Bürgertheater_25_Jahre_Jubiläumsbroschüre

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25 Jahre

B端rgerTheater Ludwigsburg


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen des Bürgertheaters,

1988 war ein entscheidendes Jahr für die Kulturlandschaft Ludwigsburgs. Nicht nur wurde das Forum am Schlosspark eröffnet, im selben Jahr fand sich erstmals eine Gruppe theaterbegeisterter Ludwigsburger Bürgerinnen und Bürger zusammen und präsentierte mit Odyssee ihre erste dramatische Produktion. Gleich zu Beginn seiner Entstehung hat sich das BürgerTheater Ludwigsburg der ganz großen Bühne auch im übertragenen Wortsinn verschrieben. Leidenschaften, Liebe, Abgründe und Grenzen des Menschen waren immer die Grundthemen für Produktionen des BürgerTheaters und wurden in ebenso bildmächtige wie sensible, aufregende und moderne Bühnenereignisse, Theaterspaziergänge und andere Formate übersetzt. Die Projekte des BürgerTheaters in Ludwigsburg können auf eine regelrechte Erfolgsgeschichte zurückblicken. Seit 1996 wurden neben den ebenfalls alle vier Jahre stattfindenden Theaterproduktionen in der Karlskaserne Ludwigsburg unter der Federführung des Fachbereichs Kunst und Kultur und in Zusammenarbeit mit dem Stadtverband der Gesang- und Musikvereine vier große musikalisch-theatralische Projekte im Forum am Schlosspark erarbeitet, die von jeweils über 350 Ludwigs-

burger Bürgerinnen und Bürgern auf hohem künstlerischem Niveau dargestellt wurden. Dabei ist der Projektansatz einzigartig in Baden-Württemberg. Er hat schon lange vor der derzeitigen Prominenz des Themas Bildung, Teilhabe und Integration gezeigt, wie der Mensch in einer Stadtgesellschaft auf hohem kulturellem Niveau selbst tätig werden, seine Wahrnehmung schulen und weiterentwickeln kann und welche Dynamik für die Stadtkultur daraus entsteht. Das BürgerTheater verkörpert mit leuchtendem Symbolcharakter die äußerst produktive Kulturlandschaft in Ludwigsburg weit über die Stadtgrenzen hinaus. Allen Gründungspersönlichkeiten, Mitstreiterinnen und Mitstreitern, Freunden und Freundinnen dieses großartigen Unternehmens gratuliere ich im Namen der Stadt von Herzen zu dem verdienten Erfolg und wünsche noch viele weitere produktive Jahre.

Mit freundlichem Gruß

Werner Spec Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg


weißt Du noch?

Odyssee > 10 >

Lichter der großen Kleinstadt > 22 >

Söldner · Helden · Deserteure > 36 >

DichterHimmel > 50 >

Revolution! > 64 >

Alles Oper · Alles Carmen > 78 >

DenkMal dieser Schiller > 92 >

MARAT! > 104 >

Liebe, Ehre, Drachenblut > 116 >

MUSIKTHEATER


weißt Du noch?

Christine Macco und Rainer Kittel sind von Anfang an im Zentrum des BürgerTheaters:

Theater als Erlebnis und Einladung Zwei von hier, die weggingen, die wiederkamen und blieben: Christine Macco und Rainer Kittel stammen aus dem Ludwigsburg der 1950er-Jahre. Die 60er-, die 70er-Jahre? „Eine Kulturwüste“ im Kasernen- und Industriestädtchen, das sich so gern „Barockstadt“ nannte. Die schwäbische Provinz grenzte „die Langhaarigen“ gerne aus. Kneipen, Kinos, Theaterangebot in Ludwigsburg ließen selbst Stuttgart als attraktive, moderne Stadt erscheinen. Mitte der 70er-Jahre sammelten sich dann im Jugendhaus „Villa 5“ vielerlei Neugierige, Sehnsüchtige, Engagierte. Außer Diskutieren und Kiffen standen Jazz und Theater an. „Brecht, Biermann, Tucholsky“ hieß ein abendfüllendes Programm, das sie auf die Beine stellten – soweit es in Ludwigsburg jemals Vergleichbares gegeben hatte, erinnerte man sich jedenfalls nicht mehr daran. Im brodelnden Berlin studierten die beiden Theaterwissenschaft, freie Theatergruppen waren ein Ideal und auch schon Wirklichkeit. In ei-

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nigen engagierten sich Leute aus Ludwigsburg. Im Kinder- und Jugendtheater „Schwere Schnake“ etwa, im Straßentheater „Narrenspieß“ (Berlin/Ludwigsburg) oder im Tanztheater „Flammenflug“ . Im heruntergekommenen Saal der Cluss-Brauerei machte das „Scala“ auf und brachte vitale, junge, moderne Kultur in die vermeintliche Provinz. Die 80er-Jahre brachten die Spiel- und Theaterwerkstatt (heute Tanz- und Theaterwerkstatt) und auch neue Kneipen, die nicht nur von den Studierenden der Pädagogischen Hochschule besucht wurden. Die Ansprüche an die eigene künsterlische Arbeit waren professionell, die Einkommen nicht. Doch es gab einen bemerkenswerten Berührungspunkt etablierter und neuer Kultur: „Die ganze Szene, wir alle haben bei den Schlossfestspielen gejobbt, sonst hätten wir gar nicht überleben können“, erinnern sich Macco und Kittel. „Wir haben da geschraubt und gemalt, wir haben

aber auch unendlich viel gelernt über Bühnentechnik und Organisation – ohne das wäre alles Weitere gar nicht möglich gewesen.“ Dass die Möglichkeiten erkannt und genutzt wurden, war ebenfalls Ergebnis einer nicht geplanten Berührung der Generationen: Nach erbitterter Diskussion in der Stadt entschied sich der Gemeinderat, anstelle der alten Stadthalle ein großes Veranstaltungszentrum mit zwei Sälen zu bauen. „Palazzo Prozzo“ schimpften viele, die sich alternativ und fortschrittlich empfanden. „Auf den Unterschriftenlisten gegen das Ding finden sich alle unsere Namen“, lacht Kittel. „Forum am Schlosspark“ nannte die große und überwiegend konservative Mehrheit im Gemeinderat das Projekt. Inspiriert von einer aberwitzigen Ausstellung („Metropolen“) in Berlin kam Rainer Kittel in seine Heimatstadt Ludwigsburg, sah die Baustelle an der Stuttgarter Straße und wuss-


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te mit einem Schlag: „Das überlassen wir nicht dieser High-Culture- und Gaffer-Kultur, das nehmen wir in Besitz.“ Mit dem Werkzeug der modernen Theaterwissenschaft und immer mit den großen alten Mythen im Kopf, entstand vor seinem Auge „in Bruchteilen von Sekunden“ der Plan: „Wir spielen da die Odyssee. Wir machen eine Reise durch das Haus, erobern auf diese Weise mit den Menschen der Stadt diese neue Kulturstätte. Schritt für Schritt durch das Haus, da einen Fanfarenzug, da eine Theatergruppe und und und.“ Über Kittels früheren Lehrer Rolf Knoll (SPDMann und entschiedener Befürworter des Forum) ging der Kontakt zur Stadtverwaltung mit dem jungen CDU-Oberbürgermeister Hans-Jochen Henke an der Spitze. Gegen viele anfängliche Widerstände der Alteingesessenen setzte die Idee sich durch, mit Partnern wie Theaterleuten der Pädagogischen Hochschule und Ludwigsburger Gymnasien, mit der Spiel- und Theaterwerkstatt, der Martin-Wüstner-Jazzband, dem Fanfarenzug Markgröningen und dem 1. Tanzclub Ludwigsburg das „Forum am Schlosspark“ zu eröffnen. „Ein Theaterspektakel Ludwigsburger Künstler“ hieß die Odyssee im Untertitel. „Der Begriff ‚BürgerTheater‘ kam auf der Premierenfeier auf“, erinnert sich Rainer Kittel. „Die ganzen Bürger zu sehen und ein Theater mit Bürgern, von Bürgern für Bürger zu machen, da war nach dem riesigen Er-

folg ganz klar, das muss weitergehen – so entstand das BürgerTheater. Das war der selbstbewusste Bürger-Begriff aus der 1848er-Bewegung.“ Idee und künstlerische Leitung der folgenden Projekte waren Rainer Kittels Aufgabe – außer einer Beschäftigung in der städtischen Kunstschule „Labyrinth“ seither sein Beruf. Die Dramaturgie und unendlich viel ergänzende Hintergrundarbeit macht Christine Macco. „Es war aber von Anfang an so, dass wir sehr viele Dinge mit den Gruppen und Künstlern abgestimmt und gemeinsam entwickelt haben“, berichtet sie. „Das war eine andere Arbeitsstruktur als in vielen anderen Kulturprojekten. Wir kamen alle vom Studium, wir wohnten in Wohngemeinschaften, da war Basisdemokratie selbstverständlich.“ Rainer Kittel ergänzt: „Die einzelnen Gruppen hatten immer großes Selbstbestimmungsrecht in ihrem eigenen Teil. Wir haben die Dauer ihres Beitrags vorgegeben, und ich war bei Proben und habe Einfluss auf die Qualität genommen,

aber ansonsten bin ich einfach besessen von dieser Art von eigenverantwortlichem Theater und weiß, dass da gute, tolle Beiträge zusammenkommen.“ Nicht immer haben traditionelle Männergesangsvereine und freie Theatergruppen sich als natürliche Partner empfunden; nur durch Überzeugungsarbeit beschäftigt sich eine radikal moderne Tänzerin mit einem Volkslied als Vorlage für eine neue Choreografie – das BürgerTheater hat viele solcher inneren Grenzen geschleift. „Das kam aus unserem politischen Ansatz von Theaterarbeit, den wir vom Studium mitgebracht hatten“, sagt Christine Macco. „Dieses Sendungsbewusstsein haben wir schon: Theater muss wirken. Und es wirkt nur, wo man es selbst macht“, betont Rainer Kittel. „Es gab mal einen tollen Aufsatz über ‚Die durchschlagende Wirkungslosigkeit Bertolt Brechts‘ - wir haben da einen anderen Weg gesucht und gefunden. Das war unser Basis-Kunst-und-Kultur-Ansatz. Gräben zu überwinden, speziell in einer Kleinstadt, ist da ein zentrales Element. Da will man mitmachen, das ist ein Stück der Stadtgesellschaft – das ist das BürgerTheater.“ Jochen Faber

25 Jahre jünger: Christine Macco und Rainer Kittel 1988 nach der Premiere der Odyssee

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BürgerTheater Ludwigsburg:

Konzeption und Zielsetzung Das BürgerTheater als kulturelles Experiment Kunst- und Kulturschaffende der Region Ludwigsburg, Profis und Amateure, verschiedene Institutionen, Vereine, Gruppen und Einzelkünstler, ‚Etablierte‘ und ‚Alternative‘, Jugendliche und Erwachsene, sind aktiv und kreativ an großen Theaterprojekten beteiligt, was eine spannende und fruchtbare Kommunikation zwischen verschiedenen Institutionen, zwischen Profis und Amateuren, zwischen den Generationen sowie zwischen ‚Etablierten‘ und ‚Alternativen‘ in Gang setzt. Das BürgerTheater als künstlerisches Experiment Durch die Einbettung in das städtische Kunstund Kulturleben entsteht eine völlig neue Qualität künstlerischen Arbeitens: Zum einen ist es möglich, mit sehr anspruchvollen und komplexen Themen und Kunstformen ‚bürgernah‘ zu experimentieren, zum anderen können wir auf lokale thematische und räumliche Gegebenheiten und Besonderheiten eingehen.

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(Auszug)

Künstlerisch arbeitet das BürgerTheater auch mit unkonventionellen und spartenübergreifenden Ausdrucks- und Darstellungsformen und nutzt gelegentlich ungewöhnliche Aufführungsorte mitten in der Stadt. Organisationsstruktur Ein professionelles Theater-Team initiiert und leitet die Produktionen, die Tanz- und Theaterwerkstatt übernimmt alle Arbeiten eines künstlerischen Betriebsbüros. Zu jeder Produktion werden geeignete Künstler und Gruppen, Initiativen und Institutionen gesucht und zur Teilnahme eingeladen. Vor allem die wichtigsten Institutionen des Kunstzentrums Karlskaserne sind fast von Anfang an dabei, beispielsweise die Schauspiel- und Tanzensembles der Kunstschule „Labyrinth“ und der Tanz- und Theaterwerkstatt, sowie Orchester und Chor der JugendMusikSchule. Außerdem waren schon Ensembles der PH Ludwigsburg, diverse Schultheater, das Altentheater Ludwigsburg, diverse traditionelle Musik- und Sportvereine, Migrantengruppen und unzählige professionelle Schauspieler, Sänger und Musiker dabei.

In den Musiktheaterproduktionen im Forum am Schlosspark … … ist das Kernteam des Bürger-Theaters mit seinen Arbeitsstrukturen für Regie, Choreografie und Ausstattung zuständig. Bei diesen Inszenierungen sind 350 bis 450 Personen auf und hinter der Bühne beteiligt, und 7.000 bis 11.000 Zuschauer besuchten die jeweils sechs bis zehn ausverkauften Vorstellungen. Ludwigsburg als Ort des künstlerischen Experiments Das BürgerTheater ist ein Bekenntnis Ludwigsburgs zu eigenen, größeren schöpferischen Unternehmungen, die befruchtend und anregend für das aktive künstlerische Leben in der Stadt sind. Es trägt wesentlich zum kulturellen Ansehen, zur Identität der Stadt und ihrer Bürger bei und ist inzwischen zu einem wichtigen Kulturfaktor geworden. Es verkörpert mit seinem umfassenden Anspruch und seiner Kontinuität ein bisher noch ziemlich einmaliges künstlerisch-kulturelles Experiment.


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Das langjährige Leitungsteam

Fabian Piwonka Mediendesign und Technik

Ute Kabisch Musikalische Leitung

Christine Macco Dramaturgie und Regieassistenz

Rainer Kittel Künstlerische Leitung und Regie

Bettina Gonsiorek Organisationsleitung, Tanz- und Theaterwerkstatt e.V.

