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Impressum Humanité Ausgabe 4/2011 Dezember 2011 ISSN 1664-1159 Titelbild und Rückseite: Hilde Eberhard, Uster Herausgeber: Schweizerisches Rotes Kreuz, Rainmattstrasse 10, Postfach, 3001 Bern Telefon 031 387 71 11, info@redcross.ch, www.redcross.ch

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Report – Augenmedizin in Ghana Entscheidende Augenblicke 4 Eine Erfolgsgeschichte aus Ghana 8 12 Engagiert – Ines Ochsenbein Jeden Tag Weihnachten 14

KONKRET – Opfer der Dürrekatastrophe Geflüchtet vor dem Nichts

Spenden: Postkonto 30-9700-0

17 ÜBERZEUGT – Gedanken zur Weihnachtszeit Mehr als teure Geschenke

Adressänderungen: E-Mail an aboservice@redcross.ch oder Telefon 031 387 71 11 Redaktionsadresse: Schweizerisches Rotes Kreuz, Redaktion Humanité, Postfach, 3001 Bern, humanite@redcross.ch, www.magazin-humanite.ch Redaktion: Tanja Pauli (Redaktionsleitung), Urs Höltschi (Public Fundraising), Hana Kubecek (Gesundheit und Integration), Isabelle Roos (Corporate Partnerships), Christine Rüfenacht (Sekretariat der Kantonalverbände), Isabel Rutschmann (Kommunikation), Karl Schuler (Internationale Zusammenarbeit)

22 ERLEBT – Beratung für Folter- und Kriegsopfer «Beeindruckend, die Stärke dieser Menschen»

Mitarbeitende dieser Ausgabe: Mario Böhler, Urs Frieden, Barbara Furrer, Petra Hörig, Josef Kasper, Markus Mader, Marco Ratschiller, Josef Reinhardt, Katharina Schindler, Julia Zurfluh

24 Engagiert – Palliativbetreuung Bis zum Ende begleiten

Gastkolumne: Nicole Berchtold Abo-Kosten: Das Abonnement kostet CHF 6.– pro Jahr und ist für SRK-Gönnerinnen und SRK-Gönner im Beitrag enthalten. Erscheinungsweise: vier Mal jährlich Sprachen: deutsch und französisch Gesamtauflage: 116 650 Bildrechte aller Fotos ohne Hinweis: Schweizerisches Rotes Kreuz Übersetzungen: Übersetzungsdienst SRK Layout, Lektorat und Druck: Vogt-Schild Druck AG, Derendingen Nächste Ausgabe: Februar 2012

neutral Drucksache No. 01-11-379438 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership

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18 KONKRET – Rettungshunde Das Vertrauen in den besten Freund des Menschen

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KREUZ & QUER Finger gehören in den Teller Rätsel/Cartoon


© SRK, Caspar Martig

editorial

Eine Chance für den Augenblick Liebe Leserin, lieber Leser Ohne meine Brille wäre mein Leben massiv eingeschränkt. Vielleicht geht es Ihnen auch so, wenn Sie eine haben? Sie ist Gold wert. Jeder Mensch mit einer Sehschwäche sollte Anrecht haben auf eine Sehhilfe. In Ghana wissen nur die wenigsten Kinder der ärmsten Bevölkerungsschicht, welche Chancen sich ihnen dank einer Brille eröffnen würden. Unsere Rotkreuz-Freiwilligen klären die Bevölkerung auf und schaffen Vertrauen. Blinde, die am grauen Star erkrankt sind, überwinden dank den Gesprächen ihre Angst vor einer Operation und können geheilt werden. Ich durfte in Ghana eine Katarakt-Operation beobachten. Zugegeben, die Operation am offenen Auge erzeugte ein mulmiges Gefühl. Auch deshalb, weil das einfache Zimmer nicht im Geringsten an einen Operationssaal erinnerte. Doch die routinierten Handgriffe des Augenarztes vermittelten Sicherheit und Erfahrung. Er entfernte die trübe Linse und ersetzte sie durch eine Kunstlinse. Ein kleiner Augenblick und ein einfacher Eingriff, aber für die Betroffenen ist es eine Reise in die neue Welt des Sehens. Eine Reise in ein besseres Leben, welche Sie mit einer Spende von nur 50 Franken ermöglichen können. Das ist weniger als eine Bahnreise von Bern nach Zürich-Flughafen retour mit Halbtaxabonnement. Mir bleibt unvergessen, wie wenig es braucht, um viel zu bewirken. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein unvergesslich schönes Weihnachtsfest. Geniessen Sie den Augenblick. Herzliche Grüsse

Markus Mader Direktor des Schweizerischen Roten Kreuzes

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report

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Report

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s ist früh am Morgen, doch an der Schule von Jirapa im Norden von Ghana herrscht bereits reges Treiben. Aus allen Himmelsrichtungen treffen die Kinder in ihren Schuluniformen ein. Neugierig mustern sie die Rotkreuz-Fahrzeuge, die im Schatten des Mangobaumes parkiert sind. Lehrer und Rotkreuz-Freiwillige weisen die Mädchen und Knaben an, sich in Gruppen bereitzuhalten. Rund 2000 Kinder aus den umliegenden Dörfern werden heute an der Sekundarschule von Jirapa augenmedizinisch untersucht. Ein ganzes Team von Fachleuten ist angereist: Augenpfleger, Optiker, ein Augenarzt. Dazu Dutzende Rotkreuz-Freiwillige und natürlich sämtliche Lehrer.

Kofi mit dem Reiben aufhört, kommt eine Fliege und setzt sich am Auge fest. «Rund die Hälfte aller Kinder, die dringend eine Behandlung brauchen, leiden an Bindehautentzündung», erklärt Josef Kasper, Ghana-Verantwortlicher beim SRK. Dieses Leiden kommt wegen des staubig-heissen Klimas und mangelnder Hygiene besonders häufig vor. Es ist nicht nur äusserst schmerzhaft und lästig, sondern kann bei fehlender Behandlung zu dauerhaften Sehschäden bis hin zu Blindheit führen. Oft wissen die Menschen nicht, dass die Krankheit ansteckend ist. Und wenn Mütter ihren Kindern einem nach dem andern mit dem Rockzipfel die verklebten Augen «reinigen», tragen sie ungewollt dazu bei, dass sich die Krankheit weiter ausbreitet.

Augentropfen gegen quälende Bindehautentzündung

Rund 2000 Augenkontrollen an einem Tag – ein effizienter Ablauf macht es möglich

Es ist das erste Mal, dass die Augen dieser jungen Menschen professionell begutachtet werden – und es ist höchste Zeit. Augenleiden sind im ländlichen Ghana weit verbreitet. Mangelernährung, ungenügende Hygiene und eine schlechte medizinische Versorgung bewirken, dass sich Krankheiten ungehindert ausbreiten, die mit einfachen Mitteln behandelt werden können.

Behandlung und Aufklärung gehören zusammen Kofi wird vom Augenpfleger antibiotische Tropfen erhalten und staunen, wie rasch die quälende Entzündung abklingt. Doch nur wenn er und seine Familie gleichzeitig

Bindehautentzündung – ein quälender Begleiter Der 12-jährige Kofi stellt sich geduldig in die Schlange, die ihm zugewiesen wurde. Wie viele andere Kinder, die hier anstehen, reibt er sich immer wieder mit dem Handrücken die Augen. Sie sind rot entzündet und verklebt. Jedes Mal, wenn 6

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Wegen Fehlsichtigkeit bleiben viele Kinder Analphabeten. erfahren, wie sich Ansteckungen vermeiden lassen, hat die Behandlung Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Deshalb finden parallel zu den Schuluntersuchungen in den Dörfern Informationsveranstaltungen statt. Speziell ausgebildete Freiwillige des Ghanaischen Roten Kreuzes klären die Menschen über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Augenleiden auf. Auch andere weit

verbreitete Leiden, wie das durch mangelnde Hygiene verursachte Trachom und vor allem der zu Blindheit führende graue Star, kommen zur Sprache (siehe Kasten Seite 7). Beim grossen Baum neben dem Hauptgebäude haben unterdessen die Sehtests begonnen. Wird Fehlsichtigkeit nicht erkannt und nicht korrigiert, führt sie dazu, dass die betroffenen Kinder Analphabeten bleiben, weil sie dem Unterricht nicht folgen können. Um dieses Problem anzugehen, finanziert das SRK nicht nur die Ausbildung von Augenpflegern und Optikern, sondern hat in der Regionalhauptstadt Wa, dem Zentrum seiner Aktivitäten, eine Brillenwerkstatt eingerichtet. An der Schule in Jirapa werden heute die Kinder bestimmt, die eine Brille brauchen. Gleich vor Ort stellt der Optiker das Rezept aus. In der Werkstatt


report Rafia Ibrahim ist eine Freiwillige des Ghanaischen Roten Kreuzes und wurde vom SRK für ihre Arbeit ausgebildet

es in Westafrika üblich, jeder blinden Person ein Kind zur Seite zu stellen, das sie herumführt und im Alltag unterstützt. Mehr als 2000 Menschen haben letztes Jahr in Ghana das Augenlicht zurückgewonnen. Und mindestens ebenso viele Kinder erhielten dadurch die Chance, zur Schule zu gehen und ein eigenes Leben zu führen.

