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Erinnerungen einer Erzieherin an die Familie Goebbels – 1943 bis 1945

Die Kinder des Reichsministers Petra Fohrmann


Dr. Petra Fohrmann studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Universität zu Köln und wurde an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam promoviert. Seit 1984 ist sie für verschiedene internationale Medienunternehmen tätig. 2005 hat sie ihren eigenen Verlag gegründet und lebt bei Bonn und in Berlin.


Impressum:

1. Auflage 2005 Copyright Fohrmann Verlag, Swisttal Inh. Dr. Petra Fohrmann Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielf채ltigt oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung und Layout: co-d, Berlin Druck und Bindung: Printec Offset, Kassel Printed in Germany

ISBN 3-9810580-1-1 www.fohrmann-verlag.de


Petra Fohrmann

Die Kinder des Reichsministers – Erinnerungen einer Erzieherin an die Familie Goebbels – 1943 bis 1945 Mit erstmals veröffentlichten Privatfotos und Briefen der Familie Goebbels


Inhalt Vorwort Oktober 19 43 Familie Goebbels sucht eine Erzieherin Dienstantritt im November 1943 Weihnachten 1943 im Haus am Bogensee Die Großmütter der Kinder Goebbels mit Stab – ganz privat

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Alltag in der Familie Goebbels Schulalltag der Goebbels-Kinder

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Erziehung der Kinder durch Joseph Goebbels

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Erziehung der Kinder durch Magda Goebbels

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Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944

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Hochzeit am 24. August 1944

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Goebbels‘ Geburtstag

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Magda Goebbels‘ Geburtstag

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Weihnachten 1944 im Haus am Bogensee

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Silvester 1944/ 45

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Umzug nach Schwanenwerder im Januar 19 45

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74. Geburtstag von Professor Walter Stoeckel

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Abschied von den Kindern

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Flucht aus Berlin

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die eltern

Magda Goebbels. (Foto: Bundesarchiv)

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Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels. (Foto: Bundesarchiv)

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VORWORT Wie es zu diesem Buch kam und warum es erst jetzt geschrieben wurde, ist eine kurze und eine lange Geschichte. Die kurze ist schnell erzählt. Ich hatte gerade ein Manuskript über eine Frau erstellt, die unter dem Down-Syndrom litt und zeitlebens Tagebuch geführt hatte. Dies sollte zunächst mein Weihnachtsgeschenk für deren damals 84-jährige Mutter Gerda B. sein, die mir die Tagebücher ihrer inzwischen verstorbenen Tochter Dagmar zur Verfügung stellte und mich auch sonst bei meiner Arbeit sehr unterstützte. Der Zufall wollte es, dass ihre beste Freundin Käthe im Frühjahr desselben Jahres zu Besuch kam. An jenen sommerlich warmen Frühlingstagen las Käthe im Garten ihrer Freundin Gerda das Manuskript über Dagmars Tagebücher. Da die beiden Damen seit 75 Jahren befreundet sind, war Dagmar auch ein bisschen das Kind von Käthe, um das sie sich kümmerte und sorgte, das ihr Freude und Liebe geschenkt hatte. Während Käthe in Dagmars Tagebuchaufzeichnungen eintauchte, wurden Erinnerungen wach, und sie war beim Lesen wie in einer anderen Welt. In Dagmars Welt. Dies ließ sie mir am Telefon ausrichten. Ich freute mich sehr darüber und meinte ganz spontan, dass ich auch gerne ihre Geschichte aufschreiben würde. Als fünf Minuten später das Telefon klingelte und Käthe fragen ließ, ob ich dies ernst gemeint hätte, war der erste Schritt zu diesem Buch getan. Soweit die kurze Geschichte. Hinter der Frage, warum dieses Buch erst 60 Jahre nach Kriegsende geschrieben werden konnte, verbirgt sich eine viel längere Begründung. Sie wird Teil dieses Buches sein, in dem Käthe Hübner ihr Schweigen bricht und das erzählt, was sie so lange für sich behalten hat. Nur wenige Menschen wissen, dass sie in den letzten schweren Kriegsjahren die Erzieherin der drei ältesten Goebbels-Kinder gewesen ist. Käthe Hübner wurde am 16. März 1920 geboren. Durch ihre Hochzeit im Jahre 1944 nahm sie den Namen ihres Mannes an, der Leske hieß. Käthe Hübner erzog die drei ältesten Goebbels-Kinder Helga, Hilde und Helmut in den letzten Kriegsjahren 1943 bis 1945. Nach dem Krieg standen Journalisten vor ihrer Tür und erhofften sich spektakuläre Storys über das Familienleben der Goebbels. „Ich habe Ihnen

