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Ulrich Backeshoff

Ein Genie macht Pause Eine fast wahre Biografie – auch zum Nachleben geeignet von Dr. Petra Fohrmann


Lässt sich das Leben eines Menschen in einem Buch zusammenfassen? Ulrich Backeshoff hat da seine Zweifel. Falls Sie, liebe Leserin oder lieber Leser sich in dieser ersten Auflage seiner Biografie nicht wiederfinden, würde er sich freuen, wenn Sie mit ihm Kontakt aufnehmen. Das gilt auch für diejenigen, deren Name geändert wurde. Bei der bereits geplanten zweiten Auflage reservieren wir gerne ein paar Zeilen oder auch Seiten für Ihre persönlichen Erlebnisse mit Herrn Backeshoff. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht: uba@conworks.eu


Impressum

1. Auflage 2012 Copyright Fohrmann Verlag, Köln Inh. Dr. Petra Fohrmann Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung und Layout: Susanne Widera, www.forteam.de Lektorat: txt-file ­Werbelektorat Printed in Germany Fotos: Hasso Kraus Ulrich Backeshoff Jing Wu

www.fohrmann-verlag.de


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Ein Genie macht Pause Eine fast wahre Biografie – auch zum Nachleben geeignet von Dr. Petra Fohrmann


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Wenn ein fünfjähriger Junge sozusagen zwangseingeschult wird, dann könnte dies ein früher Hinweis auf sein späteres Lebensmotto sein:

„Schneller sein als die anderen“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich Backeshoff kam am 12. Juni 1946 auf die Welt. Ein Jahr nach Kriegsende, nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen. Deutschland am Nullpunkt. Kein leichter Start ins Leben. In der Nachkriegszeit froren und hungerten die Menschen in ganz Deutschland, ob sie auf dem Lande lebten, oder in der Stadt. In ländlichen Gegenden war der Hunger vielleicht nicht ganz so groß, weil ein Stückchen Erde bepflanzt werden konnte und man die Möglichkeit zur Viehhaltung hatte. Ulrich wuchs im damaligen Bonsfeld, Ortsteil von Langenberg auf. Heute ist Langenberg ein Stadtteil von Velbert, zwischen Wuppertal und Essen. Dort lebte die Familie in einer Wohnung, was nach dem Krieg nicht selbstverständlich war. Überall herrschte Wohnungsnot. Familie Backeshoff galt als angesehen, reich war sie nicht.

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Der Vater, Ernst Backeshoff, musste damals nicht in den Krieg ziehen. Anfangs war er als Ausbilder unabkömmlich, dann hatte er mit 40 Jahren einen schweren Unfall. Er wurde beim Fahrradfahren von einem Lastwagen überrollt. Wie durch ein Wunder überlebte er. Allerdings war sein Reaktionsvermögen von da an verzögert. Er hatte Probleme beim Überqueren der Straße, weil er den Autoverkehr nicht richtig einschätzen konnte. Ansonsten gab es keine weiteren Einschränkungen, so dass er seinen Handwerksberuf sehr erfolgreich ausüben konnte. Schon in frühester Jugend wurde Ernst Backeshoff auf harte Proben gestellt. Als 13-Jähriger musste er seinem Vater am Sterbebett versprechen, dass alle neun Geschwister eine Ausbildung machen würden, Brüder und Schwestern. Seine Mutter und er lösten das Versprechen ein. Alle Mädchen und Jungen erlernten einen Beruf. Zur damaligen Zeit war es alles andere als selbstverständlich, dass auch die Mädchen in einer Familie eine Berufsausbildung bekamen. So geprägt, war es Ulrichs Vater ein hohes Gut, seinen eigenen Söhnen eine gute Zukunft zu sichern. Als Ulrich auf die Welt kam, hatten seine Eltern Ernst und Lydia Backeshoff bereits zwei Jungen im Alter von fünf und fast erwachsenen 20 Jahren. Damals galt man vor dem Gesetz erst mit 21 Jahren als erwachsen. So gesehen war Ulrich ein Nachzügler, der Köttel. Als Ulrich eines Tages zu seinem Vater kam, um sich bitterlich über den älteren Bruder Udo zu beklagen, konnte man ihm bereits ein frühes Interesse an lukrativen Geschäften unterstellen. Ulrich

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empfand es damals als ungerecht, dass sein Bruder Udo und dessen Freunde eine Jungenbande gegründet hatten, in die er nicht aufgenommen wurde. Es war viel Geld im Spiel. Die Bandenmitglieder hatten sich vorgenommen, Altpapier zu sammeln und zu verkaufen. Dabei ging es um Einnahmen in Höhe von fünf bis zehn Pfennig in der Woche, und zwar für jedes Mitglied. Vater Backeshoff, selbst ein Schlosserlehrlingsmeister, rechnete dem kleinen Ulrich alles genau vor. Allerdings wollte er sich nicht in die Geschäfte seiner Sprösslinge einmischen. Jedenfalls nicht direkt. Aber, und das brachte die Augen seines jüngsten Sohnes zum Strahlen, Vaters Zeitung sollte er bekommen. Die Chance wusste Ulrich zu nutzen, zumal er sich darauf verlassen konnte, dass die Zeitung nach dem Lesen noch so gut wie neu aussehen würde. Das Leben seines Vaters lief nach einem verlässlichen System ab. Er ging sehr früh aus dem Hause, um seinen Beruf auszuüben. Zwischen fünf und sechs Uhr am Morgen machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Er war Angestellter und als Prüfungsmeister seines Faches auch für die Ausbildung von Lehrlingen zuständig. Bereits um die Mittagszeit kehrte er wieder heim, bekam sein Mittagessen serviert und legte danach für 20 Minuten die Füße hoch. Zeit genug, um die Wuppertaler General-Anzeiger zu lesen, auf die ab sofort der kleine Ulrich lauerte. Bevor Ulrich sich für die tägliche Lektüre seines Vaters interessierte, wurden die gelesenen Zeitungen akkurat im rechten Winkel gefaltet und in einer Schublade gesammelt. Nach ein bis zwei Wochen schnürte

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Mutter Backeshoff dann ein Päckchen für die Oma, die im Nachbarort Hattingen wohnte. Ulrichs Oma hielt sich im Garten ein paar Hühner und nutzte die alten Zeitungen zum Einwickeln der Eier. Nun musste sie sich um eine andere Verpackung kümmern. Ulrich Backeshoff schnappte sich das Wuppertaler Blatt, nachdem es sein Vater ausgelesen hatte, und versuchte sein Glück in den Geschäften der Nachbarschaft. Davon gab es nach dem Krieg schon wieder eine ganze Reihe. Man kaufte noch nicht im Supermarkt ein, der alles unter einem Dach anbot. Supermärkte wurden wesentlich später gegründet. In Deutschland eröffnete der erste 1949 in Osnabrück. Aber das Selbstbedienungsprinzip konnte sich damals noch nicht durchsetzen. Erst Jahre später, um 1954, führten es fortschrittliche Händler wie die des EDEKA-Verbundes erfolgreich ein. Damals wusste Ulrich Backeshoff noch nicht, dass auch er einmal in dieses Business einsteigen würde. Er hatte schon früh eine Affinität zu amerikanischen Erfindungen. Der Supermarkt mit dem Selbstbedienungsprinzip, der fertig abgepackten Ware und den Non-Food-Produkten kam von Amerika nach Europa. In Amerika hatte die erste Supermarktkette den schönen Namen „King Kullen“. Der Name sollte die Assoziation zum Kraftprotz King Kong heraufbeschwören. Anfang der fünfziger Jahre kaufte man noch in dem heute legendären Tante-Emma-Laden um die Ecke ein. Manchmal musste man, um so wichtige Nahrungsmittel wie Fleisch, Brot, Milch und Obst zu besorgen, sogar verschiedene Geschäfte aufsuchen. Das war

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aber kein Problem. Langenberg im Ortsteil Bonsfeld verfügte über eine sehr hohe Ladendichte. Aber nicht alle Geschäfte florierten. Keiner der Ladenbesitzer war bereit, dem Jungunternehmer die Zeitung für fünf Pfennig abzukaufen. Obwohl der Neupreis der Wuppertaler Zeitung damals stolze zehn Pfennig betrug und sie so gut wie neu aussah. Fünf Pfennig waren damals noch viel Geld. Die Deutsche Mark hatte die Reichsmark erst im Juni 1948 abgelöst. Mit der Währungsreform verbesserte sich die Versorgungslage entscheidend. Gleich nach der Einführung der D-Mark waren die Regale in den Geschäften prall gefüllt. Viele Geschäftsleute hatten ihre Ware bis zur Einführung der D-Mark zurückgehalten. Aber Tageszeitungen galten immer noch als kleiner Luxusartikel, den sich nicht jeder leisten konnte. Trotz eines Preisnachlasses von 50 Prozent schien Ulrich auf seiner alten Zeitung sitzen zu bleiben. Enttäuscht und fast schon entmutigt fragte er am letzten Haus auf seiner Tour nach. So stand er vor dem Café des Konditormeisters Robert Tonscheidt. Es lag direkt vis-a-vis der elterlichen Wohnung. Das Geschäft der Bäcker und Konditoren kam nach dem Krieg relativ schnell wieder in Gang, denn mit der D-Mark in der Tasche gönnten sich die Deutschen zu besonderen Anlässen auch mal ein Stückchen Kuchen. Im Angebot waren zunächst einfache Blechkuchen mit Zwetschgen und Streuseln. Später trat die anbetungswürdige fette Buttercreme-Torte ihren Siegeszug an. Die Chancen standen also gar nicht so schlecht, dass Ulrich hier seine Tageszeitung an den Mann bringen konnte.

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Unter Marketinggesichtspunkten hatte er durchaus gute Karten. Aber solche Zusammenhänge analysierte er erst viel später. Konditormeister Tonscheidt hatte am frühen Morgen noch keine Zeit für die Tageszeitung. Das brachte der Beruf des Konditors so mit sich. Er kam, wenn überhaupt, dann erst am Nachmittag zum Lesen. Für Ulrichs Geschäftsmodell eine ideale Voraussetzung. Günstig war auch der Umstand, dass zu den Stammkunden des Cafés Vertreter zählten, die am Nachmittag bei einer Tasse Kaffee gerne ihre Aufträge sortierten. Das war die perfekte Zielgruppe, die Ulrich für sein Geschäft brauchte. So verwirklichte er zusammen mit Robert Tonscheidt sein erstes Win-win-Geschäft. Er bekam von nun an täglich fünf Pfennig, und Robert Tonscheidt konnte seinen Kunden eine Zeitung anbieten, die er zum halben Preis einkaufte. Ulrich ahnte damals noch nicht, dass er auch eine Gratislektion in Sachen Kundenbindung mit auf den Weg bekam. Für die Caféhausbesucher war die kostenlose Zeitung mit ein Grund, warum sie sich hier gerne ein Päuschen gönnten. Kundenbindung sollte in Zukunft eine große Rolle im Leben des erfolgreichen Unternehmers Ulrich Backeshoff spielen. Aber zunächst einmal war er stolz auf seinen ersten Deal. Ebenso wie sein Vater. Aber nicht alle waren vom Erfolg des Jüngsten so angetan.

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Bei seinem älteren Bruder Udo weckte Ulrich Neidgefühle und Eifersucht. Immerhin verdiente der Knirps mit der Zeitung des Vaters jeden Tag so viel wie er und die Mitglieder der Jungenbande in einer Woche. Und das bei einem weit geringeren Arbeitsaufwand. Ulrich musste nur mit der Zeitung über die Straße gehen und die Hand aufhalten.

„Der Eindruck, dass ich geschäftstüchtiger bin als meine älteren Brüder, blieb ein Leben lang.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrichs Vater versuchte den ersten Verdienst seines Sohnes gleich in die richtigen Bahnen zu lenken und eröffnete für ihn ein Sparbuch, auf das nun kontinuierlich Geld eingezahlt wurde. Später, als Ulrich 13 Jahre alt wurde, kam dann auch noch ein regelmäßiges Taschengeld hinzu. Allerdings wurde ihm und seinen Brüdern das Taschengeld nicht wie den anderen Kindern bereits am Samstag ausgezahlt, sondern erst am Montag. Vater Backeshoff wollte seinen Söhnen so den Umgang mit Geld beibringen. Womöglich hätten sie sonst alles am Wochenende ausgegeben.

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Als Ulrich die späte Taschengeldzahlung monierte, bekam er vom Vater einen Satz zu hören, den sein Sohnemann bis heute nicht vergessen hat:

„Wenn Montag nicht früher als Samstag ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr!“ (Ernst Backeshoff senior)

Sein Vater hatte eine ganz eigene Philosophie, was Geld betraf. Schuldenmachen kam bei ihm ganz und gar nicht in Betracht. Ulrichs Mutter hätte damals gerne ein Haus gekauft. Das scheiterte daran, dass Ernst Backeshoff es nicht hätte bar bezahlen können. Sohn Ulrich hat sich in jungen Jahren viel vom Vater abgeschaut und angenommen. Wer aber glaubt, dass Ulrich Backeshoff ein Musterknabe gewesen ist, der hat sich getäuscht. Ulrich Backeshoff ist im Sternzeichen der Zwillinge geboren. Manche behaupten sogar, er sei ein Doppelzwilling, weil er so viele Facetten besitzt. Es gibt eine Reihe von Geschichten, die immer wieder eine andere Seite von ihm zum Vorschein bringen. Bei jeder dieser Geschichten, die Herr Backeshoff erzählt, verändert sich sein Gesichtausdruck. Hinter der Ernsthaftigkeit eines gestandenen Geschäftsmanns blitzt manches Mal eine Lausbubenmimik hervor, wie sie sich nur ein Kindskopf bewahren kann. Er selbst teilt sein Leben in viele, viele Geschichten ein. In seiner Kindheit gab es sehr wenig Spielzeug. Einer großen Beliebtheit

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erfreuten sich bei Groß und Klein die Briefmarken. Heute ist das Sammeln von Briefmarken bei der Jugend nicht mehr modern. Die Sammelleidenschaft ist zwar bei Jungen immer noch weit verbreitet, aber heute geht es eher um Pokémon-Karten oder Panini-Sammelalben. Damals gab es vornehmlich Briefmarken, die gesammelt wurden. Eine Leidenschaft, die Jungen wie Männer gleichermaßen begeisterte. Ulrich Backeshoff erinnert sich, dass alle seine Cousins und auch Cousinen mit großem Eifer sammelten und natürlich untereinander tauschten. Bei einer so großen Familie hatte man eine interessante Auswahl. Kein Wunder, dass der kleine Ulrich hier ein lukratives Geschäft witterte. Er lernte schnell, dass man stets gut informiert sein sollte, wenn man im Geschäftsleben weiterkommen will.

„Einmal habe ich auch etwas Ungesetzliches getan.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich brachte in Erfahrung, dass die wertvollste Briefmarke der Welt die „Blaue Mauritius“ war. Er wusste auch warum. Die erste offizielle Briefmarke der Welt kam 1840 auf den Markt. Nur acht Jahre später erschien eine Briefmarkenserie der englischen Kronkolonie Mauritius. Auf der Umrandung der Marken standen der Wert, der Name „Mauritius“, „Postage“ und das

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– für britische Marken unübliche – „Post Office“. Es wurden zunächst nur 500 rote und blaue Mauritius gedruckt. Die rote zu einem Penny für den Briefverkehr in der Mauritius-Hauptstadt Port Louis und die blaue zu zwei Pence für den Postverkehr mit Übersee. Aufgrund des unüblichen Aufdrucks wurden diese Marken auch als legendärer Fehldruck gehandelt. Heute gibt es weltweit nur noch wenige Exemplare dieser ersten Auflage. Das regte die Phantasie des kleinen Briefmarkensammlers an. Seine Freunde und er sammelten damals unter anderem Berlin-Notopfermarken. Nach Ende der Berlin-Blockade und der Luftbrücke verabschiedete der Wirtschaftsrat des vereinigten Wirtschaftsgebietes im November 1948 das „Gesetz zur Erhebung einer Abgabe Notopfer Berlin im Vereinigten Wirtschaftsgebiet“. Danach musste auf die meisten innerdeutschen Postsendungen zusätzlich zum normalen Porto in Höhe von 20 Pfennig für einen Standardbrief eine Steuermarke, das sogenannte „Notopfer“, geklebt werden. Diese zusätzlichen zwei Pfennige sollten der West-Berliner Bevölkerung zugutekommen, die durch die Berlin-Blockade in wirtschaftliche Not geraten war. Ulrich Backeshoff schaute sich seine gesammelten Notopfermarken genau an. Auch sie waren blau. Ob Ulrich auch wusste, dass diese Marken bei der Einführung teilweise noch händisch mit der Schere vom Bogen abgeschnitten wurden? Erst ab Anfang 1950 gelang es, alle Marken zu perforieren. Jedenfalls griff auch Ulrich zur Schere, denn ihm war nicht entgangen, dass die berühmte „Blaue

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Mauritius“ keine Zacken hatte. Er war davon überzeugt, dass eine blaue, zackenlose Notopfermarke große Ähnlichkeit mit der „Blauen Mauritius“ haben würde. Dass diese kleine eigenmächtige Korrektur ihren Preis steigern würde, war naheliegend. So stempelte er also ganz eigenmächtig zwei Notopfermarken zu angeblich unbezahlbaren Fehldrucken. In langen Verhandlungen zeigte sich tatsächlich einer seiner Freunde ganz besonders interessiert. Er hieß Udo, war fünf Jahre älter als Ulrich und der Sohn einer der reichsten Unternehmerfamilien im Ort. Am Ende tauschte der gutgläubige Junge die wertvolle Familiensammlung mit 6.000 Briefmarken gegen zwei Notopfermarken à la Ulrich Backeshoff. Das blieb nicht ohne Folgen! Wohlweislich versteckte Ulrich die Alben unter seinem Bett. Doch dort wurden sie bald von seiner Mutter beim Putzen entdeckt. Vom Vater gab es für den Deal eine Tracht Prügel. Aber dann kam das Schlimmste. Ulrich musste die Briefmarken zurückbringen. Um einen ordentlichen Eindruck zu machen, wurden die Knie und die Ellenbogen mit der Wurzelbürste geschrubbt, die einzige Sonntagshose angezogen, die Haare gekämmt, ein gerader Scheitel gezogen und mit Nivea Creme geglättet. So herausgeputzt trat er den Kanossagang an. Langsam, aber stetig näherte er sich dem Haus der Familie Schulte-Bonsfeld. Dort wurde er von einer Haushälterin im schwarzen Kleid mit weißer Schürze und Häubchen empfangen. Er kam sich vor wie in einem Schwarzweißfilm. Es ging sehr vornehm zu und er wurde in einen Raum geleitet. Dort gab es zu seiner

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großen Verwunderung erst einmal Kakao und Kuchen. Das war wie Weihnachten oder Ostern für den kleinen Ulrich, denn bei Familie Backeshoff kamen diese Köstlichkeiten nur an Feiertagen auf den Tisch. Dann erschien Herr Schulte-Bonsfeld und Ulrich stellte sich schon einmal auf die nächste Tracht Prügel ein. Aber die blieb zum Glück aus. Die Reaktion von Udos Vater war unerwartet anders. Statt ihn zu bestrafen, bedankte er sich bei Ulrich dafür, dass er seinem Sohn eine so gute Lektion erteilt hätte. Zum Dank bekam er sogar das dünnste Briefmarkenalbum der Familie geschenkt. Und dann kam der schreckliche Teil, den Ulrich Backeshoff in seinem ganzen Leben nicht vergessen wird. Herr SchulteBonsfeld ließ durch die Haushälterin seinen Sohn Udo holen und verprügelte ihn vor Ulrichs Augen. Es war damals kein ungewöhnlicher Anblick, denn die Prügelstrafe galt bei Eltern und Lehrern als eine durchaus übliche Erziehungsmethode. Allerdings meldeten sich auch schon die ersten Pädagogen, die sich davon distanzierten. Ulrich Backeshoff hat diesen Anblick jedenfalls bis heute nicht vergessen. Als Ulrich nach Hause kam, drohte ihm gleich wieder eine Tracht Prügel vom Vater. Der sah nur das dünne Briefmarkenalbum in der Hand seines Sohnes und konnte nicht glauben, dass er es tatsächlich geschenkt bekommen hatte. Er vermutete vielmehr, dass Ulrich es unterschlagen hätte. Aber dieses Mal schaltete sich die Mutter ein. Sie stellte sich schützend vor ihren Sohn mit den

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Worten: „Das hat sich der Junge jetzt verdient!“ Das geschenkte Briefmarkenalbum hat Ulrich Backeshoff bis zum heutigen Tage aufgehoben. Nach fast 60 Jahren erinnert es ihn immer noch an diese Geschichte. Damals zeigte Herr Schulte-Bonsfeld dem jungen Ulrich auf schockierende Art und Weise, dass man aus Fehlern lernen muss. Für seinen Freund war diese Lektion eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Ulrich Backeshoff blieb in seinem Leben vor Misserfolgen nicht verschont. Aber selbst nach schwerwiegenden Niederlagen behauptet er noch mit einem bitteren Lächeln, dass er viel daraus gelernt hat. Bewundernswert, wenn es um Millionenverluste geht.

„Wenn ich keinen Spaß mehr habe, höre ich auf!“ (Ulrich Backeshoff)

Zu einem Zeitpunkt, an dem sich Ulrich Backeshoff eigentlich hätte zur Ruhe setzen können, ist er noch einmal voller Enthusiasmus ins Brauereigeschäft eingestiegen. Damals kaufte er gleich drei Brauereien, ein Weingut und eine Mineralwasserquelle. Das Weingut lag im Badischen. Erfahren hat er davon über eine sportliche Verbindung. Die Besitzer waren in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

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„Das Weingut habe ich auch wegen meiner sozialen Ader für einige Millionen DM gekauft“, erklärt Ulrich Backeshoff. „Mit dem Ziel, es über den Vertriebsapparat der Brauereien zu sanieren und auch selber noch daran zu partizipieren.“ Das Erfolgsrezept lag in einem anderen Vertriebsweg. Der neue Besitzer Ulrich Backeshoff wollte nicht mehr über die Winzergenossenschaft ausliefern. Der Vertrieb wurde komplett von ihm gemanagt und in den der Brauereien eingegliedert. Durch den direkten Weg konnte er damals sehr seriöse Preise definieren. Jede Verkaufszwischenstufe bedarf einer Finanzierung und treibt den Preis hoch. Das würde er heute wieder so handhaben. „Ich will nicht sagen, dass ich Vertrieb besser kann als andere“, behauptet der Geschäftsmann. „Aber wir haben in kurzer Zeit auch noch die Weine von anderen Winzern aus dem gleichen Ort verkauft.“ Einmal im Monat besuchte Ulrich Backeshoff sein Weingut im Badischen in der Ortenau. Warum es auch noch ein Weingut sein musste, lag nicht daran, dass er ein großer Weintrinker war. Ulrich Backeshoff beurteilt den Wein nur danach, ob er ihm schmeckt oder nicht. Wenn er überhaupt ein Gläschen trinkt, dann bevorzugt er Rotweine. Eines der drei Brauhäuser, die er gekauft hatte, blickte auf eine lange Tradition zurück. Es gehörte einst August Etzel, der die Schwierigkeiten der Kriegs- und Nachkriegsjahre gut gemeistert hatte. Den enormen Aufschwung in den 50er und vor allem in

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den 60er Jahren erlebte er allerdings nicht mehr. Sein Sohn August Etzel führte zusammen mit seiner Frau Elisabeth die Brauerei weiter. Sie war es wiederum, die nach dem frühen Tod ihres Mannes die Geschäfte weiterleitete. Ihr Nachfolger war der Alleinerbe Robert Etzel. Er verkaufte den Betrieb 1992 an einen Münchner Kaufmann namens Ulrich Backeshoff. Mit insgesamt drei in seinen Besitz übergegangenen bayerischen Kleinbrauereien beteiligte sich Herr Backeshoff nach dem Berliner Mauerfall 1989 am Bierkampf im Osten. Mit im Rennen war das bayerische Oettinger Bier Brauhaus. Aufgrund einer sehr kostengünstigen Produktion und Logistik hatte sich Oettinger im Westen einen Namen als Brauer von Billigbieren gemacht, vor dessen Niedrigpreisen die Branche angeblich zitterte. Ulrich Backeshoff zitterte nicht. Er verabredete sich mit dem Eigentümer der Oettinger Brauerei Dirk Kollmar und dessen Tochter. Treffpunkt war ein Haus in Germering, das Ulrich Backeshoff für seine Tochter Alexandra gekauft hatte und in dem sich sein Büro befand. Bei dieser Gelegenheit haben sich die beiden Brauerei-Kontrahenten Oettinger und Backeshoff übers Geschäft unterhalten und kamen zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass der Markt zwei so positiv Verrückte vertragen würde.

„Man hatte Respekt voreinander.“ (Ulrich Backeshoff)

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Ulrich Backeshoff meint, dass sein Konkurrent Oettinger aufgrund der langjährigen Erfahrung viele Sachen besser managte als er. Darum konnte er den Hut vor ihm ziehen. Was aber die Kreativität anbelangte, so sah sich der frisch gebackene Brauereiunternehmer Backeshoff durchaus im Vorteil. Gegenspieler Oettingers war bislang u.a. die Brau und Brunnen AG, der größte deutsche Getränkekonzern. Trotz dessen Images eines Edelmarken-Herstellers ließen es die Dortmunder zu, dass eine Kiste Bier der Ostmarke „Sternburg“ in den Verbrauchermärkten für 8,99 Mark verschleudert wurde. Oettinger zog mit. Doch dann tauchte Ulrich Backeshoff auf. Durch die Einführung einer Pfandmarke auf Bierkästen mit Bügelverschlussflaschen gelang es ihm, „alle bisher da gewesenen Trümmerpreise in den Schatten zu stellen“, wie das Branchenblatt „inside“ berichtete. Es war die Zeit, in der viele Unternehmen von der traditionellen Bügelverschlussflasche auf die Flasche mit Kronkorken umstellten. Übrigens wurde der Kronkorken bereits 1892 vom Erfinder William Painter (1838-1906) aus Baltimore (Maryland, USA) zum Patent angemeldet. Er nannte seine Erfindung „Crown Cork“, was in der deutschen Übersetzung Kronkorken heißt. In Deutschland nutzte Veltins erstmals im Jahre 1966 den Kronkorken, der von da an immer beliebter wurde. Ulrich Backeshoff kaufte die Auslaufflaschen und -kästen für 1,- bis 1,50 DM auf. Für den Kasten gab es 6,- DM Pfand. 4,- Mark für 20 Flaschen à 20 Pfennige und 2,- Mark für den Kasten. Die Kästen inkl. Flaschen kosteten damals in der

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Herstellung zwischen 6,- und 10,- DM. Je nach Herstellermenge. Die Händler mussten für den Kasten also mehr bezahlen als die Verbraucher. Aber das Verleihen der Kästen an die Käufer war kein einmaliger Vorgang. Die Flaschen wurden immer wieder befüllt und auch die Kästen blieben im Umlauf, bis sie unbrauchbar waren. Der neue Brauereiunternehmer Backeshoff kaufte mit einem Geschäftskollegen Millionen der alten Kästen und Bügelverschlussflaschen auf. Beispielsweise von Wernesgrüner, die nach der Wende und der Umstellung auf Kronkorken Wert darauf legten, dass ihre Kästen nicht mehr in Deutschland auf den Markt kamen. Die wurden also für wenig Geld ins Ausland verscherbelt, nach Kroatien. Bis auf die, die Ulrich Backeshoff für sich reservierte. Er besaß also nun Millionen von Kästen mit dem Aufdruck einer fremden Bauerei. Das war die eigentliche Herausforderung, denn in diesen Kästen konnte und durfte er sein Bier nicht verkaufen. Mit Hilfe eines sehr renommierten Patentanwaltes in München entwarf er eine Wertmarke, mit der die Kästen überklebt wurden. Wer einen Kasten mit dieser Wertmarke kaufte, der musste allein für den Kasten die gewohnten 6,- DM Pfand hinterlegen. Das war das eigentliche Geschäftsmodell, denn Ulrich Backeshoff hatte ja selbst nur ca. 1,- DM pro Kasten bezahlt. Damit gewährten ihm die Käufer immerhin einen Kredit in Höhe von 5,- DM pro Kasten. Wenn man ein paar Millionen Kästen mit so einer Gewinnspanne verkauft, dann kommt eine hohe Summe zusammen, mit der das Unternehmen zunächst einmal arbeiten konnte.

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„Meine Bonität hat damals ausgereicht, um ein Geschäft über 20 bis 30 Millionen Deutsche Mark zu realisieren“, meint Ulrich Backeshoff. Ein Geschäft ganz nach seinem Geschmack. Er hatte damals den Zeitgeist erkannt. Es war eine einmalige Gelegenheit, die nur unter den besonderen Umständen zustande kam. Es funktionierte aber auch nur zeitlich begrenzt. Als die Nachfrage nachließ, wurden die Wertmarken wieder entfernt und die Kästen für 1,- DM nach Kroatien verkauft. Damit hatte Ulrich Backeshoff sogar den Einkaufspreis generiert. Obwohl es ihm durch seinen taktischen Coup gelungen war, einen Abnahmepreis für den Handel von 6,25 DM pro Kiste Pils anzubieten, konnte er mit seinen Brauereien nicht überleben. Die Firmen waren bereits marode, als er sie damals übernommen hatte, und der Abwärtstrend des Marktes ließ sich nicht aufhalten. Der Hauptgrund für die Schließung war jedoch die Unlust, die Ulrich Backeshoff in sich aufkeimen spürte. Was Ulrich Backeshoff besonders schmerzte, war die menschliche Enttäuschung. Wichtige Angestellte hatten ihn betrogen und Warenlieferungen bestätigt, die sie in Wahrheit nicht bekommen hatten. Das führte dazu, dass der Unternehmer mit Leib und Seele den Spass verlor. Für ihn ein hundertprozentiges K.o.-Kriterium. Eine Überzeugung, nach der er mehrmals in seinem Leben handelte – und nicht selten dafür für verrückt erklärt wurde. Aber was heißt eigentlich verrückt sein? Wenn man das Wort genauer be-

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trachtet, dann bedeutet es, dass der Mensch ver-rückt ist. Nicht dort steht, wo alle anderen sind, sondern ein bisschen abseits der Norm gerückt ist. Das macht verrückte Menschen im positiven Sinne interessant, weil sie ein sehr kreatives Potential haben. Seine Grundidee findet Ulrich Backeshoff noch heute richtig und gut. Er ist davon überzeugt, dass auch die Umsetzung zu zwei Dritteln gewinnbringend war. Heute würde er aber eine andere Rechtsform wählen als damals. Am Ende hat Ulrich Backeshoff die Brauereien, das Weingut und die Mineralwasserquellen wieder aufgegeben. Die Schulden waren beträchtlich. Darüber hinaus tat es ihm nicht nur für sich und seine ihm gut gesinnten Mitarbeiter leid, sondern auch für die Familie des alten Weingutes, der er gerne aus der Klemme geholfen hätte. Denn das war wie immer der Motor des Ganzen. Eingefahrene politische oder wirtschaftliche Strukturen findet Ulrich Backeshoff langweilig. Die versucht er aufzubrechen, weil hinter allem Menschen stehen.

„Mich haben die Dinge ganz besonders interessiert, von denen andere behauptet haben: Das geht nicht! Das war für mich eine Herausforderung.“ (Ulrich Backeshoff)

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Nach diesem Brauhaus-Crash hätte Ulrich Backeshoff normalerweise auswandern sollen, um sich vor seinen Verbindlichkeiten zu drücken, bis sie verjährt sind. Aber das kam für den bodenständigen Unternehmer nicht in Frage, und so wurde aus einem Multimillionär ein immerhin noch gut situierter Geschäftsmann. Zu verdanken hatte er dieses finanzielle Auffangnetz indirekt seinem Vater. Der hatte ihm früh beigebracht, das Geld auf einem Sparbuch zu sichern, wenn man im Überfluss darüber verfügt. Das Sparbuch hätte ihn in dieser Situation nicht gerettet. Aber Ulrich Backeshoff hatte vorgesorgt in der Phase des Erfolges. 30 bis 40 Prozent wurden von ihm in Immobilien investiert und seiner Frau und seiner ältesten Tochter überschrieben. Heute sagt er, dass er in dieser Zeit am meisten gelernt hat. Sein Vater hatte ihm auch frühzeitig beigebracht, dass ein Backeshoff nicht davonläuft. Egal welche Strafe ihn erwarten würde. Darum blieb er auch nach dem Konkurs seiner Brauereien in Deutschland. Schon als Kind drückte er sich nicht vor der Verantwortung. Ulrich spielte leidenschaftlich gerne mit Freunden Fußball im Innenhof. Eigentlich war das verboten und man durfte sich dabei nicht vom Hausbesitzer erwischen lassen. Nicht ohne Grund, denn der Hof war kein Kinderspielplatz. Es gab mehrere Hauszugänge im vierstöckigen Wohnblock, die zu den verschiedenen Kleinstgewerbebetreibern führten, die sich dort niedergelassen hatten. Darunter auch ein Glasbläser. Wenn dann beim Fußballspielen eine Scheibe zu Bruch ging, war der Ärger groß. Das wussten die Kinder und

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suchten, so schnell es ging, das Weite. Ulrich Backeshoff war einer der Schnellsten beim Weglaufen. Nur dann nicht, wenn er selbst die Fensterscheibe mit dem Fußball zerdonnert hatte. Dann blieb er schuldbewusst stehen und ließ das Donnerwetter über sich ergehen. So wie es ihm sein Vater beigebracht hatte. Für Herrn Backeshoff senior bedeutete so ein Malheur die eine oder andere Überstunde, um den Schaden zu ersetzen. In dieser Zeit gingen sieben zerbrochene Fensterscheiben auf das Konto seines Sohnemannes. Aber es waren nicht nur die Fensterscheiben, die im Hof zu Bruch gingen. Ulrich Backeshoff erinnert sich noch gut an die Teppichklopfstangen, an denen man sich ganz legal austoben konnte. Allerdings sollte man sich vorher vergewissern, dass die Hausfrauen nicht gerade die frisch gewaschene Wäsche auf die Leinen gehängt hatten. Sonst konnte man sich auch bei dieser durchaus ehrenvollen Arbeit eine Menge Ärger einhandeln, weil die Wäscheleinen neben der Teppichklopfstange angebracht waren. Hatte die Wäsche mal wieder einen leichten Grauschleier, so tippte man gleich auf den fleißigen Ulrich, der nicht aufgepasst hatte. Sein Ruf eilte ihm voraus, denn bereits im Kindergartenalter war er für seine Streiche berühmt und berüchtigt. Davon konnte man sogar in der Zeitung lesen. Damals wurde die Post in Bonsfeld noch mit einem Handschubkarren zur Hauptstelle gefahren. Der kleine Ulrich und seine Kindergartenfreundin Jutta nutzten eines Tages diese günstige Mitfahrgelegenheit und schmuggelten sich heimlich unter die Plane zwischen die Post. Die Fahrt ging bald

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darauf los und der Postbote fuhr die beiden Kinder ahnungslos ein paar hundert Meter spazieren. In der Nähe des Elternhauses gab es eine Brücke, auf der Ulrich einen Blick riskierte und unter der Plane hervorlugte. Er erkannte die Stelle auf der Brücke am Fahrgeräusch. Über sie war er mit seinem Roller schon viele Male gerattert. Irgendwann ist es dann auch dem Postboten aufgefallen. Dafür gab es erst einmal eine Ohrfeige. Dennoch hatte Ulrich mal wieder eine wunderbare Story, die in der Verwandtschaft die Runde machte. Seine Eltern haben ihm später erzählt, dass diese Geschichte sogar in der Langenberger Ausgabe des Wuppertaler Generalanzeiger gestanden haben soll. Jutta Schürmann war die erste langjährige Freundin von Ulrich, noch bevor er eingeschult wurde. Die beiden waren unzertrennlich. Jutta wohnte in der Nachbarschaft und war wie ihr Freund immer zu Streichen aufgelegt. Einmal wollten die beiden eine Cousine von Jutta besuchen, aber die war nicht zu Hause. Die Wohnungstür der Cousine namens Gerlinde Pettkuss stand allerdings offen und die beiden Knirpse nutzten die Gelegenheit, um die Wohnung ein wenig umzuräumen. Der Eintopf wurde in den Kohlenkasten geschüttet und der Spiegel mit Zahnpasta bemalt. Dabei ließen sich Jutta und Ulrich viel Zeit. Inzwischen suchte die ganze Straße nach den vermissten Kindern. Juttas Mutter war von Anfang an davon überzeugt, dass die beiden Kinder bei der Cousine sein müssten. Aber dort wurde nicht nachgesehen, weil die Cousine ja nicht daheim war. Die Vermisstengeschichte hat man sich dann

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noch lange auf Familienfeiern erzählt. Zehn Jahre später sind sich Jutta und Ulrich zum ersten Mal wieder begegnet. „Aber wir haben uns nicht einmal begrüßt“, erinnert sich Ulrich Backeshoff nachdenklich. „Wir waren praktisch zwei Jahre zusammen. Das war meine erste große Liebe.“ Mit seinen Freunden hat Ulrich später auch weniger lustige Sachen angestellt. Beispielsweise mit den Kanaldeckeln an den Bürgersteigen, durch die das Wasser von der Straße in die Kanalisation lief. Diese Metalldeckel haben Ulrich und seine Freunde einfach zur Seite gezogen. Ohne groß darüber nachzudenken, dass dadurch jemand mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß hätte verunglücken können. Dafür bekam er dann ordentlich den Hintern versohlt. Die Kanalisation wirkte schon beim Bau wie ein Magnet auf die Kinder. Ausgerechnet in der Heegerstraße, in der Ulrich wohnte, wurde damals ein Kanalsystem für Abwasser gebaut. Damals hatten die Häuser noch Jauchegruben, die leer gepumpt werden mussten. Jetzt sollten die Häuser an die Kanalisation angeschlossen werden. Um die Baustelle zu sichern, wurden Petroleumlampen aufgehängt. Immerhin gab es auch schon ein paar Autos, die im Dunkeln in der Baustelle hätten verunglücken können. Für die Kinder wurde die Abenteuerbaustelle durch die bengalische Beleuchtung noch interessanter. Dort spielten sie am liebsten. Auch wenn die Bauarbeiter das gar nicht gerne sahen. Man durfte sich nicht von ihnen erwischen lassen, denn das Spielen in der Baustelle war selbstverständlich verboten. Die Arbeiter schimpften lauthals mit den

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Kindern und scheuchten sie weg. Manchmal liefen sie ihnen sogar nach. Einer der Arbeiter hat die Kinder durch ein Abwasserrohr verfolgt. Die Halbwüchsigen konnten darin gerade noch aufrecht laufen. Der erwachsene Verfolger musste sich schon bücken. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in der Hektik stürzen würde. Als er dann tatsächlich stolperte, fiel er auch noch in die Fäkalien, die dort bereits abflossen. Die Kinder fanden das zunächst einmal lustig und hatten ihre Schadenfreude. Aber dann kam doch das schlechte Gewissen und zu Hause wurde gebeichtet. Ulrich und seine Freunde mussten sich am nächsten Tag bei dem Bauarbeiter entschuldigen.