Heike Huber Kostüm und Bühne, Ausstattungsleitung

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Des Pudels Kern

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Das scheint ein Naturgesetz zu sein: Sobald neue Ideen sprießen, die auf den ersten Blick nicht in die gesellschaftliche Landschaft passen, wuchern Zweifel und Bedenken. So auch im Frühsommer des Jahres 1987, als in einer kurzen Pressemitteilung die Rede ist von einem neuen BürgerTheater, das mutige Mitstreiter sucht.

native Theaterszene, und das in einer Stadt, die stolz in schlossfestlicher Hochkultur schwelgt, die krawattenlose Kultur der Jazzer und Scala-Leute wie einen vorübergehenden Schnupfen duldet, und noch keine Erfahrungen gesammelt hat mit dem kreativen Sauerteig eines Kunstzentrums auf dem Gelände der Karlskaserne?

BürgerTheater? Wieder so eine demokratische Vision für das Abstellgleis, auf dem gern störende Bürger-Beteiligungen und abgewürgte Bürger-Begehren entsorgt werden. BürgerTheater? Das passt nicht zusammen. Staatstheater, Stadttheater, Landesbühne und – in Gottes Namen – auch noch die Volksbühne – sie alle lassen sich einigermaßen ordentlich in den bürgerlichen Kulturbeutel sortieren. Aber BürgerTheater? Womöglich eine alter-

Öffentliche Zweifel sind Theaterleuten nicht fremd. Die meisten scheitern mit oder an ihren Visionen. Es sei denn, sie sind unerschütterbar von ihrer Idee überzeugt, ein bisschen verrückt, bersten vor Kreativität, sind handwerklich perfekt, ehrgeizig, durchsetzungsfreudig und – vor allem – überzeugend. Viele von diesem Schlage gibt es nicht. Aber einer reicht, um aus der anfangs belächelten Vision BürgerTheater ein einzigartiges, kulturelles Marken-

zeichen für Ludwigsburg zu formen: Regisseur Rainer Kittel, Motor eines hoch motivierten, kreativen Teams, das seit 25 Jahren professionell im Kunstzentrum Karlskaserne wirkt. Ein damals noch nicht so ganz überzeugter Kritikaster hat nach der Premiere der ersten Theaterproduktion Odyssee im März 1988 geschrieben, es sei ein gelungener Abend gewesen, aber man müsse abwarten, ob das BürgerTheater nach der ersten Odyssee zu weiteren neuen Ufern aufbrechen könne. Die Zweifler und Bedenkenträger sind längst mitgerissen von den stürmischen Wogen des Erfolgs. Das BürgerTheater hat in den vergangenen 25 Jahren mit seinen spartenübergreifenden Theaterprojekten thematisch und künstlerisch viel Neuland betreten und mit wachsendem Erfolg eine nach Zehntausenden zählen-

de Publikumsgefolgschaft in seinen Bann gezogen. Sie fiebert alle zwei Jahre einem Überraschungsei entgegen, das in der Karlskaserne ebenso kunstvoll wie listig ausgebrütet wird. Der angekündigte Titel der nächsten Produktion lenkt den Blick des Publikums raffiniert auf vermeintlich vertraute Pfade des bürgerlichen Bildungskanons. Doch was bei der Premiere auf dem Gelände der Karlskaserne, im Forum oder openair in der Stadt dann geboten wird, ist so anders, so spannend, so faszinierend, so witzig und einfühlsam, dass man sich fragt, weshalb es nicht vor grauen Schulzeiten schon möglich war, diese historischen, literarischen und musikalischen Stoffe ebenso unterhaltsam unters Volk zu bringen.


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Bürgerfundament seit 1996 durch Siegfried Bauer, der mit dem Sinfonieorchester der Stadt Ludwigsburg, Sängern aus den Ludwigsburger Chören und Profi-Solisten seit der szenischen Aufführung von Orffs Carmina Burana im Mittelpunkt der großen Musiktheaterproduktionen steht, bei denen Rainer Kittel mit seinem Team Regie führt.

Das Forum am Schlosspark war noch eine Baustelle, als die Theatermacher/innen schon darin arbeiteten.

Was machen die Theaterleute der Karlskaserne anders als andere Bühnen? Um nicht ins seichte Fahrwasser der Laienspielerei zu driften, ist das Ruder dieses Abenteuerseglers fest in der Hand eines eingespielten professionellen Leitungsteams, das zu jeder Produktion ein neues bis zu 200-köpfiges Ensemble aus Profis und Amateuren, Vereinen, Gruppen und Einzelkünstlern, aus Jugendlichen und Erwachsenen zusammenstellt. Diese Mischung macht es, die aus dem riesigen kre-

ativen Reservoir einer ganzen Stadt und Region schöpft und anspornt. Das waren in all den Jahren mehr als 3000 Schauspieler, Sänger, Musiker, Tänzer und Kreative hinter der Bühne. Den idealen Ort für die großen Theaterproduktionen bietet das Kunstzentrum Karlskaserne, wo die Schauspiel- und Tanzensembles der Kunstschule Labyrinth, die Tanz- und Theaterwerkstatt (TTW) und die JugendMusikSchule die kreative Basis bilden. Erweitert wird dieses breite

Es sagt sich so leicht dahin: Das BürgerTheater ist über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Das stimmt. Doch die wirkliche Grenze liegt in diesem Falle weit außerhalb des Heilbronner Torhauses. Zum ersten Male hat das BürgerTheater im Frühjahr 2000 mit großem Gepäck die Landesgrenzen überflogen und in Ludwigsburgs ukrainischer Partnerstadt Jevpatorija eine kleine kulturelle Revolution ausgelöst – mit der stürmisch gefeierten Messias-Aufführung im 90 Jahre alten Puschkin-Theater. Was war geschehen: Die Ludwigsburger Akteure hatten in wenigen Tagen intensiver Probenarbeit mit geschickter Hand Menschen unterschiedlichen Alters aus Jevpatorija in die Produktion eingebun-

den und mit den Deutschen künstlerisch zu einem Ensemble aus einem Guss geformt. So etwas hatte es dort noch nie gegeben: Musiker, Sänger und Tänzer der Krimstadt, die seit Jahren in unterschiedlichen kulturellen Organisationen gearbeitet, aber noch nie zu einem gemeinsamen Projekt zusammengefunden hatten, standen gemeinsam mit einem modernen westlichen Ensemble auf einer Bühne. Ein wahrlich denkwürdiger „Messias“-Abend – auch für ein tief bewegtes Publikum, das in Jahrzehnte langer religiöser Entbehrung nur auf den Kommunismus als den einzigen Heilsbringer hören durfte. Es gibt längst keinen Zweifel mehr: Über Zeit und Grenzen hinweg trifft das BürgerTheater auf besondere Weise des Pudels Kern – die Freude der Menschen an fantastischem Bühnenzauber und ihre Lust am Spiel, das frei macht. Manfred Bornemann war Redaktionsleiter der Stuttgarter Zeitung in Ludwigsburg

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25 Jahre BürgerTheater – ein Märchen

Es war ein Mal vor langer, langer Zeit, im letzten Jahrtausend, da hatten kluge Köpfe eine weitsichtige Idee. Das neue „Forum am Schlosspark“, Kultur-, Kongress- und Bürgerzentrum, sollte nicht von Stars und Sternchen festlich eröffnet werden, sondern Bürger – in diesem Fall mutige Theaterleute aus der Stadt – sollten das prächtige Haus feierlich in Besitz nehmen. Im letzten Jahrtausend also gründeten mutige Bürger eine Theatergruppe, in der (fast) jede (r) mitspielen durfte. Und wie im Märchen verzauberten die Spielleut‘ die Stadt, die Zuschauer, ja – sie verwandelten sich selbst und wurden immer geschickter, sogar schöner und glücklich. Selbst die örtlichen Politiker erkannten diesen Schatz und gaben fleißig Dukaten, die dort sehr gut aufgehoben waren. Bei prunkvollen Inszenierungen – mit einem Sinfonieorchester und Chorscharen! – musste mancher der angesehenen Würdenträger sogar eine Träne verdrücken, ob so viel betörender Schönheit, Gesang, Musik, Tanz und Spiel. Auch die Stadt ließ sich verzaubern, denn das Volk aus Nah und Fern rannte zu den Aufführungen, dass man nur so staunen musste. Und wenn sie nicht gestorben .... - halt! Noch immer lebt das BürgerTheater, kein silbernes Haar noch kahles Haupt ward gesehen, vielmehr: Spieler, Tänzer, Musiker, Artisten und unzählige helfende Hände beleben noch immer die Stadt und das Theater. Dort sitzen im Dunkeln die Bürgerinnen und Bürger und warten darauf, dass ihr BürgerTheater wieder ein Licht entzündet. Heute, morgen und übermorgen!

Vom Forum am Schlosspark zur Musikhalle, von der Musikhalle zur Karlskaserne. Von dort auf den Marktplatz und wieder zurück zur Kaserne und dann – wieder mal – zum Forum am Schlosspark. Die ganze Stadt ist für das BürgerTheater ein riesiger Märchengarten…

Herzlichen Glückwunsch zum fünfundzwanzigsten Geburtstag. Christoph Peichl ehemaliger Künstlerischer Leiter des Forums/ Kulturamt der Stadt Ludwigsburg, Persönlicher Referent des Staatssekretärs Jürgen Walter, MdL Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst

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Wir – das brausende Meer 25 Jahre BürgerTheater in Ludwigsburg. Ich bin richtig stolz auf diese wunderbare Einrichtung in unserer Stadt. Ich gratuliere ganz herzlich dem Erfinder dieser Art des Theaters, Rainer Kittel, und allen, die von Anfang an mitgewirkt haben.

Viel Kritik hagelte es 1988 für das „Forum am Schlosspark“ – nicht nur, dass da kein Schlosspark gegenüber sei und das Ding korrekter Weise „Veranstaltungshalle an der Bärenwiese“ heißen müsse, auch das Äußere des Gebäudes wurde als „mittelmodernes Badezimmer“ verspottet. Wohlwollende Betrachter würdigten, dass die Klinker-Gestaltung auf die vielen Ziegel-Fassaden Bezug nehme, die in Ludwigsburg vor allem Wohnhäuser des späten 19. Jahrhundert und die meisten Kasernen verkleideten. Als erstes Riesenplakat hing das Gemälde zur Odyssee am Neubau und machte die Benutzerinnen und Benutzer der B 27 darauf aufmerksam, was im Gebäude demnächst mit allen Sinnen zu erleben sein würde.

Vor 30 Jahren gab es eine Bürgerbewegung in unsrer Stadt, die sich anstelle der alten Reithalle als Theater- und Festspielsaal einen neuen teuren Neubau nicht vorstellen konnte, und auch nicht, dass Theatersaal und verschiedene Bürgersäle unter einem Dach vereinigt werden sollten. Würde das Geld nicht an anderer Stelle fehlen? Es kam sogar zu einer Bürgerbefragung, bei der die Befürworter des Neubaus eine knappe Mehrheit erhielten. Als dann im März 1988 das neue Forum am Schlosspark eingeweiht wurde, hatte sich schon aufgrund der Initiative von Rainer Kittel das Ludwigsburger BürgerTheater gegründet. Am 27. März 1988 „eroberten“ die verschiedensten Tanz-, Theater- und Musikgruppen von Vereinen und Schulen das neue Gebäude mit der Aufführung der Odyssee.

Das Schönste und für mich bisher Einmalige daran war, dass wir Besucherinnen und Besucher in das Spiel mit einbezogen wurden und wir nicht nur Zuschauerinnen und Zuschauer waren. Schon im Eingangsbereich durften wir als Menschenmenge das brausende Meer bei den Irrfahrten das Odysseus darstellen. Über unsere Köpfe hinweg bewegten sich Boote und Darsteller. Diese spielerische Eroberung aller Räume des neuen Festspielhauses hat mich als ursprüngliche Gegnerin des Neubaus ausgesöhnt und neugierig gemacht, wie es weitergehen würde. Und da bin ich in den vergangenen 25 Jahren nicht enttäuscht worden. Wenn ein BürgerTheater-Projekt abgeschlossen ist, warte ich schon gespannt auf das nächste. Ich wünsche mir und der Stadt Ludwigsburg, dass das BürgerTheater noch lange leben möge. Irmtraud Hertel Zuschauerin der Ersten Stunde

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Menschen erinnern sich zumeist über Bilder – manche haften im Gedächtnis, die meisten werden durch Veröffentlichungen wie dieses Buch weitergegeben. 25 Jahre BürgerTheater bedeuten auch 25 Jahre technischen Wandel in der Bildaufzeichnung: Bei der Gestaltung dieser Seiten greifen wir teils auf Foto- und sogar Videomaterial zurück, das von Amateuren mit den damals verfügbaren Geräten aufgenommen wurde. Technisch ist das oft nicht der Gipfel des Denkbaren. Und doch unterstützen diese Bilder sehr lebendig die Vorstellung, was sich 1988 im Forum am Schlosspark abspielte. Also freuen wir uns am Bild vom Gedränge im Foyer vor dem Theatersaal, auch wenn viele Mobiltelefone von 2013 eine höhere Bildschärfe und -auflösung liefern als diese Abbildungen…

Odyssee

Das Programmheft von 1988 zeigt: Den Begriff „BürgerTheater“ gab es zum Start der Odyssee noch gar nicht.

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Ein bisschen wie eine Gebrauchsanleitung für einen Videorecorder kam die Anzeige daher, mit der für die Premiere aller Premieren geworben wurde. Ob der Publikumsandrang wegen oder trotz des edel anmutenden Durcheinanders so groß war?

1988

Odyssee

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Odyssee

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Odyssee

Wenigstens ziemlich viele, wenn auch lange nicht alle Beteiligten an der Produktion Odyssee zum Gruppenbild vereint

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Odyssee

Jede Probe im k端nftigen Forum musste mit der Bauleitung abgesprochen werden. 14


Odyssee

Odysseus’ Heimkehr: Schlussszene auf der großen Bühne im Theatersaal. Bühnenbild und Ausstattung: Frank Aumüller 15


Odyssee

Inspizient Christoph Swoboda 16


Odyssee

Die heimkehrenden Krieger im Foyer des Theatersaals Darsteller: Mitglieder der Musiktheatergruppe „College of Hearts“, Berlin.

Tanzgruppe der PH Ludwigsburg / Workshop des Tanztheaters Flammenflug

Martin Wüstner 17


„Sage mir, Muse…“ Tamara Mertens, Schauspielerin Odyssee

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Odyssee

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GUT für Ludwigsburg und den Kreis –

Liebe Christel,

Wir gratulieren

der Herr Staatssekretär hat mir folgende Gschicht diktiert:

In den vergangenen 25 Jahren, seit Bestehen des BürgerTheaters Ludwigsburg, standen über 2.500 Schauspieler, Sänger, Tänzer, Musiker und Medienkünstler vor über 60.000 Zuschauern auf der Bühne. Das ist zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte, auf die das BürgerTheater mit Stolz zurückblicken kann.

