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sutton-kurZ-krimi 24. Dezember


Helmut Barz

Christmas Blues

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Vorbemerkung für die Leser von »Westend Blues«, »African Boogie« und »Dolphin Dance«: Diese Geschichte spielt ziemlich genau zwei Jahre vor den Ereignissen der Romane, ist also ein Prequel.

Vorbemerkung für diejenigen, die »Westend Blues« noch nicht gelesen haben: Na, dann wird es aber Zeit, die Lektüre nachzuholen. Und zwischen den Jahren haben die meisten von Ihnen/Euch ja Freizeit. Kurz zur Erklärung: Katharina Klein, eine zierliche, hübsche Halbkoreanerin, ist Hauptkommissarin im KK 11 der Frankfurter Kripo. Ihr Chef ist Kriminaldirektor Paul Polanski. Thomas Henrich, den Katharina in dieser Geschichte kennenlernt, wird danach ihr Partner – und ihr bester Freund, bis zu seinem vorzeitigen Ableben … aber das ist eine andere Geschichte.


Christmas Blues Ein festlicher Katharina-Klein-Krimi aus Frankfurt am Main

»Es ist eine Legende, dass um Weihnachten herum die Selbstmordrate drastisch ansteigt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Suizidzahl nimmt ab im selben Maße, wie die Anzahl sozialer Kontakte in der Weihnachtszeit zunimmt.« Katharina Klein wusste auch nicht, warum ihr gerade jetzt dieses Zitat ihres Soziologielehrers durch den Kopf ging. Sie schlenderte gut gelaunt über die Liebfrauenstraße, mit ihren Füßen den frisch gefallenen, strahlend-weißen Pulverschnee aufwirbelnd, die Hände in die Taschen ihrer Lederjacke gesteckt, das Gesicht halb verborgen im schwarzen KaschmirSchal. Ausnahmsweise war sie zufrieden mit sich und der Welt. Sie hatte es geschafft. Hauptkommissarin. Mit 31. Und endlich in Frankfurt am Main – ihrer Geburtsstadt – anstatt im tristen Kassel! Zum ersten Mal, seit sie zur Polizei gegangen war, erwarteten sie drei Festtage ohne Dienst; ein Luxus, der ihr in Kassel verwehrt geblieben war: Sie war Single, sie war jung, ihre Dienstjahre gaben ihr noch kein Vorrecht bei der Schichtauswahl, da waren die Festtage immer an ihr hängengeblieben. Jetzt, mit ihrem neuen Dienstrang und mit ihrer Erfolgsquote – sie hatte gleich in ihrem Einstandsjahr drei alte Fälle abgeschlossen und war in fünf neuen Fällen als leitende Ermittlerin erfolgreich gewesen – sah das alles völlig anders aus. Und sie hatte sich erlaubt, von diesem hart erarbeiteten Privileg Gebrauch zu machen.


Vielleicht lag ihre gute Laune aber auch an der Korsage aus weinrotem Samt, die sie sich gegönnt hatte. Oder an der neuen DVD. Beides ruhte friedlich im kleinen Rucksack, der im Takt ihrer Schritte auf ihrem Rücken auf- und abhüpfte. Außerdem – das sei zugegeben – hatte sie an einem Stand am Main einen Glühwein getrunken, der ihren Körper erwärmte und ihr ein klein wenig in den Kopf gestiegen war. Sie trank sonst nie. Und dann war da ja noch ihr kleines Geheimnis: Sie liebte Weihnachten und freute sich auf Heiligabend. So sehr, dass einige andere Passanten stehen blieben, um der zierlichen, beschwingt einherschreitenden Asiatin nachzuschauen, die so offensichtlich die Kälte und den Schnee genoss. Katharina überlegte gerade, ob sie zur Feier des Tages sündigen und bei Burger King einkehren sollte, als ihr Handy klingelte. Sie zog es aus der Tasche und sah auf das Display. Paul Polanski, ihr Vorgesetzter. Die Büronummer. Konnte der nicht mal Feierabend machen wie anständige Leute? »Frau Klein, entschuldigen Sie die Störung. Aber …« Polanski stockte. Kein gutes Zeichen, so gut hatte Katharina ihn bereits durchschaut. »Ja?«, fragte sie vorsichtig. »Also, es ist so: Im Kriminaldauerdienst ist die Grippewelle ausgebrochen und …« Katharina konnte sich schon denken, was kam. »Und wir sind morgen und übermorgen unterbesetzt. Und da …« »Herr Polanski, doch nicht an Weihnachten.« »Sehen Sie, Sie sind die Einzige ohne Familie …« Polanski hielt erschrocken inne. Offenbar wurde ihm gerade erst bewusst, was er gesagt hatte. Katharinas Familie war ermordet wurden, als sie siebzehn war; ein bis zu diesem Tag nicht aufgeklärtes Verbrechen. »Entschuldigen Sie, tut mir leid«, sagte er rasch. »Aber Sie wären doch verfügbar und da dachte ich …« »Wie kommen Sie darauf, dass ich Weihnachten nichts vorhabe?«, fauchte Katharina giftig. »Aber … Wie dem auch sei«, Polanskis Stimme klang plötzlich nicht mehr nach gütigem Vater, wie sonst, wenn er mit ihr sprach, sondern hatte autoritäre Schärfe angenommen. »Sie müssen morgen und übermorgen Dienst machen. Ich habe niemanden anderen, den ich loseisen kann.«

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Natürlich spielte er die Sachzwang-Karte aus. Katharina hatte es sich ja eigentlich denken können. »Warum immer ich? Ich hab schon die ganzen Sonntage …« »Eben. Und da dachte ich …« »Sie dachten, okay, dann soll Frau Klein ruhig auch noch an Weihnachten Dienst schieben.« »Nun seien Sie nicht so feindselig. Sie können die Überstunden doch abfeiern. Außerdem …« »Ja?« »Betrachten Sie es als disziplinarische Maßnahme.« »Wofür denn diesmal?« »Zalowski will nicht mehr mit Ihnen arbeiten.« Zalowski. Ihr aktueller Partner. Okay, vermutlich Ex-Partner. »Worüber hat sich das Mimöschen denn diesmal beschwert?« »Sie haben ihm ein blaues Auge verpasst.« »Was kann ich dafür, wenn er beim Training schläft?« »Frau Klein, Sie können keinen Kollegen verprügeln, nur weil Sie mit seiner Reaktionszeit nicht zufrieden sind.« »Und wenn er mir im Einsatz den Rücken freihalten muss? Darf er da auch schlafen?« »Genug jetzt. Ich habe Anweisung von oben, Sie zu disziplinieren oder zu versetzen. Also: Weihnachtsdienst. Und wenn es Ihnen etwas ausmacht: umso besser!« Polanski hatte gesprochen. Und legte auf. Katharinas gute Laune war verflogen. Und jetzt? Sie sah an der festlich geschmückten Kaufhaus-Fassade hinauf. Weihnachten im Präsidium. Trostlos. Aber Polanski würde ihr das Fest nicht verderben. Entschlossen zog sie die Tür des Kaufhauses auf. »Entschuldigen Sie, sind Sie Hauptkommissarin Klein?« Der große, schlanke Mann, der in der Tür des Aufenthaltsraums stand, sah aus wie aus einem von Armani gelegten Ei gepellt. Er trug einen dunkelgrauen Dreiteiler sowie ein weinrotes Hemd mit passender Krawatte. In seiner Brusttasche steckte ein gleichfalls weinrotes Taschentuch. Seine

