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Spione im Netz Tipps gegen die digitale Überwachung Ostschweizer Abgründe: Stahlberger über ihr neues Album

Kenia träumt: wie Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o ihre Heimat hoffen lässt

Nr. 323 | 11. April bis 1. Mai 2014 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Nehmen Sie an einem «Sozialen Stadtrundgang» teil! Erleben Sie Basel aus einer neuen Perspektive! Tour 1: Konfliktzone Bahnhof – vom Piss-Pass zur Wärmestube. Dienstag, 13. Mai 2014 um 9 Uhr. Tour 2: Kleinbasel – vom Notschlafplatz zur Kleiderkammer. Mittwoch, 7. Mai 2014 um 9 Uhr. Tour 3: Kleinbasel – von der Sozialhilfe zur Selbsthilfe. Dienstag, 15. April und 13. Mai 2014 um 9.30 Uhr. Anmeldungen unter rundgang@vereinsurprise.ch oder 061 564 90 40. Weitere Infos unter www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang

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Titelbild: iStockphoto

Editorial Rumfingern BILD: ZVG

Was unser digitales Leben angeht, ist schon viel gejammert worden: Man gibt seine Daten preis und fühlt sich dem realen Leben entfremdet, man ist gestresst durch die Selbstdarstellung im Netz und gehetzt vom Tempo der Informationen, die einem online um den Kopf fliegen. Nachdem wir doch einige Jahre E-Mails ganz praktisch gefunden, gerne unsere neuen Arbeitskollegen gegoogelt haben und nie mehr jemanden nach dem Weg fragen mussten, wehren wir uns nun plötzlich gegen die modernen Errungenschaften – gegen die Erleichterungen und Bereicherungen des Lebens. Woher kommt das? Anstatt zu jammern, wollten wir es genauer wissen und fanden Antworten bei dem Berliner Philosophen Byung-Chul Han, dessen neuste Thesen DIANA FREI wir in diesem Heft vorstellen. Wir leben so stark in einer unmittelbaren Präsenz und REDAKTORIN einer punktuellen Gegenwart, sagt Han, dass wir kein Gefühl für die Zeiträume mehr haben, die danach kommen: «Eine Gestaltung der Zukunft, ja einer anderen Zukunft, einer anderen Lebensform lässt sich mit dem digitalen Habitus nicht realisieren», hat er in einem Gastbeitrag für die FAZ einmal geschrieben. Was zähle, sei nur noch das «Sofort». Wir seien von einer Ungeduld bestimmt, einem Nicht-Warten-Können und einer Unfähigkeit zur Langeweile. Das klingt unreif. Es klingt nach Kindern, die nicht auf morgen warten wollen, bis sie ihr Glace bekommen. Oder nach Teenies, die sich zwar getrieben fühlen, das echte Leben zu entdecken, aber noch keinen Plan dafür haben. Byung-Chul Han interpretiert unser Tun vor dem Bildschirm bildlich und sagt: «Tippen besitzt keine temporale Weite. Es erfasst auch keine weiten Räume. Digital geht auf das lateinische Wort ‹digitus› zurück, das ‹Finger› bedeutet. Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln.» Fingern hat etwas Kleines, Mutloses, Planloses. Nicht wie etwa Holzhacken, für das man Hände, Arme, den ganzen Körper braucht. Und bei dem es unbestritten um den Gedanken an die Zukunft geht. Auch im Netz kann man anpacken statt fingern. Wir geben ab Seite 12 konkrete Tipps dafür, wie man sich dagegen wehren kann, seine Daten online aus der Hand zu geben. Und noch etwas in eigener Sache: Wir verabschieden Milena Schärer, die langjährige Illustratorin der Kolumne «Wörter von Pörtner», und danken ihr herzlich für ihre Arbeit. Gleichzeitig freuen wir uns über ihre Nachfolgerin Sarah Weishaupt, die ab dieser Ausgabe die Aufgabe übernimmt. Wir wünschen eine zukunftsgerichtete analoge Lektüre. Herzlich Diana Frei

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. Oder diskutieren Sie mit uns auf www.facebook.com/vereinsurprise SURPRISE 323/14

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10 Internet Ins Netz gegangen BILD: ISTOCKPHOTO

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Inhalt Editorial Holzhacken im Netz Basteln für eine bessere Welt Das Ei-Phone Aufgelesen Tabubruch Zugerichtet Der Kriminaltourist bleibt hier Holcim Indische Leiharbeiter Starverkäufer Zerait Zeray Porträt Psyche als Wahrscheinlichkeitsrechnung Filmland Kenia Hollywood beflügelt Afrika Wörter von Pörtner Blind im Wald Visions du Réel Focus Tunesien Kultur Mit Gitarre im Klo Ausgehtipps Lustig in Bern Verkäuferinnenporträt Heimat – im Nichts Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP Da läuft was Impressum INSP

Spätestens seit den Enthüllungen über Amerikas Spionage dürfte dem Letzten klar sein: Das Internet ist ein einziges Jagdgebiet – und die Beute sind wir. Dass die digitale Überwachungsgesellschaft totalitäre Züge entwickelt, sei unsere eigene Schuld, sagt der Philosoph Byung-Chul Han. Also müssen wir uns auch selber schützen. Die acht wichtigsten Tipps für Safer Surfing.

14 Migrationspolitik Die Guten und die Schlechten BILD: REUTERS

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Armutsflüchtlinge gelten oft als die «schlechten», hochqualifizierte Einwanderer als die «guten» Migranten. Die Menschenrechtsaktivistin Anni Lanz erklärt, wieso sie diese Sichtweise nicht gelten lassen kann: Global betrachtet sind es gerade die Migranten aus ärmeren Verhältnissen, die ihre Familien in ihren Herkunftsländern unterstützen. Und damit die effizientere Entwicklungszusammenarbeit leisten als einzelne Staaten. Ein Gastbeitrag.

BILD: ANDREA GANZ

17 Stahlberger Bessere Geschichten

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Statt «Fuck SVP» zu singen, erzählt der preisgekrönte Kabarettist Manuel Stahlberger mit seiner Band lieber Geschichten, in welchen er die Zuhörer in hartem St. Galler Dialekt sanft an die Abgründe in diesem Land heranführt. Im Interview verraten er und Bassist Marcel Gschwend, wieso die Ostschweiz ein guter Nährboden für trockene Gesellschaftskritik ist, und erklären den Unterschied zwischen Wehklagen und Melancholie.

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS | WOMM

1. Sammeln Sie in einem günstigen Moment die Handys Ihrer Verwandtschaft ein (Tipp: Zur Ortung genügt ein simpler Anruf) und schalten Sie sie aus.

2. Bemalen Sie Styropor-Eier-Hälften fantasievoll mit Ostermotiven (mit Styropor-, Acryl- oder Ölfarben; Styropor-Eier erhältlich im Bastelladen oder bestellbar im Internet, Grösse ca. 15 × 20 cm).

3. Legen Sie die Handys jeweils in eine Styropor-Ei-Hälfte und kleben Sie die zweite Hälfte mit Heissleim oder Sekundenkleber drauf.

4. Schmücken Sie Ihre Wohnung mit den Eiern – als Osterdeko sind die Handys perfekt getarnt und Sie müssen sich nicht einmal Verstecke ausdenken.

Basteln für eine bessere Welt Weg mit dem Ei-Phone Sie planen Ostern im trauten Familienkreis? Wir haben da einen Tipp, damit das auch klappt: Überraschen Sie Ihre Liebsten, indem Sie deren Phones in ein Ei packen und als Osterdeko getarnt unauffindbar verstecken! So sind Sie sicher, dass weder plötzlich der Chef klingelt, noch dass der amerikanische Nachrichtendienst NSA oder der Schweizerische NDB mit am Ostertisch sitzen und grosse Ohren machen. SURPRISE 323/14

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Partnerschaftliche Tabubrecher Graz. Der Serbe Saša Ilic´ und der Kosovare Jeton Neziraj haben zu einer nicht selbstverständlichen Freundschaft gefunden. «Patriot oder Verräter»: Etwas anderes habe es damals nicht gegeben, fasst Ilic´ die Kompromisslosigkeit der Kriegsjahre zusammen. Angst und Vorurteile wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Anthologie zeitgenössischer serbischer und kosovarischer Literatur, die Ilic´ und Neziraj herausgegeben haben, darf also als Tabubruch bezeichnet werden – und zwar zweisprachig.

Schlaue Strassenmagazin-Käufer London. Wissen, was der Konsument will, bevor er es selbst weiss: Die Datenflut im Netz macht’s möglich. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Dabei habe stets das Eingehen von Risiken die Gesellschaft vorangebracht, schreibt The Big Issue. Und windet seinen Lesern ein Kränzchen: «Dieses Magazin zu kaufen, ist ein politischer Akt. Sie sind nicht der Herde gefolgt, sondern haben sich auf einen Verkäufer eingelassen.» Wo sie recht haben, haben sie recht, die Briten.

Polizisten verprügeln Polizisten Wien. Ob Polizisten Nummern an ihren Uniformen tragen müssen, ist derzeit wieder ein Thema. Der Augustin ruft einen Fall aus Deutschland in Erinnerung: Am Rande einer 1.-Mai-Demonstration in Berlin verprügelten uniformierte Polizisten ihre Kollegen in Zivil. Einer davon verklagte daraufhin die Schläger. Die wurden jetzt freigesprochen – weil sie nicht eindeutig identifiziert werden konnten.

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Zugerichtet Kriminelle Touristen Eine Kollegin erzählte mir neulich, ihr Grosi wolle unbedingt ins Heim, obwohl sie noch gut allein klarkomme. Zuhause fühle sie sich nicht mehr sicher. Sie schlafe kaum noch, seit in ihrem Kleinstadtquartier in unmittelbarer Nähe mehrere Häuser von einer osteuropäischen Einbrecherbande heimgesucht wurden. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber bei der Grossmutter hört der Spass auf. Gemäss Kriminalstatistik 2013 waren es in den letzten drei Jahren um die 55 000 Einbrüche jährlich. Top of Europe. Wird hochgerechnet und medialisiert, braucht nur noch einer zu brüllen: «Kriminelle Ausländer raus!» Richter sprechen dann vom «erschütterten Grundvertrauen» oder dem «verminderten Sicherheitsgefühl». Wer je seine Wohnung geplündert vorgefunden hat, weiss, was sie damit meinen. Das ist schon mies. Mies fühlte sich auch ein solcher Kriminaltourist kürzlich vor dem Obergericht Zürich, ein 40-jähriger Mann aus Belgrad. Er begegnete der Justiz mit einer Attitüde, die sich zu gleichen Teilen aus welkem Stolz, kompletter Resignation und taubem Selbsthass zusammensetzte. Damit wir uns weiterhin nicht falsch verstehen: Wir reden zu viel über kriminelle Ausländer. So viel, dass man sich fragen muss, wie das mit inländischen Kriminellen ist. Sind die o.k.? Mehr o.k. als die ausländischen? Inländervorrang? Wäre es weniger schlimm, von einer Sissacher Bande ausgeraubt zu werden? Ist Kriminalität nicht gleich Kriminalität? Man müsste viel mehr über Kriminalität als solches reden, denn sie ist immer auch ein verlässlicher Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen. In die-

sem Sinne ist der Kriminaltourismus derzeit das klarste Beispiel dafür, wie verkehrt die Dinge laufen können. Mit einem satten Plus von 8,7 Prozent die am schnellsten wachsende kriminelle Branche des Landes. Quoten, die nur das organisierte Verbrechen schafft. Rolf Grädel von der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz spricht von «hochmobilen Profis». Während das Land noch in einer verwirrten Debatte feststeckt, wie man das jetzt machen soll, «kriminelle Ausländer raus, Grenzen zu», redet Grädel jetzt von Zwangsmassnahmen, um verdächtige Ausländer hierzubehalten. Die wollen gar nicht in die Schweiz. Für die Bosse laufen die Geschäfte reibungsloser in Heimatländern. Die, die man schnappt, sind hier nur «auf Montage». So auch der 40-jährige Belgrader. Abgesehen von einem früheren Gefängnisaufenthalt war er nie länger als ein paar Wochen hier. Den Landesverweis hat er schon vor bald 15 Jahren kassiert. Auf der letzten Diebestour hat er ein Uhrenmuseum in der Westschweiz ausgeräumt – aber das ist nur der auffälligste Posten in einer drei Zentimeter dicken Anklageschrift. Dem Richter wird er nicht glaubhaft versichern können, er käme nie wieder. Ihm wär’s recht, aber in seinem Leben ist noch nie etwas nach irgendeinem Plan gelaufen. Jetzt ist er ein mieser Typ, er weiss das. Auch er hatte mal ein Grosi. Was man dem Familienvater aber wirklich abnimmt, ist, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als die Schweiz zu verlassen. Doch er wird noch ein paar Jahre bleiben.

YVONNE KUNZ YVONNE.KUNZ@GMAIL.COM ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 323/14


Holcim Surprise in Indien

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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Surprise! Dokumentarfilmer Ajay und Dorfrätin Gangotri mit Lektüre aus der Schweiz.

