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KOLLISIONEN


BENCE FRITZSCHE Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich zur Ausstellung ,Kollisionen‘ und möchte mich als erstes ganz herzlich bedanken für die hervorragende Zusammenarbeit mit Friederike Berg, Kristin Rokitta und Frederik Esser. Sie haben mir wirklich sehr geholfen, diese Ausstellung so zu kuratieren, wie sie sich jetzt darstellt. Wir waren ein hervorragendes 4er-Team, denn wir haben diese Ausstellung in angenehmer und fruchtbarer Kooperation zusammengestellt. Wir haben uns alle vier fachlich überzeugend ausgetauscht und das Erstaunliche war, dass wir fast immer einer Meinung waren, bis auf einige wenige Ausnahmen. Aber solche Diskussionen machen die Sache lebendig. Die Einladung der Veranstalter der marke.6, mich als Cefredakteur der Zeitschrift ‚atelier‘ zu fragen, ob ich die Ausstellung „Kollisionen“ kuratieren möchte, kam vermutlich nicht ganz unvermittelt. Denn es geht, wie Sie wissen, um die Berufserfahrungen der Künstlerinnen und Künstler, die sie nach der Universität gemacht haben und den Vorstellungen, die sie während des Studiums vom realen Künstlerleben hatten. Da kollidiert eben so manches, was genau das Thema dieser Ausstellung darstellt. Und das ist auch die Idee unserer Zeitschrift, die sich damit wesentlich beschäftigt: dem Künstlerleben während der Hochschule und dem Berufsleben danach. Uns geht es bei ,atelier‘, der Zeitschrift für KünstlerInnen, darum, die KünstlerInnen für ihren Beruf zu professionalisieren. Sei es, dass sie sich noch in der Hochschule bzw. Ausbildung oder vielleicht bereits im Berufsleben befinden und womöglich nicht genügend an dieser Stelle professionalisiert wurden. Unsere Erfahrung sagt, dass sich Kunststudenten während des Studiums nur am Rande mit ihrer Zukunft

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beschäftigen. Falls sie das überhaupt tun. Ihnen geht es während ihres Kunststudiums doch eher darum, ihren eigenen Weg zu finden. Auszutesten, was möglich ist. „Was ist für mich wichtig im künstlerischen Ausdruck und wie kann ich mich dabei von den Anderen unterscheiden?“ Das künstlerische Schaffen steht natürlich während des Studiums voll im Vordergrund, während das Berufsleben noch ganz weit entfernt ist. Wenn wir dann also von Kollisionen sprechen, dem Thema dieser Ausstellung, dann kollidiert eben diese reale Erfahrung mit den vorherigen Erwartungen. Man spricht vom „Traumberuf Künstler“, so heißt es im Allgemeinen und ich glaube, in der Bevölkerung ist das tatsächlich ein Traum. ‚Ach, wär ich doch Künstler, dann säße ich irgendwo und würde als Bohemien ein tolles Leben führen.‘ Aber wie sieht das tolle Leben der Künstlerinnen und Künstler in Wahrheit aus? Nehmen wir doch mal die Zahlen: Nicht jeder weiß, dass es in Deutschland ungefähr 60 – 70.000 Künstlerinnen und Künstler gibt. Diese Zahl überrascht vielleicht, denn es ist eine ziemlich große Zahl. Und all diese produzieren tagtäglich Kunst. Diese Kunst muss natürlich verkauft werden. Man kann sich kaum vorstellen, dass in der Bevölkerung der Wunsch, Kunst zu kaufen, so wahnsinnig wichtig ist weil es sich ja um Luxusgegenstände handelt. Kunst ist im Verhältnis zu einem Brötchen, das zum täglichen Bedarf gehört, relativ teuer. So verwundert es dann nicht, dass von diesen bis zu 70.000 Menschen, die Kunst produzieren, etwa nur maximal 5% tatsächlich von ihrem Beruf leben können. Das bedeutet 95% können ihren Lebensunterhalt nicht mit dem bestreiten, worin sie ausgebildet wurden. Das ist eine enorme Zahl und zu diesen 70.000 kommen des Weiteren jedes Jahr 1000 neue dazu, von den Hochschulen ins Berufsle-


ben und auf den Kunstmarkt. Ganz abgesehen natürlich von der unglaublich großen Zahl von Hobbykünstlern, die im Grunde genommen für viele Künstlerinnen und Künstler ebenfalls eine gewisse Konkurrenz darstellen, weil sie Kunst in irgendeiner Form produzieren und diese sogar verkaufen. Allerdings dann zu Preisen, die mit dem Kunstmarkt überhaupt nichts zu tun haben. Sie verlangen für irgendein Bild 200 oder 300 Euro, was sich wiederum kein Künstler erlauben kann da der Kunstmarkt das nicht zulässt. Diese Zahl von Hobbykünstlern geht in die Hunderttausende. Nichtsdestotrotz sind sie nicht darauf angewiesen, von der Kunst zu leben. So gesehen ist der Traumberuf des Künstlers nur für eine ganz kleine Minderheit tatsächlich realisierbar. 70.000 gibt es, 5% leben von der Kunst und das durchschnittliche Jahreseinkommen von Künstlern beträgt 11.000 Euro. Wobei man bedenken muss, dass eine ganz kleine Minderheit, etwa 100 bis 200 Personen, tatsächlich ein Jahreseinkommen von vielen Hunderttausenden hat, aber eine wahnsinnig große Mehrheit weit unter diesen 11.000 Euro liegt. Diese sind daher gezwungen, häufig einen ganz anderen Beruf als Geldberuf nebenher für sich in Anspruch zu nehmen. Als Freiberufler und Selbstständige fehlen den Künstlerinnen und Künstlern auch viele soziale Einrichtungen, die in anderen Berufen ganz selbstverständlich sind. Zusätzlich müssen Künstler auch noch ihren eigenen Arbeitsplatz finanzieren, inklusive Arbeitsgeräte und Materialien. Zum Glück gibt es die Künstlersozialkasse, eine der größten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Sie wurde in den 80er Jahren gegründet und ermöglicht Künstlerinnen und Künstler eine Kranken- und Rentenversicherung. Also Albtraum statt Traum? Nein, würde ich sagen. Nicht wirklich für die Künstler, weil die wahren Künstler auch gar nichts anderes wollen

und können, als Kunst zu machen. Für uns, die konsumierende Gesellschaft, ist es erst recht kein Albtraum sondern Traum, denn wir benötigen, brauchen und genießen diese Kunst, ohne die für uns ein Leben gar nicht vorstellbar wäre. Daher bitte ich Sie, zu genießen, was Sie so sehr brauchen – auch in dieser Ausstellung. Bence Fritzsche (Atelier Verlag) Kurator

SILVIA RIEDEL Sehr geehrte Gäste, liebe Alumni, ich begrüße Sie sehr herzlich zu dieser außergewöhnlichen Ausstellung. Vielleicht sollte ich aber damit beginnen: Irgendwann im April kam Frederik Esser, Projektkoordinator der marke.6, ins Alumni Büro. Er hätte da so eine Idee – eine Ausstellung in der marke.6 ausschließlich mit Arbeiten von Alumni. Eine Idee, die uns im Alumni Büro sofort vertraut war. Bereits einige Zeit vorher spielten wir mit dem Gedanken, ein solches Projekt ins Leben zu rufen. Zu diesem Zeitpunkt war unser Alumnibereich jedoch noch relativ jung, das Netzwerk mit dem Alumni-Portal im Aufbau. Inzwischen ist dieser Komplex gewachsen und mit über 4.300 Alumni aus 76 Ländern ein internationales Bauhaus-Netzwerk


FREDERIK ESSER geworden. Es freut uns dabei ganz besonders, dass es mit jedem Matrikel-Treffen mehr werden.

Herzlich willkommen zur Ausstellung ,Kollisionen‘, einer Alumni-Ausstellung der marke.6.

Ich möchte es nicht versäumen, Sie an dieser Stelle ins Netzwerk einzuladen, sobald Sie an der Schwelle zum »Draußensein« stehen. Wir haben viel vor. Wir haben viel Platz für neue Ideen. Wir freuen uns über ganz viele Projekte. Das jüngste ist in der Bauhaus Summer School angesiedelt. So können sich für das nächste Bauhaus Summer School-Programm 2013 Alumni mit ihren Projekten bewerben und diese als Bildungsangebot realisieren.

marke.6 ist das Schaufenster der BauhausUniversität Weimar und hat seine Ausstellungsräume im Souterrain des Neuen Museums Weimar. Das erste Mal in der viereinhalbjährigen Geschichte der marke.6 ist dort mit Kollisionen eine Ausstellung zu sehen, die ausschließlich Arbeiten von Alumni zeigt.

Natürlich möchten wir Sie bei dieser Gelegenheit auch herzlich zur summaery2012 einladen. Im Rahmen dieser Ausstellung wird es einen Alumni-Abend mit »Flammkuchen und Kollisionen« geben, an dem wir uns ein inspirierendes, produktives Aufeinandertreffen der ausstellenden Alumni mit den Studierenden und weiteren Ehemaligen und Gästen wünschen.

Wie jede Ausstellung ist auch diese hier ein lebendiges Werk, deren Aussagen und Fragestellungen es im Laufe ihres Bestehens zu hinterfragen gilt. Dies gilt auch für folgende Gedankenspur. Durch die Fokussierung auf Alumni erhoffen wir uns als Initiatoren der Ausstellung zwei Hauptblickwinkel.

Wir freuen uns außerordentlich, dass die Ausstellung »Kollisionen« zustande gekommen ist, nicht zuletzt dank der grandiosen Arbeit des marke.6-Teams. Es handelt sich hier um ein Format, das wir aufnehmen und welches wir auf jeden Fall weiterführen werden. Silvia Riedel Alumni Büro

Warum dieser Fokus auf die ehemaligen Studenten der Bauhaus-Universität?

Auf der einen Seite bietet sich mit Kollisionen für die aktiven Studenten in Weimar ein gleichermaßen individueller, wie auch differenzierter Blick auf das, was nach dem Studium kommen kann. Zu ihren persönlichen Lebenswegen und Erfahrungen haben wir die teilnehmenden Alumni im Laufe der Vorbereitungen befragt. In der Ausstellung sind die entstandenen Antworten auf einer separaten Wand präsentiert, im vorliegenden Katalog sind sie den jeweiligen Ausstellern und ihren Werken zugeordnet. Doch auch in vielen der Werke selbst finden sich Reflexionen des eigenen Weges und den damit verbundenen Themen. Auf der anderen Seite betrachten wir die Position der ehemaligen Studenten. Durch das aktive Interesse der Alumni an der Ausschreibung, die der Ausstellung vorangegangen ist, sehen wir uns in der Wahl des Fokus bestätigt: Eine Alumni-Ausstellung scheint ein willkommener Anlass zu sein, sich der ehemaligen Lernstätte

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zu nähern, bietet sich darin auch die Möglichkeit der Selbstverortung dem eigenen Weg gegenüber, unter Umständen auch der Positionierung gegenüber der eigenen Universität. Die Ebene, auf der dies im Fall von Kollisionen geschieht, ist eine sehr praxisorientierte Ebene. So hoffe ich das zumindest und so wollen wir das auch im weiteren Verlauf der Ausstellung anregen. Die ehemaligen Studenten können sich hier treffen und nicht nur erzählen: „Was mache ich denn jetzt so und welche tollen Projekte habe ich hier und da“. Sie können stattdessen mit einer Arbeit zeigen, wer sie sind und was sie gegenwärtig produzieren und damit einen ganz anderen Zugang zueinander bekommen, um sich einander zu begegnen und austauschen zu können. Die Möglichkeiten und Dimensionen einer Ausstellung als Werkzeug der Alumni-Arbeit sind mit Kollisionen erst angerissen und so gehe ich fest davon aus, dass dies nicht die letzte Alumni-Ausstellung in der marke.6 war. Neben dem Fokus auf die Ehemaligen der Bauhaus-Universität haben wir auch einen thematischen Fokus gesetzt. Was verbirgt sich hinter dem Thema der Kollision? Dieser Frage widmet sich der Rest des Katalogs bzw. der Ausstellung. Es gibt für mich aber auch eine sehr persönliche Sichtweise, die eine erkenntnisreiche Herleitung ergibt. Im gesamten Entwicklungsprozess der Ausstellung ging es immer auch darum, das Phänomen der Kollision auf seine transformative Energie hin zu untersuchen – primär im gestalterisch-künstlerischen Sinn. Aus Sicht des Projektkoordinators entsteht für mich bei der Produktion jeder Ausstellung eine Geschichte mit vielen kleinen Kollisionen. Nicht jede davon ist unbedingt angenehm, aber jede setzt Energie frei und das ist das Wichtige dabei. Meistens geht es bei diesen kleinen Kollisionen um bestimmte Erwartungen, die einer mitbringt, unterschiedliche Sichtweisen auf ein bestimmtes Problem, auf die Möglichkeiten, die wir als Projekt überhaupt haben und das, was am Ende machbar ist und umgesetzt werden kann. Kurzum: Jeder Ausstellungsaufbau ist ein reibungsintensiver Prozess. Wie jede Geschichte ist auch diese hier eine Geschichte vieler klei-

ner Kollisionen. Und da jede Kollision Energie freisetzt, hat das auch alles so seine Richtigkeit. Denn Energie ist es, was dieses Projekt so dringend braucht, um funktionieren zu können. In diesem Sinne möchte ich alle Leser und Besucher der Ausstellung dazu einladen, marke.6 als eine offene Plattform zu verstehen, in die jeder seine Ideen, seine Kritik und seine Tatkraft einbringen kann. Das Wichtigste bei der Geschichte von der transformativen Kraft der Kollisionen ist jedoch die Fähigkeit, die freigesetzte Energie nutzbar zu machen. Deswegen lade ich besonders unsere Kritiker ein, sich mit ihrer Energie in das Projekt einzubringen. Denn marke.6 ist nicht nur eine offene Plattform, sie ist auch ein Lernort für alle Beteiligten und wie jede Organisation ist sie nicht perfekt. Wie immer bin ich auch dieses Mal wieder begeistert, dass es trotzdem funktioniert hat, diese Ausstellung eröffnen zu können. Die ganzen nervenaufreibenden Prozesse und Schritte, die wir getan haben, liegen jetzt hinter uns. Wir können das hier mit Ihnen zusammen genießen und einsteigen in ein spannendes Thema und eine spannende Ausstellung. Frederik Esser Projektkoordinator marke.6

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„Kollisionen“ – Ein Kooperationsprojekt der marke.6 und dem Alumni Büro Zu studieren bedeutet in vielerlei Hinsicht privilegiert zu sein. Das Ziel, der Studienabschluss, liegt meist in sicherer Distanz – gerade noch nah genug, um nicht zu vergessen, warum man eigentlich „hier“ ist. Die Herausforderungen, die sich mit dem Entlassungszeugnis der Universität stellen, werden im neuen Ausstellungsprojekt „Kollisionen“ der marke.6 thematisch aufgegriffen und verhandelt. Die Arbeiten, die ausschließlich von Alumni angefertigt wurden, widmen sich schwerpunktmäßig der Kollision von persönlichen Idealvorstellungen mit realen Bedingungen am Arbeitsmarkt. In Zeichnungen, Installationen und im Format der Malerei spüren sie darüber hinaus dem Begriff „Kollisionen“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nach und verweisen damit auf die Vielschichtigkeit des Themas.

Bei der Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist es uns ebenso wichtig, die Ergebnisse des produktiven Schaffens einiger ehemaliger Studenten herauszustellen und zu würdigen. Aus diesem Grund bietet ein zusätzlicher wichtiger Bereich der Ausstellung Platz für die Präsentation von Galerien und anderen Projekten. Künstlerinnen wie Claudia Olendrowicz und Charlotte Seidel zeigen beispielsweise, dass durch Erweiterung des künstlerischen Horizonts spannende kuratorische Arbeiten entstehen können. Dass außerdem die Etablierung von neuen Institutionen auf einem derart schwierigen Kunstmarkt durchaus machbar ist, beweisen Galerien wie „Pack of Patches“ und die Galerie Eigenheim. Die Präsentationen zeigen Möglichkeiten, sich ein Standbein auf dem Kunstmarkt aufzubauen und motivieren und ermutigen zu neuen Lebenswegen. Auch Arbeiten jenseits des Kunstmarkts wird in dieser Ausstellung eine Plattform geboten. Die Architekten Falko Bärenwald und Juliane Grüning geben beispielsweise einen spannenden Einblick in ihre Bauprojekte der vergangenen Jahre.

Der Vielfältigkeit des Phänomens der Kollisionen Rechnung tragend, werden in der Ausstellung drei unterschiedliche Schwerpunkte präsentiert. Ein erster Bereich widmet sich der chaotisch-zerstörerischen und mithin materiellen Dimension von Kollisionen. Aufeinanderprallende Materialien und Materien, simple Zerstörung und Verformung stellen unter anderem das Thema dar. Eine symbolische wie auch re- „Kollisionen“ soll zum Denken anregen und den flektiert problemorientierte Annäherung an das Erfahrungsaustausch von Alumni und gegenKünstlersubjekt, das auf dem Arbeitsmarkt um wärtigen Studenten stärken. Ebenso wertvoll Anerkennung ringen muss, wird in einem zwei- ist es, junge Studenten über die Situationen ten Teil der Ausstellung behandelt und erweitert jenseits der Universität aufzuklären und ihnen konkret den Begriff der Kollisionen. Möglichkeiten über das Alumni-Netzwerk aufEin sozialer und kultureller Clash bildet den drit- zuzeigen. ten Teil der Ausstellung und wird durch Installationen und Zeichnungen dargestellt. Nach einer gut besuchten Ausstellungseröffnung am 14. Juni 2012 konnte dieses AusstelAuch der persönliche und künstlerische Wer- lungsprojekt durch einige interessante Verandegang der Künstlerinnen und Künstler wird staltungen, wie Filmvorführungen von und mit dabei im Rahmen der Ausstellung in den Blick Anna Gänßler, sowie Diskussionsrunden bereigenommen und leistet einen wichtigen Beitrag chert werden. zum Austausch mit derzeitigen Studierenden. Kurzportraits der teilnehmenden Alumni bilden Um den teilnehmenden Künstlern eine größere einen wichtigen Bestandteil der Auseinander- Plattform der eigenen Darstellung zu bieten, wird setzung mit der Thematik und informieren den „Kollisionen“ weiterhin als Verkaufsausstellung Besucher detailliert über den Werdegang und fungieren. Falls Interesse besteht, melden sie die Gedanken der ehemaligen Studenten. sich bitte bei der Universitätsgalerie marke.6.

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Vorwort / 2 – 5

2 Bence Fritzsche 3 Silvia Riedel 4 Frederik Esser

Kollisionen – Zum Ausstellungskonzept / 6 Werke und ihre Autoren / 8 – 51

8 Robert Seidel 10 Sonago 12 Christine Schubert 14 Nicolas Vionnet 16 Benedikt Braun 18 Christian Rottler 20 Simone Weikelt 22 Leonie Weber 24 Marc Jung 26 Frederike Lorenz 28 SSMIDD

30 Michal Schmidt 32 Ulrike Theusner 34 LautExilEins 36 Karo Kollwitz 38 Nina Röder 40 Gila Esser & Claudia Neuhaus 42 Michael Kraus 44 Sarah Schreier & Florian Wehking 46 Pack of Patches 48 Dan Guo 50 Konstantin Bayer

54 Falko Bärenwald 55 Juliane Grüning 56 Claudia Olendrowicz 57 Anna Gänßler

58 Paper Jam #2

Weitere vorgestellte Projekte / 52 – 61

(Emile Ouroumov & Charlotte Seidel)

60 Galerie Eigenheim 61 Pack of Patches

Danksagung / 62 Impressum / 64 8


Robert Seidel

www.robertseidel.com

Wohnort: Jena / Berlin

1 1998 – 2004 2 Mediengestaltung 3 Künstler 4 Der Akzeptierungsprozess des Daseins als Künstler hat einige Jahre gedauert, denn als Mediengestalter führt der Weg oft in eine eher kommerziell orientierte Arbeit, in deren einsetzender Stabilität sich persönliche Ziele häufig verschatten. Dem Studium verdanke ich die Erkenntnis zum eigenverantwortlichen Schaffen und Scheitern. 5 „folds“ ist die Dokumentation einer Installation für das Lindenau-Museum Altenburg, die allerdings versucht, den subjektiven Betrachterblick zu rekonstruieren und damit zu einer eigenständigen Arbeit wird. Sie ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung meiner experimentellen filmischen Arbeiten in ein reales Raumgefüge. 6 Sehr unscharf, da ich schon während des Studiums gearbeitet habe. Darüber hinaus kann der Wegfall der studentischen Privilegien und die Kommilitonendiaspora recht schmerzhaft sein… 7 Bisher haben diese Vorstellungen zu großen Teilen überlegen, auch wenn die Arbeit fragmentarischer geworden ist und nicht mehr die Zeit bleibt, viele Themen zu einer umfassend geschlossenen Arbeit zu fügen, etwa einem längeren Film wie „_grau“. Allerdings fügt jede neue Arbeit eine Facette an das Vorhandene an, also erwächst die Komplexität nun über mehrere Projekte, die durch kräftezehrende Zeiträume der Büroarbeit unterbrochen wird. 8 Am meisten habe ich die Gastvorträge geschätzt, die zu meiner Zeit leider relativ selten waren. Dieses Auflösen des hermetischen Weimargefühls, sowie das Reisen zu Ausstellungen und Festivals öffnen den Blick auf die dem Studium folgende Realität des künstlerischen Arbeitens zwischen Jobs, Ausstellungsbetrieb, Stipendien und Projektanträgen.

„Die Arbeit ‚folds‘ (Falten) wurde als Installation für das Lindenau-Museum Altenburg entwickelt. Sie ist als eine Annäherung an die Geschichte der Gipsabguss-Sammlung zu verstehen, welche Bernhard August von Lindenau im 19. Jahrhundert angelegt hat. Dabei haben mich besonders die antiken, zessiert, die durch den Verlust von Gliedmaßen zu bruchstückhaften, fast schon abstrakten Skulpturen wurden und dennoch eine nahezu unheimliche Vitalität aufweisen. Bemerkenswert ist auch, dass es sich um vielfach kopierte, ursprünglich griechische Skulpturen handelt. Die Originale, in Marmor gehauen und teilweise farbig bemalt, wurden über Jahrhunderte an unterschiedlichen Orten mehrfach in Marmor oder Gips kopiert, ihrer Farbigkeit beraubt und in ihren Details verschliffen. Trotz dieser wiederholten Überformung, einhergehend mit dem Verlust der Erinnerung an das Original, entstehen mit jeder Kopie immer wieder neue Bedeutungen und Reibungen mit der jeweiligen Gegenwart. Sie sind die Voraussetzung für die anhaltende Verlebendigung des antiken Erbes. Die Falte, ein wiederkehrendes visuelles und inhaltliches Motiv in meinen Arbeiten, ist für mich die bildliche Metapher für diese Bedeutungsschichtungen und -verwerfungen. Sie verbindet sich in der Projektion mit den Skulpturenfragmenten, umspielt diese, umfließt sie mit vergangener Farbigkeit, schützt oder verkleidet sie, schenkt ihnen Ruhe und lässt sie für einen Moment lebendig werden − um sich dann als eine weitere Schicht im Sediment des Vergessens abzulagern.“

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MATERIELL

folds - 2011 - Dokumentation einer Installation - Originaldimension: 7,2 × 1,9 × 2,4 m

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Sonago (Frederik Esser) Wohnort: Weimar

1 10/2003 – 09/2007 (Bachelor) und 04/2008 – 10/2010 (Master of Fine Arts) 2 Mediengestaltung 3 Projektkoordinator marke.6 seit April 2011 4 Als Projektkoordinator der Unigalerie marke.6 habe ich im Grunde genommen die Seite gewechselt. Als Student war ich als Künstler aktiv, jetzt organisiere ich die Präsentation von Kunst. Der organisatorische Anteil meiner Arbeit ist wesentlich größer geworden, doch nach wie vor geht es um kreative Prozesse, im Grunde genommen habe ich nur das Medium gewechselt. Eine Ausstellung und das Jahresprogramm einer Galerie folgen teilweise ähnlichen Gesetzmäßigkeiten und Fragestellungen wie die der Kunstwerke selbst. 5 Immer wieder muss ich bei meiner Arbeit in der marke.6 Ideen und bestimmte Praktiken, aber auch Denkmuster, wie ausgediente Autos am Straßenrand, abstellen und mich neuen Fortbewegungsformen widmen. Die abgestellten und ausgedienten Autos könnte man als Erinnerungsobjekte für Irrtümer und Lernprozesse verstehen. Ansonsten weist diese Arbeit keine Bezüge zu meiner Tätigkeit auf — vielleicht noch den Bezug, dass ich diese Ausstellung mitorganisiert habe. 6 Da ich noch während meines Masters Vater geworden bin, hatte ich keine großen Freiheiten, noch viele kreative Schleifen zu drehen — es war klar, dass Geld reinkommen muss. Als sich nicht gleich eine Arbeit gefunden hat, war der Druck schon ziemlich groß. Die eigene Energie und die Fähigkeiten nicht lukrativ anbringen zu können, wenn es notwendig ist — das kann ein ziemlich deprimierendes Gefühl sein. Die Chance, die Arbeit zu machen, die ich jetzt mache, ist für mich von großer Bedeutung. 7 Kreativ zu sein und tolle Projekte auf die Beine zu stellen ist im Schutzraum der Universität eine tolle Sache, doch wenn man dann gefordert ist, damit eine Familie zu ernähren, merkt man doch ziemlich schnell, dass die erlernten Fähigkeiten auch Strukturen brauchen, damit diese fruchten können. Gerade als sogenannter Künstler sind diese Strukturen nicht einfach zu finden, zumal ein geeigneter Platz von einigen sehr individuellen Faktoren bestimmt wird. Die Verlockung, sich zu verbiegen und sich als jemand anderes zu verkaufen ist groß. Auf der anderen Seite muss man ja auch erstmal etwas wagen, das es dann beim Tun zu erproben gilt. Man kommt nicht als fertiger Irgendwer aus der Universität. 8 Aus meiner Sicht gibt es in Weimar im Umfeld der Universität einige zusätzliche „Schulen“, in denen man Fähigkeiten erwerben kann, die meistens weit über das hinausgehen, was man im Studium lernen kann. Zu diesen „Schulen“ gehören Organisationen wie Seifenkistenrennen, StuKo, KTW e.V. (Kulturtragwerk), Horizonte, Projektil und marke.6. Ich habe beobachtet, dass Personen, die sich in diesen Strukturen einbringen, einen Sinn dafür entwickeln, dass zu guter Kunst und Gestaltung auch eine große Portion Organisation und Kommunikation gehört. Wenn man zum Beispiel schon während des Studiums für einen Moment aus der eigenen künstlerischen Produktion in die Organisation von Ausstellungen wechselt, werden die Sinne für den Wert solcher Strukturen geschärft. Oft erlebe ich bei den Studenten eine gewisse Überheblichkeit, die sich durch Engagement an gemeinschaftlichen Projekten meist auflöst. Ich würde mich freuen, wenn marke.6 in Zukunft stärker in die Lehre eingebunden werden kann, sodass von den Fakultäten verstanden wird, dass das Engagement der Studenten in diesem Projekt sehr wertvolle Lernprozesse beinhaltet.

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MATERIELL

Drei Fotografien, Ausbelichtung, 70 x 87 cm, Aludibond Enstanden auf KORFU, Griechenland. 2008. „Vergessene“ Autowracks in Symbiose mit ihrer Umwelt.

Abgestellt - 2009 - Fotoserie (Auszug)

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Christine Schubert

www.christine-schubert.blogspot.de

Wohnort: Dresden

1 2002 – 2008 (ein Jahr Erasmusstudium in Wien) 2 Freie Kunst 3 Kaufmännische Angestellte; Mitarbeiterin in der Ladengalerie art+form Dresden 4 Eigentlich wohl gar nicht, denn die Tätigkeit, die ich momentan ausführe, ist eher im Einzelhandel anzusiedeln. Aber zum Glück in einem sehr attraktiven Galerieladen, der sich mit Kunst, Künstlern und Ausstellungen beschäftigt. 5 Keinen. 6 Sehr schwer und desillusionierend, denn plötzlich steht das Geldverdienen im Vordergrund, nicht die Kreativität. 7 Ja, mir sind viele Leute begegnet, die dachten, ich könne zaubern und Gedanken lesen, wenn sie Arbeiten in Auftrag gegeben haben. Auch habe ich gemerkt, dass man um seinen Status als Künstlerin hart kämpfen muss, um nicht als „Hobbymaler“ zu gelten. Auch den Satz: „Kannst du mal schnell...“ habe ich oft gehört. Nur war es dann mit der Bezahlung dafür nicht mehr so schnell.. 8 Ja, durch mein nachfolgendes Meisterstudium in Dresden habe ich gesehen, dass die Studenten dort durch Kurse weit besser vorbereitet werden. Zum Beispiel über die KSK, Steuerrecht, Wirtschaft usw. Alles Dinge, die für die Eigenvermarktung total wichtig sind und an der BUW leider gänzlich gefehlt haben.

Diese Arbeit von Christine Schubert zeigt die Kombination der verführerischen Leichtigkeit des Duftes mit der brachialen Wahrheit im Angesicht des Todes. Die Proben sind nebeneinander aufgereiht und gut beleuchtet, so dass man jede einzelne gut betrachten kann. Im Betrachter selbst soll beim Anschauen der teilweise sehr anmutig, teilweise sehr unangenehm wirkenden Präparate Faszination und Ekel ausgelöst werden, was noch durch deren Masse verstärkt werden soll. Durch die Aufreihung werden die Proben noch dazu in einen ausschließlich zu ästhetischen und prestigeträchtigen Zwecken genutzten Kontext erhoben. „Wie auch in vorangegangenen Arbeiten stelle ich die Frage, bei welchem Lebewesen uns der Tod berührt und wo er uns kalt lässt, vielleicht sogar befriedigt. Welche Proben würde man vielleicht selbst sogar nutzen aufgrund des Insekts, seiner optischen Wirkung und seinen zugeschriebenen Eigenschaften (welche sich zweifellos auf den Duft übertragen?).“

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MATERIELL

o. T. - aus der Serie Fragile Paradise - 2012 - Installation


Nicolas Vionnet Wohnort: Zürich

1 2007 – 2009 2 Master of Fine Arts (MFA). Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategie 3 Lehrkraft für bildende Kunst (Gestaltung und Kunstgeschichte) an einem Gymnasium in Zürich (Schweiz) 4 In meinem Masterstudium an der BUW habe ich mich stets mit größeren Kunstprojekten im öffentlichen Raum beschäftigt. Zwar befasse ich mich auch heute als Kunstvermittler den ganzen Tag mit Kunst. Die Projekte mit den SchülerInnen sind jedoch kleiner geworden und beschränken sich meist auf die Realisierung innerhalb einer Klasse im Schulzimmer. 5 Bezüge zu meiner Tätigkeit als Kunstvermittler sind vorderhand kaum vorhanden. Innerhalb meiner künstlerischen Tätigkeit sind die Arbeiten jedoch inhaltlich eingebettet. Die Themen Integration und Irritation tauchen sowohl in meiner Malerei als auch bei den Installationen immer wieder auf. 6 Da ich immer mal wieder als Stellvertreter unterrichtet habe, war der Wechsel für mich eher fließend. Stark bemerkbar hat sich hingegen der Zeitfaktor gemacht. Während ich in meinem Studium oft mehrere Wochen Zeit hatte, einen Ort zu entdecken und eine Intervention langfristig zu planen, muss ich heute eher schnell handeln. Die Zeit für das richtige „Experiment“ geht allmählich verloren. 7 Eigentlich nicht. Natürlich ist man während eines Studiums ganz tief mit der Materie, in meinem Fall mit Kunst, vernetzt. Das Bestehen und der mögliche Erfolg auf dem Kunstmarkt sind immer begleitende, wichtige Themen. Diese Euphorie wird sicherlich im Alltag nach dem Studium teilweise wieder gebremst. 8 Nein, ich war mit der Ausbildung und der Vorbereitung im Großen und Ganzen zufrieden.

„(…) Irritationen begeistern Vionnet. Eingriffe, welche sich der Umgebung annähern und mit ihr in einen Dialog treten, ohne dass eine Unterordnung entsteht. In diesem Dialog öffnet sich ein Spannungsfeld, das dem Betrachter einen verschärften Blick auf beide in Erscheinung tretende Phänomene erlaubt. Für seine Installationen benützt Vionnet den gleichen Ansatz und die gleiche Vorgehensweise. Irritation und Integration. Einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes folgt dann ein feiner und treffender Eingriff in das Objekt. (…)“ WIDMER+THEODORIDIS contemporary, Zürich (2011) Diese installative Arbeit wurde speziell für die Ausstellung „Kollisionen“ konzipiert. Ansatzpunkte sind die vielseitigen Interpretations- und Anwendungsmöglichkeiten des Begriffs Kollision. Die Idee geht von einer „Ausstellungskollision“ aus. Ein bestimmtes Werk kann nicht gezeigt werden, da dieses gleichzeitig in einer anderen Ausstellung präsentiert wird — eine fiktive und äußerst unwahrscheinliche Sachlage, die wohl kaum in der Realität anzutreffen ist. Die aufwändige Verarbeitung sowie die auffällige Hängung der Infotafel irritiert und lässt den Besucher im Ungewissen, ob es sich hierbei tatsächlich „nur“ um eine Hinweistafel handelt.

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MATERIELL

Unter dem Titel „Unwetter“ präsentiert Nicolas Vionnet (*1976) eine Serie von rund 40 Werken. Immer wieder wird der blaue Himmel eines Schönwettertages durch den Eingriff einer malerischen Geste durchbrochen oder gestört. Die Wolken schimmern noch als idealisierter Moment hindurch, dominiert werden die Bilder jedoch durch Vionnets expressiven Duktus und das Auftragen der satten ungemischten Farben. Wie bei einer extremen Wettersituation treffen die unterschiedlichen Elemente aufeinander. Der Farbauftrag konzentriert sich auf eine Stelle im Bild, bricht aber immer wieder in mehrere Richtungen aus und lässt einzelne Farbstriche wie Blitze umherzucken. Andere Werke der Unwetter-Serie hingegen wirken wie die greifbare Ankündigung eines nahenden Gewitters. Etwas Unheilvolles braut sich zusammen und lässt ahnen, dass bald ein Sturm die Ruhe und die Gleichmäßigkeit des blauen Himmels stören wird. In den Bildern erscheinen Reflexe eines äußeren Erlebnisses, eines Natureindrucks, und lassen trotz des abstrakten Charakters der Werke, Reste von Gegenständlichkeit bestehen. Das jähe Eindringen der unverdünnt aufgetragenen Farben, die sich stellenweise in breitflächigen Spachtelzügen über das Bild ziehen, verstärkt den Gegensatz zu dem darunter liegenden Blau. Rhythmisch, schnell, mit ständigen Richtungswechseln ist die Farbe aufgetragen, konzentriert sich auf bestimmte Felder, lässt aber dort, wo sie nicht so dicht ist, subtile Übergänge zu. Einzelne sich überlagernde Farbschichten schimmern wie ein feiner poröser Schleier hindurch. Die dreidimensional erscheinenden Wolken, die sich als wiederkehrendes Motiv durch die Serie ziehen, werden durch die großflächig gespachtelten zweidimensionalen Flächen überlagert. Dort wo Farbe konzentriert aufgetragen wird, tropft sie auf der Leinwand herunter und eröffnet dem Betrachter einen weiten Interpretationsspielraum.
 In anderen Varianten seiner Unwetter-Serie verdrängt der Künstler das Gegenständliche vollständig aus dem Bild. Nur noch das changierende Blau lässt den Himmel erahnen, der Rest des Werkes wird von dem eruptiven Ausbruch der Malerei bestimmt. Wieder andere, in diesem Fall kleinformatige Bilder, vom Künstler so bezeichnete Spots, sind Ausschnitte seiner großformatigen Werke. Im Gegensatz zu den warmen Farbtönen der großformatigen Werke, in denen sattes Rot und Gelb dominieren, arbeitet Nicolas Vionnet hier teilweise mit Variationen eines Farbtones. Der Horizont wird streng durchbrochen: auf der einen Seite die Unbestimmtheit des Wolkenhimmels, auf der anderen Seite das Aufeinanderprallen der Elemente. Spannend ist, dass Nicolas Vionnet mit diesem Bilderzyklus zu seinen künstlerischen Wurzeln zurückkehrt, der Arbeit mit der Sprühfarbe. Anders jedoch als zu seiner Zeit als Graffiti-Künstler, als er ganze Wände mit klar umrissenen Botschaften und Zeichen gestaltete, setzt er heute die Spraydose behutsam ein. Erstaunlicherweise sind gerade die zarten Wolkengebilde vollständig gesprüht, für die gestischen Eingriffe in dieses Wolkengeflecht benutzt der Künstler Buntlacke. Neben dem Bruch zwischen Himmel und kräftigem Farbauftrag wird, durch die Verwendung unterschiedlicher Maltechniken, eine weitere Spannung erzeugt. Mancher Farbauftrag wirkt so unmittelbar, dass der Betrachter den Eindruck erhält, die Farbe wäre noch im Trocknungsprozess begriffen. Wie bei seinen früheren Werken soll die Maltechnik sichtbar bleiben, der Arbeitsprozess ablesbar: die Spontaneität in der Umsetzung des Bildgedankens überwiegt dadurch. Und es ist gerade das Spielen mit dieser unterschiedlichen Materialität, die Unmittelbarkeit des Farbauftrags, die den Betrachter in den Bann der Unwetter-Serie ziehen. Text: Tanja Narr, Kunsthistorikerin Basel (Juli 2007)

(re) Info - 2012 - Aluminiumschild / (li) aus der Serie Unwetter - 2007 – 2011 - Sprühfarbe und Acryllack auf Leinwand, Masse divers

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BENEDIKT BRAUN Wohnort: Weimar

1 2001 – 2009 2 Visuelle Kommunikation und Freie Kunst (2009: Erhalt des akademischen Grades: DiplomKünstler, 2007: Erhalt des akademischen Grades: Diplom-Designer) 3 Ultra-Freier Künstler (selbstständig) 4 Ich habe Design und Kunst studiert und jetzt bin ich Ultra-Freier Künstler (UFK). Somit kann ich voll auf mein Studium aufbauen. Hurra! Glück gehabt. 5 ,Hype‘ ist der Titel der gezeigten Videoarbeit. Man sieht Luftballons die wachsen (aufgeblasen werden) und dann platzen. Die Arbeit spielt nicht nur auf die US-Immobilienblase an, welche als Ursache für die Finanzkrise gilt, sondern überträgt die Fragestellung der Hypes auch auf den Kunstmarkt. Weiß der Betrachter, dass die Kunst für mich die beste Art der Selbstbefriedigung ist, rückt sich der gezeigte kleine Tod, der Höhepunkt in ein anderes Licht. 6 Der Übergang war entspannt und fließend. Nach dem Abschluss habe ich direkt die mehrmonatige Real-Live-Performance „Touchdown“ zelebriert. Mit zwei Diplomen in der Tasche habe ich mich mit meinem vollem Gewicht ins Sozialnetz gestürzt und die Hartz-IV-Klischees gelebt. Danke Solidargemeinschaft! 7 Ja, ich bin davon ausgegangen, dass ich nach dem Studium sehr schnell gewaltig berühmt und reich werde. Dies ist so nicht eingetroffen. Noch nicht. Dies könnte wirklich mit bestimmten Vorstellungen und Idealen zusammenhängen, an denen ich zum Teil noch festhalte. Doch langsam baue ich sie ab. 8 Nein. Für den hohen Grad an Freiheit, den ich als Student erleben durfte, bin ich immer noch dankbar. Hier tun mir die Bachelor-Studenten fast etwas leid.

„Hype“ ist eine von mehreren Arbeiten Brauns, welche sich mit dem Thema Armut und Reichtum beschäftigt. Die Arbeit spielt nicht nur auf die US-Immobilienblase an, welche als Ursache für die Finanzkrise gilt, sondern überträgt die Fragestellung der Hypes auch auf den Kunstmarkt. Kenner wissen, dass die Kunst für den Ultra-Freien Künstler die beste Art der Selbstbefriedigung ist. Somit rückt sich der gezeigte kleine Tod, der Höhepunkt, der Kopfschuss, der BJ in ein anderes Licht und streift die sexuelle Ebene, die wiederum im Kontext der Vermarktung und Werbung ihre eigene Brisanz besitzt. Denkt man in diese Richtung weiter, kommt man auf Fragestellungen der Moral und Religion. Zu den Bildern von Explosionen und Selbstmordattentätern ist der Gedankenweg nun auch nicht mehr weit. Brauns Arbeit ist einmal mehr ein Rundumschlag, welcher vielschichtig in diverse Facetten unserer vermeintlichen Realität blättert.

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MATERIELL

2011 - Videoinstallation - Courtesy Galerie Eigenheim / Galerie Kunsthaus Erfurt

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Christian Rottler Wohnort: Stuttgart

1 2003 – 2009 2 Mediengestaltung (Bachelor und Master) 3 Januar 2010 – Dezember 2011: Volontär beim Zeitungsverlag Waiblingen (Kreisredaktion); seit Januar 2012: Redakteur beim Zeitungsverlag Waiblingen (Kreisredaktion) 4 Beim Experimentellen Radio moderierte ich Radiosendungen, stellte Radiofeatures und Hörspiele her und erlernte so die Grundlagen des journalistischen Handwerks. Allerdings hat der Print-Journalismus seine eigenen Gesetze. 5 Die Texte sind eine Auswahl aus den letzten zweieinhalb Jahren, in denen ich über 500 Artikel für die Tageszeitung verfasst habe. 6 Der Zeitdruck und die Schnelllebigkeit des Journalisten-Daseins hat nur wenig mit der zeitintensiven Planung von Hörspielen oder Installationen zu tun. In manchen Fällen bleiben rund 90 Minuten, um 100 Zeilen zu schreiben. Im Berufsleben setzt ein gewisser Pragmatismus ein: Was ist in welcher Zeit möglich? 7 Nein, mir war klar, dass jenseits der Käseglocke ein wesentlich härterer Wind weht. 8 Nein.

„Crash after Crash“: Eine Beschreibung der Aneinanderreihung von Kollisionen, die Addition von Erlebnissen des Scheiterns — ein Stürzen, Wiederaufstehen und Weiterhasten. Durch zahlreiche Querverweise, Selektion und Aussparung, Raffung und Dehnung von Schlüsselerlebnissen, Traumata und Schicksalsschlägen versucht Christian Rottler ein Kontinuum des Scheiterns zu konstruieren. Das Individuum wird anhand der Summe seiner Narben und Niederlagen erklärt. Letztlich scheiterte Rottler als Musiker, hing 2009 die Gitarre an den Nagel, um sich in seinem künstlerischen Schaffen ausschließlich dem Medium Hörspiel zu widmen. 2009 erhielt er hierfür den 1.Preis der Mediengestaltung der Bauhaus-Universität Weimar für die beste Abschlussarbeit. Wenige Monate später gab er auch diese Tätigkeit auf und begann ein Volontariat beim Zeitungsverlag Waiblingen (Auflage 48 000), um sich zum Redakteur ausbilden zu lassen. All die Motive des Songs „Crash after Crash“ tauchen so unter anderen Vorzeichen im Berufsleben wieder auf, allerdings hat sich die Perspektive verändert. Während Rottler zuvor als Musiker, Autor und Hörspielmacher zu seiner Kunst befragt wurde und sich der Öffentlichkeit präsentierte, ist er als Journalist nun derjenige, der Werke rezensiert, Konzert-Kritiken schreibt und seinem Gegenüber brauchbare Zitate entlocken muss. So ist Rottler in seinem Berufsleben stets mit seiner künstlerischen Vergangenheit konfrontiert. Zudem spezialisierte er sich auf Gerichtsreportagen, Polizeigeschichten und die Schicksale von Drogenabhängigen und betreibt so indirekt eine Form der Vergangenheitsbewältigung. Der Beruf des Redakteurs besteht aus Begegnungen, beinahe täglich trifft der Journalist auf unbekannte Personen und komplexe Sachverhalte. Danach wartet das weiße Papier ungeduldig darauf, gefüllt zu werden. Im Unterschied zum Künstler hat der Journalist hierfür allerdings kaum Zeit für Reflexion oder Überarbeitung. Es ist Fließbandarbeit, denn der nächste Aufprall steht schon im Terminkalender. Die 100, der über 500 von Rottler verfassten Zeitungsartikel dokumentieren diese Begegnungen: Crash after crash after crash after crash...

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Crash after Crash - 07 - Soundinstallation mit Zeitungsartikeln aus den Jahren 2010 – 2012

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SIMONE WEIKELT Wohnort: Erfurt

1 10/2005 – 04/2010 2 Freie Kunst 3 Freiberuflich als Künstlerin 4 Ich arbeite, wie schon während des Studiums, künstlerisch in meinen Medien, kontext- und raumbezogene Installationen und Objekte. Da der Kunstbegriff gerade hier in der „Provinz“ noch etwas begrenzt ist, verdiene ich mein Geld jedoch mit anderen kreativen Tätigkeiten. Wenn man keine „Kunst für übers Sofa“ produziert, hat man es am Markt, insbesondere am lokalen, recht schwer. 5 Meine Arbeit ist als ironisch, humoreske Antwort zum Thema zu verstehen. Mehr Schein als Sein und ein Leben durch die rosa-rote Brille. 6 Es gab für mich kaum einen Unterschied zu der Zeit im Studium, da ich mir mein Studium selbst finanziert habe und auch schon währenddessen gearbeitet habe. 7 Ich habe das schon sehr früh, sehr realistisch eingeschätzt, da ich schon vor dem Studium am Kunstmarkt als Agentin tätig war und genau wusste, worauf ich mich einlasse. Viel Arbeit, wenig Geld — aber Erfüllung der Berufung. 8 Mehr Kontakte zum Kunstmarkt, insbesondere solche, die den Künstlern ihren Medien entsprechend (bei mir kontext- und raumbezogene Installation, Objekt) einen besseren Start bieten. Mehr Aktivität schon während des Studiums am Kunstmarkt. Ausstellen, ausstellen, ausstellen — am besten gleich in den Kunstmetropolen.

Die Installation steht für Zustände, die mehr Schein als Sein verkörpern. Dies sind Situationen, denen man sich immer wieder ausgeliefert sieht und deren Folge nicht selten mentale Blockaden sind, die einer Verstopfung gleich kommen. Mein Konzept nimmt Bezug auf den Zustand, in dem sich viele Künstler nach dem Studium befinden. Verstopft durch Ideale und blockiert durch Orientierungslosigkeit. Voller Hoffnungen auf Erfolg und die Möglichkeit, die eigenen Ideale künstlerisch zu verfolgen und durchzusetzen, verlassen viele Künstler die Universität. Letztendlich sieht es für die meisten von uns ganz anders aus. Nur 5 % der Künstler in Deutschland können von ihrer Kunst leben. In dieser Statistik wird jedoch nicht berücksichtigt, wie weit sich diese 5 % unter Umständen von ihren eigenen künstlerischen Ambitionen entfernen müssen, um verkaufen zu können. Für die restlichen 95% ist ihre Kunst nach dem Studium brotlos. Gleichfalls muss sich der Künstler immer wieder damit auseinandersetzen, wenn er denn von seiner Kunst leben mag und früher oder später müssen wir das ja alle, was in der Gesellschaft als Kunst verstanden oder akzeptiert wird. Der Kunstbegriff ist auch noch im 21. Jahrhundert, zumindest jenseits des klassischen Kunstmarktbetriebes und zum Teil auch dort noch, relativ beschränkt. Denn auch der Kunstmarkt ist von potenziellen Käufern abhängig und die Kunstdealer wollen Geld verdienen. Die Theorie vermittelt die künstlerischen Ideale, die Praxis ist bestimmt durch den Geldmarkt und betriebswirtschaftliche Prinzipien. PR und Marketing sind für die notwendige Bekanntheit des Künstlers unumgänglich. Werke werden medial hochgepuscht. Und da lauert schon der Schein, der oft mehr als das Sein bedeutet, um die Kunst des Künstlers erfolgreich werden zu lassen. Schon im Augenblick dessen, wo der Künstler zum Unternehmer wird, muss er seine künstlerischen Ideale verraten. Viele Künstler werden erst im Übergang vom Studium zum Berufsleben damit konfrontiert. Die Folge ist eine mentale Blockade, die einer Verstopfung gleich kommt.

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A shit of barbie - 2012 - Installation

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LEONIE WEBER Wohnort: New York

1 1994 – 1999 2 Freie Kunst 3 Künstlerin und Mutter 4 100% 5 Die Arbeit kommentiert das Leben als Künstler/in, wie ich selbst und die meisten meiner Künstlerfreunde es leben und macht sich ein wenig lustig über das Streben nach Erfolg, oft vorhandenen Narzismus, Eitelkeit, Verletzlichkeit und Neid. 6 Für mich war der Übergang sehr einfach – ich hatte da wahrscheinlich Glück. Nach dem Diplom habe ich noch ein Auslandssemester in Chicago angehängt, danach einige Monate gejobbt und ein kuratorisches Praktikum gemacht. In dieser Zeit hatte ich mehrere Ausstellungsbeteiligungen, die noch über die Bauhaus-Uni liefen. Im Oktober 2001 bekam ich eine Stelle als künstlerische Mitarbeiterin für den MFA Studiengang „Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien“ an der Fakultät Gestaltung. Seit 2005 bin ich selbstständig freiberuflich tätig. 7 Eigentlich wusste ich ziemlich genau, was mich erwartet. 8 Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich möglich ist. Die meisten Kunststudenten wünschen sich schon während des Studiums sozusagen „all inclusive“ gleich an den Kunstmarkt weitergereicht zu werden und bei den Rundgängen von tollen Galerien aufgeschnappt zu werden – manchen mag das ja tatsächlich gelingen. In der Regel ist das aber nicht so. Ich kann von mir selbst sagen, dass ich auch sehr jung war und vielleicht mit meiner künstlerischen Entwicklung einfach noch nicht ganz so weit. Mir hat es gut getan, noch einige Jahre unabhängig und ohne Druck weiterzuarbeiten. In Sachen „Professionalität“ habe ich mich ganz gut vorbereitet gefühlt. Ich wusste zumindest, was ich tun muss um in die KSK zu kommen, hatte mir ein, zwei „transferable Skills“ angeeignet, die mir halfen, Jobs zu finden, mit denen ich mich bis heute über Wasser halten kann. Ein guter Tipp wäre vielleicht gewesen, sich nicht gleich für die großen Stipendien (Kunstfonds, Solitude, etc. ) zu bewerben, bei denen es auch weit arriviertere Künstler versuchen, sondern eher mit kleinen Residencies etc. anzufangen. Insgesamt finde ich, dass dieser ganze Trend zur „Professionalisierung“ ein zweischneidiges Schwert ist. Einerseits stimme ich schon zu, dass es sinnvoll ist, sich auf die Realität des Künstlerdaseins vorzubereiten – dass man weiß, wie man eine Mappe macht, eine Webseite, eine Bewerbung und wie man sich für die KSK bewirbt – andererseits finde ich auch, dass diese ganze „Professionalität“ irgendwie freudlos ist und die Lust auf das Experimentieren verdirbt. Mir klingt das irgendwie zu sehr nach (Kreativ-) Wirtschaft und ich habe das Gefühl, dass man auch schnell Gefahr läuft, sich anzubiedern. Ich finde es wichtig, zuerst mal auf die künstlerische Arbeit zu schauen. Sie zu entwickeln muss das Hauptziel sein, das Andere ist ein notwendiges Übel und steht auf jeden Fall an zweiter Stelle.

In diesem Video sieht man zwei Personen eine lange und steile Treppe hinaufgehen. Ihrem Gespräch ist zu entnehmen, dass es sich bei ihnen um eine Künstlerin und einen Künstler handelt. Was als Smalltalk daher kommt, entpuppt sich als entlarvender Einblick in die typische Lebensrealität junger Künstler: Nachdem sie sich freundlich gönnerhaft (und narzistisch vorsichtig) über ihre letzten Ausstellungen und Projekte ausgetauscht haben, sprechen sie leicht peinlich berührt über Erfolgsdruck, schlechte Bezahlung und finanzielle Nöte und Neid - und ganz leise klingt auch das Gefühl des Gescheitert-Seins an. Das Gespräch ist so realistisch nachgezeichnet, dass es zum Über-Sich-Selbst-Lachen und zum Mitschämen einlädt. Schnitt und Endlosschleife lassen den Weg — es handelt sich um die Treppe, die zur Villa der Kunststiftung Baden-Württemberg in Stuttgart hinauf führt — unendlich erscheinen.