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schwarzen Schuhe waren poliert. Katharina wettete darauf, dass die Füße darin ebenfalls in weinroten Strümpfen steckten. Sein dunkles Haar war sorg fältig frisiert, seine Brille ein neues, randloses Designergestell. Seine Hände waren nervös ineinander verschränkt, ein Ehering an der rechten Hand. Er musste Anfang, Mitte dreißig sein. Katharina hatte es sich eben erst gemütlich gemacht, in Erwartung eines ruhigen und vor allem einsamen Heiligabends: Weihnachten, das hieß vor allem ein paar häusliche Streitigkeiten, vielleicht der eine oder andere Verkehrsverstoß, aber keine Tötungsdelikte. Keine Arbeit für das KK 11. Dennoch, man wusste ja nie. Deshalb war das Kommissariat auch an den Festtagen besetzt. Aber nur weil sie auf dem Präsidium festsaß, musste Weihnachten ja nicht ausfallen. Der kleine Kunstweihnachtsbaum blinkte fröhlich unter dem vielen Lametta, mit dem Katharina ihn geschmückt hatte. Ein paar Geschenke hatte sie außen herum drapiert. Seufzend schaltete sie den DVD-Player ab, den sie sich aus dem Konferenzraum geborgt hatte. Der Eindringling musste ja nicht gleich von ihrer cineastischen Schwäche erfahren. »Ja?« Katharina musterte den Mann noch einmal genauer. InvestmentBanker? Aber was sollte der am Heiligabend im Präsidium? Anwalt? Sie hatte niemanden festgenommen. Der Mann lächelte schüchtern und ging einen Schritt auf sie zu: »Ich bin Thomas Henrich.« Oberkommissar Thomas Henrich? Der Anfänger, der erst im letzten Monat ins KK 11 versetzt worden war und sich schon jetzt zum Gespött der Kollegen gemacht hatte? Katharina hatte nur von ihm gehört. Aber das reichte ihr eigentlich: bürokratischer, fantasieloser Erbsenzähler. »Ja?«, fragte sie erneut. »Also … Kriminaldirektor Polanski hat mich eingeteilt, heute Abend mit Ihnen Dienst zu tun.« Auch das noch! Anfänger zureiten! Musste das sein? Na ja, wenigstens war Heiligabend. Das hieß vermutlich vor allem Herumsitzen. »Kommen Sie rein«, sagte Katharina schließlich. Etwas linkisch kam Thomas Henrich in den Raum. »Ich hoffe, ich störe nicht?«

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»An Heiligabend? Niemals.« Offenbar den Sarkasmus in Katharinas Stimme überhörend, ging er zum Rollwagen mit dem DVD-Player und dem Fernseher. Katharina wollte hinhechten. Zu spät. Er hatte die DVD-Hülle entdeckt. Na los, Henrich! Fang an zu spotten. Doch Thomas Henrichs Gesicht hellte sich auf: »Susi und Strolch? Den habe ich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. – Meine Frau mag keine Zeichentrickfilme.« »Und Sie mögen …?« Vielleicht war der Kollege doch zu etwas zu gebrauchen. »Oh ja. Ich kann es gar nicht erwarten, bis meine Kinder groß genug sind, dass ich sie ins Kino schleppen kann.« »Sie haben Kinder?« »Zwei. Ein und zwei Jahre alt. Einen Jungen und ein Mädchen.« »Und dann Dienst am Heiligabend?« Katharina hatte einen urplötzlichen Anfall von Hilfsbereitschaft. »Passen Sie auf! Warum fahren Sie nicht zu Ihrer Familie und ich funke Sie an, wenn was los ist.« »Das ist sehr nett von Ihnen. Aber meine Familie ist schon auf Rügen. Leider. Weihnachtsurlaub.« »Und Sie?« »Na ja. Vermutlich wie Sie auch. Grippe im Kriminaldauerdienst. Und die Neuesten im Team erwischt es doch immer.« »Wohl wahr.« Das klang auf jeden Fall besser als »Strafarbeit wegen Kollegenverprügelns«. »Also gut«, sagte Katharina schließlich. »Dann werden wir uns wohl den Heiligabend gemeinsam um die Ohren schlagen. – Lebkuchen?« Sie hielt ihm ein Tablett hin. Thomas Henrich nahm schüchtern ein Stück. »Setzen Sie sich doch.« »Danke.« Er ließ sich behutsam in einen der abgenutzten Sessel sinken. »Und, äh …« Katharina deutete auf den DVD-Player und den Fernseher. Die Augen des Kommissars leuchteten auf. »Klar. Gerne.« Also startete Katharina den DVD-Player wieder.

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Sie waren gerade über den Vorspann hinweggekommen, als das Haustelefon klingelte. Katharina hob ab: »Ja, Oswald, was gibt es denn?« Sie hörte zu. Hängte schließlich auf. Dann griff sie nach ihrer Jacke. »Arbeit!« Thomas nickte: »Ich hole rasch meinen Mantel.« Erstaunlicherweise hatte sich Thomas Henrich während der ganzen Fahrt kein einziges Mal über Katharinas Fahrstil beschwert. Er hatte sich sogar ganz kommentarlos auf dem Beifahrersitz von Morris, ihrem heiß geliebten Mini, niedergelassen, auch wenn der Wagen für seine Größe eindeutig zu wenig Beinfreiheit bot. Katharina hielt mit quietschenden Reifen vor dem Haus, das schon von Weitem als ihr Ziel auszumachen war. Notarztwagen. Ein Löschzug. Feuerwehrleute verstauten gerade missmutig ihre Ausrüstung. Katharina und Thomas Henrich gingen ins Treppenhaus, ein uniformierter Beamter wies ihnen den Weg in den dritten Stock. An der mit Gewalt aufgebrochenen Wohnungstür empfing sie ein weiterer Polizist: »Überdosis unterm Weihnachtsbaum. Da drin.« Er deutete mürrisch mit dem Kopf in die Wohnung. »Hat aber vorher noch eine Ente in den Ofen geschoben. Die Nachbarin hat das Verbrannte gerochen und die Feuerwehr alarmiert.« Die Leiche der jungen Frau lag im Wohnzimmer. Ein Arzt, ein Sanitäter und ein Feuerwehrmann standen am Fenster, damit beschäftigt, einen Bericht auszufüllen. Der Arzt bemerkte sie und ging auf Thomas Henrich zu: »Alexander Schröder, Notarzt. Offensichtlich eine Drogenüberdosis. Die Spritze steckt noch im Arm.« »Hauptkommissarin Klein leitet die Ermittlung.« Thomas Henrich deutete schüchtern auf Katharina. Wenigstens wusste er, wo sein Platz war. Der Arzt mustere Katharina von oben herab: »Klein, hm? – Na ja, wie ich schon sagte: Überdosis.« »Ist der Gerichtsmediziner schon unterwegs?« Katharina legte einen soliden Anteil Befehlsgewohntheit in ihre Stimme. Das hatte sie sich schon als Streifenpolizistin angewöhnt. Sonst nahm sie ja niemand ernst, die schlanke, kleine Halbasiatin. 10