➥ redcross.ch/ghana

APROPOS

«Eine Brille hilft dir und ist etwas Gutes» – ohne Aufklärungsarbeit werden Brillen nur schlecht akzeptiert in Wa wird anschliessend die passende Brille hergestellt. Wenige Wochen später sind die Kinder im Besitz der Sehhilfe, die ihnen Zugang zur Bildung verschafft. «Brillen sind im ländlichen Ghana noch wenig bekannt und schlecht akzeptiert», sagt Josef Kasper. «Damit sie auch wirklich benutzt werden, braucht es intensive Aufklärung. Mit Hilfe der Rotkreuzfreiwilligen erklären wir den Menschen in den Dörfern, dass eine Brille darüber entscheiden kann, ob ein junger Mensch den Weg aus der Armut findet.» Wie wichtig es ist, zu den Augen Sorge zu tragen, wird spätestens dann klar, wenn jemand das Augenlicht verliert. Rund ein Prozent der Menschen in Ghana sind blind und fristen meist ein freudloses Dasein. Die meisten verlieren das Augen-

licht wegen des grauen Stars, einer fortschreitenden Trübung der Linse, die vor allem ältere Menschen betrifft. Mit 50 Franken von der Blindheit befreien Durch eine einfache Operation kann die trübe Linse durch eine Kunstlinse ersetzt werden und der Patient gewinnt das Augenlicht zurück. Das SRK hat im Norden Ghanas die augenmedizinische Versorgung so weit ausgebaut, dass jedes Jahr rund 2000 Menschen dank einer solchen Operation von der Blindheit befreit werden. Für die Betroffenen bedeutet der Eingriff, der gerade mal 50 Franken pro Auge kostet, ein neues Leben. Doch nicht nur für sie.

Häufigste Augenleiden Grauer Star (Katarakt): ist die Haupt­ursache von Blindheit ab dem mittleren Alter. Die rund 18 Millionen Starblinden in den Ländern des Südens könnten nach einer Operation wieder sehen. Trachom: eine hochansteckende Infektionskrankheit, die das Augenlid verformt. Kann im Frühstadium mit antibiotischer Augensalbe geheilt werden, führt aber unbehandelt zu unheilbarer Blindheit. Flussblindheit (Onchozerkose): wird von Stechmücken übertragen. Winzige Larven geraten in die Blutbahn, werden zu Fadenwürmern und zerstören schliesslich den Sehnerv. Kinderblindheit: wird in erster Linie durch Mangelernährung (Vitamin-AMangel), Masern oder Bindehautentzündung hervorgerufen. Sehfehler: rund 145 Millionen Menschen leiden weltweit an Sehschwächen. Unkorrigiert können sie schlimmer werden und schliesslich zum Erblinden führen. Altgold für Augenlicht Die Augenprogramme des SRK in Ghana, Togo, Mali, Nepal und Tibet werden zum grossen Teil durch die Aktion Altgold finanziert: Privatpersonen schicken dem SRK ihren ausgedienten Schmuck aus Gold zum Wiederverkauf oder Einschmelzen. Zahnärztinnen und Zahnärzte beteiligen sich mit altem Zahngold an der Sammlung, welche die weltweite Bekämpfung der Blindheit ermöglicht. Adresse für Altgoldspenden: Schweizerisches Rotes Kreuz, Augenlicht schenken, Rainmattstrasse 10, 3001 Bern

Mangels anderer sozialer Sicherheiten ist Humanité 4/2011

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© Hilde Eberhard

Report

Ein Rotkreuz-Freiwilliger registriert, wer im Dorf ärztliche Hilfe benötigt und vermittelt die Patientinnen und Patienten an die Krankenkasse

Interview

Eine Erfolgsgeschichte aus Ghana Das Augenmedizinprogramm im Norden Ghanas ist eine Erfolgsgeschichte. Josef Kasper erklärt im Interview, warum sich das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) aus zwei Regionen zurückziehen wird und warum er stolz ist auf die Arbeit der letzten Jahre. Interview: Tanja Pauli

Welchen Stellenwert hat Aufklärungs-

Sie ist zentral und macht den grössten Teil unserer Arbeit aus. Deshalb haben wir rund 2000 einheimische Freiwillige ausgebildet. Sie überzeugen in den Dörfern die Verantwortungsträger oder die Augenkranken direkt. Viele haben gehört, dass man nach einer Augenoperation erblinden kann. Kein Wunder, wenn diese von einem traditionellen Starstecher mit einem rostigen Instrument durchgeführt wurde! Wir erklären, wie moderne Augenmedizin funktioniert und warum ein sehschwaches Kind eine Brille braucht. Wie vielen Menschen in Ghana konnte das SRK in rund 20 Jahren helfen? 8

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© Hilde Eberhard

arbeit in Ghana?

Das SRK bildet Freiwillige aus, welche auch abgelegene Dörfer besuchen


report Zuverlässige Schätzungen ergeben, dass über 2,5 Millionen Menschen dank unserer Unterstützung erreicht wurden. Die Kinder von heute werden gesündere Augen haben als die Generation vor ihnen. Es wird in Zukunft drastisch weniger Menschen mit schweren Augenleiden geben, dort, wo wir uns jetzt eingesetzt haben.

die Spenderinnen und Spender aus der Schweiz. Wie geht es weiter?

Für die fast zweijährige Endphase brauchen wir weitere Spenden. Ab 2014 werden wir in anderen Regionen in Ghana

Beteiligen sich die Patientinnen und

Ja, wann immer sie sich dies leisten können. Wir offerieren im Normalfall keine Gratisoperationen, sondern überzeugen die Menschen über die Vorteile der Registrierung in die nationale Krankenversicherung. Damit auch die Ärmsten Zugang zu den angebotenen, augenmedizinischen Diensten haben, richtete das SRK den Teilbereich «Pro Poor Support» ein. Heute bezahlen wir den Ärmsten die Krankenkassenprämien. Eine Augenoperation erhält nur, wer eine Krankenversicherung hat?

Genau, so funktioniert es und so stärken wir das gesamte Gesundheitssystem. Wir überzeugen die Menschen vom Sinn einer Krankenkasse. Denn es ist eine grosse Chance, dass Ghana 2006 die Krankenversicherung eingeführt hat. Wir sind stolz, dass wir an diesem Erfolg mitbeteiligt sind. Die Prämie zahlen wir den Ärmsten für ein Jahr, nachher müssen auch sie selber dafür aufkommen. Dies tun sie mehrheitlich, denn das Vertrauen ist gewonnen und die Prämie ist sehr günstig. Es ist uns wichtig, dass die Ärmsten versichert sind und nicht durch das soziale Netz fallen. Die Spendengelder werden somit sehr effizient eingesetzt?

Ja, und vor allem auch nachhaltig. Das Augenmedizinprogramm hat dank der Sammelaktion Altgold für Augenlicht und Geldspenden sehr viel erreicht in den beiden Regionen im Norden Ghanas. Es ist eine Erfolgsstory, die hoffentlich in zwei Jahren selbstständig ohne uns weiter funktionieren wird. Ein schönes Beispiel für Entwicklungszusammenarbeit, die ihr Ziel erreicht hat. Möglich gemacht haben es aber letztlich nicht wir, sondern

© Peter Maurer

Patienten an den Kosten?

und anderen Ländern weiterarbeiten, wie zum Beispiel in Togo, Mali, Nepal und Tibet. Jeder Mensch, der aus Armut blind leben muss, ist einer zu viel. Insbesondere gilt es nie zu vergessen, dass diese Länder kaum behindertengerecht eingerichtet sind. Es gibt noch viel zu tun.

