Page 1

Einblick in den Beginn einer Analyse

©Alois Altenweger

Das Online-Magazin für psychologische Themen, Schicksalsanalyse und therapeutische Arbeit und Mitteilungen aus dem Szondi-Institut Herausgeber: Alois Altenweger, www.szondi.ch, Szondi-Institut Zürich


Inhalt Ein „Delate-Knopf“ für die DNA

3

TIDe – Telefon-Intervention bei Depression

4

Neurophysiologische Korrelate optimaler emotionaler Verarbeitung

6

Magersucht – Smartphone gestützte Therapie

6

Büchertipp: The Brain (deutsch) David Eagleman

10

SchlussWörter

12

Das Hühnerhaus brennt

SchlussBild

13

Vor einem Schweizer Berghotel…

Szondi-Institut, Krähbühlstrasse 30, 8044 Zürich, www.szondi.ch, info@szondi.ch, Tel. 044 252 46 55


Ein «Delete-Knopf» für die DNA Nathalie Matter Corporate Communication Universität Bern Forschende unter der Leitung des Molekularbiologen Rory Johnson der Universität Bern haben eine Software entwickelt, mit der Teile der menschlichen DNA rasch und einfach aus lebenden Zellen gelöscht werden können. Die Software wird zu einem besseren Verständnis der «Dunklen Materie» unserer DNA führen, der sogenannten nicht-codierenden DNA, und könnte die Suche nach krankheitsverursachenden Genen sowie neuen Therapien erleichtern. Die Genomik untersucht, wie unser Genom, die Gesamtheit unserer DNA (Desoxyribonukleinsäure), den Menschen definiert, und wie aus Fehlern in der DNA Krankheiten entstehen. Bis vor kurzem war sie eine «schreibgeschützte» Wissenschaft: Mittels technischer Hilfsmittel konnten genetische Sequenzen und ihre regulatorischen Bereiche abgelesen werden – es gab aber keine Möglichkeit, DNA zu editieren oder zu löschen, weder für die Grundlagendforschung, noch für potenzielle therapeutische Zwecke. Erst mit der Entdeckung der «CRISPR/Cas9»-Methode vor ein paar Jahren wurde dies möglich. CRISPR/Cas9 ist ein molekulares Tool, bestehend aus zwei Komponenten: Einem sogenannten molekularen Strichcode («sgRNA»), der von Forschenden verwendet wird, um eine bestimmte Stelle im Genom zu finden, und einem Protein, Cas9, welches an eine bestimmte Struktur in der sgRNA andockt. Mit diesen Komponenten kann nun die DNA bearbeitet werden – so können etwa kleine Mutationen eingeführt oder die Aktivität von Genen reguliert werden. CRISPR/Cas9 wurde bisher hauptsächlich eingesetzt, um Protein-kodierende Gene (welche zur Bildung von Proteinen führen) auszuschalten. Unser Genom besteht jedoch zu 99 Prozent aus Genen, die keine Proteine codieren. Diese sogenannte «nicht-codierende DNA» wird auch als «Dunkle Materie» unseres Genoms bezeichnet und ist grundlegend für das Verständnis sämtlicher Aspekte der menschlichen Biologie, der Evolution und von Krankheiten. Bis anhin fehlten experimentelle Werkzeuge, um die nicht-codierende DNA zu untersuchen. CRISPR/Cas9 macht auch dies möglich. Tool für potenzielle Therapien Ein internationales Team um Prof. Rory Johnson vom Departement Klinische Forschung der Universität Bern und dem Nationalen Forschungsschwerpunkt NCCR RNA & Disease hat nun eine revolutionäre Software entwickelt, welche das bisher sehr aufwendige Löschen bestimmter nichtcodierender DNA-Stellen so einfach macht, dass es für die Forschung und Suche nach neuen Therapieansätzen breit eingesetzt werden kann. Forschende um Johnson hatten am spanischen Centre for Genomic Regulation in Barcelona kürzlich bereits ein auf CRISPR/Cas9 basierendes Tool namens «DECKO» entwickelt, mit dem jede gewünschte Stelle nicht-codierender DNA gelöscht werden kann. Der einzigartige Vorteil von DECKO ist, dass zwei sogenannte sgRNAs (single guide RNAs, zwei künstlich hergestellte RNA-Moleküle) benutzt werden, die wie zwei molekulare Scheren ein Stück DNA aus dem DNA-Strang herausschneiden können. Forschende weltweit haben diese einfache und effektive Methode bereits übernommen. Während der Arbeit an DECKO realisierte die Gruppe um Johnson, dass es keine Software gab, mit der dieses benötigte sgRNA Molekül-Paar designt werden konnte, was Experimente zum Löschen von