1998 begann die Partnerschaft der Stiftung Kunst, Kultur und Bildung der Kreissparkasse Ludwigsburg und des BürgerTheaters. Mit insgesamt etwa 90.000 Euro hat unsere Stiftung in den vergangenen 14 Jahren Projekte wie „Carmen“, „Schiller“ oder „Nibelungen“ gefördert.

Das Besondere: Die Mehrzahl der Beteiligten sind Laien. Eltern und Kinder, Jugendliche wie Erwachsene sowie Vereine arbeiten Hand in Hand mit professionellen Künstlern am jeweils nächsten Projekt. Demzufolge trifft die Leitidee der Kreissparkasse Ludwigsburg auch auf das BürgerTheater zu: Gut für Generationen.

Jetzt geht es um das Jubiläum „Passion 2013“ - sieben Aufführungen mit 160 Sängern aus Ludwigsburger Chören sowie 300 Laiendarstellern und -Musikern aus der Stadt. Ein BürgerTheater in dieser Größenordnung ist einzigartig in Baden-Württemberg. Wir freuen uns außerordentlich, ein solch einmaliges Projekt unterstützen zu können.

Die Kreissparkasse und ihre Stiftungen sind dem Theater „von Bürgern für Bürger“ eng verbunden. Wir tun das gerne, weil es unserer Unternehmensphilosophie entspricht: Wir sind nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern auf die Maximierung von Lebensqualität.

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Die Kreissparkasse Ludwigsburg mit ihrer Stiftung Kunst, Kultur und Bildung gratuliert dem BürgerTheater herzlich zum 25. Geburtstag und wünscht für die kommenden Jahrzehnte weiterhin alles Gute auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Dr. Rainer Haas

Dr. Heinz-Werner Schulte

Vorsitzender der Kreissparkassenstiftungen

Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Ludwigsburg

Mein schönstes Erlebnis mit dem BürgerTheater Ludwigsburg 1998, einen Tag vor der Bundestagswahl, wurde das Theaterspektakel zur Revolution 1848/49 Revolution! gespielt. Gleich zu Beginn der Aufführung rief ein Schauspieler: „Diese Regierung muss weg!“. Und nahezu alle Zuschauer riefen „Ja!, Morgen!“. Und so kam es auch: RotGrün wurde Wahrheit. Staatssekretär Jürgen Walter MdL Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst

Grüße Christoph


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Wow, Wahnsinn, großartig !

Ahem – wisst Ihr eigentlich, was Ihr da bewegt habt? Forumseröffnung 1988 – die Odyssee. Skurrile Idee: Alternative Theatermacher versus Laien und traditionelle Vereine – das kann doch nicht gut gehen, das wird doch nichts, die bekommt man doch niemals alle zusammen unter einen Hut. Große Skepsis und erwartungsvolle Spannung standen sich gegenüber. Der damalige Ludwigsburger Oberbürgermeister Hans-Jochen Henke und sein Kulturamtsleiter Dr. Werner Heinrichs hatten den Weitblick und den Mut, diesem von Rainer Kittel und Christel Macco gedachten Projekt eine Bühne zu geben. Muss es denn aber unbedingt zu der Eröffnung des Ludwigsburger Prestige- und Vorzeigeobjekts „Forum am Schloßpark“ sein? Jahrelang wurde doch gegen dieses Bauwerk gekämpft, gerade aus dieser Szene. Bravo meine Herren, Sun Tzu richtig verstanden: Den Feind, den man nicht besiegen kann . . . 25 Jahre später, alles richtig gemacht. Laien und Profis zusammen gebracht. Menschen die Tür zum Theater geöffnet. Grenzen überwunden, Vorurteile abgebaut, aus versus wurde ein begeisterndes Miteinander, aus alternativ wurde das Ludwigsburger BürgerTheater. Dafür werden wir, wird Ludwigsburg beneidet – für die Idee, die Umsetzung und die Kontinuität über 25 Jahre hinweg. Chapeau, Christel und Rainer und all denen, die mit Euch zusammen arbeiten und gearbeitet haben. Weiter so, mögen noch viele spannende Produktionen kommen! Ihr seid wichtig – gerade heute! Thomas Rothacker

Schon 25 Jahre? Fasziniert von der ersten Stunde an, wartend auf eine Gelegenheit, mitwirken zu können, habe ich seit 1996 meinen Platz auf der Bühne gefunden. Als Chorsängerin habe ich seit „Carmina Burana“ keine BürgerTheater-Produktion ausgelassen. Und bis heute zieht es mich in seinen Bann: Der Ideenreichtum der „Macher“, die Beteiligung von engagierten Bürgerinnen und Bürgern aus verschiedenen Sparten, die Spannung beim Zusammenfügen der einzelnen Gruppen und Szenen, die professionelle Arbeit mit Laien, kurz – Teil eines Ganzen zu sein. Die Begeisterung hatte mich schon 1988 bewogen, einen Leserbrief an die LKZ zu schreiben, der damit endete, dass ich stolz auf meine Stadt bin, die solch eine kulturelle Bewegung hervorbringt und sie unterstützt. Dies ist für mich auch heute noch gültig. Anita Klett-Heuchert Chorsängerin seit 1996

Kulturmanager, Scala-Gründer 1986

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Lichter der groĂ&#x;en Kleinstadt

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BürgerTheater über 100 Jahre Musikhalle Ludwigsburg:

Wo das Bürgertum sich feierte

Das Prachtstück bürgerlicher Kleinstadtkultur (gestiftet vom Eigner der Franck‘schen Fabrik für Pulvergetränke aus regionalen Früchten – etwas mutig Kaffee-Ersatz genannt) war gerade aufwändig renoviert worden. Ähnlich wie der Baustil ein Sammelsurium der 1890 beliebten Gestaltungselemente war, wurde auch die theatralische Rückschau ein faszinierendes Mosaik: Was war in dieser Halle in den letzten hundert Jahren geschehen (oder was hätte hier geschehen können)? Wie spiegelte sich darin die große und kleine Politik und Entwicklung des Lebens in der Stadt?

1990

Die 100 Jahre alte Musikhalle statt des nagelneuen „Forum am Schlosspark“, das örtliche historische Geschehen als Thema anstelle griechischer Mythen: Die erste Produktion unter dem Namen BürgerTheater zeigte schon einiges von der Bandbreite an Theaterschaffen, das nun diese Stadt als sein Zuhause begriff.

Lichter der großen Kleinstadt

Die Zeiten, in denen das Schloss in Ludwigsburg den Ton angegeben hatte, waren längst vorüber – in der Musikhalle zeigte die bürgerliche Gesellschaft, dass sie auch ohne Residenz und Herrschaft feiern konnte. Wie kleingeistig es dabei ab und an zuging, wie steif die Herren gelegentlich beim Tanz waren – an all das erinnerte 1990 das BürgerTheater. Auf der Bühne: Das Altentheater Ludwigsburg, das sich anlässlich dieser Produktion unter der Leitung von Achim Bräutigam gegründet hatte.

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Lichter der großen Kleinstadt

Eine BürgerTheater-Gruppe probt, wie eine Amateurtheater-Gruppe um 1890, eine pathetisch-allegorische Geschichte der Stadt Ludwigsburg spielte. Brüllend komisch, wenn man es ernst spielt…

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Das harte Schicksal des Alleinunterhalters auf der Bühne: Auch in den 1960er-Jahren war die Musikhalle der Ort für Ereignisse auf der schmalen Grenze zwischen unfreiwilliger Komödie und Peinlichkeit.

So tanzt man heute das Damals: Die Suche nach neuen Ausdrucksformen gehört beim BürgerTheater auch in einem Stück mit Blick in die Geschichte zum Handwerkszeug.


Lichter der großen Kleinstadt

Biedere Kleinstädtischkeit, die Aufbruchskultur der 1920er-Jahre und der Faschismus mit Verfolgung und üblen Hetzreden wurden durch das BürgerTheater in der Musikhalle für Augenblicke wieder erlebbar. Ludwigsb urger Altentheater, Stadtkapelle Asperg, Theater-Team Goethe-/Schillergymnasium, Steffi Oberhoff, Bärbel Stoller, Seminar Spiel- und Theaterpädagogik der PH, Jochen Faber als Julius Streicher. 25


Lichter Lichter der dergroßen großen Kleinstadt Kleinstadt

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Tanz von Krieg und Tod – Tanzensemble der PH Ludwigsburg /Kunstschule „Labyrinth“


Lichter der groĂ&#x;en Kleinstadt

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Lichter der großen Kleinstadt

Tamara Mertens und Bärbel Stoller, 1. Tanzclub Ludwigsburg, Männerchor des TV Neckarweihingen, Seminar Spiel- und Theaterpädagogik der PH, Obdachlosenszene mit Achim Bräutigam, Tamara Mertens, Stefan Fischer-Fels 28


Lichter der großen Kleinstadt

Theaterprogramm und Programmheft – eine wunderbare Beziehungskiste beim BürgerTheater. Wie viele aufschlussreiche Informationen und Gedanken hinter einer Inszenierung stehen, erschließt sich nur zum Teil am Theaterabend. Darum nutzt Dramaturgin Christine Macco stets ihre Recherchen zum Stück, um viel Hintergrund und Charme in ein Heft, eine Zeitung oder gar ein kleines Buch zu packen. Die „Zeitung aus der Musikhalle“ beispielsweise lieferte unter anderem auf zehn Doppelseiten Informationen zu je einem Jahrzehnt Stadtgeschichte, garniert mit Wissenswertem über die Akteurinnen und Akteure des Abends. Sogar Anzeigenkunden beteiligten sich mit historischen Motiven.

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Lichter der groĂ&#x;en Kleinstadt

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Sängerin Jeschi Paul


Lichter der groĂ&#x;en Kleinstadt

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weißt Du noch?

25 Jahre Sterben Ja, ich sterbe für’s BürgerTheater. Das dürfen Sie ruhig wörtlich nehmen. Ich wurde bereits als Magd erhängt, als Soldat erschossen, als Säufer erwürgt, als Dieb ans Kreuz genagelt und im Kampf erstochen, um nur einige Tode zu benennen, die ich bereits für’s BürgerTheater gestorben bin. Ganz zu schweigen von den tausend kleinen Toden, die ich vor jedem meiner Auftritte gestorben bin, wenn das leider nie aussterbende Lampenfieber zuschlug. Oder als ich mir den Ellbogen auskugelte beim Versuch, ein Gerüst, an dem meine „erhängten“ Mittänzerinnen hingen, über ein liegengebliebenes Kabel zu rollen. Oder als wir in den Katakomben des Forums auf unseren spektakulären Auftritt aus der Unterwelt warteten, und es unser Personenaufzug, eine neue technische Errungenschaft, nur bis zur Hälfte auf die Bühne schaffte, so dass wir, eher unspektakulär, herauskrabbeln mussten. Oder als ich von einer Säule in die Arme meiner Tänzer stürzen sollte, diese aber an einer anderen Säule auf mich warteten. Oder als ich die auf Knien beten-

de Gruppe anführen sollte, beim ersten Schritt fast mein Kleid verlor, weil mein Hintermann auf demselben kniete. Oder als das Seil, an dem in Jevpatorija bei Messias unser kleines Leben hing, so furchtbar zerschlissen aussah....oder...oder..oder. Auf meinen Körper wurden sagenhafte Bilder projeziert, ich schwang dazu Fahnen,Wolken und meterlange Seidenbahnen. Nur, auf diesen Bildern wurde meist auch gestorben. Heute probten wir eine Szene für die Passion 2013, – ja, Sie ahnen es schon – am Grab natürlich! Es ist noch nicht entschieden, ob ich drinbleibe, höre ich da den Regisseur sagen. Ich blicke aus meinem Grab heraus und denke an die vergangenen 25 Jahre Sterben für das BürgerTheater. Mir wär’s auch ohne BürgerTheater nie sterbenslangweilig gewesen. Trotzdem häng’ ich nochmals 25 Jahre dran, außer – ich sterbe . Brita Engelhardt Tänzerin seit der „Odyssee“ 1988 – also seit 25 Jahren dabei

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weißt Du noch?

Ein anderes Theater

Ich erinnere mich, dass ich die ersten drei Male dabei war, fast gehöre ich also zur Ur-Profi-Schauspieler-Besetzung; dabei bin ich nur zufällig durch meinen Freund Christof Bessler, der den Odysseus spielte, dazu gestoßen, hab’s erst nicht so ernst genommen, war aber bald beeindruckt von der Professionalität und der Energie des Teams um Rainer Kittel. Da hatte einer Visionen und konnte sie auch noch praktisch umsetzen! Respekt! Ich habe übrigens tolle Künstler getroffen, Tamara Mertens, Joachim Bräutigam und viele andere, und die „College of Hearts“ habe ich, blutiger Anfänger, fast angehimmelt. 19 Jahre später habe ich den wunderbaren Komponisten Wolfgang Böhmer, Ex-Mitglied der Truppe, für eine Arbeit an „mein“ Grips Theater engagiert. Ich erinnere mich an die Eröffnung der „Stadthalle“ (die hieß irgendwie anders?) - die Bürger, nicht irgendwelche Stars, nahmen sie in Besitz, vor allen anderen! Was für ein Geschick, die Kulturverantwortlichen von Ludwigsburg von solch einer Aktion zu überzeugen! Ich war in der Karlskaserne bei der „Soldaten“-Produktion dabei und in der Musikhalle, wo Stadtgeschichte „von unten“, aus Alltags- und Bürgergeschichten heraus, erzählt wurde. Kurz danach, 1993, ging ich als Dramaturg und Theaterpädagoge an ein Theater, das ebenfalls „von unten“, von den

Menschen und ihren Sorgen und Träumen erzählt. Diese Art von Theater hat mich schon immer angezogen und begeistert – bis heute, nun, seit 2011, als „Rainer Kittel des Grips Theaters“, nämlich als sein Künstlerischer Leiter – mit Visionen, die er praktisch umsetzen kann und muss! Vielleicht – da denke ich gerade ernsthaft drüber nach – wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich am BürgerTheater Grips zu bewerben, wenn ich nicht erste Erfahrungen an einem wahren BürgerTheater – in Ludwigsburg – gemacht hätte? Ich ahnte damals nur, wie unheuer viel Logistik und Kommunikation dahinter steckte! Heute kann ich es würdigen. Ich denke mit großer Dankbarkeit an diese meine Anfänger-Zeit zurück, aber vor allem auch mit Freude, denn die Zeit war für mich von den Proben bis zu den Vorstellung ein Riesenspaß mit freundlichen kreativen Menschen in einer wunderbaren, weil anderen, demokratischeren Theaterform! Ich wünsche Euch verrückten Bürgern und Künstlern weitere glückliche 25 Jahre – in Ludwigsburg und überall im Rest der Welt. Stefan Fischer-Fels Schauspieler, Intendant am Berliner Gripstheater Schauspieler bei Odyssee, Musikhallen- und Soldatenstück

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weißt Du noch?

