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Petra Fohrmann

Frau

Jutta Kleinschmidt

als

lenkt besser,

Mann

denkt

Mit 端ber 150 Fotos aus dem Leben der Rallyefahrerin!


Impressum: 1. Auflage 2010 Copyright Fohrmann Verlag, Berlin Inh. Dr. Petra Fohrmann Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung und Layout: Susanne Widera, ForTeam Kommunikation GmbH, KÜln www.forteam.de Umschlag Zeichnung: COMICON S.L., Barcelona www.comicon-barcelona.com Umschlag Fotos: Mitsubishi Deutschland Volkswagen Motorsport Lektorat: Dr. phil. Roland Kroemer txt-file Werbelektorat, Berlin www.txt-file.de

Printed in Poland ISBN 978-3-9810580-3-1 www.fohrmann-verlag.de


Frau

Jutta Kleinschmidt

als

lenkt besser,

Mann

von Petra Fohrmann

denkt


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Sarasota/Florida Ich sitze im Café L’Europe am St. Amand’s Circle. Hier herrscht reges Treiben und nach meinem Empfinden ist es für diese Jahreszeit viel zu warm. Gestern bin ich noch in dicken Winterstiefeln mit Mütze und Schal durch das verschneite Berlin gestapft. Jetzt sitze ich hier in der warmen Sonne und bestelle mir eine eisgekühlte Limonade. Florida ist dafür bekannt, dass man hier den Winter in Deutschland vergessen kann. Das Café ist gut besucht. Man trifft sich, um die neue amerikanische Küche zu genießen. Neben mir bestellt ein älteres Ehepaar den Renner der Saison: Curry-Seebarsch in Honig. Ein paar Tische weiter sitzt eine Gruppe von jungen Leuten, die ihre Geschäfte beim Business Lunch erledigen. Die Männer ziehen ihre Jacketts aus und hängen sie lässig über die Stuhllehnen. Mann trägt Kurzarmhemden. Eine Großfamilie feiert den Geburtstag der Oma. Vom Enkelkind im Sportbuggy bis hin zur Oma sind alle in bester Stimmung. Apropos Buggy: Ich bin hierhergekommen, um mich mit der bekanntesten deutschen Rallyefahrerin, Jutta Kleinschmidt, zu treffen. Der einzigen Frau, der es bislang gelungen ist, die härteste Rallye der Welt zu gewinnen: die legendäre Paris-Dakar! Ich bin etwas zu früh und stimme mich schon ein bisschen auf unser Treffen ein. Im Kreisverkehr, an dem das Café L’Europe liegt, herrscht Rushhour. Einige drehen hier mehrere Runden, um einen Parkplatz zu finden. Direkt vor dem Café ist gerade einer frei geworden. Ein junger Typ im schnittigen Porsche hält kurz an. Er lässt die Scheibe herunter und tut so, als würde er auf der Terrasse nach seiner Perle suchen. Dann fährt er weiter. Ich schätze, dass ihm die Parklücke doch etwas zu kurz war. Hinter ihm freut sich ein älterer Herr im Range Rover, der sein Glück noch gar nicht fassen kann. Endlich ein Parkplatz. Die meisten Amerikaner parken gerne vor der Tür und vermeiden unnötige Fußwege. Doch nach dem dritten Einparkversuch gibt er auf und fährt enttäuscht weiter. Die Parklücke ist ein bisschen tricky, weil sie in der Kurve liegt und nicht wirklich groß ist. Inzwischen haben sich die Einparkmanöver zur heimlichen Unterhaltungsattraktion der Gäste entwickelt. Als eine junge Frau mit Kindersitz auf der Rückbank sichtlich 7


genervt ihr Auto vor- und zurücksetzt, hat sie sogar die Aufmerksamkeit des Kellners. Die junge Frau tut mir leid, denn man konnte schon im Ansatz sehen, dass sie es nicht schaffen würde. Schließlich fährt auch sie hektisch weiter und macht den Platz frei für den nächsten Kandidaten der Live-Show „Florida sucht den Top-Einparker“. Ein Chevrolet fährt zunächst schnittig an der Parklücke vorbei. Dann hält er aber an und setzt noch einmal zurück. Durch die getönten Scheiben kann man leider nicht erkennen, ob eine Frau oder ein Mann hinterm Steuer sitzt. Das würde natürlich bei den Männern ganz entscheidend den Spaßfaktor beeinflussen. Vielleicht läuft hier an dem einen oder anderen Tisch auch eine Wette. Die meisten schauen erwartungsvoll und können sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Wird sich der Fahrer trauen, hier vor allen Leuten einzuparken? Die Parklücke könnte passen. Aber dazu müsste man richtig, richtig gut einparken können. Das ältere Ehepaar neben mir bekommt gerade den bestellten Curry-Seebarsch in Honig. Aber der scheint sie im Moment gar nicht zu interessieren. Auch der Kellner serviert nur mit der halben Aufmerksamkeit. Mit einem Auge beobachtet er die Parklücke und hält dabei einen Teller gefährlich schief. Flutsch! Kreisch! Der Curry-Seebarsch in Honig landet auf dem hübschen Blümchenrock der Lady. Die springt wie von der Tarantel gestochen auf und streift sich mit der weißen Serviette den Fisch vom Rock. Aber das sieht nicht gut aus. Der Honig klebt an den Fasern und der Fisch landet auf dem Boden. Jetzt müssen sich alle entscheiden. Parklücke oder Seebarsch in Honig. Da die Lady mit einem gequälten Lächeln schnellen Schrittes Richtung Eingang tippelt und der Kellner sie dabei mit tausend Entschuldigungen begleitet, können wir uns wieder dem anderen Spektakel widmen. Aber was ist das? Der Chevrolet steht schon in der Parklücke. Vorne und hinten gerade mal ein paar Zentimeter Luft. Ein junger Mann aus der Abteilung Business Lunch klatscht sogar kurz anerkennend in die Hände und hält den Daumen hoch. Jetzt sind natürlich alle gespannt, wie der Fahrer wohl aussehen mag. Dass es ein Mann sein muss, ist ja wohl klar. Wahrscheinlich jung und dynamisch. Die Tür geht auf der Fahrerseite auf, so dass wir nicht sofort sehen können, wer da aussteigt. Aber dann kommt das Wesen vom anderen Stern mit lässigen Schritten ums Auto geschlappt. Jeans, Poloshirt, kurze blonde Haare und ein breites Grinsen im Gesicht. Es 8


