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Frank Sturm lebt in Köln. Nach dem Abitur studiert er an der Sporthochschule und gilt als besonders begabt. Ein Bandscheibenvorfall beendet jedoch sein Traumstudium. Von da an verlässt ihn das Glück und plötzlich auftauchende Zwangsgedanken bestimmen sein Leben.


Impressum:

1. Auflage Copyright Fohrmann Verlag, Swisttal Inh. Dr. Petra Fohrmann

Hrsg. Petra Fohrmann

Buddha, Bier und Zwänge aus Beton Mein Weg aus den Zwängen

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung und Layout: www.co-d.de Fotos Umschlag: ddp (1) Fohrmann (2) Printed in Germany

ISBN 978-3-9810580-2-4 www.fohrmann-verlag.de

von Frank Sturm


INHALT Vorwort

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1. Kapitel Entstehung von komplexen Zählzwängen mit Zwangshandlungen

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2. Kapitel Erste stationäre Behandlung der Zwänge

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3. Kapitel Ambulante Weiterbehandlung

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4. Kapitel Neue Erfahrungen mit der Obdachlosenszene

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5. Kapitel Begegnung mit dem tibetischen Buddhismus und dessen höchsten Lehrern

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6. Kapitel Alkohol wurde zum Problem

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7. Kapitel Zwänge beherrschten mein Leben

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8. Kapitel Medikation, Vertrauen und Mut besiegten meine Zwänge

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VORWORT Ich gab meiner Schwester die letzten drei Flaschen Bier, die meine eiserne Reserve für den Notfall waren. Ich hatte im Entzug immer panische Angst vor einem Krampfanfall. Aber nun war ich mir ziemlich sicher, dass ich sie nicht mehr brauchen würde. Sie wegzuschütten schien mir allerdings zu banal. Vielleicht hatten die drei Flaschen für mich einen symbolischen Wert. Eine Flasche stand für den Abschied von Buddha, die zweite für den vom Bier und die dritte für den Abschied von den Zwängen aus Beton, die mich so viele Jahre gequält hatten. Jeder Zahl im Dezimalsystem gab ich eine Bedeutung In diesem Buch möchte ich mich an all diejenigen wenden, die eine Zwangserkrankung haben und gar nicht genau wissen, was sie da eigentlich so peinigt. Mir erging es nicht anders, als ich mich aus einer Laune heraus dazu entschied, über die Bedeutung von Zahlen nachzudenken. Das war im März 1988. Ich war damals 30 Jahre alt. Schon in meiner Kindheit gab es eine Zahl, die eine Bedeutung für mich hatte. Diese Zahl bedeutete Gefahr. Doch das reichte mir jetzt nicht mehr. Ich gab jeder Zahl des Dezimalsystems eine Bedeutung. Einigen Zahlen maß ich eine neutrale Bedeutung zu, anderen wiederum eine wertende. Die Wertung konnte negativ oder positiv sein. An diesem Abend dachte ich mir also ein Zahlensystem aus, ohne mir einer Gefahr bewusst zu sein. Das sollte sich aber bald ändern, denn es folgte auf die Theorie die Praxis. Schon beim Abendessen stellte sich heraus, dass ich nur zwei anstatt drei Butterbrote aß, obwohl ich noch Hunger hatte. Zu meinem Erstaunen wagte ich aber kein weiteres Brot zu essen. Der Grund war simpel – und dennoch erschreckend. Ich bildete mir ein, dass ich mich durch die Entscheidung, nur zwei Butterbrote zu essen, sozusagen auf neutrales Gebiet gerettet hatte. Die Zwei war in meinem Zahlensystem neutral. Noch war es spaßig, darüber zu philosophieren, was man denn mit so einem System so alles anfangen könnte. Nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass Zahlen so ziemlich überall vorkommen. Man kann alles zählen. Sie stecken in allen Dingen, die uns umgeben. Mir wurde klar, dass ich die Zahlen mit einer negativen Bedeutung meiden würde. Der nächste Schritt war verheerend und

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ich fühlte mich wie vom Apoll geschlagen. Unter der Prämisse, jede Anzahl von Gegenständen zu kontrollieren, kam ich auf die Idee, dies auch mit meinen Gedanken machen zu müssen. Ich wusste gleich, dass es zu endlosen Verwirrungen kommen würde, wenn ich auch meine Gedanken kontrollieren würde. Dieser Schritt bedeutete das Ende meiner geistigen Freiheit! Ich hatte nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren.

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KAPITEL 1 ENTSTEHUNG VON KOMPLEXEN ZÄHLZWÄNGEN MIT ZWANGSHANDLUNGEN Ich fragte mich schon ganz zu Anfang, was ich eigentlich damit erreichen wollte. Meine damalige Lebenssituation war zu diesem Zeitpunkt schon aus den Fugen geraten, und ich suchte nach einer Umorientierung. Ich wollte etwas wieder herstellen, was einmal funktioniert hatte. Vielleicht war das eine Erklärung. Aber ob mir ein Zahlensystem dabei helfen könnte, schien mir mehr als fragwürdig. Ich wollte etwas ordnen. Mein Leben in Ordnung bringen. Zahlen lassen sich einfach ordnen. Jedes Kind lernt bereits in der Grundschule, dass jede Zahl ihren Platz hat und ihren Wert. Nur die Bedeutung, die ich ihnen beimaß, die hatten sie natürlich nicht. Ich aber machte mich zum Erfinder eines Systems, in dem Zahlen eine Bedeutung haben. Die von allen Individuen anerkannte Ordnung, in der Zahlen eine Reihenfolge haben und einen Wert angeben, erweiterte ich. Ich hatte auf dem Gymnasium Mathematik Leistungskurs und war vielleicht gerade deswegen in der Lage, so etwas Kompliziertes zu konstruieren. Das System selbst war nicht so kompliziert, wie es auf den ersten Blick scheint, aber die Durchführung hatte es, wie sich später herausstellte, in sich. Der Zwang, der dahinter stand, war mir jedoch unerklärlich. Schon die nächsten Tage zeigten, dass ich mich von der Vorstellung, dass Zahlen eine Bedeutung haben, nicht mehr lösen konnte. Ich praktizierte das System mit einer unheimlichen Akribie, die mich erschreckte und zugleich nicht losließ. Nach einigen Tagen erkannte ich mich selbst nicht mehr. Nicht ich, wie eigentlich beabsichtigt, beherrschte ein System, sondern das System beherrschte mich. Ich war sozusagen im falschen Film gelandet. In den nächsten Wochen versuchte ich mich noch gegen die inzwischen zur Akrobatik ausgereiften Zwangsgedanken und Zwangshandlungen aufzulehnen. Aber das gelang mir nur selten. Ich war an einer ausgeprägten Zwangssymptomatik erkrankt. Diese Diagnose war mir damals natürlich nicht bewusst. Ich wusste jedoch, dass dieses Problem in psychologische Behandlung gehörte. Aber wer geht schon gerne in psychiatrische Behandlung. Wir haben ja nicht gerade amerikanische Verhältnisse, in denen psychiatrische Behandlung fast schon normal ist.

