Leseprobe Ankara mon Amour

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September 1969

T

ante Ferdane kam in einem bunt gemusterten, bodenlangen Rock zum Morgenkaffee. Sie war so dick und der Rock so weit, dass ich, wenn ich die Augen schloss, sehen konnte, wie er sich langsam in beide Richtungen auffächerte und Tante Ferdane sich in einen großen, leuchtenden, schillernden Pfau verwandelte. Meine Mutter mochte Ferdane. Sie meinte, dass sie nicht allzu viel lästere. Wieder einmal würde meine Mutter Ferdane aus dem Kaffeesatz lesen. Alles verlief, wie ich es schon kannte. Meine Mutter interpretierte jede einzelne Form und war sie noch so undefinierbar. Ferdane konnte voller Vorfreude auf das Kısmet im Fischmaul, auf bevorstehende Reisen und aufgehende Monde im Herzen kaum stillsitzen. Sie fragte: „Hast du das wirklich alles gesehen, Türkan Abla?“ und jedes Mal antwortete meine Mutter: „Natürlich, guck mal hier … Das ist doch so deutlich, klar wie Wasser!“ Mir war langweilig, aber das Wetter war regnerisch, ich konnte nicht auf die Straße. Auch zur Gartenvilla konnte ich nicht, denn Emel und ihre Mutter wollten ins Krankenhaus fahren, um

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Emels Gips entfernen zu lassen. Also saß ich untätig herum und beobachtete Ferdane und meine Mutter. Jetzt war Ferdanes Teller an der Reihe. Ferdane würde ein paar kleinere Sorgen haben, aber am Ende würde alles gut ausgehen. Dann würde Ferdane meiner Mutter „Gesundheit deinem Mund, Türkan“ wünschen und gehen, bevor „die Hexe auf dem Balkon ruft“. Im Grunde war das Leben so einfach. Aber an jenem Tag bewegte Ferdane auch noch etwas anderes in ihrem Herzen. Sie fühlte vorsichtig vor: „Türkan Abla, wenn du es mir nicht übel nimmst, möchte ich dich etwas fragen.“ Hatte meine Mutter vermutet, was kommen würde? Sie hatte! Denn sie biss sich auf die Lippen, als sie antwortete: „Wenn es etwas Gutes ist, dann frag.“ Ferdane wurde durch diese unerwartete Reaktion meiner Mutter überrascht. Vielleicht verlor sie etwas an Schwung, aber trotzdem blieb sie bei ihrem Entschluss, zu fragen: „Schau mal, mein Mann hat deinen Bruder vor ein paar Tagen gesehen. Im Trolleybus. Er war wohl nicht allein.“ Stille. „Wirklich … so ein gut aussehender, netter Junge … ich meine, ich sehe ihn natürlich nur wie einen Bruder, im Himmel wie auf Erden …“ Stille. „Gülay Hanım war bei ihm.“

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Stille. „Die Frau ist wirklich sehr schön.“ Stille. „Ach … was weiß ich …“ Meine Mutter drehte sich nach mir um: „Suna, geh, hol mal etwas Natron aus dem Laden.“ „Es regnet aber gerade. Işık kann es doch holen, wenn sie wieder da ist.“ „Dann geh und räum die Wäscheklammern, die Deckel und das ganze Zeug, das du auf unserem Bett verstreut hast, auf.“ Unwillig stand ich auf. Ich ging hinüber ins Schlafzimmer, die Stimmen im anderen Zimmer wurden wieder zu einem Flüstern gedämpft. Ich zählte die Wäscheklammern in eine Tüte und die Deckel in eine andere. Wenn man zählt, vergeht die Zeit schneller. Als ich aus dem Flur eine Stimme sagen hörte: „Schau doch mal wieder vorbei, Ferdane“, war ich gerade mit dem Zählen fertig. Ich sah noch, wie Ferdane meiner Mutter ins Ohr sagte: „Verlass dich auf mich, ich sag niemandem was.“ Endlich war der Pfau weggeflogen. Aber meine Mutter hatte diesen zwischen Erleichterung und Erschöpfung wechselnden Gesichtsausdruck, wie ihn Frauen kurz nach überstandener Migräneattacke zeigen. „Komm Suna, lass uns zur Morgenmatinee ins Kino gehen. Wenn du später zur Schule gehst, können wir das ja nicht mehr.“ 143


ISBN: 978-3-944201-36-8

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