Der Arzt zog die Augenbraue hoch: »Gerichtsmediziner vor Ort? Für eine Überdosis? Sie belieben zu scherzen.« Katharina trat einen Schritt auf den Mann zu: »Keinesfalls. Alarmieren Sie ihn? Oder soll ich erst die Staatsanwaltschaft rausklingeln?« Der Arzt zögerte, dann zuckte er mit den Achseln: »Ist Ihre Beerdigung.« »Gut. Sie können dann gehen«, entließ ihn Katharina gönnerhaft. »Aber …« »Verlassen Sie zumindest den Tatort. Und versuchen Sie dabei, so wenig Spuren wie möglich zu zertrampeln.« Der Arzt schüttelte den Kopf und wandte sich an seine Kollegen: »Kommt, Jungs. Wir wollen den ›Tatort‹ nicht länger entweihen.« Endlich war Stille eingekehrt. Katharina stellte sich in die Mitte des Raumes und sah sich um. Die Tote lag unter dem Weihnachtsbaum, einer etwa einen Meter hohen Blautanne: rote Schleifen, rote Kerzen, ein paar Glaskugeln. Eine geschmackvolle, dezente Dekoration. Wer auch immer den Baum geschmückt hatte, hatte sich Mühe gegeben. Unter dem Baum lagen, sorg fältig drapiert, mehrere Geschenke. Hinter dem Baum, an der Wand, stand ein gut gefülltes und sorg fältig geordnetes Bücherregal. Rechts davon am Fenster ein kleiner, antiker Schreibtisch, darauf ein iMac. Die Maus lag links neben der Tastatur. Neben dem Monitor stand eine weitere Kerze. Fernseher, Stereoanlage in einer Ecke. Auf dem Fernseher die DVD-Hülle zu »Der kleine Lord«. In der Sitzecke Sofa, Sessel, beide mit weihnachtlich roten Decken bedeckt, ein Beistelltischchen mit einem bunten Teller: Nüsse, Mandarinen, ein polierter roter Apfel und ein großer Weihnachtsmann aus Schokolade. An der Wand ein paar kleine Bilder. Originale, keine Drucke. Sorg fältig gerahmt. Katharina atmete tief ein. Was hatte der Lehrer für Spurenkunde immer gesagt? »Auch wenn es Sie anwidert: Nutzen Sie Ihren Geruchssinn!« Unter dem Geruch nach verbranntem Geflügel lag Weihnachtsduft. Zimt, Lebkuchen, ein Räucherstäbchen und der Hauch eines teuren Parfüms. Plötzlich fühlte sich Katharina unendlich traurig. Die Bewohnerin hatte ein gemütliches Nest eingerichtet. Sich auf Weihnachten gefreut. Und 11


dann eine Überdosis? An Heiligabend? Das war entweder entsetzliches Pech oder ganz schlechtes Karma. Mal schauen, was die Leiche hergab. Katharina drehte sich um und sah, dass sich Thomas Henrich schon über die junge Frau gebeugt hatte. Er schrieb in sein Notizbuch. »Was Interessantes?«, fragte sie. »Also, ich war vorher bei der Wirtschaftskriminalität und hab nicht so viel Erfahrung mit den Dingen, aber Drogensüchtige habe ich mir anders vorgestellt. Abgehärmter. Ungepflegter.« »Es gibt viele, die ihre Sucht sehr gut im Griff haben.« Katharina beugte sich ebenfalls über die Leiche. Die Tote lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Sie sah friedlich aus. Eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig. Keine ausgesprochene Schönheit, aber sie hatte gewusst, das Beste draus zu machen. Sie trug ein knielanges, schwarzes Samtkleid mit Trägern, gemusterte schwarze Strümpfe, keine Schuhe. Ein Push-Up-BH brachte ihre kleinen Brüste auch im Liegen zur Geltung. Ihr Haar war zu einem Knoten gesteckt. Die große Einwegspritze steckte noch in der Vene des linken, mit einem Gummischlauch abgebundenen Arms. Bewusstlosigkeit und Tod mussten sehr schnell eingetreten sein. Katharina richtete sich auf, um die Leiche als Ganzes zu betrachten. Irgendetwas fehlte. Sie wusste nur noch nicht, was. Thomas Henrich räusperte sich. »Ja?«, fragte Katharina. »Wie schon gesagt, ich kenne mich ja mit diesen Dingen nicht aus, aber haben Drogensüchtige nicht meistens ein Besteck? Löffel und Kerze oder so?« Richtig. Das war es. Keine Spur von den Drogen. Aber vielleicht hatte sie sich die Spritze in einem anderen Zimmer fertiggemacht. Andererseits: Wenn sie sich die Zeit genommen hatte … »Würden Sie sich hier eine Spritze setzen? Unter dem Baum?«, fragte Katharina Thomas Henrich. »Nun, ich …« Er blickte sich verunsichert im Raum um. »Ich würde mich aufs Sofa setzen.« »Würde ich auch. Die Lehne würde den Arm stützen.«

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Katharina musterte die Tote erneut. Vielleicht war es ja nur ein Schuss zwischendurch gewesen? So wie Raucher, die mal schnell auf den Balkon gehen für eine Zigarette? Und sie hatte einfach schlechten Stoff erwischt? »Ach, Herr Henrich? Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?« »Natürlich.« »Können Sie mal schauen, ob Sie Papiere finden?« »Selbstverständlich.« Bemüht, nichts zu verändern, stakste Thomas Henrich durch das Wohnzimmer. Dabei erinnerte er an einen großen, wenn auch sehr geschickten Kranich. Katharina ging durch den Flur in die Küche. Der Qualm hatte sich mittlerweile verzogen; die verkohlte Ente stand auf dem Herd. Die Feuerwehr musste sie aus der Backröhre genommen haben. Katharina sah sich in der kleinen, aufgeräumten Küche um. Geschirr stand auf der kleinen Anrichte. Ein paar Schüsseln, ein Brotkorb, ein mit Klarsichtfolie bedeckter Teller mit Lachs. Besteck. Eine Karaffe mit Wein. Und … Zwei Weingläser. Zwei Sektgläser. Zwei Teller. Die Tote wollte offenbar nicht alleine Weihnachten feiern. Sie hatte sich darauf gefreut, mit jemandem ganz Speziellen den Heiligabend zu verbringen. Ein Freund oder eine Freundin? Nein, dazu war das Essen zu festlich. Die Tote hatte jemanden erwartet, den sie liebte. Katharina kämpfte gegen ihre Traurigkeit an. Wo war dieser spezielle Jemand? Sie sah auf die Uhr. Es war kurz nach sieben. War er nicht gekommen? Oder abgehauen? Auf einem kleinen Regal standen ein paar Medikamente: Vitamine. Ein homöopathisches Mittel zur Vorbeugung gegen Erkältung. Sie nahm die Vitamine in die Hand: »Aus rein pflanzlicher Herstellung. Bei erhöhtem Vitamin-Bedarf.« Daneben eine Packung mit Folsäure-Kapseln. »Besonders bei Schwangerschaft empfohlen« stand auf der Packung. Nun ja. Katharina nahm selbst hin und wieder Folsäure. Und sie war sicher nicht schwanger. Woher auch? Sie stellte die Medikamente zurück an ihren Platz. Thomas Henrich steckte den Kopf zur Küchentür hinein. »Frau Klein? Ich glaube, das sollten Sie sich mal anschauen. Im Bad.«