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Ich entschied mich, dagegen anzugehen. Aber je mehr ich versuchte, dagegen zu steuern, desto ernster wurden die Zwänge. Damals wusste ich allerdings nicht, dass es sich tatsächlich um Zwänge handelt. Ich tippte vielmehr auf eine Art von Schizophrenie. Manchmal dachte ich auch ganz einfach, dass ich im Begriff war, verrückt zu werden. Dieser hässliche Ausdruck wird zwar heute nicht mehr so oft verwendet, mir war er aber recht geläufig, weil ich aus Erzählungen meiner Mutter wusste, dass ihr Vater verrückt war. Man spricht heute von einer Psychose. Der neueste Stand ist, dass man diese Diagnosen unter Störungen zusammenfasst. Am Anfang empfand ich meine Spielchen teilweise sogar als angenehm, weil ich etwas Neues erfunden hatte, mit dem ich mich beschäftigen konnte. Mit der Zeit aber wiederholten sich die Inhalte. Es wurde zu einer irrsinnigen Quälerei, und ich war mir auch der Sinnlosigkeit meines Handelns bewusst. Ich kam jedoch gegen den Zwang nicht an. Ich hatte mich beim Spaziergang mit den Zahlen verirrt. Ich kam auf immer neue Aspekte und kontrollierte nachher fast alles. Angefangen von dem, was ich dachte, bis hin zu dem, was ich sah und auch was ich berührte. Ich hatte meine eigene Zahlenmystik entwickelt und dessen war ich mir bewusst. ICH HATTE MICH BEIM SPAZIERGANG MIT DEN ZAHLEN VERIRRT Hätte ich damals einen Arbeitgeber für meinen, nennen wir es Zwangsjob, gefunden, wäre ich reich geworden. Ich arbeitete Tag und Nacht und verschwendete meine gesamte Energie bei diesem Job. Hätte ich diese Zeit und den Einsatz in eine sinnvolle Arbeit gesteckt, hätte ich vielleicht eine Menge Geld verdienen können. Die nächsten Wochen waren dramatisch. Ich versuchte das System zu vervollkommnen. Gleichzeitig wollte ich davon wegkommen, weil es mich quälte. Meine sozialen Kontakte litten sehr darunter. Ich traf mich nur sehr selten mit meinen Freunden. Das Spiel, das ich betrieb, ließ kaum noch Freiraum für andere Aktivitäten zu. Als ich versuchte, das System zu deaktivieren, war es auch schon zu spät. Es hatte sich verselbständigt. Mein Leben bestand nun aus der Bewältigung von Zwangsgedanken, Zwangshandlungen und Gegengedanken. Die genaue Bezeichnung dessen, was ich tat, kannte ich damals natürlich noch nicht.

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Zwangsgedanken sind unrealistische Ideen, die spontan auftreten. Sie kommen sozusagen aus dem Nichts und sind sehr beunruhigend. Gesunde Menschen würden diese Gedanken gar nicht beachten. Bei mir lösten sie jedoch Unwohlsein und Angst aus. Beispielsweise wenn ich dachte: „Den könnte ich jetzt erschießen.“ Es war wie eine Art Paranoia und ich befürchtete ernsthaft, dass ich das dann irgendwann tatsächlich tun würde. Ich dachte mir dann eine Vorgehensweise aus, die diesen Gedanken abschwächen oder neutralisieren sollte. Dies gelang mir mit einer Linie. Die konnte entweder real als Bordsteinkante vorhanden sein oder imaginär sein und nur in meiner Vorstellung existieren. Ich stellte mich dann hinter diese Linie, zum Beispiel hinter eine Bordsteinkante, und dachte „Den könnte ich treten“, was ja dann wesentlich ungefährlicher sein würde, als jemanden zu erschießen. Erst wenn ich dieses Ritual durchgeführt hatte, war ich von dem Druck, den dieser Zwangsgedanke in mir auslöste, befreit. Das Ritual, sich hinter eine Linie stellen zu müssen, ist die Zwangshandlung. Der negative Gedanke „Den könnte ich erschießen“, oft begleitet von Wahnvorstellungen, die in meinem Bewusstsein abgelaufen sind, ist der Zwangsgedanke. Zuerst kommt der Zwangsgedanke, dann die daraus resultierende Zwangshandlung. Das war also meine Vorgehensweise, um mich wieder zu beruhigen. Ich hielt mich strikt an meine dafür aufgestellten Regeln. Solche Ideen, Assoziationen oder Vorstellungen tauchten dann permanent wieder auf. Den Zwangsgedanken setzte ich wie ein Aufputschmittel ein. Das wurde von mir zuerst unbewusst getan. Irgendwann merkte ich natürlich, dass das Ganze selbstquälerisch ist und auch genau dazu dient. Gegengedanken haben eine andere Funktion. Sie sollen beruhigen. Die Bewältigungsstrategie besteht darin, das Gedachte in seiner Bedeutung zu neutralisieren. Zwangsgedanken und Zwangshandlungen treten oft gemeinsam auf. Eine Zwangshandlung wäre zum Beispiel, jede vierte Stufe einer Treppe zu berühren. Zwangshandlungen können sehr komplex sein und sind oft magische Rituale. Es wäre allerdings falsch, jede Macke, wie zum Beispiel häufigeres Kontrollieren von Elektrogeräten, als Zwangsstörung einzustufen. Ich glaube, das machen viele Menschen. Ich wäre damals glücklich gewesen, wenn ich nur einige Elektrogeräte zu kontrollieren gehabt hätte. Da ich aber der Ansicht war,

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meine Gedanken kontrollieren zu müssen, hatte ich mir einen Fulltimejob eingehandelt. Bald stellte sich heraus, dass ich die Anzahl von sich wiederholenden Gedanken nicht so einfach bestimmen konnte. Es gab ja genügend Ablenkung von der Außenwelt, was zu einem Durcheinander führte. Ich suchte mir nach dem altbewährten System wieder eine Linie als Anhaltspunkt. Das hätte ich wohl besser gelassen, denn Linien sind fast überall. Schon begann das Gestolpere. Wurde dieses Ritual gestört oder auch nur unkorrekt ausgeführt, begann ich von Neuem. Diese Genauigkeit bei der Ausführung von Zwangshandlungen ist für zwangserkrankte Menschen typisch. DIE BEDEUTUNG MEINER ZAHLEN An dieser Stelle möchte ich die Bedeutung meiner Zahlen erklären: Die Eins besagte, dass man etwas sofort macht. Die Zwei blieb neutral. Die Drei bedeutete Gefahr. Die Vier und die Fünf waren neutral. Die Sechs bedeutete „Da macht man es.“. Als ich mir über die Bedeutung von Zahlen Gedanken machte, hörte ich eine Stimme, die mir die Bedeutung dieser Zahl sagte. Es war die Stimme von Ute, einer Buddhistin, die ich aus dem Buddhistischen Zentrum in Wuppertal kannte. Die Sieben hatte etwas mit schwarzer Magie zu tun. Die Acht war neutral. Die Neun bedeutete Fehlversuch. Die Zehn war neutral. So, das waren die Zahlen des Dezimalsystems, denen ich eine Bedeutung beimaß. Später berücksichtigte ich auch Quersummen. Zum Beispiel Achtzehn hat die Quersumme Neun. Neun bedeutete dann wieder Fehlversuch. In Verbindung mit meiner Zwangshandlung führte dies dazu, dass es kaum noch eine Straße gab, durch die ich geradeaus gehen konnte. Dass es damals Leute gab, die sich wohl fragten, was ich da mache, war mir relativ egal. Angesprochen wurde ich nur sehr selten. Ich war in mein Spiel vertieft, und da ich mittlerweile wusste, dass ich das nicht abstellen konnte, kümmerte ich mich nicht weiter um die erstaunt schauenden Mitmenschen. Und so sah die Praxis meines Systems aus: Ich will eine Straße überqueren. Vom Bürgersteig, auf dem ich ging, bis zur anderen Straßenseite, die ich zu erreichen hoffte, gab es viele Linien. Die erste Linie auf diesem Weg ist der Beginn des Radfahrweges. Die zweite Linie ist das Ende des Radfahrweges. Dann