„Das war damals die Erziehungsmethode der Eltern und auch der Lehrer. Sie wussten, dass uns Burschen eine Entschuldigung sehr schwer fiel. So richtig genutzt hat es aber nichts.“ (Ulrich Backeshoff)

Die treibende Kraft hinter der frühzeitigen Einschulung des fünfjährigen Ulrich Backeshoff waren die Kindergärtnerinnen. Heute würde man gleich darauf tippen, dass er hochbegabt war. In mancher Beziehung ist er es wohl auch gewesen. Das zeigte sich deutlich, als es um den Schrecken aller Kinder ging, den Löffel voll

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Lebertran. Das anerkannte Stärkungsmittel bei Kinderkrankheiten und Unterernährung. Nur ein Löffel pro Tag. Aber in diesem Löffel lag nicht nur für den kleinen Ulrich aller Ekel dieser Welt. Der süßliche Geruch war zunächst einmal vielversprechend. Doch dann machte sich ein fettiges, warmes Gefühl im Mund breit. So versuchte man, den Lebertran so schnell wie möglich herunterzuschlucken. Doch der Abgang war das Schlimmste und durch nichts mehr rückgängig zu machen. Mit ihm entfaltete sich das volle Aroma. Ein traniger Geschmack mit fischigem Mief. Die Erinnerung hat sich unauslöschlich im Gedächtnis der Nachkriegskinder verankert und nachhaltig dafür gesorgt, dass der Lebertran weitestgehend aus den Regalen der Apotheken verschwunden ist. Der Kindergartenjunge Ulrich Backeshoff musste aber nicht erst erwachsen werden, um die Einnahme von Lebertran zu umgehen. Ihm gelang es bereits im Kindergartenalter auf geschickte Art und Weise, sich immer wieder hinten in der Schlange der Leidensgenossen einzureihen. So lange, bis der Lebertrankelch an ihm vorübergegangen war. Darüber konnte man wohl auch schon damals lächeln. Aber es lässt vermuten, dass sich Ulrich auch Dinge einfallen ließ, die den Kindergarten aufmischten und die Kindergärtnerinnen auf die Idee brachten, diesen Jungen frühzeitig in die Obhut der Schule zu übergeben. Damit waren sie ihn los und die Schule durfte sich mit ihm amüsieren. Obwohl es damals noch nicht üblich war, ein Kind frühzeitig einzuschulen, konnte man beim kleinen Ulrich guten Gewis-

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sens eine Ausnahme machen. Er war nicht nur sehr einfallsreich, sondern für sein Alter auch ungewöhnlich gebildet. Dies verdankte er vor allen Dingen seiner Tante Martha, einer unverheirateten Schwester seines Vaters. Man erzählte sich, dass sie nur einmal im Leben verliebt war. Geheiratet hat sie nie. Weil sie dadurch am längsten im Haushalt der Mutter geholfen hatte, um alle Geschwister zu versorgen, stand sie sich finanziell am schlechtesten. Erst sehr spät bekam sie mit Hilfe ihrer Brüder, darunter Ulrichs Vater Ernst, eine sehr interessante Anstellung in einer Papierfabrik. Dort wurden aus Pappe Fahrscheine hergestellt, die man für die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kaufen musste. Diese Karten wurden dann kontrolliert und von einem Schaffner abgeknipst. Es handelte sich um die weltbekannte Kartonfirma Laakmann in Velbert-Langenberg. Der offizielle Name lautete „H. Laakmann Kommanditgesellschaft Kartonfabrik Langenberg“. Ein eher unscheinbares Gebäude an einer Durchgangsstraße. Hier trug auch Tante Martha dazu bei, dass aus Kartonagen Millionen von Eisenbahnfahrkarten für die unterschiedlichsten europäischen Eisenbahngesellschaften gestanzt wurden. Heinrich Laakmann hatte das mehrgeschossige Gebäude schon 1848 zu einer Papiermühle umbauen lassen. Früher war es eine Walkmühle für Tuchwaren. Auch dafür war diese Region bekannt. Die Produktion der Eisenbahnfahrkarten wurde erstaunlicherweise erst 1995 nach 147 Jahren eingestellt. Tante Martha war aber vom Konkurs der Fabrik nicht mehr betroffen. Wohl aber damals von der Umweltbelastung,

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die die Fabrik zu verantworten hatte. Es wurde darüber berichtet, dass durch die Mühle der Deilbach verunreinigt wurde. Auch das vermehrte Auftreten von Leukämie in den Wohngebieten rund um den Schornstein der Fabrik trug dazu bei, dass viele Menschen die Schließung der Fabrik begrüßten. Die Geschwister kümmerten sich rührend um ihre Schwester Martha. Sie war die Erste in der Familie, die einen Fernseher bekam, für den alle Brüder zusammengelegt hatten. Man war der Meinung, dass ihr ein bisschen Unterhaltung gut tun würde, weil sie ja keinen Mann geheiratet hatte. Tante Martha war es dann auch, die Zeit genug hatte, um auf den kleinen Ulrich aufzupassen. Sie brachte ihm viele Dinge bei, die er für die Einschulung brauchte. Darüber hinaus zeigte sie dem Sprössling auch, wie die Uhr funktioniert. Der kleine Ulrich sog alles das, was ihm wissenswert erschien, wie ein Schwamm auf. Dazu zählte sogar das Geburtsdatum seiner Eltern mit Jahrgang. Wer kennt das schon so genau von seinen Eltern? Selbst erwachsene Kinder haben oftmals das genaue Datum nicht auf Anhieb parat. Das vermutet Ulrich Backeshoff mit einem verschmitzten Lächeln auch bei seiner eigenen Tochter Alexandra, die inzwischen erwachsen ist. Schlimm findet er es nicht, denn Alexandra ist Goldschmiedemeisterin und als Künstlerin an ganz anderen Dingen interessiert. „Aber vielleicht tue ich ihr auch Unrecht?“, räumt er ganz schnell ein.

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Tante Martha brachte dem kleinen Ulrich auch Zählen und Rechnen bei. Zählen lernte er sehr schnell. Während andere Kinder bis zehn zählen konnten, brachte er es auf hundert. Beim Rechnen konnte er weder malnehmen noch teilen. Aber zusammenzählen und abziehen, das lag ihm. Die Basis für seine ersten Geschäfte.

„Ich bin ziemlich sicher, dass ich damals meinem fünf Jahre älteren Bruder Udo bei Mathe geholfen habe.“ (Ulrich Backeshoff)

„Aber dafür konnte mein Bruder Udo Dinge, die ich im ganzen Leben nicht gelernt habe“, muss Ulrich Backeshoff neidlos zugeben. „Beispielsweise technisches Zeichnen. Heute geht das alles mit dem Computer.“ Ulrich Backeshoff erinnert sich daran, dass ihn sein Lieblingslehrer Herr Eichhorn zum Nachhilfeunterricht für die anderen Schüler eingeteilt hatte. Mathematik wurde sein bestes Fach. Mit Lehrer Eichhorn verband Ulrich Backeshoff eine Freundschaft bis ins Alter. Als Schüler Ulrich später eines seiner Firmengebäude einweihte, hielt sein ehemaliger Lehrer Eichhorn eine Grundsatzrede. Eingeweiht wurde ein 50 Meter breiter und 100 Meter langer Gebäudetrakt, den Ulrich Backeshoff für seine Firma BAX bauen ließ. Bei dieser Feier war auch Gerold Tandler, ein ehemaliger

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deutscher Politiker der CSU, anwesend, der 1988 noch unter Strauß das Amt des Ministers für Wirtschaft und Verkehr innehatte. Die Rede seines Lehrers war unterhaltsam gespickt mit kleinen Anekdoten aus Ulrichs Schulzeit. Dazu gehörte die Geschichte der Theater AG, die von Herrn Eichhorn geleitet wurde. Damals unterrichtete er mehrere Klassen gemeinsam. Beispielsweise die erste mit der zweiten Klasse und die dritte mit der vierten Klasse. So bekam der Erstklässler Ulrich Backeshoff schnell mit, dass nur die älteren Schüler Theater spielen durften. Das fand er ungerecht und beschwerte sich bei seiner Mutter. Mutter Lydia Backeshoff war stets eine wichtige Anlaufstelle für Ulrich. Sie ist zu seiner großen Freude 95 Jahre alt geworden. In ihrem Leben gab es all die Jahre keinen Stillstand. Als ihre Kinder damals aus dem Haus waren, begann sie ein Jurastudium. Bis ins hohe Alter war sie immer noch für die Abrechnung von ganzen Wohnblocks zuständig. „Eine tolle Frau!“, betont Ulrich Backeshoff voller Bewunderung. In vielen Dingen hat er sie sich zum Vorbild genommen. Allerdings möchte er gerne 100 Jahre alt werden! Damals gab sie ihrem Sohn den guten Rat, sich direkt an den Lehrer zu wenden, der selbst drei Kinder hatte und sicherlich mit Verständnis reagieren würde. Ulrich wurde von ihr früh zur Selbstständigkeit erzogen und da er auch schon wusste, wo sein Lehrer Eichhorn wohnte, stattete er ihm einen Besuch ab. Sein Mut wurde belohnt und Ulrich Backeshoff bekam immerhin in

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der Ersatztruppe eine sprechende Rolle für die Theateraufführung „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Er durfte den siebten Zwerg spielen. Den Satz, den er für diese Rolle lernen musste, kann er noch heute aufsagen: „Oh, seht in meinem Bettelein, schläft lieblich, sanft ein Mägdelein.“ Worauf dann die anderen im Chor sprachen: „Ein Mägdelein, oh, lass uns sehn, mein Gott, wie ist das Kind so schön.“ Das war der erste Bühnenauftritt von Ulrich Backeshoff. Später folgten mehrere Fernsehauftritte. Auf seine Rechenkünste konnte sich Ulrich Backeshoff in der Schule stets verlassen. Nicht aber auf seine Leistung in Latein und Englisch. Diese Fächer musste der Vater mit ihm üben. Doch Ulrich war kein guter Nachhilfeschüler. „Üb du mal schön“, dachte er insgeheim, wenn sein Vater mit ihm die Vokabeln auswendig lernte. Wahrscheinlich konnte der Vater sie anschließend besser als der Sohn. Aber das störte Ulrich nicht. Was ihn viel mehr ärgerte, war die Erfahrung, dass sein Vater besser Schach spielen konnte als er. Leider ließ Vater Backeshoff seinen Sohn niemals gewinnen. Manche Eltern machen ihren Kindern schon mal die Freude und lassen sie augenzwinkernd gewinnen. Nicht so Ulrichs Vater. Doch genau das weckte wieder den Ergeiz des Sprösslings.

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Ulrich brauchte ein paar Jahre Übung beim Schachspielen, aber bereits mit zwölf Jahren war es dann so weit. Ulrich setzte seinen Vater schachmatt.

„Gelobt wurde ich dafür nicht, was mich bis heute ein bisschen schmerzt.“ (Ulrich Backeshoff)

Um seinen Erfolg vollends auszukosten, schlug der zwölf Jahre alte Ulrich noch am gleichen Tag auch den Freund seines Vaters beim Schachspielen. Auch der hatte dies nicht für möglich gehalten. Die Einzigen, gegen die Ulrich keine Chance beim Schachspielen hatte, waren die russischen Handballspieler, mit denen er später im Verein war. Die bekamen ihr Schachbrett schon mit in die Wiege gelegt und spielten von klein auf wie die Weltmeister. Es gab Dinge, die Ulrich interessierten und für die er sehr gerne übte. Ansonsten ging es in seiner Jugend vor allen Dingen ums Streichespielen. Das war seine ganz große Leidenschaft, auch in der Schule. So versteckte er sich einmal vor der Mathematikstunde im großen Schulschrank, der im Klassenzimmer aufgestellt war. Damals war es eine beliebte Unterrichtsmethode, alle Schüler aufstehen zu lassen und ihnen Kopfrechenaufgaben zu stellen. Wer die richtige Antwort wusste, durfte sich setzen. Diejenigen, die zum Schluss noch standen, wurden zunehmend verspottet. Eine

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pädagogisch fragwürdige Methode, die damals aber üblich war. Jedenfalls mussten alle Kinder an diesem Tag wieder einmal aufstehen und die Lehrerin stellte ihre Aufgaben. Die erste Frage wusste keiner zu beantworten. Nur der kleine Ulrich im Schrank konnte die richtige Antwort herausrufen. Durch ein paar Risse im Holz beobachtete er die Lehrerin. Die Kinder lachten, als sie Ulrichs Antwort aus dem Schrank hörten. Die Lehrerin konnte sich nur wundern und meinte: „Das war richtig. Aber wer hat es gewusst, und was gibt es da zu lachen?“ Keines der stehenden Kinder meldete sich. Als die nächste richtige Antwort erneut aus dem Schrank kam und die Kinder wieder lauthals lachten, schöpfte die Lehrerin Verdacht. Der Schrank wurde geöffnet und Ulrich bekam eine saftige Ohrfeige. In seiner Note schlug sich dieser Streich nicht nieder. Er blieb in Mathe Klassenbester. Im Betragen wohl eher nicht. Auch die Biologielehrerin Frau Dr. Schunkert war mit Ulrichs Benehmen nicht immer einverstanden. Einmal stand sie geradezu unter Schock. Ulrich Backeshoff erinnert sich noch gut an jenen Samstag, an dem er zur Schule gehen musste. Für die 12-Uhr-Pause hatte er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Damals wurde die Pause von einem Sirenenton angezeigt. Zeitgleich starteten er und seine Freunde zehn kleine Spielzeugpanzer und ließen sie in Reih und Glied durch den breiten Schulflur rollen. Die kleinen Panzer konnte man aufziehen. Beim Fahren schlugen sie durch kleine Feuersteine Funken, was ziemlich spektakulär aussah. Für die Lehrerin

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war es allerdings schockierend. Die Kombination von Sirene und feuersprühenden Minipanzern weckte ungute Kriegserinnerungen bei ihr. Sie bekam einen Weinkrampf und lief zum Schuldirektor. Direktor Storch hatte den Ruf, dass man bei ihm immer nachsitzen musste. Nur bei Ulrich machte er regelmäßig eine Ausnahme. An ihm hatte er einen Narren gefressen. Ulrich musste in den vier Schuljahren nicht einmal nachsitzen. „Wenn der Religionsunterricht ausgefallen ist, dann durfte ich Märchen vorlesen“, erinnert sich Ulrich Backeshoff. Doch an diesem Tag musste er beim Direktor antanzen und Rede und Antwort stehen. „Ulrich, was war mit den Panzern?“ – „Welchen Panzern, Herr Direktor? Es gab nur einen Panzer.“ Ulrich zeigte dem Direktor seinen Spielzeugpanzer und gestand den Streich, so wie es sein Vater immer von ihm verlangt hatte. „War es wirklich nur dein Panzer?“, fragte der Direktor noch einmal nach. „Ja, nur meiner“, log Ulrich, um die Freunde nicht zu verpetzen. Allerdings regte sich bei Ulrich das schlechte Gewissen in Bezug auf die Lehrerin. Und so beichtete er den Vorfall daheim. Seine Mutter hielt wie immer zu ihm. Sie backte einen Kuchen für die Lehrerin, mit dem sich Ulrich ganz einsichtig vielmals entschuldigte. „Danach habe ich in Biologie immer gute Noten bekommen“, erinnert sich Backeshoff mit einem breiten Grinsen. „Das mit der

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Entschuldigung hat der Lehrerin imponiert. Und der Kuchen hat ihr ganz bestimmt geschmeckt.“ Meist war es Ulrichs Vater, der eine Wiedergutmachung für die Streiche seines Sprösslings ablieferte. Highlight war ein Weißblechkasten mit Paraffin, der ebenfalls der Biologielehrerin, aber auch allen Schülern zugutekam. Normalerweise wird so ein Kasten erst an der Universität zu Übungszwecken eingesetzt. Einer der Schüler brachte eines Tages nackte Babymäuse in den Biologieunterricht, die er aus dem Nest geholt hatte. Die Biologielehrerin konnte den Kindern dann genau erklären, wie man ein solches Tier seziert. Dazu gebrauchte man genau diesen besagten Weißblechkasten, den Ulrichs Vater gebastelt hatte. Darin wurde das Tier mit Stecknadeln aufgesteckt. Dann füllte man Wasser ein, damit sich die Eingeweide lösten. Danach konnte man wissenschaftliche Studien betreiben. Das war für die 12-jährigen Schüler hochinteressant. Biologieunterricht auf dem Level der Universität. Ulrichs damalige Lehrerin hat sich große Mühe gegeben, und damit ist sie bei den Schülern gut angekommen. „Schade, dass ich den Kasten nicht behalten habe“, findet Ulrich Backeshoff. „Aber ich könnte heute noch aufzeichnen, wie der ausgesehen hat.“ Es gab aber auch hundertprozentig positive Taten, die Ulrich auf seinem Schulkonto verbuchen konnte. So zum Beispiel die Renovierung des Klassenzimmers. Damals wie heute fehlte den Schulen das Geld für aufwendige Renovierungsarbeiten. Ulrich

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hatte seinem Vater schon oft beim Tapezieren zugesehen. Es gelang ihm Tapetenrollen, Kleister und Farbe zu organisieren und dann gemeinsam mit ein paar anderen Schülern und Eltern das Klassenzimmer zu renovieren. Ulrich übernahm dabei die gesamte Organisation. Ein schöner Nebeneffekt war, das Klassenlehrerin Frau Dr. Storch für die ganze Aktion zwei Tage schulfrei spendierte. Einerseits hat Schüler Backeshoff für ein ordentliches Klassenzimmer gesorgt, andererseits hat er sich mit seinen Freunden heimlich in die Schule geschlichen, um dort „aufzuräumen“. Es gab einen Hintereingang zum Schulgebäude, den Ulrich statt mit einem dafür vorgesehenen Riegel nur locker mit Zeitungspapier arretierte. Die Tür wirkte rein optisch geschlossen, ließ sich aber ganz leicht wieder aufstoßen. So gelangten die Schüler auch ohne Schlüssel nach Schulschluss in das Gebäude und nahmen sich in aller Ruhe erst einmal das Lehrerzimmer vor. Dabei wurden sie nicht erwischt. Beim Abernten eines Zuckerrübenfeldes hatten sie nicht so viel Glück. Ulrich stiftete seine Freunde dazu an, die Runkelrüben, wie man sie damals nannte, etwas vorzeitig abzuernten. Sie waren für den Futterbetrieb gedacht und die Lausbuben gaben sich redlich Mühe, ein kleines Feld abzuernten und die Rüben anschließend hübsch der Reihe nach zu sortieren. Es gab große, mittlere und kleine Runkelrübenhäufchen. Auf frischer Tat erwischt wurden sie dabei nicht, aber unentdeckt blieb diese Aktion natürlich nicht. Am nächsten Tag mussten die Jungen in der Schule antreten und wurden befragt. Ulrich

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zögerte einen Moment. Aber dann sah er ein, dass er sich doch stellen musste. Leider hatte einer der Jungen seine Strickjacke auf dem Feld vergessen. Es wäre nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis man diese Jacke einem Jungen namens Ulrich Backeshoff zugeordnet hätte. Also musste er die Tat gestehen. Diesmal war es Ulrichs Mutter, die mit dem Bauern verhandelte. Ulrich Backeshoff führt die vielen Streiche, die er als kleiner Junge gespielt hat, auch auf den großen Altersunterschied zu seinen Brüdern zurück.

„Generell musste man als kleiner Junge erst einmal viele Jahre einstecken, bis man dann größer war und mithalten konnte.“ (Ulrich Backeshoff)

Durch solche Streiche hoffte er unbewusst, wenigstens eine Differenz von vier bis fünf Jahren wettmachen zu können. Das Verhältnis zu seinen älteren Brüdern ist immer sehr schwierig gewesen. Bruder Udo ist fünf Jahre älter als Ulrich und in dessen Augen ein technisches Genie. Zahlreiche Patente gehen auf das Konto seines Bruders. Ulrich hatte dagegen ganz andere Vorlieben. Handwerklich hat er zwar vieles gekonnt, aber nicht mit Spaß gemacht. Selbst die Renovierung seiner ersten eigenen Wohnung in Dreieichenhain bei Frankfurt am Main hat ihm keine Freude bereitet.

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Ulrichs 20 Jahre älterer Bruder Ernst musste damals in den Zweiten Weltkrieg ziehen und war anschließend in Kriegsgefangenschaft. Davon hat der kleine Bruder Ulrich, der erst nach Kriegsende geboren wurde, kaum etwas mitbekommen. Ernst, der den gleichen Vornamen wie der Vater trug, wurde 1927 geboren und hat noch das Notabitur gemacht. Dann wurde er an die Ostfront eingezogen. Dort geriet er in russische Gefangenschaft. Zum Glück kam er aber sehr bald nur leicht verletzt in ein Lazarett nach Berlin. Die abenteuerliche Flucht seines Bruders aus dem Lazarett in Berlin kennt Ulrich Backeshoff aus den Erzählungen. Die Flucht gelang dem jungen Mann damals in kurzen Hosen. Man hatte ihm die Hosenbeine abgeschnitten, damit er nicht mehr wie ein Soldat, sondern eher wie ein Schuljunge und Lausbub aussah. Geflohen ist er damals mit einem Jungen aus der Oetker-Dynastie, mit dem er auch aus Russland nach Berlin gekommen war. Als Ulrich 1946 geboren wurde, war der älteste Bruder schon wieder daheim. Ein großes Glück für die Eltern, denn Ernst war einer der wenigen Überlebenden aus seiner damaligen Gymnasialklasse. Von diesen Schülern, die alle eingezogen wurden, sind nur zwei aus dem Krieg zurückgekehrt. Der zweite Überlebende starb später an Typhus. Zum Glück sind Epidemien wie Typhuserkrankungen in diesem Krieg kein so großes Problem mehr gewesen wie in den Kriegen davor. Im amerikanischen Bürgerkrieg sind fast doppelt so viele Soldaten an Krankheiten wie Typhus gestorben als durch Waffen-

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einwirkung. Der Krieg 1870/71 war der erste in der Geschichte, der weniger Epidemieopfer als Kampfopfer forderte. Ernst Backeshoff junior hatte den Krieg zum Glück ohne Spätfolgen überstanden. Er brachte zwar auch ein paar Handicaps mit, aber nichts, was ihn ernsthaft einschränkte. „Ich erzähle immer, dass mein großer Bruder 20 Jahre älter ist als ich“, grinst Ulrich Backeshoff. „Ernst besteht auf 19 Jahre und ein paar Monate.“ Jedenfalls kannte Ulrich ihn immer nur als großen Bruder. Ernst war nach dem Krieg gut 20 Jahre alt und hat gleich eine kaufmännische Lehrer absolviert. Danach ging es mit seiner Karriere steil bergauf. Gegen die Erlebnisse seines Bruders Ernst war Ulrichs Jugend eher unbeschwert. Das Landleben bot ihm offensichtlich eine Reihe von Versuchungen für allerlei Streiche. Allein die Obstbäume in der Nachbarschaft inspirierten den kleinen Jungen zum Schabernack. Dort standen kleine Apfel- und Birnenbäume, die zum ersten Mal Früchte trugen. Sie gehörten dem Vater eines Freundes namens Klaus Stölker, der mit seiner Familie eine Zeit lang im gleichen Wohnblock wie Familie Backeshoff wohnte. Sein Vater war ein fleißiger Mann. Damals hatte der Lausbub jedoch die ausgefallene Idee, alle Äpfel und Birnen abzuschneiden und sie mit einem Zwirn an den jeweils falschen Baum zu hängen. So trug der Apfelbaum plötzlich Birnen und den Birnenbaum zierten Äpfel. Man könnte meinen, dass Ulrich das Landleben liebte und auch mit Freuden bei der Ernte dabei war. Aber dem war nicht so.

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Ernten bereitete ihm offensichtlich nur in Verbindung mit Streichen Vergnügen. Zuckerrüben zu früh ernten oder Äpfel und Birnen vertauschen ja, aber beim regulären Pflücken der Stachelbeeren drückte er sich geschickt. Das war den Eltern bekannt, und so hieß es, dass er erst dann Fußball spielen dürfe, wenn er einen Eimer mit Stachelbeeren gepflückt hat. Der Eimer war unendlich groß, auch wenn er ein wenig trichterförmig zulief. Ulrich stellte erfreut fest, dass der Durchmesser in der Mitte des Eimers ungefähr dem Durchmesser des Plumpsklodeckels entsprach. Geschickt und klammheimlich setzte er den Deckel in den Eimer, wodurch er schon einmal die untere Hälfte des Eimers ausgespart hatte. Der Rest war schnell gepflückt und lag trügerisch im randvollen Eimer. Ulrich wurde für sein schnelles Pflücken sogar gelobt und durfte dann zum Fußballspielen. Abends fiel die Schummelei natürlich beim Leeren der Eimer auf. Es gab eine saftige Strafe. „Aber das war mir das Fußballspielen wert“, meint Ulrich Backeshoff. Um der Gartenarbeit zu entkommen meldete sich Ulrich später, als er schon das Gymnasium besuchte, mit seinem Freund Eckart Scharnowski zum Arbeiten auf einem Bauernhof im näheren Umkreis. Dort durften die zwei Jungen Pferde striegeln, Ställe ausmisten und Leichtholz aus dem Wald holen. Das waren verantwortungsvolle Arbeiten, die ihnen sehr viel mehr Freude bereiteten, als die langweilige Gartenarbeit. Sein Freund Eckart schlug später die Polizeikarriere ein.

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Die Großfamilie von Ulrich Backeshoff traf sich regelmäßig zu Geburtstagen in Fünferschritten oder auch zu Feiertagen. Eine schöne Gelegenheit, um sich auch über die Kinder zu unterhalten.

„Einmal wäre ich als kleiner Junge fast ertrunken.“ (Ulrich Backeshoff)

Auf einer dieser Familienfeiern erzählte der kleine Ulrich, dass er während des Besuchs bei seiner Patentante und seinem Onkel Paul im Nachbarort Hattingen beinahe im Hallenbad ertrunken wäre. Die Verwandtschaft war entsetzt. Wie konnte man nur einen kleinen Jungen, der das Schwimmen noch nicht gelernt hatte, unbeaufsichtigt ins Wasser springen lassen? Keinem der Erwachsenen fiel vor lauter Empörung ein, dass Hattingen gar kein eigenes Hallenbad besaß. Ulrich hatte sich die ganze Story nur einfallen lassen, um mal wieder im Mittelpunkt zu stehen. Später hat der kleine Aufschneider sehr schnell das Schwimmen gelernt, denn das kleinbürgerliche Velbert-Langenberg besaß ein Hallenbad und ein sehr großes Freibad. Der größere Nachbarort Hattingen hatte damals noch kein Hallenbad. Wenn man heute über Langenberg recherchiert, erfährt man, dass es ein sehr reiches Städtchen um 1900 war und auf eine lange

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Tradition zurückblicken kann. Es gab viele Villen, in denen die dort ansässigen reichen Seidenfabrikanten lebten. Einer von ihnen hieß Adalbert Colsman. Er ließ alte verfallene Häuser abreißen und aus den Steinen eine neue Burg errichten, die er und seine Frau 1916 der Stadt Velbert-Langenberg als Bürgerhaus stifteten. Das Bürgerhaus ist seither eine der ältesten Spielstätten im Rheinland. Wenig später eröffnete man auch ein Kino. Für die damalige Zeit wurde den Bürgern hier schon sehr viel geboten. Von den 20 Kindern, die in der Nachbarschaft wohnten, war Ulrich der Einzige, der in den großen Ferien wegfahren durfte.

„Ich fand meine Umgebung eher kleinkariert.“ (Ulrich Backeshoff)

Manchmal verbrachte Ulrich die Ferien im Nachbarort bei Onkel Hugo. Onkel Hugo besaß ein Motorrad, auf dem Ulrich durch den beschaulichen Ort Hattingen und Umgebung mitfahren durfte. Hier kannte er schon bald jede Straße. Auch das Stahlwerk Henrichshütte war ihm bekannt. Inzwischen ist dort ein Museum untergebracht. Ulrich besuchte sogar für ein paar Monate die Schule in Hattingen. Damals ging es seiner Mutter gesundheitlich nicht sehr gut. Sie hatte Probleme mit den Wechseljahren und musste deswegen längere Zeit ins Krankenhaus. „Zum Glück ist sie dann

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aber noch 95 Jahre alt geworden“, freut sich Ulrich Backeshoff. Die Familie seiner Mutter kam aus Hattingen/Westfalen. Die Familie des Vaters aus Langenberg/Rheinland. Ulrich Backeshoff erinnert sich gerne an seine Mutter. Lydia Backeshoff war Geschäftsfrau und hatte die höhere Handelsschule besucht. Sie eröffnete ein Obst- und Gemüsegeschäft, das einige Jahre gut funktionierte. Später hat sie es an eine Frau namens Waltraut Becker verkauft. Als Junge interessierte sich Ulrich vor allen Dingen für das Auslagengestell, das mit einer Plane abgedeckt war. Darunter konnte er sich ziemlich gut verstecken und seinen geliebten Schabernack treiben. Ganz beliebt war die Nummer mit dem alten Portemonnaie, das an einem unsichtbaren Zwirnfaden hing. Das Portemonnaie lag auf der Straße vor dem Geschäft und Ulrich hielt das andere Ende des Fadens unter der Plane versteckt fest. Manche hoben die Geldbörse auf und wollten sie gleich in die eigene Tasche stecken. Andere sind in den Laden gegangen, um das Portemonnaie als ehrlicher Finder abzugeben. Manchmal wurden Ulrich und seine Freunde für diesen Streich ausgeschimpft. Andere konnten über sich selbst lachen und fanden den Streich lustig. Ulrichs Mutter hatte in den harten Zeiten nach dem Krieg noch einen Nebenverdienst. Sie unternahm sogenannte Hamsterkäufe. Hamsterkäufe waren gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland in den 1940er Jahren sehr oft zu beobachten. In dieser Zeit etablierte sich auch der spezielle Begriff „Hamsterfahr-

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ten“. Durch sie konnte man in den ersten Jahren nach dem Krieg die Versorgung mit Lebensmitteln einigermaßen sicherstellen. Viele Menschen fuhren mit der Eisenbahn in ländliche Gebiete und versuchten, bei den Bauern Sachwerte gegen Kartoffeln, Eier, Speck u.Ä. zu tauschen. Die Fahrten mit der Eisenbahn waren damals nicht sehr teuer, so dass die Züge oft überfüllt waren. Manchmal fuhr man sehr weite Strecken mit der Bahn, nur um einen einzigen Sack Kartoffeln zu besorgen. Ulrichs Mutter reiste bis nach Norddeutschland. Zum Tausch hatte sie Stoffballen im Gepäck, die sie gegen Kartoffeln, Gänse und andere wichtige Lebensmittel hergab. Lydia Backeshoff betätigte sich auch sehr fleißig im eigenen Garten und baute dort Obst und Gemüse an, das sie zum Tausch anbieten konnte. Sie versorgte auch die Nachbarn aus der Heegerstraße, die ihr ihre Tauschwaren mit auf den Weg gaben. In Eckernförde, einer Stadt in SchleswigHolstein, fand dann einmal im Monat ein reger Handel statt. Dadurch hatten Familie Backeshoff und ihre unmittelbaren Nachbarn ein bisschen mehr zu essen als andere. Steinkohle gehörte ebenfalls zu den sehr beliebten Tauschprodukten. Viele Leute waren damals noch in den angrenzenden Kohlebergwerken beschäftigt. Wie dieser Tauschhandel genau vor sich ging, daran kann sich Ulrich Backeshoff nicht mehr erinnern. Er war 1950, als die Tauschgeschäfte ihren Höhepunkt erreichten, erst vier Jahre alt. Aber es wurde immer wieder erzählt, dass es Hausdurchsuchungen gab und man dann die gestohlene Steinkohle

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ganz schnell im Nachbarhaus verstecken musste. Die Häuser in der Heegerstraße waren oft durch Kellergänge miteinander verbunden, so dass man die Ware unbemerkt verschwinden lassen konnte. Oft durchwühlten die hungrigen Menschen auch mühsam die bereits abgeernteten Äcker nach übriggebliebenen Kartoffeln, um diese mit nach Hause zu nehmen. In dieser Zeit wurde auch so manches wertvolle Schmuckstück oder Silberbesteck gegen einige Säcke Kartoffeln oder andere Lebensmittel getauscht. Viele halfen den Bauern auch gegen Bezahlung in Naturalien bei der Ernte. Erst nach der Währungsreform 1948 füllten sich die Geschäfte wieder mit Waren, und die Hamsterfahrten gingen zurück. Ulrich beobachtete schon damals aufmerksam die Geschäftstüchtigkeit seiner Mutter. Seiner Meinung nach hatte seine Mutter auch daheim das Zepter in der Hand. „Mein Vater dachte, dass er der Chef im Hause ist“, erzählt Ulrich Backeshoff lächelnd. „Aber das war in Wahrheit meine Mutter.“ Ulrichs Vater hatte vier bis fünf Freunde, mit denen er sich regelmäßig traf. Diese Freundschaften bestanden seit seiner Schulzeit. Einer seiner Freunde hieß Grosche, wurde aber nur Bur für Bauer genannt. Er liebte das Angeln und hat den kleinen Ulrich zum Angeln mit an die Ruhr genommen. Von ihm lernte Ulrich alles, was man über diesen Sport wissen muss. An der Ruhr gab es vor allem Rotaugen, die man anfüttern musste. Dazu benutzte Bur gekochten, aufgequollenen Weizen, den er ins Wasser streute. Danach wurden

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kleine Würmer als Köder an den Angelhaken gesteckt. Rotaugen sind Weißfische, die dem Hering ähnlich sehen, aber mehr Gräten haben. Der zehnjährige Bursche brachte es dann mit Anfüttern an einem Tag auf einen vollen Eimer mit selbst geangelten Fischen. Ein paar davon durfte Ulrich behalten und steckte sie in die Tasche. Mutter Backeshoff hat die Fische dann zu Hause in der Pfanne gebraten und eingelegt. Danach war das Fleisch so weich, dass man die vielen Gräten ganz leicht vom Rücken abknabbern konnte. Da Ulrichs Mutter zunächst eine Lehre als Verkäuferin im Lebensmittelbereich absolviert hatte, kannte sie sich ausgezeichnet mit der Zubereitung von Fischen aus. Ulrich Backeshoff hatte den Eindruck, dass sie eigentlich alles kochen konnte. Er hat ihr dabei stets zugeschaut und gelernt, wie man aus einem Fisch, mit dem man eigentlich nicht viel anfangen kann, ein leckeres Essen mit Pellkartoffeln zaubert. „Dass die Ruhr damals schon kein so sauberer Fluss war, das habe ich dann erst später erfahren“, meint Ulrich Backeshoff abschließend. Manchmal durfte Ulrich bei dem einen oder anderen Freund des Vaters die Ferien verbringen. Er verreiste gerne und liebte es, woanders dummes Zeug anzustellen. Mit den Eltern ist er als Kind nie in den Urlaub gefahren. Das kam erst später, als er schon 19 Jahre alt war. Damals traf er sich mit den Eltern an der Ostsee. Er reiste mit dem Auto an, sie mit dem Zug. Mit 14 Jahren durfte Ulrich mit seinem älteren Bruder Udo zum Zelten nach

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Koblenz fahren. Später fuhr er zusammen mit ein paar Freunden mit dem Fahrrad zu einem legendären Formel-1-Rennen. Es war das vorletzte Rennen des Grafen Berghe von Trips. Wolfgang Alexander Albert Eduard Maximilian Reichsgraf Berghe von Trips wurde 1928 in Köln geboren und war ein deutscher Automobilrennfahrer. Er startete von 1957 bis zu seinem Unfalltod 1961 in Monza in der höchsten automobilen Rennklasse, der Formel 1. Die Geschichte dieses einmaligen Rennfahrers faszinierte Ulrich Backeshoff, der schon früh ein Faible für schnelle und schöne Autos hatte. Berghe von Trips war Mitbegründer des Deutschen Sportfahrerkreises (DSK) und brachte erstmals Karts aus den USA nach Deutschland. Der Heimatverein von Michael und Ralf Schumacher ist nach ihm benannt worden. Wolfgang Berghe von Trips stammte aus einem der ältesten niederrheinischen Adelsgeschlechter mit Stammsitz Schloss Trips bei Geilenkirchen. Um seinen Eltern keinen Kummer zu bereiten, fuhr er seine ersten Rennen auf Porsche unter einem falschen Namen. 1954 wurde er Deutscher Meister. Zahlreiche Unfälle brachten dem Grafen trotz seiner Erfolge den Spitznamen „Count Crash“ ein. 1961 gewann er im Ferrari-Team seine ersten F1-Rennen. Als Führender der WM-Wertung verunglückte Berghe von Trips auf tragische Weise im selben Jahr beim Großen Preis von Italien

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in Monza nach einer Kollision mit Jim Clark tödlich. Bei dieser „schwarzen Stunde der Formel 1“ wurden 15 Zuschauer getötet und 60 Menschen erlitten Verletzungen. Die Radtour zu diesem vorletzten Rennen des großen Formel1-Fahrers blieb insgesamt ein unvergessliches Abenteuer für Ulrich Backeshoff. Die Reise war das Ziel. Auf dem Hinweg radelten er und seine Freunde von Jugendherberge zu Jungendherberge und durften auch schon einmal in einer Scheune übernachten. Mobil zu sein war bereits für den ganz jungen Ulrich sehr wichtig. Sein Vater schenkte ihm den ersten Roller, der noch einmal zur Sicherheit stabilisiert wurde. Handwerklich war sein Vater unglaublich geschickt. Ulrich erinnert sich, dass sein Bruder Udo zu zweit fünf Kilometer auf diesem Roller zur Oma Anna gefahren ist, um dort Eier zu holen. Der Nachbarsjunge, den er mitnahm, war der fünf Jahre jüngere Bernd Schulz. Dummerweise hatte Udo zu Hause keinem Bescheid gesagt, so dass alle verzweifelt nach dem kleinen Jungen suchten. Als Udo und Bernd endlich nach Hause kamen, bekam Udo eine Tracht Prügel. Aber nicht nur er. Auch Ulrich wurde der Hosenboden versohlt. Warum? Ganz einfach, er hätte besser auf seinen Roller aufpassen müssen.

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Zu einem Fahrrad ist Ulrich mit 14 Jahren gekommen. Das hat er allerdings vom Konfirmationsgeld dem älteren Bruder abkaufen müssen.

„Schenken gab es in unserer Familie nicht.“ (Ulrich Backeshoff)

Das Fahrrad stammte vom deutschen Hersteller „Vaterland“. Das Beste, was man damals kaufen konnte. Ulrich bezahlte dafür 20,- DM an seinen Bruder. Neu hätte es damals 70,- DM aufwärts gekostet. Hinter dem Vaterland Werk Friedrich Herfeld Söhne GmbH & Co. KG stand ein deutscher Hersteller aus der sauerländischen Kleinstadt Neuenrade. Eine der ältesten Fahrradmanufakturen Deutschlands. Der Familienbetrieb der Familie Herfeld stellte bis 1933 vor allem Musikinstrumente her. 1933 wurde die Produktion auf Fahrräder der Marke „Vaterland“ umgestellt. Der Markenname hatte eine lange Tradition und existierte schon seit 1906. Die erfolgreiche Produktion fertigte zuletzt über 1.000 Fahrräder am Tag. Erst im Jahre 2007 stellte die Firma ihre Produktion ein und meldete Insolvenz an. Vorerst musste sich Ulrich noch mit dem Fahrrad zufrieden geben. Bis die Ära der Automobile begann und Ulrich Backeshoff seinen Führerschein machen konnte, sollten noch Jahre vergehen. Konfirmiert wurde Ulrich übrigens schon mit 13 Jahren. Bei ihm war eben alles ein bisschen früher. Vom Konfirmationsgeld

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konnte sich Ulrich gerade noch eine Gitarre leisten. Auf der konnte er allerdings nicht sehr lange spielen, weil er an einer Mehlstauballergie litt. Die führte dazu, dass ihm die Finger aufplatzten. Die Gitarre hat er an seinen Freund Heinz Ruhrmann verkauft, der fünf Jahre älter war. Heinz Ruhrmann wurde von allen Jungen sehr beneidet, denn er konnte hervorragend singen und Gitarre spielen. Insgeheim träumten viele junge Burschen von einer Karriere als Sänger oder Musiker, weil man als Star auf der Bühne von allen Mädchen angehimmelt wurde. Heinz Ruhrmann trat im Nachbarort Hattingen beim Tanztee auf. Diesen Event ließ man sich nicht entgehen. Ulrich erinnerte sich noch gut daran, dass sein Freund perfekt Freddy Quinn imitieren konnte. Freddy Quinn galt damals schon als ein Megastar. In der Zeit von 1956 bis 1966 landete er mit Titeln wie „Heimweh“, „Heimatlos“, „Der Legionär“, „Die Gitarre und das Meer“, „Unter fremden Sternen“, „La Paloma“ und „Junge, komm bald wieder“ zehn Nummer-1-Erfolge in den bundesdeutschen Charts. Er war der erfolgreichste Liedinterpret und verkaufte über 60 Millionen Tonträger. Es gibt bis heute keinen anderen Sänger, der in Deutschland mehr Nummer-1-Hits erzielte als Freddy Quinn, dem ersten bundesdeutschen Schallplattenmillionär. Kein Wunder, dass selbst seine Doubles hoch im Kurs standen. Ulrich konnte seine Musikalität schon mit acht Jahren testen, als er von seinem Vater eine Geige bekam. Er sollte sich auf einen Stuhl stellen und das lernen, was seinem Vater vergönnt war, als er als Junge die Geige von seinem verstorbenen Vater erbte. Das

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einfachste Lied, das man auf der Geige lernen konnte, hieß „Lustig ist das Zigeunerleben“. Das hat Ulrich aber nicht so gefallen. Weder das Lied noch das Geigespielen. Die Geige seines Vaters hat Ulrich Backeshoff allerdings in Ehren gehalten, auch wenn er darauf nicht spielen mochte. Die soll nun seine jüngste Tochter Shinta bekommen. Shinta wusste schon mit zwei Jahren, dass es so eine Geige in Papas Schrank gab. „Shinta“ kommt aus der hinduistischen Mythologie und steht für eine Prinzessin der Freiheit, Liebe und des Mutes. Am Ende sollte Ulrich dann wenigstens der Blockflöte ein paar harmonische Töne entlocken. Zu Weihnachten bekam er eine schwarze Blockflöte geschenkt. Warum sie schwarz war, weiß er bis heute nicht. Vielleicht war die schwarze Blockflöte billiger. Jedenfalls gab es außer ihm keinen in der Schule, der eine schwarze Flöte besaß. Alle anderen spielten auf einer braunen Holzflöte. Der Leiter des Schulorchesters hieß Singer. Seiner guten Arbeit war es zu verdanken, dass die Schüler ein Konzert in Essen geben durften. Zwar nicht in der Grugahalle, aber in einem Café ganz in der Nähe. Zur großen Freude aller wurde das Orchester mit Kakao und Kuchen bewirtet. Ganz so unmusikalisch war Ulrich also nicht. Blockflöte spielte er ganz passabel. Singen konnte er nicht so gut. Im Gesangsverein „Sängerlust“ seines Vaters trat er allenfalls als Flötist auf. Auf Silberhochzeiten und anderen Familienfeiern waren seine musikalischen Künste sogar sehr gefragt. Die Großfamilie der beiden Elternteile bescherte

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ihm viele Übungsstunden. Nach der Schule hat Ulrich Backeshoff den Notenständer allerdings sozusagen an den Nagel gehängt und dem Gymnasium geschenkt. Den brauchte er seiner Ansicht nach nicht mehr. Ulrich hatte sich ohnehin für den Sport entschieden. Da Kinder mit vielen Hobbys dauernd herumkutschiert werden mussten, verlangte Vater Backeshoff, dass sich sein Sohn für ein Hobby entscheidet. Also wählte Ulrich zunächst einmal Bodenturnen. „Purzelbaum!“, meint Ulrich Backeshoff lachend. „Für alles andere war ich zu dick, das funktionierte nicht. Tischtennis habe ich noch ganz gut gespielt und Schwimmen ging auch. Da habe ich sogar als Aufsicht in der Schwimmhalle gejobbt, für ein Taschengeld natürlich.“

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Ernst Backeshoff senior, Jahrgang 1903, kam aus einer sehr kinderreichen Familie. Er hatte neun Geschwister, von denen er der Älteste war.