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Katharina folgte ihm. »Wissen Sie schon, wer die Tote ist?« »Laut Führerschein heißt sie Carolina Buch. Außerdem hatte sie eine Visitenkarte als Mitarbeiterin einer Werbeagentur namens ›Faber Marketing‹ in Bad Vilbel.« Fester Job. Eigene Wohnung im Nordend, nicht gerade das schlechteste und billigste Viertel von Frankfurt. Wenn sie wirklich abhängig gewesen war, musste Carolina Buch ihre Sucht wirklich sehr gut im Griff gehabt haben. Und dann eine Überdosis? Thomas Henrich führte sie in das kleine Bad. Kerzen auf dem Fensterbrett über der Badewanne. Badezusätze als Perlen, Pulver und Flüssigkeit. Handtücher und Vorleger in dunklen Rottönen. Ein Holzregal. Auf dem Rand des Waschbeckens lag die leere Packung einer Einwegspritze. Außerdem standen dort, sorg fältig aufgereiht, fünf Ampullen, alle leer. Das Etikett auf den Ampullen zierte ein kleines weißes Kreuz auf rotem Grund. Heroin aus der Schweiz. Dort wurde die Droge vom Staat an Drogensüchtige abgegeben. Eine sehr erfolgreiche Maßnahme zur Bekämpfung der Drogenkriminalität, hatte Katharina in einem Bericht gelesen. Leider fanden ein paar der Ampullen ihren Weg auf den deutschen Schwarzmarkt. »Das ist doch Heroin, oder?«, fragte Thomas Henrich. »Ja.« Katharina nickte. »Aber fünf Ampullen? Ist das nicht sehr viel?« Das würde hoffentlich der Gerichtsmediziner beantworten können, der in diesem Augenblick durch die Wohnungstür trat. Dr. Metzel war ein kleiner und draller Mann. Er trug einen Einwegoverall, aus dem am Hals ein weißer Hemdkragen und eine sauber gebundene schwarze Fliege herausschauten. Außerdem war er nicht gerade in Bestlaune. Vermutlich hatte er sich seinen Feiertagsdienst auch anders vorgestellt. »Na, wo liegt denn die Patientin?« Katharina wollte antworten, aber war schon an ihr vorbei ins Wohnzimmer gestapft und hatte dort seinen Koffer fallen lassen. Der Gerichtsmediziner sah auf die Leiche, hob pro forma eine Hand an, ließ sie wieder

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fallen. Dann nahm er ein Ohrenthermometer aus seiner Tasche und maß die Temperatur der Toten. »Ja, die ist tot. – Ich ruf dann mal den Transport.« Er zog den Reißverschluss seines Overalls auf und griff in das schwarze Jackett darunter. »Nicht so schnell«, unterbrach ihn Katharina. »Wissen Sie, wie lange sie schon tot ist? Und woran sie genau gestorben ist?« »Ich glaube, ich hänge mich nicht allzu sehr aus dem Fenster, wenn ich sage: Überdosis. Todeszeit: Leichenstarre hat noch nicht eingesetzt und nach der Körpertemperatur so zwei bis drei Stunden. – Sind die Drogenreste hier irgendwo?« »Im Bad.« Dr. Metzel stapfte dort hin, Katharina ging ihm nach. Der Arzt warf einen Blick auf die Ampullen. »Fünf Stück? Na, die wollte aber.« »Wollte aber was?« »Sterben, was sonst?« »Suizid?« »Würde ich mal sagen. Die Dosis würde auch einen Hardcore-Junkie umbringen. Und danach sieht die Gute nicht aus. – Tja, sieht man jetzt immer mehr: Die Leute managen ihre Sucht, sind unauffällig. – War die Tote Schweizerin?« »Schweizerin?« »Wegen der Ampullen. Nicht das übliche Zeug, was über die Grenze schwappt. Diese Sorte wird in der Schweiz nur Privatpatienten verabreicht. Solchen, die sich die Sucht leisten können und bereit sind, beim Arzt ein erhöhtes Honorar zu zahlen.« Thomas stand in der Tür des Badezimmers: »Nein, Frau Buch war Deutsche.« »Na ja, heute geht wohl alles mit Beziehungen. – So, ich ruf dann wirklich mal den Transport. Suizid an Weihnachten. Traurig, traurig.« Dr. Metzel ging zurück ins Wohnzimmer. Einer Eingebung folgend ging Katharina noch mal in die Küche. Irgendetwas hatte sie hier übersehen. Sie sah nochmals in den Kühlschrank. Thomas Henrich blickte ihr über die Schulter.

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»Sehen Sie irgendetwas?«, fragte Katharina ihn. »Sie hatte gut eingekauft für die Festtage.« »Ungewöhnlich für jemanden, der Selbstmord begehen will, finden Sie nicht?« Zwischen den Lebensmitteln klaffte eine kleine Lücke. Als ob etwas fehlte. Nur was? Sie machte den Kühlschrank zu und ließ ihren Blick abermals über die Anrichte schweifen. Teller. Besteck. Weingläser. Sektgläser. Brotkorb … Moment. Sektgläser? Sie machte den Kühlschrank noch mal auf. Tatsächlich. »Kein Sekt«, sagte sie eher zu sich selbst. Doch Thomas Henrich machte sich eine Notiz. Dann beugte er sich zu den Sektgläsern vor. »Frau Klein? Schauen Sie mal.« Katharina sah sich die Sektgläser ebenfalls an. »Und?« »Sehen Sie mal die Weingläser. Ganz sauber und poliert. Auf den Sektgläsern …« Tatsächlich. Wischspuren. »Und das bedeutet?« »Die hat jemand abgewaschen, der das nicht so oft macht und nicht gründlich poliert hat.« Er richtete sich auf. »Wissen Sie, meine Frau wird da immer ganz fuchtig, wenn ich –« »Die Gläser wurden benutzt?« »Und dann abgewaschen. Da unten an dem einen Glas ist noch ein Wassertröpfchen.« Kein Sekt. Benutzte Sektgläser. Es war also jemand hier gewesen. Carolina Buch hatte mit ihm angestoßen. Aber auf was? Vielleicht war die Sektflasche ja im Müll. Katharina trat auf den Hebel, der den Eimer öffnete. Er war leer. Kein Müll. Wer auch immer hier war, hatte ihn mitgenommen. Und keinen Beutel nachgefüllt. Katharina wollte den Deckel schon wieder schließen, als ihr etwas auffiel. Im Gelenk des Mülleimers hatte sich etwas verfangen. Katharina zog es mit spitzen Fingern hervor. Es war ein Teil einer Cellophan-Verpackung. Katharina faltete sie vorsichtig auseinander. Die Verpackung hatte einen länglichen, rechteckigen Gegenstand eingehüllt, vielleicht fünfzehn Zentimeter lang. Sie konnte sie nicht sofort zuordnen. Doch Thomas Henrich machte sich eine Notiz. 16