Die Odyssee war für mich und für viele andere Bürger ein aufregender Beginn dieser Arbeit. Vom Bau eines Zyklopen, Akrobatik an der PH bis hin zum Bedienen eines Verfolgerlichts im Bürgersaal lernten wir alles mit jugendlicher Neugier kennen, einschließlich der im Bau befindlichen Räume des Forums und ihrer Labyrinthe. Der Weg vom Ballettsaal bis zur Lichtregie durch dunkle lange Gänge zwischen riesigen silbernen Rohren war gar nicht so leicht zu finden. Aber dann, andächtiges

Die stolze Theaterpionierin Lauschen im Dunkeln: „Lichtstimmung 32 – jetzt!“ Im Bürgersaal wurde regelmäßig im Baustaub, zwischen gemütlichen Stoffballen, Vesperpause gemacht. Ja, die heiligen Hallen gehörten uns! Und die „Blaumänner“ ließen sich während des Aufklebens der goldenen Buchstaben „Rang Mitte“ oder beim Schmaus von „Schengawurscht“ von unserem schwäbischen Heimkehrer Odysseus und seinem Sohn Telemach amüsieren. Wir waren die ersten stolzen Pioniere beim „kultur-politischen 34

Experiment BürgerTheater“ im neuen Forum. Es vergingen die Jahre und wir tanzten uns durch Musikhalle und Karlskaserne, um danach auf dem Marktplatz zwischen Kirschkernen und Fischgräten die Dichter anzuhimmeln. Tja, und in Carmina Burana hatte die folgenreiche Begegnung mit einem der Dichter zu einem mir bis dahin unbekannten, anderen Umstand geführt. Während der Tanzproben zu Carmina wurde ich immer dicker, so dass die Kostümbildnerin Heike Huber sich etwas einfallen lassen musste, um mit den rasanten Veränderungen meines Körpers mitzuhalten. Also bekam ich ein weites Kleid, das über dem Bauch gebunden werden konnte und so mitwuchs. Die Hosennaht gab nach und nach Stoff frei. Der aus Improvisationen entstandene Tanz passte sich dem in die Tiefe wandernden Schwerpunkt des Körpers an. Die Choreographin und der Künstlerische Leiter waren bürgernah genug oder selbst in anderen Umständen, so dass sie mutig und vertrauensvoll auch in die Zukunft meiner kleinen „Carmina“ ( wie der größer werdende Fötus liebevoll genannt wurde) blicken konnten. Zwei singende Frauenärz-

tinnen haben, mal gespannt, mal besorgt, mal liebevoll, nach mir geschaut und sich dann wieder auf das Singen konzentriert. Das BürgerTheater-Dorf hat mir so das „Schwerwerden“ sehr erleichtert. Die Kostümbildnerei hatte sich in der Wiederaufnahme im Herbst auch wieder flexibel gezeigt und mir ein ruhiges Plätzchen zum Stillen vor den Auftritten verschafft. Das war oftmals hart an den Grenzen der Machbarkeit, aber dann gemeinsam geschafft worden. Das ist jetzt auch schon wieder 16 Jahre her… In 25 Jahren – ein halbes Leben lang – wurden mir wechselnde Rollen zugetraut und zugemutet: vom Jüngling Telemach über den Söldner, Mörikes Peregrina… bis hin zu einer „Stichflamme“ jetzt in der Passion. Dadurch schenkten mir die „Bürger“ unglaubliche Erlebnisse. Nie werde ich meine Gänsehaut vergessen, verursacht durch das Geräusch von 180 Feuerzeugrädchen, mit denen der Chor ein Feuerzeug-Lichtermeer entfachte. Und ich mitten drin! War es der Messias? Egal! Kitschig oder nicht: Es war großartig! Danke! Iris Weis damals: Studentin an der PH Ludwigsburg, Tänzerin seit der Odyssee 1988 heute: Lehrerin, immer noch dabei, bei fast allen Produktionen


weißt Du noch?

Das BürgerTheater bewies, wie wichtig ein Kunstzentrum in der Karlskaserne ist

25 Jahre BürgerTheater: Die ersten zwei Produktion habe ich leider noch nicht mitbekommen. Aber dann das Stück Söldner Helden Deserteure, wesentliches Thema der Ludwigsburger Stadtgeschichte, mit dem wir dem Gemeinderat demonstrieren konnten, wie wichtig die Karlskaserne für die kreative Szene in Ludwigsburg sein könnte, die dann auch gekauft wurde. Auch die ludwigsburgspezifische großartige Inszenierung von DichterHimmel hatte dort ihre Basis – und schon ihren Fundus. Und dann später die Steigerung zu den großen Musiktheaterprojekten unter Federführung des BürgerTheaters, in wunderbarer Kooperation mit den Chören und dem Sinfonieorchester des Stadtverbandes. Rainer Kittel und Siegfried Bauer haben sich in meinem Büro kennengelernt, und ich muss gestehen, dass ich damals nicht geglaubt habe, dass das mit den beiden so unterschiedlichen Typen funktionieren könnte: hier der hochrangige Reserveoffizier mit dem entsprechenden Auftreten gegenüber Chor und Orchester, dort der überzeugte 68er Kriegsdienstverweigerer, der sein Team basisdemokratisch führt. Aber es hat funktioniert und funktioniert bis heute wunderbar zwischen den beiden, die sich offensichtlich gut ergänzen – sehr zum kulturellen Wohle der Stadt Ludwigsburg.

Auch die offenen Querschüsse der damals gereizt eifersüchtigen Schlossfestspiele konnten den unglaublichen Erfolg der Carmina burana, des ersten großen Musiktheaterprojekts, nicht verhindern. Ich freue mich, dass diese Kulturereignisse ungebrochen weitergehen und bin besonders gespannt auf das aktuelle Projekt Passion 2013 auf der Basis ganz großer Bachscher Musik, die mich einmal motiviert hat, das Orgelspiel zu erlernen, bei dem ich aber leider über das Vorspiel zu „Der Heiden Heiland“ nicht hinausgekommen bin. Ich danke dem BürgerTheater, Rainer Kittel und seinem großartigen Team für viele Stunden wunderbarer Theatererlebnisse, und zwar nicht nur in ihren großartigen Ergebnissen auf der Bühne, sondern auch dafür, deren faszinierendes Entstehen zum Teil aus der Nähe miterlebt haben zu dürfen und dabei manchmal auch ein ganz klein wenig am kreativen Prozess beteiligt gewesen zu sein, und sei es nur mit dem Besorgen von ein wenig Geld, dem Transport von Stühlen oder mit dem vorübergehenden Halten einer Lampe bei einer Probe… und wünsche dem BürgerTheater weiterhin großen Erfolg – zum kulturellen Wohle der Stadt Ludwigsburg. Dr. Eckhard Wulf Leiter des Kulturamts der Stadt Ludwigsburg a.D.

Für beherzte Menschen war es kein rotes Tuch: ein Kulturzentrum in der Karlskaserne (hier bei Fotoaufnahmen zum Plakat für Alles Oper, Alles Carmen

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Söldner Helden Deserteure

Als Ludwigsburg auf einer halbwegs sumpfigen Wiese erfunden wurde, war da ein Herzog mit etwas Hofstaat und ansonsten gab es viele Soldaten. Die blieben fast dreihundert Jahre lang ein bestimmendes Element in der Stadt. Als Ende der 1980er-Jahre kein Bedarf mehr an amerikanischen Militärs in Deutschland bestand, verließen die GIs Ludwigsburg. Riesige Gelände wurden frei. Aus Kasernen wurden Wohnungen und Büros. Und ein Kunstzentrum. 36


1992

Söldner Helden Deserteure

Das BürgerTheater schickte der untergehenden Epoche viele Bühnen-Grüße hinterher: Das Programm Söldner · Helden · Deserteure ging den Wurzeln und den Wirkungen des Soldatentums nach und fand sehr ernste und bitter komische Beiträge in Literatur und Musik. Das Gelände der Karlskaserne bildeten den idealen Spielort. Mit uns kamen die Zivilisten und die Kultur auf den Hof! 37


Söldner Helden Deserteure

Roger Koch (Schauspieler), Frank Aumüller (Bünenbild), Achim Bräutigam (Schauspieler)

Filmaufnahmen zu „Soldaten“, Film von Silvia Falkenmayer, Kommunales Kino; Kamera: Angela Poschet 38

Akrobatisches Theater, PH Ludwigsburg / Kunstschule „Labyrinth“


Söldner Helden Deserteure

Christine Embert, Stefan Fischer-Fels (Schauspieler)

Jochen Faber (Schauspieler), Martin Wüstner (Musiker und Sänger)

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SĂśldner Helden Deserteure

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BĂźrgerTheater-Chor in einer Schauspiel-Szene


Söldner Helden Deserteure

Mütter suchen ihre Söhne, Ludwigsburger Altentheater

Spielmanns- und Fanfarenzug e.V. „Alte Kameraden“

Lisa Kraus (Schauspielerin)

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Söldner Helden Deserteure

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Tamara Mertens als „Macbett“ (nach Eugène Ionesco)

Performance „Mein Volker sein Kampf“ von Jochen Faber


Sรถldner Helden Deserteure

Expressionistische Szene aus Seeschlacht von Reinhard Goering, durch eine Gruppe der Tanz- und Theaterwerkstatt, Leitung Klaus Mรถller

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Söldner Helden Deserteure

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Szene aus Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick

Georg Büchners Woyzeck, Maskentheater der Tanz- und Theaterwerkstatt, Leitung Ingrid Lutz, Kostüme Gesine Völlm


Söldner Helden Deserteure

Schweijk trifft Hitler – Stefan Fischer-Fels und Klaus Möller

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weißt Du noch?

Napoleon und der Ludwigsburger Oberbürgermeister

Als ich das BürgerTheater Ludwigsburg kennenlernte, war es gerade mal vier Jahre alt. Ich war damals immerhin schon zwölf, ging in die siebte Klasse und war in einer Theatergruppe der Ludwigsburger Kunstschule Labyrinth. Jemand vom BürgerTheater muss mich dort auf der Bühne gesehen haben. Wohl aufgrund meiner damals recht untersetzten Statur wurde mir die Rolle des Napoleon Bonaparte in der anstehenden Produktion Söldner · Helden ·, Deserteure angeboten. Da bin ich vor Stolz gleich um ein paar Zentimeter gewachsen – glücklicherweise nicht um so viele, dass ich den französischen Kaiser nicht mehr überzeugend hätte spielen können. So drehte das BürgerTheater in den Sommerferien 1992 einen kurzen Film mit mir, der dann später bei der Aufführung in der Karlskaserne eingespielt wurde. Inhalt des Films war der Besuch Napoleons beim Kurfürsten Friedrich von Württemberg im Ludwigsburger Schloss. Bei diesem Zusammentreffen im Herbst 1805 versicherte der Kur46

fürst de französischen Kaiser seiner Loyalität und weiterer Unterstützung. Als Dank dafür machte Napoleon ihn am 1. Januar 1806 zum König Friedrich I. von Württemberg. Die Rolle des Kurfürsten spielte kein Geringerer als der damalige Ludwigsburger Oberbürgermeister Hans-Jochen Henke. Er schüttelte mir in der Filmszene herzlich die Hand und war ebenso freundlich, wenn die Kamera gerade nicht lief. Der Ludwigsburger OB durfte zum Dreh seinen normalen Anzug anbehalten. Ich hingegen musste mich an dem heißen Sommertag in ein historisches Kostüm zwängen. Aber ohne Verkleidung wäre es ja auch nur halb so lustig gewesen. König wurde Herr Henke nach der Begegnung mit mir übrigens nicht. Aber immerhin war er bereits drei Jahre später Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Und das ist ja auch nicht schlecht. Christoph Schüly 1992 Darsteller des Napoleon Bonaparte, später Journalist, Pressereferent im Kultusministerium Baden-Württemberg


weißt Du noch?

Musikhalle 1990 und Karlskaserne 1992: die ersten aufregenden Bürgertheater-Jobs, jeweils als hochschwangere Dirigentin für Klassisches und Schräges. Die beiden Babys, denen Kostümbildnerin Inge Zysk mittels sinnreicher Gummizug-Vorrichtungen von Woche zu Woche mehr Bauch-Platz verschaffte, sind längst flügge geworden und jobben als Backstage-Mitarbeiter am Ort ihrer allerfrühesten Jugend. Revolution und Neustart: 1998 ohne Bauch, dafür alleinerziehend mit zwei sehr lebendigen Kindern: erstmals als musikalische Gesamtleiterin. Alleinerziehend? Von wegen! Garderoben, Flure und der Hof der Karlskaserne waren herrliche Spielplätze, in den Pausen wimmelte es von begeisterten Babysittern, in Heike Hubers geheimnisvollen Wunder-Räumen und in der Schneiderei bei Birgit Katz und Christa Majer-Kachler gab es immer was zu gucken, zu werkeln, und zu essen!

Vom Bauch zur Backstage-Crew

„Volk“ wurde gebraucht: Mehr als 80 singwütige Interessenten drängten sich im Saal der Villa Franck, 66 hielten bis zur Premiere durch, und 21 dieser Gründungsmütter und -väter sind bis heute bei Chorioso! dabei. Genauso wie das Ensemble X: mutige Schüler, Lehrer und Freunde der Jugendmusikschule, die immer für verrückteste Ideen zu haben waren. Platzwechsel und Rollentausch: Wo sonst gibt es ein Theater, in dem eine Dirigentin zur Inspizientin werden kann? Wo man die Rampensau-Perspektive gegen den intensiven Blick in den Bauch des Theaters eintauschen kann? Die Arbeit am Forum-Inspizientenpult versetzt einen ins „Auge des Sturms“: immer cool bleiben, auch wenn ringsum alles ächzt und tobt…. nach der Premiere liegt man sich dann völlig erschöpft, aber überglücklich, in den Armen.