„Manchmal gab es morgens Kartoffeln zum Frühstück, weil die Familie nichts anderes zum Essen hatte.“ (Ernst Backeshoff senior)

Solche Erzählungen des Vaters haben Ulrich sehr berührt. Einer der Brüder hieß Onkel Karl. Er verunglückte tödlich mit dem Motorrad. Das war der Grund, warum Ulrich nie einen Motorradführerschein machen durfte. Das holte er erst später nach. Bis auf Onkel Karl hat Ulrich alle seine Onkel und Tanten kennen gelernt. Ulrichs Oma verstarb 1951. Das Bild der Toten hat er noch vor Augen. Sie lag aufgebahrt in einem Sarg und alle Verwandten und Bekannten haben sich von ihr verabschiedet. Auf die Beerdiigung durfte Ulrich nicht mitgehen, aber auch er sollte sich am offenen Sarg von der Oma verabschieden. Als kleiner Junge, der den Tod noch nicht verstand, wollte er der Oma zum Abchied die Hand schütteln, so wie man es ihm beigebracht hatte. Damals verstand er nicht, warum er seine tote Oma nicht anfassen durfte. Heute ist es in Deutschland nicht mehr üblich, die Toten im offenen Sarg aufzubahren. Erlaubt ist es aber immer noch vom Ge-

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setzgeber. Nach der Freigabe des Leichnams durch die Todesbescheinigung besteht die Möglichkeit, den Verstorbenen bis zu 36 Stunden nach Eintritt des Todes ohne besondere behördliche Genehmigung im Sterbehaus zu behalten, um ihn dort aufzubahren. Diese Frist kann auch von den zuständigen Behörden verlängert werden. Die Aufbahrung zu Hause muss unter Beachtung bestimmter gesetzlicher Regelungen vorgenommen werden. Ein Leichnam kann auch in der Aufbahrungshalle eines Friedhofs, eines Bestattungsunternehmens oder in einer Kirche aufgebahrt werden. Ulrich Backeshoff hat nach all den Jahren erst wieder in Rumänien eine Aufbahrung gesehen. Dort werden die Verstorbenen noch heute im offenen Sarg durch das Dorf getragen. „In Germering bei München hatten wir deutsch-rumänische Nachbarn“, erzählt Ulrich Backeshoff. „Die haben in der Kirche den Sarg geöffnet und den Verstorbenen zum Abschied gestreichelt. Wir haben alle verlernt, mit dem Thema Tod umzugehen.“ Ulrich Backeshoff verließ die Schule frühzeitig ohne Schulabschluss. Er war erst 13 Jahre alt..

„Meine höchste Auszeichnung in der Schule war das Abgangszeugnis.“ (Ulrich Backeshoff)

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Seine Schulkarriere reichte von Klassenbester bis Sitzenbleiber. Die einzige Schule, die er dann noch sehr gerne besuchte, war die Tanzschule. Die Mädchen waren meist ein oder zwei Jahre älter als er. Seine Tanzpartnerin hieß Ute Weustdorf und ging mit ihm in die gleiche Schulklasse. Sie war nur drei Monate älter als Ulrich. Der Abschlussball fand in Bochum statt. Ulrich Backeshoff amüsiert sich noch heute über Utes Vater, der ihn an seinen Tisch holte, um mit ihm von Mann zu Mann zu sprechen. Er ging davon aus, dass Ulrich mit seiner Tochter auch befreundet war, und meinte, dass er nichts dagegen einzuwenden hätte, weil Ulrich ein ordentlicher Kerl wäre. Immerhin wären die beiden ja auch schon fast erwachsen. Aber Ute hatte einen ganz anderen Freund, der sogar zwei Jahre älter war als Ulrich. Ute und er fanden das alles sehr lustig. Auf dem Abschlussball ging es sehr vornehm zu. Ulrich hatte vom Onkel sogar einen Anzug für den großen Auftritt geschenkt bekommen. Es gab strenge Anstandsregeln. Die Mädchen und Jungen mussten sich gegenüber aufstellen. Manchmal gab es Damenwahl. Besonders aufregend fanden Ulrich und die anderen jungen Männer, wenn sie mit der Assistentin des Tanzlehrers tanzen durften. Generell wurden die Tanzpartner auch getauscht, so dass man nicht immer mit dem Gleichen übers Parkett schwebte. Aufgefordert wurden die Mädchen mit einem ordentlichen Diener, im Anzug und Schlips, geputzten Schuhen, mit sauberen Fingernägeln und geradem Scheitel. 1960 war Tanzschule angesagt.

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Als Ulrich Backeshoff so unrühmlich mit 13 Jahren die Schule verließ, hätte man sich um ihn Sorgen machen können. Obwohl es zur damaligen Zeit nicht ganz so schwer war, eine Lehrstelle zu bekommen. Die Zukunftsaussichten waren, gemessen an den heutigen Verhältnissen und Bedingungen, geradezu traumhaft. Das Lehrstellen-Angebot konnte man in allen Branchen als mehr als ausreichend bezeichnen. Ulrich hätte gerne gleich viel Geld verdient. Aber sein Vater bestand auf einer soliden Ausbildung. Als 13-Jähriger ohne Schulabschluss konnte es nicht schaden, wenn man über Beziehungen verfügte. Ulrich hatte sich mit seiner schlitzohrigen und sehr liebenswürdigen Art viele Freunde gemacht. Dazu zählte eben auch Konditormeister Robert Tonscheidt, dem er drei Jahre lang die Tageszeitung verkauft hatte. Bis zu dem Zeitpunkt, als Herr Tonscheidt realisierte, dass ein Zeitungsabo günstiger gewesen wäre. Trotz dieses etwas unglücklichen Endes einer Geschäftsbeziehung hielt der Konditormeister große Stücke auf Ulrich. Er nahm ihn nach der Schule in die Lehre... Konditormeister Robert Tonscheidt hat den 13-Jährigen sehr gefördert. Das sollte er nicht bereuen, denn Ulrich schloss seine Gesellenprüfung mit Auszeichnung ab. Ulrich Backeshoff war der jahrgangsbeste Lehrling. Eine Lehre zu absolvieren, war damals kein Zuckerschlecken, denn es wurde hart gearbeitet, und das noch bis in die sechziger Jahre hinein an sechs Wochentagen. Im Mai 1959, als Ulrich Backeshoff seine Lehre antrat, konnten die Gewerkschaften die

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Einführung der Fünftagewoche durchsetzen. Allerdings in Stufen und zunächst nur im Ruhrbergbau. In den Folgejahren zogen etappenweise die anderen Branchen nach. Als 14-Jährigen ernannte man den Lehrling Ulrich Backeshoff zum Tagessprecher, dann zum Klassensprecher und schließlich zum Schulsprecher der Berufsschule. Dabei war er immer der Jüngste und hat nie zu Hause gelernt.

„Ich habe mit Spaß zugehört. Fleißig war ich nicht. Das mit dem Fleiß kam erst später.“ (Ulrich Backeshoff)

Sein Gesellenstück in der Wolfenbüttler Meisterschule war eine moderne Torte. Dazu brauchte man spezielle Utensilien. Zum Beispiel ein Glas, das in den Teig gedrückt wurde. Eine Spezialanfertigung, die man nur einmal gebrauchen konnte. Ulrich hat seinen Bruder gebeten, ihm diese Form aus Weißblech anzufertigen. Weißblech ist wie Glas lebensmittelverträglich. Der große Vorteil war, dass man eine Form aus Weißblech mehrmals verwenden konnte. Nach der Lehre hat Ulrich diese Form zum Abschied seinem Lehrmeister und Chef Robert Tonscheidt geschenkt. Mit 16 Jahren hatte Ulrich ausgelernt und wollte sich zur Meisterprüfung anmelden. Doch trotz seiner Auszeichnung mit der Note 1,1 wurde er nicht zugelassen. Das Rennen machte sein

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Freund, der im gleichen Ort wohnte. Dessen Vater besaß einen Betrieb, der der Meisterinnung angehörte. Diese Beziehungen waren stärker als ein gutes Abschlusszeugnis. Das empfand Ulrich als ungerecht und demotivierend. Er selbst hatte dem Mitbewerber noch Nachhilfe in Mathematik gegeben, damit er überhaupt die Prüfung bestand. Das Ergebnis war aber nur die Note 4,1. Dennoch reichte es, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Dass Ulrich Backeshoff sehr enttäuscht war und schlagartig den Spaß an diesem Beruf verlor, ist nachvollziehbar. Doch in jedem Ende wohnt ein neuer Zauber inne. Dem nächsten Versuch, den er als Koch startete, wohnte dieser Zauber allerdings noch nicht inne. Ulrich Backeshoff fing eine Kochlehre in Hagen in Westfalen an, die er aber schon nach einem halben Jahr sehr langweilig fand. Er brach die Kochlehre ab und die investierte Zeit wurde dann immerhin als Praktikum gewertet. Die Idee zu eine Kochlehre war nicht ganz so abwegig wie Ulrich Backeshoff erklärt: „Ich konnte vorher schon nicht ganz so schlecht kochen. Meine Mutter hat uns Jungs trainiert. Ich habe zu Hause kochen gelernt und nicht nur das. Treppeputzen war Pflicht und als Jüngster musste ich auch noch die Schuhe putzen.“

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Mit ihrer Erziehungsmethode galt Ulrichs Mutter damals als sehr fortschrittlich. Überhaupt schien sie keine großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu machen.

„Bis auf Hemden konnte ich als Junge alles bügeln.“ (Ulrich Backeshoff)

Als 1950 die ersten Gesetze der Gleichberechtigung kamen, konnte Ulrich sehr interessiert die Wortgefechte zwischen seinen Eltern verfolgen. Seinem Vater war die Eigenständigkeit seiner Frau damals gar nicht so recht. Er war kein Befürworter der Gleichberechtigung. Damals musste der Mann sogar zustimmen, wenn die Frau arbeiten gehen wollte. „Mir hat die Erziehung meiner Mutter sehr viel geholfen“, bestätigt Ulrich Backeshoff. „Als ich als 18-Jähriger nach Kopenhagen gegangen bin, kam ich besser zurecht als die meisten anderen Jungen. Ich wusste, dass man sich um die Wäsche kümmern muss. Meine Kumpels haben tolle Karrieren hingelegt. Aber bei diesem Thema wusste ich besser Bescheid als sie. Es ging nicht nur darum, die Kartoffeln aus dem Keller zu holen. Es ging auch ums Schälen und Kochen.“ Bei Ulrich Backeshoff wurde daheim auch noch darauf geachtet, dass die Kartoffeln nicht zu dick geschält wurden. Die Grünabfälle wurden separat an einer Stelle gesammelt. Nicht auf dem

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Kompost, dafür waren sie zu wertvoll. Stattdessen brachte man sie zu armen Leuten, die in Baracken lebten und damit die Schweine fütterten. Dafür gab es dann im Tausch ein Hühnerei, wie Ulrich Backeshoff sich noch gut erinnern kann. Nach der abgebrochenen Kochlehre besann sich Ulrich Backeshoff auf seine eigentliche Stärke, das Rechnen, und beschloss, Kaufmann zu werden. Hier hatte er auch schon einige Erfahrungen gesammelt. Verkauft hat Ulrich Backeshoff als junger Bursche vor allen Dingen Geld. Wer in der Heegerstraße klamm war und auf die Schnelle ein paar Pfennig brauchte, um ins Kino zu gehen oder sich ein Eis zu kaufen, der wandte sich an Ulrich. Er war bekannt als der Geldverleiher. Eine Kinokarte kostete damals zwischen 50 und 80 Pfennig. Für 80 Pfennig gab es schon den begehrten Sperrsitz in der hinteren Reihe. Dort konnte man ungestört Händchen halten. „Ich habe ganz preiswert Geld verliehen“, behauptet Ulrich Backeshoff mit einem verschmitzten Lächeln. Seine Konditionen für die Geldverleihung waren bekannt: für eine Woche 50 Pfennig Zinsen. Nach zwei Wochen waren schon zwei Mark fällig. Das entsprach in etwa dem wöchentlichen Taschengeld der meisten Kinder. Mit seiner eigenen Freundin Ellen ist Ulrich ganz selten ins Kino gegangen, weil er nie flüssig war. Sein Geld war ständig im Umlauf bei den Freunden aus der Nachbarschaft. Er ließ es arbeiten. Und wenn er es mit Zinsen zurückbekam, dann landete es gleich auf dem Sparbuch. Sich von seiner Freundin ins Kino einladen zu lassen, kam für

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den jungen Ulrich nicht in Frage. Taschengeld hatte damals einen sehr wichtigen Stellenwert bei den Kindern. Es gab bereits die ersten Pommesbuden und Coca-Cola. Pommes frites und Coca-Cola waren Genussmittel, die man eher selten daheim bekam. Die meisten Kinder hatten ihr Geld bereits am Wochenende ausgegeben. Bei Ulrich Backeshoff war das nicht so. Er bekam sein Taschengeld ohnehin erst am Montag, so dass er am Mittwoch sogar noch ein paar Pfennige verleihen konnte. Ellen war ein Jahr jünger als Ulrich und wurde später Friseurin. Als ihre Abschlussprüfung anstand, stellte sich Ulrich selbstverständlich als Haarmodel zur Verfügung. Augenzwinkernd erzählt er, dass er dieses Risiko einging, obwohl seine Abschlussprüfung der Lehre fast zur gleichen Zeit erfolgte. Lange Haare waren zu dieser Zeit noch nicht in. „Ich weiß noch genau, dass ich sie ein Jahr lang händchenhaltend von der Arbeit nach Hause gebracht habe“, erinnert sich Ulrich Backeshoff. „Nach einem Jahr habe ich den ersten Kuss von ihr bekommen. Das waren andere Zeiten. Ganz anders als heute, was man da so vom Jungvolk hört. Aber wir haben uns respektiert.“ Ulrich Backeshoff konnte seinen Freundinnen später so einiges bieten. Mit 18 Jahren hatte er bereits einen zuteilungsreifen Bausparvertrag in Höhe von 20.000,- DM. Dank Sparbuch konnte er sich sogar ein Auto leisten. Den Führerschein hatte er schon als 17-Jähriger gemacht, aber noch nicht in der Tasche. Der wurde ihm erst mit dem 18. Geburtstag ausgehändigt. Das erste Auto war ein

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VW Käfer Standard mit Zwischengas, Baujahr 1952. Wichtig war, dass es kein geteiltes Rückfenster mehr hatte. Daran erkannte man das allerneuste Modell. Verkauft hat es ihm sein Onkel Adolf aus Hattingen. „Ich habe 800,- DM an Onkel Adolf für den VW Käfer bezahlt“, weiß Ulrich Backeshoff noch ganz genau. „Das Auto hatte zahlreiche Macken. Aber nach einem Jahr in meinem Besitz ist nicht eine dazugekommen. So habe ich das Auto gepflegt. Mit schicken Autos konnte man den Mädchen damals sehr imponieren.“ Bald konnte sich Ulrich einen 850 Fiat Coupe leisten, einen Möchtegernporsche mit schwarzem Kunstleder. Auch der Fiat 125 war zur damaligen Zeit etwas ganz Tolles. Der Autonarr fuhr alle angesagten Modelle. Ein Cabrio kam allerdings ganz unfreiwillig dazu. Es war der Fiat 850, den er in der Kurve einer Autobahnausfahrt zum Cabrio geschrottet hat. Damals gab es noch keinen Gurt. „Aber der liebe Gott hat mir da immer geholfen“, kommentiert Ulrich Backeshoff dankbar. Im Alter von 18 bis 23 Jahren hatte er allerdings mehrere Unfälle mit seinem Auto. Mit dem ersten VW von Onkel Adolf fuhr Ulrich Backeshoff nach Kopenhagen. Eine Zwischenstation, bevor er dann endgültig seine Karriere als Kaufmann startete. Damals konnte man mit einem guten Abschluss bei der Gesellenprüfung einen Antrag auf einen Jahresaufenthalt im Ausland stellen. Die Gelegenheit ließ sich der frischgebackene Konditor nicht entgehen und besorgte sich ein Visum, mit dem er nach Kopenhagen reisen konnte. Doch die

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Reise fing nicht gut an. In Kopenhagen wurde der junge Mann nach einiger Zeit von zwei Polizisten abgeführt und einen halben Tag verhaftet. Grund dafür war sein Auto. Es war nicht statthaft, ein Auto in Dänemark einzuführen, wenn man dort als Ausländer eine Anstellung hatte. Nur Touristen durften mit ihrem Auto einreisen. Dänemark zählte damals zu den Gründungsmitgliedern der EFTA. Freundlicherweise hat man ihm dann aber erlaubt, mit dem Auto wenigstens wieder auszureisen. Immerhin musste er noch 10 oder 20 Kronen Strafe bezahlen. Es galt als schlimmes Vergehen, wenn man Autos importiert und dann die hohen Zölle nicht bezahlt. Ulrich Backeshoff hat sich dann einen 1500 VW gekauft und für die restliche Zeit wieder eingeführt. Merkwürdigerweise ist er mit diesem Auto nicht mehr aufgefallen und in keine Kontrolle geraten. In Kopenhagen fand Ulrich Backeshoff seine erste feste Freundin. Sie war ein sehr liebes Mädchen, mit dem er aber schon mehr als Händchenhalten im Sinn hatte. Als Junge vom Lande war Ulrich sehr überrascht, wie freizügig sich das Leben in Kopenhagen für ihn gestaltete. Er genoss das Gefühl von Freiheit in vollen Zügen. Neben dem Job und seiner neuen Freundin widmete er sich dem Handball. Vor dem Handball hatte Ulrich Backeshoff wie fast alle Jungen bis zu seinem zehnten Lebensjahr Fußball gespielt. Nach dem Fußballwunder von Bern im Jahre 1954 brach in Deutschland das Fußballfieber aus. Damals holte sich die von Sepp

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Herberger trainierte deutsche Fußball-Nationalmannschaft ganz unerwartet den Weltmeistertitel. Sie schlug die hoch favorisierten Ungarn mit 3 : 2. Ein Wunder! Die Bedeutung dieses Sieges war immens. Während das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg für neues Selbstbewusstsein unter der Bevölkerung sorgte, gab ihnen „das Fußballwunder von Bern“ die Möglichkeit zu einer neuen nationalen Identifikation. Aber Ulrich Backeshoff wäre nicht Ulrich Backeshoff, wenn er bei der Sportart geblieben wäre, die alle spielten und toll fanden.

„Als mir jemand sagte, dass diejenigen, die was im Kopf haben, nicht Fußball, sondern Handball spielen, habe ich sofort gewechselt.“ (Ulrich Backeshoff)

Der allererste Verein, in den Ulrich Backeshoff eintrat, war der Fußballverein SV Langenberg. Er lag zwischen Wuppertal und Essen, noch im Rheinland direkt auf der Grenze zu Westfalen. Als Handballtorwart spielte er dann im Verein TV Bonsfeld, bei dem auch sein ältester Bruder Ernst Mitglied war. Während seines Aufenthaltes in Kopenhagen wechselte Ulrich Backeshoff zum KH (Kohor), einem Kopenhagener Handballclub.

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Das war der älteste Handballclub der Welt. „Erfunden wurde der Handball allerdings in Deutschland“, erklärt Ulrich Backeshoff. „Dort bildete er sich aus den Turnvereinen heraus. Aber der KH war der erste richtige Handballclub.“ In Kopenhagen fing er zunächst als dritter Torwart an und ist dann ganz schnell zum zweiten und dann zum ersten Torwart aufgestiegen. Auch beruflich hatte Ulrich Backeshoff Glück. Er lernte dort einen Kaufmann aus dem Rhein-Main-Gebiet kennen, der ihm einen neuen Job in dem von ihm angestrebten Metier bot. Der Betrieb hatte seinen Sitz in Deutschland, genauer gesagt in Frankfurt am Main. Dort sollte der junge Mann als Substitut in einem der größten Geschäfte eingestellt werden. Die Schade & Füllgrabe KG war ein deutsches Einzelhandelsunternehmen. Zu Spitzenzeiten Anfang der 1970er Jahre beschäftigte das Unternehmen über 2.500 Mitarbeiter und betrieb 140 Supermärkte rund um Frankfurt. Als Ulrich Backeshoff bei Schade & Füllgrabe den Arbeitsvertrag unterschrieb, gehörte der Betrieb bereits der Unternehmerfamilie Werhahn. Die Geschäfte führte Hermann Josten. Ulrich Backeshoff erinnert sich an so berühmte Kunden wie Marika Kilius und die Jacob Sisters. Der Weltmeisterin im Eiskunstlaufen, Frau Kilius, brachte Ulrich sogar höchstpersönlich die Einkaufstüten zu ihrem kleinen Mercedes. Marika Kilius war drei Jahre älter als er, sehr attraktiv und berühmt. Sie hatte bereits den sehr reichen Fabrikanten Werner Zahn geheiratet.

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Die Jacob Sisters kamen schon damals mit ihren Pudeln zum Einkaufen und sorgten stets für gute Stimmung. Sie wohnten ganz in der Nähe in einem Hochhaus. Ihr Mega-Hit hieß „Adelbert, Adelbert, schenk mir einen Gartenzwerg ...“. Ulrich Backeshoff machte schnell Karriere in diesem Betrieb. Als eines Tages sein Chef sehr krank wurde, wurde der Substitut Backeshoff bereits nach einem Vierteljahr Betriebszugehörigkeit zum Abteilungsleiter von 80 Leuten ernannt. Hermann Josten, der oberste Leiter aus der Werhahn-Dynastie, vollzog die Übergabe. Das ging wie folgt vonstatten, wie sich Ulrich Backeshoff erinnert: „Sind Sie Ulrich Backeshoff? Hier haben Sie die Schlüssel.“ Eine kurze Übergabe ohne großartige Einweisung. Der erkrankte Chef hatte den jungen Backeshoff empfohlen. Nach langer Zeit wurde dann auch unter der Regie von Ulrich Backeshoff eine stimmige Bilanz abgegeben. Es fehlte sonst immer Geld. Man hat vermutet, dass die leitenden Angestellten Einnahmen unterschlagen haben. Aber das konnte Ulrich Backeshoff nicht glauben. Dann wurden die Angestellten verdächtigt, aber auch diese Möglichkeit schloss der neue junge Chef aus. Tatsache war, dass zu wenig Fleisch von der Zentrale im Geschäft ankam. Es wurden dann Kontrollen durchgeführt. Dabei fiel auf, dass die Lieferanten unterwegs einen Stopp einlegten und das eine oder andere Restaurant oder Geschäft auf eigene Rechnung belieferten. Um den Unregelmäßigkeiten auf die Schliche zu kommen, arbeitete Ulrich Backeshoff von morgens sechs Uhr bis abends zehn

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Uhr. Dabei wechselte er sich mit einem Kollegen bei der Kontrolle der Transporter ab. Beispielsweise dann, wenn er abends trainieren musste. Trotz des hohen Arbeitspensums blieb der angestellte junge Mann seinem Hobby treu. Dietzenbach hatte eine bekannte Handballmannschaft, in der er als Torwart mitspielte. Wenn er abends trainierte, dann übernahm er die Morgenschicht im Betrieb, um den Lieferanten nachzufahren. „Wir haben dann nachgezählt und herausgefunden, dass im ersten Vierteljahr 80.000,- DM gefehlt haben“, erzählt Ulrich Backeshoff heute noch mehr als erstaunt. Die Fahrer haben unterwegs angehalten, Fleisch an die Restaurants verteilt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt. Um dennoch eine Plusinventur zu erreichen, musste sich der junge Chef etwas einfallen lassen. Die Lösung lag in der Fleischveredelung. Wenn der Metzger aus einem Nackenteil vom Schwein Mett herstellte, dann konnte man dafür einen höheren Preis verlangen. Es gab aber noch andere Tricks, die auf den ersten Blick eher irritierten. So wurde das Obst sogar extra preiswert verkauft, nur um die Kundschaft anzulocken. Hier konnte Ulrich Backeshoff seine kreativen Ideen austesten. In dieser Zeit war Ulrich Backeshoff durch seinen Job und durch die Handballspiele viel beschäftigt und ständig unterwegs. Es blieb ihm kaum Zeit für andere Dinge. Fast immer verband er seine Freizeitaktivitäten mit dem Handballverein. Kein Wunder, dass er

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seine erste Frau eher zufällig kennenlernte, als er mit der Handballmannschaft unterwegs war. Er begegnete ihr das erste Mal in Dudenhofen, einem Ortsteil von Rodgau, der an Dietzenbach grenzt. Dort spielte in der Gaststätte „Schützenhof“ die Band „Rodgau Monotones“. Es war damals die Heimkneipe der Band. Ulrich Backeshoff tauchte dort mit der gesamten Mannschaft seines Handballclubs Dietzenbach zum Tanztee auf. Allerdings im dunkelblauen Anzug, weißem Hemd und geradem Scheitel. Der gesamte Verein saß an einem Tisch. Manche von den Spielern hatten lange Haare. Zum Beispiel Ulrichs Kumpel Heinrich Baum. Heiner, wie er von allen genannt wurde, war mit einer sehr hübschen Norwegerin befreundet. Plötzlich schoss es Ulrich Backeshoff durch den Kopf, dass es an der Zeit wäre zu heiraten. Er schaute sich um und meinte zu seinem Freund:

„Wenn sich das Mädchen, das da hinten am Tisch sitzt, auch für Handball interessiert, dann wird es geheiratet.“ (Ulrich Backeshoff)

Das Mädchen hieß Sonja und interessierte sich tatsächlich für Handball. Das fand Ulrich heraus, als er kurz vor Feierabend mit ihr tanzte. Ein paar Monate später hat er sie geheiratet.

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„Nicht weil wir mussten“, betont Ulrich Backeshoff, „sondern weil ich eine Wohnung hatte. Um zusammenzuziehen, musste man verheiratet sein. Das war sonst undenkbar.“ Sonja Keck war 18 Jahre alt und er 21, also volljährig. Um seine jüngere Freundin zu heiraten, brauchte er damals auch noch die schriftliche Genehmigung seines Schwiegervaters in spe. Heinrich Keck war aber der Meinung, dass der Backeshoff ein Erbschleicher ist. Das Verhältnis zwischen Ulrich Backeshoff und seinem Schwiegervater hat sich dann aber sehr bald um 180 Grad zum Guten hin gewendet. Ulrich Backeshoff sagt heute, dass ihn seine Schwiegereltern sehr unterstützt haben und er sie wie seine eigenen Eltern liebte. Sonjas Vater betrieb im Dorf eine Nebenerwerbslandwirtschaft und galt als gut betucht. Das brachte ihn auf den Gedanken, dass Ulrich es nur auf sein Geld abgesehen hat. Also holte sich Ulrich Schützenhilfe bei seinem evangelischen Pfarrer. Sonja und er waren beide evangelisch. Der Pfarrer hatte Sonja konfirmiert und kannte die Familie. Als ihm Ulrich sein Problem vortrug, fragte der Pfarrer ihn gewissenhaft, ob er das Mädchen aus ehrenwerten Gründen heiraten möchte. Nachdem er bejahte, wurde auch Sonja von ihm befragt. Als das geklärt war, meinte der Pfarrer nur noch: „Lass das mit der Unterschrift von deinem Schwiegervater mal meine Sorge sein.“ Er ist dann zum Schwiegervater gegangen und kam mit der Erlaubnis zur Heirat zurück. Ulrich Backeshoff ist heute noch

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stolz darauf, dass er eine so elegante Lösung für dieses Problem gefunden hatte. Nach dem Okay zur Hochzeit ging alles sehr schnell. Mittwochs war standesamtliche Heirat und samstags die kirchliche. Viel Zeit hatte der frischgebackene Ehemann nicht. Nach der standesamtlichen Heirat musste er bei einem Handballderby mitspielen. Dietzenbach gegen Steinheim Hanau. Die beiden frisch Vermählten sind dann sozusagen vom Standesamt aus zum Handballderby geeilt. Wie gut, dass sich Ulrich Backeshoff vorher vergewissert hatte, dass sich seine Frau Sonja auch tatsächlich für Handball interessiert. Freitagabend gab es einen Polterabend mit dem Verein. Dann folgte am Samstag die kirchliche Hochzeit. Danach war ein Auswärtsspiel in Wiesbaden angesetzt. Die gesamte Mannschaft kam also mit dem Vereinsbus zur Kirche und alle Spieler haben Spalier gestanden. Danach hatten sie aber ein Einsehen mit dem frisch vermählten Paar. Sie hatten sich um einen zweiten Torwart bemüht. Er hieß Dieter Liebherr und hatte eine interessante Geschichte. Sein leiblicher Vater war Afroamerikaner und Soldat im zweiten Weltkrieg. Leider hat Dieter ihn nie kennengelernt. Dieters Mutter war deutscher Herkunft und hatte eine Affäre mit diesem Mann. Als ihr Ehemann aus dem Krieg zurückkehrte, adoptierte er den unehelichen Dieter. Dank Dieter konnte Ulrich Backeshoff also an diesem Tag seine Hochzeit feiern. Die ersten 30 Ehejahre mit seiner Frau Sonja bezeichnet Ulrich Backeshoff als glücklich.

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Um dem Schwiegervater Heinrich Keck zu imponieren, hat er dann sogar das Spargelstechen erlernt. Wahrscheinlich hätte der Schwiegerpapa sonst seine Unterschrift wieder zurückgezogen. In der Saison musste Ulrich vor seiner Arbeit also auch noch Spargel stechen. Danach ging es zum eigentlichen Job zu Schade & Füllgrabe. Nach dem Tod von Herrmann Josten im Jahr 1974 wurde die Schade & Füllgrabe KG neu strukturiert, die Geschäftsräume wurden modernisiert und den Anforderungen der Zeit angepasst. Das Geschäft konzentrierte sich nun auf den Großraum Frankfurts. Trotz der getätigten Modernisierungen in den 1970er Jahren drückte die zunehmende Konkurrenz durch deutschlandweit agierende Handelsketten mit großräumig konzipierten Geschäftsräumen das auf kleinere Filialen in Innenstadtlage setzende Unternehmen in die Verlustzone. Nach mehreren Versuchen, das Unternehmen in den 1980er Jahren dem Verbrauchergeschmack anzupassen, verkaufte die Werhahn-Gruppe es schließlich an die Frankfurter co op AG, welche die Immobilienwerte an die Schweizerische Bankgesellschaft weiterreichte und zurückmietete. Ulrich Backeshoff fühlte sich diesem Betrieb sehr verbunden. Als er nach vielen Jahren eine Rundreise zu den alten Wirkungsstätten seiner Anfänge als Kaufmann unternahm, hatte die Tengelmann-Gruppe des Mülheimer Handelsunternehmers Erivan bereits die Haub Schade & Füllgrabe übernommen und die Märkte in Kaiser’s Tengelmann umgeflaggt.

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Ulrich Backeshoff blieb nur kurze Zeit bei der Schade & Füllgrabe KG. Dann hatte er seiner Meinung nach genügend Erfahrungen gesammelt, um sich selbstständig zu machen. Seine erste Selbstständigkeit erfolgte bereits mit 22 Jahren. Er eröffnete die erste eigene Lebensmittelfiliale. Einer aktuellen Studie aus dem Jahre 2011 zufolge ist die Persönlichkeit von Unternehmern, zu denen nun auch Ulrich Backeshoff zählte, anders als die von Angestellten: Unternehmer sind offener, extrovertierter und risikofreudiger. Zu diesem Schluss sind Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und dem Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn gekommen. Die Studie hat den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Selbstständigkeit untersucht. Demnach entscheidet die Persönlichkeit über die berufliche Selbstständigkeit oder einer Anstellung. Ein weiteres Ergebnis der Studie war, dass Unternehmer wesentlich stärker davon überzeugt sind, dass ihr beruflicher Erfolg vor allem von ihnen selbst und weniger von äußeren Umständen bestimmt wird. Bei Ulrich Backeshoff durfte man gespannt sein, ob das auch auf ihn zutreffen würde. Er hatte ja schon als Angestellter mit viel Engagement für den Erfolg des Unternehmens gekämpft. Würde er das als Selbstständiger noch einmal steigern können? Laut Studie hätten die individuellen Persönlichkeitsmerkmale aber nicht nur Einfluss darauf, ob sich ein Mensch in seinem

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Leben für die Selbstständigkeit entscheidet. Sie wirken sich auch auf den Erfolg aus. Personen mit besonders hoher oder niedriger Risikofreude haben demnach im Durchschnitt weniger Erfolg in der Selbstständigkeit als Personen mit einer mittleren Risikobereitschaft. Ulrich Backeshoff zählt sich eher zu denjenigen, die auch gerne ein hohes Risiko eingehen. Laut Studie begünstigt dies nicht unbedingt den Erfolg, aber ganz deutlich die Entscheidung hin zur Selbstständigkeit. Entscheidend seien auch die sogenannten „Big Five“, die fünf Persönlichkeitsmerkmale in der Psychologie: Emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Personen mit hohen Werten bei „Offenheit“, „Emotionaler Stabilität“ und „Extraversion“ machen sich demnach häufiger selbstständig. Für diese Werte steht auch der Unternehmer Ulrich Backeshoff. Dagegen kehrten Personen mit großer Verträglichkeit der Selbstständigkeit schneller wieder den Rücken. Ulrich Backeshoff, für den die Menschen immer am wichtigsten sind, stellt hier wohl eine Ausnahme dar. Positiv wirkt sich dagegen auch laut Studie das Vertrauen in andere Menschen auf die Entscheidung aus, sich selbstständig zu machen. Dies könnte Ulrich Backeshoff auch bestätigen. Andere Merkmale wie die Impulsivität beeinflussen der Studie zufolge die Entscheidung für die Selbstständigkeit nicht. Impulsivität zählt sicherlich auch zu den Charaktereigenschaften,

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die Ulrich Backeshoff gut beschreiben. Allein als Handballspieler verfügt er über eine starke motorische Impulsivität. Bei Ulrich Backeshoff stellte sich jedenfalls sehr schnell der Erfolg mit seiner ersten Selbstständigkeit im Lebensmitteleinzelhandel ein. Der ersten Filiale folgten in den nächsten vier Jahren fünf weitere Geschäfte. Er eröffnete sie in Offenthal, Dietzenbach, Dreieich, Georgenhausen und Egelsbach. Dazu trugen viele der genannten Merkmale entscheidend bei. Später wurden diese REWE-Filialen in ULBA umbenannt. Ul - Ba als Abkürzung seines Namens Ulrich Backeshoff. Der Slogan dazu stammte auch aus der Feder des Namensgebers:

„ULBA Märkte, die sind klasse, das merkt der Kunde an der Kasse.“ (Ulrich Backeshoff)

Innerhalb der Firmen hat der Kaufmann Backeshoff Verkaufsstrategien genutzt, die für die damalige Zeit neu waren, sogenannte Extraversionen. Dazu gehörte vergleichende Werbung oder Gutscheinsystematik. Ulrich Backeshoff verstand es, die Kunden mit allen Mitteln anzulocken. Er ließ im Ortsteil Dreieichenhain Musikgruppen auftreten. Bei diesem Event durften dann auch Handzettel verteilt werden, die für seine Filialen warben. In seinen Geschäften wurde den Kunden mehr Unterhaltung geboten.

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Dabei konnte er sich nicht immer an die Vorschriften halten. Er feierte mehr Jubiläen, als es streng genommen gab. Die Abmahnungen, die er dafür kassierte, hat er aber gerne in Kauf genommen. Eine Abmahnung kostete bis zu 1.000,- DM. Der Umsatz war durch die Werbung aber so stark gestiegen, dass er immer noch einen Gewinn machte. Die Rechnung ging gut auf. „In so kleinen Städten muss das Feuer ab und zu mal angezündet werden“, meint Ulrich Backeshoff. Wenn ernstzunehmende Wettbewerber eine Filiale eröffneten, dann hat Ulrich Backeshoff auch schon mal zwei Seiten Werbung in einem regionalen Blättchen gekauft. Auf der einen Seite hat er die Abmahnung abdrucken lassen, die ihm die Konkurrenz geschickt hat. Auf der anderen Seite gab es eine Entschuldigung und für alle Zeitungsleser einen neuen großen Gutschein zum Ausschneiden. Die Abmahnung hat er also auch noch zu Werbezwecken genutzt. Der junge Unternehmer ließ sich pausenlos etwas Ungewöhnliches einfallen. Mit den Öffnungszeiten konnte er sich schon damals nicht anfreunden. Am 28. November 1956 wurde in der Bundesrepublik Deutschland das „Gesetz über den Ladenschluss“ verabschiedet, das ab 1957 galt. Geschäfte durften nun montags bis freitags von 7 bis 18:30 Uhr und samstags bis 14 Uhr geöffnet sein. Ab dem 17. Juli 1957 konnte man zusätzlich am ersten Samstag im Monat bis 18 Uhr einkaufen. Dieser Tag hieß „langer Samstag“. Im Jahr 1960 erlaubte man das Öffnen an den vier Adventssamstagen bis 18 Uhr.

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Danach wurde das Ladenschlussgesetz knapp 30 Jahre lang nicht verändert, bis im Oktober 1989 der „lange Donnerstag“ als „Dienstleistungsabend“ eingeführt wurde, an dem Geschäfte bis 20:30 Uhr geöffnet sein durften. Auf dem Lande war dann auch noch die Mittagspause ein ungeschriebenes Gesetz und am Mittwochnachmittag blieben die Geschäfte traditionell geschlossen. Das war nicht besonders gut für den Umsatz. Ulrich Backeshoff hat sich nie so genau an die Regeln gehalten und seine Geschäfte regelmäßig länger aufgehabt. Auch in den Mittagszeiten hatten seine Filialen geöffnet. Sie waren dann mit Aushilfskräften besetzt. 1968 war das auch alles nicht mehr so streng, wie er behauptet. Damals gab es bereits die ersten Toommärkte, die durchgehend geöffnet hatten. Der erste toom Markt im Umkreis wurde in dem Ort eröffnet, aus dem seine Frau Sonja kam. Mitten auf der grünen Wiese.

„Als ich den ersten toom Markt sah, wusste ich, dass ich niemals so viel Geld in so kurzer Zeit verdienen konnte wie die.“ (Ulrich Backeshoff)

Wenn man bedenkt, wie mühsam und zeitaufwendig sich Ulrich Backeshoff damals um Kundschaft bemüht hat, wird das sehr schnell verständlich. Um Kunden zu gewinnen, hat er morgens

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von 6 bis 8 Uhr Brötchen mit dem VW Bus ausgefahren. Eine Serviceleistung mit dem dezenten Hinweis, dass er sich über einen Besuch in seiner Filiale freuen würde. Er hat sich regelrecht gewehrt, wenn ihm die Leute Geld für die Brötchen geben wollten. Manchmal musste er Ausreden gebrauchen, wie die, dass er keine Zeit zum Kassieren habe, weil er sonst nicht alle beliefern könne. Bei solchen Aktionen hat ihn seine damalige Frau tatkräftig unterstützt. Immerhin fuhr er 100 Privatkunden an. Die Brötchen wurden um vier Uhr in der Frühe aus Offenbach abgeholt. Kundenfindung, Kundenbindung, das war seine Leidenschaft. Sein erstes Geschäft hat er um einen Anbau erweitert, um eine Metzgerei zu integrieren. Das Shop-in-Shop-Prinzip war auch hier seiner Zeit voraus. In der Metzgerei hat der Chef Backeshoff dann selbst mit Begeisterung Fleisch- und Wurstwaren verkauft. Die Kombination von Dosen und Frischwaren war neu und hat gut funktioniert. Er musste allerdings auch einen Metzgermeister einstellen, sonst hätte er keine Genehmigung für die Metzgerei bekommen. Zu Weihachten konnte man bei ULBA sogar seinen Weihnachtsbaum kaufen. Eine Besonderheit war auch das Bier, das den Kunden bei ULBA angeboten wurde. Ulrich Backeshoff hatte schon damals ein Faible für Biere. Eine renommierte Odenwaldbrauerei füllte für ihn die Hausmarke Ulbabier ab. Der Preis für dieses sehr ordentliche Bier war sensationell günstig, weil es keinen Zwischenhandel gab. Natürlich musste man ganz klein auch die Brauerei nennen.

