuhr, dass ein neues Musikprojekt an unserer Schule gestartet wurde. Ich erlernte binnen weniger Wochen mein Instrument, das Klavier, konzertreif zu beherrschen. Zusammen mit einigen Bläsern und Streichern bildeten wir ein prächtiges Orchester, welches uns nur durch Spendengelder einer Organisation für palästinensische Schulkinder ermöglicht wurde. Wenige Tage nach unserem Hauptauftritt, zu welchem auch eine deutsch-palästinensischer Musiker erschienen war, kam unsere Lehrerin mit ihm ins Gespräch. Er war begeistert von dem musischen Können, welches auf die Beine gestellt wurde und berichtete gleichzeitig davon, wie sich einige Schüler gerade auf einen Musikwettbewerb in Deutschland vorbereiteten. Er fragte damals, ob unser, ja tatsächlich unser Orchester auch am Wettbewerb teilnehmen mochte. Wir waren alle hin und weg. Zusammen mit unseren Instrumenten nach Deutschland reisen und vor der europäischen Gesellschaft spielen, eine grandiose Idee! Mit grosser Freude planten wir zusammen die Reise, die Unterkunft und die gemeinsamen Vorproben in Deutschland. Es war eine phantastische Stimmung innerhalb der Klasse! Auf dem Schulweg und vor dem grossen Tor summten wir uns gegenseitig unsere Instrumentalstimmen vor. Doch so schnell der Traum kam, so schnell verschwand er auch wieder. Wir erhielten ein Schreiben des Präsidenten der zuständigen Musikschule in welchem stand, dass unsere Anmeldung leider nicht akzeptiert werden könne. Als Begründung wurde der Vorwand genommen, dass im Gegenzug mindestens ein israelischer Musikbeitrag zu hören sein müsse, und dies nicht der Fall war. Traurige Gesichter, gezeichnet von einem mühsamen Auf und Ab, und Demotivierung waren die Folge. Zumindest wurde das Musikprojekt nicht komplett gecancelt. Wir hatten noch einige Auftritte in unserem Viertel, das war es dann aber auch schon für den Rest unserer schulischen Karriere in Bezug auf die Musik.


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