DNA zeitaufwendig machte. Aus diesem Grund wurde der Master-Student Carlos Pulido aus der Gruppe beauftragt, dafür eine Software zu schreiben. Mit der Hilfe von Forschenden im Labor, die mittels Experimenten nachwiesen, dass tatsächlich die gewünschten Stellen in menschlichen Zellen gelöscht wurden, entstand so das Programm «CRISPETa». «CRISPETa ist eine leistungsfähige und flexible Lösung, um CRISPR-Löschexperimente zu gestalten», sagt Rory Johnson. Forschende können CRISPETa die Stelle angeben, die sie löschen wollen, und die Software liefert zwei optimierte Gen-Scheren (sgRNA-Moleküle), die direkt eingesetzt werden können. «Einer der Hauptvorteile von CRISPETa ist, dass es über eine benutzerfreundliche Website zugänglich ist und so von allen Forschenden in der Biomedizin genutzt werden kann», sagt Johnson. Auf einfache Weise kann so eine vermutlich funktionale Stelle in nicht-codierender DNA gelöscht werden, um herauszufinden, ob sich etwas in der zellulären oder molekularen Aktivität ändert. So kann die Software auch dabei helfen, potenzielle Therapien zu entwickeln – etwa indem eine Stelle von nicht-codierender DNA gelöscht wird, von der vermutet wird, dass sie eine bestimmte Krankheit auslöst. «Wir hoffen, dass dieser ‹Delete-Knopf› möglichst vielen Forschungsgruppen zugute kommt, die sich mit der Löschung von DNA mittels CRISPR befassen», sagt Carlos Pulido, der Student, der CRISPETa programmiert hat. «CRISPR und andere Genom-editierende Tools werden unser Verständnis der genetischen Ursachen von Krankheiten revolutionieren – besonders in den 99 Prozent der DNA, die keine Proteine codiert», ist Johnson überzeugt. Die Forschenden hoffen, dass damit die Ursachen von Krankheiten nicht nur untersucht, sondern krankheitsverursachende Mutationen künftig auch rückgängig gemacht werden könnten. Die Studie zu CRISPETa wurde nun im Journal PLOS Computational Biology publiziert. Sie wurde vom Spanischen Staat, der EU und teilweise vom Schweizerischen Nationalfonds durch den Nationalen Forschungsschwerpunkt «NCCR RNA & Disease» unterstützt. Publikationsangaben: Pulido-Quetglas C, Aparicio-Prat E, Arnan C, Polidori T, Hermoso T, Palumbo E, et al.: Scalable Design of Paired CRISPR Guide RNAs for Genomic Deletion. PLoS Comput Biol (2017) 13(3): e1005341. doi:10.1371/journal.pcbi.1005341 http://www.unibe.ch/aktuell/medien/media_relations/medienmitteilungen/2017/index... http://journals.plos.org/ploscompbiol/article?id=10.1371/journal.pcbi.1005341 http://crispeta.crg.eu/

TIDe – Telefon-Intervention bei Depression Ein Studienprojekt zur Verbesserung des Zugangs zu evidenzbasierter Psychotherapie bei leichter bis mittelschwerer Depression in der Primärversorgung