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die Linien, die sich auf der Fahrbahn befinden. Die durchgezogenen Linien oder die gestrichelte Linie in der Fahrbahnmitte. Wenn ich also die Straße überqueren wollte und ein bedrohlicher Zwangsgedanke auftauchte, ging das Spielchen los. Nehmen wir an, ich dachte: „Gleich schneide ich mir die Finger ab.“ Wenn mir dieser Zwangsgedanke vom Bürgersteig bis zum Radfahrweg dreimal durch den Kopf ging, dann bedeutete das nach meinem Zahlensystem Gefahr. Das passte mir natürlich nicht. Die Folge war, dass ich zurück zum Bürgersteig ging, denselben Weg bis zum Radfahrweg noch einmal beschritt und den Zwangsgedanken viermal dachte. Die Vier hatte ja eine neutrale Bedeutung. Das beruhigte mich dann und ich war sicher, dass ich den Zwangsgedanken nicht umsetzen würde. Die Angst, dass ich meine Zwangsgedanken tatsächlich ausführen würde, war der Motor, der die Zwangshandlung notwendig machte. Ich musste mich hinter eine Linie stellen und den Zwangsgedanken in einer abgeschwächten Form neu denken. Noch deutlicher wird das Beispiel mit der Zahl Sechs. Hatte ich denselben Gedanken „Ich schneide mir gleich den Finger ab“ sechsmal gedacht, vom Bürgersteig aus bis zum Beginn des Radfahrweges, dann bedeutete dies, dass ich das auch machen würde. Das versetzte mich in Panik. Damals wusste ich nämlich nicht genau, ob es tatsächlich bei dem Zwangsgedanken bleiben würde oder ob ich auch fähig sein würde, ihn in die Tat umzusetzen. Ich zog es vor, wieder auf den Bürgersteig zurückzugehen und das Ganze achtmal zu denken (die Acht war neutral). Das beruhigte mich dann wieder. Ich musste meine Zwangsgedanken immer auf die nächsthöhere, neutrale Zahl zählen. Nach einigen Wochen, in denen ich das System perfektionierte, ging es dann richtig zur Sache. Schon beim Aufwachen hatte ich den ersten Zwangsgedanken, und der war quälend. Es ging in dieser Zeit immer um Selbstverletzung. Davor hatte ich panische Angst. Diese Gedanken an Selbstverletzung waren nicht einmal ein Produkt meiner Phantasie, sondern ein Bekannter meiner Schwester brachte mich auf die Idee. In einem unbeobachteten Moment flüsterte er mir zu, dass ich ihn doch einfach abschneiden sollte. Warum er das mir damals sagte, weiß ich bis heute nicht. Zunächst hatte das noch keine Wirkung. Erst Tage später griff ich diesen Gedanken dann doch auf. Ich weiß heute nach so vielen Jahren noch die Stelle, an der ich

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mich zum ersten Mal hinter eine Linie stellte, um einen aufgekommenen Zwangsgedanken abzuschwächen, der mit Selbstverstümmelung zu tun hatte. Das beruhigte mich damals und ich konnte weitergehen. Das Ritual hatte also seinen Zweck erreicht. In den folgenden Tagen traten diese Zwangsgedanken dann immer häufiger auf. Schon das Aufstehen aus dem Bett erwies sich als schwierig. Das kann sich ein nicht Betroffener wahrscheinlich nicht vorstellen. Wenn mein Aufstehritual nicht mit meinen Zwangsgedanken übereinstimmte, dann musste ich eben noch mal von vorn anfangen. Ich brachte es schon auf ein Viertelstündchen, bis ich aus dem Bett kam. Und das bei einem Suchtraucher, der sich gleich nach dem Aufstehen eine Zigarette in den Mundwinkel stecken muss. Das Drehen der ersten Zigarette erwies sich dann ebenfalls als Problem. Ich verdrehte Unmengen von Zigarettenblättchen und Tabak. Schuld daran waren diese verflixten Zwänge. Ich redete mir ein, dass ich den Zwangsgedanken mit dem Tabakrauch in meinen Körper aufnehmen würde und ihn dann in die Tat umsetzen musste. Ähnlich einem Computerprogramm, das eingespeichert und aktiviert war. Genauso war es auch beim Essen. Das ließ ich auch stehen, wenn ich mit meinen Zwangsgedanken mal wieder bei der Sechs gelandet war. Ich stellte mir vor, dass ich diesen Gedanken sonst mit dem Essen in meinen Körper aufgenommen hätte und dann unweigerlich auch die Tat folgen würde. Ich musste beim Rauchen und Essen immer höllisch aufpassen, um mich bei einem Zwangsgedanken auf neutrales Gebiet retten zu könnte. Mein Zimmer war mittlerweile eine Rumpelkammer geworden. Der Tisch war voll von Tabakkrümeln, verdrehten Zigaretten und Essensresten. Mein System führte zu einem heillosen Durcheinander. Ich erreichte genau das Gegenteil von dem, was ein System bewirken soll. Als Nächstes redete ich mir ein, dass sich meine Gedanken über die Hand mittels Berührung auf Gegenstände übertragen könnten. Das ging dann so weit, dass ich bei extrem beängstigenden Zwangsgedanken einen Gegenstand, den ich währenddessen in der Hand hielt, für unbrauchbar erklärte. Wieder aus Angst davor, dass ich den Zwangsgedanken, der in meiner Vorstellung jetzt dem Gegenstand anhaftete, in die Tat umsetzen könnte. Beispielsweite hatte dann ein Messer die Anhaftung der Selbstverletzung. Später wurde alles in meinem Tagesablauf zum Problem.

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DAS ANZIEHEN WURDE ZU EINER ZIRKUSREIFEN CLOWNNUMMER Ich war gezwungen, immer wieder von vorne anzufangen. Hatte ich es endlich geschafft, kam garantiert ein unangenehmer Gedanke, und ich konnte mich wieder ausziehen und dann wieder von vorn beginnen. Ich kam mir dabei wie ein kleines Kind vor. Aber Zwänge bedeuten eben, dass eine Handlung zwanghaften Regeln unterliegt, an die sich ein erkrankter Mensch dann auch tatsächlich zwanghaft hält. Ohne Hilfe findet man nicht heraus. Damals wusste ich noch nicht, dass es wirksame Medikamente dagegen gab. Das sind heute die Antidepressiva und SerotoninWiederaufnahme-Hemmer und ein Therapeut, der sich mit Zwängen auskennt. Es gibt im Wesentlichen 5 Stützpfeiler der Behandlung: die medikamentöse Behandlung, Verhaltenstherapie oder Psychotherapie, die Selbsthilfegruppen und Bücher zur Selbstbehandlung. Ich rate jedem Betroffenen, diese Möglichkeiten auszuschöpfen und sich mit seiner Krankheit zu befassen. Ich tat das damals noch lange nicht. Zuerst kam bei mir die Probierphase meiner neuen Verhaltensweisen. Während dieser Monate versuchte ich ohne eine Behandlung von meinen Zählritualen wegzukommen, aber das gelang natürlich nicht. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich vor einem Problem stand, das ich nicht selbst lösen konnte, und ich wollte keine Erfahrung mit der Psychiatrie haben. Erst als ich am Ende meiner Kräfte war und vor lauter Zwangsritualen nicht einmal mehr telefonieren konnte, half mir meine Mutter, einen Therapeuten zu finden. Die Behandlung, die angeboten wurde, bestand aus einer Anhörung meines Problems und der Verschreibung eines Medikaments. Die Dauer des ersten Gesprächs bei einem Psychiater erschien mir relativ kurz. Eigentlich hatte ich mehr erwartet. Die Diagnose, die gestellt wurde, lautete: Zwangsneurose. Das Medikament, das er mir gab, wäre in der Lage, die Symptome in einigen Tag abbröckeln zu lassen. Es war Orab Pforte. Aber meine Zwänge machten mir einen Strich durch die Rechnung.