ist kein Mann! Es ist Jutta Kleinschmidt, die da gut gelaunt auf meinen Tisch zukommt. Ich stehe auf, um sie zu begrüßen, und genieße die Situation. Alle Blicke sind ihr zugewandt. Aber sie scheint das gar nicht zu bemerken. Für sie war das eine ihrer leichtesten Übungen. In Florida ist Jutta Kleinschmidt nicht so bekannt wie in Deutschland. Aber als gute Fahrerin hat sie sich in diesem Moment Jutta Kleinschmidt in Florida auf alle Fälle geoutet. Was würde ich drum geben, einmal so einen Auftritt zu haben! Am schönsten wäre es, wenn gleich noch ein paar Freunde dabei wären. Aber beim Einparken haben ja bekanntlich die meisten Frauen Probleme. Es gibt sogar pseudowissenschaftliche Bücher, die das belegen, und jede Menge Statistiken. In jeder Comedy sind die Einparkversuche von Frauen der Brüller. Sogenannte Stammtischparolen wie „Frau am Steuer – Ungeheuer!“ oder „Frauen können nicht einparken“ halten sich hartnäckig. Obwohl viele Statistiken dagegensprechen, gibt es immer noch dieses negative Klischee von Autofahrerinnen. Eine Frau wie Jutta Kleinschmidt hat meiner Meinung nach den Auftakt gegeben, um endgültig damit aufzuräumen. Allerdings wird mir sehr schnell klar, dass wir Frauen das Problem auch selber angehen müssen. Wenn ich von mir ausgehe, dann habe ich ein paar unübersehbare Schwachstellen im praktischen Umgang mit meinem Auto. Bisher habe ich allerdings gedacht, dass ich daran gar nicht so viel ändern kann, weil ich von Natur aus benachteiligt bin. Genau das wird uns Frauen ja auch durch die 9


Männer eingeredet. Nicht zu vergessen die vielen Bücher, in denen der Unterschied zwischen Frauen und Männern wissenschaftlich untermauert wird. Aber Jutta Kleinschmidt hat mich davon überzeugt, dass viele Dinge reine Übungssache sind. Fangen wir also mal mit dem Thema Einparken an. Als ich Jutta darauf anspreche, kommt eine überraschende Einschätzung von ihr:

Von wegen: Frauen können nicht einparken

Einparken, bis es Spaß macht „Einparken wird völlig überbewertet. Gutes Autofahren hat mit Einparken nichts zu tun. Das ist reine Übungssache, sonst nichts. Du musst dein Auto kennen und wissen, wann du rückwärtsfährst und wann du einlenken musst. Beim traditionellen Rechts-Einparken stellst du dich dicht neben das Auto vor der Parklücke, Rückwärtsgang rein, im richtigen Moment einlenken und dann im richtigen Moment auch wieder zurücklenken. Das ist bei jedem Auto ein bisschen anders, aber das Prinzip bleibt gleich. Es wird einfacher, wenn du dicht an das Auto vor der Parklücke heranfährst und dann so früh wie möglich einlenkst. Den Zeitpunkt kann man sich gut am eigenen Spiegel merken. Allerdings sollte man vorher das vordere Auto bezüglich seiner Länge begutachten. Das ist alles kein großes Geheimnis. Manche Männer können nur darum besser einparken, weil sie es öfter tun. Wenn sie es nicht geübt hätten, dann könnten sie es auch nicht besser. Es gibt kein angeborenes Einparktalent. Das ist reine Übungssache. Du darfst dich nur nicht irre machen lassen. Wenn du hinten am Randstein hängen bleibst, dann kannst du einfach wieder ein Stück vorfahren. Darüber lacht keiner. Schlimmstenfalls musst du ein paar Mal vor- und zurückfahren. Aber das ist auch kein Weltuntergang. Wenn du lange genug geübt hast, dann ändert sich auch deine innere Einstellung. Du musst üben, bis es dir Spaß macht. Spaß macht es dir, wenn du es kannst. Dann bist du ganz verrückt auf enge Parklücken. Je enger, desto besser. Am besten ist es, wenn du einen Freund hast, der nur meckert. Sag ihm beim nächsten Mal einfach, dass er bitte ruhig sein soll und du es einfach mal probieren möchtest. Du weißt, dass du es kannst, und es macht dir Spaß, es ihm zu zeigen. Was meinst du, wie der schaut, wenn du dann drin bist in der Parklücke. Der sagt nichts mehr, weil du es besser kannst als er.“ 10


Jutta lacht und stellt sich das gerade bildlich vor. Ich auch. Sie hat ja Recht. Ein bisschen was muss Frau auch dafür tun, wenn sie so einen Triumph haben möchte. Sie kann heimlich üben. Das trifft im Übrigen auf sehr viele Dinge im Alltag zu, bei denen sich Frauen schwer tun. Männer sind beim Einparken nur so gut, weil sie generell mehr fahren als Frauen. Das belegen auch die Angaben der Versicherungen. Danach fahren viele Männer mehr als 15.000 Kilometer im Jahr, Autofahrerinnen dagegen meist weniger als 10.000 Kilometer. Also einfach so lange üben, bis es Spaß macht. So ganz ohne dumme Kommentare. Vielleicht sogar zusammen mit einer Freundin. Ich hatte das Vergnügen, Jutta Kleinschmidt live zu erleben, und muss sagen, dass ich von ihr einiges lernen konnte. Es gibt ein paar Dinge und Einstellungen, die ich nach der Begegnung mit ihr definitiv ändern werde. Vielleicht ist auch das eine oder a andere Angebot für Sie dabei. Aber das Petra Fohrmann in Florid ist längst nicht alles. In diesem Buch erwartet Sie, liebe Leserin, oder auch Sie, lieber Leser, eine Rallye durch das Leben der Ausnahme-Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt.

