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Spielraum

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Universität der Künste Berlin Fakultät Gestaltung Institut für transmediale Gestaltung Studiengang Visuelle Kommunikation Prof. Henning Wagenbreth Prof. Gerhard Diel Prof. Dr. Susanne Hauser Eckhard Fürlus Franziska Morlok

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Spielraum ein Illustrationsprojekt zu Richard Wagners „Ring des Nibelungen“

Dokumentation der Diplomarbeit Teil 1

Susanne Vetter November 2012 3


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Inhalt

1. Idee 7 1.1 Annäherung 8 1.2 Zielsetzung 8 2. 2.1 2.2

Recherche Kontext Wagner Bildsuche und Inspiration

11 12 13

3. 3.1 3.1.1 3.1.2 3.2 3.3 3.4 3.5

Vorgehensweise Formfindung – Phase 1 Experiment Schwarz Formfindung – Phase 2 Formfindung – Phase 3 Format und Medium Text und Typographie

21 22 28 31 32 44 52 53

4. Umsetzung 55 4.1 Bindung 56 4.2 Druckvorstufe 57 4.3 Wahl des Titels 57 4.4 Überlegung zur Ausstellung 58

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1. Idee

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1. Idee

1.1 Annäherung

Ganze Bücherregale füllt er, liefert Stoff unzähliger Abhandlungen und kontroverser Diskussionen über Musik- und Kunstverständnis, und nicht zuletzt polarisiert er aufgrund seiner antisemitischen Haltung: Richard Wagner. Sein Werk veränderte die Musikwelt nachhaltig und bis heute, Fragmente seiner Opern finden sich immer wieder in Kunst und Kommerz aller Medien. Mit der Opern-Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ schuf ein Gesamtkunstwerk, das bis in die Gegenwart eines der umfangreichsten Bühnenwerke überhaupt ist. Neben der eigentlichen Musik interessiert mich daran vor allem eben dieser Mythos des Gesamtkunstwerks, in dem verschiedene Disziplinen neuartig vermischt werden. Für Wagner ist der „Ring“ ein kreativer Prozess, bei dem er immer wieder neue Methoden versucht und gegebene Strukturen von Musik und Theater in Frage stellt, diese für sich verändert oder gänzlich neu erfindet. Der „Ring“ bietet somit in zweierlei Hinsicht eine interessante Grundlage für mein Illustrationsprojekt: Zum einen wird darin eine eigene, komplexe Welt erschaffen, die sich nicht nur für die Opernbühne visualisieren lässt, sondern auch eine illustrative Auseinandersetzung nahelegt. Zum anderen regt Wagners Arbeitsweise dazu an, auch in der Illustration nach anderen Wegen zu suchen, vom konventionellen Bebildern einer Geschichte abzusehen und sich auf Experimente einzulassen.

1.2 Zielsetzung

Das Ziel meines Diplomprojektes ist es, mit dem „Ring“ als narrativer Grundlage neue Methoden und Techniken der Illustration zu erarbeiten. Wichtig ist mir dabei, mich nicht mit einem bestimmten Endprodukt wie etwa einem klassischen Bilderbuch oder einer Plakatserie einzuschränken, sondern das Ergebnis offen zu lassen, um während der gesamten Arbeit einen Fokus auf dem Entstehungsprozess an sich zu behalten.

