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Ulrich Backeshoff

Ein Genie macht Pause Eine fast wahre Biografie – auch zum Nachleben geeignet von Dr. Petra Fohrmann


Lässt sich das Leben eines Menschen in einem Buch zusammenfassen? Ulrich Backeshoff hat da seine Zweifel. Falls Sie, liebe Leserin oder lieber Leser sich in dieser ersten Auflage seiner Biografie nicht wiederfinden, würde er sich freuen, wenn Sie mit ihm Kontakt aufnehmen. Das gilt auch für diejenigen, deren Name geändert wurde. Bei der bereits geplanten zweiten Auflage reservieren wir gerne ein paar Zeilen oder auch Seiten für Ihre persönlichen Erlebnisse mit Herrn Backeshoff. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht: uba@conworks.eu


Impressum

1. Auflage 2012 Copyright Fohrmann Verlag, Köln Inh. Dr. Petra Fohrmann Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung und Layout: www.forteam.de Lektorat: txt-file ­Werbelektorat

Printed in Germany

Fotos: Hasso Kraus Ulrich Backeshoff

www.fohrmann-verlag.de


Ulrich Backeshoff

Ein Genie macht Pause Eine fast wahre Biografie – auch zum Nachleben geeignet von Dr. Petra Fohrmann


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Wenn ein fünfjähriger Junge sozusagen zwangseingeschult wird, dann könnte dies ein früher Hinweis auf sein späteres Lebensmotto sein:

„Schneller sein als die anderen“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich Backeshoff kam am 12. Juni 1946 auf die Welt. Ein Jahr nach Kriegsende, nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen. Deutschland am Nullpunkt. Kein leichter Start ins Leben. In der Nachkriegszeit froren und hungerten die Menschen in ganz Deutschland, ob sie auf dem Lande lebten, oder in der Stadt. In ländlichen Gegenden war der Hunger vielleicht nicht ganz so groß, weil ein Stückchen Erde bepflanzt werden konnte und man die Möglichkeit zur Viehhaltung hatte. Ulrich wuchs im damaligen Bonsfeld, Ortsteil von Langenberg auf. Heute ist Langenberg ein Stadtteil von Velbert, zwischen Wuppertal und Essen. Dort lebte die Familie in einer Wohnung, was nach dem Krieg nicht selbstverständlich war. Überall herrschte Wohnungsnot. Familie Backeshoff galt als angesehen, reich war sie nicht.

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Der Vater, Ernst Backeshoff, musste damals nicht in den Krieg ziehen. Anfangs war er als Ausbilder unabkömmlich, dann hatte er mit 40 Jahren einen schweren Unfall. Er wurde beim Fahrradfahren von einem Lastwagen überrollt. Wie durch ein Wunder überlebte er. Allerdings war sein Reaktionsvermögen von da an verzögert. Er hatte Probleme beim Überqueren der Straße, weil er den Autoverkehr nicht richtig einschätzen konnte. Ansonsten gab es keine weiteren Einschränkungen, so dass er seinen Handwerksberuf sehr erfolgreich ausüben konnte. Schon in frühester Jugend wurde Ernst Backeshoff auf harte Proben gestellt. Als 13-Jähriger musste er seinem Vater am Sterbebett versprechen, dass alle neun Geschwister eine Ausbildung machen würden, Brüder und Schwestern. Seine Mutter und er lösten das Versprechen ein. Alle Mädchen und Jungen erlernten einen Beruf. Zur damaligen Zeit war es alles andere als selbstverständlich, dass auch die Mädchen in einer Familie eine Berufsausbildung bekamen. So geprägt, war es Ulrichs Vater ein hohes Gut, seinen eigenen Söhnen eine gute Zukunft zu sichern. Als Ulrich auf die Welt kam, hatten seine Eltern Ernst und Lydia Backeshoff bereits zwei Jungen im Alter von fünf und fast erwachsenen 20 Jahren. Damals galt man vor dem Gesetz erst mit 21 Jahren als erwachsen. So gesehen war Ulrich ein Nachzügler, der Köttel. Als Ulrich eines Tages zu seinem Vater kam, um sich bitterlich über den älteren Bruder Udo zu beklagen, konnte man ihm bereits ein frühes Interesse an lukrativen Geschäften unterstellen. Ulrich

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empfand es damals als ungerecht, dass sein Bruder Udo und dessen Freunde eine Jungenbande gegründet hatten, in die er nicht aufgenommen wurde. Es war viel Geld im Spiel. Die Bandenmitglieder hatten sich vorgenommen, Altpapier zu sammeln und zu verkaufen. Dabei ging es um Einnahmen in Höhe von fünf bis zehn Pfennig in der Woche, und zwar für jedes Mitglied. Vater Backeshoff, selbst ein Schlosserlehrlingsmeister, rechnete dem kleinen Ulrich alles genau vor. Allerdings wollte er sich nicht in die Geschäfte seiner Sprösslinge einmischen. Jedenfalls nicht direkt. Aber, und das brachte die Augen seines jüngsten Sohnes zum Strahlen, Vaters Zeitung sollte er bekommen. Die Chance wusste Ulrich zu nutzen, zumal er sich darauf verlassen konnte, dass die Zeitung nach dem Lesen noch so gut wie neu aussehen würde. Das Leben seines Vaters lief nach einem verlässlichen System ab. Er ging sehr früh aus dem Hause, um seinen Beruf auszuüben. Zwischen fünf und sechs Uhr am Morgen machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Er war Angestellter und als Prüfungsmeister seines Faches auch für die Ausbildung von Lehrlingen zuständig. Bereits um die Mittagszeit kehrte er wieder heim, bekam sein Mittagessen serviert und legte danach für 20 Minuten die Füße hoch. Zeit genug, um die Wuppertaler General-Anzeiger zu lesen, auf die ab sofort der kleine Ulrich lauerte. Bevor Ulrich sich für die tägliche Lektüre seines Vaters interessierte, wurden die gelesenen Zeitungen akkurat im rechten Winkel gefaltet und in einer Schublade gesammelt. Nach ein bis zwei Wochen schnürte

