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03 Magazin für Destinationsmarketing in Südtirol

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mit allen sinnen

Multisensorisches Marketing als Schlüssel für verstärkte Wahrnehmung


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Haupt-Apfelsorten werden in Südtirol auf 18.400 ha von 8.000 Obstbauern angebaut

» Der Apfel gilt als DIE multisensorische Frucht, die alle fünf Sinne besonders aktiviert.


EDITORIAL

Eine Frage der Wahrnehmung „Das Omelett Ihrer Großmutter wird Ihnen wahrscheinlich besser geschmeckt haben als die Gedichte in der Schule. Allein schon deswegen können Sie sich daran besser erinnern“, sagt der deutsche Gehirnforscher Manfred Spitzer im Gespräch mit M. Damit ist bildlich auf den Punkt gebracht, was multisensorisches Marketing zu leisten hat. Denn eines ist sicher: Erfolgreiches Marketing ist nicht der Kampf um die letzte Wahrheit, sondern um die tatsächliche Wahrnehmung. Und diese funktioniert mit allen Sinnen. „Zeig es mir und ich sehe, erzähl es mir und ich höre, lass es mich erleben – und ich glaube Dir!“ Nicht nur die Kommunikation hat die Ansprache der fünf Sinne entdeckt. Auch in der Produktentwicklung spielt Multisensorik eine zunehmend wichtige Rolle. Dass auch in Südtirol schon „multisensorische Erlebnispunkte“ geschaffen worden sind, spricht für die Sensibilität und Weitsichtigkeit der Unternehmer und diese Unternehmen können Beispiel für weitere, neue Angebote im Land sein. Wir leben in einer Zeit, in der Objekte mit Bedeutung aufgeladen werden. Diese Bedeutung muss für alle Sinne spürbar sein, um überhaupt das Gefühl von Begehrlichkeit und Nutzen entstehen zu lassen. Wenn wir in Südtirol dies beachten, können wir zu einem Lebensraum mit Bedeutung werden. Und warum nicht: zum begehrtesten Lebensraum Europas. Christoph Engl, SMG-Direktor

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22.07.2011

TechnologyDay Energie mit Zukunft

TIS innovation park SiemensstraĂ&#x;e 19 | 39100 Bozen T +39 0471 068301 | F +39 0471 068100 wt@tis.bz.it | www.tis.bz.it Online-Anmeldung: www.tis.bz.it

Abteilung 34 - Innovation, Forschung, Entwicklung und Genossenschaft

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Ripartizione 34 - Innovazione, Ricerca, Sviluppo e Cooperative

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Inhalt tIteL: Multisensorik 8 Wie schmeckt Glück? Wie riecht Entspannung? emotionen als schlüssel zur Aufmerksamkeit der Konsumenten.

mArKetING 23 Lebensmittel bekennen Farbe Warum Himbeerbonbons rot sein müssen und wie die Farbe die Konsumenten beeinflusst.

13 Emotionen festigen das Gedächtnis gehirnforscher Manfred spitzer: Wie das moderne Marketing von der gehirnforschung lernen kann.

26 Von Burgstall in die weite Welt Die 30-jährige erfolgsgeschichte des südtiroler unternehmens Dr. schär.

14 Das menschliche Gehirn und die Wahrnehmung so viel Hirn benötigt es für das sehen – und so viel für alles andere.

28 Doping für den Absatz Warum Verkaufsförderungsmaßnahmen den südtiroler Produkten etwas bringen.

15 Die Sinne aktivieren südtiroler unternehmen haben die Multisensorik entdeckt.

32 Fiktion versus Vision Martell 2020 – verpachtet an Bollywood. Oder: die Vision südtirols in sachen Filmförderung.

16 Aus einem Guss! Werbefachmann Hanno Mayr über die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Kommunikation.

VerANStALtUNGeN

18 Südtirol für Schwindelfreie suedtirol.info bietet mit neuen Videos, den 'erlebniswelten', emotionsgeladene einblicke in das land. 20 Duftende T-Shirts Wie große Firmen ihre Marken multisensorisch inszenieren. 22 „Oh Pustertal, da waren wir auch“ Florian Kronbichler und die Multisensorik: Die weibliche Komponente des Bacchus.

BLS – EOS – SMG – TIS –

34 IMS, quo vadis? Der Mountain summit auf dem Weg zur internationalen Plattform zum thema Berg.

Rubriken 6 7 30 37 38

mailbox made in südtirol menschen im visier der medien marktplatz

Business Location Südtirol A.G., Dompassage 15, 39100 Bozen Export Organisation Südtirol, Südtiroler Straße 60, 39100 Bozen Südtirol Marketing K.A.G, Pfarrplatz 11, 39100 Bozen innovation park, Siemensstr. 19, 39100 Bozen

Verantwortlicher für den Inhalt: Reinhold Marsoner | Chefredaktion: Martin Bertagnolli | Redaktion: gabriele Crepaz, Maria C. De Paoli, Philipp gonzales, Bettina König, Jasmin Mathà, eva Pichler, Barbara Prugger, Cäcilia seehauser | Koordination: Ruth torggler | Layout: lukas Nagler | Design-Consult: Arne Kluge | Fotografie: Oskar Da Riz, Alex Filz, Max lautenschläger, photo kuadrat, Helmuth Rier, Daniel Werner | Druckvorstufe: typoplus gmbH, Bozner straße 57, 39057 Frangart | Druck: Karo Druck Kg, Pillhof 25, 39057 Frangart Zur Abbestellung dieses kostenlosen Magazins, genügt eine e-Mail mit genauer Adressangabe an m@suedtirol.info eintragung beim landesgericht Bozen Nr. 7/2005 vom 9. Mai 2005

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MAILBOX

Bis zum 2. September steht der Sommer auf der Seiser Alm im Zeichen der Erlebnisbauernhöfe

DACHMARKEn-PORTAL Der schnelle Weg zur Marke

DESTInATIOnS- & PRODuKTMARKETInG. „Das neue Portal der Dachmarke Südtirol führt den Antragsteller schneller zum Ziel, nämlich zu jenem Dachmarkenzeichen, das für ihn vorgesehen ist“, so der Vorsitzende der Kerngruppe der Dachmarke Südtirol Hansi Felder. Nach fünf Jahren wurde das Dachmarkenportal www.provinz.bz.it/dachmarke jetzt neu überarbeitet. Anspruch war es, aus einem Informationsportal ein Serviceportal zu schaffen. „In den ersten Jahren verfolgte das Portal auch das Ziel, über die Dachmarke zu informieren, jetzt liegt der Fokus auf der Nutzerfreundlichkeit“. Die Serviceseite beinhaltet jeweils einen direkten Zugang zum Dachmarkenzeichen sowie zum Standortzeichen „Ein Unternehmen aus Südtirol“. Die Zeichen aus dem Bereich Lebensmittel – also jene für die g.g.A.Produkte, die Qualitätsprodukte sowie den Südtirol Weine – werden über die entsprechenden Konsortien bzw. Landesämter vergeben. Zur Zeit gibt es rund 2.500 registrierte Anwender der unterschiedlichen Südtirol-Zeichen, die für südtirolspezifische Produkte und Dienstleistungen sowie für gesicherte Herkunft und besondere Qualität vergeben werden. www.provinz.bz.it/dachmarke 6

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ERLEBnIS BAuERnHOF

Von Hof zu Hof

PRODuKTEnTWICKLunG. Gäste entscheiden sich für ihre Urlaubsregion und ihre Unterkunft gemäß Vorlieben und Bedürfnissen. Umso wichtiger also, dass sie Angebote und Produkte vorfinden, die zum Profil der Ferienregion passen. „Die bäuerlich geprägte Kulturlandschaft der Seiser Alm ist eine Freiluft-Arena für aktive Genießer, insbesondere für Familien mit Kindern“, so Hubert Unterweger, Direktor des Tourismusverbandes Seiser Alm Marketing. Das Angebot „Erlebnis Bauernhof“, welches vom 4. Juli bis zum 2. September 2011 auf der Seiser Alm stattfindet, eigne sich laut Unterweger besonders gut für die Zielgruppe der Seiser Alm: Kinder und Eltern gehen von Hof zu Hof und erleben den Bauernhof, mit all dem was dazu gehört. Neben tierischen Erlebnissen mit Kuh und Pferd erkunden die Teilnehmer die Welt der Kräuter und den Weg vom Korn zum Mehl und unternehmen einen Streifzug durch die bäuerliche Kultur. www.seiseralm.it

DOLOMITES TRAnSFER

Anreise mit Flug und Bus

STAnDORT. Wie schon in den letzten Jahren wird auch in diesem Sommer eine Busverbindung von nahe gelege-

nen Flughäfen nach Südtirol und retour angeboten. Transferstrecke 1 führt von Bergamo und Verona über Bozen nach Gröden (Juni bis September) bzw. nach Meran (im Oktober). Von Juni bis September ist Meran an Bozen durch einen Shuttledienst angebunden. Transferstrecke 2 führt von Innsbruck über Brixen nach Gröden. Zusätzlich gibt es eine Anbindung ins Pustertal. Eine einfache Fahrt kostet 25 €, die Hin- und Rückfahrt 39 €. Weitere Informationen zu diesem Service, der von der Handelskammer Bozen und der Südtirol Marketing Gesellschaft (SMG) getragen wird, erhalten Sie unter smg.distribution@suedtirol.info

TECHnOLOGyDAy 2011 Energie mit Zukunft

InnOVATIOn. Neue Technologien zur Energieproduktion, Energieeffizienz im Unternehmen und Energierückgewinnung sind nur einige der Themen des TechnologyDay 2011 am 22. Juli, der unter dem Motto „Energie mit Zukunft“ im Zeichen der erneuerbaren Energien steht. Am Vormittag stehen Expertenvorträge auf dem Programm, am Nachmittag vertiefende Seminare und Workshops. Ebenfalls am Nachmittag findet eine enertour statt, eine geführte Besichtigungstour zur Multitechnologie-Photovoltaikanlage des Flughafens Bozen und zum Energiesystem des neuen SalewaUnternehmenssitzes. Der TechnologyDay 2011 findet am 22. Juli ab 8.30 Uhr im TIS innovation park statt. Programm und Anmeldung unter www.tis.bz.it (jm)


MADE IN SÜDTIROL

STECKBRIEF

Objekt: Dorfplatz Kastelruth

Auftraggeber .......... . . . . . . . . . . gemeinde Kastelruth Architekt .............. Hannes Mahlknecht, st. ulrich Lichtkonzept .......... . . . . . . . . . . . . . . . . . . ewo, Kurtatsch umsetzung ............. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . August 2010 Im Zuge der neuen Platzgestaltung von Kastelruth hat Architekt Hannes Mahlknecht mit gezieltem einsatz von licht die Nacht inszeniert. seine Planung stützt sich dabei auf ein lichtsystem von ewo: Die leuchten nehmen unterschiedliche lichteinheiten auf und erzeugen damit eine auf die jeweiligen

Bereiche des Platzes abgestimmte lichtfarbe, lichtintensität und lichtverteilung. so wird auf einfache, formal und technisch durchgängige Weise eine Vielzahl von unterschiedlichen lichtszenarien geschaffen, die Mahlknecht mittels der eingesetzten ewo-leuchten „FA“ zu einem stimmigen gesamtbild arrangiert. seit 1996 entwickelt und produziert das südtiroler unternehmen ewo hochwertige, energieeffiziente lichtsysteme für den öffentlichen Raum und arbeitet ganzheitliche und nachhaltige lichtlösungen aus. www.ewo.com

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TITEL: Multisensorik | Mit allen Sinnen

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WIE SCHMECKT GLüCK? WIE RIECHT EnTSPAnnunG? in einer Welt, die sich an der klassischen Werbung weitgehend satt gesehen hat und diese auch gerne ausblendet, dienen emotionen immer öfters als schlüssel zur Aufmerksamkeit der Konsumenten. Text: Maria Cristina De Paoli Illustration: Veronique Stohrer

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lle Menschen mögen VanilSeit der jüngsten grafischen Umgele. „Und zwar deshalb, weil staltung druckt „Io Donna“, das Frauendie Muttermilch – aber magazin der italienischen Tageszeitung auch die künstliche Baby- „Corriere della Sera“, jede Woche ein milch – nach Vanille riecht“, Porträt seiner Gastautoren ab. Für die sagt die norwegische Geruchforscherin kurze Präsentation müssen die meist Sissel Toolas. Man braucht unser Leben bekannten Journalisten und Fotografen aber erst gar nicht so weit zurückzuspu- auch einen Duft – oder Geruch – belen, um Düfte, Geräusche, Bilder und schreiben, der bei ihnen Emotionen Aromen zu finden, die sofort Assoziatio- aufkommen lässt. Und es ist immer wienen in uns wachrufen. Der unverkenn- der erstaunlich zu sehen, was den unterbare Geruch des heißen Asphalts nach schiedlichsten Menschen alles in der einem kurzen Sommerregen, das festli- Nase „hängen“ bleibt – irisches Moos, che Glockengeläut am Ostersonntag, ein blühendes Narzissenfeld, die Eukader erste Löffel „Mues“ aus der schweren lyptusbäume in Australien, die frische Eisenpfanne der Großtante, aber auch Brise des Ozeans. eine ganz bestimmte Filmmusik, SandAber nicht nur die gefühlsbetonte körner, die einem über den Handrücken rosa Presse bedient sich zunehmend rollen, frisch gewaschene Bettwäsche, sensorieller Erfahrungen, um näher an die in der Bergsonne trocknet. ihre Leser heranzukommen. Auf » J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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TITEL: Multisensorik | Mit allen Sinnen

einem Markt, der sich an Werbung weitgehend satt gesehen hat und diese auch gerne ausblendet, auf dem Produkte und Dienstleistungen nicht nur direkt vergleichbar, sondern sogar austauschbar sind, dienen Emotionen immer öfters als Schlüssel zur Aufmerksamkeit der Konsumenten. Was nicht heißt, dass die klassischen Werbemaßnahmen zusehends verpuffen, sondern vielmehr, dass sich die Bandbreite der Marketingmaßnahmen noch weiter öffnet. Zu schrillen Werbeslogans, leuchtenden Verpackungen und stimmigem Design gesellen sich nun auch betonte Oberflächentexturen, besondere Klänge und gezielte Geruchsnoten.