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Frauenhaushalt Der Stern schrieb über das Leben von Jutta Kleinschmidt folgende Kurzfassung: „ Jutta Kleinschmidt: geboren 1962 in Köln, aufgewachsen in Berchtesgaden, Oberbayern, ländlich raue Gegend (!), technische Knabenrealschule, mit Sondergenehmigung, einziges Mädchen (!), technisches Fachabitur, einzige Frau (!), Studium, Physik (!), Rallyefahrerin (!!). Eine von vier Schwestern, Mutter alleinerziehend, Frauenhaushalt, kein Mann im Haus. Aha.“

Jutta, Ruth und Elke mit ihrer Mutter

Aha, sehr beeindruckend, aber können wir das vielleicht ein bisschen ausführlicher haben? Es gab tatsächlich keinen Bruder, sondern nur drei Schwestern, mit denen Jutta groß wurde. Der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht, und so handelte es sich um einen reinen Frauenhaushalt ohne klassische Rollenverteilung. Das hat sich auf ihre Entwicklung positiv ausgewirkt, denn sie wurde in keine traditionelle Rolle hineingezwungen. Dennoch ist sie in der Familie die Einzige, die Rallyefahrerin geworden ist. Juttas Schwestern waren nicht so wie sie. Jutta hat sich schon früh für andere Dinge interessiert als Ruth, Ute und Elke oder die anderen Mädchen aus Berchtesgaden. Allerdings hört man von Opa und Oma, dass sie 1936 an der Olympiade in Deutschland teilgenommen haben. Opa Stoll war mehrfach deutscher Meister im Langlaufen und Skispringen, der Nordischen Kombination, die unter den Mehrkampfsportarten als „Königsdisziplin“ gilt. Von ihm hat Jutta sicherlich einiges geerbt. Es gab aber Probleme bei der Umsetzung ihrer Vorlieben. Mädchen hatten es damals in dieser Beziehung nicht ganz einfach. Zum Glück hat ihr die Mutter keinen Stein in den Weg gelegt. Wann auch? Nachdem sie ihren Mann geheiratet hatte, kam fast jedes Jahr ein Kind und nach dem vierten hat sich der Herr Papa verdünnisiert. Ein 12


Klein Jutta

Berg von Schulden blieb auch zurück. Vater Kleinschmidt hat gerade noch daran gedacht, seine neue Freundin der Familie vorzustellen. Natürlich nicht als Geliebte, sondern als seine Sekretärin. Frau Kleinschmidt hat sich dann von ihrem Mann scheiden lassen. Wenn Jutta heute sagt, dass ihre Mami es nicht einfach gehabt hat, dann ist das sicher untertrieben. Jedenfalls muss sie eine starke Frau gewesen sein. Juttas Mutter ist dann wieder zu ihren Eltern zurück nach Berchtesgaden gezogen. Die Familie besaß dort ein Hotel mit Restaurantbetrieb. Da Juttas Mutter gelernte Hotelfachfrau ist, übernahm sie kurzerhand die Restaurantleitung, um ihre Kinder zu ernähren. Unterhalt vom Vater gab es nicht. Der hatte sich ins Ausland abgesetzt. Aber immerhin gab es für die Kinder zu Weihnachten Geschenke vom Papi. Jutta erfuhr erst später, dass ihre Mutter die heimlich gekauft hatte, um den Kindern nicht die Illusion des fürsorglichen Vaters zu rauben. Eine starke Frau. Hier drängt sich wohl der Gedanke auf, dass Jutta eine ganze Menge Schneid von ihrer Mutter geerbt haben könnte. Ihre Mutter ist da ganz anderer Meinung. Sie glaubt, dass Jutta viel vom Vater hat. Was bitte schön könnte das denn wohl sein? Werden jetzt die dunklen Seiten der Jutta Kleinschmidt aufgedeckt? Nein, es ist nur der Perfektionismus, der auch das Leben ihres Vaters bestimmt hat. Er war Architekt, und wenn Mama mal einen Tippfehler in der Präsentationsmappe unterlaufen war, dann musste sie alles noch einmal tippen. Computer gab es damals noch nicht und die Mutter war ja schließlich keine gelernte Sekretärin. Da gingen Stunden ins Land. Auch die Abenteuerlust muss Jutta vom Vater geerbt haben. Ihr Vater ging in Afrika auf die Jagd und war wohl auch in Alaska unterwegs. Aber Frau Kleinschmidt hat auch ohne Mann alles gut gemeistert und Jutta erinnert sich gerne an ihre Kindheit in Berchtesgaden. Skifahren, Räuber und Gendarm oder Cowboy 13


spielen und Baumhäuser bauen. Das sind die Stichworte, die da kommen. Von Puppen ist nicht die Rede. Bei all der Spielerei hat sie schon damals gedacht, dass es nicht sein kann, dass Jungen alles besser können als Mädchen. Schon damals hat sie einfach nicht akzeptiert, dass es so ist, wie alle sagen oder denken. Der Wettbewerb hat früh angefangen und war fast immer mit Erfolg gekrönt. Sie konnte schon als Mädchen einiges besser als die Jungen. 2001 war natürlich ihr größter Triumph über die Männerwelt. Das Jahr, in dem die Helden geschockt waren. Jutta Kleinschmidt siegte bei der härtesten Rallye der Welt. Sie gewann als erste und bisher einzige Frau die Rallye Paris-Dakar.

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Hier kocht der Mann Was ist das Geheimnis dieser Frau? Woher nimmt sie die Kraft? Was hat sie, was ich dringend brauche, wenn mich bei viel kleineren Zielen der Mut verlässt? Wie war ihre Strategie, mit der sie sich in einer Männerdomäne durchgesetzt hat? Gibt es ein Erfolgsrezept, mit dem auch ich mich gegen männliche Kollegen behaupten kann? Ist Selbstbewusstsein angeboren, oder kann das jeder Mensch lernen und mit Erfolg praktizieren? Ob in der Partnerschaft, in der Familie oder im Beruf – Männer sind meist viel durchsetzungsstärker als Frauen. Da kann Frau einen Coach sehr gut gebrauchen. Die weibliche Form ‚Coachin’ oder ‚Coacherin’ wird übrigens noch getestet. Bis dahin gilt Coach als männlich wie weiblich, meint die deutsche Sozialforscherin Lilli Cremer-Altgeld. Ich habe Jutta Kleinschmidt durch eine Nachbarin kennengelernt. Meine Nachbarin Evi ist genau wie Jutta Kleinschmidt Mitglied bei den Whirly Girls, einem weltweiten Zusammenschluss von Hubschrauberpilotinnen. Ja, Hubschrauber fliegen kann Jutta Kleinschmidt auch. Jedenfalls hat mich das alles sehr interessiert, und dann kam bald die Idee, dass ich ein Buch über sie schreiben könnte. Über ihre Erlebnisse bei den Rallyes und wie sie zu diesem Sport gekommen ist. Damals ahnte ich noch nicht, dass dieses Buch nicht nur eine außergewöhnliche Biografie werden würde, sondern auch ein Ratgeber für Frauen, die ihre ungeahnten Fähigkeiten rund ums Auto entdecken können. Um es kurz zu machen: Jutta hat mich nach Florida eingeladen, um dieses Buchprojekt zu besprechen. Das war schon einmal klasse, denn so hatte ich die Möglichkeit, sie längere Zeit zu erleben und ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Und so bin ich noch vor Weihnachten mit meinem Freund Tim in den Flieger gestiegen und aus dem eiskalten Berlin ins immer warme Florida geflogen. Von Fort Myers ging es mit dem Mietwagen weiter Richtung Norden. Jutta hat in einer der zahlreichen Communitys, die es hier gibt, ein Haus gebaut und war nun dabei, es einzurichten. Vielleicht nicht der ideale Zeitpunkt, um sich gleich zwei Gäste einzuladen. Ich war 15


also gespannt, wie es werden würde. Zum Glück konnte Tim mich begleiten, denn so weite Reisen mache ich ungern alleine. Auch so eine Sache, die mich ganz sicher von Frau Kleinschmidt unterscheidet. Sie hat ihre Rallyes in fernen Ländern wie Afrika bestritten und hatte ganz sicher nicht immer einen fürsorglichen Freund an ihrer Seite. Tim steuert souverän den Mietwagen über die vierspurige Interstate. Der Verkehr ist durch die Geschwindigkeitsbegrenzung auf maximal 75 Meilen pro Stunde sehr entspannt. Jutta hatte mir den Weg kurz per Mail erklärt. Für Tim alles kein Problem. Männer haben ja sowieso einen viel besseren Orientierungssinn als Frauen. Ich genieße jedenfalls die Fahrt. Nach ca. zwei Stunden stehen wir vor einer gelben Schranke. Eine freundliche ältere Dame sitzt im Pförtnerhäuschen und fragt nach unserem Anliegen. Als wir den Namen Jutta Kleinschmidt angeben, öffnet sich die Schranke und wir fahren in die abgeschirmte Community. Wir kennen den Straßennamen und Tim hat in Google Earth ein Luftbild ausgedruckt, das uns jetzt weiterhelfen soll. Der Weg führt durch eine Art Neubaugebiet mit Bungalows, Weihern, großen Grünanlagen und frisch angelegten Straßen. Die Wohneinheit erscheint mir so groß wie ein Berliner Kietz und irgendwie fahren wir ständig an Golfplätzen vorbei – oder ist es ein einziger Golfplatz, in den man hier einziehen kann? Die Straße, in der Jutta Kleinschmidt wohnt, haben wir rasch gefunden, aber das mit der Hausnummer ist nicht ganz so einfach, da es bereits dämmert und wir den Leuten nicht mit unserem Scheinwerfer ins Haus leuchten wollen. Nach einer kurzen Suchaktion parken wir dann endlich vor der richtigen Tür. Jutta kommt uns bereits auf dem Vorplatz ihrer Dreifachgarage entgegen. In Amerika ist irgendwie alles größer als bei uns, viel größer. Ich freue mich über Juttas ausgesprochen freundliche Geste der Begrüßung, denn Tim und ich fühlen uns gleich willkommen. Wir fahren in die Garage, von der es einen direkten Zugang ins Haus gibt. Drinnen duftet es köstlich, denn Jutta hat für uns gekocht. Jutta? Nein, ihr Freund Bruno steht am Herd und hat Pasta mit einer selbstgemachten Sauce vorbereitet. Hier herrscht also keine klassische Rollenverteilung. Ich frage mich, ob Jutta wohl kochen kann, und versuche sie mir in der Küche vorzustellen. Bei einem Gläschen Rotwein wird es schnell gemütlich und wir sind gleich beim Thema: Hausbau und Einrichten. Ich finde es schon sehr wohnlich. Aber hier und da gibt es eine leere Ecke oder 16


Juttas Haus in Florida

auch ein leeres Zimmer in dem sehr großen Haus. Eins räumt Jutta jedenfalls gleich ein: Mit der Inneneinrichtung würden sie und Bruno auch in den nächsten Tagen beschäftigt sein. Ich liebe Einkaufen jeglicher Art und hoffe insgeheim, dass die beiden uns auf ihren Shoppingtouren mitnehmen. Aber an erster Stelle steht bei mir natürlich das Buch. Jutta ist zuversichtlich, dass sie sich zwischendurch Zeit für unsere Interviews nehmen kann. An diesem Abend sind wir aber alle müde. Tim und ich vom Jetlag und Jutta und Bruno eigentlich auch, denn sie sind erst an diesem Wochenende von Monaco nach Florida geflogen. In Monaco ist ihr Hauptwohnsitz. Dort haben sich Jutta und Bruno auch kennengelernt. Bevor ist einschlafe, schwirrt mir noch so einiges durch den Kopf. Wie kann Jutta so entspannt sein und mit mir ein Buchprojekt besprechen, obwohl sie noch tausend andere Dinge im Haus zu erledigen hat? Es hätte viele gute Gründe gegeben, um diesen Termin zu verschieben. Ist sie die Powerfrau, die sich auf viele Projekte gleichzeitig konzentrieren kann? Und wenn ja, wie macht sie das? 17