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Mutter Backeshoff dann ein Päckchen für die Oma, die im Nachbarort Hattingen wohnte. Ulrichs Oma hielt sich im Garten ein paar Hühner und nutzte die alten Zeitungen zum Einwickeln der Eier. Nun musste sie sich um eine andere Verpackung kümmern. Ulrich Backeshoff schnappte sich das Wuppertaler Blatt, nachdem es sein Vater ausgelesen hatte, und versuchte sein Glück in den Geschäften der Nachbarschaft. Davon gab es nach dem Krieg schon wieder eine ganze Reihe. Man kaufte noch nicht im Supermarkt ein, der alles unter einem Dach anbot. Supermärkte wurden wesentlich später gegründet. In Deutschland eröffnete der erste 1949 in Osnabrück. Aber das Selbstbedienungsprinzip konnte sich damals noch nicht durchsetzen. Erst Jahre später, um 1954, führten es fortschrittliche Händler wie die des EDEKA-Verbundes erfolgreich ein. Damals wusste Ulrich Backeshoff noch nicht, dass auch er einmal in dieses Business einsteigen würde. Er hatte schon früh eine Affinität zu amerikanischen Erfindungen. Der Supermarkt mit dem Selbstbedienungsprinzip, der fertig abgepackten Ware und den Non-Food-Produkten kam von Amerika nach Europa. In Amerika hatte die erste Supermarktkette den schönen Namen „King Kullen“. Der Name sollte die Assoziation zum Kraftprotz King Kong heraufbeschwören. Anfang der fünfziger Jahre kaufte man noch in dem heute legendären Tante-Emma-Laden um die Ecke ein. Manchmal musste man, um so wichtige Nahrungsmittel wie Fleisch, Brot, Milch und Obst zu besorgen, sogar verschiedene Geschäfte aufsuchen. Das war

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aber kein Problem. Langenberg im Ortsteil Bonsfeld verfügte über eine sehr hohe Ladendichte. Aber nicht alle Geschäfte florierten. Keiner der Ladenbesitzer war bereit, dem Jungunternehmer die Zeitung für fünf Pfennig abzukaufen. Obwohl der Neupreis der Wuppertaler Zeitung damals stolze zehn Pfennig betrug und sie so gut wie neu aussah. Fünf Pfennig waren damals noch viel Geld. Die Deutsche Mark hatte die Reichsmark erst im Juni 1948 abgelöst. Mit der Währungsreform verbesserte sich die Versorgungslage entscheidend. Gleich nach der Einführung der D-Mark waren die Regale in den Geschäften prall gefüllt. Viele Geschäftsleute hatten ihre Ware bis zur Einführung der D-Mark zurückgehalten. Aber Tageszeitungen galten immer noch als kleiner Luxusartikel, den sich nicht jeder leisten konnte. Trotz eines Preisnachlasses von 50 Prozent schien Ulrich auf seiner alten Zeitung sitzen zu bleiben. Enttäuscht und fast schon entmutigt fragte er am letzten Haus auf seiner Tour nach. So stand er vor dem Café des Konditormeisters Robert Tonscheidt. Es lag direkt vis-a-vis der elterlichen Wohnung. Das Geschäft der Bäcker und Konditoren kam nach dem Krieg relativ schnell wieder in Gang, denn mit der D-Mark in der Tasche gönnten sich die Deutschen zu besonderen Anlässen auch mal ein Stückchen Kuchen. Im Angebot waren zunächst einfache Blechkuchen mit Zwetschgen und Streuseln. Später trat die anbetungswürdige fette Buttercreme-Torte ihren Siegeszug an. Die Chancen standen also gar nicht so schlecht, dass Ulrich hier seine Tageszeitung an den Mann bringen konnte.

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Unter Marketinggesichtspunkten hatte er durchaus gute Karten. Aber solche Zusammenhänge analysierte er erst viel später. Konditormeister Tonscheidt hatte am frühen Morgen noch keine Zeit für die Tageszeitung. Das brachte der Beruf des Konditors so mit sich. Er kam, wenn überhaupt, dann erst am Nachmittag zum Lesen. Für Ulrichs Geschäftsmodell eine ideale Voraussetzung. Günstig war auch der Umstand, dass zu den Stammkunden des Cafés Vertreter zählten, die am Nachmittag bei einer Tasse Kaffee gerne ihre Aufträge sortierten. Das war die perfekte Zielgruppe, die Ulrich für sein Geschäft brauchte. So verwirklichte er zusammen mit Robert Tonscheidt sein erstes Win-win-Geschäft. Er bekam von nun an täglich fünf Pfennig, und Robert Tonscheidt konnte seinen Kunden eine Zeitung anbieten, die er zum halben Preis einkaufte. Ulrich ahnte damals noch nicht, dass er auch eine Gratislektion in Sachen Kundenbindung mit auf den Weg bekam. Für die Caféhausbesucher war die kostenlose Zeitung mit ein Grund, warum sie sich hier gerne ein Päuschen gönnten. Kundenbindung sollte in Zukunft eine große Rolle im Leben des erfolgreichen Unternehmers Ulrich Backeshoff spielen. Aber zunächst einmal war er stolz auf seinen ersten Deal. Ebenso wie sein Vater. Aber nicht alle waren vom Erfolg des Jüngsten so angetan.