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Mit Anke Bußmann und Timo Tank Kamera: Andreas Hampp Ton: Sascha Bufe

Stairway To - 2009 - Videoinstallation - DV, 6 min (Loop)

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MARC JUNG Wohnort: Weimar

1 2006  – 2011 2 Fakultät Gestaltung, „Freie Kunst“, Prof. Elfi Fröhlich, Reinhard Franz; 2009/2010 „Malerei“, Prof. Daniel Richter, Akademie der Bildenden Künste Wien 3 Freischaffender Künstler 4 Ich bin als freischaffender Künstler tätig und setzte mein künstlerisches Schaffen fort, welches ich im Studium bereits begonnen habe. Es ergeben sich regelmäßig Gruppen- und Einzelausstellungen in Thüringen und vor allem auch in Berlin. Ich arbeite seit 2009 eng mit der Galerie Kunsthaus Erfurt zusammen und habe für sie 2010 und 2011 an der Messe Preview Berlin teilgenommen. Am 14.12.2012 findet dort die Eröffnung meiner nächsten Einzelausstellungen mit dem vorläufigen Arbeitstitel „DIE ZUCKERBROTPEITSCHE DER VERNUNFT“ statt. Es hat sich bei mir während des Studiums bereits eine gewisse Regelmäßigkeit im Ausstellen und Selbsttätigkeit entwickelt. Natürlich damals im Studium noch mit tatkräftiger Unterstützung durch Prof. Elfi Fröhlich, Anke Stiller, Caroline Hake und Reinhard Franz. 5 Die gezeigten Arbeiten sind Bestandteile einer Reihe von Arbeiten, in den Bereichen Malerei, Zeichnung, Installation und Objekt, die sich mit dem absurden Irrwitz der alltäglichen sozialen Realität auseinandersetzt. Rein formal betrachtet ist meine Arbeit ein experimentierfreudiger Versuch, eine Kombination von Hochkulturelementen und passend unpassenden Gegenspielern aus dem alltäglichen menschlichen Miteinander zu entwerfen, die meinem Eindruck als außenstehenden Beobachter entspricht und bemüht ist, das fleischgewordene Chaos in beispielsweise selbstironischen bis sarkastischen, brutalen Kommentaren, die sich über die üblichen Genregrenzen hinwegsetzen, einzufangen. 6 Da meine Ausstellungstätigkeit und stark selbstgesteuertes Arbeiten bereits in den letzten Semestern des Studiums einsetzte, war die Umstellung nach dem Diplom nicht wirklich groß, da sich durch das Blatt Papier an meinem Leben nichts änderte. Die Realität war und ist danach so super-gut-brutal-beschissen, wie zuvor. Ok, man entledigt sich einiger sinnloser Tätigkeiten des Studienlebens, die einem nur Lebenszeit fressen. Andere Dinge vermisst man, wie den Austausch mit dem einen Typen, mit dem du über deine Arbeiten reden konntest. 7 Ich bin völlig blauäugig in dieses Studium gestolpert und frage mich heute noch, wie das wirklich passieren konnte. Ich wollte, zum Beispiel, immer malen, hatte aber, aus heutiger Sicht, nach meinem lächerlichen Kunstabitur null Ahnung davon. Ich wusste nur, was ich nicht wollte. Da ist viel Potential für Kollisionen gegeben, in erster Linie mit sich selbst. Aber natürlich auch mit dem ganzen Drumherum, bis man irgendwann auf etwas trifft, was den eigenen Vorstellungen entspricht und man merkt, dass man vielleicht doch nicht total bekloppt ist, weil andere das ja schon mal ähnlich gesehen haben oder noch sehen. Zu größeren Kollisionen mit der Realität nach dem Studium kann es nicht kommen, wenn man den einen Satz während der Studienzeit gehört hat, der besagt, dass 97% der Kunststudenten nicht von ihrem „Job Kunst“ überleben können. 8 Der Studienstandort Weimar ist Fluch und Segen zugleich. Man hat die Möglichkeit, frei und stark selbstbestimmt in den gut ausgestatteten Werkstätten und Ateliers unter professioneller Aufsicht der Professoren zu arbeiten. Doch der Status einer Provinzuniversität im Bereich der Bildenden Künste hängt der Schule an, daran ändert auch der trügerische gute Ruf im Ausland nichts, wo die Leute immer noch auf das Stichwort „Bauhaus“ hereinfallen, was mit der heutigen Realität relativ wenig zu tun hat. Vieles was dort passiert, bleibt auch unter der Käseglocke Weimar hängen und verpufft vor Ort. Mit dem Gräfe Kreativpreis ist eine Plattform entstanden, die mit der Ausstellung „Bauhaus Essentials“ im Neuen Museum und der Teilnahme der drei Erstplatzierten auf der Messe Preview Berlin eine Möglichkeit des Ausbruchs in die Realität außerhalb Weimars bietet. Dazu kommt die Produktion der Uni-Galerie „marke. 6“ in den Kellerräumlichkeiten des Neuen Museums, was ein guter Schritt war, um

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den Studenten Ausstellungspraxis zu gewährleisten. In den letzten Jahren, gab es auch schon einige lobenswerte Ausstellungsprojekte verschiedener Professoren der Freien Kunst, die die Grenzen Weimars und Thüringens überschritten. Ich hätte mir einen regelmäßigeren Austausch mit anderen Akademien gewünscht, sodass sich bereits während des Studiums bessere Vernetzungsmöglichkeiten zwischen den unterschiedlichen Einrichtungen und Studenten ergeben hätten können.

WENN DIE COOLEN KIDS AUCH JAWOHL SCHREIEN IST ALLES AUS 2012 – mixed media on hardboard JUHU BAUMEISTER IST TOT AUF ZU OBI 2012 – mixed media on paper SSS (SCHEISSSTRICHER-

„Bevor ich mit der Kunstproduktion begann, war ich lange Zeit mit dem Leistungssport Ringen

STREIFEN NR 2)

verbunden. Meine ersten kreativen Schritte machte ich in der Streetart. Der Spagat zwischen diesen

2012 – mixed media on paper

beiden Welten der Hochkultur der Bildenden Künste und dem beinahe schon subkulturellen, bodenständigen Arbeiterumfeld, mit den jeweiligen Klischees und Erwartungen über den anderen,

ZWEIMAL MIT ZUNGE IST

beschäftigt mich stark in meinen Erforschungsfeldzügen durch das Chaos des menschlichen Mit-

KEIN ZUFALL MEHR ODER

einanders. Ich interessiere mich intensiv für die Wahnsinnsmaschinerien des Alltages, die beispiel-

2012 – mixed media on paper

haft für das große Ganze stehen und deren skurrile Abläufe als Mahnmale für den Irrwitz der menschlichen Existenz gelten können.

DR BOOTYGRABBER

Ich nutze zum Arbeiten alle erdenklichen Quellen wie Popsongs, Internet, Fernsehen, Film,

2012 – mixed media on canvas

Werbung, Magazine, Privatleben, Kunstwelt, Subkulturen, usw. Daraus ist in den letzten Jahren eine

SCHÖN WENN MAN ZU

als Grundlage meines Schaffens verwende. Denn dort wird in kleinen, scheinbar bedeutungsleeren

große Sammlung an Zitaten in meinen unzähligen Skizzenbüchern entstanden, die ich wiederum DEN GÖTTERN GEHÖRT

Phrasen, Werbejingles, Filmzitaten, Popschnulzentexten oder eben Episoden aus meinem privaten

2012 – mixed media on canvas

Umfeld, genau dieses wahnwitzige Zwischenmenschliche auf den Punkt gebracht. Das ist meine Initialzündung, die in den unterschiedlichsten Medien von Zeichnung, Malerei, Objekten und Instal-

DIE GUTE STUBE

lationen einer sehr experimentierfreudigen zeitgemäßen Überarbeitung, sehr oft unter Beimischen

2012 – object mixed media

kunstfremder Materialien, unterzogen wird und dadurch gleichzeitig zahlreiche Genregrenzen in

Courtesy Galerie Kunsthaus Erfurt

Frage stellt, sie ignoriert, bekämpft, überwindet und auch mal gegen sie verliert.“

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FREDERIKE LORENZ Wohnort: K assel

1 Ich war Studentin an der BUW von 2002 – 2008. 2 Studiengang Freie Kunst 3 Kellnern 4 Der Beruf, mit dem ich Geld für mein Leben verdiene, hat nichts mit meinem Studium zu tun. 5 Einerseits viele, andererseits hat die Arbeit keine Bezüge zu meiner Tätigkeit. In den beiden ausgestellten Arbeiten geht es mehr um allgemeine Unzulänglichkeiten, Probleme und Überwindungen. Ganz gleich welche Tätigkeit man ausübt. 6 Sehr schwierig. Im Studium war mir nicht wirklich klar, was es bedeutet, sich von Stipendium zu Stipendium und Ausstellung zu Ausstellung zu hangeln. Die Zeiten dazwischen sind hart und voller Zweifel. 7 Ich hatte keine konkreten Vorstellungen und Ideale, aber trotzdem ist da etwas mit der Realität kollidiert. Ich sehe vieles jetzt anders als vor und während des Studiums. 8 Einerseits ja. Ich hätte mir gewünscht, dass man mir noch klarer macht, was es bedeutet auf dem Kunstmarkt zu sein und was es tatsächlich bedeutet von der Kunst leben zu wollen. Andererseits hätte das vielleicht auch nichts genutzt, weil ich mich als Student nicht beirren lassen hätte.

„Meine eigene Arbeit zu beschreiben wird für mich immer schwieriger, weil es sich für mich, je länger ich zeichne, immer weniger fassen lässt, welche Form, welches Zeichen, welche Linie mich so beschäftigt, dass ich sie in einer Zeichnung verwende. Dennoch würde ich die Arbeiten vielleicht so beschreiben, dass sie Bruchstücke des Gesehenen und Erlebten sind. Letztendlich fügen sie sich wie ein Puzzle wieder zusammen und ergeben oft eine ganz andere Geschichte, als die, die mich zu Beginn beschäftigt hat. Die jedoch nicht weniger „wahr“ ist. Es tauchen immer wieder einfache Zeichen in Verbindung mit Text auf, die zum einen Teil persönlich, zum anderen Teil allgemein verstanden werden können. Oft sind es nur kleine Details, die manchmal auf einen größeren Zusammenhang hinweisen. Für mich besteht meine künstlerische Arbeit darin, diese Details aufzuspüren, zu isolieren, zu interpretieren und wieder zusammenzufügen.“

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„ohne Titel“ - 2012 - Tusche auf Papier (li) / 2012 - Fineliner auf Papier (re)

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SSMIDD Wohnort: Freiburg

1 1998 – 2004 2 Visuelle Kommunikation (Dipl.-Des.) 3 Gedankenschmied//Mehrzweckkünstler 4 Ich würde sagen: wir sind die Kinder unserer Zeit. Das Studium bot uns Vielfalt, die man mit Mut zu einer idealistischen Vision auf die Landkarte des Lebens projizieren kann. Im Studium fanden sich einige Anlässe für meine Artikulationen im Rahmen des GEDANKENSCHMIEDPROJEKTS. 5 Die hier ausgestellte Arbeit hat einen indirekten Bezug auf meine künstlerische Arbeit. Sie ist durchflochten und reift natürlich gleichsam anhand anderer Aspekte jener Fließbewegung, die man das Leben nennt. Das Video schaut wie durch einen Tunnel hindurch auf Prozesse, die das eigentliche, oder, wie soll man sagen, „klassische“, bzw. „moderne“ Kunst/-werk/-produkt umgarnen. Man sieht dort ja gar nichts von der „Kunst“. Man sieht dort nur meine drei Kollegen, Juan ARATA, Lan Hungh, Marcus p. und mich, wie wir uns auf den Ort, oder besser gesagt, „das Ort“ der „Kunst“ zu bewegen, bzw. darum herum, und was uns dabei so begegnet. Die Kunst selbst ist eher eine Art Leerstelle innerhalb des Videos, und das macht es vielleicht interessant, obwohl es so banal daherkommt. Es spiegelt auf diese Weise das Meer der Beliebigkeit wider, die sich aus einer omnipräsenten Bildhaftigkeit speist, zu der uns ein überquellender und seriell gefertigter Medien- und Apparatestrom verführt. 6 Eigentlich ein gleitender Übergang. Hoffentlich hören wir nicht auf, uns zu bemühen, auf die Dinge des Alltags zu mindest mit artigem Interesse zuzugehen. So studieren wir das Leben, so wird das Leben immer mehr zu der Berufung, die wir uns auferlegt haben und täglich wieder auferlegen — mit jedem Gedanken, jedem Wort und jedem Schritt, den wir tun. 7 Selbstverständlich! Dies ist aber generell das Problem „bestimmter Vorstellungen und Ideale“. Sie haben in den meisten Fällen nicht wirklich viel mit dem zu tun, was sich vor unserer Nase befindet. Die Vergangenheit und im Besonderen die Zukunft sind nun mal reine Fiktion. Da beißt die Maus keinen Faden ab. 8 Wenn ich die Frage genau betrachte, müsste man erstmal definieren, was man unter real versteht, und wie man den Begriff Arbeit definieren möchte. Besonders das gestalterische oder gar künstlerische Arbeitsspektrum kann ja ausgesprochen facettenreich sein. In Bezug auf die Mechanismen des Kunstmarktes selbst, muss man sich jedoch fragen, ob da nicht eher ein Ökonomiestudium von Vorteil gewesen wäre, oder ein Kurs in: Wie verkaufe ich meine Seele an den schwarzen Pudel?

Das Video „( ) parenthèse espace parenthèse“ stellt den Saum eines künstlerischen Projektes dar. Es zeigt Rahmenbedingungen, die vier Künstler aus Berlin, Buenos Aires, Paris und Taipeh dazu führten, sich in dem kleinen Dorf „Moins la Trivalle“ am Ende der Welt zu treffen, um dort einen Ausstellungsraum mit Kunst zu verwandeln. - Anfahrt 2 Tage / - Aufbau 3 Tage / - Ausstellung 1 Nacht / - Besuch der Künstler der Region 1 Tag - Ausstellungsabriss/Recycling der Kunstobjekte 1 Tag / - Abfahrt 2 Tage Zwischen all diesen Ereignissen entstanden jene Videotraumaufnahmen, halbfertig und Teil, der den Überschuss einer authentischen Erfahrung am Rande des Abendlandes belebt. Lenghts: 20:45 min / Color: BW and COLOR / Format: Full HD, 16:9, progressive / Sound: mute Featuring: Juan ARATA, Lan Hungh, Marcus p. & SSMIDD / Camera: collaborative camera Video by: SSMIDD – GEDANKENSCHMIED project 2012 / Install as: screen / projection Collaboration: http://parenthesisspaceparenthesis.blogspot.fr/

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( ) parenthèse espace parenthèse - 2012 - Videoinstallation

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MICHAL SCHMIDT

www.michal.refocus.de

Wohnort: Erfurt

1 10/2002 – 04/2008 2 Freie Kunst 3 Freischaffender Künstler 4 Im Gegensatz zur Studienzeit arbeite ich nun mehr kundenorientiert, aber immer noch konzeptuell. Waren die Schwerpunkte in den Jahren an der BUW eher auf Installation und Objekt ausgerichtet, hat sich dies in Richtung Malerei verschoben. Ich male gern, muss aber gestehen, dass der Umfang dieser Tätigkeit der Nachfrage und Konsumgewohnheiten der Rezipienten geschuldet ist. 5 Meine Arbeit ist selbstreflektierend, hinterfragt kritisch und provozierend eigene Ansprüche und Zwänge des Marktes, lässt sich aber auch als Modellsituation für die größte Menge an Kunsthochschulabsolventen und professionell Kunstschaffenden verstehen. 6 Der Unterschied zeigte sich verschwindend gering und fließend, da ich das „Traumstudium“ Freie Kunst komplett selbst finanzieren, mich also schon während der Studienzeit mit diversen Jobs über Wasser halten musste und somit ein recht ausgiebiges Training für den Berufseinstieg absolviert habe. 7 Ich glaube, die vielbenutzte rosarote Brille nie getragen und das Berufsbild des Künstlers zu keiner Zeit romantisiert zu haben. Meine Einschätzung war immer recht realistisch. Ich wusste schnell, dass dieser Job mit vielen Entbehrungen und existenziellen Ängsten verbunden sein kann. Aber eben auch mit persönlicher Verwirklichung und echten Glücksmomenten. 8 Das Erlernen einer konzeptbezogenen Arbeitsweise habe ich sehr geschätzt. Was meiner Meinung nach zu kurz kam, war die Einführung in diverse Marktstrategien und die Möglichkeiten des Selbstmanagements. Ich hätte mir mehr Kontakte zum Kunstmarkt gewünscht, einen noch regeren Austausch zu anderen Universitäten, die gezielte Einführung in den Wettbewerb und eine größere Präsenz in der nationalen und internationalen Ausstellungsszene.

Möchte man den einen, begehrten Job haben, wird man versuchen, die Bewerbungsseiten so überzeugend zu gestalten, dass es dem potentiellen Arbeitgeber kaum möglich sein wird, all die positiven Aspekte und blendenden Voraussetzungen des Bewerbers für die erwünschte Tätigkeit zu übersehen. Das eigene Bild wird nahezu perfekt dargestellt, die Vita aufgetakelt und dem Chef in spe eine rosarote Lesebrille aufgesetzt. Denn die Konkurrenz ist groß und die Furcht, nicht zu bestehen, ebenfalls. Die Arbeit o.T. (bitch) thematisiert die Gratwanderung zwischen Geld verdienen müssen, dem eigenen Sellout und dem Talent und Einfallsreichtum, welche nötig sind, um den Beruf des Künstlers zu leben. Zu sehen ist meine Bewerbung für eine Kuratorenstelle in den Erfurter Kunstmuseen, gerahmt und in plüschigem Rosa. Im Kontrast zu der klar strukturierten Anordnung des Layouts, das rotzig und trotzig hin gekratzte, scheinbar destruktive „bitch“. Ein Wort, welches verachtende Begrifflichkeiten, wie Schlampe oder Hure kennt, aber genauso auch aufmüpfiges, trotzendes Selbstbewusstsein signalisierende Tonalitäten und die Entschlossenheit widerspiegelt, welche es braucht, sich als Künstler immer wieder zu reflektieren und zu behaupten.

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o. T. (bitch) - verschiedene Materialien - Courtesy Galerie Eigenheim/ Galerie Kunsthaus Erfurt

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ULRIKE THEUSNER Wohnort: New York / Weimar

1 2002 – 2008 2 Zunächst studierte ich zwei Semester Architektur und bin dann zu Freie Kunst gewechselt. 3 Zurzeit bin ich freischaffender Künstler. 4 Mein jetztiger Beruf entspricht dem Studium zu 100%. Als freier Künstler kann man sich während des Studiums auf bestimmte Gebiete konzentrieren und sich in bestimmten Richtungen professionalisieren. Bei mir war es hauptsächlich Grafik, auch wenn ich dennoch immer gemalt habe. 5 Die Arbeiten aus der Reihe „Weird Feelings“ thematisieren hauptsächlich die Gratwanderung junger Künstler, die sich am Markt etablieren und aber dennoch authentisch bleiben wollen. 6 Für mich war die Zeit kurz nach dem Studium sehr produktiv. Ich habe schnell einen Galeriekontakt hergestellt und konnte meine Sachen auf Ausstellungen zeigen, was mich motiviert hat, weiter zu arbeiten. 7 Ich war nie ein besonders großartiger Idealist, eher ein Realist. Mir war klar, dass ich später von der Kunst leben will und dafür viel arbeiten muss. Ich hatte immer ein Grundvertrauen, dass es klappt. Wem das Grundvertrauen in seine Arbeit fehlt, der kann es eigentlich auch sein lassen. 8 Ja, natürlich. Es kann gar nicht genug Vorträge darüber geben, wen man in der Kunstwelt kennen muss, wie man an Sponsoren kommt, welche Kunstpreise und Stipendien wichtig sind und wie man sich erfolgreich darum bewirbt.

„Weird Feelings“, eine Serie von 58 schwarz-weißen Tuschezeichnungen auf Din A5 Papier, entstand 2010/ 2011. Die meisten Arbeiten sind von meinen Tagebuch-Skizzen inspiriert, die nach meinem Studium-Abschluss im Jahre 2008 entstanden sind und thematisieren meine Gefühle als junger Künstler, der sich auf dem Markt etablieren will („Artist Ranking“) und dennoch authentisch bleiben will („Wie lange brauche ich noch, um zur Essenz der Dinge vorzudringen“, „I thought it´s easier“). Anpassung und Eigenständigkeit sind im ständigen Widerspruch, aber auch alltägliche sowie persönliche Erlebnisse und Einfälle, die schnell skizziert werden, spielen eine Rolle in der Serie ( „You´ve been away for too long“, „I´m so in love

i wanna puke“) Es geht darum darzustellen, wie ich die Welt um mich herum wahrnehme, gerade in dieser interessanten Zeit gleich nach dem Studium, die eigentlich eine der intensivsten und spannendsten ist. Wichtig ist eben, immer die Augen offen zu halten und nah bei sich zu bleiben. „Weird“ beschreibt mit einem Wort eine ganze Reihe von Zuständen – sonderbar, merkwürdig, komisch, gruselig, ulkig, unheimlich, eigenartig – und passt somit perfekt auf meinen Zustand kurz nach dem Diplom. Nicht, dass ich nun klarer im Kopf wäre, doch das Durcheinander legt sich allmählich und der Nebel wird langsam etwas dünner. 33


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Auszüge aus der Serie „Weird Feelings“ - 2001 - Tusche auf Papier

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LAUT EXIL EINS Wohnort: Dresden, New York

1 2006 – 2008 (Hauptstudium) 2 Freie Kunst 3 Kunsttherapeutin, Künstlerin, Grafikerin 4 Da ich nach dem Studium an der Bauhaus-Universität ein weiterführendes Studium aufgenommen habe, entspricht mein jetziger Beruf insofern den erlernten Inhalten, dass es mir als Grundlage gilt. Als Kunsttherapeutin ist nach meiner Ansicht ein sicherer Umgang mit verschiedenen künstlerischen Techniken grundlegend, künstlerisches Denken die Basis für kreativtherapeutische Arbeit, das gilt in gleichem Maße für meine Arbeit im pädagogischen Bereich. 5 Die Kunst, das „reine“ Kunstschaffen hat im Zuge der Erweiterung meines Tätigkeitsfeld um Grafikdesign, Bühnenbild, Kunsttherapie und Pädagogik eine starke zeitliche Einschränkung erfahren. Als Lebensselbstverständlichkeit bleibt sie jedoch stets präsent. Die Arbeiten des Zeichnungs- und Collagenprojekts LAUTEXILEINS gelten für mich als stete Verbindung zur Kunst. Abhängig von verfügbarer Zeit wachsen die Blätter mal mehr mal weniger, mal schnell, mal eher langsam zu fertigen Arbeiten und sammeln sich als Spuren der beruflichen Identifikation als Künstlerin. 6 Direkt nach dem Studium ergab sich für mich die Möglichkeit, in die Produzentengalerie Axel Obiger Berlin einzusteigen, sodass ich das große Glück hatte, in engen Austausch mit Künstlern zu kommen, die ca. 10 – 20 Jahre länger berufliche Erfahrungen sammeln konnten, sodass mir das Neuland künstlerischer Selbstorganisation schnell vertraut wurde. Bereits während des Studiums war ich in verschiedenen anderen kreativen Bereichen tätig, sodass sich an der Art meines Tätigkeitsprofils nicht viel geändert hat. 7 Ich habe mir das Verhältnis zwischen organisatorischer Arbeit und kreativer Arbeit etwas anders vorgestellt. Die Freiheit als Studentin, den größten Teil der Zeit mit praktisch kreativer Arbeit verbringen zu können, hat sich über die Jahre des Studiums als fälschliche Idee vom Künstlerleben manifestiert. Im Hinblick auf die Ideale beschäftigt mich seit Beginn des Studiums fortlaufend die komplexe Frage um die Rolle des Künstlers in der gegenwärtigen Gesellschaft — um meine Rolle als Kreativarbeiterin in dieser Zeit. Es ist jedoch weniger ein Kollidieren als ein stetes Prüfen und Erörtern. 8 Besonders im Hinblick auf die professionelle Positionierung als Künstler, hätte ich mir eine bessere Vorbereitung gewünscht. Beispielsweise: In welchem Maß und welcher Art die organisatorische Arbeit ist, welche staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen Stipendien vergeben, wie man sich bewirbt, dass es eine regelmäßige Arbeit ist, aktuelle Ausschreibungen zu finden. Wie das Steuerrecht für Künstler ist, etc. Vieles hat sich für mich erst in (Existenzgründungs-) Kursen des Künstlerbundes aus dem Dunkel des Geheimwissens gelöst und gehört doch für die meisten zum Beruf des Künstlers dazu, dass ich es rückblickend gerne bereits im Studium erfahren hätte.

(Alexandra Mieth)

Hinter LautExilEins verbergen sich drei Diplomandinnen der Bauhaus-Universität Weimar aus dem Jahr 2008. Seit sich nach dem gemeinsamen Studium der Freien Kunst die Wege der befreundeten Künstlerinnen Alexandra Mieth, Christine Schubert und Ulrike Theusner getrennt haben, besteht ein künstlerisches Gemeinschaftsprojekt. Das Projekt läuft neben der jeweiligen individuellen Arbeit der Kunstschaffenden seit 2009. Per Post bewegen sich Zeichnungen und Collagen im Format A4 zwischen wechselnden Orten. Jede Künstlerin hat jedes Blatt bearbeitet. Durch die Wahl des Materials ist die Machbarkeit stets gewährleistet.

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Ursprünglich geboren ist das Projekt aus dem Gedanken, gemeinsam zu arbeiten und mit ungezwungener Leichtigkeit dem spielerischen, forschenden Aspekt des Kunstschaffens nachzugehen. Dabei eigene, feste Vorstellungen freizugeben und den persönlichen Kosmos der Bildwelten um die oft überraschenden Interventionen der anderen zu bereichern ist ein ganz besonderer Reiz. Selbst wenn in manchen Phasen bei der ein oder anderen der drei Zeichnenden das künstlerische Schaffen im Alltag um seinen Platz ringt, Zeit für das übersichtliche A4 Blatt bleibt immer.

2009 – 2012 - Zeichnungen und Collagen in Mehrautorenschaft (Auswahl)

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KARO KOLLWITZ

karo.kollwitz@gmail.com

Wohnort: Weimar

1 1996 – 2000 und 2002 – 2006 2 Freie Kunst und Master of Fine Art/ Public Art 3 Freischaffende Künstlerin 4 Ganz. 5 Ich verstehe die Frage nicht. Vielleicht betrifft sie mich nicht sonderlich. 6 Es war 2006 eine eher sanfte Landung durch verschiedene Stipendien und Förderungen, aber hart durchzogen von drei Kindern, die irgendwo dazwischen auftauchten. Das finden viele Kuratoren immer noch uncool. Residencies gehen auch nicht. 7 Die Notwendigkeit, Preise zu machen und Geld für Kunstwerke zu verlangen, ist ein noch immer nicht ganz überwundener ideologischer Konflikt. 8 Die spätere Notwendigkeit, vier bis fünf Arbeiten parallel bzw. zeitlich leicht versetzt zu treiben, wie eine altersgemischte Herde Ziegen, ist einem als Student nicht klar. Auch Preise finden lernt man nicht. Allerdings ist mir schleierhaft, ob man das überhaupt lehren kann. Was soll also das hättehätte?

„Ich tue dies, tue das, und wieder tue ich dies und dann das. In Begegnungen und Trennungen nehmen wir unterschiedliche Formen an, bilden unterschiedliche Muster.“ Fünf Personen sprechen durch die Mailbox Fragmente aus „Die Wellen“, einem Roman von Virginia Woolf. Es sind einerseits fünf Einzelpersonen, die mit ihrer persönlichen Realität kooperieren oder kollidieren. Aber es ist andererseits auch eine Einzelperson in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. Der Titel „There is no solution because there is no question“ ist die veränderte Aussage von M. Duchamp: „There is no solution because there is no problem.“ Das veränderte Zitat erhält einen Zusatz. Um mit einer Arbeit zu beginnen, oder sie genauer zu untersuchen bedarf es einer Frage.

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KÜNSTLERISCH REFLE XIv

There is no solution because there is no question - 2012 - Installation/ Maschine / Textilkörper / Malerei

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NINA RÖDER Wohnort: Weimar

1 2006 – 2009 2 Medienkunst/ Mediengestaltung Master 3 künstlerische Mitarbeiterin/ Fakultät Medien/ Fotowerkstatt 4 Fast vollkommen. 5 Determinationen sind immer allgegenwärtig. 6 Von „Student“ zu „Künstler“ war diffiziler a  ls von „Künstler“ zu „künstlerischer Mitarbeiter“. 7 Das Wesen der Realität nach dem Studium besteht maßgeblich aus einer permanenten Kollision mit persönlichen Idealen. 8 Ich wurde eher darauf vorbereitet als Freigeist zu denken.

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„Leben wir unser Leben oder lebt unser Leben uns? Herkunft, Geschlecht, Erziehung, Bildung – all das sind Festlegungen mit oft unsichtbarem Einfluss auf unsere Existenz. Damit sichtbar wird, was uns bestimmt, brauchen wir Bilder – etwas, das Distanz schafft zwischen uns und dem was wir sind.“ (Nicolas Oxen) Die Grundlage zu dieser Arbeit bildet ein, an den Körper–Raumentwurf von Oskar Schlemmer angelehntes Bildkonzept. Geht Schlemmer davon aus, dass der Raum den Menschen aufgrund seiner mathematischen Beschaffenheit in seinen Bewegungen determiniert, wurde diese Anschauung KÜNSTLERISCH REFLE XIv

von einem künstlichen Bühnenraum in den Realen Raum transformiert: Handlungsspielräume in empfundenen Situationen, determinierende Faktoren, die in einem alltäglichem Umfeld präsent sind, wurden analysiert und selektiert. Im Zusammenhang mit diesen Handlungsräumen stehen Begriffe wie Herkunft, Abstammung, Erziehung, Geschlecht, Umfeld und Schicksal. Anhand dieser determinierenden Faktoren wurden abstrakte narrative Zusammenhänge zwischen der gefühlten oder unterbewussten Determination des erlebten Spielraumes der Realität und einer Visualisierung im Bühnenraum konzipiert. Die philosophische Theorie des Determinismus stellt dabei eine Anschauung dar, aus der sich ergibt, dass wir in irgendeinem Sinne nicht frei sind und für unsere Handlungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Alle unsere geistigen Ereignisse, einschließlich der Entscheidungen, die wir treffen, sowie unsere Handlungen, sind Wirkungen bestimmter Dinge, die daher geschehen müssen oder notwendig herbeigeführt sind. Allerdings sehen einige philosophische Strömungen im Determinismus eine notwendige Voraussetzung für die Existenz des freien Willens. Da freie Handlungen und Entscheidungen nur dann frei sind, wenn sie aus Gründen erfolgen, erfordert Willensfreiheit den Determinismus – nämlich den Determinismus durch Gründe. Dieser Argumentation zufolge ist es paradoxerweise der Determinismus, der die Willensfreiheit stützt. Somit ist das Thema dieser Ausschreibung “Kollision” in dieser Arbeit auf der inhaltlichen Ebene zu finden: Eine „Kollisionen“ von Freiheit und Determinismus, von Mensch und Raum und von Fotografie und Performance. Die Arbeiten entstanden im Rahmen des Graduiertenstipendiums, das ich im Anschluss an meinen Masterabschluss von der Bauhaus-Universität und dem Freistaat Thüringen erhalten habe.

Determination is the friend, not the foe - 2010 – 2011 - 7 Fotografien - 70 cm x 70 cm - Technik: Gerahmter Lambda Print - Weimar

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GILA ESSER & CLAUDIA NEUHAUS Wohnort Gila Esser: Weimar, Wohnort Claudia Neuhaus: Berlin

1 Claudia Neuhaus: 2002 – 2009 Gila Esser: Ich habe von 2002 bis 2008 an der Bauhaus Universität Weimar studiert. 2 CN: Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie GE: Fachrichtung Visuelle Kommunikation 3 CN: Freie Fotografin/ Künstlerin. GE: Derzeit bin ich selbständig mit einem eigenen Laden „Energietankstelle“ und einer Massage- und Coachingpraxis „freiRaum“. Ab Oktober beginne ich eine dreijährige Ausbildung in Homöopathie. 4 CN: Ich habe Visuelle Kommunikation studiert, wobei ich hier recht ausnahmslos den Schwerpunkt auf Fotografie bzw. Video gelagert hatte. Mittlerweile arbeite ich ausschließlich fotografisch und mein Berufsfeld deckt sich größtenteils mit jenen im Studium erlernten Inhalten. GE: Mein jetziger Beruf hat nur dahingehend etwas mit meinen erlernten Fähigkeiten aus meinem Studium zu tun, dass ich meine eigene Werbung gestalte (Internetpräsenz, Flyer etc.) und mich darin kreativ und eigenständig ausleben kann. 5 CN: Ein formaler Bezug ist hier für mich erkennbar: Die Arbeit besteht im Grunde nur aus einer Bild-Einstellung, es ließe sich von einem „lebenden“ Bild sprechen, d.h. hier ist für mich ein stark fotografischer Bezug erkennbar. GE: In unserer Arbeit geht es um fehlende Kommunikation und zwischenmenschlicher Sprachlosigkeit. Diese Themen begegnen mir in meiner Arbeit als Coach sehr häufig. 6 CN: Als gleitenden Übergang – Ich habe bereits während meines Studiums zunehmend fotografische Aufträge angenommen. GE: Sehr fließend, da ich während des Studiums schon angefangen habe, meine Praxis zu gründen bzw. mich fortzubilden. 7 CN: Nein. GE: Eigentlich nicht. 8 CN: Ja, was die finanzielle Seite anbetrifft, hätte ich mir mehr Vorbereitung gewünscht in Sachen Vergütung, also wie wird meine Arbeit angemessen bezahlt, welche Spielräume gibt es hier und wie kann ich vor dem Kunden argumentieren? Zweitens hätte ich mir mehr Einblick in den Bereich der Stipendien-/ Förderpreis-Maschinerie und deren Bewerbungs-Abläufe gewünscht. GE: Sicher wäre dies ein Thema gewesen, wenn ich mich nicht grundlegend anders orientiert und gefunden hätte. Eine Vorbereitung auf das reale Berufsleben kommt im Studium auf jeden Fall zu kurz. Schön fände ich eine weiterführende Zusammenarbeit zwischen Absolventen und der Uni bzw. ein größeres Angebot an Kursen und Existenzgründerseminaren.

Zwei Fernseher, vis-à-vis. Darin zu sehen: Zwei Personen, sich gegenüber sitzend, die schweigsam eine Mahlzeit zu sich nehmen. Ein scheinbarer Versuch der nonverbalen Kommunikation. Zweisam — Einsam. Entstanden ist „Face to Face“ im Jahr 2005 im gleichnamigen Semesterprojekt bei Prof. Herbert Wentscher und Gastdozentin Anna Anders.

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sozial / politisch / kulturell

Face to Face - 2005 - Videoinstallation, Dauerloop

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MICHAEL KRAUS Wohnort: Weimar

1 10/2002 – 01/2012 2 Architektur 3 Freiberuflicher Architekt und Autor 4 80% unbezahlte, hypothetische und Schlaf raubende Arbeit für den Papierkorb. Alles wie im Studium. 5 Die Näherung an ein Thema durch Beobachtung, Umdeutung und schließlich das Einnehmen einer wertenden Perspektive könnte für eine Art des Arbeitens stehen, in der sich Konzept und Entwurf nicht scheuen, Vorbilder, Referenzen, Analogien und, nicht zuletzt, auch das Prinzip Zufall zu nutzen. 6 Erst schleichend, dann doch völlig überraschend und plötzlich, letztlich aber ohne Unterschied. 7 Es ist gut, dass Ideale – etwa die Vorstellung, Architektur könne auch mehr sein als das bloße Bauen – auch nach dem Studium weiterhin mit der Realität kollidieren, denn so müssen sie sich behaupten und können sich entwickeln. Es wäre auch schlimm, wenn dem nicht so wäre, denn dann verkümmerten Ideale zu Alltag. 8 Das Bemühen um eine eigene, kritisch-reflektierte Praxis sollte stärker unterstützt, die Fähigkeit dazu entwickelt werden. Die zentrale Frage in der Ausbildung sollte nicht sein: »Was lehrt uns die Praxis?«, sondern: »Wie beeinflusst die Lehre die Praxis?«

»One thing‘s for sure, he isn‘t starring in the movies. | ‚Cause he‘s walkin‘ in L.A. | Walkin‘ in L.A., nobody walks in L.A. | Walkin‘ in L.A., only a nobody walks in L.A.« Das Lied der Missing Persons überführte Reyner Banhams polemisch vorgetragene Beobachtung, dass es in L.A. den „Bewohnern aus der Dritten Welt“ vorbehalten sei, zu laufen, in die Popkultur. Seither scheint sich die allgemeine Wahrnehmung, dass in L.A. ausschließlich gefahren wird, unauslöschlich festgeschrieben, die Idee, dies könnte eine Stadt auch der fußläufigen Aneignung sein, unaussprechlich gemacht zu haben. Ausgehend von einer Rückbesinnung auf das Gehen als ästhetische Praxis und Akt der Eigenverortung im städtischen Raum, mit dem immer auch eine individuelle Bewertung und persönliche Hierarchisierung dieses Raumes verbunden ist, halten die gezeigten Bilder einen Weg durch und einen Blick auf die Stadt fest, der zunächst zusammenhanglos und dokumentarisch auf die städtischen Zwischenräume von L.A. gerichtet ist. Dabei treten auch scheinbar nebensächliche Orte in den Vordergrund, die dem (fahrenden) Auge gewöhnlich verborgen sind. Und tatsächlich: kaum scheinen uns Menschen zu begegnen, die sich nicht hinter zwei Tonnen Stahl und Glas verstecken. Nur wenn wir genau hinschauen, sind da Momente, in denen dieses scheinbar so feste Bild bricht.

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sozial / politisch / kulturell

Walking in L.A. - 2011 - Fotoserie

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SARAH SCHREIER & FLORIAN WEHKING Wohnort: Weimar

1 Sarah Schreier: 2001 – 2008, Florian Wehking: 2003 – 2010 2Sarah Schreier: Mediengestaltung mit den Schwerpunkten Grafik-Design und Film, Florian Wehking: Visuelle Kommunikation 3 FW: Ich arbeite als selbstständiger Filmemacher und Grafik-Designer in Weimar. 4 SS: Ich habe durch mein Studium, durch interdisziplinäres Arbeiten, Um-die-Ecke-Denken und Experimentieren eine mediale Form gefunden, mit der ich mich künstlerisch am Besten ausdrücken kann. Im intensiven Beschäftigen mit dieser Form haben sich mir grundlegende Voraussetzungen zum Entwickeln und Umsetzen von Konzepten erschlossen (…).Während meiner jetzigen freischaffenden Tätigkeit bemerke ich jedoch, dass die Gemeinschaft eine enorme Bedeutung bekommt. Dieses Potential wird momentan im universitären Rahmen kaum genutzt. Im Gegenteil, allein die Fakultäten untereinander tragen gefühlt einen Konkurrenzkampf aus, der auch aus studentischer Perspektive kräftezehrend ist. FW: Meine jetzige selbstständige Tätigkeit ist für mich die logische Konsequenz meines Studiums, während dem man zum eigenen, freien Arbeiten „erzogen“ wird. Auch die Interdisziplinarität ist wichtig, um in der Berufswelt bestehen zu können. Trotzdem sind Studium und Beruf zwei Welten. Im Studium experimentiert man mehr, im Beruf geht es oft darum, effektiv zu arbeiten. 5 SS: Das Projekt ‚Eine Haarschneideaktion’ ist aus einer Spielerei entstanden, welcher ich Raum gebe zu wachsen. Mir gefällt sehr, dass der Film so langsam und durch stetes Präsentieren ganz bewusst entsteht. Ich nutze das Projekt einerseits, um mich künstlerisch weiter zu entwickeln und andererseits um Kontakte zu knüpfen, die mir helfen mich zu professionalisieren. FW: „Eine Haarschneideaktion“ ist eines der freien Projekte, die neben der „normalen“ Arbeit entstehen. Hier geht es nicht um einen kommerziellen Aspekt, sondern viel mehr darum, eigene neue künstlerische Wege zu gehen. 6 FW: Der Wechsel in die Berufswelt ist ein hartes Stück Arbeit, vor allem im Filmbereich. Der Weg dahin, mit seinen filmischen Arbeiten Geld zu verdienen und in der Branche bekannt zu werden, ist lang und steinig. Aber auch im Bereich des Grafik-Design muss erst einmal ein Kundenstamm aufgebaut werden. 7 SS: Im Studium hat man viel Freiheit und Zeit, um perfektionistisch zu arbeiten. Mein jetziges Leben ist geprägt von Zeitknappheit, Bewegung, Spannung und den staccato-artigen Momenten dazwischen, in denen ich entspanne und zugleich denke. Die Selbstständigkeit erscheint mir als Sprung. Doch der eigenen Kraft zu vertrauen fällt mir noch schwer, da ich im Studium nie so präzise und effektiv arbeiten musste. FW: Der Anspruch für alle Dinge Zeit und Muße zu haben, um das bestmögliche Ergebnis herauszuholen, kollidiert oft mit der fehlenden Zeit. Deshalb suche ich mir Projekte, in denen man solche Ambitionen weiterhin verfolgen kann, um kreativ nicht zu „verkümmern“. 8 SS: Das ungerichtete Denken und Tun empfinde ich essentiell wichtig in Vorbereitung auf und innerhalb einer Selbstständigkeit. Allerdings hätte ich mir mehr konstruktive Kritik und intensivere Betreuungszeiten gewünscht. Schade auch, dass es bei der Mediengestaltung keine Einblickprojekte gibt. Einen Teil des Studiums in kleinen, dichten, gut organisierten Projekten umzusetzen, wäre mir eine gute Übung gewesen. FW: Man wurde schon durch das freie und eigenständige Arbeiten im Studium auf eine selbstständige Tätigkeit gut vorbereitet. Jedoch wurde nicht klar genug gemacht, welche Chancen man mit seinen künstlerischen Arbeiten später tatsächlich hat. Vielleicht hatte man auch zu viel Zeit für ein Projekt und hätte auch mal mehrere straffere, kleinere Projekte parallel machen müssen (…).

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1969 ist Pößneck eine kleine Kreisstadt in Ostthüringen. Auch hier soll der 20. Jahrestag der DDRGründung gefeiert werden und nichts soll das festliche Bild stören. Doch neuerdings tragen auch in der Thüringer Provinz viele Jugendliche die Haare länger als bisher üblich. Um das nonkonforme Aussehen zu sanktionieren, wird eine groß angelegte Aktion von SED, FDJ, Volkspolizei und Stasi gestartet. Die Stadt wird abgeriegelt, langhaarige 16- bis 20-jährige Männer abgefangen. Ein Großteil wird mit Gewalt zum angemieteten Frisörsalon geschleppt. Die Anderen landen aufgrund der uneinsichtigen Haltung in U-Haft. Am Ende der dreitägigen Aktion werden sozial / politisch / kulturell

insgesamt 40 jugendlichen Männern gegen ihren Willen die Haare geschnitten. Diese Erziehungsmaßnahme, die vorsorglich politisches Aufbegehren unterbinden soll, löst jedoch das genaue Gegenteil aus. Junge Menschen gehen auf die Straße, um laut ihrem Unmut Luft zu machen. Statt einer Harmonisierung und Gleichschaltung der Bürger wird Argwohn und tiefe Zwietracht in der Stadt gesät, die bis heute anhält. Unsere Installation über das Geschehen von 1969 mit DDR-Schulbank und Wandbildhalter mit aufgerolltem Wandbild zeigt symbolisch die DDR als Erziehungs- und Lehranstalt, die über alles die Kontrolle und das letzte Wort behält, wenn es um die Sozialisierung und Erziehung der Jugend geht. Die überinszenierte Lichtsetzung erzeugt dabei ein Gefühl einer Verhörsituation. Gleichzeitig setzt sie dabei einen Fokus auf die Interviews von 5 Zeitzeugen, die über Kopfhörer eindringlich und intim von den menschlichen Schicksalen hinter der Haarschneideaktion erzählen. Die Kollision von Mensch und Staat – Erziehung und Individualität wird hierbei sichtbar. Dem gegenüber steht ein Zitat des russischen Dichters Nikolai Gumilev, der die generellere Frage nach Identität, Anpassung und Erziehung aufwirft. „Nur die Schlangen wechseln ihre Haut, dass die Seele altert und bleibt. Doch sind wir leider den Schlangen nicht ähnlich, wechseln unsere Seele nicht den Leib.“

‚Eine Haarschneideaktion‘ - 2011 – 2012 - Installation

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GRIT HÖHN, NADINE JACOBI, TORALF KANDERA Wohnort: JENA

1+2 Grit Höhn: 1999 – 2003, Freie Kunst Nadine Jacobi: 2001 – 2006, Freie Kunst Toralf Kandera: 1995 – 1997, Bauingenieurwesen und 2006 – 2008, Freie Kunst 4 Im Studium haben wir das projektorientierte Arbeiten erlernt und das eigene künstlerische Produzieren. Dabei haben wir einen hohen fachlichen Qualitätsanspruch erarbeitet, den wir jedoch nicht wirtschaftlich orientiert zu vermarkten lernten. Wir konnten Kontakte in einem ersten Netzwerk zusammenführen, allerdings konnten wir viele potentielle Kunden für den Verkauf von Kunst nicht effektiv und kaufmännisch richtig ansprechen. (…) Die Organisation von Projekten hingegen und das fachliche Beurteilen von Kunst konnten wir bereits im Studium erfahren. 5 Die Arbeit „wunschlos glücklich“ ist eine Teamarbeit, die unserer gemeinsamen Zusammenarbeit in der Galerie pack of patches und uns als Künstlern entspricht. Wir erarbeiten im Team Konzepte, die wir mit unseren Stärken und Schwächen aufbauen. Dabei werden die Medien unserer künstlerischen Arbeiten in die Teamarbeit übernommen und verschränkt, so dass wir einen Dialog erreichen, der uns allen gemeinsam entspricht. Jeder Künstler und Mitarbeiter der Galerie bringt sich mit seiner Erfahrung individuell in einen Projektverlauf ein. So nehmen alle Wahrnehmungsprozesse Einfluss auf das Kunstwerk. Unter anderem profitieren wir von einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit japanischen Künstlern und von ersten Projekten mit Japan sowie Ausstellungen in Japan. Diese Erfahrungen nehmen direkt Einfluss auf die ausgestellte Arbeit. (…) 6 TK: Es war ein sanfter Übergang, da bei mir erst mit 32 Jahren der Abschluss durch das Diplom für Freie Kunst erfolgte. Mein Blick in die Zukunft und auf mein Berufsleben war im Studium der Freien Kunst an der BUW bereits nüchtern. (…) Dieser Umstand bewahrte mich trotzdem nicht vor Enttäuschungen. Erfolg und Misserfolg liegen nahe beieinander. Das ist eine Erfahrung, die ich auch in meinem Studium bereits gemacht habe. Trotzdem ist es ein großer Unterschied, sich als Student mit dem Kunstmarkt auseinander zu setzen oder als freier Künstler, der allen Schwankungen des Kunstmarktes ausgesetzt ist. In beiden Lebensphasen war und ist es mir möglich, ideell von der Kunst zu leben. Mein Geld verdiene ich noch immer hauptsächlich aus Nebentätigkeiten und nach Messen oder durch Bezuschussung von Projekten der Galerie finanzieren wir unser Leben teilweise. Um in Zukunft nicht mehr zusätzlich jenseits des Kulturbetriebes arbeiten zu müssen, gründe ich in naher Zukunft einen Verlag, bin Mitgründer von vorKW.de und bleibe freier Mitarbeiter bei der Galerie pack of patches sowie Künstler. NJ: Eigentlich wie einen Neuanfang, ich musste Umdenken lernen. Nach dem Studium beschäftigte mich erst einmal die Frage: Welche Leistung habe ich erlernt, die ich anderen anbieten kann? Nach dem geschützten Raum in der Universität sah das Berufsleben anders aus bzw. musste ich mir erst einmal ein Bild von einem Berufsleben mit der Kunst machen. Durch die Mitarbeit in der Galerie pack of patches kamen die Entdeckungen der Leistungen beim Machen und erst jetzt kann ich benennen, welche Lerninhalte vom Studium im Berufsleben wieder auftauchen und wo sie greifen. Ich bin damals wie heute froh über die Zusammenarbeit in unserem Team und sehe den großen Nutzen hierbei, sich gemeinsam entwickeln und voranbringen zu können. GH: Nach meiner Diplomprüfung 2003 habe ich eigentlich nahtlos weiter an meinem und unserem gemeinsamen Zukunftskonzept gearbeitet. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht ohne eine Menge Arbeit auf dem Markt mit Erfolg sein würde. (…) Im Studium selbst war der Inhalt der künstlerischen Ausbildung in dieser projektorientierten Form wirklich sehr spannend und ich hatte die Möglichkeit, wirklich sehr intensiv an meinen Inhalten zu arbeiten. Auch fand ich die soziale Struktur in den Projekten interessant, wenngleich ich nicht immer mit allen Mitstreitern gleicher Ansicht war. Die Konkurrenz war auch im Studium bereits sehr groß. Allerdings ist das aus meiner Sicht nicht nur nachteilig, da man

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lernt, sich selbst zu definieren. In meinem heutigen Berufsleben habe ich mehr mit Koordination und dem Leiten meiner Galerie zu tun, als ich mir je hätte vorstellen können als Studentin. Meine künstlerische Arbeit möchte ich allerdings nicht aufgeben und auch ich hoffe natürlich als Künstlerin, eines Tages auch mit meinen eigenen Arbeiten erfolgreich zu sein. (…) 7 Es kollidieren Künstler und Rezipienten. Was erwarten Besucher von einer Ausstellung, fragen wir uns stetig. Diese Kollision bestimmt unsere inhaltliche Arbeit der Kunstproduktion sehr oft und ist daher häufig fast eine Art Leitfaden für uns. Die Gesellschaft gibt uns die Themen, die wir in unseren Werken behandeln. Und wir interessieren uns für die Gesellschaft, da wir Bestandteil dieser sind. Es ist ungleich härter, nicht im geschützten Raum einer Universität, sondern im direkten Kontakt mit der Gesellschaft und dem Kunstmarkt zu arbeiten. 8 Neben der eigenen Kunstproduktion hätten wir uns studienbegleitend eine stärkere Ausbildung für die Vermarktung im Kunstmarkt gewünscht. Fast jeder, der ein Kunststudium absolviert, muss sich mit Inhalten von Selbständigkeit befassen. Die Wege dafür sind vielfältig. Eine begleitende Ausbildung im kaufmännischen Bereich sowie im Vertrieb als auch die direkte Einbindung in den Kunstmarkt bereits während des Studiums wäre für uns von großem Vorteil auch im Hinblick auf unsere heutige Tätigkeit gewesen. Das teamorientierte Arbeiten war zu wenig in unserem Studium gefragt und wurde sogar teilweise belächelt. Das wollen wir ändern! Wir gründen gerade eine neue Plattform für Künstler — im Bereich der Kreativwirtschaft — die wir über www.vorKW.de der Öffentlichkeit vorstellen. Hierbei unterstützt uns unser Coach aus dem Wirtschaftsbereich, Uwe Arndt, der die Galerie pack of patches nicht unwesentlich bei der Erarbeitung der unternehmerischen Struktur förderte. (…) Die Installation besteht aus: 1. Diasec ®, (Laserchrome Print, Diasec, auf Aludibond) 2. Draht, japanisches Reispapier 3. Glas, destilliertes Wasser, japanische Kirschblüte

Die Arbeit „wunschlos glücklich“ ist eine Teamarbeit von Grit Höhn, Nadine Jacobi und Toralf Kandera. Alle drei Künstler arbeiten an eigenen künstlerischen Werkreihen, erstellen aber auch immer wieder gemeinsame Arbeiten. Diese Arbeit gehört zu einer Werkreihe, in der sie eigene Werke miteinander kombinieren und dann in neuen Werkgruppen fortsetzen. sozial / politisch / kulturell

1. Ausgangspunkt der Installation „wunschlos glücklich“ ist die Fotografie links, auf der man einen Rohbau sieht. Die neuzeitliche Bauruine steht in einer Landschaft (aufgenommen in Portugal), äußert Stillstand. Vermutlich wirtschaftliche Gründe führten zu einem Baustopp. Im Aufbau stillgelegt bleibt die Frage nach der Fortsetzung offen. 2. Im Anschluss rechts an die Fotografie folgt ein Drahtgespann, bestehend aus drei übereinander installierten Drahtseilen, behängt mit 108 unregelmäßig geknoteten und unterschiedlich angeordneten Papierstreifen. Die Zahl 108 ist in Japan mit Bedeutung beladen. Jeder Japaner hat pro Jahr 108 Wünsche frei. An Schreinen findet man solche Papierstreifen mit Wünschen beschrieben. Die „Wunschzettel“ in dieser Installation sind unbeschrieben – leer. 3. Am rechten Ende der Installation befindet sich eine Glasflasche mit einer japanischen Kirschblüte in einer Flüssigkeit schwimmend. In Japan werden die Knospen der Kirschbäume vor dem Erblühen geerntet, so, wie z.B. Kapern, aus Italien stammend, Blütenknospen sind und dem Verfeinern von Speisen der Europäer dienen, während die Japaner diese Kirschblütenknospen, eingelegt in Salz, für ihre Teezeremonie verwenden. Durch das Verbinden von Kulturen werden neue Wahrnehmungen und Blickachsen frei, auch Zielsetzungen können ihre Richtung ändern. wunschlos glücklich - 2012 - Installation aus der Werkreihe „Kombinierte Werke“

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DAN GUO Wohnort: Hangzhou, China

1 2004 – 2009 2 Visuelle Kommunikation 3 Freiberuflicher Künstler und Designer 4 Im Studium habe ich mehr Philosophie, Weltanschauung und Lebensanschauung als Design-Technik studiert/gelernt. Jetzt arbeite ich als Freiberufler und versuche, meine Gedanken dem Publikum über einen visuellen Weg darzustellen. Insofern entspricht mein jetziger Beruf meinem Studium zu fast 100%. 5 Ich beschäftige mich seit drei Jahren mit dem Thema Kulturvergleich zwischen dem modernen Deutschland und dem traditionellen China. Die hier ausgestellte Arbeit ist ein Teil des „Forschungsergebnisses“. 6 Offensichtlich habe ich durch den Wechsel meines Aufenthaltstitels auf meinem Passport, innerlich habe ich von dem Drang nach Geld verdienen, den Wechsel vom Studenten- zum Berufsleben wahrgenommen. 7 Hahaha, die Ideale sind immer „mollig“, die Realität ist immer „knöcherig“. Im Studium ist es so: tiefgründige Idee oder Konzept wird hoch geschätzt. In der Realität ist es so: schnelle, wirksame Umsetzung und das Ergebnis ist entscheidend. Im Studium kann man am nächsten Tag mit seinem Konzept weiterspielen, in der Realität sollte man morgens aufwachen und dann gleich ein Ergebnis präsentieren. 8 Ja, ich hätte mir gewünscht, viel mehr Zeit für eine bestimmte Technik (Software, handwerkliche Fähigkeiten) zu investieren, um diese Technik richtig zu meistern, oder mindestens darüber besser wissend als die Anderen zu sein. Mit dieser Technik sollte meine Botschaft den Anderen am besten überbracht werden. Mein Talent kann durch diese Technik auch entfaltet werden.

Lebensumwelt, Geschichte, Gedankenströmungen, Religion, Familienbildung etc. bilden unsere Welt und Lebensanschauung. Diese bestimmen das Verhalten der Menschen und ihre Lebensweise. Ausgehend vom Vergleich der Lebensweisen, wie ich sie in China und Deutschland vorfinde, versuche ich, die Philosophie hinter den Erscheinungen freizulegen. In meiner Studie stelle ich fest, dass die jeweiligen Auffassungen zu zwei ganz unterschiedlichen Systemen geführt haben. Die beiden Systeme sind allerdings keine Gegensätze, sondern nur aus unterschiedlichen Standpunkten heraus entstanden. Heutzutage beeinflussen sich beide Systeme gegenseitig. Auch wenn meine Bilder offensichtlich die Unterschiede darstellen, ist nicht zu leugnen: Die Deutschen haben auch manch chinesische Denkweise, und umgekehrt ist es ebenso. Es gibt genug „chinesische“ Deutsche und „deutsche“ Chinesen. Denn wir alle sind Menschen. Die kulturelle Differenz liegt nur scheinbar über der im Kern immer menschlichen Natur.

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sozial / politisch / kulturell

Dan Guo sagt: (II) - 2012 - Zeichnungen (Auszug)

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KONSTANTIN BAYER Wohnort: Weimar

1 2004 – 2011 2 Mediengestaltung 3 Freier Künstler und Kurator und künstlerischer Leiter der Galerie Eigenheim 4 Ich habe mich schon während des Studiums relativ selbstständig in die Richtung bewegt, welche ich auch gern als Beruf oder Berufung ansehe. Kommunizieren, Menschen zusammenbringen und Kontexte bilden. Naja, wie auch immer. Mit der Galerie Eigenheim schon während meines Studiums hat sich das alles ziemlich frei dahin bewegt. Natürlich arbeitet man gewissermaßen professionell in vielen Medien. Aber eben dieses breite Spektrum ist es, was mich im Künstlerischen frei sein lässt und das habe ich irgendwie während des Studiums erlernt. 5 Regelmäßig bin ich in China, Shanghai und dort ist diese Arbeit entstanden. Hier in Weimar habe ich die Installation dann für eine Ausstellung im Gaswerk neu aufgelegt. Weimar — Shanghai, das ist so mein Radius. Zwischen Juli und November dieses Jahres bin ich wieder in Shanghai, wenn sich dahingehend Verbindungen aufbauen lassen, hier meine eMail: konstantin.bayer@galerie-eigenheim.de und natürlich auf www.galerie-eigenheim.de 6 Als sehr fließend. Wie beschrieben, war die Arbeit als "Kunstvermittler" auf "multiplen" Ebenen schon Bestandteil meines freiorganisierten Kunststudiums. Woran es mir liegt, weiter zu arbeiten. Aber gut, natürlich fangen einem nach Bafög die sozialen Netze auf. Selbstverwirklichung geht weiter. Selbstständigkeit. Europäische Förderstruktur... Naja fließend halt... aber bewusst. 7 Ja. Schauen wir mal. 8 Weiß nicht. Am Ende muss man sich nehmen, was für einen selbst das Studium hergibt, also nun mal auf die Kunst bezogen. Insgesamt denke ich, dass die deutsche Hochschullandschaft weniger als die deutsche Grundschulausbildung eine Reform nötig hat.

(li) „Bitte setzen Sie sich auf den Hocker. Nun schauen Sie bitte erst in den einen Spiegel... und nun drehen Sie sich um und schauen in den anderen Spiegel. Ein psychologisches Kleinexperiment... Wahrnehmung aussen und innen... Perspektive Selbstwahrnehmung... Bezug China...“ (re) „Die Vasenteile in Beton sind Objekte, welche durch ihre verschiedenen Materialen Tradition und Moderne harmonisch ruhig zum Einen, aber auch zerstörerisch scharfkantig zusammenfügen. Es stellt sich für mich auch die Frage nach — Was kommt nach dem Menschen? Ein archäologisches Fundstück aus der Zukunft.“

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sozial / politisch / kulturell

(li) Inside Outside - 2011 - Installation / (re) historical fragments - Objekte in Beton

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Sonstige vorgestellte Projekte „Praxis und Kooperation“ Dem thematischen Ausstellungsbereich der Kollisionen werden weitere Projekte vorgelagert präsentiert. Es handelt sich dabei um Projekte, die beispielhaft für berufliche Praxis und Kooperationsformen stehen und von Absolventen der BauhausUniversität Weimar initiiert wurden. Diesen Projekten sind die folgenden Seiten gewidmet.

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1 1980 – 85 2 Architektur 3 Architekt und freischaffender Künstler im Bereich Malerei, Grafik, Skulptur 4 Die im Studium gelernten Inhalte prägen meine Arbeit noch heute. Darüber hinaus hilft mir eine langjährige Praxis, meine Vorstellungen umzusetzen. 5 Es sind ausschließlich aktuelle Arbeiten als Architekt und Fotograf ausgestellt. 6 Der Wechsel vom Studium der Architektur in das Berufsleben erfolgte über eine künstlerische Ausbildung — turbulent aber schön. 7 Wer baut, wird früher oder später auf den Boden der Realität zurückgeholt. Trotzdem konnte ich in den letzten Jahren meine Vorstellungen und Ideale oft umsetzen. 8 Die reale Arbeitswelt ist leider durch nichts zu ersetzen — mit allen positiven und negativen Erfahrungen. Das Studium konnte nur Grundlagen vermitteln, die in der begrenzten Studienzeit leider auch nur begrenzt sind.

Die Architektur Falko Bärenwalds steht unübersehbar in der Tradition der Utopien des Bauhauses und eines angereicherten Bildvorrates der Moderne. Bilder von überzeugender Klarheit — die jedoch zugleich Raum lassen für Bilder mit offener Interpretation. Der Architekt stiftet strenge Raumbilder für freie Bildräume der Kunst oder der Natur. Falko Bärenwald bedient beide Positionen, er steht souverän in beiden Professionen. Sein Experiment ist diese Wanderung zwischen beiden Welten eigentlich hermetischer Kreise. Er experimentiert mit Form und Farbe im Schutzraum des eigenen Ateliers und diskutiert Farben und Formen für Räume mit seinen Bauherren. Schlüsselmotivation ist in beiden Fällen der harmonisierende Dialog zwischen den polaren Wirklichkeiten der Kunst und des Bauens, zwischen Kreativität und Realität.

Seine Architektur stellt sich der Herausforderung des jeweiligen Ortes mit angemessener Vermessenheit im Sinne einer zeitgemäßen Moderne. Er experimentiert mit aktuellen Materialien und etabliert neue Standards mit hohem ästhetischen Anspruch. Die besondere Situation wird zum Raumthema und mit klaren Gesten beschworen. Schwebende Horizonte machen beispielsweise die Dimension des steilen (fast unbebaubaren) Hanges erlebbar und inszenieren den Blick in die natürliche und urbane Landschaft Jenas. Die Architektur überwindet den Höhenunterschied fast spielerisch und nimmt ihre Benutzer ebenso spielerisch für sie ein. Wegraum, Ortraum und Raum des Ausblicks gehen dabei nahtlos ineinander über. Gemeinsamer Nenner seiner Architekturen ist die bestmögliche Interpretation des

55 Falko Bärenwald arbeitet als Architekt in Jena. Paritätische Arbeiten der Grafik, Malerei und Plastik befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen. In der Ausstellung „Kollisionen“ werden ausschließlich fotografische Arbeiten zu realisierten Architekturprojekten gezeigt. Ein Einstieg zu weiterführenden freien Arbeiten ist über www.falko-baerenwald.de möglich.

Prof. Bernd Rudolf Auszug aus dem Katalogtext BAUART 2009 Jena

jeweils angetroffenen Ortes. In der unmittelbaren Nachbarschaft tritt diese Qualität als prägnante Identität markant hervor. Seine Architektur setzt der klassischen Moderne ebenbürtige Zeichen ohne eitle Attitüden und erwächst aus einem universalen schöpferischen Selbstverständnis – wie seine Bilder.

FALKO BÄRENWALD Projekte (Auszug)

Wohnort: Jena


1 1997 – 2003 2 Architektur 3 Projektleiterin bei Stücheli Architekten in Zürich 4 Im Studium habe ich gelernt zu hinterfragen, kreativ zu denken, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und mir Wissen selbst anzueignen. Das hilft mir bei der Durchführung des Architekturprozesses. Außerdem sind mir sicher Grundlagen zu fachlichen Inhalten an der Uni vermittelt worden, die ich aber erst im Beruf wirklich verstanden habe und gelernt habe einzuordnen. 5 Anhand des Um- und Neubauprojekts Grünenhof/ Delphin habe ich gelernt, wie ein Haus entsteht, bin ich Architektin geworden. Die logische Entwicklung bis heute ist, dass ich nun ein Projekt in der Umsetzung leite. 6 Der Wechsel vom Studenten- ins Berufsleben war für mich sehr harzig. Ich habe 80 Bewerbungen geschrieben, um einen Job zu finden. Im ersten Job hatte ich den Eindruck, nichts zu können, was mit dem Bauen zu tun hat, ich war sehr unsicher und zurückhaltend. 7 Architektur verlangt einen verdammt langen Atem. Bis ich gesehen habe, was ich geplant habe, ist in der Regel über ein Jahr vergangen. Andere Studienrichtungen verdienen in der Regel mehr Geld. 8 Man wächst mit seinen Aufgaben. Heute, nach ziemlich genau acht Jahren Berufserfahrung, bin ich froh um den kreativen Freiraum, der uns im Studium gewährt wurde. Am Anfang des Berufslebens hätte ich mir mehr Praxisbezug gewünscht, aber der Bauprozess ist so komplex, dass ein Studium das gar nicht leisten kann.

„Nach meinem ersten Berufsjahr unter einem cholerischen Chef hatte ich den Eindruck, dass alles, was ich im Studium gelernt habe, mir nichts bringt. Meine Kollegen von der Fachhochschule wurden sofort voll eingesetzt. Ich „durfte“ die schöngeistigen Aufgaben machen, obwohl ich doch ein Haus bauen wollte. Danach habe ich bei Stücheli Architekten ein Jahr lang Wettbewerbe gemacht, den Wettbewerb Grünenhof mit dem Büro gewonnen und diesen dann von vorn bis hinten mit ausgeführt. Erst den Umbau, dann den Neubau. Ein langer Weg, ich war wissbegierig, das Bauen mit all seinen Phasen zu lernen, habe lange gedacht, es hat mit dem Studium nichts zu tun. So praktisch und pragmatisch ich den Bauprozess erlebt habe. Nach sechs Berufsjahren endlich die beiden fertigen Gebäude in der Stadt zu sehen, war großartig. Juliane Grüning Projekte (Auszug) 2003 – 2012

Der Ausstellungsbeitrag ist in Zusammenarbeit mit Delf Nickel entstanden.

Letzten Sommer habe ich mal wieder einen Wettbewerb gemacht. Die kreative Auszeit hat mir gut getan und mit all dem praktischen Hintergrundwissen war ich plötzlich viel freier und sicherer im Entwerfen. Das Studium war doch wertvoll, in unserem Büro mit 40 Architekten gibt es nur wenige, die nicht nur ausführen, sondern auch in der Lage sind, kreativ zu entwerfen. Heute leite ich selbst ein 40Mio.–Fr. Wohnungsbauprojekt bei Zürich.“

2003-2012 - Projekte (Auszug)

JULIANE GRÜNING Wohnort: Basel

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1 2003 – 2008 2 Freie Kunst 3 Assistentin in einem Ausstellungsraum in Berlin; regelmäßige Ausstellungen der eigenen Arbeit; Initiierung von Projekten 4 Seit ein paar Jahren organisiere ich selbst Ausstellungen und flexible Präsentationskonzepte. Durch meinen Professor Norbert Hinterberger lernte ich, auf unterschiedliche Orte und Situationen zu reagieren, kunstfremde Gegebenheiten als Herausforderung zu betrachten und Möglichkeiten zu generieren. Die Ergebnisse waren während des Studiums spannend und sind es auch heute noch. Meine persönliche Arbeit als Projektorganisatorin und Künstlerin, ergänze ich durch eine Assistentenstelle in einem Berliner Ausstellungsraum. 5 Ich organisiere Projekte, zu denen ich andere Künstler einlade. Ich empfinde es als eine Bereicherung für mich und für die Künstler, einen Raum zum Entwickeln von Arbeiten zu generieren. Auch unter schwierigen Umständen, konnte ich gute Ergebnisse erarbeiten. Es reizt mich, die Kunst in vermeintlich utopische Orte zu bringen, ich sehe dies auch als Auftrag des Künstlers. Ähnliche Projekte, möchte ich weiterhin organisieren und begleiten und diese Arbeit weiterhin professionalisieren. 6 Schnell merkte ich, dass ich mich in eine andere Richtung fortbilden musste,

ich tat dies durch Praktika im Kunstbetrieb im Ausland. 7 Ja, sicherlich hängt das mit der noch nicht vorhandenen Erfahrung zusammen. Man lernt die Realität in der man lebt kennen, das ist normal. 8 Ja, gerade in der Freien Kunst gibt es wenige Einblicke in das spätere Berufsleben, die späteren Anforderungen wurden nicht oder kaum erwähnt. Vorbereitungen, wie man sich für eventuelle Stipendien bewirbt, gab es nicht. Die Professionalisierung stand nicht im Vordergrund, Kontakt zu Galeristen, Museen, Kunstvereinen sollte die Universität knüpfen, und öffentliche Ausstellungen der Studenten außerhalb des Universitätskontextes fördern. Ich kenne kaum Künstler, die nach dem Studium an der BauhausUniversität öffentlich wahrgenommene Ausstellungen machen. Das ist sehr schade für die Künstler und auch für den Ruf der Universität, die eine gute Lehre anbietet.

57 Mercato di Sant‘ Ambrogio Piazza Ghiberti, Florenz

Die Präsenz des Falken gibt Aufschluss über die Beschaffenheit eines Raumes. Die Wiedergabe des Klanges vom Markt soll sehr reduziert auf diese offene Architektur hinweisen. Die Aufhebung zwischen Innen und Außen lässt fast einen weiteren Raum erahnen, den eine bestimmte, nur individuell erfahrbare Atmosphäre beschreibt.

Im Mercato di Sant ´Ambrogio gibt es mehrere Eingänge, diese offene Struktur ist auch ein idealer Unterschlupf für Tauben, die jedoch als ungebetene Gäste betrachtet werden. Um diese zu vertreiben, wird das Geräusch eines Falken über mehrere Lautsprecher im Markt hörbar gemacht. Dieser Ton soll die Tauben aufschrecken und in Panik versetzen. Zum Anderen soll er sie vollständig vertreiben. Es wird simuliert, dass er sich scheinbar fest in ihrem Revier niedergelassen habe. In der Natur gilt der Falke als natürlicher Feind der Tauben.

velo da sole 2011 Mercato di Sant‘ Ambrogio, Florenz benutztes Restaurantpapier (carta gialla)

Il Falco 2012 Soundinstallation

non c´ è paragone, Mercato di Sant‘ Ambrogio, Florenz 2011 Projektdokumentation

Claudia Olendrowicz

CLAUDIA OLENDROWICZ 2011-2012 - Installation

Wohnort: Jena


Oktober 2003 – Juli 2009 „Freie Kunst“ mit Abschluss „Diplomkünstler“ 3 Seit Oktober 2009 studiere ich das Fach Lehramt Kunst (Doppelfach) an der Bauhaus-Universität Weimar und werde im kommenden Wintersemester die Prüfungen für das Erste Staatsexamen machen. Im März 2013 bin ich dann voraussichtlich fertig mit dem Studium. 4Momentan befinde ich mich noch im Studium für das Fach Lehramt Kunst (Doppelfach) an der Bauhaus-Universität Weimar, welches ich direkt nach meinem Kunststudium begonnen habe oder besser „fortgesetzt“ habe durch eine Einstufung in das sechste Fachsemester. 5 Mein Diplomfilm „Zwischenstand“ zeigt ziemlich deutlich anhand der Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Zweifel meiner drei ehemaligen MitstudentInnen, in Bezug auf das Leben nach dem Studium, auch meine Position. Denn selbst wenn ich gerade noch einen Abschluss als Kunstlehrerin mache, kann ich mir mein Leben nicht ohne „die Kunst“ vorstellen. Nur als Lehrerin in der Zukunft zu arbeiten und keine Zeit und Muße mehr für das eigene kreative Schaffen zu haben...da würde ich eingehen! 6 Einen direkten Wechsel vom Studenten- zum Berufsleben hat es bei mir noch nicht gegeben. Er steht mir

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am Ende meines Lehramtsstudiums nächstes Jahr bevor. Dann heißt es, sich entscheiden, ob ich gleich das Referendariat mache (wenn ich überhaupt einen Platz kriegen sollte) oder doch erst einmal den Weg in die Selbstständigkeit wähle. Einen Wechsel vom Berufsleben zum Studentenleben gab es in der Vergangenheit bei mir, da ich nach Beendigung der Schule zuerst eine Ausbildung absolvierte, bevor ich anfing zu studieren. Diesen Wechsel habe ich damals als ein großes Geschenk und Erleichterung empfunden. 7 Da meine Mutter freischaffende Künstlerin ist und nie vorrangig von ihrer Kunst leben konnte, sondern mehr durch kunstpädagogische Tätigkeiten an verschiedenen Institutionen parallel ihr Geld verdiente, war ich schon ziemlich früh mit der harten Realität konfrontiert worden, die an die Entscheidung für diesen Lebensweg bzw. dieses Studium gebunden ist. 8 Während des Kunststudiums an der Bauhaus-Universität Weimar fühlte ich mich oft wie in einem geschützten Raum, was ich auf der einen Seite als sehr positiv empfunden habe, besonders in Bezug auf konzentriertes und ungestörtes Arbeiten und Experimentieren. Auf der anderen Seite gab es zu wenig Berührungspunkte und Kontakte zur Welt „da draußen“ und auch zu wenig Vorbereitung auf die Tücken Als Künstler leben und arbeiten — ein Traum von Freiheit, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit? Im Oktober 2003 begann ich an der Bauhaus-Universität Weimar „Freie Kunst“ zu studieren, gemeinsam mit Alexia Antonakis, Christoph Rossner und Lysann Németh. Unsere Wege verliefen nicht immer parallel, doch gerade am Ende des Studiums standen wir alle vor den gleichen Fragen. In meinem Dokumentarfilm „Zwischenstand“, der 2009 als mein Diplom entstand, versuchte ich diesen auf den Grund zu gehen. Dafür begleitete ich meine drei ehemaligen Mitstudenten ein halbes Jahr mit der Kamera kurz vor und während des Übergangs vom Studium in die Selbstständigkeit als „Freier Künstler“. Der Film stellt den ersten Teil einer Langzeitbeobachtung dar, die im Abstand von ca. fünf Jahren erfolgen soll.

des Kunstmarktes und mögliche Überlebensstrategien. Wie präsentiere und vermarkte ich mich am Besten, wie kann ich auf mich aufmerksam machen? Alles Fragen mit denen sich ein freischaffender Künstler leider auch befassen muss, was aber viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt und wofür man im Idealfall eigentlich einen Manager bräuchte, damit man sich hauptsächlich auf das „Kunstmachen“ konzentrieren kann.

2009 - Dokumentarfilm „Zwischenstand“

ANNA GÄNSSLER Wohnort: WEIMAR

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1 2001-2007 2 Freie Kunst 3 Künstlerin, kuratorische und sonstige Projekte 4 Meine Tätigkeiten bauen auf die in Weimar verbrachten Jahre auf, im Sinne der Interdisziplinarität, Kollaboration, Aneignung von themenspezifischem Wissen – nur ist das Feld weiter, die Beschäftigung gezwungenermaßen vielfältiger. 5 Die Hinter- und Vordergründe von Paper Jam #2 spiegeln den Werdegang nach dem Studium wider. Es geht um die Notwendigkeit, eigene Projekte auf die Beine zu stellen, der Passion sich mit Kunst zu beschäftigen, den Austausch unter Künstlern, Kuratoren, Grafikern; um Netzwerke, Austausch und Zufälle. Viele Künstler sind zwar Einzelkämpfer, können aber doch voneinander profitieren. Paper Jam #2 vereint meine Tätigkeit, die künstlerischen wie die kuratorischen. 6 In meinem Fall war der Wechsel vom Studium ins Berufsleben fließend. Schon vor meinem Diplom wollte ich die andere Seite der Kunstwelt kennenlernen und arbeitete für verschiedene Institutionen. Diese Arbeit im organisatorischen und kuratorischen Bereich intensivierte sich in den

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(Charlotte Seidel)

darauffolgenden Jahren, wodurch weniger Zeit für meine künstlerische Arbeit blieb. Heute meine ich einen ganz guten Mittelweg gefunden zu haben. 7 Sicherlich, aber auch nicht wirklich. Wichtig war und ist mir der Moment – es ist so und so schwierig, sich sein Leben in der Zukunft vorzustellen. 8 Ja und nein. Die Ruhe in Weimar und eine gewisse Abgeschiedenheit waren im Nachhinein wichtig um selber herauszufinden, wo die eigenen Interessen liegen, weniger beeinflusst von Kunstmarkt oder Trends. Daraus hat sich meine Arbeit entwickelt. Andererseits ist nach dieser Ruhe der Umschwung in das sorgenvollere, bürokratische, oft auch zwanghafte Leben nach dem Studium nicht einfach. Zwar gab/ gibt es an der BUW passende Seminare zu den Themen der Professionalisierung, die aber eher theoretisch waren — die Realität sieht doch wieder anders aus. Schade ist, dass die Universität den Studenten nach dem Diplom keine weiteren Möglichkeiten bietet wie Zugang zu den Werkstätten oder Technik, um die Zwischensituation auszufüllen und nahtlos weiterarbeiten zu können.

Paper Jam #2

Wohnort: Paris


PAPER JAM #2 (Projekt initiiert von Charlotte Seidel und Emile Ouroumov) - seit 2012 - 77 A4 Blätter von 59 Künstlern

Paper Jam #2 kuratorisches Projekt initiiert von Emile Ouroumov und Charlotte Seidel seit 2012 77 A4 Blätter von 59 Künstlern Papierstapel im Eingangsbereich des Neuen Museums; Mitnahme einzelner Blätter erwünscht Liebe/r [Akatre, Hanna Alkema, Jérôme Allavena, Giulia Andreani, Jesse Ash, Guillaume Aubry, Laëtitia Badaut Haussmann, Julie Béna, Grégoire Bergeret, Benoît Billotte, Maxime Bondu, Anne Brannys, Cindy Brumshagen, Davide Cascio, Nicolas Cilins, Elisabeth S. Clark, Marie Cool & Fabio Balducci, Ceel Mogami de Haas, Benoît Delaunay, Gabriel Desplanque, Marie Frampier, Nicolas Garait-Leavenworth, Wojciech Gilewicz, Alexandre Giroux, Gaël Grivet, Damien Guggenheim, Vincent Honoré, Hanna Husberg, Toril Johannessen, Luc Kheradmand, Bénédicte le Pimpec, Florine Leoni, Beat Lippert, Messy Sky Magazine, Estelle Nabeyrat, Jean-Christophe Norman, Jorge Pedro Núñez, Claudia Olendrowicz, Open City, Gela Patashuri, Renaud Perriches, Fabrice Pichat, Elisa Pône, Public Space With a Roof, Tommy Reinhardt, Sébastien Rémy, Elodie Royer & Yoann Gourmel, Benjamin Sabatier, Juliane Schmidt, Société Réaliste, tazasproject, Yan Tomaszewski, Philip Tonda, Remco Torenbosch, Alexia Turlin, Jan Uprichard, Cyril Verde, Adrien Vescovi, Christian Waldvogel], wir freuen uns, Sie hiermit zum zweiten Teil der Ausstellung „Paper Jam“ einzuladen! Wie Sie vielleicht wissen, fand „Paper Jam #1“ im Mai 2010 statt. Informationen dazu finden Sie auf unseren Internetseiten. Zu „Paper Jam #2“ laden wir internationale Künstler, Kuratoren und Grafiker ein, uns einen Beitrag im Format A4 digital oder analog zuzusenden. Ohne ein von uns vorgegebenes Thema haben Sie die Freiheit, die Einladung auf Ihre Praxis und sonstige Interessensgebiete zu beziehen — oder eine Arbeit aus dem Medium oder der besonderen Art der Präsentation der Ausstellung herzuleiten. Die von uns gesammelten Beiträge werden an Partnerinstitutionen weitergeleitet – eine bunt gemischte und flexible Auswahl an Galerien, Kunstzentren und unabhängigen Kunsträumen in Europa und darüber hinaus, die sie ausdrucken. Dieser Stapel, in einer Auflage pro Ort, steht dem Publikum zur Ansicht oder Mitnahme zur Verfügung, bis er verschwindet. Wir sind auf die Ergebnisse gespannt. Viele Grüsse, Charlotte Seidel und Emile Ouroumov http://www.charlotteseidel.de http://emileouroumov.tk http://paperjam2.tk

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2006 in Weimar gegründet, versteht sich die Galerie Eigenheim als Raum für zeitgenössische Kunst und Kommunikation. Neben der Vertretung eines engen Künstlerstamms, der Beteiligung auf Messen, der Ausstellungskooperation mit nationalen und internationalen Einrichtungen, ist die Galerie eine Schnittstelle zwischen Hochkultur und Subkultur, ein Multifunktionsraum, der mit Aktionen überrascht und Diskurse, ob politische, moralische oder gesellschaftliche, anregt. Die Galerie Eigenheim und sein ambitioniertes Team haben in den letzten sechs Jahren über 240 Ausstellungen und Aktionen realisiert, mit mehr als 450 nationalen und internationalen Künstlern und Institutionen zusammengearbeitet. Mit ihrem Programm sind sie dem zeitgenössischen Bauhaus auf der Spur und bieten den Absolventen der Universität eine Möglichkeit Identifikation zu erfahren und zu stiften. Ihre Künstler bringen sie nach Shanghai, Marseille, Paris, Berlin, Leipzig, Köln oder Essen. Internationales Flair bringen sie nach Weimar, laden Künstler aus China, Australien, der Türkei oder Korea, Musiker aus den USA oder Kuratoren aus Serbien ein. Ergänzt wird das Portfolio mit einem jährlichen Sti-

Die Galerie Eigenheim – Raum für zeitgenössische Kunst und Kommunikation

Die Galerie Eigenheim – neben Kunst, ein Ort der Sinnlichkeit und Offenheit. Utopie, Selbstverwirklichung, Arbeit und Leben greifen in einem Kosmos ineinander und bilden ein buntes quirliges, individuelles Umfeld. Die hier stellvertretend für die Galerie Eigenheim zur Schau gestellten Objekte sind sowohl Repräsentanten unserer täglichen Arbeit und unseres Umfeldes, als auch Objekte der ersten Stunde. So lag die Spardose in einem der vielen Bücherkisten beim Einzug im Mai 2006; mit der Kaffeetasse wurde der erste Kaffee ausgeschenkt, die Verteilerdose ist täglicher Begleiter oder die Glasschale, als oft letzter Ort, den man mit letzter Hoffnung auf der Suche nach einem Kleinteil absucht, ist genauso eine geeignete Stelle zum Hinterlegen des Tischtennisballs oder der

Zu den Objekten

pendiatenprogramm. Dokumentiert wird diese Arbeit in Katalogen und dem dreimal jährlich erscheinenden „Journal of Culture“. Verantwortlich für die Geschicke der Galerie sind, neben der Vielzahl von Künstlern und Freunden der Galerie, Konstantin Bayer als Gründer und künstlerischer Leiter und seine Assistenz Julia Scorna, Bianka Voigt als Geschäftsführerin und Enrico Freitag. Zur Galerie Eigenheim gehört neben aktueller Kunst auch der immerwährend einladende Grundgedanke. Direkte Kommunikation steht an oberster Stelle. Nicht der informative Text am Eingang ist ausschlaggebend, sondern das Gespräch. Stellvertretend ist hier eine ebenfalls aus Eigenheim typischen Möbeln zusammengestellte Sitzgruppe.

Zur Sitzgruppe – Raum für Kunst und Kommunikation

Kreide. Symbolisch eine Kassette — Musik ist ein wichtiger kultureller Teil der Galerie.

GALERIE EIGENHEIM WEIMAR


Die Galerie pack of patches ist eine Galerie für zeitgenössische Kunst mit internationaler Ausrichtung und richtet ihren Fokus auf konzeptuelle Kunst, work in progress und konkrete Kunst. Junge japanische Positionen gehören genauso zum Programm wie neue Bauhaus-Künstler und weitere Vertreter aus der aktuellen Kunstszene. Die Galeristin, Künstlerin Grit Höhn, gründete die Galerie am 28.09.2008. Die Galerie pack of patches zeigt überwiegend konzeptuelle Gruppenausstellungen (ca. acht Ausstellungen pro Jahr), ist bereits auf zahlreichen internationalen Messen vertreten und Mitglied im Bundesverband Deutscher Galerien und Editionen e.V. (BVDG).

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www.packofpatches.com

i n f o @ p a c k o f p a t c h e s . c o m

Tel. +49 (0)3641 543457

Galerie pack of patches Grit Höhn Lutherstraße 160 07743 Jena

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GALERIE PACK OF PATCHES JENA

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marke.6 und das Kollisionen-Team dankt den Trägern der marke.6:

unserem Kooperationspartner, dem Alumni Büro Silvia Riedel, Christiane Linsel und Maxie Götze;

Bauhaus-Universität Weimar Klassik Stiftung Weimar und

Herrn Bence Fritzsche vom Atelier-Verlag Köln, für seine kuratorische Arbeit;

Studierendenkonvent der Bauhaus-Universität Weimar;

dem Hotel Alt Weimar für das Sponsoring der Übernachtungen;

Ganz besonderer Dank geht an Kristin Rokitta und Friederike Berg, die als studentische Produktionsleitung mit ihrer Arbeit diese Ausstellung und diesen Katalog erst möglich gemacht haben.

dem Hausmeister des Neuen Museums Weimar Wolfgang Schmidt; dem Kassenpersonal der Klassik Stiftung Weimar; dem Technik- und Aufbauteam Knut Spangenberg und David Aßmann; dem Fotografen Ronny Ristok; den Ausstellenden Künstlern, Architekten, Gestaltern, Freiberuflern, Müttern und Vätern; den Grafikern der Ausstellungsgestaltung Elisa Trebstein und Marc Bredemeier; der Grafikerin des Ausstellungskataloges Jelka Kretzschmar; den Initiativmitgliedern der marke.6 Hanne Biermann, Stefanie Brendel, Lea Dannenhauer, Patricia de Paula, Martin Fink, Maxie Götze, Maren Kaiser, Andrea Karle, Nora Kühnhausen, Teres Mönnich, Lucian Patermann, Anne Pranz; dem Beirat der marke.6 Dr. Ulrike Bestgen, Andreas Feddersen, Prof. Dr. Manfred Hanfler, Anke Hannemann, Christiane Linsel, Kristin Reinhardt dem Bauhaus-Transferzentrum Design Gregor Sauer.

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Impressum Herausgeber marke.6, Ausstellungsraum

Redaktion Frederik Esser, Friederike Berg, Kristin Rokitta

der Bauhaus-Universität Weimar

Frederik Esser Partner Alumni Büro der Bauhaus-Universität Weimar Universitätskommunikation

Kataloggestaltung Jelka Kretzschmar Bildnachweis Fotos der Ausstellung: Ronny Ristok Sonstige Abbildungen: soweit nicht gesondert aufgeführt, liegen die Bildrechte beim jeweiligen Ausstellenden

Druck Buch- und Kunstdruckerei Kessler GmbH Ausstellung „Kollisionen“ 15. Juni – 08. September 2012 Neues Museum Weimar Weimarplatz 5 99423 Weimar Studentische Produktionsleitung „Kollisionen“ Friederike Berg, Kristin Rokitta Kuration: Bence Fritzsche, Atelier Verlag Köln Mit freundlicher Unterstützung Bauhaus-Universität Weimar StuKo Universtätskommunikation Atelier Verlag Köln Hotel Alt-Weimar Kontakt marke.6 – Universitätsgalerie Projektkoordination marke.6: Frederik Esser Bauhaus-Universität Weimar Marienstraße 18 99423 Weimar Telefon: +49 3643 – 58 11 92 Mail: marke.6@uni-weimar.de http://markepunktsechs.de

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1. In welchem Zeitraum waren Sie Student der BUW? 2. Welche Fachrichtung haben Sie studiert? 3. Welche Tätigkeit üben Sie gegenwärtig aus? 4. Inwiefern entspricht Ihr jetziger Beruf den im Studium erlernten Inhalten? 5. Welche Bezüge hat die von Ihnen hier ausgestellte(n) Arbeit(en) zu Ihrer gegenwärtigen Tätigkeit? 6. Wie haben Sie den Wechsel vom Studentzum Berufsleben wahrgenommen? 7. Hatten Sie während des Studiums bestimmte Vorstellungen und Ideale, die dann mit der Realität kollidierten? 8. Hätten Sie sich durch das Studium rückblickend eine bessere Vorbereitung auf reale Arbeitsbedingungen gewünscht? Wenn ja, welche?

Ausstellungsraum der Bauhaus-Universität Weimar

Katalog Kollision  

Ein Ausstellungskatalog der Marke.6

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