Jahr in ihrem Versteck besucht hatte, wurden unterdessen des Versteckspiels leid, stellten sich und sitzen nun im Gefängnis. Ajay, Gangotri wie auch Lakhan, sagt Scheidegger, hätten ihren Mut jedoch nicht verloren und bekräftigt, sich weiter mit aller Kraft für die Rechte der Leiharbeiter einzusetzen. (fer) ■

BILD: ZVG

Im Juni letztes Jahr berichteten wir über die Leiharbeiter von Ambuja Cement, einer indischen Tochterfirma des schweizerischen Holcim-Konzerns (siehe www.vereinsurprise.ch/magazin/archiv-2013/surprise28613). Entgegen der in der Schweiz propagierten Firmen-Philosophie arbeiten diese in unsicheren Arbeitsverhältnissen zu Tieflöhnen. Die Berner Fotografin Karin Scheidegger, die regelmässig für Surprise fotografiert, reiste nach Chhattisgarh in Zentralindien, um Porträts der Arbeiter und ihrer Familien zu machen – und musste miterleben, wie ihr Fahrer und Übersetzer Ajay von Sicherheitsangestellten bedroht und geschlagen wurde, nachdem sie – von aussen – das Eingangstor zur Fabrik fotografiert hatte. Als Ajay auf dem Polizeiposten zusammen mit Scheidegger Anzeige erstatten wollte, wurde er selbst angeklagt, für angebliches Betreten der Fabrik und für Fluchen. Nun ist Scheidegger zurück in Chhattisgarh, und sie kann keine positive Entwicklung vermelden: Dokumentarfilmer Ajay hat seine Anklage auf Anraten seiner Anwälte zurückgezogen – es sei praktisch aussichtslos, den Prozess zu gewinnen (dies als Teil eines Deal, dass die Anklage gegen ihn fallen gelassen wird). Der Mann von Dorfrätin Gangotri hat seine Arbeit als Leiharbeiter bei Ambuja verloren, nachdem seine Frau zur moralischen Unterstützung Scheideggers auf dem Polizeiposten erschienen war. Lakonisch meinte er, dass das angesichts des Engagements seiner Frau ja eines Tages passieren musste. Gewerkschaftsführer Lakhan Sahu und sechs weitere Gewerkschaftsaktivisten, die wegen einer – nach deren Angaben ebenfalls fingierten – Anzeige der gleichen Sicherheitsangestellten untergetaucht waren und die Scheidegger letztes

BILD: KARIN SCHEIDEGGER

Surprise-Fotografin Karin Scheidegger ist zurück im zentralindischen Chhattisgarh bei Aktivisten für bessere Arbeitsbedingungen, die unter behördlicher Repression leiden. Sie stellte fest: Gebessert hat sich nichts – im Gegenteil.

Starverkäufer Zerait Zeray Sonja Minder aus Bern schreibt: «Vor der Migros Egghölzli steht am Samstag immer der Surprise-Verkäufer mit dem schönsten Lächeln: Zerait Zeray! Für mich ist er der Starverkäufer in Bern.»

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Porträt Der Täterversteher Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder: Der forensische Psychologe Bernd Borchard kommt ihnen nahe – um sie aus der Distanz zu beurteilen. VON ADRIAN SOLLER (TEXT) UND ANDREA GANZ (BILD)

Psyche von Schwerverbrechern ist darum immer auch eine Arbeit mit der eigenen Psyche. Viel gelernt über sich selber habe er, sagt Borchard. Immer wieder müsse er sich reflektieren. Denn nur wer sich selber versteht, kann andere verstehen. Doch klar: So «gewinnbringend» seine Arbeit ist, so belastend kann sie auch sein. Es komme schon mal vor, dass ihn die schlimmen Details eines Verbrechens nicht mehr losliessen, dass er Fälle mit nach Hause nehme. Das sei aber nicht unbedingt schlimm, im Gegenteil: «Man muss sich so viel Verarbeitungszeit nehmen, wie man braucht.» Besonders schwierige Fälle bespricht er mit seiner Frau. Sie ist Forensikerin. «Ich bin froh, jemanden zu haben, der mich versteht», sagt Borchard über seine Frau. Sie war es dann auch, mit der er über einen Vergewaltiger sprach, einer der besonders grausamen, besonders sadistischen – und zugleich einer der besonders sympathischen Sorte. Lange konnte Borchard den charmanten Täter nicht richtig fassen, ihn nicht richtig therapieren. Bei solchen Fällen sei es besonders wichtig, sich auszutauschen. «Ich bespreche mich immer mit meinen Kollegen. Das Einschätzen von Rückfallrisiken ist Teamarbeit.» Menschen können sich ändern. Dieser festen Überzeugung ist Borchard. Nur ganz wenige seiner «Klientel», ein Anteil im einstelligen Prozentbereich, ist nicht therapierbar. Die Taten seien natürlich nicht zu entschuldigen, es brauche die Bestrafung, doch präventive Massnahmen seien mindestens ebenso wichtig. Zu solchen Massnahmen gehören auch Trauma-Therapien. Denn rund ein Viertel der Vergewaltiger ist selber einmal vergewaltigt worden. Spricht Borchard über Vergewaltiger und Massenmörder, tut er dies nicht mit Sympathie, nicht mit Mitleid, aber mit einem gewissen Respekt. Er spricht aus «distanzierter Nähe» über sie, etwa so, wie einer

Schwarze Ledersessel. Weisse Wände. Graue Teppichböden. Ganz selten nur sieht man Farbe, ganz selten nur bleibt der Blick irgendwo hängen. In den Räumen des Amtes für Justizvollzug, Abteilung Psychologisch-Psychiatrischer Dienst (PPD), herrscht nüchterne Sachlichkeit. Im dritten Stock sitzt Bernd Borchard auf einem der Ledersessel, die in immer gleichen Abständen zueinander um den Tisch stehen. Der 49Jährige beginnt von seinem Beruf zu erzählen. Davon, dass ihm Mörder, Vergewaltiger und Kinderschänder von ihren Fantasien berichten, Tag für Tag. Hunderte rückfallgefährdeter Gewalt- und Sexualstraftäter hat der forensische Psychologe in den vergangenen 22 Jahren therapiert, Hunderte von ihnen hat er schon «eingeschätzt». Skizziert er sein Vorgehen bei dieser sogenannten Risikoeinschätzung, klingt er meist wissenschaftlich, braucht Wörter wie «Item-Pool» – was eine Sammlung an Fragebogen-Elementen ist – oder «Wahrscheinlichkeitsrechnung». Der Leiter der forensisch-psychiatrischen Abteilung berechnet die Rückfallwahrscheinlichkeit jedes Mörders mit nüchterner Sachlichkeit, egal wie grausam seine Tat war. Doch so ein «Screening» alleine, das Arbeiten mit Standardfragebögen und Checklisten also, reicht nicht. Wissenschaftliche Genauigkeit ist nur ein Teil der Arbeit. Es brauche immer auch eine klinische Einzelfallbetrachtung, sagt Borchard, während er dasitzt – ohne Kugelschreiber, ohne Notizblock, ohne irgendwelche Unterlagen. Nachdem Borchard jedes Dokument, jeden Papierfetzen über den Täter gesammelt hat, führt er vor allem persönliche Gespräche, redet mit Bekannten des Täters, mit Familienangehörigen, ehemaligen Lehrern, Beamten – und dem Täter selbst. Er will den Täter kennenlernen, ihn möglichst genau verstehen. Doch was bringt den Psychologen dazu, sich mit jenen Men«In der forensischen Psychologie muss man mit dem arbeiten, schen zu beschäftigen, mit denen sonst niewas man hat: mit sich selber.» mand mehr zu tun haben will? «Ich arbeite im Auftrag der Gesellschaft», erklärt Borchard. Klar will Borchard auch dem Täter helfen, ihn erfolgüber seinen Bäcker sprechen könnte. Von allzu einfachen Kategorien reich therapieren – doch vor allem will er die Gesellschaft etwas sicherer wie «gut» und «böse» hält Borchard nicht viel. Die Menschen machen es machen, «ihr dienen». Der Wahlschweizer aus Deutschland, der den sich allerdings oft sehr einfach, – sowohl die am Stammtisch wie auch Dienst an der Waffe verweigert hat, verabscheut Gewalt. die im Bundeshaus. Dass Bernd Borchard damals nach dem Psychologiestudium in der «Die Leute wollen etwas, was es nie geben wird: 100-prozentige SiForensik landete, war Zufall. Die Justizvollzugsanstalt Kassel suchte cherheit», sagt Borchard. In regelmässigen Abständen, das nächste Mal einen Psychologen – und Borchard einen Job. In die Arbeit mit den spätestens im Mai, wenn das Stimmvolk über die «Pädophilen-InitiatiGewalt- und Sexualstraftätern müsse man hineinwachsen, sagt er. Der ve» abstimmt, hört man sie wieder, die einfachen Lösungen für komMann, der privat kaum je Türen abschliesst, war fasziniert vom Geplexe Themen. Die Initiative will Kinder vor Pädosexuellen schützen, fängnisalltag. Denn Borchard ist ein Gestalter, ihm gefiel es, das weiteingentlich ein mehr als nur berechtigtes Anliegen. Doch einmal mehr gehend unerforschte Feld der Forensik weiterzuentwickeln. wollen die Politiker Automatismen. Sie wollen keinen Spielraum, kein So sehr der Verantwortliche für stationäre Massnahmen seither seine richterliches Ermessen. Arbeit mag, so sehr fordert sie ihn auch heraus. In der forensischen Sie sei nicht eindimensional, die Psyche eines Menschen, sagt BorPsychologie müsse man mit dem arbeiten, was man habe: mit sich selchard auf einem der gleichmässig ausgerichteten Stühle und ergänzt: ber. Man sei sein eigenes Arbeitswerkzeug. Die eigene Lebenserfahrung, «Kein Täter besteht nur aus seiner Tat.» Schwarz-weiss ist in den Räudie eigenen Emotionen, ja selbst die eigenen Wertvorstellungen spielten men des PPDs nur das Mobiliar. Die Arbeit der forensischen Psycholoim Gespräch mit den Tätern eine entscheidende Rolle. Die Arbeit mit der gen und Psychiater hingegen kennt viele Grautöne. ■ SURPRISE 323/14

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Internet Digitale Diktatur Ihre Krankenkasse weiss, wieviel Schokolade Sie essen, und die Wände des Chatrooms haben Ohren. Philosoph Byung-Chul Han warnt vor dem totalen Verlust der Privatsphäre. Er empfiehlt «Räume des Schweigens».

VON NAOMI JONES

«Die digitale Überwachungsgesellschaft (…) entwickelt totalitäre Züge», so das Fazit des Buches «Im Schwarm» von Byung-Chul Han. Wir werden «von innen her überwacht, kontrolliert und beeinflusst». Als Einzelner ist man sich dessen aber nicht bewusst, denn die digitalen Medien verändern unsere Wahrnehmung. Im Internet gibt es weder räumliche noch zeitliche Distanzen. Alles wird gespeichert und ist scheinbare Gegenwart. Mentale und zwischenmenschliche Distanz schwindet. In Kommentarfunktionen können wir unsere Meinung direkt und praktisch ohne Kontrolle einer Redaktion äussern. Da wir dies mehr oder weniger anonym tun können, ist manch einer versucht, seiner Empörung kräftig Luft zu verschaffen. Oft finden sich viele Gleichgesinnte, sodass ein sogenannter Shitstorm durch das Netz fegt. Der Respekt schwindet, und schon bald ist der Stammtischton salonfähig. «Sind die eigentlich noch bei Trost (…)?», fragt etwa Kommentatorin Irene Meier auf NZZ Online zum Fall «Carlos». Im Telefonbuch gibt es den Namen Irene Meier mindestens 174 Mal.

sozialen Medien versuchen wir uns besser darzustellen, als wir sind. Auch dies überträgt sich nach Han auf unser analoges Leben. Wir machen uns selbst zu einem Projekt, das es stetig zu verbessern gilt. Han spricht von einer «Narzissifizierung der Wahrnehmung». Wir richten den Blick permanent auf das Projekt, das wir selber sind. Weil sich die meisten von uns sorglos im Netz darstellen, finden wir sehr rasch Informationen über alles und jeden. Wir haben einen neuen Nachbarn und geben den Namen bei Google ein – schon haben wir ein erstes Bild und reimen uns eine Geschichte zusammen. Dazu kommt, dass wir uns laufend gegenseitig überwachen. «Die digitale Vernetzung erleichtert die Informationsbeschaffung dermassen, dass Vertrauen als soziale Praxis immer mehr an Bedeutung verliert. Es weicht der Kontrolle», so Han. Ausserhalb der eigenen Wohnung werden wir überall von Handyund Überwachungskameras erfasst. Wir haben keine Kontrolle darüber, welche Bilder von uns gemacht werden – und was mit ihnen geschieht. Der zu Google gehörende Bildverwaltungsdienst Picasa zum Beispiel hat eine Software entwickelt, die Bilder von Personen findet, ohne dass der Name der gesuchten Person mit dem Foto verknüpft wäre. Es reichen einige Bilder mit Namen, um die betreffende Person auf anderen Bildern ohne Namen zu identifizieren. Die lustigen Schnappschüsse der feuchtfröhlichen Party, die ein Kollege ins Netz gestellt hat, werden so potenziell rufschädigend. Und das Foto, das ein Tourist zufällig schiesst, könnte einen beim Turteln mit einer verbotenen Liebschaft zeigen.