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KAPITEL 2 ERSTE STATIONÄRE BEHANDLUNG DER ZWÄNGE Drei Tabletten pro Tag gingen nicht, weil diese Zahl bei mir eine ungünstige Bedeutung hatte. Also nahm ich nur eine oder maximal zwei. Der erhoffte Heilungseffekt blieb aus. Das allerdings gab richtig Ärger mit meinem behandelnden Arzt. Als ich ihm erklären wollte, dass meine Zählrituale es mir unmöglich machten, die Medikamente so einzunehmen, wie er es mir verordnet hatte, beschloss er, mir eine Einweisung in die Psychiatrie auszustellen. Angeblich sei meine Neurose nur stationär zu behandeln. Die Einweisung war natürlich freiwillig. In den folgenden Wochen probierte ich, einen Platz in einem Kölner Krankenhaus zu bekommen. Das erwies sich aber als sehr schwierig, da keine Betten frei waren. So verschleppte ich meine Zwangserkrankung noch einmal über zwei Monate. Als endlich ein Platz frei wurde, war ich völlig am Ende meiner Kraft angelangt. Ich war fast schon froh, in einem Krankenhaus gelandet zu sein. Natürlich in der Hoffnung, dass eine Besserung eintreten würde. Zu meinem Erstaunen wurde meine Diagnose geändert. Die neue lautete: endogene Psychose. Und dementsprechend behandelte man mich auch mit Psychosemedikamenten. Die Medikamente, die ich bekam, linderten zwar die psychotischen Anteile meiner Erkrankung, gegen die Zwänge halfen sie aber nicht. Nach dreimonatigem Aufenthalt ging es mir besser, was ich auf die Behandlung der Psychose zurückführte, die ich zweifelsfrei hatte. Eine Besserung der Zwangssymptomatik trat dann zwar nicht direkt durch die Psychosemedikamente ein, aber durch die Therapieangebote, die ich wahrnahm. Das therapeutische Programm lenkte mich etwas ab. Ich kam zur Ruhe. Ich fühlte mich allein durch die Nähe der Ärzte und Therapeuten sicherer. Auch das Miteinander mit anderen Leidensgefährten wirkte sich stabilisierend aus. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich lediglich durch meine erste Diagnose der Zwangsneurose, dass irgendetwas Zwanghaftes bei mir vorlag. Genau erklärt hat mir das allerdings keiner der Therapeuten. Im Krankenhaus in Köln nahm sich kein Arzt die Zeit, um mir zu erklären, was ich genau hatte. Es hieß nur, Sie haben eine Psychose und hier ist Ihre Pille dagegen. So war es etwas verkürzt ausgedrückt. Die Patienten, die ich kennen lernte, hatten auch Psycho-

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sen oder waren manisch depressiv oder einfach depressiv. Patienten mit Zwangserkrankungen lernte ich in diesem Krankenhaus nicht kennen. So blieb ich in dem Glauben, dass meine Erkrankung wohl doch eine Psychose sei. Aber das war nur ein Teil der Krankheit, die ich hatte. Das Geheimnis wurde erst zehn Jahre später in einem anderen Krankenhaus gelüftet. In den Jahren davor hatte ich dann noch etliche Aufenthalte in diesem Kölner Krankenhaus, in dem ich 1988 zum ersten Mal stationär in Behandlung war. Ich wurde in diesen Jahren mit vielen Psychosemedikamenten behandelt. Aber nur ein einziges Mal mit einem Medikament, das gegen Zwänge wirkt. Das Medikament heißt Anafranil und wird eigentlich recht erfolgreich gegen Zwänge eingesetzt. Es wurde bei mir aber relativ schnell wieder abgesetzt, weil es nach Meinung der behandelnden Ärzte auch nicht den gewünschten Erfolg hatte. Wie mangelhaft die Aufklärung der Patienten in manchen Krankenhäusern ist, zeigt dieses Beispiel recht deutlich. Ich wurde noch nicht einmal von Seiten der Ärzte darüber informiert, dass Anafranil ein Medikament gegen Zwänge ist! Es konnte bei mir allerdings nie zweifelsfrei geklärt werden, ob die Zwänge eine eigenständige Erkrankung oder Ausdruck der Psychose waren. Wahrscheinlich hat man deshalb erst die Psychose zu behandeln versucht und erst danach die Zwänge. Auch wenn es nur eine Erkrankung gewesen wäre, hätte man mir von Anfang an auch ein Medikament gegen die Zwänge geben müssen. Davon aber einmal abgesehen, hätte sich bei einer guten und erfolgreichen Behandlung der Psychose auch eine Besserung der Zwangssymptomatik einstellen müssen. Frei nach dem Motto: Ist die Psychose gut behandelt, stellen sich auch die Zwänge ein. Ich aber glaubte damals, dass meine Zählzwänge eine Psychose waren. Ich war bei meinem ersten Aufenthalt in einem Kölner Krankenhaus nicht in der Lage, viel über meine Erkrankung in Erfahrung zu bringen, weil ich noch viel zu sehr mit meinen Zwängen beschäftigt war. Ich konnte meistens keine Fragen stellen, weil ich permanent irgendwelche Zwangsgedanken zählte und das Zählritual auch nur selten unterbrechen konnte. Bei einer Unterbrechung hätte ich wieder von vorne anfangen müssen. Also unterließ ich es, viele Fragen über meine Erkrankung zu stellen. Immer stand die Angst im Raum, dass ich das mache, was ich da so zählte.

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ICH WARTETE AUF DIE WIRKUNG DER CHEMISCHEN ZWANGSJACKE In einem Kölner Krankenhaus bekam ich nach einem kurzen Aufnahmegespräch mein Medikament. Es war das alte Neuroleptika Haldol. Von diesem Medikament hatte ich schon viel gehört. Negatives. Ich schluckte es trotzdem und wartete dann darauf, dass die chemische Zwangsjacke zu wirken begann. Der Zwangsjackeneffekt trat aber nicht direkt ein. Ich hatte schon von vielen Bekannten gehört, dass man sich unter der Wirkung von Haldol kaum noch frei bewegen kann und wie ein Roboter geht. Es dauerte einige Zeit, bis sich dann tatsächlich auch bei mir der steife Gang, mit den starr am Körper anliegenden Armen einstellte. Aber nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Arme liegen sehr eng am Körper an und schlenkern nicht mit der Bewegung, wie das sonst der Fall ist. Auch ein Laie kann das erkennen. Es kann auch zu vermehrtem Speichelfluss oder Mundtrockenheit kommen. Dann empfehlen die Ärzte saure Bonbons zu lutschen. Insgesamt merkte ich aber nicht viel von den Nebenwirkungen. Man wird etwas ruhiger und schläfrig, mehr aber auch nicht. Andere Patienten haben unter der Behandlung mit alten Medikamenten, die aus den fünfziger Jahren stammen, weit mehr Nebenwirkungen gehabt als ich. Es können auch Spätfolgen auftreten. Zum Beispiel Zungen- und Schluckkrämpfe, Gesichtszuckungen oder das Verziehen des Rumpfes nach einer Seite, das sogenannte Pisa-Syndrom. Diese Nebenwirkungen können auch nach Jahren der Einnahme auftreten. Die moderneren „atypischen“ Neuroleptika wirken dagegen gezielter auf die Botenstoffe ein, die beispielsweise Verfolgungswahn und Stimmenhören auslösen. Die ersten Tage in der Klinik waren schlimm. Es war also traurige Gewissheit geworden, dass ich in der Psychiatrie gelandet bin. Der Anblick der vielen Schwerkranken war nicht leicht für mich. Ich gewöhnte mich nur langsam an den Krankenhausalltag mit Visiten, Blutabnahmen und Arztgesprächen. In meiner verbleibenden Zeit verkrümelte ich mich ins Bett. Aber auch da verfolgten mich die Zwänge. Ich zählte mich fusselig. Bett rein und wieder raus. Dann hatte ich genau vier Liegepositionen, die mir mein System erlaubten, echt wie ein Roboter. Ich zählte tatsächlich in jedem Augenblick. Da das Medikament keine großartige Wirkung