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2. Recherche

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2. Recherche

2.1 Kontext Wagner

Zu Beginn meiner Arbeit setze ich mich mit Richard Wagner und seinem historischen Kontext auseinander. Zwar bin ich mit der Musik vertraut, weiß jedoch noch relativ wenig über sein Leben und zeitgeschichtliche Zusammenhänge. Folgende Fragen sind für mich dabei relevant auf der Suche nach einer geeigneten Bildsprache: Was für ein Mensch war Wagner? Wie sah die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts aus, in der er seine Werke verfasst hat? Welche Ereignisse dieser Zeit haben ihn bei seinem Schaffen besonders beeinflusst? Wie ist in diesem Kontext seine antisemitische Haltung zu bewerten? Um ein fundierteres Wissen hierüber zu erlangen, lege ich mir eine Zeitleiste an, auf der ich zum einen wichtige Ereignisse in Wagners Biografie erarbeite: Seine Begegnungen mit Heinrich Heine, Franz Liszt und Friedrich Nietzsche, sein erster Erfolg mit der Oper „Rienzi“, seine Teilnahme am Dresdner Maiaufstand und die Flucht in die Schweiz, das fast 20-jährige Arbeiten am „Ring“, seine Beziehung zu Ludwig II, die Idee und Konzeption des Bayreuther Festspielhauses als „Wallfahrtsort“ für Musik. Dem stelle ich wichtige Ereignisse und Strömungen des 19. Jahrhunderts gegenüber: Die antinapoleonische Bewegung in Deutschland, das zunehmende Nationalbewusstsein des Volkes, Industrialisierung, Deutsche Revolution und Reichsgründung. Besonders die letzte der oben genannten Fragen zeigt sich als unumgänglich, spätestens bei den ersten Skizzen. Ich komme nicht umhin, mir eine differenzierte Haltung zu dem sensiblen Thema zu machen, da sonst jeder illustrative Ansatz schnell unreflektiert oder naiv wirken würde. Bei fortschreitender Recherche stellt sich für mich heraus, dass es sich bei Wagner um komplexe Motivationen handelt, die man vor allem im zeitgeschichtlichen Zusammenhang betrachten muss. Da ich Nationalsozialismus und Antisemitismus jedoch nicht zum Thema meiner Arbeit machen will, entschließe ich mich, hier mehr eine neutral beobachtende als wertende Position einzunehmen. Immer interessanter wird dabei für mich dennoch die Idee, deutsche Geschichte, z. B. in Form von Fotovorlagen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, in meine Arbeit mit einzubeziehen. Wagner zeichnet mit dem „Ring“ ein kritisches Bild seiner Gesellschaft, das er auf eine eigene Sagenwelt projeziert. Dabei beinhaltet diese zwar zu großen Teilen die Handlung der Nibelungen-Sage bzw. des Nibelungenlieds. Wagner verstrickt sie jedoch mit anderen Sagenkomplexen: mit der skandinavischen Edda, dem Grals-Mythos und antiker griechischer Mythologie. Auf diese Weise schafft er eine eigene Geschichte, nicht zuletzt, um die Dramaturgie seinem Vorhaben des mehrteiligen Opernzyklus anzupassen. So gibt es zwar Parallelen zwischen den ursprünglichen Erzählungen und Wagners Werk, er interpretiert diese aber frei um, ändert Namen ab und passt die Handlungen seiner eigenen Variante an.

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2.2 Bildsuche und Inspiration

Ich fange mit einer mehrgliedrigen Bildrecherche an: Zum einen sammle ich historisches Material zum Nibelungenlied. Dabei finde ich heraus, dass die Geschichte zwar in Handschriften aus dem 13. Jahrhundert überliefert ist, diese aber weitgehend nicht illustriert sind. Als Inspiration aus mittelalterlicher Kunst dienen mir dennoch die Manessische Liederhandschrift (14. Jh.) und der Teppich von Bayeux (11. Jh.). Beide sind in ihrer Bildsprache deshalb für mich interessant, da der Bildaufbau ausschließlich zweidimensional ist, was die Motive sehr plakativ macht. Auch beobachte ich beim Teppich von Bayeux die erzählerische Methode, die fortwährend ganz ohne Unterteilung in einzelne Bilder auskommt. Außerdem suche ich spätere illustrative Werke zur Nibelungensage bzw. zu Wagners Ring und werde vor allem Ende des 19. Jahrhunderts fündig, also kurz nach Wagners Tod. Der englische Jugendstil-Künstler Aubrey Beardsley z. B. bezieht sich mit einer Reihe von Tusche-Zeichnungen direkt auf Wagners „Ring“, der österreichische Künstler Carl Otto Czeschka bebildert die Nibelungensage mit Illustrationen, die später auch Fritz Lang in seinem Nibelungen-Film stark beeinflussen. Diesen zweiteiligen Film, „Die Nibelungen“ von 1924, sehe ich mir ebenfalls an. Mich inspiriert auch hier der plakative Bildaufbau, der sich vor allem durch das Schwarzweiß ergibt, sowie die übertriebene Gestik des Stummfilms. Interessant zu beobachten ist auch, wie der Film Czeschkas Illustrationen als Grundlage für das Bühnenbild und v.a. die aufwändigen Kostüme verwendet. Des Weiteren sehe ich mir Aufzeichnungen von bekannten Inszenierungen des „Ring“ an und konzentriere mich dabei auf Patrice Chéreaus „Jahrhundertring“-Inszenierung von 1976 in Bayreuth, die seinerzeit sehr kontrovers aufgenommen wurde. Chéreau versetzt das Sagen-Szenario in eine Kulisse des 19. Jahrhunderts und schafft so eine direkte Verbindung zur industriellen Revolution und den gesellschaftlichen Umbrüchen zu Wagners Lebzeiten – eine ähnliche Idee wie ich selbst verfolgen möchte. In einer späteren Arbeitsphase recherchiere ich auch nach Fotografien aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die zwar keinen direkten Bezug zu Richard Wagner oder der Nibelungensage aufweisen, in diesem Zusammenhang aber interessante Assoziationen wecken. Ich werde besonders in Antiquariaten fündig, wo ich auf alte Bildbände mit Titeln wie „Deutsches Familienalbum“ oder „Berlin um 1900“ stoße, sowie einen sehr schönen Bildband fotografischer Skizzen von Heinrich Zille.

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2. Recherche

[1]

[2]

[1] [2] [3] Manessische Liederhandschrift; 14. Jahrhundert

[3]

[4] [5] Teppich von Bayeux, 11. Jahrhundert

[4]

[5]

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[1] [2] [3] [4] Carl Otto Czeschka [1]

„Die Nibelungen“, 1909 [5] [6] Aubrey Beardsley Serie „The comedy of the

[4]

Rhinegold“, 1896

[3] [2]

[5]

[6]

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2. Recherche

Fritz Lang, „Die Nibelungen“, 1924 Filmausschnitte

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Patrice Chéreau, Inszenierung des „Ring“, Bayreuth 1976

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fotografische Inspiration, 19. und 20. Jahrhundert

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3. Vorgehensweise

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3. Vorgehensweise

3.1 Formfindung – Phase 1

Während des Studiums habe ich viele Projekte nach dem gleichen Muster bearbeitet und Techniken benutzt, von denen ich bereits wusste, dass sie gut funktionieren. Zum einen gibt das den Illustrationen einen eigenen Charakter und Wiedererkennugswert, alles wirkt wie aus einer Feder. Zum anderen aber habe ich oft den Eindruck, dass dadurch die Spontanität und Experimentierfreudigkeit leidet, da es einfach bequemer ist, vielfach Erprobtes zu reproduzieren, als sich auf ein ungewisses Ergebnis einzulassen. Das Diplomprojekt möchte ich dafür nutzen, außerhalb meiner gewohnten Arbeitsweise nach neuen Ausdrucksformen der Illustration zu suchen. Auf Grundlage meiner bisherigen Bildrecherche und mit dem „Ring des Nibelungen“ im Lautsprecher beginne ich mit freien Skizzen in Tusche und mit Bleistift. Ich versuche, Protagonisten des „Ring“ darzustellen, so z. B. den Gott Wotan mit seinem achtbeinigen Pferd, die Göttin Fricka, Alberich und die Rheintöchter. Schnell stelle ich dabei fest, dass es gar nicht so einfach ist, beim Ausprobieren nicht in gewohnte Muster zu verfallen. So unterscheiden sich die ersten Arbeiten nicht erheblich von früheren Projekten und muten wie Kinderbuchillustrationen an, was ich eigentlich vermeiden wollte.

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3. Vorgehensweise

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3. Vorgehensweise

3.1.1 Experiment

Wie löse ich mich von den eingefahrenen Illustrationsmethoden? Ich beschließe, von der konkreten Darstellung von Figuren zunächst abzusehen und die Musik abstrakt zu assoziieren. Dabei beginne ich mit Aquarelltechnik und beschränke mich vorerst auf die Farbe Schwarz. Die Ergebnisse sind einfach und ausdrucksstark und inspirieren mich zu weiteren einfarbigen Versuchen. Ich lege mir ein Sortiment an verschiedenen schwarzen Farben an: Zu Aquarellfarbe und Tusche kommen noch Tinte, Acrylfarbe, Airbrushfarbe, flüssige Edding-Nachfüllfarbe, Marmorierfarbe, Porzellanfarbe und Schuhcreme hinzu. Als Malmittel nehme ich Wasser, Waschbenzin, Terpentinöl, Rapsöl, Essig, Nagellackentferner und Ochsengalle. Schließlich teste ich verschiedene Papiere und Malgründe. Die Ergebnisse sind trotz der ausschließlichen Verwendung von Schwarz überraschend vielschichtig. Besonders die unterschiedlichen Trocknungsvorgänge bei den Mischungen bringen interessante Effekte. Dabei finde ich heraus, dass die Bilder umso interessanter werden, je weniger ich malerisch eingreife. Ich beschränke mich dann darauf, Farbe und Malmittel nur einen kleinen Impuls zu geben, wie etwa das Tropfen von Aquarellfarbe auf nassen Grund, und den Rest von alleine entstehen zu lassen oder nur durch das Bewegen oder Neigen des Malgrundes zu beeiflussen. Diesen abstrakten Blättern sieht man die Verbindung mit dem „Ring“ nicht an, doch greifen sie Stimmungen der Musik auf und sollen später, in Verbindung mit konkreter Illustration, Assoziationen wecken. In der folgenden Arbeitsphase kombiniere ich sie mit ersten Zeichnungen, doch steht jetzt schon für mich fest, dass ich einige der Blätter für sich stehen lassen werde. Sie lassen dem Betrachter, dem vielleicht nur einige Stichwörter zum „Ring“ gegeben werden, Raum für eigene Interpretationen. Es entsteht eine große Menge an Blättern, deren genaues Zustandekommen ich schon beim Arbeiten dokumentiere, um die verschiedenen Zusammenstellungen und Vorgänge später noch nachvollziehen zu können. Eine Auswahl davon ist in dem separaten zweiten Band der Dokumentation zu finden.

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3.1.2 Schwarz

Die experimentelle Phase weckt eine Faszination für das einfarbige Arbeiten in mir und bringt mich zu dem Entschluss, das ganze Projekt in schwarzweiß zu gestalten. Zum einen finde ich es interessant, nur mit dem hell-dunkel-Kontrast zu arbeiten und diesen auszureizen. Außerdem möchte ich während der gesamten Arbeit Neues ausprobieren und die Beschränkung des Verzichts auf Farbe hilft mir, nicht „ins Uferlose“ zu schaffen und allen entstehenden Ergebnissen, wenn schon nicht aus einer Feder, so doch die Gemeinsamkeit des Schwarzweißen zu geben. Nicht zuletzt spielt der ökonomische Aspekt eine Rolle: Ich möchte ich der Lage sein, meine Arbeit selbst in kleiner Auflage zu produzieren, wobei der einfarbige Druck einen erheblichen Preisunterschied macht. Vor allem mit Blick auf das Wagner -Jahr 2013 (200 Jahre Wagner) möchte ich die Arbeiten Galerien und Verlagen vorstellen. Die schwarzweißen Bilder eignen sich gut zur günstigen Reproduktion, sodass ich sie, etwa in Form eines Heftes mit einer Motivauswahl, an viele potentielle Interessenten versenden kann.