Labor und Experimentierfeld: Alle Produktionen waren ein ideales Spielfeld, um Neues auszuprobieren und Ungewöhnliches zu riskieren. Im Liegen geigen, zu Mozart HipHop tanzen, in der Tiefgarage romantische Chormusik zelebrieren, Carmen-Hits mit Kantinenbesteck musizieren und vieles mehr. Verschiedenste Komponisten haben uns ganz neue Stücke auf den Leib geschrieben, und siehe da: Neue Musik und experimenteller Tanz waren etwas, das auch eingefleischte Klassikfans faszinieren konnte – und HipHop-Tänzer hörten plötzlich Bach und Purcell mit völlig neuen Ohren. Ideen und Persönlichkeiten: Viele weitere künstlerische Ideen und Projekte, in der Region und anderswo, wären ohne ganz besondere Leute nicht entstanden, die sich bei der Arbeit im BürgerTheater gefunden haben und die ich hier so gerne alle einzeln nennen würde: Regisseure, Choreographen, Bühnen- und Kostümbildner, Lichtdesigner, Musiker, Sänger, Techniker, Frauen und Männer: Dank an Euch alle, Dank an all die inspirierenden und wagemutigen Köpfe, die im BürgerTheater aufeinandergetroffen sind und hoffentlich viele weitere abenteuerliche Wege zusammen gehen werden! Ute Kabisch

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weißt Du noch?

Wir danken

…allen Gefährten und Amazonen, Revolutionären, Dichtern und Denkern wie Regine Lipp, Joachim Bräutigam, Dietholf Zerweck, Tamara Mertens, Jürgen Belgrad, Ingrid Lutz, Christian Rehmenklau, Heide Fromm, Inge Zysk, Frank Aumüller, Thomas Rothacker, Martin Wüstner, Birgit Katz, Christa Majer-Kachler, Jürgen Selz, Bea Kießling, Claus Langer… … und vielen anderen Gefährten: Rolf Knoll, Roland Schweiß, Jürgen Wein, Dr. Andrea Fix, Karl-Heinz Schiller, Hermann Aigner, Wilfried Blickle, Team Kunstzentrum Karlskaserne, Dörthe Eggers, Jochen Raithel, JugendMusikSchule, Dieter Karsch, Wilfried Peschke, Team der Tanz- und Theaterwerkstatt, Schlossfestspiele Ludwigsburg,

allen Göttern aus Verwaltung und Politik wie Hans-Joachim Schäfer, Hans Jochen Henke, Christof Eichert, Werner Spec, Dr. Werner Heinrichs, Dr. Eckard Wulf, Wibke Richert, Kulturamt der Stadt Ludwigsburg, Christoph Peichl, Claudia Kugler, Generationen von Gemeinderät/innen! Dank an wohlgesonnene Fürsten, Mäzene und Schatzverwalter, unter anderem: Bürgerstiftung Ludwigsburg, Dr. Heinz-Werner Schulte, Dr. Thomas Baum, Wüstenrot-Stiftung, Land Baden-Württemberg, Regierungspräsidium Stuttgart, … … Dank auch den Theaterkritikern, die uns viel Balsam und auch manche bittere Pille verabreichten! Und den Tausenden von Zuschauerinnen und Zuschauern, die uns mit so viel Anteilnahme durch die Jahrzehnte begleiten, die sich begeistern lassen, die uns auch wissen lassen, wenn etwas nicht gefiel, die uns immer wieder Tausende von Gründen geben, mit unserer wunderschönen Arbeit weiter zu machen und neue TheaterBürger für diese Projekte zu gewinnen!

V.i.S.d.P. Christine Macco BürgerTheater Ludwigsburg Tanz- und Theaterwerkstatt Ludwigsburg co. Kunstzentrum Karlskaserne Hindenburgstraße 29 71638 Ludwigsburg Redaktion: Christine Macco, Jochen Faber Gestaltung: Jochen Faber · INFO & IDEE www.abenteuer-unserer-zeit.de Herstellung mit freundlicher Unterstützung der Bürgerstiftung Ludwigsburg Viele Fotos in diesem Band sind aus privaten Beständen – herzlichen Dank! Ganz besonderen Dank an die Profis Frank Aumüller Gordon Below · www.derfotograf.net Claus Langer www.clauslanger.de Yakub Zeyrek · www.yakub-zeyrek.de

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weißt Du noch?

Vier Dichter fallen vom Himmel

In der Erinnerung erscheint vieles unscharf. So auch die Bilder der DichterHimmel-Inszenierung, als die vier ‚großen‘ Ludwigsburger Kerner, Mörike, Vischer und Strauß ihre Geburtsstadt vom Himmel aus noch einmal heimsuchten. Die Unschärfe ist in diesem Fall aber kein Trugbild. Denn von oben herab den Ludwigsburger Marktplatz anzusteuern - das bringt unweigerlich wacklige Bilder hervor. Zudem war er an diesem Abend nicht „weit und leer“, sondern gefüllt von einem zahlreichen Bürgertheaterpublikum. Und dieses erlebte nun in situ – auf eine großen Leinwand produziert – den Anflug auf ein offensichtlich nicht einfach in den Fokus zu bekommendes Ludwigsburg. Die Kamera, die das von oben, also mit dem Blick der Dichter festgehalten hat, muss gefährlich instabil über der Stadt geschwebt sein, um Luftaufnahmen mit solch abgründigen Perspektiven einzufangen – bis die Vier dann unsanft auf dem Marktplatz landeten. Dass Kerner, Mörike, Vischer und Strauß auch nach 200 Jahren noch ein bisschen von dieser, unserer Welt sind, dass sie uns Heutigen noch eini-

ges zu sagen haben – das zeigten der DichterHimmel des BürgerTheaters und die damals, 1994, neu eingerichtete Literaten-Abteilung des Städtischen Museums. Und hier, im Museum, findet sich auch das Geheimnis der beeindruckenden Kamerafahrt über ein Ludwigsburg ohne Marstallcenter: Sie entstand nicht mit Hilfe eines unbezahlbaren Helikopters, sondern am Ludwigsburger Stadtmodell des Städtischen Museums. Bestechend genau gibt es die Stadttopografie Ludwigsburgs als Planstadt um 1800 wieder. Man kann an ihm, so schön von oben herab und en miniature, Ludwigsburg mit Kinderaugen erkunden und dabei, auch als Erwachsene, immer wieder neue Details und neue Einblicke in seinen wohl durchdachten Bauplan gewinnen. Als damalige Leiterin des Museums hatte ich mit Neugier und wachsender Begeisterung die Entstehung dieses DichterHimmel-Films des Kommunalen Kinos begleitet und war entzückt, ihn nun – an einem warmen Septemberabend des Jahres 1994 – so effektvoll eingesetzt zu er-

leben. Ganz am Ende dieser unvergesslichen BürgerTheater-Inszenierung verschwanden die Vier als große Schattenfiguren in der Weite des Ludwigsburger Marktplatzes . . . Dr. Andrea Fix, Stuttgart ehemalige Leiterin des Städtischen Museums Ludwigsburg

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Dichter Himmel

Nachdem wir uns einmal entschlossen hatten, als Beitrag zum „Jahr der Literatur“ der KULTURREGION STUTTGART („Wort für Wort“), uns der vier Dichter des 19. Jahrhunderts anzunehmen, haben wir uns an viel Unbekanntes gewagt. Wer kannte schon einen Strauß oder Vischer, wusste etwas Genaueres von ihnen als den Geburts-

or t Ludwigsburg? Mörike, ja, schon eher, irgendein Gedicht von Mörike kannte fast jeder, und der Kerner, war das nicht der Esoteriker aus dem 19. Jahrhundert?!

Die bei unseren bisherigen Produktionen erprobte Inszenierungsform der reinen Collage haben wir diesmal weiterentwickelt. Wir haben eine kleine Geschichte für ein durchgängiges Stück geschrieben und darin wieder Szenen einzelner Gruppen einmontiert. Neu ist auch eine Gruppe wie der BürgerTheater-Chor, der sich exklusiv für diese Produktion zusammengefunden hat und die unterschiedlichsten Menschen integriert, die sonst in anderen Chören oder Musikvereinen tätig sind oder aber noch nie in dieser Form mit Musik und Theater zu tun hatten.

Manfred „Carlo“ Benz als Justinus Kerner

Also machten wir uns mal wieder auf die Suche nach einem Stück unbekannten Ludwigsburg und einer Zeit, in der nicht mehr das höfische Leben diese Stadt prägte, sondern eher die Beschaulichkeit biedermeierlicher Lebenszusammenhänge, immer mal wieder gestört durch das Einbrechen gesellschaftlicher Umbrüche wie die um 1848. Bald haben wir entdeckt, dass diese vier großen Ludwigsburger sehr viel gemeinsam und sehr viel miteinander zu tun hatten, Freunde waren vom Sandkasten an, 50

wie man heute sagen würde. Mitschüler, Kommilitonen beim Studium der Theologie, ähnliche Eindrücke und Erfahrungen in Kindheit und Jugend, im biedermeierlich-pietistischen Württemberg des 19. Jahrhunderts.

Neu auch, und das Besondere dieses Mal, die Theaterreise in Bussen vom Spielort Karlskaserne zum Marktplatz, und damit zum historischen Ort der Kindheit der Dichter, von uns als natürliche Theaterkulisse genutzt. (Auszüge aus dem Programmheft von 1994)


1994

Dichter Himmel

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Dichter Himmel

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Dichter Himmel

Auf dem Weg von der Karlskaserne zum Marktplatz. Welcher der vier Dichter erz채hlt wohl in diesem Bus seine Geschichte?

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Dichter Himmel

Das Programmheft zeigte, wie die Dramaturgin die Verh채ltnisse der aus Ludwigsburg stammenden Autoren untereinander recherchierte. 54


Achim Bräutigam als Friedrich Schiller

Dichter Himmel

Sebastian Schäfer als Friedrich Theodor Vischer Alexander Kendzia als Mörike (Mitte), Paul Siemt als David-Friedrich Strauß (links)

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Figuren aus Justinus Kerners „Bilderbuch aus meiner Knabenzeit“, Darsteller des Theaterkreises der Kreuzkirche Ludwigsburg

Dichter Himmel

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Dichter Himmel

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Dichter Himmel

Heiร e Tanzprobe auf Texte von Eduard Mรถrike und Ernst Jandl

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Dichter Himmel

Garderobe und Maske in einem B체ro der st채dtischen Passamtes (oder so)

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weißt Du noch?

An die Intendanten, die Dramaturgie und die Akteure des hochwohllöblichen BürgerTheaters zu Ludwigsburg / Wirtemberg

Beygefügte Grußadresse: Theaterbürgerinnen und Theaterbürger! Die heute anwesenden Mitglieder unseres Stammtisches grüßen Euch!

Dependance des himmlischen PEN-Clubs ELYSIUM

Wir, allesamt Autores von Profession, verfolgen Eure Thätigkeit mit Interesse und freundlichem Wohlgefallen! An unsere Theilnahme in Persona anno 1994 denken wir beglückt zurück.

Betr.: Festschrift zum Jubiläumsfest der obigen Schaubühne

Es dünkt uns fast ein Jahrhundert und mehr als überfällig, dass Bürger die Angelegenheiten ihres Theaters auch in ihre Hände nehmen. Dazu unsere Glück- und Segenswünsche!

Bürgerinnen und Bürger!

Eduard M. möchte dem Gruß ausdrücklich beyfügen, dass ihn auch die Musik außerordentlich erfreut hat.

Beym letzen Zusammentreffen des himmlischschwäbischen Stammtisches wurde beygefügtes Grußwort verabschiedet, welches ich Ihnen nunmehr übermittle. Gez. Christophine Reinwald, geb. Schillerin, Sekretariat

Mögen Euch die Götter & Musen auch in den nächsten Jahrzehnten hold sein! Unterzeichnet: Friedrich Schiller, Nationaldichter David Friedrich Strauß, wissenschaftlicher Künstler Kerner, der Justinus! Eduard Mörike (nur Dichter) Friedrich Theodor Vischer (entschuldigt wegen Katarrh) Christian Rehmenklau Gymnasiallehrer a.D., Texter, genialer Umdichter, Einstreicher, Programmheftverkäufer , seit DichterHimmel 1994 bei BürgerTheater-Produktionen dabei

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BürgerTheater – Theater von Bürgern für Bürger Unser kulturelles Leben ist breit gefächert und überaus lebendig. Wir können und sollten stolz darauf sein. Als besonderer Kultur-Glücksgriff erweisen sich seit fünfundzwanzig Jahren die BürgerTheater-Aufführungen, seien es Theater- oder szenische Musikproduktionen. Mein Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre: Von der Odyssee ist wenig im Gedächtnis geblieben, dafür eine intensive Erinnerung an die magische Ausstrahlung und Intensität vom DichterHimmel auf dem Marktplatz. Carmina Burana, Messias, Die Schöpfung waren für Auge und Ohr ein Genuss. Gerade die Mischung aus Laiendarstellern, Sängern und Profis machte das Besondere, das Spezielle, einfach das „BürgerTheaterliche“ aus. Bei den historischen Themen verlieh der Wechsel der Spielorte den Aufführungen einen individuellen, eigenständigen Zauber. Wogende, schillernde Bahnen aus Seide, Schwebendes: diese Assoziation drängt sich in meine Erinnerung ebenso wie die Beifallstürme aus dem Zuschauerraum und das Glück derer, die dabei sein konnten. Dabei sein war für uns Kulturbegeisterte ein Muss sogar Urlaubsplanungen wurden geändert – auf keinen Fall eine Produktion verpassen, das Motto. Monika Bergan


weißt Du noch?

Vergnügen und Verärgerung Nicht nur konnte man lernen, dass schwäbischer Hefezopf stets ein bewährtes Mittel gegen Lampenfieber und Nervenflattern ist, und Eisensäulen im Ballettsaal nicht nur ausbremsten, sondern zur tänzerischen Improvisation taugten, nein, man tauchte als Mitwirkende/r auch in die vielfältige Geschichte Ludwigsburgs ein, von den Soldaten als Helden über die Revolutionäre bis zu Schiller. Ludwigsburgs Plätze und Straßen, umfunktioniert zur Bühne, erschienen so in neuer Perspektive. Einkaufende Passanten drehten sich irritiert um, wenn bei den Hauptproben für „Schiller“ Menschen in historischer Kleidung die Seestraße bespielten oder als Schulklasse der Hohen Carlsschule im Gewächshaus-

Liebe auf den ersten Blick

weg in Latein medizinische Fachausdrücke abspulten – auch sehr zum Vergnügen der Studenten der angrenzenden Filmakademie.

ungewohntes nächtliches Treiben zeigte manch ein Anwohner, indem er oder sie mit lautem Getöse mitten im Spiel die Rollläden herunterrattern ließ.