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Bei seinem älteren Bruder Udo weckte Ulrich Neidgefühle und Eifersucht. Immerhin verdiente der Knirps mit der Zeitung des Vaters jeden Tag so viel wie er und die Mitglieder der Jungenbande in einer Woche. Und das bei einem weit geringeren Arbeitsaufwand. Ulrich musste nur mit der Zeitung über die Straße gehen und die Hand aufhalten.

„Der Eindruck, dass ich geschäftstüchtiger bin als meine älteren Brüder, blieb ein Leben lang.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrichs Vater versuchte den ersten Verdienst seines Sohnes gleich in die richtigen Bahnen zu lenken und eröffnete für ihn ein Sparbuch, auf das nun kontinuierlich Geld eingezahlt wurde. Später, als Ulrich 13 Jahre alt wurde, kam dann auch noch ein regelmäßiges Taschengeld hinzu. Allerdings wurde ihm und seinen Brüdern das Taschengeld nicht wie den anderen Kindern bereits am Samstag ausgezahlt, sondern erst am Montag. Vater Backeshoff wollte seinen Söhnen so den Umgang mit Geld beibringen. Womöglich hätten sie sonst alles am Wochenende ausgegeben.

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Als Ulrich die späte Taschengeldzahlung monierte, bekam er vom Vater einen Satz zu hören, den sein Sohnemann bis heute nicht vergessen hat:

„Wenn Montag nicht früher als Samstag ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr!“ (Ernst Backeshoff senior)

Sein Vater hatte eine ganz eigene Philosophie, was Geld betraf. Schuldenmachen kam bei ihm ganz und gar nicht in Betracht. Ulrichs Mutter hätte damals gerne ein Haus gekauft. Das scheiterte daran, dass Ernst Backeshoff es nicht hätte bar bezahlen können. Sohn Ulrich hat sich in jungen Jahren viel vom Vater abgeschaut und angenommen. Wer aber glaubt, dass Ulrich Backeshoff ein Musterknabe gewesen ist, der hat sich getäuscht. Ulrich Backeshoff ist im Sternzeichen der Zwillinge geboren. Manche behaupten sogar, er sei ein Doppelzwilling, weil er so viele Facetten besitzt. Es gibt eine Reihe von Geschichten, die immer wieder eine andere Seite von ihm zum Vorschein bringen. Bei jeder dieser Geschichten, die Herr Backeshoff erzählt, verändert sich sein Gesichtausdruck. Hinter der Ernsthaftigkeit eines gestandenen Geschäftsmanns blitzt manches Mal eine Lausbubenmimik hervor, wie sie sich nur ein Kindskopf bewahren kann. Er selbst teilt sein Leben in viele, viele Geschichten ein. In seiner Kindheit gab es sehr wenig Spielzeug. Einer großen Beliebtheit

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erfreuten sich bei Groß und Klein die Briefmarken. Heute ist das Sammeln von Briefmarken bei der Jugend nicht mehr modern. Die Sammelleidenschaft ist zwar bei Jungen immer noch weit verbreitet, aber heute geht es eher um Pokémon-Karten oder Panini-Sammelalben. Damals gab es vornehmlich Briefmarken, die gesammelt wurden. Eine Leidenschaft, die Jungen wie Männer gleichermaßen begeisterte. Ulrich Backeshoff erinnert sich, dass alle seine Cousins und auch Cousinen mit großem Eifer sammelten und natürlich untereinander tauschten. Bei einer so großen Familie hatte man eine interessante Auswahl. Kein Wunder, dass der kleine Ulrich hier ein lukratives Geschäft witterte. Er lernte schnell, dass man stets gut informiert sein sollte, wenn man im Geschäftsleben weiterkommen will.

„Einmal habe ich auch etwas Ungesetzliches getan.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich brachte in Erfahrung, dass die wertvollste Briefmarke der Welt die „Blaue Mauritius“ war. Er wusste auch warum. Die erste offizielle Briefmarke der Welt kam 1840 auf den Markt. Nur acht Jahre später erschien eine Briefmarkenserie der englischen Kronkolonie Mauritius. Auf der Umrandung der Marken standen der Wert, der Name „Mauritius“, „Postage“ und das

