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DAS MAGAZIN DER HAMBURG TEAM GRUPPE

Projektentwicklung V O G E LW E I D E SARTORIUS QUARTIER PAU L I H AU S

Investment Management W O H N E N I M A LT E R F O N D S KO N Z E P T WO H N E N 70+

Property Management FIRMENGRÜNDUNG

Urbanes Leben S TA D T T E I L S T. PA U L I FREIRÄUME

Teamarbeit DIE INVESTMENT MANAGER

Rückblicke BEI DEN MÜHREN


Vorwort S TA D T P L A N

Synergien nutzen engen Marktes interessante Grundstücke an­ kaufen konnten. Etwa die Hälfte des aktuell in Planung befindlichen Projektvolumens bezieht sich auf Projekte, die sich außerhalb unseres Heimatmarktes Hamburg befinden. Als sehr hilfreich bei der deutschlandweiten Grundstückssuche sowie bei der Projektent­ wicklung erweisen sich hierbei die Synergien zwischen der Projektentwicklung und dem Investment Management, die wir zunehmend nutzen. Auf diese Weise können wir heute ganzheitlicher mit unseren Investoren zusam­ menarbeiten – eine, wie wir finden, im aktuel­ len Marktumfeld für beide Seiten gewinnbrin­ gende Entwicklung. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen unserer neuen Magazinausgabe!

Weiteres Unternehmenswachstum, die Akqui­ sition neuer Grundstücke, umfangreiche Planungsarbeit und die Entwicklung neuer Fondskonzepte haben in den vergangenen zwölf Monaten die geschäftlichen Tätigkei­ ten der HAMBURG TEAM Gruppe geprägt. Zusammen mit unseren Joint-Venture-Part­ nern haben wir derzeit ca. 3.000 Wohnungen in der Planung / Projektierung, widmen uns aber auch wieder verstärkt gewerblichen Bau­ steinen wie Bürogebäuden, Hotels und Ein­ zelhandelsflächen. Bei so viel Planungsarbeit haben wir uns gefreut, dass wir nach längerer Zeit wieder einen Grundstein legen konnten, und zwar für unser Projekt an der Vogelweide in Hamburg-Barmbek. HAMBURG TEAM ist inzwischen auch überregional an verschiedenen Standorten in Deutschland tätig, wo wir trotz eines sehr

Nikolas Jorzick, Christoph Kleiner, Peter Jorzick

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Inhalt S TA D T P L A N

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Projektentwicklung V O G E LW E I D E

Wohnen mit Mobilitätsvorteil ist das zentrale Thema dieses Neubauprojektes im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd.

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Projektentwicklung P A U L I H A U S

Das Paulihaus ist aktuell unser persönlichstes Projekt. Hier bauen wir im Rahmen einer Baugemeinschaft für uns selbst.

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Investment Management DEMOGRAFISCHER WANDEL

Neues Fonds-Konzept zum Thema »Wohnen 70+«.

Projektentwicklung SARTORIUS QUARTIER

Göttingens derzeit größte Quartiersent wicklung entsteht auf dem früheren Werksgelände der Sartorius AG.

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Property Management NEUES UNTERNEHMEN

Zum 1. Januar 2018 hat unter dem Dach der HAMBURG TEAM Gruppe die Hamburg Team  Property Management GmbH ihre Arbeit aufgenommen.


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Urbanes Leben S T .   P A U L I

Überdimensionierte Partymeile, Touristen-Hotspot, Heimat des FC St. Pauli und urbanes Dorf. In St. Pauli liegt vieles dicht nebeneinander.

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News

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Impressum

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Urbanes Leben F R E I R Ä U M E

Öffentliche Freiräume prägen das Gesicht einer Stadt. Dabei geht es um mehr als Grünanlagen, Plätze und Parkbänke. Städte müssen hier neue Wege beschreiten und den Begriff »Freiraum« neu definieren.

Teamarbeit INVESTMENT MANAGEMENT

Im dritten Jahr am Start und in jeder Hinsicht deutlich gewachsen.

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Rückblicke B E I D E N M Ü H R E N

Das Bürogebäude Bei den   Mühren 1 wurde sorgfältig und im wahrsten Sinne des Wortes mit Weitsicht revitalisiert und ist heute zeitloser denn je.


HERZ V N BARMBEK


Projektentwicklung V O G E LW E I D E

Wohnen mit Mobilitätsvorteil ist das zentrale Thema dieses Neubauprojektes im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd. Hier fährt die Bahn direkt bis vor die Haustür.

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euen Wohnraum mit guter Anbindung an das öffentliche Nahverkehrssystem zu schaffen wird in wachsenden Städten wie Hamburg immer schwieriger. Im Stadtteil Barmbek-Süd, der sich gerade zu einem beliebten Wohnstandort entwickelt, gelingt dies zwischen Vogelweide und U-Bahn-Station Dehnhaide sehr gut. An der kleinen Straße Vogelweide entstehen derzeit 147 Wohneinheiten. Die Nähe zum Stadtzentrum, zum Stadtpark und zur Alster, die Lage zwischen den Kanälen Osterbek im Norden und Eilbek im Süden mit so manch idyllischem Plätzchen sowie ein beträchtliches kulturelles Angebot, das sich u. a. auf zahlreichen Kleinkunstbühnen zeigt, machen den Standort zusätzlich attraktiv. Und im Gegensatz zu Barmbek-Nord ist hier noch Raum für städtische Nachverdichtung. Die Möglichkeit hierfür ergab sich in Form eines ausgedienten P+R-Parkplatzes. Dieser erfüllte nicht mehr

FA K T E N

Lage Hamburg-Barmbek Vogelweide 33–37 Grundstück ca. 5.600 m² Projektvolumen ca. 13.000 m² BGF Architektur APB. Architekten, Hamburg Leistungen Baurechtschaffung (vorhabenbezogener Bebauungsplan Barmbek-Süd 35), Neubau von geförderten und frei finanzierten Mietwohnungen sowie Eigentumswohnungen mit einer Tiefgarage Projektierung 2011–2017 Bauzeit 2017–2020

Neuer Backstein trifft auf alten an der Vogelweide.

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Dehnhaide

Vogelweide Hamburger Sraße

Mundsburg

Außenalster

Uhlandstraße

1 Lübecker Straße Lohmühler Straße

Hauptbahnhof

Berliner Tor

1: Terrassenhäuser auf dem heutigen Baugrundstück vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Haus an der gegenüberliegenden Straßenseite ist erhalten geblieben. 2: Wiederaufbau mit Zeilenhäusern an der Vogelweide. Das Grundstück (schraffiert), zum Teil mit Garagen be-

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baut, wurde damals als Parkraum genutzt.

2. Förderweg erstellt, hiervon wiederum 17 als geförderte barrierefreie Seniorenwohnungen. Der gesamte Mietwohnungsbaustein wurde bereits in den Fonds HAMBURG TEAM Urbane WohnWerte eingebracht, der die Wohnungen langfristig halten und managen wird. Damit ist es das erste Neubauvorhaben, das im Rahmen der HAMBURG TEAM Gruppe von der Projektentwicklung erstellt wird und vom Investment Management angekauft wurde. Die Neubauten nach dem Entwurf von APB.Architekten sind als zusammenhängender Baukörper mit fünf bis sieben Geschossen geplant. Sie erhalten zu den Außenseiten Ziegel- und zum Hof hin Putzfassaden und nehmen damit Bezug auf das städtische Umfeld. Die Anlage lässt begrünte Gartenhöfe für die künftigen Nutzer entstehen. Parkraum wird in einer Tiefgarage geschaffen, der Baumbestand in die Außenraumplanung integriert. Der Baukörper stellt einen Lückenschluss zwischen den bestehenden Gebäuden an der Vogelweide her und nutzt den Innenraum für die Schaffung wei-

die Anforderungen, die das 2013 vom Senat in Auftrag gegebene Entwicklungskonzept für P+R-Parkplätze festgelegt hatte. Danach sollte künftig der Pendlerverkehr möglichst bereits am Stadtrand auf den öffentlichen Personennahverkehr verlagert werden. Die Aufgabe des Parkplatzes schuf daher neue Möglichkeiten für den Wohnungsbau in dieser zentralen Lage. Neben den zwei Teilgrundstücken, die von der Stadt Hamburg angekauft wurden, konnten zwei weitere private Grundstücke erworben werden, auf denen lediglich Garagen standen. In Summe dauerte es jedoch etwa fünf Jahre, um diese brachliegenden Flächen zu reaktivieren. Ein Beispiel dafür, wie zeitintensiv und komplex es heute oft ist, überhaupt erst einmal die Grundvoraussetzungen für den Wohnungsbau in innerstädtischen Lagen herzustellen. Von den 147 Wohneinheiten werden nur 46 Wohnungen zum Kauf angeboten, 101 entstehen als Mietwohnungen. Davon sind 57 frei finanziert und 44 werden im 1. und

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Beste Verkehrsanbindung Ăźber die Bahnlinie U3. In nur zehn Minuten zum Hauptbahnhof


DREI FRAGEN AN

KLUGE BAULOGISTIK

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Was ist für Sie das Wichtigste, damit eine Baustelle funktioniert? Das sind immer die Leute. Natürlich müssen zunächst jede Menge Unterlagen zu einem umfangreichen Vertrags­ werk zusammengefügt wer­den, um eine solide Basis für die Arbeit auf der Baustelle zu schaffen. Aber letztlich basiert der Bauprozess dann auf einer Interaktion zwischen Menschen, und wenn die nicht klappt, dann funktioniert die Baustelle auch nicht. Hier läuft die Zusammenarbeit zwischen HAMBURG TEAM und uns sehr gut. Beide Teams arbeiten sehr vorausschauend. Das ist ein großer Vorteil, denn so können Pro­bleme frühzeitig erkannt und aus dem Weg geräumt werden.

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Welche Herausforderungen bringt die Baustelle an der Vogelweide mit sich?

Neben den Themen Erschütterungs- und Schallschutz haben wir es hier mit einer anspruchsvollen Baulogistik zu tun, denn wir haben relativ wenig Platz für Andienung und Lagerung von Materialien. Direkt an der Vogelweide ist kein Platz, daher sitzt die Bauleitung in Containern im Hofbereich hinter den Bahngleisen und hat keinen Sichtkontakt zur Baustelle. Wir überlegen gerade, einen externen Logistiker zu beauftragen, der die Nach­ unternehmerkontrolle und die Andienung vorn an der Baustelle für uns koordiniert. Die Vogelweide ist eine kleine Straße mit viel Anwohner­ parken. Da muss man auf­ passen, dass das Beund Entladen nicht gleich die ganze Straße blockiert.

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Was gefällt Ihnen baulich an dem neuen Gebäude?

Zur Straße hin wird der Blockrand geschlossen, es gibt aber gleichzeitig den Durchgang zur Hochbahn. Ich finde es ganz charmant, dass auf diese Weise ein halböffentlicher Raum ent­ steht. Das lockert so ein Bauvorhaben etwas auf. Da­rüber hinaus ist die abge­ rundete Ecke an der Fassade zur Hochbahn mit ihrem verti­ kalen Fenster­band über alle Etagen ein schönes Detail und ein toller Blickfang für den vorbeigehenden Fußgängerverkehr.

Eike Hestermann ist Architekt und Leiter des KompetenzCenters Wohnungsbau bei der Köster GmbH, die als General­ unternehmer für den Bau der Wohnungen zuständig ist. Das Unternehmen ist deutschlandweit vertreten und gehört zu den führenden Anbietern der Bauindustrie im Hoch- und Tiefbau sowie im Tunnelbau.

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Blick in die Zukunft: lichte Wohnräume mit Ausblick zum Innenhof

mit denen der Neubau in Hinblick auf die besondere Nachbarschaft versehen wird. Am Ende bleibt der Vorteil, dass man durch den direkten Bahnanschluss in rasanten zehn Minuten am Hauptbahnhof ist und Nachtschwärmer – zumindest am Wochenende – kein Taxi brauchen, weil sie sich darauf verlassen können, jederzeit mit der U-Bahn sicher nach Hause zu gelangen.

teren Wohnraums. Den gab es hier in deutlich höherer Dichte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, als dort hinter den Häusern, die direkt an der Vogelweide lagen, Terrassenhäuser standen. Die Neubebauung schreibt sozusagen das Thema Wohnen an dieser Stelle fort. Deutlich zum Besseren verändert haben dürfte sich seitdem die akustische Präsenz der Bahnlinie U3, deren Trasse ab 1906 gebaut und 1912 eingeweiht wurde. Heute ist die Haltestelle Dehnhaide fast komplett überdacht, und die modernen Züge fahren deutlich leiser als damals. Damit das Plus an Mobilität sich nicht in einem Minus an Wohnkomfort niederschlägt, sehen die Wohnungsneubauten spezielle Erschütterungs- und Schallschutzmaßnahmen sowie eine hochwertige Verblendfassade am zur Bahn hin gelegenen Gebäudeteil vor. Eine zwischen Bahnlinie und Neubau in den Boden eingebrachte Bohrpfahlwand mit einer elastischen Zwischenschicht sorgt dafür, dass die Erschütterungen der Bahnlinie nicht auf den Neubau übertragen werden. Schallschutzmaßnahmen wie vorgelagerte Prallscheiben, die Geräusche sprichwörtlich »abprallen« lassen, schallabsorbierende Laibungen und Fenster mit Parallelabstellbeschlägen, die ein Lüften ermöglichen, ohne den Schall mit in den Innenraum zu holen, sind nur einige der Maßnahmen,

Künftige Verbindungsachse von der Vogelweide zur U-Bahn-Station

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Rückblicke WOHNEN  & ARBEITEN

Göttingens derzeit größte Quartiersent­wick­ lung entsteht auf dem geschichtsträchtigen früheren Werksgelände der Sartorius AG. Mit einer breiten Funktionsmischung setzt sie neue Impulse in der Nordstadt.


Projektentwicklung SARTORIUS QUARTIER

SARTORIUS QUARTIER

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stellt. Die Nordstadt, die an den Stadtbezirk Innenstadt anschließt, zeichnet sich durch ihre zentrale Lage, die Nähe zum Hauptbahnhof, der in weniger als zehn Minu­ ten mit dem Auto zu erreichen ist, und die Nähe zu den verschiedenen Universitätsbereichen aus. Mit etwa 130.000 Einwohnern ist Göttingen seit dem 18. Jahrhundert stark durch Bildung und Forschung ge­ prägt und als Universitätsstadt bekannt. 1734 gründete Georg II., König von England und gleichzeitig Kurfürst von Hannover, die Georg­August­Universität, die 1737 eröffnet wurde. Sie diente konsequent den Zielen der Aufklärung – die wissenschaftliche Forschung war von der theologischen Zensur befreit –, und binnen kurzer Zeit gehörte sie zu den größeren Universitäten Europas. Im Umfeld der naturwissenschaftlichen Institute siedelten sich Werkstätten an, die für die Ausrüstung der Ins­ titute mit Instrumenten beziehungsweise die Reparatur

as rund 2,3 ha große Gelände an der Ween­ der Landstraße war fast 120 Jahre lang der Stammsitz der Sartorius AG, die – von Florenz Sartorius als Werkstatt für Feinmechanik gegründet – heute ein weltweit agierender Konzern ist. Nachdem das Unternehmen sprichwörtlich langsam aus seinem Gelände herauswuchs, erfolgte im vergangenen Jahr der vollständige Umzug auf das neue Firmengelände im Stadtteil Grone. Bereits mehrere Jahre zuvor hatten sich die Stadt und Sartorius gemeinsam mit den Optionen für die Nachnutzung des Areals beschäftigt und einen städtebaulichen Wettbewerb ausgelobt. Dessen Ergeb­ nisse wurden in einem Masterplan festgehalten, der die Nutzungsmischung für das neue Quartier festlegt. Ziel war es, einen anspruchsvollen städtebaulichen Rahmen zu definieren, der eine zukunftsfähige Entwicklung dieses neuen Quartiers in der Nordstadt Göttingens sicher­

Wohnen am Sartorius Quartier in der Annastraße

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FA K T E N

Satorius Quartier

Universitätsmedizin Göttingen

Lage Göttingen-Nordstadt zwischen Daimlerstraße, Annastraße und Weender Landstraße Grundstück ca. 23.115 m² Projektvolumen ca. 44.680 m² BGF

Universität Göttingen

Architektur Architektur/ Masterplanung: HKA Architekten Berlin Bieling Architekten, Kassel Grüntuch Ernst Architekten, Berlin

Göttingen Hbf

INNENSTADT Das neue Sartorius Quartier liegt nah dem Hauptbahnhof und den Universitätsstätten.

Büro Kita und Wohnen

Leistungen Entwicklung eines neuen gemischt genutzten Quartiers, Sanierung bestehender Gebäude, Neubau von Gebäuden für Wohn- und gewerbliche Nutzung Projektierung 2016 – 2019 Bauzeit 2019 –2022

Hotel Büro / Werkstätten

Life Science Factory Wohnen Smart Appartments

Wohnen

Der Funktionsplan zeigt, wie sich die verschiedenen Nutzungen auf dem Gelände verteilen.