Herbst 1994, Dichterhimmel, meine erste Begegnung mit dem Ludwigsburger BürgerTheater: Die Reise begann im Innenhof und in der Reithalle der Karlskaserne – ich stand kurz vor der Entscheidung, die Leitung der Kunstschule und des Kunstzentrums Karlskaserne zu übernehmen.

Claudia Scheel

Und immer wieder der Kampf mit dem knappen Budget! Für die „Carmina Burana“ suchte der Chor in Kleiderschränken und auf Flohmärkten nach grauer Business-Kleidung, beim „Orpheus“ kreierten die Tänzer mit Rot neuartige Zusammenstellungen. Einzigartig war der „Maskenbastelkurs“ für den „Orpheus“ mit Heike Huber. Mit Kleistereimer, Pinsel und Leim wurde er im privaten Garten weitergeführt, von großem Interesse seitens der Nachbarn begleitet, die die Aktion für einen Wochenendworkshop für Kindergärtnerinnnen hielten!

Die Lust am Spiel, der Mut zur Improvisation, die Mischung aus Amateuren und Profis, die Karlskaserne als Produktions- und Aufführungsort, die Bürgernähe, Experiment und hohe Professionalität… All diese Eindrücke bestärkten mich in meiner Entscheidung – hier bist Du richtig, hier kannst Du sein.

Lehrerin, Sängerin im ersten BürgerTheater-Chor beim „DichterHimmel“ (1994), danach Tänzerin bei vielen, fast allen Produktionen

Nachtrag: Die Worte der berühmten Ludwigsburger Dichter erfreuten allerdings beim Spiel auf dem Marktplatz nicht alle Bürger gleichermaßen. Unmut über so ein

Danke für die vielen anregenden Inszenierungen in Karlskaserne, Forum und an so manchen geschichtsträchtigen Plätzen dieser Stadt. Dörthe Eggers ehemalige Leiterin der Kunstschule„Labyrinth“/Kunstzentrum Karlskaserne

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MUSIK THEATER

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1996

Erste große Musiktheater-Inszenierung im Forum am Schlosspark Carmina Burana – Szenische Fassung mit Orchester, Chören und Tanz-Ensembles aus Ludwigsburg Musikalische Leitung: Siegfried Bauer Szenische Gesamtleitung: Rainer Kittel Choreografie: Regine Lipp-Scherzer, Lisa Thomas Kostüme, Bühnenbild: Heike Huber Solisten: Petra Labitzke (Sopran), Thomas Pfeiffer (Bariton), Oly Pfaff (Tenor) Sinfonieorchester der Stadt Ludwigsburg Kleiner Chor: Kantorei der Karlshöhe Ludwigsburg

MUSIK THEATER

Großer Chor: Sängerinnen und Sänger aus Chören des Stadtverbandes der Gesang- und Musikvereine und anderen Chören 63


Regierungspräsidium Stuttgart

Kartenvorverkauf: Tourist Information Wilhelmstr. 10 · L’bg

Kartenreservierung:

Tanz- und Theaterwerkstatt

Mo – Fr Sa

Mo – Do Fr

Mit freundlicher Unterstützung von:

64 und Kunstschule Labyrinth

9.00 – 18.00 Uhr 9.00 – 14.00 Uhr

Tel. (0 71 41) 910-29 61 7.00 – 16.00 Uhr 7.00 – 12.00 Uhr


1998

Revolution

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Revolution

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Revolution

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Revolution

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Revolution

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Revolution

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Ensemble des Glasperlenspiel Asperg

Kost端m und Ausstattung: Heike Huber


Revolution

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Vorbesprechung

Revolution

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Kollektives Einschn端ren in der Chor-Garderobe

Nachbesprechung


Revolution

Die Trommeln der Staatsmacht – Die Gruppe StahlFatal, Leitung: Till Ohlhausen

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weißt Du noch?

Theater trifft Film 1991 hat es mich beruflich an die damals neu eröffnete Filmakademie Baden-Württemberg nach Ludwigsburg verschlagen. Die Filmakademie und ihr Umfeld waren damals noch sehr klein und deshalb habe ich nach Möglichkeiten gesucht, um mit Ludwigsburgern in Kontakt zu kommen. Über das damals noch bestehende Kommunale Kino, dessen Mitglieder seit dem Musikhallenprojekt 1990 beim BürgerTheater mitarbeiteten, lernte ich schließlich dieses Theater kennen. 1992 habe ich am Programm „Söldner Helden Deserteure“ mitgearbeitet und als Kamerafrau einige Filmszenen wie den Napoleonfilm – im Ludwigsburger Schloss mit einem Kinderdarsteller als Napoleon und dem damaligen OB Henke als König Friedrich gedreht – mitproduziert.

Kunst verlangt Opfer – manchmal auch in Sachen gesunde Arbeitshaltung

Bis zum Ende meiner Tätigkeit an der Filmakademie 1996 habe ich noch an zwei weiteren Produktionen mitgearbeitet und beispielsweise den DichterHimmel-Film mit dem Kommunalen Kino gedreht. Die Verbindung nach Ludwigsburg und zum BürgerTheater ist bis heute geblieben. Ich gratuliere zum Jubiläum! Angela Poschet damals: Assistenz Kamera a.d.Filmakademie BW / Kamerafrau heute: Produktionsmanagerin / Herstellungsleiterin Film, z.Z. Berlin

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B ringt Spannung Ü berlegt man nie, ob man hingeht R ichtig toll, rundum gut G ehend und sich bewegend Theater erleben E rlebnis pur R ein ins Vergnügen T alente jeder Art, aus allen Kultursparten H offentlich noch lange E inmal wieder Theater wie DichterHimmel A n den Zuschauern ganz nah dran T anzen, trommeln, Tremolo E indrücke - unvergesslich R ichtig, richtig toll Noch lang lebe das Bürgertheater! Susanne + Uwe Müller Zuschauer/in und Unterstützer/in von Anfang an; bei DichterHimmel war ihr zum Marktplatz gelegenes Wohnzimmer die Lichtregie

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weißt Du noch?

Des Bürgertheaters Kittel Auf dem Asperg saß ich. Der Weg war unbestimmt und offen. Was heute ist, war fern. Und plötzlich saß mir der Kittel gegenüber, mit der Buchhändlerin, die kannte ich, weil ich mal einen Schauspielführer kaufen musste. Und IHN wollte ich mal kontaktieren, kam aber nie an ihn ran. Vielleicht, weil ich seine Telefonnummer nicht kannte. Ob diese Begegnung die Initialzündung ist? Plötzlich ruft er mich an. ER hatte wohl meine Telefonnummer, und ich dann eines meiner ersten Engagements. Das war 1998. Heute: viele schöne Sommer in Ludwigsburg und wahnsinnig viele Menschen und Kontakte, die aus meinem Leben nicht wegzudenken sind, die meinen Weg begleitet und auch bereitet haben, hat mir das Bürgertheater beschert. Über das Theater, Menschen zusammenbringen, Fäden spinnen, Netze knüpfen, sich kennenlernen, wertschätzen, gemeinsam an einem Strang ziehen, dieser Grundgedanke des Projektes hat bei mir persönlich ganze Arbeit geleistet.

spieler etwas besonderes: eine Schneiderei, in der immer ein Stück Kuchen auf einen wartet und wo man immer wieder feststellt: Der Kittel passt! Es ist kein Kostüm und keine Maske, er ist nicht aus Leinen oder Baumwolle. Nein, ein anderes Gewebe: Social Network! Bei jeder BürgerTheaterproduktion hast du gleich 200 neue Freunde! Nicht virtuell. Total real! Mit Anfassen! Respekt! Lieber Rainer, liebes Team und liebe Freunde im Bürgertheater, für 25 Jahre Arbeit. 25 Jahre Kunst und Netzwerk. Bei euch fühle ich mich daheim. Weiterhin TOI, TOI, TOI Thomas Weber Schauspieler bei Revolution! · Alles Oper Alles Carmen · DenkMal! Dieser Schiller · Marat! · Liebe Ehre Drachenblut. Theaterunternehmer („Kabirinett“)

Ich habe nicht immer alles bis ins Detail verstanden, was wir gemacht haben. Theater ist und bleibt halt Theater! Aber beim Bürgertheater gibt es für mich als Schau75


MUSIK THEATER

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2000 MUSIK THEATER

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Alles Oper Foto und Gestaltung: INFO & IDEE

Alles Carmen

Alles Oper Alles Carmen

[Alles Bürgertheater] 12.|14.|15. + 20.|21.|22. + 27.|28.|29. September ’02 Karlskaserne Ludwigsburg

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Kantine, Garderobe und Loge werden zur Bühne

Karlskaserne Hindenburgstraße 29 · LB Beginn 20 h · Einlass 19 h

Gefördert durch das Land Baden-Württemberg.

Kartenreservierung: (0 71 41) 2 99 88 55

In Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Ludwigsburg.


Hinter den Kulissen

Auch weil wir als Zuschauer vor und als Bühnenarbeiter hinter der Bühne schon wunderschöne und berührende Musiktheatererlebnisse hatten. Und weil die Vielzahl unserer künstlerischen Kräfte, Fähigkeiten und Möglichkeiten in der Oper einen guten Platz haben. Und weil wir einmal etwas ganz Anderes machen wollten. Etwas Ungewöhnliches, etwas, bei dem das Publikum endlich während der ganzen Vorstellung ein Dach über dem Kopf hat, nicht ständig rumlaufen muss, und sogar jeder Zuschauer einen Sitzplatz hat. Und etwas, bei dem am Anfang der Vorhang aufgeht und am Ende wieder zu!

2002

Weil wir die Oper lieben oder hassen, nicht kennen oder meiden, verachten oder schätzen – weil wir ihr irgendwie, offen oder heimlich, doch begeistert verfallen sind.

Aber zu einem ganz traditionellen Theaterabend hat es dann doch nicht gereicht. Zu sehr gingen Phantasie und Neugierde mit uns durch. Unsere spannende Theater-Reise führt unser Publikum also durch einen sowohl un- als auch außergewöhnlichen Carmen-Opernabend.

Alles Oper Alles Carmen

Sie erleben die Vorstellung nur ganz am Anfang und wieder am Ende aus der ‚normalen‘ und gewohnten Zuschauer-Perspektive. Dafür dürfen Sie aber endlich einmal dorthin schauen, wo es manchmal interessanter und spannender sein kann als vorne auf der Bühne – hinter die Kulissen einer Oper. Sie sehen die Vorbereitungen hinter, neben und unter der Bühne, lernen die Träume und Ängste der Künstler und aller Beteiligten kennen, und Sie werden erstaunt sein – selbst im Zuschauerraum findet oft ganz große Oper statt! Dann also: Vorhang auf!!! – und alles Oper – oder was? Rainer Kittel

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In der Pause: Die roten Forums-Damen d端rfen auch mal tanzen.

Alles Oper Alles Carmen

Tanzensemble der Tanz- und Theaterwerkstatt, Leitung Christine Lang

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Alles Oper Alles Carmen

Die Bildungsbürger-Theaterzwerge lassen sich vom Drama auf er Bühne mitreißen. Schauspielensemble Kulturwelt e.V. / Das Horrorladen-Team

„Aus dem Takt –der Alptraum der Dirigentin“ (Melten Nil) 81


Ensemble X der JugendMusikSchule mit den Gesangssolisten

Thomas Weber als Inspizient mit dem BürgerTheater-Chor

Alles Oper Alles Carmen

In der Solisten-Garderobe: Tanzensemble Lisa Thomas, Kunstschule „Labyrinth“

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Alles Oper Alles Carmen

Die feurigen spanischen Arbeiterinnen der Zigarettenmanufaktur – dargestellt von „Chorioso“

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Alles Oper Alles Carmen

StahlFatal, Leitung Till Ohlhausen 84

HipHop- und Street Jazz-Ensemble der Kunstschule „Labyrinth“, Leitung Carina Clay


Alles Oper Alles Carmen

Gesangssolisten: Falko HĂśnisch als Escamillo, Jacek Sowizral als Don JosĂŠ, Ilona Wirgler als Carmen 85


weißt Du noch?

Ich jubele euch zu!

Vor ungefähr 20 Jahren klingelte in meiner studentischen Dachwohnung im Stuttgart-Häslach das Telefon (Wählscheibe, Spiralkabel). Inge Zysk war dran: ob ich ihr vielleicht bei einer Produktion des BürgerTheaters in Ludwigsburg helfen könne, es seien so 120 Kostüme... Aha! Das klang ungeheuer aufregend. Mit meinem R4 F6 mit Dachklappe (für Großtransporte) und Knüppelschaltung (zur Unterhaltung des Fahrers) rumpelte ich zu Inge, die mir später attestierte, es hätte sich im Moment meines Eintreffens ein Gefühl der Erleichterung eingestellt, ich eignete mich also: gut! In den folgenden Wochen fuhren wir unter Inges routinierter Leitung verschiedene Ziele an, unter anderem „Sturm“, Rottenburg. Ein Name, wie Donnerhall! Ein Militärgroßhändler, bei dem wir für wenig Geld alte NVA-Uniformen erstanden. Genau, die Mauer war grade gefallen.Auf den Computern bei Sturm stand: „keine Waffen ins jugoslawische Ausland !“ Düster. Diese Uniformen, weil sie auf der Bühne so aussehen sollten, als hätten sie 6 Wochen an der Ma86

ginotlinie verbracht, legten wir passenderweise auf dem Hof der Karlskaserne aus , überschütteten sie mit braungrauer Farblauge und fuhren mit dem R4, solange über sie, bis das Ergebnis uns zufrieden stellte. Nach vielen interessanten Wochen, die wir ausschließlich mit solchen und ähnlichen Aktionen verbrachten, kam der große Abend, mein Freund und meine Großeltern und meine Mutter saßen im Saal, das Ereignis hieß: „100 Jahre Musikhalle Ludwigsburg“ und stellte einen bunten Bilderbogen, ebendieser 100 Jahre dar, wobei Rainer Kittel die theatralisch stichhaltigsten Punkte aller Jahrzehnte unter Teilnahme, begeisterter LudwigsburgerInnen auf die Bühne zu gestemmt hatte. Er vereinbarte dabei die Bedürfnisse von Feurwehrkapellen und Schulklassen mit großem persönlichem Einsatz. Ich selbst habe angeblich im Kostüm Karten verkauft. Ich muss es verdrängt haben, denn ich weiß nicht mehr, wen ich darstellte. Meine Cousine spielte eine Punkfrau mit allen Attributen, späte 70er Jahre also, verschwende Deine Jugend...

