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Schweiz am Sonntag, Nr. 46, 16. November 2014

MENSCHEN 17 |

Mit Bastian Baker im Flüchtlingslager Der Westschweizer Star singt die Hymne für die SRF-Spendenaktion «Jeder Rappen zählt». Eben war er in Jordanien ■ KOOPERATION MIT SRF

VON TANYA KÖNIG (TEXT UND BILDER)

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B

astian Baker kniet neben einer syrischen Familie. «Salam alaikum», begrüsst er den Mann im blauen Hemd und die Frau mit dem schwarzen Kopftuch. Der Übersetzer lacht und lobt den Schweizer Sänger für seine Aussprache. Die Familie sitzt im Schatten eines Baumes im Innenhof des Registrationszentrums der Hilfsorganisation Caritas in der jordanischen Hauptstadt Amman. Es herrscht eine surreale farbenfrohe Stimmung: Überall sitzen Frauen mit Kopftüchern mit ihren Kindern auf dem Arm. Ein Magazin-Fotograf schiesst Bilder und ruft: «Bastian, kannst du den Fuss des Säuglings halten?» Baker verzieht das Gesicht, ignoriert die Aufforderung. Stattdessen konzentriert er sich auf das Gespräch mit der Familie. Das sei ihm zu weit gegangen, erklärt er später. «Für mich ist das eine Herzensangelegenheit und ich will mich hier nicht als Wohltäter aufdrängen.» Der Sänger sitzt mittlerweile in einem kleinen Van auf dem Weg in die Altstadt von Amman. Dort wird er zwei syrische Familien besuchen, um ihre Geschichten zu erfahren. Gemäss Angaben der Vereinten Nationen ist fast die Hälfte aller Syrier auf der Flucht. Seit drei Jahren tobt die Gewalt im Land. Zehn Millionen Menschen sind aus Angst vor dem Assad-Regime und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ins Ausland geflohen. Viele Vertriebene suchen im benachbarten Jordanien Zuflucht vor den Kämpfen.

trümmerten Beinen und von ihren Liebsten, die vor ihren Augen umgebracht wurden. «Durch die Begegnung ist mir noch bewusster geworden, wie gut es uns eigentlich geht», sagt Baker. Später, auf dem Weg ins UNHCRFlüchtlingslager in Zaatari, erzählt der Sänger von seinen Zukunftsplänen. Seine Alben sind nicht nur in der Schweiz ein Erfolg, sondern sie stehen auch in Tokio und Bangkok in den Regalen. Doch Alben werde es keine mehr geben, sagt er. «Ich habe mich entschieden, nur noch einzelne Songs zu veröffentlichen. Heutzutage kaufen sich die wenigsten Alben» – und das, obwohl seine zweite Platte «Too Old To Die Young» soeben mit Platin ausgezeichnet wurde.

BAKER, DER AM MORGEN aus Bahrain an-

gereist war und in zwei Tagen bereits in London sein muss, versteckt seinen müden Blick hinter einer Ray-Ban-Sonnenbrille. Er ist zum ersten Mal im Nahen Osten. In Bahrain hatte er auf einem internationalen Musikfestival vor 1500 Leuten gespielt. «Ich hatte das Gefühl, ich würde eine Revolution führen», sagt er und zieht seine Sonnenbrille aus: «Kennst du diese Youtube-Videos, in denen eine Grossmutter am Schluss auf einem Tisch tanzt? Diese Art von Steigerung habe ich in Bahrain gespürt!» Er schwärmt vom verrückten Publikum, von ausverkauften Alben nach dem Konzert und wie er eineinhalb Stunden lang Autogramme verteilen musste. «Viele Leute fragen mich, weshalb ich mich nicht auf die USA oder England konzentriere, aber diese Märkte sind bereits gesättigt. In Asien oder hier im Nahen Osten sind die Leute offen für Neues. Ich liebe diese Unvoreingenommenheit!» Baker, die Gitarre um die Schulter gehängt, folgt dem Caritas-Mitarbeiter INSERAT

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Bastian Baker hat für die 6. Ausgabe der SRF-Sammelaktion den offiziellen Song «Leaving Tomorrow» beigesteuert, dessen Einnahmen an «Jeder Rappen zählt» gehen. Das Musikvideo dazu ist letzten Donnerstag veröffentlicht worden. Dieses Jahr soll das Geld Familien auf der Flucht unterstützen. Um den Spendern zu zeigen, wohin dieses fliesst, war der 23-jährige Sänger zusammen mit SRF3-Moderator Philippe Gerber in Jordanien unterwegs. Dort haben sie die Tätigkeiten der Hilfswerke Caritas, Handicap International und Terre des Hommes besucht. Die dort gedrehten Beiträge werden vom 17. bis 23. Dezember auf SRF zwei und online auf www.srf3.ch gezeigt.