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zeigte, wartete ich auf den totalen Zusammenbruch. Nach drei Wochen erkannten das auch die Ärzte. Meine Ärztin sagte mir, dass ich vor einem Nervenzusammenbruch stünde. Sie schlug mir eine Spritzenkur vor. Dazu brauchte sie meine Einwilligung. Nach ein, zwei Tagen Bedenkzeit willigte ich ein. Die Spritzen, ich bekam Dapotum Acutum, verhinderten den drohenden Nervenzusammenbruch. Viel besser ging es mir trotzdem noch nicht. Nach fünf Wochen schlug meine Ärztin mir vor, noch eine Therapie auf einer Rehabilitationsstation zu machen. Da seien die Anforderungen etwas höher. Es würden Funktionstraining, Küchendienst, Sport usw. angeboten. Die Rehastation war in einem wesentlich freundlicheren Gebäude untergebracht. Ein zweistöckiges Haus mit einem Foyer, in dem sich Bänke für die Patienten befanden. Im ersten Stock waren ein relativ geräumiger Billardraum für Freizeitaktivitäten, der Speiseraum, der Ergotherapieraum und die Arztzimmer. Im oberen Stock befanden sich die Schlafräume mit vier oder auch zwei Betten sowie der Fernsehraum, der morgens als Versammlungsraum für die Visite genutzt wurde. Und es gab noch das Schwesternzimmer. Die Patienten waren offener und nicht mehr so krank wie auf der Station, auf der ich vorher war. Es wurde uns auch wesentlich mehr Therapie abverlangt. Zuerst glaubte ich, dass ich das mit meinen Zwängen und meiner Psychose nicht leisten könnte. Aber ich musste ja. Die meisten Therapien waren Pflichtveranstaltungen. Das war auch gar nicht so schlecht, denn sonst hätte ich mich, wie viele andere Patienten auch, ins schutzbietende Bett verkrümelt. Da wurde man allerdings herausgebeten, wenn man es versuchte. Man musste schon ernsthaft etwas haben, sprich richtig körperlich krank sein, um liegen bleiben zu dürfen. ICH HATTE EIN TRAUMHAUS MIT EINEM SEE GEMALT Meine Therapien waren Funktionstraining, Ergotherapie, Sport und auch Küchendienst sowie Stationsversammlung und Arztgespräche. In der Ergotherapie malte ich als Erstes ein Bild, das nachher sogar im Foyer der Station ausgestellt wurde. Mir gefiel es ja nicht so gut, aber dafür den anderen Patienten und der Ergotherapeutin. Ich hatte ein Traumhaus gemalt mit einem See, davor einigen Bäumen und Büschen und über dem Haus

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einen Regenbogen. Ich wusste, dass ich viel besser malen konnte, wenn es mir gut geht, aber den Umständen entsprechend akzeptierte ich dann doch das, was ich auf das Papier bekommen hatte. So oder so ein erstes Erfolgserlebnis, das meiner demolierten Psyche irgendwie gut tat. Auch das Funktionstraining, das nicht besonders schwierig war, tat mir gut, denn ich war von meinen Zählzwängen abgelenkt und freute mich ein bisschen, wenn ich die richtige Lösung hatte. Keiner machte den anderen fertig, wenn er nicht so gute Ergebnisse hatte. Die Therapeutin nicht und die Patienten untereinander auch nicht. Es sollte ja eine Trainingsmaßnahme sein und kein Leistungsdruck dahinter stehen. Manche Aufgaben waren auch ein wenig lustig und es wurde wieder gelacht, was ich und auch die anderen, die den Kopf voller Probleme hatten, schon fast verlernt hatten. Im Funktionstraining bekamen wir Aufgaben, wie zum Beispiel das Herausfinden von Unterschieden in zwei scheinbar identischen Bildern. Auf dem Programm stand auch Gedächtnistraining mit Spielen wie „Wir packen unseren Koffer und legen hinein ...“. Ich glaube, jeder kennt dieses Spiel, in dem jede Person der Reihe nach etwas Neues in den Koffer packen und der Nächste alle Gegenstände aus dem Gedächtnis auflisten muss. Es wurden auch Rechenaufgaben gestellt und Fragen zur Allgemeinbildung. Unter uns Patienten bildete sich eine Gemeinschaft und auch Freundschaften. Auch ich begann meine Verschlossenheit aufzugeben und mich wieder dem Leben zuzuwenden, anstatt meinen Zwängen zu frönen. Ich schaute wieder Fernsehen und unterhielt mich gelegentlich mit meinen Mitpatienten. Da merkte man, dass man nicht allein verrückt war, ich sage das mal so. Die Erkrankung betrifft ja nicht den Intellekt eines Menschen, sondern nur seine Verhaltensweisen. Macken hatten wir alle. Es gab einen Patienten auf der Station, der jeden Morgen bei der Visite steif und fest behauptete, dass er in vierzehn Tagen geköpft werden würde und dass er sich darum bei der Feuerwehr verstecken wollte. Wir alle fanden das etwas witzig. Natürlich wussten wir, dass es für ihn ein ernsthaftes Problem war. Aber diese Vorstellung, die er nicht loswurde, war eben seine Krankheit. Er lebte schon mehrere Jahre auf dieser Station. Ich glaube, es lag eine gewisse Eigengefährdung vor. Er hätte sich ja aus Angst davor umbringen oder sich monatelang irgendwo verstecken

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können. An einem Ort, wo er glaubte, dass ihn keiner findet. Es gab auch Patienten, die einen Doktortitel hatten. Um endlich dem Klischee des dummen Verrückten etwas entgegenzusteuern. Eine psychische Erkrankung kann jeden treffen, ungeachtet seiner Intelligenz. Selbst Ärzte können davon betroffen werden. Biochemische Störungen im Gehirn sind die Auslöser und der Betroffene kann nichts dagegen tun, außer sich mit Medikamenten dagegen behandeln zu lassen. ICH HATTE ÜBLE HINTERGEDANKEN Nach drei Monaten wurde ich von der Rehabilitationsstation nach Hause entlassen. Ich war im Verlauf der Therapie zur Ruhe gekommen. Ich zählte zwar noch, aber noch lange nicht so viel wie vor der Therapie. Als der Chefarzt mir einen Platz in einem Heim für psychisch kranke Menschen nahelegte, lehnte ich ab. Ich begründete es damit, dass ich eine schöne Wohnung hätte und mich schon wieder in die Gesellschaft integrieren würde. In Wirklichkeit hatte ich schon üble Hintergedanken, die ich in die Tat umsetzen wollte. Ich wurde überhaupt nicht damit fertig, eine Erkrankung zu haben, die nach Meinung vieler Psychiater nicht geheilt werden konnte. Schon während der Therapie auf der Rehastation hatte ich im Traum laut gesprochen. Meine Mitpatienten im Zimmer erzählten mir das. Ich sagte im Schlaf: „Ich will jetzt Bier.“ Ich hatte, bevor meine Zwänge aufgetreten sind, mehrere Monate viel zu viel Alkohol getrunken. Meine Zwänge traten nach einigen Wochen der Trockenheit zum ersten Mal auf. Schon damals glaubte ich an ein Trockendelirium, das ich mir eingehandelt hatte. Das hätte aber wahrscheinlich anders ausgesehen. Von Zwängen wusste ich noch nichts und so rätselte ich weiter, was das mit meiner Zählerei so sein könnte. Zwei Wochen vor der Entlassung freute ich mich wie ein Schneekönig auf das kommende Wochenende. Ich hatte mir fest vorgenommen, an diesem freien Wochenende Bier zu trinken. Jeden Morgen nach dem Frühstück saß ich im Billardraum, trank meinen Kaffee und freute mich. Auch meine Mitpatienten bemerkten das. Ich verriet meinen Plan aber keinem. Das Wochenende kam und ich kaufte mir morgens in der Innenstadt die ersten drei Flaschen Bier. Ich trank sie in einem Park an meinem alten Platz, an dem ich auch früher schon