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3. Vorgehensweise

3.2 Formfindung – Phase 2

Auf der Grundlage der bisher entstandenen abstrakten Blätter beginne ich einen weiteren Ansatz mit konkreter Zeichnung. Dabei verfolge ich die Idee, die gegebenen Formen als Ausgangspunkt zu nehmen und mit der Illustration daran anzuknüpfen: Mit Feder oder Pinsel zeichne ich Naheliegendes zu den schwarzen Formen dazu, das zum Inhalt des „Ring“ passt, und mache auch hier eine Reihe von Charakterstudien. Für diese Versuche konzentriere ich mich auf die Motive der Walküren, Siegfried mit dem Drachen und der Burg Walhall. Bald komme ich zu dem Schluss: Die Ergebnisse sind interessant und die Illustrationen wirken durch das Ungeplante der schwarzen Kleckse, das auch die Formen vorgibt, nun weniger kindlich. Für die Darstellung eines bestimmten Inhalts aber ist diese Methode eher schwierig zu verwenden, denn wenn ein Klecks beispielsweise aussieht wie ein Sumo-Ringer, dann fällt es schwer, aus dem Material eine Walküre o. ä. zu machen. Außerdem hat diese Arbeitsweise den Nachteil, dass die abstrakten Blätter für neue Anläufe nicht wieder zu verwerten, also praktisch „verloren“ sind. Dennoch will ich an dieser Idee der Mischung von Illustration mit Zufälligem weiter arbeiten und probiere, wie im nächsten Abschnitt zu lesen, eine weitere Methode aus.

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3. Vorgehensweise

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3. Vorgehensweise

3.3 Formfindung – Phase 3

In dieser Phase versuche ich folgende Methode: Mit Transparentpapier zeichne ich zunächst aus dem gesammelten historischen Fotomaterial einige der Motive ab, in denen ich einen spannenden Zusammenhang zum „Ring“ sehe, wie z. B. Kriegsfotos, Bilder von Bunkern, Architektur Berlins oder auch Menschen allgemein. Wagner hat im „Ring“ versucht, eine Art weltumfassenden Epos zu schaffen, der sich durchaus auf die Gegenwart oder die nahe Vergangenheit des 20. Jahrhunderts beziehen lässt. Die Zeichnungen lege ich auf die abstrakten Arbeiten – durch das Transparentpapier lassen sich viele Varianten ausprobieren. Es entsteht eine Kombination zweier Ebenen: Das Zufällige aus der experimentellen Phase und das Realistische aus der abgezeichneten Fotografie. Die Ergebnisse finde ich vielversprechend und experimentiere weiter in diese Richtung. Besonders reizvoll ist es dabei, einen Rhythmus zwischen diesen beiden Ebenen zu finden und mal die eine, mal die andere in den Vordergrund zu stellen. Die Technik mit Transparentpapier gibt mir außerdem die Möglichkeit, verschiedene Illustrationen miteinander zu kombinieren und so auf ungewöhnliche Bildkompositionen zu kommen. An diesem Punkt mache ich mir allmählich Gedanken, welche Form das Projekt letztendlich bekommen soll. Die bisherigen Illustrationen sind sehr frei und brauchen eine Erklärung für den Betrachter, oder zumindest die richtigen Denkanstöße. Ich entschließe mich, die Arbeiten für zwei Betrachtungssituationen auszulegen. Zum einen für eine Ausstellungssituation: Ich kann mir gut vorstellen, dass die Illustrationen und die abstrakt belassenen Arbeiten ein interessantes Nebeneinander ergeben. Die Geschichte des „Ring“ könnte in diesem Fall separat in Form eines Heftes oder einer Wandbeschriftung gegeben werden. Vor allem würde dies ermöglichen, dass der Betrachter selbst entscheiden kann, ob er die Bilder einfach für sich wirken lassen will, oder mehr über die Hintergründe erfahren möchte. Da dies jedoch erst nach der Fertigstellung des Projekts konzipiert werden kann, konzentriere ich mich vorerst auf die andere Betrachtungssituation, die ich umsetzen möchte, nämlich die Arbeiten in Buchform zusammenzufassen. Dies beeinflusst mein weiteres Vorgehen dahingehend, dass ich mich bei der Größe der Illustrationen nun grob nach dem Buchformat richte. Ich arbeite weiter an den Illustrationen und mische die historischen Anspielungen mit surreal anmutenden Elementen wie z. B. riesigen aus der Erde ragenden Händen, die die Nornen (Schicksalgöttinnen) darstellen. Auch behandle ich einen Großteil des Stoffs der letzten Oper „Götterdämmerung“, deren inhaltlicher Kern der Weltuntergang ist, hauptsächlich abstrakt. Das Schicksal z. B. das von den Nornen in Form eines unendlichen Fadens verwoben wird, der dann reißt, stelle ich als filigranes Spitzendeckchen dar, das eine Laufmasche bekommen hat. Die Anmutung der Figuren ist eine Mischung von Stilen des 20. Jahrhunderts: So sind die Götter in „Rheingold“ Snobs aus den 20er Jahren und Siegfried macht sich im T-Shirt und mit dem Motorrad auf, um den Drachen Fafner zu töten.

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[oben] Zeichnungen auf Transparentpapier [unten] Verschieben des Untergrundes einer Zeichnung

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3. Vorgehensweise

3.4 Format und Medium

Nachdem ich mich für die Buchform entschieden habe, versuche ich ein passendes Format zu finden. Die bisherigen Arbeiten, die ich verwenden möchte, schließen ein eher kleines Format schon aus. Auch gehe ich hauptsächlich von einer vollflächigen Nutzung der Doppelseiten ohne Unterteilung in kleinere Bilder, wie z.B. bei einem Comic, aus. Unter Berücksichtigung des Druckbogens-Standardformats (70 cm x 100 cm) lege ich den Buchblock letztendlich auf das leicht längliche Format 22,9 cm x 33,8 cm an. So wird der Druckbogen optimal ausgenutzt. In der folgenden Zeit entsteht ein Großteil der Illustrationen: Ich halte mich bei der Umsetzung weiterhin nur lose an das genaue Libretto des „Ring“, da ich dem Betrachter viel Raum für eigene Interpretationen und Assoziationen geben möchte. Die Illustrationen behandeln die sehr große Menge an Stoff, die der „Ring“ hat, nur punktuell: Thematisch oder narrativ zusammenhängend sind immer etwa drei bis vier Doppelseiten, die sich mit einer bestimmten Szene der Geschichte beschäftigen und chronologisch im Buch aufgeführt werden. Dabei wird mir schnell bewusst, dass dieses reine Aufreihen der Arbeiten ganz ohne Hinweise in Textform den Betrachter hilflos machen wird. Denn obwohl ich für das Buch einen einleitenden Textteil vorsehe, in dem man die Geschichte des „Ring“ und das Konzept des Projekts nachlesen kann, verliert man beim Durchblättern des weit größeren Bildteils dann schnell den Faden. Zur Lösung dieses Problems denke ich an einzelne Textseiten, die, auf deutlich anderem Papier gedruckt oder in einem anderen Format in den Buchblock eingebunden, zwischen den Bildseiten auftauchen und auf den Inhalt der Illustrationen hinweisen. Mit der Ausarbeitung dieser Idee warte ich jedoch, bis ich mit den Illustrationen weitgehend fertig bin, um die Wirkung dieser Seiten im Gesamtbild besser beurteilen zu können.

Plan Grotesque

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3.5 Text und Typografie

Nachdem ein Großteil der Illustrationen fertig ist, habe ich ein klareres Bild davon, wo und in welcher Form ein Text sinnvoll ist und gut mit dem Bildteil zusammenspielt. In dem Buch soll es drei Textebenen geben: Zum einen den einleitenden Teil, in dem ich das Projekt erkläre und außerdem den Text „Andere Räume“ von Michel Foucault einbringe. Diesen Aufsatz finde ich zur Einstimmung gut geeignet, da er sich mit bestimmten Orten als „Spiegel der Gesellschaft“ beschäftigt, was auch die Absicht im „Ring“ ist, ebenso wie es meine Absicht ist, den „Ring“ durch Illustration wiederzuspiegeln. Für diesen Teil wähle ich ein schlichtes, klares Layout mit viel Weißraum. Bei der Schrift entscheide ich mich für den Font „Plan Grotesque“, da er im Fließtext sehr gut lesbar und optisch neutral ist. Die zweite Textebene sind kleine Hefte, die die Handlung der einzelnen Opern „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ erklären. Sie stehen einleitend am Anfang jeder Bildfolge und sollen den Betrachter zum einen auf die folgenden Bildinhalte vorbereiten und zum anderen dem ganzen Buch die klare Struktur von vier Kapiteln geben. Für diese Hefte wähle ich ein kleineres Format als das des restlichen Buchblocks, da sie so an begleitende Texthefte für Opern und Theater erinnern. Um diese Textebene deutlich von der Einleitung abzuheben, benutze ich die „Centennial“ als Schriftart. Sie mutet handgesetzt an, was gut zu den Illustrationen passt. Die dritte Textebene schließlich sind extra in den Buchblock eingebundene Seiten, die immer wieder zwischen den doppelseitigen Illustrationen auftauchen. Da die Bilder sehr frei sind und die Geschichte nur punktuell darstellen, dienen diese Seiten dazu, den Betrachter „bei der Hand zu nehmen“ und mit Hilfe von kurzen Texten auf den folgenden Bildinhalt zu verweisen. Auch hier verwende ich die „Centennial“, da es sich wie bei den Heften um Texte handelt, die sich direkt auf den Bildteil beziehen. An dieser Stelle ziehe ich auch die Meinung von Freunden zu Rate, die mit dem Inhalt meiner Arbeit noch nicht vertraut sind. Denn da ich selbst den „Ring“ inzwischen sehr gut kenne, fällt es mir schwer zu beurteilen, an welchen Stellen in meinem Buch diese Textseiten für einen guten Spannungsbogen notwendig sind. Die Gespräche helfen mir dabei herauszufinden, was der Betrachter erwartet und wie ich die Seiten am besten anbringe.

Linotype Centennial

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4. Umsetzung

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4. Umsetzung

4.1 Bindung

Als Bindung möchte ich eine Fadenheftung mit Hardcover-Umschlag umsetzen. Da mein Projekt mit den extra eingebundenen Heften und Textseiten speziell zu verarbeiten sein wird, ziehe ich zunächst einen Buchbinder zu Rate. Er gibt mir einige Tipps zur Fertigstellung und Umsetzbarkeit meines Buches, z. B. dass ich bei den Extraseiten die 3er- bzw. 4er-Lagen der Fadenheftung im Auge behalten muss und sie auch, falls sie ein anderes Format als der Buchblock haben, in jedem Fall oben oder unten mit dem Buchblock bündig sein müssen. Außerdem schlägt er mir als beste Lösung für die kleinen Texthefte vor, diese einzukleben und nicht in den Buchblock einzubinden. Das Gespräch ist eine große Hilfe für mich bei der abschließenden Planung, nicht zuletzt weil ich jetzt einen konkreten Zeitplan für die letzten Wochen machen kann.

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4.2 Druckvorstufe

Als nächtes besuche ich die Druckerei, die ich ausgewählt habe, weil sie mit dem Buchbinder viel zusammen arbeitet, ich also davon ausgehen kann, dass deren Kommunikation gut klappt. Im Gespräch wird zuerst klar: die Größe meines Buches ist im Digitaldruck nicht umsetzbar, es war also ein Planungsfehler, von einer Druckbogengröße von 70 cm x 100 cm auszugehen. Da ein Offsetdruck als einzige Alternative für die zwei Exemplare, die zu drucken sind, unökonomisch und sehr teuer wäre, bleibt nur die Option, das ganze Buch zu skalieren und dem im Digitaldruck maximal bedruckbaren Bereich anzupassen: 45,5 cm x 33,0 cm. Somit ergibt sich für mich das neue Buchblockformat von 22,4 cm x 31,1 cm. Ich entscheide mich für das spezielle Druckverfahren an der Indigo-Druckmaschine, das dem Offsetdruck sehr nahe kommt, da die Druckfarbe wie beim Offset mittels Gummituch auf das Papier übertragen wird. Die Druckergebnisse weisen v. a. nicht den störenden Glanz auf, der für den Digitaldruck typisch ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass an dieser Maschine mit Weiß als Farbe gedruckt werden kann, was ich später für das Buchcover nutzen möchte. Außerdem lasse ich mir verschiedene Papiere zeigen. Um die getrennte Text- und Bildebene des Buches zu unterstreichen wähle ich drei verschiedene Papiere aus: das dezente und leicht opake Papier „Eti 7P55“ mit der Grammatur 55 für die einzelnen Textseiten, die zwischen den Illustrationen liegen, das kräftige Naturpapier „Colambo“ mit 170 Gramm für die Bildebene und „Design Offset“ mit 80 Gramm für die Texthefte. Anschließend lasse ich eine Reihe von Testdrucken auf dem Naturpapier machen, um zu verhindern, dass die schwarzweißen Bilder fahl zu dunkel werden.

4.3 Wahl des Titels

Zuletzt entscheide ich mich für den Titel, den das Buch bekommen soll. Ich habe mir bereits eine Liste angelegt, auf der ich über Wochen immer wieder mögliche Titel notiert habe. Letztendlich wähle ich „Spielraum“. Das Wort hat einen positiven Klang und stimmt auf mehrere Arten auf den Inhalt ein: Die Opernbühne z. B. kann als Spielraum betrachtet werden, genauso wie die Illustrationen, die dem Inhalt des „Ring“ Spielraum geben. Außerdem lässt der Titel auch auf die Arbeitsweise schließen, in der das Buch entstanden ist: Das ganze Projekt war für mich sehr vom Ausprobieren und offenen Ergebnissen bestimmt, ich habe also auch im wörtlichen Sinne viel „gespielt“.

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4. Umsetzung

4.4 Überlegung zur Ausstellung

Wie schon in 3.3 erwähnt stelle ich mir die Illustrationen nicht nur in Buchform, sondern auch in einer Ausstellungssituation vor. Meine Arbeiten bestehen hauptsächlich aus kleinen Einzelteilen auf Transparentpapier, die ich später zusammengefügt habe. Ohne die Formatbeschränkung des Buches habe ich jetzt die Möglichkeit, diese neu zu ordnen. Im Buch greife ich bei den meisten Doppelseiten Elemente von der vorhergehenden Seite auf. Im freien Format bietet sich dies nun an, lange Bildstrecken daraus zu machen, ähnlich wie beim Teppich von Bayeux. Auch stelle ich mir diese Strecken, soweit möglich, mit den Originalzeichnungen auf Transparentpapier vor, was den Arbeitsprozess und den handgemachten Charakter des Projekts zeigen soll. Als Kontrast hierzu möchte ich einige der abstrakten Arbeiten vergrößern, um ein spannungsreiches Nebeneinander zu schaffen. Zum Schluss sollen alle Bilder auf Platten aufgezogen werden, um sie stabil an der Wand befestigen zu können.

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Ich bedanke mich bei meiner Familie f端r die Unterst端tzung, Romina Pilloni, Monique Voigt und Rafael Varona f端r den super Input, Marco Bonciani f端r die vielen Wagner-Tipps, und allen, die mich so geduldig ertragen haben.

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Hiermit versichere ich, Susanne Vetter, die vorliegende Arbeit selbst채ndig angefertigt zu haben.

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Spielraum

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Spielraum 1  
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