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01 Magazin für Destinationsmarketing in Südtirol

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BAUKULTUR

IN SÜDTIROL

Harmonie zwischen Architektur und Landschaft ist die große Herausforderung


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Gebäude wurden 2010 in der Bezirksgemeinschaft Pustertal neu gebaut

Âť Die Bezirksgemeinschaft Bozen brachte es im selben Jahr lediglich auf sieben Neubauten. (Quelle astat 2010)


EDITORIAL

Bauen an der Zukunft Raum ist in Südtirol eine knappe Ressource. Nur sechs Prozent der Fläche unseres Landes sind überhaupt besiedelbar. Wir müssen also mit diesem kostbaren Gut so sorgsam und umsichtig wie möglich umgehen. Das betrifft den Siedlungsbau generell und speziell unsere Gewerbegebiete. Die Herausforderung ist, so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig Grün- und Kulturlandschaft anzutasten. Zersiedlung verhindern und Bestandsliegenschaften optimal nutzen, das gehört zu den Zielen, denen sich BLS verschrieben hat. Das geschieht durch Initiativen wie das Südtiroler Standortentwicklungsprojekt STEP, durch die Erarbeitung neuer Qualitätsstandards für Gewerbegebiete oder auch durch die Maxime „Bestandsnutzung vor Neuausweisung“. Es geht in Zukunft mehr als heute um die Frage, wo und wie Südtirols Landschaft verbaut wird und wo Gewerbegebiete ausgewiesen werden. Es geht um die Frage der „Südtirol-Verträglichkeit“, der „Südtirol-Positionierung“, um das, was der große Terminus Nachhaltigkeit in sich vereint. Ein Land, zu dessen Hauptkapital die Landschaft zählt, darf sich da keine großen Fehler leisten. Tatsächlich stimmt Südtirols Richtung schon: Wir sind italienweit Spitzen- und Vorreiter bei erneuerbarer Energie und Energieeffizienz. Das Thema „Green“ führt Fortschritt und Bewahren, Business und Umwelt zusammen. Hier hat das kleine Südtirol – auch dank hervorragender politischer Weichenstellungen – große Möglichkeiten. Der Standort Südtirol kann und muss Vorzeigeregion sein, wie in Zukunft und gleichzeitig an der Zukunft gebaut wird. Ulrich Stofner, BLS-Direktor

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Inhalt TITEL: Architektur & Landschaft 8 Mehr Baukultur für Südtirol Die Verschränkung von Architektur und Landschaftsgestaltung wird immer notwendiger. 13 Ein neues Haus für den Wein Weinarchitektur liegt im Trend. Hippe Kellereien bringen neue Kunden und Südtirol-Gäste. 14 Gute Spannung zwischen Alt und Neu Architektin Susanne Waiz erklärt, warum mit Stolz und genügend Zeit gebaut werden soll. 1 6 Kulturerbe Gsies Von Kornkästen und Feldzäunen: Vieles verloren und noch Vieles zu retten. 17 Geschützte Landschaft Wie in Südtirol die Fläche genutzt wird und wieviel davon noch besiedelbar ist. 18 Schönes Land, gute Architektur Vier Beispiele dafür, dass Südtirol ein spannendes Architekturlabor ist.

MARKETING 25 Natururlaub ganz groß Die Urlaubsbedürfnisse und das Markenimage Südtirols im Ausland. 30 Das EOS-Partnernetzwerk Auch kleinere Firmen können den Markteinstieg in exotischere Märkte schaffen. Ein Fallbeispiel.

MATERIAL 32 Lang lebe das Holz Eine Hymne auf die vielen guten Eigenschaften des Südtiroler Traditionsrohstoffes. VERANSTALTUNGEN 34 Vier Preisträger, eine Galanacht Am 11. November wurden die Südtirol Awards der Wirtschaft im Stadttheater Bozen verliehen.

Rubriken 20 Kooperation statt einsamer Kirchtürme STEP heißt das Gebot der Stunde: Gemeinden tun sich zusammen und denken in funktionalen Einheiten. 22 Bespielte Straßen und entweihte Kirchen Wie Firmen und Institutionen im Ausland Gebäude und Landschaft gestalten.

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mailbox made in südtirol Meinung menschen im visier der medien marktplatz

BLS – Business Location Südtirol A.G., Dompassage 15, 39100 Bozen EOS – Export Organisation Südtirol, Südtiroler Straße 60, 39100 Bozen SMG – Südtirol Marketing K.A.G, Pfarrplatz 11, 39100 Bozen TIS – innovation park, Siemensstr. 19, 39100 Bozen Verantwortlicher für den Inhalt: Reinhold Marsoner | Chefredaktion: Barbara Prugger | Redaktion: Maria C. De Paoli, Philipp Gonzales, Bettina König, Eva Pichler, Cäcilia Seehauser, Gabriela Zeitler Plattner | Koordination: Ruth Torggler | Layout: Lukas Nagler | Design-Consult: Arne Kluge | Fotografie: Architekturbüro Gamper, Arch. Arnold Gapp, Arno Balzarini/Keystone, Hubert Bernard, Alex Filz, Bundesdenkmalamt Innsbruck, Martina Jaider, Max Lautenschläger, Ernst Lorenzi, Laurin Moser, Helmuth Rier, René Riller, Othmar Seehauser, Shutterstock, Tappeiner, Ludwig Thalheimer, Alessandro Trovati Druckvorstufe: typoplus GmbH, Bozner Straße 57, 39057 Frangart | Druck: Karo Druck KG, Pillhof 25, 39057 Frangart | Zur Abbestellung dieses kostenlosen Magazin genügt eine E-Mail mit genauer Adressangabe an m@suedtirol.info | Eintragung beim Landesgericht Bozen Nr. 7/2005 vom 9. Mai 2005