Josef Kasper Seit 1998 ist er als Programmverantwortlicher beim SRK in Bern zuständig für Westafrika. Er studierte Geografie und hat ein Nachdiplomstudium in Entwicklungszusammenarbeit absolviert. Insgesamt zehn Jahre lebte er in Guinea Bissau und Ghana. Zusammen mit seiner Frau aus Kamerun hat er einen Sohn.

APROPOS Ghana – Armut im Hinterland der Goldküste Ghana gehört zu den kulturell reichsten Ländern Westafrikas. Die 23 Millionen Einwohner gehören 50 verschiedenen Ethnien an. Traditionelle Tänze, kunstvoll gewebte Stoffe und archaisch wirkende Trommelmusik gehören noch immer zum Alltag. Aber die Armut ist allgegenwärtig in der ehemaligen britischen Kolonie Gold Coast, welche 1957 Unabhängigkeit erlangte. 80 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Der nördlichste Teil des Landes, wo sich das SRK mit seinem augenmedizinischen Programm engagiert, ist der ärmste. Hier fehlt es an Strassen, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung. Die Menschen leben als selbst­ versorgende Kleinbauern unter einfachsten Verhältnissen, und viele Kinder sterben früh an vermeidbaren Krankheiten. Dabei schien Ghana einst eine goldene Zukunft zu blühen. Seine reichen Goldvorkommen machten es zum ersten Land Westafrikas, mit dem die Europäer Handel trieben. Goldküste wurde es damals genannt. Doch von dem Reichtum floss kaum etwas in die Entwicklung des Landes. Die Bevölkerung zahlt den Preis für den ungezügelten Goldabbau mit abgeholzten Wäldern und von Chemikalien verseuchtem Wasser. Heute sind rund 80 000 Menschen in den Goldminen beschäftigt, die von multinationalen Konzernen abgebaut werden. Politisch gilt Ghana als einer der afrikanischen Musterstaaten. Anders als im Nachbarland Elfenbeinküste, wo der Kampf um die Macht zu einem Bürgerkrieg geführt hat, erfolgten in Ghana die letzten drei Machtwechsel friedlich durch geordnete demokratische Wahlen. Das Klima in dem westafrikanischen Küstenstaat ist tropisch mit entsprechender Vegetation. Im Norden dominieren Savannenlandschaften. Seit einigen Jahren häufen sich Wetterextreme und es kommt in der Regenzeit zu Überschwemmungen. Das SRK unterstützt das Ghanaische Rote Kreuz jeweils bei der Bewältigung dieser Notlagen.

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© Music on Ice

KUrZ & büNdiG

eiszauber für das rote Kreuz Music on Ice 2012 ist Japan und dem japanischen Volk gewidmet. Das Organisationskomitee der Eiskunstlauf-Show will die Opfer des Erdbebens unterstützen. Von jedem verkauften Ticket gehen 5 Franken an das Schweizerische Rote Kreuz für den Wiederaufbau in Japan. In den beiden Shows vom 7. und 8. Januar 2012 in Bellinzona sind Stéphane Lambiel, Sarah Meier und die Weltbesten der Eiskunstlaufszene zu bewundern. Music on Ice verbindet Musik mit Lichteffekten und bietet EiskunstChoreografien auf höchstem Niveau.

➥ musiconice.com

Unterstützung des SrK in Zentralamerika Im Oktober wurden El Salvador und Honduras nach anhaltenden schweren Regenfällen von Überschwemmungen heimgesucht. Allein in El Salvador mussten 50 000 Menschen aus ihren Häusern evakuiert werden. In beiden Ländern verteilten Rotkreuz-Freiwillige Decken, Trinkwasser und Hygieneartikel an die Menschen in den Schutzunterkünften. Bis im März 2012

werden vom SRK in sechs stark betroffenen Dörfern im Osten El Salvadors verschlammte Brunnen repariert, Schulgebäude und Schutzbauten wiederhergestellt und Reinigungskampagnen zur Bekämpfung von Epidemien durchgeführt. Insgesamt wendet das SRK 500 000 Franken auf für die Hilfe in den Überschwemmungsgebieten. Daran beteiligt sich auch die Glückskette.

Nothelferkurs im lager Im alljährlichen Ausbildungs- und Ferienlager (AULA) des Schweizerischen Militär-Sanitäts-Verbandes SMSV profitieren 130 Jugendliche von einer intensiven Ausbildung in Erster Hilfe. Der SMSV stellt medizinisches Material zum Üben zur Verfügung und zeigt an einer Rettungsdemonstration, wie es die Profis machen. Nachtübungen und Übernachtungen im Freien sorgen für altersgerechte, abenteuerliche Herausforderungen. Nebst der Schulung bietet das Lager ein tolles Sportprogramm. Teilnehmen können Jugendliche zwischen 14 und 22 Jahren zu einem Unkostenbeitrag von 220 Franken. Auf der Website ist bereits das Anmeldeformular fürs AULA 2012 aufgeschaltet.

➥ aula-jugendlager.ch

Am 9. Juli 2011 wurde der Südsudan zu einem unabhängigen Staat. Gleichzeitig wurde auch eine neue nationale Rotkreuz-Gesellschaft gegründet, das Südsudanesische Rote Kreuz. Um in den Verbund der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften aufgenommen zu werden, muss die neue Rotkreuz-Gesellschaft per Gesetz die offizielle Anerkennung der südsudanesischen Regierung erhalten. Dies wird in den kommenden Monaten der Fall sein.

Das Schweizerische Rote Kreuz wird eng mit der neuen Rotkreuz-Gesellschaft zusammenarbeiten, weil es im Südsudan gemeinsam mit dem Partner eine Gesundheits- und Wasserversorgung aufbaut. Es werden neue Gesundheitszentren eingerichtet, Fachpersonal und freiwillige Helfer in den Dörfern ausgebildet. Zur Absicherung der Trinkwasserversorgung werden neue Brunnen mit Handpumpen errichtet, und der Bau von Latrinen verbessert die sanitäre Situation der Menschen.

© IFRC/Conor Asleigh

© Andri Pol

Neue rotkreuz-Gesellschaft im Südsudan

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engagiert

Ines Ochsenbein

Jeden Tag Weihnachten Bei Ines Ochsenbein ist jeder Tag Weihnachten. Täglich denkt und handelt sie im Sinne anderer Menschen. Ein Bericht über eine der engagiertesten Spenderinnen der Aktion 2 5 Weihnachten des Schweizerischen Roten Kreuzes. Text: Tanja Pauli   Bilder: Roland Blattner

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ürsorglich hat mir Ines Ochsenbein den Weg zu ihrer Wohnung beschrieben. Zum Kaffee serviert sie Biscuits aus der Confiserie. Die 86-Jährige denkt wahrlich bei allem, was sie tut, zuerst an andere Menschen und hat eine gütige, kluge Ausstrahlung. Wer sie sprechen hört, vergisst ihr hohes Alter. Ines Ochsenbein denkt unglaublich schnell. Was sie erzählt, lässt 12

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darauf schliessen, dass sie täglich die Zeitung liest. Die Seniorin weiss, was sie will und wie sie ihre Ziele pragmatisch erreicht. Nie nur für sich Fast immer, wenn sie für sich einkauft, legt sie für die Aktion 2 5 Weihnachten etwas in den Einkaufswagen, ein ganzes Jahr lang. So stapeln sich bis im Januar

die Kartons mit Waren für die alljährliche Sammelaktion in ihrem Keller. Alle Einkäufe trägt die Seniorin selber nach Hause. «Einen Einkaufswagen kann ich schlecht mit in den Bus nehmen. Ich bevorzuge eine Tasche zum Umhängen, das ist praktischer», erklärt sie. Klug geht Ines Ochsenbein auch vor, wenn es um die Auswahl der Waren geht. Weil Lebensmittel für die


engagiert Ines Ochsenbein will im hohen Alter aktiv bleiben und sammelt unermüdlich für die Aktion 2 5 Weihnachten

Gut organisiert und das Haltbarkeitsdatum stimmt: Produkte für den täglichen Bedarf unterstützen Menschen mit zu wenig Einkommen am besten