Corporate Identity für die nase “Swissôtel Scent“ nennt sich der Duft, mit dem die internationale Hotelkette mit Schweizer Wurzeln seit Jahren Corporate Identity für die Nase schafft. Hauptkomponenten der besonderen Note sind Fichte, Zitronenmelisse, Muskatellersalbei und Lavendel. „Unser Scent greift den Slogan des Unternehmens ,A Passion for Perfection’ auf“, sagt EvaMaria Lindner, Senior Manager Communication von Swissôtel. Der Duft sei 10

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aus der Kooperation der Hotelkette mit einer Gruppe Schweizer Bauern entstanden. „Die Nachhaltigkeit ist uns ein großes Anliegen“, so Lindner. Daher auch die Idee, vor Ort nach den Essenzen für den Swissôtel Duft zu suchen. Der Scent wird weltweit in den meisten Häusern über die Lüftungsanlagen versprüht. Er wird aber auch für die Duftkerzen verwendet, die als Werbegeschenk dienen oder als Verkaufs-Artikel im OnlineShop zu finden sind. Zudem stellt er die Basis für die so genannten BadezimmerGuest Amenities wie Seife, Dusch-Gel, Shampoo, Conditioner und Body-Lotion dar. „Man sagt, die Erinnerung an einen Geruch wäre nach einem Jahr noch zu 65 Prozent vorhanden“, so Lilian Roten, Vice President Operations der Swissôtel Hotels & Resorts. „Über den Geruchssinn bieten wir unseren Gästen somit einen Wiedererkennungswert, der sich wie ein roter Faden durch unsere Betriebe zieht.“

Multisensorisches Marketing Den „direkten Draht“ zwischen sensorieller Wahrnehmung und Gehirn hat Patrick Süskind in seinem weltbekannten Buch „Das Parfum“, einem Lehr-

stück über die Macht der Gerüche, geschildert. Wie man mit gezielten Reizen neurologische Reaktionen auslöst, erklärt – und zwar aus medizinischer Sicht – der deutsche Gehirnforscher Manfred Spitzer (siehe Interview auf Seite 13): „Jeder Mensch hat ein seinen Erfahrungen angepasstes Gehirn – er reagiert auf Stimuli individuell. Je genauer ein Unternehmen die verinnerlichten Werte, Wünsche, Handlungen und Zusammenhänge seiner Zielgruppe trifft, desto besser wird diese darauf reagieren.“ Dazu eine kleine Geschichte, die schon fast als Schulbeispiel gilt: In der Weinabteilung eines Geschäftes wurde zunächst deutsche Volksmusik und dann französische Musik im Hintergrund abgespielt. Die Verkaufszahlen von französischen Weinen stiegen während der zweiten Phase des Experiments deutlich an. Manfred Spitzer weiß aber auch, dass das menschliche Gehirn vernetzt arbeitet, und Menschen über diverse Sinne und Kanäle besonders gut erreichbar sind. „Wenn es einem Betrieb also gelingt, mehrere Hirnareale über verschiedene Sinne gleichzeitig zu aktivieren, kann dieser bei seinen Kunden richtig viel erreichen.“ Und auf genau diesen


Erkenntnissen basiert auch multisensorisches Marketing, das weitgehend als neuer Königsweg zum Konsumenten gilt. „Schon die Vernetzung zweier Sinneskanäle verzehnfacht die Regsamkeit der Nervenzellen“, liest man auf der Homepage des Instituts für multisensorisches Marketing Multisense. „Wie schmeckt Glück, wie riecht Kompetenz, wie klingt Beständigkeit?“ Diese Fragen hat Karsten Klepper, Geschäftsführer des Münchner Corporate Senses Institut, Mitte September den Teilnehmern am ersten Multisense Forum in Essen gestellt. Kleppers Institut hat ein Verfahren entwickelt, um festzustellen, mit welchen Assoziationen Menschen Gerüche, Farben und Geschmäkker verbinden. Was abstrakt klingt, lässt sich relativ leicht erklären: „Stark vereinfacht weiß man, dass Blau tendenziell eher kühl, seriös, technisch und rational wirkt. Dagegen Rot mehr mit Leidenschaft und Temperament verbunden wird“, so Karsten Klepper. „Diese Eindrücke kennen wir nicht nur aus der Forschung, sondern auch von uns selbst, weil wir uns schon im Alltag mit der Wirkung von Farbe auseinandersetzen.“ Mit Gerüchen und Tönen sei es da nicht anders. „So kann man herausfinden, mit

welchen Gerüchen oder Geräuschen bestimmte Assoziationen verbunden werden.“ Dieses detaillierte Wissen habe dem Einsatz von multisensorischen Reizen in der Kommunikation zu einem Quantensprung verholfen. Schließlich könne man jetzt noch genauer überprüfen, ob etwa ein Jingle oder das neueste Sound-Logo tatsächlich die beabsichtigten Inhalte kommunizieren. Kleppers Credo: „Den Corporate Senses gehört die Zukunft.“ Apropos Sound: So genanntes Audio Branding ist zwar kein neuer, dafür aber ein äußerst aktueller Ansatz. Inmitten der globalen Flut an Informationen entpuppt sich der Markenklang zunehmend als wesentliches Corporate Identity-Element. Darin liegt die Chance, sich auf übersättigten Märkten mehr Gehör zu verschaffen, wie das Institut für multisensorisches Marketing bestätigt. Und wie so oft, lässt sich auch in diesem Zusammenhang Apple als positives Beispiel anführen. Wer ein iPhone besitzt, kennt ihn ganz genau, den klassischen SMS-Ton, den die genialen Köpfe in Cupertino ihrem erfolgreichen Smartphone „eingehaucht“ haben. Ist die Nachricht durch, avisiert der Sound den Absender. „Ich warte immer darauf,

auch wenn oft unbewusst“, verrät eine iPhone-Besitzerin, die sich an den Ton gleich gewöhnt hat und diesen auch nicht mehr missen möchte.

Sinnliches Web Dass sich multisensorisches Marketing durchaus mit der neuen digitalen Welt verträgt und die Sinne auch online genutzt werden können, das bestätigt der dänische Markenberater und Bestsellerautor (Brand Sense) Martin Lindström in einem Interview mit Multisense. „Nehmen wir eBay als Beispiel her. Ich gewinne eine Auktion, tolle Sache. Aber da kommt kein Sound, der mich als Gewinner feiert. Und das, obwohl ich aufgeregt bin. Schließlich habe ich gerade ein Paar Skier zum halben Preis ergattert. Warum wird dieses Gefühl nicht unterstützt?“ Bei Amazon sei das nicht anders. „Ich kaufe mir ein Buch, gebe die Kreditkartennummer ein, aber es kommt keine Bestätigung via Lautsprecher, dass sie akzeptiert wurde. Warum? Schon dieser kleine Schritt würde eine Menge bedeuten.“ Lindström stellt sich auch die Frage, wie sinnliche Eindrücke und Gefühle auf einer Website geweckt werden können, um » J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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TITEL: Multisensorik | Mit allen Sinnen

diese freundlicher zu gestalten? „Denn Sensorielle Kundenbindung nimmt wenn ich auf einer klinisch-sterilen neben der visuellen und auditiven WahrHomepage lande, überträgt sich dieser nehmung, dem Geruchs- und GeEindruck auch auf das Produkt.“ schmackssinn zunehmend auch den Bereits vor zehn Jahren haben sich Tastsinn in Anspruch. „Mein Favorit“, die US-Unternehmen DigiScents und sagt Martin Lindström. Schon ein HandAroma Jet in das lukrative Geschäft digi- schlag würde mehr über einen Menschen taler Geruchstechnologie gestürzt und aussagen als dessen Aussehen oder Verdabei für Schlagzeilen gesorgt. Die Idee halten. „Die Bedeutung des taktilen Sinder beiden amerikanischen Start-Ups: nes ist riesig. Darum hat meine VisitenGeruchsgeneratoren zu entwickeln, die karte auch eine Textur, die einen sinnlian den Computer angeschlossen wer- chen Eindruck hinterlässt.“, verrät der den und über verschiedene Grundes- erfolgreiche Markenberater. Die meisten senzen verfügen, aus denen sich wie- Visitenkarten hätten das nicht, weil es derum die unterschiedlichsten Nuan- umständlich und teuer sei. „Womit wir cen mixen lassen – vom miefen ein unerhörtes Potential verschenken.“ Mundgeruch eines Feuer speienden Drachens über den Gestank überhitzter Taktiler Sinn Reifen bis hin zum Pulvergeruch eines abgefeuerten Schusses. Kolosse wie „Da das menschliche Gehirn haptische Eindrücke aus Erfahrung kennt, muss Procter & Gamble und Nestlé, für die die Geruchswelt ausgesprochen wichtig ist, haptische Kommunikation nicht immer haben in Firmen wie DigiScents und Aro- etwas tatsächlich Fühlbares anbieten“, schreibt Multisense. Es reiche oft schon ma Jet investiert. 12

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aus, an das Wissen, wie sich etwas anfühlt, zu erinnern. Unternehmen, die auf multisensorielles Marketing setzen, sollten daher eher davon ausgehen, was der Kunde kennt und welche Assoziationen bestimmten Dingen in ihm wachrufen, anstatt ihm neue Reize „anzutrainieren”. Kurz gesagt: Werbung wird effektiver, wenn man eine Marke mit den Erinnerungen und Kenntnissen der Zielgruppe verknüpft, und sich so dauerhaft im Gehirn der Kunden verankert. „Der Konsument ist heute aber auch aufgeklärter, er erwartet einen wirklichen Mehrwert und ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit“, so Uli Mayer-Johannsen von MetaDesign auf dem Multisense Forum in Essen. „Er will nicht nur emotional, sondern gleichzeitig auch rational überzeugt werden. Die Schlussfolgerung dieser beiden Aspekte ist eine ganzheitliche, schlüssige und über alle Sinne agierende Kommunikation.“


TITEL: Multisensorik | Interview

Emotionen festigen das Gedächtnis. Das moderne

Marketing kann viel von der gehirnforschung lernen. Denn: „Wer sich besser kennt, kann sein Wissen besser einsetzen“, behauptet der deutsche Psychiater und gehirnforscher Manfred spitzer.

manfred spitzer Manfred Spitzer, Jahrgang 1958, ist einer der bekanntesten Gehirnforscher Deutschlands. Spitzer hat Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg studiert, wo er auch die Habilitation für das Fach Psychiatrie erlangte. Von 1990 bis 1997 war er als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg tätig und lehrte als Gastprofessor an der Harvard-Universität. Seit 1997 hat er den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne. Seit 1998 leitet Manfred Spitzer zudem die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm.

Wo werden in unserem Gehirn jene Erfahrungen und Emotionen gespeichert, die wir über die Sinne wahrnehmen? Im Gegensatz zu einem Computer, in dem Daten getrennt verarbeitet und gespeichert werden, ist im Gehirn das Verarbeiten und Speichern von Informationen ein- und derselbe Prozess. Informationen laufen über so genannte Synapsen zwischen den Nervenzellen des Gehirns und werden so verarbeitet. Dabei beeinflussen sie auch die Stärke der Synapsen. Und genau diese Veränderung der Synapsenstärke, auch Neuroplastizität genannt, liegt wiederum

"Jeder Mensch speichert seine Erfahrung mit Hilfe von einer Million Milliarde Synapsen."

