Issuu on Google+

sutton-kurZ-krimi


Christine Sylvester

Wehrlos gl체cklich Eine Lale-Petersen-Weihnachtsgeschichte

un ver k채 ufli ch eL ese

pro be


»Mach Platz, Pit Bull! Wir sind gleich wieder bei dir.« Lale Petersen tätschelte die breite Stirn des ausgewachsenen Pit Bulls. »Dann bringen wir dir dein Frauchen wieder.« Sie schloss die Tür des Dienstwagens, während ihr Kollegin Mandy Schneider bereits die Waffe zückte. »Warum nehmen wir den Hund nicht mit?«, fragte Uwe Krokowczik. »Der müsste sein Frauchen doch am schnellsten finden.« »Kroko, wir wollen eine Geisel befreien«, erklärte Lale gereizt. »Meinen Sie, ich riskiere, dass der Geiselgangster den armen Hund erschießt?« Kroko sah Lale entsetzt an. »Da riskieren Sie lieber, dass er mich erschießt als den Hund?« Lale verdrehte die Augen. »Kroko, Sie rennen doch wohl kaum schwanzwedelnd auf einen bewaffneten Verbrecher zu, oder?« Mandy kicherte. »Und Sie wirken auch weniger gefährlich als ein Pit Bull«, setzte Lale grinsend hinzu. Kroko schob die Unterlippe vor und kramte nach seiner Dienstwaffe. »Das wollen wir doch mal sehen.« »Los jetzt«, kommandierte Mandy und schob sich durch die Metallgitter, die die halb verfallene Fabrikhalle notdürftig gegen ungebetene Besucher schützten. Dann verschwand sie durch einen graffitiverzierten Eingang. Lale und Kroko folgten ihr in das finstere Gemäuer. Düster lag ein langer Flur vor ihnen. Von den Wänden blätterte Putz, der sich zum Teil grünlich verfärbt hatte, und der Boden war übersät mit zerbrochenen Flaschen. »Stopp!« Kroko blieb stehen und blickte auf seinen GPS-Empfänger. »Jetzt habe ich ein Signal. Da vorn rechts muss es sein. Das sind die Koordinaten.«


»Dann los«, zischte Mandy und sprang kampflustig vor der geschlossenen Tür von einem Bein auf das andere. Sie nahm etwas Anlauf und warf sich mit voller Wucht gegen die Tür. Es knirschte und krachte, doch die Tür widerstand. »Blöde Tür!« Mandy legte die Waffe an, kniff ein Auge zu und zielte auf das Schloss. »Haltet euch die Ohren zu.« »Schluss jetzt«, ging Lale dazwischen. »Du veranstaltest ja ganz allein mehr Radau als der Adventschor auf dem Striezelmarkt.« Sie schob Mandy zur Seite und drückte die Türklinke herunter. Mit einem leisen Ächzen öffnete sich die Tür. »Geht doch.« Eine Halle tat sich vor ihnen auf, in der zahlreiche Maschinen ihr Dasein der Korrosion überließen. Immerhin fiel etwas Tageslicht durch die erblindeten Fenster. Lales Blick wanderte durch den Raum und zurück zu den Kollegen. Sie legte den Finger an die Lippen und lauschte. Doch außer entferntem Straßenlärm war nichts zu hören. Kroko deutete mit dem Kinn in den hinteren Teil der Halle. Geduckt und im Gänsemarsch schlichen sie zwischen den Maschinen hindurch weiter. Ein Klirren ließ Lale herumfahren. »Sorry«, murmelte Mandy und deutete achselzuckend auf den Schraubenschlüssel, über den sie gestolpert war. Im hinteren Teil der Halle gelangten sie an eine Stahltür. »Hier«, zischte Kroko und deutete auf seinen GPS-Empfänger. »Wir sind ganz nah dran.« Mandy versuchte behutsam, die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen. »Die müssen wir nun aber aufschießen«, wisperte sie und griff zur Waffe. Lale seufzte. »Nein, zu gefährlich. Bumerangeffekt. Außerdem: Wer weiß, was uns auf der anderen Seite erwartet.« »Moment.« Kroko schob sich an den beiden vorbei und kramte ein Mäppchen aus seiner Tasche. Werkzeug kam zum Vorschein und Kroko machte sich flink daran, das Schloss auszubauen. »Ich brauche einen Schraubenzieher«, flüsterte er.

6


Lale begann in den Taschen ihrer Lederjacke zu wühlen. »Habe ich.« Sie packte allerhand Utensilien wie alte Fahrkarten, Zucker­ stücke und antike Pfefferminzbonbons aus. Taschentücher, der abgelaufene Ausweis vom Fitnessstudio, eine Restaurantquittung … Dann hielt sie triumphierend einen kleinen Schraubenzieher in die Höhe. Mit einem geschickten Griff hatte Kroko die Tür aufgehebelt. »Uff, Glück gehabt«, raunte Mandy. »Keine weiteren Schlösser.« Plötzlich vernahmen sie ein Jaulen hinter der Stahltür. »Brigitte!« Lale stürmte in den Raum und prallte gegen völlige Finsternis. Sie hielt abrupt inne und Mandy stolperte ihr in den Rücken. Das Jaulen wurde lauter und klang noch jämmerlicher. »Brigitte?« Mandy dämpfte die Stimme. Die Antwort war ein anhaltendes »Huuuuuaaaah.« »Mein Gott.« Kroko rempelte Lale an. »Wird sie gefoltert?« »Psst«, machte Lale. »Taschenlampe?« »Genau. Taschenlampe«, hauchte Mandy. Kurz darauf erhellte ein Lichtstrahl den Boden vor ihren Füßen. Lale blinzelte, während Mandy mit dem Strahl langsam den Raum abtastete. In diesem Moment ertönte wieder das grauenhafte »Huuuuaaaaa­« aus der anderen Ecke. Mandy wirbelte herum und der Strahl der Taschenlampe erhellte ein Frauengesicht, eine wallende rote Mähne sowie dicke neonfarbene Kopfhörer. »Brigitte!«, riefen Mandy und Lale gleichzeitig und stürzten auf die Frau zu. Sie lag auf einem Bett, hielt die Augen geschlossen und ihr Gesichtsausdruck wirkte weniger gequält als vielmehr entrückt. Lale rüttelte an Brigitte, die aufschreckte und die Augen weit aufriss. »Hä?!?« »Sie ist gefesselt.« Mandy leuchtete auf Brigittes Handgelenke, die mit Tüchern an die metallenen Bettpfosten gebunden waren. »Dann binden wir sie mal los.« Lale ging um das Bett herum. »Nein«, schrie Brigitte. »Die Kopfhörer.« Lale nahm ihr die giftgrünen Kopfhörer ab und lauschte hinein. »Bowie … gut!«

7


»Eben.« Brigitte schaute böse von einer zur anderen. »Was macht ihr hier?« »Dich befreien, was sonst?« Lale machte sich an Brigittes linkem Handgelenk zu schaffen und wunderte sich über den leicht zu lösenden Knoten. »Muss das sein?«, fragte Brigitte ungehalten. »Wie bitte?« Mandy band gerade Brigittes rechtes Handgelenk los. »Spinnst du?« Lale seufzte. »Was für eine überflüssige Frage!« »Vielleicht hat er sie unter Drogen gesetzt«, warf Kroko ein. »Ich habe da mal von einem Fall gelesen …« »Ja, ja«, unterbrach Lale. »Jetzt müssen wir erstmal hier weg. Den Typen schnappen wir uns später.« »Ich will nicht weg.« Brigitte schüttelte die rote Mähne. »Ich bleibe hier.« Sie verschränkte die Beine zum Schneidersitz und die Arme vor der Brust. »Das darf ja wohl nicht wahr sein«, schimpfte Mandy. »Komm jetzt!« »Auf gar keinen Fall«, trotzte Brigitte. Lale stöhnte. Sie schob Mandy zur Seite. »Kroko, mit anfassen! Wir tragen sie hier raus.« *** »Fassen wir zusammen.« Lale klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch. »Der Mann ist ein Einzeltäter, hat einen Juwelierladen am Altmarkt überfallen und das zur Hauptgeschäftszeit, am späten Nachmittag. Ist das nicht ungeschickt?« Mandy nahm einen dicken Filzstift von Lales Schreibtisch. »Vielleicht wollte er den großen Trubel nutzen, um zu entkommen. Das Weihnachtsgeschäft, der Striezelmarkt …« »Aber das hat nicht geklappt.« Lale rieb sich das Kinn und betrachtete den Innenstadtplan, der an der Wand hing. Mandy malte hingebungsvoll Riesentanne, Buden, Karussell, Bühne und Riesenschwibbogen auf die Planfläche des Altmarkts. 8


»Er schnappt sich seine Beute, läuft hinaus auf den Weihnachtsmarkt direkt zwischen den Buden hindurch«, überlegte Lale laut. »Genau.« Mandy griff nun zu einem roten Filzer. »Nach den Zeugenaussagen muss er etwa so über den Striezelmarkt gelaufen sein.« Sie zeichnete eine Zickzack-Linie quer über den Marktplatz. »Und dann ist er so blöde und läuft direkt auf den Polizeiinfostand von unserem Presse-Paul zu.« Lale grinste. »Der hätte doch nur unauffällig weiterschlendern müssen …« »Wahrscheinlich kein Profi«, mutmaßte Mandy. »Der hat ›Polizei‹ gelesen und Panik bekommen.« »Und hier …« Lale zeichnete nun mit einem grünen Filzer ein Kreuz neben den skizzierten Polizeiinfostand. »Wartet Brigitte auf uns.« »Er zieht die Waffe und schnappt sich unsere attraktive Freundin.« Mandy nickte. »Wenn sie sich ihm nicht ohnehin schon an den Hals geschmissen hat.« Lale schmunzelte. »Brigitte nimmt ja fast alles, was bei drei nicht auf dem Christbaum sitzt.« Mandy kicherte. »Aber ich hätte an seiner Stelle auch lieber Brigitte als Paul Winter genommen.« Die Tür flog auf und der Pressesprecher betrat schwungvoll das Büro. »Meine Damen …« »Unser Presse-Paul als Geisel wäre eine recht verlockende Vorstellung«, feixte Lale. »Nicht wahr, Herr Winter?« »Was?« Paul Winter erstarrte inmitten einer theatralischen Geste. »Sie verbinden verlockende Vorstellungen mit mir?« »Wir haben uns gerade gefragt, warum der Juwelenräuber gestern nicht Sie als Geisel genommen hat«, spottete Lale. »Ich hätte Sie genommen …« »Wirklich?« Paul Winter zwinkerte irritiert hinter seinen rot umrandeten Brillengläsern. Dann holte er zu einer dramatischen Geste aus. »Was für eine Schlagzeile! Kommissarin kidnapped Polizei­pressesprecher aus Leidenschaft.« »Falsch, Herr Winter.« Lale verdrehte die Augen. »Konsequente Kommissarin knebelt Kommunikationsclown!« 9


»Schluss damit«, ging Mandy dazwischen. »Der Täter hat sich Brigitte geschnappt.« Sie sah Lale durchdringend an. »Und das nur, weil wir zu spät zu unserer Verabredung gekommen sind. Und warum sind wir zu spät gekommen?« »Weil wir selten pünktlich Feierabend haben?«, fragte Lale. »Nein, weil du gefahren bist!« Mandy verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn ich gefahren wäre, wären wir pünktlich da gewesen.« »Dafür schwebt bei deinem Fahrstil ganz Dresden in Lebens­ gefahr«, konterte Lale. »Aber wir hätten Brigitte gerettet«, beharrte Mandy. »Meine Damen«, mischte sich Paul Winter ein. »Sie haben doch die Geisel aus den Fängen des finsteren Unholds befreit.« Er zog einen Ausdruck aus einer Mappe hervor. »Meine Pressemitteilung: Heldenhafte Kommissarinnen befreien wehrlose Geisel.« »So ein Quatsch«, entgegnete Lale. »Erstens: Wir sind nicht heldenhaft, es ist unser Job. Zweitens: Geiseln sind nun einmal wehrlos, sonst müssten sie nicht befreit werden. Und drittens: Sie haben Kroko unterschlagen.« Dann grinste sie. »Außerdem ist noch ungeklärt, ob wir nicht eher einen kopflosen Kleinkriminellen von einer äußerst strapaziösen Geisel befreit haben.« »Wie bitte?« Paul Winter fuhr sich durch seine Föntolle. »Kann ich dann mit dem Kollegen Krokowczik sprechen?« »Nee«, bedauerte Mandy. »Kroko liegt mit dem Chef auf der Lauer. Irgendwann muss unser Täter ja zum Geiselversteck zurückkehren.« »Ist Brigitte eigentlich schon da?«, fragte Lale. »Ja, sie ist bei der Kollegin, die Phantombilder generiert.« Mandy trat von einem Bein auf das andere. »Wollen wir nicht mal gucken gehen?« Lale sprang auf. »Sie müssen ihn doch auch gesehen haben, wenn er die Geisel direkt vor Ihrem Infostand genommen hat.« Winter schüttelte den Kopf, dass die Föntolle nur so wippte. »Das ist mir nun etwas unangenehm, aber  … das war in der gestrigen Situation so nicht möglich.« 10


»Wie? Nicht möglich?«, hakte Mandy nach. »Du bist doch jeden Tag am Stand.« »Selbstverständlich«, erklärte der Pressesprecher. »Aber zu besagtem Zeitpunkt … war ich kurz weg.« »Wieso waren Sie weg?«, fragte Lale. »Wo waren Sie denn?« Paul Winter lächelte verlegen. »Ich war, nun, ich war mal austreten.« Mandy kicherte. »Isch gloob’s ja ni. Den ganzen Tag am Infostand der Polizei und wenn’s ne Geiselnahme gibt, ist Paulchen mal pullern.« *** »Nein, seine Nase ist viel klassischer.« Brigitte tippte mit dem lackierten Nagel auf den Monitor. »Und die Lippen müssen voller sein, sinnlicher.« Die junge Kollegin, die die Phantombild-Software bediente, stöhnte leise. Lale hingegen stöhnte laut. »Mensch, Brigitte, das wird ein Phantombild, nicht das Titelbild von ›Men’s Health‹.« »Aber der Haaransatz passt noch gar nicht«, maulte Brigitte. »Er hat diese sexy Geheimratsecken und leicht angegraute Schläfen …« »Schluss jetzt mit dem Theater!« Lale haute mit der Faust auf den Tisch. »Der Typ überfällt einen Juwelierladen. Dann nimmt er dich als Geisel, sperrt dich in diese Abrissfabrik und fesselt dich ans Bett …« Brigitte seufzte. »Oh ja …« Lale runzelte die Stirn. »Und er war die ganz Zeit über unmaskiert?« Brigitte fuhr sich durch die rote Mähne. »Zum Glück …« »Wenn mich jemand als Geisel nehmen würde, ohne sich zu maskieren, wäre ich mehr als beunruhigt«, warf Mandy ein. »Genau«, stimmte Lale zu. »Daraus lässt sich schließen, dass er vorhatte, dich zu töten.« »Mich zu töten?« Brigitte wandte den Blick vom Bildschirm ab. »Wieso das denn?« 11


»Damit du ihn nicht identifizieren kannst.« Mandy klang gereizt. »Dreitagebart«, rief Brigitte. »Sie haben den Dreitagebart vergessen.« Die junge Kollegin drückte ein paar Tasten. »So, jetzt möchte es aber mal passen. Ich habe heute noch anderes vor.« »Sie hören mir ja gar nicht richtig zu«, motzte Brigitte. »Das, was Sie da fabrizieren, sieht aus wie ein Pflaumentoffel. Der Mann ist viel attraktiver als Ihr hässliches Bild!« In diesem Moment meldete sich Lales Handy. Das Display zeigte, dass Gerste mit ihr sprechen wollte. »Chef?« »Wir haben zwei Verdächtige«, sagte Gerste knapp. »Warum zwei?«, fragte Lale. »Es war doch ein Einzeltäter.« »Die beiden scheinen nicht zusammenzugehören«, erklärte Gerste. »Beide erzählen, sie seien da, um einen Geocache zu heben.« »Und es gibt gar keinen Geocache in der Ruine?«, vermutete Lale. »Kroko überprüft das gerade.« Gerste räusperte sich. »Bereiten Sie den Vernehmungsraum für eine Gegenüberstellung vor. Wir sind gleich da.« Klack. Das Gespräch war beendet. Mandy schaute neugierig. »Gegenüberstellung.« Lale nickte Mandy zu. »Das müssen Sie unbedingt nochmal ändern«, verlangte Brigitte von der jungen Kollegin. »Die Haare kürzer und die Nase kleiner … Und die Lippen gehen gar nicht. Die sehen jetzt aus wie ein Schlauchboot. Die sind doch schmaler.« Lale sah Mandy mit hochgezogenen Brauen an. »Ja, und die Augen standen enger zusammen«, schnatterte Brigitte. »Mit einem leichten Silberblick.« Mandy sah auf den Monitor. »Jetzt sieht er aus wie ein Monchichi.« *** »Schicken Sie bitte einen weiteren Kollegen für unsere Gegenüberstellung herauf«, rief Lale in den Apparat. »In Zivil, versteht sich.« 12


»Tut mir leid«, antwortete die Diensthabende vom Revier Altstadt. »Wir haben nur noch weibliche Einsatzkräfte.« »Mist.« Lale warf den Hörer auf die Gabel. »Scheißfrauenquote.« »Wie bitte? Sie sind gegen Frauenquoten?« Paul Winter kam federnden Ganges herein und wedelte Lale mit seiner Pressemitteilung vor der Nase herum. »Alles überarbeitet, umformuliert und korrigiert. Wenn Sie bitte einen Blick darauf werfen würden …« Lale warf ihren Blick lieber auf die vier Männer, die sich hinter der einseitig verspiegelten Scheibe versammelt hatten: die beiden Verdächtigen und zwei Zivilpolizisten. Dann wandte sie sich an den Pressemann. »Winter, Sie kommen ausnahmsweise mal wie gerufen!« Der Pressesprecher stutzte. »Sie wollen mich veralbern. Meinen Sie, ich merke das nicht?« »Nicht doch«, sagte Lale. »Ich brauche Sie wirklich dringend für die Gegenüberstellung.« »Sie meinen, ich soll als Statist fungieren?« Er schüttelte ungläubig seine Haartolle. »Wie soll das funktionieren? Wie Sie wissen, bin ich bekannt aus Funk und Fernsehen.« »Ja, aus Polizeifunk und Lokalfernsehen.« Lale verdrehte die Augen. »Geben Sie mir mal Ihre Brille.« Paul Winter reichte ihr folgsam das rote Gestell. »So, und jetzt rein da.« Lale deutete auf den Nebenraum. »Und zwar ein bisschen hurtig. Unser Tatopfer kann jeden Moment da sein.« »Ich eigne mich nicht für eine Nebenrolle«, protestierte Winter. »Sie haben gepinkelt statt die Geisel zu beschützen«, legte Lale nach. »Sie haben etwas gutzumachen. Also bemühen Sie sich mal, zehn Minuten lang unauffällig zu wirken.« Blinzelnd tastete Winter nach der Klinke der Verbindungstür. »Nur, weil Sie mich so lieb bitten. Damit haben Sie mich geködert. So viel Charme bin ich von Ihnen nicht gewohnt.« Er tapste hinüber in den Raum und mischte sich grüßend unter die wartenden Herren. In diesem Augenblick betraten schon Brigitte und Mandy den Raum. Mandy klemmte den Ausdruck des Phantombildes an die 13


Wand neben der einseitig durchlässigen Scheibe und kniff ein Auge zu. »Hmh«, machte sie und begutachtete die fünf Männer im Nebenraum. »Hmh …« Lale betrachtete ebenfalls das Phantombild. »Die Ohren sind markant.« Sie deutete auf die ausladenden Segelohren. »Die sind neu.« Dann wandte sie sich an Brigitte. »Bist du bereit?« Doch Brigitte klebte längst mit der Nasenspitze an der Scheibe. Dann begann sie, langsam auf und ab zu gehen, um jeden Mann eingehend zu betrachten. Lale bemerkte, wie Mandy verwirrt auf Paul Winter starrte. Ohne seine Brille sah er tatsächlich verändert aus, doch die Föntolle blieb unverkennbar. Mandy schien sich ein Kichern zu verkneifen. Brigitte lief auf und ab, als betrachte sie das Schaufenster eines Schuhgeschäftes. Dann seufzte sie. »Die sind alle nicht mein Fall.« »Brigitte«, sagte Lale genervt. »Du sollst dir keinen Mann aussuchen. Du sollst deinen Geiselnehmer erkennen. Ist er dabei?« Mandy drückte den Knopf des Mikrofons. »Alle mal die Ohren freilegen.« Lale schmunzelte, als die Herren nun nach ihren Ohren tasteten. Kein Kopf ähnelte auch nur im Geringsten dem Phantombild. Besonders amüsierte sie sich über den Pressesprecher, der vor der Scheibe posierte. »Brigitte?«, fragte Mandy. »Kennst du einen der Herren?« Brigitte fuhr sich durch die rote Mähne. »Du kannst Fragen stellen. Dazu müssten sie sich ausziehen.« Lale schüttelte stöhnend den Kopf und Mandy gluckste. »Ja, was denn?« Brigitte schob die Unterlippe vor. »Ich bin eine Frau. Ich kann mich nur ganzheitlich erinnern.« »Ich hätte es mir denken können.« Lale grinste Mandy an. »Wenn du Brigitte fünf Männer vor die Nase stellst, muss sie einen davon kennen.«

14


»Der Eine da kommt mir bekannt vor«, sagte Brigitte und deutete auf Paul Winter. Nun war es um Mandys Beherrschung geschehen. Sie lachte laut los. »Was ist denn daran so lustig?«, fragte Brigitte. »Ich finde diese Auswahl eher traurig.« »Abbruch«, gab Lale durchs Mikrofon in den Nebenraum durch und wandte sich an ihre Kollegin. »Mandy, kannst du Brigitte nach Hause fahren?« »Nö.« Mandy feixte. »Sie ist deine Nachbarin. Da kannst du sie doch mitnehmen.« *** Quietschend wischten die Scheibenwischer die feuchten Flocken von der Windschutzscheibe. Im Laufe des Tages hatte Schneeregen eingesetzt, der stündlich zunahm. Zum dritten Mal lenkte Lale nun ihren alten Audi um den Block der Gründerzeithäuser in Striesen. Um diese Uhrzeit war es schwierig, einen Parkplatz vor der Haustür zu bekommen. Brigitte schmollte auf dem Beifahrersitz vor sich hin. »Brigitte«, hob Lale an, obwohl sie wusste, dass ihre Nachbarin sie nicht verstehen wollte. »Du bist das Opfer einer Geiselnahme. Du musst dir Fragen gefallen lassen.« »Phhh«, machte Brigitte und sah demonstrativ aus dem Fenster. »Da treffe ich endlich mal einen attraktiven und interessanten Mann und du willst ihn einfach verhaften!« »Einfach verhaften?«, fragte Lale ungläubig. »Der Mann hat mit Waffengewalt Schmuck geraubt.« Vor ihr gingen die Lichter eines parkenden Autos an. Lale stoppte den Wagen und setzte den Blinker. Endlich wurde ein Parkplatz frei. »Schmuck, genau. Geschmack hat er auch noch.« Brigitte warf Lale einen feurigen Blick zu. »Und er ist gebildet!«

15


Lale wartete, dass der andere Wagen die Parklücke räumte. »Woher weißt du das?« Sie gab Gas und lenkte den alten Audi mit Schwung in die Lücke. »Eine Vollblutfrau wie ich spürt so was sofort«, verkündete Brigitte. »Nur du bist so engstirnig in deinem Polizistengehirn!« Lale zog mit einem Ruck die Handbremse an. »Brigitte, nicht ich verhafte die falschen Männer! Du suchst dir immer die falschen aus!« Brigitte bedachte Lale mit einem vernichtenden Blick und verließ wortlos das Auto. Lale sah ihr nach, wie sie hoch erhobenen Hauptes im Hauseingang verschwand. »Danke, liebe Lale, dass du dich ganz selbstverständlich um meinen Hund gekümmert hast …«, äffte sie Brigittes Sprechweise nach. Dann warf Lale einen Blick auf die Uhr und zuckte zusammen. Schon nach acht! Heute kam Pit von seinem Medien-Seminar zurück. Sie musste dringend noch einkaufen, sonst würde ihr Sohn womöglich hungrig ins Bett müssen. Automatisch ließ Lale den Motor wieder an, zog dann jedoch den Schlüssel aus dem Zündschloss. Nein, sie würde diesen Parkplatz nicht wieder aufgeben. Lieber erledigte sie den leidigen Einkauf zu Fuß. Im Schneegeriesel zog Lale die Lederjacke enger um die Schultern und den Kopf ein. *** Als Lale später durchnässt und mit zwei Pizzakartons im Arm die Wohnungstür aufschloss, wurde sie von Pit bereits erwartet. »Hallo Muttertier!« Pit grinste. »Wieder mal auf ausgiebiger Verbrecherjagd?« Lale schüttelte ihre feuchte Jacke ab. »Auf der Jagd nach Futter war die Mutter.« Sie drückte Pit die beiden Kartons in die Hand. »Diavolo für dich.« Pit öffnete einen der Kartons. »Sollen wir die Pizza lutschen?« Lale seufzte. »Ich schaffe es sogar, aus der Pizzeria nur Tiefkühlpizza mitzubringen.« 16


»Wie gut, dass ich dich schon seit achtzehn Jahren kenne.« Pit deutete auf den gedeckten Tisch, auf dem es aus zwei Schüsseln dampfte. »Ich habe mich ums Abendessen gekümmert.« Lale ließ sich auf einen Stuhl sinken und schnupperte. »Nudeln mit Spinat. Sohn, du bist ganz große Klasse! Und? Wie war das Seminar?« Pit befüllte erst Lales und dann seinen Teller und setzte sich. »Ganz gut. Nicht nur Technikkram, sondern auch Kritisches. Soziale Netzwerke, Cybermobbing. Es wurde viel über virtuelle Welten diskutiert …« Lale vermischte ihre Nudeln mit dem Spinat. »Und nun bist du in der Lage, Websites zu basteln? Oder kannst du nur darüber philosophieren?« »Beides.« Pit strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn. »Morgen fange ich an mit der Analyse bestehender Blogs. Und dann setze ich mein eigenes Projekt um.« Lale verzog das Gesicht. »Manchmal frage ich mich schon, welchen Sinn diese Bloggereien haben sollen. Wer interessiert sich schon für diese ganzen privaten Vorlieben?« »Wert entsteht durch Nachfrage.« Pit kaute. »Es gibt für fast alles eine Online-Zielgruppe.« »Wie baue ich eine Bombe? Wie hacke ich Online-Konten? Wo gibt es illegale Substanzen?« Lale schnaubte. »Wie begehe ich den perfekten Mord?« Pit rührte nachdenklich in seinen Nudeln. »Dich lässt dein Job wohl nie los, Frau Kommissarin.« »Wie könnte er?« Lale dachte an die letzten beiden Tage und die Sorge um Brigitte. »Das Neueste weißt du noch gar nicht. Man hat Brigitte als Geisel genommen.« »Wie bitte?« Pit sah seine Mutter entsetzt an. »Und das sagst du erst jetzt? Wer tut denn so was?« »Vermutlich ein Idiot.« Lale grinste. »Sonst hätte er sie doch sofort an der nächsten Laterne angebunden und wäre schnell weit weg gelaufen.« »Mama!«, rief Pit. 17


»Beruhige dich, wir haben sie befreit.« Lale lächelte. »Musst du mir so einen Schreck einjagen?«, beschwerte sich Pit. »Und wie hat Brigitte das Ganze verkraftet? Ist sie in Behandlung? Kümmert sich jemand um sie?« »Sie spinnt herum«, erklärte Lale seufzend. »Sie hat sich offensichtlich in ihren Geiselnehmer verknallt.« Pit legte die Stirn in Falten. »Helsinki-Syndrom?« »Hört, hört!« Lale lachte. »Du kennst dich aus, was? Aber es heißt Stockholm-Syndrom.« Sie stocherte auf ihrem Teller herum. »Wobei ich mehr auf das Brigitte-Syndrom tippe, das in jeder x-beliebigen Situation greift: ein Mann, also auf ihn mit Gebrüll.« »Ich dachte, ihr seid Freundinnen«, warf Pit ein. »Sind wir ja auch.« Lale nahm noch eine Kelle voll Spinat. »Mehr oder weniger. Aber deshalb muss ich doch nicht alles gut finden, was sie so treibt.« Plötzlich sprang Pit auf und flitzte in die Küche. Er kam mit einem großen Teller zurück, auf den er Nudeln und Spinat schaufelte. »Was machst du da?« Lale beobachtete ihren Sohn. »Ich bringe Brigitte etwas zu essen und schaue, wie es ihr geht.« Damit wandte er sich zur Tür, lief hinaus und klingelte nebenan. Kopfschüttelnd gabelte Lale ein paar Nudeln auf. Erstaunlich, der Junge. Sie wunderte sich immer wieder über ihren Sohn, der so gar nicht dem Klischee vom egoistischen, sozial verrohten 18-Jährigen entsprach. Lale räusperte sich. Genau betrachtet, war er in dieser Hinsicht kultivierter als seine Mutter. »Sie ist nicht da. Man hört nur Pit Bull jammern.« Pit stand wieder mit dem gefüllten Teller in der Tür. »Müssen wir uns Sorgen machen?« »Ich weiß nicht.« Lale legte die Gabel weg. »Wahrscheinlich hat sie sich schon hingelegt. Sie war immerhin vierundzwanzig Stunden in den Händen des Geiselnehmers.« Lale stand auf und lief nun ebenfalls hinüber zur Nachbarwohnung, um zu klingeln. Nichts. Pit Bull winselte leise. Lale klopfte an die Tür. »Brigitte?« Wieder nur der Hund. 18


Lale wandte sich an Pit. »Ich schaue später noch mal nach ihr. Setz dich hin und iss in Ruhe. Ich kümmere mich schon.« In diesem Moment hörten sie Schritte auf der Treppe und prompt verlosch die Treppenhausbeleuchtung. Eine Frauenstimme fluchte leise. Lale knipste das Licht wieder an. »Alles okay?« Brigitte tauchte auf dem Treppenabsatz auf. »Oh.« Lale sah sie verwundert an. »Wo kommst du denn her?« Brigitte lächelte versonnen. »Von draußen. Ich musste noch eine Runde mit Pit Bull gehen.« »Mit Pit Bull?« Lale lauschte auf das lauter werdende Winseln aus Brigittes Wohnung und musterte ihre Nachbarin. »Und wo ist dein Hund?« Brigitte riss die Augen weit auf und sah dann an sich herunter und auf die Treppenstufen. »Der Hund …« Sie fuhr sich durch die vom Schneeregen feuchte Mähne. »Oje, ich habe Pit Bull vergessen …« *** »Jetzt hör doch mal mit dem Gebimmel auf«, verlangte Lale angesichts von Mandys weihnachtlichem Dekorationsrausch. »Ich mache es uns doch nur ein bisschen nett.« Mandy hängte ein weiteres Glöckchen mit goldener Schleife in die Palme, die den Höhepunkt ihrer dschungelmäßig ausgestatteten Büroecke bildete. Gräfin Cosel fiepte und schrebbelte. »Der Vogel dreht auch schon durch.« Lale deutete auf den Wellensittichkäfig. »Wenigstens auf deine kleine Gräfin könntest du Rücksicht nehmen!« »Nur noch die Räuchermännel.« Mandy baute fünf rustikale Holzkerlchen im Regal auf. »Wenn die jetzt noch rauchen, fliegen sie raus.« Lale wühlte in einem Papierstapel auf ihrem Schreibtisch. »Ich frage mich, wie der in so kurzer Zeit so viel Schmuck erbeuten konnte. Der war doch keine fünf Minuten in dem Laden.« 19


»Wer?« Mandy streichelte ein Holzmännlein. »Ach, du meinst den geheimnisvollen Geiselnehmer …« »Wen denn sonst?« Lale schüttelte den Kopf. »Das Raubdezernat hat jede Menge Fotos vom Juwelier.« »Zeig doch mal!« Mandy beugte sich mit blitzenden Augen über Lales Schreibtisch und angelte sich ein paar Bildabzüge. »Bei solchen Gehängen fallen einem doch die Ohren ab.« »Hallo die Damen.« Kroko betrat das Büro, in der Hand seine unvermeidlichen Notizen. »Ich habe den Cache gecheckt. Die Angaben der Festgenommenen sind vollkommen korrekt.« »Die Gegenüberstellung hat doch ohnehin ergeben, dass sie nicht mehr verdächtig sind, oder?«, warf Mandy ein. Kroko nickte. »Trotzdem musste ich das doch überprüfen.« Lale schmunzelte. »Sie haben also den Cache geknackt?« Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie der überkorrekte Kroko akribisch die Industrieruine abgesucht hatte. Kroko seufzte. »Drei Stunden habe ich gebraucht.« »Und was war drin?« Mandy machte neugierige Kulleraugen. »Wahrscheinlich Überraschungsei-Figuren oder ähnlicher Blödsinn.« Lale schob die Schmuckfotos zur Seite. »Nein.« Kroko schüttelte den Kopf, dass der Pferdeschwanz nur so wippte. »Notizen. Cacher-Namen mit Datum.« Mandy runzelte die Stirn. »Was sind denn Cacher-Namen?« »Phantasienamen, die sich Geocacher geben, wenn sie ihre Spuren hinterlassen«, erklärte Kroko. »Waren die Namen der Verdächtigen dabei?«, fragte Lale. »Nein. Sie waren zum Zeitpunkt der Festnahme noch auf der Suche.« Kroko blickte auf seinen Zettel. »Der letzte Eintrag ist von vorgestern. Von ›Adonis‹.« »Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht.« Lale schmunzelte. »Könnte dieser ›Adonis‹ ein Zeuge sein? Der Geiselnehmer muss Brigitte ja vorgestern in das Versteck gebracht haben.« »Und wie findet man jemanden, der sich ›Adonis‹ nennt?«, fragte Mandy. »Außer im Museum, meine ich.«

20


»Vielleicht in den einschlägigen Internetforen der Geocacher«, überlegte Lale. »Oder direkt in den Caches.« Kroko ließ die Notizen sinken. »Wir brauchen ein Bewegungsprofil.« Mandy stöhnte auf. »Was für eine Aufgabe!« Lale grinste. »Ach was, unser Kroko hat das drauf.« »Natürlich, Frau Petersen.« Kroko strahlte. Lale nickte Mandy zu. »Gibt’s eigentlich schon Ergebnisse von der Spurensicherung?« »Ich schau mal.« Mandy holte mit der Mouse den Computer aus dem Ruhemodus. »Ja, gerade kam eine Nachricht.« Sie hielt den Blick auf den Bildschirm gerichtet. »Jede Menge Fingerabdrücke, allerdings kein Treffer in der einschlägigen Datenbank. Und auch keine Übereinstimmung mit denen von unseren festgenommenen Cachern.« »Die Fingerabdrücke könnten von Brigitte sein«, gab Lale zu bedenken. »Stimmt, das müssen wir klären.« Mandy fuhr herum und griff zum Telefonhörer. »Wen ruft sie denn an?«, fragte Kroko leise. Lale zuckte die Achseln. »Vielleicht bei der Zeitung. Brigitte arbeitet in der Anzeigenredaktion.« »Ach so, sie hat …« Mandy nickte in den Telefonhörer. »Machen Sie sich keine Gedanken wegen Datenschutz. Sie müssen mir keine Nummer herausgeben. Wir kennen uns privat, ich habe alle Kontaktdaten.« Sie beendete das Gespräch und sah Lale an. »Brigitte hat sich freigenommen. Ich fahre mal eben zu ihr und kläre das mit den Fingerabdrücken. Bei der Gelegenheit kann ich auch sehen, wie es ihr heute geht.« »Mach das.« Lale erhob sich. »Sie, Kroko, kümmern sich um unseren ›Adonis‹. Ich werde mich mit dem Juwelier unterhalten. Mir kommt die riesige Ausbeute merkwürdig vor.« ***

21


Am Nachmittag traf Lale ihre Kollegen in der Mordkommission wieder. Mandy machte ein enttäuschtes Gesicht. »Brigitte war nicht da. Drei Mal stand ich bei ihr vor der Tür. Nischt!« »Unsere Brigitte schwelgt wahrscheinlich immer noch in romantischen Schwärmereien.« Lale schmunzelte und ließ sich in den Schreibtischsessel sinken. »Ich kümmere mich heute Abend um sie. Da werde ich sie zu fassen bekommen. Gibt es denn sonst neue Infos?« »Nicht viel.« Kroko hielt eine selbst gezeichnete Karte hoch. »Adonis scheint ein fanatischer Geocacher zu sein. Vermutlich ist er entweder arbeitslos oder Freiberufler, denn seine Einträge in den Cache-Chroniken erfolgten zu allen möglichen Tageszeiten.« »Sind das alles Caches hier in Dresden?« Mandy deutete auf seine Karte. »Da warst du aber fleißig.« »Das sind Caches in Sachsen, Thüringen und Brandenburg«, erklärte Kroko. Mandy riss die Kulleraugen noch weiter auf. »Und die hast du alle selbst abgeklappert?« »Frau Schneider, denk nach!«, verlangte Lale. »Das schafft nicht einmal unser Kroko.« »Da haben Sie allerdings recht.« Kroko zupfte sich verlegen am Zopf. »Ich habe Internet-Seiten und Cacher-Foren genutzt und natürlich die Kollegen vor Ort.« Lale nickte anerkennend. »Eine glänzende Leistung.« Kroko strahlte. Dann allerdings verzog er das Gesicht. »Viel mehr konnte ich über ihn nicht herausfinden. Männlich, Alter zwischen dreißig und fünfzig, vermutlich sportlicher Typ, wahrscheinlich alleinstehend.« Lale zog die Augenbrauen hoch. »Das ist nicht viel.« »Nach der Menge der absolvierten Caches zu urteilen«, setzte Kroko hinzu, »wohnt er wahrscheinlich im östlichen Sachsen.« »Was haben deine Recherchen denn ergeben?«, wandte Mandy sich an Lale. »Neues von den Zeugen aus dem Juwelierladen?«

22


Lale seufzte. Diese Ermittlungen waren mühsamer als jeder Serienmordfall. »Alle Mitarbeiter, die zur Tatzeit im Laden waren, sind sich einig, dass der Überfall nicht länger als fünf Minuten gedauert hat. Nur der Inhaber selbst spricht von einer ›Viertelstunde Angst‹. Die Verkäuferinnen betonen, der Räuber sei ausgesprochen höflich gewesen, und wollen zum Teil nicht einmal eine Waffe bemerkt haben.« »Komisch, dass die Aussagen so einheitlich sind«, sagte Mandy. »Normalerweise erzählt doch nach einem Überfall jeder etwas anderes.« Lale nickte. »Ja, laut Protokollen haben sie das auch kurz nach dem Überfall noch getan. Klein, groß, dick, dünn, mit Maske, ohne Maske und mit Waffe vom Klappmesser bis zur Maschinenpistole war so ziemlich jede Kombination dabei.« Lale legte die Stirn in Falten. »Sie werden sich inzwischen so eingehend darüber unterhalten haben, dass sich so etwas wie ein gemeinsamer roter Faden herauskristallisiert hat. Ist ja ein typisches Kommunikationsding und muss nicht näher an der Wahrheit liegen.« »Vergiss nicht die Medienberichterstattung«, sagte Mandy. »Das prägt zusätzlich.« Wie aufs Stichwort betrat Paul Winter das Büro der Kommissarinnen. »Sie haben mir gerade noch gefehlt«, begrüßte Lale den Pressesprecher. »Dann ist es ja gut, dass ich hier bin«, erklärte Winter selbst­ bewusst und hielt ein paar Zeitungen in die Höhe. »Es ist mal wieder ein Skandal, was die Presse schreibt!« »Eigentlich ist es Ihr Job, die Meute im Zaum zu halten«, stellte Lale fest. »Schieben Sie das nicht wieder anderen in die Schuhe.« »Und wie bitte schön, soll mir das gelingen?« Paul Winter schlug ein Boulevardblatt auf. »Wenn dieser Mann solche Interviews gibt?« »Welcher Mann?« Mandy trat näher. Auch Kroko starrte auf das Blatt. »Adonis?« »Adonis?« Der Pressesprecher warf Lale einen fragenden Blick zu. »Sie haben eine heiße Spur?«

23


»Nicht doch, nur ein Zeuge«, winkte Lale ab. »Herr Winter, drücken Sie sich doch bitte nicht in Rätseln aus. Wer hat der Zeitung was für ein Interview gegeben?« »Der Juwelier«, stöhnte Winter auf. »Schauen Sie.« Er kam mit dem Boulevardblatt auf Lale zu und Mandys und Krokos Blicke folgten wie hypnotisiert der Zeitung. »Voll von Fotos. Er habe seine wertvollsten Stücke eingebüßt. Lauter Unikate!« Er tippte mit dem Zeigefinger auf den unteren Teil des bunt aufgemachten Artikels. »Schutz für Bürger und Eigentum. Wann unternimmt die Polizei endlich etwas?« Winter wendete das Boulevardblatt. »Und sehen Sie sich diese Schmuckstücke an!« »Na, wem’s gefällt  …« Lale deutete auf den Stapel Fotos auf ihrem Schreibtisch. »Wir kennen die Bilder.« »Verraten Sie mir, warum die Presse schon wieder mehr weiß als ich!« Paul Winter klang verzweifelt. »Ich bin der Pressesprecher! Soll ich mir von der Journaille erzählen lassen, wie es um die Polizei­ arbeit steht?« Mandy nahm Winter die Zeitung aus der Hand und studierte den Artikel. »Reißen Sie sich mal zusammen, Winter«, verlangte Lale barsch. »Im Übrigen sind Sie bei uns an der falschen Adresse. Den Raub klären logischerweise die Kollegen vom Raub zwei  – oder eben nicht.« Sie rieb sich die Schläfe. »Allerdings ist dieses Interview schon seltsam. Das muss der Juwelier ja bereits gestern gegeben haben. Als ich vorhin mit ihm gesprochen habe, neigte er zwar auch etwas zur Dramatik, betonte jedoch immer wieder, die Hauptsache sei, dass niemandem etwas passiert sei. Alles andere sei schließlich nur materieller Schaden …« »Das hört sich hier aber ganz anders an.« Mandy tippte auf die Zeitung und las vor: »Ich bin ruiniert, nicht nur meine Existenz, auch zwanzig Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel …« »Hmh«, machte Lale. »Das stinkt doch gewaltig. Kroko, setzen Sie sich mal mit der Versicherung des Juweliers in Verbindung.« Ihr Telefon klingelte und Lale griff schnell zum Hörer. »Ja, ich bin’s selbst!«

24


»Ich auch«, ertönte die Stimme des Chefs. »Wie ist die Lage?« Im Hintergrund schepperten Weihnachtsklänge. »Ich höre.« »Es ist ernst, aber nicht ganz hoffnungslos«, erklärte Lale. »Wo stecken Sie eigentlich, Chef?« »Auf dem Striezelmarkt natürlich.« Gerste klang gereizt. »Paul Winter sieht sich ja angesichts der Situation unabkömmlich für seinen Infostand.« Lale griente den Pressesprecher an. »Er wird Sie gleich ablösen«, versprach sie. »Muss nur noch mal schnell für kleine Nervenbündel.« Sie sah die Gesichtszüge von Winter entgleisen. »Gut«, sagte Gerste. »Geben Sie den Geiselnehmer in die Fahndung und Schluss.« »Fahndung und Schluss?« Lale runzelte die Stirn. Gerste räusperte sich. »Dieser Unfug ist nicht unsere Baustelle. Soll sich Raub zwei darum kümmern.« *** »Pit, bist du da?« Lale schloss die Wohnungstür hinter sich. »Ja, hier«, rief Pit aus seinem Zimmer. Lale stieß die angelehnte Tür auf. Ihr Sohn saß am PC und surfte im World Wide Web. »Sag bloß, du hängst den ganzen Tag am Rechner?« Lale sah sich im Zimmer um. Es wirkte für Pits Verhältnisse überraschend unaufgeräumt. Ihren eigenen Ordnungssinn übertraf es aber immer noch bei weitem. »Natürlich.« Pit deutete auf den Monitor. »Ich habe die Analyse so gut wie abgeschlossen. Morgen kann ich mein Projekt in Angriff nehmen.« »Hast du heute zufällig mal etwas von Brigitte gehört oder gesehen?«, fragte Lale. »Ich habe sie eben wieder nicht angetroffen und Mandy hat es heute schon drei Mal vergeblich versucht.« Lale ließ sich auf das nur leidlich gemachte Bett ihres Sohnes sinken. »Dabei hat sie sich freigenommen.«

25


»Gesehen habe ich sie nicht«, erklärte Pit. »Aber ich habe etwas von ihr gefunden. Sie scheint sich einen Blog eingerichtet zu haben. Vermutlich hängt sie die ganze Zeit im Netz.« Er verschob einige Fenster auf dem Bildschirm. »Schau, hier: ›Brigitte bloggt‹.« Lale sah genauer hin. Eine sehr farbenfrohe und verschnörkelte Internetseite mit einigen weihnachtlichen Motiven versprach Informationen zu »Brigittes Buffet«, »Brigittes Nähkästchen« und »Brigittes (Tage)Buch«. »Und du meinst, das ist unsere Brigitte?« Pit nickte. »Sie steht im Impressum. Aber weißt du, wie ich darauf gekommen bin?« Er klickte »Brigittes Buffet« an. Eine lange Reihe von Texten und Bildern erschien. »Dumme Augusten, Krustinauten, Hackepetras … Das sind doch alles Brigittes leckere Häppchenkreationen von euren Partys.« Lale legte den Kopf schief. »Ja, die sind eindeutig. So etwas kann sich wirklich nur Brigitte ausdenken.« Sie zeigte auf ein Foto am Rand der Seite. »Ist das Pit Bull?« »Ja, mit einem schwarzen Balken vor den Augen.« Pit schmunzelte. »Vermutlich möchte der Hund auf der Straße nicht erkannt werden.« »Schön finde ich die Seite zwar nicht«, erklärte Lale. »Aber es ist beachtlich, dass Brigitte so etwas kann. Sie hat noch nie davon erzählt.« »Du hättest dich kaum dafür interessiert, oder?« Pit zwinkerte Lale zu. »Sie ist aber gerade erst online gegangen. Unter http://brigittebloggt.lale-petersen.de« »Brigitte sondert da ziemlich viel Text ab«, stellte Lale fest. »Genau wie im richtigen Leben.« Sie wandte sich zur Tür. »Ich klingle noch mal nebenan. Vielleicht ist unsere Blogger-Queen ja jetzt gewillt, mich zu empfangen.« Lale lief ins Treppenhaus und drückte energisch Brigittes Klingel­knopf. Nichts. Sie ließ von der Klingel ab und legte ein Ohr an die Tür. Irgendwo im Hintergrund meinte sie Pit Bull knurren zu hören. Doch das konnte auch Einbildung sein. Vielleicht ging Brigitte gerade mit dem Hund spazieren.

26


Resigniert trat Lale den Rückzug an und gesellte sich wieder zu ihrem Sohn. »Noch mal Fehlanzeige.« Sie ließ sich aufs Bett plumpsen. Pit grinste breit. »Du lachst dich schlapp, wenn du das hier liest. Du kommst auch vor in Brigittes Online-Tagebuch.« »Was?« Lale sprang auf. »Lass mal sehen!« »Meine Lieblingsnachbarin L.P. ist eine sehr anstrengende, temperamentvolle und manchmal recht unbeherrschte Zeitgenossin …«, las Pit vor. »Das sagt ja die Richtige«, warf Lale ein. »Aber sie ist auch eine sehr gute Freundin«, las Pit weiter. »Nur manchmal geht sie einfach zu weit.« »Schönen Dank auch.« Lale stemmte die Hände in die Hüften. »Sie hat doch hoffentlich kein Foto …« »Nein, hat sie nicht«, beruhigte Pit seine Mutter. »Und sie schreibt, dass du einen ganz tollen Sohn hast, den man dir gar nicht zutrauen würde: »P.P. ist wohl das, was meine Freundin L.P. besonders auszeichnet.« »Immerhin.« Lale schnaubte. »Diese Frau hat solch einen Selbstdarstellungsdrang, dass mir ganz schlecht wird.« »Sei nicht so gemein.« Pit schmunzelte. »Sie verteilt ja nur Nettigkeiten. Hier zum Beispiel: ›Er ist bei mir, nichts kann uns mehr trennen.‹ Vielleicht ein bisschen pathetisch.« »Moment mal!« Lale schob Pit mitsamt seinem Schreibtischstuhl zur Seite und griff nach der Mouse. »›Das Schicksal hat es gut mit uns gemeint, der Himmel brennt, das große Herzflimmern reißt mich hin und her.‹« Lale schüttelte sich. »Also, sie meint ganz sicher nicht den Hund damit.« Pit lachte. »Brigitte scheint sich mal wieder hoffnungslos verliebt zu haben. Oder vielleicht sogar mal hoffnungsvoll?« Lale verzog das Gesicht. »Nun guck dir das an. Der Eintrag ist erst ein paar Stunden alt. ›Ich bin wehrlos glücklich.‹« Sie klickte auf eine Videoverlinkung. Kurz darauf sausten Bowie-Klänge durch den Raum. Lale zückte ihr Handy, wählte Mandy an und rief: »Du hast fünf Minuten.« *** 27


»Wo ist er?«, fragte Lale. Brigitte starrte sie an. »Wer?« »Der Mann, der dich so wehrlos macht«, sagte Lale. »Wehrlos?« Mandy kicherte. »Was soll das?« Brigittes Augen funkelten zornig. »Ihr stürmt hier herein, als hätte ich ein Verbrechen begangen.« Lale verdrehte die Augen. »Ist er im Wohnzimmer?« Sie schob sich an Brigitte vorbei. Mandy folgte ihr und zückte die Dienstwaffe. »Steck das Ding weg«, zischte Lale. »Kommen Sie, es ist vorbei!« Sie sah sich im Wohnraum um. Hier war niemand. »Hallo?«, ertönte plötzlich eine Männerstimme von nebenan. Lale und Mandy sahen sich an. Dann drängten sie sich beide gleichzeitig aus dem Wohnzimmer zurück in die Diele. Mit ausgebreiteten Armen stand Brigitte vor der Schlafzimmertür. »Das ist privat.« »Ja, ja, wehrlos glücklich, ich weiß.« Lale schob Brigitte zur Seite und öffnete die Tür. Ein Mann lag in Brigittes Bett und war an den Handgelenken angebunden. »Ist er angezogen?« Mandy schlüpfte herein. »Och schade, er ist angezogen.« Lale schüttelte den Kopf. »Sie sind der Juwelenräuber?« Der Mann nickte. »Und Sie haben Brigitte als Geisel genommen?«, hakte Mandy nach. Er nickte erneut. »Sie gestehen also den Überfall und die Geiselnahme?«, versicherte sich Lale erneut. Warum sagte der Kerl denn nichts? Geknebelt war er jedenfalls nicht. Brigitte trat hinzu. »Er kann nicht sprechen.« Sie begann, seine Handgelenke von den Bettpfosten zu lösen. »Was?« Mandy machte große Kulleraugen. »Ein stummer Mann?«

28


Brigitte nickte. »Niemand ist perfekt.« »Na, wenn das nicht perfekt für Brigitte ist.« Lale lachte auf, wandte sich jedoch schnell an den Fremden. »Entschuldigen Sie bitte. Das geht nicht gegen Sie.« In diesem Moment klingelte es an der Tür. Mandy flitzte los und kam kurz darauf mit dem Kollegen Kroko zurück. Der wedelte aufgeregt mit seinen Notizen. »Frau Petersen, Adonis selbst könnte der Täter gewesen sein und der …« »Moment«, ging Lale dazwischen. »Sie sind Adonis?« Der stumme Fremde lächelte verlegen und schlug die Augen nieder. »Und der Juwelier«, hob Kroko erneut an. »Die Versicherung hat ihn angezeigt.« »Betrug?« Mandy machte ein grimmiges Gesicht. »Ha, protzige Klunker verkaufen und dann bescheißen, das haben wir gerne!« Adonis machte Handzeichen. Faust, zwei gestreckte Finger, drei gestreckte Finger, Faust, gekreuzte Finger, Faust und einen seitlichen Fingerzeig. Lale schüttelte den Kopf. Nur Kroko nickte wissend. »Der Juwelier hat gestanden, dass er Adonis beauftragt hat.« Adonis nickte. Er wirkte erleichtert, streckte die Arme vor und kreuzte die Handgelenke. Lale atmete auf. »Ich denke, auf Handschellen können wir verzichten. Abführen, Kroko.« Dann wandte sie sich an Brigitte. »Und wir beide sprechen uns noch!«

29


Mehr von Lale Petersen, Mandy Schneider und Kroko gibt es ab März im Krimi »Psychopathenpolka. Lale Petersen­ ermittelt«. Bis dahin hält Brigitte Sie auf dem Laufenden, was ihre Lieblingsnachbarin so treibt. Gucken Sie rein unter http://brigittebloggt.lale-petersen.de


Copyright Š Christine Sylvester, Sutton Verlag, 2013 Sutton Verlag GmbH Hochheimer StraĂ&#x;e 59 99094 Erfurt www.sutton-belletristik.de


Wehrlos glücklich. Eine Lale-Petersen-Weihnachtsgeschichte von Christine Sylvester