Wir sehen uns, aber wir riechen uns nicht Es herrsche heute «totale Distanzlosigkeit», schreibt Han, «in der die Intimität öffentlich ausgestellt wird und das Private öffentlich wird.» In den sozialen Medien stellen wir uns dar. In Chats bauen wir eine vertrauliche Nähe auf zu Menschen, die wir bestenfalls halbwegs kennen, und geben unter Umständen persönliche Details preis. Und beim Surfen im Internet hinterGoogle verwendet Filter, um die Anfragen zu optimieren. lassen wir Spuren, die Intimes verraten. Wer Die Frage ist nur, für wen. sitzt heute nicht an den Computer und recherchiert zu seinem Wehwehchen, bevor er den Sicher ist nur, dass kaum mehr etwas sicher ist. Das Smartphone und Termin beim Arzt ausmacht? Und wer denkt schon beim Verfassen einer alle andern Dinge, die mit dem Internet verbunden sind, liefern ebenE-Mail und SMS daran, dass nicht nur der Empfänger sie lesen kann? falls Daten über unsern Aufenthaltsort, unsere Bewegungsmuster, unseSo schwindet auch in der analogen Welt unsere Sensibilität für Privatre Beziehungsnetze. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist der zunehmensphäre. de Transparenz- und Kontrollwahn, der unsere Gesellschaft ergriffen Das Internet vernetzt uns aber nur scheinbar. «Die digitale Kommuhat. Wo umfassende Kontrolle jederzeit möglich ist, sind altmodische nikation lässt die Gemeinschaft, das Wir, vielmehr stark erodieren. Sie Werte wie Vertrauen und Verantwortung unsicher und wenig effizient. zerstört den öffentlichen Raum und verschärft die Vereinzelung des Und jetzt kommt der Kapitalismus ins Spiel. Er macht auch vor der Menschen», lautet Hans Diagnose. Meist sitzen wir allein vor einem Didigitalen Welt nicht halt. Im Gegenteil: Sie ist ihm eine Goldgrube. «Auf splay, während wir mit der Welt kommunizieren. Skype gibt uns zwar der Suche nach Beute schweifen die Informationsjäger durch das Netz die Illusion, unser Gesprächspartner sei anwesend. Da die Kamera am wie durch ein digitales Jagdfeld», schreibt Han. Ihre Beute, das Gold des oberen Rand des Computers angebracht ist, ist es aber nicht möglich, Internets, sind die Informationen. Data-Mining heisst soviel wie Datendem Gegenüber direkt in die Augen zu schauen: «Wir schauen fortwähBergbau. Die Datenmengen werden von privaten Unternehmen wie von rend aneinander vorbei», zitiert Han den Autor Andreas Bernard. So treiGeheimdiensten zu unterschiedlichen Zwecken ausgewertet. Facebook ben uns die digitalen Medien auseinander. Wir können uns hören und publizierte erst kürzlich eine Studie über das Liebesleben seiner User. sehen, aber nicht riechen oder anfassen. Wir erfahren von der anderen Das scheint auf den ersten Blick harmlos. Es zeigt aber: Nicht einmal die Person immer nur einen bestimmten Aspekt. Ebenso zeigen wir uns Liebe, dieses urmenschliche und intimste Phänomen, ist vor der Analyselbst lieber von der vermeintlichen Schokoladenseite. Insbesondere auf SURPRISE 323/14

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se der schieren Masse an Daten gefeit. Offensichtlich weniger harmlos ist die Kooperation der Krankenkasse Helsana mit Coop Supercard. Die Krankenkasse ermuntert ihre Versicherten dazu, mit einer speziellen App beim Joggen Superpunkte zu sammeln. Helsana verschweigt aber, dass sie dabei nicht nur die Fitness ihrer Versicherten interessiert, sondern mindestens ebenso sehr deren Konsumverhalten. Kauft die versicherte Person Zigaretten, Fleisch, Alkohol? Wieviel Süssigkeiten konsumiert sie in einer Woche? Die Supercard erfasst sämtliche Einkäufe und bewahrt die Daten zehn Jahre lang auf. Algorithmen – komplexe mathematische Formeln also – können aufgrund der schieren Datenmenge menschliche Verhaltensmuster darstellen, die sonst verborgen blieben. Wir folgen diesen Mustern unbewusst und wir können uns nicht entziehen. «Die Analyse von Big Data gibt Verhaltensmuster zu erkennen, die auch Prognosen möglich machen», warnt Han. Data-Mining erschliesse das «Kollektiv-Unbewusste», wie er es nennt. Han sieht darin den Anfang einer «digitalen Psychopolitik», einer Politik, die via digitale Medien direkten Einfluss auf unsere Psyche nimmt, ohne dass wir es bemerken. Vielleicht ist man gegen die Werbung noch resistent. Was aber, wenn die Suchmaschine, die man täglich braucht, einen Filter, der bestimmte Absichten verfolgt, über jede Anfrage legt? Einen Filter, der bestimmt, welche Informationen man zu Gesicht kriegt und welche nicht? Google verwendet bereits heute Filter, die unsere Anfragen optimieren sollen. Die Frage ist, für wen optimiert wird. Räume des Schweigens Was sollen wir tun? Zurück zu Pferd und Pflug ist keine ernsthafte Option, digitale Medien und Geräte sind ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. In einem seiner seltenen Interviews meinte Han: «In dem Moment, wo wir uns der Systematik bewusst werden, beginnt die Möglichkeit eines Widerstandes. Wir können versuchen, Strategien gegen die Verlockungen der Transparenz zu entwickeln und als Praxis der Freiheit bewusste Räume des Schweigens errichten. Wir müssen schweigen.» Worüber wir schweigen sollen, lässt Han offen. Das schweizerische Bundesgesetz über den Datenschutz allerdings definiert besonders schützenswerte Personendaten. Es sind Informationen zur Weltanschauung wie etwa religiöse und politische Ansichten, Daten über unsere Gesundheit und Intimsphäre oder die Rassenzugehörigkeit. Auch Informationen über Massnahmen der Behörden wie etwa Sozialhilfe oder Strafverfahren sollten geschützt sein. Und genau diese besonders schützenswerten Personendaten sind für die Daten-Mineure interessant. Sie machen Personen empfänglich für Manipulation. Informationen über die Gesundheit sind für Versicherer interessant. Sie möchten nur gute Risiken und versuchen Personen mit hohem Risiko auszuschliessen. Informationen über unsere Weltanschauung und politischen Ansichten können nach Belieben interpretiert werden. Ein Bild auf Facebook, eine aus dem Zusammenhang gerissene Aussage – und schon ist man Rassist oder Terrorist. Oder man erhält wegen der Gesundheit, Rassenzugehörigkeit oder Weltanschauung keinen Job, keine Kreditkarte, keine Wohnung. Die Frage ist also: Wie können wir schweigen? Denn sobald wir an der Gesellschaft teilhaben und uns engagieren wollen, offenbaren wir uns. Dennoch können wir mit wenig Aufwand und etwas Bewusstsein viel sparsamer mit unsern Personendaten umgehen. Oder sind es die paar Super-Card- und Cumulus-Rabatte tatsächlich wert, dass ich intime Details über meine Gesundheit und mein Konsumverhalten preisgebe? Soll ein Konzern wie Amazon wirklich wissen, welche Bücher, Filme und Musik ich kenne, oder gehe ich lieber in den Buchladen? Sicher ist: Der Kellner wird sich über das Trinkgeld freuen, wenn ich in bar statt mit Plastikgeld bezahle, nachdem ich im Café statt im Chatforum mit meinen Freunden über Gott und die Welt geplaudert habe. ■ Byung-Chul Han: Im Schwarm. Matthes & Seitz 2013. CHF 16.90

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Internet Selbstverteidigung im Netz Niemand weiss genau, wer wessen E-Mails mitliest und Skype-Gespräche mithört. Das gilt für unser gesamtes Online-Leben: für Speicherdienste, soziale Netzwerke, Nachrichtenapps und unser Surfverhalten. Hier sind die Tipps für Safer Surfing. VON JAN ROTHENBERGER

Sie haben den Skeptikern Recht gegeben und alle übrigen desillusioniert: Die Enthüllungen Edward Snowdens zur Onlineüberwachung amerikanischer Geheimdienste. Dabei sind die Erkenntnisse noch nebulös. Es ist unklar, wer in den Schleppnetzen der digitalen Rasterfahndung hängen bleibt. Einer, den der NSA-Skandal nicht überrascht hat, ist Professor Ueli Maurer. Er forscht an der ETH Zürich zu IT-Sicherheit und Kryptografie und macht sich keine Illusionen über das Ausmass des Problems: «Wie wir heute Informationstechnologie benutzen, ist ziemlich naiv. Wir sehen jetzt die Symptome davon.» Maurer fordert einen Gesinnungswandel, die Gesellschaft müsse Regierungen und Unternehmen zu einem Umdenken zwingen. «IT wird mehr und mehr zum zentralen Nervensystem unserer Gesellschaft, hier müssen wir mehr investieren.» Konkreter Widerstand formiert sich bislang vor allem von unten. Organisationen wie der Chaos Computer Club (CCC) wollen diesen Wandel bei den Privatanwendern lostreten. Der Verein befasst sich mit den Themen Privatsphäre und digitale Bürgerrechte. Felix Schulthess arbeitet im Bereich Netzwerksicherheit und engagiert sich in der Freizeit für den CCC. An sogenannten Cryptopartys bringt er interessierten Bürgern bei, wie sie ihre Daten vor geheimdienstlicher Neugier schützen. «Wir wollen zeigen, dass das kein Hexenwerk ist», sagt Schulthess. Er und seine Kollegen wollen Bürger zur digitalen Selbstverteidigung befähigen. Die regelmässigen Minikurse vermitteln das Einmaleins von Verschlüsselung und Anonymität im Internet. Vorkenntnisse seien dazu keine nötig, sagt Schulthess. Zudem beruhigt er: «Wir wollen niemandem Facebook oder Dropbox ausreden.» Ziel sei, zum Nachdenken über Privatsphäre anzuregen und Menschen bei Technikfragen an die Hand zu nehmen. Die Botschaft: Man muss kein Hacker sein, um seine Daten zu schützen. Wir haben die wichtigsten Tipps für Sie zusammengestellt. Den richtigen Browser wählen Fragen zur Privatsphäre berühren nicht nur die Kommunikation, sondern auch das eigene Surfverhalten. Am sichersten und ohne Nachteile ist der von der Mozilla-Stiftung entwickelte Browser Firefox. Der geht, anders als der Internet Explorer von Microsoft, Google Chrome oder Safari von Apple, behutsam mit Ihren Daten um. Der Umstieg auf Firefox ist ohne Aufwand machbar. TIPP

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Sichere E-Mail Seine Nachrichten kryptografisch zu chiffrieren, sodass sie nur der Empfänger lesen kann: Möglich ist dies mit der Methode OpenPGP. Nötig ist ein passendes Mailprogramm, etwa das kostenlose Thunderbird mit der Erweiterung Enigmail. Wie das im Detail funktioniert, verraten zahlreiche gute Anleitungen, die man im Internet findet. Felix Schulthess: «Man schafft sich mit einer einmaligen Einrichtung einen sicheren Kommunikationskanal, auf den man anschliessend per Knopfdruck ausweichen kann.» Allerdings funktioniert die Verschlüsselung von E-Mails nur symmetrisch. Das bedeutet: Ihr Gegenüber muss ebenfalls die passende SoftTIPP

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ware eingerichtet haben. Und Sie müssen zuvor ein digitales Schlüsselpaar austauschen. Ist diese Hürde genommen, haben Sie aber eine dauerhaft sichere Leitung und können sorglos E-Mails verschicken – ohne weiteren Aufwand. Egal, ob sich jemand Zugang zu Ihrem Mailkonto verschafft oder Ihre Nachrichten abfängt: Lesen kann er sie nicht. Der Tresor für den Datenträger Doch nicht nur Informationen, die Sie über das Internet verschicken, sind gefährdet. Auch die Daten auf der Festplatte Ihres Computers können ausspioniert werden. Gegen diesen physischen Zugriff hilft das Verschlüsseln des Laufwerks. Kommt der Rechner oder auch nur schon die Festplatte abhanden, sind sensible Daten vor Zugriff geschützt. Ihre Datenträger so zu sichern, ist mittlerweile sehr einfach. Auf Mac-Rechnern kann man mit dem Programm FileVault (zu finden in den Systemeinstellungen unter dem Punkt «Sicherheit») gleich die gesamte Festplatte verschlüsseln. Windows bietet seit der Version XP das gezielte Verschlüsseln von einzelnen Ordnern und Dateien an. So kann man persönliche Dokumente absichern, die standardmässig unter «Eigene Dateien» liegen. Das geschieht mit einem Rechtsklick auf den Ordner, unter «Eigenschaften» und anschliessend «erweitert» lässt sich dann die Verschlüsselung anhaken. Ordner und Dateien, die so gesichert sind, zeichnet Windows grün aus. Eine weitere Option ist die kostenlose Software TrueCrypt. Hier gilt übrigens dasselbe, was für jeglichen Zugangsschutz zutrifft: Die beste Verschlüsselungstechnik ist nur soviel wert wie ihr Passwort. Passwörter mit einer Kombination aus Gross- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Satzzeichen sind ein Muss, wenn Sie Ihre Daten schützen wollen. TIPP

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Anonymes Surfen mit VPN VPN oder «Virtual Private Networks» sind eine populäre Lösung, um eigene Spuren im Netz zu verwischen. Bei dieser Art von Dienst baut man eine verschlüsselte Verbindung mit einem Server auf, der anschliessend die eigenen Anfragen weiterleitet. Dafür bewegen sich die Daten durch einen Tunnel, der für Dritte nicht einzusehen ist. Ob VPN etwas taugt, hängt von der Vertrauenswürdigkeit des Anbieters ab – man vertraut dabei einem Mittler seinen ganzen Datenverkehr direkt an. Diesen sollten Sie mit Bedacht wählen, mit Vorteil nutzen Sie Anbieter, die nicht unter der Gesetzgebung der USA oder Grossbritanniens stehen. Dort sind die Firmen nämlich verpflichtet, den geheimdienstlichen Datenhunger zu stillen und die Informationen ihrer Nutzer weiterzuleiten. Zu empfehlen ist dagegen der schwedische Anbieter Ipredator, der mit der dortigen Piratenpartei verbandelt ist. TIPP

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Noch sicherer: Tor Wer beim Surfen noch mehr Anonymität will, sollte auf Tor setzen. Tor steht für «The Onion Router». Das Stück Software heisst so wegen seiner Methode, Datenpakete auf ihrer Reise durchs Netz Schicht um Schicht in Verschlüsselung zu verpacken – Zwiebeltaktik eben. Fängt ein potenzieller Mithörer Ihren Datenverkehr ab, kann er weder den Inhalt der Kommunikation einsehen noch deren Ursprung oder Ziel. Allerdings eignet sich Tor nicht für einen ständigen Einsatz, sondern nur für einzelne Streifzüge im Netz. Der Nutzer bezahlt das gesicherte Surfen nämlich mit einer langsameren Verbindung, Webvideos und interaktive Webseiten funktionieren oft nicht. Wer diese Opfer gar nicht bringen möchte, kann sich mit der oben beschriebenen Alternative VPN zufriedengeben. Diese reicht zwar nicht an die Sicherheit des Tor-Netzwerks heran, bietet dafür aber mehr Alltagstauglichkeit.