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getrunken hatte. Der erste Schluck Bier war enttäuschend. Er schmeckte mir nicht besonders und ich dachte, das wird schon noch kommen, wenn du dich wieder daran gewöhnt hast. So war es dann auch. Ich saß im Park, trank meine drei Flaschen Bier leer und ging nach Hause. Dort hielt ich ein Schläfchen, was ich eigentlich immer machte, wenn ich genug Bier getrunken hatte. Das war es, was ich wollte. Irgendwie dem Zählwahnsinn entkommen, und wenn es durch das Schlafen geschieht. Als ich wieder wach wurde, war mir bewusst, dass ich ein Jahr der Trockenheit zunichte gemacht hatte, aber das war mir egal. Ich wollte den Alkohol jetzt genießen. Ich zog mich an und ging auf die Meile. In einem kleinen Park, fast vor meiner Haustür, traf ich Paul. Paul war obdachlos, ein richtiger Jungpenner. Aber ich mochte ihn sehr, besonders weil er immer so interessante und witzige Geschichten erzählte. Er war zusammen mit einem anderen Penner im Park und mit einer Flasche Korn bewaffnet. Die teilten wir uns. Ich versüßte mir den Bierrausch mit gelegentlichen Schlücken aus Pauls Kornflasche. Ich sagte Paul, dass ich in einem Krankenhaus für psychisch Kranke war und nur Wochenendurlaub hatte. Er war schockiert: „Was, auf der Ballaburg, da war ich noch nicht mal.“ Darauf konterte ich: „Dafür hast du schon hundert Entgiftungen hinter dir.“ Als ich ihm erklärte, dass ich eine Psychose hätte, wollte er wissen, was ich für Medikamente bekomme. Ich sagte, dass ich Haldol nehme, worauf er nur meinte: „Was, noch so ein Haldolbomber!“ Mit seiner Reaktion ging er mir langsam auf den Zwirn. Mir wurde klar, dass er meine Krankheit nicht so recht akzeptieren konnte. Als er mich dann fragte, ob ich ihm eine Unterhose von mir geben könnte, sagte ich dann auch nein. „Dann kriegst du auch meinen Korn nicht“, war die Retourkutsche. Da ich aber sowieso schon abgefüllt war, zog ich es vor, wieder nach Hause zu gehen. In meiner Wohnung ging ich noch zu einem meiner Regale. Wahrscheinlich wollte ich noch etwas lesen. Aber vor dem Regal brach ich zusammen und schlief auf dem Boden ein. Als ich irgendwann später aufwachte, lag ich auf dem Boden und fragte mich, wie ich denn da hingekommen sei. Na ja, das war mir dann auch egal. Ich legte mich in mein Bett und schlief weiter. Am nächsten Tag war ich bei meiner Schwester eingeladen. Sie und ihr Freund bemerkten meine Schramme im Gesicht, die ich mir am Vortag

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eingehandelt hatte. Misstrauisch, wie sie mir gegenüber waren, erkannten sie schnell, weil ich auch schlecht aussah, dass ich wieder getrunken hatte. Sie wollten mich darauf festnageln. Nach anfänglichem Leugnen wurde ich ihnen gegenüber dann doch geständig. Sie machten mir klar, dass das für meine Therapie einen Rückschlag bedeutete. Ich versprach ihnen, es wieder sein zu lassen mit dem Trinken. Ich hielt das dann auch während meiner ganzen Therapie durch. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, begann ich eine ambulante Therapie. KAPITEL 3 AMBULANTE WEITERBEHANDLUNG Nach etlichen Telefonaten hatten meine Mutter und ich eine Therapeutin gefunden. In der ersten Stunde bei meiner neuen Therapeutin redeten wir über das, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe, und über mein Zahlensystem. Das ließ sie sich genau erklären. Sie nahm das in ihr Protokoll auf, ging aber erstaunlich wenig darauf ein. Das verstand ich zunächst nicht. Ich hoffte doch, dass sie mir erklären könnte, wie man so ein System deprogrammiert. Das tat sie aber nicht. Stattdessen redeten wir darüber, was ich denn so täglich machte. Ich sagte, dass ich da so ziemlich passen müsste, weil mein Leben tatsächlich nur aus Zahlen und deren Bedeutung bestand. Maximal würde ich noch ins Café gehen und auch da würde ich kontrollieren, wie viele Zigaretten ich rauche. Meine Therapeutin machte den Vorschlag, dass ich mir einen Wochenplan aufstellen sollte, ausgefüllt mit Aktivitäten, die mir Spaß machen. Ich sollte in der nächsten Therapiestunde berichten, was ich davon geschafft hätte. Tatsächlich gelang es mir, meinen Wochenplan einzuhalten. Anfangs hatte ich eher die Befürchtung, schon bei der ersten Aktion zu scheitern, weil ich wieder zu viele Gullydeckel und Zigarettenkippen zählen musste. Aber ich riss mich zusammen. Irgendwie hatte sie mich bei meinem männlichen Stolz gepackt. Meine Therapeutin war sehr attraktiv. Das wirkte sich positiv aus, denn ich wollte nicht so dastehen, als könnte ich die selbstverständlichsten Sachen wegen eines Zählzwanges nicht mehr ausführen. In die nächste Therapiestunde ging ich dann sichtlich erleichtert und nicht

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wenig stolz, weil ich meine Hausaufgaben geschafft hatte. Vielleicht hört sich das aus der Sicht eines nicht Betroffenen nach einer Kleinigkeit an. Für mich war es aber eine reife Leistung, denn so viele Zwänge hatte ich seit Beginn meiner Erkrankung noch nicht durchbrochen. Das, was sich meine Therapeutin da ausgedacht hatte, um mich von meinen Zwängen zu entfernen, hatte funktioniert. Sie freute sich aufrichtig über die Einhaltung meines Wochenplans, das merkte ich deutlich. Mein Vertrauen in sie verfestigte sich. Endlich war ich wieder in der Lage, das zu machen, was ich wollte. Ich wartete auch nicht mehr darauf, dass es endlich Mittwoch oder Donnerstag wurde, um damit zu beginnen (wegen der günstigen Bedeutung des dritten oder vierten Tages der Woche). Das bedeutete für mich, dass ich viel erreicht hatte. Am Ende der Fahnenstange war ich aber noch lange nicht! Viel zu viele Hindernisse, die ich in meinem Bewusstsein aufgebaut hatte, versperrten mir den Weg dorthin. Eines der Haupthindernisse war, dass ich mir eine Linie auf der Straße suchte, von der aus ich meine Gedanken zählen konnte und zu der ich dann zurückging, wenn ich mit meinen Bedeutungsinhalten in Bedrängnis geriet. Von dort aus begann ich dann das Zählritual von vorne, bis es stimmte. Das fiel auf bei meinen Mitmenschen, die mich kannten, und auch bei denen, die mich nicht kannten. Bei denen, die mich nicht kannten, war es mir, dem Himmel sei Dank, meistens relativ egal. Die meisten Leute auf der Straße schienen das überhaupt nicht zu registrieren, was ich dort für Auf- und Abgehrituale vollzog. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich nicht mehr auf eine Straße getraut. Erwischten mich aber Bekannte oder Freunde bei meinen absurden Ritualen (für mich waren sie gar nicht so absurd, denn sie ermöglichten mir ja immerhin, dass ich die Gedanken, die mich erschreckten, auf meinen Umwegen neutralisieren konnte), dann schämte ich mich. Vor allem, wenn ich dann direkt darauf angesprochen wurde. Mein Selbstwertgefühl schmolz dahin. Aber jeder, der es in seinem Leben mit Zwängen zu tun bekommt, wird bestätigen, wie stark die Anhaftungen daran sind. Auch jeder Therapeut weiß, wie hartnäckig Zwänge sind. Immerhin war ich schon nach einigen Therapiestunden in der Lage, das zu unternehmen, was mir vorschwebte. Der Zählzwang allerdings blieb. Die Linie, von der aus ich zählte, blieb.

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Und auch die vielen Gullydeckel, Verkehrsschilder, Begrenzungspfosten, Zigarettenkippen und Kaugummis auf der Straße, die mein Zählritual erschwerten und behinderten, konnte ich noch nicht ignorieren. Selbst wenn ich etwas durchbrochen hatte und dann an der nächsten Straßenecke angelangt war (ich hatte mir fest vorgenommen, es dabei zu belassen), ging ich dann doch wieder den gleichen Weg zurück (das zählte ich auch) und begann von vorn. Also doppelte Arbeit für mich. Wenn sich das zwei-, dreimal wiederholen musste, stand ich vor Wut, diese sinnlosen Kraftanstrengungen vollbringen zu müssen, kurz vor einem Schreikrampf. Ich wäre ja lieber vorwärts gekommen, aber die Zwänge, verbunden mit meinen Ängsten, die aus meiner Psychose kamen, waren fast immer stärker. Waren sie es einmal nicht, beschäftigte mich das, was ich falsch gezählt hatte, oft wochenlang. Ich vergaß das irgendwie nicht. Ich erinnerte mich nach Monaten noch genau an die Stelle, an der es war. Mein Gedächtnis war einfach zu gut für solche Rituale. Im Laufe der Jahre meiner Erkrankung war es ja auch bestens trainiert. Den einzigen Vorteil, den ich mir erkämpft hatte, war, dass ich dort ankam, wo ich hinwollte. Das hatte mir meine Therapeutin zur Maxime gemacht. Ich sollte, wenn irgend möglich, meine Vorhaben zu Ende bringen und nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause kommen. Das würde zu viel Frustration aufbauen und ich würde irgendwann resignieren. Ich hielt mich daran. DIE ERSTE LEKTION HIESS: ANKOMMEN! Noch hoffte ich auf die Lektion zwei. Die aber, um es vorwegzunehmen, kam noch lange nicht. Die nächsten Therapiestunden, die alle zwei Wochen stattfanden, waren irgendwie reine Routine: Wie geht es Ihnen, was haben Sie in den letzten Wochen gemacht, wie entwickeln sich Ihre Zählzwänge? Schließlich kamen wir auf meine berufliche Situation zu sprechen. Ich hatte zweimal ein Studium begonnen. Das erste Studium nach dem Abitur und der Bundeswehrzeit war ein Sportstudium. Sofort nach meinem Abitur stand fest, dass es Sport sein würde. Ich bekam gleich einen Studienplatz an der Kölner Sporthochschule. Dieses Studium, ich belegte den Diplomstudiengang, war mein Wunschstudium und es machte mir sehr viel Spaß. Oft machte ich Überstunden und trainierte Basketball auf

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den Freiplätzen. Nach den Semesterferien, in denen ich einige Jobs angenommen hatte, kam das Aus für mein Sportstudium. Ich hatte plötzlich sehr starke Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich. Ich konnte mich nicht einmal mehr nach einem Ball bücken. Ich suchte einen Orthopäden auf, der einen Bandscheibenschaden diagnostizierte. Eine Lendenwirbelscheibe war wie ein Keil abgeschliffen. Das sah auf dem Röntgenbild aus, als hätte man eine dreieckige Schablone angelegt und den Rest der Bandscheibe weggelasert. Der Arzt riet mir, das Sportstudium an den Nagel zu hängen. Es wäre wahrscheinlich, dass ich meinen Beruf nach ein paar Jahren nicht mehr ausüben könnte. MEIN TRAUM ZERPLATZT WIE EINE SEIFENBLASE Da bis zum dritten Semester keine Besserung, keine Schmerzlinderung erfolgte, entschied ich, mich zu exmatrikulieren. In dieser Zeit traten die ersten psychotischen Symptome auf. Die konnte ich mir auch erklären, denn ich hatte angefangen, Haschisch zu rauchen, und übertrieb es maßlos, mich nachts in der Disko aufzuhalten. Eine Behandlung wäre aus meiner heutigen Sicht zwar noch nicht zwingend notwendig gewesen, aber vielleicht hätte sie präventiv wirken können und die Entstehung einer Psychose, mit später auftretenden Zwängen, entgegenwirken können. Nach einer Auszeit von einem Jahr, in der ich vier Monate in einem Ersatzteillager einer großen Automobilfirma arbeitete, machte ich mit zwei Freunden Urlaub. Wir flogen mit Icelandic Air nach Island, wo wir uns drei Wochen aufhielten, und dann weiter nach New York und auf die Bahamas. Nach diesem Urlaub wurden meine Depressionen schwächer, ohne dass ich es richtig bemerkte. Als ich auch noch Glück in der Liebe hatte, war ich schon fast wieder der Alte. Nach langem Überlegen, was ich beruflich machen könnte, entschied ich mich für das Studium der Volkswirtschaft. Ich hatte auf der Schule Mathematik Leistungskurs. Da Volkswirte viel mit Mathematik zu tun haben, dachte ich mir, dass das am passendsten wäre. Eigentlich hätte ich lieber Biologie studiert, aber Biologie hatte ich in der differenzierten Oberstufe nicht belegt. So entschied ich mich also für das Studium der Volkswirtschaft, obwohl es mich nicht so besonders interessierte. Für dieses Studium konnte man sich 1980 in