Spendenaktion bis mindestens im September des Folgejahres haltbar sein müssen, kauft sie in den ersten Monaten des Jahres jeweils Toiletten- und Papeterieartikel. Gibt es Multipackungen zu Schnäppchenpreisen, schlägt sie zu. Die Verkäuferinnen im Quartierladen unterstützen sie und legen gerne geeignete Artikel zur Seite. Ihre Verbündeten im Laden sind ebenfalls infor-

miert über die Haltbarkeitsbedingungen und wissen, welche Waren für 2 5 Weihnachten sinnvoll sind. Grosszügig, aber nicht unkritisch Über 40 Jahre hat Ines Ochsenbein als Bankangestellte in verantwortungsvoller Position gearbeitet und auf privaten Reisen viel von der Welt gesehen. Das hat sie sensibilisiert für die Menschen, die mit dem Nötigsten auskommen müssen. Weltoffen ist sie geblieben, aber sie hat eine klare Meinung. Auch zu den Organisationen, an die sie spendet. Diese nimmt sie genau unter die Lupe und ist keineswegs offen für jedes Anliegen. «Mir ist bewusst, dass es immer etwas zu Hinterfragen gibt. Aber das sollte einen nicht vom Spenden abhalten.» Sie nimmt es gelassen, dass keine Woche verstreicht ohne Spendenanfragen in ihrem Briefkasten. Sie verstehe es ja, dass die Organisationen für ihre Anliegen kämpfen müssen. Sich zu entscheiden, falle ihr jedoch nicht schwer. «Ans Rote Kreuz spende ich jedes Jahr.» Ines Ochsenbein hat ein Spendenkonto und kann so der Steuererklärung ganz einfach den Kontoauszug des ganzen Jahres beilegen. Damit erspart sie – einmal mehr – anderen und sich unnötigen Aufwand. Auch den freiwil-

ligen Helferinnen und Helfern der Aktion 2 5 Weihnachten erleichtert Ines Ochsenbein die Arbeit. Weil die Haltbarkeitsdaten auf den Lebensmitteln oft so schwer zu finden sind, schreibt sie diese auf Klebe­ etiketten. Ich frage die weise Dame, ob sie glaube, dass es auf einen zurückfällt, wenn man Gutes tut. «Ja, das glaube ich», sagt sie ohne zu zögern.

Kurz befragt Josef Reinhardt Der Leiter der Katastrophenhilfe Schweiz des SRK ist verantwortlich für 2 5 Weihnachten – die jährliche Sammelaktion des SRK, der Schweizerischen Post und der SRG SSR. Er organisiert die Sortierung und die Verteilung der Waren. Wohin gehen die Waren der diesjährigen Aktion? Wie immer ist die Hälfte der Güter für die Schweiz bestimmt. Es gibt auch hier Menschen, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Die andere Hälfte verteilen wir in Bosnien-Herzegowina, Moldawien und Weissrussland. Schon in den letzten Jahren haben wir gut mit den lokalen Rotkreuz-Organisationen zusammengearbeitet. Die Waren werden gerecht und speditiv verteilt. Warum gerade diese Länder? Im Oktober war ich in Bosnien-Herzegowina. Ich kann Ihnen bestätigen, dass die Ärmsten in diesen Regionen dankbar sind für Dinge, die für uns selbstverständlich sind. Eine Kriegswitwe in Bosnien erhält ungefähr 50 Franken Rente. Zum Leben bräuchte sie aber mindestens 200 Franken. Sie können sich vorstellen, dass unter diesen Umständen auch scheinbare Kleinigkeiten wie Shampoo, Bleistifte oder Notizblöcke sehr willkommen sind. Welche Waren sind besonders sinn­voll? Wie soeben erwähnt, sind sämtliche Toilettenartikel und Schulsachen sehr begehrt. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Jungen, der hat sich dermassen über einen fast neuwertigen Schulsack gefreut; es war richtig schön, das zu sehen. Lang haltbare Lebensmittel können wir sowieso immer gut gebrauchen. Achten Sie auf ein Haltbarkeitsdatum, das nicht vor September abläuft. Wer kein Paket einschicken mag, kann auf unserer Website ein virtuelles Geschenkpaket spenden. Mit diesem Geld beschaffen wir, was noch fehlt.

➥ 2xweihnachten.ch Humanité 4/2011

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konkret

Youssouf Hussein musste mit seiner Familie das Zuhause verlassen, weil sie sonst verhungert wären

Opfer der Dürrekatastrophe

Geflüchtet vor dem Nichts Die Dürrekatastrophe in Ostafrika brachte im Sommer Millionen Menschen in eine extreme Notlage. Hunderttausende sind geflüchtet, weil es in ihrer Heimat weder Wasser noch Essbares gab. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) konzentriert sich neben der Verteilung von Mahlzeiten an Kinder auf die langfristige Verbesserung der Wasserversorgung. Text und Bilder: Karl Schuler

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eden Vormittag um 9 Uhr verteilt Fatuma Abdi einen warmen Brei an die über 300 Kinder der Schule im nordkenianischen Bangal. Sie wurde vom lokalen Roten Kreuz instruiert, wie der ebenso nahrhafte wie schmackhafte Brei zuzubereiten ist. Das Konzentrat aus verschiedenen Getreidesorten wird in Wasser aufgelöst und mit etwas Zucker angereichert. Der Brei

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kocht in einem grossen Kessel auf offenem Feuer. Kinder von 3 bis 14 Jahren stehen

«Die Mahlzeiten sorgen dafür, dass die Kinder auch in der Krisenzeit die Schule besuchen.» Schlange vor dem Kochtopf. Sie haben von zu Hause einen unzerbrechlichen Tel-

ler und einen Holzlöffel mitgebracht. Ein Aufseher versucht, etwas Ordnung in die aufgeregte Schar zu bringen. Täglich eine Mahlzeit vom Roten Kreuz Die Schule in Bangal, einem Aussenviertel der Stadt Wajir, ist nur ein Beispiel. So wie hier verteilt das Rote Kreuz in


konkret der ganzen nordöstlichen Region Kenias täglich eine Mahlzeit an Schulkinder. Insgesamt erreicht das Rote Kreuz damit 80 000 Kinder. «Neben der besseren Ernährung hat dies die positive Auswirkung, dass die Eltern ihre Kinder trotz der grossen Krise in die Schule schicken», sagt James Kisia vom Kenianischen Roten Kreuz. Das Schulnahrungsprogramm wirkt präventiv, damit sich die Gesundheit der Kinder nicht noch mehr verschlechtert. Schulpflichtige Kinder dürfen für die tägliche Abgabe des proteinhaltigen Breis deshalb auch ihre jüngeren Geschwister mitnehmen. Die Schule von Bangal besuchen auch die beiden älteren Töchter von Youssouf und Rakia Hussein. Die Familie lebt noch nicht lange in Bangal. Sie sind Flüchtlinge aus dem Norden Kenias. Die Flucht vor der Dürre Youssouf Hussein erzählt mir seine Geschichte. Mit seinen 150 Ziegen und vier Eseln war er nie ein reicher Mann. Doch der Kleinviehzüchter konnte in der trockenen Dornsavanne im Norden Kenias seine achtköpfige Familie ernähren. Verkaufte er früher eine Ziege, so erhielt er dafür umgerechnet 30 Franken. Im letzten Sommer hatte eine Ziege noch einen Wert von höchstens acht Franken. Als Wasser und Futter immer knapper wurden, brach Youssouf Hussein mit seiner Familie und den Tieren