Das Betriebssystem wechseln Für alle, die maximalen Wert auf Sicherheit legen, empfiehlt sich das alternative Betriebssystem Linux. Linux ist quelloffen, das heisst, der Programmcode ist öffentlich. Anders als bei Windows oder dem Mac-Betriebssystem OS X, wo dieser geheim ist, kann bei Linux jeder Programmier-Sachverständige nachprüfen, was die jeweilige Version im Detail macht. Linux’ Stärke ist seine Transparenz. Schadsoftware bietet das System keine Angriffsfläche, da Sicherheitslücken von einer engagierten Community aufgespürt und beseitigt werden. Diese ist auch dafür besorgt, dass das System keine Hintertüren zur Spionage hat oder versteckte Datensammelei betreibt. Während die eigenwillige Linuxoberfläche bis vor wenigen Jahren dem durchschnittlich begabten Nutzer kaum zuzumuten war, hat sich zuletzt einiges getan. Linux-Varianten wie Ubuntu oder Mint sind zugänglicher geworden. Wer bereit ist, sich einzuarbeiten, findet sich rasch zurecht. TIPP

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Ab und zu verzichten Wenn Sie sich entscheiden, künftig bewusster mit Ihrer Onlinekommunikation umzugehen, kommen Sie um den Elefant im Raum nicht herum. Das grösste Fragezeichen bleiben die Onlinedienste, denen Sie täglich Ihre Daten anvertrauen. Von Adressbuch, Nachrichten und Passwörtern über Bewegungsdaten bis hin zu Urlaubsbildern: Momentan gibt es kein Mittel, die sogenannten Clouddienste vor Zugriff zu schützen. Das wäre aber dringend nötig, wie der NSA-Skandal deutlich gemacht hat. Deshalb ist hier dosierter Verzicht der einzige Weg. Fragen Sie sich gelegentlich wieder, wie wichtig Ihnen welche Dienste sind und machen Sie sich bewusst, was Sie wem anvertrauen. Denn was Sie nicht online speichern, ist sehr viel schwerer auszuspähen. Alle geschilderten Mittel sind nach heutiger Gesetzeslage erlaubt. Welche davon für Sie infrage kommen, müssen Sie selbst entscheiden. Weder verschaffen sie Ihnen absolute Sicherheit vor Datenschnüfflern, noch ist es für den Durchschnittsnutzer ein gangbarer Weg, bloss noch verschlüsselt kommunizieren zu wollen. Aber mit der Einrichtung schaffen Sie sich einen virtuellen Schutzraum, den Sie bei Bedarf nutzen können. Wenn Sie sich unwohl fühlen angesichts der ausser Kontrolle geratenen Datensammelei, sollten Sie den Versuch machen und das eine oder andere Mittel ausprobieren – oder den Gang an eine Cryptoparty wagen. ■ TIPP

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TIPP

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Linktipps: Ein sicherer Browser firefox.com Anleitung zur E-Mail-Verschlüsselung bitly.com/sicheremails Wie wähle ich ein gutes Passwort? bitly.com/Passwoerter Die Festplatte sichern bit.ly/datentresore Erste Schritte mit Tor bit.ly/tornutzen Linux installieren bit.ly/startmitlinux Chaos Computer Club http://www.ccc-ch.ch/

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BILD: KEYSTONE

Migrationspolitik Jenseits von Gut und Bรถse Erfolgreiche Migrationspolitik ist eine Frage der Perspektive. Wer aus einer Minderheitsposition heraus politisiert, muss kreativ sein. Ein Gastbeitrag.

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VON ANNI LANZ*

rungsländern wiederum, zum Beispiel in der Schweiz, verrichten Migrantinnen häufig Care-Arbeit – etwa als Pflegerin, Betreuerin, Reinigungspersonal, Hausangestellte, Ehefrau oder Sexarbeiterin. Seit die Schweiz die Einwanderung zu begrenzen versucht, streitet die Linke über eine alternative Migrationspolitik. Für welche der beiden angeführten Optiken sollen sie sich entscheiden – jene der Wohlhabenden und der abgesicherten Inländer? Oder jene der Arbeitsmigranten, die unter prekären Bedingungen die Drecksarbeit erledigen? Lässt sich ein Mittelweg finden? Immer wieder brachte die Linke Migrations- und Asylkonzepte ins Spiel, die nicht nur den Verfolgten, sondern auch den Armutsflüchtlingen eine Einreisechance einräumen sollten. So wurde wiederholt vorgeschlagen, allen einen bestimmten Zeitraum zuzugestehen, in dem sie sich hier eine Arbeit suchen können. Wer keine findet, muss wieder gehen. Selektion ist immer verbunden mit Härte, Sanktionen, Ausgrenzung und Abschreckung der nicht Auserwählten. Sollte es also der Arbeitsmarkt sein, der diese an sich fragwürdige Selektion vollzog? Den Selektionsgegnern wiederum wurde entgegengehalten, dass die Ansässigen vom Sozialstaat geschützt sein wollten, der aber stets an einen nationalen Rahmen gebunden sei und nicht unbegrenzt Leistungen erbringen könne. Also brauche es eine Selektion, um Sozialleistungsempfangende zu begrenzen.

Wenn Inländer über Ausländer sprechen, unterscheiden sie in der Regel zwischen gut und böse. «Gute» Zuwanderer sind reiche und hochqualifizierte Personen. Ebenfalls zu den «Guten» gehören die besonders willfährigen, die klaglos für wenig Geld die von Inländern verschmähte Arbeit erledigen. Migranten gelten dann als «gut», wenn sie erheblich zum Schweizer Wohlstand beitragen. Ist Migrationspolitik dann erfolgreich, wenn sie die «Guten» einlässt und die «Bösen» wegschickt, wie dies mittlerweile nicht nur die politisch Rechte fordert? Erfolg ist eine Frage der Perspektive. Eine ganz andere Perspektive haben Unterschichtsmigranten: Die Armutsflüchtlinge, die wir oft despektierlich «Wirtschaftsflüchtlinge» nennen, sind die eigentlichen Garanten in der globalen Armutsbekämpfung. Die sogenannten Remissen – Überweisungen der Ausgewanderten an ihre daheim gebliebenen Angehörigen – sind fast die einzige Ressourcenumverteilung zugunsten der Armen dieser Welt. Für manche Länder sind sie ein unverzichtbarer Teil des Volkseinkommens. Die Weltbank errechnet jedes Jahr die Summe dieses Geldflusses von den reichen in die armen Länder: Im Jahr 2013 waren es 414 Milliarden US-Dollar – unvorstellbar viele kleine und kleinste Einzelüberweisungen, die an bedürftige Familien fliessen. Die Summe übersteigt die weltweite Entwicklungshilfe um ein Mehrfaches und steigt jährlich markant an. Die Remissen fliessen antizyklisch und Nationalistische Illusionen landen nicht auf den Konten korrupter Politiker. Die «WirtschaftsflüchtIn der Realität ist es die Optik der Unterschichtsmigranten, die sich linge» in der Schweiz und anderswo sichern so ein gewisses Niveau an durchsetzt – und nicht jene der Behörden und Politiker. Wer lässt sich Wohlfahrt in ihren Herkunftsländern. Diese Optik teilt auch die Weltschon vorschreiben, in Elend und Armut auszuharren? Abschreckungsbank – allerdings ohne die erniedrigenden Lebensbedingungen der bemassnahmen richten da wenig aus. troffenen Migrantinnen und Migranten zu beanstanden. Nationalistisch Gesinnte behaupten oft, sie würden mit der DemasDiese Unterschichtsmigranten arbeiten zu bescheidenen bis prekären kierung von «Schmarotzer-Migranten» ein Tabu brechen. Ihren Gegnern Löhnen. Sie streben nicht nach der Maximierung ihres eigenen Profits – werfen sie so vor, die Migration schönzureden. Das führt uns zurück zu ihre Logik ist auf das Wohlbefinden ihrer Angehörigen in den Herkunftsländern ausgerichtet, auf deren Schulund Ausbildung, Gesundheit und weiteres Linke heben oft den gesellschaftlichen Nutzen von MigranExistenzielles mehr. Die Zurückgebliebenen ten hervor. Als ob diese ihren Anspruch auf Menschenrechte wiederum übernehmen die Betreuung und memit besonderen Leistungen rechtfertigen müssten. dizinische Versorgung der betagten Angehörigen sowie der daheim gebliebenen Kinder und der eingangs angeführten Einteilung in gute und schlechte Migranten. investieren einen Teil der Geldüberweisungen in sichere Güter – LandSie ist eine Falle. Migranten sind weder besser noch schlechter als die erwerb, Hausbau, landwirtschaftliche und kleinbetriebliche ProdukAnsässigen, doch geraten Migrationsverteidiger in einem nationalistisch tionsmittel – mit dem Ziel, die Existenzgrundlage des familiären Netzes geprägten Umfeld stets unter Druck, sich diesem polarisierenden Billängerfristig zu sichern. derzwang zu beugen. Wenn Linke sich öffentlich über Migranten und Asylsuchende äussern, Gibt es eine alternative Migrationspolitik? beschreiben sie sie oft etwas überhöht und heben deren gesellschaftWären die familiären Verpflichtungen der Migranten aus ärmeren lichen Nutzen hervor. Als ob sie ihren Anspruch auf Menschenrechte Verhältnissen nicht so bindend und stünden bloss individuelle Eigeninmit besonderen Leistungen rechtfertigen müssten. Menschenrechte sind teressen im Vordergrund, würden sie nicht sämtliche Ersparnisse launicht an eine Gegenleistung oder bestimmte Eigenschaften gebunden. fend an ihre Angehörigen überweisen. Sie würden ihr Einkommen selSie stehen jeder Person allein aufgrund ihres Menschseins zu. Dies ist ber ausgeben oder auf einem Bankkonto ansammeln, wie viele der das Besondere am Konzept der Aufklärung. Es steht heute in Gefahr – Oberschichtsmigranten es tun. und im Widerspruch zur staatlichen Zulassungs- und WegweisungsHinter jedem Migranten und jeder Migrantin aus ärmeren Verhältniskompetenz über Ausländer. sen stehen mehrere Personen, die von den Lohnüberweisungen für ihre Der heutige Migrationsdiskurs baut auf zwei nationalistischen IlluGrundbedürfnisse abhängen. Schätzt man heute die Migranten auf rund sionen auf: dem Irrglauben, Einheimische seien besser als «die anderen» drei Prozent der Weltbevölkerung, so muss man diese Zahl vervielfaund besser dran nur unter sich. Wir Einheimischen seien selbstgenügchen, um eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie viele Menschen sam und bescheiden und müssten unsere unbefleckte Eigenart vor alweltweit von der Arbeitsmigration abhängig sind. In den EinwandeSURPRISE 323/14

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BILD: REUTERS/ARND WIEGMANN

Die Ausschaffungshäftlinge hinterlassen ihre letzte persönliche Spur in der Schweiz: Gekritzel in einer Zelle im Flughafengefängnis Zürich-Kloten.

lem Fremden bewahren. Und zweitens auf dem Mythos, dass die Schweiz nichts zu tun hat mit Kolonialismus, postkolonialer Bevormundung und Apartheid.

nen und Abgaben profitiert, die hiesige Firmen dank günstiger Steuerbedingungen hier sowie unterbezahlter Ressourcen und Arbeitskräfte in den Herkunftsländern erzielen. Wer sich für bescheiden und rechtschaffen hält, lässt sich ungern vorhalten, über seine Verhältnisse zu leben. Auch wenn es schwierig ist, kompromisslos Migrationsursachen zu bekämpfen, müssen wir stets vor Augen haben: Die Armut, nicht die Armen sind zu bekämpfen. Dies gilt auch gegenüber den Unterschichtsmigranten bei uns. Sie gut auszubilden und beruflich zu fördern wäre die

Die Armut, nicht die Armen bekämpfen Der Umgang mit nationalistischen Zerrbildern erfordert einerseits Unerschrockenheit, anderseits einen kreativen Umgang mit Sprache und anderen Ausdrucksformen. Die Formulierung «Kollektive Regularisierung aller Sans-Papiers» oder reichlich ausgeteilte Rassismusbezichtigungen führen unweiMenschenrechte sind nicht an eine Gegenleistung oder begerlich in eine kommunikative Einbahnstrasse. stimmte Eigenschaften gebunden. Sie stehen jeder Person Man kann jedoch nach anderen Begrifflichkeiallein aufgrund ihres Menschseins zu. ten und Bildern suchen, die vielleicht sogar präziser sind als die abgegriffenen Schlagworeffizientere Armutsbekämpfung als millionenteure Wohltätigkeitsprote, die wie Etiketten an den Kontrahenten hängen bleiben. Wer aus eijekte im Herkunftsland. Mit einem Engagement für Chancengleichheit ner Minderheitsposition heraus politisiert, braucht viel Kreativität, um für alle, unabhängig vom Geschlecht und von der Herkunft, leisten wir überhaupt wahrgenommen zu werden. Eine solche Widerspenstigkeit auch hier einen Beitrag zur Armutsbekämpfung in der Welt. Mit vereinlässt sich in der Regel bloss aus einer gewissen Abgeschiedenheit oder ten Kräften gegen Abschreckungsmassnahmen wie Arbeitsverbote, IlleDistanz heraus entwickeln. Wenn ich eben gerade nicht das sage, was galisierungsregeln oder Ausschaffungshaft vorzugehen und für besseren mein Gegenüber von mir erwartet, wird er von einer neuen Idee, einem Zugang zur Berufsausbildung für alle einzustehen, stärkt diejenigen, die neuen Ausdruck überrumpelt und kann nicht auf sein ausgeleiertes Reganz konkret etwas gegen die Armut in ihrer Heimat unternehmen. ■ pertoire zurückgreifen. Niemand ist im Besitz der absoluten Wahrheit. Sehr wohl aber lassen sich vermeintliche Wahrheiten widerlegen. Wer die Migrationsursachen * Die Asyl- und Menschenrechtsaktivistin Anni Lanz setzt sich seit bald 30 Jahren in den Mechanismen sucht, die uns Wohlstand bringen und anderen für Flüchtlinge in der Schweiz ein. Sie hat unter anderem das preisgekrönte «Basler Wohlstand wegnehmen, macht sich nicht beliebt, gewinnt keine WähModell» für Sans-Papiers mitbegründet. Ausserdem besucht sie regelmässig Auslerstimmen und generiert keine Spenden. Gegen diese Ursachen wird besschaffungshäftlinge und unterstützt diese bei der Ausbildung, nachdem sie die tenfalls halbherzig Widerstand leisten, wer von Arbeitsplätzen, GewinSchweiz verlassen haben.