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In allen ULBA-Filialen konnten die Kunden, die preiswert einkaufen mussten, sich nun auch einen Kasten Bier leisten. Ulrich Backeshoff hat ein Management wie bei einem großen Konzern betrieben. Es wurde Ware zum Einkaufspreis verkauft, ohne Mehrwertsteuer, die hatte man schlicht vergessen und die Ware so subventioniert. Mit solchen Sonderangeboten lockte man die Kundschaft an. Die kauften nicht nur die Sonderangebote, sondern auch andere Produkte, an denen Ulrich Backeshoff gut verdiente. „Wir haben damals schon Großeinkäufe getätigt“, erzählt Ulrich Backeshoff. „So wie heute wieder in ganz Deutschland.“ Dann kamen die Non-Food-Artikel, die von Zulieferern in die Filialen gebracht wurden. Der Bindfaden für die Hausfrau und ähnliche wichtige Produkte für den täglichen Gebrauch im Haushalt. Ulrich Backeshoff hätte noch so manches verkaufen wollen, aber die Verkaufsfläche war damals eher überschaubar. Sein größter Laden maß 300 Quadratmeter, die anderen lagen so bei 200, 150 oder 100 Quadratmeter. Die Verkaufsfläche betrug etwas über 1.000 Quadratmeter. Der Umsatz, der pro Quadratmeter berechnet wurde, lag bei ULBA teilweise höher als beim Wettbewerber. Das lag auch an der Kostenstruktur. Die Personalkosten waren oft entscheidend. ULBA erfreute sich auch bei älteren Leuten einer großen Beliebtheit, weil ihnen die Ware zugestellt wurde, und zwar frei Haus immer freitags und samstags. Ohne Aufpreis, aber Trinkgeld wurde gerne genommen. Das lohnte sich für die Fahrer. Sie bekamen fast immer 1,- oder 2,- DM pro Kunde. Bei 20 Kunden pro

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Tag waren das 20,- bis 40,- DM. Für die damaligen Verhältnisse sehr viel Geld. „Damals konnte man noch für 5,- DM Essen gehen“, erinnert sich Ulrich Backeshoff. „Da freute sich die Frau, wenn sie einmal nicht kochen musste, sondern zum Essen eingeladen wurde. Für eine Freundin hat man damals noch keine Zeit gehabt“, fügt er lächelnd hinzu. Am Ende hat Ulrich Backeshoff alle Filialen einem Darmstädter Großhändler, der Firma Becker, verkauft. Eine Zeitlang war er noch Geschäftsführer. In kürzester Zeit hat Becker dann die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Filialen abgesperrt wurden. Diese Läden waren nicht mehr zeitgemäß. Ulrich Backeshoff weiß heute, dass er zum richtigen Zeitpunkt verkaufte. Leider nicht mit Gewinn, aber das konnte er akzeptieren. Wichtiger war ihm, dass Firma Becker es dann später in den neuen Bundesländern geschafft hat, ihre Selbstständigkeit zu bewahren. Die meisten Unternehmen dieser Art mussten sich mit anderen zusammenschließen. Nach diesem in der Summe erfolgreichen Ausflug in die Selbstständigkeit wechselte Ulrich Backeshoff das Metier und trat eine Ausbildung bei Xerox an. Dort stieg er in kürzester Zeit zu einem der besten Verkäufer in Deutschland auf. Xerox war die erste Firma, die im Jahre 1947 noch unter dem Namen Haloid Company das Patent des Fotokopierers kaufte. 1949 brachten sie den ersten kommerziellen Kopierer auf den Markt.

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1961 wurde die Haloid Company auf den heutigen Namen Xerox umbenannt. Die Geschichte des Fotokopierers ist allerdings schon viel älter. Das Vorgängermodell des Kopiergeräts nannte sich damals Schapyrograph. Die Elektrofotografie wurde jedoch von dem Amerikaner Chester F. Carlson zusammen mit seinem Assistenten Otto Kornei erfunden und bereits am 27. Oktober 1937 zum Patent angemeldet. Die erste erfolgreiche Fotokopie fand am 22. Oktober 1938 statt. Auf ihr stand das legendäre Datum 10.-22.-38 ASTORIA. Es war also der 22. Oktober 1938. In Deutschland wurde die Lizenz an die englische Rank Group gegeben, daraus wurde die Firma Rank Xerox. In englischsprachigen Ländern wird das Kopiergerät noch heute Xerox Machine genannt. Der Fotokopierer sollte Ulrich Backeshoff von nun an viele Jahre lang beruflich begleiten. Ulrich Backeshoff hatte das große Glück, in seinem Leben Menschen zu begegnen, die ihn gefördert haben. Darunter war auch Willi A. Walter. Er warb ihn aus seinem Angestelltenverhältnis bei Xerox ab und führte ihn zu einem amerikanischen Konzern. Er hieß Royal Imperial und war eine Tochter des großen amerikanischen Rüstungsunternehmens Litton Industrie. Dort wurde Ulrich Backeshoff mit nur 29 Jahren kommissarischer Schulungsleiter für den Vertrieb in Europa. Royal Imperial vertrieb nahezu weltweit Kopierer. In diesem amerikanischen Konzern konnte der Deutsche sich neues Wissen aneignen.

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So zum Beispiel die 99 goldenen Regeln des Verkaufens, die von der Firma festgeschrieben wurden und von jedem auswendig gelernt werden sollten. Doch das war Ulrich Backeshoff viel zu mühsam.

„Außerdem gewann ich nach kurzer Durchsicht die Überzeugung, dass ich mit sechs Regeln auskommen würde.“ (Ulrich Backeshoff)

Aus dem umfangreichen Stufenplan zwischen Phase und Ziel pickte er sich das Wichtigste heraus. Alles andere hat er nie gebraucht. Die erste Phase ist die Vorbereitung. Herstellung von Sicherheit und Vertrauen nach innen und außen Die zweite Phase ist der Erstkontakt. Ziel: Einen Termin erhalten (… und sonst nichts) Die dritte Phase ist das Erstgespräch. Ziel: (Nur) Das Interesse wecken: a) für das Produkt b) für die Person Die vierte Phase ist die Analyse. Ziel: Den Beweis des Nutzens herstellen – in den Dimensionen a) Geld b) Qualität c) Zeit Die fünfte Phase ist die Demonstration. Ziel: Den Besitzwunsch wecken. (Will ich haben!) Die sechste Phase ist der Abschluss: Auftrag (Ziel erreicht!)

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Aber auch Royal Imperial war nur eine Zwischenstation für den innovativen Angestellten Ulrich Backeshoff. Sein Mentor Willi A. Walter wechselte zu Minolta, einem japanischen Unternehmen, und bekam dort einen Chefposten. Die Verbindung zu Ulrich Backeshoff blieb bestehen, und so folgte ihm der junge Mann nach München. Herr Walter schaffte die Voraussetzung dafür, dass sich Ulrich Backeshoff ein zweites Mal selbstständig machen konnte. Dieses Mal mit dem Verkauf von Minolta-Kopierern. Damals hatten Ulrich Backeshoff und seine Frau bereits eine Tochter namens Alexandra. Und weil Ulrich Backeshoff wusste, dass seine neue Selbstständigkeit ihm wenig Zeit für das Familienleben lassen würde, plante er noch eine schöne Reise mit Frau und Tochter in einen Club auf Fuerteventura. Ganz nach dem Motto:

„So, jetzt machen wir noch einmal Urlaub im Club und dann wird hart gearbeitet.“ (Ulrich Backeshoff)

Auf Fuerteventura brachte er seiner Tochter das Schwimmen bei. Papa Backeshoff war überglücklich, als seine Tochter im besagten Urlaub schon als Vierjährige schwimmen konnte. Dafür hat sie keine zehn Tage gebraucht und er konnte sicher sein, dass sie im

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Wasser nicht ertrinken würde. Bei diesem Urlaub am Meer und einem Hotel mit großem Pool war es ihm sehr wichtig, seiner Tochter das Schwimmen beizubringen. Ulrich Backeshoff liebt das vierte Element. Während sich seine kleine Tochter im Kinderclub austobte, versuchte er sich im Surfen, was damals sehr modern war. Das fiel ihm nicht leicht, denn in den letzten zwei Jahren war er nicht sehr sportlich gewesen. Zudem hatte er ständig mit hohen Wellen zu kämpfen, die ihn immer wieder ins Wasser zurückwarfen. Bei diesem Urlaub hatten alle Familienmitglieder ihren Spaß. Das waren dann leider für lange Zeit die letzten gemeinsamen Ferien der Familie.

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Ulrich Backeshoff – Sternzeichen Zwillinge mit vielen Facetten.


Bilder einer vergangenen Zeit. Die Großeltern bei der Silbernen Hochzeit um 1930. Ausflüge waren stets beliebt: Bootstour mit Opa und Oma Pröpper am Kanal in Datteln.


Früher ging es streng zu wie bei Gustav A. Pröpper als Kaiserlicher Garde-Soldat (li. ob.) und auch ein bisschen steif ... Doch nicht nur hinter den Kulissen des mütterlichen Elternhauses wurde kräftig gefeiert.


Zum Glück wusste man die Feste zu feiern, wie sie fielen. Großfamilie Pröpper und Backeshoff trafen sich an Geburtstagen im Fünferschritt und an allen Feiertagen.


Das letzte Foto des Opas Gustav Pröpper (re. ob.). Er hatte zwei Brüder, eine Schwester, vier Kinder und zehn Enkel. Ulrichs Vater, Ernst Backeshoff, wuchs mit neun Geschwistern auf.


Ulrichs Eltern, Ernst und Lydia Backeshoff, waren viele Jahre gl端cklich verheiratet. Ihre Kinder Ernst, Udo und Ulrich wurden vom Vater zum Sparen erzogen. Mutter Backeshoff brachte ihnen B端geln, Kochen und Str端mpfestopfen bei.


Lydia Backeshoff wurde 95 Jahre alt. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, begann sie ein Jura-Studium.

Ernst Backeshoff konnte trotz eines schweren Verkehrsunfalls seinen Beruf als Schlosserlehrlingsmeister erfolgreich aus端ben.


In der Jugend war Streichespielen angesagt, auch wenn Ulrich und die anderen Jungen auf den Fotos sehr brav ausschauen.


Schon die Kinder hatten ihren SpaĂ&#x; am Feiern. An Festtagen sorgten Kakao und Kuchen stets fĂźr gute Laune.


Sonja Keck war das M채dchen, das sich auch f체r Handball interessierte und von Ulrich Backeshoff kurzerhand geheiratet wurde. Mit ihr und seiner Tochter Alex reiste er um die ganze Welt.


Tochter Alexandra hatte schon frĂźh ihren eigenen Kopf und nahm ihr Leben erfolgreich in die Hand. Die Freude und das Talent an der Goldschmiedekunst hat sie vom GroĂ&#x;vater Ernst geerbt.


Das erste Motorrad kam sp채t, aber Ulrich Backeshoff konnte sich bereits mit 18 Jahren ein Auto leisten. Dann investierte er in einen Handballverein, in viele H채user und zahlreiche Firmen.


New York, Hawaii, Moskau ... ein Weltenbummler privat und streng gesch채ftlich. Nach Moskau lud ihn Michail Gorbatschow ein. Backeshoff zeigte ihm, wie man mit Handball Geld verdienen kann.


„ULBA Märkte, die sind klasse, das merkt der Kunde an der Kasse.“ (Ulrich Backeshoff) Kaum volljährig und schon selbstständig mit fünf Filialen.


In der Lebensmittelbranche war Ulrich Backeshoff allen voraus. Kundenbindung, Shop in Shop und GuerillaMarketing sorgten f체r volle Gesch채fte und Verstimmung bei der Konkurrenz.


Ein halbes Leben f체r den Handball als Torwart, Trainer, Sponsor und M채zen. Backeshoff ging den Sport professionell an und verband ihn mit seiner Firma BAX und den Sponsoren Minolta und Toshiba.


Ulrich Backeshoff holte auch den berĂźhmten Handballspieler Erhard Wunderlich zum TSV Milbertshofen. Er bot ihm eine Zukunft nach dem Sport und eine Menge SpaĂ&#x;.


Ulrich Backeshoff verwirklicht eine seiner Visionen mit ABOS-CONWORKS, einer der größten Unternehmungsberatung für den deutschen Mittelstand.


„Ideen haben, ein starkes Team bilden und dann schneller sein als die anderen.“ Ulrich Backeshoff bei der Vorstellung seiner Strategien.


ABOS-CONWORKS fĂźhrt kluge KĂśpfe unter einem Dach zusammen. Eine Gemeinschaft von kompetenten Individualisten. Hier darf jeder Chef in seinem Bereich sein.


Mit großem Engagement verbreitet Ulrich Backeshoff seine innovativen Ideen unter den Mitarbeitern und Kunden. Er hält gerne den Steigbügel und setzt auf die richtigen Pferde.


Am Ende macht er alle glücklich! „Man muss sich immer mit Respekt begegnen!“


„Was zählt, sind die Menschen!“ Zweites, junges Familienglück mit seiner bezaubernden Frau Bernadette Veronica Febriyanti und der kleinen Prinzessin Shinta, deren Name für Freiheit, Liebe und Mut steht.


Bei Minolta war Ulrich Backeshoff wieder einmal der jüngste Mitarbeiter in der Organisation. Wie immer auch der mit den verrücktesten Ideen.

„In der Branche der Kopiersysteme gibt es nicht sehr viele Dinge, die nicht von mir stammen.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich Backeshoff behauptet, dass er einer der Ersten war, die zehn Kopiermaschinen von einem Typ, dann 100 Maschinen und auch mal 1.000 von einem Typ gekauft haben. Eine gute Voraussetzung, um entsprechende Rabatte zu verhandeln. Die Ausbildung bei Xerox und die Umsetzung bei Royal Imperial hatten sich für ihn bezahlt gemacht. Doch Geld interessierte den Unternehmer nicht so sehr. Ihn interessierten mehr die Idee, die Qualität und der Spaß an der Arbeit. Der große Ausgleich im Leben von Ulrich Backeshoff war der Sport. Dem Handball blieb er lange treu.

„Das Taktieren im Sport musste ich lernen. Aber ich lernte schnell und habe im Handball professionelle Methoden eingeführt.“ (Ulrich Backeshoff)

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Als Jugendlicher spielte Ulrich in der Kreismannschaft und was sonst noch für die Jugend angeboten wurde. Aber sein Ziel war kein geringeres als: Handballnationaltorwart zu werden. Damals hat man den frechen, jungen Kerl für verrückt erklärt. Aber er hat es allen gezeigt und mit 21 Jahren stand er für die Nationalmannschaft in Antwerpen in der „Kiste“. Nun hätte ihm eine steile Karriere im Handball offen gestanden. Doch Ulrich hatte wohl schon wieder ein neues Ziel vor Augen. Nun wollte er Trainer der Nationalmannschaft werden. Wie sonst hätte man erklären können, dass er gleich bei diesem Spiel in Antwerpen dem damaligen Trainer gute Tipps gab, wie er seinen Job noch viel besser machen könnte? Damit war seine Karriere als Torwart allerdings erst einmal beendet. Welcher Trainer lässt sich das von einem jungen Schnösel bieten? Das Länderspiel von 1967 in Antwerpen hat man dann leider ein paar Jahre später aus der Statistik genommen, wie Ulrich Backeshoff erzählt: „Das wurde als Länderspiel gekappt, weil ein gewisser Joseph Milkowitsch, einer der besten Spieler auf der ganzen Welt, Olympiasieger und Weltmeister, als Gastspieler eingesetzt wurde. Das war angeblich nicht statthaft. War sowieso ein Freundschaftsspiel. Darüber stand auch ein Bericht in der Offenbach Post, dem Heimblatt. Die haben meinen Namen Backeshoff in der Überschrift falsch geschrieben, nur mit einem f. Aber ich war wieder einmal der beste Torwart, so wie im Vorjahr.“

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1966 spielte Ulrich Backeshoff bereits in der ersten Liga. Damals gab es noch nicht die Bezeichnung Bundesliga oder Regionalliga. Es hieß Verbandsliga. Daraus wurde später die Regionalliga. Die Bezeichnung der Liga wurde 1966 als höchste Spielklasse eingeführt. 1977 folgte die eingleisige Handball-Bundesliga. Jedenfalls mischte Ulrich Backeshoff damals mit. Bis zu seinem 27. Lebensjahr hat Ulrich Backeshoff aktiv Handball gespielt. „Dietzenbach war im Feldhandball eine der besten Mannschaften“, erzählt Ulrich Backeshoff. „Im Feldhandball war ich nicht so gut, da war ich normaler Abwehrspieler.“ Nach einem Zwischenstopp in Großwaldstadt landete Ulrich Backeshoff beim TSV Milbertshofen, bei dem er verschiedene Aufgaben übernahm. Das war eine eigene Welt.

„In Milbertshofen war ich Torwart, Co-Trainer, Kurzzeit-Trainer, graue Eminenz, Sponsor, Mäzen und Präsident.“ (Ulrich Backeshoff)

Es gab Zeiten, da ging es mit dem Verein Milbertshofen auf und ab. Einmal ist Milbertshofen in die dritte Liga abgestiegen, weil ein Schweizer Mäzensponsor angeblich die ganze Mannschaft gekauft hat. Ulrich Backeshoff hat die Mannschaft systematisch

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durch den Einkauf von Nationalspielern wieder aufgebaut. Dadurch ist der Verein vom kleinsten zum größten aufgestiegen. Von der dritten in die zweite Liga und dann in die erste. Beruflich hatte er sich in dieser Zeit, er war inzwischen 32 Jahren alt, dank Herrn A. Walter wieder einmal auf eigene Füße gestellt. „Ich gründete mit sieben Mitarbeitern das weltkleinste Handelshaus für Kopiergeräte, das nicht in der Hand von Herstellern oder Banken lag.“ Zum Schluss zählte das Unternehmen über 700 Mitarbeiter, die für BAX arbeiteten und Fotokopierer verkauften. Aus dem kleinen Unternehmen war ein respektables mittelständisches Unternehmen geworden. BA stand für Backeshoff und X für Xerografie. Fotokopie ist nur das umgangssprachliche Wort für die Elektrofotografie, auch Elektro-Faksimileverfahren oder Elektrofaxverfahren, kurz Xerografie, genannt. Das Führen dieses Firmennamens BAX wurde ihm zunächst einmal verboten. Aber das ließ sich Ulrich Backeshoff nicht gefallen. Mit Hilfe des renommierten Patentanwaltes Dr. Paul B. Schäuble strebte er einen Prozess an. Rechtsanwalt Dr. Schäuble war damals Mitarbeiter in der renommierten Münchener Sozietät Lorenz, Seidler und Gossel, in der er seit 1987 Partner ist. Mit seiner Hilfe konnte der Unternehmer Backeshoff den klangvollen Namen BAX beim europäischen Patentamt für sein Unternehmen schützen. Später wurde ihm der Firmenname BAX für viel Geld abgekauft. Backeshoff hatte ihn zu einer Weltmarke gemacht. BAX war

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einer der ersten Markennamen, die regelmäßig im Fernsehen auftauchten. Ein Firmenname, der weltweit verständlich war. Zunächst verkaufte Ulrich Backeshoff Minolta-Fotokopierer. Eine renommierte Marke. Minolta Copymaster bringt seit 1960 die ersten Kopiergeräte auf den Markt. 1962 wurde die erste europäische Niederlassung in Hamburg gegründet. 1971 erfolgte die Markteinführung des Hochleistungs-Fotokopierers und 1983 die Markteinführung des weltweit ersten Fotokopierers mit Vergrößerungs- und Verkleinerungsfunktion. Seine erneute Selbstständigkeit wusste Ulrich Backeshoff diesmal geschickt mit dem Sport zu verbinden. Inzwischen war er nicht mehr Torwart der Mannschaft Milbertshofen, sondern Sponsor und Mäzen. Sein Engagement für den Handball ließ sich gewinnbringend mit seiner Firma vereinbaren. Der Handballverein TSV Milbertshofen, die Firma BAX von Backeshoff und Minolta Kopierer sind auf zahlreichen Pressefotos, in Fernsehübertragungen und Zeitungsberichten vereint. Später verkaufte er dann keine Minolta Kopierer mehr, sondern Kopierer der Marke Toshiba.

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Der bekannteste Spieler, den Ulrich Backeshoff für Milbertshofen gewinnen konnte, war Erhard Wunderlich. Während dieses Buch entstand, verstarb Erhard Wunderlich am 4.10.2012 im Alter von 55 Jahren. Er erlag einem Krebsleiden. 1984 holte ihn Ulrich Backeshoff von Barcelona zurück in die HandballBundesliga zum TSV Milbertshofen, wo er bis 1989 spielte.

„Die Aktion mit Erhard Wunderlich (†) war damals eher noch amateurhaft.“ (Ulrich Backeshoff)

Dass es dem Kaufmann Ulrich Backeshoff, dessen Firma Minolta-Kopierer in Bayern verkaufte, tatsächlich gelang, den bekannten Star vom FC Barcelona nach München zu holen, fand nicht nur die Presse unglaublich. Und so schreibt „Der Spiegel“:

Kopierer statt Kneipe Ein mittelständischer Unternehmer lockte den erfolgreichsten deutschen Handballer aus Spanien in die Heimat zurück.

Im Sommer wird sich Erhard Wunderlich, der Rummenigge der deutschen Handballspieler, im Trainingslager quälen müssen. Statt Sprung- und Fallwürfen aber wird der 2,05 Meter lange Bayer, in dessen Händen ein Handball wie eine Pampelmuse wirkt, ungewohnte Disziplinen üben: In Bad Lauterberg im Harz, dem Schulungszent-

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rum der japanischen Kopierer- und Kamerafirma Minolta, wird von Verkaufspsychologie und Produktstrategie, von Vertriebssystemen und Marktsegmenten die Rede sein. Den Eintritt in die fremde Welt verdankt Wunderlich einem Münchner Handball-Fan. Der Kaufmann Ulrich Backeshoff, dessen Firma Minolta-Kopierer in Bayern verkauft, hatte schon vor Jahren ein Auge auf den langen Landsmann geworfen. Der 37jährige Backeshoff, ein ehemaliger HandballTorwart, müht sich, den sportlichen Ruhm des Münchner VorstadtVereins TSV Milbertshofen zu mehren. Zunächst wollte Wunderlich von den Angeboten des Münchners nichts wissen. Im vergangenen Jahr erlag der geborene Augsburger, der die deutsche Handballmannschaft 1978 zur Weltmeisterschaft geführt hatte, einer anderen Versuchung: Der spanische Klub FC Barcelona bot ihm 2,5 Millionen Mark für einen Drei-Jahres-Vertrag – eine für Handballer phantastische Summe. Das „schnelle Geld“, das Wunderlich in Spanien machen wollte, trug freilich nur bedingt zu seinem Lebensglück bei. Es gelang den Spaniern nicht, den deutschen Handballer, wie sie es sich vorgestellt hatten, in der Werbung zu vermarkten. Dann ärgerte es Wunderlich, daß hiesige Sportreporter seine HandballKünste mies machten und „Speckrollen an den Hüften“ feststellten. Da der heimatverbundene Sportler außerdem seine Familienplanung vorantrieb – der Eheschließung vom Gründonnerstag soll im August ein Kind folgen –, gab der Handballer jetzt einem neuen BackeshoffAngebot nach. Statt des schnellen Geldes bietet der Münchner dem

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Handballer Wunderlich eine Existenz für die Zeit, wenn der Wurf arm erlahmt. Im Dreieck Bad Tölz, Garmisch und Weilheim soll der Handballer vom Herbst an Kopiergeräte verkaufen. Daß er davon nichts versteht, hält der deutsche Minolta-Marketingdirektor Willi Walter nicht für hinderlich. Denn „Wunderlich“, sagt Walter, „ist nicht nur ein guter Handballspieler, sondern auch sehr intelligent“. Geschäftsmann Backeshoff läßt sich seine Zuneigung zum TSV Milbertshofen einiges kosten. Bisher herrscht Backeshoff allein über das bayrische Vertriebsgebiet, aus dem Wunderlich nun ein Teil zugeschlagen wird. Wunderlichs Firma, an der Backeshoff beteiligt sein wird, darf die Minolta-Kopierer auf eigene Rechnung verkaufen. Das Partner-System hat Backeshoff schon mit einem anderen Ex-Nationalspieler ausprobiert. Der Handballer Klaus Voik, der vor Jahren gemeinsam mit Wunderlich Tore für Deutschland warf, führt ein Sportgeschäft, an dem die Backeshoff-Firma beteiligt ist. Mit Voiks Hilfe ist der TSV Milbertshofen gerade dabei, aus der Regionalliga in die zweite Bundesliga aufzusteigen. Der mittelständische Unternehmer Backeshoff, dessen 100 Beschäftigte im Jahr rund 30 Millionen Mark umsetzen, hat beim geplanten Aufstieg seines Vereins einen tatkräftigen Helfer: In der Arbeiter-Vorstadt Milbertshofen steht die Zentrale des BMW-Konzerns. Ähnlich wie Bayer Leverkusen in der Fußball-Bundesliga übt die große Autofirma auf Sportler einen beträchtlichen Reiz aus. Fußballer wie Handballer plagt der Gedanke, nach ihrer Karriere die zwei-

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te Hälfte des Daseins als Besitzer „einer Kneipe oder eines Kiosks“ (Wunderlich) zu verbringen. Dank BMW spielt eines der größten bundesdeutschen Handball-Talente, der Außenstürmer Klaus Peter Heimerl, bereits in Milbertshofen. Der Betriebswirtschaftsstudent erhielt von BMW die Zusage, nach dem Studium einen Job in der Autofirma zu bekommen. Für Handballer ist die Sicherung durch ein Unternehmen auch in der aktiven Zeit wichtig: Anders als die Berufsfußballer gelten sie, jedenfalls offiziell, als Amateure, denen der Verein lediglich eine „Aufwandsentschädigung“ von 700 Mark im Monat bezahlen darf. Was gute Handballer auch in der Bundesrepublik verdienen, wird am Beispiel des polnischen Ex-Nationalspielers Jerzy Klempel deutlich, der in Göppingen für jährlich 100.000 Mark seine Handarbeit verrichtet. Als Klempels Vertrag in die falschen Hände geriet, sperrte der Deutsche Handball-Bund den Polen: Er hat in der Bundesrepublik keine Arbeitserlaubnis und kann daher auch keinen Arbeitgeber vorweisen, der ihm – und sei es pro forma – das Gehalt bezahlt. Die Wunderlich-Heimkehr hingegen, da ist Backeshoff ganz sicher, ist streng nach den vergilbten Regeln des Amateursports gelaufen. Weder Minolta noch er hätten Geld nach Spanien überwiesen. Die Spanier seien schlicht dankbar und glücklich, daß der Deutsche geholfen habe, den Europa-Pokal nach Barcelona zu holen. (DER SPIEGEL 17/1984)

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Ulrich Backeshoff agierte zielorientiert. Er verfolgte mehrere Ziele mit dem Starspieler, der leider keine Werbung auf seinem Trikot tragen durfte. Das lag daran, dass er noch Olympiateilnehmer in Kanada war. Doch obwohl Wunderlich der Einzige war, der keinerlei Werbung machen durfte, profitierte auch die Firma BAX von diesem Spieler. Alle Spiele des TSV Milbertshofen waren für die Presse und die Zuschauer durch den prominenten Spieler Wunderlich besonders interessant. Dass er werbefrei spielte, war im Endeffekt die beste Werbung für die Minolta-Firmen, von denen nun bekannt war, dass eine davon Erhard Wunderlich gehörte. So profitierten Ulrich Backeshoff und Wunderlich auch geschäftlich. Rechtlich war das in Ordnung, denn die Tätigkeit als Geschäftsmann war rein privat und lag außerhalb der Sportkarriere. Die Presse selbst sorgte in ihren Artikeln dafür, dass alle Welt wusste, dass Wunderlich eine Minolta-Firma besaß und sich damit die Zukunft sicherte. Ulrich Backeshoff ist heute noch stolz auf seinen sagenhaften Erfolg. Auf der ersten Seite in der Süddeutschen Zeitung konnte er mit Verwunderung lesen, wie die Journalisten darüber dachten, als er die bloße Absicht äußerte. Besagter Journalist konnte nicht verstehen, wie er es wagen konnte, um einen solchen Weltstar wie Wunderlich zu werben. Den lockt man doch nie von Barcelona nach Milbertshofen. Doch später musste er dann berichten, dass Backeshoff es wieder einmal geschafft hatte.

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Ulrich Backeshoff ist mit dem damaligen Präsidenten Potzler nach Barcelona geflogen und hat den zuständigen Menschen dort erklärt, dass sie sich jetzt einigen müssten. Über den Präsidenten des FC Barcelona erzählte man sich, dass er ein Multimillionär mit 10.000 Wohnungen und vielen Eckgrundstücken in Barcelona sei. So klingt es auch glaubwürdig, dass Ulrich Backeshoff damals kein Geld für den Spieler Wunderlich gezahlt hat. Es gab vor Wunderlich noch einen Spieler, den Backeshoff für den Verein gewinnen konnte. „Klaus Voik habe ich dabei geholfen, mehrere Sportgeschäfte aufzubauen. Auch in München. Er hatte damals eine reiche Frau geheiratet. Die Sportgeschäfte sind alle pleite gegangen. Ich habe da ein paar Hunderttausend Anschubfinanzierung gemacht. Aber man bekommt so etwas nicht geschenkt. Ohne Fleiß kein Preis. Auch wenn man einen reichen Vater hat, der Hunderttausende hinlegt. Die sind dann irgendwann auch mal weg.“ Einer seiner ersten internationalen Auftritte mit BAX-Werbung auf den Trikots der Handballmannschaft TSV Milbertshofen erfolgte anlässlich der bevorstehenden großen Olympiade in Seoul 1988.

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Obwohl keine deutsche Handballmannschaft an der Olympiade teilnahm, wurde der TSV Milbertshofen vor den Olympischen Spielen nach Seoul eingeladen, um die damals fertig gestellte Olympiahalle mit einem Handballspiel Milbertshofen gegen Südkorea zu eröffnen. Die Halle hatte ein Fassungsvermögen von 20.000 Menschen.

„Ich war einer der Ersten, die Sponsoring gemanagt haben.“ (Ulrich Backeshoff)

Seinen Kunden hat Ulrich Backeshoff Eintrittskarten besorgt. Das nennt man heute Kundenbindung. Die Reise nach Seoul wurde von Minolta bezahlt und hat 200.000 DM gekostet. Die Spieler von Milbertshofen trugen die BAX-Werbung auf ihren Trikots. Leider waren nur 500 Zuschauer anwesend. Aber das Spiel wurde im Fernsehen übertragen. Der Flug war damals sehr kräftezehrend und die Mannschaft unterlag dem südkoreanischen Gegner. An die zehntägige Reise nach Korea erinnert sich Ulrich Backeshoff noch heute sehr genau. Die Reise begann am 30.06.1984 und wurde ausführlich dokumentiert. Im Eingangstext eines dicken Albums, das für Ulrich Backeshoff gestaltet wurde, steht folgendes Dankeswort: Auf dieser Seite möchte sich die Bundesligamannschaft des TSV Milbertshofen bei den Herren bedanken, die uns diese

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Reise ermรถglicht haben. In erster Linie gilt unser Dank der Firma BAX sowie unserem Fรถrderer Uli Backeshoff, der alles in die Wege geleitet hat. Unser Dank gilt auch der Firma Minolta, insbesondere dem Marketing Direktor Deutschland, Herrn Walter.

Ulrich Backeshoff und sein Mentor Willi A. Walter

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(Dann folgt das Reisetagebuch:) 30.06. – 01.07.84

Nach langer Erwartung ging’s endlich am Samstag, dem 30.06.84 nach Asien. Alle (wirklich alle) Spieler und Funktionäre waren pünktlich am Flughafen Riem. Nach großer Abschiedstrauer von den Frauen stiegen wir ins Flugzeug und flogen Richtung Japan. Nach einem Zwischenstopp in der UDSSR landeten wir nach einer kurzen Flugzeit von 14,5 Stunden in Tokio. Am Flughafen in Tokio wurden wir von unserer japanischen Reiseleiterin empfangen. Beim Kofferholen gab’s schon die erste Panne; Steinis Koffer war aufgeschlitzt. Steini beschwerte sich und bekam auch sofort den Wert des Koffers ersetzt. Nachdem nun alle ausgeruht vom Flug in den Bus einstiegen, erfuhren wir, dass sofort eine Stadtrundfahrt geplant war. So fuhren wir dann einige Stunden durch die schöne Stadt; bei der immer wieder einige Spieler einschliefen. Endlich im Hotel angekommen, fand eine Begrüßungsparty statt. Dort lernten wir auch eine japanische Sitte kennen, die den meisten von uns unangenehm war, nämlich den Trinkspruch „Kampai“, was so viel bedeutet wie „ex“. Nach der Party gingen wir zum ersten japanischen Essen. Dort gab es ein ausgezeichnetes Fischgericht, bei dem man bei der Zubereitung zusehen konnte.

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02.07.84

An diesem Tag stiegen wir schon wieder ins Flugzeug und flogen nach Südkorea. In Südkorea angekommen, ging’s sofort zur nächsten Stadtrundfahrt. Am Abend hatten wir unser erstes Handballspiel, das wir etwas unglücklich verloren (19 : 31). Unser Sponsor Ulrich war nach dem Spiel etwas verstimmt. Da wir sein vor Freude über das Spiel gezeichnetes Gesicht nicht mehr sehen konnten, gingen wir alle etwas früher ins Bett, wofür er kein Verständnis zeigte. 03.07.84

Heute fuhren wir mit dem Bus an die Grenze nach Nordkorea. Kurz vor der Grenze wurden wir begutachtet (Gesichtskontrolle). Hierbei fielen zwei Spieler auf, Christian durfte wegen seiner langen Haare und Mike wegen seiner Jeans nicht weiter mitfahren. Nach Besichtigung der dortigen Gegebenheiten fuhren wir zurück nach Seoul. Am Abend gab es dann das nächste Handballspiel, bei dem wir etwas besser abschnitten (22 : 24). Anschließend waren wir vom Koreanischen Handballverband zu einem echt koreanischen Essen eingeladen. Diesmal wurde es ein längerer Abend. 04.07.84

Morgens flogen wir zurück nach Tokio. Diesmal ohne anschließende Stadtrundfahrt. Dafür wurde uns ein erstklassiger

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japanischer Stau gezeigt (wir mitten drin). Auf dieser Fahrt ins Hotel machte Steini seine exzellenten Staufotos. Nach 2 Stunden Stau kamen wir endlich im Hotel an. Am Abend besuchten wir das Vergnügungsviertel von Tokio. In einem Spielsalon forderte Uli das Glück heraus. Er gewann und gewann und gewann. Als er die Spielmünzen jedoch gegen Bares eintauschen wollte, wurde ihm gesagt, dass die Münzen nur zum Verspielen da sind. Jetzt mussten die Münzen erst mal verspielt werden, was bei dem Haufen gar nicht so einfach war. Aber Uli schaffte das schon. 05.07.84

An diesem Tag, dem wichtigsten für Uli, stand ein Besuch bei Minolta auf dem Programm. Jeder hatte sich pflichtbewusst in einen Anzug mit Krawatte gezwängt, außer Sedi. Das hatte folgenden Grund: Ernst hatte nur italienische Hemden dabei und zu solchen trägt man keine Krawatte (Ausspruch Sedlmeier). Um 7.45 Uhr fuhren wir mit dem Zug von Tokio nach Toyohashi. Nach einer kurzen Wartezeit von ca. 25 Minuten bei 30 Grad wurden wir mit dem Werksbus von Minolta abgeholt. Erste Station war der werkseigene Golfplatz von Minolta, wo wir auch ein Mittagessen bekamen. Einige Spieler wollten nach dem Essen anstatt des normalen Kaffees einen Eiskaffee, den sie auch prompt bekamen. Die Überraschung war perfekt, als sie einen Kaffee mit Wassereiswürfeln

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bekamen. Nach dem Mittagessen fuhren wir zur Werksbesichtigung. Nach der Werksbesichtigung besuchten wir noch einen Park, in dem Wolfis Hochzeit stattfand. Anschließend ging’s zurück nach Tokio. Am Abend stand ein Besuch in einem japanischen Badehaus an, von dem alle begeistert waren. 06.07.84

An diesem Morgen unternahmen wir eine Fahrt ins Landesinnere. Unter anderem besichtigten wir den zweitgrößten Buddha der Welt (in Kamakura). Anschließend fuhren wir mit dem Schiff ans andere Ufer des Ashi-Sees, um dort mit einer Gondel auf den Koma-Berg zu gelangen. Die Sicht auf dem Berg (normalerweise kann man hier den Fudji-Berg sehen) war durch Nebelschwaden etwas getrübt, was unseren Sponsor Uli nicht daran hinderte, seinen Spaß zu haben. Oben in der Station stand ein Auto-Rennen-Simulator, in dem er saß, bis die Gondel wieder nach unten fuhr. Anschließend fuhren wir zurück zum Hotel. 07.07.84

Am achten Tag wurden wir schon um 3:30 Uhr geweckt. Mit einem Lunchpaket ausgerüstet, ging’s zum Flughafen, von wo aus wir nach Hongkong flogen. Nach einer kleinen Erfrischung im Hotel gingen wir zum Hafen, wo eine Hafenrundfahrt stattfand. Der Rest des Tages stand zur freien Verfügung.

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08.07.84

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Bus zur „Hongkong Island Tour“. Auf dieser Tour kamen wir kurz mit einem Taifun in Berührung. Nach der Tour unternahmen wir eine Dschunkenrundfahrt im Hausbootviertel. Der Rest des Tages stand wieder zur freien Verfügung, wobei sich die meisten Spieler nach den Preisen in den verschiedenen Geschäften erkundigten. 09.07.84

Dieser Tag war der große Tag des Einkaufens. 10.07.84

Rückflug über Anchorage. Großer Sektempfang am Flughafen Riem.

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Ulrich Backeshoff war vom Grenzbesuch Südkoreas nach Nordkorea besonders beeindruckt. Er war Delegationsleiter und Hans Eiberle begleitete ihn im Auftrag der Süddeutschen Zeitung. Kennern des deutschen Fußballs ist der Name Hans Eiberle vertraut. Neben seiner journalistischen Karriere als Sportreporter wirkte er auch aktiv beim Fußball mit. Der Höhepunkt war die FußballWeltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Unvergessen und ungebrochen ist auch sein Rekord in der 4 × 100-Meter-Staffel von 46 Sekunden, den er bereits Ende der sechziger Jahre bei einem VDSSportfest mit seinem Team aufstellte. Bevor Hans Eiberle seinen ersten Sportbericht schrieb, gehörte er bereits mit seiner persönlichen Bestleistung von 15,21 m im Dreisprung zur Elite der deutschen Springer. „Ich war sogar Ehrengast in einer Waffenstillstandsverhandlung zwischen Süd- und Nordkorea“, ergänzt Ulrich Backeshoff den Reisebericht. „Die fand in einer kleinen Holzbaracke statt. In der Mitte ein Tisch mit grüner Platte, durch dessen Mitte der Grenzstreifen lief. Ein Blauhelm stand genau daneben.“ Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea befindet sich im Wesentlichen auf dem 38. Breitengrad und legt eine vier Kilometer breite entmilitarisierte Zone entlang der Grenze fest. Bevor die Waffenstillstandsverhandlungen stattfanden, wurden die Gäste eingehend instruiert. Es herrschte eine strenge Kleiderordnung, keine Jeans und keine Turnschuhe. Ulrich Backeshoff bekam Sonderunterricht, in dem ihm vermittelt wurde, wie man sich als

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„Politoffizier“ auf der Grenze verhält. Es durften ca. sechs Leute mit in die Baracke. „Auf dem Tisch lag das Mikrofonkabel“, erinnert sich Ulrich Backeshoff. „Dann kamen die Leute mit ihren großen Kappen, die noch heute getragen werden. Die haben sich angeschaut, genickt und sind dann wieder aufgestanden. Das war die Waffenstillstandsverhandlung. Genau an dem Tag, an dem wir dort waren.“ Ulrich Backeshoff, der Fotograf und Hans Eiberle waren die Einzigen, die von der deutschen Truppe dabei sein durften. Ebenfalls anwesend war der Minolta-Manager. Die Koreaner haben der Gruppe auch ein Städtchen an der Grenze gezeigt, in dessen Häusern abends das Licht an- und morgens wieder ausgeht. Es ist eine Geisterstadt, in der niemand wohnt. Sie wurde nur erbaut, damit die Leute, die an die Grenze kommen, diese Stadt sehen können. Sie sollten wissen, dass die Nordkoreaner auch Städte bauen können. Sehr beeindruckend war die Besichtigung der Bunkerröhren. Nordkorea baute hunderte von Bunkern in der entmilitarisierten Zone, um eine mögliche Invasion nach Südkorea vorzubereiten. Jeder Bunker enthält militärische Ausrüstungsgegenstände. So soll der Soldat möglichst spät sein bis zu 32 Kilo schweres Gepäck schultern, um nicht zu viel Kraft auf dem langen Weg bis in den Süden zu verlieren. In den Bunkern sollen auch südkoreanische Uniformen und Namensschilder deponiert sein, so dass sich die Soldaten als südkoreanische Truppen einschleichen könnten.