In der Schweiz stellt die Hausarztpraxis häufig die erste und oftmals einzige Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Beschwerden dar. Depressionen werden in der Primärversorgung häufig medikamentös behandelt und die Zahl an Überweisungen zu spezialfachärztlichen Behandlungen ist gering. Obwohl eine psychotherapeutische Behandlung bei leichter Depression indiziert ist und die Mehrheit der Patienten eine solche der medikamentösen Behandlung vorziehen würden, bleiben in etwa zwei Drittel der


betroffenen Patienten unbehandelt. Trotz der Verfügbarkeit von evidenzbasierten Behandlungsmöglichkeiten hindern strukturelle und individuelle Barrieren Patienten daran, eine adäquate Behandlung zu erhalten. Ein vielversprechender Ansatz, den Zugang zu evidenzbasierten Behandlungen zu verbessern, ist die Durchführung von psychotherapeutischen Behandlungen übers Telefon (Tel-PT) und die Implementierung dieses Vorgehens ins primärärztliche Setting. Trotz positiver Ergebnisse in internationalen Studien sind eine grössere Anzahl an reinen Wirksamkeitsstudien sowie eine Anpassung an das Schweizer Gesundheitswesen ausstehend und notwendig. TIDe (Telefon-Intervention für Depression) ist eine randomisiertkontrollierte Studie mit dem Ziel, die Wirksamkeit und Kosten-Effektivität einer telefonbasierten Kurzzeit-Verhaltenstherapie im Vergleich zur Behandlung wie gewohnt (TAU – Treatment as Usual) mit Minimal-Intervention in der Primärversorgung zu untersuchen. Patientenrekrutierung und Studieneinschluss erfolgen einerseits durch die 20 teilnehmenden Hausärztinnen und Hausärzte und andererseits durch Kontaktaufnahme von Betroffenen, die über öffentliche Ankündigungen vom Studienprojekt erfahren haben. Bei allen Patienten wird ein Screening auf depressive Symptome durchgeführt. Bei einem PHQ-9 Wert von >5 und ≤15 und einer anschliessenden Diagnosestellung nach ICD-10, erhält der Patient ausführliche Studieninformationen und wird zur Studienteilnahme eingeladen. Patienten, die in die Interventionsgruppe (IG) randomisiert werden, erhalten die telefonbasiert KurzzeitVerhaltenstherapie, welche aus einem initialen, persönlichen Erstgespräch und 8-12 Telefonkontakten mit dem Studientherapeuten besteht. Patienten in der Kontrollgruppe (KG) erhalten Behandlung wie gewohnt (TAU) und zusätzlich 10 automatisch generierte SMSNachrichten, die neutrale Sachinhalte über Depression vermitteln. Das primäre Outcome wird 12 Monate nach Baseline (t2) erfasst und ist definiert als Symptomreduktion, welche mit dem Gesundheitsfragebogen (PHQ-9) erhoben wird. Sekundäre Outcomes beinhalten Verbesserung der depressiven Symptomatik nach Behandlungsende sowie im Sinne einer Response und Remission, gesundheitsbezogene Lebensqualität und die Kosten-Effektivität der Intervention. Projektverantwortliche: Prof. Dr. Birgit Watzke b.watzke@psychologie.uzh.ch Projektleitung MSc Elisa Haller elisa.haller@uzh.ch Studienkoordination

Die Studie wird von der Julia und Gottfried Bangerter-Rhyner-Stiftung gefördert und in Kooperation mit folgenden Partnern durchgeführt: - Institut für Hausarztmedizin, Universität Zürich - Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, UKE Hamburg - Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie, UKE Hamburg Psychologisches Institut der Universität Bern


Neurophysiologische Korrelate optimaler emotionaler Verarbeitung Beschreibung: Bei vielen psychischen Störungen stehen problematische emotionale Erfahrungen im Zentrum. Des Weiteren spielen Emotionen, der Umgang mit negativen Emotionen und die Veränderung von Emotionen eine zentrale Rolle in der Psychotherapie. Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT, z.B. Greenberg, Rice & Elliot, 1993) stellt einerseits validierte Interventionen bereit, die die Verbesserung der emotionalen Verarbeitung zum Ziel haben. Andererseits wurden auch Modelle und Instrumente entwickelt, um verschiedene emotionale Prozesse detailliert zu detektieren und zu beschreiben. Bisher sind jedoch die neurophysiologischen Grundlagen einer optimalen emotionalen Verarbeitung im Sinne der EFT noch nicht erforscht worden. In diesem Projekt sollen erstmals die neurophysiologischen Korrelate optimaler und suboptimaler emotionaler Verarbeitung untersucht werden, indem Prozessforschungsinstrumente aus der Psychotherapieforschung mit modernen Methoden der EEG-Auswertung kombiniert werden. Projektteam: Maria Stein, Kristina Rohde, Franz Caspar Kollaborationspartner: Antonio Pascual-Leone, Windsor, CA; Thomas Koenig, Universitätsklinik für Psychiatrie, Bern.