Lernprozessen zugrunde. Solche gebrauchsabhängige Veränderungen finden an einer Million Milliarden Synapsen statt, resultieren in Gedächtnisspuren und bewirken eine langfristige Speicherung von Erfahrung. Je nach der Art der Erfahrung sind unterschiedliche Bereiche des Gehirns zuständig. Sind alle Sinne gleich stark oder gibt es eine Rangfolge? Bleiben ein Bild, ein Geräusch, ein Geruch oder ein Aroma eher in unserem Gehirn hängen als etwas, das wir mit unserem Tastsinn wahrnehmen? Eine Rangfolge der Sinne ist schwierig aufzustellen, weil zunächst einmal geklärt werden müsste, nach welchem Kriterium die Sinne geordnet werden sollen: Nach ihrer Geschwindigkeit, ihrer Menge an Informationen, ihrer Wichtigkeit? Aber auch so würde eine entsprechende Reihung problematisch sein, weil sich die Sinne gegenseitig abgleichen und im Grunde genommen nie allein für sich arbeiten. Betrachtet man die einzelnen Sinnesmodalitäten unter den verschiedensten Gesichtspunkten, so lässt sich dennoch eine Antwort auf die Frage finden. Und zwar: Gemessen daran, wie viel Prozent unseres Gehirns für die jeweilige Sinnesmodalität zuständig sind, ist das Sehen beim Menschen der wichtigste Sinn. Ein Drittel des Gehirns beschäftigt sich mit der Verarbeitung visueller Informationen. Weil ein weiteres Drittel sich mit Motorik beschäftigt, bleibt das letzte Drittel für alle anderen Sinne übrig. Im Hinblick auf die soziale Funktion und die Kommunikation ist das Hören wahrscheinlich wichtiger als das Sehen. Gehörlose Menschen sind in diesem Bereich deutlich stärker beeinträchtigt als Blinde. Beim Bewerten spielen hingegen Geruch und Geschmack die deutlichste Rolle, denn sie entscheiden unmittelbar bei der Nahrungsaufnahme darüber, was uns zuträglich und was uns abträglich ist.

Persönlich kann ich mich an kein Gedicht aus meiner Grundschulzeit mehr erinnern. Ich weiß aber noch ganz genau, wie die Omeletten meiner Großmutter geschmeckt haben. Schlagen sensorielle Erfahrungen in unserem Gedächtnis tiefere Wurzeln als das Wissen, das wir uns bewusst aneignen? Über das Verbleiben einer Information im Gedächtnis entscheiden die so genannte Informationsverarbeitungstiefe sowie die begleitenden Emotionen. Das Omelett Ihrer Großmutter wird Ihnen wahrscheinlich besser „geschmeckt“ haben als die Gedichte in der Schule. Allein schon deswegen können Sie sich daran besser erinnern.

„Gehirnforschung ist heute nichts anderes als Selbsterfahrung.“ Was kann das Marketing von der Gehirnforschung lernen? Ich glaube sehr viel. Gehirnforschung ist heute nichts anderes als Selbsterfahrung im besten Sinne des Wortes. Wer sich besser kennt, hat sich besser unter Kontrolle und kann sein Wissen einsetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Ist der Konsument einem multisensoriellen Marketing ausgeliefert, oder besitzt er trotz allem Mechanismen, um sich dagegen zu wehren? Es gilt das, was ich bereits gesagt habe. Wer um unbewusste Prozesse beim Wahrnehmen, Erleben, Denken und Handeln weiß, der unterliegt ihnen nicht mehr passiv, sondern er kann sich aktiv zu ihnen verhalten. Es ist mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen, dass man durch Bewusstmachen unbewusster Prozesse die Automatik ihrer Wirksamkeit durchkreuzen kann. Ein in diesem Sinne „aufgeklärter“ Konsument kann, muss aber nicht, dem multisensorischen Marketing (mdp) ausgeliefert sein. J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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TITEL: Multisensorik | Infografik

Ein Drittel für Sehen Gemessen daran, wie viel Prozent unseres gehirns jeweils für sehen, Hören, Riechen, schmecken und Fühlen zuständig sind, ist das sehen beim Menschen der wichtigste sinn. „ein Drittel des gehirns beschäftigt sich mit der Verarbeitung visueller informationen. Weil ein weiteres Drittel sich mit Motorik beschäftigt, bleibt das letzte 14

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Drittel für alle anderen sinne übrig“, so der gehirnforscher Manfred spitzer. im Hinblick auf die soziale Funktion und die Kommunikation sei allerdings das Hören wahrscheinlich wichtiger als das sehen, so der Professor. in der sinnesphysiologie bezeichnet man die Fünf sinne als sinnesmodalitäten. entscheidend für die Zuordnung zu einer Modalität ist nach dem von Johannes Müller formulierten gesetz der spezifischen sinnesenergien nicht der Reiz selbst, sondern das sinnesorgan, mit dem er wahrgenommen wird.

Quelle: http://www.biokurs.de/skripten/12/bs12-33.htm | illustration: Maren Amini, www.maren-amini.de

Das menschliche Gehirn und die Wahrnehmung


Die Sinne aktivieren. Nicht nur die Kommunikation, auch die Produktentwicklung hat die menschlichen sinne entdeckt. in südtirol spielt die Multisensorik eine zunehmende Rolle, insbesondere für unternehmen mit emotionalen Produkten.

SCHARFE BILDER und starke Slogans – aber nicht nur. Immer öfters greift die Wirtschaft zu betörenden Düften und berauschenden Klängen, warmen Lichttönen und ansprechenden Texturen, um auf sich aufmerksam zu machen. Über die menschlichen Sinne steuert die moderne Kommunikation direkt auf das Hirn der Konsumenten zu. Marketing wird multisensoriell. Ein Ansatz, der aber auch in der Produktentwicklung oder in der Architektur beobachtet wird, wie die Beispiele aus Südtirol zeigen.

Vielschichtige Atmosphäre „Das Thema Multisensorik spielt für mich bei jedem Projekt eine entscheidende Rolle“, sagt Lukas Mayr. 2010 hat der Pustertaler Architekt gemeinsam mit seinem Bozner Kollegen und Freund Theodor Gallmetzer einen neuen „Weinraum“ für das Weingut Kobler in Margreid entworfen. „Im konkreten Fall ging es darum, ein Ambiente zu schaffen, das gleich mehrere Szenarien unterstützt und in dem die Sinne gezielt aktiviert werden müssen.“ Zum einen werden im neuen Raum, der sich wie eine Schatulle ins bestehende Gebäude einschiebt, analytische Verkostungen veranstaltet. „Dazu wurde der Raum hart und weiß, ja quasi laborähnlich

eingerichtet“, sagt Mayr. „Die Farbemp- tekten schließlich Lampen entworfen, findung für den Wein rückt so in den die den Raum in goldenes Licht tauVordergrund.“ Es war aber auch ein An- chen und so gewissermaßen eine Kerliegen der Winzerfamilie, ihren Gästen zenlichtatmosphäre erzeugen. Einblick in die Produktion zu ermöglichen. „Dafür kann der Raum durch Pro- Emotionale Lichtberatung jektionen in bewegte Farben getaucht werden, sodass man sich augenblick- „Nehmen wir das Balneum in Sterzing her“, sagt Walter Amort, Chef des lich entweder mitten im Weinberg oder auch tief unten im Weinkeller fühlt.“ gleichnamigen Lichtstudios in Brixen. Durch eine Hebescheibe lässt sich der „Für die Wellnesszone haben wir warme Raum außerdem so öffnen, dass das Au- Lichttöne gewählt, die die Dramaturgie ßen näher nach innen rückt. „Manch- der Architektur ebenso wie den Relaxefmal sitzt man drinnen draußen, manch- fekt steigern.“ Für Eingang und Umkleimal draußen drinnen.“ Für den hedoni- debereich wurde dagegen eine weitaus stischen Teil, also für gesellige Runden, hellere und flächigere Beleuchtung gebei denen der pure Weingenuss im Mit- plant. Beleuchtung heiße schon lange telpunkt steht, haben die beiden Archi- nicht mehr, nur irgendwo einen schöne

um die Farbempfindung für den Wein zu steigern, wurde der Verkostungsraum farblos gestaltet: in weiß J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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TITEL: Multisensorik | Südtiroler Unternehmen

h A n n O M Ay R . c O M M u n I c AT I O n : hAPTISchE ELEMEnTE FüR DEn SüDTIROLER WEIn

AuF DEM WEISSEn, matten Hintergrund ist die struktur des in grün und grau gezeichneten Rebblattes nicht nur mit den Augen erkennbar. Adern und Ränder lassen sich sogar ertasten. Dasselbe gilt für den schlichten schriftzug. Die neue Broschüre der südtiroler Weinwerbung – dasselbe Design schmückt künftig aber auch die Weinkartons der exportorganisation südtirol (eOs) – setzt auf eine ganz besondere Haptik. „Die Message ist klar – südtirol ist ein Naturland“, sagt Hanno Mayr, Chef der gleichnamigen Werbeagentur, die das Konzept im Auftrag der eOs entworfen hat. „und das soll man nicht nur auf den ersten Blick sehen, sondern auch gleich spüren, wenn man das Heft in die Hand nimmt.“ Daher die Wahl eines sehr natürlich wirkenden, warmen Kartons für den einband. „ein plastifiziertes Cover wäre hier wohl fehl am Platz gewesen“, so Mayr, der trotz aller Naturverbundenheit dennoch nicht auf einige „special effects“ verzichtet hat. Die Adern und die Ränder heben sich, ebenso wie einige teile des schriftzuges, nicht nur plastisch, sondern auch farblich ab. und – sie glänzen. Der textur kann man kaum widerstehen. Man muss fast mit der Hand über das Deckblatt streichen.

Bitte berühren: das Cover der neuen Weinbroschüre

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Mayr spricht von einem „haptischen erlebnis“. „Die idee hat uns gleich überzeugt“, bestätigt thomas Augschöll von eOs. und Hanno Mayr ergänzt: „Multisensorik ist in südtirol noch kaum ein thema, es gibt aber dennoch einige Kunden, die ein besonderes Feingefühl dafür entwickelt haben.“ schon vor Jahren habe er etwa für eine Kampagne der sterzinger leitner Ag mattes umweltpapier benutzt und dieses dann mit lackierten Details „aufpoliert“. „Damals war ein solches Verfahren aber noch äußerst aufwändig. Heute haben wir ganz andere technische Möglichkeiten.“ Diese sollten allerdings nicht zu unüberdachten Vorstößen in die Welt der sinne animieren. egal ob es sich um leise Hintergrundmusik oder den Jingle für die telefonschleife, um Printwerbung oder einen Radispot, um ein logo oder die Neugestaltung des eingangsbereiches handle, eine Marke funktioniere nur, wenn sie in allen elementen nachvollziehbar sei. „Wenn sie von der einfachen Visitenkarte über die Werbung bis hin zur Architektur stimmig ist“, sagt Hanno Mayr. „einzelaktionen sind wie ein kurzes Feuerwerk. Wer eine kohärente linie durchzieht, ist hingegen wie der Mond – er kommt und geht, jeden tag aufs neue.“

Lampe aufzuhängen oder hinzustellen. „Die Lichtquellen treten immer stärker in den Hintergrund. Nur so gelingt es, das menschliche Unterbewusstsein zu beeinflussen und die Aufmerksamkeit zu kanalisieren.“ Die technischen Möglichkeiten, gleich mehrere Sinne über das Licht anzusprechen, seien heute vielfältig. „Wir arbeiten beispielsweise nicht nur mit verschiedenen Lichttönen, sondern auch mit unterschiedlichen Lichttemperaturen, wobei jede Branche andere Ansprüche an den Planer stellt“, sagt Amort. „In einem Museum etwa gilt es, den Lichtpegel möglichst niedrig zu halten, um die Kunstwerke nicht zu beschädigen.“ Die emotionale Darstellung müsse aber trotz Auflagen gewährleistet werden. Und darin liege die Herausforderung. In Südtirol sei der emotionale, sensible Einsatz von Licht noch kaum ein Thema. „Im Ausland sehr wohl“, so Amort, der unter vielen Projekten bereits die Givenchy-Boutique in Tokio, den Showroom von Miele in Mailand und den Sitz


So fühlt sich nur Wolle an

Die Bühne für Produkte, die nicht nur gut schmecken, sondern genauso gut aussehen sollen: Konditorei Acherer

des Wall Street Institutes in Shanghai ins rechte Licht gerückt hat.