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Bis auf die verlorenen Spiele hat Ulrich Backeshoff nur schöne Erinnerungen an die Reise nach Seoul. Die Olympischen Sommerspiele fanden dann vier Jahre später vom 17. September bis zum 2. Oktober 1988 in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul statt. Obwohl Handball nicht zu den besonders populären Sportarten in Südkorea zählte, stieg die Begeisterung der Zuschauer mit den Erfolgen der Heimmannschaften. Doch im Finale trennten sich die UdSSR und Südkorea 32:25. Damit war die UdSSR Goldmedalliengewinner. Die Goldmedaille der Frauen holten jedoch die Südkoreaner. 1987 wurde Ulrich Backeshoff zum Präsidenten des Vereins Milbertshofen gewählt. Über seine Amtszeit bis 1994 liest man in der Festschrift des TSV München-Milbertshofen e.V. zum 100-jährigen Jubiläum Folgendes:

1987 Am 6. März 1987 ging die Vereinstätigkeit von Ernst Potzler als Präsident nach 6 Jahren zu Ende. In seiner Bilanz bezeichneten Ernst Potzler und sein Vizepräsidenten Georg Held, Rudi Heckl, Werner Winkelmeier und Ulrich Ilg den Ausbau der Außenanlagen als das zentrale Thema ihrer Amtszeit. Neuer Präsident wurde Ulrich Backeshoff. Es wurde ein vereinsfremder Gutachter damit beauftragt, die Sportanlage zu untersuchen und einen Bericht über den Bauzustand zu erstellen. Demnach befand sich die gesamte Anlage, angefangen von der Hallendecke bis zu den Kellerräumen,

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in einem sanierungsbedürftigen Zustand. Der im Oktober für alle Fälle eingereichte Bezuschussungsantrag zur Behebung der Schäden hatte also einen realistischen Hintergrund. Georg Held wurde zum Ehrenpräsidenten vorgeschlagen und ernannt.

1988 In vielen Gesprächen, die Vizepräsident Walter Kowalsky im Laufe des Jahres 1988 mit den Stadtratsfraktionen, dem Bezirksausschuss, den Damen und Herren des Landtages und des Bundestages und unserem Nachbarn BMW führte, wurden Alternativen erörtert, in welcher Weise dem Verein geholfen werden konnte. Alle Vorschläge wurden verworfen, es blieb nur ein Weg übrig. Die Beratungen mit Baufachleuten und die Gedanken um die Zukunft des TSV ließen den Verein immer mehr in die Richtung überlegen, dass eine alleinige Mängelbehebung nicht die Lösung sein könne, für die nächste Generation eine zeitgemäße, auch den weiter wachsenden Ansprüchen der Mitglieder gerecht werdende Sportstätte zu schaffen. So wurde das Architekturbüro Nigrin beauftragt, einen Sanierungs- und Modernisierungsvorschlag zu erarbeiten, der von folgenden Prämissen ausging: 1. Sanierung der bestehenden Mängel, 2. Erhöhung der Übungsstundenkapazitäten unter Beibehaltung des vorhandenen Baukörpers, 3. Errichtung einer Zuschauertribüne, die in etwa dem vorhandenen Fassungsvermögen entsprach. Einen unersetzlichen Verlust erlitt der Verein durch den Tod des Vizepräsidenten Emil Graf.

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1989 Das Ergebnis dieses Vorschlages bildete die Basis, die Walter Kowalsky in Abstimmung mit dem Wirtschaftsbeirat des TSV im Frühjahr 1989 das Konzept »Mil 2000« nannte, welches zum einen die Großsanierung in den Bereich des Realistischen rückte, zum anderen die Eigenständigkeit des Vereins bewahren sollte. Im Dezember 1989 wurde dieses Konzept mit den Stadtratsfraktionen von CSU und SPD in einem gemeinsamen Gespräch vorgestellt und von beiden einmütig befürwortet. Beide Parteien erklärten sich bereit, den Antrag auf Bezuschussung mit eigenen Anträgen zu flankieren.

1990 Im Januar 1990 wurden die zwischenzeitlich vorliegenden Bauvorentwürfe mit den Leitern der Stadtplanung und der Lokalbaukommission besprochen. Es gab keine Einwände. Durch gute Kontakte zu Sport- und Schulreferat konnte der Verein zahlreiche Ratschläge für unsere notwendigen Bezuschussungsanträge an Stadt und Staat verwerten. Die Anträge gingen im Februar 1990 den zuständigen Stellen bei Stadt und Staat zu. Walter Kowalsky führte ausführliche Gespräche mit Herrn Helmut Niederhofer, Mitglied des Vorstandes der BMW. Hier fand unser Konzept ein positives Echo. Herr Niederhofer signalisierte Bereitschaft, unser Vorhaben finanziell und ideell zu unterstützen. Durch diese angekündigte Bereitschaft wurde der Verein in die Lage versetzt, den notwendigen

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Eigenanteil an den Gesamtkosten aufzubringen, da bekanntermaßen die Zuschüsse inklusive der Darlehen der öffentlichen Hand nur 70   % der Gesamtkosten abdeckten. Der Verein ging nun daran, in eine konkrete Phase der Planung des Sanierungsvorhabens einzutreten. Im August 1990 erstellten die Architekten eine neue Kostenplanung in Höhe von DM 8,6 Mio. Damit wurde es notwendig, die schon früher eingereichten Bezuschussungsanträge neu zu formulieren und nachzureichen. In der Sitzung des Bezirksausschusses von Mitte 1990 wurde das Großsanierungsvorhaben fast einstimmig befürwortet und beschlossen. Am 23. 10. 1990 beschloss der Sportausschuss der Stadt München einstimmig, der Stadtratsvollversammlung zu empfehlen, den Antrag in der Sitzung im Mai 1991 in die Dringlichkeitsstufe 1 und damit in den Mehrjahresinvestitionsplan 1991–1995 aufzunehmen. Der Vorstandsvorsitzende der BMW AG, Herr von Kuenheim, und Vorstand Herr H. Niederhofer gaben die schriftliche Zusage, das Projekt mit einem großzügigen Betrag zu unterstützen.

1991 Im Mai 1991 stimmte der Bayer. Staat dem Bezuschussungsantrag des Vereins zu. Im Juli 1991 beschloss die Stadtratsvollversammlung, dem Bezuschussungsantrag des Vereins zuzustimmen und die Gelder in den Mehrjahresinvestitionsplan 1991–1995 einzustellen. Im September 1991 erhielt der Verein alle notwendigen Bescheide schriftlich, so dass die Architekten den offiziellen

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Auftrag erhielten, mit dem Bauvorhaben zu beginnen. Am 18.11.91 wurde mit den Umbau- und Sanierungsmaßnahmen und dem Erdaushub für den Anbau begonnen. Vizepräsident Rudi Heckl und Geschäftsführer Uli Ilg waren zusammen mit dem Ehrenpräsidenten Georg Held unermüdlich bemüht, geeignete Ausweichquartiere für die Abteilungen zu finden. Franz Tschunko als technischer Berater des Präsidiums in der heißen Bauphase und Geschäftsführer Uli Ilg als Organisator von »Hilfstruppen« trugen viel zum Gelingen des Bauvorhabens bei.

1992 Am 30.6.1992 konnte der TSV Milbertshofen Richtfest feiern. Die Monate danach waren geprägt von Hektik, Betriebsamkeit und der Hoffnung, dass weiterhin alles so planmäßig verlaufen würde wie bisher. Der scheidende Vizepräsident Andreas K. (er übernahm die Leitung des Sportamtes München) konnte anlässlich der Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eine erfreuliche Zwischenbilanz vorlegen: Für die Bezahlung vieler Umbauarbeiten der Gebrüder-Apfelbeck-Halle gab es eine namhafte Spende der BMW AG. Fertigstellung der Gebr. Apfelbeck Halle und festliche Wiedereröffnung am 19.12.1992.

1993 Die neue Abteilung »Taekwondo« wurde gegründet. Die Zuschüsse zur Hallensanierung von Stadt und BLSV gingen pünktlich

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ein. Die Tischtennisabteilung zog sich nach zweijähriger Zugehörigkeit zur Bundesliga vom Hochleistungssport zurück. Die Volleyballabteilung zog nach zwei erfolgreichen Jahren (Deutscher Pokalsieger und Deutscher Meister) die 1. Bundesliga-Mannschaft wegen Finanzierungsschwierigkeiten zurück.

1994 Rücktritt von Präsident Uli Backeshoff: Das Protokoll zur Jahreshauptversammlung vom 6. Juni 1994 bestätigte den Rücktritt von Uli Backeshoff als Präsident. Neuer Präsident wurde Dr. Josef Fehn. So weit die Auszüge aus der Festschrift über die Amtszeit des Präsidenten Ulrich Backeshoff. Ulrich Backeshoff erwähnt fast beiläufig, dass ihn der Verein in den letzten Jahren fünfzehn Millionen DM gekostet hat. Pro Jahr eine Million. Wie man in der Vereinsgeschichte lesen kann, hatte er den TSV Milbertshofen ziemlich angeschlagen übernommen. Die Trainingshalle war wegen Einsturzgefahr gesperrt. Die wurde in seiner Amtszeit neu aufgebaut. Auch daraus resultierte, dass er am Ende seiner Amtszeit den Verein mit fünf Millionen Vermögenszuwachs übergeben konnte. Konservativ gerechnet. Ein Wirtschaftsprüfer hätte auch deutlich mehr als fünf Millionen bestätigen können.

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Präsident Backeshoff musste bei Amtsantritt alle Hebel in Bewegung setzen, um dem Verein Milbertshofen wieder auf die Beine zu helfen. Doch das war in einer Stadt wie München gar nicht so einfach.

„Wenn man in München gegen Fußball antritt, dann muss man auftrumpfen.“ (Ulrich Backeshoff)

„Es reicht nicht, wenn man verkündet, in zehn Jahren die beste Handballmannschaft zu sein. Man muss vielmehr sagen, dass man in diesem Jahr den Sprung schafft. Ansonsten schreibt die Presse nichts über den Verein.“ Die fünf Tageszeitungen, die es in München gab, wurden von Ulrich Backeshoff jahrelang bestens bedient. Dabei ging es bei der Finanzierung immer auch um Fernsehminuten. Die Vergabe der Fernsehminuten wird von der GfK erfasst. Die GfK ist eines der größten Marktforschungsunternehmen der Welt und beschäftigt über 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aus über 100 Ländern liefern die 150 operativen Unternehmen das Wissen zu Märkten und Branchen, das die Kunden für ihre Entscheidungen brauchen. Der Hauptsitz der GfK-Gruppe ist Nürnberg. Fernsehminuten waren wichtig, weil der Sponsor für jede gesendete Minute Geld an den Verein zahlte. Was seine Funktion als

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Manager eines Vereins betraf, so wusste Ulrich Backeshoff schon damals, dass man sich was einfallen lassen muss, um viel Geld zu organisieren. Ulrich Backeshoff wechselte den Sponsor und mit ihm auch die Marke der Kopierer, die er verkaufte. Warum er sich von Minolta trennte, hatte einen Grund. Ulrich Backeshoff hätte damals die Firma an Minolta verkauft. Aber sein damaliger Coach Willi A. Walter war der Meinung, dass dies zu einem Preis von sechs oder acht Millionen geschehen müsste. Das war nach Ansicht von Ulrich Backeshoff viel zu wenig, zumal ihm auch schon andere Angebote von Triumph Adler und Toshiba vorlagen, die wesentlich mehr boten. Verkauft hat er später an einen holländischen Konzern, weil der die Arbeitsplätze erhalten wollte. Ulrich Backeshoff gelang es, Toshiba als neuen Sponsor für Milbertshofen zu gewinnen. Toshiba ist eines der weltweit führenden Hightech-Unternehmen. Als diversifizierter Hersteller und Anbieter von elektronischen und elektrotechnischen Produkten bietet es innovative Lösungen in einer Vielzahl von Bereichen – von Informations- und Kommunikationssystemen, Unterhaltungselektronik, elektronischen Baugruppen und Komponenten über Kraftwerkstechnik (einschließlich Kernenergieanlagen) und Infrastrukturlösungen für die Industrie und die öffentliche Hand bis hin zu Hausgeräten. 1875 gegründet, ist Toshiba heute ein global tätiger Konzern aus über 740 Unternehmen. Mit 204.000 Mitarbeitern erwirtschaftet Toshiba weltweit einen Jahresumsatz von über 6,3 Billionen Yen (68 Mrd. US-Dollar).

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In den Sponsorvertrag mit Toshiba wurde nicht nur Handball, sondern generell Sport festgeschrieben. Dazu gehörten neben Handball auch Tischtennis und Volleyball. Der Tischtennisverein TTC Milbertshofen schloss sich bereits 1946 dem Handballverein an. 1950 nennt sich der Verein nach TTC Milbertshofen um. 1968 wird die Basketball-, 1969 die Volleyballabteilung gegründet. Jedes Spiel war auch eine Werbung für Toshiba. Die Spieler trugen den Namen des Unternehmens auf ihren Trikots und auch am Spielfeldrand tauchten die Werbebanner auf. Die Aufgabe des Präsidenten bestand nun darin, die Sender davon zu überzeugen, dass sie die Spiele übertragen. Die Handballsaison oder das sogenannte Sportjahr beginnt am 1. Juli und endet am 30. Juni des Folgejahres. Für diese Zeit musste man viel Geld verdienen. Und wie macht man Umsatz mit Sport? „Das ist ganz einfach“, behauptet Ulrich Backeshoff. „Das Erste und Zweite Fernsehen, das lieferte die Fernsehminuten, die man nicht beeinflussen kann. Die privaten Sender haben damals noch keine Rolle gespielt. Entscheidend waren die dritten Programme. Wir haben mit fast allen gegnerischen Vereinen Verträge gemacht. Sowohl mit den gegnerischen Handballmannschaften als auch mit den Tischtennis- und Volleyballgegnern.“

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Dabei war Ulrich Backeshoff so erfolgreich, dass der Verein bereits an Weihnachten mehr Fernsehminuten hatte, als vorgesehen waren.

„Milbertshofen zählte Sportjahr 1990/91 mehr Fernsehminuten als Bayern München.“ (Ulrich Backeshoff)

Zu diesem Resultat kommt man, wenn man die Übertragungen sämtlicher dritter Programme der 16 Bundesländer auflistet. Wenn beispielsweise der Südwestfunk zwei Regionalversionen SWR Fernsehen Baden-Württemberg und SWR Fernsehen Rheinland-Pfalz mit einheitlichem Mantelprogramm hat, dann kommt man dadurch auf die doppelte Anzahl an Fernsehminuten. Hinzu kam, dass Ulrich Backeshoff rund 40 gegnerische Vereine unermüdlich motivierte, mit den jeweiligen Regionalsendern zu kooperieren. Die Vereine sollten sich zu den Spielen gegen Milbertshofen, die zwei- oder dreimal im Jahr stattfanden, besondere Geschichten für das Regionalfernsehen ausdenken. Ziel war es, dadurch die Fernsehminuten zu verlängern. Statt der üblichen drei Minuten wurden von Ulrich Backeshoff mindestens sieben Minuten Sendezeit angestrebt. Im Gegenzug war er bereit, dafür mehr Geld zu zahlen. Der Verein Milbertshofen galt generell als ein gern gesehener Gast bei den Gegnern, denn er bescherte ihnen regelmäßig volle Hallen durch die gute Pressearbeit, die Ulrich Backeshoff

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betrieb. Demzufolge waren die Vereine auch gerne bereit, mit ihren Ansprechpartnern im Regionalfernsehen zu reden. Meist mit Erfolg, denn Journalisten sind immer auf der Suche nach interessanten Geschichten, denen sie dann ein bisschen mehr Sendezeit einräumen. „Das Gleiche habe ich dann mit den gegnerischen Tischtennis- und Volleyballvereinen gemacht“, ergänzt Ulrich Backeshoff. Durch diese Aktivitäten summierten sich die Fernsehminuten und brachten am Ende des Sportjahres dieses umwerfende Ergebnis. „Das war einmalig und ich will die Leistung eines Uli Hoeneß in keinster Weise schmälern“, betont Ulrich Backeshoff. „Seine Erfolge für Bayern München sind unumstritten. Was er in 30 Jahren aufgebaut hat, kann man nicht überbieten. Ich hatte nur 10 Jahre Zeit.“ Bereits an Weihnachten war es Ulrich Backeshoff gelungen, mehr Fernsehminuten für seinen Verein zu bekommen als vorgesehen. Also bereits ein halbes Jahr vor Ende des Sportjahres. Als Ziel hatte er sich drei Millionen DM im Jahr gesetzt, die für diese Werbung von seinem Sponsor Toshiba gezahlt werden sollten. „Dieses Unternehmen hat dem Verein viel Geld gegeben“, bestätigt Ulrich Backeshoff. „Früher haben wir ein- bis zweimal im Monat mit dem Europaverantwortlichen des japanischen Konzerns in Düsseldorf telefoniert.“ Die Japaner wurden von Ulrich Backeshoff entsprechend hofiert. Dazu gehörte auch, dass er ein Spiel von Sonntag auf Samstag verlegte, damit die Japaner daran teilnehmen konnten. Damit sie

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nach dieser Einladung auch wieder beeindruckt nach Hause fliegen würden, hat Ulrich Backeshoff einige Events rund um das Spiel arrangiert. Beispielsweise bekam eine Schulklasse Fotoapparate geschenkt, damit sie alle eingeladenen Japaner im Tor fotografieren. Aber Ulrich Backeshoff wollte nicht nur möglichst viel Sendezeit, in der die Kameras die Bandenwerbung für seinen Sponsor Toshiba zeigten. Er wollte auch möglichst viele Bandenmeter für seine Zwecke beanspruchen. Er sprach mit den Vereinsvorständen, die nicht nur Sponsoren, sondern auch Mäzene hatten. Er fragte nach, ob nicht der eine oder andere Mäzen einmal zu seinen Gunsten die Werbung aussetzen könnte. Für ein oder zwei Spiele im Jahr hat das fast ausnahmslos funktioniert. „Ich habe den Vereinen für eine drei Meter lange Bande, die mir der Mäzen überlassen hat, den doppelten Preis geboten“, verrät Ulrich Backeshoff. „So konnten die Vereine ihrem Mäzen ggf. etwas zurückzahlen und noch daran verdienen.“ Eine typische Win-win-Strategie à la Ulrich Backeshoff, denn er bekam von Toshiba in jedem Fall mehr Geld für diese Werbung. Auf der Jagd nach den Fernsehminuten ließ Ulrich Backeshoff keine Gelegenheit aus. Beispielsweise beim ersten gesamtdeutschen Handballduell nach der Wende, das vom Pokalsieger Milbertshofen ausgetragen wurde. Beim Rückspiel gegen den SC Magdeburg in Magdeburg hat Milbertshofen zwar verloren, doch Ulrich Backeshoff trug dennoch einen Sieg davon. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bat ihn um

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einen kleinen Gefallen. Man war bestimmten Unternehmen einen Gefallen schuldig und fragte Ulrich Backeshoff, ob er entsprechende Werbung an den Banden platzieren könnte. Geld wollten sie dafür allerdings nicht bezahlen. Ulrich Backeshoff überlegte nicht lange und stellte gerne eine kostenlose Werbefläche zur Verfügung. Im Gegenzug erklärte sich der Sender allerdings bereit, die Sendeminuten für dieses Spiel zu verlängern. Das war die Bedingung, die Ulrich Backeshoff gestellt hatte und die ihm am Ende mehr einbrachte als der Sieg gegen SC Magdeburg. „Ich habe nie gefragt, warum ist etwas verboten?“, meint Ulrich Backeshoff lächelnd. „Ich habe nur überlegt, was ich tun muss, um ein definiertes Ziel zu erreichen.“ Eine besonders spektakuläre Idee, um möglichst oft im Fernsehen zu sein, beanspruchte die Zusammenarbeit mit keinem Geringeren als dem damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und späteren Präsidenten Michail Gorbatschow. Ulrich Backeshoff schickte Herrn Gorbatschow hartnäckig jeden Tag ein Telex mit der Bitte, dass er ihn einladen sollte. Dann würde er ihm zeigen, wie sich mit Breitensport Geld verdienen lässt. Tatsächlich wurde seine Hartnäckigkeit schon ein halbes Jahr später belohnt und er bekam eine Einladung.

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In der Sowjetunion traf Ulrich Backeshoff leider nicht direkt mit Michail Gorbatschow zusammen, aber er konnte sich immerhin mit dem Innenminister und seinen Leuten unterhalten. Das Ergebnis dieser Unterhaltung präsentiert Ulrich Backeshoff nicht ohne Stolz:

„Die erste Werbung in der Geschichte der Sowjetunion auf einem Sporttrikot war mein Firmenname ‚BAX’ auf dem Trikot der Handballnationalmannschaft.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich Backeshoff schloss mit der Sowjetunion einen Fünfjahresvertrag, damit seine Firma „Bax“ auf den Trikots der Spieler stand. Dafür zahlte er 100.000 DM pro Jahr. Doch bereits nach einem Jahr baten ihn die Vertragspartner, nach Moskau zu kommen. Sie wollten neu verhandeln und forderten die doppelte Summe von ihm. Ulrich Backeshoff berief sich jedoch auf seinen bestehenden Vertrag. Die Verhandlungen über eine neue, höhere Summe konnten demnach erst nach Ablauf der Vertragsfrist in vier Jahren erfolgen. Doch die Sowjets brauchten dringend mehr Geld. Das merkte Ulrich Backeshoff daran, dass sie ihm ziemlich bald auf 140.000,DM entgegenkamen. Doch dann änderte der Stratege Backeshoff die Position. „Ihr solltet besser eine Million von mir verlangen“, meinte er ganz unvermittelt. Die russischen Vertreter waren über-

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rascht. Sie sahen in Ulrich Backeshoff einen Freund, den sie nicht mit unerfüllbaren Forderungen verärgern wollten. Doch ihr Vertragspartner hatte gar nicht vor, ihnen diese Summe selbst zu zahlen. Ulrich Backeshoff wollte ihnen einen neuen Vertragspartner, einen neuen Sponsor, suchen. Die Frage war nur, wie viel Provision man ihm dafür bieten würde. Auf diese Frage kam eine sehr rasche Antwort: „18 Prozent!“ „Wieso gerade 18 Prozent?“, wollte Ulrich Backeshoff wissen. „15 Prozent für den Vermittler und 3 Prozent für die Gewerkschaft!“ So kam es schnell zu einer Einigung. Ulrich Backeshoff verzichtete auf die drei Prozent und erklärte sich bereit, für eine Provision von 15 Prozent einen neuen Sponsor zu suchen. Die Suche war erfolgreich. Kurze Zeit später stand auf den Trikots nicht mehr der Firmenname „BAX“, sondern „Deutscher Herold“. Eine Versicherung, die 1992 eine Partnerschaft mit der Deutschen Bank eingegangen war. Herold wurde exklusiver Versicherungspartner der Deutschen Bank. Ulrich Backeshoff konnte sich über eine stattliche Provision freuen, die über einige Jahre gezahlt wurde. Die ersten Sportler, die aus der Sowjetunion ausreisen durften, waren Handballer. Sie reisten nach München zu Ulrich Backeshoff. Zusammen mit Gerd Butzek, später Dr. Butzek, dem Manager von Milbertshofen, reiste Ulrich Backeshoff nach Moskau. Gemeinsam haben sie es fertiggebracht, dass der erfolgreichste internationale Handballtrainer, Anatoli Jewtuschenko, von Moskau

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nach München reisen durfte. Als Langzeit-Coach des sowjetischen Nationalteams gewann Jewtuschenko bereits 1976 Olympiagold und holte sich darüber hinaus 1982 den WM-Titel. Nebenbei war er auch Pianist und Geschichtsprofessor. Ulrich Backeshoff erinnert sich an einen organisierten Rundgang im Bayerischen Landtag in München, bei dem Anatoli Jewtuschenko die Führung kurz unterbrach, um tiefer in die Geschichte einzutauchen und spontan einen Vortrag über eine bestimmte Schlacht zu halten. Als Backeshoff erfuhr, dass Anatoli an einer Herzschwäche litt und in Moskau operiert werden sollte, besorgte er ihm kurzerhand ein Touristenvisum. „Wir haben den Spitzentrainer im Frühjahr 1988 vor der Olympiade in Seoul nach München geholt und dort operieren lassen“, berichtet Ulrich Backeshoff und fügt lächelnd hinzu. „Danach hat er dann in Seoul die Goldmedaille geholt.“ Einige Jahre später hat er dem Trainer noch einmal nach einer schlecht verlaufenen Operation an der Prostata geholfen, die in der Sowjetunion durchgeführt worden war. Er besorgte ihm einen neuen Termin in Deutschland. Danach behauptete der Goldmedaillenträger: „Der Backeshoff hat mir zweimal das Leben gerettet, aber die Sportkarriere kaputt gemacht.“ Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war die Karriere Jewtuschenkos bald vorbei. Ulrich Backeshoff konnte ihn noch einmal zu einem kurzen Abstecher nach Milbertshofen überreden.

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Aber dann musste er ihn leider entlassen. In den neunziger Jahren versuchte er sich als Trainer in Kuwait. Am Persischen Golf gewann er 1995 die Asienmeisterschaft. Danach betreute er noch einmal bei der Hypo Niederösterreich erstmalig eine Frauenmannschaft. Leider blieb der große Erfolg aus. Ulrich Backeshoff machte sich in vielerlei Hinsicht in der ehemaligen Sowjetunion verdient. Er kaufte der Sowjetunion Handballspieler wie Oleg Gagin ab und entwarf dafür einen entsprechenden Vertrag. Dieser Vertrag wurde später von der Sowjetunion genutzt, um Eishockeyspieler nach Kanada zu verkaufen. Das hieß, dass der Innenminister der Sowjetunion die Verträge zum Kauf der Handballer nur etwas abändern musste, um dann mit dem bewährten System seine Eishockeyspieler nach Kanada zu verkaufen. Eine enorme juristische Arbeitserleichterung, die er Ulrich Backeshoff zu verdanken hatte Werbung wurde ein großes Thema für den Sport. Besonders für Ulrich Backeshoff, der hier ganz neue Wege ging. Seine größte Innovation war vielleicht die Einführung der Drehbahnwand-Werbung am Spielfeldrand.

„Ich war der Erste, der im Handball professionelle Methoden eingeführt hat.“ (Ulrich Backeshoff)

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Die erste Werbung auf einer Drehbahnwand hat Ulrich Backeshoff in Spanien gesehen und gleich darauf einen Rahmenvertrag für Deutschland abgeschlossen. Das Prinzip der vielseitigen Drehbanden bzw. Rotationsbanden hat ihn überzeugt. Pro Modul konnten hier mehrere bedruckte Poster-Bahnen nach vorgegebenem Takt nacheinander oder auch als Standbild gezeigt werden. Der Verein hatte so mehrere Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung, um seine Sponsoren zu präsentieren. Es war sogar möglich, Toshiba als Sponsor oder die Firma BAX innerhalb einer kompletten Rotation aller zusammengeschalteten Module rund um das Spielfeld exklusiv zu zeigen. Ulrich Backeshoff hatte allerdings im Vertrag übersehen, dass er die Werbung nicht rundum anbringen durfte. So etwas kann ja schon mal passieren. Jedenfalls war er wieder einmal der Erste, der mit so einer Innovation punkten konnte. Ulrich Backeshoff hat die Drehbahnwand in Deutschland eingeführt. Kein Wunder, dass ein so innovativer Vereinspräsident wie Ulrich Backeshoff am Samstagabend ins Sportstudio eingeladen wurde. Damals moderierte die Sportjournalistin Doris Papperitz „Das aktuelle Sportstudio“ im ZDF. Diesen Auftritt wollte Ulrich Backeshoff mehrfach nutzen und trat in Pumakleidung vor die Kamera. Er wollte Puma als Sponsor gewinnen. Das hat leider nicht so funktioniert. Heute ist er der Meinung, dass er damals besser im Anzug aufgetreten wäre.

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Darin hätte er seriöser ausgesehen. So kam er sich vor wie der Balljunge und unterschied sich optisch nicht von den Spielern. Wahrscheinlich, so räumt er ein, war das nur seine subjektive Einschätzung. Aber dementsprechend unsicher wirkte sein Auftritt. Es war nicht sein bester Tag. Heute ist der Anzug für Ulrich Backeshoff Standard. Wenn er beruflich unterwegs ist, wird man ihn immer in einem gut sitzenden Anzug antreffen. In der Freizeit mag er es auch lässig. In seinem Schrank hängen sogar ein paar Jeans. Mit Doris Papperitz verband Ulrich Backeshoff noch lange Zeit danach ein freundschaftliches Band. Sie haben sich viele Jahre regelmäßig getroffen. Beispielsweise in Spanien, wo Ulrich Backeshoff heute ein Ferienhaus in Marbella besitzt. Doris Papperitz moderierte zwischen 1984 und 1991 über 50 Mal „Das aktuelle Sportstudio“ im ZDF. Bis sie 1990 einen Satz sagte, der das Ende ihrer ZDF-Karriere einläutete: „Eher fliegt ein männlicher Volontär 27 Mal nach Tokio, bevor eine Frau nach Wanne-Eickel darf.“ Diese Frau hat Ulrich Backeshoff imponiert. Seit 1996 lebt Doris Papperitz in Marbella. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

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Ulrich Backeshoff setzt sich aber auch direkt am Spielfeldrand für seinen Verein ein. Oft konnte man seine Methoden als ungewöhnlich bezeichnen.

„Manchmal muss der Trainer oder ein Offizieller auch während des Spiels einschreiten, um den Spielern zu helfen.“ (Ulrich Backeshoff)

So beispielsweise bei einem Derby TSV Milbertshofen gegen MTSV Schwabing. Milbertshofen lag elf Minuten vor Schluss mit fünf Toren zurück. Er musste handeln. Aber Ulrich Backeshoff wusste, dass er als Offizieller das Spielfeld nicht betreten durfte. Dennoch ging er geradewegs auf den Schiedsrichter zu und beschimpfte ihn, womit er eine rote Karte riskierte. Schiedsrichter K., ein Duzfreund von ihm, fragte immer wieder, was er eigentlich mit seiner Aktion bezwecken wollte. Ulrich Backeshoff meinte nur, dass er ihm endlich die rote Karte zeigen sollte. Worauf der Schiri antwortete, dass er da ohnehin nicht drum rum käme. Aber er ahnte, dass Ulrich etwas anderes im Sinn hatte. Es ging nicht um die Disqualifikation. Endlich rückte der Duzfreund mit der Sprache raus und meinte: „Erzähl mir mal, wie ich dich hier lebend aus dieser Halle rausbekomme, wenn du weiter so pfeifst?“ Das Spiel ist dann unentschieden ausgegangen.

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„Ich habe ihm nicht gedroht“, meint Ulrich Backeshoff mit einer Unschuldsmiene. Doch der psychologische Druck tat seine Wirkung. Schiedsrichter K. hat einfach nicht gesehen, wie ein Spieler aus Milbertshofen mehrmals den Kreis übertreten hat. Wenn ein Linkshänder rechts außen läuft und ein Tor wirft, dann schaut der Schiri zuerst auf die Hand und erst dann auf die Füße. Dabei kann er schon mal einen Fehler übersehen. „Man musste früher gut Schach spielen können“, weiß Ulrich Backeshoff. „Ob das immer sportlich war, ist vollkommen egal.“ Einer der größten Handballerfolge in der Ära von Ulrich Backeshoff war 1991/92 der Europapokalsieg von Milbertshofen an einem Pfingstmontag. Bidasoa Irún, ein spanischer Handballverein aus dem Baskenland, trat gegen den TSV Milbertshofen an.

„Wir haben nicht weniger als zwölf Millionen Zuschauer vor den Fernseher geholt!“ (Ulrich Backeshoff)

Wie lockt man zwölf Millionen Zuschauer vor den Fernseher? Nur die Weltmeisterschaft 2007 hatte mit 14 Millionen mehr Zuschauer. Das war mit Abstand die beste Einschaltquote laut GfK. „Wie habe ich das gemacht?“, fragt Ulrich Backeshoff und liefert

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gleich darauf die Antwort: „Ich habe alle Tageszeitungen mit kostenfreien Nachrichten versorgt, die von unseren Lehrlingen geschrieben wurden. Und der liebe Gott hat auch mitgespielt und dafür gesorgt, dass es am Pfingstmontag geregnet hat.“ Dabei handelte es sich aber wohlgemerkt um das Rückspiel. Das erste Spiel gegen Bidasoa Irún wurde in San Sebastian ausgetragen. Daran hat Ulrich Backeshoff keine guten Erinnerungen: „Da wurden wir verdummteufelt, was damals gar nicht so selten vorkam. Vom Schiedsrichter betrogen.“ Doch Ulrich Backeshoff kam dem polnischen Schiedsrichter schnell auf die Schliche, weil sein Co-Trainer Norbert Niemietz alles verstanden hat. Nach der Halbzeit lag Milbertshofen fünf Tore zurück. Ulrich Backeshoff musste handeln und griff zu einem sehr ungewöhnlichen Mittel. Er verkündete nach der Halbzeit, dass sein Verein nicht mehr weiterspielen würde. Der Schweizer Oberschiedsrichter hat damit gedroht, dass man den Verein lebenslang sperren würde. Am Ende ging das Spiel aber dann mit zehnminütiger Verspätung weiter. Das gehörte zum Plan. Die zweite Halbzeit endete immerhin unentschieden. Die fünf Tore Defizit der ersten Halbzeit waren der Mannschaft dann egal. Es wurde einfach gefeiert, weil man sich von solchen Ungerechtigkeiten nicht die Spiellust verderben lassen wollte. Ulrich Backeshoff war darauf bedacht, seine Mannschaft positiv für das Rückspiel zu motivieren. Das sollten auch die Gegner wissen. Zufällig fiel der 18. Geburtstag des Natio-

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naltorwarts Jan Holpert auf diesen Tag. Der wurde dann ganz groß in einem Hotel gefeiert. Nicht in irgendeinem, sondern im teuersten Hotel und die Presse wurde dazu eingeladen. Es ging auch immer darum, die Konkurrenz ein bisschen auszutricksen. Im Fußball war es beispielsweise so, dass sich in München die Mannschaften die Einnahmen in Form der Eintrittsgelder im Stadion für das Hin- und Rückspiel teilten. Das sollte dann auch beim Handball eingeführt werden. Schwabing wollte sich mit Milbertshofen die Einnahmen teilen.

„Dann habe ich gesagt, das können wir gerne tun. Die Zuschauer sollen entscheiden, welcher Mannschaft sie ihr Eintrittsgeld zukommen lassen.“ (Ulrich Backeshoff)

Der Plan, den sich Ulrich Backeshoff ausgedacht hatte, war folgender: Schwabing durfte sich die Eingänge aussuchen, deren Einnahmen in ihre Kasse fließen sollten. Sie haben natürlich den Haupteingang gewählt, weil dort die meisten Zuschauer ankamen. Durch die Kassen am Haupteingang wurden 70 bis 80 Prozent der Zuschauer geschleust. Es gab zwei weitere Kassen an einem zweiten Eingang, der nur von den Insidern benutzt wurde. Hier kamen aber nur noch

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ca. 20 bis 30 Prozent der Zuschauer an. Dementsprechend gering würden dann die Einnahmen für den Verein Milbertshofen ausfallen. Also überlegte Ulrich Backeshoff, wie man den Zuschauerstrom vom Haupteingang umleiten könnte. „Ich dachte noch, was wohl passieren würde, wenn es dort mal einen Wasserrohrbruch geben würde“, erzählt Ulrich Backeshoff mit einer Unschuldsmiene. Kraft der Suggestion oder bloßer Zufall? Tatsächlich ereignete sich am Spieltag ein Wasserrohrbruch unmittelbar vor dem Haupteingang, so dass der Zuschauerstrom umgeleitet werden musste. Dadurch passierten 80 Prozent der Zuschauer die Kassen, deren Einnahmen auf dem Konto von Milbertshofen verbucht wurden. Nur 20 Prozent landeten bei Schwabing. 1993 musste Milbertshofen unbedingt ein Spiel gewinnen, um aufzusteigen. Eine Minute vor Schluss führte Milbertshofen mit einem Tor. Plötzlich ist dem Offiziellen Backeshoff der Ball aus der Hand gefallen und aufs Spielfeld gerollt. Das Spiel wurde unterbrochen. Ein paar Zuschauer haben den Mannschaftsverantwortlichen ausgepfiffen, weil sie seine Taktik durchschauten. Aber das nahm Ulrich Backeshoff in Kauf. Jeder wusste, dass nach dieser Unterbrechung das Spiel nicht mehr in Gang kommen würde. Somit konnte Milbertshofen den Vorsprung von nur einem Tor in der verbleibenden Minute halten und gewann. Am Ende waren es aber nicht die spielerischen Leistungen oder das Management, die über das Schicksal des Vereins Milbertshofen entschieden.

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Bereits bei der Wahl zum Präsidenten hatte Ulrich Backeshoff festgeschrieben, dass es keinen Leistungssport wie Handball, Tischtennis oder Volleyball geben wird, wenn nicht zu Beginn des Sportjahres am ersten Juli der Geldzufluss gesichert ist. Sei es durch Sponsoren oder durch Ausfallbürgschaften, die beispielsweise durch die benachbarte BMW übernommen wurde. „Das habe ich jedes Jahr bei der Jahresversammlung wiederholt“, betont Ulrich Backeshoff. „Als es sich abzeichnete, habe ich zwei Jahre vorher dem Ehrenpräsidenten mitgeteilt, dass es nicht funktionieren würde. Für den Handballsport musste ich den Spielbetrieb in der ersten Bundesliga aufgeben. Für den Tischtennisbereich hat das Andreas K. übernommen. Volleyball blieb außen vor, weil die gesamte Mannschaft nach Dachau gewechselt ist. Wir waren der erste Verein, der freiwillig eine Bundesligalizenz abgegeben hat.” So berichtigt Ulrich Backeshoff vereinzelte Meldungen in der Presse, die vom Konkurs sprachen. „Andere Vereine melden Konkurs an, wir haben das nicht getan. Wir haben einfach gesagt, dass wir nicht mehr spielen. Wir haben Handball, Volleyball und Tischtennis aus dem Spielbetrieb der ersten Liga rausgenommen, weil die Finanzierung nicht gesichert war. Vielleicht war das auch hilfreich, um bei Milbertshofen keine Schulden zu hinterlassen.“ Laut Ulrich Backeshoff war Milbertshofen wohl der erste Verein in Deutschland, in dem der Leistungssport den Breitensport finanziert hat und nicht umgekehrt.

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Warum es dazu kommen musste, dass 1993 der Träger des Bundesligaspielbetriebs des TSV Milbertshofen den Verein vom laufenden Spielbetrieb abmelden musste, lag wohl auch an den Forderungen der Spieler.

„Weil die Spieler enorm viel Geld verlangten, habe ich mich zurückgezogen.“ (Ulrich Backeshoff)

Darüber schrieb „Der Spiegel“:

Mäzene

Schmeckt super Unternehmer, die aus Prestigesucht Millionen in Bundesligateams investieren, sind verärgert. Die Athleten verlangen immer höhere Gagen.

Der pausbäckige Mann springt wie besessen zwischen den Pfosten des Handballtores hin und her, bleich vor Anstrengung wirft er sich immer wieder den Bällen entgegen, die ein durchtrainierter Hüne pausenlos auf das Tor wirft. Ulrich Backeshoff, 44, Präsident und Mäzen des TSV Milbertshofen, will seine Fachkenntnis unter Beweis stellen. Der ComputerKaufmann hat gewettet, daß es dem ehemaligen Weltklasse-Handballer Erhard Wunderlich nicht gelingen werde, in einer Minute 100 Siebenmeter gegen ihn zu verwandeln.