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– für britische Marken unübliche – „Post Office“. Es wurden zunächst nur 500 rote und blaue Mauritius gedruckt. Die rote zu einem Penny für den Briefverkehr in der Mauritius-Hauptstadt Port Louis und die blaue zu zwei Pence für den Postverkehr mit Übersee. Aufgrund des unüblichen Aufdrucks wurden diese Marken auch als legendärer Fehldruck gehandelt. Heute gibt es weltweit nur noch wenige Exemplare dieser ersten Auflage. Das regte die Phantasie des kleinen Briefmarkensammlers an. Seine Freunde und er sammelten damals unter anderem Berlin-Notopfermarken. Nach Ende der Berlin-Blockade und der Luftbrücke verabschiedete der Wirtschaftsrat des vereinigten Wirtschaftsgebietes im November 1948 das „Gesetz zur Erhebung einer Abgabe Notopfer Berlin im Vereinigten Wirtschaftsgebiet“. Danach musste auf die meisten innerdeutschen Postsendungen zusätzlich zum normalen Porto in Höhe von 20 Pfennig für einen Standardbrief eine Steuermarke, das sogenannte „Notopfer“, geklebt werden. Diese zusätzlichen zwei Pfennige sollten der West-Berliner Bevölkerung zugutekommen, die durch die Berlin-Blockade in wirtschaftliche Not geraten war. Ulrich Backeshoff schaute sich seine gesammelten Notopfermarken genau an. Auch sie waren blau. Ob Ulrich auch wusste, dass diese Marken bei der Einführung teilweise noch händisch mit der Schere vom Bogen abgeschnitten wurden? Erst ab Anfang 1950 gelang es, alle Marken zu perforieren. Jedenfalls griff auch Ulrich zur Schere, denn ihm war nicht entgangen, dass die berühmte „Blaue

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Mauritius“ keine Zacken hatte. Er war davon überzeugt, dass eine blaue, zackenlose Notopfermarke große Ähnlichkeit mit der „Blauen Mauritius“ haben würde. Dass diese kleine eigenmächtige Korrektur ihren Preis steigern würde, war naheliegend. So stempelte er also ganz eigenmächtig zwei Notopfermarken zu angeblich unbezahlbaren Fehldrucken. In langen Verhandlungen zeigte sich tatsächlich einer seiner Freunde ganz besonders interessiert. Er hieß Udo, war fünf Jahre älter als Ulrich und der Sohn einer der reichsten Unternehmerfamilien im Ort. Am Ende tauschte der gutgläubige Junge die wertvolle Familiensammlung mit 6.000 Briefmarken gegen zwei Notopfermarken à la Ulrich Backeshoff. Das blieb nicht ohne Folgen! Wohlweislich versteckte Ulrich die Alben unter seinem Bett. Doch dort wurden sie bald von seiner Mutter beim Putzen entdeckt. Vom Vater gab es für den Deal eine Tracht Prügel. Aber dann kam das Schlimmste. Ulrich musste die Briefmarken zurückbringen. Um einen ordentlichen Eindruck zu machen, wurden die Knie und die Ellenbogen mit der Wurzelbürste geschrubbt, die einzige Sonntagshose angezogen, die Haare gekämmt, ein gerader Scheitel gezogen und mit Nivea Creme geglättet. So herausgeputzt trat er den Kanossagang an. Langsam, aber stetig näherte er sich dem Haus der Familie Schulte-Bonsfeld. Dort wurde er von einer Haushälterin im schwarzen Kleid mit weißer Schürze und Häubchen empfangen. Er kam sich vor wie in einem Schwarzweißfilm. Es ging sehr vornehm zu und er wurde in einen Raum geleitet. Dort gab es zu seiner

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großen Verwunderung erst einmal Kakao und Kuchen. Das war wie Weihnachten oder Ostern für den kleinen Ulrich, denn bei Familie Backeshoff kamen diese Köstlichkeiten nur an Feiertagen auf den Tisch. Dann erschien Herr Schulte-Bonsfeld und Ulrich stellte sich schon einmal auf die nächste Tracht Prügel ein. Aber die blieb zum Glück aus. Die Reaktion von Udos Vater war unerwartet anders. Statt ihn zu bestrafen, bedankte er sich bei Ulrich dafür, dass er seinem Sohn eine so gute Lektion erteilt hätte. Zum Dank bekam er sogar das dünnste Briefmarkenalbum der Familie geschenkt. Und dann kam der schreckliche Teil, den Ulrich Backeshoff in seinem ganzen Leben nicht vergessen wird. Herr SchulteBonsfeld ließ durch die Haushälterin seinen Sohn Udo holen und verprügelte ihn vor Ulrichs Augen. Es war damals kein ungewöhnlicher Anblick, denn die Prügelstrafe galt bei Eltern und Lehrern als eine durchaus übliche Erziehungsmethode. Allerdings meldeten sich auch schon die ersten Pädagogen, die sich davon distanzierten. Ulrich Backeshoff hat diesen Anblick jedenfalls bis heute nicht vergessen. Als Ulrich nach Hause kam, drohte ihm gleich wieder eine Tracht Prügel vom Vater. Der sah nur das dünne Briefmarkenalbum in der Hand seines Sohnes und konnte nicht glauben, dass er es tatsächlich geschenkt bekommen hatte. Er vermutete vielmehr, dass Ulrich es unterschlagen hätte. Aber dieses Mal schaltete sich die Mutter ein. Sie stellte sich schützend vor ihren Sohn mit den

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Worten: „Das hat sich der Junge jetzt verdient!“ Das geschenkte Briefmarkenalbum hat Ulrich Backeshoff bis zum heutigen Tage aufgehoben. Nach fast 60 Jahren erinnert es ihn immer noch an diese Geschichte. Damals zeigte Herr Schulte-Bonsfeld dem jungen Ulrich auf schockierende Art und Weise, dass man aus Fehlern lernen muss. Für seinen Freund war diese Lektion eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Ulrich Backeshoff blieb in seinem Leben vor Misserfolgen nicht verschont. Aber selbst nach schwerwiegenden Niederlagen behauptet er noch mit einem bitteren Lächeln, dass er viel daraus gelernt hat. Bewundernswert, wenn es um Millionenverluste geht.

„Wenn ich keinen Spaß mehr habe, höre ich auf!“ (Ulrich Backeshoff)

Zu einem Zeitpunkt, an dem sich Ulrich Backeshoff eigentlich hätte zur Ruhe setzen können, ist er noch einmal voller Enthusiasmus ins Brauereigeschäft eingestiegen. Damals kaufte er gleich drei Brauereien, ein Weingut und eine Mineralwasserquelle. Das Weingut lag im Badischen. Erfahren hat er davon über eine sportliche Verbindung. Die Besitzer waren in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

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„Das Weingut habe ich auch wegen meiner sozialen Ader für einige Millionen DM gekauft“, erklärt Ulrich Backeshoff. „Mit dem Ziel, es über den Vertriebsapparat der Brauereien zu sanieren und auch selber noch daran zu partizipieren.“ Das Erfolgsrezept lag in einem anderen Vertriebsweg. Der neue Besitzer Ulrich Backeshoff wollte nicht mehr über die Winzergenossenschaft ausliefern. Der Vertrieb wurde komplett von ihm gemanagt und in den der Brauereien eingegliedert. Durch den direkten Weg konnte er damals sehr seriöse Preise definieren. Jede Verkaufszwischenstufe bedarf einer Finanzierung und treibt den Preis hoch. Das würde er heute wieder so handhaben. „Ich will nicht sagen, dass ich Vertrieb besser kann als andere“, behauptet der Geschäftsmann. „Aber wir haben in kurzer Zeit auch noch die Weine von anderen Winzern aus dem gleichen Ort verkauft.“ Einmal im Monat besuchte Ulrich Backeshoff sein Weingut im Badischen in der Ortenau. Warum es auch noch ein Weingut sein musste, lag nicht daran, dass er ein großer Weintrinker war. Ulrich Backeshoff beurteilt den Wein nur danach, ob er ihm schmeckt oder nicht. Wenn er überhaupt ein Gläschen trinkt, dann bevorzugt er Rotweine. Eines der drei Brauhäuser, die er gekauft hatte, blickte auf eine lange Tradition zurück. Es gehörte einst August Etzel, der die Schwierigkeiten der Kriegs- und Nachkriegsjahre gut gemeistert hatte. Den enormen Aufschwung in den 50er und vor allem in

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den 60er Jahren erlebte er allerdings nicht mehr. Sein Sohn August Etzel führte zusammen mit seiner Frau Elisabeth die Brauerei weiter. Sie war es wiederum, die nach dem frühen Tod ihres Mannes die Geschäfte weiterleitete. Ihr Nachfolger war der Alleinerbe Robert Etzel. Er verkaufte den Betrieb 1992 an einen Münchner Kaufmann namens Ulrich Backeshoff. Mit insgesamt drei in seinen Besitz übergegangenen bayerischen Kleinbrauereien beteiligte sich Herr Backeshoff nach dem Berliner Mauerfall 1989 am Bierkampf im Osten. Mit im Rennen war das bayerische Oettinger Bier Brauhaus. Aufgrund einer sehr kostengünstigen Produktion und Logistik hatte sich Oettinger im Westen einen Namen als Brauer von Billigbieren gemacht, vor dessen Niedrigpreisen die Branche angeblich zitterte. Ulrich Backeshoff zitterte nicht. Er verabredete sich mit dem Eigentümer der Oettinger Brauerei Dirk Kollmar und dessen Tochter. Treffpunkt war ein Haus in Germering, das Ulrich Backeshoff für seine Tochter Alexandra gekauft hatte und in dem sich sein Büro befand. Bei dieser Gelegenheit haben sich die beiden Brauerei-Kontrahenten Oettinger und Backeshoff übers Geschäft unterhalten und kamen zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass der Markt zwei so positiv Verrückte vertragen würde.

„Man hatte Respekt voreinander.“ (Ulrich Backeshoff)

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Ulrich Backeshoff meint, dass sein Konkurrent Oettinger aufgrund der langjährigen Erfahrung viele Sachen besser managte als er. Darum konnte er den Hut vor ihm ziehen. Was aber die Kreativität anbelangte, so sah sich der frisch gebackene Brauereiunternehmer Backeshoff durchaus im Vorteil. Gegenspieler Oettingers war bislang u.a. die Brau und Brunnen AG, der größte deutsche Getränkekonzern. Trotz dessen Images eines Edelmarken-Herstellers ließen es die Dortmunder zu, dass eine Kiste Bier der Ostmarke „Sternburg“ in den Verbrauchermärkten für 8,99 Mark verschleudert wurde. Oettinger zog mit. Doch dann tauchte Ulrich Backeshoff auf. Durch die Einführung einer Pfandmarke auf Bierkästen mit Bügelverschlussflaschen gelang es ihm, „alle bisher da gewesenen Trümmerpreise in den Schatten zu stellen“, wie das Branchenblatt „inside“ berichtete. Es war die Zeit, in der viele Unternehmen von der traditionellen Bügelverschlussflasche auf die Flasche mit Kronkorken umstellten. Übrigens wurde der Kronkorken bereits 1892 vom Erfinder William Painter (1838-1906) aus Baltimore (Maryland, USA) zum Patent angemeldet. Er nannte seine Erfindung „Crown Cork“, was in der deutschen Übersetzung Kronkorken heißt. In Deutschland nutzte Veltins erstmals im Jahre 1966 den Kronkorken, der von da an immer beliebter wurde. Ulrich Backeshoff kaufte die Auslaufflaschen und -kästen für 1,- bis 1,50 DM auf. Für den Kasten gab es 6,- DM Pfand. 4,- Mark für 20 Flaschen à 20 Pfennige und 2,- Mark für den Kasten. Die Kästen inkl. Flaschen kosteten damals in der

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Herstellung zwischen 6,- und 10,- DM. Je nach Herstellermenge. Die Händler mussten für den Kasten also mehr bezahlen als die Verbraucher. Aber das Verleihen der Kästen an die Käufer war kein einmaliger Vorgang. Die Flaschen wurden immer wieder befüllt und auch die Kästen blieben im Umlauf, bis sie unbrauchbar waren. Der neue Brauereiunternehmer Backeshoff kaufte mit einem Geschäftskollegen Millionen der alten Kästen und Bügelverschlussflaschen auf. Beispielsweise von Wernesgrüner, die nach der Wende und der Umstellung auf Kronkorken Wert darauf legten, dass ihre Kästen nicht mehr in Deutschland auf den Markt kamen. Die wurden also für wenig Geld ins Ausland verscherbelt, nach Kroatien. Bis auf die, die Ulrich Backeshoff für sich reservierte. Er besaß also nun Millionen von Kästen mit dem Aufdruck einer fremden Bauerei. Das war die eigentliche Herausforderung, denn in diesen Kästen konnte und durfte er sein Bier nicht verkaufen. Mit Hilfe eines sehr renommierten Patentanwaltes in München entwarf er eine Wertmarke, mit der die Kästen überklebt wurden. Wer einen Kasten mit dieser Wertmarke kaufte, der musste allein für den Kasten die gewohnten 6,- DM Pfand hinterlegen. Das war das eigentliche Geschäftsmodell, denn Ulrich Backeshoff hatte ja selbst nur ca. 1,- DM pro Kasten bezahlt. Damit gewährten ihm die Käufer immerhin einen Kredit in Höhe von 5,- DM pro Kasten. Wenn man ein paar Millionen Kästen mit so einer Gewinnspanne verkauft, dann kommt eine hohe Summe zusammen, mit der das Unternehmen zunächst einmal arbeiten konnte.

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„Meine Bonität hat damals ausgereicht, um ein Geschäft über 20 bis 30 Millionen Deutsche Mark zu realisieren“, meint Ulrich Backeshoff. Ein Geschäft ganz nach seinem Geschmack. Er hatte damals den Zeitgeist erkannt. Es war eine einmalige Gelegenheit, die nur unter den besonderen Umständen zustande kam. Es funktionierte aber auch nur zeitlich begrenzt. Als die Nachfrage nachließ, wurden die Wertmarken wieder entfernt und die Kästen für 1,- DM nach Kroatien verkauft. Damit hatte Ulrich Backeshoff sogar den Einkaufspreis generiert. Obwohl es ihm durch seinen taktischen Coup gelungen war, einen Abnahmepreis für den Handel von 6,25 DM pro Kiste Pils anzubieten, konnte er mit seinen Brauereien nicht überleben. Die Firmen waren bereits marode, als er sie damals übernommen hatte, und der Abwärtstrend des Marktes ließ sich nicht aufhalten. Der Hauptgrund für die Schließung war jedoch die Unlust, die Ulrich Backeshoff in sich aufkeimen spürte. Was Ulrich Backeshoff besonders schmerzte, war die menschliche Enttäuschung. Wichtige Angestellte hatten ihn betrogen und Warenlieferungen bestätigt, die sie in Wahrheit nicht bekommen hatten. Das führte dazu, dass der Unternehmer mit Leib und Seele den Spass verlor. Für ihn ein hundertprozentiges K.o.-Kriterium. Eine Überzeugung, nach der er mehrmals in seinem Leben handelte – und nicht selten dafür für verrückt erklärt wurde. Aber was heißt eigentlich verrückt sein? Wenn man das Wort genauer be-

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trachtet, dann bedeutet es, dass der Mensch ver-rückt ist. Nicht dort steht, wo alle anderen sind, sondern ein bisschen abseits der Norm gerückt ist. Das macht verrückte Menschen im positiven Sinne interessant, weil sie ein sehr kreatives Potential haben. Seine Grundidee findet Ulrich Backeshoff noch heute richtig und gut. Er ist davon überzeugt, dass auch die Umsetzung zu zwei Dritteln gewinnbringend war. Heute würde er aber eine andere Rechtsform wählen als damals. Am Ende hat Ulrich Backeshoff die Brauereien, das Weingut und die Mineralwasserquellen wieder aufgegeben. Die Schulden waren beträchtlich. Darüber hinaus tat es ihm nicht nur für sich und seine ihm gut gesinnten Mitarbeiter leid, sondern auch für die Familie des alten Weingutes, der er gerne aus der Klemme geholfen hätte. Denn das war wie immer der Motor des Ganzen. Eingefahrene politische oder wirtschaftliche Strukturen findet Ulrich Backeshoff langweilig. Die versucht er aufzubrechen, weil hinter allem Menschen stehen.

„Mich haben die Dinge ganz besonders interessiert, von denen andere behauptet haben: Das geht nicht! Das war für mich eine Herausforderung.“ (Ulrich Backeshoff)

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Nach diesem Brauhaus-Crash hätte Ulrich Backeshoff normalerweise auswandern sollen, um sich vor seinen Verbindlichkeiten zu drücken, bis sie verjährt sind. Aber das kam für den bodenständigen Unternehmer nicht in Frage, und so wurde aus einem Multimillionär ein immerhin noch gut situierter Geschäftsmann. Zu verdanken hatte er dieses finanzielle Auffangnetz indirekt seinem Vater. Der hatte ihm früh beigebracht, das Geld auf einem Sparbuch zu sichern, wenn man im Überfluss darüber verfügt. Das Sparbuch hätte ihn in dieser Situation nicht gerettet. Aber Ulrich Backeshoff hatte vorgesorgt in der Phase des Erfolges. 30 bis 40 Prozent wurden von ihm in Immobilien investiert und seiner Frau und seiner ältesten Tochter überschrieben. Heute sagt er, dass er in dieser Zeit am meisten gelernt hat. Sein Vater hatte ihm auch frühzeitig beigebracht, dass ein Backeshoff nicht davonläuft. Egal welche Strafe ihn erwarten würde. Darum blieb er auch nach dem Konkurs seiner Brauereien in Deutschland. Schon als Kind drückte er sich nicht vor der Verantwortung. Ulrich spielte leidenschaftlich gerne mit Freunden Fußball im Innenhof. Eigentlich war das verboten und man durfte sich dabei nicht vom Hausbesitzer erwischen lassen. Nicht ohne Grund, denn der Hof war kein Kinderspielplatz. Es gab mehrere Hauszugänge im vierstöckigen Wohnblock, die zu den verschiedenen Kleinstgewerbebetreibern führten, die sich dort niedergelassen hatten. Darunter auch ein Glasbläser. Wenn dann beim Fußballspielen eine Scheibe zu Bruch ging, war der Ärger groß. Das wussten die Kinder und

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suchten, so schnell es ging, das Weite. Ulrich Backeshoff war einer der Schnellsten beim Weglaufen. Nur dann nicht, wenn er selbst die Fensterscheibe mit dem Fußball zerdonnert hatte. Dann blieb er schuldbewusst stehen und ließ das Donnerwetter über sich ergehen. So wie es ihm sein Vater beigebracht hatte. Für Herrn Backeshoff senior bedeutete so ein Malheur die eine oder andere Überstunde, um den Schaden zu ersetzen. In dieser Zeit gingen sieben zerbrochene Fensterscheiben auf das Konto seines Sohnemannes. Aber es waren nicht nur die Fensterscheiben, die im Hof zu Bruch gingen. Ulrich Backeshoff erinnert sich noch gut an die Teppichklopfstangen, an denen man sich ganz legal austoben konnte. Allerdings sollte man sich vorher vergewissern, dass die Hausfrauen nicht gerade die frisch gewaschene Wäsche auf die Leinen gehängt hatten. Sonst konnte man sich auch bei dieser durchaus ehrenvollen Arbeit eine Menge Ärger einhandeln, weil die Wäscheleinen neben der Teppichklopfstange angebracht waren. Hatte die Wäsche mal wieder einen leichten Grauschleier, so tippte man gleich auf den fleißigen Ulrich, der nicht aufgepasst hatte. Sein Ruf eilte ihm voraus, denn bereits im Kindergartenalter war er für seine Streiche berühmt und berüchtigt. Davon konnte man sogar in der Zeitung lesen. Damals wurde die Post in Bonsfeld noch mit einem Handschubkarren zur Hauptstelle gefahren. Der kleine Ulrich und seine Kindergartenfreundin Jutta nutzten eines Tages diese günstige Mitfahrgelegenheit und schmuggelten sich heimlich unter die Plane zwischen die Post. Die Fahrt ging bald

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darauf los und der Postbote fuhr die beiden Kinder ahnungslos ein paar hundert Meter spazieren. In der Nähe des Elternhauses gab es eine Brücke, auf der Ulrich einen Blick riskierte und unter der Plane hervorlugte. Er erkannte die Stelle auf der Brücke am Fahrgeräusch. Über sie war er mit seinem Roller schon viele Male gerattert. Irgendwann ist es dann auch dem Postboten aufgefallen. Dafür gab es erst einmal eine Ohrfeige. Dennoch hatte Ulrich mal wieder eine wunderbare Story, die in der Verwandtschaft die Runde machte. Seine Eltern haben ihm später erzählt, dass diese Geschichte sogar in der Langenberger Ausgabe des Wuppertaler Generalanzeiger gestanden haben soll. Jutta Schürmann war die erste langjährige Freundin von Ulrich, noch bevor er eingeschult wurde. Die beiden waren unzertrennlich. Jutta wohnte in der Nachbarschaft und war wie ihr Freund immer zu Streichen aufgelegt. Einmal wollten die beiden eine Cousine von Jutta besuchen, aber die war nicht zu Hause. Die Wohnungstür der Cousine namens Gerlinde Pettkuss stand allerdings offen und die beiden Knirpse nutzten die Gelegenheit, um die Wohnung ein wenig umzuräumen. Der Eintopf wurde in den Kohlenkasten geschüttet und der Spiegel mit Zahnpasta bemalt. Dabei ließen sich Jutta und Ulrich viel Zeit. Inzwischen suchte die ganze Straße nach den vermissten Kindern. Juttas Mutter war von Anfang an davon überzeugt, dass die beiden Kinder bei der Cousine sein müssten. Aber dort wurde nicht nachgesehen, weil die Cousine ja nicht daheim war. Die Vermisstengeschichte hat man sich dann

