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«Ich wünsche mir, dass unsere Politikerinnen und Politiker die Verfassung rekapitulieren.» Ich liebe die Schweiz, meine Wahlheimat. Ich habe mich einbürgern lassen und geschworen, die Werte zu verteidigen, auf denen dieses schöne Land gebaut ist. Ich wünsche mir, dass unsere Politikerinnen und Politiker die Präambel unserer Verfassung rekapitulieren und über ihren tieferen Sinn nachdenken, denn, so scheint es mir, einige unter ihnen haben die Absicht dahinter vergessen oder gar das verraten, was die Stärke und Grösse unserer Nation ausmacht. In jenem kurzen Text ist von Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt die Rede. Es steht dort auch, dass wir dazu bestimmt sind, in unserer Verschiedenheit zusammenzuleben, den anderen und das Prinzip der Gleichheit zu respektieren. Und vor allem – was ich am wichtigsten finde –, dass die Stärke einer Gemeinschaft sich am Wohlergehen ihrer Schwächsten misst. Fernand Melgar, geboren 1961 als Sohn spanischer

Eltern in Tanger, lebt seit 1963 in Lausanne. Für seine Dokumentarfilme hat er zahlreiche Preise im In- und Ausland gewonnen.

«Politische Ökonomie gehört in den Lehrplan jeder Schweizer Schule.» Ein Grossteil des weltweiten Rohstoffhandels läuft über die Schweiz. Und zwar jenseits aller ernsthaften Besteuerung und unter Umgehung von Handelsembargos gegen Diktaturen – von Umweltrichtlinien und der Einhaltung der Menschenrechte in den Ursprungsländern ohnehin ganz zu schweigen. Ich will hier nicht den moralischen Zeigefinger heben, denn um irgendwelche bürgerlichen Moralgrundsätze geht es längst nicht mehr: Es geht um ein weltweites «Imperium der Schande», wie es Jean Ziegler einmal genannt hat. Und in diesem Globalstaat der Ausbeutung nimmt die Schweiz eine zentrale Rolle ein. Verdienten unsere Grosseltern und Urgrosseltern ihr Geld damit, das Zahngold und die Nerze der ermordeten europäischen Juden zu hüten, waschen unsere Eltern und wir nun das schmutzige Zinn, das Rohöl und das Coltan für die grossen Konzerne Europas, Nordamerikas und des Mittleren Ostens. Millionen von Hungertoten, von ermordeten Menschen in Baumwollfabriken, auf Ölfeldern und in Bergwerken gehen direkt auf die Schweizer Wirtschaftspolitik zurück. Politische Ökonomie gehört in den Lehrplan jeder Schweizer Schule, damit das Bewusstsein über die organisierte Wirtschaftskriminalität unseres Landes zum Bestandteil des kollektiven Wissens der Schweizer Bürgerinnen und Bürger wird.

«Die Schweiz könnte viel selbstbewusster auftreten, die eigenen Allmenden ausbauen und die Erfahrungen anderen zu Verfügung stellen.» In Zeiten der nach wie vor ungelösten, globalen Wirtschaftskrise und der immer drängenderen Probleme des Klimawandels könnte die Schweiz eigentlich auf eine reiche, gelebte Erfahrung mit alternativen Sozial- und Wirtschaftsmodellen zurückgreifen. So gibt es in kaum einem Land der Welt eine so lange und ungebrochene Geschichte der Allmende. Als Allmende werden Ressourcen, etwa Alpweiden, bezeichnet, die nicht einer Privatperson (oder dem Staat) gehören, sondern von einer Gemeinschaft zum gemeinsamen Nutzen verwaltet werden. Solche Systeme haben sich als ausserordentlich stabil erwiesen und konnten sich oft über Jahrhunderte halten. In den letzten Jahren hat die Idee der Allmende, oft unter dem englischen Begriff der «Commons», einen neuen Auftrieb erhalten. Nicht zuletzt, weil zentrale Ressourcen des Internets – etwa die freie Enzyklopädie Wikipedia – als Commons entstanden sind. Es hat sich dadurch wieder gezeigt, dass es möglich ist, jenseits von Markt und Staat grossartige Dinge zu schaffen. Das inspiriert viele, weiterzudenken. In der Diskussion, wie mit den knapper werdenden Ressourcen wie saubere Luft oder fischreiche Meere besser umgegangen werden kann, wird immer öfter die Idee geäussert, diese als Gemeingüter zu verwalten, anstatt private Nutzungs- und Verschmutzungsrechte zu handeln. Hier könnte die Schweiz viel selbstbewusster und aktiver auftreten. Die eigenen Allmenden sollten ausgebaut werden und die Erfahrungen mit diesen Systemen sollten anderen zu Verfügung gestellt werden. Nicht als Modell, das andere übernehmen müssen, sondern als Grundlage gemeinsamen Lernens, um einen Weg zu finden, wie Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt in ein besseres Verhältnis gebracht werden können. Die extreme Liberalisierung des Finanzmarkts hat vor und nach 2008 gezeigt, was passiert, wenn Geld zu schnell in eine lokale Wirtschaft fliesst (es entsteht eine Blase) oder zu schnell wieder abfliesst (die Krise wird zusätzlich verschärft). Seitdem ist das Interesse an alternativen Währungen, die eben nicht global, sondern vor allem lokal zirkulieren, enorm gestiegen und es findet quer durch Europa eine Vielzahl von Experimenten statt. Und in der Schweiz? Dort gibt es schon seit 1934 eine alternatives Geldsystem, das WIR, den Wirtschaftsring. Gegründet als Reaktion auf die Wirtschaftskrise, welche auf den Börsencrash 1929 folgte, können sich beteiligte Unternehmen die Leistungen direkt gegenseitig verrechnen und so statt gegeneinander zu konkurrieren sich gegenseitig stützen – ein höchst unkapitalistischer Gedanke. Die dafür gegründete Bank existiert noch heute und ist sehr erfolgreich, ihr Netzwerk besteht aktuell aus 50 000 meist kleinen und mittleren Unternehmen. Auch hier hat die Schweiz einen enormen Erfahrungsschatz, der für die heute notwendigen Experimente und Innovationen höchst wertvoll sein könnte. Die Schweiz braucht Mut zur Weiterentwicklung ihrer alternativen Traditionen. Sie müsste sich auf sie besinnen und offensiver damit umgehen. Felix Stalder ist Professor für Digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste

und forscht zum Wechselverhältnis von Gesellschaft, Kultur und digitalen TechnoMilo Rau, geboren 1977 in Bern, ist Regisseur, Essayist und Dozent. Er ist Gründer

logien, insbesondere zu autonomen sozialen Institutionen.

und Leiter der Theater- und Filmproduktionsgesellschaft International Institute of Political Murder (IIPM). Sein neuer Film «Das Kongo Tribunal» kommt 2016 in die Kinos. SURPRISE 358/15

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