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Köln ohne ZVS-Verfahren einschreiben. Mein Notendurchschnitt im Abitur reichte dafür aus. Im ersten Semester ging ich relativ regelmäßig in die Vorlesungen und ich belegte auch die Propädeutik. Natürlich machte ich auch die ein oder andere Vorlesung blau. Schon bald wurde aber klar, dass das Volkswirtschaftsstudium, ohne zu lernen, nicht zu schaffen war. Dazu war ich aber nicht bereit. Mein Hang, mich zu vergnügen und in den Cafés zu sitzen und mich dort mit meiner Freundin und meinen Freunden zu treffen, war stärker, als mich mühsam mit volkswirtschaftlichen Problemstellungen auseinander zu setzen. Das „La Strada“ war unser Haupttreffpunkt. Dort traf sich damals die Szene, angefangen vom Künstler bis zum Zuhälter und natürlich auch hübsche Mädchen. Ein geeigneter Ort, das Studentendasein mit all seinen Freiheiten zu genießen, wie ich fand. Ich wollte das erste Semester schludern und erst im zweiten Semester die geforderten Scheine machen. Im ersten Semester wollte ich nur den Schein in Propädeutik schaffen. Daraus wurde dann leider nichts. Wie ich bald erkannte, war auch die Propädeutik ohne Nachlernpensum nicht zu schaffen. Da half auch der Mathe-Leistungskurs nicht viel. Ich ging zwar zu den Vorlesungen, aber das war es dann auch. An der Prüfungsklausur nahm ich dann nicht mehr teil. Mir war ja klar, dass ich das nicht schaffen konnte. Einige Tage nach der Klausur traf ich dann ausgerechnet in meinem Stammcafé „La Strada“ meinen Dozenten. Der sprach mich dann auch prompt an und fragte, warum ich denn an der Abschlussklausur nicht teilgenommen hätte. Meine mündliche Beteiligung sei doch so gut gewesen. Ich hätte das doch mit Sicherheit geschafft. Ich dachte nur: „Wenn der wüsste.“ Andererseits ärgerte ich mich dann, dass ich das nicht wenigstens probiert hatte. Aber ich war davon ausgegangen, dass ich es nicht schaffen konnte. Zumindest fühlte ich mich ein bisschen geschmeichelt über die positive Einschätzung meiner Fähigkeiten. Ein Semester war geschludert und ich hatte nicht einen Schein gemacht. Es war also genau wie im Sportstudium. Ich war nicht in der Lage, über ein gewisses Pensum hinaus zu lernen. Nicht, weil ich keine Energie dafür hatte. Das war nicht der Grund. Es gab mehrere Probleme, mit denen ich mich abfinden musste. Das Erste war, dass ich nicht mehr Sportstudent sein konnte. Das zweite war, dass zur gleichen Zeit meine erste Beziehung,

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die mir etwas bedeutet hatte, beendet wurde. Meine damalige Freundin trennte sich von mir zu Anfang der Semesterferien. Ich erfuhr das von meinem besten Freund. Sie war wohl zu feige, es mir selbst zu sagen. In den Semesterferien drehte ich dann auch richtig ab. Ich konnte nicht nachvollziehen, warum sie mir das nicht selber gesagt hatte. Aber sie hüllte sich in Schweigen. Egal was ich auch probierte. Ich traf sie häufig im „La Strada“ oder auch abends in den damaligen Szenendiskotheken „Le Bateau“ oder „Gypsee’s“. Sie redete kein Wort mit mir. ICH BEGANN HASCHISCH ZU RAUCHEN Allein aus dem Grund, weil sie öfter mal rauchte und ich herausfinden wollte, ob sie sich deshalb so verschlossen verhielt. Ich wollte nie bei irgendeiner Droge landen. Auch nicht bei der damals so genannten Babydroge Cannabis. Einer ihrer Freunde, mit dem ich ganz gut konnte, rauchte. Das wusste ich. Kurz nach meinem 21. Geburtstag fragte ich ihn dann, was Hasch für eine Droge sei, ob sie abhängig mache und worauf sonst noch zu achten sei. Nachdem ich genug Informationen darüber hatte, ich wollte ja kein unkalkulierbares Risiko eingehen, rauchten wir den ersten Joint. In einem Park in der Nähe des „Gypsee’s“. Anschließend gingen wir ins „Gypsee’s“. Ich wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Natürlich hatte ich die Hosen voll. Aber ich merkte nichts von der Wirkung der Droge. Darauf war ich vorbereitet, weil er mir gesagt hatte, dass man bei den ersten Versuchen vielleicht nichts davon merkt. Einige Tage später probierten wir es wieder. In einem Park in der Nähe des neu erbauten Fernsehturms. Ich rauchte diesmal nicht so übertrieben vorsichtig wie beim ersten Mal. Als ich meinen Bekannten nach einigen satten Zügen fragte, ob er auch so ein Knacken im Kiefer hätte, wusste er schon Bescheid. Er fragte noch, ob ich jetzt eine trockene Zunge hätte. Ich sagte ja. Dann lachte er ziemlich abgedreht und bestätigte mir, dass ich jetzt high sei. Im selben Moment war ich wie vom Blitz getroffen und spürte, dass es tatsächlich so war. Ich hatte Angst vor der Drogenwirkung und wie man damit umgeht. Aber er hatte mich ja vorbereitet. Man braucht einen erfahrenen Haschkonsumenten, dem man vertrauen kann. Das war jetzt er. Er würde mir schon zeigen, wie ich das durchstehe, ohne auf den

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Horror zu kommen. Wir beschlossen, zu ihm zu gehen. Der Weg führte durch den Park, an einem Zaun entlang, der mich verdammt an einen KZ-Zaun erinnerte. Ich redete mit ihm darüber. Er sagte, wenn mich das jetzt beunruhigen würde, sollte ich versuchen, es zu genießen. Er vertrat die Ansicht, dass man auch den Horror genießen kann. Wir gingen einfach weiter. In seiner Wohnung angekommen, er wohnte noch mit seiner Mutter zusammen, legte ich mich sofort auf sein Bett. Er ließ das auch zu. Ich zitterte und fühlte mich auch kreislaufmäßig gar nicht so wohl. Dann fragte er, ob wir Musik hören wollten, und legte eine seiner selbst zusammengestellten Kassetten ein. Die Kassette war gut gemacht. Mit vielen Effekten und Geräuschen. Heranfahrende Züge und immer wieder Rückspulungen, welche die aufgenommenen Musiktitel verzerrten. Ich war zu high, um ein Statement zu seiner Musik abzugeben. Ich lag einfach nur da und versuchte mich zu entspannen. Richtig genießen konnte ich meinen ersten Haschtrip nicht. Ich war froh, als es nach zwei, drei Stunden endlich vorbei war und ich langsam wieder runterkam. Er selbst hatte als erfahrener Kiffer keine Schwierigkeiten, gut drauf zu sein. Als ich dann nicht mehr so wackelig auf den Beinen war, beschloss ich zu gehen. Der Nachhauseweg war dann auch weniger angenehm, als ich es mir gewünscht hätte. Beinahe in jeder Toreinfahrt vermutete ich etwas Geheimnisvolles, etwas Unheimliches, etwas Unerklärliches. Trotzdem kam ich, auch ohne Nachforschungen anzustellen, was denn da so Unheimliches auf mich wartete, zu Hause an. Ich hatte also meine erste Drogenerfahrung. Ich glaubte damals meinem Freund, dass mir Haschisch eine neue Bewusstseinsebene eröffnen würde. Ich war neugierig und irgendwie wollte ich es auch so. Aber ich hatte auch genug Realitätsbezug, um vorsichtig zu sein. Gott sei Dank war das ein starker Wesenszug meines Charakters. Wie die Spirale der Drogensucht funktioniert, war mir aus den Medien natürlich bekannt. Aber ich dachte, dass das für mich nicht zutrifft. Dafür bin ich zu schlau. Ich rauchte nur gelegentlich und auch nur geringe Mengen. Größere Dosen Hasch vertrug ich einfach nicht. Da kam ich auf den Horror. Im Prinzip hatte es mich auch nur zwei-, dreimal erwischt. Da hatte ich mich so mit der Menge verhauen, dass es entweder sehr lustig wurde oder ich aber den Horror bekam. An einen Haschtrip erinnere ich

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Mein Weg aus den Zwängen – von Frank Sturm