»Was ist?«, fragte Katharina. »Das ist die Umverpackung von einem Schwangerschaftstest. Meine Frau hat die damals, als wir unser erstes Kind wollten, im Dutzend verbraucht.« Ein Schwangerschaftstest? Das klang nach dem Anfang zu einem Motiv. Für Mord? Selbstmord? Katharina reichte die Verpackung Thomas Henrich, der sie kommentarlos nahm und sorg fältig eintütete. Vielleicht konnte ihr der Gerichtsmediziner mehr sagen? Katharina lief ins Wohnzimmer. Der Gerichtsmediziner besah sich gerade etwas Kleines, Silbernes. »Scheint, als sei Heroin nicht die einzige Schwäche von der da gewesen.« Er hielt Katharina ein kleines Plättchen auf der Spitze seines Fingers hin. »Das hier lag auf dem Teppich. Die Rückseite einer Blisterpackung. Ziemlich starkes Schlafmittel.« Schlafmittel? Vitamine, Homöopathie und dann ausgerechnet Schlafmittel? In der Küche hatte sie keine Packung davon gesehen. »Wissen Sie, ob die Tote schwanger war?« »Was denn noch? Ich bin doch kein Hellseher.« »Können Sie es herausfinden? Bei der Autopsie?« »Ist es wichtig?« »Ja.« »Dann kann ich das schnell mal testen. Muss ja eh warten.« Er öffnete seinen Koffer und nahm eine Einwegspritze mit Kanüle und einen Schwangerschaftsschnelltest heraus. Vermutlich genau so einer wie der, der in der Zellophanverpackung eingehüllt gewesen war. Ironie des Schicksals. Ohne viel Federlesens rammte er der Toten die Kanüle in den Unterbauch. Katharina musste schlucken. Der Gerichtsmediziner zog die Spritze auf. »Urin«, erklärte er. Behutsam tropfte er etwas davon auf die Spitze des Schwangerschaftstests. »Und?« »Das dauert ein paar Minuten. – Haben Sie noch nie so einen Test gemacht?« »Nein«, knurrte Katharina. »Ach, richtig. Ist ja nicht Ihre Baustelle.« Der Gerichtsmediziner zuckte mit den Schultern. 17


Nicht ihre Baustelle? Was …? Oh, nein! Hatte das Gerücht im Präsidium schon seinen Weg ins Institut für Rechtsmedizin gefunden? Nun ja, selbst schuld. Das war wirklich das letzte Mal gewesen, dass sie diese Ausrede benutzte, um die Avancen eines Kollegen abzuwehren. Das kam davon, wenn man Männer nicht unnötig verletzen wollte. »Ich bin nicht lesbisch!«, blaffte Katharina Dr. Metzel an. Der hob abwehrend die Hände: »Schon gut, schon gut. Entschuldigung. – Warum stellen sich alle nur so an bei dem Thema? Meine Tochter ist lesbisch. Nichts dabei. Geht wenigstens nicht mit den falschen Kerlen aus.« Dann fügte er mit väterlichem Stolz hinzu: »Ihren Frauengeschmack hat sie von mir geerbt.« Das kleine Schlafzimmer war ebenfalls eine kleine Wohlfühl-Oase. Tücher. Kerzen. Ein Kleiderschrank. Das Bett sorg fältig aufgeschlagen für die Nacht. Aber kein Schlafmittel. Nicht im Nachtschränkchen oder auf den zahlreichen Ablagen. Der Kleiderschrank bot keine Verstecke. Sicherheitshalber tastete Katharina sogar unter der Matratze. Katharina versuchte es im Bad. Doch auch dort keine Spur des Mittels. Sie ging zurück ins Wohnzimmer, einer Vorahnung folgend: »Sagen Sie, kann man das Schlafmittel in irgendetwas auflösen?« »Geht schon«, antwortete der Gerichtsmediziner. »Aber die Tabletten sind klein und leicht zu schlucken. – Ich hatte da kürzlich einen Fall, da hat sich jemand an so einer Tablette verschluckt und –« »Wenn man es jemandem heimlich verabreichen will?«, unterbrach ihn Katharina. »Na ja, man müsste irgendwas mit starkem Eigengeschmack nehmen. Am besten mit Kohlensäure.« »Sekt zum Beispiel?« »Würde gehen. Ja. – Aber wozu?« »Wenn nun die Tote …« »Ermordet wurde? Nein, nein. Das ist ein Freitod. Heroin als Mordwaffe halte ich für ausgeschlossen. – Ah, der Test ist fertig. Ja, die Tote war schwanger. Und da haben Sie auch Ihr Motiv.« »Motiv?«

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»Für den Suizid. Allein. Schwanger. Drogenabhängig. Weihnachten.« »Allein? Wie kommen Sie darauf?« »Kein Ehe- oder Verlobungsring. Keine Fotos von einem Mann oder so. Außerdem die typische Single-Weibchen-Behausung.« Katharinas Blick ließ ihn zögern. »Sorry, ich bin häufiger in solchen Wohnungen. Immer Suizide.« Vielleicht hatte der Gerichtsmediziner recht. Aber wer kaufte denn zu Weihnachten ein und bereitete ein Essen vor, nur um sich dann umzubringen? Und die Sektgläser … Na ja, vielleicht war ja die frohe Botschaft nicht so angekommen, wie sie sollte, und der Mann hatte sie sitzen lassen. Aber der Müll? Und die Sektflasche? Wo waren die? Katharina sah nochmals auf die Tote. Die Spritze steckte immer noch in ihrem linken Arm. Links. Links. Da war doch was. »Herr Henrich? Das mag albern klingen, aber haben Sie irgendetwas mit dem Stichwort ›links‹ aufgeschrieben?«, fragte sie schließlich. Der Angesprochene sah in seine Notizen: »Nein.« Er dachte einen Moment nach. »Aber …« »Ja?« »Da, beim Computer: Die Maus liegt auf der linken Seite. Das Mauspad auch. Wie bei meiner Frau. Ist immer ein wahnsinniges Gefummel, wenn ich was an ihrem Computer mache.« »Das heißt, die Tote war Linkshänderin?« »Nehme ich an.« »Warum sticht sie sich dann in den linken Arm?« Der Gerichtsmediziner zuckte mit den Schultern: »An unserem Arbeitsarm sind die Venen meist kräftiger. Drogensüchtige entwickeln eine ziemliche Geschicklichkeit.« Plötzlich schlug sich Katharina auf die Stirn. »Keine Einstiche.« »Was?«, fragten Thomas Henrich und Dr. Metzel gleichzeitig. »Sie hat keine anderen Einstiche an dem Arm. Und am anderen auch nicht. – Wie hat sie sich sonst die Drogen gespritzt, wenn sie abhängig war?« »Zehen. Unterschenkel. Oder sie hat geschnupft.« »Flüssiges Heroin?«

