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Holcims Hinterhofarbeiter Wie ein Schweizer Multi in Indien geschäftet Der Preis des Fleisses – wenn Arbeit süchtig macht

Symbol der Rücksichtslosigkeit: der Neubau der Messe Basel

Nr. 303 | 28. Juni bis 11. Juli 2013 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Titelbild: Leiharbeiter des indischen Holcim-Zementwerks Ambuja auf dem Weg zur Frühschicht (Bild: Karin Scheidegger)

Editorial Arbeitstiere

Arbeit hat hierzulande nicht nur für typische Workaholics wie Manager einen hohen Stellenwert. Quer durch alle Schichten ist die Identifikation mit dem Job hoch. Ob jemand Familie hat, erfährt von neuen Bekanntschaften meist erst, nachdem man längst weiss, was dieser Mensch beruflich macht. Die sozialverträglichste Erklärung für einen frühen Abgang vom geselligen Beisammensein ist der Hinweis, dass anderntags viel Arbeit warte.

BILD: DOMINIK PLÜSS

Zuerst ist es uns gar nicht aufgefallen. Erst als die Planung dieses Heftes konkreter wurde, stellten wir fest, dass in gleich drei der vier grossen Artikel Arbeit ein Hauptthema bildet. Irgendwie typisch: Arbeit ist für uns so selbstverständlich, dass sie erst auffällt, wenn jemand keine hat. «Uns» bedeutet hier «Wir Schweizer», denn im Beitrag über Arbeitssucht (Seite 12) bezeichnet der Psychiater Daniel Hell unser Land als besonders guten Nährboden für krankhafte Auswüchse der Hingabe an den Job.

RETO ASCHWANDEN REDAKTOR

Auch und gerade Leute, die gegen Ausbeutung kämpfen, sind selber oft grosse Arbeitstiere. Speziell in sozialen Umfeldern gehört die Selbstausbeutung zum guten Ton. Solange die Arbeit selbstbestimmt ist und Freude macht, hält man das ja gut aus – so oder ähnlich klingt die Rechtfertigung, wenn der Feierabend mal wieder warten muss. Freizeit predigen und Überstunden sammeln: Selbst in manchem Gewerkschafter steckt ein kleiner Protestant, für den erst die Arbeit einem Leben Sinn verleiht. Diese Haltung macht auch vor Surprise nicht Halt. Und so würde ich mich normalerweise bemühen, hier weitere geistreiche Gedanken zu formulieren, bis die vorgesehene Zeichenzahl eines Editorials erreicht ist. Aber wissen Sie was? Ich mache jetzt einfach mal Feierabend. Reto Aschwanden

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. SURPRISE 303/13

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10 Globale Wirtschaft Wer aufmuckt, wird verklagt Der Schweizer Zementriese Holcim präsentiert sich als soziales Unternehmen, das seine Angestellten ins Zentrum stellt. Doch NGOs werfen dem Weltkonzern ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Entwicklungsund Schwellenländern vor. Die Berner Fotografin Karin Scheidegger wollte es genauer wissen und reiste nach Indien, um verfolgte Gewerkschafter und entlassene Arbeiter zu porträtieren. Sie und ihr Fahrer Ajay (Bild) gerieten dabei gleich selbst in die Einschüchterungsmaschinerie des Fabrikmanagements.

BILD: KARIN SCHEIDEGGER

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Inhalt Editorial Feierabend Basteln für eine bessere Welt Ein Wahrzeichen für Ihre Stadt Brief aus New York City Das Ende einer Traumkarriere Zugerichtet Betrüger im Predigergewand mit scharf Taten statt Worte Starverkäuferin Roma Woldu Porträt Der Wegbereiter von Zürich West Arbeitssucht Selbstwert gegen Leistung Wörter von Pörtner Rohrbruch Filmfestival Fantastische Leinwand-Welten Kultur Selbstbestimmtes Scheidungsalbum Ausgehtipps Junggesellen-Sommer Verkäuferporträt Malen statt Drogen Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

16 Integration im Garten Ein Syrer und sein Eisbergsalat BILD: DOMINIK PLÜSS

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Ein kleiner Flecken Erde, der als Oase und Nahrungsquelle dient – Schrebergärten gehören zu den beliebtesten Freizeitorten der Schweiz. Vielen Ausländern bleibt eine Parzelle im Grünen aber verwehrt. Ein Projekt von Heks ermöglicht nun auch Flüchtlingen, Blumen und Gemüse zu ziehen. So lernen Mohamed Zeky Ramadan und seine Familie nicht nur neue Lebensmittel kennen, sondern auch die Regeln des Zusammenlebens.

19 Städtebau Wahrzeichen der Arroganz

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BILD: HANS-JÖRG F. WALTER

Die Basler Messe kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus: Ein Polizeieinsatz während der Kunstschau Art Basel löste unlängst schweizweit Kritik aus. Fehlende Sensibilität musste sich die Messe schon während des Baus der neuen Halle vorwerfen lassen. Der Neubau wurde ohne Ausschreibung und in Rekordzeit hochgezogen, die Löhne der Bauarbeiter systematisch gedrückt. Die neue Messe ist ein Mahnmal für die Folgen einer engen Verbandelung von Politik und Wirtschaft.

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS | WOMM

1. Schneiden Sie die einzelnen Teile aus und kleben Sie sie auf ein dickes Blatt Papier. 2. Ritzen Sie mit Lineal und Schere die weiss bezeichneten Stellen vor und kleben Sie Dach, Ober- und Unterteil des Turms mit Papierleim zusammen. 3. Hissen Sie mit einem Zahnstocher als Fahnenstange die Surprise-Fahne auf dem Dach und platzieren Sie dann den Turm an einem möglichst repräsentativen Ort.

Basteln für eine bessere Welt Surprise Mega Tower Die Messe hat ihren schon, Roche zieht mit einem Megaprojekt nach, Novartis wiederum will sich das auf keinen Fall bieten lassen und plant gleich zwei: Unter den Basler Mega-Unternehmen ist die Turmbau-Manie ausgebrochen, und in Zürich sieht’s nicht anders aus: Jeder will den höchsten (und protzigsten) haben – mit erheblichen Kollateralschäden am Stadtbild. Auch wir würden natürlich gerne mehr repräsentieren, uns fehlt’s aber gerade etwas am Kleingeld. Sie können uns helfen! Der Surprise Selfmade Mega Tower macht sich toll in jeder Wohnwand und auf jedem Bürotisch – und ist dazu in Sachen Stadtbild völlig unbedenklich. SURPRISE 303/13

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Brief aus New York City Wie im Film VON AMIR ALI

Ich war Beerdigung gucken. Zugegeben, das klingt etwas makaber. Aber ich war nicht alleine, also geht es wohl in Ordnung. Mein Spaziergang durch die Upper East Side, das schicke Quartier im Osten Manhattans, endete abrupt. Schwarze Uniformen des NYPD bedeuteten mir, dass hier kein Durchkommen sei. Also wechselte ich die Strassenseite und ging direkt zum Ort des Geschehens. Neben einer Schar weiterer Polizisten, die den Verkehr regelten, war da eine Spezialeinheit in Vollmontur, die M16-Sturmgewehre im Anschlag. Ein paar Dutzend Schaulustige drängten sich an die Abschrankung und die Presse richtete ihre Kameras von einem eigens eingerichteten Lastwagen auf den Eingang der Synagoge an der Park Avenue – wie im Film eben. Der Sarg, auf den hier gewartet wurde, gehörte Senator Frank R. Lautenberg. Mit seinem Leben hatte ein amerikanischer Traum sein Ende genommen. Lautenberg hatte sich vom Sohn mausarmer jüdischer Einwanderer aus Osteuropa zum multimillionenschweren Unternehmer und demokratischen Spitzenpolitiker hochgearbeitet. Die wohl folgenschwerste Errungenschaft Lautenbergs, der insgesamt 30 Jahre im Senat sass, war ein Gesetz, das in den 1990ern verfolgten Juden aus der kollabierenden Sowjetunion die Einwanderung in die USA ermöglichte. Später wurden die Erleichterungen auch auf religiöse Minderheiten aus Iran, Vietnam, Burma und anderen Ländern ausgeweitet. Der amerikanische Traum des Frank R. Lautenberg multiplizierte sich so zehntausendfach – wie im Film eben. Andere müssen ein wenig tiefer in die Trickkiste greifen, um in den Traum einzusteigen. Ismael kam vor sieben Jahren aus Senegal. Seither arbeitet er an der Tankstelle, an der ich mir eine Tüte Erdnüsse holte. Ich glaube nicht, dass er Sinn und Zweck meiner Reise begriff. Aber er hatte Freude, französisch zu sprechen und mir behilflich zu sein. «Du findest hier sehr einfach eine Frau», meinte er. Und dann seien auch die Papiere kein Problem. «Weisst du», sagte er, der sich zuvor 15 Jahre durch Europa gequält hatte, «in diesem Land kommst du ohne einen Dollar an und kannst zum Millionär werden.» Das sei nur hier möglich – wie im Film eben.

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Zugerichtet Sozialhilfebetrug! Innerlich, stellt man sich vor, muss es den Mann hart treffen, jetzt hier vor dem Bezirksrichter zu stehen und, vor allem, ihm zuhören zu müssen. Denn für gewöhnlich redet wohl er, und man hat ihm zuzuhören. Er hat sich ja nicht umsonst zum Prediger einer Freikirche ausbilden lassen. Entsprechend mitreissend hat er in der Hauptverhandlung seine altruistischen Motive gepriesen, mit denen er neben seinem Job als Vormundschaftssekretär in einer Zürcher Gemeinde einige seiner Klienten privat (weiter)betreute. Wie er ihnen in schwierigen Zeiten Hilfe anbot: Beratungen und Administratives, Fahrdienste und Besorgungen. Ein «Rundum-Wohfühl-Programm», etwa für einen zornigen, erblindenden Greis oder die Frau, die sich selbst in die Klinik einwies. Alle in der Anklage vertretenen Opfer erteilten ihm eine Verfügungsmacht über ihre Konti – und merkten irgendwann, dass Geld fehlte. Aber nein, nein, alles sei immer sauber gelaufen. Allen sei zu jeder Zeit bewusst gewesen, dass es sich um ein privates Mandat gegen Bezahlung handle. Beweise? Nun ja, oft habe die Zeit gefehlt, eine Buchhaltung zu führen, aber wenn er auswählen müsse zwischen Mensch und Buchhaltung, gehöre er zu denen, die den Menschen in den Vordergrund stellten. Doch bei Gericht predigt der Gerichtspräsident, und dieser hält dem predigenden Vormundschaftssekretär und Familienvater im Urteil Punkt für Punkt den staubtrocken dozierenden Juristen entgegen. Bis und mit Erläuterungen zur korrekten Gewinnabschöpfung. Eben, die besagte Buchhaltung. Wenn man es denn eine nennen will. Jedenfalls sei

das, was vorhanden sei, voller Unregelmässigkeiten. Auf seinem Privatkonto sei einfach fremdes Geld aufgetaucht. Honorare, natürlich. Aber für die Beträge hatte der Beklagte wechselnde Erklärungen, die nicht mal ihm selbst einleuchteten. Etwas beschäftigte den Gerichtspräsidenten so sehr, dass er es während des Prozesses bestimmt 20 Mal erwähnte: Pauschalen waren nie runde Zahlen, sondern zum Beispiel auf den Rappen genau die Krankenkassenprämie des betreffenden Klienten oder der dreifache Alimentenbetrag, den der Angeklagte für sein aussereheliches Kind schuldete. Dass der Mann der Veruntreuung schuldig war, schien für das Gericht ausser jeglichen Zweifels. Auch bei der schwer nachzuweisenden Arglist, die Voraussetzung ist für einen Schuldspruch wegen Betrugs, scheint es sich nicht allzu schwer getan zu haben. Alle Zeugen glaubten, der Mann komme vom Staat und würde auch von diesem bezahlt. «Sie haben Ihre amtliche Funktion und Ihre Vertrauensstellung missbraucht.» Die Leute bezahlten für Leistungen, die der Staat gratis erbracht hätte – und für kostenpflichtige das Doppelte des staatlichen Tarifs. So sind gemäss groben Berechnungen des Gerichts 35 000 Franken in die Taschen des Beamten geflossen. «Sie haben Geld von Schwachen genommen, in hoher Kadenz, über lange Zeit. Und Ihr einziges Motiv war Bereicherung.» Dafür gibt es 20 Monate bedingt. Doch noch ist es nicht das Jüngste Gericht. Die Frau des Verurteilten betet, der Verteidiger kündigt Berufung an. Vielleicht geschieht ja dann ein Wunder. YVONNE KUNZ (YVONNE.KUNZ@GMAIL.COM) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH)

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Globale Wirtschaft Die dunklen Hinterhöfe von Holcim & Co. Eine glänzende Fassade als toller Arbeitgeber in der Schweiz, ein dreckiger Hinterhof mit ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen im Ausland: Es besteht Hoffnung, dass auch die Tage dieses unsauberen Erfolgsmodells schweizerischen Geschäftens gezählt sind.

Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung, Korruption und Ausbeutung der Förderländer – die Probleme in der Rohstoffbranche, erst vor Kurzem als bedeutender Wirtschaftsfaktor ins Scheinwerferlicht der Schweizer Öffentlichkeit geraten, sind massiv. Das ist die eine Art, wie man es sehen kann. Die andere legte Rohstoffhändler Daniel Jaeggi kürzlich in einem Interview im Tages-Anzeiger dar: «Die Rohstoffbranche hat ein Imageproblem.» Jaeggis Rat zur Problemlösung: «Wir müssen die Kommunikation verbessern.» Der Schweizer Zement-Multi Holcim, dessen Vorläuferfirma Holderbank unter anderem durch gute Geschäfte im Apartheidstaat Südafrika in Verruf geraten war, hat seine Kommunikation bereits verbessert. Mit viel Aufwand inszeniert er sich als Weltkonzern mit einem Gewissen. «Unser Versprechen: Nachhaltigkeit» wird im Holcim-Imageprospekt postuliert, von einer angestrebten Spitzenreiterposition in Umweltschutz und sozialer Verantwortung ist dort die Rede. Konkret: «Holcim denkt partnerschaftlich. Das leben wir im Umgang mit den Standortgemeinden genauso wie mit unseren 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Schweiz.» Die Betonung liegt auf «in der Schweiz». Denn bei der indischen Tochterfirma Ambuja sieht’s anders aus: Um die 80 Prozent der Arbeitskräfte sind als Leiharbeiter beschäftigt, ohne jegliche soziale Absicherung, für zwei US-Dollar Lohn am Tag. Dies ist nicht nur ethisch bedenklich, sondern wäre nach indischem Gesetz auch illegal. Doch Gerichtsurteile werden angefochten und das Fabrikmanagement verweigert der Gewerkschaft der Leiharbeiter bis heute jeden Dialog. Und Arbeiter, die sich wehren, müssen mit Kündigung und fingierten Klagen rechnen, wie im Artikel ab Seite 10 nachzulesen ist.