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KLEINE SARTORIUSGESCHICHTE

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1870 Florenz Sartorius gründet eine »Feinmechanische Werkstatt«. 1898 Umzug an die Weender Landstraße, damals Weender Chaussee 1904 Werkserweiterung durch eine große Halle mit Sheddächern 1905 Die 10.000. Analysewaage wird ausgeliefert. 1927 Gründung der Membranfiltergesellschaft m.b.H. durch die Sartorius-Werke A.G. gemeinsam mit dem Chemiker und Nobelpreisträger Richard Zsigmondy

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1946 Sartorius veröffentlicht ein »Verfahren des Nachweises von Colibakterien«. Damit lässt sich die Membranfiltertechnik bei der Trinkwasseraufbereitung einsetzen. 1963 Baubeginn für das neue Bürogebäude. Mehrere Ausbaustufen folgen bis in die 1970er-Jahre. 1971 Die Nanogrammwaage trägt Sartorius den Weltrekord für die präziseste Messung ein. 1975 Erste Präzisionswaage mit Mikroprozessorelektronik 1976 Erste prüfbare Filterkerze mit plissiertem Membranfilter 1990 Die Sartorius AG geht an die Börse. Inbetriebnahme des neuen Standorts Göttingen-Grone 1994 Der Monolith, das aus einem Block gefräste Hebelsystem, ersetzt die Montage von bis zu 150 Einzelteilen der Wägesysteme. 2001 Neugliederung in drei Sparten. Erweiterung des 1990 in Betrieb genommenen Standortes 2017 Die letzten Mitarbeiter ziehen aus dem Alten Werk aus. Quelle: »Herausgewachsen aus dem Alten Werk«, Sartorius AG, 2017.

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1: Arbeiter verlassen das Werksgelände an der Weender Landstraße, Ende der 1950er-Jahre. 2: Mit der kurzarmigen Analysewaage verkürzt Florenz Sartorius lange Wägezeiten. 3: Das frühere Werksgelände aus der Luft betrachtet. Die Gebäude im Zentrum bleiben bestehen und werden saniert.

von Geräten sorgten. In diesem Kontext eröffnete auch Florenz Sartorius 1870 seine Werkstatt für Feinmechanik. 1872 übernahm er das Ladengeschäft des aus Göttingen wegziehenden Mechanikers Lambrecht und gründete 1898 seinen Produktionsbetrieb an der Weender Land­ straße, die damals fast noch auf der grünen Wiese lag. Der Geschäftsbetrieb war erfolgreich und führte zu ständigen Erweiterungen der Werkstatt. Die notwendigen Investi­ tionsmittel hierfür kamen aus dem zusätzlichen Handel mit allerlei laborfremden Artikeln, wie z. B. Bestecken. Zahlreiche Erfindungen, Firmenübernahmen und der Einstieg ins internationale Geschäft sowie dessen stetiger Ausbau bilden die Meilensteine der Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens, das 1990 an die Börse ging. Der vom Büro Holzer Kobler Architekturen stam­ mende Masterplan für die Nachnutzung des ehemali­ gen Werksgeländes weist die Bausteine Wohnen, flexible Arbeitswelten, Hotel, Smart Apartments und Gewer­ be aus. Der historische Kern des Areals bleibt erhalten. Dort werden zwei alte Backsteingebäude und der Turm restauriert und in ihre frühere Pracht zurückversetzt. Von der Sheddachhalle, die früher Produktionsstätte war, bleibt die südliche Fassade als historische Mauer erhal­ ten, ansonsten wird ein Neubau an ihre Stelle treten. Hier könnte der Gesundheitscampus, der seit 2016 bereits auf dem Gelände verschiedene Studiengänge anbietet, seine endgültigen Räumlichkeiten beziehen. In einem Neubau nebenan will die Life Science Factory junge Gründer mit geeigneten Labor­/Forschungsräumen und einem ent­ sprechenden Netzwerk bei der Entwicklung ihrer Ideen unterstützen. Um diesen Kern herum, dem eine hohe identitäts­ stiftende Funktion im Quartier zukommt, da er die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, siedeln sich die Themen Wohnen, Hotel und Smart Apartments sowie Gewerbe an. In einem der Wohngebäude wird zudem eine Kindertagesstätte entstehen. Für Hotel


INTERVIEW

Bilden – Gründen – Wohnen Sartorius-Chef Dr. Joachim Kreuzburg spricht im Interview darüber, wie er sich die Zukunft des neuen Quartiers vorstellt. Der Universitätsmechanikus Florenz Sartorius gründete 1870 in Göttingen die Feinmechanische Werkstatt F. Sartorius. Wofür steht der Name Sartorius heute? Florenz Sartorius entwickelte vor fast 150 Jahren neue, innovative Laborinstrumente und tat dies in sehr engem Austausch mit Anwen­ dern und Kunden. Zunächst waren das Wissenschaftler der Göttinger Universität. Der klare Kundenfokus

und die Ausrichtung auf innovati­ ve Lösungen prägen Sartorius bis heute. Inzwischen sind wir stark auf die Biopharmabranche ausge­ richtet. Mit unseren Produkten und Systemen können neue Medika­ mente schneller und kostengünsti­ ger entwickelt und hergestellt werden. Letztlich tragen wir so dazu bei, dass mehr Menschen Zugang zu innovativer und bezahl­ barer Medizin erhalten.

Die Sheddachhalle mit ihren markanten Dächern

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Knapp 120 Jahre saß Sartorius an der Weender Landstraße, mehrfach wurde um- und angebaut. Einige Gebäude auf dem Areal bleiben für die Zukunft erhalten und werden gerade saniert. Welche sind das, und was passierte früher in diesen Gebäuden? Der von uns gemeinsam mit der Stadt Göttingen entwickelte Master­ plan sieht vor, den historischen Kern im Wesentlichen zu erhalten – zwei Backsteingebäude, den Turm und die Sheddachhalle. Die Sil­ houette des Sheddaches findet sich übrigens auch im Logo des Quar­ tiers wieder. Die Sheddachhalle diente 120 Jahre lang in ganz unter­ schiedlicher Weise als Produkti­ onsgebäude, früher standen dort Dampfmaschinen, zuletzt wurden dort Laborwaagen montiert, und auch die Lehrwerkstatt war dort. In den weiteren Gebäuden waren im Verlauf der Geschichte ganz ver­ schiedene Nutzungen unterge­ bracht, von der Filterproduktion


Dr. Joachim Kreuzburg steht seit 2003 an der Spitze der Sartorius AG.

über Marketing bis zum Personal­ bereich. Die vielen Nutzungsände­ rungen führten natürlich laufend zu Umbauten und Erweiterungen und haben dementsprechend viel­ fältige Spuren hinterlassen. Im Rah­ men der Sanierungsarbeiten wur­ den mittlerweile die ursprünglichen Backsteinfassaden der Gebäude wieder herausgearbeitet, aber ohne diese Spuren zu überdecken. Das ge­ meinsame Verständnis von Sartorius und HAMBURG TEAM über den qualitativ und inhaltlich angemesse­ nen Umgang mit der alten Bausubs­ tanz spielt dabei eine große Rolle. Die Nachnutzung des Standortes ist für Sie eine Herzensangelegenheit. Was ist Ihnen bei der Gestaltung des neuen Sartorius Quartiers besonders wichtig? Das Sartorius Quartier soll für Qua­ lität, Vielfalt und neue Ideen stehen. Mit dem Leitbild Bilden, Gründen, Wohnen setzen wir beim Sartorius Quartier auf einen lebendigen Mix

aus modernen Konzepten und Nut­ zern: Unsere Life Science Factory wird vor allem Gründer aus dem universitären Umfeld anziehen und eine völlig neue Arbeitsumgebung anbieten. Ich freue mich sehr, dass mit dem Gesundheitscampus schon heute viele Studierende das Areal nutzen und das Unternehmen Otto­ bock mit innovativen gesundheits­ bezogenen Aktivitäten vertreten sein wird. Im Bereich Wohnen wird ebenfalls keine Monostruktur vor­ handen sein, sondern ganz unter­ schiedliche private und gewerbli­ che Angebote, sodass ein ganztägig belebtes Quartier entsteht. Und schließlich wird es eine spannende Mischung von alter und moderner Architektur geben, verbunden mit viel Grün in attraktiver uniund zentrumsnaher Lage. Über die geplant Life Science Factory wird Sartorius auch weiterhin aktiv mit dem früheren Werksgelände verbunden bleiben.

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Was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept? Die Life Science Factory wird Raum und Unterstützung für Forscher, Gründer und junge Firmen bieten, die ihre ersten Schritte außerhalb der akademischen Institutionen gehen wollen. Flexible und offen gestaltete Labor-, Büro- und Veran­ staltungsflächen als dynamischer Nährboden, um Neues auszupro­ bieren und Kontakte und Erfahrun­ gen mit Gleichgesinnten zu teilen. Zudem werden wir in der Life Science Factory mit lokalen Partnern wie Hochschulen, Max-Planck-Institu­ ten oder dem SNIC zusammenarbei­ ten und auch unser Netzwerk außer­ halb Göttingens einbringen. Zum Beispiel werden dort Start-up-Akti­ vitäten der Fraunhofer-Gesellschaft oder von Falling Walls stattfinden. Wissenschaftliche und unternehme­ rische Kompetenz sollen an diesem Ort zusammenkommen und sich wechselseitig befruchten.


und Smart Apartments konnte bereits ein langjähriger Pachtvertrag mit der FREIgeist-Gruppe geschlossen werden. Das privat geführte Unternehmen aus Südnie­ dersachsen steht für kreative Hotel- und Restaurant­ konzepte, beeindruckendes Design, außerordentliche Gastfreundschaft und hervorragende Gastronomie. Im Sommer 2018 wurde das FREIgeist-Hotel am Göttin­ ger Hauptbahnhof eröffnet. Die Eröffnung des zweiten FREIgeist-Hotels im Sartorius Quartier ist für 2021 ge­ plant. Die Smart Apartments, komplett möbliert und mit kleiner Küche ausgestattet, stellen eine attraktive Ergänzung des Wohnangebotes dar. Sie ermöglichen ein völlig unabhängiges Wohnen auf unbestimmte Zeit, die Mieter haben aber gleichzeitig die Möglich­ keit, auf zahlreiche Services des Hotels zuzugreifen. In den Neubau nördlich des Gesundheitscampus wird der Prothesenhersteller Ottobock einziehen, der eben­

falls bereits einen langjährigen Mietvertrag unterzeich­ net hat. Auf diese Weise erhält das Thema Gesundheit eine weitere Facette. An der Annastraße, gegenüber vom Werksgelände, entstehen auf dem früheren Sartorius-Parkplatz und einem weiteren Grundstück, das von einer dort ansäs­ sigen Gärtnerei erworben werden konnte, weitere Woh­ nungen und ein Spielplatz. Eine große Bedeutung kommt den neuen Freiräu­ men zu, die im Quartier entstehen werden und eine hohe Aufenthaltsqualität für alle Nutzergruppen schaffen sol­ len. Herzstück ist der Quartiersplatz, der zwischen Hotel und den Smart Apartments am zentralen Eingang des Quartiers an der Weender Landstraße liegen wird. Hier sollen sich Bewohner und Besucher, Forschende und Reisende begegnen und den ehemaligen Firmensitz zu einem lebendigen Quartier machen.

Bürogebäude und FREIgeist-Hotel von der Weender Landstraße aus gesehen

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DREI FRAGEN AN

Attraktive Synergien

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Was verbindet Ottobock mit Göttingen?

Göttingen spielt in unseren Netzwerken eine wichtige Rolle. Hier gibt es den Studiengang Orthobionik an der PFH, der hochqualifizierten Nachwuchs für die Medizintechnik hervorbringt. Hier gibt es das Advanced Rehabilitation Technology Lab der Universitätsmedizin, das mit unserem Kompetenz-Zentrum in Göttingen genau wie mit dem Competence Center in Duderstadt erfolgreich zusammenarbeitet. Hier ziehen also Wissenschaft und Wirtschaft an einem Strang. Viele unserer Mitarbeiter wohnen in und um Göttingen. Göttingen ist ein Magnet für Hochqualifizierte. Nicht ohne Grund habe ich den IT-Spezialisten Sycor hier angesiedelt. Gleichzeitig wollen wir mit der von mir initiierten Südniedersachsenstiftung dazu beitragen, dass die Attraktivität der Region auch in der Fläche steigt. Das ist gut für die Menschen, die hier leben, und gut für die, die hier noch nicht leben, die wir aber gewinnen wollen.

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Welche Unternehmensbe­ reiche werden im Sartorius Quartier arbeiten? Mitarbeiter aus dem Kompetenz-Zentrum und der Biomechanischen Forschung werden zukünftig einen perfekten Arbeitsplatz im Sartorius Quartier haben. Künftig können wir dort zudem flexible Arbeitsplätze für Mitarbeiter anbieten, die direkt oder indirekt mit der Entwicklung und Vermarktung von OttobockProdukten und -Dienstleistungen beauftragt sind. Dadurch integrieren wir Markt- und Patienten­orientierung in den operativen Berufsalltag.

Hans Georg Näder ist geschäftsführender Gesellschafter der Otto Bock-Firmengruppe, dem Weltmarktführer in der Technischen Orthopädie/ Prothetik mit Hauptsitz in Duderstadt.

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Welche Pläne verfolgen Sie dort?

Wir schaffen dort ein orthopä­ dietechnisches Versorgungsumfeld der Zukunft. Der Beruf des Orthopädie-Mechanikers verändert sich gerade enorm. So ist es für Ottobock wichtig, die interne und externe Weiter­entwicklung von Fachkräf­ten voranzutreiben. Das be­deutet für uns, ein modernes und flexibles Arbeitsumfeld ein­zu­richten, wodurch Entwickler einen stärkeren direkten Kontakt zu Patienten und Kunden haben. So können sie besser auf deren Bedürfnisse und Erwartungen eingehen. Gleichzeitig arbeiten sie mit neuesten Technologien, wie beispielsweise einem 3D-Drucker. Wir wollen in Göttingen zeigen, wie digitale Fertigung in ein Versorgungszentrum integriert werden kann. Auf diese Weise kann der Standort auch als attraktiver Schulungsstandort genutzt werden. Unsere Kun­den, die OrthopädietechnikWerkstätten, profitieren da von ebenso. Ein weiterer Vorteil des zukünftigen Quartiers ist die räumliche Nähe zu Hochschule und Gesundheitseinrichtungen. Wir nutzen die Synergien und errichten eine Brücke zwischen Wissenschaft und Patientenversorgung.


INTERVIEW

Inspirierendes Umfeld für Querdenker Im Sartorius Quartier wird Göttingens zweites FREIgeist-Hotel eröffnen. Georg Rosentreter erläutert, was »FREIgeistigkeit« für ihn bedeutet. Seit wann und wo gibt es FREIgeistHotels? Im September 2008, also vor genau zehn Jahren, haben wir unser ers­ tes FREIgeist-Hotel in Northeim eröffnet. Danach folgte das FREI­ geist-Hotel in Einbeck und schließ­ lich das gerade im Juli eröffnete am Bahnhof in Göttingen. Neben die­ sen dreien gehören zu unserer Hol­ ding noch das »Hotel Zum Löwen – A Member of Design Hotels™« in Duderstadt, das wir im Pachtbe­ trieb haben, und das »Relais &  Châteaux Hardenberg BurgHotel« in Nörten-Hardenberg, eigentlich die Keimzelle unserer Hotellerie. Welches Konzept steckt hinter dem Namen FREIgeist? Als wir unser erstes Haus in Nort­ heim entwickelt haben, wollten wir

ganz bewusst etwas Neues machen. Und der Name FREIgeist, der in diesem Zusammenhang entstanden ist, steht für unseren Anspruch, anders zu sein, Dinge infrage zu stellen beziehungsweise zu versu­ chen, sie anders als gewohnt zu machen. Das ist unsere Interpreta­

Georg Rosentreter ist Geschäfts­ führender Gesellschafter von FREIGEIST & FRIENDS.