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nichts zu erzählen!“, war stets die Antwort, mit der sie von Käthe Hübner unverrichteter Dinge weggeschickt wurden. Nur Karl-Otto Meissner konnte ihr Vertrauen gewinnen. Ihm erzählte sie einige Episoden aus der Zeit, in der sie mit Familie Goebbels gelebt hatte. Er veröffentlichte diese in seinem 1978 erschienenen Buch über Magda Goebbels. Hans-Otto Meissner erlebte das Kriegsende als junger Mann. Er wohnte damals mit seinem Vater Otto Meißner in Berlin. Dieser arbeitete dort als Hindenburgs Staatssekretär. So ergaben sich zahlreiche persönliche Kontakte für Hans-Otto Meissner, von denen der zu Magdas Schwägerin und bester Freundin Ello Quandt wohl zu den aufschlussreichsten zählte. Als ich die Erinnerungen von Käthe Hübner aufschrieb, war das Buch von Hans-Otto Meissner nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Damit die dort erschienen Schilderungen von Frau K. nicht verloren gehen, hat sie mir Käthe Hübner noch einmal erzählt. Inhaltlich stimmen sie weitestgehend mit den Aufzeichnungen von Hans-Otto Meissner überein. Wo dies nicht der Fall ist, habe ich einen Vermerk gemacht. Sicher war es der vehemente öffentliche Appell an die wenigen noch lebenden Zeitzeugen, ihre Erinnerungen der folgenden Generation im vollen Umfang mitzuteilen, der auch Käthe Hübner 60 Jahre nach Kriegsende erreichte. Durch die zahlreichen Dokumentarfilme und Berichte über die Kriegszeit erinnerte sie sich wieder intensiv an ihre Vergangenheit. Nicht alle Darstellungen in Film, Fernsehen, Büchern, Zeitschriften und Zeitungen fanden ihre Zustimmung. Mit ihrer Tochter schaute sie sich beispielsweise den Kinofilm „Der Untergang“ an. Ihre Tochter versprach etwas besorgt, jederzeit mit der Mutter den Kinosaal zu verlassen, falls die Erinnerungen zu übermächtig würden. Schließlich wusste man, dass auch der Mord an den Kindern, die Käthe Hübner damals betreute, ausführlich gezeigt werden würde. Aber Käthe Hübner spürte einen großen Abstand zu dem Gezeigten. Da sie die Goebbels-Kinder noch genau vor Augen hatte, waren ihr diese Schauspieler eher fremd. Schon die Tatsache, dass sie im Film alle blondes Haar hatten, irritierte die damalige Erzieherin. Auch das Aussehen der Schauspieler für Magda und Joseph Goebbels konnte nicht an ihre Erinnerung anknüpfen. Einen Fernsehfilm über das Ehepaar Goebbels fand Käthe Hübner zu einseitig beleuchtet. Sie hätte vieles

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anders dargestellt. Teilweise ärgerte sich die Zeitzeugin schrecklich über das, was sie über die damaligen Umstände zu sehen und hören bekam. Sie gewann immer mehr die Überzeugung, dass nun das ganze Material auf den Tisch kommen sollte. Sie war bereit, ihr „Mosaiksteinchen“ in das große Bild der Nazizeit einzufügen. Zahlreiche Biographien und Autobiographien der Zeitzeugen sind inzwischen veröffentlicht und berichten in Nahaufnahme, was diese Menschen erlebt haben. Aber nur wenige hatten tatsächlich einen Einblick in das häusliche Leben der Familie Goebbels wie die Erzieherin Käthe Hübner, die in den letzten Jahren des Krieges bei ihr wohnte. Ingesamt gibt es nicht sehr viele Dokumente und sichere Quellen über die Frauen der einflussreichen Nazis. Auch das Leben der Kinder wird in den Dokumentationen immer nur gestreift. Ganz besonders seltene Dokumente sind daher die Briefe, die Frau Hübner von Magda Goebbels und ihren Kindern bekommen hat. Sie sind noch im Original vorhanden und durften für dieses Buch veröffentlicht werden. Es existieren nicht mehr sehr viele persönliche Briefe von Magda Goebbels. Einige sind an ihren Vater, Oskar Ritschel, gerichtet. Der größte Teil ihrer handschriftlichen Dokumente, die noch erhalten sind, betreffen die häusliche Organisation. Damit sind Rechnungen oder Aufträge gemeint, die sie geschrieben hat. Ebenso einmalig sind die Fotos aus dem Besitz von Käthe Hübner, auf denen die junge Erzieherin mit den Kindern der Familie Goebbels zu sehen ist. Es handelt sich hier nicht um Propagandafotos, wie es sie sehr zahlreich gab. Erstaunlich ist jedoch, dass jedes einzelne ein Propagandafoto hätte werden können. Die Harmonie und Idylle, die diese Fotos widerspiegeln, sind in diesem Fall aber absolut authentisch. So hat es sich damals fast Tag für Tag bei Familie Goebbels abgespielt. Eine Perspektive, die bislang in der öffentlichen Darstellung des Privatlebens der Familie Goebbels fehlte.