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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Indien ist, wie es der Ethnologe Thomas Niederberger nennt, «eine dunkle Ecke» im Holcim-Konzern. Warum sollte ein gewinnorientiertes Unternehmen, das die Aktionäre im Nacken hat, an den günstigen Produktionsbedingungen dort etwas ändern? Solange es kein Imageproblem hat? Die Schaffung fairer und sicherer Arbeitsbedingungen für alle Arbeiter in der Zementfabrik Ambuja wäre zwar für einen Megakonzern wie Holcim locker zu verkraften. Es würde sich aber schnell herumsprechen. Und wenn alle Tochterunternehmen faire Arbeitsbedingungen bieten sollen, dann wird’s teuer. Dazu steht das Management unter Beobachtung der anderen vor Ort geschäftenden Multis, wie Niederberger sagt: Unter ihnen bestehe eine Art «Gentlemen’s Agreement», dass niemand den ersten Stein wirft. Damit Schweizer Unternehmen auch mit indischen Arbeitern «partnerschaftlich» umgehen – sprich ihnen zumindest einen fairen Lohn und minimale Absicherung zugestehen –, müssen sie wohl erst ein Imageproblem bekommen. Und das könnte schneller gehen, als ihnen lieb ist. Denn nicht nur die Geld- und Warenflüsse, auch die Kommunikation ist heute globalisiert. Niederberger jedenfalls prognostiziert, dass es für globale Unternehmen immer schwieriger wird, ihre dunklen Hinterhöfe vom Licht der Öffentlichkeit fernzuhalten. Entscheidend wird allerdings sein, dass diese auf Taten statt Worten besteht – damit die Konzerne ihr Hinterhofproblem nicht mit besserer Kommunikation wieder aus der Welt schaffen können. ■

BILD: ZVG

VON FLORIAN BLUMER

Starverkäuferin Roma Woldu Peter Brodmann nominiert Roma Woldu als Starverkäuferin: «Wenn ich ins Einkaufszentrum Mittim in Wallisellen gehe, sitzt unter der Rolltreppe in der Eingangshalle Roma Woldu und lächelt mir zu, wenn ich komme. Ich kann kaum an ihr vorbeigehen, ohne dass ich das Strassenmagazin Surprise kaufe. Ihre Liebenswürdigkeit hat mich mal dazu verleitet, dass ich ein zweites Mal das gleiche Magazin kaufte und erst zuhause entdeckte, dass ich es schon habe.»

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Porträt Pionier im Wilden Westen Als Bruno Deckert vor 14 Jahren in der Industriebrache Zürich West eine Bar mit Bühne und Buchhandlung eröffnete, hielt man ihn für verrückt. Heute ist das Sphères eine Institution und Deckert mit neuen Pionierprojekten beschäftigt. Seine wichtigste Aufgabe bleibt aber sein behinderter Sohn. VON CHRISTIAN SCHILLER (TEXT) UND ANDREA GANZ (BILD)

folgen, ist auf Laufkundschaft angewiesen», sagt Bruno Deckert. Das Café mit Buchhandlung erhielt Preise, schaffte es in die Medien, doch der Hype flaute schnell wieder ab. «Die Karawane zog weiter, so wie es eben ist.» Bruno Deckert war aber immer überzeugt, dass es klappt. Dank den Stammkunden überlebte das Sphères. Er kann sich noch gut erinnern, als das Lokal bei einer Lesung zum ersten Mal bis auf den letzten Platz gefüllt war. «Ein Wahnsinnsgefühl, wenn man merkt, dass eine Vision zur Realität wird.» Im Sphères arbeiten heute rund 20 Personen. Das Lokal mit dem Garten gegen die Limmat, der Buchhandlung, der Bar und dem Restaurant hat sich in den letzten 14 Jahren kaum verändert. «Wir wollen diese spezielle Atmosphäre bewahren», sagt Bruno Deckert. In der Nachbarschaft aber ist nichts mehr, wie es einmal war. Innert weniger Jahre ist ein neu-

Es sei ein seltsames Gefühl, sagt Bruno Deckert. «Immer war er bei uns.» Und jetzt diese Ruhe. Etwa wenn er mit seiner Frau Monika am Esstisch sitze. Seit einem Jahr wohnt ihr Sohn David in einem Wohnheim. David, 21-jährig, ist autistisch behindert. Im Alter von drei Jahren verlor er die meisten Fähigkeiten, die er sich bis dahin angeeignet hatte. Später diagnostizierten die Ärzte einen atypischen Autismus, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Und jetzt wohnt er nicht mehr daheim, ein grosser Schritt. «Plötzlich wurde meiner Frau und mir bewusst, dass wir seit 20 Jahren praktisch nie alleine waren – oder in die Ferien gefahren sind.» Eine längere Reise wäre mit David nicht möglich gewesen. David ist für den 62-Jährigen und seine Frau «unsere grösste und wichtigste Aufgabe». Man müsse einen unglaublichen Aufwand betreiben, um ihm geBruno Deckert erinnert sich gut, wie sein Lokal das erste Mal recht zu werden. Der Staat habe sie zwar fiausverkauft war: «Ein Wahnsinnsgefühl, wenn man merkt, dass nanziell unterstützt, aber das Wissen zum eine Vision zur Realität wird.» Thema Autismus war in Europa noch nicht vorhanden. So nahmen sie die Sache selber in die Hand und befassten sich mit Therapieformen, die damals erst in den er Stadtteil entstanden. Wohnungen, Hotels, Hochhäuser mit Büros – USA etabliert waren. Nach langer und hartnäckiger Suche fanden sie für und noch immer wird gebaut, wohin das Auge blickt. Von dieser EntDavid gar einen Platz in der Regelschule: «Er war das erste autistische wicklung profitiert auch das Sphères. Heute spazieren an schönen TaKind, das am Unterricht teilnahm.» gen Hunderte den Fluss entlang und kehren ein. Geschäftsleute sitzen Bruno Deckert, der studierte Philosoph und Psychologe, arbeitete daan ihren Laptops, und nachmittags blättern Studenten beim Latte Macmals im Jugendamt – die Stunden dazwischen war er «Manager von Dachiato in Büchern. vid», wie er selbst sagt. Es war eine intensive Zeit. Und er wollte einen Richtig angezogen habe es, als die Stadt vor neun Jahren eine FussSchritt weiterkommen. Etwas aufzubauen und gestalterisch tätig zu gängerbrücke über den Fluss baute. Es seien Gäste aus Höngg und Wipsein, das war sein Traum. Schon immer wollte er einen Ort schaffen, wo kingen gekommen, die erst mal verwundert waren: «Wir wussten gar man sich gerne aufhält, wo Kultur und Gastronomie verschmelzen. nicht, dass es hier einen solch schönen Ort gibt», hörte er immer wie«Plötzlich wusste ich, dass ich es riskieren muss.» Mit Bekannten und der. Er sei aber kein gieriger Unternehmer, der sich über jeden zusätzFreunden gründete er die Zürichparis AG und schoss sein gesamtes Erlichen Franken Gewinn freue. Klar, es müsse sich rentieren, aber schlussspartes ein. Einen Plan B gab es nicht. Die Firma hatte damals einen einendlich gehe es um die Sache. «Es käme uns auch nicht in den Sinn, die zigen Zweck: eine abgewirtschaftete Liegenschaft in Zürich West zu Buchhandlung zu verkleinern, um zusätzliche Tische ins Sphères zu kaufen und zu renovieren. stellen.» «Die Stadt hörte um die Jahrtausendwende für die meisten Leute Seit David im Wohnheim ist, hat Bruno Deckert wieder mehr Zeit für beim Escher-Wyss-Platz auf», erzählt Bruno Deckert. Danach kam Züsich. Nein, Golf und ähnliches passe nicht zu ihm, sagt er und lacht. rich West, eine Fläche rund dreimal so gross wie die Zürcher Altstadt. Seine ganze Energie steckt er in seine Projekte. Die Zürichparis AG überIndustriehallen und stillgelegte Fabriken. Dazwischen Brachen, ausrannahm und renovierte die Steigmühle bei der Autobahnausfahrt Wintergierte, verrostete Fahrzeuge und Metallschrott. Und ausgerechnet an thur-Töss. Anstatt die über 10 000 Quadratmeter möglichst teuer zu diesem Nicht-Ort sollte seine Oase entstehen. vermieten, liessen Bruno Deckert und seine Mitstreiter hier das House of Der Entscheid der Eltern, einen Neuanfang zu wagen, kam David zuSounds entstehen: Ein Grossteil der Räumlichkeiten stellt Zürichparis gute. Bald schon zog die Familie vom bürgerlichen Quartier ins Haus Bands günstig zur Verfügung. Ein weiteres «Künstler-Projekt» läuft geranach Zürich West. «Dank der Selbständigkeit konnten wir unsere Zeit de in Zürich-Enge an. Und als wäre das nicht genug, plant Bruno Deckert besser einteilen und uns abwechslungsweise um David kümmern.» Im mit dem Regisseur Samir zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse den Parterre entstand die «Gastro-Kultur-Oase», das Sphères. Dort, wo früKosmos – ein Café und Kino, das Arthouse-Filme zeigt. «Ja, es ist viel her ein Porzellanhandelsgeschäft einquartiert gewesen war, später eine los.» Deshalb werde er auch mal ungeduldig, wenn etwas nicht läuft. Autowerkstatt ihre Geschäfte betrieb, eröffnete im Sommer 1999 sein Das passe eigentlich nicht zu ihm: Denn in seinen Häusern solle es nicht Lokal. Bruno Deckert gilt als Pionier. Er riskierte es als einer der Ersten, primär ums Business gehen, sondern um den Menschen. Überhaupt, im «Wilden Westen» etwas aufzubauen. Ein Selbstläufer sei das Sphères sagt er und hält kurz inne, glücklich sei er, wenn es seinem Sohn gut geaber nicht gewesen: «Wir hatten zu beissen – das Konzept, das wir verhe. «David ist und bleibt meine grösste und wichtigste Aufgabe.» ■ SURPRISE 303/13

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Globale Wirtschaft Im Reich des Zementriesen Das Schweizer Zement-Unternehmen Holcim inszeniert sich als sozialer Konzern. Die Realität in Indien sieht anders aus: Die Tochterfabrik Ambuja beschäftigt Leiharbeiter zu Hungerlöhnen, der Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen wird rücksichtslos bekämpft. Die Berner Fotografin Karin Scheidegger hat entlassene Arbeiter vor Ort besucht – und die Einschüchterungsmethoden gleich selbst zu spüren bekommen.

VON FLORIAN BLUMER (TEXT) UND KARIN SCHEIDEGGER (BILDER)

«Ambuja Cement Heartily Welcome You for a Safe & Pleasant visit», liest Fotografin Karin Scheidegger am Eingangstor zur Zementfabrik im Dörfchen Rawan in Zentralindien: «Ambuja Zement heisst Sie herzlich willkommen zu einem sicheren und angenehmen Besuch», verheisst die Schrift auf einer Tafel, in leicht holprigem Englisch. Scheidegger bittet ihren Fahrer anzuhalten, um ein Bild zu machen. Sie weiss zu diesem

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Zeitpunkt zwar, dass bei der Tochterfirma des Schweizer Holcim-Konzerns nicht alles zum Besten steht. Sie ahnt allerdings nicht, in welche Schwierigkeiten sie und ihren Fahrer nur schon die Annäherung ans Tor noch bringen wird. Holcim, eine der weltweit führenden Firmen im Zementgeschäft, ist ein Konzern mit einer Geschichte. Sein Vorgänger Holderbank stand unter anderem wegen guter Gewinne im Apartheidstaat Südafrika in der Kritik, noch heute ist Thomas Schmidheiny aus der umstrittenen UnterSURPRISE 303/13


nehmerfamilie grösster Einzelaktionär. Der multinationale Konzern hat also ein Interesse daran, sich in ein gutes Licht zu stellen. Im neuen Image-Flyer von Holcim Schweiz steht: «Es gehört zu unserem Anspruch, nicht bloss wirtschaftlich und technologisch, sondern auch im sozialen und ökologischen Bereich Spitzenreiter zu sein.» Zum 100-jährigen Firmenjubiläum letztes Jahr liess Holcim Fabriken und Arbeiter auf der ganzen Welt von drei Starfotografen inszenieren, darunter der Schweizer Marco Grob, der sonst Barack Obama oder Leonardo DiCaprio porträtiert. Ausgestellt wurden die Bilder unter anderem im Kunstmuseum Bern. «Mit der Porträtserie von Marco Grob», heisst es auf der HolcimWebsite, «wollen wir der Welt zeigen, dass unsere Angestellten im Zentrum von allem stehen, was wir tun.»

Fenster vorbei, aus den Boxen scheppern Bollywoodhits aus den Siebzigerjahren. In einem kleinen Dörfchen im Nirgendwo halten sie an. Dort treffen sie den untergetauchten Gewerkschaftsführer Lakhan Sahu. Er versteckt sich vor Leuten aus dem Umkreis der Unternehmen, die es auf ihn abgesehen haben, und vor der Polizei. Lakhan Sahu ist der Körperverletzung und des Raubs angeklagt, ihm drohen zwei Jahre Gefängnis. Sein Kollege Bhagwati Sahu, ebenfalls PCSS-Gewerkschafter sowie Bauernführer und gewähltes Mitglied im Kreisrat, verbrachte aufgrund derselben Anzeige bereits 13 Monate hinter Gittern. Die Anzeigen gehen auf einen Angriff aufgebrachter Dorfbewohner gegen den als notorisch gewalttätig gefürchteten Ambuja-Sicherheitsangestellten Y. P. Singh zurück. Angezeigt wurden in der Folge acht Personen, allesamt führende PCSS-Mitglieder. Alle sagen, sie seien zu besagtem Zeitpunkt nicht einmal vor Ort gewesen, Bhagwati Sahu war nach eigener Aussage an einem Treffen mit anderen Regierungsmitgliedern, diese seien als Zeugen aber nicht angehört worden (der Fall ist von Multiwatch im oben erwähnten Buch dokumentiert). Scheidegger und Ajay treffen danach weitere dieser acht Gewerkschafter, die im selben Fall angeklagt und untergetaucht sind. Sie sind ehemalige Ambuja-Arbeiter, die, so sagen sie, aufgrund ihrer gewerkschaftlichen Aktivitäten entlassen wurden. Und Ambuja sei der einzige Arbeitgeber in der Umgebung von Rawan. Sie schlagen sich nun also fern von ihren Familien als Tagelöhner durch. Karin Scheidegger schiesst Porträts von ihnen und nimmt ihre Geschichten auf, um sie später für eine Ausstellung zu verwenden.

Gleiche Arbeit, viermal weniger Lohn Die freie Presse- und Kunstfotografin Karin Scheidegger, die auch regelmässig für Surprise arbeitet, störte sich an der heroischen Inszenierung der Arbeiter – insbesondere vor dem Hintergrund der Proteste gegen Holcim und von Berichten über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in deren Tochterfirmen in Entwicklungsländern. Scheidegger beschloss, im Rahmen einer geplanten Indienreise einen Abstecher in den Bundesstaat Chhattisgarh, eine der ärmsten Gegenden Indiens, zu machen, um dort den Alltag der Menschen zu dokumentieren, ihre eigenen Porträts zu schiessen und die Geschichten der Menschen dahinter aufzunehmen. Ein zentraler Vorwurf gegenüber Holcim ist, dass ihre Tochterfirmen in Indien zu einem grossen Teil billige Leiharbeiter beschäftigen, die für «Schlagt ihn!» gleiche Arbeit einen Viertel des Lohns der Festangestellten verdienen – Am nächsten Morgen, dem 17. April, fahren Ajay und Scheidegger zwei US-Dollar am Tag – und keinerlei soziale Absicherung haben. Die schon vor Sonnenaufgang los, die Fotografin will die Morgenstimmung Schweizer Nichtregierungsorganisation Multiwatch sagt, gestützt auf beim Schichtwechsel vor der Fabrik einfangen. Sie fahren die HauptAngaben der regionalen Arbeitsdirektion, die Zementfabrik Ambuja in strasse entlang, die zwischen dem Dorf und der Zementfabrik durchRawan beschäftige zu über 80 Prozent Leiharbeiter. Holcim selbst nennt führt. In der Nähe des Eingangstors halten sie an. Ajay wartet beim deutlich tiefere Zahlen, doch auch nach diesen Angaben machen Leiharbeiter die Mehrheit der Beschäftigten aus. Das indische Gesetz erlaubt deren Einsatz jeAuf der Holcim-Website heisst es: «Wir wollen der Welt doch nur in Ausnahmefällen. Eine zweite Holzeigen, dass unsere Angestellten im Zentrum von allem cim-Tochterfirma in Chhattisgarh wurde desstehen, was wir tun.» halb bereits in zweiter Instanz vom Obergericht von Chhattisgarh dazu verurteilt, LeiharAuto, Scheidegger schiesst ein paar Bilder. Plötzlich kommt ein Sicherbeiter fest anzustellen. Holcim hat das Urteil jedoch erneut angefochten. heitsbeamter auf sie zu. Er sagt, sie dürfe hier nicht fotografieren, sie Thomas Niederberger, Ethnologe an der Uni Bern und Mitautor eines müsse sich dazu mindestens 500 Meter von der Fabrik entfernen. ScheiBuches über die Geschäftspraktiken von Holcim («Zementierte Profite – degger erschrickt, entschuldigt sich und fährt mit ihrem Fahrer davon. verwässerte Nachhaltigkeit») nennt dies ein Spielen auf Zeit, im Wissen Sie stoppen bei einem Acker, etwa zwei Kilometer von Rawan entdarum, dass indische Gerichte langsam arbeiten. fernt. Die Szenerie scheint Scheidegger perfekt, um ein Bild der ländlichen Umgebung im Vordergrund und der Fabrik im Hintergrund zu Gewerkschafter im Untergrund schiessen. Sie entfernt sich ein paar Schritte vom Auto, macht zwei, drei Um sich zu wehren, gründeten Aktivisten Ende der Achtzigerjahre Fotos aus verschiedenen Perspektiven. Als sie zurück zum Auto geht, die Leiharbeitergewerkschaft PCSS. Ambuja weigerte sich jedoch stets, sieht sie, wie zwei Männer in Ambuja-Arbeiterwesten laut und wild gemit ihnen zu verhandeln, die Leiharbeiter seien nicht bei ihnen, sondern stikulierend mit ihrem Fahrer diskutieren. «Hier darf man nicht fotograbei Drittfirmen angestellt. Die Gerichte stellten in den oben erwähnten fieren. Haut ab und kommt nicht mehr zurück!», herrschen die Männer Urteilen jedoch klar fest, dass es sich dabei um Scheinfirmen handelt. Ajay an. Holcim-Pressesprecher Peter Stopfer bekräftigt auf Nachfrage den Die Stimmung ist aggressiv, Scheidegger ruft ihrem Fahrer zu: Standpunkt, dass die Leiharbeiter bei einer anderen Firma angestellt «Komm, lass uns gehen!» und steigt hinten ins Auto, um die Kamera zu seien und daher auch kein Anrecht auf den gleichen Lohn wie die Festverstauen. Sie hat Angst um die Bilder vom Vortag, die sie noch nicht angestellten hätten. Holcim nehme aber nun an einem Schlichtungsverheruntergeladen hat. In diesem Moment fährt ein Motorrad vor, derselfahren aufgrund einer Klage von PCSS wegen Verletzungen von OECDbe Sicherheitsangestellte, der sie zuvor vom Fabriktor weggewiesen hat, Richtlinien teil. Vor Ort bekämpft die lokale Industrie, inklusive Ambuja, und ein Begleiter in Zivil – er sollte sich später als der vorhin erwähnte laut Niederberger die Leiharbeitergewerkschaft PCSS mit allen in Indien Y. P. Singh herausstellen – steigen ab. Die Männer beginnen, den klein üblichen Methoden. Neben Einschüchterungen, Schikanierungen und gewachsenen Ajay herumzuschubsen, er wird wiederholt auf den Entlassungen von Gewerkschaftsmitgliedern zählen dazu auch konstruHinterkopf geschlagen. Einer der Sicherheitsmänner ruft: «Schlagt ihn!», ierte Anzeigen bei der Polizei. Ajay bekommt einen Faustschlag ins Gesicht. Scheidegger wagt sich nun Es ist der 16. April, Karin Scheidegger fährt mit ihrem lokalen Guide aus dem Auto und versucht zu schlichten. Sie wird von den Angreifern und Fahrer Ajay stundenlang übers weite Land von Chhattisgarh: Es ist jedoch komplett ignoriert. flach, heiss, trocken, heruntergekommene Industriewerke ziehen am SURPRISE 303/13

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Bitte nicht wörtlich nehmen: Trügerische Freundlichkeit am Eingangstor zum Holcim-Tochterunternehmen Ambuja.

Nach ein paar Minuten lassen die Männer von Ajay ab. Er und Scheidegger steigen ins Auto und fahren davon. Ajay ist aufgebracht, zittert am ganzen Körper. Nachdem er sich beruhigt hat, verständigt er seinen bereits erwähnten Kollegen Bhagwati Sahu, sie vereinbaren, sich auf dem Polizeiposten zu treffen, um Anzeige zu erstatten. Dort angekommen, müssen sie feststellen, dass der zuständige Beamte erst einmal keinerlei Anstalten macht, ihre Anzeige aufzunehmen.

Während Scheidegger ihre Aussage macht, tritt plötzlich ein Mann ein, der einen Brief auf den Tisch legt, in Hindi geschrieben, mit dem Signet von Ambuja. Von diesem Punkt an wendet sich das Blatt. Scheidegger realisiert, dass es nun nicht mehr um ihre Aussage zur Anklage geht, sondern dass sie ausgefragt wird: Was machen Sie in Indien? Woher kennen Sie Bhagwati Sahu, woher kennen Sie Ajay? Ihre Zeugenaussage kann sie nicht mehr beenden. Dafür erfährt sie, dass nun Anzeige gegen ihren Fahrer eingegangen sei: wegen «Trespassing» – unbefugtes Betreten eines Grundstücks – und «Obscenities», Flüchen und Beleidigungen. Scheidegger geht zum Auto, um ihre Kamera zu holen. Sie will den Beamten die Bilder zeigen, um zu beweisen, dass sie auf öffentlichem Grund gemacht wurden. Bhagwati Sahu und ein Journalist halten sie auf, der Journalist sagt: «Nein, nein, leg die Kamera zurück ins Auto! Kein Beweis ist besser. Die Polizei ist immer auf der Seite von Ambuja.»

Vom Kläger zum Beklagten Die Nachricht, dass eine westliche Fotografin auf dem Polizeiposten ist, spricht sich an diesem frühen Morgen in der Umgebung wie ein Lauffeuer herum. Als Erste treffen zwei Lokaljournalisten ein, anstelle des Polizeibeamten nehmen zunächst sie Ajays Geschichte auf. Derweil treffen immer mehr Journalisten ein. Eine Dreiviertelstunde später fährt auch der Polizeichef mit Blaulicht vor. Als er Scheidegger zu sich ins Büro bittet, gesellen sich sechs Journalisten dazu, eine Kamera wird auf ihn gerichtet. Er erklärt «Hier darf man nicht fotografieren. Haut ab und kommt nicht mehr sich bereit, Ajays Anzeige aufzunehmen. Gezurück!» Dann beginnen die Männer Ajay herumzuschubsen. mäss der PCSS-Anwältin Sudha Baradwaj ist dies das erste Mal überhaupt, dass es jeman«For you no problem», bekommt sie in der Folge von verschiedener Seidem gelingt, Anzeige gegen Y. P. Singh zu erstatten – ein Ambuja-Arte immer wieder zu hören. Tatsächlich hatte der Vorfall ausser einem beiter habe zum Beispiel in der Vergangenheit nur schon den Versuch verlorenen Arbeitstag – das ganze Prozedere auf dem Polizeiposten daumit seinem Job bezahlt. erte sechs Stunden – keine direkten Konsequenzen für sie. Diese treffen Unterstützung bekommt Scheidegger im Laufe des Morgens auch von ihren Fahrer Ajay, gegen den sich die Klage richtet. Und den Mann der Gangotri, einer Lokalpolitikerin und Führerin einer Frauengruppe. Sie Lokalpolitikerin Gangotri, Raju Sahu, bis vor Kurzem Leiharbeiter bei spricht kein Wort Englisch, setzt sich aber auf dem Polizeiposten zur Ambuja und einziger Ernährer seiner Familie: Ihm wird am 1. Mai am moralischen Unterstützung neben die westliche Fotografin. Eine HandEingangstor beschieden, dass sie keine Arbeit mehr für ihn hätten. lung, die sie und ihre Familie teuer zu stehen kommen wird.

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Wurden beide von Ambuja angeklagt: Scheideggers Fahrer Ajay (rechts) im Gespräch mit dem untergetauchten Gewerkschaftsführer Lakhan Sahu.

gegen Fahrer Ajay zurück, wenn ihr die Klage gegen Sicherheitsmann Die gewerkschaftliche Hilfsorganisation Solifonds, GewerkschaftsSingh zurückzieht. führer und andere Unterzeichner fordern in einem Brief vom 26. April Karin Scheidegger ist über die Antwort empört: «Die Aussagen sind an Holcim-CEO Bernard Fontana, dass er umgehend interveniere, damit schlicht erfunden! Wir haben weder das Tor passiert, noch haben wir die Klage gegen Ajay zurückgenommen und der involvierte Sicherheitsmann sanktioniert werde. Von ihrer Indienreise zurück, erfährt Scheidegger in einem Mail «Kein Beweis ist besser», sagt der Journalist, «die Polizei von der PCSS-Anwältin Sudha Bharadwaj, ist immer auf der Seite von Ambuja.» dass Ambuja-Sicherheitsmann Y. P. Singh per 4. Mai offenbar entlassen wurde. Am 23. Mai die Schule auf der anderen Seite der Strasse, gegenüber dem Acker, erhalten die Unterzeichner des Briefs eine Antwort von Fontana. Darin überhaupt beachtet.» Sie wolle sich erneut an Fontana wenden und sich schreibt er, dass er eine interne Untersuchung angeordnet und den Fall für Ajay und den entlassenen Arbeiter einsetzen. Ajay habe ihr jedenanlässlich eines Besuchs mit dem lokalen Management besprochen hafalls mitgeteilt, es stehe für ihn ausser Frage, die Klage zurückzuziehen: be. Darauf habe Y. P. Singh selbst gekündigt: Er habe seine Aufgabe im «Dies wäre ein Eingeständnis, dass auch wir etwas Falsches gemacht Kontext der Provokationen und offenen Fragen gegen ihn nicht mehr haben, was aber in keiner Weise zutrifft. Zudem wäre ein Rückzug der ausführen zu können. Klage nicht nur schlecht für mich, sondern auch für alle Arbeiter und Dorfbewohner, die uns unterstützten und die mit genau diesen EinHolcim offeriert Deal schüchterungsmethoden von Ambuja zu kämpfen haben.» Den Vorfall vom 17. April sehe das Management von Ambuja als ■ mögliche Provokation am Tag der Holcim-Generalversammlung (die an diesem 17. April in der Schweiz stattfand) und als Racheakt an dem Sicherheitsangestellten Y. P. Singh. Man sei in Alarmbereitschaft gewesen, da im März eine andere Zementfabrik in der Region von aufgebrachten Arbeitern angegriffen worden sei und an diesem Tag Ambuja-Verwaltungsratsmitglieder die Fabrik besuchten. An diesem * Das Buch «Zementierte Profite – verwässerte Nachhaltigkeit» über die Vorwürfe 17. April seien um 6.15 Uhr am Morgen mindestens zwei Personen an Holcim ist erhältlich bei Solifonds (www.solifonds.ch/de/node/40). durch das Tor in die Fabrik eingedrungen und danach zur Firmenschule weitergegangen, eine sei dort die Wand hochgeklettert. Der Holcims Reaktion auf dieses Buch ist abrufbar auf www.holcim.com/press-andBrief schliesst mit dem Angebot eines Deals: Wir ziehen die Anklage media/statements-regarding-multiwatch-allegations/indien.html SURPRISE 303/13

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Arbeitssucht Pflichtenheft zum Frühstück Arbeit kann süchtig machen. Psychologisch ist das ein Problem eines Einzelnen. Aber die Arbeitssucht entwickelt sich vor allem dort, wo der Wert eines Menschen an seinen Leistungen gemessen wird.

VON ADRIAN SOLLER (TEXT) UND ISABELLE BÜHLER (ILLUSTRATION)

Klingelt der Wecker, kommt er, jener messerscharfe Gedanke, der Tag und Nacht entzweit: «Was gibt es zu tun?» Als Erstes denkt Estella Sturzenegger* heute Morgen, so wie jeden Morgen, an ihre Arbeit. Sie kann nicht anders. Sie kann an fast nichts anderes mehr denken. Sturzenegger ist arbeitssüchtig. Die Arbeitssucht, erklärt der emeritierte Psychiatrieprofessor Daniel Hell, sei ein ernstzunehmendes, reales Problem. Es gibt Menschen, die ohne Arbeit nicht mehr sein können, jedenfalls nicht, ohne dabei in Stress zu geraten. Solche Menschen sind abhängig. Die Arbeitssucht gehöre, erklärt Hell, zu der Gruppe der stoffungebundenen Süchte. Sie ist also, wie die Spiel- oder Kaufsucht auch, eine Abhängigkeit ohne Drogen.

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Lässt sich Sturzenegger, einmal aufgestanden, einen Kaffee aus der Maschine, nimmt sie sich Zeit, wartet so lange, bis das Rattern aufhört, so lange, bis der letzte Tropfen Kaffee in die Tasse fällt. Die 61-jährige wirkt ruhig, nicht gestresst. Ihre Sucht merkt man ihr nicht an. Nicht allen Arbeitssüchtigen sieht man ihre Abhängigkeit an. Manche Arbeitssüchtige wirken passiv, andere aktiv und lebensbejahend, wieder andere nervös und hyperaktiv. Es gibt ganz verschiedene Typen von Arbeitssüchtigen. Es gibt jene, die ständig arbeiten; jene, die heimlich arbeiten; jene, die an Arbeitsanfällen leiden oder auch jene – und die gibt es eben auch –, die nicht arbeiten, die die Arbeit vor sich herschieben. Was sie allerdings alle verbindet: Arbeitssüchtige Menschen denken ständig ans Erledigen. Sie ordnen, erklärt Hell, ihren Alltag der Arbeit unter. SURPRISE 303/13


den geben sie vielerorts an ihre Mitarbeitenden weiter. Viele UnternehBeim Frühstück, bevor Sturzenegger ins Auto steigt und zur Arbeit men fördern gezielt unbezahlte Überstunden. Sie sehen darin die Chanfährt, denkt die Hortleiterin an ihre Schützlinge. Oft macht sie sich über ce, ihre Arbeitsproduktivität zu erhöhen – und so ihre Wachstumsziele jedes Einzelne der 25 Kinder Gedanken. Sie wolle die Kinder gut bezu erreichen. Während der letzten 20 Jahre ist die Überzeit von Schweitreuen, sie verstehen. «Ich bin halt», sagt Sturzenegger, «ziemlich perzer Arbeitnehmenden pro Jahr um eine halbe Stunde angestiegen. fektionistisch.» Kommt Sturzenegger am späten Nachmittag vom Hort nach Hause, Ein Hang zu Perfektionismus sei vielen Arbeitssüchtigen eigen, erschreibt sie Mails, füllt Arbeitsrapporte aus, manchmal stundenlang. klärt Hell. Und wer perfektionistisch sei, sagt der ehemalige klinische Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Viele Unternehmen fördern gezielt Überstunden. Während der letzten Zürich, habe oft Angst vor Fehlern. Führt eine solche Angst vor Fehlern dann zu einer Ar20 Jahre ist die Überzeit von Schweizer Arbeitnehmenden pro Jahr beitsblockade, sei dies für Arbeitssüchtige, die um eine halbe Stunde angestiegen. immer gute Leistungen zeigen wollen, beNicht selten arbeitet Sturzenegger doppelt so viele Stunden, wie sie versonders schlimm. Sturzenegger kennt solche Blockaden nur zu gut. traglich müsste. «Ich will halt», sagt sie, «dass die Schulleitung zufrieSchon wenn sie in ihr Auto steigt und zur Arbeit fährt, krampft sich ihr den mit mir ist.» Zeit mit Freunden und Bekannten verbringt sie kaum. Magen zusammen. In den vergangenen Jahren, erzählt Sturzenegger, habe sie sich immer mehr isoliert. Sie habe Freunden oft abgesagt, blieb zuhause, um KräfDie Liebe erarbeiten te für ihre Arbeit zu sammeln. Vor allem früher, erzählt Sturzenegger, habe sie aus Angst vor Feh«So langsam aber», erzählt sie, «bekomme ich meine Arbeitssucht in lern oft nichts mehr getan: «In solchen Momenten habe ich meiner Kolden Griff.» Ihr erster und wohl wichtigster Schritt ist gewesen, sich ihre legin die ganze Arbeit überlassen.» An anderen Tagen aber war das puSucht einzugestehen – und Hilfe zu suchen. Sturzenegger haben die Gere Gegenteil der Fall: Sturzenegger eilte durch den Raum, erklärte den spräche in den Selbsthilfegruppen sehr geholfen. Zu wissen, dass sie Kleinen Spiele, zeigte Bücher, machte immer alles, immer für alle, imnicht alleine mit ihrem Problem dastehe, tue ihr gut. «Geholfen haben mer sofort. Rief sie ein Kind, rannte sie zu ihm. Egal, wie unwichtig sein mir auch die jahrelangen Psychotherapien.» Anliegen war. Eines Tages, vielleicht morgen schon, wird Sturzenegger aufwachen, Prioritäten könnten bei arbeitssüchtigen Menschen komplett verloohne gleich an ihre Arbeit denken zu müssen. Eines Tages, vielleicht ren gehen, erklärt Hell. Den Süchtigen geht es beim Arbeiten weniger morgen schon, werden sich ihre Träume beim Klingeln ihres Weckers in um ihre Arbeit als um sich selbst. Arbeitssüchtige koppeln ihr SelbstGedanken verwandeln, ganz langsam nur an Klarheit gewinnen, an wertgefühl meistens an ihre Arbeitsleistung. Die Arbeitssucht sei oftKonturen. Eines Tages, vielleicht morgen schon, werden sie ihre Gedanmals, erklärt Hell, eine Anerkennungssucht. Ein häufiger Grund, wieso ken dann ganz sanft von der Nacht in den Tag begleiten. arbeitssüchtige Menschen so viel arbeiten: Sie wollen geliebt werden. ■ «Ich habe nie gelernt, was Liebe heisst», sagt Sturzenegger. Spricht sie von der Pflegefamilie, in der sie aufgewachsen ist, spricht Sturzen*Name geändert egger nicht von «ihrer» Familie, sie spricht von «dieser» Familie. 20 Jahre wohnte sie mit eben jener Familie unter einem Dach. 20 Jahre lang fühlte sie sich nicht so richtig als Teil eben jener Familie. 20 Jahre lang wurde sie von ihrem Pflegevater missbraucht. Manchmal, in der Nacht, dann, wenn sie nicht arbeitet, nicht fernsieht, nicht liest, dann, wenn sie einfach nur daliegt, dann kommen die Erinnerungen heute noch hoch. Sturzenegger hat Angst vor jenen Momenten, Angst vor der Ruhe, vor der Einsamkeit – und vor der inneren Leere. Diese Leere verdrängen Menschen mit Traumata vielfach durch exzessives Verhalten. Oft trinken oder arbeiten sie übermässig viel. So So erkennen Sie Anzeichen der Arbeitssucht auch Sturzenegger: Sie trank 18 Jahre lang, weil sie die stechenden blauen Augen ihres Pflegevaters vergessen wollte. Und nachdem SturzenegVerleugnung: Viele leugnen ihre Arbeitssucht – oder deren mögliche ger ihre Alkoholsucht überwunden hatte, stürzte sie sich in die Arbeit. negativen Auswirkungen. Sturzeneggers Weg in die Arbeitssucht ist kein untypischer: ArbeitsZwanghaftigkeit: Arbeitssüchtige wollen nicht arbeiten, sie müssen. abhängige leiden oft an Mehrfachsüchten und sie haben eben oft auch Sie arbeiten aus einem inneren Zwang heraus. Sie sind nicht fähig, etwas zu verarbeiten, ein Trauma, ein Erlebnis. Neben diesen inneren ihr Leben alleine zu verändern. brauche es aber immer auch äussere Faktoren, erklärt Hell. Nur unter Mangelnde Selbsteinschätzung: Arbeitssüchtige wechseln oft bestimmten äusseren Umständen verlagert sich ein Suchtverhalten – zwischen Über- und Unterschätzung. Sie halten sich manchmal für und schlägt sich in der Arbeitsweise nieder. Hell hält die Schweiz für eiperfekt, manchmal für komplett unfähig. nen besonders guten Nährboden für Arbeitssucht. Dass sich ausgerechAussenorientierung: Arbeitssüchtige wollen für ihre Arbeit geliebt net hierzulande viele Menschen in ihre Arbeit stürzen, ist für ihn kein werden. Zufall. Die Arbeit habe in der Schweiz einen sehr hohen Stellenwert. Unfähigkeit zu entspannen: Arbeitssüchtige können kaum entspanHell ist überzeugt: Unser Arbeitssystem fördert die Arbeitssucht. nen, denken fortwährend an ihre Arbeit. Mehrfachsucht: Die Arbeitssucht wird oft von anderen Süchten Keine Zeit für Freunde begleitet. Die Schweizer Wirtschaft will wachsen, immer weiter, immer mehr. Was es bei den Symptomen zu beachten gilt: Die Arbeitssucht ist Und das auf einem sehr hohen Entwicklungsniveau – und mit stagnienicht trennscharf von «arbeitsbedingter Depression» oder vom render oder gar sinkender Arbeitsproduktivität. In der Schweiz ist die «Burnout» zu unterscheiden. Eine abschliessende Liste mit SymptoProduktivität seit der Jahrtausendwende nämlich nicht nur langsamer men gibt es nicht. Es muss immer der Einzelfall geprüft werden. gewachsen, sondern in den vergangenen Jahren gar gesunken. Auf den Unternehmen, die ständig wachsen wollen, lastet ein hoher Druck. Und Mehr Infos unter: www.arbeitssucht.ch SURPRISE 303/13

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Integration im Garten Schnecken statt Heuschrecken Ein Schrebergarten bringt Freude und Zeitvertreib. Doch Flüchtlinge müssen draussen bleiben. Hier hilft ein Projekt von Heks. Dank dem Hilfswerk kam auch die Familie von Mohamed Zeky Ramadan zu einem Garten. Dort lernen die Syrer den Umgang mit Mittagsruhe und Tomatenhäuschen. VON MICHAEL GASSER (TEXT) UND DOMINIK PLÜSS (BILDER)

fall. Und der kam in Form der ältesten Tochter, Sibel. Die Zehnjährige brachte aus der Schule ein Schreiben der Deutschlehrerin nach Hause, das Ramadan zwar nicht ganz verstand, das ihn aber neugierig machte. Der Brief handelte vom Familiengarten-Programm von Heks. Dank Vermittlung der Lehrerin kam Ramadan in Kontakt mit der damaligen Programmleiterin, Astrid Geistert. Und diese hatte auf dem Basler Milchsuppen-Areal gerade eine freiwerdende Parzelle. «Ich kam extra eine Stunde früher, ich wollte diese Chance auf keinen Fall verpassen», erinnert sich Ramadan. Man traf sich, tauschte sich aus, und bald zeichnete sich ab, dass ihm Heks den Familiengarten offerieren würde. Doch da der Pflanzplatz von den Vormietern länger nicht mehr gepflegt worden war, wollte man diesen erst in Schuss bringen. Ramadan mochte kaum warten, befürchtete, dass bis dahin schon wieder Winter werde. Und siehe da: Er und seine Familie durften «ihren» Garten rascher als geplant übernehmen, im Juni letzten Jahres. Ein Tag der unbändigen Freude. Entwickelt wurde die Idee von Schrebergärten für Flüchtlingsfamilien ursprünglich in den USA. Vor acht Jahren wurde sie – im Auftrag der Otto Erich Heynau-Stiftung – vom Heks aufgenommen und in der Regionalstelle beider Basel entwickelt und umgesetzt. Und das so er-

«Der Boden, der leidet im Winter», erzählt Claudia Müller. Ihre Zuhörerschaft: Eine Schar warm eingekleideter und trotzdem fröstelnder Frauen, deren Heimat nicht die Schweiz ist, es aber werden soll. Weshalb sie den Ausführungen der Fachfrau für biologischen Gartenanbau mit viel Ernsthaftigkeit und auch ein bisschen Staunen in den Gesichtern lauschen. Winter scheint für einige von ihnen ein noch gewöhnungsbedürftiges Konzept zu sein. Die Szene ist nicht neu, sie stammt aus der kalten Jahreszeit und aus einem halbstündigen Film von 2009: «Wurzeln schlagen» von Robert Achini. Im Fokus steht das Programm «Neue Gärten beider Basel», ins Leben gerufen vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz, Heks. Eine Parzelle in diesen neuen Gärten bewirtschaftet Mohamed Zeky Ramadan. Vor «zwei Jahren und sechs Monaten» sei er mit seiner Familie in die Schweiz geflüchtet, sagt der fünffache Familienvater, ohne eine einzige Sekunde nachzurechnen. Zurück in Syrien liess er nicht nur Vater, Schwester und Freunde, sondern auch sein Geschäft für Kinderkleider, sein Zuhause und seine ganze bisherige Existenz. Schon früher war das Leben für ihn, einen Kurden, alles andere als einfach, doch: Als sich in seiner HeiEine Erwerbsarbeit bleibt Mohamed Zeky Ramadan vorläufig mat 2011 der Bürgerkrieg abzuzeichnen beverwehrt. Trotzdem hat er seit einem Jahr geackert. gann, begannen auch die Entführungen, das folgreich, dass man das Programm unterdessen schweizweit verwirkErpressen und das Morden. Als Ramadan davon erzählt, kommen bei licht. Allein in den beiden Basler Halbkantonen werden mittlerweile 29 ihm nicht nur Erinnerungen hoch, sondern auch Tränen. Welche ihn ins Parzellen betrieben – gemeinsam mit Flüchtlingsfamilien. AsylsuchenStocken und die Stimme fast zum Versagen bringen. «Meine Nachbarin den, vorläufig Aufgenommenen und Personen mit Aufenthaltsbewilliwurde verschleppt, 20 Tage lang», sagt er und lässt Ungesagtes ungegung B ist es untersagt, selbst eine Familiengarten-Parzelle zu mieten. sagt. Ein Flugzeug donnert übers Areal, hin zum nahe gelegenen FlugDies übernimmt Heks, denn: «Die Teilnahme am Gartenprogramm erhafen Basel/Mulhouse, und zerreisst die Stille. möglicht den Flüchtlingen einen sinnvollen Zeitvertreib, da sie oft keiner Erwerbsarbeit nachgehen dürfen», wie das Hilfswerk schreibt. Der Traum vom eigenen kleinen Flecken Eine Erwerbsarbeit bleibt auch Ramadan vorläufig verwehrt. TrotzEigentlich wollten er und seine Familie nicht in die Schweiz flüchten. dem hat er seit einem Jahr geackert. Zusammen mit Haifa Hasan, seiner Weil die Schweiz, so seine Vorstellung, doch ein kleines Land sei und Frau, und den Kindern hat er das Dach des Gartenhäuschens wieder reals solches wohl nicht viele Leute aufnehmen könne. Doch Ramadan ist gendicht gemacht, Bodenplatten gelegt, gerodet, gejätet, gesät. Auch mit der Schweiz dankbar, dass sie ihm und seiner Familie Schutz gewährt. viel Unterstützung der neuen Programmleiterin von Heks, Christine Das drückt in praktisch jedem seiner Worte durch. Ihm ist wichtig, dass Giustizieri, und des Programm-Mitarbeiters Ruben Diem, einem Landman weiss, wie froh er ist, hier sein zu dürfen. Anders als in Syrien erschaftsgärtner und Sozialdiakon. «Meine Aufgabe ist es, den Überblick lebe er in der Schweiz keinen Rassismus. Viel habe er über das Land zu behalten», sagt Giustizieri. Sie kümmert sich darum, und das leidennicht gewusst, gesteht Ramadan. Was ihn fast ein wenig zu beschämen schaftlich, wie es den Programm-Teilnehmenden in ihrem Garten und in scheint. «Uhren, Schokolade. Und in meinem Laden führte ich auch Kinihrem Leben geht. Im Vordergrund stünde nicht zuletzt das Weiterverderspielzeug für die Badewanne. Aus der Schweiz!» Anderthalb Jahre mitteln integrationsfördernder Angebote. Da ein Schwimm-, dort ein hätten er und die Familie in einem Asylwohnheim zugebracht. In eher Sprachkurs oder ein Input zum Ergattern einer Lehrstelle. «Bei meinen bedrängten Verhältnissen, worüber Ramadan sich keinesfalls beschweBesuchen in den Gärten geht es darum, sich auszutauschen», so Giustiren möchte. Auch das ist ihm wichtig. Aber die Enge liess in ihm den zieri. Sie frage die Familien nicht etwa aus, doch wenn diese erzählen Wunsch nach einem Garten aufkommen. Wie daheim in Al-Hasaka, eiwollen, höre sie gerne zu. «Ich lasse da den gesunden Menschenverner Stadt im Nordosten Syriens. «Dort hatten wir mit dem Haus 950 stand walten.» Viele der Familien sorgten sich um ihren Status als AsylQuadratmeter.» So viele mussten es nicht sein, aber wieder einen eigesuchende oder um die Dauer des Verfahrens. «Aber natürlich geht’s nen kleinen Flecken zu haben, das war der Traum. auch häufig um reine Gartenfragen.» Was kann auf biologischer Basis Ein Traum, der jedoch alles andere als einfach zu erfüllen war. Denn gegen Drahtwürmer unternommen werden? Was gegen die Schnecken? von den Behörden in Allschwil gab’s ein Nein. Da half nur noch der ZuSURPRISE 303/13

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Das Gartenhäuschen ist zu hoch, darum greift Ramadan zur Säge.

«Unsere Kinder dürfen, müssen aber nicht mithelfen.»

Manchmal könne es auch zu kleineren Konflikten mit den Nachbarn oder den Vorstandsmitgliedern der Familiengartenvereine kommen. «Etwa, weil Kinder die Mittagsruhe nicht perfekt einhalten. Oder weil ein geplantes Tomatenhäuschen nicht völlig regelkonform ist.» So wie bei den Ramadans. Das Wellplastikdach, das sie bereits besorgt hatten, darf nämlich nicht verwendet und auch in Sachen Höhe muss zurückbuchstabiert werden. Der 34-Jährige nimmt die Anordnung mit freundlichem Lächeln und leisem Kopfkratzen entgegen. Und setzt seine Säge an. Wie steht doch in der Programmbeschreibung? «Ermöglicht wird eine Teilnahme am öffentlichen Leben im schweizerischen Alltag. Die sozialen Regeln des Zusammenlebens werden kennengelernt und angewendet.» Bisweilen staunt Ramadan. Übers Konzept von Familiengärten, das es in Syrien nicht gibt. Oder darüber, dass ihm hier niemand das Gepflanzte klaut. Sohn Ahmed (4) rennt durch den Garten und zurück, schnappt sich die letzte Erdbeere aus der Schale und grinst diebisch. «Unsere Kinder dürfen, müssen aber nicht mithelfen», erklärt Ramadan und lächelt seinen Nachwuchs geradezu gütig an. Wie um zu sagen: Die Kindheit ist kurz, allzu kurz.

Weil der Frühling ein nasser war, sprossen die Pflanzen bislang nicht wie erhofft. Und die Schnecken machten sich über alles, aber auch wirklich alles her. Jetzt, wo das Wetter wärmer wird, nimmt Ramadan einen erneuten Anlauf und sät zum dritten Mal Peperoni, Radieschen, Zucchetti, Rüebli, Kohl. «Und Eisbergsalat, den es in Syrien nicht gibt. Ebenso wenig wie Schnecken.» Dafür Heuschrecken. Zwei- bis dreimal die Woche sei er in seinem Garten anzutreffen, sagt Mohamed Zeky Ramadan. «Mindestens.» Und das, obschon die Familie mittlerweile in Muttenz, BL, eine eigene Wohnung hat. 15 Fahrminuten vom geliebten Garten entfernt, den man unbedingt behalten möchte. «Wir fühlen uns hier nicht nur wohl, wir können hier auch unsere Sorgen vergessen.» ■

Weitere Informationen: http://www.heks.ch/schweiz/beide-basel/neue-gaerten-beider-basel

Anzeige:

— www.theater-basel.ch, Tel. +41/(0)61-295 11 33 — 18

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BILD: HANS-JÖRG F. WALTER

Städtebau Das Mahnmal Basel präsentiert mit dem Messezentrum ein neues Wahrzeichen, das schon beim Bau für Kontroversen sorgte. Schmuck- und Kunstmesse waren bereits zu Gast, Ende Juni darf auch das Volk in den Neubau. Zu besichtigen gibt es ein Lehrstück in vielerlei Hinsicht.

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VON RENATO BECK

Nach ergebnislosen Gesprächen mit den zuständigen Amtsstellen, an denen Schiesser beschieden wurde, ruhig zu bleiben und die Problematik nicht überzubewerten, entschied sich die Unia dafür, in die Offensive zu gehen. «Uns wurde klar», sagt Schiesser, «dass es öffentlichen Druck braucht.» Eng begleitet von der Basler TagesWoche, die in umfangreichen Recherchen immer neue Missstände enthüllte, wurde die Mechanik eines, wertfrei betrachtet, cleveren Systems offengelegt. Vom Ostschweizer Generalunternehmer HRS ausgehend, der von der Messe mit dem Bau der Halle beauftragt worden war, hatten sich weitver-

Der Neubau des Basler Messezentrums hat sich wie eine riesige Sardine ins Kleinbasel gelegt. Scheint die Sonne, blitzt die schuppige Fassade der Stadt ins Gesicht, trägt der Himmel Wolken, verschwindet der gewaltige Korpus im Grau des Wetters. Böse gesagt: ein Schönwetterbau, die neue Messe. Gebaut jedenfalls wurde er, um den schönen Seiten des Lebens eine Bühne zu bieten, den Künsten an der Art Basel, die eben zu Ende gegangen ist, vor allem aber der Milliardenshow namens Baselworld. An der Klunkermesse Um Diskussionen vorzubeugen, verzichtete die Messe auf decken sich die Juwelen- und Uhrenhändler eine Ausschreibung und einen Architekturwettbewerb. dieser Welt mit den Neuigkeiten der Saison ein. Es die wichtigste Branchenschau in der zweigte Kaskaden von Sub- und Subsubunternehmern herausgebildet, Schweiz, einzelne Aussteller erzielen bis 90 Prozent ihrer Jahresumsätdie den 430-Millionen-Auftrag unter sich aufgeteilt hatten. ze während dieser einen Messewoche. Wie hoch die Profite für den MesDas System funktioniert so: Mit einem konkurrenzlos tiefen Angebot sebetreiber MCH Group sind, wird nicht offengelegt. Wie wichtig das angelt sich dabei ein Schweizer Unternehmen einen Teilauftrag, beiUnternehmen für die Region ist, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut spielsweise für Gipserarbeiten. Weil es mit seiner Kostenstruktur für den BAK Basel Economics vor ein paar Jahren errechnet: Fast eine Milliarde vereinbarten Preis niemals gewinnbringend arbeiten kann, gibt es den Franken fliessen jährlich in Basel und Umgebung. Die Baselworld ist so Auftrag weiter, behält aber eine Marge. So geht das immer weiter, bis am bedeutend, dass allein dafür die neue, mit reichlich Steuergeldern aliSchluss der Kette ein ausländisches Unternehmen oder sogenannte mentierte Halle her musste. Ohne, hiess es vor der entscheidenden Scheinselbständige stehen. Damit die Rechnung für alle aufgeht, werVolksabstimmung, würde sich die Baselworld nicht halten lassen. den diesen Arbeitern Tiefstlöhne ausbezahlt. Metallbauer aus Slowenien verrichteten ihren Job für fünf bis acht 40-jährige Praktikanten Euro pro Stunde, polnische Gipser für zwölf Euro. 40-jährige polnische Es ist die erste Stillosigkeit auf einer langen Liste. Der geflochtene Liftmonteure der Schweizer Firma Schindler wurden als Praktikanten Neubau der Stararchitekten Herzog & de Meuron gilt dank seiner Bauart ausgegeben und zu einem entsprechend tiefen Lohn beschäftigt. Die nicht nur als Lehrstück für die Schaffung von Raum, wo im Grunde keiMesse spielte derweil die Problematik beharrlich herunter und erklärner ist. Die Halle steht auch dafür, was passiert, wenn sich wirtschaftlite, als Bauherr dafür nicht verantwortlich zu sein – was juristisch korche und politische Macht zu nahe kommen. Die Arroganz, die diese Merekt ist. lange hervorbrachte, zeigte sich in der Wahl des Ortes. Die Halle musste Erst als von politischer Seite die Forderung laut wurde, die Messe mitten in die Stadt hineingebaut werden statt aufs angrenzende, damals müsse Verantwortung übernehmen und einen Teil der Auftragssumme brachliegende Erlenmattareal, und das in einem bislang ungekannten zurückbehalten, reagierte das Unternehmen. Und schickte CEO René Massstab in der kleinräumigen Stadt. Die Strassenachse vom Rhein zum Kamm ins Fernsehen. Gewerkschafter Schiesser erinnert sich daran Badischen Bahnhof wurde durch den Bau ebenso versperrt wie der freie nicht ohne Amüsement: «Das unsägliche Interview, schlechter konnten Messeplatz und die Ästhetik des nun teilweise verdeckten Messeturms. sie es nicht machen.» Der sichtlich genervte Kamm stand vor die KaAuch hier lautete die Begründung: Um mit der internationalen Konkurmera und sagte wörtlich: «Das ist die bestgeführte Baustelle, die die renz mitzuhalten, muss die Halle möglichst nah ran ans Zentrum. Schweiz je gesehen hat. Sie ist perfekt. Wir haben alles richtig geUm Diskussionen vor dem Bau vorzubeugen, verzichtete die MCH macht.» Kamm wirkte wie von einer anderen Welt – was auch dem VerGroup auf eine Ausschreibung und einen Architekturwettbewerb. Rechtwaltungsrat nicht verborgen blieb. Für eine Weile sah man ihn dann lich war das zulässig, der Anteil der öffentlichen Hand am Unternehmen nicht mehr in der Öffentlichkeit. In den Interviews, die er später gab, beträgt 49 Prozent, erst bei einer staatlichen Mehrheit wäre eine Auswurden keine kritischen Fragen mehr gestellt. Manchen Medien verschreibung Pflicht gewesen. In der Entscheidung enthalten war eine weigert er bis heute jedes Gespräch. Botschaft: Wir ziehen das Ding so durch, wie wir es für richtig halten. Dass es anders kam als geplant, liegt auch an Roland Schiesser, GeDie Bevölkerung muss draussen bleiben werkschaftssekretär der Unia. Er erinnert sich an den Bau: «Es war reAls dann aufflog, dass Dutzende slowenische Arbeiter nach wochenlativ schnell klar, dass das wichtig für uns wird.» Wegen des gewaltigen langer Schufterei ohne Gehalt nach Hause mussten, weil der AuftraggeVolumens, der knappen Termine, des Kostenrahmens, aber auch aufber pleite war, kam die Wende. Es war kurz vor Weihnachten, und die grund der engen Verstrickung der Messe mit der Politik. Schiesser Messe hatte Angst, dass die negativen Schlagzeilen überhandnehmen besuchte zusammen mit weiteren Unia-Gewerkschaftern regelmässig könnten. Sie bezahlte die ausstehenden Gehälter schliesslich aus der eidie Grossbaustelle, «und die Arbeiter fingen an zu erzählen.» Sie begenen Tasche. Später wies sie einen Lohndrücker gar von der Baustelle. stätigten seine Vermutungen, dass in grossem Stil verbindliche LohnDas Basler Lohndumping, das auf Schweizer Baustellen an der Tauntergrenzen nicht eingehalten wurden. Damit fing eine zähe, zuweigesordnung ist, wie Schiesser sagt, brachte der Unia einen grossen Sieg. len erbittert geführte Auseinandersetzung an. Am Schluss, nach der Das Parlament in Bern verabschiedete unlängst per Gesetz die SolidarFertigstellung, würden die Leute nicht staunend vor dem Bauwerk stehaftung. Unternehmen, die Aufträge weitergeben, werden künftig eine hen, sondern eingeschüchtert. Die neue Messe, als Symbol für die Mitverantwortung für ihre Subunternehmer tragen. «Erst die VorkommMacht des Unternehmens und die Schaffenskraft der Region gedacht, nisse beim Messe-Neubau haben das möglich gemacht», sagt Schiesser. würde zum Mahnmal werden.

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BILD: HANS-JÖRG F. WALTER

Der Riegel am Riehenring: Der Messe-Neubau dominiert das Ortsbild in Kleinbasel.

Campus ein eigenes Quartier geschaffen. Auf dem Gelände findet sich Doch während man national handelte, blieb es in Basel-Stadt, dem neben den von Weltarchitekten errichteten Labors und Büros alles, was Hauptaktionär der MCH Group, still. Die linksgrüne Regierung wollte es zum Leben braucht, allerdings nur für Mitarbeiter – die Bevölkerung störende Nebengeräusche um jeden Preis verhindern. SP-Volkswirtmuss draussen bleiben. Konkurrent Roche will dem nicht nachstehen schaftsdirektor Christoph Brutschin rief nach kritischen Artikeln erbost und versucht, Novartis mit einem wahnwitzigen Turm, der alles überauf Redaktionen an. Auf die eigenen Genossen übte er lange erfolgreich ragen wird, zu übertrumpfen – und die Messe hat dem Kleinbasel mit Druck aus, keinen parlamentarischen Vorstoss einzureichen. Als die seinem Neubau den Charakter genommen. Messe zum traditionellen Jahresabschlussessen der Parlamentarier lud, gingen sie alle hin, bis auf einen, den Grünliberalen Emmanuel Ullmann. Er wollte sich «Eine linke Regierung, die sich auf die Fahnen schreibt, nicht von einem Unternehmen ausführen laswirtschaftsnah zu sein, ist der schwierigste Gegner einer sen, das sich derart uneinsichtig gebärdet. Ein Gewerkschaft.» bisschen protestieren wollte er auch. Für ihn steht ausser Frage: «Die moralische VerantworAm 29. Juni, gut zwei Monate nach der Eröffnungsfeier, gibt es einen tung für das Lohndumping trägt auf jeden Fall die MCH Group.» Tag der offenen Tür für die breite Öffentlichkeit. Dann dürfen die AnDie Partnerschaft zwischen Politik, gerade auch linker, und den dowohner von innen sehen, was sie von aussen jeden Tag anschauen müsminanten Unternehmen funktioniert in Basel fast reibungslos. Die beisen. Früher sei es aus Termingründen nicht möglich gewesen, heisst es. den Pharmagiganten Novartis und Roche sowie die Messe kommen daDabei hätte die Messe mit einer zeitigen Einladung an die Bevölkerung bei in den Genuss einer Vorzugsbehandlung. Besonders wichtig ist der zeigen können: Schaut, wir sind manchmal auch nett. Aber das rentiert Regierung das Gedeihen der Messe, sie soll die Abhängigkeit von der halt nicht. Pharmaindustrie verringern. ■ Die enge Verzahnung ist auch Unia-Mann Schiesser aufgefallen: «Basel pflegt einen speziellen Umgang mit der Chemie und der Messe.» Wer harte Kritik äussere, bekomme zu hören, dass man in Basel nicht in so einem Ton miteinander spreche. «Eine linke Regierung, die sich auf die Fahnen schreibt, wirtschaftsnah zu sein, ist der schwierigste Gegner einer Gewerkschaft.» In Basel sind die Folgen dieser Politik für jeden sichtbar. Novartis hat sich im ehemaligen Arbeiter- und Hafenquartier St. Johann mit dem SURPRISE 303/13

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Wasser Marsch Das Haus, in dem ich wohne, ist 100 Jahre alt. Zeit, die Wasserleitungen zu erneuern. Dies wird gleich an der ganzen Strasse gemacht, was bedeutet, dass vor dem Haus monatelang gebaut wird. Baustellen machen nicht nur Lärm und Dreck, man kann auch interessante Phänomene beobachten. Zum Beispiel, dass bei Regenwetter Porsche-Offroader-Fahrer lieber aufs Trottoir ausweichen, wo die Schulkinder auf dem Heimweg sind, als durch die Baupfütze zu fahren und zu riskieren, dass das Auto dreckig wird, oder dass heutzutage die Rohre mit einer Art Monsterstaubsauger freigelegt werden und die neuen Leitungen mit Pressluft ins Haus geschossen werden. Bei Hightech dachte ich bisher eher an Computer oder die Raumfahrt, dabei scheint sich gerade in der StrassenbauTechnologie viel getan zu haben. Oder ich

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komme in das Alter, in dem man an Baustellen stehen bleibt und interessiert zuschaut. Richtig interessant war es, als das Wasser abgestellt wurde. Beim ersten Mal war es angekündigt, es war einfach, sich darauf vorzubereiten, indem man Eimer, Flaschen und Krüge füllte. Beim zweiten Mal versiegte das Wasser unangekündigt. Auch der Brunnen vor dem Haus lief nicht mehr. Ein kurzer Anruf beim Wasserwerk brachte die Erklärung, ein Rohr sei beim Graben beschädigt worden. Erst wenn nichts mehr aus dem Hahnen kommt, wird man sich bewusst, wie oft man ihn aufdreht. Wie schnell die Hände klebrig werden. Wie viel Wasser man braucht. Es gibt Menschen, die stundenlang zu Fuss gehen müssen, um Wasser zu holen. Laut WWF verbrauchen wir in der Schweiz pro Kopf und Tag 6082 Liter Wasser. Das, was aus dem Hahnen kommt, sind grad einmal 164 Liter, der Rest steckt in den Produkten, die wir konsumieren. Aber selbst auf diese 164 Liter zu verzichten, sich daran gewöhnen zu müssen, dass sie nicht mehr einfach fliessen, ist beinahe unvorstellbar. So war die Erleichterung gross, als das Wasser wieder floss. Wasser trinken, Tee und Kaffee kochen, Hände waschen, abwaschen, WCspülen, alles wieder ganz einfach. Es ist so selbstverständlich, dass man sich kaum Gedanken darüber macht, was es dazu alles

braucht. Wie viele Rohre, Reservoire, Kläranlagen. Wie viele Leute tagtäglich daran arbeiten, wie viel Geld das kostet. Egal ob es wochenlang regnet und Überschwemmungen drohen oder Dürre herrscht. Immer fliesst sauberes Wasser. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn die Wasserwerke hin und wieder einen wasserfreien Tag einführen würden. Nur damit wir nicht vergessen, wie wertvoll fliessendes Wasser ist. Wasser, das man trinken kann. Es gibt Leute, die sich damit brüsten, sie bräuchten den Staat nicht, dessen Leistungen ohnehin stets mangelhaft und ineffizient seien. Doch selten hört man, dass diese Leute die Wasserzufuhr kappen und das Wasser in Eimern vom nächsten Gewässer herbeischleppen, Latrinen und Sickergruben in ihrem Garten ausheben. Sie würden es wohl nicht lange aushalten. Andere wollen das Wasser privatisieren. Wahrscheinlich aber nur das saubere. Wahrscheinlich wird es dann teurer. Im Moment habe ich keine Ahnung, wie viel das Wasser kostet, das aus den neuen Leitungen fliesst. Aber ich freue mich – jedes Mal, wenn ich den Hahn öffne.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 303/13


Filmfestival Mehr als B-Movies BILD: ZVG

NIFFF, das Neuchâtel International Fantastic Film Festival, hat sich zur Institution gemausert. Und holt illustre Gäste in die Schweiz: Fantasy- und Science-Fiction-Schriftsteller Orson Scott Card zum Beispiel oder Cliff Martinez, den bevorzugten Filmkomponisten von Steven Soderbergh. VON MICHAEL GASSER

Michael Steiner findet fürs Neuchâtel International Fantastic Film Festival, kurz NIFFF, nur lobende Worte: «Es ist das einzige Festival der Schweiz, an dem man keine langweiligen Filme vorgesetzt bekommt.» Das Gezeigte würde die Zuschauer ohne Ausnahme unterhalten oder erschrecken, sagt der Regisseur, der mit seinen beiden letzten abendfüllenden Werken «Sennentuntschi» (2010) und «Das Missen Massaker» (2012) wohl genau jene Ziele verfolgt haben dürfte. Die künstlerische Leiterin des neuntägigen Events, Anaïs Emery, beschwichtigt im Interview, dass man vor dem NIFFF keine Angst zu haben brauche. Schon gar nicht vor den Filmen, selbst wenn diese öfters Horrorelemente beinhalten. «Unser Festival ist ein grossartiger Ort, um zu entdecken, was diese Filmgattung alles zu bieten hat.» Diese habe früher ein Nischendasein geführt, gibt Emery zu, inzwischen sei sie jedoch an allen wichtigen Filmfestivals vertreten. «Sogar in Cannes.» Was verdeutliche, dass das Genre längst in der hohen Kunst angekommen sei und nicht mehr nur sogenannte B-Movies produziere. «Ich empfinde das Prädikat B-Movie ohnehin als nichts Negatives», hält die Westschweizerin fest. Vielmehr sei es eine Spielart, die Filmemachern ermögliche, neue Erzählstrukturen auszuprobieren. «Als wir 2000 mit NIFFF begonnen haben, war damit fast ausschliesslich der Horrorfilm gemeint.» Inzwischen habe sich das Spektrum derart erweitert, dass ihr schwerfalle zu definieren, wo sich die Grenzen des Genres befinden. Zumal dieses nun gar die Form von Studiofilmen annehmen könne. «Dass sich das Ganze gerne im Graubereich zwischen Fiktion und Realität abspielt, ist sicher ein Merkmal des Fantastischen Films.» Eines, das auch den Wettbewerbsbeitrag des Zürcher Regisseurs Mathieu Seiler mitprägt. «Der Ausflug» beginnt mit einer idyllischen Landpartie, die nach einem Mittagsschläfchen abrupt endet: Maxim ist verschwunden, zurück bleiben seine blutverschmierten Kleider. Tochter, Frau und Schwägerin dringen auf ihrer Suche weiter in den Wald hinein. Doch das Rätsel löst sich nicht, es wird nur geheimnisvoller. Der Streifen agiert weniger mit Horror als mit den Mitteln des Surrealen. «Chimères», der zweite Wettbewerbsbeitrag aus der Schweiz, passt eher ins klassische Raster: Regisseur Olivier Beguin lässt seine Protagonisten, Livia und Alexandre, einen Unfall in Rumänien erleiden. Alexandre benötigt eine Bluttransfusion, er beginnt zu halluzinieren, und die Situation eskaliert. Ein Drama mit deutlichen Bezügen zum Horror. Angefangen habe das Festival, das stets viel Augenmerk aufs asiatische Filmschaffen legt, als Projekt von ein paar Freunden, erinnert sich Emery. Im dritten Jahr habe man 8000 Zuschauer gezählt, bei der vergangenen Ausgabe bereits über 29 000. Viele davon auch aus der Deutschschweiz. «Sie gehören mit zum Kern von NIFFF.» Die Grenzen des Wachstums hat man nach eigener Einschätzung noch lange nicht erreicht. «Wir möchten gerne die Grenze von 40 000 Besuchern knacken», SURPRISE 303/13

Action: Roland Klick (stehend) bei den Dreharbeiten von «Deadlock».

sagt Emery. Um dieses Ziel zu erreichen, werden zunehmend namhaftere Gäste geladen und das Filmangebot weiter ausgebaut. Fürs diesjährige NIFFF haben sich unter anderen Filmkomponist Cliff Martinez angekündigt sowie Fantasy-Schriftsteller Orson Scott Card oder der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Roland Klick, dessen Film «Deadlock» mit Mario Adorf in der Hauptrolle mit im Programm ist. Ganz speziell freut sich Anaïs Emery auf Larry Cohen, den 71-jährigen Filmproduzenten und Regisseur aus den USA. «Ein genialer Drehbuchautor, der immer noch neugierig ist und dessen Geschichten sowohl von Horror wie auch von Thrillern beeinflusst sind.» Bleibt die Frage, was der Fantasy-Film, der sich oft alter Mythen und Sagenfiguren bedient, für NIFFF bedeutet? Dieser dürfe auf keinen Fall mit dem Fantastischen Film gleichgesetzt werden, so die Festivalleiterin. «Er ist vielmehr ein Teil davon.» 2013 wartet das NIFFF mit über 100 Filmen auf, erstmals auch mit dokumentarischen. «Das gibt uns die Möglichkeit, die ganze Vielfalt des Fantastischen Films zu zeigen», freut sich Anaïs Emery. ■ Neuchâtel International Fantastic Film Festival: Fr, 5. bis Sa, 13. Juli. www.nifff.ch

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Kultur

Schlicht. Aber die Poesie ist bilderreich.

Auf eigenen Beinen: Alela Diane.

Buch Liebesklage am Teich

Musik Die Emanzipation der Alela Diane

Der iranische Autor Said macht aus der klassischen Story vom verlassenen Mann ein märchenhaftes Klagelied an einen Fisch.

Die Songschreiberin Alela Diane verarbeitet auf «About Farewell» ihre Scheidung. Das klingt nicht einfach nur traurig, sondern zeigt auch eine junge Frau auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben.

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON RETO ASCHWANDEN

«Ich habe niemanden ausser dir», sagt er. «Ich brauche meine Freiheit, sonst gehe ich ein», erwidert sie weinend und verlässt ihn. Zwei Sätze mit Gewicht und Sprengkraft, die am Ende einer Beziehung stehen, die doch eigentlich eine glückliche war. Oder nicht? Von nun an geht der Verlassene immer wieder in den Garten und besucht «le phung», den Fisch mit dem vietnamesischen Namen, den er und sie einst gemeinsam in den Teich gesetzt haben. Dort klagt der Einsame sein Leid und erinnert sich an die verlorene Geliebte, die er nicht vergessen, von der er sich nicht befreien kann. Er ruft Rituale, Scherze, Berührungen wach, lässt all die Gesten und Blicke, die Nähe und die Vertrautheit, die ihre Liebe so besonders gemacht haben, auferstehen, das langsame Zueinanderfinden und die gemeinsame Sprache ihrer Liebesverschworenheit. Und immer wieder das plötzliche Ende, das Verlieren der Liebe, den Schmerz, das Unverständnis – ein einsames Klagelied, das auf eigenartige Weise auch ein Duett ist, weil vieles, was die Frau gesagt hat, noch einmal gesagt wird, als wäre das Vergangene allgegenwärtig. Der Liebes- und Schmerzensgesang des nach Deutschland emigrierten und vielfach ausgezeichneten iranischen Autors Said ist ein nicht versiegender Bewusstseinsstrom, ein Dialog auch mit der Abwesenden, der jeden Satz, jeden Blick, jede Berührung auf die Goldwaage legt, und nicht zuletzt ein Gedicht, mal in lyrischen Bildern gehalten und dann wieder von einer plötzlichen Direktheit, die überrascht, etwa in den unverblümten Schilderungen leidenschaftlicher Liebesakte. Diese Leidenschaft, die nicht erkalten will, sucht sich schliesslich ein Ventil. Schleichend wandelt sich das lyrische Parlando zur konkreten Opferhandlung. Als müsste er das Verlorene, das Leid und das zu viel Gesagte aus der Welt schaffen, holt der Mann den Fisch aus dem Teich, lässt ihn auf dem grünen Rasen verenden, nimmt ihn aus und verspeist ihn, wie in einem letzten, archaischen Akt der Aneignung. Ein vergeblicher Akt, selbst in der märchenhaften Welt der Poesie, in der man zu den Fischen sprechen kann.

Ein bisschen seltsam wirkt es schon, wenn es heisst, Alela Diane kehre mit ihrem neuen Album zurück zu ihren Anfängen, denn die Folkmusikerin ist gerade erst 30 geworden. Mit «About Farewell» legt sie allerdings bereits ihr viertes Album (nebst einigen Kollaborationen) vor. Karg wie auf dem Debüt «The Pirate’s Gospel» klingen die Arrangements und lassen viel Raum für diese Stimme, die berührt, gerade weil sie Distanz wahrt. Die Texte thematisieren Dianes gescheiterte Ehe. Mit der Verarbeitung des eigenen Lebens in Liedern stellt sich die Amerikanerin in die Tradition der «confessional songwriters». Wer das tut, entblösst sich und wird angreifbar. Und so war Alela Diane ein leichtes Opfer, als die Intellektuellen-Poppostille Spex das Folk-Revival thematisierte. Sehr gelobt wurden dabei die Schwestern Sierra und Bianca Casady, die als Duo Coco Rosie mit aufgemalten Schnurrbärten Geschlechterrollen dekonstruieren. Das gilt als emanzipatorisch, klingt aber blöderweise nervtötend. Alela Diane hingegen wurde von Spex als Beispiel für ein neues Biedermeier angeführt, weil sie zur Akustikgitarre von der Liebe singt. Dabei lässt sich die Karriere von Alela Diane als Emanzipationsgeschichte lesen. Auf der ersten Europatournee wurde das Scheidungskind von Hippie-Eltern vom Vater an der Gitarre begleitet, bei der letzten Konzertreise stand neben dem Papa auch der Gatte auf der Bühne. Dadurch wirkte die Sängerin wie ein Mädchen zwischen starken Männern. Nun aber strampelt sie sich frei. «About Farewell» (dt. «Über den Abschied») trägt sein Thema schon im Titel: Es ist eine Platte von leiser Trauer, aber ohne Larmoyanz, und enthält mit «The Way We Fall» und «Hazel Street» zwei der gelungensten Stücke dieser hochbegabten Songschreiberin. Vielleicht wird dieses Scheidungsalbum ja zum Befreiungsschlag. Der Ehemann ist weg und die Plattenfirma auch, denn «About Farewell» erscheint auf Dianes eigenem Label. Sollte bei den anstehenden Auftritten auch der Papa fehlen, dürfen wir davon ausgehen, dass Alela Diane nun auf eigenen Beinen steht.

Said: Parlando mit Le Phung. Steidl Verlag 2013. 25.90 CHF.

Live: So, 14. Juli, 21 Uhr, Bad Bonn, Düdingen FR; Mo, 15. Juli, 21 Uhr, Bogen F, Zürich.

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Alela Diana: «About Farewell» (Rusted Blue Records/Irascible)

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

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Schweizer Tropeninstitut, Basel

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velonummern.ch

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

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Applied Acoustics GmbH, Gelterkinden

DVD Im verrutschten Kleid

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Buchhandlung zum Zytglogge, Bern

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hervorragend.ch, Kaufdorf

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Kaiser Software GmbH, Bern

«Bumblefuck, USA» handelt vordergründig von Schwulen und Lesben. Der Film erzählt aber auch von der Suche nach wahren Gefühlen in flirrender Stimmung.

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Velo-Oase, Erwin Bestgen, Baar

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Coop Genossenschaft, Basel

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Cilag AG, Schaffhausen

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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Novartis International AG, Basel

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Solvias AG, Basel

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Ernst Schweizer AG, Metallbau, Hedingen

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confidas Treuhand AG, Zürich

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ratatat – freies Kreativteam, Zürich

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G.A.T.E.S., Hôteliers & Restaurateurs SA, Basel

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Claude Schluep & Patrick Degen, Rechts-

Alexa bringt Jennifer mal kurz den Kaffee vorbei.

VON DIANA FREI

Am Anfang steht Matts Selbstmord, kurz und bündig. Und die Frage, was ihn dazu getrieben haben könnte. Aber vor allem geht es um die gesellschaftliche Befindlichkeit im gemütlichen Bumblefuck, zu deutsch: am Arsch der Welt. Matt war ein Studienfreund von Alexa und sie, die Niederländerin, reist nun ins hinterste Iowa, um in Interviews zu ergründen, wie es hier ist, homosexuell zu sein wie Matt. Die echten Interviews, die Cat Smits, Darstellerin von Alexa und Co-Autorin des Films, geführt hat, sind in die fiktive Handlung eingestreut. In seinem ruhig fliessenden Rhythmus und dem beobachtenden Gestus ist «Bumblefuck, USA» ein Film über (keineswegs nur die sexuelle) Orientierung im Leben, über Erwartungen und Selbstakzeptanz. Alexa kommt ihren Gefühlen auf die Schliche, nachdem sie anfangs recht unterkühlt auftritt und – stets mit einem über die Schulter gerutschten Träger – ihre Wirkung ausprobiert. Den einen nimmt sie mit ins Bett, den anderen lässt sie fies abblitzen und schliesslich flirtet sie die Künstlerin Jennifer an, die verständlicherweise nachfragt: «Spielst du jetzt lesbisch?» Das ist keine stürmische Liebesgeschichte, sondern ein Erproben, wie sich das Leben und die Liebe anfühlen. Alexa hängt mit Jennifer auf der Müllhalde herum, um ein glänzendes Irgendwas für eine Skulptur zu suchen. Sie durchstöbert mit ihrem Vermieter Lucas den Abstellraum nach einem Fahrrad, damit sie ihre eigenen Wege nehmen kann. Die Kamera fährt durch die Vorstadtidylle. Es ist ein Suchen, ein Vortasten und vielleicht auch ein Finden, das den Film prägt. Auch wenn der Auslöser für den Film der Selbstmord seines schwulen Cousins war, mit dem der Regisseur wie ein Bruder aufgewachsen war: Aaron Douglas Johnston hatte keinen weinerlichen Betroffenheitsfilm im Sinn, sondern interessiert sich für Aussenseiterpositionen. Bevor er eine Filmausbildung in Amsterdam begann, hatte der 35-Jährige bereits ein Soziologiestudium abgeschlossen. Einer seiner Kurzfilme beschäftigt sich mit Asylsuchenden in den Niederlanden, und mit seinem ersten Langspielfilm beweist er erneut sein Gespür für soziale Inakzeptanz.

anwälte, Bern 19

homegate AG, Adliswil

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Sprenger & Partner Bauingenieure SIA USIC, Arlesheim

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Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Fischer + Partner Immobilien AG, Otelfingen

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IBP – Institut für Integrative Körperpsychotherapie, Winterthur

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Knackeboul Entertainment

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Aaron Douglas Johnston: «Bumblefuck, USA», US/NL 2011, 90 Min., Edition Salzgeber, Englisch mit deutschen Untertiteln, mit Cat Smits, Heidi M. Sallows, John Watkins u. a. www.bumblefuckusa.com SURPRISE 303/13

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Ausgehtipps

Weiss war früher bei Brautkleidern nicht angesagt.

Oberhofen BE Ja, ich will Nicht nur das Singletum hat heute Hochkonjunktur, siehe Ausgehtipp Werdinsel, auch heiraten ist wieder schwer in. Dem Zeitgeist entsprechend muss der grosse Tag natürlich individuell und originell gestaltet sein. Wie wär’s mit Retro? In der Fotoausstellung im Märchenschloss in Oberhofen am Thunersee kann man sich Inspiration holen und sich gleichzeitig historisches Wissen über den schönsten, wichtigsten oder schwierigsten Tag im Leben holen. So ist auch ein Duplikat des Hochzeitskleids von Königin Viktoria zu bestaunen, die im Jahr 1840 – ganz entgegen den damaligen Konventionen – in Weiss heiratete. (fer)

Alle auf einem Blechhaufen und doch jeder für sich.

Saalschutz sind auch draussen ein sicherer Wert.

Pratteln Fummelkino

Zürich Schöne Ruhestörung

Autokinos erging es in Europa nicht besser als anderen Produkten des American Way of Life. Ihnen wurde mit Skepsis und Ablehnung begegnet. Befremdet beschrieb etwa der Spiegel 1954 die ersten Versuche in Europa: «Die dauerhaftesten Besucher waren Teenager, die den Kino-Parkplatz als Knutschwiese mit akustischer und optischer Untermalung missbrauchten.» Ein paar unverbesserliche Cineasten geben dem Autokino diesen Sommer eine zweite Chance. Auf dem Pratteler Sprisse-Areal bieten sie eine kleine Zeitreise an. Zu Klassikern wie «Easy Rider» oder «Shining» liefern Rollergirls und Popcorn-Boys Snacks und anzügliche Nostalgie direkt ans Autofenster. Der Ton wird übers Autoradio zugeschaltet. Bei einem kooperierenden Autoverleih lässt sich das Elektrovelo gegen Gebühr gegen einen Mustang eintauschen. Sinnlicher als jedes Multiplex. (reb)

Der Lindenhof ist einer der hübschesten Flecken von Zürich. Leicht erhöht sitzt man im Schatten der Bäume und blickt auf Limmat und Altstadt oder sinniert darüber, was sich hinter den Mauern des Freimaurer-Gebäudes in der hintern Ecke des Platzes abspielen mag. Am ersten Juli-Wochenende wird die beschauliche Ruhe, für die man die Anlage normalerweise schätzt, für einmal gestört. Aufs Schönste gestört wohlgemerkt. Dafür sorgen die Fest-Organisatoren Helsinki und Stolze Openair, zwei Konzertveranstalter, die den guten Geschmack quasi abonniert haben. Und so rumpelt Kalabrese mit seinem Orchester, die Peacocks laden zum Rockabilly, Saalschutz zum Tanz und Stiller Has zum Zuhören. Mit Maxim und Tubbe gibt es zudem zwei deutsche Acts, die sich zu echten Entdeckungen mausern könnten. (ash) Lindenhoffest, Fr, 5. bis So, 7. Juli, Zürich.

«Cinema Drive-In», jeweils Freitag- und Samstagabend vom 12. Juli bis 3. August. Zwei Vorführungen pro Abend. Lohagstrasse 14, Pratteln (unmittelbar nach der Autobahnausfahrt Pratteln). Programm und Preise unter www.cinema-drive-in.ch

Anzeige:

«Der schönste Tag. Hochzeitsfotografie vom 19.–21. Jahrhundert», Mo 14 bis 17 Uhr, Di bis So 11 bis 17 Uhr, noch bis 13. Oktober, Schloss Oberhofen am Thunersee.

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2013 PROLITTERIS, ZURICH BILD:

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Junggeselle? Familie? Auf jeden Fall Tarzan.

Paul Klee, Perseus (der Witz hat über das Leid gesiegt), 1904

Zürich Junggesellen im Flussbad

Bern Lachen statt weinen

Ein Badibesuch ist zwangsläufig auch eine Fleischschau. Aber sehen wir den halbnackten Körpern an, ob und wie oft sie Berührungen von anderen erfahren? Dieser Frage widmet sich die freie Theatergruppe Mercimax mit dem Stück «Junggesellen», und zwar passenderweise auf der Werdinsel, die zu den beliebtesten Plätzchen für paarungswillige Zürcher zählt. Ein Theater im engeren Sinn sollte man nicht erwarten, denn es handelt sich um «eine sommerliche Installation zum Thema Freiheit und dem Junggesellenleben als Option». Was das genau bedeutet, können wir nicht sagen – was wir aber wissen: Die Aufführung dauert 20 Minuten, findet im Halbstunden-Takt statt und bietet jeweils nur Platz für drei Personen. Darum sollte vorgängig reserviert werden. Klingt ein bisschen mysteriös und ziemlich spannend. (ash)

Geschlechterkampf, Krieg und Machtgerangel: Die Auswüchse menschlicher Schwächen sind oft zum Heulen. Besser aber, man lacht darüber. Die wohl eleganteste und bestimmt die erhebendste Form der Gesellschaftskritik ist die Satire. Dies erkannte Paul Klee schon in jungen Jahren: Satirische Zeichnungen und Karikaturen waren die prägenden Elemente seines frühen Schaffens. Wie die Sonderausstellung im Zentrum Paul Klee zum Thema zeigt, behielt der Schweizer Maler seinen ironischen Blick auf die Welt auch später bei, sei es zum Verhältnis der Geschlechter, zu Macht und Politik, Krieg und Militarismus, Religion und Frömmelei oder zur Tierwelt als Spiegel menschlicher Verhaltensweisen. Neben Werken von Klee sind auch Arbeiten seiner Zeitgenossen Honoré Daumier, James Ensor, Lyonel Feininger und Alfred Kubin zu sehen. Dazu lässt sich in einer Lesezone mit Zeitschriften wie dem Simplicissimus erfahren, wie und gegen was vor gut 100 Jahren mit der Waffe des Humors gekämpft wurde – ein erhellender Einblick, nicht ganz frei von Parallelen zur Gegenwart. (fer)

«Junggesellen – eine sommerliche Installation», Flussbad Höngg, Werdinsel, Zürich. Diverse Daten im Juli und August, Infos und Reservation: www.mercimax.ch

Zürich Bewegtes Sommerkino

«Satire – Ironie – Groteske», Di bis So 10 bis 17 Uhr, noch bis 6. Oktober, Zentrum Paul Klee.

BILD: BEATRICE JÄGGI

Vor 30 Jahren fand das älteste Openair-Kino in Zürich zum ersten Mal statt, in bewegten Zeiten. Ein guter Anlass für die Rote Fabrik, wieder einmal ein politischeres Sommerprogramm über den Projektor rattern zu lassen: Alison Klayman zeigt in ihrem erfrischenden Filmporträt «Ai Weiwei – Never Sorry» einen anklagenden, aber heiteren Ai Weiwei. James March wiederum dokumentiert in «Man on Wire» einen Hochseilakt, der ein Verbrechen darstellt. Denn der Artist konnte sämtliche Sicherheitsvorkehrungen umgehen, als er 1974 eine Stunde lang ohne Netz und Sicherheitsgurt zwischen den Twin Towers balancierte. Den Iraner Mani Haghighi kennen wir spätestens seit seinem letztjährigen Film «Modest Reception», und die Rote Fabrik zeigt nun «Men at Work» von 2006 – auch bereits eine Erzählung in der Tradition des absurden Theaters, eine Metapher über Verrat, Niederlagen und Hoffnung. Abgesehen von diesem Spielfilm gibt’s viel Dokumentarisches am See. Einiges zum Wiedersehen, anderes neu zu entdecken. (dif) «30 Jahre bewegt – Film am See», Do, 4. Juli bis Do, 29. August, jeweils am Donnerstag ausser in der Woche vom Sa, 3. August, 21.30 Uhr, Rote Fabrik Zürich. www.rotefabrik.ch SURPRISE 303/13

Openair-Kino in der Roten Fabrik: Hier rattert ein Grossteil der Filme noch.

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Verkäufer international «Ich habe nur noch meine Oma»

BILD: ZVG

Patrick Jansen verkauft die Strassenzeitung fiftyfifty in Düsseldorf. Als Jugendlicher war er Graffiti-Künstler, doch Probleme daheim und ein Umzug warfen ihn aus der Bahn. Drogen, Kleinkriminalität und die Ansteckung mit HIV waren die Folge. Heute ist der 33-Jährige clean. Die Kunst hilft ihm, abstinent zu bleiben und gibt ihm eine Perspektive. VON ANA BERKIN

«Schon in der dritten Klasse habe ich die Graffiti-Kunst für mich entdeckt. Als ich dann auf die weiterführende Schule kam, ging es richtig los: Man zeigte sich untereinander Bilder und sprayte gemeinsam – hatte einfach Spass. Meine Schulzeit war insgesamt sehr schön, ich spielte Schlagzeug in einer Band und hatte gute Freunde. Das Problem lag zuhause. Gegen aussen waren wir dem Anschein nach eine gute Familie, in der alles in Ordnung war. Tatsächlich war es alles andere als das: Meine Eltern haben mir fast nichts erlaubt, ich durfte keine Freunde mit nach Hause bringen, und woanders übernachten war auch nicht drin. Ich weiss bis heute nicht, was sie damit bezwecken wollten, genützt hat es jedenfalls nichts, im Gegenteil. Wäre mir nicht so vieles verboten worden, wäre einiges anders gelaufen. Kurz vor meinem Hauptschulabschluss (entspricht der abgeschlossenen Sekundarschule in der Schweiz, Red.) kamen meine Eltern auf die tolle Idee, von Düsseldorf nach Neuss zu ziehen. Ich war erstmal total geschockt, denn ich wollte nicht von meinen Freunden weg und alles Gewohnte verlassen. Doch eine Wahl hatte ich nicht, meine Eltern hatten alles schon genau geplant. So kam ich also nach Neuss. Nach gerade mal zwei Wochen sind wir auf Klassenfahrt gefahren – das war schrecklich, denn wirklich Anschluss hatte ich in der kurzen Zeit noch nicht gefunden. Ich vermisste meine Düsseldorfer Freunde und die gewohnte Umgebung. Trotzdem schaffte ich in Neuss meinen Abschluss, und kurz darauf konnte ich ein Praktikum als Schauwerbegestalter machen. Das war meiner Meinung nach das einzig Gute, das der Umzug mit sich gebracht hat. Es stellte sich heraus, dass mir dieses Handwerk lag. Man versprach mir, dass ich nach sechs Monaten am Praktikumsort eine Ausbildung machen könne, doch als die Zeit um war und ich nachfragte, hiess es plötzlich, ich bekäme keine Ausbildungsstelle und müsse gehen. Ungefähr zu dieser Zeit, da war ich 17, kam ich ins Heim, weil es zuhause einfach nicht mehr ging. Im Heim kam ich in Kontakt mit Heroin. Nach dem Praktikum habe ich vieles gemacht, vom Müllmann bis Sperrmüll-Entrümpler, aber nicht zuletzt durch meine Sucht war das alles nicht von Dauer. Da ich Geld für die Drogen brauchte, ging ich es beschaffen: Ich klaute alles, was sich zu Geld machen liess. Meine erste längere Haftstrafe bekam ich mit 19. Wegen meiner Sucht konnte ich statt ins Gefängnis in eine stationäre Therapie gehen. Dadurch ging es mir eine Zeit lang einigermassen gut, doch als ich entlassen wurde, fing alles wieder von vorne an. Nur mit einem Unterschied: Ich bekam die

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Diagnose HIV-positiv. Ich entschied mich, offen damit umzugehen, doch dadurch blieben mir viele Türen verschlossen, gerade bei der Arbeitssuche wurde es ganz schwer. Mit der Zeit wandten sich alle von mir ab, auch die, die gesagt hatten, sie stünden zu mir. Meine besten Freunde und meine Familie zogen sich zurück. Die Einzige, die ich noch habe, ist meine Oma. Ich helfe ihr, wo ich kann und kann umgekehrt immer auf sie zählen. Seit Juli 2008 verkaufe ich nun die fiftyfifty, ich bin jetzt sauber und mache alles, was die ARGE (eine staatliche Arbeitsgemeinschaft, die Unterstützung bezahlt und Jobs und Fortbildung vermittelt, Red.) mir anbietet. Ich lebe mit meinen zwei Katzen zusammen in einer kleinen Wohnung und soweit geht es mir gut. Malen tu ich immer noch, jetzt mit Pinsel und auf Leinwand, und wenn ich genug Bilder zusammenhabe, kann ich sie in der fiftyfifty-Galerie ausstellen. Ich blicke nach vorne, denn was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern.» ■ www.street-papers.org Fiftyfifty – Deutschland SURPRISE 303/13


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, U-Abonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

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Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Datum, Unterschrift 303/13 Bitte heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Reto Aschwanden (Nummernverantwortlicher), Florian Blumer, Diana Frei, Mena Kost redaktion@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Amir Ali, Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Renato Beck, Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Isabelle Bühler, Andrea Ganz, Michael Gasser, Dominik Plüss, Karin Scheidegger, Christian Schiller, Adrian Soller Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 15000, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Christian von Allmen

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat (Medien), David Möller (Sportcoach) l.biert@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen. SURPRISE 303/13


Surprise Da läuft was Surprise Strassensport Rekordturnier in Olten Beim Sommerturnier in Olten konnte Surprise Strassensport erstmals 18 Fussballteams begrüssen, davon gleich vier Liga-Neulinge. Und die sorgten vor allem in der Kategorie B für Furore. Schnell Zug machte seinem Namen alle Ehre und stand im Finale gegen die Barracudas aus Frenkendorf kurz vor dem Turniersieg. Doch in der zweiten Halbzeit glichen die Baselbieter einen 4:7-Rückstand aus und siegten schlussendlich im Penaltyschiessen. Im A gab es im Finale den Classico zwischen Züri Hoch 1 und den AFG Boys Basel. Die Basler konnten sich knapp durchsetzen. Wie ausgeglichen die Spitzenteams der Liga sind, sah man nach der Vorrunde, als sechs Teams punktgleich um den Einzug ins Halbfinale stritten. Da heisst es für alle heftig trainieren, wenn man beim nächsten Turnier, den Schweizermeisterschaften, was reissen will! Demselben Motto muss auch die neue Nationalmannschaft beim Homeless World Cup (HWC) im August folgen. In ihrem ersten Testspiel unterlag das neu formierte Team am Ende deutlich der Equipe, welche letztes Jahr die Schweiz am HWC in Mexico City vertrat. Aber der Weg nach Poznan in Polen ist noch lang. Das waren ja erst die ersten Schritte.

Mit vollem Einsatz: Der Strassenchor am Wildwuchs Festival in Basel.

Surprise Strassenchor Das Leben ist bunt!

Olivier Joliat, Medienverantwortlicher Strassensport

BILD: AZADA HUSSAINI

Alle Resultate: www.strassensport.ch

Sieger mit Sonnenbrillen: Die AFG Boys Basel.

Standaktionen Surprise vor Ort Surprise feiert vor Ort. Kommen Sie vorbei und feiern Sie mit! Wir feiern in diesem Jahr unser 15-jähriges Bestehen und möchten dies gerne gemeinsam mit Ihnen tun! Wir führen deshalb in verschiedenen Schweizer Städten Standaktionen durch. Wir laden Sie herzlich ein, an diesen Tagen bei uns vorbeizuschauen und sich überraschen zu lassen.

Am 28. Mai trat der Surprise Strassenchor zum dritten Mal im Rahmen des Wildwuchs Festivals auf dem Basler Kasernenareal auf. Die zwanzigköpfige Gruppe präsentierte in ihren bunten neuen T-Shirts Lieder aus vielen Ländern: englische songs und spanische canciones, Lieder von den Roma, aber auch solche mit schweizerdeutschen Texten. Unter der Leitung von Ariane Rufino dos Santos erklangen die Lieder mehrstimmig, manche boten Gelegenheit für ein kleines Solo oder für Improvisationen. Trotz des Regens war das Konzert sehr gut besucht. Das Publikum reagierte mit viel Sympathie und zuletzt mit anhaltendem Applaus auf die Darbietungen. Es war für alle ein unvergessliches Erlebnis! Ein weiteres Konzert gab der Strassenchor am 1. Juni, im Rahmen des Sommerfests bei Soup & Chill. Das neue Lokal, das für Leute eingerichtet wurde, die keine warme Stube haben, war beinahe voll. Die Sängerinnen und Sänger zeigten viel Enthusiasmus (etwa beim raffinierten Wechselgesang zwischen Frauen und Männern), Witz und Humor. Auch harmonisch spürte man, wie die Gruppe zusammenhält. Der rund einstündige Auftritt erfüllte die Darbietenden einmal mehr mit Lebensfreude und erwärmte auch den Zuhörerinnen und Zuhörern das Herz. Paloma Selma, Leiterin Strassenchor

Wiederaufnahme der Proben am 13. August. Folgende Aktivitäten sind danach geplant: 21. Aug.: Pasta & Film bei Surprise, 1. Sept.: Auftritt auf der Offenen Bühne, Basel, 7. Sept.: Auftritt am Begegnungsfest Integra13, Liestal, 22. Sept.: Auftritt am Basler Marathon, Barfüsserplatz, Basel

Die nächsten Daten: 3. Juli: Zürich, Limmatplatz, 10 bis 17 Uhr.

Weitere Informationen: p.selma@vereinsurprise.ch, 061 564 90 40 oder

18. Juli: Biel, Bahnhofstrasse, 10 bis 17 Uhr.

www.vereinsurprise.ch/strassenchor

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Von Aarberg bis Zuoz. Surprise gibt es beim Strassenhändler Ihres Vertrauens. Oder im Abo per Post.

24 Ausgaben für 189 Franken oder als Gönner-Abo für 260 Franken. Gutes lesen, Gutes tun und gleich bestellen! www.vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch, Spendenkonto PC 12-551455-3 Verein Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99