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Originalausgabe: Pasung jiwa, Jakarta 2012

CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek Madasari, Okky Gebunden Aus dem Indonesischen von Gudrun Ingratubun ISBN 978-3-944201-47-4 Š der deutschen Ausgabe 2015 by Sujet Verlag Umschlaggestaltung: Ina Dautier Satz und Layout: Dominique de Boer Lektorat: Jutta Himmelreich Korrektorat: Dominique de Boer Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen Printed in Europe 1. Auflage www.sujet-verlag.de


Okky Madasari

Gebunden

Stimmen der Trommel Roman

Aus dem Indonesischen von Gudrun Ingratubun


Der neue Jaka Eine Falle für die Seele

Dezember 1999

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er Wind brachte eine Nachricht vom Land. An Land, jenseits des Meeres, habe sich alles verändert. Suharto sei nicht mehr Präsident, die Soldaten hätten keine Macht mehr, alle Leute seien frei, das zu tun, was ihnen gefällt. Der Meereswind fiel mir in den Rücken. Er schien mir etwas zuflüstern zu wollen: „Hast Du keine Sehnsucht nach dem Land? Möchtest du nicht zurückkehren? Du bist doch kein Seemann. Kein richtiger Seemann, der zur See fährt, um dort seine Freiheit zu finden. Du bist doch vorübergehend an Bord gegangen, um dich im Heck kauernd zu verstecken. Für den wahren Seemann ist das Meer das Leben. Für dich hingegen ist das Meer nur ein Aufschub des Sterbens.“ Ich wollte zurück nach Hause. Ich hatte nichts mehr zu befürchten. Wenn Pak Harto und das

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Militär keine Macht mehr hatten, was konnten dann die Hunde der Fabrikwachleute noch ausrichten. Ich war schon zu lange auf dem Wasser. Nein, das Meer war wirklich nicht mein Leben. Ich hatte recht lange darauf gewartet zurückzukehren. Jetzt war die Zeit gekommen. Durch meine lange Zeit auf See kannte ich viele Schiffsleute. Und so konnte ich wählen: entweder nach Batam zurückzukehren oder auf einem Schiff anheuern, das nach Jawa fuhr, nach Jakarta. Von dort aus käme ich überall hin. Natürlich entschied ich mich für Jawa. In Batam hätte ich nur in der Fabrik arbeiten können. Und das war bestimmt nicht mein Wunsch. Ich wählte ein Schiff, das schwere Lasten transportierte. Es ging an jeder Insel entlang unserer Strecke vor Anker, bis wir schließlich Jakartas Hafen, Sunda Kelapa, erreichten. Nachdem ich fast drei Jahre lang zur See gefahren war, machte mich der Gedanke, nun wieder auf festem Land zu leben, ein wenig nervös. Noch dazu in einer Stadt wie Jakarta. Ich hatte nicht die Absicht, lange in dieser Stadt zu bleiben. Ich würde mich nur kurz hier aufhalten, und bald nach Hause fahren, nach Malang. Doch ich wollte nicht mit leeren Händen heimkehren. Ich plante, in Jakarta nur für eine kurze Weile zu arbeiten, um etwas Geld zu verdienen, das ich dann nach Hause mitbringen konnte. Wenn möglich, wollte ich einfach Straßenmusik machen. Damit Ar-

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beit sich nicht wie Arbeit anfühlte. Lange schon sehnte ich mich danach, wieder Musik machen zu können. Meine Finger forderten das schon seit geraumer Zeit, sie machten mir das Herz schwer. Ich streifte durch Jakartas Straßen, kreuz und quer. Ich wusste nichts über die Stadt, nur, dass Sasa aus ihr stammte. Ich hatte sie damals dazu gebracht, ihre Verbindung zu Jakarta abzubrechen. Ob sie jetzt wohl hier war? Ob sie noch lebte? Ah..., wenn ich selbst heute noch lebe, Sa, dann lebst du bestimmt auch noch! Von morgens bis abends unterwegs, erreichte ich schließlich ein sehr belebtes Stadtviertel. Ein großer Schriftzug und der meinem Ohr bereits vertraute Name: Tanah Abang. Selbst in den entlegeneren Gegenden Jawas kannte man diesen Namen. Hier wollte ich Station machen. Hier ließ sich bestimmt viel auf die Beine stellen. Hier würde sich auch ein Weg finden, wie ich möglichst schnell wieder anfangen konnte, Straßenmusik zu machen. An einem Wachhäuschen blieb ich stehen. Drei Männer saßen dort und unterhielten sich. Mich störte das nicht. Meine Augen wurden schon schläfrig. Meine Beine waren so kraftlos, dass sie keinen Schritt mehr weiter getan hätten. Ich sagte höflich: „Permisi!“, legte mich sofort hin und schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen. Als ich aufwachte, saßen bereits sieben Männer

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in dem Häuschen. Drei von ihnen hatte ich bei meiner Ankunft gestern Abend schon gesehen. „Wohin willst du, Bruder?“, wollte einer der Drei von mir wissen. Ich wusste keine Antwort und sagte schließlich: „Ich bin gerade aus Batam gekommen“ „Oh, du bist aus Batam?“, fragte ein anderer. Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin aus Malang. Habe eine Weile in Batam gearbeitet. Ich bin gerade frisch in Jakarta angekommen.“ „Suchst du Arbeit hier?“ Ich nickte. „Welche Art von Arbeit suchst du?“ „Egal was. Nur nicht in einer Fabrik. Da habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht.“ Alle schwiegen. Manche musterten mich von Kopf bis Fuß. Ich fragte mich, worauf sie hinaus wollten. „Frag ihn einfach, ob er bei uns mitmachen will“, sagte einer der Männer leise, aber doch so, dass ich es deutlich hören konnte. Der Angesprochene antwortete nicht gleich, sondern nahm mich wieder eindringlich in den Blick. „Welche Religion hast du?“, fragte er dann. Religion. Ich glaube, das hatte mich noch niemand gefragt. Ich hatte längst vergessen, welcher Religion ich angehörte. Wozu auch darüber Gedanken machen? Aber ich war mir sicher, dass ich eine hatte. Jeder hatte von Geburt an eine Religi-

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on. Zumindest, damit man etwas in den Personalausweis eintragen konnte? „Islam, Bruder“, antwortete ich. „Willst du bei uns mitmachen?“ „Bei was mitmachen, Bruder?“ fragte ich zurück. „Für die Sicherheit sorgen. Für die Religion, für den Staat. Für das Gute, für uns alle“, kam die Antwort mit Nachdruck. Mir blieb der Mund offen stehen. Hatten mich meine Ohren getäuscht? Oder waren diese Leute gerade betrunken? Oder wollten sie sich einen Scherz mit mir erlauben, sich über mich lustig machen? „Im Ernst“, sagte der Mann. „Wir nehmen gern junge Leute auf, die bei uns mitmachen wollen.“ Ich verstand immer weniger. „Am besten, du kommst einfach mit ins Hauptquartier. Dort kannst du wohnen, wenn du willst. Statt in einem Wachpostenhäuschen zu übernachten, so wie hier.“ Ich ging mit ihnen, vorbei am lebhaften Tanah Abang Markt. Dann bogen wir in eine kleinere Straße ein und erreichten bald ein großes Haus mit einem weitläufigen Vorhof. Das Haus grenzte direkt an eine große Moschee. Man bat mich herein. Es waren viele Leute dort. Einige plauderten, andere schliefen, wieder andere sahen fern. „Das ist unser Hauptquartier“, sagte der Mann, von dem ich später erfuhr, dass er Jali hieß. Jali stellte mich allen Leuten im Raum vor.

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„Wir sind hier schon wie Brüder. Wir arbeiten für das Gute. Das Glück kommt von selbst, ohne dass wir es suchen. Im Gegenteil: das Glück sucht uns“, sagte Jali und seine Worte wurden von seinen Kameraden mit einem Lachen bestätigt. „Die Leute hier kommen von überall her...Viele sind Betawi1. Aber es gibt auch Leute aus Sunda2, aus Mittel- und Ostjava. Wir nehmen Leute jeglicher Herkunft auf, wenn sie guten Willens sind und dasselbe Ziel haben wie wir.“ „Also, wie sieht‘s aus, möchtest du bei uns mitmachen?“, fragte Jali. Ich war verwirrt. Was sollte ich antworten? Alles, was Jali gesagt hatte, klang verlockend. Aber noch wusste ich nicht, welche meine Arbeit sein sollte, was für eine Aufgabe ich bekommen, wie viel ich verdienen würde. „Lass ihn doch erst mal Habib treffen, Jal!“, sagte ein Mann, der sich als Rois vorgestellt hatte. Während wir auf den Genannten warteten, holte Jali mir etwas zu Essen und zu Trinken. Er sagte, Habib würde nach dem Mittagsgebet hier eintreffen. Richtig, nicht lange nach dem Ruf zum Mittagsgebet, fuhren drei Autos auf den Hof. Das erste Auto war ein luxuriöser Kleinwagen, die beiden Folgenden offene Kleinlastwagen, auf deren Ladeflächen Leute standen. Jali und seine Freunde

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1 aus Jakarta stammend 2 Westjava 12


gingen ihnen sogleich entgegen und begrüßten sie. „Hier möchte sich uns jemand anschließen“, sagte Jali, als das offensichtliche Oberhaupt das Haus betrat: Ein ganz in weiß gekleideter Mann mit dichtem Vollbart. Dieser Mann lächelte und sagte dann: „Das Wesentliche bei uns ist, dass wir für das Gute kämpfen. Für unsere Religion. Für Allah. Dass muss dein Wille sein, wenn du mit uns gemeinsam dafür kämpfen möchtest.“ Ich fühlte mich geistig erfrischt, die Worte dieses Mannes zu hören. Was für eine Arbeit aber sollten wir konkret tun? Es schien um eine angenehme, wirklich sehr wichtige Arbeit zu gehen. Wenn das Ziel wirklich so gut war und ich garantiert genug zu Essen bekäme, warum sollte ich nicht einfach mal ausprobieren, was sie mir anboten? Man teilte mir ein Bett in einem Zimmer für vier Leute zu. Jali war einer von ihnen. Im hinteren Teil des Hauses lagen sechs Zimmer, aneinandergereiht wie in einem Hostel. Bei Sonnenaufgang hörte man den Gebetsruf aus der Moschee nebenan. Jali ermunterte mich, gemeinsam zu beten. Eigentlich wollte ich ablehnen. Ich hatte schon seit Jahren nicht mehr gebetet. Schon als Kind hatte ich höchstens am Zuckerfest oder beim gemeinsamen Gebet in der Schule gebetet. Ich beherrschte das Gebetsritual nicht. Ich hatte die Verse, die man dabei aufsagen muss, nie

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auswendig gelernt. Ich wusste noch nicht einmal, wozu das Gebet dienen sollte. Blas... Ich wollte nicht beten. Aber mein Mund war wie verschlossen. Und ich brachte es nicht übers Herz, Jali abzuweisen. So ging ich also auch mit zum Gebet, wobei ich alles imitierte, was die Leute in der Reihe vor mir taten, während sich meine Gedanken im Kreis drehten. Nach dem Gebet hielt Habib eine Predigt. Ihr Inhalt ähnelte dem, was ich kurz zuvor gehört hatte. Es ging darum, die Religion zu schützen, Allah zu schützen. Alles Menschenmögliche, für die richtige Sache zu tun. Alle zu bekämpfen, die sündigten und sich dem religiösen Gesetz widersetzten. „Wir müssen uns durchsetzen, wir müssen mutig sein. Uns allen entgegenstellen, die Allahs Gesetz verletzen“, wiederholte er unablässig. So oder so ähnlich sähe also meine Tätigkeit aus. Es gab im Tagesablauf dreimal zu essen. Wenn wir nicht gerade beteten oder das Rezitieren von Koranversen übten, gingen wir zum Tanah Abang Markt, verbrachten Zeit in dem Wachpostenhäuschen, wo wir uns zuerst getroffen hatten. Aber was sollte nun konkret meine Aufgabe sein? Wenn ich Jali das fragte, antwortete er entspannt: „Immer mit der Ruhe. Du wirst es noch herausfinden. Warte noch ein bisschen.“ Daraufhin fragte ich nicht wieder. Was hätte ich zu der Zeit auch sonst tun können? Für mich war

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es die Hauptsache, genug zu Essen und einen Platz zum Schlafen zu haben. Während ich wartete, würde sich die Gelegenheit ergeben, wieder an eine Gitarre heranzukommen und als Künstler zu arbeiten. Die täglichen Predigten verfehlten ihre Wirkung auf mich nicht. Ich fühlte ein heißes Brennen in meiner Brust, jedes Mal, wenn die Worte „sich widersetzen“, „mutig“, „ausrotten“ und „bekämpfen“ mit Feuereifer ausgesprochen wurden. Diese Flamme schlug noch höher, wenn Ausdrücke wie „für die Religion“ oder „für Allah“ hinzukamen. Ich fing an, viel über mich selbst nachzudenken. War es nun tatsächlich Zeit für mich, den rechten Weg zu finden, nachdem ich mein Leben lang nur sündige Dinge getan hatte? Vielleicht war das wirklich mein Weg, Gutes zu tun. Seht selbst, gerade hatte ich nur mal die Absicht, schon wurde mir der Weg geebnet. Ich konnte zur Ruhe kommen, musste nicht Hunger leiden und hatte einen Platz zum Wohnen. Genauso war es Jali und den anderen Kameraden ergangen. Auch sie waren vorher arbeitslos wie ich. Leute, denen es schwer fiel, selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Indem sie sich hier angeschlossen hatten, wurden ihre eigenen täglichen Bedürfnisse erfüllt, und sie konnten ihren Familien sogar monatlich etwas Geld schicken. Was wollte man mehr? Wir bekamen Geld, und obendrein die Gelegenheit, gute

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Taten zu vollbringen! Während ich im Hauptquartier wohnte, sah ich oft Gruppen von Polizisten und Soldaten kommen. Als ich sie zum ersten Mal sah, wurde mir himmelangst. Dieses Hauptquartier war nicht sicher. Wer hatte gesagt, das Militär sei entmachtet worden? Seht selbst, sie konnten noch hier ausund eingehen, wie es ihnen gefiel. Was wäre, wenn sie erführen, dass ich schon mal versucht hatte, in Batam einen Aufstand anzuzetteln? Wann immer Leute in Uniform erschienen, stand ich schnell auf, um mich in den Hinterräumen zu verstecken. Was, wenn sie immer wieder kämen? Ich wollte nicht für immer Katz und Maus spielen. Ich sprach Jali darauf an. Jali lachte, als er meine Frage hörte. „Entschuldige, ich habe vergessen, es dir zu erzählen. Sie beschützen uns sogar. Wir helfen Polizei und Militär bei ihrer Arbeit. Sie finanzieren uns, Jek!“ „Heute Abend findet eine Operation statt. Die haben sie angeordnet“, sagte Jali dann. „Das wird dein erster Einsatz sein, Jek. Sei vorsichtig.“ Jali brachte mir ein weißes Gewand und einen rotweiß karierten Turban. Diese Kleidung sollte ich später am Abend anziehen. Wie gewöhnlich hielt Habib nach dem Gebet zum Sonnenuntergang eine Predigt. Doch sie war diesmal anders als sonst. Die Predigt handelte von Anfang bis Ende nur von den Cafés, die Bier aus-

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schenken. Es wurden einige Cafés und Straßen namentlich erwähnt. Doch für jemanden vom Lande, wie mich, war es nicht einfach, sich diese Namen zu merken. Ich vergaß sie. Denn ich hatte sie nie zuvor gehört. Ganz gewiss aber nahm ich aus der Predigt mit, dass diese Orte eine Quelle der Sünde seien, die ausgelöscht werden müssten. Genau das sei unsere Aufgabe. Wir sollten das Gesetz Allahs verteidigen. Wir sollten uns mutig allem entgegenstellen, was nicht im Einklang mit dem Einzigen war. Die „Allahu akbar!“-Rufe wirkten wie Öl, das die Kohlenglut entfachte. Ich, unschlüssig wie ich war, fühlte mich plötzlich von Stärke und Verwegenheit durchdrungen. Alle Leute um mich herum wurden aggressiv und bereit, anzugreifen, was auch immer sich ihnen entgegenstellte. Jemand gab mir eine Machete. Jetzt waren wir alle bewaffnet. Schreiend kletterten wir auf einen offenen Lastwagen. Während der Fahrt reckten wir die Waffen in unseren rechten Händen in die Höhe, und riefen den Namen Allahs. Ein Gefühl des Stolzes schlüpfte in mein Herz. Ich war ein Held. Ich war ein stattlicher Krieger, der mutig in den Kampf zog, um den Herrn zu verteidigen. Der Wagen hielt vor einer Reihe Cafés, deren Musik bis auf die Straße zu hören war. Wir stiegen von der Ladefläche. Dann hörte man einen Schrei, von demjenigen, der heute Abend der Kommandant war: „Angriff!“ Die Leute in meiner Nähe beweg-

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ten sich schnell. Sie betraten ein Café, schlugen mit ihren Macheten die Flaschen und Gläser von den Tischen, brüllten die Gäste an, diesen verfluchten Ort sofort zu verlassen. Ich lernte all das schnell. Ich machte alles nach, was die Leute um mich herum taten. Die Bierflaschen, die noch ganz waren, zerbrachen unter dem Schlag meiner Machete. Die blinkenden Lichterketten und die Stereoanlage, die noch immer Musik spielte, gingen durch meine Hand kaputt. Mein Mund schrie pausenlos. Die Schreie hielten das Feuer in meiner Galle, dem Ort des Mutes, am Brennen. Von einem Café zogen wir ins nächste und erteilten an diesem Abend fünf Quellen der Unmoral eine Lehre. Den ganzen Rückweg über schrien wir Worte des Sieges, während wir unsere Waffen mit der rechten Hand über die Köpfe streckten. In unseren linken Händen hielten wir Flaschen mit Limonade, die wir aus den eigenhändig zerstörten Cafés hatten mitgehen lassen. Diese Getränke waren halal, also durften wir sie trinken. Außerdem hatten wir verschiedenste Speisen entwendet. Auch dieses Essen hatten wir aus den fünf zerstörten Cafés mitgenommen. Unterwegs ins Hauptquartier, sprachen wir von nichts anderem als unserem gerade errungenen Sieg. Wir lachten laut auf, wann immer jemand erzählte, wie die Kellner oder die Gäste Angst bekommen hatten. Wir lachten aus vollem Halse als Rois erzählte, wie sich eine weinende junge Frau

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an seinem Arm geklammert hatte. „Ein hübsches Mädchen, mit einem attraktiven Körper, hielt meine Hand und flehte mich an, ich solle ihr nichts antun“, erzählte Rois, wobei er den Rauch seiner Zigarette spielerisch ausatmete. Mitten im Gelächter öffnete Jali seinen Rucksack. Holte Flaschen heraus. Ich war verblüfft. Während die anderen Kameraden ausgelassen jubelten, sagte Jali: „Einmal dürfen auch wir feiern.“ Jeder griff rasch zu, sicherte sich seine Flasche Bier. Als ich zögerte, hielt Jali mir eine Flasche hin. „Nimm, Jek, wir feiern unseren Sieg heute Abend.“ Ich nahm die Flasche an. Ich betrachtete die Leute um mich herum. Alle kippten den Inhalt der Flaschen in sich hinein. Ich tat dasselbe. Schon lange hatte ich kein Bier mehr getrunken. Nicht, weil ich keine Lust darauf gehabt hätte, sondern weil mir das Geld dafür fehlte. Wenn es nun welches gratis gab, dann war Jaka bestimmt bereit, es zu trinken! Niemand ging auf sein Zimmer in jener Nacht. Wir plauderten und tranken, bis einer nach dem anderen so betrunken war, dass er das Bewusstsein verlor. Und bei Anbruch des nächsten Morgens weckte Jali uns. Er verteilte Geld: 50.000 Rupien für jeden. „Und jetzt ab in eure Zimmer. Es wäre nicht ratsam, in diesem Zustand gesehen zu werden“,

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sagte er, nachdem er das Geld ausgeteilt hatte. Nach drei Monaten in Jakarta, bat ich um die Erlaubnis, nach Malang fahren zu dürfen. Ich hatte mittlerweile genug Geld beisammen, für die Reise und für meine Mutter im Dorf. Während dieser drei Monate hatte ich an sechs Operationen teilgenommen – so nannten wir die Razzien und Attacken, die wir durchführten. Nach beendeter Operation gab Jali jedem Teilnehmer fünfzigtausend Rupien. Dieses Geld hatte ich gespart, da für meine täglichen Bedürfnisse ja im Hauptquartier gesorgt war. Jali sagte, fünfzigtausend sei der Mindestbetrag. Er sagte auch, dass es in diesen Monaten nicht so viele Razzien gebe. Es würde eine Zeit kommen, in der wir mehr und häufiger Geld bekommen würden, meinte er. Auf der Heimreise trug ich ein Hemd und eine lange Hose. Doch das weiße Gewand und den Turban hatte ich in der Tasche. Ich hatte nämlich mehr Selbstvertrauen, wenn ich Gewand und Turban trug. Ich spürte dann, dass ich Autorität hatte. Ich spürte, dass ich Macht hatte. Für die Reise aber hatte ich es absichtlich nicht angezogen. Wozu auch? Im Economy-Zug von Jakarta nach Malang würde mich niemand kennen. Es gab niemanden, den ich beeindrucken wollte. Außerdem wollte ich während der ganzen Fahrt über schlafen und da wollte ich nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen. Aber nachher, in Malang

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angekommen, seht selbst, würden die Leute mich nicht wiedererkennen, weil ich so anders aussah, und sie würden den Jaka bewundern, den Jek. Es war noch früh am Morgen, als ich Malang erreichte. Auf der Ladefläche eines Lastwagens fuhr ich anschließend in mein Dorf. Je näher ich meinem Dorf kam, desto stärker beunruhigte mich der Schatten meiner Mutter. Schon so lange hatte ich ihr kein Geld mehr geschickt. Nicht einmal eine Nachricht hatte ich ihr zukommen lassen. Niemand wusste von meinem Schicksal, nachdem ich aufgehört hatte, in der Fabrik zu arbeiten. Nicht einmal meinen älteren Bruder in Batam hatte ich benachrichtigt. Niemand sollte sich Sorgen machen müssen. Wenn jemand gewusst hätte, dass auch mein Bruder in Batam arbeitete, hätte der bestimmt Probleme bekommen nach all dem, was ich getan hatte. Während ich auf See war, hatte ich oft an Mutter gedacht. Jedes Mal hatte ich mir dann schnell eingeredet, dass mein Bruder sich bestimmt um Mutter kümmerte. Nachdem von mir keine Nachricht kam, hatte mein Bruder Mutter sicher wieder Geld geschickt, wie in der Zeit, bevor ich angefangen hatte, in Batam zu arbeiten. Außerdem lebte Ibu ja auf dem Dorf. Ein Ort, an dem sie seit ihrer Geburt lebte. Die Nachbarn waren schon wie Verwandte. Bestimmt hatten sie Mutter immer geholfen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten

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war. Sie hätten bestimmt nicht zugelassen, dass Mutter Hunger litt. Ich betrat sofort Mutters Haus. „Mutter! … Muuuuutter!“ rief ich mehrere Male. Doch Mutter war nirgends zu sehen. Statt ihrer trat eine mir unbekannte Frau aus dem Schlafzimmer. „Wer bist du?“, fragte diese Frau. „Na, wer bist du?“, fragte ich barsch zurück. „Wie kann es sein, dass der Gefragte zurückfragt. Dies ist mein Haus. Wer bist du?“, fragte sie wieder. „Dies ist mein Haus. Das Haus meiner Mutter“, erwiderte ich. „Oh! Lik Sars Sohn!“, sagte sie. Sar war der Rufname meiner Mutter. „Lik Sar ist schon vor einem Jahr gestorben. Wo warst du denn so lange?“ Mutter war nicht mehr. Mutter war tot. Eigentlich hatte ich es fast schon geahnt. Ich war nur auf gut Glück heimgekehrt. Was konnte man schon von einem Elternteil erwarten, das oft krank war und allein lebte? Dennoch, als es plötzlich zur Gewissheit wurde, fühlte ich mich betrogen. Ich ging sofort zum Friedhof. Mutters Grab war das ungepflegteste von allen. Zwischen den anderen Gräbern, die ein Grabstein zierte, war Mutters Grab ein bloßer Erdhügel, sogar ohne Namensschild. Erst durch den Friedhofswärter erfuhr ich, dass es sich um Mutters Grab handel-

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te. Meine Tränen fielen auf die Erde, auf der das Unkraut gedieh. Oalah …, Mutter …! Sogar im Sterben warst du allein. Ich fühlte mich so traurig, ohne Bedeutung und nutzlos, als Kind und auch als Mensch. Ich war nach Batam aufgebrochen, um für Mutter Geld zu verdienen. Aber dann hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen und allein sterben lassen. Obwohl sie schon nicht mehr da war, wollte ich noch etwas für sie tun. Ich wollte meine Dummheit und mein Unvermögen wiedergutmachen. Ich musste erreichen, dass Mutter sich in der anderen Welt freute. Vom Friedhofswärter erfuhr ich, dass Mutters Haus von einer Geldverleiherin, einer Wucherin, bei der Mutter Schulden hatte, übernommen worden war. Mutters Schulden waren gar nicht sehr hoch gewesen, doch die Zinsen waren gestiegen und gestiegen. Jeden Tag war die Geldverleiherin gekommen, um Geld einzufordern, Mutter hatte nicht eine Rupie zahlen können. Mutter, die krank war, hatte nur zu Essen gehabt, weil ihre Nachbarn sie versorgt hatten. Aber sie war nicht an ihrer Krankheit gestorben. „Sie hat sich mit einem Tuch erhängt“, sagte der Friedhofswärter. Ich lief rot an. Ich verließ den Friedhofswärter und kehrte zu Mutters Grab zurück. Ich konnte schon nicht mehr weinen. Ich setzte mich neben Mutters Grab, voller Zorn, der auf und nieder

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hüpfte. Mutter war nicht nur mit Schmerzen und Kummer gestorben, sondern auch noch wütend. Nur ein wütender Mensch entscheidet sich dafür, seinem Leben ein Ende zu setzen. Sie war wütend auf ihre Kinder, die sie vernachlässigt hatten, auf ihre Nachbarn, die sich kaum um sie kümmerten. Wütend auf die Geldverleiherin, die ihr unerbittlich nachstellte. Ja, diese Geldverleiherin. Bestimmt war sie es, die Mutter zur Weißglut gebracht hatte. Und obendrein hatte sie einfach so Mutters Haus übernommen. Geld, ich weiß nicht wie viel, hatte so viele Zinsen erbracht, dass es dem Wert des Hauses entsprach. Diese Wucherin hatte ohne Schuldgefühle mit mir gesprochen. Als ob Mutters Selbstmord ein natürlicher Tod gewesen sei. Sie hielt es wohl auch für das Natürlichste von der Welt, jetzt in Mutters Haus zu wohnen. Ich konnte mir vorstellen, wie sie Mutter zu ihren Lebzeiten aufsuchte, zur Zahlung drängte, herablassend behandelte. Obwohl sie Wucherzinsen forderte. Ich spürte mein Gesicht heiß werden. Mutter schien mich aus ihrem Grab heraus zu bitten, Rache zu nehmen. In der Tiefe meines Herzens übte jemand Druck auf mich aus, zwang mich, sogleich Schritte zu unternehmen. Mein Kopf aber hielt noch stand. Die Sache wollte wohl überlegt sein. Was war die beste Art, sich zu rächen? Sei ruhig, Mutter. Dieser Frau werde ich

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umgehend eine Lehre erteilen. Ich nahm ein kleines Stück Papier, aus meinem Portemonnaie. Jali hatte es mir gegeben, bevor ich aufbrach. Es enthielt die Adresse von Kampfgefährten in Malang. Jali hatte mich gebeten, dort einen Höflichkeitsbesuch zu machen, damit wir einander beistehen könnten, wenn wir in Schwierigkeiten waren. Der Gedanke tauchte einfach so auf. Ich würde dort hingehen und sie um Hilfe bitten. Am Grab tauschte ich Hemd und Hose gegen Gewand und Turban. Der Friedhofswärter starrte mich verblüfft an. Als ich die Dorfstraße entlangging, fielen mir die bewundernden Blicke der Passanten auf. Keiner würde so mutig sein und mit Jaka Streit anfangen. Im weißen Gewand und mit Turban nahmen mich die Malang Krieger sofort kameradschaftlich auf. Und, als ich das Hauptquartier in Jakarta erwähnte, sahen sie mich als ein Teil von ihnen an. Als ich Jali und Habib mit Namen erwähnte, umarmten sie mich. Es war unerheblich, dass ich erst drei Monate in Jakarta dabei gewesen war. Ich wollte keine Zeit verlieren. Sofort sagte ich, was ich brauchte. Ich erzählte ihnen von meiner Mutter, die sich selbst erhängt hatte, weil sie von einer Wucherin bedrängt und verfolgt worden war, und dass die Wucherin jetzt selbst im Haus meiner Mutter wohnte. „Wucher ist in unserer Religion verboten“, sag-

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te der Anführer der Krieger, der Amat hieß. Ich nickte zustimmend. Genau auf solche Worte hatte ich gewartet. Die Kameraden hinterfragten nicht, ob meine Geschichte der Wahrheit entsprach, sie vertrauten mir sofort. Weil wir schon Brüder geworden waren. Ich entflammte sofort meine Wut, damit sie sogleich etwas in die Wege leiteten. Ich musste nicht lange warten. Amat rief sofort seine Gefolgsleute herbei, die in der Nähe dieses Hauses wohnten. Jetzt waren wir schon zu fünfzehnt – mich selbst inbegriffen – in weißen Gewändern und Turbanen. Jeder trug eine Waffe, von der Sichel bis zur Machete. Amat ging voran. Wir folgten ihm in Richtung Hauptstraße. Ein Kleinbus wurde angehalten, die Fahrgäste zum Aussteigen gezwungen und dem Fahrer befohlen, uns zu Mutters Haus zu bringen. Der Fahrer fehlte der Mut, zu widersprechen. Zudem ging es hier um eine große Sache. Wer hatte schon den Mut, sich gegen Leute aufzulehnen, die für die Religion kämpften? Vor Mutters Haus angekommen, stieg Amat zuerst aus. Er stellte sich vor das Haus und rief den Namen Allahs, während er seine Sichel emporstreckte. Dann folgten ihm alle anderen. Daraufhin schrie Amat: „Auf dieser Erde darf es keine Wucherer geben!“ Wir alle bildeten mit unserem Geschrei sein Echo. Die Nachbarn kamen herbei, umringten uns.

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Amat gab den Befehl, das Haus zu stürmen. Ich stürzte sofort los, wollte diese Frau auf der Stelle vertreiben. Sie erniedrigen, so wie sie früher meine Mutter erniedrigt hatte. Amats Kameraden zerstörten Einrichtungsgegenstände im Haus. Das Geräusch von zerbrechendem Porzellan im Wechsel mit dem bag! bug! bag! bug!, wenn auf Türen und Wände geschlagen wurde. Die Frau, die ich heute Morgen zum ersten Mal in meinem Leben getroffen hatte, befand sich jetzt in meiner Hand. Sie weinte vor Angst. Meine Augen weiteten sich, als ich sie sah. In meiner rechten Hand hielt ich noch die Machete. Ich hob den Arm, holte aus, wollte mit der Machete auf den Körper dieser Frau einschlagen. Sollte sie doch sterben. Damit sie den Schmerz spürte, den Mutter gespürt hatte. Doch jemand schien meinen Arm zurückzuhalten. Mein Arm stand still in der Luft, ich hielt die Machete noch immer in der Hand. Diese Frau kniete jetzt tief gebeugt zu meinen Füßen. Dort schluchzte sie. Bat um Vergebung. Bat um Mitleid. Sie flehte mich an, das Haus zu nehmen und sie gehen zu lassen. Plötzlich stand Mutter da. Sie lächelte. Ich hatte das ihr angetane Unrecht bereits gesühnt. Dann ging sie, ohne ein Wort zu sagen. Mutter wünschte nicht, dass ich diese Frau tötete. Was ich bis hierher getan hatte, genügte ihr schon. Hauptsache, dieses Haus kehrte in ihren Besitz zurück.

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Ich ließ diese Frau ziehen. Die Umstehenden pfiffen sie aus. Sie verstanden, dass wir, die Kämpfer für die Religion, auch für sie kämpften. Um mich erkenntlich zu zeigen, erlaubte ich meinen Mitstreitern, sich alles zu nehmen, was es im Haus gab: Fernseher, Radio, Matratzen, Schränke und Töpfe. Ich brauchte diese Dinge nicht. Gemessen am dem, was mir ihre Hilfe wert war, hatte die Einrichtung nur geringen Wert. Nun gehörte das Haus mir. Ich konnte dort wohnen. Ich konnte wieder im Dorf meiner Kindheit wohnen. Gemeinsam mit den Kriegerkameraden hatte ich in meinem eigenen Dorf gekämpft. Mein Herz machte vor Freude Luftsprünge.

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