Am nächsten Morgen schaue ich von unserem hübschen Gästezimmer durchs Fenster auf eine große Palme, deren Wedel mir schon munter zuwinken. Was für ein herrlicher Anblick am frühen Morgen! Die Sonne scheint und von meinem Bett aus blicke ich auf einen kleinen Teich und den dahinterliegenden Golfplatz. Dort herrscht bereits reges Treiben. Die ersten Golfspieler sind beim Abschlag Nr. 3 angekommen und Tim begutachtet noch im Schlafanzug fachmännisch die Abschläge. Na super, um Tim brauche ich mir also keine Sorgen zu machen. Als Golfspieler wird er sich hier garantiert nicht langweilen. Ich habe ja zu arbeiten. Jutta und Bruno sitzen schon morgens vor dem Frühstück vor ihren Laptops am runden Esszimmertisch und checken die E-Mails. Ich bin ein bisschen verunsichert, aber was hatte ich eigentlich erwartet? Dass der Frühstückstisch schon gedeckt ist, der Kaffee duftet und Bruno frische Brötchen vom Bäcker geholt hat? Nein, das wohl nicht, obwohl es sonst immer so ist. Aber nicht hier, und das ist auch gut so. Tim und ich kümmern uns ums Frühstück. In Juttas Haushalt findet man sich in kürzester Zeit prima zurecht. Das liegt wahrscheinlich auch an den großzügigen und überaus praktischen amerikanischen Küchen. Im Monster-Eisschrank finden wir eingefrorene Brötchen, die wir aufbacken, und der Kaffee wird hier in der Druckkanne zubereitet. Die erste Ladung hat Jutta schon aufgebrüht und in die Thermoskanne umgeschüttet. Ein leckerer Milchkaffee mit viel aufgeschäumter Milch scheint für sie morgens wichtig zu sein. Ansonsten ist Frühstücken eher die Ausnahme. Ich habe den Eindruck, dass die beiden sich nur dazusetzen, um Tim und mir Gesellschaft zu leisten. Eine geregelte Nahrungsaufnahme konnte ich auch in den folgenden Tagen bei den beiden nicht feststellen. Ich fühle mich ein bisschen spießig mit meinem Frühstücksritual. Vielleicht bringt das auch der Beruf mit sich, dass Jutta einen so ganz anderen Rhythmus hat. 18


Essen ist Nebensache

Jutta erzählt mir später, dass sie beim Rennen tagsüber oft nicht mehr als einen Müsliriegel gegessen hat. Allerdings ist das Frühstücken bei der Rallye sehr wichtig. Jutta hat morgens sogar eine große Portion Spaghetti gegessen. Getrunken hat sie tagsüber nur so viel, wie sie auch wieder ausschwitzen konnte. Hier zählt jede Minute und als Frau musst du leider kurz anhalten, wenn du mal „auf Toilette musst“. Das versuchte Jutta natürlich zu vermeiden, wenn sie auf Zeit fuhr. Wie wichtig Essen und Trinken beim Rallyesport ist, sieht man daran, dass die Rallyepilotin bei der Dakar-Diät bis zu sieben Kilo abgenommen hat. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit mich das Thema Essen kostet, dann prallen hier zwei Welten aufeinander. Einkaufen und Essen zubereiten nehmen 19


in meinem Leben täglich mehrere Stunden in Anspruch. Aber davon mal abgesehen, mache ich mir auch viel mehr Gedanken ums Essen. Das Wort „Kalorien“ ist in Florida nicht ein Mal gefallen. Abnehmen spielt bei Jutta Kleinschmidt gar keine Rolle. Im Gegenteil: Sie behauptet, dass ihr ein paar Pfund zu viel auf den Rippen einen Vorteil verschafft haben: „Ich war immer sehr durchtrainiert, sogar in der Regel besser trainiert als meine männlichen Konkurrenten. Nur war ich nicht bis auf die Knochen abgemagert. Ich hatte immer ein bisschen Fettreserven, die beim Ausdauersport, der über mehrere Wochen geht, meiner Meinung nach sehr wichtig sind. Während der Dakar-Rallye habe ich automatisch einige Pfund abgenommen.“ Bei extremer Belastung hat sie oft länger durchgehalten als andere Sportler. Zu welchen Gelegenheiten sich Jutta ein Pölsterchen zulegt, ist offensichtlich. Wenn sie Ruhe und Muße hat und es gut schmeckt, dann kann sie Unmengen verdrücken.