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Stahlberger Luftige Abgründe Jammern ist nicht ihr Ding, melancholisches Besingen schweizerischer Abgründe schon eher: Sänger Manuel Stahlberger und Bassist Marcel Gschwend über Ostschweizer Befindlichkeit, langweilige Schweizer Filme und warum sie nicht gerne «Fuck SVP» singen.

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VON OLIVIER JOLIAT (INTERVIEW) UND ANDREA GANZ (BILDER)

Es heisst, der irische Wandermönch Gallus habe St. Gallen, Ihre Heimatstadt, am übelsten Ort auf Erden gegründet, um so Gott möglichst nahe zu kommen … Manuel Stahlberger: Eigentlich suchte der Mönch ja die Einsamkeit. Dass daraus die Stadt St. Gallen entstand, ist ein völliges Missverständnis. Er suchte wohl wie Stahlberger die Befreiung durch Wehklagen? Marcel Gschwend: Das wird der nächste Albumtitel: Befreiung durch Wehklagen! Stahlberger: Wehklagen klingt nach Jammern. Es ist sicher eine melancholische Geschichte. Gschwend: Wehklagen ist dann doch zu wehleidig, wir wollen kein Mitleid. Melancholie passt aber schon. Die Ostschweiz scheint mit Sänger Guz, Rapper Göldin und Stahlberger ein guter Nährboden für trockene Gesellschaftskritik mit Biss. Ist das die musikalische Reaktion auf die reaktionäre Politik in dieser Gegend? Gschwend: Eine konservative Umgebung fordert wahrscheinlich schon eine Antwort heraus, um etwas dagegenzuhalten. Aber extrem ist die Kritik ja nicht. Vielleicht wirkt sie durch unseren Dialekt härter. Stahlberger: Sicher weniger gemütlich als auf Berndeutsch.

noch beim ersten Album. Ich dachte auch, das dritte Album wäre eine gute Gelegenheit, den Namen zu ändern. Aber dann würden uns die Leute im Internet nicht mehr finden. Eigentlich ist es ein falsches Statement, dass die Band so heisst wie ich. Aber um das zu ändern, ist es nun zu spät. Ihr drittes Album kommt in Wort und Musik schlicht und klar daher. Reizt Sie das Banale? Stahlberger: Es reizt mich, einfache Worte zu finden, die der Musik ihren Platz lassen. Aber inhaltlich würde ich nicht sagen, dass die Songs banal sind. Es sind Miniaturen, die meistens vom Alltäglichen ausgehen. Das ist bei meinen Texten häufig so, aber früher hatte ich mehr die Tendenz, alles zu verkomplizieren. «Hornusse» ist der einzige Text, in dem Sie mit sentimental verklärtem Blick auf Ihre Heimat schauen. Ausser dieser Pausenplatz-Schwelgerei singen Sie fast nur zynisch über Ihre Heimat. Ist es so, dass St. Gallen gut ist, um wohlbehütet aufzuwachsen – doch kaum fängt das Denken an, wird man kritisch? Stahlberger: Das ist vermutlich nicht nur in St. Gallen so. Die Songs sind sicher keine Lobeshymnen auf die Ostschweizer Befindlichkeit. Aber das hat ausser dem Dialekt wenig mit der Region zu tun. Ich finde bei Songs, oder generell in der Kunst, ist es interessanter, wenn sich Abgründe auftun.

Im Song «Schwizer Film» thematisieren Sie amüsant die Langeweile heimischer Spielfilme. Warum funktioniert Humor in der Und trotz der Kritik in Ihren Texten: Sie stellen nichts und nieDeutschschweiz weder im Film noch am Fernsehen? manden so richtig an den Pranger. Stahlberger: Dafür, dass bei Filmen mit Bild gearbeitet wird, wird schon Stahlberger: Das will und kann ich nicht. Wenn ich jemanden ein Arschwahnsinnig viel erklärt, was man sowieso schon sieht. Ich kenne mich loch finde, möchte ich immer auch wissen: Warum ist der so drauf? Pauschal «blöde Schweiz» zu singen, wäre mir zu doof. Ich schaue lieber: Warum ist das so seltManuel Stahlberger: «Pauschal ‹blöde Schweiz› zu singen, wäsam? Woher kommt diese Angst? Ich stochere re mir zu doof. Ich schaue lieber: Warum ist das so seltsam? lieber weiter darin rum und schaue, was noch so hervorkommt. Woher kommt diese Angst?» So wie Sie in «Abtaucht» die Swiss Music Awards und «immer di gliiche schöne Lüt a de immer gliiche blöde Galas» besingen, scheint ihnen die Rote-Teppich-Szene suspekt. Stahlberger: Das ist natürlich reiner Neid auf die Erfolgreichen! Gibt es den Neid auch in der Band? Mit «Stahlberger» fokussieren Sie ja bereits im Bandnamen auf den preisgekrönten Einzelkünstler und Sänger der Band. Dass mit Marcel Gschwend der äusserst aktive Elektronik-Produzent Bit-Tuner am Bass steht, geht da doch unter? Gschwend: Den Bandnamen haben wir tatsächlich schon diskutiert, damit die Musik losgelöst vom restlichen Schaffen der Person Manuel Stahlberger wahrgenommen wird. Aber die Vorteile des Namens überwiegen. Wäre Manuel ein Arschloch, der uns spüren liesse, dass er der Star ist, wäre es bestimmt ein Thema. Aber dann gäbe es die Band eh nicht. Stahlberger: Wir haben einfach nie einen richtig guten Bandnamen gefunden. Innerhalb der Band bin ich nun sicher weniger prägend als

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in der Filmszene zwar nicht aus, aber ich vermute, dass einfach zu viele Menschen dreinreden, weil die Produktion viel teurer ist als zum Beispiel die einer Platte. Da müssen aus der Angst vor einem Flop vielleicht zu viele Kompromisse gemacht werden. Man sucht wie in der Politik den gut schweizerischen Kompromiss. So funktionieren wir nun mal. Das macht für die Gesellschaft ja auch absolut Sinn, nicht aber für die Kunst. In der Band hat neben Ihnen beiden auch Drummer Dominik Kesseli eigene Musikprojekte. Wird es mit jedem Album schwieriger, wieder zusammenzufinden? Gschwend: Klar ist es heute nicht mehr so, dass man einfach in den Proberaum geht, ein bisschen spielt, trinkt und kifft und schaut, ob sich was ergibt. Wir leben ja nicht mehr alle am selben Ort und haben verschiedene Leben. Die Pause nach dem letzten Album war gut, weil jeder seinen Weg ging und neue Erfahrungen sammelte. Diese neuen Ideen stecken nun im neuen Album. Und das war nicht geplant, wir hatten einfach Bock darauf. So macht das auch mehr Sinn. SURPRISE 323/14


Augen zu und durch: Manuel Stahlberger und Marcel Gschwend sinnieren über die Schweiz.

Stahlberger: Irgendwie war immer klar, dass wir wieder ein Album zusammen machen werden. Die Band ist ein Freundschaftsding, wir machen das ja nicht wegen des Geldes. Es tut einfach gut, zusammenzukommen, zu musizieren, zu lachen, blöd zu tun und sich zum Affen zu machen. Ich hatte aber schlicht lange keine Textideen. Vor bald zwei Jahren bin ich Vater geworden und es dauerte länger als gedacht, bis ich wieder an Musik und Texte denken konnte. Suchen Sie als Vater nach anderen Geschichten als davor? Stahlberger: Früher hatte ich viel mehr Zeit, habe dadurch viel mehr gegrübelt und mich vor allem über die Arbeit definiert. Heute bin ich eiStahlberger: Mundart-Musik mit Speuz Den träfen Blick auf die (L)-Eidgenossenschaft kennt man von Sänger Manuel Stahlberger auch als Kabarettist – egal ob solo, mit Mölä & Stahli oder Stahlbergerheuss. Wer glaubt, für die Band Stahlberger hat der Salzburger-Stier-Preisträger einfach seinen Vornamen gestrichen und dafür vier Leute hinter sich geschart, liegt allerdings falsch. Schaut man das kreative Palmares seiner Mitstreiter an, darf man die Band Stahlberger getrost die All-Star-Truppe der Ostschweizer Kulturszene schimpfen. Interview-Partner Marcel Gschwend etwa produziert unter seinem Künstler-Pseudonym Bit-Tuner Beats für Rapper wie Göldin und machte auch schon der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen Beine. Nach längerer Band-Pause melden sich Stahlberger nun mit ihrem dritten Album «Die Gschicht isch besser» zurück. Sie erzählen darauf Geschichten ohne Happy End, die sich um Schweiz-typische First World Problems drehen. Stilistisch reicht diese Mundart-Musik mit Speuz vom stoisch rollenden Rocker «Rundume Rand» bis zum Synthie- und ZerrSound-lastigen Disco-Stepper «Tanze». SURPRISE 323/14

niges gelassener. Es gibt andere, gleich wichtige Sachen. Dadurch sind die neuen Texte vielleicht auch luftiger geworden. Das Album ist eher gesellschaftskritisch als politisch. Doch bei allem Biss steckt auch etwas Versöhnliches drin. Wirklich sauer sind Sie nicht auf die Schweiz? Stahlberger: Klar bin ich manchmal wütend, über das Abstimmungsergebnis vom 9. Februar und solche Dinge. Aber in den Liedern kann ich nicht «Fuck SVP» singen. Das ist mir zu billig. Ich erzähle eher Geschichten von Leuten, die vielleicht die SVP wählen. Geschichten finde ich spannender als Parolen. ■ Dank schlichten Arrangements und Texten bleibt dem Hörer Raum fürs eigene Kopfkino – mit garantiert höherem Unterhaltungswert als der im besungenen «Schwizer Film». Das Album zeigt eine gelassene, gereifte Seite von Stahlberger: Aufregen lohnt sich nicht, selbst «Wenn d’Welt untergoht» und man das Spektakel verpasst, weil man gerade pressant aufs WC muss. Sie dreht dann schon noch ein bisschen, im Endlos-Loop, bis der Song ausfadet und das Album endet. Zurück bleibt ein Schmunzeln über all die banalen Furchtbarkeiten. (ojo) Stahlberger auf Tour: Fr, 11. und Sa, 12. April, Palace, St.Gallen, Do, 17. April, Kuppel Basel, Fr, 18. April, Salzhaus Winterthur, So, 20. April, Dachstock Bern, Fr, 25. April, Bogen F Zürich, Sa, 3. Mai, Löwenarena Sommeri.

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BILD: ZVG

Lupita Nyong’o als Sklavin in Steve McQueens «12 Years A Slave».

Filmland Kenia Oscar, der Hoffnungsträger Angefangen hat die Schauspielerin Lupita Nyong’o im Filmbusiness damit, dass sie am Set den Kaffee holte. Jetzt hat sie für ihre Rolle als Sklavin in «12 Years A Slave» einen Oscar gewonnen – und lässt ihre Heimat Kenia vom Aufstieg der Filmindustrie träumen.

VON MIRIAM GATHIGAH (STREET NEWS SERVICE)

In Kenia hat der Oscar für Lupita Nyong’o Hoffnungen auf einen Aufschwung der noch jungen einheimischen Filmindustrie geschürt. Die Kenianerin wurde für ihre Rolle als Sklavin in Steve McQueens «12 Years A Slave» ausgezeichnet. Nyong’os weltweiter Erfolg wird bereits als Trendwende für das ganze Land gewertet: Er sei ein Beweis dafür, dass die Unterhaltungsbranche eine berufliche Perspektive biete – ähnlich wie das Lehrer- und Medizinstudium, erklärt der in Nairobi lebende Marktanalyst Danson Mwangangi. Gerade junge, arbeitslose und talentierte Menschen könnten profitieren.