Bastian Baker zu Besuch bei syrischen Flüchtlingen in der jordanischen Hauptstadt Amman.

durch enge Gassen, Kinder rennen vorbei. Die Häuser aus Lehm sind hellbraun, ihre Dächer flach. Ab und zu erkennt man neugierige Gesichter, die zwischen den Wäscheleinen hindurch blicken. Ob es ihm nicht mulmig war, hierherzukommen? «Meine Schwester hatte sich Sorgen gemacht, dass ich hierherkomme», sagt er. Sie habe ihren Geografie-Lehrer sogar gebeten, ihm ein E-Mail zu schreiben, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. «Doch der Lehrer meinte nur, ich solle gehen, das Land sei sicher», sagt Baker und zeigt sein verschmitztes Lachen. DIE WOHNUNG der syrischen Flüchtlingsfamilie in der Altstadt Ammans besteht aus zwei Räumen und ist spartanisch eingerichtet. Die einzige Sitzgelegenheit

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Für mich ist das eine Herzensangelegenheit und ich will mich hier nicht als Wohltäter aufdrängen.»

POPSTAR BASTIAN BAKER ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ●

sind die dünnen Matten auf dem Betonboden des Wohnzimmers, das in der Nacht zum Schlafzimmer wird. Die vierköpfige Familie sitzt in einer Ecke, erzählt vom Krieg in ihrer Heimat. Sie seien nach Jordanien geflüchtet, nachdem die fünf Nachbarskinder erschossen worden seien. Eine Stille füllt den Raum. Dann erzählt der Vater, 31, dessen Gesichtszüge ihn wie

40 aussehen lassen, leise weiter. Bastian hört zu. Danach tut er das, wofür er bekannt ist. Er packt seine Gitarre aus und singt den neuen Spendensong «Leaving Tomorrow» – ein Lied über Verlust und Hoffnungslosigkeit. Es ist ein Moment, der allen für einen Augenblick ein Lächeln ins Gesicht zaubert und ein kurzes Gefühl der Leichtigkeit vermittelt. Die Mutter sagt, sie habe die Wörter zwar nicht verstanden, aber sie konnte nachfühlen, worüber er sang. Draussen unter der Mittagssonne kneift er sich die Augen zu. Er habe noch nie eine solche Situation erlebt. Er könne sich nicht vorstellen, was die Familie alles durchmachen musste. Sie erzählen von ihren von Bomben zerstörten Häusern, ihren von Steinen zer-

EINIGE SZENEN für das Musikvideo für den neuen «Jeder Rappen zählt»-Song «Leaving Tomorrow» dreht Baker auf einer Anhöhe im Flüchtlingslager in Zaatari. Seine schwarzen Stiefel wirbeln den trockenen Wüstensand auf. Wohin das Auge reicht, sieht man Zelte und weisse Container, in denen rund 80 000 syrische Flüchtlinge wohnen. Keine Viertelstunde nach Drehbeginn steht eine Schar Kinder auf der Strasse. Ein Junge, barfuss, hellblaues T-Shirt, macht den Handstand. Bastian zögert keine Sekunde, zieht seine Lederjacke aus, macht mit. Sie lachen. Als der Tross später durch die sandige Landschaft zurück nach Amman fährt, denkt Baker noch immer an den Handstand zurück: «Der beste Moment heute war, als die Kinder von sich aus auf uns zugekommen sind.» Solche Interaktionen, wie jene mit dem Jungen zeigen ihm, dass man auch in kurzer Zeit eine Beziehung schaffen könne. Ihm gehe es darum, dass Menschen anderen Menschen helfen. «Deshalb musiziere ich auch. Musik bringt uns zusammen.» Das soll auch sein Spendensong bewirken.

Mit Bastian Baker im Flüchtlingslager  

Reportage über die Reise von Bastian Baker nach Jordanien und seinem Einsatz für die SRF-Spendeaktion "Jeder Rappen zählt" in Zusammenarbeit...

Mit Bastian Baker im Flüchtlingslager  

Reportage über die Reise von Bastian Baker nach Jordanien und seinem Einsatz für die SRF-Spendeaktion "Jeder Rappen zählt" in Zusammenarbeit...

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