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tion von FREIgeistigkeit. Das fängt bei der Rezeption an und setzt sich fort über die Einrichtung bis zum Restaurantkonzept. Unser Anspruch ist es, für unsere Gäste ein inspirie­ rendes Umfeld zu schaffen, sie beim »Querdenken« zu unterstützen. Jedes Hotel hat deshalb auch eine


ganz eigene Persönlichkeit, jedes steht an einem anderen Ort und setzt sich mit den jeweiligen Gege­ benheiten dort auseinander. Wenn ich zurückschaue, dann glaube ich, dass wir in den letzten zehn Jahren auch selbst eine sehr freigeistige Entwicklung genommen haben und heute noch deutlich freigeistiger in der Planung unserer Hotels sind, als wir es vorher waren. Wie zeigt sich der »FREIgeist« in Ihrem neuesten Haus, das Sie in diesem Sommer in Göttingen am Hauptbahnhof eröffnet haben? Wir sitzen dort in einem sehr ur­ banen Umfeld, deswegen befinden sich in der Garage und im Unter­ geschoss beispielsweise Graffiti an den Wänden. Mit unserer Herba­ rium-Bar setzen wir ganz bewusst den Link zur Universität, die in Göttingen natürlich ein sehr wich­ tiger Bezugspunkt ist. Neben dem Look der Bar mit der grünen Wand aus Pflanzen und Kräutern brin­ gen wir unseren Gästen hier die Vielfalt der Pflanzenwelt über eine Cocktail-Karte näher. Auf der Suche nach Anregungen für neue Drinks arbeitet das Bar-Team mit

dem Alten Botanischen Garten in Göttingen zusammen. Außerdem haben wir in der Bar Ausstellungs­ stücke aus dem Göttinger Herba­ rium als Dauerleihgabe stehen. Unser japanisch-peruanisches Gast­ ronomie-Konzept unterstreicht Göt­ tingens Weltoffenheit und die gute Vernetzung mit anderen Universitä­ ten weltweit. Gleichzeitig bieten wir hier auch die Möglichkeit, anders

»Jedes unserer Hotels hat eine ganz eigene Persönlichkeit.« GEORG ROSENTRETER

zu essen. Bei uns kann man das im sogenannten Family-Style machen, das heißt, alles kommt in die Mitte des Tisches, jeder kann probieren. Ganz zwanglos. Und die gesamte Beschriftung im Haus ist hand­ schriftlich auf die Wände gemalt worden. Dahinter steckt auch wie­

der der Gedanke, Dinge anders zu gestalten. Ich glaube, bei diesem Haus ist uns eine gute Kombinati­ on aus hoher Qualität, Liebe zum Detail und entspanntem Genuss gelungen. Nun beginnt die Planung für das zweite Haus in Göttingen. Was wird es dort geben? Das müssen wir jetzt entwickeln. Ansätze für das Design und die Erlebniswelt bietet natürlich die Tatsache, dass wir uns dort auf einem ehemaligen Industriegelän­ de der Firma Sartorius befinden. Und in jedem Fall werden wir gast­ ronomisch wieder etwas Tolles ent­ werfen. Wir sind ja sehr Food-&Beverage-affin. Für mich sind Bar und Restaurant das Herz des Hotels. Im Sartorius Quartier werden wir uns auch erstmalig dem Thema Smart Apartments widmen, deren Bewirtschaftung wir ebenfalls über­ nehmen werden. Dort kann man für längere Zeit wohnen, für einen Monat oder ein Jahr. Man ist kom­ plett unabhängig, hat aber ein sehr gutes Service-Angebot vor der Tür, das man jederzeit wahrneh­ men kann. Wie immer die Planung auch ausfallen wird, mir ist es wich­ tig, über die normalen Hotel- und Wohnangebote hinaus Räume zu schaffen, in denen Menschen sich begegnen können. Im Sartorius Quartier wird später gearbeitet, geforscht, studiert und gewohnt werden, es werden viele Menschen ein und aus gehen. Mein Anliegen besteht darin, Orte der Begegnung zu schaffen, wo Menschen gemein­ sam essen und trinken und eine gute Zeit zusammen haben.

»FREIgeist Göttingen« – urbanes Hotel mit Herbarium-Bar und Nikkei-Restaurant

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Projektentwicklung PAU L I H AU S

ARBEITS-WG auf dem KIEZ Das Paulihaus ist unser derzeit persönlichstes Projekt. Hier bauen wir im Rahmen einer Bau­ gemeinschaft für uns selbst.

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ass sich Menschen in Baugemeinschaften zusammenfinden, um individuelle Wohnräume und auch eine bestimmte Form des gemeinschaftlichen Lebens gestalten zu können, ist heute ein vertrautes Thema. Deutlich seltener findet sich dieser Ansatz in der Arbeitswelt. Hinter dem Projekt Paulihaus

steht eine Baugemeinschaft aus vier Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren zusammengefunden haben. Zu ihr gehören die steg Stadtentwicklungsgesellschaft, Managementgesellschaft für Stadt- und Quartiersentwicklung, das Unternehmen ARGUS, Dienstleister im Bereich Stadt- und Verkehrsplanung, die Markenma-

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cherei Pahnke, eine der führenden Markenagenturen im Bereich Fast Moving Consumer Goods, und HAMBURG TEAM. Allen gemeinsam ist der Wunsch, im vertrauten Kiez zu bleiben und in ein modernes Arbeitsumfeld um­ zuziehen, das den Anforderungen ihrer Arbeitsgebiete Rechnung trägt. Das neue Paulihaus soll an der Ecke Neuer Kamp/ Neuer Pferdemarkt direkt neben der Rindermarkthalle entstehen, wo sich heute zwei eingeschossige Backstein­ gebäude aus den 1950er­Jahren befinden. Dieses Grund­ stück liegt – historisch gesehen – an der äußersten Ecke des früheren ausgedehnten Schlachthofgeländes, das sich vom Sternschanzenbahnhof bis zum Heiligengeist­ feld erstreckte. In der benachbarten Rindermarkthalle fanden die großen Viehmärkte statt, zu denen die Tiere in Waggons mit der Bahn gebracht wurden. Im Zwei­ ten Weltkrieg wurde das 1888 errichtete Bauwerk fast vollständig zerstört und 1950 als moderner Industrie­ bau auf dem alten Grundriss wieder aufgebaut. Fortan diente es zusätzlich auch als Mehrzweckhalle für Groß­ veranstaltungen unterschiedlichster Art. Im Zuge der Rationalisierung und Modernisierung des Hamburger Schlachtbetriebes fand der Viehmarkt auf dem Heiligen­ geistfeld 1971 jedoch sein Ende. Für die alte Rindermarkthalle begann damit eine Zeit verschiedener Nachnutzungen. Unterschiedliche Ideen wurden hierzu diskutiert, u. a. die Idee einer

Großveranstaltungshalle, eines Freizeit­Paradieses oder auch die der Unterbringung einer Bildungseinrichtung. Letztlich wurde die Halle jedoch zu Hamburgs größtem Selbstbedienungswarenhaus umgebaut, das dort im Mai 1973 eröffnete. Der erforderliche Umbau, der auch die Integration eines Parkdecks vorsah, brachte durch das Einziehen einer Stahlbetondecke eine wesentliche Veränderung für das Gebäude mit sich, die fortan von Bestand sein sollte. Der frühere lichte Hallencharakter war damit verschwunden. Im Erdgeschoss konnte nur noch wenig Licht von außen einfallen. Für über drei Jahrzehnte war das Thema SB­Markt in der Rindermarkthalle nun gesetzt. Erst 2010 zog nach mehreren Betreiberwechseln der letzte SB­Markt aus. Ein neues nachhaltiges und stadtteilverträgliches Ge­ samtkonzept sollte unter Beteiligung der Öffentlichkeit entwickelt werden. Dabei wurde zunächst die Umgestal­ tung der Rindermarkthalle zu einer großen Konzerthalle favorisiert. In diesem Kontext lobte die Stadt einen Wett­ bewerb aus, zu dem sechs Architekturbüros eingeladen wurden. Diese sollten jeweils Entwürfe für die Optionen Erhalt und Neubau vorlegen. In der Kategorie Erhalt wur­ de der Entwurf des Architekturbüros Störmer Murphy and Partners mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Er sah neben einer entsprechenden Umgestaltung der Rinder­ markthalle zu einer Music Hall auch eine flankierende Bebauung mit zwei Büroriegeln an der Seite zum Heili­

Überabeitung des Gebäudeentwurfs aus dem Wettbewerbsverfahren


INTERVIEW

Bürohaus mit Eigenarten Das Architekturbüro coido hat im Wettbewerbsverfahren für den Neubau den ersten Preis gewonnen. Sven Ove Cordsen erklärt den Entwurf.

Was ist die Grundidee für dieses Gebäude? Die ergibt sich aus verschiedenen Aspekten. Fangen wir mal mit dem Städtebau an. Das ganze Areal mit dem großen Heiligengeistfeld und den solitärhaften Bauten Bunker, Stadion und Rindermarkthalle ist etwas Besonderes, und unser Entwurf orientiert sich an diesem Areal und nicht an der Bebauung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Neubau bildet praktisch als Riegel den Abschluss dieses Areals. Das ist die erste Grundidee. Dann haben wir nach einem Bild gesucht und das orientiert sich an dem Rindermarktareal. Inspiriert haben uns die Gebäude des Meatpacking District in New York. Wir wollten ein eher ruppiges, einfaches Haus, auch in der Materialität. Ein repetitives Haus mit einer kla-

ren Struktur, das sich dem Stadtteil offen zuwendet, ohne repräsentativen Anspruch, und das in das Umfeld passt. Entstanden ist auf diese Weise ein Fassadenbild, das eher untypisch für Bürogebäude in Hamburg ist. Gerade dieses große Liegende ist ungewöhnlich, aber das gibt dem Haus, dessen Grundduktus Wiederholung und Ruhe ist, einen klaren Charakter. Wenn man sich dem Haus nähert, enthält diese vermeintliche Gleichförmigkeit jedoch ein paar Details: Stützen, die sich nach oben hin verjüngen, Fensterhöhen, die nach oben hin zunehmen. Das Haus wird nach oben hin ein bisschen leichter. Die Geschosshöhen sind überall gleich, nur die Proportionen von Ziegel, rotem Beton und Fensterflächen zueinander verändern sich. Mit der Ziegelfassade stellen wir

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den optischen Bezug an dieser Ecke zur Rindermarkthalle und zur Rinderschlachthalle her und ordnen das Gebäude noch einmal deutlich diesem Gebäudeensemble zu, sozusagen als neue Interpretation des Themas mit einem helleren Ziegel. Auch der rote Beton, der zu sehen ist, ist ein eigenes Material, das die Rindermarkthalle nicht hat. Hier bauen vier Bauherren für die eigene Nutzung. Woran erkennt man das im Entwurf? Das ist sehr präsent. In der Vorplanung ging es um das Thema Flächen­synergien in dem Gebäude­ teil, in dem sich die Räume von ARGUS, steg und HAMBURG TEAM befinden. Zur Zwischenpräsenta­ tion haben wir vorgeschlagen, dass man diese Synergiebereiche – die vorher angedacht waren im letzten Geschoss, zusammen mit Bespre-


INTERVIEW

Skizze des Empfangsbereichs von HAMBURG TEAM im Paulihaus

chungsraum, Bar und Dachterrasse und im Erdgeschoss mit Café und Foyer – vertikal auf die Geschosse verteilt, jeder Mieter also einen Teil seiner Fläche hierfür zur Verfügung stellt. Auf diese Weise entstanden vertikal übereinanderliegende Foyers, und diese waren zunächst komplett von unten nach oben miteinander verbunden, durch alle Flächen von steg, ARGUS und HAMBURG TEAM hindurch. Bei Pahnke werden alle Geschosse durch innen liegende Treppen miteinander verbunden und in diesem Bereich besondere Räumlichkeiten abgebildet. Diese vertikale Durchlässigkeit in beiden Nutzerbereichen ermöglicht den Zusammenschluss zu einem »Loop«, wie wir es genannt haben, durch das gesamte Haus. Denn oben, im letzten Stockwerk, wo auch die jeweiligen Kan-

tinenbereiche der Nutzer liegen, wird über die gemeinschaftliche Nutzung der Dachterrasse eine Verbindung beider Gebäudeteile hergestellt. Im Erdgeschoss wiederum ermöglicht dies das Café, von dem aus man direkten Zugang in beide Eingangsbereiche nach links und nach rechts hat. Nach außen hin zeigt sich dies in der Fassade dadurch, dass sich an den Stellen der vertikalen Foyers deutlich größere Fensterflächen befinden, sich das Gebäude hier mehr dem Stadtteil öffnet. Was hat die Arbeit an diesem Entwurf besonders gemacht? Das ist letztlich genau diese

Programmierung. Es sollten eben nicht einfach 11.000 m2 Bürofläche erstellt werden, sondern ganz spezifische Räume für Nutzer, die ja bereits feststanden. So konnten wir eine individuelle Arbeitswelt entwickeln, die gleichzeitig aber auch andere Vermietungsszenarien abbilden könnte. Das Bild und die innere Organisation des Gebäudes zu entwickeln hat uns sehr viel Freude gemacht. Und die Vorstellung, dass die Autowerkstatt später genau an der Stelle wieder ihre Pforten öffnet, wo sie bereits vor­her jahrelang stand – nur dann hinter einer Glasfassade –, das finde ich faszinierend.

Sven Ove Cordsen ist Partner im Architekturbüro coido, das seit elf Jahren in Hamburg aktiv ist und seinen Sitz in St. Pauli hat. Realisiert werden städtebauliche und architektonische Projekte im gesamten Bundesgebiet.

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gengeistfeld hin und an der Straße Neuer Pferdemarkt vor. Der Entwurf wurde aber nicht umgesetzt, die öffent­ liche Diskussion über die Zukunft der Rindermarkthalle verlief sehr kontrovers. Schließlich wurde 2011 von der Stadt ein langfristiger Pachtvertrag mit dem Unterneh­ men EDEKA abgeschlossen und die Halle in ihrer heuti­ gen Form als moderne Markthalle mit Einzelständen in der Art eines überdachten Wochenmarktes sowie mehre­ ren großen Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss herge­ stellt. 2013 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt, 2014 erfolgte die Wiedereröffnung. Im Obergeschoss zogen verschiedene gewerbliche Mieter sowie soziale und kul­ turelle Einrichtungen ein, darunter auch die Mevlana­ Moschee, die bereits vor dem Umbau dort Mieter war. Das Paulihaus nimmt den Faden aus dem Siegerent­ wurf von Störmer Murphy and Partners wieder auf und spinnt ihn weiter. Von der Baugemeinschaft wurde hier­ für ein städtebaulich­hochbauliches Werkstattverfahren ausgelobt, zu dem fünf Architekturbüros eingeladen wurden. Der Siegerentwurf von coido architects sieht einen in Backsteinoptik gehaltenen sechsgeschossigen Solitär vor, der die Höhe der umliegenden Bebauung an dieser Kreuzung aufnimmt. Das Haus wird in den obe­

FA K T E N

Lage St. Pauli, Neuer Kamp / Neuer Pferdemarkt, neben der Rindermarkthalle Grundstück ca. 3.575 m² Projektvolumen ca. 10.870 m² BGF Architektur coido architects Leistungen Projektleitung für einen Neubau mit vielfältiger, gewerblicher Nutzung Projektierung 2015 – 2019 Bauzeit 2019 – 2021

An dieser belebten Ecke – Neuer Kamp/Neuer Pferdemarkt – wird das Paulihaus entstehen.

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ren Geschossen etwa zu gleichen Teilen von steg, ARGUS und HAMBURG TEAM auf der einen Gebäudeseite und Pahnke, dem größten Mieter im Gebäude, auf der ande­ ren Gebäudeseite genutzt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Ausgestaltung des Erdgeschosses, dessen Nutzungen das Gebäude mit dem Stadtteil verbinden. Neben den Eingangsbereichen der Baugemeinschaft sollen hier vorrangig die Bestandsmieter der einge­ schossigen Bestandsgebäude in den Neubau integriert und weitere kleinteilige Flächen für stadtteilbezogene Nutzungen geschaffen werden. Dazu gehört auch die Planung eines öffentlichen Cafés, das sich in der Mitte des Gebäudes befinden wird. Das gesamte Projekt ist eingebettet in einen Betei­ ligungsprozess, der seinen Auftakt im September 2015 mit einer Infoveranstaltung zur ersten Projektidee nahm und die Sanierungs­ bzw. Quartiersbeiräte Karoli­ nenviertel und Wohlwillstraße einbezog. Die Ergebnisse des Wettbewerbs wurden dem Stadtteil in Form einer Ausstellung zu Beginn dieses Jahres präsentiert. Die Anhandgabe des Baugrundstücks, das von der Stadt für 60 Jahre in Erbpacht zur Verfügung gestellt wird, ist im Oktober 2018 erfolgt.

DIE BAUHERRENGEMEINSCHAFT Seit fast 30 Jahren ist die steg Stadtentwicklungsgesellschaft in den vier Kernkompetenzen Stadtentwicklung & Kommunikation, Immobilienverwaltung, Projektentwicklung sowie Architektur ein wichtiger Partner für Stadt und Unternehmen. Neben dem Büro am Schulterblatt ist sie mit zahlreichen Stadtteilbüros vor Ort präsent.

Als Dienstleister für die öffentliche Hand und private Unternehmen bearbeitet ARGUS Stadt und Verkehr seit 1983 ein umfangreiches Aufgabenspektrum im Bereich Stadt- und Verkehrsplanung. Zu den Tätigkeitsbereichen gehören u. a. Verkehrsuntersuchungen, Straßenplanung und Mobilitätskonzepte.

KAROVIERTEL

ße ter Stra

Budapes

Feldstr aße

Paulihaus 1989 in Hamburg gegründet und heute international tätig, gehört die Pahnke Markenmacherei zu den erfolgreichsten inhabergeführten Agenturen Deutschlands. Mit unternehmerischem Denken und Kreativität setzt sie Produkte von Konsumgüterund Handelsunternehmen in Szene.

Simon-v on-Utr echt- Straße

Fogra RZ / Litho

ahn

Reeperb

Fischmarkt Landungsbrücken

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Dateiname/File Name:

PM_Logo_RZ_3c_Euroskala.ai

Datum/Date:

20. November 2012 · 16.59 Uhr

Programm/Software:

Illustrator CS5

Verantwortlich/ Contact Person:

Knut Laukamp (PM) und Ralf Schweizer (PM), 040/24 8212-216

Lieferant/Supplier:

Werbegestaltung, S. Neumann, 0160/8011797

Farbe und Veredelung / Color and finishing

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Investment Management DEMOGRAFISCHER WANDEL

NEUES WOHNEN IM ALTER 2013

2030

+ 32,3 %

ANTEIL DER PFLEGEBEDÜRFTIGEN AN DER GESAMTBEVÖLKERUNG 2013 UND 2030 (IN PROZENT) unter 2

3 bis unter 4

5 bis unter 6

2 bis unter 3

4 bis unter 5

6 bis unter 7

7 und mehr


Die demografische Entwicklung ist ein Trend, der sich in einem erhöhten Bedarf nach entsprechendem Wohnraum für das dritte Lebensalter niederschlägt. Hier ist heute Vielfalt statt Uniformität gefragt.

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Gebäudebestand, der den gesetzlichen Anforderungen nicht mehr entspricht. Der bereits jetzt vorhandene Bedarf wird seinen Zenit erreichen, wenn die sogenannten Babyboomer, die in Deutschland in etwa die Geburtsjahrgänge von 1955 bis 1969 umfassen, in ein Alter kommen, in dem die Pflegebedürftigkeit (»70+«) steigt. Hier werden in den kommenden 20 Jahren laut JLL ca. 400.000 zusätzliche Pflegebetten benötigt. Grob überschlägig läge der Investitionsbedarf allein in diesem Segment bei ca. 40 Mrd. Euro. Vor diesem Hintergrund hat sich der Markt für Pflegeimmobilien ausgeweitet und professionalisiert und ist längst nicht mehr als Nischensegment zu betrachten. Denn die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass in dieser Asset-Klasse langfristig stabile Renditen erwirtschaftet werden können, wenn bei den Investitionsentscheidungen und im laufenden Management fachkundige Beratung hinzugezogen wird. Kurzum, die Immobilien SubAsset-Klasse »Pflege« hat sich bewährt. Im ersten Halbjahr 2018 verzeichnete CBRE ein Transaktionsvolumen von insgesamt 824,4 Mio. Euro – ein Wachstum von 123 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Mehr als die Hälfte der Investitionsmittel kommt dabei aus dem Ausland.

er Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung wird aufgrund der demografischen Entwicklung und der damit verbundenen Zunahme an Hochbetagten bis 2030 weiter rasant ansteigen (s. Grafik). Der Bedarf an Immobilien, die eine pflegerische Versorgung ermöglichen, ist daher immens und wird sich in den kommenden Jahrzehnten noch erhöhen. Nur 1,7 % bzw. 700.000 von ca. 41 Mio. Wohnungen in Deutschland sind jedoch überhaupt barrierefrei, geschweige denn geeignet, Menschen mit Pflegebedarf ein Umfeld zu bieten, das ihren Bedürfnissen, aus sozialen oder praktischen Gesichtspunkten, entspricht. Es fehlen Neubauprojekte, die den Anforderungen einer immer älter werdenden Generation an ein selbstbestimmtes Leben, den Verbleib im gewohnten Umfeld sowie eine Einbindung in ein aktives soziales Umfeld ermöglichen. Denn dieses sind die Kernfaktoren, die eine Einrichtung anbieten muss, um langfristig erfolgreich zu sein. Eine immer wichtigere Rolle werden in diesem Bereich auch unterschiedliche Serviceleistungen spielen, die sich flexibel und je nach Unterstützungsbedarf dazubuchen lassen. Auch im stationären Bereich ist die Lage kritisch. Dies verschärft sich durch einen in weiten Teilen veralteten

Grafik links: Deutliche regionale Unterschiede - Die höchsten Pflegequoten werden 2030 in Nordostdeutschland, in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erreicht.

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NEUES FONDSKONZEPT ZUM THEMA »WOHNEN 70+« Das neue Fondskonzept stellt barrierefreie Wohnformen in den Fokus, die Mischformen von ambulanter und stationärer Versorgung zulassen. Die Objektkäufe sollen deutschlandweit erfolgen.


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er Pflegeheimmarkt befindet sich aktuell im Umbruch. Dafür verantwortlich sind vor allem drei Faktoren: zum einen die veränderten politischen Rahmenbedingungen, die für ein Konzept von »ambulant vor stationär« eintreten, zum anderen der sich zuspitzende Fachkräftemangel. Parallel zu diesen Entwicklungen hat sich aber auch die Nutzergeneration verändert. Die Senioren und Seniorinnen von heute möchten bis ins hohe Alter möglichst autark bleiben und suchen nach neuen Möglichkeiten, ihren dritten Lebensabschnitt zu gestalten. Aus diesen Gründen treten seit etwa zehn Jahren neben stationären Pflegeheimen vermehrt ambulante Versorgungsformen auf, denn diese stellen einen Weg dar, die o. g. Herausforderungen zu bewältigen. Die meisten Betreiber ändern entsprechend ihre Strategie und bewegen sich weg von den rein stationären Pflegeheimen und hin zu sogenannten »Mischformen« wie z. B. betreutes Wohnen und Pflege unter einem Dach, Seniorenwohnparks etc. Diesen Trend greift das Fondskonzept auf, berücksichtigt, wenn auch in geringerem Umfang, jedoch zugleich weiterhin Pflegeheime. Diese Ausrichtung hat im Vergleich zu Fonds, die sich ausschließlich auf Pflegeheime konzentrieren, verschiedene Vorteile. Zunächst führt eine weiter gesteckte Palette an Immobilienarten zu einer schnelleren Befüllung des Fonds. Der unbestritten steigende Bedarf an Immobilien, die eine pflegerische Versorgung zulassen, wird umfänglicher bedient, weil man sich eben nicht auf nur ein Konzept, nämlich das

RENDITE

Vollstationäre Pflege, ca. 10 – 30 % Barrierefreie Wohnformen mit ambulanter oder stationärer pflegerischer Versorgung, ca. 50 – 70 %

CORE

Betreutes Wohnen, ca. 10 – 30 % R I S I KO

der stationären Pflege, festlegt. Zudem herrscht bei den genannten Mischformen eine geringere Abhängigkeit von sich auf Bundeslandebene ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen, denn betreutes Wohnen z. B. unterliegt nicht der sehr starren Heimgesetzgebung. Alle maßgeblich in diesem Bereich beteiligten Parteien stehen dieser Entwicklung positiv gegenüber. Den Nutzern mangelt es derzeit an teilstationären Angeboten mit größerer Selbstbestimmtheit – der Bedarf ist deutlich größer als das Angebot. Für Betreiber von Pflegeimmobilien bedeutet das, dass sie durch die unterschiedlichen Angebote unter einem Dach ihre Auslastung und das Personal besser steuern können und in geringerem Maße auf examinierte Pflegekräfte angewiesen sind. Für das Personal schließlich sind gemischt genutzte Einrichtungen der deutlich attraktivere Arbeitgeber, weil Pflegetätigkeit und Alltagsbetreuung deutlich ausgewogener sind.

AMBULANTE UND STATIONÄRE MISCHFORMEN

Klassisches Wohnen

Betreutes Wohnen

Ambulant zu Hause und teilstationär

Ambulante Wohngemeinschaft

PFLEGEBEDÜRFTIGKEIT

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Stationäre Hausgemeinschaft

Vollstationäre Pflegeeinrichtung


INTERVIEW

»Wohnen muss alterslos werden« Die Convivo-Gruppe, Dienstleister im Gesundheitsmarkt mit dem Schwerpunkt Pflege, begegnet den veränderten Ansprüchen an ein »Senior Living« u. a. mit der Wohnparkstrategie.

Torsten Gehle ist Geschäftsführer der Convivo-Gruppe. Er kennt als ausgebildeter Krankenpfleger die Branche von Grund auf. Als heutiger Unternehmer setzt er sich für neue Wohn- / Pflegekonzepte ein.

Der Pflegemarkt ist ein Wachstumsmarkt, auf den in den nächsten Jahrzehnten durch die demografische Entwicklung große Aufgaben zukommen. Wie sehen die Versorgungskonzepte der Zukunft aus? In der Tat ist der Pflegemarkt mit Steigerungsraten von durchschnittlich 5 % eine gewaltige Aufgabe für die bestehende ambulante und stationäre Pflegeorganisation. Dabei stehen wir am Anfang einer Entwicklung, die mit den Babyboomer-Generationen ihren wahren Zenit erreichen wird. Rechnen wir den Bedarf der nächsten Jahrzehnte hoch, dann bräuchten wir Tausende von neuen stationären Einrichtungen. Grundsätzlich eine verlockende Aussicht für den

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Markt der Sozialimmobilien. Aber das ist ja nur die halbe Wahrheit, denn die neuen Alten, die »Best Ager«, haben neue Anforde­ rungen an das »Senior Living«. Hierbei werden Versorgungselemente mit Lifestyle-Ambiente kombiniert, dies begründet einen neuen Markt, den wir mit der Wohnparkstrategie aufgreifen. Aber wir beobachten weitere Effekte im Immobilienmarkt. Hier meine ich Herausforderungen aus der Sozial- und speziell Wohnungsbaupolitik. Stichworte sind hier »fehlende Neubauquote« und »bezahlbarer Wohnraum«. Wir benötigen heute eine lebenslaufbeständige Architektur. Ich meine damit, dass das Wohnen


Wohnpark Rockwinkelerpark, Bremen – Wohnanlage mit abgestuftem Pflege- und Betreuungskonzept

alterslos werden muss, um alle Lebenslagen vom Auszubildenden bis zu den »Best Agern« abbilden zu können. Hierfür können wir die Rahmenbedingungen schaffen und der Politik zeigen, wie sie diese Modelle unterstützen kann. Bedürfnisse aus unterschiedlichen Lebenslagen sollten als Ressour­ cenmodell in einem Quartierskonzept vereint werden, damit vorhandenes Geld und verfügbare Zeit in einem Versorgungsansatz nutz­bar gemacht werden. Die Bünde­ lung von Bedürfnislagen in einem Quartier ist sicherlich ein Schlüssel­element, um effizientere und be­zahlbare Wohnformen für die Zukunft zu gestalten. Unser Wohn­ parkansatz bietet eine solche Versorgungsplattform für Wohnen, Pflege und Versorgung, ist aber parallel mit seinen Dienstleistungen auch ein Versorgungs-Hot­ spot für das umliegende Quartier. Das sind ähnliche Ansätze der

Einbindung seniorengerechter Elemente in Quartierskonzepte, wie sie z. B. auch HAMBURG TEAM verfolgt, und hier liegt die Basis einer Zusammenarbeit zwischen HAMBURG TEAM, der Convivo Holding und weiteren Partnern. Individuelle Versorgungskonzepte, stärkere Selbstbestimmung – das sind theoretisch alles richtige Ansätze. Werden sich das aber auch die kommenden geburtenstarken Jahrgänge, die jetzt langsam das Rentenalter erreichen, leisten können? Wir finden bereits heute eine sehr heterogene Einkommensstaffelung im Alter vor. Vergleichen Sie Haushalte mit durchschnittlichen Pensionen und Renten einmal miteinander. 85 % der Haushalte mit Pensionen haben ein Durch­ schnitts­einkommen von mindestens 2.600 Euro. Bei Renten liegt der Anteil dagegen nur bei 28 %. Das sind Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015.

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Oder vergleichen Sie das Haushaltseinkommen von alleinstehenden Älteren mit dem von Paaren, die über zwei Renten verfügen. Die Kunst besteht ja immer darin, erst einmal den Sockelbetrag der Lebensgrundkosten aus Wohnen und Versorgung zu sichern. Das gelingt in der Tendenz älteren Paaren sicherlich besser als älteren Singles und Paarhaushalten mit Pensionen wiederum besser als denen mit Rente. Auch in unseren heutigen Pflege­ versorgungsangeboten, ob Wohnpark oder stationäre Einrichtung, arbeiten wir bereits mit der gegen­ wärtig bestehenden Einkommensungleichheit im Alter. Die Realität in den stationären Einrichtungen besteht ja darin, dass fehlendes eigenes Einkommen für die eigene Zuzahlung durch Sozialhilfe ge­ deckt wird. Das stationäre Modell ist heute bereits das Auffangbecken für Armut im Alter. Sie dürfen nicht vergessen, im


Rockwinkelerpark – barrierefreies Wohnen mit Blick ins Grüne

Gegensatz zur stationären Einrichtung bietet der Wohnpark für seine Mieter eine komplette Wohnung und Pflegeservices. Insbesondere für Paare mit einem Pflegefall ist er ein finanziell attraktives Angebot durch die optimale Betreuungssi­tu­a­tion über die Pflegeservices, mit der integrierten Tagespflege und den haushaltsnahen Dienstleistungsangeboten. Dabei kompensiert der Wohnpark die zusätzlichen Lebenskosten des Partners, der sonst die eigene Wohnung zahlen muss. Diese Kosten addieren sich ja noch zu dem zu zahlenden Eigen­ anteil, der je nach Bundesland um die 1.700 Euro in der stationä­ren Pflege beträgt. Wir sagen deshalb, der Wohnpark ist bei etwa gleichen Kosten immer die bessere Alternative zur statio­nären Einrichtung. Die Wohnraumkosten erhöhen sich durch die effektiv genutzten Services abzüglich der Pflegekassenerstattung

durch den jeweiligen Pflegegrad. Der Preis variiert natürlich nach Wohnungsgröße und Standort. Das darf man bei der Diskussion nicht vergessen. Wir haben ein eigenes Rating entwickelt, das die Konfiguration des Wohnparks passgenau auf den jeweiligen Mikro­standort ausrichtet. Was müsste aus Ihrer Sicht die Politik beisteuern, um dieser neuen Versorgungskultur älterer und alter Menschen den Weg zu ebnen? Wir brauchen neben den neuen innovativen Versorgungskonzepten auch eine innere Reform der Pflege und einen Imagewandel. Gegenwärtig erleben wir eine Doppelmoral. Der Staat kann die Pflegeversorgung nicht leisten und übergibt die Verantwortung an den Markt, das ist Fakt. Aber in den Pflegesatzverhandlungen wird einem Unternehmen nur minimaler Gewinn eingeräumt, es

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werden bloß die direkten Kosten der Pflege, für Wäsche / Reinigung, für Ver­pflegung sowie die Inves­ titionskosten als Miete erstattet. So ist es mir als privatem Betreiber nicht möglich, außerhalb der mit der Pflegekasse verhandelten Versorgungsschlüssel zu investieren. Aufgrund des Föderalismus ist die Verhandlungsstruktur für die Refinanzierung der Pflegekosten bundesweit sehr heterogen. Wie geht also ein Unternehmer bei Projekten mit Wagnis- und Risiko­zuschlägen um? Hier sehe ich einen wichtigen Ansatz für eine bessere finanzielle Ausstattung der Unternehmen, um die benötigte Innovationskraft im Pflegemarkt mit inno­vativen Konzepten auch umsetzen zu können. Der zweite Ansatzpunkt ist das Image der Pflege. Pflege als Beruf hat leider ein schlechtes Image und ist in Deutschland ein Mangelberuf. Das wird auch in absehbarer Zeit


Wohnpark Bad Bergzabern, Rheinland-Pfalz – alle Versorgungsangebote unter einem Dach

so bleiben. Allein die sinkenden Geburtsjahrgänge lassen mich fragen, wo denn die benötigten Fachkräfte herkommen sollen. Das Imageproblem liegt meines Erachtens nicht nur an der häufig bemängelten Bezahlung, die in den letzten zwei Jahren um 7,31 % gestiegen ist, sondern an struktu­ rell bedingter Einseitigkeit der Pflege am Fließband und der damit einhergehenden Überlastungen. Hier setze ich u. a. als Unternehmer an. Unser Wohnparkmodell bietet einen ganzheitlichen Pflegeansatz. Das heißt, Pflegetätigkeit und Alltagsbetreuung sind deutlich ausgewogener, der Personalschlüssel, also das Verhältnis von Pflegern zu Gepflegten, ist mit etwa 1:5 nur etwa halb so belastet wie in stationären Einrichtungen. Als Ergebnis sehe ich mehr Zu­friedenheit beim Personal und deutlich niedrigere Krankenstände. Pflege als Profession braucht einen

höheren Stellenwert, so wie es in anderen Ländern Europas übrigens gang und gäbe ist. Die Politik muss sich dieser Problematik bewusst sein und hier alle Hürden beseitigen, und letztendlich muss auch der Weg für ausländische Fachkräfte weiter geebnet werden. Mit Ihrem Konzept »Leben wie ich will« nehmen Sie eine 360-GradPerspektive auf den Care-Markt ein. Welche Partner brauchen Sie für die Umsetzung einer solchen Strategie? Wir bieten ein Lebensangebot in den eigenen vier Wänden an, ergänzt mit Pflege- und haushaltsnahen Dienstleistungen. Wohn­ immobilie, Service- und Versorgungskonzepte sollen dabei direkt ergänzend ineinandergreifen. Um dies zu gewährleisten, benötigen wir im ersten Schritt innovative Partner für die Projektrealisierung und als Endinvestoren für die Wohnimmobilie, wie beispielsweise HAMBURG TEAM.

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ÜBER CONVIVO

Die Convivo Holding GmbH mit Sitz in Bremen ist ein moderner Dienstleistungskonzern im Gesundheitsmarkt mit bisherigem Fokus auf den Pflegebereich und Service-Wohnen im Alter. Der Konzern mit seinen 76 Standorten befindet sich in einer starken Wachstumsphase und plant bis ins Jahr 2025 den Bau von 80 Wohnparks deutschlandweit. Eine anspruchsvolle Aufgabe, bei der insbesondere die Unternehmensentwicklung, die Kapitallogistik, das Baucontrolling, neue Kooperationspartner sowie die Gewinnung und Ausbildung der zukünftigen Mitarbeiter grundlegend neue Ansätze erfordern. www.convivo-gruppe.de Investor Relations UPDATE ZONE twitter/@ConvivoIR


Property Management NEUES UNTERNEHMEN

Erweiterte Wertschöpfungskette Zum 1. Januar 2018 hat die HAMBURG TEAM Property Management GmbH ihre Arbeit aufgenommen.

FA K T E N

Mitarbeiter/-innen 8 Liegenschaften 46 mit 1.800 Einheiten Gründung 2018 Weiteres Wachstum durch Übernahme von weiteren Liegenschaften seitens der HPV Fondsgeschäft der HAMBURG TEAM Investment Management GmbH Standorte der Liegenschaften

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ie zentrale Aufgabe der HAMBURG TEAM Property Management ist die technische und kaufmännische Immobilienverwaltung für die Immobilienbestände der HAMBURG TEAM Gruppe sowie für das von der Hamburger Pensionsverwaltung eG (HPV) in das gemeinschaftliche Unternehmen eingebrachte Portfolio. Zudem übernimmt die Gesellschaft auch für einen Großteil der Bestände das Vermietungsmanagement. Das Unternehmen wird sich kurzfristig auf die Immobilienbestände der Gesellschafter konzentrieren und soll sich mittel- bis langfristig dem Markt öffnen. Als leistungsstarke Verwaltung im Unternehmensverbund erweitert die HAMBURG TEAM Property Management die Wertschöpfungskette der Gruppe. Dabei liegt der Fokus weniger im Einfahren hoher Gewinne. Vielmehr geht es zunächst um einen Ertrag in Form von qualitativ hochwertiger Verwaltungsarbeit. Die in der Verwaltung erhobenen Daten und Erfahrungen aus der Bewirtschaftung der Bestände sollen ausgewertet und nutzbringend wieder ganz am Anfang der Wertschöpfungskette in die Projektentwicklung einfließen. Auf diese Weise kann HAMBURG TEAM nun von der Projektentwicklung über das Investment und Asset Management bis hin zum Property Management die gesamte Wertschöpfungskette rund um die Immobilie abbilden und Kunden anbieten. Ein Team aus derzeit acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kümmert sich um den deutschlandweiten Bestand.

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Die Liegenschaften sind Ăźber ganz Deutschland verteilt, derzeit mit Schwerpunkt in Hamburg.


Visualisierung des Projekts IPANEMA am Überseering in Hamburg mit dem geplanten Bürogebäude rechts

HT NEWS

Aktuelles aus der HAMBURG TEAM Gruppe Oktober 2017 – Oktober 2018


News PROJEKTENTWICKLUNG

Postbank neuer Anker­mieter im Bürogebäude IPANEMA am Überseering Oktober 2018: Der Ankermieter für den Bürokomplex im IPANEMA am Überseering in Hamburg steht fest: Die Postbank – eine Niederlassung der DB Privat- und Firmenkundenbank AG – mietet im neuen Quartier

am Überseering 28 ab 2022 insgesamt etwa 14.500 m2 Gewerbefläche an. Dabei bezieht das Unternehmen rund 12.000 m2 Bürofläche zwischen dem ersten und achten Obergeschoss sowie 2.500 m2

Sozial- und Lagerflächen im Erdund Untergeschoss. Der Mietvertrag beläuft sich auf 15 Jahre. Die Fertig­ stellung des Bürogebäudes ist für Mitte 2022 geplant – das gesamte Quartier soll Anfang 2023 stehen.

Grundstein­legung VOGELWEIDE

Neues HULSBERGVIERTEL in Bremen Juni 2018: In der östlichen Vorstadt Bremens entsteht ein neues Quartier mit rund 1.200 Wohnungen. HAMBURG TEAM ist bei diesem Projekt als Service-Developer tätig. Das Neue Hulsberg-Viertel hat Planreife erlangt, der städtebauliche Vertrag ist unterzeichnet und der Bebauungsplan rechtskräftig. Nun ist das zweite Grundstück »Sorgenfrei 1« (nach dem Ärztehaus, das als Vorab-Projekt 2016 verkauft wurde) an den Markt gegangen, und drei weitere (»St.-Jürgens-Quartier«, »Baugemeinschaft Friedrich-Karl« und das »Bettenhaus«) werden Ende des Jahres 2018 bzw. 2019 folgen. Zudem wird zum Ende des Jahres der Quartiersverein für das Neue Hulsberg-Viertel nach dem Vorbild – jedoch mit weitergehenden Verpflichtungen – des Quartiers 21 gegründet.

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August 2018: Am 24. August ist der Grundstein für die 101 Mietwohnungen an der Vogelweide in Hamburg gelegt worden, die HTIM im Dezember 2017 für den Fonds HAMBURG TEAM Urbane WohnWerte erworben hatte. In der Baugrube direkt an der U-Bahn-Station Dehnhaide waren dank umfassender Maßnahmen in diesem Bereich keine Erschütterungen von der U-Bahn, die nur wenige Meter entfernt fährt, wahrzunehmen – beste Voraussetzungen für die künftigen Mieter, die mit der U-Bahn sprichwörtlich bis vor die Haustür fahren können. Das Neubauprojekt, zu dem auch ein Baustein von 46 Eigentumswohnungen gehört, soll 2020 komplett fertiggestellt sein.


QUEDLINBURGER STR. 10 + 12 in Berlin

»ULMER HÖH« in Düsseldorf Juli 2018: Durch den Anteilskauf einer Projektgesellschaft von Interboden ist HAMBURG TEAM Miteigentümer des Grund­ stücks »Ulmer Höh« in Düsseldorf-Derendorf geworden. Die gemeinsame Gesellschaft hat den Zuschlag für die Entwicklung des nördlichen Teils der »Ulmer Höh« erhalten. Verkäufer ist der landeseigene Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW). Die Entwicklung wird möglich, weil die JVA im Jahr 2012 ins benachbarte Ratingen umgesiedelt wurde. Auf dem rd. 33.000 m2 großen ehemaligen Gefängnisareal sollen in den kommenden Jahren ca. 60.000 m2 BGF, verteilt auf Wohnen und Gewerbe, errichtet werden. Geplant sind rd. 300 Wohnungen. Mindestens 50 % der Wohnbebauung soll als geförderter Wohnungsbau entstehen, davon werden wiederum 30 % als studentisches Wohnen eingeplant. Für die frühere Gefängniskapelle wird eine Baugruppe gesucht. HAMBURG TEAM ist für den Büroneubau mit Einzelhandel und einer Kita mit insgesamt ca. 17.000 m2 BGF verantwortlich.

September 2018: In Berlin-Charlottenburg, unweit der Spree, planen wir auf ehemals gewerblich genutzten Flächen neuen Wohnungsbau und eine Kita. Die geplanten Häuser stellen eine Blockrandbebauung, analog zu der angrenzenden Wohnbebauung, her. Das Bauvorhaben wird gleichzeitig mit einem Bauvorhaben der degewo auf dem nördlich angrenzenden Nachbargrundstück durchgeführt, mit dessen Umsetzung HAMBURG TEAM Projektentwicklung beauftragt wurde. Nachdem wir bereits 2015 das Grundstück Quedlinburger Str. 12 in einem Joint Venture gemeinsam mit Otto Wulff erworben hatten, ist im September 2018 der wirtschaftliche Besitzübergang des Grundstücks Quedlinburger Straße 10 von der Evoreal an die Projektgesellschaft von HAMBURG TEAM und Otto Wulff erfolgt. Die Größe beider Grundstücke beträgt ca. 7.324 m2. Wir planen derzeit ca. 19.950 m2 Wohnfläche mit etwa 310 Wohnungen. Die Planung umfasst ebenfalls eine Kita mit ca. 140 m2 Nutzfläche und ca. 90 Stellplätze in einer Tiefgarage. Zusätzlich sollen im B-Plan-Gebiet 66 förderfähige Mietwohnungen gemäß dem „Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung“ entstehen.

PAULI­HAUS September 2018: Am 28. September wurde durch den Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) mitgeteilt, dass die Kommission für Bodenordnung der Anhandgabe des Grundstücks für unser Projekt »Paulihaus« an der Ecke Neuer Kamp/Neuer Pferdemarkt zugestimmt hat. Das Anhandgabeschreiben wurde durch die gewerbliche Baugemeinschaft, bestehend aus HAMBURG TEAM Gesellschaft für Projektentwicklung mbH, steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH, ARGUS Stadt und Verkehr und PAHNKE MARKENMACHEREI GmbH & Co. KG, gegengezeichnet und bestätigt. In der nun laufenden Anhandgabezeit wird das Konsortium den Erbbaurechtsvertrag mit dem LIG abstimmen und die Planung des Hauses weiter konkretisieren.

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Baustart für die SCHREIBFEDERHÖFE in Berlin September 2018: Das Projekt »Schreibfederhöfe« in Berlin-Friedrichshain zwischen Boxhagener und Weserstraße steht kurz vor dem Baustart. Auf einem ca. 8.600 m2 großen Grundstück entsteht um das denkmalgeschützte Fabrikgebäude ein gemischt genutztes Gewerbe- und Wohnquartier mit insgesamt 216 Wohn­ einheiten (104 Eigentums- und 112 Mietwohnungen) sowie Einzelhandels- und Gewerbeflächen. Die vor-

aussichtliche Fertigstellung des Quartiers ist für 2021 geplant. Das Handelsunternehmen Lidl, aktuell bereits im Bestandsgebäude der ehemaligen Schreibfederfabrik ansässig, wird Mieter von ca. 1.300 m2 Gewerbefläche im Erdgeschoss des Mietwohnungsneubaus an der Box­hagener Straße. Mit Lidl wurde ein langfristiger Miet­vertrag abgeschlossen. Weitere Infos unter https://schreibfederhoefe.de

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News INVESTMENT MANAGEMENT

Drei Objekt-Ankäufe für den Fonds HAMBURG TEAM URBANE WOHNWERTE

Stadtquartier NEU-SCHÖNEBERG Oktober 2017: Das Stadtquartier Neu-Schöneberg in Berlin mit etwa 300 Wohneinheiten, einer Kita und weiteren Gewerbeflächen mit insgesamt 8.200 m2 Nutzfläche wurde mehrheitlich im Rahmen eines Share-Deals erworben. Die rund 300 frei finanzierten bzw. geförderten Mietwohnungen entstehen in der Bautzener Straße in nächster Nähe HAMBURG TEAM URBANE WOHNWERTE zur U- und S-Bahn-Station Yorckstraße. Insgesamt umfasst das Bauvorhaben acht Gebäude – sieben Wohngebäude und ein separates Kita-Gebäude – sowie zwei INVESTMENTLÖSUNG R I S I KO P R O F I L SEKTOR Tiefgaragen. Im Innen- und Außenbereich sind rund 680 CORE CLUB WOHNEN Fahrradstellplätze geplant, die dem veränderten MobiDEAL (URBANE litätsverhalten Rechnung tragen. Für die gewerblichen LAGEN) Flächen konnten mit dem Vollsortimenter REWE und dem deutschlandweit vertretenen Fitness-Unternehmen Fit­ 5 60% 350 Mio. € One zwei namhafte Unternehmen als Ankermieter gewonnen werden. Ein innovatives Energiekonzept auf der Basis einer Wärmetauscheranlage, unterstützt durch ein ALLOKIERTES ZAHL DER ZIELBlockheizkraftwerk und Fotovoltaik, sorgt für eine ressourVOLUMEN ANKÄUFE VOLUMEN censchonende, umweltfreundliche Energieversorgung.

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VOGELWEIDE – Hamburg Februar 2018: Direkt an der U-Bahn-Station Dehnhaide weicht in zentraler Lage in Hamburg-Barmbek ein ehemaliger P+R-Parkplatz neuem Wohnraum. 101 Mietwohnungen, von denen 44 im 1. und 2. Förderweg errichtet werden, wurden für den Fonds erworben. Das Neubauvorhaben umfasst weitere 46 Eigentumswohnungen. Der Baustart ist bereits erfolgt und die Fertigstellung für Anfang 2020 vorgesehen. Verkäuferin ist die HAMBURG TEAM Gesellschaft für Projektentwicklung mbH.

BAUFELD 1 IM CONSTANTIN-QUARTIER IN HANNOVER Juli 2018: Mit dem Baufeld 1 des Constantin-Quartiers in Hannover ist ein weiterer Ankauf für den Fonds HAMBURG TEAM Urbane WohnWerte erfolgt. Es handelt sich um insgesamt 84 Wohneinheiten, davon 29 als geförderter Wohnungsbau. Die Projektentwicklung »Con­stantin-Quartier« der WOHNKOMPANIE Nord umfasst insgesamt fünf Baufelder, auf denen ein Mix aus Eigentumswoh­nungen, Stadthäusern und Mietwohnun-

gen entsteht. Zu dem Bauvorhaben gehört ferner eine Kita mit 100 Plätzen, die bereits 2017 fertiggestellt wurde. Eine gut ausgebaute ÖPNV-Anbindung, die den Hauptbahnhof in nur acht Minuten erreichen lässt, verbunden mit einer sehr guten Nahversorgung, diversen gastro­­nomischen Einrichtungen und weiteren Dienstleistungsangeboten, machen dieses Quartier zu einem attraktiven Wohnstandort.

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Objekt-Ankauf für den Fonds HAMBURG TEAM URBANE THEMENIMMOBILIEN

GUNSKE HÖFE in Hamburg Dezember 2017: Der erste Objektankauf für den Fonds erfolgte in Hamburg. Die Gunske Höfe liegen in nachgefragter zentraler Lage zwischen der Schanze und St. Pauli und sind vollständig vermietet. Das Ensemble, bestehend aus zwei Gebäuden aus den 60er-Jahren, wurde 2011 teilweise modernisiert und aufgestockt. 2010 wurde die Anlage durch einen Neubau ergänzt.

SOZIALES ENGAGEMENT HTIM unterstützt im Namen des Fonds HAMBURG TEAM Urbane Themenimmobilien die »Arche Hamburg« mit einer jährlichen Spende. Die »Arche Hamburg« engagiert sich be­sonders für Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Die Angebote umfassen kosten­lose Mahlzeiten, sinnvolle Frei­zeitgestaltungsmöglich­keiten, Hausaufgabennachhilfe und Feriencamps für Kinder und Jugendliche. Für den Wohnungsfonds HAM­­­BURG TEAM Urbane Wohn­Werte entschieden sich die In­vestoren, die Patenschaft für ein Bienenvolk, das seine Heimat in Hamburg hat, ein Jahr lang zu übernehmen. Die Versorgung, Pflege und Ernte des Honigs übernimmt das Unternehmen »Golden Girls Honey«. Nähere Informationen zu unseren Engagements gibt es auf der Homepage www.hamburgteam-im.com/ engagement

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News HAMBURG TEAM GRUPPE

HT WohnQuartiere KGaA Die neu gegründete Wohnungsbaugesellschaft HT WohnQuartiere beschäftigt sich seit über einem Jahr mit der Realisierung eines mietpreisreduzierten Wohnungsbausegments im Neubau. Die Anfangsmiete soll unter 10 Euro netto kalt/m2 liegen und in kleinen Schritten über mindestens 15 Jahre in Anlehnung an den öffentlich geförderten Wohnungsbau erhöht werden. HT WohnQuartiere erweitert als Bestandshalter unser Portfolio um eine neue Disziplin und stellt HAMBURG TEAM damit noch breiter auf als bisher. Im Rahmen größerer Quar-

tiersentwicklungen realisieren wir derzeit entweder öffentlich geförderte Wohnungsangebote oder frei finanzierte, zu hohen Marktpreisen vermietete Wohnungen. Für das mittlere, preiswerte Segment haben wir kein Angebot. Hier setzt die Aufgabe der Gesellschaft an. Mittelfristig soll ein eigenes Team für die Konzeption preiswerten Wohnungsbaus für diese Gesellschaft aufgebaut werden. Sie hängt von der Gesellschaftsstruktur her nicht direkt an HAMBURG TEAM, sondern wird das erforderliche Eigenkapital über Aktien aufbringen. Der Konzeptent-

wurf für entsprechende Wohnmodule soll erstmalig im Projekt »Wohnen am Rückerskanal« im südlichen Hamm zusammen mit dem seriellen Saga-Systemhaus umgesetzt werden. Im Januar 2019 werden die Ergebnisse des städtebaulichen Wettbewerbs veröffentlicht.

TEAMTAG 2018 in Berlin September 2018: Dieses Jahr führte unser Teamtag nach Berlin. Wir besichtigten unser Projekt in der Europacity und die Schreibfederhöfe, schnupperten ein wenig Friedrichshainer Luft und anschließend vor allem viel Benzin bei der lustigen Trabi-Tour! Auf dem Weg zur TrabiSafari verfuhr sich unser Bus, und wir landeten unverhofft inmitten des vietnamesischen Großmarkts »Dong

Xuan Center«. Dieser Großmarkt ist mit sechs Markthallen Berlins größter Asiamarkt. Das war ein spannendes Erlebnis für uns alle, auch für die Berliner Kolleginnen und Kollegen, die auf diese Weise auch noch einmal ein ganz anderes Stück Berlin kennenlernten. Den Tag ließen wir im Restaurant »Sarah Wiener« im alten Hamburger Bahnhof an der Europacity ausklingen.

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Urbanes Leben S T. PAU L I

N E D N U T 24 S T E N F F Ă– GE nkt an e d r e d t, k n e d li u a P t. Wer an S h jenseits c o D . rk zi e tb h ic tl o R d Reeperbahn un artyzone P e rt ie n o si n e im rd e b des Images als Ăź Gesichter re e d n a le e vi il e tt d ta S r hat de Ăśchst h r e d n a in e n e b e N in e und besticht durch sstile. n e b e L r e h c li d ie h c rs unte 46


Die Reeperbahn bei Nacht während des Reeperbahnfestivals im September 2018


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er Ruf St. Paulis als Amüsiermeile ist gleichermaßen Markenzeichen und Bürde für Hamburgs wohl buntesten Stadtteil. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dieser Ort schon früh ein Auffangbecken für alles war, was die Hamburger nicht innerhalb der Stadtmauern haben wollten. Erst 1894 wurde er offiziell ein Teil von Hamburg. Zuvor fristete St. Pauli sein Dasein als Vorstadt, eingezwängt zwischen dem dänischen Altona und den Festungsanlagen der Hansestadt, die Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet wurden. Hier wurden laute und übelriechende Handwerke, wie etwa das Herstellen von Lampenöl aus dem Verkochen von Walspeck, verrichtet, hier stand der Pesthof für ansteckende Kranke, und hier siedelten sich kleine Händler, Tagelöhner und Lastenträger an, die sich ein Leben innerhalb der städtischen Mauern nicht leisten konnten. Damals sprach man auch noch nicht von St. Pauli. Diese Benennung erfolgte erst ab 1833. Bekannt war dieses Gebiet bis dahin unter dem Namen »Hamburger Berg«, doch von dem blieb mit der Zeit nicht mehr viel Berg übrig, denn er wurde nach und nach abgetragen. Zum einen lieferte er die begehrten Baumaterialien Sand und Ton, zum anderen sollte zu Verteidigungszwecken von der Wehranlage aus nichts die Sicht auf den nahenden Angreifer verdecken. Häuser, die in diesem Gebiet entstanden, durften daher nur eingeschossig sein und mussten bei Kriegsgefahr sofort abgerissen werden. Dies sollte auch mehrfach passieren: So wurden dänische und französische Belagerungen Hamburgs auf dem Rücken der Vorstadt ausgetragen. St. Paulis Aufschwung begann im 19. Jahrhundert. »Zwei Umstände sind dafür verantwortlich«, sagt Wiekbe Johannsen, die hamburgweit Stadtführungen anbietet und den Stadtteil gut kennt. »Erstens die Aufhebung der Torsperre und zweitens die Verlegung des Schwerpunktes im Hamburger Hafen weg vom Baumwall, wo die Segel­

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1: Die alte Rinderschlachthalle bietet heute Raum für Büros, Läden und Gastronomie. 2: Das Millerntorstadi­ on des FC St. Pauli auf dem Heiligengeistfeld

schiffe lagen, hin zu den St. Pauli-Landungsbrücken, an denen ab den 1840er-Jahren die brandgefährlichen Dampfer anlegten.« Durch den Zulauf von immer mehr Matrosen und Vergnügung suchenden Hamburgern, die nun ungehindert zu jeder Zeit auf den Hamburger Berg gelangen konnten, nahm die Entwicklung St. Paulis zur Amüsiermeile ihren Lauf. Es folgten Höhen und Tiefen in dem bald über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannten Stadtteil. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte St. Pauli eine Blütezeit, nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum machte das aufkommende Fernsehen das Varietégeschäft kaputt. In den 60er-Jahren kam mit legendären Namen wie »Starclub«, »Indra« und »Kaiserkeller« die Clubszene auf. Gleichzeitig wuchsen aber auch Kriminalität und Prostitution. Mit dem Musical »Cats« zog dann in den 80er-Jahren die leichte kultivierte Unterhaltung ein, setzte neue Impulse im Vergnügungsviertel und machte St. Pauli – zumindest in einem bestimmten Gebiet um den Millerntorplatz herum – sogar familientauglich. Heute ist der Kiez, wie die Meile um die Reeperbahn

Geschichte und Gegenwart auf einen Blick: gusseiser­ ner Pfeiler des Nobistors, das im 19. Jahrhundert die Grenze zwischen der Vorstadt und dem dänischen Altona markierte

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Doch das Schmuddelimage klebte weiterhin an St. Pauli, und es ist noch gar nicht so lange her, dass die bloße Tat­ sache, dass jemand auf St. Pauli wohnte oder arbeitete, als suspekt galt. Das hat sich inzwischen jedoch grund­ legend geändert. Heute ist das frühere Problemviertel salonfähig geworden. Für Jody Tuck, die zwischen Sülldorf und Wedel aufgewachsen ist, ist es bereits seit 17 Jahren Wahlheimat. »Ich finde schön, dass hier im­ mer Leben vor der Tür ist, immer eine Bar, ein Super­ markt geöffnet hat. Auf St. Pauli findet jeder mit seinem Lebensrhythmus und seinem Lebenszuschnitt einen Platz«, sagt die gelernte Köchin, die auch langjährige Er­ fahrungen im Kellnern auf St. Pauli hat. Gelebte Toleranz ist ein wichtiges Stichwort für das Miteinander im Stadtteil. Ohne die könnten die St. Pauli­ aner nicht die vielen Großveranstaltungen wie Schlager­ move und Harley Days ertragen, die über die Meile zie­ hen wie Heuschreckenschwärme und Reeperbahn und Umfeld in einem beklagenswerten Zustand hinterlas­ sen. Auch der beständige Strom an Touristen und Feier­ freudigen, die die U­Bahn allabendlich am Millerntor ausspuckt und die sich nicht alle wie Gäste benehmen, strapaziert oft die Geduld der Anwohnerschaft. »St. Pauli zeigt deutliche Ballermannisierungs­Tendenzen und ent wickelt sich leider zunehmend zum Touristen­ und Komasauf­Hotspot«, fasst Wiebke Johannsen ihre Beob­

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3: Die russisch­orthodoxe Kirche am Holstenglacis mar­ kiert das Ende des Karolinenviertels. 4: Blick in die Markt­ straße: Altbaubestand mit Läden und Restaurants

herum in ganz Hamburg nur genannt wird, ein echter Touristenmagnet und bietet ein breit gefächertes Ange­ bot aus Theater, Varieté, Musical und Konzerten in zahl­ reichen Clubs, verbunden mit einer äußerst hohen Res­ taurant­ und Kneipendichte, die das Gefühl nährt, dass hier eigentlich niemals »Feierabend« ist.

r Bürger»St. Pauli bräuchte meh utz beteiligungen, Mietersch Events und weniger schlimme « wie den Schlagermove.

SE N WI EB KE JO HA NN

Typische Bebauung der Hinterhöfe mit Terrassenhäusern, wie sie noch zahlreich im Stadtteil anzutreffen ist

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f schon »Das Grilly war im Kop überhaupt ir w or ev b , ig rt fe ge n la die Fläche hier hatten.« »Die Ramen RO BIN VE ITH ÖF ER

-Küche mussten wir erst einmal richtig lern en. Das war eine Herausforder ung.«

MO RIT Z BU HM AN N


INTERVIEW

Duett aus Burger und Ramen Mit dem Grilly Idol und dem Kokomo haben zwei ganz verschiedene Gastrokonzepte an der Clemens-Schultz-Straße Quartier genommen. Ihr habt 2016 und 2017 zwei Restaurants direkt nebeneinander aufgemacht. Wie kam’s dazu? ROBIN: Moritz und ich haben früher viel in der Gastronomie gejobbt und dann auch privat angefangen, Burger zu machen. Das haben wir immer mehr verfeinert und daraus nach und nach ein ganzes Konzept entwickelt. Schließlich entstand die Idee, daraus ein Restaurant zu machen, und wir fingen an, Räume zu suchen. Im März 2016 haben wir dann das Grilly Idol eröffnet. Ein Jahr später kam unser Vermieter und fragte uns, ob wir auch das Lokal nebenan mieten wollten. Wir haben sofort zugesagt, weil uns schon damals klar war, wie gut diese Lage ist. Aber wir hatten noch keine Ahnung, was wir dort machen wollten. Wie seid ihr auf das zweite Konzept mit den Ramen gekommen? MORITZ: Privat waren RamenSuppen gerade megaaktuell für uns. Und wir hatten das Gefühl, dass Hamburg dafür reif ist. In den

ersten Wochen und Monaten nach Eröffnung des Kokomo war es hier dann auch jeden Abend brechend voll. Die japanische Küche ist allerdings viel komplexer und die Geschmackswelt eine ganz andere. Da mussten wir uns erst reinarbeiten. Dabei war der Japan-Trip, den wir gemacht haben, sehr hilfreich. Da haben wir die japanische Küche noch einmal ganz anders kennengelernt und verstanden. Was waren die einprägsamsten Erfahrungen für euch als Gastronomen? MORITZ: Na ja, was wir wirklich gelernt haben, ist, dass du, wenn du Gastronomie machst, ständig ALLES im Blick behalten und ALLES gut machen musst. Du musst ein leckeres Essen entwickeln, eine schöne Karte und eine ordentliche

Steuerabrechnung machen, du brauchst eine richtig gute Personalplanung und tolle Händlerverträge. Das ist so unfassbar vielseitig, dass es eigentlich unmöglich ist, ALLES immer perfekt hinzubekommen. Aber wir sind nun mal beide Perfektionisten. Was ist für euch das Attraktive an diesem Standort? ROBIN: Ich finde toll, dass sehr viele unterschiedliche Menschen hierherkommen – von Touris aus Japan, die ihr Essen fotografieren, bis zu Oma und Opa, die mit ihren Enkeln mal Burger essen wollen. Wir haben aus allen Schichten und aus allen Ländern Leute hier. Und gleichzeitig ist das hier noch eine Ecke von St. Pauli, wo Hamburger gern hingehen.

Robin Veithöfer + Moritz Buhmann kennen sich seit 30 Jahren. In der gemeinsamen WG-Küche wurde schon früh viel experimentiert und für Freunde gekocht. Nach zahlreichen Jobs in der Gastronomie war dann irgendwann die Zeit reif, das Ganze auf professionelle Beine zu stellen. Zusammen mit Dritt-Geschäftsführer Fred Noel, dem »Mann für die Zahlen«, wagten die Koch-Kreativen 2016 den Sprung in die Selbstständigkeit.

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achtungen zusammen. Für Jody Tuck sind die Verände­ rungen in ihrem Wohnumfeld ebenfalls spürbar: »Die Leute, die hier wohnen, sind jetzt schon andere. Ich würde sagen, heute gibt es hier viel mehr junge Blogger­ typen als alte Kneipenjungs. Früher gab es einfach viel mehr Arbeiter, Kneipengänger und viele, die im Milieu beziehungsweise milieunah gearbeitet haben, und es herrschte ein rauerer Ton auf der Straße. Heute leben hier viele Studenten und auch junge Mütter.« Verlässt man den Kiez, zeigt St. Pauli jedoch zahlreiche andere Gesichter. Südlich liegen die Landungs­ brücken mit St. Paulis Teil der Elbe, dichtem Barkas­ senverkehr und dem Zugang zum Alten Elbtunnel, der über 100 Jahre alt ist und heute unter Denkmalschutz steht. Nördlich vom Kiez befinden sich zwei andere alt­ eingesessene Institutionen im Stadtteil: der DOM, Nord­ deutschlands größtes Volksfest, der dreimal im Jahr auf dem Heiligengeistfeld stattfindet, und das St. Pauli­ Millerntorstadion, die Heimstätte des legendären FC St. Pauli. Die Geschichte des Fußballclubs ist untrennbar mit dem Stadtteil verwoben, der Totenkopf nicht nur Erkennungsmerkmal für die Fans der in braun-weiß kickenden Fußballer, sondern vielmehr Symbol einer alternativ­linken Szene, die sich in hohem Maße mit dem Stadtteil identifiziert und für unangepassten Lebens­ stil steht.

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5: Blick vom Stintfang über Hamburgs kleinen Wein­ berg auf die Landungsbrücken 6: Viel besuchte grüne Oase mitten in der Stadt: die Wallanlagen

Noch weiter nördlich schließen sich Schanzen­ und Karo­ viertel an. Die Schanze gehört heute nur noch gefühlt, aber nicht mehr verwaltungstechnisch zu St. Pauli, denn sie wurde 2008 zum eigenen Stadtteil »Sternschanze« ge­ kürt, übrigens zum kleinsten der Hansestadt. Prägend für den Stadtteil an dieser Stelle ist das frühere Schlacht-

»Hier gibt es jetzt mehr junge Blogger typen als alte K neipenjungs, viele Studenten-W Gs und junge Mütter.« JO DY TU CK

Der Blick nach Osten von den Landungsbrücken aus hat mit der Elbphilharmonie eine neue Silhouette erhalten.

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mit Planten un Blomen seinen grünen Abschluss – einer echten grünen Oase mitten in der Stadt, in der man vom bewegten Umfeld nichts mitbekommt und entspannt zwischen Beeten und Teichen entlangschlendern kann. Es sind diese verschiedenen Facetten des Stadtteils, das große Angebot an Kneipen, Clubs und Restaurants, die Nähe zum Hafen, zu zahlreichen Grünanlagen und zur Innenstadt, die St. Pauli inzwischen zu einem begehrten Ort zum Wohnen und Arbeiten machen. Insbesondere die Kreativwirtschaft hat hier ihre Zelte aufgeschlagen. Das alles bleibt nicht ohne Folgen. Die Kauf- und Mietpreise sind seit einigen Jahren rasant in die Höhe gestiegen, die Gentrifizierungsdebatte ist schon lange massiv im Gange. Die jüngsten Auseinandersetzungen um den Abriss der Essohäuser zeigen, dass sich St. Pauli mit seinen vielen Initiativen vehement in diese Verände­ rungsprozesse eingeschaltet hat und Widerstand mobilisiert. »St. Pauli bräuchte mehr Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, Schutz vor Mieterhöhungen und auch gern weniger schlimme Events wie den Schlagermove«, äußert Wiebke Johannsen ihre Wünsche für die Zukunft des Stadtteils. Darin sieht sie deutlich mehr Sinn als in dem Vorschlag einer Initiative, den Stadtteil als »immaterielles Weltkulturerbe« von der UNESCO anerkennen zu lassen, um somit die Einmaligkeit des Miteinanders im Stadtteil und seine kulturelle Einzigartigkeit und Vielfalt zu würdigen. Im November 2018 hat erstmals die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht und ein Mietshaus in bester Kiezlage erworben, dessen potenzieller Käufer nicht bereit war, den Vorschriften der auf St. Pauli seit 2012 geltenden sozialen Erhaltungsverordnung nachzukommen. Dieser Schritt setzt ein Zeichen und hilft möglicherweise dabei, langfristig ein Nebeneinander von sozialen Biotopen und gläsernen Neubauten, von alten Kneipenjungs und jungen Bloggertypen in Hamburgs facettenreichem Stadtteil zu ermöglichen.

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7: Der Bunker auf dem Heiligengeistfeld an der Feldsta­ ße 8: An der Ecke Wohlwillstraße/Grüner Jäger ist das Cornern im Sommer Kult bei der Jugend.

hofareal, das sich zwischen dem Sternschanzenbahnhof und dem Heiligengeistfeld erstreckte. Von dieser Zeit zeugen noch die alte Rinderschlachthalle und die wieder aufgebaute Rindermarkthalle an der Feldstraße. Charakteristisch für Schanzen- und Karoviertel ist der schöne erhaltene Altbaubestand, teilweise noch mit typischer Terrassenbebauung in den Hinterhöfen, und die lebendige Infrastruktur mit vielen kleinen Läden und einer Vielzahl an Restaurants. Nach Osten hin findet diese Struktur jäh an der Karolinenstraße ein Ende, denn dort beginnt auf der gegenüberliegenden Seite das Hamburger Messegelände, das mit St. Pauli wiederum gefühlt so gar nichts zu tun hat, aber zum Stadtteil zählt. Ebenso mag es einem mit Hamburgs Wahrzeichen, dem Fernsehturm, ergehen, von dem kaum ein Hamburger im Kopf hat, dass er – wenn auch nur sehr knapp – ebenfalls St. Paulianer ist. Nach seiner Schließung für die Öffentlichkeit im Jahr 2001 gibt es jetzt konkrete Pläne für seine Wiedereröffnung 2023 – Kaffee und Kuchen sowie Panoramablicke auf Hamburg inklusive. Und in seiner nordöstlichsten Ecke findet St. Pauli schließlich

Sommer-DOM auf dem Heiligengeistfeld. Dreimal im Jahr bauen die Fahrgeschäfte hier ihre Stände auf.

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Urbanes Leben FREIRÄUME

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Öffentliche Freiräume prägen das Gesicht einer Stadt. Dabei geht es um mehr als Grünanlagen, Plätze und Parkbänke. Städte müssen hier neue Wege beschreiten und den Begriff Freiraum neu definieren.

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die sogenannten »lost spaces« in der Stadtentwicklung untersucht – Restflächen, Verkehrsinseln, Privatgärten, Abstandsgrün, Bahndämme, Brücken, Parkplätze etc. –, die künftig mehr Bedeutung erlangen könnten, wenn von städtischer Freiraumplanung die Rede ist. Die Städte stehen heute vor der Aufgabe, ihre öffentlichen Freiräume einerseits den durch Bevölkerungswachstum und entsprechende Nachverdichtung verknappten Flächenressourcen anzupassen und andererseits den veränderten Bedürfnissen der Bevölkerung entgegenzukommen. Der große »grüne Raum«, in dem bisher nur spazieren gegangen oder vielleicht noch Sport getrieben wurde, muss daher für die Zukunft neu gedacht werden. Dabei geht die Entwicklung weg von der Mono- hin zur Multifunktionalität. Nicht mehr Quantität steht im Vordergrund, sondern Qualität, und es rücken neben den offiziell in städtischen Rahmenplänen erfassten Flächen neue Orte in den Fokus. Das Abstandsgrün an der Straße, die Verkehrsinsel oder der versiegelte Innenhof lassen sich heute als Fläche mit Potenzial sehen. Die Nutzung dieser Flächen geht einher mit dem neuen Verständnis davon, an welchen Stellen in der Stadt sich öffentliches Leben abspielt, und kommt den Vorstellungen und Bedürfnissen der Stadtbewohnerschaft hinsichtlich neuer Freizeitaktivitäten entgegen. Konzepte wie Urban Gardening, das gemeinsame Gärtnern auf städtischen Frei- oder Brachflächen, zeigen schon seit Jahren das Bedürfnis der Stadtmen-

lätze, Parks und Grünanlagen sind Orte, die eine Stadt über ihre Grenzen hinaus bekannt machen und ihr ein positives Image verleihen können. Diese städtischen Freiräume übernehmen zahlreiche Aufgaben: Sie sind Orte der sozialen Begegnung, dienen der Identifikation und der Integration, sie können von kultureller Bedeutung sein, Funktionen für Sport und Bewegung übernehmen und ganze Stadtteile aufwerten. Zudem haben alle Arten von Grünanlagen eine wichtige ökologische Funktion für das Klima in den Städten und ermöglichen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ein Naturerlebnis in städtischen Bezügen. Sie dienen in Summe also einer Verbesserung urbaner Lebensqualität. Doch was genau lässt sich heute unter dem Begriff der städtischen Freiräume zusammenfassen? Zunächst denkt man unwillkürlich an die klassischen Parkanlagen oder auch an Plätze mit Bänken und Brunnen, den typischen Grünstreifen oder Spielplatzflächen. Doch in den vergangenen Jahrzehnten ist eine starke Erweiterung der Definition von städtischen Freiräumen erfolgt. Heute lassen sich darunter alle Flächen zusammenfassen, die für die Allgemeinheit zugänglich sind. Also auch jene, die unbebaut oder zumindest ungenutzt sind. Dazu gehören z. B. auch die leere asphaltierte Fläche neben dem stillgelegten Industrieareal, Brachflächen und die Straßenräume an sich. Wie viel Potenzial in diesen Flächen steckt, hat die Studie »Neue Freiräume« der HafenCity Universität Hamburg aufgezeigt. Sie hat

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schen nach eigenverantwortlichem Handeln im städtischen Grün. Genauso gewinnen neue Sportarten, die sich nicht mehr im Vereinsschema und in geschlossenen Räumen abspielen, immer mehr Anhänger. Eine davon ist Parkour, eine Art trainierter Hindernislauf im Freien. Beim Parkour bietet die Stadt mit ihren baulichen Gegebenheiten wie Treppenanlagen, Mäuerchen, Bänken und Höhenversprüngen das Einsatzgebiet für die sogenannten Traceure, die sich ihren eigenen Weg durch die Stadt bahnen und dabei versuchen, Hindernisse mit verschiedenen Bewegungsabfolgen möglichst effizient zu überwinden. Andere Aktivitäten wie Yoga streben immer mehr als Outdoor-Sport in den öffentlichen Raum. Und längst etablierte wie das Joggen lassen sich in neue Sphären versetzen, wie in Stuttgart das »Haus der Gesundheit« vormacht. Dort wurde auf dem Dach mit extensiver Dachbegrünung eine Tartanbahn zum Joggen eingerichtet. Das Nutzbarmachen von Dachflächen bietet generell ein großes Potenzial, das man künftig stärker heben wird. Selbst Schulhöfe lassen sich in die Höhe verlegen, wie die Katharinenschule in der HafenCity unter Beweis gestellt hat. Zwei herausragende Beispiele zeigen auf, wie zum einen urbane Industrieinfrastrukturen für die Stadt gewinnbringend als Freiraum nachgenutzt werden können und wie zum anderen ein Parkhaus, eigentlich ein mono­funktional ausgerichtetes Gebäude, von Anfang an multifunktional konzipiert wurde und sich dabei auch optisch sehen lassen kann. Der New Yorker High Line Park gehört vermutlich zu den berühmtesten Projekten, wenn es um einzigartige städtische Freiräume geht. Eine stillgelegte ehemalige

Hochbahntrasse für Güterzüge aus dem Jahr 1847 wurde zu einem Grün- und Erholungsraum und ist heute eine echte Stadtikone und viel besuchte Touristenattraktion. In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sollte sie abgerissen und zu Bauland werden. Eine Bürgerinitiative verhinderte dies erfolgreich und konnte die New Yorker Politik von einer anderen Nachnutzung überzeugen. 2002 wurde diese außergewöhnliche Grün-

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H I G H L I N E PA R K Mitten in Manhattan wurde eine stillgelegte Hochbahntrasse zu einer Parkanlage. Ein grüner Rückzugsort für die Stadtgesellschaft und ein interessantes Beispiel für Konversion im öffentlichen Raum. Vorherige Nutzung: Güterzugtrasse Entstehungszeitraum: 2002– 2011 Planer/-innen: Bürgerinitiative »Friends of the High Line«

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Nutzer/-innen: Bewohnerschaft und jährlich ca. 5 Mio. Touristen Weitere Besonderheit: Über 200 verschiedene Pflanzensorten sind hier beheimatet


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zone eingeweiht und 2011 um einen zweiten Abschnitt erweitert. Sie bietet Großstädtern und Besuchern einen Rückzugsort für Erholung und Entspannung und gleichzeitig eine attraktive Begegnungsstätte im stark besiedelten Manhattan. Außerdem kommt dem Park eine hohe Bedeutung für das städtische Klima zu. Die lang gezogene Freifläche ermöglicht eine Kaltluftschneise mit Frischluftzufuhr für das sehr stark bebaute Umfeld. Über 200 Pflanzenarten sorgen auf einer Strecke von über zwei Kilometern für eine hitzemindernde Wirkung. Geht es um Neubauprojekte, setzt ein Parkhaus in der Stadtentwicklungs-Vorreiterstadt Kopenhagen neue Benchmarks in Sachen Freiraumplanung. Das 2016 fertiggestellte Konditaget Lüders (Lüders Park’N’Play) ist Parkhaus und Spielplatz in einem. In Dänemarks Vorzeigeprojekt, dem Stadterweiterungsprojekt Nordhavn, entwickelte das Architekturbüro JAJA Architects ein Parkhaus, das nicht nur Platz nimmt, sondern auch Platz gibt. Aufgrund der Lage am Hafen konnte es nicht in die Tiefe gebaut werden, sondern entstand als achtgeschossiges Gebäude mit einer Metallgitterverkleidung in markanten Rottönen, die teilweise begrünt ist. Auf dem Dach des Parkhauses befindet sich ein öffentlicher Raum, der zum Verweilen, zum Spielen und zum Sporttreiben einlädt – alles verbunden mit einem sensationellen Ausblick auf Hafenanlagen und Wasser. Über zwei außen liegende Treppen an den Längsseiten des Gebäudes ist dieser Platz jederzeit erreichbar. Weg vom großen Maßstab hin zum kleinen zählen die Parklets zu den aktuellen Trends im öffentlichen Raum. Hierbei werden Parkflächen umgenutzt, um Geh-

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KONDITAGET LÜDERS / LÜDERS PARK`N`PLAY In Kopenhagen ist auf dem Dach eines neu geplanten Parkhauses ein Spielplatz entstanden. Ein Konzept, welches das Verständnis von Freiraum neu denkt und Multifunktionalität in den Mittelpunkt stellt. Vorherige Nutzung: Stillgelegtes Hafenindustrieareal wird zu urbanem Stadtgebiet umgeplant Entstehungszeitraum: 2014 –2016 Planer/-innen: JAJA Architects, Kopenhagen

Nutzer/-innen: Anwohnerschaft und Besucher/-innen des neuen Stadtquartiers Weitere Besonderheit: Eine fast acht Meter hohe Kletterpyramide befindet sich auf dem Dach

wegbereiche für die allgemeine Nutzung zu erweitern. Dort, wo vorher Autos parkten, entstehen zeitweilig oder dauerhaft kleine Oasen, die zum Aufhalten einladen. Ihre Ausstattung ist vielfältig. In der Regel sind sie eine Kombination aus Sitzmöbeln, Minibeeten und Grünpflanzen in unterschiedlichster Optik und lassen Treffpunkte für die Nachbarschaft und Relaxzonen für Passanten entstehen. Das Konzept der Parklets ist bereits in vielen Städten zu finden. In Wien gibt es schon über 30 neu gestaltete ehemalige Parkbuchten. Wer ein Parklet initiieren und sich langfristig darum kümmern möchte, kann sein Projekt bei der Stadt beantragen, die das

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DREI FRAGEN AN

Loch im Zaun

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Was war das Ziel der Studie?

Uns hat es in der Studie interessiert, welche Arten von öffentlichen wie auch privaten Freiräumen, die eben nicht in klassischen Rahmenplänen definiert sind, für die Stadtgesellschaft wichtig sind. Wir haben Online-Datenbanken und Social-Media-Kanäle ausgewertet und geolokalisierte Informationen analysiert. Dabei sind sehr viel mehr Freiräume aufgetaucht, die auch neue Nutzungsvorstellungen beinhalten.

Was passiert mit Freiräumen in der verdichteten Stadt?

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Was sind solch neue Freiräume, und was erwarten die Menschen heute von ihnen?

Das können Hafengebiete, die eigentlich privat sind, Verkehrsflächen und -inseln oder auch Bauerwartungsland sein. Die ehemaligen homogenen Parkanlagen, die nur zum Flanieren und ein bisschen Sporttreiben anregen, müssen neu interpretiert werden. Den Menschen geht es um öffentliche Räume, die für alle möglichen Nutzergruppen zur Verfügung gestellt werden. Dazu gehören auch neue Formen des Sporttreibens außerhalb des Vereins wie Parkourlaufen, Outdoor-Yoga oder Skaten. Und auch der Spaziergänger will über eine inszenierte Promenade die Stadt betrachten.

Bisher konnten wir es uns leisten, öffentliche Freiraumsysteme und private Flächen getrennt voneinander zu betrachten. Es gibt z. B. den Park und daneben den Bahndamm. Also öffentliche neben privaten Flächen. Aber genau dort finden Interaktion und Wechselwirkung statt. Durch den wachsenden Druck auf die Städte stellt sich die Frage, wie diese Flächen sich untereinander unterstützen können. Ein gutes Beispiel ist Wilhelmsburg, in dem es wenig öffentliche Freiflächen gibt, aber viele inoffizielle Freiflächen des Hafengebietes und diese auch einfach durch ein Loch im Zaun genutzt werden. Solche Flächen müssen intelligent miteinander verbunden werden.

Martin Kohler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HafenCity Universität Hamburg, Arbeitsgebiet Städtebau und Quartierplanung und Mitverfasser der Forschungsstudie »Neue Freiräume«, die ein Teil der Hamburger »Qualitätsoffensive Freiraum« ist.

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Vorhaben auf Durchführbarkeit prüft. In Deutschland hat ausgerechnet die sehr automobilaffine Stadt Stuttgart die Vorreiterrolle bei diesem Thema eingenommen und kann bereits auf zahlreiche, sehr vielfältig gestaltete Parklets zurückgreifen. In der deutschen Landeshauptstadt hingegen wird das Parklet als neue Größe im Straßenraum gerade erst erprobt und sehr kontrovers diskutiert. Erste Auswertungen haben gezeigt, dass sich dabei positive und negative Rückmeldungen in etwa die Waage halten. Während die eher junge Klientel positives Feedback gibt, stehen die Älteren dieser neuen Stadtmöblierung tendenziell neutral bis negativ gegenüber. Während die einen den neuen Raum gern für ein Treffen mit Nachbarn und Freunden nutzen, sehen die anderen den eh schon unzureichenden Parkraum noch mehr eingeschränkt und fürchten, dass zu viel Versammlung auf der Straße zur Ruhestörung ausarten kann. In Hamburg und den meisten anderen deutschen Städten steckt man bei diesem Thema noch in den Kinderschuhen. Doch auch hier wird dieser Trend ankommen und für neue Impulse im städtischen Raum sorgen. Um innovative Projekte – egal ob im kleinen oder großen Maßstab – zu initiieren und zu fördern, entwi-

ckeln immer mehr Städte mit Freiraumprogrammen gezielte Strategien. Hamburg hat die »Qualitätsoffensive Freiraum« ins Leben gerufen, zu der auch die Studie »Neue Freiräume« gehört, um die Hansestadt zukunftsfähig und lebenswert zu gestalten. Es zeigt sich dabei deutlich, dass die Stadt hier nicht mehr allein vorgehen kann, sondern neue städtische Freiräume in Zusammenarbeit mit verschiedensten Akteuren planen muss. Denn die starre Einteilung in »öffentlichen« und »privaten« Freiraum ist nicht mehr zeitgemäß. Oft gibt es fließende Übergänge von einem zum anderen, die gestaltet werden müssen. Zudem werden die Anforderungen an städtische Freiräume immer komplexer, und immer mehr Stadtbewohner möchten heute selbst zum Akteur werden, diese Räume nicht nur nutzen, sondern sie selbst produzieren. Hierfür werden aber neue Modelle benötigt, die diese Form der Teilhabe ermöglichen, die Zuständigkeiten regeln und auch entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen schaffen. Außerdem muss im dichten Stadtgefüge ständig ein Ausgleich oft sehr widersprüchlicher Interessen herbeigeführt werden. Gelingt all dies, gewinnt urbanes Leben an Lebendigkeit und Vielfalt.

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Teamarbeit INVESTMENT MANAGEMENT

Im dritten Jahr am Start … … und in jeder Hinsicht deutlich gewachsen: HTIM – die HAMBURG TEAM Investment Management GmbH. Wir stellen sie vor.

Von links nach rechts: Piotr Kurianowicz, Sebastian Schlansky, Nikolas Jorzick, Sandra Berger, Pedro Manuel de Sousa Machado


»HTIM versteht sich im besten Sinne des Wortes als eine Art Family Office für institutionelle Investoren.« NIKOLAS JORZICK

»Das Thema Immobilien spielte in meinem Leben schon immer eine große Rolle. Durch die berufliche Tätigkeit meines Vaters war ich nach der Schule und an den Wochenenden auf vielen Baustellen und durfte mir manchmal mit kleineren Arbeiten das Taschengeld aufbessern. Nachdem ich zehn Jahre lang vielfältige Erfahrungen in der Investment-Branche sammeln konnte, war dann für mich die Zeit reif für die Gründung eines eigenen Unternehmens, die unter dem Dach von HAMBURG TEAM erfolgte. Mit unseren Fonds-Produkten im Bereich Wohnen, Gewerbehöfe und Quartiere übersetzen wir die in der Projektentwicklung über die vergangenen 20 Jahre aufgebaute Expertise in den Fonds-Bereich. Neu hinzugekommen ist das Thema ›Altersgerechtes Wohnen‹. Der Erfolg zeigt uns, dass es die richtige Entscheidung war, sich auf diese Themen zu konzentrieren. Für unsere Fonds suchen wir Partner, die zu uns passen und mit denen wir uns eine langfristige Zusammenarbeit vorstellen können. Dies gilt auch für unser Team, das hoch motiviert am Aufbau des Unternehmens und der Umsetzung der Fonds arbeitet. Für mich ist Vertrauen die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit – im Team genauso wie in der Beziehung zu unseren Investoren.«

Nikolas Jorzick ist Diplom-Kaufmann, Immobilien-MBA und Chartered Financial Analyst (CFA). Im Privat­ leben spielen seine Familie und ein Ferienhaus in Schleswig-Holstein die Hauptrollen.

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»Als Transaktionsmanager muss man Generalist sein – hier zahlt sich mein breit gefächertes Studium aus.«

PEDRO MANUEL DE SOUSA MACHADO

»Ich wollte eigentlich immer im Bereich Stadtplanung oder Projektentwicklung beruflich tätig sein. Wirtschaftsgeografie und Betriebswirtschaft, ergänzt im Nebenfach um Jura und Bevölkerungswissenschaften, boten dafür eine gute Grundlage. Mein erster Job bei der LB Immo Invest brachte mir dann gleich die Möglichkeit, als Transaktionsmanager zu arbeiten. Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Beim Transaktionsmanagement gilt es, viele verschiedene Themen im Blick zu behalten und miteinander zu verbinden – den technischen, den finanziellen und den juristischen Part. Das ist spannend, aber auch anspruchsvoll. Beruflich weiter ging es für mich dann zur HSH Real Estate, zur HANSAINVEST und dann zu Quantum Immobilien, wo ich mit allen Asset-Klassen in Berührung kam. Der Wechsel zu HTIM hatte verschiedene Gründe. Nikolas Jorzick kenne ich seit meiner Schulzeit und damit HAMBURG TEAM auch schon lange. HTIM mit der Auflage des ersten Wohnungsfonds von Beginn an mit aufbauen und gestalten zu können reizte mich sehr. Mir gefällt die Unternehmenskultur hier. Man wird in die Verantwortung genommen, und es wird einem Vertrauen entgegengebracht. Und Teil von etwas Größerem, der HAMBURG TEAM Gruppe, zu sein, fühlt sich gut an.«

Pedro Manuel de Sousa Machado ist Diplom-Geograf und Betriebswirt. Der Hamburger verbringt die Urlaube mit seiner Familie oft in seiner zweiten Heimat Portugal. Ausgleich zur Arbeit findet er beim Boxen.