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In Kenia sind 40 Prozent aller Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeitslos, 70 Prozent von ihnen sind jünger als 35 Jahre. Kürzlich veröffentlichte die Weltbank Zahlen, denen zufolge auf etwa 800 000 Arbeitssuchende in Kenia nur rund 50 000 freie Stellen kommen. Nyong’os Oscar-Auszeichnung könnte nun der Entwicklung der einheimischen Unterhaltungsindustrie Schwung verleihen und damit auch die Wirtschaft des ostafrikanischen Landes beleben, meint Marktanalyst Mwangangi und erinnert daran, dass die Regierung über die staatliche kenianische Filmkommission das Ziel verfolgt, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der Unterhaltungsbranche zu erwirtschaften. Das macht Hoffnung, aber der Weg ist steinig. Die Unterhaltungsindustrie SURPRISE 323/14


Auch wenn es nicht alle wie Nyong’o nach Yale schaffen könnten, sei nichts für Zaghafte, meinen kenianische Schauspieler. Ihre Erfahsollten sich die kenianischen Schauspieler nicht entmutigen lassen, rungen zeigen, dass in dem Land noch viel passieren muss, bis Kultur meint Mwangangi. Immerhin habe die kenianische Regierung die Filmals ernstzunehmendes Berufsfeld angesehen wird. kommission bereits damit beauftragt, eine Filmakademie zu eröffnen. «Das grösste Problem besteht darin, dass viele Menschen nicht bereit Ferner seien Kenias 47 Landkreise aufgefordert worden, die Unterhalsind, für den Besuch einer Aufführung zu bezahlen», sagt der Schautungsindustrie als Jobmaschine zu fördern. spieler Paschal Kilei, der mit der Theatergruppe Talent Tappers (Talentsucher) im Bezirk Mombasa in der Küstenprovinz, etwa 480 Kilometer von der Hauptstadt Die Theatergruppe Talent Tappers zeigt ihr Können an Bushalteentfernt, zusammenarbeitet. Kilei und seine stellen und auf Märkten. Der Applaus ist gross, doch Geld verdieKollegen treten vorerst gratis auf und hoffen, nen sie damit bisher nicht. dass das Publikum irgendwann auch Karten kauft. Die Talent Tappers zeigen ihr Können etAls grosser Vorreiter auf dem Kontinent gilt Nigeria – die dortige wa an Bushaltestellen, auf Märkten oder an anderen Orten, an denen Filmindustrie wird in Anlehnung an Hollywood (und Indiens Bollyviele Menschen zusammenkommen. Der Applaus ist gross, doch Geld wood) Nollywood genannt. «Nollywood produziert wöchentlich etwa verdienen sie damit bisher nicht. 50 Filme», sagt Danson Mwangangi. Nigeria und Kenia richteten ihr AuÄhnliche Erfahrungen hat die Schauspielerin Asia Majimbo aus genmerk vor allem auf ihre erstarkende Mittelschicht. In Kenia habe Mombasa gemacht. «Fernsehdarsteller, die etwa 250 US-Dollar pro Folsich diese Bevölkerungsgruppe im letzten Jahrzehnt auf 6,5 Millionen ge verdienen, werden von vielen beneidet», sagt sie. «In einem Monat verdoppelt. werden etwa vier Folgen ausgestrahlt, manchmal aber auch weniger. Obwohl die kenianische Filmindustrie noch längst nicht mit NollyUnd nicht alle Schauspieler sind jedes Mal dabei, wenn sie nicht die wood mithalten kann, ist sie nach Angaben der kenianischen FilmkomHauptrollen haben.» mission in den letzten sieben Jahren stetig gewachsen. Die Zahl der Auch Nyong’os Erfolg kam nicht über Nacht. Das neue It-Girl HollyFilmproduktionsfirmen ist demnach um 85 Prozent und die Zahl der Bewoods musste sich erst einmal hocharbeiten. So war sie Mitglied von schäftigten in der Branche um mehr als 45 Prozent gestiegen. Produktionsteams mehrerer Filme. «Bei den Dreharbeiten von Fernando Die Comedy-Fernsehserie «The Samaritans» («Die Samariter»), die inMeirelles’ ‹The Constant Gardener› etwa erledigte sie Botengänge und effizient arbeitende Hilfsorganisationen aufs Korn nimmt, stösst inzwiholte Kaffee», sagt der Theaterautor Peter Nderi. Er erinnert sich noch schen international auf Interesse. Videoclips und Rezensionen kursieren gut an die Zeit, in der sie in der kenianischen Hauptstadt die weibliche überall auf der Welt auf Nachrichtenseiten und in sozialen Netzwerken Hauptrolle in Shakespeares Drama «Romeo und Julia» spielte. «Sie war im Internet. Wie der Produzent der Serie, Hussein Kurji, stolz berichtet, erst 14, aber schon damals ein vielversprechendes Talent.» Nderi zuwurden Videoausschnitte auf Vimeo und YouTube innerhalb von zwei folge fehlt es den kenianischen Talenten meist an einer soliden AusbilWochen mehr als 150 000 Mal aufgerufen. dung. Die inzwischen 31-jährige Nyong’o ist da eine Ausnahmeer■ scheinung. Sie besuchte nach ihren ersten Bühnenerfolgen in Kenia die renommierte Yale School of Drama in den USA. 2007 drehte und produzierte sie dann bereits ihren ersten längeren Dokumentarfilm «In My Genes», der von Kenias Albinos handelte; später trat sie in der MTVSerie «Shuga» auf. www.street-papers.org / IPS

Afrikanisches Kino im Aufwind «Kenia ist ein anglophones, nicht ein frankophones Land und es bringt von daher einen anderen kulturellen Hintergrund mit sich», sagt Walter Ruggle, Leiter des Verleihs trigon-film. Er ist ein profunder Kenner des afrikanischen Kinos und der Mann, der Filme aus entlegenen Weltgegenden in der Schweiz zeigt. Die koloniale Vergangenheit sei ausschlaggebend dafür, wie das kulturelle Leben vor Ort aussehe, sagt er. Denn Grossbritannien und Frankreich verhielten sich als Kolonialherren unterschiedlich: «Frankreich hat in seinen Kolonien die jeweilige Kultur vor Ort wahrgenommen und berücksichtigt und diese auch nach der Kolonialgeschichte in den später unabhängigen Ländern unterstützt – auch wenn zum Teil aus einem schlechten Gewissen heraus. Daher besteht in den frankophonen Ländern Afrikas ein reges Filmschaffen. In den anglophonen Ländern ist das grundsätzlich weniger ausgeprägt. Die Briten versuchten eher, ihren Untertanen die eigene Kultur aufzuzwingen.» Zurzeit verändert sich aber auch das Filmschaffen in den anglophonen Ländern. Das ehemals britische Nigeria ist bereits international das zweitgrösste Filmland nach Indien und noch vor den USA, das Filmschaffen strahlt in Afrika über das eigene Land hinaus. Anstrengungen, das lokale Filmschaffen zu fördern, bestehen auch in Simbabwe und Kenia: Man hat eine Art Starsystem und ist beflügelt durch die digitalen Möglichkeiten, die Filme werden relativ schnell produziert. In Nigeria war das Kino lange nicht mehr existent, bis es sich im Zuge der Digitalisierung selber belebt hat. «Was dort produziert wird, sind SURPRISE 323/14

Genre-Filme, die oft innerhalb von drei bis vier Tagen gedreht werden: vor allem Krimis, Horror- und Beziehungsfilme», sagt Walter Ruggle, «in Nigeria gibt es regelrechte Stars, die ausserhalb Afrikas kaum bekannt sind. Die Filme erfahren eine rege Verbreitung, die vor allem über DVDs stattfindet – auch im halbprivaten Rahmen etwa durch die Vorführung in Bars.» Kenia hat global gesehen ein kleines Kino. Um vorwärtszukommen, müsse der erste Schritt sein, das Filmschaffen lokal zu etablieren, sagt Ruggle. Wenn in Kenia tatsächlich eine Filmakademie aufgebaut werden solle, werde es aber nicht nur die Unterhaltung bedienen, sondern auch das Autorenkino berücksichtigen müssen. Beide benötigen eine Infrastruktur für die Filmproduktion. Der deutsche Regisseur Tom Tykwer («Lola rennt») hat sich mit seinem Projekt «One Fine Day» vorgenommen, junge Filmschaffende in Kenia zu fördern. Daraus ist etwa «Nairobi Half Life» entstanden, der letztes Jahr bei uns im Kino lief und auch in Kenia erfolgreich war. Zurzeit hat trigon-film zwei weitere Filme aus Kenia im Vertrieb, die auch auf DVD erhältlich sind: «Something Necessary», der auch unter Tykwers Fittichen entstanden ist, und «The Education of Auma Obama», ein Porträt über Barack Obamas ältere Schwester. Gemeinsam mit Auma Obama verbringen wir die letzten Tage bis zur Präsidentschaftswahl 2008 in ihrem kenianischen Heimatdorf Kogelo. (dif) www.trigon-film.org

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Blindgänger Ich bin stark kurzsichtig. Ohne Brille sehe ich nicht viel und vor allem nicht scharf. Trotzdem gehe ich jeweils ohne Brille in den Wald rennen. Die Umgebung wirkt auch in der Unschärfe immer wieder erbaulich. Der Bach, der mal grünlich, dann wieder klar fliesst und sich, wenn es viel geregnet hat, in eine reissende braune Brühe verwandelt. Die Bäume, die die Blätter verlieren, sodass der Himmel selbst im Tobel noch zu sehen ist, bis sie dann wieder spriessen und sich der Wald in eine grüne Höhle verwandelt. Der Weg, der mal trocken, mal pflotschig, mal nass und hin und wieder vereist ist. Nirgends erlebe ich den Wandel der Jahreszeiten deutlicher. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt renne. Natürlich könnte ich auch einfach spazieren gehen, aber dazu bin ich zu faul. Während ich also meine Umwelt im Grossen und

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Ganzen wahrnehmen kann, verliere ich im Kleinen die Übersicht. Da verschwimmen die Farben und Formen und erweisen sich beim Näherkommen dann als etwas ganz anderes als gedacht. Der schwarze Hund, der am Wegrand sitzt, ist ein Baumstrunk. Die braunen Büsche am Wegrand zwei Schafe, die bei der Freizeitanlage weiden. Der Zwerg mit dem glitzernden Cape ist ein silberner Papierkorb. Hin und wieder linsen Trolle durchs Geäst, Fabelwesen huschen zwischen den Bäumen hindurch, aus gut getarnten Hexenhäusern steigt Rauch auf. Dank meiner schlechten Sicht erhält sich der Wald etwas von seinem Geheimnis und bleibt eine Abenteuerzone, auch wenn ich den Weg, zumindest freiwillig, selten verlasse. Der Wald ist nicht umsonst ein beliebter Schauplatz für Märchen, Räubergeschichten und Horrorfilme. Für viele Eltern ist ein Kriterium bei der Wohnortsuche, dass es die Kinder nicht weit in den Wald haben. Erzählen ältere Leute von ihrer Kindheit, erwähnen sie, selbst wenn sie in der Stadt aufgewachsen sind, dass sie viel in den Wald gegangen seien. Der Wald ist unsere kleine Flucht, ein Gebiet, das der Zivilisation trotzt, glauben wir zumindest, obwohl unsere Wälder natürlich gut gepflegt sind. Der Wald wird rege genutzt, von Spaziergängern, Bikern, Hündelern. Mit Hunden hatte ich noch nie ein Problem, ich grüsse sie, wie ich auch alle Leute grüsse, denen ich begegne, weil ich erst im letzten Moment erkenne,

wer mir entgegenkommt. Vielleicht sind es ja Nachbarn oder Bekannte. Darum murmle oder keuche ich, je nach Streckenabschnitt, ein freundliches «’morge». Dabei habe ich festgestellt, dass joggende Frauen und Verbotstafeln nie zurückgrüssen. Die meisten anderen schon. Vielleicht sind es immer dieselben Leute, die ich treffe, denn ich gehe immer ungefähr um dieselbe Zeit rennen. Das Aufkommen der Mitjogger schwankt. Im Januar sind es immer mehr als sonst. Die guten Vorsätze. Auch die ersten warmen Tage locken viele hinaus, und der Beginn der Badesaison. Zu der Zeit sind es vor allem Frauen, meist in Zweierteams. Wenn es regnet oder schneit, sind an einem Samstagmorgen natürlich nur die seriösen Jogger, die Marathon- und Triathlonteilnehmer unterwegs. Ausser einem, der sich, gänzlich frei von solchen Ambitionen, auch beim hundertsten Mal von demselben grauen Findling erschrecken lässt.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: SARAH WEISHAUPT (SAVVE@VTXMAIL.CH) SURPRISE 323/14


Visions du Réel Erforscher des Kinos Als international bekanntes und grösstes Dokumentarfilmfestival der Schweiz sieht sich Visions du Réel vor allem als Erforscher des Filmschaffens. In der Sektion «Focus» zum Beispiel werden neue Filmländer vorgestellt. Dieses Jahr Tunesien, ein Land mitten in politischen Umwälzungen.

Das Dokfilmfestival Visions du Réel in Nyon zeichnet sich seit jeher durch das Bestreben aus, eine Begegnungsstätte zu sein. In der Sektion «Focus» wird jeweils das Dokumentarfilmschaffen eines ausgewählten Landes beleuchtet, 2014 fiel die Wahl auf Tunesien. Die 16 Werke verschaffen einen tiefen Einblick, wie Festivaldirektor Luciano Barisone sagt. «Der älteste Film stammt aus dem Jahr 2000, der jüngste wurde letztes Jahr gedreht.» Er beschreibt, wie man Tunesien auf verschiedenste Weisen sieht: als ehemaliges Einwanderungsland, mit französisch- und italienischstämmigen Einwohnern, oder mit Blick auf ein jüdisches Dorf. Man kann Veränderungen beobachten und sieht, wie Traditionen wie die Fischerei verloren gehen oder erlebt den Kulturschock des Tourismus mit. Es zeigt sich auch ein modernes Land mit boxenden Frauen und jungen Menschen, die lateinamerikanisch tanzen. Gefragt nach den grössten Unterschieden zwischen Filmen vor und nach der Revolution, nennt Barisone eine Gemeinsamkeit: «Vor und nach dem Arabischen Frühling stellt sich den Protagonisten sehr oft die Frage: Wie überlebe ich?» Der Antwort auf die Frage Wie realisiere ich meinen Film? wird ein tunesischer Filmemacher in Nyon einen Schritt näher kommen: Fünf Projekte sind für den «Focus Talk» nominiert, wo sie von Filmschaffenden, Produzierenden und Leuten von Unterstützungsfonds, Fernsehredaktionen und weltweiten Vertrieben beurteilt werden. Das vielversprechendste Projekt erhält in Zusammenarbeit mit der DEZA den mit 10 000 Franken dotierten Preis «Visions sud est». Mit den «Traces du Future» macht sich das Festival ein so philosophisches wie poetisches Geschenk – und es ist auch ein Geschenk an die Stadt, in der es beheimatet ist: Diese «Spuren der Zukunft» werden nicht nur über die Leinwände flimmern, sondern während des Festivals auch auf die mittelalterlichen Mauern des Schlosses von Nyon projiziert. Direktor Luciano Barisone: «Autoren-Kurzfilme zeigen wie Postkarten aus aller Welt, wie diese Filmemacher die Zukunft sehen.» Der italienische Journalist und Filmkritiker übernahm die Leitung des einzigen Dokumentarfilmfestivals der Schweiz 2011. «Nyon hat den Dreh raus», lobten die Kulturkritiker letztes Jahr. Tatsächlich: Die Westschweizer zeigen ein gutes Gespür für ein anspruchsvolles Programm rund um Themen, die einen Nerv treffen. 2013 machten die Nyon-Preisträger mit Filmen zur Heimat von sich reden, etwa Simon Baumanns «Zum Beispiel Suberg». Nyon wird seinem Anspruch gerecht, möglichst viele Formen des Kinos der Wirklichkeit zu zeigen – vom Familienfilm zum Experimentalwerk, von der grossen Reportage zur fragmentarischen Erzählung. Das gefällt nicht nur Kritikern, sondern auch dem Publikum. Der Boom der letzten Jahre ist beeindruckend. «Filmfestivals sind allgemein im Trend», sagt Valerie SURPRISE 323/14

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VON YVONNE KUNZ

Erige Sehiris Kurzdok «Le Facebook de Mon Père»: Der Vater der Regisseurin wird durch die Revolution und die sozialen Medien ein neuer Mensch.