Smartphone-gestützte Therapie: Neues e-health-Angebot zur Behandlung von Magersucht Barbara Reinke M.A. Unternehmenskommunikation Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Forscher untersuchen therapeutischen Nutzen einer Smartphone-App Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz untersuchen, ob sich die Essstörung Magersucht mit Hilfe der Smartphone-App „Jourvie Research“ besser behandeln lässt. Diese App soll es Betroffenen erleichtern, ihr Essverhalten und die damit verbundenen Gefühle zu protokollieren. Zudem bietet sie ihnen in psychischen Krisen Tipps, um diese zu überwinden. Aktuell suchen die Wissenschaftler noch betroffene Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren, die unter der Essstörung Anorexia nervosa leiden und an der Studie teilnehmen möchten. Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz untersuchen, ob sich die Essstörung Magersucht mit Hilfe der Smartphone-App „Jourvie Research“ besser behandeln lässt. Die


vom gleichnamigen Sozialunternehmen entwickelte App soll es Betroffenen leichter machen, ihr Essverhalten und die damit verbundenen Gefühle zu protokollieren. Geraten sie in eine psychische Krise, bietet ihnen die App Tipps, um diese zu überwinden und nicht mit gestörtem Essverhalten zu reagieren. Aktuell suchen die Wissenschaftler noch betroffene Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren, die unter der auch als Magersucht bezeichneten Essstörung Anorexia nervosa leiden und an der Studie teilnehmen möchten. Interessierte aus Mainz und den umliegenden Regionen wenden sich bitte an den Initiator und Leiter der Studie, Dipl.-Psych. David Kolar, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsmedizin Mainz (E-Mail an david.kolar@unimedizin-mainz.de). Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Symptomen von Essstörungen. In Deutschland sind es laut Robert-Koch-Institut etwa 2,3 Millionen. Betroffen sind vor allem Mädchen in der Pubertät, aber auch bei Jungen im Kindesalter ist der Wunsch abzunehmen immer weiter verbreitet. Essstörungen nehmen unter den kinder- und jugendpsychiatrischen Störungen eine besondere Stellung ein, da sie schwierig zu behandeln sind. Häufig führt die Erkrankung zu schwerwiegenden körperliche Schäden und nicht selten sogar zum Tod. Zu den Essstörungen zählt die Magersucht, auch Anorexia nervosa genannt. Sie stellt eine schwere psychische Erkrankung dar und ist vielfach mit einer schlechten Prognose verbunden. Besonders das starke Untergewicht der Betroffenen und das stete Risiko einer weiteren Gewichtsabnahme gefährdet ihre Gesundheit. Ambulante Therapieplätze sind allerdings rar: Wartezeiten von weit mehr als drei Monaten sind die Regel. Hilfe verspricht eine speziell entwickelte Smartphone-App. Die von dem Sozialunternehmen „Jourvie“ entwickelte App „Jourvie Research“ dient den Magersüchtigen als Tool, um digital und diskret zu notieren und zu speichern, was sie wann und mit welchem Gefühl gegessen haben. Diese Essprotokolle tragen dazu bei, bestimmte Denkmuster und wiederkehrende Verhaltensmuster im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme besser erkennen zu können. Weitere hilfreiche Funktion der App: Sie unterstützt ihre Nutzer in Krisenfällen. Geraten die Erkrankten in eine Situation, auf die sie tendenziell mit gestörtem Essverhalten reagieren würden, schlägt ihnen die App alternative Handlungen vor, beispielsweise Musik hören, lesen oder sich an etwas Schönes erinnern. Ziel ist es, dass die Magersüchtigen ihr Gewicht erhöhen oder es zumindest halten. Es gilt, ein lebensbedrohliches Ausmaß der Essstörung abzuwenden. Ob der Einsatz dieser Smartphone-Applikation tatsächlich zu einer Stabilisierung des Gewichts führen kann, das erforschen Wissenschaftler seit 2016 in der randomisiertkontrollierten SELTIAN-Studie. Sie wird an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Johanniter-Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Neuwied durchgeführt. Der Abschluss der ersten Pilotstudie ist für Ende 2017 geplant. Bis dahin suchen die Wissenschaftler an allen beteiligten


Studienorten allerdings noch Teilnehmerinnen – und zwar konkret untergewichtige Mädchen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, bei denen der Verdacht oder sogar die bestätigte Diagnose einer Anorexia nervosa besteht und die noch auf ihren ambulanten Therapieplatz warten müssen. Interessierte können sich an die unten angegebenen Kontaktpersonen wenden. Im Rahmen der SELTIAN-Studie erhalten die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, bereits während der Wartezeit dem Fortschreiten ihrer Erkrankung mit professioneller Hilfe entgegen wirken zu können. Mit den Teilnehmerinnen der einen Gruppe führen Psychologen zum einen alle zwei Wochen psychiatrische Einzelgespräche durch. Darin besprechen sie mit den Betroffenen deren Essprotokolle. In der App-Version, die in der Studie eingesetzt wird, werden die Protokolle nach jedem Ausfüllen automatisch an den Therapeuten verschickt, so dass dieser bereits vor dem Gesprächstermin vollen Einblick in die aktuellen Themen der Patientin erhält. Darüber hinaus entwickeln sie gemeinsam mit den Magersüchtigen individuelle Strategien zur Gewichtsstabilisierung sowie neue Lösungen für schwierige Situationen und sie analysieren die Erfolge und Misserfolge bei deren Umsetzung. „In der Therapie besprochene Problemlösungen sind in einer Krise schnell vergessen. Was wäre, wenn eine Smartphone-App die Patienten genau dann an ihre Strategien erinnert?“, so der Mainzer Diplom-Psychologe David Kolar, der die Studie konzipiert hat. „In Krisen kann die App die magersüchtigen Mädchen dann auf ihre eigenen Strategien aufmerksam machen. Wir vermuten, dass die Therapie dadurch effektiver wirkt.“ Deshalb erhalten die Probandinnen der einen Patientengruppe zusätzlich zu den Gesprächen auch noch Unterstützung durch die Smartphone-App. In der Kontrollgruppe der Studie kommt das digitale Hilfsmittel nicht zum Einsatz. „Ab einem bestimmten Punkt der Gewichtsabnahme bedürfen die Magersüchtigen einer stationären Behandlung. Wenn es auch dank der App gelänge, deren Anzahl zu verringern, wäre das sowohl aus Sicht der Betroffenen als auch aus Sicht des Gesundheitssystems sehr zu begrüßen“, betont Kolar. „Bislang füllten die Betroffenen ihre Essprotokolle meist mit Papier und Stift aus. Doch diese analoge Protokollmethode ist nicht sonderlich praktisch und diskret. Smartphone-Apps bieten die großartige Chance, Daten im Alltag der Patienten direkt erfassen zu können“, erklärt Professor Dr. Michael Huss, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. „Mit Hilfe der Jourvie-App ist es möglich, eingenommene Mahlzeiten und die damit verbundenen Gefühle auf praktische und moderne Art zu protokollieren: Das Handy ist ohnehin immer dabei und niemand kann sehen, welche Funktion der Nutzer gerade verwendet.“ „Jourvie hat deutschlandweit schon tausende von Patienten unterstützt. Mit Hilfe der Studie wollen wir erfahren, wie sehr wir zu einer erfolgreichen Therapie beitragen können. Dieses Wissen wollen wir für die weitere Entwicklung unserer App nutzen”, betont Ekaterina


Karabasheva, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Unternehmens Jourvie gUG Berlin, das hinter dem Jourvie-Projekt steht. Daher stellte es eine angepasste Version der App für die SELTIAN-Studie zur Verfügung. Weitere Informationen: Kolar et al. (2016). Bridging the Gap: Smartphone-based Support between Sessions for Adolescent Outpatients with Anorexia Nervosa - A Randomized Controlled Trial Protocol. EUROPEAN EATING DISORDERS REVIEW 24(4): E21-E21. Meeting Abstract: 34. ; DOI: 10.1002/erv.2456

Kontakte und Anmeldung zur Studienteilnahme: Universitätsmedizin Mainz: Dipl.-Psych. David Kolar, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, Tel: 06131 / 17-3282, E-Mail: david.kolar@unimedizin-mainz.de Sekretariat der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, Tel.: 06131 / 17-3281 Charité – Universitätsmedizin Berlin: Betteke van Noort (M.Sc.), Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité-Universitätsmedizin Berlin, E-Mail: Betteke.Van-Noort@charite.de, Tel.: +49 (0) 30/450 566-594 Johanniter-Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Neuwied: Dr. phil. Dipl.-Psych. Regina Fuhrmann, Johanniter GmbH, Johanniter-Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Neuwied, E-Mail: Regina.Fuhrmann@nr.johanniter-kliniken.de Sekretariat des Johanniter-Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie Neuwied, Tel.: 02631 / 39440 Pressekontakt Universitätsmedizin Mainz: Barbara Reinke, Stabsstelle Unternehmenskommunikation der Universitätsmedizin Mainz, Tel. 06131 / 17-7428, Fax 06131 / 17-3496, E-Mail: pr@unimedizin-mainz.de


BücherTipp The Brain/ David Eagleman aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Pantheon, München 2017, Preis: Fr. 34.90, 224 Seiten

Das Gehirn Peggy Freede Halten wir eine Tasse heißen Tee in der Hand, kann es passieren, dass wir die Beziehung zu unserer Mutter positiver einschätzen als mit einem Kaltgetränk. Dieser verblüffende Effekt entsteht, weil sich die Mechanismen des Gehirns, mit denen es zwischenmenschliche und körperliche Wärme beurteilt, überschneiden und gegenseitig beeinflussen. Ganz ähnlich fällen Menschen strengere moralische Urteile, wenn es unangenehm riecht, und sie verhandeln kompromissloser, während sie auf einem harten Stuhl sitzen. Oft wissen wir nicht, warum wir welche Entscheidung treffen. Fest steht aber, dass unser Gehirn ständig Informationen aus der Umgebung erhält, die auf unser Verhalten einwirken – auch wenn wir das häufig gar nicht merken. David Eagleman, Neurowissenschaftler und Schüler des Nobelpreisträgers Francis Crick, beschreibt in seinem Buch anhand vieler Beispiele, welche Rolle unbewusste Prozesse in unserem Leben spielen. Er erklärt etwa, wie wichtig ein liebevolles und fürsorgliches Umfeld für die Entwicklung des kindlichen Gehirns ist, oder wie Erfahrungen ihre "Fingerabdrücke" im Gehirn hinterlassen und so seine physische Struktur prägen. Kurz: wie die Umwelt uns zu dem macht, der wir sind. Sachlich, aber anschaulich beleuchtet der Bestsellerautor verschiedene Vorgänge im Gehirn, die unser Handeln steuern. Mitgefühl entsteht zum Beispiel, wenn man das Leid eines anderen sieht. Dabei werden ähnliche Hirnregionen aktiv, wie wenn wir selbst Schmerzen spüren. Das Gehirn simuliert also überzeugend, wie es wäre, wenn wir uns in der Situation des anderen befänden. Das ist auch der Grund, weshalb uns Filme und Romane faszinieren. Wir identifizieren uns mit der Not oder der Freude der Figuren. Außerdem betont Eagleman die enorme Leistungsfähigkeit des Gehirns. Selbst ein einfacher Bewegungsablauf – wenn wir beispielsweise eine Tasse mit der Hand zum


Mund führen – entspricht der Rechenleistung mehrerer Dutzend der schnellsten Supercomputer der Welt. Während Computer aber wahre Stromfresser sind, arbeitet unser Denkorgan erstaunlich sparsam: Es braucht gerade einmal so viel Energie wie eine 60-Watt-Lampe. Bis heute gibt es kein künstliches System, das annähernd so leistungsstark ist wie das menschliche Gehirn.