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MAILBOX

Kommt gut an: Südtirols neues Multimedia-Magazin

LEBENSART

Das neue Südtirol-Magazin auf iPad

MARKETING. Das Südtirol Magazin ist ein multimediales Magazin, das alle Tools der Online-Welten nutzt: Bild-Animationen, Integration von Videos, Musik, social media und geo-referenzierte Daten gepaart mit klassischen Textboxen sowie Reportageseiten. 48.000 Kundenadressen aus Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten vier Mal pro Jahr das Magzain. Auch Besucher der offiziellen Tourismuswebseite suedtirol.info haben die die Möglichkeit, das multimediale Magazin kostenlos zu abonnieren. „Die durchschnittliche Verweildauer von vier Minuten zeigt, dass Inhalte und Aufbereitung gut ankommen“, kommentiert SMG-Marktleiter Martin Bertagnolli das neue Produkt. Seit Kurzem gibt es das Magazin auch als iPad-Applikation und ist auf iTunes kostenlos downloadbar. Auch Ferienregionen und Partner nutzen das Lebensart-Magazin mit eigenen personalisierten Seiten zur Beschickung ihrer Kundenadressen. www.suedtirol.info/ lebensart

INCONTRI #2

Treffen der Filmwirtschaft in Bozen FILM. „Drei Filmländer. Zwei Sprachen. Ein Gipfeltreffen.“: Unter diesem Motto steht das zweite Koproduktionstreffen, das die BLS im Rahmen der Bozner Film-

tage (19. – 22. April 2012) organisiert. Mit diesem 2011 lancierten Event will Südtirols Standortagentur BLS länderübergreifende Kooperationen in der Filmbranche fördern und Südtirol nachhaltig als Filmland positionieren. Zur Teilnahme eingeladen sind Film- und TV-Produzenten sowie Filmförderer aus Italien, Österreich und Deutschland. Bei dem Treffen werden konkrete Projekte vorgestellt und verhandelt. Die Inhalte des Treffens sind ganz auf die Bedürfnisse der Teilnehmer ausgerichtet. Sie können hier Infos zu den aktuellen Produktions- und Finanzierungsbedingungen einholen, praktische Erfahrungen austauschen, gemeinsam neue Perspektiven für die Zusammenarbeit entwickeln, aber auch bereits geplante Projekte zur Sprache bringen. Zudem dürfen drei Teilnehmer der BLS-Drehbuchwerkstatt RACCONTI #1 erstmals ihre Projekte in diesem Kreis vorstellen und haben so die Chance, dafür einen interessierten Produzenten zu finden. www.bls.info

des TIS, das individuelle Empfehlungen ausarbeitet. Willkommen sind alle Arten von Ideen. „Südtirol hat Stärkefelder wie erneuerbare Energie, Alpine Kompetenz und die Lebensmittel- und Gesundheitsbranche. Hier sind wir richtig gut und in diesen Bereichen sind die Mitarbeiter des TIS Experten“, erklärt die Leiterin des Projektes Ideen-Telefon Michaela Kozanovic. Gibt es vom TIS-Expertenteam grünes Licht, kann die Idee gemeinsam weiterverfolgt werden. So können aus Ideen konkrete Produkte oder Dienstleistung werden. Das Projekt Ideen-Telefon wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert. Mo – Fr, 10 – 12 Uhr und 14 – 16 Uhr Tel. 800 892 872

GRAND TASTING TOUR

Südtirol Wein in den USA

EXPORT. Mit Oktober 2011 ist das von der EU genehmigte Förderprogramm PROVINUS für den Südtiroler Wein D.O.C. in den USA gestartet. 500.000 Euro wurden bis Ende Dezember eingesetzt, um Konsumenten, Händler, Importeure, Restaurateure und Fachjournalisten in den USA über die Bedeutung der europäischen Gütesiegel zu informieren und sie von der Qualität der Südtiroler Weine zu überzeugen. Die für April 2012 geplante Grand Tasting Tour von San Francisco nach Portland und Seattle wird von PR-Aktionen und Medienwerbung flankiert. www.eos-export.org

(gzp)

Ideen Telefon

TIS IDEEN-TELEFON

Heißer Draht für Geschäftskonzepte INNOVATION. Gute Ideen nicht versanden lassen, dass ist das Ziel des Ideentelefons des TIS innovation park. Anrufen kann jeder, der eine innovative, ausgereifte Businessidee hat: Im Telefongespräch erhält der Anrufer erste Impulse, in einem nächsten Schritt erfolgt eine Einschätzung durch das Expertenteam

innovation park

Impulse für die Weiterentwicklung ihrer Ideen erhalten Anrufer kostenlos

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MADE IN SÜDTIROL

STECKBRIEF

Objekt: MMM Ortles

Bauherr�������������������������������������������������� Reinhold Messner Architekt������������������������������������������������������ Arnold Gapp Lage�������������������������������������������������� auf 1900 m in Sulden Besonderheit�������������������������������������� unterirdisch angelegt Eröffnung��������������������������������������������������������������� 2004 Unmittelbar unter den Eisfeldern des Ortlers gelegen, fügt sich das MMM Ortles vom Vinschgauer Architekt Arnold Gapp wie von selbst in den Hügel. Es wird eins mit der Landschaft und gibt den

Anschein, als sei es immer schon da gewesen. Die Nähe zur Natur wird durch die Lichteinstrahlung sogar verstärkt: Den Hügel, der das Ortler-Museum verbirgt, durchschneidet ein Oberlicht in der gezackten Kontur einer Gletscherspalte. Tags bringt es Lichtstreifen in die Räume, im Dunkeln leuchtet es wie ein Blitz. Die Ausstellungsräume aus Sichtbeton darunter sind passend dazu dem Thema Eis gewidmet. Skilauf, Eisklettern und Polfahrten sind hier thematisiert. Das Museum ist wie eine Grotte: Der Besucher geht förmlich in den Berg hinein. www.messner-mountain-museum.it

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TITEL: Architektur & Landschaft | Baukultur

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MEHR BAUKULTUR FÜR SÜDTIROL Südtirol hat für sich den Anspruch erhoben, zum „begehrtesten Lebensraum Europas“ zu werden. Eine ehrgeiziges Ziel, an dessen Verwirklichung Architektur und Landschaft einen beachtlichen Part leisten können. Text: Maria Cristina De Paoli Illustration: Isabella Fabris/Lupe

D

ie Festung Franzensfeste, renoviert von Markus Scherer und Walter Dietl, das futuristische Fernheizwerk in Brixen aus der Feder des Architekturbüros MODUS architects, eine Wohnanlage in der Bozner Kaiserau von Christoph Mayr Fingerle und die neue Europazentrale von Salewa, ebenso in Bozen, vom Mailänder Büro Cino Zucchi: Mit vier Objekten – mehr als jede andere Region in Italien – hat sich Südtirol 2010 auf der Architekturbiennale in Venedig präsentiert. Ausgewählt wurden die Projekte von Luca Molinari, Kurator des italienischen Pavillons im Arsenal und großer Fan der zeitgenössischen Südtiroler Architektur. „Eine Generation talentierter Architekten, eine Gesellschaft, die in der Architektur eine Form der Selbstdarstellung sucht, eine starke Wirtschaft und, nicht zuletzt, eine solide Handwerkstradition“, so beschreibt der Mailänder Architekt und Universitätsprofessor die Voraussetzungen dafür, dass sich Südtirol in den letzten Jahren zum „ideenreichsten und spannendsten Architekturlabor Italiens entwickelt hat.“ Und auf den Einwand, dass nicht alles, was derzeit hierzulande gebaut wird, auch wirklich gefällt, antwortet Molinari, ohne zu zögern. „Ihr seid ein verwöhntes Land.“

Dass Südtirol, architektonisch gesehen, neu erwacht ist, bestätigt auch der in Dresden geborene und in Brixen lebende Architekt und Publizist Andreas Gottlieb Hempel. „Auf der Suche nach sich selbst hat man lange auf das Bauernhaus zurückgegriffen.“ Das Ergebnis war eine Mischung aus Costa Brava und falsch verstandener Eleganz. Doch das war einmal. Heute könne das Land mit architektonischen Leuchttürmen wie der Residenz „Pergola“ in Algund oder dem „Vigilius Moutain Resort“ am Vigiljoch, beide von Matteo Thun, aufwarten.

Lob den Bauherren Der „Aufbruch hinterm Brenner“, wie die Münchner „Süddeutsche“ schreibt, wurde längst auch medial entdeckt. Im Herbst hat die „Neue Züricher Zeitung“ der „spannenden Szene“ im Land einen langen Artikel unter dem Titel „Weingrotten und Museumstempel“ gewidmet – mit vielen herausragenden Beispielen und Tipps für eine Architekturreise zwischen Reschenpass und Salurner Klause. Der Wiener „Standard“ spricht von den Perlen der Südtiroler Architektur, während in der italienischen „La Repubblica“ regelmäßig über das Land, seine Bauten und seine Architekten geschrieben wird. »

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TITEL: Architektur & Landschaft | Baukultur

Doch wenn es laut Molinari gleich mehrere und zum Teil gleichwertige Gründe für den Durchbruch der zeitgenössischen Südtiroler Architektur gibt, so siedelt der Vinschger Architekt Werner Tscholl den Erfolg primär bei den Auftraggebern an. „Ich glaube nicht, dass die Architekten früher schlechter waren als heute.“ Geändert hätten sich dagegen die Bauherren. Und darauf komme es an. „Denn ich kann 1000 gute Architekten haben, die alle nichts bringen, wenn niemand ihre Ideen umsetzt.“ Tscholl beschreibt die neue Generation der Bauherren als aufgeschlossen und bereist. „Und – sie haben genügend Geld.“ Dass das Niveau der anspruchsvollen Neubauten im Land auf einen verstärkten Dialog zwischen Architektur und Landschaft zurückzuführen ist, schließt Tscholl dagegen kategorisch aus. „Das ist nur eine Frage des Betrachters.“ Eine These, die er gleich mit einem Beispiel untermauert: „Ich finde, dass die alten Bunker aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg heute perfekt in die Landschaft integriert, teilweise sogar schön sind. Doch fragen Sie einen ehemaligen Soldaten, der im Krieg verwun-

det wurde, ob ihm diese Konstruktionen gefallen.“ Einen weiteren Aspekt bringt auch Andreas Gottlieb Hempel in die Diskussion ein. „Südtirol hat endlich die Angst vor der modernen Architektur verloren. Viel zu lange war diese stark ideologisch behaftet. Sie wurde als fremd und bedrohlich empfunden.“ Umso beharrlicher hielt man an den eigenen Wurzeln fest. „Die Almhütten wurde ins Maßstablose aufgeblasen“, wie es Christoph Hölz, Leiter des Archivs für Baukunst der Universität Innsbruck formuliert. Die Überwindung der Berührungsängste ist laut Hempel vor allem einer jungen Architektenriege zu verdanken, die im Ausland studiert hat.

Chronischer Platzmangel

In Südtirol gibt es aber nicht nur Bravourstücke wie das Meraner Kunsthaus von Thomas Höller und Georg Klotzner, den unterirdischen Keller im Weingut Manincor in Kaltern von Walter Angonese (siehe dazu auch eigenen Bericht), Werner Tscholls Bürohaus für Selimex in Latsch oder die Seilbahn-Bergstation in St. Martin am Kofel von Arnold Gapp – um nur einige zu nennen. Es gibt auch viele negative Beispiele und gar manches Problem. Ein wesentlicher Faktor ist der chronische Platzmangel. Almen und Wiesen nehmen 28 Prozent, Berge und Gletscher 17 Prozent und der Wald 42 Prozent der Landesfläche ein. Auf sieben Prozent wird intensive Landwirtschaft betrieben. Und nur die restlichen sechs Prozent sind besiedelt. Kein Wunder also, dass das bisschen Grund zum Objekt der Begierde vieler Häuslebauer und Unternehmer, aber auch ebenso vieler Spekulanten wurde. Unter dem Motto „Naturlandschaft gibt es auf den Bergen genug, im Tal muss Platz fürs Wohnen und Wirtschaften sein“ wurde jahrzehntelang viel ge- und verbaut. Dazu werden die unglaublichsten Anekdoten erzählt. „Etwa als man Anfang der sechziger Jahre den Tourismus am KaVorreiter in Sachen gekonnte Verbindung von alt und neu: das Weingut Manincor in Kaltern rerpass wieder ankurbeln woll-

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te“, sagt die Bozner Architektin Susanne Waiz. Die Wiesen rund um das Grandhotel wurden parzelliert. Per Posteinsendung suchte man im Ausland nach potentiellen Käufern, die anschließend per Bus nach Südtirol geschleust wurden. Ein Abstecher an den Karerpass, ein Lichtbildabend mit Luis Trenker – alles gratis, wenn man einen Baugrund erwarb. Die Kurzsichtigkeit von damals hat tiefe Wunden ins Land geschlagen, die auch heute noch für jeden sichtbar sind. Man braucht nur im Sommer – im Winter zaubert der Schnee einiges weg – zur Paolina-Hütte zu gondeln. Erst von oben ist die Baudichte der Siedlung gleich unter dem Rosengarten erkennbar. Dach an Dach, fast wie auf einem Campingplatz, stehen die Ferienhäuser – dazwischen nur einige Lärchen. „Der Fall Karersee sowie andere Bausünden in der freien Natur führten dazu, dass ab 1966 landesweit Bauleitpläne verordnet wurden. Sie sollten den Wildwuchs der Orte und eine Zersiedlung der Landschaft eindämmen“, sagt Susanne Waiz.


Die Obstgenossenschaft dominiert das Dorfbild von Schlanders

„Egal, wie wir bauen, die Landschaft verändern wir immer”, lautet das lapidare Urteil des Münchner Landschaftsarchitekten Peter Kluska, der die Frage nach der Belastbarkeit der Landschaft aufwirft. „Allein in Bayern werden täglich 20 Hektar Land neu verbaut. Der Nutzungsdruck ist enorm.“ In Bayern wie in Südtirol. Nur zum Vergleich: Laut Landesstatistikamt Astat wurden im Jahr 2002 landesweit Baugenehmigungen für nahezu 6,3 Millionen Kubikmeter erlassen: ein Höhepunkt. Seitdem ist die jährlich neu gebaute „Kubatur“ zwar kontinuierlich geschrumpft, 2010 waren es insgesamt aber immerhin noch über vier Millionen Kubikmeter. Peter Kluska geht in seiner Überlegung von der Tatsache aus, dass eine verdorbene Landschaft niemanden glücklich mache: „Um so wichtiger ist es, die Entwicklungen zu hinterfragen, aber auch Pausen einzulegen, um neue Visionen auszuarbeiten.“ Kluskas größte Sorge gilt den Gewerbegebieten, „die wir irrtümlicherweise auch Gewerbeparks nennen.“ Damit werden allzu oft die Fi-

letstücke der Landschaft besetzt, und zwar ohne jegliche Baukultur. „Und das ist ein gefährlicher Trend. Denn hinterher kann man das Chaos und die Zerstörung kaum wiedergutmachen.“ Um so mehr ärgert sich der Münchner Landschaftsarchitekt über die vielen Prospekte und Broschüren, die „immer nur den Ausblick auf die umliegende Natur zeigen, und nicht umgekehrt.“ Für einen Wechsel des Blickwinkels plädiert auch Lilli Lička, Leiterin des Instituts für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur in Wien. Der Ausblick auf die Berge sei erfreulich. Es sei aber auch der Blick zu berücksichtigen, den man von den Bergen aus auf das Land hat.

Erweiterungszonen Peter Kluskas Tiraden gelten den Gewerbeparks. Der Bozner Architekt Luigi Scolari – er war von 2005 bis 2011 Präsident der Stiftung der Südtiroler Architektenkammer – stellt aber auch die sogenannten Erweiterungszonen in Frage. „Wie kann auf einer Insel, auf der fast nur ge-

parkt und geschlafen wird, Dorfleben entstehen?“ Eine Auseinandersetzung mit den Fehlern, die hier gemacht wurden, und ihren Ursachen scheine ihm um so wichtiger, „weil jede Erweiterungszone das Bild eines Dorfes oder einer Stadt für immer verändert.“ Scolari fordert vor allem eine stärkere Einbindung aller Akteure und mehr Zeit für die Planung. „Nur so kann ein Projekt auch von allen richtig verstanden werden.“ Wie eine ursprüngliche Idee verzerrt werden kann, erklärt Walter Dietl am Beispiel der Wohnbauzone „Widumacker“ in Jenesien: „Mitte der neunziger Jahre wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und dabei mein Konzept ausgewählt. Der Plan sah die Entstehung eines zweiten Dorfzentrums samt Platz vor – mit einer hohen Dichte, wie wir sie von den alten Bergdörfern kennen, und einer verkehrsmäßig guten Anbindung an den historischen Ortskern.“ Dietl hatte sehr rigide Durchführungsrichtlinien ausgearbeitet, die sogar die Dachlandschaft genau beschrieben. Außerdem sollte er vor jeder Entscheidung der BauJANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   1 1


TITEL: Architektur & Landschaft | Baukultur

kommission eine Stellungnahme abge- ständnis unterlegen. Man glaubte zu wisben. „Diese war allerdings nicht bin- sen, was sich die Gäste – auch architektodend.“ Und so entwickelte das Projekt nisch – von einem Land wie Südtirol ereine starke Eigendynamik. Die Antrag- warteten. Und man hat ihnen genau das steller standen unter Zeitzwang und ga- geboten. Eine solche Haltung führt notben den Druck an die lokalen Politiker gedrungen in eine Sackgasse.“ Mittlerweiter. Aus diversen Gründen wurden weile sei gar mancher vom eingeschlagedie Richtlinien gelockert, die Dichte re- nen Weg abgegangen. „Das sind diejeniduziert, die geplanten tertiären Einrich- gen, die es verstanden haben, dass die tungen nicht zugelassen und die Anbin- Gäste einen oft kritischeren Blick besitdung an den Rest des Dorfes nur teilwei- zen als wir selbst und dass sich diese Touse umgesetzt. Dass die vielen Häuser risten auch kein Disneyland aufsetzen anschließend von ebensovielen Planern lassen.“ Deshalb plädiert Dorothea Aichentworfen wurden, macht das Sammel- ner für ein grundlegendes Umdenken. surium nur komplett. Dabei sei Jenesien „Wir müssen uns um unsere Baukultur keine Ausnahme, „sondern eher die Re- kümmern, und wenn es uns gefällt, dann gel, wie hier vorgegangen wird“, sagt der wird es – wie es ein Vorarlberger BürgerSchlanderser Architekt. „Und was noch meister formuliert hat – auch unseren schlimmer ist, ist dass nur die wenigsten Gästen gefallen.“ An herausragenden Ardas Chaos auch als solches empfinden.“ chitekturbeispielen fehle es in Südtirol Luigi Scolari sagt es gerade heraus: „Süd- heute nicht mehr. „In den letzten zehn tirol braucht mehr Baukultur.“ Jahren wurden viele interessante Projekte umgesetzt“, sagt die Brunecker Architektin. „Ich habe jedoch das Gefühl, dass Umdenken im Tourismus sich die vorhandene Kreativität in den „Auch in der Tourismusarchitektur“, wie einzelnen Gebäuden widerspiegelt. Das Dorothea Aichner, Präsidentin der Südti- Gesamte, das Zusammenspiel von Siedroler Architektenkammer betont. „Viel lungen und Landschaft, wird noch verzu lange ist man hier einem Missver- nachlässigt. Da gibt es viel zu tun.“

Zin Senfter, Innichen: 21 Ferienwohnungen in vier modernen Bauernhäusern inklusive Piazza-Feeling 1 2   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

I N T E R N E T − P L AT T F O R M ALPITECTURE

Mit alpitecture hat die Export Organisation Südtirol (EOS) 2009 eine Plattform geschaffen, um Wissen und Erfahrungen rund um die Themen Alpen, Technologie und Architektur auszutauschen. Die Initiative bietet den Vertretern der heimischen Wirtschaft die Möglichkeit, geschlossen aufzutreten und international tätigen Architekten zu begegnen. Neben 30 ausländischen haben sich im Vorjahr auch zehn ausgewählte Südtiroler Architekten an der Veranstaltung beteiligt. Vom 22. bis 25. März findet die diesjährige Auflage statt. Auf dem Programm stehen die Ausstellung "Moderne Architektur in Südtirol 2006-2012" im kunst Meran und ein Kongress der Architektenkammern aus dem Alpenraum am 23. März im Veranstaltungszentrum KiMM in Meran. www.alpitecture.com


TITEL: Architektur & Landschaft | Wein

Ein neues Haus für den Wein Das spannende Zusammenspiel zwischen Weinwirtschaft und Architektur. Spektakuläre Kellereien bringen den Betrieben viele Besucher und damit auch mehr Absatz. „IN DEN ACHTZIGER Jahren war es der Wohnbau. In den Neunzigern musste jeder ein Museum bauen. Und jetzt sind die Weingüter und Kellereien dran.“ Für den Kalterer Architekten Walter Angonese gibt es auch in der Architektur immer neue Perioden und Themen, mit denen sich selbst große Architekten messen wollen. „Weinarchitektur liegt derzeit im Trend – und zwar weltweit“, sagt Angonese. Er spricht vom Weingut Adega Mayor von Alvaro Siza im portugiesischen Alentejo, vom „wunderbaren Projekt“ von Valentin Bearth und Andrea Deplazes für die Starwinzer Daniel und Martha Gantenbein in Fläsch, aber auch von Bordeaux, wo der Schweizer Mario Botta die neue Kellerei der Weingüter Château Faurèges geplant hat. „Dabei geht es in der Weinarchitektur nicht nur um die Befriedigung des kulturellen Anspruchs eines Bauherren. Hier dient Architektur als Beschleuniger.“

Wesensverwandt Was er damit meint, erklärt Walter Angonese am Beispiel Manincor in Kaltern. Vor knapp acht Jahren legte das 400 Jahre alte Weingut einen betrieblichen Neustart hin – unter anderem mit einer spektakulären Kellerei tief unter einem Weinhügel, die Angoneses Handschrift trägt. Über 120 Mal wurde das Projekt

seit 2004 weltweit publiziert. Im selben und eben Walter Angonese anvertraut. Zeitraum wurden über 60.000 Besucher Dabei sind die Ansätze grundverschiedurch die Kellerei geführt. „Der enorme den. „Es gibt Auftraggeber, die das SpekWerbeeffekt hatte zur Folge, dass der Be- takuläre suchen. Aber auch solche, die trieb über Jahre auf ein Werbebudget sagen: Ich mache keine schreienden verzichten konnte.“ Weine und will auch keine schreiende Angonese beschreibt aber auch ein Architektur. Persönlich bin ich der Meiganz besonderes Zusammenspiel, eine nung, dass ein Projekt immer glaubwürWesenverwandtschaft zwischen Archi- dig sein muss“, sagt Angonese. Von tektur und Weinwirtschaft. „Die Winzer „gleichgeschalteten“ Chardonnays, die sprechen von Terroir und meinen damit von Kalifornien bis Australien über Neudas Zusammenspiel zwischen Reben, seeland und Südafrika alle gleich schmeBöden und Bearbeitung. Wir Architek- cken, hält er ebenso wenig wie von einem ten sprechen von Kontext und meinen globalen Weinarchitekturstil. „Jeder dabei gleichfalls die Zusammenhänge Winzer hat seine Philosophie, die in den eines Ortes, einer Situation, eines Rau- Weinen, aber auch in der Kellerarchitekmes.“ tur wiedergefunden werden sollte." Den Anfang machte in Südtirol zu Beginn der neunziger Jahre Alois Lageder, Architektur bringt Gäste der die Bozner Architekten Heiner Schnabl und Zeno Abram mit dem Pro- Die Architektur bringt der Weinwirtjekt für seine Kellerei in Margreid beauf- schaft Kunden – und dem Land Gäste. tragte. Fast zeitgleich entstand der Wein- So hat etwa die „Neue Züricher Zeitung“ turm von Hofstätter in Tramin. Es folg- erst kürzlich in einem langen Artikel ten die Kellereigenossenschaften von über „die spannende Architekturszene Nals/Margreid (in den Bildern), St. Mi- in Südtirol“ ihre Leser quasi zu einer chael, Schreckbichl und Tramin – um Rundreise durch das Land animiert. Mit nur einige zu nennen. Nach den Investi- genauen Routen und vielen Abstechern, tionen in Weinbau und Kellertechnik etwa nach Tramin zum Gartenbistrot haben die Betriebe auf Architektur ge- „Le verre capricieux“ des Weingutes Elesetzt und sich dabei dem Talent heimi- na Walch nach einem Projekt des junscher Architekten wie Markus Scherer in gen Grödner Architekten David StuflesMeran, dem Vinschger Werner Tscholl, ser oder zum Winecenter an der Kalterer dem Büro bergmeisterwolf aus Brixen Dorfeinfahrt von Feld 72. (mdp) JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   1 3


TITEL: Architektur & Landschaft | Interview

Mit Stolz gebaut. Die Wiener Architektin Susanne Waiz über eine regionale

Architektur der Moderne, über die faszinierende Spannung zwischen Altem und Neuem und über die Zeit, die beim Bauen notwendig ist.

SUSANNE WAIZ Susanne Waiz, geboren 1958 in Wien, lebt als freischaffende Architektin und Autorin in Bozen. Wiederkehrende Themen ihrer Arbeit sind „Architektur und Erinnerungen“ und „Regionalismus und Identität“.