Thurner, Presseattaché des Festivals, «und sie werden für das Kino auch immer wichtiger, da immer mehr Filme produziert werden, die nicht unbedingt den Weg ins reguläre Kinoprogramm finden.» Die Popularität von Dokumentarfilmen erklärt sie sich mit einer generellen Sehnsucht nach der Realität, der Offenheit des Publikums und der Innovationskraft des Genres. «Der Dokfilm hat neue Erzählformen gefunden.» Gut möglich, dass Nyon auch dieses Jahr thematisch ins Schwarze trifft: «Beziehungen und Liebe bilden einen Schwerpunkt, der sich wie ein roter Faden durch das Programm zieht», sagt Thurner. Weitere wichtige Programmpunkte sind Filme zur Frage der europäischen Identität und eine Bestandesaufnahme aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Und wäre die Filmfestivalszene ohne ihre Wettbewerbe und Preise: Bären, Löwen und Palmen werden da vergeben. In Nyon ist es ab diesem Jahr wieder der Sesterz, die Geldwährung des antiken Roms. Die besten Lang-, Mittellang- und Kurzfilme erhalten wieder die Goldmünze. Silberne Sesterze bekommen die besten Schweizer Filme, Erstlinge und der Publikumsfavorit. Neu gibt es einen Ehrenpreis für das Lebenswerk, den «Maître Reél», der erste wird im Rahmen der Jubiläumsfeier an den Schweizer Richard Dindo vergeben werden. Fest steht auch schon: Es wird wieder viele Gründe geben, sich auf dieses sehr besondere Festival zu freuen. ■ Visions du Réel: Fr, 25. April bis Sa, 3. Mai. www.visionsdureel.ch

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Kultur

Rattenscharf: Das Leben unter dem Asphalt.

Entvölkerte Architektur: Tankstelle in Asmara.

Buch Rattenscharf

Ausstellung Unbekanntes Eritrea

Im ersten Krimi des Kabarettisten Horst Evers retten ein Kommissar vom Lande und ein Aushilfskammerjäger Berlin vor einer tierischen Apokalypse.

Obwohl in der Schweiz aktuell die meisten Asylgesuche von Eritreern eingereicht werden, weiss man wenig über ihr Land. Ein Umstand, den das Forum Schlossplatz ändern möchte.

VON CHRISTOPHER ZIMMER

VON MONIKA BETTSCHEN

Etwa zehn Millionen Ratten kommen auf die 3,5 Millionen Einwohner Berlins. Doch nicht alle leben unter dem Asphalt. Nicht wenige, die diese Bezeichnung verdienen, tummeln sich unter den Honoratioren, Politikern und sonstigen Berühmtheiten der deutschen Schuldenmetropole. Doch einer hat sie alle in der Hand, ober- wie unterirdisch: Erwin Machallik, oberster Rattenjäger der Hauptstadt, heimlicher Strippenzieher und selbsternannter König von Berlin. Dumm nur, dass der ausgerechnet durch ein vom ihm selbst erfundenes neues Rattengift stirbt. Noch dümmer, dass so ziemlich alle, die einen Grund haben, ihn zu hassen, als Tatverdächtige infrage kommen. Doch das ist nichts gegen die Tatsache, dass die Rattenplage, wie von Machallik angekündigt, nach seinem Tod ausser Kontrolle gerät und exponentiell zunimmt. Als hätte er das Heer der Nager zu Lebzeiten beliebig nach seiner Pfeife tanzen lassen, und als sei nach ihm niemand in der Lage, die nun drohende Apokalypse aufzuhalten. Das ist die Ausgangslage in Horst Evers’ erstem und gelungenem KrimiDebut. Doch so aussergewöhnlich der Plot, so gewöhnlich, menschlich und fehlbar sind die Protagonisten, die Evers mit der Auflösung dieses Falls betraut: keine Superhelden, wahrhaftig nicht. Da ist zum einen Kommissar Lanner, ein niedersächsisches Landei, das sich bisher mit Hühnerbaronen in Cloppenburg herumgeschlagen hat und nun in Berlin auf den grossen Fall hofft. Und zum anderen sein Intimfeind aus der Provinzschule, Georg Wolters, ein x-facher Studienabbrecher und Aushilfskammerjäger, mit dem sich Lanner notgedrungen verbünden muss. Daneben agieren nicht nur unzählige Ratten, sondern auch etliche weitere lebenspralle Figuren, in denen sich die schillernde Metropole nebst tristem Umland widerspiegelt. Und all das steigert sich zu einem filmreifen Szenario mit obligatem Showdown, das gerade durch seine irrwitzige Übersteigerung der Wirklichkeit gnadenlos nah auf die Pelle rückt. Ein lesenswerter Erstling, einfallsreich, spannend, rattenscharf!

«Der Tag meiner Ankunft in Chiasso ist mein neuer Geburtstag», erzählt Selemawit H., die vor zehn Jahren als junge Frau aus Eritrea geflohen ist. Früher wollte sie, die einer katholischen Minderheit angehört, Nonne werden. Heute verdient sie ihren Lebensunterhalt als Fachfrau Gesundheit mit der Betreuung betagter Menschen. Selemawit H. ist eine von mehreren Eritreerinnen und Eritreern, die der SRF2-Redaktorin Anneliese Tenisch über ihre Fluchtgründe und ihren Alltag heute in der Schweiz berichteten und deren Geschichten nun im Forum Schlossplatz zu hören sind. Die meisten Asylgesuche in der Schweiz stammen aktuell von Eritreern. Es ist die Angst vor Zwangsrekrutierung und Repressalien, die die Menschen ins Ausland treibt: «Afrikanisches Nordkorea» wird das Land manchmal genannt. Rund 18 000 Personen aus diesem krisengeschüttelten Land leben bei uns, doch über sie und ihre Heimat ist kaum etwas bekannt. Jetzt beleuchtet die Ausstellung «Asmara» die von Kolonialismus und Grenzkonflikten belastete Geschichte ebenso wie die Beziehung der Menschen in der Diaspora zu ihrem Herkunftsland. In einem der Räume befinden sich Architekturfotografien des Briten Edward Denison aus der eritreischen Hauptstadt Asmara, wo man Art déco, italienische rationalistische Architektur und venezianische Stilelemente auf engstem Raum antrifft. Angezogen von dieser besonderen Mischung hielt Denison die teils futuristisch, teils verspielt anmutenden Bauten aus der italienischen Kolonialzeit mit seiner Kamera vor einem tiefblauen Himmel fest. Menschen sind auf diesen nüchtern bis erhaben wirkenden Bildern kaum zu sehen. Wenn man bedenkt, dass mittlerweile etwa ein Fünftel der gut fünf Millionen Einwohner ins Ausland geflohen ist, bekommt die kühle Ästhetik dieser entvölkerten Fotografien etwas Gespenstisches. Beseelt werden die Aufnahmen durch Erinnerungsnotizen von Eritreern, die in der Schweiz leben. So steht etwa unter dem Foto der Bank of Eritrea: «Hinten rechts war mein Schlafzimmer.» Ein kurzer Satz, der die ganze Tragik einer Flucht zum Ausdruck bringt. In einem anderen Raum geht die indische Fotografin Uzma Mohsin denn auch der Frage nach, wie Heimat fern des Herkunftslandes neu aufgebaut werden kann.

Horst Evers: Der König von Berlin. Rowohlt Taschenbuch 2014. CHF 15.90 (Hardcover 2012. CHF 29.90)

«Asmara – Fluchtpunkt Eritrea», noch bis zum 5. Juni, Forum Schlossplatz, Aarau www.forumschlossplatz.ch

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Während Wallis Bird das Album aufnahm, zog sie oft um die Häuser.

Club-Pop Eine Woche Party, eine Woche Arbeit Obschon Wallis Bird als Kleinkind fünf Finger verlor, verwirklichte sie ihren Traum und wurde Musikerin. Und was für eine, wie ihr viertes Album «Architect» beweist. VON MICHAEL GASSER

Die Geschichte gehört erwähnt, obschon sie Wallis Bird selbst kaum noch erzählen mag. Im Alter von 18 Monaten gerieten sämtliche Finger ihrer linken Hand in den Rasenmäher, vier konnten gerettet und wieder angenäht werden. Was sie nicht davon abhielt, sich wieder ihrer Spielzeuggitarre zu widmen – schnellstmöglich und allen Bandagen zum Trotz. Das Instrument wurde zu ihrem festen Begleiter, immer und überall. «Nicht selten schloss ich mich mit der Gitarre im Klo ein», entsinnt sich die Irin. In Vaters Pub durfte sie als Kind gleichwohl nie auftreten, aber an Wohltätigkeitsveranstaltungen, wo sie auch mal einen Phil-Collins-Hit zum Besten gab, wie sie beim Interview sagt und ob der Erinnerung die Augen verdreht. Sie sei ein dickköpfiger Mensch, der an Zielen festhält, sagt Bird. Dementsprechend setzte sie ihren bereits früh gehegten Plan, Musikerin zu werden, auch in die Tat um. Ihr Debüt, «Spoons» (2007), veröffentlichte sie beim Plattenriesen Island Records. Für Bird der falsche Ort. «Die fragten mich, wie ich denn vermarktet werden möchte», erklärt sie und hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich nie jemand vom Label ihre Songs auch angehört hat. Weshalb es die 32-Jährige jetzt bevorzugt, sich als Independent-Künstlerin durchs Leben und ihre Wahlheimat Berlin («Ich vermisse nur Fritten mit Essig») zu schlagen. Für ihr viertes und neues Werk, «Architect», nahm sich Bird viel Orchestrales, treibende Gitarren und einen wilden Sound vor. Doch die Lieder nahmen eine eigene Form an. Eine, von der sich die Musikerin selbst überrascht zeigt, bis heute. «Aus mir strömten Lieder, die sich nicht bloss am Melodischen, sondern auch an Dance, Techno und Acid orientierten.» Vielleicht der Tatsache geschuldet, dass Bird während dem Aufnahmeprozess nach dem Motto «eine Woche Party, eine Woche Arbeit» lebte. Sie behauptet: «Ohne dieses Wechselspiel wäre die Platte nie entstanden.» Wie diese klingt? Nach viel Spass und kecker Verspieltheit. Und nach einer Fusion von brummenden Club-Sounds, lässigem R’n’B und Singer/Songwriter-Sensibilitäten. Eine Mischung, der nur schwer zu widerstehen ist.

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Balz Amrein Architektur, Zürich

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Supercomputing Systems AG, Zürich

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Kultur-Werkstatt – dem Leben Gestalt geben, Wil SG

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Schluep Degen Rechtsanwälte, Bern

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Anyweb AG, Zürich

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A. Reusser Bau GmbH, Recherswil

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Verlag Intakt Records, Zürich

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Hotel Basel, Basel

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Homegate AG, Zürich

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Balcart AG, Therwil

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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applied acoustics GmbH, Gelterkinden

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Privat-Pflege, Hedi Hauswirth, Oetwil am See

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Hofstetter Holding AG, Bern

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Bachema AG, Schlieren

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fast4meter Bern, Storytelling & Moderation

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Fischer & Partner Immobilien AG, Otelfingen

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Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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mcschindler.com, PR-Beratung, Redaktion, Corporate Publishing, Zürich

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

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VXL Gestaltung und Werbung AG, Binningen

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Proitera GmbH, Basel

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advocacy ag, communication and consulting, Basel

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Wallis Bird: «Architect» (Karakter/Irascible) Live: Di, 13. Mai, 21.30 Uhr, Rote Fabrik, Zürich. 323/14 SURPRISE 323/14

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Ausgehtipps

Humor ist eine ernste Sache: «Blockflöte des Todes».

Bern Trockener Humor Im letzten Heft haben wir uns ja in der Titelgeschichte darüber beklagt, dass die hiesige Humorindustrie fast nur Seichtes produziert. Sie wissen schon: Der eine sagt dem anderen, er habe einen dicken Bauch und der andere sagt dem einen, er habe Segelohren. Aber vielleicht brodelt’s ja unter der Oberfläche des Mainstreams? Die erfreuliche Nachricht: Alternativradio RaBe organisiert die ersten Berner Humortage. Und schon zum Einstieg ist nichts weniger als die hiesige Slam-Poetry-Elite angesagt. Weiter geht’s mit einem Multiinstrumentalist, der sich als «Blockflöte des Todes» ansagen lässt und gute Unterhaltung mit bitterbösen Liedern verspricht. Weiter hat sich The Fuck Hornissen Orchestra angekündigt und, um auf Nummer sicher zu gehen, wurde noch eine Reihe Gastkomödianten aus dem nördlichen Nachbarkanton engagiert, die die Lachmuskeln auf die eher trockene Art angreifen werden. (fer)

Cool, sexy, komisch: Die URstimmen.

Rappt Spitteler: Der Basler Pionier Black Tiger.