Wir waren alle furchtbar aufgeregt, das Saallicht ging aus, das Bühnenlicht an, Nummer für Nummer entrollte sich unter reger Anteilnahme des Publikums, man jubelte und klatschte und zeigte überhaupt sehr zufriedenstellende Reaktionen. Diese Kostümbildnerei schien tatsächlich eine Option zu sein! Ich bin jedenfalls dabei geblieben und werde weitermachen. Aber so lustig wie mit Inge war es selten wieder. Nie wieder so improvisiert, pionierhaft, so zum ersten Mal, so aufregend, kühn und abenteuerlich... Herzlichen Glückwunsch, liebe Ludwigsburger, zum BürgerTheater Ludwigsburg! Wir sprechen uns in 25 Jahren wieder, haltet durch, ich tue es auch! Gesine Völlm Kostümbildnerin, lebt mit ihrer Familie in Berlin übrigens: 2010 „Kostümbildnerin des Jahres“ (Zeitschrift Opernwelt)


weißt Du noch?

Faszinierendes Theater, tolles Erlebnis

Fürsten, Bürger und Soldaten (2004) im Forum am Schlosspark

Helden, Söldner, Deserteure (1992); Masken und Kostüme von Gesine Völlm

Was für Abenteuer! Wortabenteuer, Körperabenteuer, Musikabenteuer! Bei der Odyssee-Eroberung des Forums, von manchen als „Maultaschen-MET“ oder „Gönnenwein-Pagode“ begrüßt, durfte ich mit einer Schüler-Theatergruppe produktiv dabei sein, erlebte den von Rainer Kittel angeführten kreativen Prozess – Modell so vieler späteren überwältigenden Bürgertheaterstücke – hautnah mit. Die Proben, die Aufführungen: für die Jugendlichen, denen Nausikaa und die Phäaken und die Zauberin Kirke nahe kamen, ein Riesenerlebnis. Für mich als begeisterten Chronisten aller weiteren Kollektivstreiche jedes Mal eine tolle Erfahrung. Die Sponner-Kids unter der Platane/Weltesche im Hof der Karlskaserne beim Nibelungen-Prolog 2011. Die Migranten im Education-Camp und mit eriträischer Teezeremonie beim Vorspiel von Marat! 2007. Sarah Maria Sun als appetitliches Tortenpräsent für den Herzog in Fürsten, Bürger und Soldaten zum Stadtjubiläum 2004. Ein Freiheits-Rap hinter Gittern in der Mathildenka-

serne beim Schiller-Spaziergang 2005. Die schrägen Klänge des „Chorioso“-Ensembles bei der Revolution! in der Karlskaserne, die auch für Söldner, Helden, Deserteure ein ungeheuer packender Spielort war. Natürlich die großartigen Musiktheater-Aufführungen im Forum, die gewaltigen Chöre, Heike Hubers erfinderisch-phantasievolle Bühnenbilder und Kostüme, Siegfried Bauers inspirierende musikalische Koordination von Profis und Laien, die ausdrucksstarken Tanzensembles, so vieles mehr an faszinierenden Erinnerungen... Und über allem die Idee eines innovativen, Hunderte von Mitwirkenden zur hochgradigen künstlerischen Aktion zusammenschweißenden BürgerTheaters. Auf (mindestens!) weitere 25 Jahre! Dietholf Zerweck Kulturjournalist

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weißt Du noch?

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit (Karl Valentin) Carmina Burana • Revolution! • Messias • Alles Oper, alles Carmen • Fürsten, Bürger und Soldaten • DenkMal dieser Schiller • Marat! • Die Schöpfung • Liebe, Ehre, Drachenblut (Nibelungen 20.11) • Passion 2013 88

Heike Huber: Kostüme und Bühne beim BürgerTheater seit 1996


weißt Du noch?

Chorassistent Michael Čulo, Musikalischer Leiter Siegfried Bauer, Regisseur Rainer Kittel, Regieassistentin Christine Macco – Fürsten, Bürger und Soldaten (2004) 89


Großes Musiktheater zum 300jährigen Jubiläum von Schloss und Stadt Ludwigsburg im Forum am Schlosspark

MUSIK THEATER

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2004 MUSIK THEATER

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DenkMal dieser Schiller

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»Die ersten Jahre bestimmen vielleicht die Gesichtszüge des Menschen durch sein ganzes Leben, so wie sie überhaupt die Grundlage seines moralischen Charakters sind.«

200ster Todestag von Friedrich Schiller: Das BürgerTheater inszeniert an Originalplätzen seiner Kindheit (wie hier im Garten hinter dem Cottahaus einen Theaterspaziergang.

2005

Friedrich Schiller

DenkMal dieser Schiller

Jugendtheatergruppe der Kunstschule „Labyrinth“, Leitung Gabriele Sponner

Friedrich Schiller lebte als Kind zu jener Zeit in Ludwigsburg, als die junge Stadt eine der glanzvollsten Residenzen in Europa war. Der Hof unter Herzog Carl Eugen entfaltete vor allem in der Oper, der Musik und der Tanzkunst eine ver-

schwenderische Pracht, die ihresgleichen suchte. Die berühmtesten Sänger, Tänzer, Schauspieler und Komponisten gastierten und arbeiteten hier. In der Nähe des Schlosses stand eine Zeitlang das größte Opernhaus Europas.

Daneben lebte die Masse der Bürger meist in einfachsten Verhältnissen, war von Hunger bedroht und in ständiger Angst vor der Willkür eines der größten Tyrannen der damaligen Zeit. 93


„Verhältnisse, die mir zur Folter waren“ – Alltag in der Carlsschule

DenkMal dieser Schiller

Hauptprobe im Kostüm; im Gewächshausweg neben der Filmakademie mit „Chorioso“ 94


DenkMal dieser Schiller

Der kleine Schiller hält große Reden – Philipp Link, Jugendtheatergruppe der Kunstschule „Labyrinth“

Der Rap-Poet „Krieger“ alias Bryan Derek Sanderson

Daniela Pöllmann auf dem Rathaushof als Schiller-Verehrerin 95


Ungewöhnliche Wege…

… zu ungewöhnlichen Orten

DenkMal dieser Schiller

Ungewöhnliche Töne… 96

…und eine ungewöhnliche gigantische Organisationsleistung von Tina Gonsiorek (rechts) und ihrem Team der Tanz- und Theaterwerkstatt.


»Die Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark« Lehr-Skizzen für Schauspieler nach Goethe

Streetdance-Ensemble der Kunstschule Labyrinth

Flammen im Kopf

Was sagst du als Ludwigsburger dazu, dass man jetzt Schillers hin und wieder gespreizten Stil von den endlosen, einförmigen Ludwigsburger Straßen ableitet?

»Sterben ist der langen Narrheit Ende«

Von Götterplänen, Mäusegeschäften und der Flucht eines Denkmals

aus : Friedrich Schiller, Elegie auf den frühzeitigen Tod J. Chr. Weckerlins, 1782

David Friedrich Strauß an Friedrich Thoedor Vischer, 1843

O so klatschet! klatscht doch in die Hände, rufet doch ein frohes Plaudite! – Sterben ist der langen Narrheit Ende, in dem Grab verscharrt man manches Weh; Was sind denn die Bürger unterm Monde? Gaukler, theatralisch ausstaffiert Mit dem Tod in ungewissem Bunde, bis der Falsche sie vom Schauplatz führt: Wohl dem, der nach kurzgespielter Rolle seine Larve tauschet mit Natur, Und der Sprung vom König bis zur Erdenscholle Ist ein leichter Kleiderwechsel nur. Zieht dann hin, ihr schwarzen stummen Träger! Tischt auch Den dem großen Würger auf! (...) Erde mag zurück in Erde stäuben, Fliegt der Geist doch aus dem morschen Haus! Seine Asche mag der Sturmwind treiben, seine Liebe dauert ewig aus!

DenkMal dieser Schiller

Holt den Rock mir aus dem Schrank, wohlgebürstet muss er sein, denn ich geh zur Schillerfeier, und das Publikum ist fein. Secundus, 1905

Das Ende des Theaterspaziergangs am Schillerplatz –für das Programmheft als Collage vorweggenommen. Die Hofschranzen – Stelzentheater der Kunstschule „Labyrinth“, Figuren: Heike Huber. 97


DenkMal dieser Schiller

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„Mein Clima ist das Theater“ – Die Räuber im Ratskellergarten

Daniela Pöllman als Amalia und Carlo Benz als Franz Moor

DenkMal dieser Schiller

Thomas Weber als Karl Moor 99


DenkMal dieser Schiller

Projektionen: Kulturwelt e.V., Fabian Piwonka 100


DenkMal dieser Schiller

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weißt Du noch?

Bravo!

Nach meinen Jahren an der Kunstschule Labyrinth als Tanzpädagogin und Choreografin bekam ich 2002 zum ersten Mal die Anfrage von Rainer Kittel, mich an einer Produktion des BürgerTheaters zu beteiligen. Ich hatte Lust auf diese Herausforderung und dann das Glück, mit einer wunderbaren Company, bestehend aus alten und neuen Schülerinnen und einem Dutzend gutaussehender, brillanter Kunstturner aus Ludwigsburg den zweiten Akt von Fürsten, Bürger und Soldaten gestalten zu dürfen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nur Zuschauerin der mächtigen und kreativen Spektakel, die Hunderte von Ludwigsburger BürgerInnen auf wundersame Weise in der Kunst vereinten und mich regelmäßig in Staunen versetzten. Ich kannte und kenne kein vergleichbares Konstrukt. Die choreografische Arbeit an Fürsten, Bürger und Soldaten war erfüllend und beglückend, beinahe spielerisch und mit Leichtigkeit ließ sich mit den Tänzerinnen arbeiten. Die Turner machten mir mitunter das Leben schwer: Felgumschwünge und Flickflacks waren ihnen einfach geläufiger. Am Ende aber waren sie überzeugend in ihrem 102

stolzen Exerzieren und Teil einer hoch emotionalen Geschichte. „Sigi“ riefen sie beim Schlussapplaus. Heute noch muss ich darüber schmunzeln. Alle Arbeiten des BürgerTheaters haben Bilder hinterlassen, die ich nicht mehr vergesse, und ich vermisse schmerzlich Regine Lipp-Scherzer, die in diesen Bildern verewigt ist. Ich habe Hochachtung vor der Leistung des kreativen Teams rund um Rainer Kittel und bin dankbar, dass ich einmal dabei sein durfte. Die Stadt Ludwigsburg darf stolz sein auf ihre Akteure, ihre Künstler, auf das 25-jährige Bestehen eines einmaligen Bürgertheaters! Bravo, Bravo, Bravo! Sigrid Klausmann Tanzpädagogin/Choreografin bei der Musiktheaterproduktion Fürsten Bürger und Soldaten (2004), Dokumentarfilmerin


weißt Du noch?

Sturmerprobte Schwaben erobern im Sturm die Berliner Oper

Meine BürgerTheaterkarriere als Kostümbildnerin begann 1988 mit der Odyssee im Forum, machte 1990 Station in der Musikhalle, bei Lichter der großen Kleinstadt und endete 1992 in der Karlskaserne mit Söldner Helden Deserteure. Mit dieser Vita im Gepäck hat mich danach die Deutsche Oper Berlin engagiert und dies so begründet: „Wer aus Schwaben kommt und so etwas wie ein Bürgertheater macht, ist sturmerprobt und durch nichts zu erschüttern“. Sie hatten recht, ich bin dann in Berlin geblieben und profitiere noch heute von meinen frühen Berufs – und Lebenserfahrungen mit dem BürgerTheater. BürgerTheater im Forum und in der Karlskaserne war Arbeit an der Basis: Woher kommt der Strom? Kann man das Gebäude abschließen? Wer hat Tisch und Stuhl, um arbeiten zu können? Und es war eine ständige Putzstelle im täglichen Kampf gegen schmutzige Kostüme. Es war auch immer das Ermöglichen des Unmöglichen: woher bekommt man so viele Kostüme für so wenig Geld?

Für das Musikhallenprojekt haben wir Anzeigen geschaltet, um Zylinder und Vatermörder aus der Jahrhundertwende zu bekommen. Wochenlang bin ich durch Ludwigsburger Haushalte gezogen und habe mir Anekdoten angehört. Und andere dann, als ich dem zirka 40 Mann (waren das so viele?) starken Männerchor die „Vatermörder“-Kragen anzog, Fliegen band und Zylinder aufsetzte. Für die Odyssee im Forum bin ich tagelang über Flohmärkte gezogen und habe Schubkarrenladungen an Kleidung angekarrt, bis ich selbst Flöhe in der Wohnung hatte. In der Karlskaserne habe ich tagelang mit den Damen des Altentheaters diskutiert, warum Sie im Soldatenstück so olle, zerlumpte Kostüme tragen sollten. Und wenn dann Premiere war, habe ich fassungslos darüber gestaunt, wie es möglich ist, mit so einem kleinen Team solche Menschenmengen zu motivieren, zu koordinieren und zu begeistern. Inge Zysk 1988, 1990 und 1992 Kostümbildnerin der ersten drei BürgerTheater- Produktionen freie Theater-/Tanztheatermanagerin, Kostümbildnerin, Berlin 103


Jean -Pau l Mara t von Pete r Weis s Die Verfo lgun g und Ermo rdun g des E DUCATION C AMP K ARLS KASE RNE des darg este llt durc h die Insa ssen

MARAT!

in Szene geset zt vom

INFO & IDEE, LB

BÜRGERTHEATER LUDWIGSBURG

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29 • Vorspiel in den Zelten ab 19.30 um Karlskaserne • Hindenburgstraße

Beginn 20.00 Uhr • Kunstzentr

Do

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13. 15.

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21. 22. 23.

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28. 29. 30.

Fr

5.

OKT

'EFÚRDERT DURCH DIE 3TIFTUNG +UNST +ULTUR UND "ILDUNG

Gefördert durch das Regierungspräsidium Stuttgart

s +REISSPARKASSE ,UDWIGSBURG

&ACHBEREICH +UNST UND +ULTUR

Uhr

Sa

6.

OKT

Eintritt: 18.- / 10.- Euro VORVERKAUF:

92 05 14

� Tanz- und Theaterwerkstatt e.V.