Jutta auf ihrer Terrasse in Monaco

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Wer sitzt privat am Steuer? Nach dem Frühstück möchten sich Jutta und Bruno in einem Trödelladen nach einer passenden Glasplatte für ihren Sofatisch umschauen. Wir sind herzlich eingeladen, die beiden zu begleiten. Super. Tim und ich nehmen den Mietwagen, denn in Juttas Auto wollen wir den hinteren Raum für die große Glasplatte freihalten. Bruno fährt das Auto aus der Garage und ich ertappe mich bei der Frage, wieso eigentlich Bruno hinterm Steuer sitzt und nicht Jutta? Darüber denke ich bei Tim und mir schon lange nicht mehr nach. Wenn wir gemeinsam fahren, bin ich fast immer Beifahrerin. Egal ob wir mit meinem oder mit seinem Auto unterwegs sind. So wie bei gefühlten 90 Prozent aller Pärchen. Warum das so ist, konnte eine Studie der Axa-Versicherung klären. Dort hat man bei einer Umfrage festgestellt, dass Frauen die Teilnahme am Straßenverkehr als Belastung empfinden. Darum fühlt sich jede dritte Frau am sichersten, wenn sie entspannt auf dem Beifahrersitz mitfahren darf. Das liegt aber meiner Ansicht nach auch daran, dass die meisten Männer permanent rummäkeln, wenn die Frau fährt. Fest steht nämlich auch, dass sich ein Mann partout nicht gerne auf den Beifahrersitz hockt. Er will einfach nicht akzeptieren, dass inzwischen sogar statistisch bewiesen ist, dass Frauen besser lenken: 70 Prozent der Unfälle bauen die Männer. Der Witz ist aber, dass der Mann mit einer Frau auf dem Beifahrersitz sicherer ankommt als ohne. Dass Frauen einen so guten Einfluss auf die Fahrer haben, hat Professor Bernhard Schlag von der Universität Dresden herausgefunden. Der Verkehrspsychologe spricht von einem fünfmal kleineren Unfallrisiko für den Mann, wenn er eine Beifahrerin neben sich hat. Darüber hat Jutta Kleinschmidt aber sicherlich nicht nachgedacht, als sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Der Trödelladen beeindruckt mich bereits von außen. Im Vorgarten lehnen tonnenweise alte schmiedeeiserne Tore, die nach einem unergründbaren System in kleine Gruppen eingeteilt sind. Dazwischen Statuen aus Stein und Metall. Im Inneren der großen Lagerhalle erwartet uns ein Sammelsurium vom Feinsten. Alte Kronleuchter, verwitterte amerikanische Reklameschilder aus Blech, alte Holzbalken, bullige Kühlschränke aus der Zeit, 21


als man noch keine Energie sparen wollte, und jede Menge Krimskrams. Wacklige Holzstühle baumeln von der Decke herunter, weil es sonst keinen Platz mehr für sie gibt. Jeder Stuhl ein Unikat. Hier kann man den ganzen Tag lang stöbern, ohne wirklich alles gesehen zu haben. Jutta schlendert durch den unübersichtlichen Laden und scheint dabei ganz und gar nicht den Überblick zu verlieren. Als Erstes schaut sie nach einer passenden Glasplatte. Es gibt ein großes Angebot, aber leider ist nicht die richtige Platte dabei. Jutta interessiert sich außerdem ganz gezielt für einen alten Holzbalken, den sie sich gut auf dem Kaminsims im Wohnzimmer vorstellen kann. Holz ist Mangelware und ziemlich teuer. Hier macht sie aber ein echtes Schnäppchen. Allerdings muss der unscheinbare, in meinen Augen schäbige Eichenbalken noch hergerichtet werden. Das kann zum Glück gleich an Ort und Stelle erledigt werden. Jutta zeigt mir noch ein altes Holzkanu, um das sie schon seit Tagen herumschleicht. Wenn sie nur wüsste, wo sie es unterbringen könnte. Immerhin ist es ca. acht Meter lang. Ein echtes Prachtstück aus Pionierzeiten. Typisch Jutta! So etwas weckt wahrscheinlich gleich wieder ihre Abenteuerlust. Nachdem mich Tim nur mit Mühe und Not davon abhalten kann, eine schwere Steinbüste mit Teufelskopf zu kaufen, verlassen wir nach ausgiebigem Trödeln den Laden. Bruno möchte noch in ein Möbelhaus, in dem er einen schönen Teppich gesehen hat. Der würde seiner Meinung nach gut unter den Glastisch passen, dessen Glasplatte wir ja leider nicht bekommen haben. Das mit dem passenden Teppich ist nicht so einfach, denn der Sockel für die Glasplatte besteht aus einer verschlungenen Holzverästelung. Der Teppich sollte also möglichst kein auffälliges Muster haben, aber dennoch nicht langweilig sein. Also steigen wir wieder in die Autos ein und fahren weiter. Obwohl das Möbelhaus ganz in der Nähe liegen soll, fahren wir eine lange Strecke auf der Hauptstraße und biegen dann in ein Wohngebiet ein. Vorbei an den schönen alten amerikanischen Holzhäusern mit den typischen Vorgärten. Da es Vorweihnachtszeit ist, sehen wir in den meisten Vorgärten aufblasbare Weihnachtsdekoration wie kitschige Rentiere und Schneemänner. Manche haben ein bisschen Luft verloren und wabern unkontrolliert im Wind. Ein paar Weihnachtsmänner sind mangels Luft komplett umgeknickt und liegen wie betrunken im Gras. Ein lustiger Anblick, zumal hier auch der weihnachtliche Schnee fehlt. 22


Jutta im Trödelladen in Florida

Als wir das Wohngebiet verlassen, um wieder auf die Hauptstraße zu fahren, bemerke selbst ich, dass wir im Kreis gefahren sind. Als Bruno den Möbelladen dann endlich wiedergefunden hat, steigt Jutta mit einem breiten Grinsen aus, verliert aber keinen Ton. Tja, auch Männer scheinen gelegentlich von ihrem Orientierungssinn im Stich gelassen zu werden. Das zweite Möbelgeschäft ist das genaue Gegenteil vom schönen Trödelladen, den wir zuvor besucht haben. Ein Möbelhaus wie in Deutschland, allerdings mit noch hässlicheren Sofalandschaften, als wir sie hierzulande finden. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber in Sachen Sofa und Sessel fast immer grausig. Jedenfalls ist der schöne Teppich, den Bruno ins Auge gefasst hat, bereits verkauft. Unter hunderten von Teppichen soll sich jemand genau den ausgesucht haben? Das kann Jutta kaum glauben. So schnell gibt sie nicht auf. Gemeinsam durchforsten wir generalstabsmäßig alle drei Etagen 23


in der Hoffnung, dass das ausgesuchte Stück vielleicht nur an einer anderen Stelle ausgerollt wurde. Und so ist es dann auch. Jutta hat mal wieder Recht behalten und ihre Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Der Teppich hat einen dezenten Grundton und ist so richtig schön flauschig. Über die gesamte Länge erstreckt sich eine rote Mohnblume wie ein Sonnenaufgang. Wir sind begeistert und der Teppich wird gleich ins Auto geladen. Dann greift sich Jutta kurzerhand den Autoschlüssel, weil sie es nun eilig hat und keine Umwege fahren möchte. Sie kennt den Weg nach Hause und setzt sich ohne lange Diskussion hinters Steuer. Ich steige mit Tim in unseren Leihwagen und meine noch so im Scherz: „Na, dann lass dich mal nicht abhängen!“ Jutta fährt gleich deutlich zügiger los als Bruno, was Tim überhaupt nicht verstehen kann. Womöglich fährt sie sogar etwas schneller als erlaubt. Tim hält sich stur an die Geschwindigkeitsbegrenzung und spätestens auf der Interstate haben wir Jutta und Bruno dann endgültig verloren. Eigentlich bin ich immer diejenige, die Tim dazu anhalten muss, nicht so schnell zu fahren. Hier hätte er meinetwegen ruhig ein bisschen mehr Gas geben können, um den Anschluss nicht zu verlieren. Normalerweise wird ja auch den Frauen vorgeworfen, dass sie durch den Verkehr schleichen. Wobei wir wieder beim Stammtisch wären:

Von wegen: Frauen kriechen durch den Verkehr

Von Männern ausgebremst Nach Ansicht der Verkehrspsychologen fahren Frauen tatsächlich vorsichtiger als Männer. Das liegt ihrer Meinung nach an noch uralten Verhaltensmustern, die in jedem von uns stecken. Nur weil sich Frauen damals um Kinder, Alte und Schwache gekümmert haben und Männer auf Bärenjagd gegangen sind, sollen Frauen heute noch besonnener Auto fahren als die draufgängerischen Männer. Gilt das jetzt nur für Frauen, die mit 24


ihren Kindern, der Oma oder einem kranken Menschen unterwegs sind? Nein, die höhere soziale Kompetenz soll ihnen ins Erbgut übergegangen sein. Das kann ich fast nicht glauben. Warum Frauen langsamer fahren als Männer, liegt vielleicht auch daran, dass Männer sie verunsichern. Sie haben Angst, dass die Frau einen Unfall bauen könnte, und kritisieren sie ständig. Kein Wunder, das sich eine Frau dadurch verunsichert fühlt und schlimmstenfalls Angst vorm Fahren entwickelt. Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber. Wer Angst vor dem Fahren hat, der ist am Ende übervorsichtig und traut sich nichts mehr zu. Nicht einmal mehr Gas zu geben! Ich hatte mal einen Freund, der immer die Handbremse umklammerte, wenn ich fuhr. In der Hoffnung, Schlimmeres verhindern zu können.

Ein Mädchen kann das doch! Am nächsten Morgen sitze ich mit Jutta am Pool. Tim hat mir den Laptop so eingerichtet, dass ich Jutta mit dem eingebauten Mikrofon aufnehmen kann. Ich lasse mir noch einmal alles ganz genau erklären, bevor Jutta kommt. Ich will mich schließlich nicht vor ihr blamieren. Jutta hat zur Sicherheit auch noch ein kleines Aufnahmegerät besorgt, mit dem ich mich schon einmal vertraut machen sollte. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich mich mit solchen Dingen schwer tue. Ich bin jedenfalls froh, dass Tim sein Netbook mitgenommen hat und die Technik für mich erledigt. Dennoch denke ich darüber nach, dass mir ein bisschen mehr Ehrgeiz in Bezug auf die Dinge, die ich nicht so gut kann, auch gut tun würde. Ist das schon der Jutta-Virus? Jutta und Petra bei der Buchbesprechung Schön wär’s! 25


Jutta und Ruth mit ihrer Oma

Als beide Aufnahmegeräte laufen, fühle ich mich auf der sicheren Seite. Es kann also losgehen. Ich erinnere mich daran, dass Jutta einmal bei Johannes B. Kerner eingeladen war und er sie zunächst nach ihrer Kindheit befragt hat. Da ich Herrn Kerner für einen guten Moderator halte, fange auch ich ganz chronologisch an. So kann sich Jutta warmlaufen. Aber Jutta gibt gleich Vollgas. Sie braucht keine Anlaufzeit, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Jutta ist ganz natürlich und erzählt gleich drauflos. Prima, da brauche ich also nur das Tonband mitlaufen zu lassen und kann mich entspannt zurücklehnen. Aber daraus wird nichts. Jutta zieht mich sofort in ihren Bann, denn ihre Kindheit ist bereits sehr ungewöhnlich und erklärt schon ein bisschen, warum sie so erfolgreich werden konnte. Jutta erzählt, dass es auf dem Lande sehr viele Sachen gab, bei denen Mädchen nicht mitmachen durften. Fußballspielen, Baumhäuser bauen und viele Sportarten waren reine Jungensache. Aber so schnell gab sie nicht auf. Sie schlug den Jungen aus der Nachbarschaft einen ganz einfachen Deal vor. Wenn sie als Mädchen besser sein würde als die Jungen, dann dürfte sie bei ihnen mitspielen. Wenn nicht, dann könnten sie Jutta ruhig auslachen und hätten ihren Spaß gehabt. Aber am Ende hat dann nur die kleine Jutta gelacht und wurde tatsächlich von den Jungen anerkannt. Damit gab es nach bestandener Prüfung nie ein Problem, wie sie mir versichert. Weder vor und in der Schulzeit noch später beim Studium oder im Beruf. „Ich hatte bei den Männern nie Akzeptanzprobleme.“ Jutta scheint gedanklich ihr Leben im Schnelllauf durchzugehen. „Ich habe viele Probleme damit gehabt, dass man mich ausgrenzen wollte. Aber Respekt und Akzeptanz hatte ich schon 26


sehr schnell.“ Das lag ihrer Meinung nach auch daran, dass sie das Gleiche getan hat wie die Jungen oder später die Männer. Ein Problem gibt es ihrer Ansicht nach nur, wenn man im Kreis der Jungen akzeptiert werden möchte, aber weiter die Mädchenrolle spielt. Dass sie sehr sportlich war, hat ihr sicher dabei geholfen. Es ging ja meist um Sport. Und wie hat sie sich mit Mädchen verstanden? Die waren ja auf alle Fälle auch auf dem Lande vertreten. Jutta schaut mich ganz offen an. Ein klarer Blick, der nicht ausweicht. „Mit Mädchen zusammen zu sein war auch gut, war nicht schwierig, war kein Problem!“ Jutta hat auch gleich eine plausible Erklärung dafür, denn eigentlich gibt es zwischen Mädchen doch immer irgendwelche Streitereien, Neid oder Eifersucht. Aber sie glaubt, dass die Mädchen in ihr keine Konkurrentin gesehen haben. Jutta hat diese Rolle nicht gespielt. Sie wollte nicht die Schönste sein. Das war wohl der einzige Wettstreit, an dem sie nicht teilgenommen hat. Zu unsportlich! Das war ihr nicht wichtig. „Ich habe mich nie als schön empfunden“, meint sie bescheiden. „Ohne mir was zu vergeben, konnte ich allen Mädchen den Vorzug geben!“ Ich schaue sie ein bisschen ungläubig an. Im Eingang ihres neuen Hauses hängt ein ungewöhnlich großes Bild von Jutta als kleines Mädchen. Süß, sage ich nur! Mit blonden Löckchen, dicken Pausbäckchen und leuchtenden Augen. Sie war ein hübsches Mädchen. Aber sie war sicher kein Girlie, das ihre schönen langen Haare schwungvoll in Szene setzte oder stundenlang den Augenaufschlag vor dem Spiegel üben konnte. Geübt hat sie ganz andere Dinge, und die haben dann eher das Neidproblem bei Jungen heraufbeschworen. „Die waren neidisch auf mich, weil ich oft besser war als sie“, meint Jutta und lächelt mit den Augen. „Aber es war nicht nur Neid bei den Jungen, es war auch Angst“, fügt sie ernst hinzu. Das habe sie aber erst viel später registriert, als man ihr massiv Steine in den Weg gelegt hat. Beim Rennen war das so: „Im Rennteam versuchen sie dich auszubooten, um nicht hinter einer Frau ins Ziel zu kommen.“ Damit gibt sie uns schon einen kleinen Hinweis auf das, was noch an unfassbaren Geschichten folgen wird. Mal hat man ihr eine minderwertige Kardanwelle eingebaut, mal an den verplombten Motorteilen rumgepfuscht. Nicht selten wurde sie massiv blockiert oder gar vom Ex-Freund brutal von der Piste gedrängt. 27


Männer wollen um jeden Preis gewinnen! Frauen auch! Es war bei einer Masterrallye. Jean-Louis Schlesser, mit dem Jutta zuvor jahrelang befreundet war, blockierte sie massiv, als sie an ihm vorbeifahren wollte. Dabei war sie quasi schon neben ihm, was fast unmöglich ist. Sie musste fast ohne Sicht an ihn ranfahren, weil der Vordermann immer sehr viel Staub aufwirbelt. Links von ihr war ein großer ausgetrockneter Kanal. Wenn es lange Zeit nicht regnet, dann führen die Kanäle oft monatelang kein Wasser. Das war ihr Glück, denn als sie mit ihrem Auto neben Jean-Louis war, hat er sie rücksichtslos von der Piste abgedrängt. Ihr blieb nur noch die Möglichkeit, in den Kanal hineinzuspringen, um die Situation irgendwie zu meistern. Dazu musste sie Vollgas geben, sonst hätte sich ihr Auto überschlagen. Dieses waghalsige Manöver hat zum Glück geklappt und sie konnte im Kanal weiterfahren. Sie durfte auf keinen Fall anhalten, denn dann wäre sie aus dem sandigen Kanalbett nie mehr rausgekommen. Also ist sie mit Vollgas durch den Kanal und hat geguckt, ob sie da irgendwo wieder rausfahren kann. Der Kanal wurde rechts und links von hohen Wänden begrenzt und plötzlich kam eine Stelle, an der die linke Wand flacher und oben ein bisschen abgebrochen war. Die Stelle hat Jutta angepeilt, ist voll auf dem Gas geblieben, die steile Böschung hochgefahren und durch die Lücke rausgesprungen. Das war wie im besten Film. Da würde jeder Zuschauer sagen: „Na, jetzt übertreiben sie aber ein bisschen.“ Jedenfalls landete sie wieder auf der Piste. Und das Beste: Jutta war vor Jean-Louis Schlesser! Das hat leider keiner gefilmt. Sie war weg und er hat vor Wut sicher in sein Lenkrad gebissen. Das war eines ihrer coolsten Überholmanöver in ihrem Leben. Jutta lacht, als sie mir das erzählt, und kann damit gar nicht aufhören. Leider bekommt die Presse so etwas nicht mit. Jedenfalls nicht vom abgehängten Jean-Louis Schlesser. Der wird das niemandem erzählt haben. Er hatte ja einen Ruf zu verlieren. Jean-Louis Schlesser ist als Rallyefahrer ein echter Star in Frankreich und auf jeder Rallye dreht sich alles um „Le Patron“, wie ihn die Franzosen ehrfürchtig nennen. Wo er auftaucht, wartet schon die Presse 30


mit Kamera und Mikrofon. Sein Buggy gehört mit zu den meistfotografierten Fahrzeugen der Rallyes. Hautnah dabei war natürlich Juttas damaliger Beifahrer Andy Schulz. Der hat nur noch gestaunt und war ganz ruhig. Für diesen Moment war seine Navigation ja auch nicht gefragt, die hatte Jutta übernommen. Als sie dann vor dem Schlesser-Buggy auf die Piste raste, meinte Andy nur: „Cool, das war geil!“ So etwas hatte er auch noch nicht erlebt. Jutta Kleinschmidt mit ihrem Ex-Freund Jean-Louis Schlesser

Bei einem Überholmanöver schenken sich die Konkurrenten nichts!

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Frau lenkt besser, als Mann denkt – Leseprobe  

Mit über 150 Fotos aus dem Leben der Rallyefahrerin Jutta Kleinschmidt – von Petra Fohrmann