Brei als Zusatznahrung für das Wachstum

Fatuma Abdi kocht den Brei auf offenem Feuer und verteilt ihn gerecht an alle Schulkinder und deren jüngere Geschwister

zu seinen Verwandten in der südlich gelegenen Kleinstadt Wajir auf. Den mehrtägigen Marsch haben nur zwei Ziegen und zwei Esel überlebt. Heute lebt die Familie mit sechs Kindern und der Grossmutter in einer Rundhütte aus Ästen und Lumpen am Rand von Wajir. Die Ziegenmilch, die Breiration der Schule für die Kinder und die Unterstützung der Verwandten sichern ihnen das knappe Überleben. Wie Youssouf Hussein erging es vielen anderen, die vor der Dürre geflüchtet sind. Bis zu einem Fünftel der Kühe, Kamele, Schafe und Ziegen sollen allein in Kenia als Folge der Dürre umgekommen sein. Am Rand der Strassenpiste, die nach Wajir führt, liegt alle paar hundert Meter ein Tierkadaver. Über die Nothilfe hinaus Durch die Verknappung von Milch und die Preisexplosion des Getreides hat sich die Ernährungskrise im Sommer 2011 zugespitzt. Vor allem für schwer unterernährte Kleinkinder und stillende Mütter wurde dies lebensbedrohlich. Mit der Nahrungshilfe, Trinkwasserverteilung und einer medizinischen Versorgung kann die schlimmste Not knapp gelindert werden. Doch diese Sofortmassnahmen genügen nicht. Deshalb engagiert sich das SRK in der Krisenregion längerfristig. In Kenia renoviert das SRK Brunnen, baut Leitungen und bohrt Löcher für die Trinkwasserversorgung von 200 000 Menschen. In Äthiopien erstellt das Rote Kreuz Wassersammelbecken und -leitungen für das Vieh und ersetzt schwer betroffenen Nomadenfamilien die Kamelherde. In bei-

den Ländern ermöglichen landwirtschaftliche Programme den Anbau von Gemüse und Getreide zur Nahrungssicherung. An dieser Hilfe des SRK im Umfang von vier Millionen Franken beteiligt sich auch die Glückskette. Nur solche langfristigen Massnahmen vermögen die Existenzkrise der Viehnomaden und Kleinbauern im Osten Afrikas zu überwinden.

➥ redcross.ch/ostafrika

APROPOS Nicht nur die Dürre In Kenia, Äthiopien und Somalia sind schätzungsweise 12 Mio. Menschen in ihrer Existenz bedroht. Dies ist nicht nur auf den seit zwei Jahren ausgebliebenen Regen zurückzuführen. Vor allem in Somalia hat sich die Ernährungskrise auf Grund des andauernden bewaffneten Konfliktes zwischen extremistischen Milizen und der Regierung zur Katastrophe ausgeweitet. Aber auch in Kenia und Äthiopien ist nicht nur Wassermangel das Problem. Immer mehr Grossbetriebe stehen unter Einfluss der Agrarkonzerne. Sie nutzen die fruchtbaren Landflächen für landwirtschaftliche Exportprodukte und entziehen dabei den kleineren Bauern das Land und den Nomaden das knappe Grundwasser. Mit seinem langfristigen Engagement setzt sich das SRK für die benachteiligte Bevölkerung ein.

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Geld macht glücklich (Nr. 15). Geld macht glücklich, wenn man für jemanden da sein kann. Deshalb hat Swisscanto zusammen mit dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) den Swisscanto Swiss Red Cross Charity Fund lanciert. Dabei spenden Sie die Hälfte Ihrer Erträge für mehr Menschlichkeit. Und profitieren gleich noch von einer sicherheitsorientierten Anlage in Obligationen. Detaillierte Informationen erhalten Sie bei Ihrem Kundenberater der Kantonalbank sowie unter www.redcross.ch oder www.swisscanto.ch/15. Die Informationen in dieser Publikation gelten nicht als Offerte. Sie dienen lediglich zu Informationszwecken. Kostenloser Bezug von Verkaufsprospekt, vereinfachtem Verkaufsprospekt, Jahres- oder Halbjahresbericht bei den Kantonalbanken, der Swisscanto Asset Management AG, Nordring 4, 3000 Bern 25 oder unter www.swisscanto.ch.

In Zusammenarbeit mit


Überzeugt

Nicole Berchtold für die SRK-Patenschaft «Kinder in Not»: Kinder backen mit ihr, um den Erlös zu spenden

Gedanken zur Weihnachtszeit

Mehr als teure Geschenke Text: Nicole Berchtold   Bilder: Kapuly Dietrich

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üsser die Glocken nie klingen», singen wir an Weihnachten. Müsste es nicht heissen: «Süsser die Kassen nie klingeln?» «Alle Jahre wieder» eskaliert das Weihnachtsfest zum globalen Konsumrausch. Und wer hats erfunden? Für einmal waren es nicht wir Schweizer! Da waren zum Beispiel die heiligen drei Könige. Sie brachten Jesus Christus Weihrauch, Myrrhe und … Was war das Dritte nochmal? Ein Gameboy, ein iPhone oder Gold? Auch für die heidnischen Völker war die Weihnachtszeit etwas Besonderes, weil sie in die Wintersonnenwende fällt. Bei den nordeuropäischen Völkern bedeutete dies der Zeitpunkt, an dem die Tage länger werden. Die Hälfte des Winters war überstanden. Und auch im alten Rom wurde geschenkt: Die Zeit um den Jahres-

wechsel war dem Gott Saturn geweiht, und da veranstalteten die Sandalenträger mit den Wickelkleidern ein Fest, an dem sie ihre Untergebenen und Sklaven beschenkten. Tja, seither haben wir das Geschenk: Immer im letzten Monat des Jahres beginnt die kollektive Geschenk-Kauf-Hektik und Gewissenserleichterung. Denn in diesen Tagen beschenken sich auch Menschen, die das ganze Jahr über aneinander vorbei gelebt haben und sich nie wirklich Zeit füreinander genommen haben. Ist das der Sinn von Weihnachten? Weihnachten ist doch das Fest der Liebe und nicht des Schenkens. Oder habe ich etwas verpasst? Wir haben die Geschenke in unserer Familie schon länger abgeschafft und das finde ich gut. An Weihnachten geht es

nämlich um mehr als nur um Geschenke: Es geht ums Zusammensein, die Liebe und die Familie. Na gut, von mir aus auch ein bisschen um die feinen Weihnachtsgüetzli meiner Mutter. Und wenn etwas schenken, dann bitte etwas Sinnvolles. Warum also nicht eine Patenschaft beim Roten Kreuz? Damit schenken Sie armen Menschen Hoffnung, Zukunft und Gesundheit! Das ist Weihnachten. Frohes Fest!

Nicole Berchtold Die 32-jährige Moderatorin von «Glanz & Gloria» auf SF1 ist ehemalige Kindergärtnerin und hat ein abgeschlossenes Grundstudium in Psychologie. Sie ist SRK-Botschafterin der Patenschaft «Kinder in Not». Humanité 4/2011

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konkret

Rettungshunde

Das Vertrauen in den besten Freund des Menschen Katastrophenhunde wittern verschüttete Menschen auch unter einer meterhohen Trümmerschicht. Einen solchen Hund auszubilden, erfordert viel Zeit, Feingefühl und Vertrauen. Die Hundeführerinnen und Hundeführer der SRK-Rettungsorganisation REDOG opfern für ihr humanitäres Engagement oft ihre gesamte Freizeit. Text: Tanja Pauli   Bilder: Caspar Martig

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as Übungsgelände der Armee bei Wangen an der Aare ist kein lauschiges Plätzchen. Es sieht aus wie nach einem Erdbeben der Stärke 7: zertrümmerte Gebäudeteile, verqualmte Ruinen und Berge von Schutt. Hier trainieren die Katastrophenhunde von REDOG. Sky sitzt 18

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beobachtend, aber sehr entspannt neben Linda Hornisberger, der Chefausbildnerin der Katastrophensuchhunde. Die beiden gleichen einem routinierten Handwerkerteam, das bald zur Arbeit schreitet. Zwei Partner, die sich gegenseitig vertrauen. Sky, ein Border Collie, der auf Grund sei-

ner Rassenprägung die Arbeit über alles liebt, scheint zu wissen, dass es nun was zu tun gibt. Die spezialisierte Hundenase Die nationale Einsatzübung ist perfekt organisiert. Wie im Ernstfall schildert


konkret Chefausbildnerin Linda Hornisberger mit Sky – er ist bereits der vierte Hund, den sie ausbildet

der Einsatzleiter der Hundeführerin die Fakten. Eine weibliche vermisste Person wird in dieser Gegend vermutet. Linda Hornisberger stellt knapp ein paar Fragen und verstäubt dann einen Hauch Babypuder, um die Windrichtung zu bestimmen. «Man lässt den Hund gegen die Windrichtung laufen, damit er sich mit der Witterung vorarbeiten kann», erklärt mir Romaine Kuonen, die Zentralpräsidentin von REDOG. Linda Hornisberger befreit Sky vom Halsband.

erstaunliche Leistung gilt unter den Fachleuten als leichte Aufgabe, denn für die Hundenase ist sie ein Kinderspiel. Die Zentralpräsidentin weiss warum: «Rund 224 Millionen Riechzellen hat die Nase eines Schäferhundes, jene eines Menschen dagegen nur ca. 5 Mio. Zudem kann der Hund die einzelnen Duftstoffe besser unterscheiden, auch lange Zeit später.» Ein Katastrophenhund lässt sich deshalb auch in einem eingestürzten Haus trotz anderen menschlichen,

«Ein Hund kann die einzelnen Duftstoffe besser unterscheiden, auch lange Zeit später.» Das ist einerseits ein Zeichen, dass es nun ernst gilt, andererseits will man so vermeiden, dass der Hund in den Trümmer hängen bleibt. Auf das Kommando «Such!» rennt Sky schnurstracks auf einen grossen Haufen lose aufgeschichtetes Geäst zu, das immerhin über 100 Meter weit entfernt am Waldrand liegt. Die Menschenmeute hetzt hinter ihr her. Gebell signalisiert, dass Sky im Haufen fündig geworden ist. Fünf Sekunden, Job erledigt. Diese für mich

Zentralpräsidentin Romaine Kuonen und ihre pensionierte 13-jährige Hündin Joy

Fürs menschliche Auge nicht wahrnehmbar, für die Hundenase schon: unter unauffälligen Trümmern wittert Sky eine Person Humanité 4/2011

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konkret Chaya zeigt Interesse an einem Schacht und steigt mit der Unterstützung von Severin Kuster in die Tiefe

Eindeutig menschliche Witterung – was Chaya aus einem Meter Höhe gerochen hat, bestätigt sich kulinarischen und sonstigen Düften nicht beirren. Das gegenseitige Vertrauen Begeistert lobt und belohnt Linda Hornisberger ihren vierbeinigen Partner. Sky sorgt selber für Work-Life-Balance und legt einen feuchten Spielball vor mir ins Gras. Seine Augen sind eine faszinierende Mischung aus Gletschereis und Kaffee. Es scheint mir unmöglich, diesem Hund nicht in die Augen zu starren. Glücklicherweise kein Problem, denn wie alle Rettungshunde 20

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mag Sky die Menschen und ist vorbildlich erzogen. Ein Suchhund muss arbeiten wollen, denn dieser Arbeitswille ist die Grundvoraussetzung, die an ihn gestellt wird. Dazu kommen Ausdauer, Trittsicherheit auf den Trümmern, körperliche und geistige Fitness sowie Belastbarkeit. All dies trainieren die Hundeführer mehrmals pro Woche mit ihren Tieren, um fit für einen plötzlichen Einsatz zu bleiben. Es ist mehr als ein Hobby und der Vierbeiner wird zum echten Partner. Das gegenseitige Vertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg, weil

ein Katastrophenhund auf den Trümmern, losgelöst vom Hundeführer, selbstständig sucht. Der Hundeführer muss seinen Hund so gut kennen, dass er ihn «lesen» kann, wie die Fachleute es nennen. Wir beobachten die Belgische Schäferhündin Chaya, die mit gesenktem Kopf zielstrebig und mühelos über die Betonbrocken läuft. Severin Kuster lässt sie machen. Als Hundeführer muss er Chayas Geruchssinn stets mehr vertrauen als seinem menschlichen Verstand. Manch verborgener Hohlraum hat die Hundenase schon aufgespürt. «An Stellen, wo es niemand für möglich gehalten hätte», erzählt mir Romaine Kuonen. Chaya zeigt bei einem Schacht an,

«Der Hundeführer muss der Hundenase mehr vertrauen als seinem Verstand.» in dem nichts zu sehen ist ausser Steine. Severin Kuster nimmt seine Hündin auf den Arm, um ihr den Abstieg zu erleichtern. Ein Katastrophenhund ist schwindelfrei und vertraut seinem Hundeführer ebenfalls in jeder Hinsicht. Im Schacht zeigt Chaya


konkret

APROPOS REDOG – Schweizerischer Verein Such- und Rettungshunde REDOG ist eine Rettungsorganisation des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Der Name des Vereins steht für die Abkürzung der englischen Bezeichnung «Rescue Dog» (= Rettungshund). Alle Vereinsmitglieder engagieren sich freiwillig und unentgeltlich. REDOG als gemeinnützige, humanitäre Freiwilligenorganisation stellt dem Bund und den Kantonen geprüfte RettungshundeTeams für die Trümmer- und Geländesuche zur Verfügung. Dieses Jahr feiert REDOG das 40-Jahr-Jubiläum und hat seit Bestehen des Vereins massgeblich zur Ausbildung der Rettungshunde weltweit beigetragen. Über den REGANotruf 1414 kann die Hilfe der Katastrophen- und Geländesuchhunde im Notfall jederzeit angefordert werden.

➥ redog.ch Severin Kuster – hier mit der Belgischen Schäferhündin Chaya – war mit dem Vorgängerhund 2009 im Erdbebeneinsatz in Indonesien. deutlich, dass die Witterung noch stärker ist. Der Hundeführer weist sie an, zuerst links und dann rechts genauer zu schnüffeln. Der Luftzug, der Severin Kuster mittels des Puder-Tests feststellt, und Chayas Anzeige machen deutlich, dass die gesuchte Person hinter den Steinen liegen muss. Und so ist es, einige Meter weiter hinten versteckt sich ein freiwilliger Helfer. Der psychische Druck Jedes einsatzfähige Team braucht Erfolgsgewissheit, dieses «Yes I can!», wie es die Chefausbildnerin Linda Hornisberger nennt. Sie arbeitet schon seit 20 Jahren für REDOG und hat mit Skys Vorgänger mehrere Einsätze erlebt. Als «Chief Search» hat sie im März dieses Jahres den Sucheinsatz nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan geleitet. «Spätestens im Flugzeug, wenn alle zusammensitzen, frage ich die Hundeführer nach ihrem persönlichen Stressverhalten, damit ich reagieren kann, sollte ich erste Anzeichen feststellen.» Die erfahrene Hundeführerin weiss, wie verhängnisvoll Stress sein kann. «Selber verdrängt man die eigenen Stresssympto-

me oder realisiert sie gar nicht. Ich selber erkläre den anderen auch mein Verhalten bei Stress und will, dass man es mir sagt, wenn ich in dieses Muster verfalle. So kann ich mich bewusst wieder unter Kontrolle bringen.» Romaine Kuonen bestätigt, dass unkontrollierter Stress im schlimmsten Fall den ganzen Einsatz gefährden kann: «Der Hund merkt sofort, wenn sein Führer zu zweifeln beginnt. Dann kann plötzlich alles aus sein und er zeigt nicht mehr richtig an.» Es sei durchaus eine Schulung der

Persönlichkeit und bei jedem Einsatz lerne man sich, die anderen und den Hund noch besser kennen. Die Chefausbildnerin ist zufrieden, wie die Einsatzübungen heute verlaufen sind. Jetzt krault Linda Hornisberger Sky zärtlich am Hals und spricht zu ihm herzlich wie mit einem guten Kumpel. Es ist der gleiche liebevolle Tonfall wie schon während der Sucharbeit. Scharfe Worte sind unnötig gegenüber einem Partner, der einen versteht und dem man vertraut.

Der Einsatzleiter informiert Linda Hornisberger über den Übungseinsatz Humanité 4/2011

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erlebt

Annette Valle hat ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Klientinnen und Klienten

Beratung für Folter- und Kriegsopfer

«Beeindruckend, die Stärke dieser Menschen» Annette Valle arbeitet als Sozialberaterin des SRK im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer (afk) in Wabern bei Bern. Menschen, die Folter und Krieg erlebt haben, schildern ihr traumatische Erlebnisse. Im Interview erzählt die ausgebildete Sozialarbeiterin, wie sie damit umgeht und wie sie den Betroffenen hilft, den Alltag zu bewältigen. Interview: Hana Kubecek  

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erlebt Was ist Ihre Aufgabe als Sozialberaterin im afk?

Ich verstehe meine Aufgabe als Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist mein Ziel, dass traumatisierte Personen die verloren gegangene Selbstständigkeit wiedererlangen. In unserer Sozialberatung geht es um die Bewältigung des Alltags, um Ausbildungs- und Berufsfragen. Wir vermitteln bei Konflikten oder helfen, einen Beistand zu organisieren. Auf was achten Sie bei der Beratung von Menschen, die durch Folter oder

den. Sie wünschen nichts mehr, als wieder ein normales Leben zu führen. Viele haben Angst vor der ungewissen Zukunft. Wie erfahren die Betroffenen von der Therapie im afk und wie funktioniert diese?

Wer ins Ambulatorium kommt, ist von seinem Hausarzt überwiesen worden, weil das Leiden übermächtig geworden ist. Die meisten Behandlungen laufen über längere Zeit. Es ist immer ein Fachteam involviert. Die eigentliche Gesprächstherapie wird

Krieg traumatisiert wurden?

Ihr Vertrauen in fremde Menschen ist schwer erschüttert. Deshalb braucht der Beziehungsaufbau Zeit und Sorgfalt. Im Gespräch halte ich Blickkontakt und achte auf eine klare, eindeutige Sprache. Wichtig ist, sich in die Situation der Patientin, des Patienten hineinversetzen und Verständnis sowie Mitgefühl vermitteln zu können. Wie erleben Sie Ihre Klientinnen und Klienten?

Sie sind stark traumatisiert und wenden ihre ganzen Kräfte auf, um ein neues Leben aufzubauen. Sie bringen wertvolle Fähigkeiten mit, die sie aber nicht gleich einbringen können. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus und mangelnde Sprachkenntnisse führen zu Problemen bei der Arbeitssuche. Oft ist die Wohnsituation unbefriedigend und die sozialen Kontakte fehlen.

«Wenn nach mehreren wortkargen Sitzungen ein Patient angeregt zu erzählen beginnt und mir Fotos von seiner Familie zeigt, dann weiss ich, dass ich sein Vertrauen gewonnen habe.» von Fachpersonen aus der Psychiatrie und der Psychologie geführt. Ich als Sozialarbeiterin werde beigezogen, wenn es nötig ist. Was berührt Sie besonders?

Es berührt mich immer wieder, Menschen zu begegnen, die Unvorstellbares erdulden mussten. Ich lerne von diesen Personen, was es heisst, stark zu sein. Manchmal fällt es schwer, ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber es gibt immer auch positive Wendungen. Einmal sass ich einem

wortkargen Klienten gegenüber, und ich wusste lange nicht, wie ich das Eis brechen könnte. Da sprach er wie durch ein Wunder auf das Wort «Malen» an. Er begann, von seinem Hobby zu schwärmen und zeigte mir seine Bilder auf dem Handy. Später konnte ich ihm sogar eine Ausstellung und einen Malkurs vermitteln. Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Ich finde es sehr bereichernd, mit Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und Lebenswelten zu arbeiten. Ich habe grossen Respekt vor ihnen und ihrem Lebensweg. Nebst dem bedrückenden Thema über Folter und Krieg gibt es auch heitere und berührende Augenblicke. Wenn nach mehreren wortkargen Sitzungen ein Patient angeregt zu erzählen beginnt und mir Fotos von seiner Familie zeigt, dann weiss ich, dass ich sein Vertrauen gewonnen habe. Wie erholen Sie sich?

Der Arbeitsweg, den ich oft zu Fuss zurücklege, dient mir zum Beschliessen meiner «Arbeitsgedanken». Ich bin sehr gerne in der Natur. Oft streife ich durch Wald und Wiese, sammle Kräuter, Beeren und Blumen. Daraus kreiere ich zu Hause Essbares und Dekoratives. Bei kreativen Tätigkeiten kann ich mich gut entspannen und zur Ruhe kommen.

➥ redcross.ch/ambulatorium

Woher stammen sie vorwiegend?

Aus der Türkei und anderen Ländern des Nahen Ostens. Momentan etwas weniger aus Ex-Jugoslawien, Tschetschenien,

«Es ist mein Ziel, dass traumatisierte Menschen die verloren gegangene Selbstständigkeit wiedererlangen.» Sri Lanka, dem Maghreb und aus anderen Regionen Afrikas. Welche Sorgen und Ängste bedrücken die betroffenen Personen?

Anerkannte Flüchtlinge sorgen sich, wie die verlorene Zeit aufgeholt werden kann. Sie versuchen dort anzuknüpfen, wo sie durch den Krieg oder durch den Gefängnisaufenthalt herausgerissen wur-

In einer guten Atmosphäre ergibt sich schneller ein offenes Gespräch Humanité 4/2011

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konkret

Z

u Hause sterben, umgeben von den Liebsten. Dies wünschen sich sicher viele, so auch Anna Schweizer*. Die Fünfzigjährige leidet an einer heimtückischen Krankheit, die dazu geführt hat, dass sie sich nicht mehr bewegen kann. Sie verständigt sich nur noch mit ihren Augen. Die 63-jährige Beatrice Bruderer, eine freiwillige Sterbebegleiterin des SRK, besucht sie regelmässig zu Hause. Sie löst Familie und Freunde ab, die alles dafür tun, dass Anna Schweizer bis zuletzt daheim sein kann. Sich Zeit nehmen Wenn sich Beatrice Bruderer neben Anna Schweizer setzt, meistens um über Nacht zu bleiben, ist sie ganz für sie da. Sie befeuchtet ihre Lippen, richtet das Kopf-

Beatrice Bruderer begleitet sterbenskranke Menschen durch die Tage und die Nächte. kissen oder wacht still über sie. Allein ihre Anwesenheit genügt. Sie mag diese nächtlichen, ruhigen Momente. Anna Schweizer zu begleiten, ist dennoch für Beatrice Bruderer verständlicherweise eine grosse Herausforderung. Dies obschon sie gelernt hat, sich abzugrenzen und sich selber immer wieder bewusst macht, dass sie Berge versetzen kann, wenn es sein muss. Um nichts in der Welt würde sie ihren Platz neben Anna Schweizer aufgeben, denn die Beziehung, die sie zu ihr aufgebaut hat, ist etwas Besonderes. Sie hat die Frau erst kennengelernt, als ihre Lebensenergie schon am Schwinden war. Seit ihrer vorzeitigen Pensionierung engagiert sich Beatrice Bruderer als Freiwillige für das >>zapp, das Zentrum für ambulante Palliativbegleitung plus des SRK in Bern. Sie fühlt sich schon seit ihrer Jugend hingezogen zum Bereich der Palliativbetreuung. Während ihrer Anstellung im Spital als Physiotherapeutin fand sie es bedrückend, dass sie kaum Zeit fand, sich besonders um die Menschen zu kümmern, die nur noch kurz zu leben hatten. Seit sie sich nun als Freiwillige engagiert, muss sie nicht mehr die Uhr im Auge behalten und erlebt zahlreiche intensive, berührende Momente. Sie erinnert sich

Beatrice Bruderer bringt ihre Ideen ein, um den Tag abwechslungsreich zu gestalten beispielsweise an eine betagte Frau, die kurz vor ihrem letzten Atemzug nach ihrer Mutter gerufen hat. Von Freundinnen und Freunden hört sie oft bewundernd, sie

Kaum ein anderes frei­williges Engagement erfordert mehr Einfühlungsvermögen und persönliche Stärke. könnten die Aufgabe, die sie wahrnimmt, nicht bewältigen. Beatrice Bruderer erlebt ihr aussergewöhnliches Engagement jedoch als sehr bereichernd. «Ich erhalte mehr, als ich gebe!»

Ein Tabuthema Die Wahlbernerin verfügt über die besondere Gabe, stets die richtigen Worte und Gesten zu finden, wenn die Hoffnung auf Heilung schwindet. «Dieses intuitive Handeln habe ich mir im langjährigen Umgang mit schwerkranken Patienten angeeignet.» Zudem musste sie mit 16 Jahren mehrere Monate im Spital verbringen. Während dieser langen Zeit hörte sie immer wieder deplatzierte Bemerkungen. Fast unerträglich war für sie damals der aufmunternde Spruch, sie müsse einfach Geduld haben. Worte, die sie bei den Menschen, die sie begleitet, Humanité 4/2011

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konkret

APROPOS Bedeutung der Palliativpflege Das SRK begrüsst die Strategie des Bundes, die Leistungen in der Pal­ liativbetreuung auszubauen, sie allen zugänglich zu machen und ihre Qualität sicherzustellen. Eine bedeutsame Strategie, in Anbetracht der zunehmend älter werdenden Be­ völkerung. Das SRK und die Caritas Schweiz haben im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit und des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie untersucht, wie Freiwillige in der Palliativbetreuung vorbereitet und begleitet werden. In einem Bericht machen sie Empfehlungen für einen Ausbau der bestehenden Angebote.

Manchmal kann sie auch das Gefühl einer inneren Wut nicht unterdrücken, insbesondere wenn es sich um einen jungen Menschen handelt. Aber die Trauer ist nicht vorherrschend während den schweren Stunden. «Wir lachen viel, vor allem wenn der Mensch bereit ist, zu gehen», hält sie fest. Dazu kommt, dass die kranken Menschen froh sind, jemanden zu haben, der ihre Angehörigen unterstützt. Denn so sehr die Angehörigen sich bemühen, können sie nicht immer eine Betreuung über längere Zeit rund um die Uhr sicherstellen. Und sie? Möchte auch sie zu Hause sterben? «Nicht unbedingt», überlegt sie. Der Ort müsse einfach den Bedürfnissen entsprechend angepasst sein. «Viel wichtiger sind für mich die Menschen, die mich dann umgeben.» *Name geändert

Lehrgang des SRK Die SRK-Kantonalverbände bieten einen Lehrgang an für Freiwillige in der Palliativbegleitung. Der Kurs heisst «Passage SRK – Lehrgang in Palliative Care» und umfasst 48 Stunden. Die Teilnehmenden lernen die Grundlagen der Palliativbegleitung, die das körperliche und geistige Wohlbefinden eines sterbenden Menschen und seiner Angehörigen beinhalten. Im Gegensatz zur Palliativpflege beinhaltet die Palliativbegleitung keine pflegenden oder medizinischen Tätigkeiten, die besondere Fachkenntnisse erfordern. Der Kurs richtet sich demnach an alle interessierten Personen, die Verantwortungsbewusstsein haben und gute Beziehungsfähig­ keiten aufweisen. Sie müssen sich einfühlen, aber auch abgrenzen können. Es ist Voraussetzung, dass sie nicht von einer schweren Krankheit betroffen sind oder in einem Trauerprozess stehen. Die vom SRK ausgebildeten Freiwilligen arbeiten ehrenamtlich in Institutionen wie dem >>zapp, das die Angehörigen bei ihren Aufgaben entlastet, oder auch im Rahmen der Nachbarschaftshilfe.

➥ zapp-bern.ch

➥ redcross.ch/palliativbegleitung

Den Wunsch, anderen Menschen in der schwersten Stunde beizustehen, spürte Beatrice Bruderer schon lange in sich deshalb nie verwenden würde. «Meine Aufgabe ist es, den kranken Menschen aufzusuchen, zu spüren, was er möchte, was ihn quält, und ihm etwas vorzu-

Die Trauer ist nicht vorherrschend während den schweren Stunden. schlagen, was ihm Linderung bringt», erklärt sie. Menschen, die am Ende ihres Lebens angelangt sind, haben oft den Wunsch, etwas Gymnastik zu machen, als ob sie ihren Körper zum letzten Mal spüren möchten. «Um es auf den Punkt zu bringen: Ich tue das, was eine Mutter für ihr krankes Kind tun würde», erklärt sie, die selber Mutter eines erwachsenen Sohnes ist. Auch Lachen hat Platz Jemanden kennenzulernen, den man bis zum Tod begleitet, stimmt einem traurig. 26

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kurz & bündig

Buch über ein Lebenswerk Elizabeth Neuenschwander hat den Journalisten Roland Jeanneret derart beeindruckt, dass er ein Buch über ihr Leben schrieb. Für ihr selbstloses humanitäres Engagement wurde die 82-Jährige schon mit mehreren Auszeichnungen geehrt. Die couragierte Bernerin leitete für das Schweizerische Rote Kreuz von 1972 bis 1978 das Heim für tibetische Flüchtlinge in Horgen. Sie ist weiterhin tätig für ihre eigenen Hilfsprojekte in Afghanistan. Das Buch «Von Schangnau nach Kabul – Ein Leben für andere: Elizabeth Neuen­ schwander» – erschien im Oktober 2011 im Lokwort Verlag Bern Roland Jeanneret und ist in deutVon Schangnau scher Sprache nach Kabul erhältlich: ISBN Ein Leben für andere: Elizabeth Neuenschwander 978-3-90678640-7 LO KW O R T

Hilfe für Erdbebengebiet in der Türkei Am 23. Oktober 2011 wurde der Osten Anatoliens von einem schweren Erdbeben erschüttert. Freiwillige des Türkischen Roten Halbmondes bargen Verletzte unter den Trümmern und verteilten über 20 000 Zelte an Obdachlose. Das SRK versandte Zelte, Decken und Öfen für die Unterkunft von 1000 Familien ab seinem

Logistik-Center in Wabern bei Bern. Die Hilfstransporte wurden von einem SRKLogistiker begleitet und die Hilfsgüter aus der Schweiz in der stark betroffenen Stadt Van verteilt. An den Kosten von 320 000 Franken beteiligte sich mehrheitlich die humanitäre Hilfe des Bundes.

➥ redcross.ch/tuerkei

Das Europäische Freiwilligenjahr 2011 nahm das SRK zum Anlass, um allen 72 000 Freiwilligen für ihre enormen Leistungen zu danken. Rund 7000 freiwillig Arbeitende aus der ganzen Schweiz genossen am 27. August 2011 begeistert das Fest für die Freiwilligen in Bern und schätzten diese Würdigung ihres Engagements. Das SRK wird weiterhin die Freiwilligenarbeit in all ihren Facetten stärken. Im Juni verabschiedete die Rotkreuz-Versammlung die neuen Leitlinien für die Freiwilligen- und Jugendarbeit. Diese definieren die Rahmenbedingungen für die tägliche Zusammenarbeit mit Freiwilligen und die Grundsätze der Jugendförderung im SRK.

© Peter Dammann/Agentur Focus

SRK bedankt sich für freiwilliges Engagement

Lebens- und Gesundheitssituationen vorurteilsfrei begegnen Berufsleuten erleichtert es die Arbeit, wenn sie vorurteilsfrei und einfühlsam auf Menschen zugehen. Besonders wichtig ist dies im Sozial- und Gesundheitswesen. In diesen Bereichen vermittelt das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) transkulturelle Kompetenz mit Kursen und Publikationen. Im Januar 2012 publiziert das SRK ein neues Buch mit dem Titel «Transkulturelle Public Health – ein Weg zur Chancengleichheit». Zugleich erscheint ein eLearning-Tool, welches

sich besonders an Pflegefachpersonen richtet. Dieses vermittelt transkulturelles Grundlagenwissen auf spielerische Art und Weise. Das SRK lädt ein zu einer Vernissage mit einem Referat von Bettina Schulte-Abel, Vizedirektorin Gesundheitsförderung Schweiz, und einem Intermezzo des Kabarettisten Sergio Sardella.

➥ Donnerstag,

12. Januar 2012, um

16.30 Uhr im Le Cap, Predigergas­ se 3, Bern

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kreuz & quer

HuMANITé 3/2011 Lösungswort des letzten Kreuzworträtsels: ZUVeRSiCHt SCHeNKeN Wir gratulieren den Gewinnerinnen und Gewinnern: Erica Bourry, Rodersdorf Dania Richard, Biel Ruedy Seeholzer,Wollerau Suzanne Wenger, Biel Doris Wiprächtiger, Ehrendingen Übrige Lösungen der letzten Ausgabe:

Für Humanité zeichnet «Karma» alias Marco Ratschiller. Er ist Cartoonist und Chefredaktor des Satire-Magazins Nebelspalter.

labyrinth Vom Start bis ans Ziel wird der Weg mit feinen Linien markiert. Den gefundenen Weg ausfüllen – und schon erscheint das Bild.

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Die Lösung zum Sudoku, zum Wortsuchspiel und zum Labyrinth finden Sie jeweils in der nächsten Ausgabe oder im Internet.

➥ magazin-humanite.ch (C) Conceptis Puzzles

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Seit fast dreissig Jahren k체mmert sich das SRK um Augenmedizin in den 채rmsten Regionen und bek채mpft Armutsblindheit. Unsere Hilfe braucht Ihre Spende. Postkonto 30-9700-0

Magazin Humanité 4/2011: Entscheidende Augenblicke  

Humanité ist das Magazin des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) und richtet sich an Menschen, die das SRK und sein humanitäres Engagement u...