FON 07141 • FAX 07141 90 11 07 E-MAIL bt@tanzundtheaterwerkstatt.de

� Buchhandlung Aigner

Arsenalplatz Ludwigsburg


Die täglichen Schlagzeilen über Hass und Intoleranz zwischen den Kulturen, über Krieg und Bombenterror, über den Karikaturenstreit und Selbstmordattentäter, und nicht zuletzt die allabendlichen Fernsehbilder der erschöpften afrikanischen Flüchtlinge an europäischen Urlaubsstränden prägten die Stimmung, in der dieses BürgerTheater-Projekt entstand. Eigentlich wollten wir ein fröhliches Multi-Kulti-Spektakel inszenieren, gemeinsam mit ausländischen Künstler/innen und Kulturgruppen, die vor Ort leben und arbeiten. Doch fassungslos und ratlos schauten wir auf den Wahnsinn in den Nachrichten, den Terror und die Globalisierung. Können wir, ja müssen wir nicht mit unserem Theater darauf reagieren, zumindest Dinge anreißen und in Frage stellen? Das sind doch eigentlich Stoffe, die aufs Theater drängen! In den Diskussionen des BürgerTheater-Vorbereitungsteams kristallisierte sich schließlich eine Idee heraus: ein Flüchtlingslager als Spielort, ein Migrations- und Integrationscamp im Ludwigsburg des Jahres 2030. Hier begegnen sich Flüchtlinge, Asylsuchende und Arbeitsmigrant/innen, aber auch Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – aus der Gesellschaft gefallen sind und nun wieder fit gemacht werden sollen, und zwar mit Kultur. Mit Musik, Tanz und Theater eben!

Gleichzeitig stießen wir auf Marat/Sade von Peter Weiss, einem Stück über die Französische Revolution und die Suche nach einer humaneren Gesellschaft (immer noch aktuell: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit!), von der wir heute im globalen Kontext immer noch meilenweit entfernt sind. Ein Stück über die Unvereinbarkeit von verschiedenen Ideologien und über die Intoleranz der Ideologen. Und ein Stück, das einem experimentierfreudigen Theater eine Form bietet, die alle theatralischen Spielweisen zulässt. Die Insassen des Camps sind in unserer Bearbeitung statt der Weiss’schen Irren im Hospiz von Charenton nun Migrant/innen verschiedener Nationen und andere „Probanden“ und spielen am „Tag der Offenen Tür“ für das interessierte Ludwigsburger Publikum das Stück des deutschen Dramatikers Peter Weiss.

2007

Ein Marat/Sade mit Migrationshintergrund

Mit der Eritreischen Gemeinde, dem türkischen Kulturverein LKM und dem russisch-deutschen Chor Météliza knüpften wir neue Kontakte und freuen uns nun über die Zusammenarbeit mit diesen Gruppen, die neben szenischen und musikalischen Beiträgen auch persönliche Geschichten und Erfahrungen in unser Stück einbrachten. Auch unser Schauspieler-Ensemble ist dieses Mal ganz international. Christine Macco

MARAT!

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türkischer Tee in der Pause

Im „Vorspiel“ servierte die Gruppe der eritreischen Eltern-Initiative in einer traditionellen Zeremonie frisch gerösteten Kaffee.

MARAT!

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MARAT!

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MARAT!

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MARAT!

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MARAT! Nicht immer erntet das BürgerTheater durchgängige Zustimmung für seine Inszenierungen…

Die Tanz- und Musikgruppe des türkischen Kulturvereins LKM

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MARAT!

Brian Garner (S채nger und Schauspieler) als Jaques Roux

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Daniela Pรถllmann als Charlotte Corday

Alexej Boris als Jean-Paul Marat

MARAT!

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Carlo Benz als Marqius de Sade

Irfan Kars als Duperret


MARAT!

Thomas Weber als Ausrufer; Darsteller des Jugendtheaters „Labyrinth“

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MUSIK THEATER

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2009

Musiktheater zum Oratorium von Joseph Haydn mit Neukomposition der Rezitative und Zwischenspiele f端r zwei Sprecherinnen und sechs Schlagzeuer von Klaus Sebastian Dreher

MUSIK THEATER

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Unsere Nibelungen

bürger

theater

ludwigsburg

INFO & IDEE, LB

Die Grundlage unserer Inszenierung ist Friedrich Hebbels Stück Die Nibelungen (1861), dessen Text wir allerdings für unsere Zwecke radikal eingestrichen haben. Nur ganz wenige Figuren stehen noch im Zentrum der Geschichte, am Wormser Hof ist das die engste Familie, bestehend aus den Geschwistern Kriemhild, Gunther und Giselher. Dann Hagen natürlich, aber kein Hunnenkönig Etzel, kein Dietrich von Bern, auch kein Kaplan, keine Nebenrollen und kein Hofstaat. Und wie immer beim BürgerTheater wird vieles nicht durch Sprache dargestellt, sondern mit Musik, Tanz, Film und Bildern verdichtet.

Liebe, Ehre, Drachenblut. NIBELUNGEN 20.11

Liebe Ehre Drachenblut

PREMIERE DO 15.9.2011 AUFFÜHRUNGEN SA 17.9. | FR 23.9. | SA 24.9. | SO 25.9. | FR 30.9. | SA 1.10. | SO 2.10. 2011 Beginn jeweils 20 Uhr

VVK 18,- | 10,- Abendkasse 20,- | 12,Kartenservice bei der Tanz- und Theaterwerkstatt Tel. 07141 920514 | info@tanzundtheaterwerkstatt.de www.tanzundtheaterwerkstatt.de sowie bei und print@home

Gefördert durch: In Kooperation mit

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Netzwerk Süd wird gefördert durch

Somit werden dann auch TänzerInnen, MusikerInnen und Choristen zum Hofstaat, zu Siegfrieds Recken oder zu Brunhilds Isländerinnen. Unsere Geschichte konzentriert sich ganz auf die für uns wesentlichen Motive der verratenen Liebe und Ehre. Und vor allem auf die Demütigung und Kränkung Kriemhilds und Brunhilds, deren Rache alles so fürchterlich enden lässt. Wie bei Hebbel stehen die beiden Frauen, die aufs Schlimmste betrogen und verraten werden, im Mittelpunkt. In den Sigurdsliedern der Edda oder in der nordischen VAlteölsunga-Saga wird von einer früheren Liebesgeschichte zwischen Siegfried und Brunhild erzählt. Auch Hebbel deutet diese an, gibt ihr allerdings kaum Raum und Bedeutung. Für uns ist sie jedoch eine wichtige Vorgeschichte, die dem Ganzen eine noch größere Tragik und Vehemenz verleiht. Von der Begegnung zwischen S. und B. wird in unserem 1. Akt erzählt, unsere Kinderdarsteller haben sie mit Texten und Motiven aus der Edda erarbeitet.


Aber nicht nur ihre starke Körperlichkeit und der Tanz als Ausdrucksmittel unterscheiden sie von den Burgundern, beide sprechen tatsächlich auch andere Sprachen. Brunhild spricht altisländisch, also in der Edda-Sprache. Siegfrieds Sprache ist die rumänische Muttersprache unseres Tänzer-Darstellers. Brunhild und Siegfried – das sind zwei Fremde in einer höfischen, „zivilisierten“ Gesellschaft, die sie nicht heimisch werden lässt und die sie schließlich sogar vernichtet. Christine Macco

2011

Nicht zufällig werden Siegfried und Brunhild von einem Tänzer und einer Tänzerin dargestellt, sie sind bei Hebbel wie bei uns Figuren aus einer germanischen Mythenwelt, die letzten Vertreter einer vorchristlichen Kultur. Brunhild als Walküre und Siegfried, durch sein Bad im Drachenblut unverwundbar, haben übermenschliche Fähigkeiten und sind noch einer heidnischen Götterwelt und der Natur verbunden.

Liebe Ehre Drachenblut

Alte Krieger – neue Krieger: Streetdance-HipHop-Projektgruppe / Tanz- und Theaterwerkstatt und „Labyrinth“

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Die Kinder der Nibelungen erzählen Geschichten von der Erschaffung der Welt.

Unter dem Weltenbaum Yggdrasill Liebe Ehre Drachenblut

Kindertheatergruppe der Kunstschule „Labyrinth“, Leitung Gabriele Sponner 118


Sebastian Petrascu als Siegfried …

Liebe Ehre Drachenblut

Thomas Weber als König Gunther

… und seine Recken (Streetdance-HipHop-Projektgruppe von TTW und „Labyrinth“ 119


Liebe Ehre Drachenblut

Grafitti-Künstler: Jan Haas alias Dingo Babusch 120


Liebe Ehre Drachenblut

Das Ensemble X spielt die eigens f端r das St端ck komponierte experimentelle Brunhild-Musik von Sergei Newski, einem in Berlin lebenden russischen Komponisten

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Liebe Ehre Drachenblut

Jens Okos als kleiner Bruder Giselher 122


Liebe Ehre Drachenblut

Daniela Pรถllmann als Kriemhild und Christine Chu als Brunhild 123


Alexej Boris (mit Glatze) als Hagen

Liebe Ehre Drachenblut

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Liebe Ehre Drachenblut

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Passion 2013 Musiktheater zu Passionsmusik von Johann Sebastian Bach in der Fassung von Robert Schumann

MUSIK THEATER

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2013

Bauprobe im Forum am Schlosspark, Oktober 2012

MUSIK THEATER

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weißt Du noch?

Was bleibt ? Das bleibt!

Was bleibt? Die Kreissparkasse kam auf die Idee, zu zählen. Und nun wissen wir: In 25 Jahren haben etwa 2500 Schauspieler, Sänger, Tänzer, Musiker und Medienkünstler vor über 60 000 Zuschauern in neun Theaterproduktionen und in fünf großen Musiktheaterproduktionen mitgewirkt! Das bleibt – im Gedächtnis und in der Erinnerung. Aber das bleibt auch: Ein dichtes Netz überzieht die Stadt und die Region Ludwigsburg/Stuttgart, ein Netzwerk, bestehend aus Menschen in Kulturgruppen, Theatergruppen, Theatern, Kunstschulen, Musikschulen, Schulen, Hochschulen und Vereinen, aus Schauspielern, Tänzern, Musikern, Sängern, Choreografen, Regisseuren, Kostüm- und Bühnenbildnern, Theaterpädagogen und, und… – sozusagen ein Kunst- und Theater-Netzwerk und eine Infrastruktur (bis hin zu einem eigenen großen Kostümfundus), die sich in

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der 25-jährigen Produktionsgeschichte des BürgerTheaters herausgebildet haben. Es ist dieses Profinetzwerk, von dem wir bei jeder neuen Produktion mehr profitieren können, das uns hilft, beispielsweise eine Besetzung oder ein Team für ein neues Stück oder Projekt zusammenzustellen, seinen es Schauspieler, Tänzer oder Sänger, aber auch Künstler wie Lichtdesigner, Kameraleute, Artisten, Maler oder wer auch immer. Aber es ist auch das Netzwerk der Unterstützer in Institutionen, in der Stadtverwaltung oder in der Wirtschaft. Und dann gibt es noch das andere Netzwerk , das wohl Typischste am BürgerTheater: Mitwirkende und Akteure sind immer wieder auch Publikum, und umgekehrt werden Zuschauer zu Schauspielern, Tänzern und Musikern. „Da singt ja halb Ludwigsburg mit!“ hieß es schon oft angesichts der Chormassen vor allem bei den Musiktheaterproduktionen.

Mein typisches BürgerTheater-Feeling in den letzten Jahren fühlt sich daher immer so an: Je näher wir den Endproben kommen, desto häufiger höre ich beim Einkaufen im Supermarkt oder auf dem Markt, in der Buchhandlung, in der ich arbeite, oder im Kino oder auf der Straße: „Haben wir uns nicht vorher im Kulturzentrum bei der Probe gesehen?! (Choristin) „ oder: „Na, seid Ihr gut vorbereitet für die Wochenendprobe in der Karlskaserne ?“ (Tänzerin). Und wenn’s dann vorbei ist, dann kommt – zum Beispiel im Freibad unter der Dusche oder bei der Ärztin! – meist schon die Frage nach dem nächsten Stück… Ja, man kann ihm eigentlich nicht entgehen, diesem riesigen Apparat namens BürgerTheater Ludwigsburg. Christine Macco


weißt Du noch?

Eine Odyssee mit dem BürgerTheater:

Die große Reise Es scheint, als hätte bereits unsere erste Produktion Odyssee orakelnd das Motto für die ganzen 25 Jahre BürgerTheater vorgegeben: Reisen und Abenteuer, Aufbruch zu neuen, unbekannten Ufern, Eroberungen und Triumphe, aber auch Stranden oder knappes Verfehlen, existenzielle Bedrohungen, Verlust von Kameraden und Finden von neuen Vertrauten, ja – und lange noch keine Heimkehr in Sicht. Nach der Eroberung des neuen „Forum am Schlosspark” 1988 mit unserer ersten großen Inszenierung kam dann zwei Jahre später die künstlerische Erforschung der bewegten Vergangenheit der Musikhalle am Bahnhof, und wieder zwei Jahre später die kreative Besetzung des späteren Kunstzentrums Karlskaserne. Es folgten Busreisen in die literarische Vergangenheit unserer Stadt, wir folgten Schillers Spuren, natürlich zu Fuß und unter freiem Himmel, und spürten denen von Carmen, Marat und Siegfried nach. Aber wir scheiterten auch:Theaterträume im leerstehenden Gefängnis, unter der Emichsburg oder in der Flakkaserne ließen sich nicht verwirklichen und zerplatzten an der gnadenlosen Realität und Macht des Faktischen.

Stattdessen aber neue und noch größere Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Siegfried Bauer und seinem riesenhaften Chor und Orchester. Fünf Mal – von Orffs „Carmina Burana“ 1996 bis zur Bachschen Passionsmusik 2013 begleiteten unsere szenische Visionen ungeahnte orpheische Klangwelten Genug schien nie genug: Ob Oper, Tanztheater, Breakdance, Paartanz, Schauspiel, Video, Kabarett, Material- oder Stelzentheater, ob klassiche, geistliche, mittelalterliche, experimentelle oder Neue Musik, ob Jazz, Rock und HipHop...... egal, Hauptsache es war spannend, passte oder rieb sich! Durch einen ganzen Ozean oder Kosmos an künstlerischen Mitteln reisten wir. Kaum scheint etwas zu vertraut, erschlafft die Begeisterung in Kalypsos Armen, und es treibt uns die unbändige Lust (oder Poseidons Zorn?) weiter, um wieder etwas ganz Anderes zu versuchen. Und so wird es auch weiter gehen. Was, wo und mit wem ist noch hinterm Horizont verborgen, aber es wartet, lauert und wir, das BürgerTheater-Ensemble, wir steuern ohne Furcht erwartungsvoll drauf zu. Rainer Kittel Künstlerischer Leiter des BürgerTheaters Ludwigsburg

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