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Der Gerichtsmediziner hatte sich bereits über die Leiche gebeugt und schaute in die Nase. »Also, geschnupft hat sie nicht. Selten so gesunde Schleimhäute gesehen.« Katharina dachte weiter nach. Endlich fragte sie: »Kann ihr ein Dritter die Drogen gespritzt haben?« Der Gerichtsmediziner lachte auf: »Sie wollen unbedingt einen Mord, oder? Was ist? Quote noch nicht erfüllt?« »Ja oder nein?« »Nein. Nicht ohne Gegenwehr. Die Tote zeigt keine einzige Abwehrspur. Und der Einstich ist ganz sauber.« »Aber wenn sie bewusstlos war, weil ihr jemand zuerst das Schlafmittel verabreicht hat …« »Meine Güte. Sie wollen aber wirklich einen Mord. Ja. Mit Schlafmittel …« »Können Sie das feststellen lassen?« »In der Toxikologie, ja. Aber toxikologische Berichte dauern. – Kann ich sie dann wegbringen lassen?«, fragte der Gerichtsmediziner ungeduldig. »Meine Familie wartet.« »Erst fotografieren.« Dr. Metzel seufzte und nahm seine Kamera aus dem Koffer. Offenbar hatte er den richtigen Schluss gezogen: Er würde niemals nach Hause kommen, wenn er nicht tat, was Katharina sagte. »Oh ja, ich habe die Feuerwehr gerufen. Der ganze Qualm. Und der Geruch nach Verbranntem. Da musste was passiert sein, habe ich gedacht. Das Fräulein Buch war immer so vorsichtig. Und immer so gepflegt. Hätte nie gedacht … Das arme Ding.« Die Nachbarin, die die Feuerwehr gerufen hatte, war Mitte siebzig. Großmuttertyp. Kaum hatte sie die Tür aufgemacht, fing sie auch schon an zu reden, noch bevor Katharina und Thomas Henrich sich richtig vorgestellt hatten. »Hatte sie Familie?« »Nein, das arme Kind. Die Eltern sind vor ein paar Jahren gestorben. – Sie war immer so tapfer. Und so hilfsbereit. Hat öfter für mich eingekauft mit ihrem kleinen roten Wagen.« 20


»Sie hat ein Auto?« »Ja dieser kleine Rote, der auf dem Hof steht. Das ist ihrer.« Thomas Henrich blätterte schüchtern in seinen Notizen. »Darf ich etwas fragen?« »Natürlich, junger Mann.« »War Frau Buch oft in der Schweiz?« Er zeigte Katharina in seinen Notizen die Wörter: »Heroin aus der Schweiz?« »In der Schweiz? Nicht, dass ich wüsste. – Aber, Moment …« »Ja?« »Ihr Verlobter kam aus der Schweiz, glaube ich. Arbeitete für Swiss … irgendwas. Ach, mein Gedächtnis.« »Verlobter?« »Freund. Liebhaber. Oder wie ihr jungen Dinger das heute nennt. War sehr oft da. So ein ganz Fescher. Immer im Anzug. Und sehr höflich. Was ja heute selten ist. Das ist eine gute Partie, habe ich dem Fräulein Buch gesagt. Und so ein hübscher Name. Adrian. Ja, so hieß er. Ist ja heute ganz aus der Mode gekommen, dieser Name.« »Wissen Sie auch den Nachnamen?« »Nein. Leider nicht. Der Ärmste. Es wird ihm das Herz brechen. Und das Fräulein Buch hatte sich so darauf gefreut, mit ihm gemeinsam zu feiern. Sie hat Weihnachten so geliebt.« Katharina nahm das Handy, das auf einem Tischchen im Flur der Toten lag. Sie rief das Nummernverzeichnis auf. Gleich vier Nummern: »Adrian / Büro«, »Adrian / Zürich«, »Adrian / Handy«, »Adrian / FFM«. Vielleicht hatten sie ja Glück. Katharina rief von ihrem eigenen Handy in der Zentrale an: »Oswald? Kannst du mir die Adresse zu einer Telefonnummer raussuchen?« – »Klar. Gib mir die Nummer. Ich schicke dir eine SMS.« Die Leiche war auf dem Weg zur Gerichtsmedizin. Dr. Metzel war grummelnd in seinen Volvo gestiegen. Die Wohnung wartete versiegelt auf die Spurensicherung. Katharina und Thomas Henrich standen auf dem Hof des Hauses vor dem neuen, roten Toyota, der Carolina Buch gehört hatte. Katharina warf einen Blick auf die Windschutzscheibe. 21


»In der Schweiz war sie zumindest nicht mit dem Auto. Keine MautPlakette«, stellte sie fest. »Und jetzt?«, fragte Thomas Henrich, der vor Kälte zitterte. »Jetzt nehmen wir uns mal diesen Adrian vor.« Die Telefonnummer gehörte zu einem Apartment in der sechsten Etage der »Beethoven-Residenz«. Es war an eine Firma namens »Swiss Economy Consultants« vermietet. Katharina kannte solche Apartments. Sie waren möbliert und wurden zeitweise für Mitarbeiter angemietet, die sich temporär in Frankfurt aufhielten, allerdings zu lange, als dass sich ein Hotelaufenthalt rechnen würde. Auf ihr Klingeln an der Haustür hatte niemand reagiert, also hatte Katharina kurzerhand das Schloss mit ihrem Taschenmesser-Dietrich geöffnet. Thomas Henrich hatte sich ängstlich umgeschaut und mit dem Kopf geschüttelt, aber nichts gesagt. Jetzt standen sie vor der Tür des Appartements. Dunkles Holzfurnier. Spion. Ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »SEC – Adrian Krüger«. Sie klingelten. Klingelten erneut. Niemand öffnete. Katharina überlegte kurz, ob sie den kürzesten Dienstweg gehen sollten (mit dem Dietrich durch eine weitere Tür), aber Thomas Henrich würde das sicher nicht gutheißen. Er sah jetzt schon besorgt aus. Als sie sich gerade zum Gehen wandten, kam ihnen ein Mann entgegen. Groß. Breitschultrig. Zu gelackt, um wirklich gut auszusehen. Sein Aftershave roch man schon auf zwei Meter Entfernung. Er trug einen Trenchcoat. »Wollen Sie zu mir?«, fragte er. »Sind Sie Adrian Krüger?«, fragte Katharina zurück. »Ja. Und Sie sind?« Katharina zögerte. Sie hasste diesen Moment. Das Überbringen der schlechten Botschaft. Thomas Henrich sprang ein: »Wir sind von der Kriminalpolizei Frankfurt.« Die Mundwinkel des Mannes zuckten: »Ach herrje, am Heiligabend? Welche reizende alte Dame sollen wir denn jetzt wieder um ihre Ersparnisse gebracht haben?« »Nein, wir … Dürfen wir einen Augenblick hereinkommen?«