Wenn das Auge mitisst Seine Mehlspeisen sehen aus, als hätte sie ein Kinderbuch-Illustrator gezeichnet. Die Farbpalette reicht vom zarten Rosa der Himbeermousse über das satte Gelb der Mangocreme bis hin zum unwiderstehlichen Braun der Schokolade, alles verfeinert mit überzuckerten Beeren, farbigen Tortengüssen und filigranen Spielereien aus Karamell. „Unsere Produkte sollen nicht nur gut schmecken, sie müssen auch gut aussehen“, bringt der Pusterer Konditor Andreas Acherer die Philosophie seines Betriebes auf den Punkt. Seine Törtchen und Pralinen, Cremen und Hefezöpfe sind aber nicht die einzigen Farbkleckse in der Pâtisserie in der Brunecker Stadtgasse. Zumindest ebenso bunt und ansprechend sind auch die Sträuße und Kränze, Bouquets und Gestecke, die Acherers Lebensgefährtin, die Floristin Barbara Strondl,

kreiert und im selben Laden verkauft. Ein Feuerwerk aus Farben und Formen, Düften und Aromen, das durch das strahlende Weiß und das helle Grau der Einrichtung noch stärker zur Geltung kommt. „Wir haben ganz bewusst auf Bilder, Teppiche, ja auf jeglichen Schnickschnack verzichtet, um wirklich nur die Mehlspeisen und die Blumen in den Mittelpunkt zu stellen“, so der junge Konditor. Bei Acherer isst das Auge mit, aber auch die Blu Nase kommt nicht zu kurz. Der für BluGe menläden oft typische, erdig-muffige GeLüf ruch wird von einer extra starken Lüftungsanlage absorbiert. Was zurück bleibt ist ein Gemisch aus Vanille und Schoko Butter, reifem Obst und herber SchokoHinter lade. Und die Ohren? „Für die Hinterori grundmusik haben wir verspielte, orientalische Melodien gewählt“, sagt Andreas Acherer. „In Bruneck hört man das sonst nirgendwo, sodass man ruhig sagen kann, dass man unseren Laden sogar mit verbundenen Augen erkennen kann.“

Die Meraner Jochum & Nesler GmbH hat sich in der Welt des Sports einen Namen gemacht. Das von Bernd Jochum und Christa Flora gegründete Unternehmen entwickelt und produziert neben Kitesport-Produkten seit 2006 auch hochwertige Outdoor-Bekleidung. JN-Kollektionen sind ein stilistischer Mix aus Tradition und Zukunft und setzen Loden, Walkstoffe und technische Funktionsstoffe in einen völlig neuen Kontext. „Loden und Walkstoffe waren die allerersten Funktionsstoffe überhaupt – sie regulieren das Körperklima, sind wasserund windfest, warm und unverwüstlich“, sagt Roswitha Torggler, Marketingverantwortliche bei JN. Eine JN-Jacke begeistere aber nicht nur durch Funktion und Style, sondern auch durch ihre außergewöhnliche Haptik. „Wolle fühlt sich immer vertraut, weich und wohlig an. Allein der Stoff ist ein Erlebnis. Wir beobachten immer wieder, dass es den Menschen ein Bedürfnis ist, unsere Produkte zu betasten. Dabei entsteht eine emotionale Verbindung zum Produkt.“ JN’s Outdoor-Bekleidung richtet sich an Bergsteiger, Tourengeher, Freerider, Schnee-Kiter, Telemarker und an alle, die sich bei jeder Witterung draußen bewegen wollen. Die Kollektion umfasst verschiedene Jackets, Pants, Kapuzen(mdp) jacken und Westen.

Jn-Jacken: W wie Wolle, weich und wohlig


TITEL: Multisensorik | Web-Auftritt

Südtirol für Schwindelfreie. Die neu gestaltete suedtirol.info

sseite eite zeigt navigierbare Videoclips zu diversen themen. themen. M hat sich auf einen „Kulturflug“ durchs lland and begleiten lassen, der gleich mehrere sinne sinne anspricht.

nuR EIn KLICK auf den grünen Button und das Abenteuer beginnt. Besser gesagt, der Flug. Denn der Videoclip „Culturonda“ auf der neu gestalteten Seite suedtirol.info führt auf eine fast vierminütige Luftreise durch das Land. Wie ein Falke stürzt sich der User zunächst auf Schloss Tirol, dreht eine Runde um den Bergfried, gleitet am Wehrgang vorbei, segelt durch die Schlosskapelle, um schließlich in Richtung Meran weiterzuziehen. Wer nicht hundertprozentig schwindelfrei ist, sollte sich spätestens jetzt festhalten, denn bei den schnellen Runden über den Gärten von Schloss Trauttmansdorff beginnt es regelrecht im Kopf zu drehen: hoch hinauf, über die Gipfel schlanker Zypressen und dann wieder hinunter, so nahe an die Blumen heran, dass man sie fast riechen kann, um schließlich wieder in die Lüfte zu schießen, beflügelt von einer mitreißenden Akkordeonmusik. Und von oben, von ganz oben, zeigt sich zunächst auch Bozen, der Waltherplatz, die Pfarrkirche. Zwei Tauben flattern davon. Sie trudeln an schmucken Erkern und dreisprachigen Straßenschildern vorbei, wirbeln über Kaffeehaustische und Obststände, Zigarettenqualm und Espressoduft hinweg, um jungen Frauen und alten Marktmännern zu lauschen.

Blech und Holz Der Blick wendet sich wieder: Der Aufmarsch der Kapelle von Lengmoos lädt zu einer Pause ein. Die warme Abendsonne spiegelt sich im Blech der Trompeten und Posaunen. Gleich anschlie18

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ßend zwingen die raschen und präzisen Handgriffe des Grödner Holzschnitzers Matthias Verginer zum nächsten Stopp in seiner Werkstatt. Doch es dauert nicht lange, und schon führt die Reise weiter über steile Wiesen zu einsamen Berghöfen und entlegenen Weilern. Dorthin, wo das Heu noch per Hand gewendet und das Holz für den Winter an der Hausmauer gestapelt wird. Beim Mittagessen folgt ein kleiner Bub dem Flug einer Bergdohle. Knödel und Spaghetti, Hausmannskost und Sternegastronomie – der Reisende darf seine Nase in alle Töpfe stecken. Und das Wasser, das ihm dabei im Mund zusammenläuft, ist ganz und gar nicht virtuell. Wie auf einer Achterbahn rollen die Waggons durch den Stollen des ehemaligen Kupferbergwerkes in Prettau. Die Spannung steht den Touristen ins Gesicht geschrieben. Immer wieder tropft es ihnen eiskalt auf die Stirn. In ihrem grellgelben Regenschutz sehen die Besucher wie nordische Seemänner aus, die sich in den Bergen verirrt haben.

Lauben und Pergeln Und schon nimmt der Betrachter seinen Flug wieder auf. Zielgerade steuert er auf Glurns zu – das alte Stadttor, enge Gassen, niedrige Lauben, kunstvolle Gast-hausschilder. Weiter südlich laden die Überetscher Weingärten zu einem Abstecher unter die Pergeln ein, bevor der Falke – oder ist es diesmal gar ein Adler? – in der Morgensonne zu ei-

nem letzten, atemberaubenden Rundflug über die Dolomiten, über Schneefelder und Gipfelkreuze, Steilwände und Felsspalten abhebt. Um mehr über Südtirols Kulturpunkte zu erfahren, braucht man nur den Cursor auf das entsprechende hellgrüne Feld links unten am Monitor zu richten. Denn zu den insgesamt zwölf Etappen der „Culturonda“ gibt es nicht nur stimmige Bilder und ansprechenden Sound, sondern auch allerlei Informationen, (mdp) die jederzeit abrufbar sind.


Sie sind das Herz der neuen suedtirol.info: die "Erlebniswelten", navigierbare Filme

InFO c u LT u R O n D A Neben „Culturonda“ sind auf der suedtirol.info seite auch die beiden weiteren Videoclips „Für Körper und geist“ und „Wandern & Bergsteigen“ zu sehen. Weitere zehn Filme folgen demnächst. www.suedtirol.info/erlebniswelten

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TITEL: Multisensorik | Blick über den Tellerrand

Wie andere ihre Marken & Produkte inszenieren

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MALOJA Duftende T-Shirts Die bayerische Bekleidungsfirma Maloja, benannt nach einem schweizer Ort im engadin, experimentiert seit einiger Zeit damit, Bekleidung auch über die Nase erlebbar zu machen. Begonnen hat es zu Weihnachten 2009: An Partner versandte man eine lila Wollmütze mit einem Christbaum-Aufdruck, der nach Zimt roch. "Der geruch hat erstaunlich lange gehalten," weiß heute noch ein empfänger des gadgets. in den Verkauf ging folglich das gelbe t-shirt seline, das nach Alpenwiese riecht. Dabei werden die Fasern mit dem geruch imprägniert, der für rund 20 Waschgänge erhalten bleibt. "Den Mädels gefällt diese neue Dimension, die sind davon ganz begeistert", meint Paul Hafen vom Kundenservice. Die Herrenwelt sei damit weniger zu beeindrucken. im Moment sei kein duftendes Kleidungsstück für den Winter geplant, heißt es aus dem Hause Maloja. Fazit: Es ist wohl im Moment nicht mehr als ein netter Gag.

BREIL Bunte, duftende Plastikuhren um Düfte geht es auch bei Breil. Dort wurde eine - ursprünglich nicht duftende - uhrenlinie der 80er Jahre wieder neu aufgelegt: Hip Hop heißt die gummiuhr und ist als fröhliche, wasserdichte sommeruhr konzipiert. Die uhr passt gut zu sonne und Meer und duftet nach Vanille, Ananas, Blumen, Zitrone und Pfirsich. "ewig hält der Duft nicht", heißt es beim Juwelier Benetti am Bozner Waltherplatz, wo die uhren für 29 20

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euro gut verkauft werden. "solange sie in der Plastikkugel sind, hält sich der Duft, wird die uhr getragen, verflüchtigt sich der Duft nach einiger Zeit". trotzdem sind die modischen uhren ein Renner: 2010 wurden sie allein in italien über eine Million Mal verkauft. Fazit: Design und günstiger Preis sind Trumpf, der Duft ein eher unwichtiges Detail.

CHAnEL Innovative Streifenfächer-Anzeige Jede Frau kennt sie: Die Anzeigen von Parfums mit dem Klapper. Öffnet man ihn, weht der leserin der Duft des Parfums um die Nase. Diese Art der Parfumprobe in den Zeitschriften wirkte immer etwas künstlich, klebrig und dem edlen Produkt nicht wirklich angemessen. Chanel hat es in der Zeitschrift Vogue viel eleganter und ungewöhnlicher gemacht: ein ganzseitiger Duftfächer, integriert in die schicke Modezeitschrift, machte den legendären Duft von Chanel Nr. 5 für die leserinnen gleich mit mehreren sinnen erlebbar. Optisch erinnern die streifen an jene in der Parfumerie, haptisch animiert der Fächer geradezu zum Anfassen und auch olfaktorisch wurde jeder erreicht, der durch die Zeitschrift blätterte. Diese Anzeige wurde mit dem Mediapreis für Print der deutschen Werbezeitschrift w&v ausgezeichnet. Jurorin Marianne Dölz: „Diese idee könnte adaptierbar auch für andere Produkte sein, etwa aus dem lebensmittelbereich, und fällt in einer stark überreizten luxuszeitschrift wie Vogue trotzdem auf. ein Paradebeispiel für gelungene einbeziehung des lesers.“ Fazit: Mach es anders als die anderen.

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Maloja: Shirts wie Zimt Breil: Uhren wie Vanille Chanel: Fächer im Magazin Thermalbad Hürlimann: entschleunigen ohne Uhr Weinwelt Loisium: niederösterreichisches Lebensgefühl


HOTEL LAnGHE, PIEMOnT Der Sinn für Gastfreundschaft "ein Hotel ist nicht nur zum schlafen da. garantierter standard, sicherheit und gastfreundschaft sind entscheidend," erklärt Nico gallina vom kleinen Hotel Langhe in der gourmetdestination Piemont. sein kleines 27 Zimmerhotel bewirbt er mit dem slogan "soddisfa i tuoi sensi"; mit dem Versprechen, dass die sinne Befriedigung finden. Die Homepage führt den user über die Menüpunkte sehen, Hören, tasten, schmekken und Riechen. "Wir legen viel Wert darauf, dass sich die Menschen wohl fühlen, und Menschen", so der inhaber, „nehmen die Welt nun mal ob bewusst oder unbewusst über die fünf sinne wahr." gallina hat sich ins Zeug gelegt: Die verwendeten Materialien und die warme Beleuchtung verleihen dem Hotel die Wärme und besondere Atmosphäre eines Privathauses. Filz wird für das Kopfteil der Betten verwendet, Bettdecken gibt es aus Kaschmir und Wolle. Neben den herkömmlichen fünf sinnen wird auf der Website noch ein sechster sinn eingeführt: die gastfreundschaft. Dieser "sinn" für gastfreundschaft bedeutet, dass gäste sich bei Nico gallina willkommen fühlen. Dem kleinen Drei-sterne-Hotel gelingt das: trotz seiner lage im industriegebiet sind die meisten gäste auf den Bewertungsportalen mehr als zufrieden und am häufig-

sten wird der gastwirt gelobt, der Wünsche erfüllt und wertvolle informationen zu sehenswürdigkeiten und spezialitäten gibt. Fazit: Das Konzept wird konsequent umgesetzt und unterscheidet dieses Hotel von anderen.

THERMALBAD HüRLIMAnn Bewusstes "nach Innen Führen" "Das Bad hat eine meditative, sakrale Ausstrahlung, es eignet sich sehr gut, um in stressigen Zeiten wieder in die eigene Mitte zu kommen," beschreibt ein Besucher die Atmosphäre des Bades. es ist sofort sichtbar: Das thermalbad Hürlimann ist keine herkömmliche spa-Anlage. seine Becken und Anwendungsräume finden in urigen steingewölben Platz. Mächtige Holzbottiche und die tatsache, dass Hürlimann früher mal eine Brauerei war, sorgen für historisches Flair. Das Bad ist größtenteils unterirdisch angelegt und das aus gutem grund: Philosophie des thermalbades ist eine gezielte entschleunigung; es gibt keine Fenster, wenige uhren und einen vorgegebenen Parcours. Durch die Reduktion der eindrükke passiert folgendes: Der Besucher taucht ab, entspannt, kommt zu sich. Am ende lockt doch der freie Himmel: erholungssuchende baden sich für 37 euro sozusagen vom Berg-inneren nach oben zum Dachbad an die frische luft. Fazit: Weniger ist oft mehr.

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WEInWELT LOISIuM Beeindruckender Audio-Guide eine erlebniswelt zu einem Produkt spricht von Haus aus alle sinne an. es wird mit Räumen, Farben und elementen zum Anfassen gearbeitet. in den Produktionsstätten riecht es unnachahmlich und am ende kann das fertige Produkt verkostet werden. so ist es auch in der Weinwelt loisium im niederösterreichischen Langenlois. Der Kellerrundgang ist ein erlebnis: Die 90-minütige Reise führt ins Kellerlabyrinth. Die tour wurde vom schweizer Museumsspezialist steiner sarnen gestaltet und lässt einen in die niederösterreichische Weinwelt, ihre Mystik und geschichte eintauchen. Besonders gut umgesetzt wurde der Audio-guide. "Hier wird aus der sicht des Winzers erzählt", heißt es in der Marketingabteilung. Die stimme und ihre dialektale Färbung transportieren ein stück niederösterreichisches lebensgefühl und bringen die Besucher noch mehr in eine andere Welt und eine andere Zeit. Dies gelingt auch heute noch, obwohl der Audioguide seit 2003 unverändert ist. Die äußere Architektur wirkt zu den gemütlichen Kellern und erzählweise wie ein Kontrapunkt. Der New Yorker Architekt steven Holl hat mit dem kubusförmigen Baukörper mit seiner ungewöhnlichen Aluminiumhülle einen einprägsamen Blickpunkt im Weingarten geschaffen. Fazit: Loisium ist vor allem auch ein Fest für die Ohren. (bp)

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TITEL: Multisensorik | Meinung

Mar | ke | ting, Mul | ti | sen | so | ri | sches das; nutzt die aktuellen erkenntnisse der Neuroökonomie, um den Marketingprozess effektiver und effizienter zu gestalten. Neben den Optimierungsmöglichkeiten von Klang, geruch, Haptik, geschmack und Form auf Produktebene bezüglich Qualitätsempfinden, Nutzerfreundlichkeit und Ästhetik, nutzt multisensorisches Marketing die erkenntnis der multisensorischen Verstärkung.

„Oh Pustertal, da waren wir auch.“ Florian Kronbichler katapultiert sich zurück in die Vergangenheit – und stellt fest, dass schon seine schwiegermutter multisensorische Verkaufsstrategien beherrschte. Über Marketing als Missverständnis und Qualitätsprädikate, die gar keine sein sollten.

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on Marketing verstehe ich nichts. Ich glaub nicht einmal daran, und ehrlich gesagt, halte ich es für ein Missverständnis. Natürlich ist es ein Problem, wenn mehr verkauft werden muss, als gebraucht wird. Dann ist da noch die Konkurrenz, diese gemeine, die will auch ausgespielt werden – nein, es wird schon Gründe geben, dass es Marketing gibt. Der Markt kann nicht sich selber überlassen bleiben, wenn man will, dass für einen etwas herausspringt, etwas mehr, wenn möglich. Man muss ihm nachhelfen, muss selber großtun oder andern schöntun, am besten beides, und das dürfte dann Marketing sein. Früher hieß es Werbung. Zum Werben aber braucht es, so wie zum Streiten, immer zwei: den einen, der wirbt, und den andern, der drauf hereinfällt. Es darf nur nicht so aussehen, denn das Spiel funk-tioniert nur, solang es nur Gewinner und keine Verlierer gibt. Gibt’s natürlich nicht, aber was ist die Alternative? Die Alternative wäre mein Schwiegervater gewesen, und der ist im Frühjahr mit 94 gestorben. Er war Weinbauer und führte zusammen mit seiner Frau, meiner Schwiegermutter, eine kleine Eigenbaukellerei. Genauer gesagt: Er machte den Wein, und sie verkaufte ihn. Das Geschäft lief leidlich, er glaubte ans Produkt und sie ans Marketing. Werbung im heutigen Sinn betrieben sie nicht. Dafür wurde von den Kunden vor dem Kaufen immer ausgiebig gekostet. Auch dieses hielt der Schwiegervater für eine Unart. Die Frage, wie der Lagrein denn heuer sei, wies er höflich zurück mit der fatalistischen Bemerkung: „Wie er ist, ist er.“ Alles Schönen am Wein verachtete er, gleich, ob mit Chemie oder mit Worten. Seine Frau war da von ganz anderem Stil. Sie ging grundsätzlich davon aus, dass die Kunden, die zu der Zeit hauptsächlich Südtirol-urlaubende Deutsche waren, vom Wein nichts verstünden. Oder positiv ausgedrückt: Die Frau traute sich selber die größere Verführungskraft zu als jedem noch so guten Wein. Tatsäch22

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lich war ihre Gastfreundschaft unwiderstehlich. Bevor aufgeladen wurde, setzte man sich erst einmal zusammen. Es wurden Proben kredenzt und Selbstgemachtes aus der Küche gereicht. Die Frau verstand es vortrefflich zu prachten, übers Leben im Allgemeinen und den Wein speziell. Sie hatte einen von der Handelskammer veranstalteten Sommelierkurs besucht, und seitdem stand ihr zusätzlich zu ihrer natürlichen Eloquenz auch noch das gesamte Repertoire des Weinbeißerlateins zu Gebote. Der einzige, der dem „multisensori „multisensorischen Marketing“ der Frau nicht erlag, war ihr Mann. Er verachtete den „Schwin „Schwindel“, als was er alles Gerede über seinen Wein empfand. Freilich, nie hätte er sei seispü ne Frau vor anderen Menschen das spüren lassen. Dafür war er viel zu vornehm und wohl auch zu schüchtern. Manchmal jedoch, ganz selten, wenn etwa die Frau für einen Moment die Küche verließ oder sonstwie abgelenkt war, da ergriff der weise Weinbauer die Gelegenheit und sagte in die Runde hinein: „Wissen Sie, meine Frau kommt aus dem Pustertal.“ Nur das, und das in einem um Verständ Verständwoll nis heischenden Ton. Was er sagen wollte: Sie kommt von den Erdäpfeln und kann nichts dafür. Bei der gut versorgten Kundschaft Puster kam die Botschaft nie an. „Oh, Pustertal! Da waren wir auch schon!“ Und „da Begeiste fahren wir wieder hin“. Die Begeistesag rung für die Frau und alles, was sie sagSchwie te, stieg um ein Weiteres. Mein Schwiegervater musste erkennen: Was er als mildernden Umstand vorgebracht hatte, verkehrte sich in ein zusätzliches Qualitätsprädikat. Still fügte der Unverstandene sich in die neuzeitliche Verkommenheit. Florian Kronbichler, 59, ist freier Journalist in Bozen. seine Kommentare und glossen erscheinen in deutschen und italienischen Zeitungen.


MARKETING

Farbe muss sein. Beim Einkochen von Früchten kann sie verlorengehen. Darum muss nachgefärbt werden. Der Trend beim Färben geht "zurück zur Natur"

Lebensmittel bekennen Farbe. „Das Auge isst mit“, heißt es im

Volksmund, und das sprichwort stimmt auch: Denn die Farbe eines lebensmittels beeinflusst unsere Kaufentscheidung mehr als wir meinen möchten. FRISCHE HIMBEEREn sind rot, faule sind braun, und weil das so ist, erwarten wir uns auch von Himbeerkonfitüren oder Himbeerbonbons, dass sie rot sind. Dass Lebensmittel eine bestimmte Farbe haben müssen, um lecker und appetitlich zu erscheinen, gehört zu den Urerfahrungen des Menschen. Hat eine Speise eine schöne Farbe, so empfinden wir sie als reif, frisch, gut zubereitet und von guter Qualität. Zudem ist der Mensch ein

Gewohnheitstier, was Farbe und Geschmack anbelangt: Himbeerkonfitüren aus dem Supermarkt sind schon seit Jahren rot. Also: einmal rot – immer rot. Es ist also die Farbe eines Lebensmittels, über die wir auf den Zustand der Speisen schließen und somit entscheiden, ob wir ein Produkt attraktiv finden oder ablehnen, und, in der Konsequenz: ob wir es kaufen oder nicht. Wir bilden uns ein "Vor-Urteil", auch wenn es

manchmal unserer Vorstellung über den Geschmack nicht gerecht wird. Es kann sogar so weit gehen, dass das bloße Aussehen einer Speise sogar den Geruchs- und Geschmackssinn irreführen kann: Lebensmittel können nämlich besser aussehen als sie schmecken und umgekehrt. Der Versuch von Pepsi farbloses, glasklares Cola auf den Markt zu bringen, das aber vom Geschmack her genau dem Original entsprach, ist » J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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"Mischt man Blaukraut- mit Kürbiskonzentrat, so erhält man einen grünen Farbton" sagt Hanspeter Alber

W E L c h E F R u c h T- u n D G E M ü S E kO n z E n T R AT E G E B E n W E Lc h E FA R B E ? Karotte, Kürbis, gelbwurzel, Apfel Rote Bete, schwarze Karotte, Holunderbeere, Aroniabeere, schwarze Johannisbeere, süßkartoffel, Kirsche, Radieschen BLAU Algen, Blaukraut GELB ROT

Diese färbenden lebensmittel geben die drei grundtöne und können beliebig vermischt werden, um den gewünschten Farbton zu erhalten.


MARKETING

Rote-Beete-Fruchtkonzentrat verleiht roten Gummibärchen Rote-Beete-Fruchtkonzentrat verleiht roten Gummibärchen ihre leuchtende Farbe

beispielsweise fehlgeschlagen: laut Verbraucher hat Cola nämlich braun zu sein, obwohl diese Farbe nur eine Phantasie der Erfinder war. Warum aber müssen Konfitüren & Co. eingefärbt werden? „Durch verschiedene Verarbeitungsprozesse, wie etwa durch das Einkochen, kann die Farbe verblassen und das Endprodukt scheint geschmacklos, wenn nicht sogar verdorben. Um diesen Farbverlust zu korrigieren und ein schöneres Produkt zu haben, wird nachgefärbt“, sagt Adolf Pircher, Verantwortlicher für Qualitätssicherung der Iprona AG in Lana. Iprona verarbeitet die verschiedensten Früchte zu Konzentraten und hat auch natürliche Fruchtfarben im Sortiment. Außerdem gibt es Produkte, die auf Grund ihrer Zusammensetzung eine schwächere Farbintensität haben, als es der Konsument erwartet, und die Farbe deshalb intensiviert werden muss. „Bei Limonaden oder bei Margarine beispielsweise ist das der Fall, denn ohne Farbstoff hätten sie eine weißliche bis hellgraue Farbe“, ergänzt Pircher. Die Farbe spielt also neben Geruch und Geschmack eine entscheidende Rolle in der Lebensmittelproduktentwicklung. Wie bekommt aber ein Lebensmittelartikel die „richtige“ Farbe? Zum einen durch Farbstoffe. Farbstoffe sind etwa der gelblich-orange Farbstoff Carotin oder Zuckerkulör, das beispielsweise Cola-Getränke braun färbt. Diese sind in der Zutatenliste durch ihren Namen selbst oder durch E-Nummern gekennzeichnet; zurzeit sind etwa 40 solcher Lebensmittelfarbstoffe zugelassen. Seit etwa einem Jahr müssen einige die-

ser Farbstoffe sogar mit einem Warnhinweis gekennzeichnet werden, da sie laut Europäischem Parlament im Verdacht stehen, Allergien oder Hyperaktivität bei Kindern auszulösen.

Holunder, Rote Beete & Co Die zweite Möglichkeit, Lebensmittel einzufärben, kommt aus unserem Garten: Holunderbeere, Rotkohl oder RoteBeete zu Konzentraten verarbeitet, bringen auch Farbe in Lebensmittel. Die Farbpalette reicht hier von verschiedenen Rottönen über Grün bis zu Violett und Blau. „Diese so genannten färbenden Frucht- und Gemüsekonzentrate sind keine Lebensmittelzusatzstoffe wie etwa Farbstoffe und sind zu behandeln und zu deklarieren wie andere Fruchtkonzentrate auch“, sagt Hanspeter Alber, Getränketechnologe und Experte im Bereich färbende Lebensmittel. „Weil somit keine Farbstoffe eingesetzt und ergo auch nicht deklariert werden, spricht man in der Fachwelt auch von Clean Labelling.“ Clean Labelling kann ein gutes Marketinginstrument sein – der technologische Aufwand, mit färbenden Lebensmitteln zu arbeiten, darf aber nicht unterschätzt werden. „In der Praxis sind künstliche Farbstoffe am einfachsten anzuwenden, natürliche Farbstoffe sind da schon etwas heikler. Färbende Lebensmittel sind wiederum noch komplizierter in ihrer Anwendung. Sie können etwa sehr hitzeempfindlich, pH-Wert-abhängig, säureempfindlich oder schlecht UV-beständig sein“, sagt Alber und ergänzt: „Außerdem entfalten solche Obst- und Gemüsekonzentrate

ihre Farbkraft in den verschiedenen Produkten unterschiedlich: Rote-BeeteFruchtkonzentrat gibt etwa Gummibärchen eine leuchtende und frische rote Farbe, während genau derselbe Farbstoff in Speiseeis verwaschen und milchig aussieht und somit unappetitlich wirkt“. Nicht einfach also, die richtige Farbe für das richtige Produkt zu finden. Der Trend im gesamten Lebensmittelsektor geht zwar hin zu Natürlichkeit, Gesundheit und Nachhaltigkeit, dennoch würde niemand bräunliche Himbeerkonfitüre oder klare Cola kaufen. Lebensmittel werden also auch in Zukunft weiter Farbe bekennen müssen. Der natürlichste, aber aufwändigste Weg des Farbe-Bekennens seien Rotkohl, Rote Beete & Co. „Der Trend aber geht eindeutig in diese Richtung“, sagt Adolf Pircher, und bringt somit Chance und Herausforderung in diesem Be(ep) reich auf den Punkt.

Einmal rot - immer rot. Das gilt vor allem für Erdbeer- und Himbeerkonfitüre J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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MARKETING

Von Burgstall in die weite Welt Seit 30 Jahren produziert Dr. Schär glutenfreie Kost in Burgstall bei Meran – Anlass für ein Treffen mit Firmengründer und Präsident Ulrich Ladurner

Die Firma Dr. Schär hat 300 Produkte ohne Gluten im Portfolio

arum ausgerechnet Burgstall, denkt man, wenn man das Firmengelände von Dr. Schär, des Südtiroler Herstellers glutenfreier Kost, zum ersten Mal sieht. Warum ist ein Unternehmen, das weltweit agiert, in einer 1700-EinwohnerGemeinde südlich von Meran ansässig? „Diese Frage beantworten wir ganz anders“, sagt Ulrich Ladurner, lacht kurz auf, legt sein Handy auf den Tisch und beginnt zu erzählen. Ulrich Ladurner, grauer Bart, Lesebrille, hellblauer Pulli, ist Gründer und Präsident des Unternehmens Dr. Schär. Von seinem Büro aus sieht er über die Weinreben vor Meran, über das obere Etschtal, hinüber zum Vigiljoch und ins Ultental, und das wäre ja auch kein schlechter Grund für diesen Standort. Zunächst aber erzählt Ladurner vom Jahr 1981 und davon, wie alles begann. Ladurner, gebürtiger Meraner, arbeitete in den 1970er Jahren als gelernter Drogist in Meran im Betrieb seiner Eltern. „Man kennt ja die Leute und redet mit ihnen“, erinnert er sich heute an diese Zeit, weil er damals eine ebenso simple wie geniale Feststellung gemacht hat: „Es gab für die Leute, die Zöliakie hatten, nix G’scheits zum Essen.“ Ein Satz, den man sich als Startpunkt einer fantastischen Südtiroler Erfolgsgeschichte auf der Zunge zergehen lassen muss.


Die Marke Dr. Schär hatte Ladurner bereits zwei Jahre zuvor gekauft. Sie existierte schon seit 1922, weil der Innsbrucker Sprengelarzt Dr. Anton Schär unter diesem Namen gesunde Kinderernährung verkaufte. Ladurner richtete Dr. Schär allerdings neu aus – auf glutenfreie Kost. In den 1980er Jahren wurde das Krankheitsbild gerade erst erforscht, und man erkannte, dass glutenfreie Kost allen Betroffenen das Leben immens erleichtert. Zöliakie, so fanden Forscher heraus, ist eine genetisch bedingte, dauerhafte Unverträglichkeit des Immunsystems gegenüber dem Klebereiweiß Gluten, das in Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Dinkel enthalten ist und bei Betroffenen eine chronische Entzündung des Dünndarms auslöst. Es können in der Folge nicht mehr genügend Nährstoffe aufgenommen werden, und Mangelerscheinungen treten auf. Man geht heute davon aus, dass einer von hundert Menschen von Zöliakie betroffen ist. Und bis jetzt besteht die einzig mögliche Therapie bei Zöliakie in der lebenslangen Einhaltung einer streng glutenfreien Ernährung. Die erste Lieferung glutenfreier „Savoiardi Kekse“ empfingen 50 italienische Apotheken. Und seither geht es für das Unternehmen so steil nach oben wie die Seilbahn zum Vigiljoch. 1990 wurde Dr. Schär in Italien Marktführer für glutenfreie Produkte. In den folgenden Jahren nahm Ladurner den deutschsprachigen Markt sowie England und Nordeuropa, dann Osteuropa und zuletzt – mit eigenen Produktions-

stätten vor Ort – den spanischen und US-amerikanischen Markt erfolgreich in Angriff. Weltweit beschäftigt Dr. Schär nun 450 Mitarbeiter und hat sogar ein eigenes Forschungszentrum im AREA Science Park in Triest.

300 Produkte – 5 Markennamen Knapp 200 Menschen arbeiten in dem modernen, halbkreisförmigen Gebäude mit Glasfassade in Burgstall, dem Hauptsitz des Unternehmens. In Südtirol hat sich Dr. Schär mittlerweile auf die Produktion von glutenfreien Broten spezialisiert, 15 Millionen Laibe pro Jahr, auf 137 Quadratmetern Backfläche - und das alles unter strengsten Qualitätskontrollen. Das fängt schon mit den täglich angelieferten Rohstoffen an. Die weißen Säcke voller Mehl, zumeist Reis- oder Maismehl, aber auch Buchweizen- oder Leinsamenmehl, werden alle geprüft und bekommen erst dann das grüne Etikett für das Eignungslager. Die Mitarbeiter in der hochtechnisierten Produktion tragen weiße Schutzkleidung. In einem so genannten Sensorikpanel wird später sogar der Geschmack der Brote getestet. Weltweit produziert Dr. Schär 300 verschiedene Produkte unter fünf verschiedenen Markennamen (Schär, DS - gluten free, Glutafin, Glutano und TruFree). Das Sortiment reicht von glutenfreien

Trockenprodukten bis hin zu Tiefkühlprodukten, von Brot über Snacks bis hin zu Müsli und Nudeln – all das wird mittlerweile nicht nur in Reformhäusern und Apotheken, sondern auch im Lebensmittelhandel und in Supermärkten verkauft. Übrigens: Auch die „Savoiardi Kekse“ sind noch im Programm, werden heute allerdings in Deutschland (Dreihausen) hergestellt. Aber hätte Ladurner mit Dr. Schär nicht auch Scheitern können? „Nein“, sagt der 61-Jährige bestimmt und erklärt: „Selbst wenn wir heute nur ein Zehntel unserer Produkte verkaufen würden, wäre es die richtige Entscheidung gewesen.“ Ein ganz leichtes Lächeln der Souveränität liegt auf seinen Lippen. Zurecht: Denn auch wenn „die Konkurrenz sehr lebhaft geworden ist“, wie Ladurner sagt, geht es weiter bergauf. Der Umsatz lag 2010 bei 145 Millionen Euro, Amerika läuft gut, und der Präsident liebäugelt nun auch mit dem asiatischen Markt. Am Ende des Gesprächs kommt Ladurner dann doch auf die Standortfrage zurück und sagt: „Zwischen Sizilien und Schleswig-Holstein ist Südtirol strategisch wichtig. Und Burgstall wiederum ist ein guter Kompromiss zwischen Bozen und Meran. Hier ist unsere Tradition, unser Fundament, unsere Erfahrung, hier werden wir geschätzt.“ (pg)

SÜDTIROL - ITALIEN Hauptsitz Dr. Schär Gruppe, Produktionsstätte

DREIHAUSEN HESSEN - DEUTSCHLAND Sitz Dr. Schär Deutschland, Produktionsstätte

Die Südtiroler Firma mit Hauptsitz in Südtirol hat sieben Niederlassungen in fünf Staaten

THELWALL WARRINGTON - ENGLAND APOLDA THÜRINGEN - DEUTSCHLAND

Sitz Dr. Schär UK

Produktionsstätte

AREA SCIENCE PARK TRIESTE - ITALIEN Forschung und Entwicklung

LYNDHURST NEW JERSEY - USA Sitz Dr. Schär USA

LOGAN NEW JERSEY - USA Produktionsstätte (in Bau)

ALAGÓN ZARAGOZA – SPANIEN Sitz Dr. Schär Spanien, Produktionsstätte

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MARKETING

Adrenalin für den Absatz. schlussendlich geht es darum: Wie viel und wie gut wurde verkauft. Den südtiroler lebensmitteln zu mehr Absatz zu verhelfen, darauf zielen die Verkaufsförderungs-Aktionen der eOs ab.

SüDTIROLER PRODuKTE haben den Anspruch, Premiumprodukte zu sein und genießen hohe Kundenakzeptanz. Trotzdem: der Verkauf ist kein Selbstläufer. Gerade in der Lebensmittelbranche sind die Gewinnspannen sehr eng gesteckt der Aufwand, um Qualität und Frische zu garantieren, dagegen ist enorm. Promotionsaktivitäten im LEH (Lebensmitteleinzelhandel) sollen deshalb vorrangig den Verkauf ankurbeln, daneben aber auch die Wertigkeit der Produkte vermitteln und dem Kunden eine Motivation für den Erwerb der Produkte bieten.

Angesprochen werden Handel und Endverbraucher Verkaufsförderung ist Teil der Kommunikationspolitik und dient dazu, den Verkauf auf allen relevanten Ebenen zu fördern. „Bedient werden bei den Aktionen verschiedene Zielgruppen. Zum einen der Handel, dem Maßnahmen wie Verkostungen, zusätzliches Personal und kompetente Beratung mehr Absatz versprechen. Zum zweiten ist der Endverbraucher angesprochen, weil er durch solche Aktionen mehr Information, möglicherweise einen Aktionspreis oder ein tolles Angebot und ein Einkaufserlebnis geboten bekommt“, so Paul Zandanel, Leiter des Bereichs Marketing Support der Export Organisation Südtirol (EOS). Dazu kämen Instrumente, die sich an das Verkaufspersonal richten und darauf abzielen, den Verkäufern im Supermarkt Argumente und Wissen zu liefern, wie sie die Südtiroler Produkte schneller und besser absetzen. Preisaktionen, die darauf abzielen das Produkt zum günstigsten Preis anzubieten, werden nach Möglichkeit vermieden. Verkaufsfördernde Maßnahmen haben dann eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn sie mit den werblichen Maßnahmen abgestimmt sind und durch solche begleitet werden. Dann regen sie insbesondere Impulskäufe an und steigern den Abver28

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kauf. Florian Pichler von der Südtiroler Agentur Hemime, die vor allem den italienischen Markt mit Verkostungs- und Verkaufsaktionen bearbeitet, weiß: „Für die Produkte, die wir dem Kunden präsentieren, sind Verkaufsförderungsmaßnahmen unverzichtbar. Durch diese Aktionen, vor allem Sonderplatzierungen und Verkostungen eines breiten Sortimentes an Südtiroler Qualitätsprodukten, ist es möglich, unsere Produkte sowohl dem Konsumenten als auch dem Buyer vorzustellen und somit eine Aufnahme der Produkte ins fixe Sortiment zu erreichen, und das Augenmerk weg vom Preis und hin zu Qualität, Geschmack, Eigenheit usw. zu lenken.“ Solche Maßnahmen sind zeitlich begrenzt, von zwei Tagen bis zu einer Woche, das Ziel aber geht darüber hinaus: Dem Kunden - und dem Händler - soll Südtirol mit seinen Produkten langfristig und nachhaltig näher gebracht werden. Südtirol-Aktionen (s. Kasten) sind zumeist Verbundaktionen, das heißt, nicht nur EIN Produkt wird besonders beworben, sondern ein Paket: Schüttelbrot, Käse und Speck, dazu Wein und Grappa. Solche Promotionen und der gemeinsame Auftritt unterstreichen den Mehrwert Südtiroler Qualitätsprodukte und können über Rezeptvorschläge, Speisen-Wein Anpassungen, Informationsmaterialien zur Qualität und Herkunft der Produkte sowie Gewinnspiele in Kombination mit der Reisedestination Südtirol, vermittelt werden. Die Kernmärkte für Verkaufsförderungsaktionen sind Italien, Deutschland, Österreich und die Schweiz. Benelux, Skandinavien, USA, UK, Russland, Polen und Tschechien sind wichtige Märkte mit Potential. In Deutschland, wo Gewinnspiele sehr unkompliziert geregelt sind, begleiten diese häufig eine größere Aktion, wie letzthin den „Südtirol-Markt“ in Kaufbeuren, wo der glückliche Gewinner eine Reise nach Südtirol (cs) gewinnen konnte.

Promotion im Dachmarkenstil: Südtirol Rotair und Südtirol Totem


MASSnAhMEn DER VERkAuFSFöRDERunG

aktionen am pos Maßnahmen am Verkaufspunkt mit Werbematerial

» Verkostungsaktion (südtirol Botschafter) » Schaukochen (mit südtiroler Produkten in geschäften) » Informationsstände (südtiroler Produkte) » Südtirolwoche/Südtirolmarkt Verknüpfung der synergien verschiedener Produktgruppen um die Vielfalt und die Qualität südtiroler lebensmittel zu vermitteln

Knackige Botschafter: Präsentationen für Einkäufer und Endkunden

geschäftseröffnung mit „südtirol-markt“ Verkostungen mit Rahmenprogramm

südtirol präsentationen für den handel schulungen » Schulungsreisen Handel nach Südtirol » Seminare, Betriebsführungen, Infoabende » Schulung des Verkaufspersonal beim Handelspartner schulungsfilme schulungstage, an denen die südtiroler Qualitätsprodukte im Vordergrund stehen

Präsentation von südtirol, den Qualitätsprodukten und möglichen Promotionen bei Jahresgesprächen mit Handelspartnern

networking Zugriff auf umfassendes Partnernetzwerk und Kontakte aus dem Handel und Presse

delegationsreisen incoming & outgoing kundenabende handelspartner » Mit Auftritt Testimonial » Mit Show Kochen

Organisation und Koordination von Reisen nach südtirol oder gemeinsame geschäftsreisen in neue Märkte

merchandising auftritte auf hausmessen des handels

storechecks und schulungen von Verkaufspersonal

vor allem mit organisierten Aktionen

nachbearbeitung gewinnspiele in Kombination mit Aktionen/ Promotionen

Auswertung der Aktionen in Hinblick auf eine steigerung der Abverkaufszahlen

nächSTE GEPLAnTE SüDTIROL AkTIOnEn

27. juni – 10. juli 2011 Weintage in Warschau (in ausgewählten Vinotheken)

anfang oktober Südtirol Markt bei KAES Deutschland

oktober Südtirol Aktion bei Spar Österreich

september – november 2011 Südtirol Aktion in new york und Chicago

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MENSCHEN

Der Inspirierte. st. Kassian hat mit seinen 700 einwohnern und seinen drei sternen die höchste sternedichte in ganz europa und mit Norbert Niederkofler den ersten südtiroler Koch, der zwei Michelinsterne eroberte. Jetzt soll der Dritte kommen.

Text: Philipp Gonzales Foto: Alex Filz

„DIE DOLOMITEn HABEn mich den Kontakt zur Natur gelehrt und meinen Stil verändert“, sagt Norbert Niederkofler und blinzelt in die Berge. Wir sitzen auf einer Terrasse in St. Kassian im Gadertal, wo er seit 15 Jahren kocht und mit der beruhigenden Gewissheit durchs Leben geht, einer der besten Küchenchefs Südtirols zu sein. Die Natur ist bereits angerichtet: Heiligkreuzkofel, Lavarella und Conturinesspitze; Felsen türmen sich, und weiter oben Richtung

schätzen gelernt.“ Aus einer einfachen Pizzeria im Hotel Rosa Alpina in St. Kassian hat Niederkofler schnell ein kleines exklusives Restaurant gemacht. Vor vier Jahren bekam er den zweiten Michelin-Stern. Das St. Hubertus ist ihm ans Herz gewachsen. Und was kommt nun? „Na, was soll kommen?“, fragt er, „Ich arbeite auf den dritten hin.“ Zu weit in die Sterne gegriffen, oder doch nicht? Beobachtet man die kulinarische Entwicklung Südtirols in den

„Wenn mir jemand sagt, dass er nach meinem 7-Gänge-Menü gut schlafen konnte, dann ist das das beste Kompliment für meine Küche.“ Lagazuoi und Falzarego zeugt ein großes Bachbett von den Kräften, die die Natur hier freisetzen kann. Man könnte die Landschaft als intensiv und gehaltvoll bezeichnen und das ohne Weiteres auf Niederkoflers Küche umlegen. Norbert Niederkofler sitzt leger und stilvoll gekleidet auf der Terrasse. 49 Jahre ist er alt, wirkt weltmännisch und doch heimatverbunden; Seit 15 Jahren ist er wieder zurück in Südtirol, er, der Abtrünnige, der mit 19 Jahren das Ahrntal verlassen hat und sich sicher war, nie mehr zurückzukommen. Niederkofler hat bei Witzigmann in München gelernt und hat dann in Deutschland, Österreich, Amerika und in der Schweiz gekocht, ehe er doch wieder zurück in die Dolomiten kam. „Eigentlich wollte ich nur ein paar Jahre bleiben“, gesteht er. „Ich habe Südtirol im Laufe der Zeit 30

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letzten 15 Jahren, so scheint alles möglich: Mit 15 Guide-Michelin-Sternerestaurants in 2011 verfügt Südtirol unter allen Provinzen Italiens über die meisten Sterneküchen. Neben dem St. Hubertus von Norbert Niederkofler sind die Trenkerstube von Küchenchef Gerhard Wieser im Hotel Castel in Dorf Tirol sowie das Jasmin in Klausen des jungen Martin Untermarzoner zwei weitere Zwei- Sterne-Restaurant in Südtirol. Der „Gault Millau Südtirol 2011“ verlieh insgesamt 69 Hauben. Das Geheimnis der Niederkoflerischen Küche: Sie ist klar, zurückgefahren und auf die Qualität bedacht. „An erster Stelle kommt für mich immer das Produkt. Erst an zweiter Stelle kommt der Koch.“ Fisch oder Fleisch, eine Beilage und eine passende Soße, das war’s auch schon. „Reduktion aufs Wesentli-

che“, nennt er das. Und das hat sich seit drei Jahren sogar nochmals verstärkt. „Ich glaube, die Linie im Restaurant ist noch klarer geworden“, sagt Niederkofler und erzählt, dass er 2007 die Berge vor seiner Haustüre nicht nur als Inspiration für die Küche, sondern auch als Sportgelände für seinen Körper entdeckt hat: Rennradfahren, Mountainbiken und Wandern im Sommer, Skifahren und Langlaufen im Winter. 15 Kilo hat er abgenommen, fühlt sich gesund und lebendig und hat nun auch seinen Körper aufs Wesentliche reduziert. Etwa die Hälfte der Produkte, die es in die Rosa-Alpina-Küche zu den 22 Mitarbeitern schaffen, kommen aus der näheren Umgebung. Von einer Käserei im Ort, einem Kräuterbauern in Brixen oder einem Metzger in Zwischenwasser. „Wenn ich hier den Menschen ins Gesicht schaue, dann weiß ich genau, was sie verkaufen“, sagt Niederkofler. Und natürlich kommt in St. Kassian immer auch der tagtägliche Einfluss der Dolomiten dazu: das Quellwasser, die Höhenluft, die Atmosphäre. Wer weiß, vielleicht macht genau diese Mischung eines Tages den dritten Stern aus.

R E S TA u R A n T S T. h u B E R T u S Hotel Rosa Alpina i-39030 st. Kassian tel. +39 0471 849 500 info@rosalpina.it www.rosalpina.it


Norbert Niederkofler und die Sternegastronomie: "In Italien waren die Sternerestaurants früher kaum bekannt, es zählte nur die Küche der Mutter und Großmutter. Und an den Autobahnraststätten war das Essen dann gut, wenn viele LKWs dort standen." J u l i , A u g u s t, S e p t e m b e r 2 0 1 1 | M   3 1


MARKETING

Scheinwerfer an für den „Fleck“. Martell im Jahr 2020 –

verpachtet an Bollywood. Dies die Prophezeiung des Journalisten und Autors ulrich ladurner in den erzählungen „Der Fleck“. Die Vision südtirols in sachen Filmförderung ist eine andere.

VERFüHRT VOn EInER ERDBEERE – oder, um der Wahrheit Genüge zu tun, doch von einem ganzen Körbchen voll – lässt sich im Jahre 2020 ein mächtiger Filmproduzent aus Bollywood vom Marteller Martin Prettlhuber dazu überreden, zum Lokalaugenschein ins Martelltal zu kommen. So startet die Geschichte „Martell 2020“ aus dem Buch „Der Fleck“ des Südtiroler Starjournalisten Ulrich Ladurner. Das Buch ist für einen Ideenwettbewerb entstanden, den die deutsche Kulturabteilung 2005 unter dem Titel „Südtirol 2025 – Kulturelle Visionen“ ausgeschrieben hatte. Ulrich Ladurner hatte diesen gewonnen und seine Visionen der Südtiroler Zukunft als Sammlung von Geschichten aus verschiedenen Zeitepochen gestaltet. Wie die Geschichte von Martell und Bollywood weitergeht? Der indische Filmboss reist sehr widerwillig aus Mumbai an, um Südtirol, diesen „Fleck auf der Landkarte“ (daher der Titel von Ladurners Essaysammlung) zu inspizieren. Die Marteller haben auf Geheiß von Prettlhuber alles aufgeboten, was

das Tal hergibt: Von vollbusigen Frauen im Dirndl über niedliche, Gedichte vortragende Mädchen bis zu mittelalterlichen Märkten vor und Ritterturnieren in der Burgruine. Später backen sie eine Weltrekord-Erdbeertorte und tanzen Schuhplattler.

Film-Disneyland Südtirol?

Auch wenn er sich noch so dagegen wehrt, der Produzent aus Indien findet immer mehr Gefallen an dem, was er da sieht. Ganz besonders die Menschen haben es ihm angetan; sie sind zwar total unprofessionell, aber hoch motiviert und flexibel und vor allem sehr echt. Alles passt – irgendwie. Der Produzent erkennt: Hier kann er Zeit und Geld sparen. Die Kulissen sind schon da, Proben werden die Marteller kaum brauchen, sie leben ihre Rollen und spielen sie nicht nur. Und so ist der Inder am Ende des Tages so hingerissen von dieser perfekten Location, dass er sie kaufen will. Doch die Eingeborenen wiegeln ab: Käuflich seien sie nicht, wehren sie sich entrüstet. Pachtbar aber schon, überlegen sie sich wenig später und schließen einen DIE VISIOn DES JOuRnALIPachtvertrag mit dem STEn uLRIch LADuRnER Inder ab. Einzige Klausel: Das Tal müsse in in der Arbeit über die Zukunft südtirols „Der seiner UrsprünglichFleck“ macht der südtiroler Zeit-Journalist ulkeit erhalten bleiben. rich ladurner eine Reise durch südtirols verganSüdtirol als filmigene und fiktiv-zukünftige geschichte. in acht sches Disneyland für Kapiteln erzählt er journalistisch-belletristisch Großproduzenten aus Vorkommnisse und umstände, die zu unterIndien? Die Kulisse, die schiedlichen Zeitpunkten in Vergangenheit oder Ladurner da vor dem LeZukunft und an unterschiedlichen Orten spielen. ser entfaltet, mutet an Damit veranschaulicht der Autor themen, die er wie eine Folge der Pieffür südtirols entwicklung für signifikant hält. kesaga, nur dass diese hier in Südtirol spielt www.provinz.bz.it/aktionstage und statt deutschen Urlaubern eben indische

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Filmmogule das Land aufkaufen. Wie denkbar ist es, dass aus Ladurners Vision Realität wird? Und sich Südtirol in neun Jahren tatsächlich für eine lukrative Verdienstmöglichkeit im Filmbusiness selbst zur Pacht freigibt? „Ein solches Szenario ist natürlich sehr amüsant und kann auch zum Nachdenken anregen, aber es ist absolut undenkbar“, beruhigt Ulrich Stofner, der Direktor der Business Location Südtirol – Alto Adige (BLS), die Südtirol als Standort für Film- und TV-Produktionen vermarktet, „wobei eines schon richtig ist: Wir sind überzeugt davon, dass Südtirol am Anfang einer großen Karriere als Filmstandort steht. Aber die Weichen für unsere Zukunft im Filmsektor sind in eine ganz andere Richtung hin gestellt: In Richtung Professionalität, Know-how und nachhaltige Entwicklung.“


Künftiger Dreh- und Angelpunkt: Das Potential Südtirols als Filmland ziwschen Münschen und Mailand ausschöpfen.

Der Südtirol-Effekt: "150 Prozent der Fördersumme muss nachweislich vor Ort ausgegeben werden", so BLS-Direktor ulrich Stofner

Tatsächlich hat Südtirol als Filmland großes Potential, und das nicht nur wegen seiner wunderschönen Landschaft, kann es doch auf viele Pluspunkte verweisen, die es anderswo so nicht gibt: Etwa die günstige geografische Lage, die Nähe zu den Medienhochburgen Mailand und München, die stabilen Wetterverhältnisse und die Zweisprachigkeit. Eines der stärksten Argumente wurde vor kurzem etabliert, nämlich die neue Südtiroler Filmförderung. „Damit können wir wirksam wirtschaftlich nachhaltige und künstlerisch interessante Filmprojekte anziehen, die hier in Südtirol realisiert werden. Die bringen dem Land nicht nur mehr Wertschöpfung, sondern leisten einen großen Beitrag, damit sich der Filmstandort Südtirol professionell weiterentwickelt“, so Stofner.

Die Kriterien für die Filmförderung wurden strategisch so ausgerichtet, dass die angestrebte nachhaltige Entwicklung des Filmstandorts Südtirol auch wirklich stattfinden kann. Geförderte Projekte müssen zunächst einmal den sogenannten „Südtirol-Effekt“ aufweisen, d.h. es müssen in der Regel mindestens 150 Prozent der Fördersumme nachweislich wieder vor Ort ausgegeben werden. Geld, das direkt in den Südtiroler Wirtschaftskreislauf einfließt, was wiederum die Wirtschaft ganz allgemein stärkt und im Besonderen die Filmwirtschaft. Andere wichtige Voraussetzungen für eine Förderung sind, dass „ein kultureller Beitrag geleistet wird“ und “Ausbildungseffekte für Südtirol generiert werden“, so das Gesetz. So soll ein positiver Prozess in Gang gesetzt werden: Je stärker und effizienter die heimische Filmbranche wird, und je mehr spezialisierte Unternehmen in Folge entstehen, umso höher sind die Ausgaben am Filmstandort, erwartet man sich. Professionalität, Knowhow und nachhaltige Entwicklung. „Solange wir darauf setzen, wird es Ladurners ‚Martell 2020‘ sicher nicht geben“, ist sich Stof(bk/gc) ner sicher. Kameramann Denis Ducroz und sein Assistent in Aktion beim Dreh des Dokudramas „Messner“

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IMS, quo vadis? Er ist ein Lead-Event in der Veranstaltungsszene Südtirols und möchte die internationale Plattform schlechthin zum Thema Berg werden. Was Protagonisten und Beobachter dem International Mountain Summit IMS prophezeien.

SAnDRO FILIPPInI schreibt für die italienische rosarote Sportzeitung, die eigentlich über Fußball schreibt. Und über Fußball, und weiters über einige Randthemen wie Formel 1 und Radsport. Mitnichten: Die Gazzetta dello Sport leistet sich auch einen Alpinexperten und dieser gilt als bestinformiert in Sachen Alpinismus und Berg. Filippini ist Mitglied des IMS-Fachbeirates und somit mitverantwortlich für die inhaltliche Ausrichtung des IMS sowie für die Auswahl der Gäste und Akteure. „Der IMS hat frischen Wind in der Welt der Berge erzeugt, und das nicht nur im streng alpinistischen Kontext“, so der Journalist, der zwar feststellt, dass der Event – zumindest noch - mehr das deutsche als das italienische Publikum anspricht, aber das Potential des Bergfestivals erkennt und schätzt. „Mit 34

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Spannung erwarte ich die dritte Ausgabe, denn sie wird die Reifeprüfung sein. Nach der ersten sehr guten Ausgabe, war es im Vorjahr schwierig die hoch gelegte Latte zu übertreffen. Doch mit der Ausdauer und dem Erfindergeist der Organisatoren kann diese nicht einfache Wette gewonnen werden.“

Internationale Medienpartnerschaften Die Idee vom ganz großen Bergsteigerevent unterstützte von Beginn an auch Reinhold Messner: „Südtirol kann mit diesem Event das Leadership zum Thema Berg entwickeln und übernehmen. Denn Südtirol ist mit den Dolomiten und seinen Kletterstars von Eisendle bis Gietl ein idealer Standort für den Wettbewerb der Ideen dazu“, und fügt

hinzu: „Allerdings nur, wenn die Elite der Bergsteiger mitdiskutiert.“ Damit dem so ist, wurde im Frühjahr dieses Jahres mit dem IMS-Fachbeirat eine Kompetenzstelle eingeführt, der die beteiligten Akteure, die Kletterszene sozusagen, beobachtet und selektiert. Für Mick Fowler, Alpinist und Präsident des British Alpine Club, ist der IMS jetzt schon „ein absolut wichtiger internationaler Event, welcher eine weitaus höhere Bedeutung hat, als man das von einer Veranstaltung erwarten kann, die es erst seit zwei Jahren gibt“. Sie punkte in Sachen Organisation, Qualität der Redner und der ausgewählten Themen und zähle zu den meist beachteten Events dieser Kategorie in Europa. Stolz verweist man bei den Organisatoren auf die Tatsache, dass man bereits im dritten Jahr zahlreiche internationa-


VERANSTALTUNG

IMS SüDTIROL B R I x E n , 21. - 3 0. O k TO B E R 2 0 1 1

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1 | Alpinisten/Kletterer beim IMS 2011 Marko Prezelj (SLO) Josune Bereziartu (ESP) Chris Sharma (USA) Alexander Huber (DE) Thomas Huber (DE) Dean Potter (USA) Adam Ondra (CZ) Stefan Glowacz (DE) Reinhold Messner (IT) Beat Kammerlander (AT) 3 2 | IMS Discussion 2011 » show-alpinismus » sehnsucht berg - Berge und Spiritualität » bergschicksale 3 | IMS Congress 2011 » alpen-polizei – Sicherheit in den Bergen » unesco weltnaturerbe Gemeinsamkeiten, Hintergründe, Probleme » sportgrenze Wald Wie viel Sport verträgt der Wald?

Adam Ondra

5

4 | IMS Media » showbühne berg Alpinsten als Helden der Medien? 5 | IMS Walk » wanderungen mit den IMS-Stars

IMS-Fachbeirat: Sandro Filippini (oben) und Mick Fowler, Präsident des British Alpine Club (unten)

le Medienpartner gewonnen habe: Ne- „Das ansprechende und anspruchsvolle ben Partnerschaften in Italien, Spanien, Programm, vor allem aber die hochkaräPolen und den deutschsprachigen Län- tigen Referenten sorgen dafür, dass der dern reichen diese auch ins ferne Südko- IMS in den Kreisen des Alpinsports seit Beginn einen sehr guten Ruf genießt. rea, nach Russland und den USA. Dieses Bergfestival ist für unsere Stadt die enorme Chance, uns einem interesDie Vision: Brixen als sierten Fachpublikum zu präsentieren Alpenstadt etablieren und uns auf dem internationalen ParDas IMS gehört bereist nach zwei Jah- kett zu profilieren.“ Die Bergsteiger wie ren zu den Highlights der Südtiroler Reinhold Messner und Hans KammerVeranstaltungen. Mit einem Budget von lander seien Garanten dafür, dass der etwas mehr als 500.000 Euro spielt es in IMS auch in Zukunft als ein Höhepunkt einer Liga mit dem Jazzfestival Bozen. im Südtiroler Veranstaltungskalender Rund die Hälfte des Geldes kommt von aufscheinen wird. der öffentlichen Hand – von Land, GeEbenfalls im Rahmen des IMS orgameinde und Region. nisierte der Alpenverein Südtirol (AVS) Und was sagen die Gastgeber? Albert das IMS Boulderfestival mit internatioPürgstaller, Bürgermeister von Brixen, naler Star-Besetzung, an dem einige der spricht von seiner Bergstadt als idealer weltbesten Boulderer teilnahmen. Das Austragungsort für ein Bergfestival: Festival war mit seinen überwiegend » J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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VERANSTALTUNG

IMS unD DER BLIck InS ShOWGESchäFT Von Reinhold Messner stammt das seiner Ansicht nach „hochaktuelle“ Hauptthema des iMs 2011: show-Alpinismus. „Nach Zahlen- und Pistenalpinismus scheint sich das Abenteuer Berg noch einmal zu wandeln“, so der ehemalige extrembergsteiger und heutige Museumsmacher und Visionär. Bedacht sein auf das eigene image sei den Akteuren wichtiger geworden als grenzgänge, scheitern und Kreativität. „Heute hat Konjunktur, wer sich besser darstellt: Wirken ist also das Zauberwort verunsicherter Perfektionisten, die immer und überall sicherstellen wollen, dass die anderen sie genau so sehen, wie sie selbst gern gesehen werden wollen,“ so das ernüchternde urteil von Messner. imageberater würden den heutigen stars erklären, was wie passt, wenn glatt geschliffene Wände von unten geklettert und von oben gefilmt werden. „Wer so klettert, eckt nicht an, bezieht nie eindeutig Position, hat immer eine Hintertür offen. Wie die sache ankommt, nicht was sie in uns auslöst, ist dabei die Frage“, kritisiert Messner den status Quo der Kletterszene. Die Folge: Nach dem Pisten-Alpinismus komme jetzt der show-Alpinismus.

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Rahmenprogramm und Zusammenführung von Generation: Slackliner Maurice Wiese

durch den Slackline Weltcup.“ Für den jugendlichen Besuchern Versuch und Beitrag, eine Verbindung zwischen den 15-jährigen Wiese hatte die Veranstaltung als Nicht-Alpinist erst mit dem Generationen herzustellen. Ebenfalls Weltcupfinale den hohen Stellenwert für die Generationenverständigung erlangt. Mit der Miteingliederung diespannte man Seile durch die Hallen, an ser Disziplin habe man sich bewusst denen Alpinakrobaten entlang tanzen: auch außerhalb des Alpinismusthemas Beim IMS Boulderfestival by AVS fand das erste Slackline Weltcupfinale der Ge- im engeren Sinn positioniert, so die Organisatoren des IMS, Markus Gaiser schichte statt, das auch in diesem Jahr und Alex Ploner. wieder über die Bühne gehen wird. Was den Mann von der rosaroten ZeiNoch ist das Thema Berg allerdings nicht bei allen Akteuren des IMS ange- tung und den jungen Seilakrobaten verkommen, denn bei den Rahmenpro- bindet? Beide sind fasziniert von der Landschaft und der Idee einer Vorzeigegrammen geht es nicht durchwegs um veranstaltung in den Bergen. Geht es Alpinismus und dessen existenzielle Fragen, sondern auch um Show und Un- nach Filippini so ist der IMS für ganz Südtirol eine Bereicherung und für die terhaltung von Teenagern, eben wie Teilnehmer eine einmalige Chance: beim Slacklinen. Maurice Wiese, einer der begnadetsten Slackliner überhaupt, „Wo kann man schon als Gast mit den großen Namen des Alpinismus gemeinwar im Vorjahr in Brixen: „Ich bin kein Kletterer, deshalb hatte ich noch nie et- sam wandern? Das ist für mich die Idee, (mb) die absolut punktet.“ was vom IMS gehört, nur letztes Jahr


IM VISIER DER MEDIEN

über Südtirol geschrieben. geschichten über das land in Zeitungen

und Magazinen: die „Brigitte“ genießt das Flair von Bozen, das belgische „grand italie“ die moderne Architektur und die Bergbauernhöfe und die niederländische „libelle“ den südtiroler Wein. niederlande: Libelle Wochenmagazin - 4 seiten des italien-specials widmen sich südtirol und dem, was man unbedingt gesehen und probiert haben muss: den Ötzi, den Obstmarkt in Bozen, den Ritten, die therme Meran sowie einen Cocktail im grifoncino, süßes aus der Konditorei streitberger und südtiroler Weine. Ausgabe Mai 2011

Italien: Sette Donnerstag-Beilage der Tageszeitung ‚Corriere della sera’ – Drei seiten widmet sie dem Hauptdarsteller aus der italienischen Fernsehserie „un passo dal cielo“, terence Hill, der erzählt, was er an südtirol während der Filmaufnahmen in südtirol zu schätzen gelernt hat. Ausgabe 21. April 2011 Großbritannien: GT Monatliches Lifestyle-Magazin für den selbstbewussten britischen Mann – Auf einer Doppelseite des Reiseteils ist Alta Badia das empfohlene Ziel: die Dolomiten, die Michelinsterne, die Klettersteige und Panoramaterrassen sowie die exklusiven unterkünfte. Ausgabe April 2011

Deutschland: Brigitte Frauenmagazin – Die Reisegeschichte des beliebten Magazins liefert auf 15 seiten tipps für die schönsten Kurzreisen. eine etappe führt die leserinnen nach südtirol: das besondere Flair der stadt Bozen bei einem Martini in der Jugendstil-Hotelbar laurin genießen oder bei einem shopping-trip durch die Bozner lauben. Ausgabe 19. April 2011

Belgien: Gran Italie Reisemagazin – Das Heft widmet sich italien. 8 seiten geben einblick in das alpinmediterrane südtirol: die landschaft und die dreisprachige Kultur, der Wein und die gastronomie, kleine und große städte und unzählige täler, moderne Architektur und Bergbauernhöfe. Ausgabe März 2011 J u l i , A u g u s t, s e P t e m b e r 2 0 1 1 | M

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MARKTPLATZ

Roland Trettl und Markus Lanz bei der Zubereitung des “Genussfestival Menüs“

B O z E n , I TA L I E n SüDTIROLER EXILGEnIESSER. Zwei, die fast täglich im Rampenlicht stehen, trafen beim 1. südtiroler genussfestival auf der Hauptbühne am Bozner Waltherplatz zusammen: der Rittner Roland trettl (links), ansonsten in den Diensten von Red-Bull-Boss Mateschitz im Hangar 7, und star-Moderator Markus lanz, der die kulinarische show mehrerer südtiroler spitzenköche begleitete. Das erste genussfestival startete zum Auftakt mit einem symposium für Fachpublikum zum thema Zukunftstrends im lebensmittelbereich. Die folgenden drei tage standen im Zeichen des genießens und Feierns, mit zahlreichen einheimischen Besuchern sowie gästen. 38

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„Objekte, die keine Emotionen auslösen, sind für das Gehirn de facto wertlos.“ Hans-Georg Häusel Dipl. Psychologe, Autor (*1951)


M03 - Magazin für Destinationsmarketing  

Magazin, Marketing, Destination

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