Appenzell Reine Gesangskunst

Liestal In aller Munde

A cappella klingt ein bisschen nach Mangel und Verzicht. Schliesslich bedeutet der Begriff auch «ohne Kapelle». Dabei ist weniger manchmal mehr, und so ist das A-Cappella-Festival Appenzell unterdessen wohl das bekannteste Festival der Ohne-Instrumente-Festivals der Schweiz. Es begann als kleiner Anlass und zieht unterdessen internationale Namen der Szene an: Die Flying Pickets aus England waren ursprünglich eine Theaterformation, die sich zunächst bloss privat damit unterhielt, auf den Reisen zu ihren Spielorten bekannte Lieder a cappella zu singen – bis irgendwann ein Plattenvertrag da war. Daneben gibt es am Festival in Appenzell Music Comedy von «FÜNEF» aus Deutschland und Rockspektakel mit dem finnischen Quartett FORK. Aus der Schweiz kommen die URstimmen mit ihrer Kombination aus a cappella und Schauspiel: musikalisch tiefsinnig und wortschöpferisch ironisch. (dif)

Schweiz ist geil – auch in Literatur und Musik. Spoken Word, Rap und ganze Romane kommen auf Dialekt daher. Begonnen hat der Siegeszug der Mundart vor rund 20 Jahren in schummrigen Bars. Heute räumt Schwizerdütsch Literaturpreise und Nummer-1-Alben ab. Zeit für eine Bestandesaufnahme. Die bringt das Dichter- und Stadtmuseum Liestal live auf die Bühne. Film- und Tonmaterial sowie Leihgaben von Verlegern, Produzenten und Schreibenden geben einen Überblick über die Ausbreitung von Spoken Word und Mundart-Rap in der Deutschschweiz. Für Lebendigkeit auf der Bühne sorgt zum Beispiel die «literarische Hundsverlochete» von Gabriel Vetter. Und der Basler Rapper Black Tiger, der als Einer der ersten reimte, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, wartet mit einer Neuinterpretation von «Olympischer Frühling» auf, dem Versepos des Dichters Carl Spitteler. (ami)

a-cappella-Festival Appenzell, Do, 1. bis Sa, 3. Mai,

«LIVE – Literatur auf der Bühne», noch bis zum

Aula Gringel Appenzell. www.acappella-appenzell.ch

8. März 2015 zu sehen im Dichter- und Stadtmuseum Liestal. www.dichtermuseum.ch

Anzeigen:

«1. Berner Humortage» von Radio RaBe, Di, 22. April bis Sa, 26. April, jeweils 20.30 Uhr, Tojo Theater in der Reitschule Bern. www.berner-humortage.ch

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Zürich tanzt: So sah das letztes Jahr aus.

Zürich Volksbewegung Eine Stadt bewegt sich, und alle machen mit: «Zürich tanzt» ist die lokale Ausgabe eines schweizweiten Tanzfestes. Die Organisatoren haben sich schon recht verausgabt, bevor das Tanzen an sich überhaupt begonnen hat, und die unterschiedlichsten Veranstalter an Bord geholt. Im Tanzhaus werden Kurzstücke gezeigt, die Rote Fabrik bringt Volkstanz und Alternativszene zusammen, und sogar im Erotik-Nachtclub Calypso wird getanzt statt sich geräkelt. Aber nicht nur dasitzen und zuschauen soll man, sondern mittanzen, auch als durchschnittlich begabter Mensch. In über 100 Crashkursen darf man sich in verschiedensten Tanzstilen ausprobieren. (dif) «Zürich tanzt», Fr, 2. bis So, 4. Mai, verschiedene Spielorte in Zürich. www.zuerichtanzt.ch

Anzeige: Priska Wengers Spezialität: organische Formen, die verschmelzen.

Bern Erahnbare Tiefe Die Ausstellung «Unter der Oberfläche» zeigt Bilder von Priska Wenger: Die freischaffende Illustratorin gestaltet seit vielen Jahren die Bilder zur Surprise-Gerichtskolumne «Zugerichtet» und illustriert regelmässig Sonderausgaben wie etwa die Literaturnummern. Priska Wenger lebt und arbeitet seit 2007 in New York, wo sie auch den Master in Fine Arts abgelegt hat. Nun aber sind ihre aktuellen Werke in der Schweiz zu sehen. In «Unter der Oberfläche» spielt Wenger mit handgemachten organischen Formen, die zu Strukturen verschmelzen, und den Grenzen zwischen Natürlichem und Künstlichem. Im Zusammenspiel wachsen schlichte Formen zu Strukturen, Grösse und Raum werden ausgelotet; manche Formen dominieren und separieren sich, andere verschmelzen und verschachteln sich ineinander. Durch Form und Material entstehen Schichten, die eine Tiefe unter der Oberfläche erahnen lassen. (mek) «Unter der Oberfläche» von Priska Wenger, noch bis zum 29. Juni im Ono, Bern. www.onobern.ch

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Sängerinnenporträt «Beim Singen kann ich alle negative Energie loswerden» Emsuda Loffredo-Cular verkauft Surprise in Pratteln und singt jede Woche im Surprise Strassenchor. Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative fürchtet sie sich davor, nach Kroatien ins Nichts zurückgeschickt zu werden.

«Ich habe vor gut drei Jahren angefangen, Surprise zu verkaufen. Ich hatte viele Probleme damals. Eine Verkäuferin aus Bosnien hatte mir vom Strassenmagazin erzählt. Mein Sozialberater war einverstanden und ich habe sofort angefangen. Ich bin glücklich, Surprise hat mir sehr geholfen. Ich hatte so viele Probleme mit meinem Mann. Vor vier Jahren habe ich auf seinen Wunsch Kroatien verlassen und bin zu ihm in die Schweiz gezogen. Am Anfang war alles gut. Dann aber hat er angefangen zu trinken und zu spielen, wir haben dauernd Betreibungen erhalten. Und er hat mich geschlagen, mit einer Stange auf den Kopf. Eine Landsfrau, der ich von meinen Problemen erzählte, hat mir geholfen, mich von ihm zu trennen. Ich habe von Anfang an gerne Surprise verkauft. Ich mag es zwar nicht, wenn es sehr kalt ist draussen, aber die Leute sind sehr, sehr nett zu mir. Letzte Weihnachten habe ich viele Glückwunschkarten bekommen: Die Leute schrieben, ich sei immer freundlich und lache viel. Viele kaufen ihr Heft immer bei mir. Wenn ich einmal eine Woche nicht verkaufen konnte, kommen sie und fragen: Warum hast du nicht gearbeitet, wo warst du, warst du krank? Als ich die Karten zu Weihnachten las, musste ich weinen vor Freude. Seit drei Jahren singe ich auch im Surprise Strassenchor, ich gehe jeden Dienstag zu den Proben. Beim Singen kann ich alle negative Energie loswerden und meine Batterien für den Rest der Woche aufladen. Wir singen ganz verschiedene Lieder: schweizerische, spanische, italienische, auch ein kroatisches hatten wir schon im Repertoire. Ich singe aber alles gerne, ich habe keine speziellen Vorlieben. Die Leiterinnen des Chors haben mir sehr geholfen, und die anderen Sängerinnen und Sänger im Chor sind enge Freunde von mir geworden: Wir sprechen zusammen über unsere Probleme, wir trinken, essen und reden, wir singen, spazieren und lachen zusammen. Ich bin sehr glücklich, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Wir sind wie eine Familie. Ich möchte in der Schweiz bleiben. Hier habe ich Freunde gefunden, ich habe eine Wohnung und genug Geld für mich, ich kann alles selber bezahlen. Zum Glück habe ich mithilfe der Vertriebsmitarbeiter bei Surprise eine Teilzeitstelle als Reinigungskraft in einem schönen Hotel in der Nähe von Basel gefunden. Ich bin sehr glücklich mit diesem Job, es ist eine sehr gute Arbeit. Ich verdiene heute gerade genug Geld, um Essen kaufen und meine Rechnungen bezahlen zu können. Ich bin sehr froh darüber, ich habe nicht gerne Sozialhilfe angenommen. Ich muss arbeiten. Ob in der Küche oder in der Reinigung, spielt mir keine Rolle. Wenn ich Arbeit habe, ist alles gut. Doch weil nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative das Freizügigkeitsabkommen mit Kroatien nicht unterzeichnet wurde, ist unsicher, ob ich hier bleiben kann. Aber ausser zu meiner

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AUFGEZEICHNET VON FLORIAN BLUMER

Tochter und ihrem Sohn habe ich mit niemandem von meiner Familie in Kroatien mehr Kontakt. Ich bin jetzt alt und habe keine Ausbildung – ich habe keine Chance, dort eine Arbeit zu finden. Im Krieg trennten die Kroaten alle Leute, die Muslime, die Serben, die Kroaten, seither funktioniert vieles nicht mehr. Viele Leute haben keine Arbeit. Und viele, die arbeiten, haben trotzdem kein Geld, weil sie ihren Lohn nicht bekommen. Oder sie verdienen sehr wenig. Meine Tochter arbeitet als Krankenschwester in einem Spital, sie verdient 1000 Franken im Monat, davon muss sie alles bezahlen – das reicht nicht. Meiner Schwester, die in Bosnien lebt, wurde gerade der Strom abgestellt, weil sie die Rechnungen nicht bezahlen konnte. Sie lebt jetzt ohne Strom, es gibt keine Hilfe. Wenn ich nach Kroatien zurück muss, bin ich ‹kaputt›. Ich wüsste nicht, was ich machen sollte.» ■ SURPRISE 323/14


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, Nahverkehrsabonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Elsa Fasil Bern

Kostana Barbul St. Gallen

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Negasi Garahassie Winterthur

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Anja Uehlinger Baden

Ralf Rohr Zürich

Emsuda Loffredo-Cular Basel

Fatima Keranovic Basel

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

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1 Monat: 500 Franken

323/14 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 323/14

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Amir Ali (ami, Heftverantwortlicher), Florian Blumer (fer), Diana Frei (dif), Mena Kost (mek) redaktion@vereinsurprise.ch, leserbriefe@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Melanie Kobler (Grafik), Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Monika Bettschen, Andrea Ganz, Michael Gasser, Miriam Gathigah, Olivier Joliat, Naomi Jones, Anni Lanz, Jan Rothenberger, Adrian Soller Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 21 950, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Christian von Allmen

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat (Medien), David Möller (Sportcoach) l.biert@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen.

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Surprise Da läuft was Sozialer Stadtrundgang und Strassenchor Inspirierender Trip nach Berlin seine jahrelange prekäre Lebenssituation am Spreeufer gab. Beim anschliessenden Austausch mit dem Projektteam von «Querstadtein» wurden viele Parallelen zu den Basler Stadtführungen offensichtlich. Ebenfalls beeindruckend war der Probenbesuch des Berliner Strassenchors: Obdachlose, Drogensüchtige und Unterstützerinnen sangen ein Lied aus dem Chorwerk «Carmina Burana» von Carl Orff. Zum Abschluss stand der Austausch mit Andreas Düllick vom Strassenmagazin Strassenfeger auf der Agenda. Der Geschäftsführer und Chefredaktor in Personalunion, der sich gerade für eine Obdachlosen-Unterkunft einsetzt, führte durch die neuen Räumlichkeiten und den offenen Treffpunkt «Kaffee Bankrott». Das Surprise-Team kehrte nach dem Wochenende erschöpft, aber sehr inspiriert von den vielen wertvollen Begegnungen in die Schweiz zurück. (sro)

Surprise-Verkäufer Wolfgang Kreibich mit Klaus Seilwinder, einem künftigen Stadtführer in Berlin und Teilnehmer bei der Berliner Obdachlosen-Universität.

Der erfolgreiche Berliner Strassenchor unter der Leitung von Stefan Schmidt bei einer Chorprobe in der Berliner Zwölf-Apostel-Kirche.

Berlin hat zwei Strassenzeitungen: das Surprise-Team besucht den Geschäftsführer und Chefredakteur vom «Strassenfeger», Andreas Düllick (Mitte) – hier vor dem Kaffee Bankrott.

Berührende Stadtführung mit Uwe Tobias von «Querstadtein», der den Basler Stadtführern (Wolfgang Kreibich und Rolf Mauti in roten Jacken) aus seinem früheren Leben als Obdachloser erzählt.

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BILDER: PALOMA SELMA UND MARKUS CHRISTEN (STADTFÜHRER UND FOTOGRAF)

Zum einjährigen Jubiläum des Projekts «Sozialer Stadtrundgang» mit rund 200 Stadtführungen in Basel ist ein siebenköpfiges SurpriseTeam Ende März inklusive der drei Stadtführer und der Projektleiterinnen von Stadtrundgang und Strassenchor zu einer Weiterbildungsreise nach Berlin aufgebrochen. Während zwei Tagen besuchten sie eine ganze Palette von Institutionen, die sich für Obdachlose und Armutsbetroffene engagieren, darunter auch die Obdachlosen-Universität. Ein regelmässiger Besucher dieser Einrichtung ist Klaus Seilwinder, der selbst zehn Jahre auf der Strasse gelebt hat. Wegen des Kollegenbesuchs aus Basel verzichtete er auf die aktuelle Philosophie-Lektion. Bald wird er selbst als Stadtführer an die Brennpunkte der Armut in Berlin führen. Ein weiterer Höhepunkt war die Begegnung mit dem «Querstadtein»-Stadtführer Uwe Tobias, der Einblicke in


«Wer kann schon von sich behaupten, eine Gassenküche oder Notschlafstelle jemals von innen gesehen zu haben? Der ‹Soziale Stadtrundgang› erweitert unseren Horizont und zeigt uns auf, dass Armut jeden treffen kann.» Patrick Rohr, Kommunikationsberater und Buchautor

Null Sterne. Keine Punkte. Nix Glamour. Der erste «Soziale Stadtrundgang» in Zürich. Surprise-Verkaufende wollen aus der Sicht von Armutsbetroffenen, Obdachlosen und Ausgesteuerten durch die Stadt führen. Sie möchten aus ihrem Alltag erzählen und Orte zeigen, an denen man sonst vorüber geht – oder lieber wegschaut. Gemeinsam haben sie eine Mission: Sie wollen Vorurteile abbauen. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie einen etwas anderen Blick auf Zürich. Unterstützen Sie den Aufbau des Projekts «Sozialer Stadtrundgang» in Zürich: www.surprise.sosense.org

Verein Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 90, www.vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch