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nimmt, sieht sie nicht. Ab einem gewissen Alter sind die wenigsten noch bereit, etwas von ihrem Haus, ihrem Auto oder ihrer Jacht zu teilen. Erst recht nicht, wenn sie bereits eine Scheidung hinter sich haben und einige Kinder im Schlepptau hängen. Die machen es nicht unbedingt einfacher. Bockige Teenager neigen dazu, jeden möglichen Interessenten auf Herz und Nieren zu testen. Da muss sich Mutti schon mal daheim Sprüche über den «neuen Spacken» anhören. Im besten Fall sehen die neuen Partner mit Gleichmut darüber hinweg, dass sie regelmässig von den Kindern ihrer neuen Liebe provoziert werden. Als Elternteil von Teenagern ist man daher eher besser bedient, wenn man mit dem neuen Partner schöne Stunden nur ausser Haus teilt. Männer mit Geld finden immer jemanden «Sex ist schon wichtig», ist Gabi überzeugt. Möglicherweise wird guter Sex als Bindungsgrund im fortgeschrittenen Alter noch bedeutsamer, weil die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn hat, drastisch abnimmt. Allerdings: Männer, die finanziell gut gestellt sind und womöglich nochmals eine neue Familie finanzieren und Sicherheit bieten können, finden immer eine Frau. Fast egal, wie alt sie sind. Proportional zu ihrer Grosszügigkeit scheint der Handlungsspielraum dieser Männer zu steigen. Frauen mittleren Alters dagegen tun sich erheblich schwerer und finden nicht unbedingt einen Partner, der gleichaltrig ist. Entweder sie finden einen Mann, der erheblich älter ist und mit dem sie deshalb einen Kompromiss eingehen: gemeinsame Unternehmungen, Ruhe, Sicherheit. Oder sie bandeln mit wesentlich jüngeren Männern an, mit denen frau zwar Spass haben kann, die selbst aber vor allem vor den familiären Ansprüchen jüngerer Frauen fliehen. Dabei muss erotisches Kapital nicht unbedingt etwas mit Aussehen oder Alter zu tun haben. Sondern mit Charme, SURPRISE 359/15

Authentizität, Lebenslust, Grosszügigkeit und Nachsicht gegenüber den Schwächen anderer. Mein Exfreund Rüdiger, 57, erzählt von Frauen über 60, die immer noch «diese gewisse Ausstrahlung» haben – da könne sich so manche junge Frau hinten anstellen. Doch Frauen ab 50 und Männer, die weder über erotisches Kapital noch über finanzielle Mittel verfügen, tun sich eher schwer, noch einmal einen passenden Partner zu finden. Vielleicht hat mal eine einfach Glück und einen netten Nachbarn. Viele stehen sich jedoch auch mit unrealistischen Ansprüchen und Ängsten selber im Weg, statt zuzugreifen, solange es noch Angebote gibt. Dann hilft nur eines: sein eigenes Mantra überprüfen. Denn wer ständig scheitert, kann spätestens mit 50 nicht mehr darüber hinwegsehen, dass etwas schiefläuft. Dass nicht immer die anderen Schuld an der Beziehungsmisere haben können. Dass es etwas mit den eigenen Ansprüchen oder der eigenen Biografie zu tun haben muss, wenn Beziehungen entweder nie zustande kommen oder immer wieder aus dem Ruder laufen. Rüdiger findet den Beziehungsmarkt inzwischen lächerlich. Alles überbewertet. Suchen wäre kontraproduktiv. Bei den seltenen Angeboten, die er noch bekomme, sei es eindeutig: «Diese Frauen suchen nur was fürs Bett!» Da käme er gerade noch in die Auswahl. Als brotloser Künstler komme er als Lebenspartner jedoch nicht mehr infrage. Es sei denn, eine alte Freundin wie ich käme vorbei, die ihn vielleicht heute noch so sieht, wie er früher mal war: kreativ, gutaussehend, kinderlieb, nervenstark, mit einem gradlinigen und ehrlichen Charakter und viel Humor. Wieso habe ich Rüdiger eigentlich damals verlassen? Ach ja, richtig: Er war brotloser Künstler, der partout sein Leben nicht ändern wollte, und ich wollte Familie und Sicherheit. Vielleicht sollte ich ihm mal Gabi vorstellen. Oder Maria. ■

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