Den Menschen auf sein Denkorgan reduziert Schon der Titel des Buchs und Sätze wie "Heute leben mehr als sieben Milliarden menschliche Gehirne auf unserem Planeten" lassen vermuten, dass Eagleman das menschliche Ich und das Leben an sich auf synaptische Prozesse reduziert. Natürlich wissen Wissenschaftler inzwischen eine Menge darüber, wie Nervenzellen, Netzwerke und Hirnregionen funktionieren. Allerdings ist bisher kaum bekannt, auf welche Weise die Signale, die in unserem Gehirn herumschwirren, eine Bedeutung für uns bekommen. Daher kann man bezweifeln, ob allein die Neurowissenschaft den großen Fragen nach dem menschlichen Ich auf den Grund gehen kann und sollte. Denn schließlich betreffen sie auch andere Disziplinen wie die Philosophie. Etwas philosophisch wird der Autor dann tatsächlich gegen Ende des Buchs, wenn es darum geht, wo im Gehirn das Denken, Fühlen und die Wahrnehm ung sitzen. Hätte eine funktionierende Simulation des menschlichen Gehirns ein Bewusstsein? Wäre ein solches künstliches Konstrukt ein fühlendes Wesen? Könnte es denken? Und vor allem: Könnte es über sich selbst nachdenken? Zwar beobachten Wissenschaftler im Gehirn Neurone, Synapsen, chemische Botenstoffe sowie elektrische Ströme, und sie sehen viele Milliarden kommunizierender Zellen. Aber wo sitzt das Ich? Wo die Gedanken, die Emotionen, das Glücksgefühl? Und wo die Farbe Blau? Schade, dass der Neurowissenschaftler diese spannenden Fragen erst am Ende aufwirft. Noch bedauerlicher ist, dass er sie mit der Vermutung abtut, Bewusstsein entstehe dann, wenn genügend Nervenzellen in der richtigen Weise kooperieren. Das macht stutzig, hat er doch nur wenige Seiten zuvor noch erklärt, das Bewusstsein sei eines der größten Rätsel der modernen Hirnforschung und es seien neue Theorien und Erkenntnisse notwendig, um es wirklich verstehen zu können. Ω


SchlussWörter Das Hühnerhaus brennt Luftschlösser waren sein Ding. Man sah ihn in Marokko mit einem Fes – Oder war es am Nordpol? Wo er ein Mädchen im Hundeschlitten mitnahm. Zu Hause war die Hölle los, Als seine Frau das erfuhr, «Das Hühnerhaus steht in Flammen», Erzählte er wohl seinen Trinkkumpanen. Wenn er hier und da auftauchte, Einen Wahrsager in Neapel befragte, Aus einem Zug in Brasilien winkte Und verschwand wie der Teufel. Von dem ein früher Forscher behauptete, Er habe ihn Flöte spielen und tanzen gesehen, Auf einem Felsen draussen im Pazifik, Den nachher kein Schiff mehr finden konnte. Charles Simic (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Wiebke Meier)

Geboren 1938 in Belgrad, lebt Charles Simic seit den frühern fünfziger Jahren in den USA. Er war 2007 zum Poet Lautreate der Vereinigten Staaten ernannt worden. Zuletzt in deutscher Übersetzung 2016 sein Gedichband «Picknick in der Nacht» im Hanser-Verlag.


SchlussBild

Sehnsucht nach dem Meer…Strandkörbe vor einem Schweizer Berghotel in Melchsee-Frutt Foto©Altenweger

Profile for Szondi Institut

Brückentexte 2017  

Das Online-Magazin für psychologische Themen, Schicksalsanalyse und therapeutische Arbeit und Mitteilungen aus dem Szondi-Institut. Inhalt...

Brückentexte 2017  

Das Online-Magazin für psychologische Themen, Schicksalsanalyse und therapeutische Arbeit und Mitteilungen aus dem Szondi-Institut. Inhalt...

Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded