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Entwicklung Plötzlich digital Bis vor wenigen Jahren lebten die Penan tief im Dschungel auf der Insel Borneo, ohne Strom, ohne Strassen, fernab der modernen Welt. Dann kam das Internet in den Urwald – und mit ihm das Geld.

VON SIMON JÄGGI (TEXT) UND KOSTAS MAROS (BILDER)

Die Jagd ist vorbei und es ist dunkel geworden im Dschungel, die Regentropfen fallen millionenfach zwischen den Urwaldbäumen auf den Boden. Oteng Zuel verschliesst den Behälter mit den tödlichen Giftpfeilen, legt ihn zum Blasrohr und zieht sein Handy aus der Hosentasche. Durch den Regen dringt das Rauschen des nahen Flusses. Oteng zündet sich eine Zigarette an. Während er den Rauch in die Nachtluft bläst, blickt er gebannt auf das bläulich schimmernde Display. Dort zaubert der charismatische Teilnehmer einer britischen Talentshow fünf weisse Tauben aus dem Ärmel seiner Lederjacke hervor und lässt sie danach im Nichts verschwinden. Blitze zucken am Himmel über den Baumkronen. Unter dem schulterhohen Dach der Hütte rutschen Alvin, Jot und Watson etwas näher Als Oteng Zuel zusammen. Vor ihnen über dem Feuer brät an seiner Kindheit einem Holzspiess ein Urwaldvogel. «Los, machen wir ein paar Bilder», ruft Oteng aus dem Dunkel hinüber. Die vier Freunde lassen Zigaretten und Schnapsflasche verschwinden, legen einander den Arm um die Schulter, dann erhellt grell der Blitz der Handykamera die Nacht. Selfie-Time im Dschungel Borneos. Alvin, Jot, Watson und Oteng sind Angehörige der Penan, einer indigenen Volksgruppe auf Borneo im Südchinesischen Meer. Ihr Dorf Long Lamai liegt im malaysischen Teil der Insel, dort, wo die Flüsse Balong und Lamai zusammenfliessen, umgeben von Urwald und hohen Bergen. Hier lebten sie als Selbstversorger, fernab der modernen Zivilisation. Bis die Dorfältesten vor fünf Jahren einen Entscheid trafen, der das Dorf geradewegs ins digitale Zeitalter beförderte. Am nächsten Tag gegen Mittag kehren die vier Kindheitsfreunde von ihrem Schlafplatz ins Dorf zurück und binden ihr Holzboot am Ufer fest. Oteng macht sich über einen Pfad auf den Rückweg zu seiner Familie. Vorbei an einem Dutzend einfacher Holzhäuser auf Stelzen, der Kirche, der Primarschule, dem Gemeindezentrum. Hühner und Hunde spazieren frei herum, ein zahmer Makaken-Affe schwingt sich auf einem Baum von Ast zu Ast. Zwischen den Häusern verschwindet ein langhaariger Mann mit Gewehr in Richtung Dschungel. SURPRISE 362/15

Während mehr als 1000 Jahren zogen Otengs Vorfahren in kleinen Gruppen als Nomaden durch die Urwälder. Bei drohenden Konflikten zogen sie sich tiefer in die Wälder zurück und mieden selbst in friedlichen Zeiten den Kontakt zu den anderen Inselvölkern. Vor 50 Jahren erst wurde die erste Nomadengruppe in Long Lamai sesshaft. Seither haben alle 12 000 Penan das Nomadenleben aufgegeben, nachdem evangelikale Missionare aus Australien sie beharrlich dazu gedrängt hatten. Und weil mit der anhaltenden Abholzung ein Grossteil ihres Lebensraumes verschwunden ist. In Long Lamai ist aus der anfänglichen Ansammlung von Hütten das grösste Dorf der Penan geworden, 600 Menschen wohnen heute am Ufer des Balong. Bis vor wenigen Jahren führten die einzigen Verbindungen

zurückkehrte, fand er statt des abgeschiedenen Orts einen Aussenposten der digitalen Moderne. zur Aussenwelt über einen schmalen Pfad durch den Wald oder im Einbaum über den Fluss. Wer eine Nachricht in einen anderen Ort überbringen liess, wartete manchmal Monate auf eine Antwort. Es gab keinen Strom, kein Telefon, keinen Fernseher, kein Internet. Und stünde in der Mitte des Dorfes nicht ein eingezäunter Sendemast, umringt von sechs Solarpanels und einer Satellitenschüssel, man könnte meinen, es habe sich seither kaum etwas verändert. Die ersten Vorboten der Veränderung erreichten das Dorf am 14. Januar 2008. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen zwei Kommunikationswissenschafter der Universität Malaysia Sarawak aus dem Einbaum ans Ufer, ohne Ankündigung, aber mit einer grossen Idee. Sie wollten die moderne Welt in den Dschungel bringen. Am nächsten Tag trafen sie den Häuptling und den Rat der Ältesten in der turmlosen Dorfkirche. Die Besucher erzählten, wie das Dorf den Anschluss ans digitale Zeitalter finden sollte, wie die Frauen mithilfe des Internets ihre geflochtenen Matten und Armreife verkaufen, wie Touristen kommen, der Wohlstand im Dorf wachsen und die junge Generation eine Zukunft finden könnte. «Seid ihr damit einverstanden?», fragten die Forscher. Die meisten der Männer hatten nie zuvor von die-

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