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Trügerische Idylle im Haus am Bogensee im Sommer 1944. Käthe Hübner mit den Goebbels-Kindern (v. l.) Helga, Helmut, Holde, Heide, Hedda und Hilde. (Privatfoto: Käthe Hübner)

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oktober 19 43 Familie Goebbels sucht eine Erzieherin

K채the H체bner im Garten des Hauses am Bogensee 1944 mit dem jungen Dackel der Familie Goebbels. (Privatfoto: K채the H체bner)

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Im Jahre 1943 arbeitete Käthe Hübner als Erzieherin in einer Berliner Kindertagesstätte mit Vorzeigefunktion. Es muss im Oktober gewesen sein, als sie von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), die allen Kindergärten Berlins vorstand, die Aufforderung bekam, sich als Erzieherin in einem privaten Haushalt vorzustellen. Es war Familie Goebbels, die eine Kinderfrau für ihre drei ältesten Kinder suchte. Früher hatte sie dies stets auf privatem Wege versucht. In diesem Jahr wandte sie sich erstmalig an die NSV, die am 3. Mai 1933 als Fürsorgeorganisation der NSDAP gegründet worden war. Die drei jüngeren Kinder hatten bereits eine eigene 56-jährige Erzieherin, die sich Fräulein Schröter nannte und schon früher in anderen privaten Häusern gearbeitet hatte. Eine Bekannte, die ehrenamtlich in die NSV eingetreten war, schlug sogleich Käthe Hübner vor, obwohl diese überhaupt nicht auf der Suche nach einer neuen Stelle war. Sie fühlte sich in ihrer leitenden Position in der Kindertagesstätte sehr wohl. Sie hatte dort ihren geregelten Dienst und wollte sich nicht verändern. Aber wenn man sozusagen versetzt wurde, konnte man ihrer Ansicht nach nichts dagegen tun. Käthe Hübner hatte damals keine Bedenken, diese Stelle anzunehmen. Heute hält sie daran fest, dass die Kinder bei ihr eine gute Zeit hatten. Vielleicht war das ihre Bestimmung. Sie sieht sich ausschließlich als die Betreuerin der Kinder. Käthe Hübner stellte sich bei der ihr angegebenen Person vor. Es war Dr. Naumann, der sie in der Berliner Wohnung der Familie Goebbels empfing. Käthe Hübner wusste, dass Naumann ein Mitarbeiter von Dr. Goebbels war. Dr. Werner Naumann arbeitete seit 1937 für Goebbels, der ihn damals in sein Ministerium geholt hatte. Käthe Hübner glaubte, dass ihn mit Frau Goebbels eine intensive Freundschaft verband. Jedenfalls übernahm Dr. Naumann das Erstgespräch mit ihr. Er wusste um Magdas „Kümmernisse“, wie Käthe Hübner sich ausdrückt, und konnte gut beurteilen, welche Erzieherin am besten geeignet sein würde. Es gibt Zeugnisse aus anderen Quellen, die darauf hinweisen, dass Dr. Naumann eine ganz enge Beziehung zu Magda Goebbels hatte. Er galt als ihre letzte große Liebe, die sie vor ihrem Mann nicht geheim halten konnte. Da Dr. Naumann jedoch genau wie sie verheiratet war,

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brachte diese Zuneigung große Probleme mit sich. Als Joseph Goebbels im Dezember 1944 davon erfuhr, war es jedoch schon zu spät, um Konsequenzen zu ziehen. Das Ende des deutschen Reiches war bereits absehbar und alles andere demzufolge nicht mehr von großer Bedeutung für den Fanatiker Goebbels. Dr. Naumann galt als einer der Männer, die bis zum Schluss nach Auswegen für Magda und die Kinder suchten, um ihr Leben zu schützen. Nicht ganz eindeutig geklärt ist folgender Rettungsplan, der entweder von Naumann oder von Albert Speer ausgearbeitet wurde. So wollte man einen der großen Kähne auf der Havel in die Nähe des Ufers bringen, an dem die Familie Goebbels ihren Landsitz hatte. Er sollte, mit Lebensmitteln beladen, der Familie ein Versteck bieten, bis sich die Lage nach dem verlorenen Krieg beruhigt haben würde. Doch zurück zu jenem Tag, als sich Käthe Hübner Ende 1943 bei Dr. Werner Naumann vorstellte: „Ich ging zu Dr. Naumann, völlig frei, denn ich wollte ja eigentlich gar nicht!“, erinnert sie sich heute. Dr. Naumann fragte sie natürlich gleich, ob sie in der Partei sei. Käthe Hübner antwortete wahrheitsgetreu, dass weder sie noch ihre Eltern der Partei angehörten. Sie war der Meinung, dass dies bereits für eine Ablehnung reichen würde. Doch Naumann setzte die Unterredung fort. Er interessierte sich für ihren Werdegang, ihre jetzige Arbeit und für ihre Vorlieben. Dennoch beruhigte sich die Erzieherin damit, dass sich nach ihr noch andere Damen zum Vorstellungsgespräch einfinden würden. Doch wenige Tage nach ihrem Besuch kam die Nachricht, dass sie sich bei Magda Goebbels vorstellen sollte. An eine Einzelheit der ersten Begegnung mit Frau Goebbels kann Käthe Hübner sich immer noch sehr gut erinnern. „Na, ich weiß noch … ist ja albern, aber die Art der Atmosphäre, auch das Parfüm, das sie ausströmte, der Duft war mir noch präsent, als ich schon längst wieder draußen war aus dem Haus. Wir haben sofort einen Kontakt zueinander gehabt. Keine Fremdheit! Ich mochte Magda Goebbels riechen!“

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Magda Goebbels hatte auf die Erzieherin K채the H체bner eine positive Ausstrahlung. (Foto: Bundesarchiv)

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Aber Käthe Hübner betont auch, dass sie nicht für die persönlichen und geschäftlichen Angelegenheiten von Magda Goebbels eingestellt wurde. Für diese Belange hatte Frau Goebbels ihre eigene Privatsekretärin, Frau Freybe. Mit dem Propagandaministerium kam die Erzieherin Käthe Hübner nicht in Kontakt. Sie war für die Kinder zuständig. Magda Goebbels entschied sich für Käthe Hübner und wollte, dass diese am ersten November 1943 im Waldhof am Bogensee die neue Stelle antritt.

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Dienstantritt im November 1943

Die Kutsche mit den zwei Pferden war f체r die Kinder und das Personal das Haupttransportmittel am Haus am Bogensee. (Privatfoto: K채the H체bner)

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Das Haus, in dem Familie Goebbels mit ihren sechs Kindern wohnte, lag 30 km nördlich von Berlin. Die Stadt Berlin überließ es Joseph Goebbels bereits 1936, der daraufhin zahlreiche Um- und Neubauten veranlasste. Als Käthe Hübner dort ankam, bot sich ihr ein idyllischer Anblick. Sie erinnert sich, dass nach Magdas Entscheidung alles sehr zügig ablief: Dies war gar nicht so selbstverständlich, da inzwischen die Berufslenkung und Arbeitsplatzbeschränkung galt. Dabei handelte es sich um die staatliche Arbeitslenkung durch die Nationalsozialisten, um deren Vorstellungen von der „Neuordnung des deutschen Lebensraumes“ zu verwirklichen. Jeder Arbeitswechsel wurde überprüft und unterlag der „Dienstverpflichtung“. „Und dann lief die Sache. Meine alte Stelle kündigen, das war alles gar kein Problem. Und zum ersten November 1943 bin ich dort eingetrudelt. Damals wohnte die Familie, Magda Goebbels mit den Kindern, draußen im Waldhof am Bogensee. Das liegt bei Bernau und war ihr Anwesen, praktisch die Verlagerung aus der Stadt raus.“ Zu dieser Zeit hatte Joseph Goebbels bereits zur Evakuierung aller nicht berufstätigen Frauen, Kinder und Alten aus Berlin aufgerufen. Sie sollten sich außerhalb Berlins in den weniger bombardierten Gebieten aufhalten. Über die Kinderlandverschickung wurden allein 400.000 Kinder aus der Reichshauptstadt nach Österreich oder Schlesien gebracht. Ihre Mütter blieben zurück und bezogen ihre Stellung im totalen Krieg Hitlers. Seine eigene Familie hatte Propagandaminister Goebbels bereits 1941 aus Berlin an unterschiedliche Orte bringen lassen. Als Käthe Hübner im November 1943 zu ihnen kam, waren Magda und die Kinder wieder in die Nähe Berlins zurückgekehrt, in ihr Domizil am Bogensee. Joseph Goebbels selbst war in seiner Stadtwohnung in Berlin geblieben. Käthe Hübner berichtet heute Folgendes darüber: „Das Grundhaus im Landhausstil, das diente dem Goebbels als Zweitoder Drittwohnsitz. Ich dachte damals, dass es als Gästehaus für Ausländer erbaut wurde, die zu Besuch kamen. Aber die gab es ja nicht mehr in den letzten Jahren. Und darum konnten dann die Familie und ihr Personal da draußen wohnen. Goebbels kam dann ab und zu nach Hause. Eher

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weniger als mehr – in der Zeit, als es dann schon anfing, kritischer zu werden – raus zum Wochenende. Er kam schon noch. Mit seinem Stab, den er mitbrachte … praktisch zum Arbeiten.“

Die übliche Begrüßung des Vaters durch seine Kinder, aufgenommen im Sommer 1944 vor dem Haus am Bogensee. Kaum hatte Joseph Goebbels seinen Wagen verlassen, da stürmten sie schon fröhlich auf ihn zu. (Privatfoto: Käthe Hübner)

In Goebbels Tagebüchern kann man nachlesen, dass er zu dieser Zeit entweder in Berlin oder auf Schwanenwerder wohnte. Dort konnte er ungestört arbeiten, was seiner Meinung nach erforderlich war. Magda und die Kinder lebten ausschließlich im Haus am Bogensee. Dort ließ er sich nur selten blicken. Meist war es Magda, die ihn besuchte. Wenn er sich dann doch einmal bei den Kindern blicken ließ, so freuten die sich überschwänglich.

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Zum Dienstantritt reiste Käthe Hübner am 1. November 1943 mit ihrem Koffer zum Bahnhof Wandlitz. Dort holte man sie mit einem Pferdewagen ab; sie fuhren mit dem Wagen durch Wandlitz und kamen in ein großes Gebiet, in dem das Waldhaus am Bogensee stand. Käthe Hübner bezog ein kleines Mansardenzimmer im Flachbau. An eine Einführung als solche kann sie sich nicht mehr erinnern. Aber sie hat sich, wie sie meint, gleich zurechtgefunden. Besonders beeindruckt war die Erzieherin von den versenkbaren Scheiben im großen Saal des Hauses.

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Weihnachten 1943 im Haus am Bogensee Obwohl Käthe Hübner erst im November ihre Stelle angetreten hatte, bekam sie von Magda Goebbels schon ganz besondere Aufgaben, die nicht direkt mit der Erziehung der Kinder zu tun hatten: „Im Dezember hat sie mich schon an ihre Seite genommen. Im großen Saal sollte ich mit ihr die Weihnachtsgeschenke für alle Mitarbeiter aussuchen. Damals kam Kommissionsware von den verschiedensten Firmen. Für jeden Angestellten wurde ein Tischchen aufgestellt und ich durfte mit ihr aussuchen, wer was von der Kommissionsware bekommen sollte. Was nicht gebraucht wurde, ging dann wieder zurück. Dabei habe ich Frau Goebbels dann noch einmal im letzten Jahr, Weihnachten 1944, geholfen. Also, Magda Goebbels und ich hatten schon einen guten Kontakt.“ Allerdings fühlte sich Käthe Hübner mit ihrer Arbeit nicht unbedingt ausgefüllt. Es gab im Vergleich zur Leitung der Kindertagesstätte nicht sehr viel zu tun. Auch finanziell war es keineswegs eine Verbesserung: „Ich glaube, ich bekam damals 350,- Reichsmark“, erinnert sich Käthe Hübner. In der Kindertagesstätte hatte sie als Leiterin ein höheres Gehalt bezogen. Im Haushalt der Familie Goebbels zog man den Erzieherinnen Kost und Logis vom Lohn ab. „Also, es war ein ganz normales Verdienen, in diesem Fall sogar weniger“, berichtet Käthe Hübner. In den Jahren, als sie bei Familie Goebbels arbeitete, ging es dort generell sehr sparsam zu: „Wir lebten mit Lebensmittelkarten. Die Kinder, die drei kleineren, die bekamen etwas mehr an Marken und die größeren schon etwas weniger. Jedes Kind hatte im Kühlschrank sein Revier, in dem es seine Sachen aufstellte. Da konnte man eigentlich schon so die Charaktere der einzelnen sehen. Der eine sagte: ,Ach, ich spar mir das auf für ein Friedensbrot!’, das bedeutete, dass er sich dann eine dicke Scheibe Brot mit dick Butter und und und schmieren wollte. Der Nächste, der hat gleich alles auf einmal aufgegessen. Daran konnte ich gut die unterschiedliche Art der Kinder erkennen.“

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Käthe Hübner erinnert sich in diesem Zusammenhang noch an eine andere Begebenheit: „Einmal wurden wir von Magda Goebbels’ Zofe gefragt, ob wir der Hausherrin zum Tee ein bisschen Butter spendieren könnten. Sie hätte keine mehr. Bei uns wurde wirklich eingeteilt und nach Marken gelebt. Das war, glaube ich, im Hause Göring ganz anders. Das wurde immer von den Angestellten erzählt, die sich austauschten. Die Görings und ihre Angestellten haben da großzügiger gelebt. Magda brauchte also Butter für ihren Nachmittagstee. Doch da habe ich gesagt, dass es von meinen Kindern kein Gramm Butter für die Mutter gibt. Das gibt es nicht. Da musste sie sehen, wie sie fertig wird, aber von meinen Kindern gab es nichts.“

Vor dem Haus am Bogensee spielten Helga, Helmut, Hedda und Hilde vergnügt mit dem jungen Dackel und ihren Puppen. (Privatfoto: Käthe Hübner)

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Magda Goebbels akzeptierte die konsequente Antwort der Erzieherin. Dass sie ihre Butter später vielleicht von den drei kleineren Kindern bekommen hat, das kann sich Käthe Hübner zumindest vorstellen. Aus anderen Quellen ist bekannt geworden, dass Magda Goebbels sich nur einige Monate zu Beginn des Krieges mit den zugeteilten Lebensmittelkarten begnügte. Als sie dann erfuhr, dass alle anderen Frauen der Nazi-Größen weiterhin in Saus und Braus lebten, wollte auch sie sich nicht mehr auf das Notdürftigste beschränken, zumal sie damals ein weiteres Kind erwartete. Heide kam am 29. Oktober 1940 zur Welt. Ein Jahr nach Kriegsbeginn. Sie hatte am gleichen Tag Geburtstag wie ihr Vater Joseph Goebbels.

Unter dem Sonnenschirm im Sommer 1944. Käthe Hübner mit Holde, Heide, Helmut und Hedda. (Privatfoto: Käthe Hübner)

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Die GroSSmütter der Kinder Für Käthe Hübner war es sehr eindrucksvoll, mit den Kindern der Familie Goebbels so weit draußen im Haus am Bogensee zu leben. Inzwischen standen auf dem Gelände mehrere kleine Holzhäuschen. In einem davon lebte nun Magdas Mutter Auguste Behrend (geschiedene Ritschel und geschiedene Friedländer), um vor den Bombenangriffen sicher zu sein. Käthe Hübner erinnert sich, dass das Verhältnis zwischen Goebbels und seiner Schwiegermutter gespannt war: „Goebbels mochte Frau Behrend nicht leiden. Aus irgendeinem Grunde hatten die beiden keinen Kontakt!“ Joseph Goebbels soll seine Schwiegermutter als eine schaurige Person bezeichnet haben. Auch das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war nicht immer gut. Die Erzieherin erlebte harmonische und weniger harmonische Zeiten zwischen ihnen. Über die letzte Zeit auf Schwanenwerder erzählt sie Folgendes: „Frau Behrend wohnte in einem Nebengebäude. Magda und sie haben sich abends oft zusammengesetzt und Patience gespielt. Das war so ihre Beschäftigung. Bei uns drüben im Kavaliershaus, wo wir geschlafen haben, da hat Frau Behrend zum Schluss nur noch gejammert. ‚Was soll ich machen? Ich nehme mir das Leben!’ Ich war darüber besorgt und habe Frau Goebbels erzählt, dass ihre Mutter mir doch sehr unruhig vorkommt. Daraufhin hat sie mir gesagt, dass sie da im Moment gar keinen Sinn für hat. Sinngemäß meinte Magda, dass sie es nicht ändern könne, wenn sich ihre Mutter unbedingt das Leben nehmen wolle. Das sind so Momente, wo man sich sagt, sie war schon in Stimmung …“ Magdas Leidenschaft für Kartenspiele war bekannt. Ein Augenzeuge aus dem Führerbunker berichtet, dass Magda Solitaire spielte, nachdem sie ihre Kinder am Abend des 1. Mai 1945 getötet hatte. Die Übersetzung

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aus dem Französischen für Solitaire bedeutet: einsam, allein. Im Blockhaus im Wald am Bogensee lebten auch die Mutter von Joseph Goebbels und seine Schwester Maria, die mit dem Regisseur Kimmich verheiratet war. Joseph Goebbels schreibt allerdings Ende 1943 in seinen Tagebüchern, dass ihnen die Waldluft nicht so gut bekam und sie ständig krank waren. Käthe Hübner hatte durch die räumliche Nähe der Familienmitglieder die Gelegenheit, das Familienleben im Sinne der Kinder zu pflegen: „Wir sind dann sonntags mit den Kindern rüberspaziert und haben der Großmutter ein Liedchen gesungen. Das war so, das gehörte zur Familie dazu, dass wir ein Liedchen sangen.“ Käthe Hübner schildert Goebbels Mutter Katharina als eine Frau, die ihren Sohn durchaus kritisch sah: „Wenn der Mutter von Goebbels mit ihrem rheinischen Dialekt mal wieder was von ihrem Sohn bekannt geworden war, dann sagte sie nur auf Kölsch: ‚Wat hätt der Jung dann do widder anjeställt (Was hat der Junge denn da wieder angestellt)?’“ Joseph Goebbels schreibt am 16. Oktober 1943 in sein Tagebuch, dass seine Mutter ihn bei seinem Besuch im Blockhaus auf die Leiden der Zivilbevölkerung durch die Angriffe auf seine Geburtsstadt Rheydt aufmerksam gemacht habe. Goebbels gibt zu, dass sich die Staatsführung viel zu wenig darum kümmere. Es hat den Anschein, dass seine Mutter immer noch einen starken Einfluss auf ihn hatte. Paul Joseph wurde am 29. Oktober 1897 im rheinischen Städtchen Rheydt als dritter Sohn seiner Eltern Katharina und Fritz Goebbels geboren. Seine Mutter wurde in Übach geboren. Joseph Goebbels hatte eine sehr starke Bindung an seine Mutter, die ihm in seiner Jugend und auch später immer eine große Stütze war, wenn er wegen seiner Behinderung von anderen gehänselt wurde. Goebbels Behinderung begann mit einer Knochenmarksentzündung, die er im Alter von vier Jahren bekam. Dies hatte zur Folge, dass sein rechter Unterschenkel nicht mehr wachsen konnte und ein Klumpfuß entstand. Später pflegte er diese Behinderung als Folge eines Unfalls zu beschreiben, da eine Behinderung nicht in die

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Ideologie des Dritten Reiches passte. Was die äußere Erscheinung Joseph Goebbels anging, so beschreibt Käthe Hübner ihn als durchaus imposant, wenn man ihm bei Tisch gegenüber saß. Besonders aufgefallen sind ihr damals seine wohl geformten Hände. Sobald er jedoch aufstand, trat seine Behinderung in den Vordergrund.

Joseph Goebbels und seine Frau Magda. (Foto: Bundesarchiv)

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Goebbels mit Stab – ganz privat Die Begegnungen mit Joseph Goebbels schildert Käthe Hübner aus einer völlig anderen Perspektive als die Menschen, die mit ihm zusammen gearbeitet haben. Sie erlebte ihn ausschließlich in seinem familiären Umfeld. Käthe Hübner weiß um die Problematik, die sich aus diesem Blickwinkel ergibt: „Ich habe Magda und Goebbels ganz anders erlebt, aber das darf man ja nicht sagen. Sie dürfen ja nichts Positives schreiben. Ich sehe ihn als Vater der Kinder, ich sehe ihn in der Familie am Tisch sitzen. Ich sehe ihn in der Familie und was da drum herum war an Staat und Politik und Begleitung … das waren dann plötzlich Kameraden. Goebbels Fahrer Günther Rach oder seinen Freund Günther Schwägermann habe ich privat wie große Jungs empfunden. Sie freuten sich über den Alltag am Bogensee. Die Abwechslung im familiären Bereich. Da war dann alles andere abgeschaltet. Ich glaube, so sehr gut ging es denen auch nicht. Die meisten waren ja noch relativ jung um Goebbels herum und dennoch bereits kampferprobt. Günther Schwägermann, der hatte nur noch ein Auge. Wilfred von Oven, kann ich mich entsinnen, der trug mal eine abgekochte Kartoffel in seiner Hosentasche. Für Zeiten, wenn der große Hunger einsetzen würde. Das war dann eine große Familie, im erweiterten Sinne. Wir freuten uns, dass mit ihrem Besuch ein bisschen Leben an den Bogensee kam. Die freuten sich, dass auch noch ein paar Frauen, junge Frauen, da waren. Es war ein sehr zufriedenes Miteinander, das kann ich nicht anders sagen. Man war jung, aber ich meine, die andere Erzieherin war 56 Jahre alt, die war auch ganz zufrieden. Sie war eine gute Betreuerin für die Kleinen. Die Großen brauchten schon ein bisschen was Strammeres. Ich hatte die drei älteren Kinder. Wenn die andere Erzieherin sich frei nahm, dann musste ich auf alle sechs aufpassen. Als Käthe Hübner im August 1944 heiratete, bekam sie von den oben erwähnten Adjutanten, S.S.-Hauptsturmführer Günther Schwägermann, und Goebbels Chauffeur, Obersturmführer Günther Rach, einen Glück-

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wunschbrief, auf den ich später noch einmal eingehen möchte. Günther Schwägermann, Günther Rach und Wilfred von Oven waren damals Anfang dreißig. Günther Schwägermann und Günther Rach galten als besondere Vertraute Goebbels‘. Daher erklärt sich auch, warum sie sich im privaten Umfeld Goebbels‘ aufhielten. Es gibt Quellen, die darüber berichten, dass Schwägermann und Rach am 1. Mai 1945 zusammen mit Magda und Joseph Goebbels durch den Notausgang aus dem Führerbunker gingen, um die Leichen des Ehepaars nach dessen Selbstmord mit Benzin zu überschütten und anschließend zu verbrennen.

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Alltag in der Familie Goebbels Den Alltag der Familie Goebbels schildert Käthe Hübner ganz unspektakulär. Dennoch ist natürlich alles, was im Zusammenhang mit Joseph Goebbels steht, von größtem Interesse. Es gibt in seinem Umfeld nichts, was man als nicht erwähnenswert bezeichnen darf. Selbst der ganz normale Alltag ist bedeutsam, weil man ihn nicht bei jemandem erwartet, der für den Tod und das Leid so vieler Menschen mitverantwortlich war. „Gegen sieben Uhr, für mich war es etwas früher, wurden die Kinder geweckt. Dann gab es Frühstück und danach wurden sie vom Pferdewagen abgeholt. Helga, Hilde und Helmut gingen in die öffentliche Volksschule Berlin Wandlitz. Wenn sie zurückkamen, dann gab es Mittagessen.“ Das Mittagessen wurde von einer Köchin zubereitet. Käthe Hübner erinnert sich, dass im Hause Goebbels genügend Personal für alle anfallenden Arbeiten vorhanden war. Nach dem Essen wurden die Schularbeiten gemacht. Helga spielte Klavier und wurde dabei von einem Fräulein unterrichtet. Es ist bekannt, dass auch Joseph Goebbels sehr gut Klavier spielen und ebenso gut singen konnte. Sein Vater hatte ihm in jungen Jahren ein Klavier geschenkt, für das er einen ganzen Monatslohn opferte. Es stand in der so genannten guten Stube, die Joseph als einziges Kind betreten durfte. Obwohl Magda und Joseph Goebbels keiner Sportart nachgingen, liebten ihre Kinder das Herumtollen im Garten. Sport stand ganz weit oben auf ihrem Tagesprogramm. Dazu zählten Ballspiele und alles das, was ihnen Spaß machte. Auf dem Anwesen am Bogensee boten sich für die Kinder zahlreiche Möglichkeiten, so dass keine Langeweile aufkam. Die Kinder hatten Hunde, Katzen und Pferde, mit denen sie spielen konnten. Fremde Kinder kamen höchst selten zu Besuch. Käthe Hübner erzählt, dass die sechs Geschwister sehr schön miteinander spielen konnten und so direkt keine Freunde vermissten.

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Die Kinder des Reichsministers – Leseprobe  

Erinnerungen einer Erzieherin an die Familie Goebbels – 1943 bis 1945 – von Petra Fohrmann