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»Ist was passiert?« »Vielleicht könnten wir das drinnen …?« »Gut. Kommen Sie. Ist aber nicht sehr gemütlich.« Sie betraten das kleine, funktional eingerichtete Appartement: Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein paar Stühle, eine kleine Kochecke. Adrian Krüger warf seinen Mantel auf das schmale und nicht sehr bequem wirkende Bett. »Also?« »Vielleicht setzen Sie sich besser.« Adrian Krüger gehorchte und setzte sich auf einen der Stühle. »Kennen Sie eine Carolina Buch?« »Ja, das ist meine … Mein Gott, ist was passiert?« Katharina horchte auf. Das war zu dramatisch. Klang wie einstudiert. Oder etwa nicht? Thomas Henrich nahm sich den zweiten Stuhl: »Ich fürchte, ich habe eine traurige Nachricht für Sie. Frau Buch ist … sie wurde heute Abend tot aufgefunden.« »Mein Gott, tot?« Der Ton stimmte einfach nicht. Aber gleichzeitig … Adrian Krüger zitterte am ganzen Körper. Vielleicht der Schock. »Ja. Sie hat eine Überdosis Drogen genommen«, fuhr Thomas Henrich fort. Adrian Krüger sah auf: »Drogen?« »Heroin.« Einen kurzen Augenblick sah Adrian Krüger zur Seite. Dann ließ er den Kopf in die Hände sinken. »Und ich wollte doch … heute Abend …« »Sie wusste nicht, dass Sie in der Stadt sind?«, fragte Katharina dazwischen. Adrian Krüger sah nicht auf: »Nein, ich wollte sie überraschen. Später.« Überraschen? Und die Sektgläser? Das doppelte Gedeck? Für wen …? Oder log er? »Dürfen wir Ihnen noch ein paar Fragen stellen?« Thomas Henrich hatte offenbar den gleichen Gedanken gehabt wie Katharina. Adrian Krüger zitterte noch stärker. »Jetzt?« »Es muss leider sein.«

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Adrian Krüger sah wieder zur Seite. Katharina folgte seinem Blick. Das Bett. Der Mantel. Was war …? Sie ging zum Bett und setzte sich vorsichtig. Dabei schob sie den Mantel etwas beiseite. Es war nur ein kleiner Moment. Ein Zögern. Ein kurzer Ruck. Aber Adrian Krüger erschrak, als sie dem Mantel zu nahe kam. Ruckartig stand er auf. »Warten Sie, ich …« Er nahm den Mantel und hängte ihn an einen Haken am Schrank. Dabei war er so fahrig, dass der den Haken zweimal verfehlte. Dann strich er über die Taschen des Mantels. Als ob er sich versichern wollte, das nichts fehlte. Endlich setzte er sich wieder. Seine Hände zitterten. Thomas Henrich lehnte sich vor und legte ihm die Hand auf den Unterarm: »Geht es Ihnen nicht gut?« »Ich … Der Schock … Carolina …« Katharina holte gerade Luft, als Thomas Henrich mit leiser, sanfter Stimme fragte: »Herr Krüger, sind Sie drogenabhängig?« Thomas Henrich war gut, das musste Katharina ihm lassen. Er hatte Adrian Krüger genau zur richtigen Zeit konfrontiert. Auf die richtige Art. Adrian Krüger war auf Entzug. Kein Wunder. Sein Festtagsvorrat befand sich in den Venen von Carolina Buch. Und er hatte sich vermutlich gerade Ersatz besorgt, der nun in den Taschen seines Mantels ruhte. Thomas Henrich sprach weiter, immer noch ruhig und sanft: »Haben Sie Carolina Buch getötet?« Adrian Krüger sprang auf, wollte zur Tür hechten, doch Katharina versperrte ihm den Weg, nach ihrer Pistole greifend. Adrian Krüger stoppte, drehte um. Bevor sie begriff, was er vorhatte, war es zu spät. Glas splitterte. Adrian Krüger war über den Tisch und durch die Fensterscheibe gesprungen. Auch Thomas Henrich konnte ihn nicht mehr festhalten. »Ja, der ist auch tot.« Dr. Metzel machte sich gar nicht erst die Mühe, nach Lebenszeichen zu suchen. Der Kopf von Adrian Krüger war eine blutige Masse, seine Gliedmaßen verrenkt. Der Bürgersteig um die Leiche war abgesperrt. Mehrere Streifenwagen tauchten die Szenerie in ein flackerndes blaues Licht. Die Feuerwehr hatte zwei Scheinwerfer aufgestellt. Mehr konnte sie nicht tun.

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Katharina hatte die Hände in die Taschen ihrer Lederjacke geschoben. Thomas Henrich stand etwas abseits. Er war blass. »Und der wollte wirklich«, fuhr der Gerichtsmediziner fort. »Der ist gesprungen. Kopf voran.« »Ich weiß«, sagte Katharina tonlos. »Wir waren dabei. – Er hat Carolina Buch getötet.« »Wen?« »Die junge Frau von vorhin.« »Ach so. Na ja, Fall gelöst, nicht wahr? Ich lasse den hier dann mal in die Gerichtsmedizin bringen. Und vielleicht komme ich ja dann endlich dazu, Heiligabend zu feiern. Die Berichte kriegen Sie nächste Woche. Ist ja jetzt nicht mehr eilig.« Fall gelöst. Richtig. Katharina wollte sich am liebsten übergeben. »Na dann, frohe Weihnachten«, fügte Dr. Metzel noch hinzu, während er seinen Koffer zuklappte. Es war halb zwölf, als Katharina und Thomas Henrich mit ihrem Bericht fast fertig waren. Sie waren noch einmal in das Apartment hinaufgegangen. Ein kleines Päckchen mit Straßenheroin in der linken Manteltasche. In der Nachttischschublade Spritzen wie die im Arm von Carolina Buch. Eine leere Packung für Ampullen, verschrieben in der Schweiz. Drogensucht war offenbar kein Problem, wenn man für »Swiss Economy Consultants« arbeitete. Neben der Packung ein Blister mit Schlaftabletten. Und ein Foto. Adrian Krüger und Carolina Buch. Auf dem Foto schien die Sonne. Sie standen auf dem Eisernen Steg und hielten sich im Arm. Vermutlich hatten sie einen Passanten gebeten, sie zu knipsen. »Es fehlt noch das Motiv. Was soll ich da schreiben?« Thomas Henrich, der artig getippt hatte, sah von Computerbildschirm auf. Katharina seufzte: »Sie ist schwanger. Sie nutzt den Heiligabend für die Überraschung, er reagiert nicht wie gewünscht. Als Drogensüchtiger will er keine Kinder. Das ist alles.« Thomas Henrich tippte. »Fertig.« Er druckte den Bericht aus, sie beide unterschrieben. Katharina seufzte tief. »Alles in Ordnung?«, fragte Thomas Henrich behutsam.

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»Das ist nur mein üblicher Moralischer.« »Moralischer?« »Morde sind immer so banal. Begangen von dummen Menschen mit kleingeistigen Motiven. Und der hier ist keine Ausnahme.« »Das ist allerdings richtig.« Thomas Henrich zögerte einen Moment: »Aber ich … ich habe gehört, dass Sie eine ganz Fanatische sind. Die nirgendwo lieber ist als beim KK 11.« »Spaß macht das Jagen. Nicht das Haben. Das Ende ist immer eine Enttäuschung. Vor allem am Heiligabend. Wenn man eigentlich unter dem Tannenbaum sitzen, Lebkuchen und Schokolade essen und Geschenke öffnen sollte.« »Sie sind ein echter Weihnachts-Fan, oder?« »Woher …?« »Ach, das ist nun wirklich nicht schwer zu erraten. Der kleine Baum im Aufenthaltsraum. Der bunte Teller. Außerdem …« »Außerdem?« »Ich konnte nicht umhin zu bemerken, wie traurig Sie den Baum von Carolina Buch angeschaut haben.« »Sie hätte unter dem Baum sitzen sollen. Geschenke auspacken. Was Schönes essen. Mit ihrem Freund. Vielleicht später mit ihm schlafen. Stattdessen ist sie tot. – Nun ja, Sie haben mich ertappt. Ich bin ein Weihnachts-Fan. Was ist da falsch dran?« Thomas Henrich lächelte: »Einmal im Jahr für ein paar Tage an das Gute im Menschen glauben? Hoffnung haben, dass sich alles zum Besten wendet? Da ist überhaupt nichts falsch dran.« Oh Hilfe. Wieder ertappt. Genau das hätte sie auch gesagt. Wenn auch nicht mit so sanfter Stimme. Woher kannte Thomas Henrich sie so gut? Energisch klappte sie den Aktendeckel mit ihrem Bericht zu und legte ihn in das Ausgangsfach. »Und jetzt? Pause?« »Pause. Eine gute Idee. – Wir könnten in die Mitternachtsmesse im Dom gehen. Die soll sehr schön sein.« Mitternachtsmesse im Dom? Oh nein. Keine Kirche. Katharina hasste Kirchen. Aber das musste Thomas Henrich ja nicht auch gleich erfahren. »Ich habe eine bessere Idee«, sagte sie vielleicht etwas zu fröhlich. »Wir fahren auf die Weihnachtsfeier von Antonio Kurtz.« 26


»Dem Zuhälter?« Thomas Henrich sah sie erschrocken an. »Erotik-Gastronom«, korrigierte sie ihn freundlich, aber bestimmt. »Außerdem ist er mein Pate.« »Ihr was?« Katharina kicherte vergnügt. Dieser Witz verfehlte nie seine Wirkung. »Mein Patenonkel. Ernsthaft. Kommen Sie! Huren, Ganoven, einsame Prominente und gutes italienisches Essen. Ganz im Geist der Weihnacht.« »Aber …« »Wenn es Sie beruhigt, verbuchen wir das Ganze unter informelle Recherche. Den einen oder anderen Tippgeber treffen wir da ganz bestimmt. Und auf der Feier passiert nichts Illegales. Nicht an Weihnachten. Versprochen.« Auf dem Weg zum Fahrstuhl fragte Katharina: »Mit wem arbeiten Sie eigentlich sonst zusammen?« Thomas Henrich blieb stehen. »Ich … äh …« »Ja?« »Ich glaube, Polanski will mich zur Wirtschaftskriminalität zurückschicken.« »Schade. Warum das denn?« »Es scheint, als sei ich den Kollegen hier zu korrekt und bürokratisch. – Keine Initiative. Hat wohl der Herr Hölsung gesagt.« »Keine Initiative? Hölsung?« Katharina knirschte mit den Zähnen. »Der ist doch auch nur hier, weil er mit dem Innenminister Golf spielt.« »Ernsthaft?« »Ja. – Möchten Sie mein Partner werden?« Vielleicht war Katharinas Frage zu plötzlich, den Thomas Henrich errötete. »Was? Ich … Sie wissen, dass ich verheiratet bin?« »Ja. Und?« Endlich ging Katharina ein Licht auf. »Doch nicht so. Als Team. Beruflich. – Und, einerlei, was Hölsung sagt, ich bin keine Nymphomanin.« Thomas Henrich atmete hörbar aus. »Und Polanski?« »Dem bringe ich das schon bei. Dem bin ich zu initiativ und zu flexibel im Umgang mit dienstlichen Vorgängen. Seine Worte. Da sollten wir uns doch hervorragend ergänzen.« 27


Thomas Henrich schwieg. Katharina stieß ihm sanft in die Rippen: »Kommen Sie. Ich bin nur halb so schlimm wie mein Ruf. Oder haben Sie ein Problem damit?« »Nein. Nein. Ich bin nur überrascht.« »Wir haben doch heute Abend gut zusammengearbeitet, oder nicht?« »Ja. In der Tat. Haben wir.« Er zögerte. »Aber …« »Aber?« »Bitte nicht hauen. Beim Selbstverteidigungstraining.« Humor hatte der Mann auch noch. »Man wird sehen.« »Aber im Zweifelsfall bin ich schneller als Sie. – Ich bin ein ziemlich guter Läufer.« »Nun, auch das werden wir sehen. Partner?« Sie streckte ihm die Hand hin. Er schlug ein. »Partner.« Im Fahrstuhl beugte sich Thomas Henrich hinunter, um einen seiner Schuhe neu zu binden. Seine Socken waren nicht weinrot, wie Katharina kichernd feststellte. »Was ist?« Thomas Henrich blickte zu ihr auf. »Hellrot und mit wuscheligem, weißem Rand? Ernsthaft?« »Nikolaussocken.« Thomas Henrich richtete sich auf: »Etwas Nonkonformität muss sein. Und Sie sind nicht der einzige Weihnachts-Fan im Präsidium, wissen Sie?« Katharina hakte sich vergnügt bei ihrem neuen Partner ein: »Ich glaube, das ist der Beginn einer … Sie wissen schon.« Das leise »Ping« des Fahrstuhls ertönte. Sie waren im Erdgeschoss angelangt.

ENDE

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Sutton Kurzkrimi 24. Dezember  

Helmut Barz "Christmas Blues"

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