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»Mein Einstieg in die Immobilien- und Fonds-Branche lief 2004 über meine Tätigkeit als studentische Aushilfe bei Warburg-Henderson während meines Jurastudiums. Als dort eine Stelle im Bereich Investor Relations frei wurde, kam man auf mich zu. Da Investor Relations die Möglichkeit bietet, unmittelbar mit den Anlegern zusammenzuarbeiten und ständig mit allen Abteilungen einer Fonds-Gesellschaft im Austausch zu stehen, nahm ich das Angebot an. Die reine Juristerei erschien mir letztlich auch ein wenig trocken und meine Entscheidung hat sich als die richtige erwiesen. Nach einer weiteren beruflichen Station bei Quantum Immobilien kam ich zu HTIM. Bereits nach dem ersten Gespräch stand für mich fest, dass ich hier arbeiten wollte. Ein Unternehmen von Anfang an mit aufbauen zu können war für mich sehr interessant. Meine Hauptaufgabe ist die Betreuung der Investoren. Ich nehme an Vertriebsterminen teil, erstelle und entwickle Vertriebsunter­ lagen weiter, stimme mich mit unserer Service-KVG ab, organisiere die Anlageausschuss-Sitzungen und bin zentrale Ansprechpartnerin für unsere Anleger. Dadurch, dass wir hier noch ein kleines Team sind, bekomme ich gleichzeitig viel von allen anderen Bereichen mit. Das empfinde ich als große Bereicherung.«

»Ich bin gern für andere Menschen da. Das passt natürlich optimal zum Investor Relationship Management.« SANDRA BERGER

Sandra Berger hat in Hamburg Jura studiert. Geboren in Frankfurt a. M., führte sie ihr Weg über Niedersachsen nach Hamburg. Sie verbringt gern Zeit mit Freunden und ist begeisterte Tante einer kleinen Nichte.

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»Meinem Weg in das Investment Management ging ein Studium der Stadtplanung voraus, das ich an der TU Harburg absolvierte. Aus dieser Zeit habe ich ein Verständnis für die richtige Mikrolage und die überörtliche Einbindung eines Standortes entwickeln können. Ein Praktikum bei der HSH Real Estate hat mir dann den Weg in die Immobilienwirtschaft gewiesen. Der Bereich Gesundheitsimmobilien, das Thema Wohnen 70+, für das ich hier bei HTIM zuständig bin, begleitet mich bereits seit meiner Diplomarbeit. Das notwendige betriebswirtschaftliche Know-how habe ich mir in einem berufsbegleitenden Studium während meiner ersten Festanstellung angeeignet. Meine beruflichen Stationen hatte ich bei der PATRIZIA und zuletzt bei Corpus Sireo, wo ich auch maßgeblich an Konzeption und Vertrieb des ersten Fonds für Medical Office Buildings beteiligt war, meinem zweiten thematischen Standbein hier. An dem Wechsel zu HTIM hat mich gereizt, das sehr zukunftsträchtige Segment der Gesundheitsimmobilien hier von Anfang an aufbauen und gestalten zu können. Außerdem wollte ich gern einmal in einem familiär geprägten Unternehmen tätig sein. Die Zusammenarbeit hier in unserem kleinen, effektiven Team gefällt mir sehr. Die Entscheidungswege sind kurz, der Austausch findet auf Augenhöhe statt. Optimale Voraussetzungen für gute Arbeit.«

»Wenn man in Gesundheits­im­mo­bilien inves­tiert, muss man den gesellschaftlichen Wandel berücksichtigen und die Bedürfnisse der heutigen Best Ager kennen.« SEBASTIAN SCHLANSKY

Sebastian Schlansky ist Diplom-Ingenieur und Diplom-Betriebswirt. Der gebürtige Berliner lebt seit fast 20 Jahren in Hamburg und war im Rahmen seiner Elternzeit mit seiner Familie auf einer Asienrundreise.

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»Als Asset Manager profitiere ich auch von den umfangreichen Erfahrungen, die ich in der Bau­branche gesammelt habe.«

PIOTR KURIANOWICZ

»Nach meinem Bauingenieursstudium war ich zunächst in der Baubranche als Bauleiter und Projekt­ingenieur tätig, die längste Zeit bei der HOCHTIEF Construction AG. Der Wechsel in ein Beratungsunternehmen brachte für mich den Einstieg in die Immobilienbranche. Bei Consulting Partners Hamburg habe ich beim Ankauf von Objekten die Käufer technisch beraten, war aber auch im Bau-Management und der Projektsteuerung tätig. Es folgten weitere berufliche Stationen bei Quantum Immobilien, wo ich erstmalig auf Fonds-Seite agierte, und bei der HANSAINVEST Real Assets. Dort war ich zunächst technischer Transaktions- und Asset Manager und zuletzt Abteilungsleiter eines zehnköpfigen Teams. Der Reiz, zu HTIM zu wechseln, bestand für mich vor allem darin, meinen Arbeitsbereich von Anfang an selbst gestalten zu können. Außerdem gefällt mir hier die Durchmischung der Objekte, von Wohnimmobilien über Gewerbehöfe bis zu Gesundheitsimmobilien. Meine Aufgabe besteht darin, die angekauften Assets aus dem Blickwinkel eines Fonds-Managers zu bewirtschaften. So richtig los geht es damit, wenn die ersten angekauften Objekte fertiggestellt sind. Dass hier Teamarbeit großgeschrieben wird, liegt mir sehr. Und von unseren flachen Hierarchien profitieren auch die Anleger, denn sie bekommen die Objektinformationen aus erster Hand.«

Piotr Kurianowicz ist Diplom-Bauingenieur und Real Estate Asset Manager (IREBS). Der gebürtige Pole ist verheiratet und hat drei Kinder. Er hat einen Youngtimer-Tick und kocht gern.

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Rückblicke WO HINDEENN  & M   AÜ RH BR EE I TNE N BE

»ZEITLOSER

architektonischer

STAR« 70


Das Bürogebäude Bei den Mühren 1 ist ein Kind der 1960er-Jahre. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde es sorgfältig und im wahrsten Sinne des Wortes mit Weitsicht revitalisiert und ist heute zeitloser denn je.


FA K T E N

Lage Hamburg-Altstadt Bei den Mühren 1 Grundstück ca. 1.500 m² Projektvolumen 3.000 m² Nutzfläche Büro Architektur Bothe Richter Teherani Hamburg Leistungen Revitalisierung und Aufstockung eines Verwaltungs­gebäudes Projektierung 1999 – 2001

1 1: Das Gebäude vor dem Umbau bis 2000. Deutlich zu erkennen ist die Gliederung in Haupt- und zurückspringenden Zwischenbau.

Z

wischen Katharinenfleet, Mat­­­tentwiete und Bei  den  Mühren markiert das 1961 erbaute schlanke Bürohaus den ehe­maligen Haupteingang zur Speicherstadt am Zollkanal und die Einfahrt in die HafenCity. Das Gebäude gliedert sich in einen länglichen Baukörper und den angeschlossenen Zwischenbau, über den das Gebäude erschlossen wird. Dieser springt an Nord- und Südfassade aus der Gebäudeflucht des Nachbarhauses zurück und unterstützt damit den eigenständigen Charakter des Hauptbaus. Im Rahmen der umfänglichen Revi-

talisierung, die zwischen 2000 und 2002 stattfand, wurde eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen umgesetzt. Der gesamte Bestand wurde entkernt, um ein 6. Obergeschoss und einen Anbau erweitert und mit einem neuen Innenausbau versehen. Horizontale Fensterbänder in der Südfassade ermöglichen heute in allen Etagen den Blick auf die Speicherstadt. Das aufgeständerte Hauptgebäude wurde im Erdgeschoss mit großen Glasscheiben geschlossen und damit ein geräumiges Foyer geschaffen, das nun den an die Mattentwiete verlegten Haupteingang beherbergt.

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Bauzeit 2001 –2002

Dabei stellen die Rücksprünge der Glasfassade an Nord- und Südfas­ sade die Beziehung zum Zwischenbau her. Dadurch, dass die Glasfassaden hinter den Stützen verlaufen, bleibt der Eindruck eines aufgeständerten Gebäudes erhalten. An der Rückseite, zum Katharinenfleet, wurde ein Anbau realisiert, der den Zwischenbau in seiner vollen Geschossigkeit erweitert. Dadurch konnten um die Sanitärkerne herum neue Archivflächen und zur Straße hin neue Büroflächen entstehen. Schließlich wurde die gesamte Fassade des Gebäudes erneuert. Mit Ausnahme der beiden Stirnseiten


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4 2: Platz an der Sonne auf der Dachterrasse 3: Blick auf Speicherstadt und Binnenhafen vom 6. Obergeschoss

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Willy-Brandt-Straße

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des Hauptbaus erhielten alle Fassaden geschosshohe Fensterfronten. Die alte Betonfassade wurde durch eine Fassade aus grauen Alupaneelen ersetzt. Das »Highlight« ist eine neu geschaffene Dachterrasse, die beeindruckende Blicke auf Innenstadt, Binnenhafen und Speicher­ stadt ermöglicht. Die umfängliche Revitalisierung zeigt sich auch heute als ein gelungener Neuentwurf, der das Gebäude ganzheitlich aufgewertet und zukunftstauglich gemacht hat. Aktuell ist Bei den Mühren 1 der Firmensitz einer europaweit agierenden Agentur für digitale Kommunikation.

4: Fensteröffnungen in der Südfassade des Haupthauses nach Umbau

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Bei den Mühren 1 Bei den Mühren

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Elbphilharmonie

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HAFENCITY


INTERVIEW

Altes Gebäude – neu gedacht Für Hadi Teherani sind genaues Hinsehen und Einfühlungsvermögen für den jeweiligen Ort die Grundlage des architektonischen Entwurfs. Aus seiner Feder stammen die Pläne für die Revitalisierung des Gebäudes Bei den Mühren 1. Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Bestandsgebäude revitalisieren sollen? Für mich ist die allererste Betrachtung immer sehr wichtig. Wenn ich mir einen Ort anschaue, dann sage ich stets: Der Entwurf ist schon da, du musst ihn nur noch erkennen. Jeder Ort hat so viele Bezüge. Wie liegt das Gebäude, was für Ausblicke hat es? Wenn man das alles erfasst und beantwortet, dann hat man eine maßgeschneiderte Lösung für die jeweilige Stelle gefunden. Welche Bezüge waren ausschlaggebend für das Gebäude Bei den Mühren 1? Hadi Teherani in seinem Büro am Elbberg. Die Hadi Teherani Group deckt heute die Bereiche Architek­tur, Innenarchitektur, Produktdesign und Consulting ab und ist international tätig.

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Zum einen war das der Städtebau. Der Block endete hier, und die Straße Bei den Mühren stellte mit der Brücke die Verbindung in die Speicherstadt her. Das heißt, an dieser Ecke konnte ein Hochpunkt stattfinden, und daher war eine Auf­ stockung hier richtig. Dann gab es die verschiedenen Blickachsen. Wenn man aus dem Gebäude schräg nach vorn schaut, guckt man direkt in das Hafenbecken. Nach Süden hin ist das Haus zur schönen Speicherstadt ausgerichtet, hatte zu dieser Seite hin aber leider eine geschlossene Fassade. Früher hat man Gebäude eher gegen Wind und Wetter schützen wollen und Fassaden daher oft an der schönsten Seite nicht geöffnet. Zum anderen mussten wir natürlich untersuchen, ob das Gebäude standfest ist, ob es die Kriterien erfüllt, die für einen Umbau notwendig sind. In diesem Fall waren die Raumhöhen etwas grenzwertig, denn in den 60er- und 70er-Jahren hat man geringere Geschosshöhen gebaut, weil man damals noch keinen Doppelboden für die ganze Verkabelung brauchte. Deswegen werden die meisten Bürohäuser dieser Zeit auch abgerissen. Da wir das Gebäude aber insgesamt sehr schön fanden, kam ein Abriss nicht infrage. Stattdessen haben wir es einfach neu gedacht. Was sah Ihr Neuentwurf vor? Die Statik des Gebäudes gab nur ein Stockwerk für die Aufstockung her, sonst hätten wir die Stützen verstärken müssen, und das hätte sich von den Kosten her nicht mehr gelohnt. Also haben wir das 6. Stockwerk als überhöhtes Geschoss draufgesetzt. Das sonst sehr gleichförmig gestaltete Gebäude hat dadurch plötzlich so etwas wie einen Kopf bekommen, und in

diesem Kopf passiert auch etwas. Es dreht sich alles zum Wasser hin. Nach vorn raus haben wir die Fenster ein bisschen schräg gestellt, um den Blick in die richtige Richtung zu lenken. Darin verbirgt sich gleichzeitig eine kleine Spielerei, die mit der nahen Elbe zusammenhängt. Durch die Schrägstellung erhalten die Scheiben so etwas Leichtes, erinnern an die schräg gestellten Segel der Boote auf der Elbe und bringen Bewegung in das oberste Geschoss. Gleichzeitig haben wir die Fassade in Richtung Süden durch ein großes Fenster geöffnet und in diese Wand auch in den darunterliegenden Geschossen Fensterschlitze reingeschnitten, um den schönen Ausblick auf die Speicherstadt zu gewähren. Mit diesen Dingen haben wir eigentlich das Maximale an Ausblicken realisiert, die der Ort hergibt. Bei all diesen Maßnahmen ist es wichtig, dass man die Proportionen des Gebäudes erkennt und sie im Rahmen der Revitalisierung verbessert und nicht verschlechtert. Durch die Veränderungen ist das Gebäude jetzt quasi aufgewacht. Es steht an einer städtebaulich bedeutsamen Stelle, am Haupteingang zur Speicherstadt und an einer wichtigen Verbindungsachse in die

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HafenCity hinein. Diese Bedeutung war uns damals nicht klar, denn die HafenCity gab es ja noch nicht. Rückblickend haben wir dort trotzdem alles richtig gemacht. Was hat für Sie bei diesem Gebäude den besonderen Reiz ausgemacht? Es ist ja im Vergleich zu Ihren sonstigen Architekturwerken ein eher kleineres Projekt gewesen. Als Erstes reizt mich bei jedem Projekt immer die Aufgabe. Wir machen ja auch sehr viel kleinere Behausungen, wie zum Beispiel Vogelhäuser. Das kleinste Objekt, das wir mal designt haben, waren Manschettenknöpfe für Montblanc. Man muss mit kleinen Dingen genauso umgehen können wie mit großen. Deswegen haben wir uns mittlerweile breiter aufgestellt, machen neben Architektur und Innenarchitektur auch Produktdesign. Das zeigt, dass wir in verschiedenen Maßstäben denken

können. Wenn man mich fragt, welches meiner Projekte ich am besten finde, dann sage ich immer: das, an dem ich gerade sitze, denn da bin ich gerade gefordert. Für mich liegt also der Reiz bei jedem Projekt darin, Dinge zu entdecken, wahrzunehmen und sie dann in Lösungen umzuwandeln. Die Größe spielt dabei keine Rolle.


Impressum S TA DT P L A N

Herausgeber HTP Hamburg Team

Hamburg Team

Gesellschaft für Projektentwicklung mbH

Investment Management GmbH

Millerntorplatz 1, 20359 Hamburg Geschäftsführende Gesellschafter Peter Jorzick, Christoph Kleiner office@hamburgteam.de www.hamburgteam.de

Millerntorplatz 1, 20359 Hamburg Geschäftsführender Gesellschafter Nikolas Jorzick office@hamburgteam-im.de www.hamburgteam-im.de

Konzept, Text & Redaktion

Lektorat

Dr. Regine Jorzick, Dorka Humbach-Batizi, Maren Nowack

Uta Kleimann, Hamburg Lithographie

edelweiß publish lithographie, Hamburg

Gestaltung und Layout

Anna Bertermann, Hamburg Druck

Beisner Druck GmbH & Co. KG, Buchholz

Bildnachweis Fotos

Visualisierungen

Die Arche, Berlin, S. 44 Sebastian Boettcher, London, S. 21 Carsten Brügmann, Hamburg, S. 2, 3, 37,  70 / 71, 73 Convivo Holding GmbH, Bremen, S. 30, 32 Geschichtswerkstatt Barmbek, Hamburg, S. 6 HAMBURG TEAM, S. 39, 45, 72 Sinje Hasheider, Hamburg, S. 1, 3, 7, 26, 46 – 57, 64 – 69, 74 / 75 Martin Kohler, Hamburg, S. 62 Köster GmbH, Hamburg, S. 8 Kroesing Media Group, Osterode/Harz, S. 20 Piet Niemann, Hamburg, S. 24 Paulus Ponizak, Berlin, S. 19 Mica Reinhardt, Hamburg, S. 44 Sartorius, Göttingen, S. 14 / 15, 16, 17 Staatliche Landesbildstelle, Hamburg, S. 6 Daniel Sumesgutner, Hamburg, S. 37 www.goldengirlshoney.com, S. 44

allod, Berlin, S. 42 bloomimages, Hamburg, S. 2, 10 / 11, 18, 22 / 23, 40 Convivo Holding GmbH, Bremen, S. 33 – 35 dreidesign, Hamburg, S. 9, 38, 43 Gärtner + Christ GbR, Hamburg, S. 2, 4, 5, 9, 43 Grüntuch Ernst Architekten, Berlin, S. 12 pure rendering GmbH, Berlin, Umschlag, S. 41 Luftbilder

Falcon Crest Air, Hamburg, S. 40 INTERBODEN Gruppe, Ratingen, S. 40 Illustrationen

Carlo Stanga, Berlin, S. 3, 58 – 61, 63 coido architects/ Katharina Cordsen, Hamburg, S. 25 Infografik

Bertelsmann Stiftung, Gütersloh S. 2, 28

© Hamburg Team, November 2018


2018

Profile for HAMBURG TEAM

HAMBURG TEAM StadtPlan 2018  

Das Magazin der HAMBURG TEAM Gruppe

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