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Nur einige wenige in der Münchner Rudi-Sedlmayr-Halle versuchen zaghaft („Uli hör auf“), den ehrgeizigen Backeshoff zu stoppen. Die anderen beobachten schweigend, wie sich ihr Präsident öffentlich zu profilieren versucht, bis ihm der Schaum in die Mundwinkel tritt. Ob Handballer, Volleyballer oder Tischtennisspieler – beim TSV Milbertshofen akzeptieren alle Backeshoffs exzentrische Auftritte. Weil der erfolgreiche Geschäftsmann seinen Weitblick verliert, sobald es um Sport geht, lebt der Münchner Vorortverein vortrefflich von Geld und Einfluß des Mäzens. Überall in der Bundesrepublik brauchen die Vereine prestigesüchtige Männer wie Backeshoff, ohne sie wäre der Bundesligabetrieb im Handball, Tischtennis, Basketball, Eishockey oder Volleyball schon längst zusammengebrochen. Denn die begrenzten Hallenkapazitäten lassen ein wirtschaftliches Haushalten nicht zu. Wo einst Amateure wetteiferten, herrscht inzwischen ein verdecktes Profitum, das sich von den Millionenspenden der Mäzene nährt. Anders als in publikumswirksamen Sportarten wie Fußball oder Tennis fließen bei den sportlichen Kleinkünstlern TV-Honorare ebenso spärlich wie Sponsorengelder. Die Spielergehälter haben indes Dimensionen erreicht, die selbst den großzügigsten Förderer nachdenklich machen. So wollte auch Backeshoff Ende April nicht mehr mitspielen. Kaum waren die Volleyballer seines TSV Milbertshofen in diesem Jahr erstmals Deutscher Meister geworden, gab der Präsident die

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Bundesligalizenz zurück. Die Spieler hatten für die neue Saison ein garantiertes Netto-Jahreseinkommen von 50.000 Mark gefordert. Auch beim Eishockey gab ein Bundesligaklub auf: Eintracht Frankfurt schloß die Eishockeyabteilung, nachdem das Defizit auf 1,7 Millionen Mark gestiegen war. Jahrelang hatte das Präsidium mit den Transfererlösen der Profifußballer die Löcher im EishockeyEtat gestopft. Was jetzt in Milbertshofen und Frankfurt geschehen ist, wird künftig zum Sportalltag gehören. „Das Kartenhaus kann jederzeit zusammenfallen“, urteilt Rainer Gossmann, Schatzmeister des Eishockeymeisters Düsseldorfer EG, über den finanziellen Balanceakt der deutschen Vereine. Vor jeder Saison, bekennt auch Manager Peter Becker vom Volleyball-Bundesligaklub VBC Paderborn, denke er „ans Aufhören“. Es ist kein Zufall, daß sich ausgerechnet im Volleyball erstmals in der deutschen Sportgeschichte eine Meistermannschaft in nichts auflöst. Obwohl der Zuschauerschnitt in der Bundesliga bei rund 700 Besuchern stagniert, seien die Spielergehälter, so Verbandsgeneralsekretär Lutz Endlich, in den letzten drei Jahren „um das Dreifache gestiegen“. Weil die Bundesliga 120 Volleyballer benötigt, aber nur „maximal 30 bundesligatauglich sind“, erklärt Milbertshofens Manager Dietmar Harsveldt die Situation im einstigen Studentensport, hätten sich die Bezüge „hochgeschaukelt“. Junioren-Nationalspieler verlangen schon 30.000 Mark, auch Ersatzspieler, die nur zur Auffüllung der Kader benötigt werden,

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fordern derartige Vergütungen. Die Stars der Spitzenklubs verdienen längst 100.000 Mark und mehr im Jahr. Der Leverkusener Frank Stutzke bestand gar auf einem Netto-Jahresgehalt von 150.000 Mark. Doch obwohl sie Gehälter wie Ingenieure beziehen, betrachten die Volleyballer wie die vier Studenten in der Milbertshofener Mannschaft den Sport „nur als Nebenjob“ (Harsveldt). Daß die steigenden Gehaltsforderungen der Athleten so lange akzeptiert wurden, liegt nur zum Teil an der Profilsucht der Mäzene. Mitunter merken sie auch gar nicht, wie ihnen immer tiefer ins Portemonnaie gegriffen wird. Denn die cleveren Athleten lernen schnell, die persönlichen Schwachstellen der Geldgeber zu nutzen. Mit zunächst nur 35.000 Mark im Jahr unterstützte der Kölner Kaufmann Fritz Waffenschmidt den Basketballklub BSC Köln. Als er die Sportler einmal in seine Villa einlud, fand auch Ehefrau Anni Gefallen an den langen Kerls. Bald tauchten die Basketballer regelmäßig bei den Waffenschmidts auf, lobten den aufgetischten Vanillepudding („schmeckt super“) und wurden von dem kinderlosen Ehepaar wie eigene Sprößlinge umhegt – die Klub-Alimentierung kletterte auf 1,5 Millionen Mark pro Jahr. Selbst als Waffenschmidt 1984 sein Hi-Fi-Kaufhaus Saturn an den Kaufhof-Konzern veräußerte, mussten sich dessen Manager verpflichten, fünf Jahre lang eine Million Mark weiterzuzahlen. Sechs Monate nach Vertragsende war der BSC Köln pleite. Mitunter sorgen die Mäzene sogar über den Tod hinaus für ihre Schützlinge. Als vor drei Jahren der Strauß-Freund Josef März starb,

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fürchteten die Eishockeyspieler des SB Rosenheim nur kurze Zeit um ihren Job. März, Inhaber eines Imperiums mit einem Umsatz von zwei Milliarden Mark (Eku-Bier, Marox-Fleisch), hatte bestimmt, daß Bruder Wilhelm sein Mäzenatentum beim Bundesligaverein weiterzuführen habe. Die Rosenheimer Profis genießen seitdem eine Rundumbetreuung „wie sonst nur die Fußballer bei Real Madrid“ (Münchner Abendzeitung). Aber auch wenn die Geldgeber aussteigen und der Klub bankrott geht, müssen die Spitzenspieler kaum um ihre Pfründen bangen: Sie wandern einfach zum nächsten Klub weiter. Wie gut dieses Wechselspiel funktioniert, zeigt das Beispiel der Volleyballer in München. 1987 übernahm der Getreidegroßhändler (mit Handballern der SG Wallau-Massenheim) und Hotelier Ergun Berksoy mit seinem SV Türk Gücü zwei komplette Bundesligateams vom TSV Ottobrunn, verlor aber schon ein Jahr später den Spaß und zog die teure Volleyball-Abteilung vom Spielbetrieb zurück. Der TSV 1860 München, vom Bau-Multi Karl Heckl unterstützt, war nun unangefochten die Nummer eins in der bayerischen Landeshauptstadt. Als die Sechziger zahlungsunfähig waren, holte Backeshoff mit einer jährlichen Geldspritze von mehr als einer Viertelmillion Mark das Team zum TSV Milbertshofen. Als jetzt auch Backeshoff nicht mehr wollte, wechselten die Studenten Jörg Bertholdt und Wolfgang Besenböck samt Trainer einfach zum Bundesligaaufsteiger ASV Dachau.

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Immer häufiger sprechen die Mäzene inzwischen über das Preis-Leistungs-Verhältnis. So drohte der Baustoffhändler Bodo Ströhmann mit Aufgabe, als die Handballer der SG Wallau-Massenheim im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft scheiterten. Bei seinen Investitionen, verlangt Ströhmann, müsse doch „eine Rendite herausspringen“. Der Berliner Immobilienkaufmann Willi Bendzko entzog den Handballern der Reinickendorfer Füchse seine Fürsorge: „Ich bin zu sehr Kaufmann, um gutes Geld dem Schlechten hinterherzuwerfen.“ Reinickendorf stieg in die Regionalliga ab, Bendzko unterstützt nun den künftigen Bundesligisten HC Preußen Berlin, den Nachfolgeverein des früheren Stasi-Klubs Dynamo Berlin: „Da gibt‘s eine vernünftige Profistruktur.“ SPIEGEL 21/1991

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„Drei oder vier Millionen pro Jahr, um die Mannschaft auf Weltniveau zu halten. Das kann einer alleine nicht mehr.“ (Ulrich Backeshoff)

Dabei tat Ulrich Backeshoff wirklich alles, um besonders gute Spieler für seinen Verein zu gewinnen. Er holte einen deutschen Zahnarzt für die Tischtennis-Mannschaft. Später einen chinesischen und einen russischen Spieler. Das war für die Sportjournalisten interessant und brachte die begehrten Fernsehminuten. Beispielsweise auch mit Oleg Jurjewitsch Gagin, einem ehemaligen russischen Handballspieler. Oleg Gagin, der insgesamt 210 Länderspiele bestritt, gewann 1982 mit der sowjetischen Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft. Zusammen mit Oleg Gagin wurde Ulrich Backeshoff auch zu dem besagten Auftritt ins Sportstudio eingeladen. Das war eine interessante Geschichte, weil nicht nur das Sportstudio eingeladen hatte, sondern auch das Bayerische Fernsehen zu dessen Sendung Blickpunkt Sport, dem man eigentlich schon zugesagt hatte. Nun war es aber so, dass Doris Papperitz den Auftritt von Oleg Gagin gerne exklusiv gehabt hätte. Also musste sich Ulrich Backeshoff wieder eine elegante Lösung einfallen lassen. Aber dann kam alles ganz anders. Oleg Gagin fiel unglücklicherweise die Treppe herunter und musste in die Bogenhausener Klinik gebracht werden. Ausgerechnet an dem

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Tag, an dem sein erster Auftritt in der Sendung Blickpunkt Sport gewesen wäre. Zum Glück war die Verletzung nicht so schlimm, so dass er wenigstens die Einladung des Sportstudios wahrnehmen konnte. Für die Absage beim bayerischen Sender hat Ulrich Backeshoff mit dem Nationaltrainer Anatoli Jewtuschenko für Ersatz gesorgt, so dass die Sendung ihr Thema über sowjetische Spieler nicht ändern musste. Heute erinnert sich Ulrich Backeshoff an viele schöne Geschichten aus seiner Sportkarriere als Torwart, Trainer, Coach und Präsident.

„Vom Handball hatte ich als Spieler eigentlich keine Ahnung!“ (Ulrich Backeshoff)

Diese Aussage klingt unglaublich, aber Ulrich Backeshoff steht dazu. Darum konnte es ihn auch nicht aus der Bahn werfen, als kein Geringerer als der langjährige Bundestrainer der deutschen Herren-Handballnationalmannschaft Heiner Brand ihm das bei einem wichtigen Spiel im Vorbeigehen zurief. Ulrich Backeshoff nahm es ihm nicht übel. Im Gegenteil. Er bewunderte die Methode, mit der sich Heiner Brand offensichtlich selbst für ein Auswärtsspiel motivierte.

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Aber wie kann es sein, dass ein Handballtorwart und Trainer vom Handball keine Ahnung hat? Dazu erklärt er selbst, dass er zwar ein herausragender Torwart war, aber da zählte vor 30 Jahren seiner Ansicht nach nur das Faustrecht. Seinen Spielern im Verein hat er erst einmal Disziplin beigebracht, keine Technik. Die Technik beherrschte er selber nicht, die hat er nie gelernt. Dennoch war sein Einfluss auf die Spieler sehr groß. Das gilt für alle Trainer, wie er behauptet. Deswegen musste sich seiner Meinung nach auch Heiner Brand die Vorwürfe gefallen lassen, dass seine Jungs nicht so stabil spielen. Auch andere Ansichten, die zum Rücktritt Heiner Brands als Bundestrainer führten, würde Ulrich Backeshoff gerne einmal mit ihm diskutieren. Beispielsweise seine Aussagen zur Bundesliga. Ulrich Backeshoff sieht die Missstände, aber die Lösung ist seiner Meinung nach nicht so einfach, wie Heiner Brand glaubt. Es geht dabei um die Nachwuchsförderung innerhalb der Bundesliga. Backeshoff ist der Meinung, dass die Profiliga keine Ausbildungsliga ist. Einen Königsweg wird es seiner Ansicht nach nicht geben. Bei einem Glas Bier könnte er Heiner Brand noch viele Storys erzählen, die ihn garantiert interessieren würden.

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Ulrich Backeshoff erkennt die Leistung des ehemaligen Bundestrainers der deutschen Herren-Handballnationalmannschaft uneingeschränkt an.

„Heiner Brand weiß gar nicht, dass ich ihn so schätze. Ich ziehe innerlich den Hut vor ihm.“ (Ulrich Backeshoff)

Vielleicht würde ihm Ulrich Backeshoff bei einem Treffen auch verraten, wie man Auswärtsspiele gewinnt. Das war eine ganz besondere Spezialität von ihm. Er spendierte zum Beispiel Vereinen, die er bei Vorbereitungs- oder Freundschaftsspielen kennengelernt hatte, einen Bus und 50 Eintrittskarten zu einem Auswärtsspiel von Milbertshofen. So kaufte er sich die Fans ein, die dann in fremden Hallen Milbertshofen anfeuerten. Bei einem Spiel in Düsseldorf hat er auch die Kinder eines Düsseldorfer Heimes eingeladen, die dann für seine Spieler jubelten. Leider haben sie das Spiel damals trotzdem verloren. Bei dieser Gelegenheit erzählt Ulrich Backeshoff auch eine – in der Geschichte des Sports vielleicht einmalige – Vorgehensweise gegen unliebsame Gegenspieler. So gab es damals einen Handballspieler namens Faulhaber. Er spielte sehr aggressiv und brachte sogar den Hünen Wunderlich zu Fall. Wunderlich war dagegen ein sehr rücksichtsvoller Spieler, der sich ganz auf seine Technik verlassen

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konnte. Ulrich Backeshoff sorgte sich um das Wohl seiner Spieler und griff zu einem sehr ungewöhnlichen Mittel, um Faulhaber in die Schranken zu weisen. Er bat die Kameraleute, eine Stunde lang nur Faulhaber aufzunehmen, um zu dokumentieren, wie unfair sein Spiel war. Das ging durch die Presse und wurde sehr anerkennend kommentiert. Endlich einmal ein Trainer, der seine Spieler vor solchen Attacken schützen will. Auch den ehemaligen deutschen Fußballspieler und aktuellen Präsidenten des FC Bayern München Uli Hoeneß schätzt Ulrich Backeshoff sehr.

„Uli Hoeneß zeichnet sich auch durch eine hohe soziale Kompetenz aus.“ (Ulrich Backeshoff)

In der Zeit, als Ulrich Backeshoff sportlich aktiv war, gab es in München viele Berührungspunkte. Als Hoeneß aktiver Sportler war, hat Backeshoff seine Professionalität bewundert. Ulrich Backeshoff war auch viele Jahre Mitglied im Verein Bayern München und genoss bei den Fußballspielen einen Logenplatz. Doch dann sah er sich veranlasst, aus dem Verein auszutreten, und darüber würde er gerne noch einmal mit Uli Hoeneß reden. Nur um ihm zu versichern, dass nicht er der Grund für seinen Austritt war, sondern ein Präsidiumsmitglied. Heute wäre Ulrich Backeshoff sogar bereit,

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wieder in den Verein einzutreten und für die vergangenen Jahre die Mitgliedsbeiträge nachzuzahlen. Das Einzige, was Backeshoff in den Entscheidungen des Kollegen Hoeneß vermisst hat, war der Bau einer Sporthalle, in der man nicht nur Handball, sondern auch Basketball hätte spielen können. Die hat ihm damals gefehlt. Im Nachhinein gibt es viele Dinge, die Ulrich Backeshoff gerne richtigstellen würde. Dazu gehört, wie schon erwähnt, auch die angebliche Verschuldung, mit der Ulrich Backeshoff den Verein TSV Milbertshofen verlassen hat. Dazu gibt er zu Protokoll, dass er den Verein bereits mit einer maroden Sporthalle übernommen hat. Diese Halle wurde ehemals 1972 für die Olympiade gebaut und war bei seiner Amtsübernahme bereits einsturzgefährdet. „Dass eine große Sporthalle im Wert von mehr als zehn Millionen noch Verbindlichkeiten hat, das weiß jeder, der kaufmännisch denken kann“, argumentiert Ulrich Backeshoff. „Man baut eine Halle und hat Verbindlichkeiten von sechs Millionen. Der Rest ist Vermögenszuwachs.“ Abgesehen davon investierte Ulrich Backeshoff hohe Summen seines eigenen Kapitals. So hat er auf seine Kosten eine Gastwirtschaft einrichten lassen. Pächter war eine Familie, die zuvor im Allgäu eine Eishalle bewirtschaftet hatte. Nach Austritt des Präsidenten Backeshoff wurde dem Pächter gekündigt. Dem nachgerückten Präsidenten hat diese Konstellation nicht zugesagt. Statt der Verpachtung wurde dann wie in den 30er oder 40er Jahren die Gastronomie durch den eigenen Verein bewirtschaftet. Aber

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statt damit die großen Gewinne einzufahren, geriet die Gastronomie in die roten Zahlen. Ulrich Backeshoff hatte dagegen alles so konzipiert, dass man von den Pachteinnahmen das gesamte Projekt finanzieren konnte. Während seiner Amtszeit beim Verein Milbertshofen sind Ulrich Backeshoff so einige Unregelmäßigkeiten in der Finanzierung aufgefallen. Den Tischtennisbereich hatte er beispielsweise an Rudi Behacker delegiert. „Dort ist dann aus dem Handballtopf Geld in den Tischtennisbereich investiert worden. Später hat ein Abteilungsleiter den Fehler zugegeben und eine Eigentumswohnung verkauft, damit sich der Verein nicht verschuldet“, erinnert sich Backeshoff. Die Handballer hätten nach Ansicht von Ulrich Backeshoff nach seinem Ausstieg bei Milbertshofen noch ein ganzes Jahr weiterspielen können. Parallel hätte man nach einem Sponsor suchen müssen. „Aber in meinem Umfeld hat jemand die linke mit der rechten Tasche verwechselt“, klagt Ulrich Backeshoff. „Das ist mir jetzt zehn Jahre lang nicht mehr eingefallen, weil derjenige sonst möglicherweise seinen Job verloren hätte.“

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Ulrich Backeshoff hat sich sehr frühzeitig Gedanken über seinen Nachfolger gemacht.

„Ich habe mir den damals 13-jährigen Christian Hanf auf dem Tennisplatz für meine Nachfolge ausgeguckt.“ (Ulrich Backeshoff)

Warum es gerade dieser Junge sein sollte, hatte einen einfachen Grund. Damals trugen fast alle Jungen lange Haare, nur Christian nicht. Er fiel Herrn Backeshoff durch seinen sehr ordentlichen Haarschnitt auf. Auch solche Äußerlichkeiten zählen gelegentlich bei Ulrich Backeshoff. Aber dann erfuhr er, dass Christian kein guter Handballspieler war. Seine bevorzugte Sportart war Tennis. Also kam er für die Nachfolge nicht in Frage. Dass Ulrich Backeshoff mit seiner positiven Einschätzung des heranwachsenden Sportlers nicht ganz falsch lag, beweist der Werdegang des Jungen. Christian studierte Jura und absolvierte zwei Staatsexamen. Ulrich Backeshoff baute ihn dann systematisch auf und ließ ihn später diverse Backeshoff-Firmen leiten. Heute ist Christian Präsident des Breitensportvereins TSV Milbertshofen. Um ihn zu schützen hat Ulrich Backeshoff zum eigenen Nachteil eine Schuld übernommen. Das würde Ulrich Backeshoff nie wieder tun, weil die Menschen so etwas schnell vergessen.

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Man sollte annehmen, dass jemand, der sich so für den Sport einsetzt, keine Minute mehr Zeit für etwas anderes hat. Nicht so Ulrich Backeshoff.

„Neben dem Sport habe ich hauptsächlich mit meiner Firma BAX Kopierer im großen Stil verkauft.“ (Ulrich Backeshoff)

Seinen ersten großen Auftritt im Minolta-Konzern, dessen Kopierer Ulrich Backeshoff zunächst verkaufte, hatte er gleich zu Beginn seiner Firmengründung BAX. Er bekam eine Einladung nach New York. Dort fand eine internationale Versammlung der Minolta-Mitarbeiter im World Trade Center statt. Ganz oben in den Twin Towers. Traditionell ist es bei den Japanern so, dass der älteste Mitarbeiter des jeweiligen Landes eine Rede halten darf. Der älteste Teilnehmer war Oskar Braun von der „von Kontradowitz und Braun KG“ in München. Doch kurz vor der Rede ging er auf Ulrich Backeshoff zu und meinte, dass es ihm unmöglich sei, diese Rede zu halten, obwohl er ein Manuskript vorbereitet hätte. Er litt wohl unter Lampenfieber. Gleichzeitig befürchtete er aber, dass es bei den Japanern nicht gut ankommen würde, wenn er sich vor der Rede drückt. Ulrich Backeshoff sah die Sache ganz pragmatisch und meinte: „Niemand wird sich die Personalausweise zeigen lassen, um festzustellen, wer von unserer Gruppe der Älteste ist.“

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Es gab in der deutschen Gruppe eine Reihe von älteren Herren, die da in Frage gekommen wären. Unter ihnen auch ein Politiker aus Hamburg, der sicherlich Reden halten konnte. Doch alle älteren Herren in der Runde von über 80 Personen hatten keinen Schneid. Gerne hätten sie die Rede gehalten, wenn sie rechtzeitig informiert worden wären. Aber so spontan traute es sich niemand zu. Ulrich Backeshoff war der Einzige, der bereit war, eine Rede vor dem großen Auditorium zu halten. Aber er war der Jüngste, wie so oft. Unkonventionell wie immer, drehte er den Spieß um und empfahl Oskar Braun, zu den Japanern zu gehen und ihnen zu sagen, dass es in Deutschland zwei Möglichkeiten gibt: Entweder der Älteste oder aber der Jüngste in der Gruppe hält die Rede. Das fand Herr Braun eine sehr gute Idee und hat den Japanern Ulrich Backeshoff als ihren jüngsten Redner angekündigt. Die Zeit war knapp und Ulrich Backeshoff musste in kürzester Zeit das Konzept seines Vorgesetzten überarbeiten. Aufgeregt ohne Ende gelang es ihm, innerhalb von 20 Minuten mit dem Kugelschreiber einen Leitfaden zu markieren und dann die Rede zu halten. Das Ganze wurde simultan übersetzt. Daran wäre Ulrich Backeshoff fast gescheitert. Der Anblick der beiden Übersetzerinnen verschlug ihm für einen Moment die Sprache und vielleicht auch den Atem. Eine von ihnen trug einen Kimono und die andere einen Rock, der für damalige Verhältnisse ungewöhnlich kurz war.

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Ebenfalls verwirrend empfand Ulrich Backeshoff die Feststellung, dass nicht die Dame im Kimono ins Japanische übersetzte, sondern die im kurzen Rock. Wahrscheinlich wäre es ihm leichter gefallen, sich zu konzentrieren, wenn der Kostümrock der Japanerin dicht neben ihm nicht ganz so kurz gewesen wäre. Aber er erledigte seine Aufgabe bravourös und erntete dafür sehr viel Applaus. Nach der Rede kam der damalige Europachef mit Nachnamen Ota auf den jüngsten deutschen Mitarbeiter zu und fragte ihn, ob er im nächsten Jahr das Hauptreferat halten wollte. Von da an war der jüngste deutsche Mitarbeiter Ulrich Backeshoff im Beirat des Minolta-Konzerns.

„Ich gehörte über 10 Jahre lang zu denen, die einmal im Jahr bei Minolta etwas zu sagen hatten.“ (Ulrich Backeshoff)

Damals war er 32 Jahre alt und er erinnert sich noch heute gerne an New York. Das Wetter war wunderschön, und so konnte er schon aus dem Flieger heraus die beeindruckende Skyline von Manhattan bewundern. Zehn Jahre später führte der gestandene Geschäftsmann Ulrich Backeshoff seine eigenen Mitarbeiter durch New York und zeigte ihnen stolz die Stelle, an der ihr Chef eine Rede gehalten hat. Damals stand das World Trade Center noch.

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In den folgenden Jahren hat Ulrich Backeshoff seine erste Frau Sonja auf alle Weltreisen mitgenommen. Als Beirat von Minolta bereiste er mit ihr die ganze Welt. Das war sehr angenehm, denn nach zwei Tagen Arbeit konnte er eine Woche Urlaub anhängen und die Gegend erkunden. Sein Mut und seine Entschlossenheit von damals hatten sich ausgezahlt. Seiner großen Tochter Alexandra hat er damals versprochen, dass Papa die zahlreichen Reisen eines Tages mit ihr nachholen würde. Das Versprechen hat er an ihrem 18. Geburtstag mit einer langen Fernreise eingelöst. Eine Reise, die Ulrich Backeshoff mit Freuden plante. Zunächst ging es mit „der Königin der Lüfte“, dem Überschallflugzeug Concorde, von Paris nach New York. Das war schon einmal ein rasanter Start in den Urlaub. Die Familie kostete jede Flugminute aus, denn die Flugzeit betrug nur sensationelle 3,5 Stunden. Die Concorde flog doppelt so schnell wie ein normales Flugzeug. Von New York ging es weiter nach San Francisco und dann nach San Diego. Nördlich von San Diego mietete Ulrich Backeshoff eine Wohnung, von der aus man mit einem Mietauto beispielsweise nach Las Vegas fahren konnte. Auch hier sollte es wieder mit Superlativen weitergehen. Vater Backeshoff hatte für seine dreiköpfige Familie gleich das größte Auto reservieren lassen, das auf der Liste des Autovermieters stand. Den Lincoln Town Car. Lincoln Town Car ist ein US-amerikanisches Automodell der Oberklasse, das zu Ford gehört. Ein Pendant zur Mercedes-Benz

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S-Klasse. Town Cars stellen die Mehrzahl der Luxus-Limousinen in den USA her. Die meisten Stretch-Limousinen tragen den Namen Town Cars. Ganz so groß musste es für Ulrich Backeshoff nicht sein. Doch selbst bei normaler Länge kommt das Town Car auf 5,47 Meter und ist damit der längste in Großserie gefertigte amerikanische Pkw und der viertlängste der Welt. Länger sind nur noch Maybach, Rolls-Royce Phantom und Bentley Arnage. Dass dieses Auto etwas Besonderes ist, sieht man auch daran, dass Warren Buffett ein Lincoln Town Car fuhr und später für 77.000 USD über eBay verkaufte, um das Geld gemeinnützigen Zwecken zu spenden. Ulrich Backeshoff hatte schon immer ein Faible für außergewöhnliche Autos. Mit besagtem Lincoln Town Car chauffierte er also seine Familie durch Amerika. Dort folgte ein Highlight dem anderen. Die Familie hat sich weltberühmte Musicals angeschaut, den MeeresThemenpark SeaWorld und die legendären Filmstudios. Auf dem Besichtigungsplan standen weiterhin Disneyland und in Las Vegas gab es Tickets für die atemberaubende Show von damals noch Siegfried und Roy und ihren weißen Tigern. Es gab alles das, was ein Vater seiner großen Tochter zeigen möchte, wenn er selber schon einmal in Amerika war. Als Touristen lernte die Familie viele nette Leute kennen. Sie trafen aber auch per Zufall gute alte Bekannte. Ulrich Backeshoff erzählt von einer lustigen Begegnung in Disneyland. Er kannte einen Mann namens Jakob Obermaier, der in Maisach als Versiche-

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rungsmakler in einer Versicherung arbeitete, die zu ein paar Prozenten Ulrich Backeshoff gehörte. Er hatte Obermaier damals Geld gegeben, damit er sich einen Kundenstamm kaufen konnte. Das Verhältnis war aber nicht das beste. Ulrich Backeshoff meinte, dass er ihn mit einer Sache geärgert hätte: „Er durfte mir guten Morgen und guten Abend sagen, aber sonst wollte ich mit ihm nichts zu tun haben. Einen Termin für ein Gespräch habe ich ihm nicht mehr gewährt.“ Man könnte glauben, dass Jakob Obermaier keine Mühen und Kosten scheute, um doch noch einen Termin bei Ulrich Backeshoff zu bekommen. Herr Obermaier hatte eine Tochter, die im gleichen Alter wie Alexandra war. Als Familie Backeshoff durch Disneyland schlenderte, meinte plötzlich Frau Backeshoff: „Schau mal, die Obermaiers.“ Worauf ihr Mann Ulrich nur müde lächelnd meinte: „Ja, ja, schon gut.“ Aber es war tatsächlich die Familie Obermaier. Bei so einem Zufall war nun auch Ulrich Backeshoff quasi gezwungen, mit Jakob und seiner Familie wenigstens einen Kaffee zu trinken. Solche merkwürdigen Zufälle sind ihm mehrmals in seinem Leben passiert.

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Die ersten eineinhalb Urlaubswochen waren auch für Ulrich Backeshoff aufregend und unterhaltsam. Aber für einen Workaholic sind vier Wochen süßes Nichtstun eine echte Herausforderung.

„Sich zu entspannen hatte ich nie gelernt, und um ehrlich zu sein, sehnte ich mich schon bald wieder nach der Arbeit.“ (Ulrich Backeshoff)

Um politisch und wirtschaftlich auf dem Laufenden zu bleiben, machte er sich auf die Suche nach einer deutschen Zeitung. Die war damals gar nicht so einfach zu bekommen. Er fragte seine neuen deutschstämmigen Freunde, die nach Amerika ausgewandet waren. Der Mann arbeitete als Banker und hat später seine Frau und die beiden Töchter nachkommen lassen. Sie erklärten Ulrich Backeshoff, wo er eine deutsche Zeitung kaufen könnte. Er sollte nur zwei Autobahnausfahrten weiter in Richtung San Diego fahren. Dort würde sich ein Einkaufszentrum befinden, in dem es nur eine Treppe gab. Die sollte Ulrich Backeshoff heruntergehen und schon würde er den Zeitungsstand sehen. Ulrich Backeshoff hielt sich genau an die Beschreibung, die in jedem Punkt stimmte. Nur über die Entfernung hatte man sich leider nicht verständigt. Er musste 100 km weit fahren, bis die zweite Autobahnausfahrt kam. Das ist so, als wenn man von München nach Augsburg fährt, nur um eine

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Zeitung zu kaufen. Zu seiner großen Enttäuschung gab es auch nur eine deutschsprachige Zeitung, die über die amerikanische Region berichtete. Er hätte besser gleich zum Flughafen fahren sollen, um das brisante politische Geschehen von damals verfolgen zu können. Aber auch diese vier Wochen Urlaub hatten ein Ende, und so konnte sich Ulrich Backeshoff wieder seiner Lieblingsbeschäftigung widmen. Die tägliche Arbeit in seiner Münchener Firma BAX forderte die ganze Kreativität des Geschäftsmannes. Ulrich Backeshoff ließ sich immer etwas Außergewöhnliches einfallen. So zum Beispiel auch zum Thema Umtauschrecht. Die Minolta-Vertretung in München war die erste auf dem Globus, die eine uneingeschränkte Umtauschgarantie anbot. Die Kunden konnten eine große Maschine gegen eine kleine umtauschen, wenn das Geschäft mal nicht so gut ging. Die Philosophie von BAX lautete: Wenn es dem Kunden schlecht geht, müssen wir helfen. Das Geschäft lief gut. Die Kunden waren zufrieden. Die Zweijahresverträge der Firma BAX kletterten auf Dreijahresverträge, dann auf Vierjahresverträge und schließlich gab es bis zu 72-Monatsverträge. Mehr hat der Jungunternehmer aber dann doch nicht gewagt. BAX verkaufte auch gebrauchte Fotokopierer. Das Geschäft ging so gut, dass die Firma immer einen Mangel an gebrauchten Maschinen hatte. Grund war das sensationelle Angebot, ein ge-

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brauchtes Modell mit der gleichen Garantie wie für einen neuen Kopierer zu kaufen. Zu einem viel günstigeren Preis natürlich. Eine Garantie für eine gebrauchte Maschine war damals neu. Wenn den Kunden der eine oder andere Kratzer auf der Rückseite des Kopierers nicht störte, dann konnte er dieses Angebot wahrnehmen. Wichtig war, dass die Fotokopierer funktionierten.

„Ich will das Geld des Kunden und nachher muss er noch Dankeschön sagen.“ (Ulrich Backeshoff)

Das über allem stehende Motto ist bei Ulrich Backeshoff noch heute die Nachhaltigkeit. Er war es auch, der den Sofortservice eingeführt hat. Der Kunde konnte diesen Service für einen gewissen Monatsbeitrag in Anspruch nehmen. Dafür stand die Firma BAX mit ihren Technikern 24 Stunden rund um die Uhr zur Verfügung. Das kostete damals 100,- DM Grundgebühren und 50,- DM für jeden Einsatz. Es gab den Kundenreparaturservice innerhalb von zwei, vier oder sechs Stunden. Wenn BAX die Zeit nicht eingehalten hat, dann wurde die doppelte Summe an den Kunden ausgezahlt. Auch dann, wenn BAX auch nur fünf Minuten zu spät kam. Dieses Versprechen genügte dem Unternehmer Backeshoff aber noch lange nicht. Im

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nächsten Schritt wurden die Techniker anfangs angewiesen, in jedem Fall nicht pünktlich, sondern unpünktlich zu sein. Sie mussten immer fünf Minuten vor der Tür warten. Auch wenn der Kunde nicht so genau auf die Uhr schaute und die fünfminütige Verspätung nicht monierte, bestand BAX darauf, ihm die Gutschrift zu zahlen. Das war die beste Werbung für den BAX-Kundenservice. Nach dem Motto: Wir halten Wort. Tatsächlich gestaltete es sich aber gar nicht so einfach, auf jeden Anruf der Kunden zu reagieren. Die Techniker waren ohnehin ausgelastet. Aber es gab einen Trick, den sich Ulrich Backeshoff für diesen Fall hat einfallen lassen. Wenn ein Notruf kam und der Techniker gerade bei einem anderen Kunden zu tun hatte, so behauptete er einfach, dass er ein fehlendes Ersatzteil für die Reparatur des Kopierers besorgen muss. So konnte er rasch zum nächsten Notruf fahren und sich dort kurz blicken lassen. Handelte es sich um eine kleine Reparatur, so konnte er diese gleich erledigen, ansonsten kam wieder die Nummer mit dem fehlenden Ersatzteil. Kundenbindung war schon immer ein Lieblingsthema bei Ulrich Backeshoff. Auch bei Minolta ging er dafür ungewöhnliche Wege. So kaufte er gleich mehrere hundert Papierschredder und verschenkte sie an seine Kunden. Die Schredder kamen von der Firma Geha, aber er ließ seinen Firmennamen BAX anbringen, damit die Kunden täglich mit Freuden an ihn dachten. Früher war es in den Augen vieler Chefs ein großes Ärgernis, wenn die

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Sekretärin eine Fehlkopie gemacht hatte. Die kostete den Chef 10 Pfennig. Dank der Aktenvernichter konnten die Sekretärinnen solche Papiere ab sofort ganz schnell verschwinden lassen. Das fanden die Angestellten gut, die Anzahl der gefertigten Kopien stieg und der Chef blieb bei bester Laune, was die Fehlkopien betraf. Und wem hatten sie diesen harmonischen Zustand zu verdanken?

„Wer bei mir unterschrieb, der hat lebenslang unterschrieben.“ (Ulrich Backeshoff)

Beim Einkauf von Kopiergeräten war Ulrich Backeshoff stets bemüht, die günstigsten Konditionen zu bekommen. So kaufte er beispielsweise preisgünstige Maschinen im Ausland ein. Eigentlich hätte er für die Einfuhr Strafzölle zahlen müssen. Aber er fand heraus, dass dieses Einfuhrverbot nur für Hersteller galt. Also machte er den genialen Schachzug eines kleinen Umwegs über EU-Länder wie Gibraltar. Er kaufte kostengünstig ein und konnte viel preisgünstiger verkaufen als die Konkurrenz. Für diese Art von Geschäften gewährten ihm die Banken großzügige Kredite. Solche hohen Investitionen konnte der Unternehmer nicht aus eigener Tasche finanzieren.

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Aber Ulrich Backeshoff dachte nicht nur an die Kunden und die Produkte, die er verkaufen wollte. Er kümmerte sich auch um seine Mitarbeiter. Auch in Bezug auf die Frauenquote.

„In meinem Betrieb waren zwei Drittel der Beschäftigten Frauen. Frauen bringen Männer ans Laufen.“ (Ulrich Backeshoff)

Das ist die Erfahrung, die Ulrich Backeshoff in seinem Leben gemacht hat. Die Probleme, die man naturgemäß durch weibliche Angestellte haben konnte, wischte er vom Tisch: „Wenn damals eine Frau in der Probezeit schwanger wurde, dann folgte meist die Kündigung. So ein Blödsinn! Wir waren auch mal Kinder. Man muss das vermeintliche Problem nur irgendwie lösen.“ Seine Lösung hieß schon damals Teilzeitarbeit. Die Frauen sollten am Freitag sagen, wie sie in der nächsten Woche arbeiten konnten. Eine erstellte Liste wurde dann beim Personalleiter abgegeben. Der Chef machte auch die Erfahrung, dass die Damen sich gegenseitig vertreten haben, wenn mal etwas Unvorhergesehenes eintraf. Ulrich Backeshoff mag Kinder. Das Kinderkriegen und -hüten gehört seiner Ansicht nach auch zum Berufsleben. Noch heute wirft er sich nur ein Versäumnis vor: „Ich hätte einen Kindergarten anbieten sollen.“ Aber immerhin gab es einen Raum, den er für die Treffen von Mutter und Kind zur Verfügung stellte.

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Auch beim Umsatz erreichten die Frauen in Teilzeitanstellung eine gute Quote. Sie war besser als die der Festangestellten. Seine positive Einstellung zur Gleichberechtigung hatte sicher auch etwas mit dem Elternhaus zu tun. Mutter Lydia Backeshoff erzog drei Söhne, aber das machte für sie in der Arbeitseinteilung keinen Unterschied. Ulrich musste auch Strümpfe stopfen und Taschentücher bügeln. Geschäftlich vertrat und vertritt Ulrich Backeshoff die moderne Gendertheorie. Für ihn ist es uninteressant, ob man als Mann oder Frau auf dieser Erde wandelt. „Man muss nur herausfinden, was man kann, und dann damit Geld verdienen“, behauptet er. Besonders stolz ist Ulrich Backeshoff auch auf die eigene Berufsschule, die er bei BAX gegründet hat.

„Ich war sozusagen der erste bayerische Unternehmer, der ein Berufsschulverbot ausgesprochen hat.“ (Ulrich Backeshoff)

Das ist in fast allen Bundesländern möglich. Aber im Gegenzug musste Ulrich Backeshoff eine betriebseigene Berufsschule aufbauen. Das tat er in der großen Kreisstadt Fürstenfeldbruck und stellte 80 Azubis ein. Zwei Drittel für den kaufmännischen Bereich

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und ein Drittel für den gewerblichen. Der Unterricht wurde von zwei Berufsschullehrern bestritten. Die jungen auszubildenden Männer und Frauen bekamen ein sagenhaftes Gehalt in Höhe von damals 1.000,- DM, was oberhalb der IHK-Empfehlung lag, plus einem neuen Corsa, auch zum privaten Gebrauch. Das war mehr als großzügig. Das Ziel, das der Firmenchef damit verfolgte, war der Abbau von sozialen Unterschieden. Eine mehr als fortschrittliche Einstellung. Ansonsten wären einige Lehrlinge mit dem Fahrrad gekommen und andere mit dem Golf GTI. Der Golf GTI war damals das angesagte Auto. Zum Dank zeigten die Lehrlinge hundertprozentigen Einsatz und der Chef behauptet, dass sie für BAX gekämpft haben. Im Endeffekt haben sich die ungewöhnlichen Mehrausgaben für das Unternehmen BAX ausgezahlt. Ziel der eigenen Berufsschule war unter anderem, dass die Azubis ein halbes Jahr früher die Prüfung absolvieren konnten. Es gab kaum einen Lehrling, der das nicht geschafft hat. Die Firma bot mittwochs und an zwei Samstagen im Monat Zusatzunterricht an. Die Teilnahme war freiwillig. Aber Ulrich Backeshoff versichert, dass keiner seiner Schützlinge sich davor gedrückt hat. Anne Löhr war die erste Absolventin der Berufsakademie im Unternehmen BAX. Vor dieser Ausbildung arbeitete sie als Stewardess. Auch hier gab es wieder eine enge Verbindung zum Sport. Anne war die große Schwester von Jörg Löhr, einem ehemaligen deutschen Handballnationalspieler, der 1986 zum TSV Milbertshofen

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wechselte. Bis 1990 bestritt er 61 Bundesligapartien. Mit Milbertshofen gewann Jörg Löhr 1990 den DHB-Pokal und wurde im selben Jahr deutscher Vizemeister. Der DHB-Pokal ist der wichtigste deutsche Handball-Pokalwettbewerb für Vereinsmannschaften. Jörg Löhr war auch nach seiner aktiven sportlichen Karriere erfolgreich. Auch er arbeitete in einem Unternehmen von Ulrich Backeshoff. Später verlagerte sich Löhr hauptberuflich auf die Wirtschaftsberatung. Als Motivationstrainer für Spitzensportler, Nationalmannschaften, Bundestrainer, Konzerne und Banken profitierte Jörg Löhr von seiner Erfahrung als Sportler. Über seine Arbeit schrieb er mehrere Bestseller wie „Projekt Gold“, in dem er gemeinsam mit Heiner Brand „Wege zur Höchstleistung“ aufzeigt. Seine Schwester Anne Löhr durfte während ihrer Ausbildung ein sehr ausgefallenes Projekt der Firma BAX leiten. Auf dieses Projekt mit seinen Azubis ist Ulrich Backeshoff noch heute sehr stolz. Damals arbeiteten in seinem Unternehmen 30 Azubis, die noch ein Jahr Lehre vor sich hatten. Gleichzeitig gab es Verkaufsleiter. Denen machte Ulrich Backeshoff in einem Meeting folgenden Änderungsvorschlag: Er wollte den Vertrieb aufteilen. Auf der einen Seite die jungen Leute mit „frecher Klappe“ für die Neukunden, auf der anderen Seite die Verkäufer mit betriebswirtschaftlicher Vorbildung. Das machte seiner Meinung nach Sinn. Wenn ein Kunde beispielsweise eine Großmaschine besaß, konnte man ihm vorschlagen, dass dezentrale Rechner viel besser wären und umgekehrt. Doch

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die erfahrenen Vertreter waren der Meinung, dass der Markt ganz anders funktioniert. Ulrich Backeshoff akzeptierte ihre Argumente. Doch im zweiten Schritt entschied er, eine Übungsfirma zu gründen, die seine Idee umsetzen sollte. Die erfahrenen Vertreter mussten alle unterschreiben, dass sie diese Art von Geschäft nicht durchführen wollten. Danach konnte er dafür die Lehrlinge einsetzen. Ulrich Backeshoff ernannte Anne Löhr zur Chefin dieser Übungsfirma mit 30 Azubis. Sie war ein sensationeller Erfolg. Doch Ulrich Backeshoff fiel auf, dass die meisten Jungen und Mädchen die vier Grundrechenarten nicht beherrschten, sondern alles von ihren Rechnern erledigen ließen. Das konnte er als Mathematikfan nicht akzeptieren. Also kamen alle Rechner vom Tisch und es wurden die Grundrechenarten gelehrt. Im nächsten Schritt wollte der Chef einen Bus spendieren, der die 30 Lehrlinge zu einem Ausflug an den Bodensee fahren würde. Aber das war zunächst nur ein Spiel. Die Busfahrt an den Bodensee wurde wie ein Rohgewinn gerechnet. Wenn die Firma mit Hilfe der Lehrlinge ein Geschäft verbuchen konnte, dann stieg der Rohgewinn und damit auch der Wert der Reise. Das Projekt war auf drei Monate begrenzt. Innerhalb eines Monats hatten die emsigen Lehrlinge diese Reise zum Bodensee so gut wie sicher. Doch das war nicht das Ziel ihres Chefs. Über drei Ecken brachte er sie auf die Idee, dass die Reise ja auch nach Paris gehen könnte, wenn sie noch ein bisschen

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fleißiger sein würden. Ulrich Backeshoff war sogar bereit, ihnen das Flugticket zu bezahlen. Dafür mussten sie aber noch ein paar Punkte mehr sammeln. So ging das Spielchen also immer weiter. Ulrich Backeshoff ließ eine Schiffsglocke in der Halle seines neuen 100 Meter langen und 50 Meter breiten Gebäudes anbringen, das er eigens für sein Unternehmen hat bauen lassen. Jedes Mal, wenn die Azubis einen Auftrag an Land gezogen hatten, ließ er die Schiffsglocke bimmeln. Das war für alle das Zeichen, dass sie ihrem Reiseziel wieder ein Stückchen näher gekommen waren.

„Jeder Lehrling fühlte sich persönlich angespornt, seinen Teil dazu beizutragen.“ (Ulrich Backeshoff)

Nach Paris kam die Aussicht auf Madrid, dann Lissabon mit seiner damals noch wunderschönen Altstadt. Zum Schluss hieß das große Ziel New York. Ulrich Backeshoff erinnert sich, dass die jungen Leute dafür Tag und Nacht gearbeitet haben. Doch dann war plötzlich Stillstand. Es kamen keine Aufträge mehr rein. Die Reise drohte zu scheitern. Da haben die ersten Lehrlinge vermutet, dass Ulrich Backeshoff die ganze Sache von Anfang an nicht ernst gemeint haben könnte. Es kam Unmut auf. Das war nicht sehr förderlich, denn alles musste im Team entschieden werden.

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Ulrich Backeshoff traf sich mit der Personalabteilung, um das Projekt zu retten. Die Personalabteilung hat dann einen Fehler eingeräumt. Sie hatte bei der Ausschreibung eine wichtige Anlage nicht weitergegeben. In der Anlage stand das Bonussystem, nach dem die jungen Leute punktemäßig in New York angekommen waren. Damit wurde aus einem Spiel Wirklichkeit. Doch ihr Chef gab immer noch keine Ruhe und fragte, ob sie auch nach Los Angeles und Las Vegas fliegen wollten, vielleicht sogar mit ein bisschen Kleingeld in der Tasche. Jetzt gab es aber keinen Bonus mehr. Die Karten waren alle ausgespielt. Das Vertrauen war aber wieder hergestellt und die Lehrlinge legten sich weiter mächtig ins Zeug. Am Ende haben sie alles erreicht, was zu erreichen war, und sind dann tatsächlich mit dem Flugzeug nach New York, Los Angeles und Las Vegas geflogen. Sie konnten sich alle Attraktionen ansehen. Sie besuchten die Studios von Las Vegas und Disneyland. Die regionalen Zeitungen haben anerkennend darüber berichtet. Ulrich Backeshoff zog anschließend Bilanz. Die Reise hatte ihn 1986 für alle 30 Azubis mit Taschengeld ca. 300.000,- DM gekostet. Der Rohgewinn betrug weit über eine Million. Die jungen Leute finanzierten die Firma für die Dauer eines Jahres und erhielten als Anerkennung für ihren überdurchschnittlichen Einsatz eine wundervolle Reise.

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Das ist die Art von Motivation, die Ulrich Backeshoff Spaß macht. Eine verrückte Idee, die neben einem eigenen Auto und einem ordentlichen Verdienst ihre Wirkung bei den Lehrlingen nicht verfehlte.

„Erfolg ist kein Zufall, Erfolg ist planbar.“ (Ulrich Backeshoff)

Eine grenzwertige Aktion will Ulrich Backeshoff nicht verschweigen. Auch sie hat zum Erfolg der Firma BAX beigetragen. Seine Ausbildung hatte Ulrich Backeshoff relativ spät im Berufsleben bei der Firma Rank Xerox bekommen. Dieses richtungweisende Unternehmen war ihm immer auch Vorbild. Er wusste, dass Xerox damals Probemaschinen vor dem Verkauf auslieferte, damit der Kunde sie testen konnte. Das brachte ihn auf eine Idee. Er musste nur herausfinden, welche Firmen mit Testkopierern von Xerox beliefert wurden, um der gleichen Firma auch seine Modelle zur Verfügung zu stellen. Natürlich zu einem günstigeren Preis. Es war für Ulrich Backeshoff nicht sehr schwer, die Firmen ausfindig zu machen, die von der Konkurrenz bedient wurden. Er kam sehr schnell auf die Idee, dass man nur den Lieferservice auskundschaften musste. Dem ist man dann einfach nachgefahren. Danach hat die Firma BAX ihre Maschinen den gleichen Firmen angeboten und in der Regel den Auftrag bekommen.

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„Das war legal“, meint Ulrich Backeshoff im Sinne der freien Markwirtschaft. „In München waren wir in kürzester Zeit Nummer eins. Wir waren günstiger und besser als die Konkurrenz.“ Verkauft hat Ulrich Backeshoff die Firma BAX, weil seine älteste Tochter Alexandra nicht die Nachfolge antreten wollte.

„Meine Tochter Alexandra hatte andere Pläne.“ (Ulrich Backeshoff)

Überhaupt glaubt Ulrich Backeshoff, dass seine Tochter so gar nicht auf ihn kommt. Das zeigte sich schon in ihrer Kindheit, denn zur Schule ging sie ganz und gar nicht gerne. Vom ersten Tag an nicht. Mit dem Resultat, dass sie nach der vierten Klasse die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium nicht geschafft hat. Vater Backeshoff kannte aus dem Handball einen stellvertretenden Schulleiter eines privaten Gymnasiums, den er um Rat fragte. Es ging darum, ob er gegen die Einschätzung der Lehrer seine Tochter nicht doch auf das Gymnasium schicken sollte. Vater Backeshoff hatte Bedenken und wollte sein Kind nicht überfordern. Der ihm bekannte Schulleiter vertrat eine sehr extreme Position und meinte, dass er kein guter Vater wäre, wenn er seinem Kind das Gymnasium verweigern würde.

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Vater Backeshoff befolgte den Rat, und so kam Alexandra auf ein Ganztagsgymnasium mit Hausaufgabenbetreuung. Die Eltern haben ihren Schritt nie bereut. Mit dem Fachabitur in der Tasche hatte Alexandra Backeshoff genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie wollte Goldschmiedin werden. Ulrich Backeshoff glaubt, dass Alexandra ihre handwerkliche Kreativität von seinem Vater geerbt haben könnte. Er hatte einen handwerklichen Beruf, der sehr viel Geschick erforderte. Zur Weihnachtszeit hat Ernst Backeshoff senior sehr gerne zusammen mit seinen Lehrlingen Kupferarbeiten angefertigt. Wenn die Lehrlinge gute Arbeit geleistet hatten, dann durften sie die Exponate auch verschenken. Alexandra hat ihren Opa noch erlebt. Als ihre Oma mit 70 Jahren eine neue Hüfte bekam und ins Krankenhaus musste, wohnte Opa Ernst sogar ein paar Wochen bei Familie Backeshoff. Damals hat er sich rührend um sein Enkelkind gekümmert. Alexandra besuchte zunächst Goldschmiede-Lehrgänge, um sich ein genaues Bild von diesem Beruf zu machen. In jedem Fall konnte sie bei der späteren Lehrstellensuche mit der Unterstützung ihres Vaters rechnen. Er war gleich bemüht, sie gut unterzubringen. Aber das war der selbstbewussten jungen Dame gar nicht recht. Alexandra gab ihrem Vater zu verstehen, dass sie sich selber um ihre Zukunft kümmern wollte. Ulrich Backeshoff lächelt. Von ihm hat die Tochter auch einiges geerbt. Alexandra Backeshoff fand schnell eine Lehrstelle und

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übernahm noch während der Lehrzeit die Schlüsselgewalt für die Firma. Sie als Lehrling und nicht der Meister des Betriebes, wie Ulrich Backeshoff stolz betont. Es freute ihn, dass auch seine Tochter in ihrem Bereich ein Überflieger war. Sie schloss später ganz in der Tradition des Vaters als Jahrgangsbeste ihre praktische Prüfung in Bayern ab. Nach Meinung des Papas hat sie alles sehr, sehr ordentlich gemacht. Das Talent seiner Tochter ist ganz offensichtlich. Es fiel den Leuten auf. Folgende Geschichte erzählt Ulrich Backeshoff am Rande, bevor er zum eigentlichen Punkt kommt. Damals frönte er in einer sehr gehobenen und wohl auch elitären Altherrenmannschaft seinem Hobby, dem Handballspielen. Alle Mitglieder dieses Vereins hatten früher schon einmal in der Bundesliga gespielt. Es gab einen eigenen Manager, der inzwischen leider verstorben ist. Bei einem für die gegnerische Mannschaft sehr wichtigen Spiel konnten sich Ulrich Backeshoff und seine Mannschaft unter bestimmten Umständen vorstellen, den Gegner gewinnen zu lassen. Es war die Rede von drei Kästen Bier. Doch die Gegner lehnten dieses großzügige Angebot ab, obwohl sie unbedingt aufsteigen wollten. Also spielten Ulrich Backeshoff und seine Mitstreiter mit gewohnt hohem Einsatz und gewannen das Spiel. Die gegnerische Mannschaft stieg also nicht auf, weil sie keine drei Kästen Bier spendieren wollte.

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Nach dem Training sprach ihn ein gegnerischer Spieler auf eine gewisse Alexandra Backeshoff an und fragte, ob er mit ihr verwandt sei. Als Ulrich Backeshoff bejahte, stellte sich der Mann gleich als Berufsschullehrer und Edelsteinsachverständiger bei der IHK München vor. Der Lehrer erklärte ihm, dass Alexandra in der Lage war, auf einem schwarzen Karton ein Schmuckstück millimetergenau und perspektivisch aufzumalen. Es würde dann so echt aussehen, dass man glaubt, es in die Hand nehmen zu können. Ulrich Backeshoff hatte keine Ahnung vom Goldschmiedehandwerk, war aber sehr beeindruckt vom Können seiner Tochter.

„Dann habe ich mal vorsichtig zu Hause angefragt, ob ich dieses Talent ein bisschen sponsern dürfte.“ (Ulrich Backeshoff)

Ihre Arbeit hat sich dann so gut weiterentwickelt, dass sich Alexandra Backeshoff selbstständig machen konnte. Um nicht eingleisig zu fahren, bot sie in ihrem Geschäft neben selbstgefertigtem Schmuck auch, als besondere Dienstleistung, Reparaturarbeiten an jeglichen Schmuckstücken an. Inzwischen kann sie davon gut leben, was in diesem Metier eher selten ist.

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Die Eltern haben dann dabei geholfen, dass Tochter Alexandra ein schönes, großes Reiheneckhaus bekam, das für zwei Familien ausgebaut wurde, so dass eine Wohnung vermietet werden konnte. Aber zurück zur Firma BAX, die nun einen Nachfolger brauchte. Zu gerne hätte Ulrich Backeshoff damals die Geschäfte seiner Tochter Alexandra übergeben. Aber das war nun einmal nicht möglich. Doch die Zeit drängte, denn Ulrich Backeshoff ging es auch gesundheitlich nicht sehr gut. Aus dem damals sehr sportlichen 80 Kilogramm schweren Handballer war ein 135 Kilogramm schwergewichtiger Geschäftsmann geworden.

„Ich bin zwei Mal umgekippt.“ (Ulrich Backeshoff)

Damals wäre Ulrich Backeshoff fast gestorben. Der Grund für das Übergewicht war der pausenlose Einsatz. Er hatte einen 18-Stunden-Arbeitstag, und dabei wurde ununterbrochen gegessen. „Ein guter Freund, seines Zeichens Orthopäde und Olympiastützpunktarzt, hat mich vor rund 24 Jahren geschnappt und geschüttelt“, berichtet Ulrich Backeshoff. „Er hat mir ins Gewissen geredet und meinte, dass er mit mir nicht mehr redet, wenn ich meinen Lebensstil nicht endlich ändere.“ Dem Wachrütteln folgte eine genaue Anweisung, wie man

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erfolgreich abnimmt. Eine simple Methode, die erstaunlicherweise bei vielen Menschen funktioniert, was Ulrich Backeshoff bestätigen kann. Im Grund braucht man gar nichts zu ändern. Das klingt schon einmal sehr einfach, aber auch zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich sollte er morgens vor dem Frühstück lediglich eine Flasche Wasser trinken. Insgesamt drei bis vier Flaschen am Tag. Ulrich Backeshoff hielt sich an die Anweisung und schon bald purzelten die Pfunde und Kilos. Nach ein paar Monaten wog er nur noch 105 Kilogramm. Er spielte wieder Tennis, weil mit dem Abnehmen auch seine Bewegungsfreude zurückkam. Das große Ziel heißt inzwischen, die 90 Kilogramm beständig zu halten. „Heute morgen habe ich zum ersten Mal 89,9 Kilo auf die Waage gebracht“, erwähnt Ulrich Backeshoff stolz. Aber bei einer Größe von 1,80 Meter wird es ein ständiger Kampf sein. Ulrich Backeshoff entschied sich also damals auch aus gesundheitlichen Gründen, die Firma BAX zu verkaufen. Aber nicht an den Meistbietenden, worauf er sehr stolz ist. Den Zuschlag bekam ein holländischer Konzern, der eine bankverbürgte Arbeitsgarantie für zwei Drittel der Mitarbeiter gegeben hatte. Es handelte sich insgesamt um 500 Mitarbeiter. Das war der Chef seiner Meinung nach den Angestellten schuldig. Mindestens 300 Mitarbeiter waren zehn Jahre lang BAX treu geblieben. Anfangs gab es so gut wie keine Fluktuation. „Die Mitarbeiter sind für mich durchs Feuer gegangen und ich für sie“, versichert Ulrich Backeshoff.

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Man sollte meinen, dass ein Geschäftsmann dieser Gesinnung sich auch in einer politischen Partei engagiert. Bei Ulrich Backeshoff war das nicht der Fall. Oder besser gesagt, nicht mehr der Fall.

„Ich bin rot groß geworden. Alle in meiner Familie waren rot, außer meinem ältesten Bruder, der war der erste Schwarze.“ (Ulrich Backeshoff)

Mit 25 Jahren ist Ulrich Backeshoff aus der SPD ausgetreten. Dabei hätte er Karriere machen können, denn die Parteigenossen wollten ihn sehr schnell zum Delegierten berufen. „In meiner Denke bin ich von Tag zu Tag schwärzer geworden“, gesteht Ulrich Backeshoff. Damals verspürte er noch die Lust, politisch mitzugestalten. Beispielsweise als in München Nord 100 Jahre Rot gefeiert wurde. Ulrich Backeshoff sah das als eine Herausforderung an, zur Abwechslung mal der CSU zu einem Wahlsieg nach 100 Jahren SPD zu verhelfen. Auch mit seiner Unterstützung hat Gerold Tandler von der CSU, der u.a. spätere Minister für Wirtschaft und Verkehr, mit ganz wenigen Stimmen Vorsprung tatsächlich gewonnen. Eine Sensation. Das große Geheimnis war ein simpler Rat, den Ulrich Backeshoff dem katholischen Pfarrer gab. Er sollte nicht nur von

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der Kanzel herab predigen, sondern an den Stammtischen des Vereins TSV Milbertshofen. Damals gab es noch kein Bürgerhaus. Doch der Pfarrer meinte, dass Kardinal Ratzinger das nicht empfohlen hätte. Backeshoff blieb hartnäckig: „Zum Glück hat der Pfarrer doch noch eingesehen, dass man so mehr bewirken kann, als wenn man immer nur von der Kanzel aus gegen die Roten antritt.“ Das Nachsehen hatte damals Franz Maget, ein Duzfreund von Ulrich Backeshoff und bayerischer Landtagsabgeordneter der SPD. Obwohl er ihm mehrmals seine Sporthalle für politische Veranstaltungen anbot, lehnte Franz beharrlich dankend ab. „Ich habe dann noch ein paar Mal nachgefragt“, erzählt Ulrich Backeshoff. „Aber irgendwann waren alle Termine vergeben.“ Im Jahr 1986 wurde also nicht mehr die SPD gewählt, als am 12. Oktober Franz Maget im Stimmkreis München-Milbertshofen für den Bayerischen Landtag kandidierte. Er unterlag dem damaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden Gerold Tandler. Vier Jahre später sollte sich das Blatt wieder wenden. 1990 konnte Franz Maget das Direktmandat erlangen. In den folgenden Jahren, bei den Landtagswahlen 1994 und 1998, verteidigte Franz Maget seinen Stimmkreis wieder erfolgreich gegen die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier (CSU). Sie war eine Bekannte von Ulrich Backeshoff. Im Grunde wollte Ulrich Backeshoff nur einen Wechsel in der Politik bewirken. Er fragte sich, was man tun kann, um nach 100 Jahren SPD-regiertem Landkreis mal eine andere Partei ans Ruder

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kommen zu lassen. Das würde er heute immer noch für eine Partei tun, wenn sie nicht links oder rechts außen steht. Einfach die politischen Verhältnisse ändern. Ulrich Backeshoff sah das alles eher sportlich als politisch.

„Die Frage ist immer, was man tun muss, um sein Ziel zu erreichen.“ (Ulrich Backeshoff)

Politisch ist Ulrich Backeshoff inzwischen gar nicht mehr so festgelegt. Heute könnte er sich sogar vorstellen, die Grünen zu wählen. Damals war Ulrich Backeshoff schon Vereinspräsident und musste eigentlich neutral sein. Das war er auch, bis auf ein paar Ausnahmen. Politische Arbeit im weitestgehenden Sinne hat Ulrich Backeshoff dann noch einmal viele Jahre später mit Hans Moser betrieben. Ihn hatte er wie so viele über den Handballsport kennengelernt. Hans Moser ist ein rumäniendeutscher ehemaliger Handballspieler und Handballtrainer. Als Spieler wurde der 1,92 Meter lange Moser zweimal Weltmeister. Eine interessante Persönlichkeit, die viele Menschen begeisterte. Sein Konterfei zierte eine Briefmarke und seine Fans konnten sogar Moser-Statuen kaufen. Hans Moser gab der ehemaligen persischen Kaiserin Soraya Tennisunterricht und arbeitete während seiner Trainertätigkeit in Deutschland

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hauptberuflich als Lehrer. Ulrich Backeshoff und Hans Moser hatten viele Jahre lang enge Berührungspunkte über den Sport. 1996 kehrte Hans Moser nach Rumänien zurück und wollte noch einmal einer ganz neuen Tätigkeit nachgehen. Um diese Idee zu verwirklichen, sprach er Ulrich Backeshoff an. Es ging um eine von der EU unterstützte wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Rumänien und Deutschland. Politisches und wirtschaftliches Ziel war es, den Mittelstand in Rumänien zu erhalten. Moser und Backeshoff wollten einen Verein unterstützen, der entsprechende Aktivitäten koordinierte. Ulrich Backeshoff hatte gerade den Crash mit seinen Bierbrauereien hinter sich gebracht. Also Zeit für einen Neuanfang. Er beschloss, zusammen mit Hans Moser eine Reise durch Rumänien zu unternehmen, die dann fast fünf Jahre gedauert hat. Damals brauchte man noch ein Visum. Ulrich Backeshoff fuhr von München mit einem VW Passat Allrad los. Auf dem Dachcontainer transportierte er schon einmal dringend benötigte Sachen für die arme Bevölkerung in Rumänien.

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Die beiden Geschäftsmänner besuchten zunächst Städte wie Baia Mare oder Satu Mare in Rumänien.

„Es ist viel einfacher, Geschäfte im Umland zu machen als in den Großstädten. Das ist in jedem Land der Welt so.“ (Ulrich Backeshoff)

Hilfreich war auch, dass Handball in Rumänien eine große Rolle gespielt hat und Hans Moser bekannt war wie ein bunter Hund. Das gab einen Vertrauensvorsprung. Ulrich Backeshoff erzählt, dass in den kleinen Dörfern die Menschen im Winter oft bis zu vier Monate eingeschneit waren. Es gab nur Schotterstraßen, die nicht geräumt wurden. In den langen, dunklen und kalten Monaten haben sich die Leute daheim gelangweilt. Ulrich Backeshoff gab ihnen Heimarbeit, mit der sie sich ein bisschen Geld verdienen konnten. Er ließ die Frauen Ostereier bemalen. Das ist in Rumänien seit Jahrhunderten ein traditionelles Kunsthandwerk. Es werden nur große ausgeblasene Enteneier verwendet. Amerikanische Touristen waren schon immer ganz verrückt nach diesen kunstvoll bemalten Eiern. In Deutschland konnte er die Ostereier über die Goldschmiede vertreiben, die sie gerne an ihre guten Kunden verschenkten. Die Adressen der Goldschmiede bekam Ulrich Backeshoff von seiner Tochter. Auch die Nobelkauf-

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häuser, beispielsweise in Starnberg, waren an diesen Kostbarkeiten interessiert. Die Arbeitszeit für das Bemalen eines Enteneis lag bei eineinhalb Tagen für eine ungeübte Frau. Routinierte Damen brauchen immerhin noch sechs bis acht Stunden. Ulrich Backeshoff lernte in Rumänien einen Professor kennen, der dieses Kunsthandwerk lehrte, um es zu erhalten. In diesem Fall ging es also nicht so sehr um den Erhalt des Mittelstandes, sondern um ein Kulturgut. Ulrich Backeshoff und Hans Moser initiierten vorwiegend Geschäfte, die den Handwerksbetrieben zugutekamen. So erfuhren sie beispielsweise von einer vielversprechenden Erfindung eines Obermeisters der Schreinerinnung Fürstenfeldbruck. Es handelte sich um ein Kinderbett, das im Laufe der Jahre an die Größe und die Bedürfnisse des Kindes angepasst werden konnte. Das clevere Patent zeichnete sich dadurch aus, dass dieses Bett so umgebaut werden konnte, dass man später ein ganz normales Bett für einen Jugendlichen hatte. Mit dieser Idee traten die beiden Geschäftsmänner beim Babyausstatter Babywalz auf und konnten ihm 10.000 Exemplare dieser Betten verkaufen. Mit dem Bau wurden zwei rumänische Firmen beauftragt. Der Erfinder des Bettes kam persönlich nach Rumänien, um mit den Handwerkern zu sprechen. Doch die ersten Betten waren qualitativ nicht zufriedenstellend. Wenn man mit der Hand über die Stäbe fuhr, hatte man Splitter in den Fingern. Ulrich Backeshoff ist zu einer der Firmen gefahren, um sich die Qualitätskontrolle vor Ort anzusehen. Der

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erste Eindruck der Firma war nicht sehr positiv. Es fing schon damit an, dass es keinen befestigten Vorplatz gab, der einen vernünftigen Transport zu jeder Jahreszeit garantiert hätte. Die Ausstattung der Betriebe galt in Rumänien insgesamt als nicht sehr hochwertig. Aber Ulrich Backeshoff versuchte dem Unternehmen so gut es ging zu helfen. Dabei hatte er wie immer seine ganz eigene Methode. Er bat den obersten Chef, die Qualitätskontrolle höchstpersönlich durchzuführen. Der Kaufmann weigerte sich zunächst, weil das nicht zu seinen Aufgaben zählte. Aber Ulrich Backeshoff machte davon die Abnahme der Betten abhängig. Dem rumänischen Chef blieb nichts anderes übrig, als die Betten in Augenschein zu nehmen und ihre Qualität mit eigenen Händen zu prüfen. Das Resultat waren aufgeschürfte Finger.

„Man muss auch manchmal den Chefs zeigen, dass sie eine Verantwortung haben.“ (Ulrich Backeshoff)

Immerhin sollten Babys in diesen Betten schlafen. Ganz abgesehen davon, dass die Firma Babywalz diese schlecht gearbeiteten Produkte nicht abgenommen hätte. Ulrich Backeshoff wollte nur einwandfreie Möbel abliefern und hat dafür gesorgt, dass diese Kinderbetten dann sogar ein TÜV-Zertifikat bekamen.

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Ein gutes Geschäft ließ sich auch mit Metallprodukten für den Gartenbau machen, die in Rumänien angefertigt wurden. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Textilien. Rumänien hat eine lange Tradition in der Herstellung von Textilien. Die Rohstoffe werden im eigenen Land angebaut. Durch die lange Erfahrung der Industrie und des Handwerks im Textilbereich konnte Ulrich Backeshoff hier auch eine erstklassige Produktqualität erwarten. Inzwischen gelten auch in Rumänien die strengen EU-Qualitätsrichtlinien. Der Geschäftsmann erkannte schon damals, dass sich durch die niedrigen Produktionskosten der Handel mit den rumänischen Bekleidungsherstellern lohnte. Vielleicht ist Ulrich Backeshoff zu verdanken, dass Rumänien beim Warenaustausch der Textil- und Bekleidungsindustrie mit anderen europäischen Ländern an zweiter Stelle steht.

„Mir hat es Spaß gemacht, den Leuten zu zeigen, wie man Geld verdient.“ (Ulrich Backeshoff)

In Rumänien lernte der Geschäftsmann Ulrich Backeshoff viele interessante Menschen kennen. Doch die Arbeitsmoral war leider nicht sehr gut. Wenn der Arbeitstag um 8 Uhr beginnen sollte, dann kamen die ersten Arbeiter so gegen 8 : 30 oder 9 Uhr.

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Natürlich ließ sich Ulrich Backeshoff auch für dieses Problem eine trickreiche Lösung einfallen. „Ich habe die Arbeiter um 7 Uhr zum Frühstück eingeladen“, erzählt er lächelnd. „Plötzlich waren sie alle überpünktlich.“ Auch die Glasbläserei blickte in Rumänien auf eine lange Tradition zurück. Es gibt dort viele Glashütten von deutschen Auswanderern, die sich bereits vor 200 Jahren in Rumänien angesiedelt haben. Sie produzierten für Ulrich Backeshoff Produkte aus Steingut und Porzellan für den Import nach Deutschland. Später reiste Ulrich Backeshoff in den Südwesten von Rumänien, an die serbische Grenze. Er hatte gehört, dass es in Osteuropa und speziell in Rumänien viele gut ausgebildete und hochqualifizierte IT-Spezialisten gab. Die meisten von ihnen lebten in Timisoara, der zweitgrößten Stadt im Westen des Landes. Hier befindet sich das historische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Banats. Eine Stadt, die schon vor zehn Jahren keine Arbeitslosigkeit kannte, weil sich dort unter anderem eine Softwareentwicklung etabliert hatte. Das Outsourcing in der Softwareentwicklung geschieht auch in diesem Fall aus Kostengründen. Hier fiel Ulrich Backeshoff ganz besonders stark auf, dass die Rumänen teilweise noch mittelalterlich lebten, andererseits in der Neuzeit angekommen waren. Ein Spagat, der durchaus interessante Beobachtungen bot. Die wunderschönen alten Pferdefuhrwerke, die über das Kopfsteinpflaster der Dörfer klapperten, vorbei an

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so manchem Internetcafé, für das sich die jungen Menschen interessierten. Ein wunderschönes Land und letztendlich hat Ulrich Backeshoff auch mit den Leuten gut zusammengearbeitet. Bukarest, die Hauptstadt von Rumänen, hat Ulrich Backeshoff in dieser Zeit nicht bereist. Er kannte sie aber von einem Handballspiel. Wie so oft gibt es also auch hier wieder eine Verbindung zum Sport, der lange Zeit sein Leben bestimmte. Es war eine kuriose sportliche Begegnung, denn damals spielte er nicht gegen eine rumänische Mannschaft, sondern gegen eine jugoslawische. Eigentlich sollte das Spiel in Belgrad ausgetragen werden, aber dort herrschte Erdbebengefahr. Das Risiko wollte keiner auf sich nehmen. „Natürlich haben wir in Bukarest gewonnen“, erinnert sich Ulrich Backeshoff. „Es ist viel leichter, in einem neutralen Land zu gewinnen als in der Heimat der gegnerischen Mannschaft.“ Nach dem Sieg in Belgrad ist Milbertshofen später Pokalsieger geworden. Die lange Reise durch Rumänien war auch immer mit schönen Tagen verbunden, in denen sich Ulrich Backeshoff wie im Urlaub vorkam. Beispielsweise in einem so herrlichen Kurort wie Ocna Sugatag, der für seine Salzsohle bekannt ist. Hier enthält das Wasser mehr Salz als im Toten Meer. Ein beliebtes Ziel für hohe Politiker aus dem Ostblock, die im Heilwasser ihre Hautkrankheiten behandeln ließen. Ulrich Backeshoff fiel natürlich auch auf, dass es in Rumänien viel mehr Frauen als Männer gab. Mehrere Millionen Rumänen

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hatten ihr Land verlassen und arbeiteten in europäischen Nachbarländern. Ein Großteil von ihnen in Deutschland, Italien und Spanien. In Rumänien traf Ulrich Backeshoff bei seinen Geschäftsreisen auch eine Bekannte, die deutsche Gräfin von Moltke, wieder. Die ehemalige Handball-Nationalspielerin hatte dort eine PumaVertretung. Vor allen Dingen kümmerte sich die Gräfin aber aufopfernd um rumänische Waisenkinder. Für die Ärmsten der Armen besorgte sie alles Notwendige, von Bekleidung bis hin zu Transportautos. Nach ein paar Jahren hat Ulrich Backeshoff seine Tätigkeit in Rumänien aufgegeben. Schuld daran war wieder einmal eine menschliche Enttäuschung.

„Es ging um ein großes Geschäft für die Paulaner Brauerei, bei der die rumänischen Firmen am falschen Ende gespart haben.“ (Ulrich Backeshoff)

Ulrich Backeshoff hatte von der Paulaner Brauerei einen Auftrag für die Lieferung von Biergarnituren bekommen. Es ging um hunderte von Biertischen und -bänken für die Neuausstattung des „Paulaner am Nockherberg“. Doch die Rumänen haben zu wenig Holz für die Tische und Bänke verarbeitet. Als die Politiker bei einer Faschingsveranstaltung

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auf den Tischen tanzten, sind diese unter der Belastung zusammengebrochen. Paulaner hat zu Recht nicht bezahlt, wie Ulrich Backeshoff zugibt: „Von mir haben die Rumänen dann auch kein Geld gesehen. Das hat mir den Spaß verdorben.“ Manchmal war auch der gestandene Geschäftsmann einfach zu gutgläubig. Er hätte die Qualität auf Dauer prüfen müssen. Nicht nur die ersten Ladungen. Er war jedoch der Meinung, dass man sich aufeinander verlassen muss, wenn die Qualität einmal abgenommen wurde. Das war nicht der Fall. Nach diesem Reinfall stellte er die Geschäfte in Rumänien ein und übertrug seinen geschäftlichen Teil an Richard Moser, den Sohn von Hans Moser aus erster Ehe. „Aber ein wunderschönes Land, das man sich einfach anschauen muss“, schwärmt Ulrich Backeshoff. Er hat ein Faible für schöne Landschaften. Darum kaufte er auch mit seiner ersten Frau ein wunderschönes Haus in Marbella, im Süden Spaniens. Leider hatte er nie viel Zeit, um dieses Haus zu genießen. Ein Paradies auf dem Breitengrad von Afrika. Marbella ist eine schöne alte Stadt fast ohne Hochhäuser. Das Haus der Familie Backeshoff liegt in einer ruhigen Straße in der zweiten Reihe zum Meer. „Dort ist man ein bisschen besser geschützt vor Wind, Feuchtigkeit und Lärm“, erklärt Ulrich Backeshoff. „Gelegentlich kommt auch ein bisschen Saharasand rübergeweht.“ Seine erste Frau Sonja hat das Ferienhaus der Familie

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mit viel Liebe eingerichtet und sich all die Jahre exzellent um alles gekümmert. Gastfreundschaft wurde bei Familie Backeshoff immer großgeschrieben, und so haben dort auch schon viele Menschen angenehme Tage verbracht. Tochter Alexandra Backeshoff hat in den Ferien auch gerne ihre beste Schulfreundin Steffi und deren Schwester nach Marbella eingeladen. Leider ist ihre Freundin bei einem tragischen Autounfall tödlich verunglückt. Alexandra und sie waren mehr als 15 Jahre befreundet. Solche Schicksalsschläge treffen Ulrich Backeshoff bis ins Mark. Es gab in seinem Leben als Arbeitgeber auch einen Angestellten in der Firma BAX, der einen tödlichen Autounfall hatte. Er hieß Rudolf Tretter und hatte 500.000,- DM im Lotto gewonnen. Leider litt er unter Alkoholsucht. Eines Tages hat Ulrich Backeshoff ihn als Chef und Freund zur Seite genommen und ihm klargemacht, dass er so nicht weiterarbeiten kann. Rudolf Tretter half damals beim Innenausbau der Büros. „Ich habe ihm Folgendes gesagt“, erinnert sich Ulrich Backeshoff noch ganz genau. „Wenn du ein Jahr trocken bleibst, dann stelle ich dich wieder ein.“ Geld hatte Tretter ja genug, um das Jahr finanziell gut zu überstehen. Rudolf Tretter schaffte den Entzug und Ulrich Backeshoff hielt Wort. Er stellte ihn prompt wieder ein. Aber dann haben ihn ein paar Techniker aus der Firma mit auf einen Saufzug genommen. Anschließend ist Rudi Tretter mit seinem neuen BMW tödlich

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verunglückt. Ulrich Backeshoff war geschockt und hat die Leute fristlos entlassen, die Rudolf Tretter wohl wissend zum Trinken animiert hatten. Danach hielt der Chef seine erste Grabrede, die für ihn eine Herausforderung der ganz anderen Art war. Er kämpfte mit den Tränen. Von da an versuchte er Tretters Freundin einen neuen Start ins Leben zu ermöglichen. Trotz des Lottogewinns muss Rudi Tretter sehr bescheiden gelebt haben. Seiner Freundin, einem Mädchen aus dem Allgäu, hatte er damals ein Fahrrad geschenkt. Die Erben wollten dann dem Mädchen das Fahrrad wieder wegnehmen. Ulrich Backeshoff war empört. Um der jungen Frau zu helfen, hat er ihr noch drei Monate lang das Gehalt ihres Freundes ausgezahlt. So konnte sie erst einmal wieder Fuß fassen. Rudi Tretter ist damals nur 32 Jahre alt geworden. Leider musste Ulrich Backeshoff im letzten Jahr auch seine beste Freundin aus der Schulzeit beerdigen. Bei solchen Schicksalsschlägen macht er sich Gedanken über den Sinn des Lebens. Seine Schulfreundin ist mit 64 Jahren gestorben. Dagegen ist es ein hehres Ziel, wenn man so wie Ulrich Backeshoff 100 Jahre alt werden will. Ein Sinn im Leben von Ulrich Backeshoff ist definitiv, anderen Menschen zu helfen. Nicht nur im Beruflichen. Helfen kann er auch im engsten Kreis. So erzählt Ulrich Backeshoff von seiner Haushälterin, die Legasthenikerin ist. Dennoch hat sie eine staatlich anerkannte Ausbildung zur Tagesmutter absolviert. Da wird heute einiges von den Kandidatinnen verlangt, wie Ulrich Backeshoff sich

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von ihr erzählen ließ. Aber wenn er sie bittet, den Einkaufszettel zu schreiben, dann streikt die junge Dame in der Überzeugung, dass sie das als Legasthenikerin nicht kann. „Das interessiert mich doch gar nicht, dass Sie Legasthenikerin sind“, erwiderte Ulrich Backeshoff auf ihr Zögern. „Sie können die Verpackung nehmen und abschreiben.“ Eine geniale, wenn auch simple Idee, auf die seine Haushälterin noch nicht gekommen war. Ulrich Backeshoff gab ihr zu verstehen, dass sie sich überhaupt nicht schämen muss. Ihre Arbeit machte sie besser als viele andere. Diese Kleinigkeit würde sie auch noch in den Griff bekommen. Dass es sich bei ihrer Schreibschwäche um eine anerkannte Krankheit handelt, ließ ihr Chef nicht gelten. Auf einmal konnte sie schreiben. Seit Wochen verbessert sie nun mit viel Freude seine Einkaufslisten. Wenn jemand seinen Job gut macht, dann würde sich Ulrich Backeshoff niemals einmischen. Aber es gibt bei jedem Menschen Defizite, bei denen er helfen kann, und das tut er dann auch.

„Wenn wir einzeln arbeiten, sind wir nur halb so gut. Wenn wir uns zusammentun, dann sind wir immer besser.“ (Ulrich Backeshoff)

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Vielleicht war es Schicksal, dass Ulrich Backeshoff nach seinen Reisen durch Rumänien mit einem Unternehmen zusammenkam, das so dachte wie er. Und das kam so: Vor über zehn Jahren rief ihn der Vorstand einer Bank an, um von ihm Auskünfte über eine Firma namens Conworks zu bekommen. Doch Ulrich Backeshoff kannte dieses Unternehmen lediglich über ihre Stellenangebote in der Zeitung. Da er sich der Bank ein wenig verpflichtet fühlte, bot er an, sich bei Conworks zu bewerben. Doch dann kam alles ganz anders. Statt Mitglied wurde er in kürzester Zeit Coach der Ursprungsinitiatoren. Ursprung des Netzwerkes Conworks war die Idee eines ehemaligen Siemens-Managers. Er wollte eine Unternehmensberatung gründen, die den deutschen Mittelstand berät. Also eine Unterstützung für die unteren Märkte, die bei den klassisch aufgestellten Unternehmensberatungen durchs Raster fallen, weil sie sich diese Beratung nicht leisten können. Roland Berger & Co. kümmern sich nicht um die kleinen Betriebe. Besagter Siemensianer entwickelte damals eine Software, die man bei mittelständischen Betrieben anwenden konnte. Sie war gleichzeitig für die kleinen Betriebe noch bezahlbar. Dieses Vorhaben weckte das Interesse von Ulrich Backeshoff. Es entsprach ganz seiner Vorstellung von einer starken Gemeinschaft. Conworks beschäftigte Unternehmensberater, die aus den jeweiligen Branchen kamen und so ihr Know-how bündelten. Doch dann gab es gleich ein Problem mit dem Firmennamen.

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Als der Vorstand den Firmennamen Conworks bei der IHK München eintragen lassen wollte, stellte sich heraus, dass es ein medizinisches Unternehmen gleichen Namens gab, das schon ältere Rechte besaß. Die Gründer hatten schlicht versäumt, den Namen vorher prüfen zu lassen. Ulrich Backeshoff nahm Verbindung zu einem renommierten Rechtsanwalt namens Dr. Schäuble auf. Er sollte ermöglichen, dass die Firma den Namen Conworks für die nächsten drei Jahre weiterführen darf. Es wäre fatal gewesen, wenn man den Namen hätte wechseln müssen. So wurde unter dem Firmennamen Conworks eine GmbH mit Ulrich Backeshoff und verschiedenen Mitarbeitern gegründet, die er noch aus früheren Zeiten kannte. Es gab einen Aufschwung bei Conworks, aber die Betreuung der gewonnenen Partner entsprach nicht der Qualität, die sich Ulrich Backeshoff vorgestellt hatte. Das, was die Siemensianer damals am grünen Schreibtisch entwickelt haben, wird noch heute bis zu 50 Prozent von Ulrich Backeshoff genutzt, aber die strategische Umsetzung war damals aus seiner Sicht eine Katastrophe.

„Ich habe den Leuten über mehrere Jahre beigebracht, wie man das Konzept bundesweit strategisch umsetzt.“ (Ulrich Backeshoff)

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Das war seine Stärke. Leider zogen nicht alle am gleichen Strang. „Der Hauptinitiator meinte damals, er müsste jetzt auch mal an sich denken“, erinnert sich Ulrich Backeshoff. „Dieser Mann hatte zwei Familien zu versorgen, und die standen an erster Stelle.“ Das konnte Ulrich Backeshoff im Geschäftsleben nicht akzeptieren. Er gab dem Partner drei Tage Bedenkzeit, um eine unternehmerische Entscheidung zu treffen. Jeweils einen Tag für den Juristen, den Steuerberater und den Pfarrer. Wenn er dann immer noch der Meinung wäre, dass das die gebotene Reihenfolge beim Geldverdienen ist, dann wollte Ulrich Backeshoff nicht mehr als Berater zur Verfügung stehen. Nach drei Tagen kam sein Kollege mit einer Begleitung zu Ulrich Backeshoff und meinte, dass er wahrscheinlich Recht habe, aber er könnte sein Verhalten nicht ändern. Das Ergebnis war eine gemeinsame Bestandsaufnahme der Firma, die Ulrich Backeshoff dann kurzerhand übernahm und den Partner auszahlte. Zum Glück hatte sich Ulrich Backeshoff schon seit Jahren die Rechte an dem kurzen Namen „abos“ gesichert, so dass man die Firma dann Abos Conworks taufte. Damit war der Name rechtlich nicht mehr angreifbar. Zur Sicherheit hat man auch noch eine Akademie gegründet, bei der man notfalls eher den Namen hätte wechseln können. Aber die gleichnamige Firma Conworks hat sich nie wieder gemeldet. Die Gründung von Abos Conworks hat dazu geführt, dass ausgewählte Partner von Conworks 2006 zu Abos Conworks über-

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gewechselt sind. Von 100 Partnern bei Conworks sind 30 zu Abos Conworks gegangen. Heute zählt Abos Conworks fast 100 Partner, über 10 Prozent davon sind Aktionäre. Die Aktien sind so verteilt, dass Ulrich Backeshoff über 50 Prozent hält. Das soll in den nächsten Jahren dahingehend verändert werden, dass die meisten Aktien an Partner abgegeben werden, damit es möglichst viele kleine Beteiligungen gibt. Die Arbeit der Unternehmensberater bei Abos Conworks sieht so aus, dass die Mitarbeiter sich grundsätzlich nicht um das jeweilige Fachthema kümmern, weil sie glauben, dass die Firmeninhaber davon mehr verstehen. Abos Conworks bewertet die vier Bereiche Unternehmensführung, Ressourcen (Mensch und Maschine), Finanzen/Rating und Vertrieb/Marketing. Das nennen sie Kernzelle.

„Wir können nicht alles, aber vieles besser.“ (Ulrich Backeshoff)

Ein Leitspruch, den Ulrich Backeshoff bei allen seinen Firmen angewandt hat. Eingefallen ist er ihm eines Morgens in einem Hotelbett. 1978 hat er den Slogan zum ersten Mal bei einem Messeauftritt auf einer 30 Meter langen Wand präsentiert. Die Partner von Abos Conworks sollten in einem der vier genannten Bereiche absolut fit sein, in einem zweiten Grundkennt-

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nisse haben und in einem dritten Lernbereitschaft mitbringen. Der vierte Bereich ist dann zu vernachlässigen. Hier kann das Netzwerk behilflich sein. Ulrich Backeshoff hat aus Überzeugung ausschließlich arbeitsuchende Menschen eingestellt. Er sieht darin das größte Potential. Oft sind es Männer und Frauen, die ein hartes Schicksal hatten und nach einer neuen Chance im Leben suchen. Menschen wie ein Kollege, der bei der Arbeitsagentur in Frankfurt 100 Existenzgründungen begleitet hat und jetzt seine hochkarätigen Erfahrungen bei Abos Conworks einbringt. Es sind aber auch einfache Menschen wie eine Buchhalterin, die aus dem Osten stammt und dort kein schönes Leben gehabt hat, weil ihr Sohn verstarb. Als Ulrich Backeshoff sie einstellte, war sie nicht nur überglücklich, sondern auch sehr dankbar. Er meint, dass er sie manchmal nach Hause schicken muss, weil sie kein Ende findet. Dann droht er schon mal damit, dass er sie abmahnt, wenn sie nicht augenblicklich Feierabend macht. Diese Frau kämpft für die Firma im Bereich der Festangestellten in der Verwaltung. Ulrich Backeshoff sagt, dass seine Mitarbeiter sich auch gerne mit besonderen Anliegen an ihn wenden dürfen. Kleine und große Gefälligkeiten sind für ihn selbstverständlich. Zum Beispiel eine Reise nach Sri Lanka, um für die Sekretärin die örtlichen Gegebenheiten zu erkunden. Die hatte sich nämlich in einen Singhalesen verliebt. Die Hochzeit sollte in Sri Lanka stattfinden und Ulrich Backeshoff gehört zur Vorhut, die alles in Augenschein nehmen

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sollte. Er war beeindruckt von ihrem überaus intelligenten singhalesischen Freund, der perfekt deutsch sprechen konnte und in sehr ordentlichen Verhältnissen lebte. Ein Jahr später haben die beiden geheiratet. In dem einzigen Ort, der damals nicht vom Tsunami betroffen war. Dennoch wäre Ulrich Backeshoff beinahe in Sri Lanka ertrunken. Er ist damals an einer Stelle im Meer schwimmen gegangen, an der sich sonst niemand aufhielt. Aber es gab auch keine Warnschilder. Plötzlich geriet der an sich gute Schwimmer in eine Strömung, gegen die er nicht mehr ankam.

„Ich habe mir gedacht, bevor du stirbst, kannst du ja noch mal um Hilfe rufen.“ (Ulrich Backeshoff)

Zum Glück stand der Wind günstig und sein Hilferuf wurde von den Rettungsschwimmern gehört. Die durchtrainierten Jungs kamen innerhalb von wenigen Minuten mit ihren Brettern, wie bei Baywatch. Es waren sechs oder sieben Männer, die verzweifelt versuchten, den inzwischen erschöpften Schwimmer zu retten. Aber auch sie kamen nicht gegen die Strömung an, die sich zwischen ihnen und Ulrich Backeshoff wie eine Walze drehte. Ulrich Backeshoff hatte selbst schon vergeblich versucht, die Strömung zu

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umschwimmen. Einer der Rettungsschwimmer hat dann einen sehr großen Bogen um die Walze gemacht und gelangte so auf die andere Seite. Irgendwie schafften es dann die anderen Rettungsschwimmer, Ulrich Backeshoff und seinen Retter auf dem Rettungsbrett über die Strömung hinüberzuziehen. Ulrich Backeshoff hatte zwei Stunden um sein Leben gekämpft. Das Drama spielte sich ein paar Tage vor der Hochzeit ab. Ulrich Backeshoff war seinen Rettern sehr dankbar und hat ihnen, wie es so seine Art ist, noch ein paar Jahre finanziell geholfen. Er bedauert, dass die Verbindung dann irgendwann einmal abgebrochen ist. Ulrich Backeshoff ist stets bemüht, Menschen zu helfen und sie zu unterstützen. Seinen Mitarbeitern bei Abos Conworks versucht er größtmögliches Verständnis entgegenzubringen. So berichtet er auch von einer Assistentin, die bei ihm kündigte, um zu einer anderen Firma zu wechseln. Ulrich Backeshoff hat ihr keine Steine in den Weg gelegt und sie problemlos gehen lassen. Er war nicht sauer oder beleidigt. Ganz im Gegenteil. Er bot ihr an, dass sie jederzeit wiederkommen könnte, weil er große Stücke auf sie hielt. Eine Gehaltserhöhung wurde ihr nicht angeboten, denn sie hat glaubwürdig erklärt, dass sie immer mit sich hadern würde, wenn sie das neue Angebot nicht annimmt. Doch der neue Job war nicht sehr zufriedenstellend, und so fragte sie nach kurzer Zeit an, ob ihr damaliger Chef sie tatsächlich wieder einstellen würde. „Ich habe Ja gesagt“, meint Ulrich Backeshoff selbstverständlich. „Das habe ich versprochen.“ Bereut

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hat er es nicht, denn die junge Frau ist ihm trotz ihrer 23 Jahre eine große Hilfe. Aus einer zu Beginn zurückhaltenden Frau ist eine sehr gute Assistentin geworden. „Wenn man sich selber korrekt verhält, kann man aus den Menschen viel rausholen“, behauptet Ulrich Backeshoff. „Man muss nur den anderen respektieren. Das ist bei Abos Conworks und seinen 150 Mitarbeitern nicht immer einfach. Jeder von ihnen ist ein Individualist. So viele selbstständige Menschen zu verbinden, das ist viel schwieriger, als 800 Leute in einer Firma zu führen.“ Ulrich Backeshoff spricht auch von Mitarbeitern, die regelmäßig im Jahr 80.000 Euro und mehr verdienen, aber es nicht fertigbringen, einen Telefonhörer in die Hand zu nehmen, um Kunden anzurufen. Ein Fall für Ulrich Backeshoff, der davon überzeugt ist, dass man fast alles lernen kann. Seine Methoden sind meist sehr einfach. Manchmal bittet er die Menschen, sich seine Tipps einfach nur aufzuschreiben und stur danach vorzugehen. Viele sind sehr erstaunt und können sich gar nicht vorstellen, dass ihnen so einfach geholfen werden kann. Aber Ulrich Backeshoff entwickelt eine Strategie, die bei mehr als 75 Prozent der Menschen funktioniert. Das, was Abos Conworks heute vorweisen kann, das führt Ulrich Backeshoff auch darauf zurück, dass er Eifersüchteleien unterbindet. Da wird auch schon mal von ihm ein Exempel statuiert, um den Leuten zu zeigen, dass es auch anders geht. Ulrich Backeshoff erzählt von einem promovierten Mitarbeiter, der als Referent und Lehrbeauftragter zu Abos Conworks kam.

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Ein sehr fähiger Mann. Doch dann hat er versucht, einem Kollegen einen Auftrag wegzunehmen. Da Fairplay ein wichtiger ethischer Grundsatz des Unternehmens ist, sah sich Ulrich Backeshoff genötigt, hier einzuschreiten und dem Herrn Doktor die Kündigung nahezulegen. Man will nicht unbedingt eine große Familie sein bei Abos Conworks, aber fair miteinander umgehen.

„Ich bin mit allen 150 Mitarbeitern per Sie.“ (Ulrich Backeshoff)

Das Aufnahmeverfahren ist wie so vieles bei Abos Conworks ganz eigen. „Manager, die 30 Jahre bei der Bank waren, müssen akzeptieren, dass wir kein Bewerbungssystem haben, sondern ein Auswahlsystem“, erklärt der Chef Ulrich Backeshoff. „Gestandene Manager, die sich überall bewerben können und mit Kusshand genommen werden, müssen sich hier umstellen. Nicht alle kommen in Frage. Das ist in der letzten Konsequenz nicht objektiv.“ Für die Bewerber nimmt man sich bei Abos Conworks viel Zeit. Meist sind es zwei Tage, die die Firma mit ihren Bewerbern verbringt, um sich auszutauschen und gegenseitig kennenzulernen. Dadurch will man sich auch von Wettbewerbern unterscheiden. Ein Bewerber wollte gerne in den Vorstand aufgenommen werden. Doch Ulrich Backeshoff schlug vor, dass der neue Mann

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erst einmal in den Aufsichtsrat geht und das Unternehmen genau prüft. Wenn er dann noch interessiert wäre, könnte er gerne Vorstand werden. Ein sehr ungewöhnliches Angebot, das dieser Bewerber ganz besonders zu schätzen gewusst hat. In seiner alten Anstellung musste er die Verantwortung für eine Fehlentscheidung übernehmen und den Betrieb verlassen. In der freien Wirtschaft wird den Mitarbeitern ein Fehler nicht so leicht verziehen. Ulrich Backeshoff sucht sich gerne Mitarbeiter, mit denen er gelegentlich auch hart diskutieren kann. Scheinheiligkeit und Schauspielerei sind seiner Ansicht nach kontraproduktiv. Unter dem Dach von Abos Conworks arbeitet eine Reihe von Spezialisten, die einen generalistischen Ansatz entwickeln oder unterstützen. Wenn die Mitarbeiter gut sind, dann kommt es nur noch auf die Zeit an.

„Team bilden, Qualität sichern, dann schneller sein als die anderen.“ (Ulrich Backeshoff)

Den Hauptsitz von Abos Conworks hat Ulrich Backeshoff nach Berlin gelegt. Dort konnte sich Abos Conworks durch einen günstigen Umstand die Vorzeigeadresse in der obersten Etage eines Hotels leisten. Von den Angeboten des Hotelbetriebes profitiert das Unternehmen zusätzlich.

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Ulrich Backeshoff ist stolz auf das, was er mit Abos Conworks in den letzten Jahren erreicht hat. Kein Wunder, dass es bereits die ersten Kaufangebote gibt. 2009 hat das Unternehmen die Zahlen offengelegt und zum ersten Mal Dividenden gezahlt, zehn Prozent aufs Kapital. Das ist auch das Ziel für 2010. Die Aktien werden günstig angeboten, um die Mitarbeiter zu motivieren. Statt 20 Euro (ein Angebot von Dritten) zahlen sie nur 10 Euro, 50 Prozent weniger. Das Paket wird auf eine Million aufgestockt, damit sich die Firma so etablieren kann. In naher Zukunft möchte sich Ulrich Backeshoff aus dem Geschäft zurückziehen. Er hat interessante Leute eingeladen, die sich an der Suche und dem systematischen Aufbau eines Nachfolgers für ihn beteiligen sollen.

„Wir müssen die Nachfolgeregelung unseren Kunden bei Abos Conworks vorleben, wenn wir das als Dienstleistung anbieten.“ (Ulrich Backeshoff)

Der Grund für den langsamen Rückzug aus dem operativen Geschäft ist sicher auch privater Natur. Ulrich Backeshoff berichtet von einer Halbjahrestagung seiner Firma Abos Conworks, die in Kassel stattfand. Der Zufall wollte es, dass auch die Deutsche Telekom in diesem Hotel ein Treffen veranstaltete.

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Bereits am ersten Tag fiel ihm beim Frühstück auf der Terrasse eine Frau auf, die ihn sehr beeindruckte. Leider überschnitten sich die Sitzungen der Telekom mit denen der Firma Abos Conworks, so dass Ulrich Backeshoff kaum die Gelegenheit hatte, diese Frau anzusprechen. Am zweiten Tag waren die Manager der Telekom dann plötzlich abgereist. Ulrich Backeshoff fragte höflich an der Rezeption nach, ob man ihm die Anschrift dieser Dame geben könnte. Das war natürlich nicht möglich. Aber Ulrich Backeshoff ließ sich auch hier wieder etwas einfallen, um das Unmögliche möglich zu machen. Er bat die Rezeption, der beschriebenen jungen Frau einen rein geschäftlichen Brief weiterzuleiten. Das konnte man ihm zusagen. Es vergingen aber noch einige Wochen, bis es tatsächlich zum ersten Kontakt kam. Beide haben sich zum Essen verabredet. Dabei wurde mit offenen Karten gespielt. „Ich war zuletzt unglücklich verheiratet“, erzählt Ulrich Backeshoff, „und sie lebte in einer Fernbeziehung, die auch nicht zufriedenstellend war.“ So hat man sich damals vorsichtig angenähert.

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2006 bekam Ulrich Backeshoff einen Korb von der Frau, in die er sich verliebt hatte. Für viele Verehrer eine herbe Enttäuschung. Nicht für ihn.

„Mit der Absage weckte die schöne Frau mit dem klangvollen Namen Bernadette Veronica Febriyanti meinen sportlichen Ehrgeiz.“ (Ulrich Backeshoff)

Er wollte mehr als nur „Freunde werden“. Er lud sie beharrlich weiter zum Essen ein und genau am 17.02.2007 waren die beiden ein Paar. „Das kann ich mir so gut merken, weil das an ihrem Geburtstag war“, meint Ulrich Backeshoff lächelnd. Am Anfang der Beziehung lebten die beiden abwechselnd in der Berliner Wohnung von Ulrich Backeshoff und ihrer Bonner Wohnung. Dann haben sie sich entschieden, zusammenzuziehen. Ulrich Backeshoff mietete ein Haus an der Stadtgrenze von Bad Godesberg. „In der Zwischenzeit haben wir beide Arbeit großgeschrieben“, erzählt er. „Das tun wir heute noch.“ Doch wann immer ihnen ein bisschen Zeit blieb, haben die beiden Verliebten auf ihren Spaziergängen die wunderbare Umgebung erkundet und sich gegenseitig viel erzählt. So wie das wahrscheinlich viele Pärchen machen, wenn sie sich kennenlernen. Bernadette Veronica Febriyanti stammt aus China. Ihr ungewöhnlicher Nachname

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bedeutet nichts anderes als im Februar geboren. Die Familie ist unter Mao aus China ausgewandert. Sicherlich spielten auch geschäftliche Interessen eine Rolle, als die Großeltern mit ihren Kindern in einen indonesischen Staat flohen. Die Familie galt als sehr gebildet. Bernadette wuchs mit fünf Geschwistern auf, die alle streng katholisch erzogen wurden. Da die Eltern wenig Geld hatten, setzte die Mutter alles daran, ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung mit auf den Weg zu geben. Um in Indonesien zu studieren, müssen die Eltern viel Geld haben. Für alle anderen bleibt nur die Hoffnung auf ein Stipendium. Aber das bekommen nur die Besten. Bernadette Veronica Febriyanti gehörte immer zu den Besten, was sie dem unermüdlichen Einsatz der Mutter zu verdanken hatte. Sie bekam eines der begehrten Studien für BWL. In Indonesien heißt dieser Studiengang Statistik. Nach dem Studium bekam sie eine Anstellung als Bankerin in Singapur. Von dort bewarb sie sich bei Singapur Airlines und wurde gleich genommen. Sie lebte Jahre im Hotel und hat fast alles, was sie verdiente, gespart. Ulrich Backeshoff hatte eine solche Frau noch nie kennengelernt. Die ehrgeizige junge Frau sah sich noch nicht am Ende ihrer Karriereleiter und entschied sich für einen Masterstudiengang, MBA. Nach Sichtung des Globusses fiel ihre Wahl des Studienortes auf Esslingen bei Stuttgart, wie Ulrich Backeshoff lächelnd erzählt. Ihr Ziel war es, eine weitere Sprache zu erlernen. In Esslingen wohnte sie erneut sehr sparsam im Telekom Mädchenheim, um nicht zu viel von ihrem Ersparten auszugeben. Inzwischen ist sie

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seit mehr als zehn Jahren in der Telekom Zentrale im Management. Sie hat dort eine steile Karriere im Finanzbereich gemacht. Die Sparsamkeit ist geblieben, wie Ulrich Backeshoff hautnah erfahren durfte. Bei der Einrichtung des gemeinsamen Hauses zum Beispiel. Das gestaltete sich für ihn schwierig. Für seine Frau auch, denn es war ihre erste eigene Wohnung. Zuletzt hatte sie in einer möblierten Wohnung eines Telekom-Kollegen gewohnt. Die Sparsamkeit seiner chinesischen Lebensgefährtin war ihm neu. „Es gab ausführliche Wortgefechte über jeden Cent hinter dem Komma“, meint Ulrich Backeshoff mit einem Lächeln. Für ihn eine neue Erfahrung. Aber sie wurden sich einig und einmal im Monat sollte es einen besonderen Event geben. Das hat aber leider nur ein paar Mal funktioniert. Beispielsweise gab es einen Besuch beim Starlight Express oder eine Konzertkarte für Tina Turner. Seit drei Jahren gibt es ein dauerhaftes Highlight im Leben des inzwischen verheirateten Paars. Es ist ihre gemeinsame Tochter Shinta.

„Veronica und ich haben den Kinderwunsch diskutiert und diesen Schritt gewagt.“ (Ulrich Backeshoff)

Es klappte gleich beim ersten Anlauf und am 5. August 2008 kam Shinta im Sternzeichen des Löwen zur Welt. Genau

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wie Alexandra Backeshoff, deren Geburtstag der 14.08.1972 ist. Sternzeichen haben eine besondere Bedeutung für Ulrich Backeshoff, obwohl er oft betont, dass er an solche Dinge nicht glaubt. Bekannte sagen ihm, dass er ein Zwilling mit sehr vielen Facetten ist. Fremde Menschen, die sich eingehend mit den Sternen beschäftigen, erkennen typische Merkmale an ihm. So erzählt Ulrich Backeshoff von einer kuriosen Begegnung in Sri Lanka. Es war die Reise, bei der er sozusagen die Vorhut für seine Sekretärin war, die dort einen Singhalesen heiraten wollte. Zusammen mit einem Ex-Brigadegeneral namens Günther A., der ebenfalls zum Kundschafter ernannt worden war, besichtigten sie die Königsstädte. Ulrich Backeshoff fasziniert diese alte Hochkultur. Die erste Hauptstadt von Sri Lanka war Anuradhapura und wurde 400 v. Chr. gegründet. Dort gibt es verschiedene Tempel zu bestaunen, die mit Mondsteinen verziert sind. Das Nationalheiligtum ist der Bodhi Baum, der im Jahr 244 v. Chr. aus Indien nach Sri Lanka gebracht wurde. Der fast 2.000 Jahre alte Baum gilt als ein Ableger des Baumes, unter dem Buddha erleuchtet wurde. Ulrich Backeshoff durfte in Sri Lanka Dinge anfassen, die unfassbar alt waren. Die Mönche, die dort leben, haben Fähigkeiten, die uns in der Zivilisation längst abhanden gekommen sind. So lernte Ulrich Backeshoff einen deutschsprachigen Mönch kennen, der sie herumführte und ihnen verschiedene buddhistische Symbole erklärte, darunter auch die Sternzeichen. „Der hat mir dann auf den Kopf zugesagt, dass ich Zwilling bin“, erzählt Ulrich Backeshoff

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heute noch sichtlich beeindruckt. Damals hielt er es noch für einen Zufallstreffer. Doch als der Mönch zu seinem Mitreisenden sagte, dass er entweder Zwilling oder Krebs sei, schenkte er ihm Glauben. Günther A. war tatsächlich auch Zwilling, aber auf der Schwelle zum Krebs. Der Mönch versicherte ihnen, dass es übersinnliche Dinge gibt, die man früher sogar lernen konnte.

„Normalerweise glaube ich nicht daran. Meine heutige Frau schaut sich dagegen jeden Tag ihr Horoskop an.“ (Ulrich Backeshoff)

Dennoch ist Ulrich Backeshoff beeindruckt von ungewöhnlichen Fähigkeiten und ist davon überzeugt, dass in unserer Kultur sehr viel verloren gegangen ist, obwohl sich gerade die westliche Welt so klug vorkommt. Seine chinesische Frau Bernadette führt ihm das Tag für Tag vor Augen. Ulrich Backeshoff erzählt, dass er bei der Günter-JauchShow „Wer wird Millionär?“ ganz beeindruckt vom Fachwissen seiner Frau ist. Er hat sie schon oft dazu ermuntert, sich für diese Sendung zu bewerben. Aber Veronica Febriyanti kommt aus einem anderen Kulturkreis und würde bei so mancher einfachen Frage am Anfang aus diesem Grunde vielleicht scheitern.

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Ingesamt führt Ulrich Backeshoff mit seiner neuen Familie ein anderes Leben. Wenn er heute um sechs Uhr morgens aufsteht, dann geschieht dies immer öfter wegen seiner kleinen Tochter. „Manchmal kommt es auch vor, dass nachts – tap, tap, tap – jemand aus dem Kinderzimmer schleicht und dann bei der Mama oder zwischen Mama und Papa im Bett weiterschlafen möchte“, erzählt Ulrich Backeshoff. Der frischgebackene Papa zieht dann schon mal ins Kinderzimmer um, wenn er am nächsten Tag einen anstrengenden Tag vor sich hat. Shinta hat zum Glück schon ein großes Bett. Abends braucht sie drei bis vier Anläufe, um ins Bett zu gehen, wie der Papa berichtet. Mal hat sie Durst, mal Hunger, mal muss er eine Geschichte erzählen. Vater Backeshoff ist stolz auf seine kleine Tochter, die schon munter erzählt, was sie tagsüber erlebt hat. Sie spricht Deutsch und Englisch. Wenn die Mutter mit ihr Indonesisch redet, dann versteht die kleine Shinta mehr als ihr Vater. Da muss er unbedingt dran arbeiten, damit Indonesisch nicht ihre Geheimsprache wird. Shinta geht in eine zweisprachige Kita und kommt danach in die zweisprachige Vorschule, in der sie ganztägig bis 18:00 Uhr betreut wird. In naher Zukunft möchten die Eltern gerne ein Au-pair-Mädchen aus China engagieren, das auch Deutsch studiert hat. So könnte Shinta mit ihr Chinesisch reden. Die Eltern machen sich viele Gedanken um die Zukunft ihrer kleinen Tochter. Auch für den Ernstfall ist eine Regelung getroffen. Bernadette Febriyanti hat eine Schwester, die sich um

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Shinta kümmern würde, falls den Eltern, Gott bewahre, etwas zustoßen sollte. Die Schwester ist 43 Jahre alt und hat drei eigene Kinder. 2010 wurde sie im Bereich Tourismus promoviert und arbeitet als Dozentin an der Universität von Jakarta. Organisation ist alles. Auch im Alltag von Ulrich Backeshoff und seiner berufstätigen Frau. Es gibt eine Kinderfrau und eine Haushälterin, die morgens schon um 7:30 Uhr kommt, damit die Eltern in Ruhe frühstücken können. An dieser Stelle kommt ein gerne von Ulrich Backeshoff zitierter „großer Gedankenstrich“. Wie ist das Verhältnis zwischen seiner älteren Tochter und seiner zweiten Frau? Sie kennen und respektieren sich. Einfach war es nicht für seine Tochter Alexandra, als ihr Papa sich von ihrer Mutter scheiden ließ. Ulrich Backeshoff ist glücklich darüber, dass Alexandra ihre kleine Schwester so sehr liebt. Die beiden telefonieren schon miteinander. Wenn Alexandra ein Geschenk für Shinta hat, dann merkt sich das die Kleine ganz genau.

„Unter hundert Stofftieren sagt Shinta bei dem Rucksackbären immer ganz stolz, dass der von Alexandra ist.“ (Ulrich Backeshoff)

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Das Gleiche gilt für die Hausschuhe, auf denen Shintas Name aufgestickt ist. „Wenn Shinta die heute anzieht, sagt sie immer ganz stolz, dass sie von Alexandra sind.“ Neben seiner Arbeit bleibt Ulrich Backeshoff bislang immer noch nicht viel Zeit für das Privatleben. Doch das soll sich ändern ...

Ein Genie macht Pause Fragt sich nur, für wie lange? Es gibt viele Dinge, die Ulrich Backeshoff gerne noch tun und erleben würde. Im nächsten Buch erfahren Sie, wie’s weitergeht, für den ... ... Sportler An erster Stelle steht in Zukunft Gesundheit. Darum hat er sich vorgenommen, nur noch drei Tage in der Woche zu arbeiten und an drei Tagen Tennis zu spielen. Einen Tennispartner hat der ehemalige Spitzensportler jedenfalls schon. Außer Tennis gibt es für ihn heute nicht viele sportliche Alternativen. Golfen macht ihm keinen Spaß und für die Gartenarbeit konnte er sich noch nie begeistern. Wegen des zu hohen Cholesterinwertes hat er seiner Frau Veronica versprochen, in Zukunft auf seine durchaus resolute Ärztin zu hören. Bei der Ernährung hat er noch keinen guten Weg gefunden. Die Empfehlungen der Ärzte ändern sich seiner Ansicht nach ständig. Erst heißt es, dass man fünf Mal am Tag eine kleine

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Portion essen sollte, und ein paar Monate später hört man wieder etwas anderes. Was das Trinken betrifft, so sind alkoholfreie Biere plötzlich auch keine Alternative mehr, weil sie zu viel Zucker enthalten. Ulrich Backeshoff möchte sein Gewicht von 90 Kilogramm halten. ... Aufsichtsrat Beruflich ist Ulrich Backeshoff bei Abos Conworks vom Vorstand in den Aufsichtsrat gewechselt und möchte den heutigen Stand der Firma weiterentwickeln. Das ist ein weites Feld. ... Hobbykoch Vielleicht gönnt er sich demnächst auch mehr Zeit zum Kochen. Am liebsten bereitet der angelernte Koch Rindergulasch von Jungbullen zu. Damit sich die Kocherei auch lohnt, kauft er gleich ein paar Kilo ein und kocht davon 20 Portionen. „Große Mengen zu verarbeiten, macht viel mehr Spaß“, erklärt Ulrich Backeshoff. Seine zweite Frau kocht nicht gerne. Das hat daheim immer die Mutter gemacht. Die Kinder sollten für die Schule lernen. Es gibt nur zwei oder drei asiatische Gerichte, die sie beherrscht. ... Prof. Dr. Backeshoff Dem erfolgreichen Unternehmer fehlt eigentlich nur noch der Doktortitel. Nach den Plagiatsvorwürfen gegen Guttenberg und Co.

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gibt er offen zu, dass er in der Beziehung auch stark gefährdet wäre. Ulrich Backeshoff hat kein Abitur. Aber wenn ihn eine Fakultät für würdig erklärt, könnte er trotzdem promoviert werden. In seinem Alter und bei dem Werdegang müsste man ihm eigentlich die Reife bescheinigen. Intelligent genug ist er allemal. „Ich traue mir auch zu, dass ich gegen einen Abiturienten antreten könnte“, behauptet er selbstbewusst. „Meist weiß ich das Dreifache von dem, was die Jungfüchse so draufhaben.“ Einen Ehrendoktor, ein Dr. hc., wäre seiner Meinung nach ganz einfach zu bekommen. Einen Professortitel aus Gründen der Ehre könnte ihm dann schließlich auch noch verliehen werden. Aber das reizt ihn nicht. „Lieber einen richtigen Titel, den er sich erarbeiten muss“, lautet seine Überzeugung. ... Brillenträger Brillen will er in Zukunft nicht mehr so oft tauschen wie damals, als er noch zahlreiche Auftritte im Fernsehen hatte. Da gab es für jedes Outfit und zu jedem Anlass eine andere Brille. Heute bevorzugt er das klassische Modell. ... Hausbesitzer Ulrich Backeshoff wünscht sich, dass das Haus in Marbella durch die Realisierung der Vermögensaufteilung mit seiner ExFrau wieder in sein Eigentum übergeht. Eigentlich hatte er es ihr mit Hilfe von Professor Dr. Peter Gantzer (heutiger Landtags-

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abgeordneter aus dem Landkreis München) schon so gut wie geschenkt, mit lebenslangem Wohnrecht. Nun würde er es gerne noch einmal durch Rechtsanwalt Prof. Dr. Greulich ändern. Der Professor für Wohnungs- und Immobilienwirtschaft schreibt u.a. auch Bücher über spanisches Recht und hat ihm schon früher einmal geholfen. Seiner Ex-Frau würde Ulrich Backeshoff sein erstes Haus zum Tausch gegen Marbella anbieten. Seine zweite Tochter Shinta soll auch noch ein Haus von ihrem Vater bekommen. „Ich lebe noch lange genug, um viel Geld zu verdienen“, meint Ulrich Backeshoff. Die erste Tochter Alexandra hat bereits ein Haus von den Eltern bekommen. ... Papa Ob Ulrich Backeshoff noch einmal Papa wird, bleibt eine spannende Frage. Bei einer so jungen Frau scheint dies nicht ausgeschlossen zu sein. ... Opa Ulrich Ulrich Backeshoff würde gerne Opa werden. Seine Tochter Alexandra ist nicht verheiratet. Sie hatte zweimal in ihrem Leben eine lange Freundschaft. Vielleicht würde sie mit dem nächsten Mann gerne ein Kind bekommen. Ihr Vater hält dies für wahrscheinlich, denn wie bei seiner zweiten Frau tickt auch bei Alexandra die biologische Uhr.

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Ulrich Backeshoff


... Bartträger Ulrich Backeshoff hatte früher einen Bart wir Roger Whittaker. In den Schnäuzer drehte er sich eines Tages aus Nervosität ein Loch. Das war das Ende aller Bärte und Schnäuzer. ... Autoliebhaber Autos sind seine Leidenschaft und werden es wohl auch bleiben. Vielleicht wechselt er sie in Zukunft nicht mehr allzu häufig und vielleicht begnügt er sich auch mit einem Auto. Zurzeit fährt er einen Infiniti FX. Das waren die Vorgänger:

Renault 4 Fiat 850 Coupe SAAB BMW 750il Mazda 5 MB 500SL BMW 750i MB 180 SAAB Audi 100 Porsche 911 MB A180

Renault Kangoo Infiniti FX MB Vario Mini Cooper MB 600 VW Lupo SAAB 900 Opel Senator VW Phaeton Fiat 125 Jeep Cherokee Golf Peugeot tepee VW 1500 MB 560 VW 1500 Bus VW 1500 variant Audi A8 Mitsubishi BMW 325 Cabrio VW Käfer 1952

BMW CS BMW 850csi Fiat 500

Roadstar BMW Z 3 MB 500 MB 500 SL

Ein Genie macht Pause

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Ulrich Backeshoff fuhr als Erster den 500 SL in München. Den zweiten kaufte sich der Fußballspieler Petar Radenkovic, der ein paar Jahr älter als Backeshoff ist. Beim BMW 750i war Ulrich Backeshoff ebenfalls einer der Ersten, die ihn kaufen mussten. Kaum hatte BMW den zweisitzigen Roadster BMW Z3 1995 auf dem Markt eingeführt, fuhr Ulrich Backeshoff schon damit über die Straßen. Der Mini Cooper war das kleinste Auto, alter Prägung, das Ulrich Backeshoff je besaß. „Ein Nachbar, Herr Braun, Ehrenbürger der Stadt, hat mich mal ein bisschen geärgert“, erinnert er sich. Dann hat er ihn einmal gefragt, wozu er denn wohl dieses Autochen brauchte. Ulrich Backeshoff antwortete: „Den nehme ich, wenn ich einen Termin am Gericht haben. Dort gibt es keine Parkplätze.“ Da war der Nachbar beleidigt. Später wurden sie aber ganz gute Freunde. Sein erster 600er Mercedes besaß Peilstäbe, die beim Einparken als Abstandsmesser dienten. In Spitzenzeiten fuhr Ulrich Backeshoff fünf Autos parallel.

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Ulrich Backeshoff


... Erbsenzähler

„Wenn man sich selbst mal analysieren darf, dann bin ich begeisterter Verkäufer, aber auch Erbsenzähler, das ist ganz selten auf diesem Globus.“ (Ulrich Backeshoff)

Ein Genie macht Pause

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Die Autorin Petra Fohrmann, 1960 geboren, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Universität zu Köln und wurde an der Konrad Wolf Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam promoviert. Nach dem Studium hat sie verschiedene leitende Positionen in großen Medienunternehmen durchlaufen. 2005 gründete sie einen eigenen Verlag, um außergewöhnliche Geschichten besonderer Menschen zu publizieren. In den Büchern der Autorin wird deutlich, dass das Leben die unglaublichsten Geschichten erzählt. Und die warten nur darauf, aufgeschrieben und veröffentlicht zu werden. Von Petra Fohrmann – denn Geschichten zu erzählen, ist ihre Leidenschaft.


Jutta Kleinschmidt

Frau lenkt besser, als Mann denkt von Petra Fohrmann Jutta Kleinschmidt ist die erste Frau, die bisher die härteste Marathonrallye der Welt, die Paris-Dakar gewonnen hat. Alle Klischees über „Frau am Steuer“ verblassen angesichts dieser Leistung in einer absoluten Männerdomäne. Welche Tipps die Rallyepilotin Frauen hinter dem Steuer geben kann, um sich erfolgreich im Straßenverkehr zu behaupten und mit ihren Einparkkünsten zu verblüffen, erfahren Sie in diesem Buch. 224 Seiten, über 150 Abbildungen, hochwertige Ausstattung im großen Format 16,5cm x 23,5cm, durchgängig in Farbe gedruckt € 16,90 · ISBN 978-3-9810580-3-1 Zu beziehen über: Fohrmann Verlag · Hans-Schulten-Straße 12 · 51109 Köln www.fohrmann-verlag.de oder über Ihren Buchhandel

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Erinnerung einer Erzieherin an die Familie Goebbels – 1943 bis 1945

Die Kinder des Reichsministers von Petra Fohrmann Käthe Hübner (geb. 1920) war in den letzten Kriegsjahren von 1943-1945 Erzieherin der drei ältesten Goebbels-Kinder Helga, Hilde und Helmut. Sie ist eine der wenigen Zeitzeugen, die uns einen Einblick in das private Umfeld der Familie Goebbels geben können. Dies tut sie erstmals in diesem Buch mit Hilfe ihrer Erinnerungen an eine Zeit, die über sechzig Jahre zurückliegt. Ihre persönlichen Fotos und Briefe von Magda Goebbels und ihren sechs Kindern sind dabei einmalige Dokumente, die hier erstmals veröffentlicht werden. 96 Seiten inkl. Abbildungen und Fotos, DIN A5 · € 14,90 · ISBN 3 - 9810580 -1-1 Zu beziehen über: Fohrmann Verlag · Hans-Schulten-Straße 12 · 51109 Köln www.fohrmann-verlag.de oder über Ihren Buchhandel

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Die Tagebücher der Dagmar B.

Ein Leben ohne Lügen! von Petra Fohrmann Dagmar B. kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt. Sie dokumentierte ihre Lebensgeschichte in sechzehn Tagebüchern und schrieb kompromisslos ehrlich, wie sie die Welt erlebte. Dagmar fand fernab von allen Regeln, die heute unser Leben bestimmen, ihren eigenen Weg, die Welt zu verstehen. Sie öffnet uns eine neue Perspektive, durch die wir vieles anders sehen und verstehen können. Wer nach dem Sinn des Lebens sucht, der kommt ihm hier ein Stück näher. 168 Seiten inkl. Farbseiten, DIN A5 · € 14,90 · ISBN 978-3-9810580-0-0 Zu beziehen über: Fohrmann Verlag · Hans-Schulten-Straße 12 · 51109 Köln www.fohrmann-verlag.de oder über Ihren Buchhandel

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Mein Weg aus den Zwängen

Buddha, Bier und Zwänge aus Beton von Frank Sturm (Hrsg. Petra Fohrmann) Frank Sturm sieht gut aus, studiert Sport an der Kölner Sporthochschule und genießt das Leben in vollen Zügen. Doch dann werden seine Lebensträume zerstört: Liebeskummer, Bandscheibenvorfall, Alkohol und die Zuflucht zu Buddha verändern seine Welt. Zwangsgedanken schleichen sich ein und absurde Rituale bestimmen von nun an seinen Alltag. Doch Frank Sturm gibt nicht auf. Er besiegt seine Zwänge nach vielen Jahren der Unfreiheit. Letztendlich haben ihm Mut und Zutrauen den Weg gewiesen. Sein Erfahrungsbericht ist ungeschliffen, ungeschönt und absolut authentisch. Er hilft den Menschen, die ebenfalls an Zwängen leiden, und schafft Verständnis bei Mitmenschen, die diese Krankheit nicht kennen. 136 Seiten, DIN A5 · € 14,90 · ISBN 978-3-9810580-2-4 Zu beziehen über: Fohrmann Verlag · Hans-Schulten-Straße 12 · 51109 Köln www.fohrmann-verlag.de oder über Ihren Buchhandel 249


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Reisetagebuch eines Bären

Bruno alias JJ1 von Petra Fohrmann Ein so genannter Problembär, der im deutsch-österreichischen Grenzgebiet auftaucht, beschäftigt im Sommer 2006 Tierschützer, Politiker, Bärenfreunde und -feinde. Dieses Buch fasst alle Ergebnisse der Begegnung mit Bruno alias JJ1 zusammen und stellt sie dem Reistagebuch des jungen Bären gegenüber. Aus der Perspektive des Bären sieht die Welt natürlich ganz anders aus ... 138 Seiten plus Farbfotos · € 14,90 · Nicolai Verlag, Berlin ISBN 978-3-89479-255-8 Zu beziehen über: Fohrmann Verlag · Hans-Schulten-Straße 12 · 51109 Köln www.fohrmann-verlag.de oder über Ihren Buchhandel

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Ulrich Backeshoff sagt, dass sein Leben aus Geschichten besteht. Er hat die Arbeitswelt revolutioniert, den Handball professionalisiert und Dinge realisiert, die niemand für möglich hielt. An seinem 65sten Geburtstag zieht er Bilanz: 52 Jahre gearbeitet, Millionen verdient, Millionen verloren. Zwei zauberhafte Töchter im Alter von über dreißig und drei Jahren. Seine zweite Frau Bernadette Veronica Febriyanti meint, dass der Titel seiner Biografie gemessen an dem, was ihr Mann im Leben gemeistert hat, stark untertrieben ist... Ein Genie macht Pause, aber sicher nicht sehr lange!


Ein Genie macht Pause