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noch lange auf Familienfeiern erzählt. Zehn Jahre später sind sich Jutta und Ulrich zum ersten Mal wieder begegnet. „Aber wir haben uns nicht einmal begrüßt“, erinnert sich Ulrich Backeshoff nachdenklich. „Wir waren praktisch zwei Jahre zusammen. Das war meine erste große Liebe.“ Mit seinen Freunden hat Ulrich später auch weniger lustige Sachen angestellt. Beispielsweise mit den Kanaldeckeln an den Bürgersteigen, durch die das Wasser von der Straße in die Kanalisation lief. Diese Metalldeckel haben Ulrich und seine Freunde einfach zur Seite gezogen. Ohne groß darüber nachzudenken, dass dadurch jemand mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß hätte verunglücken können. Dafür bekam er dann ordentlich den Hintern versohlt. Die Kanalisation wirkte schon beim Bau wie ein Magnet auf die Kinder. Ausgerechnet in der Heegerstraße, in der Ulrich wohnte, wurde damals ein Kanalsystem für Abwasser gebaut. Damals hatten die Häuser noch Jauchegruben, die leer gepumpt werden mussten. Jetzt sollten die Häuser an die Kanalisation angeschlossen werden. Um die Baustelle zu sichern, wurden Petroleumlampen aufgehängt. Immerhin gab es auch schon ein paar Autos, die im Dunkeln in der Baustelle hätten verunglücken können. Für die Kinder wurde die Abenteuerbaustelle durch die bengalische Beleuchtung noch interessanter. Dort spielten sie am liebsten. Auch wenn die Bauarbeiter das gar nicht gerne sahen. Man durfte sich nicht von ihnen erwischen lassen, denn das Spielen in der Baustelle war selbstverständlich verboten. Die Arbeiter schimpften lauthals mit den

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Kindern und scheuchten sie weg. Manchmal liefen sie ihnen sogar nach. Einer der Arbeiter hat die Kinder durch ein Abwasserrohr verfolgt. Die Halbwüchsigen konnten darin gerade noch aufrecht laufen. Der erwachsene Verfolger musste sich schon bücken. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in der Hektik stürzen würde. Als er dann tatsächlich stolperte, fiel er auch noch in die Fäkalien, die dort bereits abflossen. Die Kinder fanden das zunächst einmal lustig und hatten ihre Schadenfreude. Aber dann kam doch das schlechte Gewissen und zu Hause wurde gebeichtet. Ulrich und seine Freunde mussten sich am nächsten Tag bei dem Bauarbeiter entschuldigen.

„Das war damals die Erziehungsmethode der Eltern und auch der Lehrer. Sie wussten, dass uns Burschen eine Entschuldigung sehr schwer fiel. So richtig genutzt hat es aber nichts.“ (Ulrich Backeshoff)

Die treibende Kraft hinter der frühzeitigen Einschulung des fünfjährigen Ulrich Backeshoff waren die Kindergärtnerinnen. Heute würde man gleich darauf tippen, dass er hochbegabt war. In mancher Beziehung ist er es wohl auch gewesen. Das zeigte sich deutlich, als es um den Schrecken aller Kinder ging, den Löffel voll

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Ulrich Backeshoff


Lebertran. Das anerkannte Stärkungsmittel bei Kinderkrankheiten und Unterernährung. Nur ein Löffel pro Tag. Aber in diesem Löffel lag nicht nur für den kleinen Ulrich aller Ekel dieser Welt. Der süßliche Geruch war zunächst einmal vielversprechend. Doch dann machte sich ein fettiges, warmes Gefühl im Mund breit. So versuchte man, den Lebertran so schnell wie möglich herunterzuschlucken. Doch der Abgang war das Schlimmste und durch nichts mehr rückgängig zu machen. Mit ihm entfaltete sich das volle Aroma. Ein traniger Geschmack mit fischigem Mief. Die Erinnerung hat sich unauslöschlich im Gedächtnis der Nachkriegskinder verankert und nachhaltig dafür gesorgt, dass der Lebertran weitestgehend aus den Regalen der Apotheken verschwunden ist. Der Kindergartenjunge Ulrich Backeshoff musste aber nicht erst erwachsen werden, um die Einnahme von Lebertran zu umgehen. Ihm gelang es bereits im Kindergartenalter auf geschickte Art und Weise, sich immer wieder hinten in der Schlange der Leidensgenossen einzureihen. So lange, bis der Lebertrankelch an ihm vorübergegangen war. Darüber konnte man wohl auch schon damals lächeln. Aber es lässt vermuten, dass sich Ulrich auch Dinge einfallen ließ, die den Kindergarten aufmischten und die Kindergärtnerinnen auf die Idee brachten, diesen Jungen frühzeitig in die Obhut der Schule zu übergeben. Damit waren sie ihn los und die Schule durfte sich mit ihm amüsieren. Obwohl es damals noch nicht üblich war, ein Kind frühzeitig einzuschulen, konnte man beim kleinen Ulrich guten Gewis-

Ein Genie macht Pause

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Ein Genie macht Pause – Leseprobe  

Ulrich Backeshoff – eine fast wahre Biografie – auch zum Nachleben geeignet – von Petra Fohrmann

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