Frau Waiz, was ist regionale Architektur? Grundsätzlich das, was an einem Ort gut funktioniert und einfach herzustellen ist. Die Ökonomie der Mittel war schon immer sehr wichtig. Das ist die Basis der regionalen Architektur, die stark von Topografie und Klima, Gesellschaft und Wirtschaftsformen, aber auch von zwingenden Umständen geprägt wird. Ein Beispiel dazu? Nehmen wir den alten Ortskern von Laas mit seinen steinernen Stadeln. Am 4. Dezember 1861 hat ein Großbrand fast das ganze Dorf verwüstet. Die Katastrophe zwang die Bevölkerung zur Improvisation. Bis zur nächsten Ernte wurden die Stadel ja wieder gebraucht. Und so holten die Laaser lombardische Maurer über das Stilfser Joch in den Vinschgau. Ihre Handwerkskunst ist noch heute erkennbar. Dass bei den neu entstandenen Wirtschaftsgebäuden auf einen Dachüberstand verzichtet wurde, hat weniger mit den „Gastarbeitern“ aus der Lombardei, sondern vielmehr mit der großen Angst vor einem neuen Brand zu tun. Regionale Architektur bedeutet immer auch, aus den Erfahrungen lernen. Und was versteht man unter einer regionalen Architektur der Moderne? Stehen die beiden Begriffe nicht im Widerspruch? Ich sehe da kein Gegenspiel. Es war schon immer ein Kennzeichen der regionalen Architektur, sich dem Fortschritt nicht zu versperren. Und warum auch? Wenn neue Techniken möglich sind, werden sie angewendet. Außer14   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

dem finde ich die Kombination von Alt und Neu, das Spannungsfeld, das dabei entsteht, absolut positiv. Es wird sich kaum jemand daran stoßen, wenn ich ein modernes Sofa in eine alte Stube stelle, allerdings unter der Bedingung, dass beide auf demselben Niveau sind. Nur Qualität kann neben Qualität bestehen. Ansonsten funktioniert es nicht. Gilt dies auch für die Materialien? Da muss man eher aufpassen. Traditionell hat sich die regionale Architektur lokaler Materialien bedient. Mittlerweile ist das nicht mehr so, und so gilt es zu unterscheiden. Es gibt Trends wie etwa der Einsatz von Stahl und Glas, an denen man sich rasch ermüden wird. Wohl auch deshalb, weil sie wenig Sinn machen. Glas wird – um nur ein Beispiel zu nennen – nie die Qualitäten eines Massivbaus haben. Es gibt aber auch gefährliche Entwicklungen. Wenn ich heute exotische Hölzer verwende, hat das nichts mit moderner Architektur zu tun. Es ist ökologisch bedenklich, da es durchaus einheimisches Holz mit sehr ähnlichen Charakteristiken gibt. In welchem Verhältnis steht die regionale Architektur zur Landschaft? Die Beziehung zwischen Gebäuden und Kulturlandschaft war schon immer sehr eng. Heute stellt sich allerdings die Frage, wer für den Erhalt dieser Kulturlandschaft zuständig ist. Die Landwirtschaft ist nicht mehr in der Lage, diese Rolle allein zu übernehmen. Wo früher eine ganze Familie samt Knechten und Mägden zur Hand ging, wird heute rationalisiert. Niemand hat Zeit für die Erhaltung von Trockenmauern und Holzzäunen. Es müssen also neue Wege gesucht werden, um dieses Kulturgut zu erhalten. Dieselbe Diskussion bräuchte es aber auch in der Architektur und in der Urbanistik.Wenn heute ein Bauherr zum Architekten kommt, will er wissen, wie viel „Kubatur“ er verbauen kann. Die

Architektur ist sekundär. Das ist das Ergebnis der starken Spekulationen der vergangenen Jahrzehnte. Vieles kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ich glaube aber auch, dass die Sensibilität für solche Themen heute stärker ausgeprägt ist als vor 20 Jahren. Ich zitiere Sie: „Es sollte ohne übertriebene Eile und mit Stolz gebaut werden.“ Wie viel Stolz und wie viel Zeit braucht ein Bauherr eigentlich? Durch das Projektmanagement werden die Zeiten am Bau heute extrem gestrafft. Dadurch entsteht Stress. Und ich bin der Meinung, dass sich der Druck nicht immer rechnet. Arbeitsunfälle und schlechte Qualität sind die Folgen. Wenn ich ein Haus zur falschen Zeit verputze, wird der Putz bald wieder herunterbröckeln. Wenn ich die Mauern nicht genügend austrocknen lasse, muss ich mit Schimmelbildung und entsprechenden Folgekosten rechnen. Gerade in der Hotellerie ist das oft der Fall. Das Haus muss bis Weihnachten wieder bereit sein. Also werden die Arbeiten in kürzester Zeit über die Bühne gebracht. Und dann läuft in den neuen Zimmern das Wasser an den Fenstern herunter. Wen wundert’s? Gute Handwerksarbeit braucht Zeit. Die Sensibilität dafür müssen viele Bauherren erst wieder neu entdecken, ebenso wie den Stolz, nicht protzig, sondern hochwertig zu bauen. Könnte die derzeitige Knappheit an Krediten diesen „Lernprozess“ beschleunigen? Es wäre wünschenswert, dass dieser historische Moment als Chance genutzt wird, um sich bestimmter Werte zu besinnen. Und noch eine letzte Frage: Was ist regionale Architektur nicht? Alpiner Kitsch – gedankenlos und oberflächlich, eine Perversion ursprünglich sinnhafter Formen. Der Lederhosenstil ist der Tod der regionalen Architektur.


„Nur Qualität kann neben Qualität bestehen.“ Susanne Waiz, Architektin


TITEL: Architektur & Landschaft | Sensibilisierung

Viel verloren, noch vieles zu retten. Die Initiative „Kultur-

erbe Gsies“ sucht breiten Konsens, um Kleindenkmäler und Landschaftselemente im Tal zu erhalten. Die Finanzierung ist nur über europäische Projekte möglich. Ein Versuch.

ALTE BACKÖFEN, Kornkästen, Harpfen und Mühlen, Wassergräben, aber auch Hecken, Feldzäune und Trockenmauern – diesen Kleindenkmälern und Landschaftselementen gelten die Bemühungen der Initiative „Kulturerbe Gsies“. „Relativ viel davon ist bereits verloren gegangen“, sagt der Brunecker Agronom Andreas Kronbichler. Um so wichtiger sei eine Aufwertung dessen, was noch vorhanden ist und zu erhalten gilt. Kronbichler, Stefan Burger vom Forstinspektorat und Alois Schwingshackl von der Forststation in Welsberg sind die treibenden Kräfte hinter der Aktionsgruppe, die sich im November 2010 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hat. „Zu unserer Überraschung war das Interesse relativ groß“, so Kronbichler. Hauptgrund dafür sei wohl der gewählte Ansatz. „Wir haben gemerkt, dass die Leute mit sich reden lassen, wenn man ihnen die Entscheidung nicht von oben aufzwingt.“ Als Beispiel nennt er die traditionellen Feldhecken. „Wenn die maschinelle Bewirtschaftung weiterhin ge-

währleistet wird, haben die Bauern auch setzt werden. „Die geplanten Maßnahnichts dagegen, dass die alten Hecken men sind kostenintensiv. Also müssen gepflegt oder sogar neue gepflanzt wer- wir eine Finanzierung über europäische den – was zum Teil bereits geschehen ist. Projekte wie Leader oder Interreg anstreDazu muss allerdings viel Sensibilisie- ben. Und das ist nur für einen eingetragerungsarbeit geleistet und der Dialog mit nen Verein möglich.“ Deshalb habe die den Betroffenen gesucht werden.“ Und Gemeindeverwaltung nun die Sache in genau das will die Arbeitsgruppe auch in die Hand genommen. „Aus der Initiative Zukunft tun. Allerdings nicht ohne „Hin- ,Kulturerbe Gsies’ wird ein Verein hervortergedanken“. „Für die Arbeiten könn- gehen“, so der Bürgermeister, der den ten Teilzeitarbeitslose rekrutiert wer- neuen Akteur auf der Gsieser Szene nicht den“, erklärt Kronbichler. „Das ist ein als Konkurrenten zum Heimatpflegeverwichtiger sozialer Aspekt. Daneben gibt band oder zum Landesamt für Landes aber auch eine kulturelle Perspektive.“ schaftspflege sieht, sondern als zusätzliAltes Handwerk könnte wieder belebt che Kraft, die die Zusammenarbeit mit und dokumentiert werden. allen sucht. „Übergesprungen ist der Funke eigentDie Frage nach den Kosten wirft auch lich von einer früheren Initiative auf der Landesrat Hans Berger auf. „Ich trage die Versell-Alm“, sagt der Gsieser Bürger- Beweggründe der Gsieser Initiative voll meister Paul Schwingshackl. „Dort hat und ganz mit. Sie ist lobens- und bewuneine gleichnamige Interessensgemein- dernswert. Der finanzielle Aufwand ist schaft vor einigen Jahren ursprüngliche allerdings groß und vor allem dauerhaft. “ Weideflächen wieder nutzbar gemacht Die Mittel für das Gsieser Vorhaben seien und die Heuschupfen aus Rundholz sa- laut Berger nur über europäische Projekniert.“ Was in Versell funktioniert hat, te aufzubringen. „Die öffentliche Hand könne aber im Tal nicht genau so umge- hat da kaum Möglichkeiten.“ (mdp)

WA N D E R A U S S T E L LU N G

WEITERBAUEN AM LAND

„Wer tut so etwas?“, fragt sich Christoph Hölz gleich im Vorwort des Katalogs zu Ausstellung „Weiterbauen am Land“. Das Unverständnis des Leiters des Archivs für Baukunst der Universität Innsbruck gilt dem Bild auf dem Deckblatt. Das Foto aus dem Jahre 1979 zeigt ein kleines Bauernhaus in Kleinsöll, rücksichtslos eingequetscht zwischen dem bereits fertig gestellten Stall und dem Rohbau des neuen Wohnhauses. Das krasse Beispiel dient Hölz als Anlass zu einer Reflexion über den „Verlust und Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft in den Alpen“, so der Untertitel von Katalog und Ausstellung. Beide sind aus einer grenzüberschreitenden Kooperation zwischen dem Archiv für Baukunst, den Denkmalämtern in Innsbruck und Bozen sowie weiteren Institutionen hervorgegangen. Derzeit ist die Ausstellung auf Wanderschaft in den heimischen Landwirtschaftsschulen. Und das ist der Punkt. „Gerade die jungen Bauern müssen verstehen, dass sie mit den alten Höfen keine Last, sondern etwas sehr Wertvolles erben", sagt Christoph Hölz.

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TITEL: Architektur & Landschaft | Infografik

Quelle: Astat 2007, BLS 2010 / Info-Grafik: www.cursiva.it

Die Nutzung der Fläche in Südtirol

Wald (42%)

Almen & Wiesen (28%)

Berge & Gletscher (17%)

Geschützte Landschaft Die alpine Lage bedingt einen schonenden Umgang mit den Flächen. Von Südtirols 739.953 Hektar Fläche liegen 59,7 Prozent über 1.600 Meter Meereshöhe und stehen damit automatisch unter Landschaftsschutz. So steht es im entsprechenden Gesetz. Auch die sieben Naturparks und der Nationalpark Stilfserjoch, Wälder, Wasserflächen und Flüsse sind geschützt. Wenn alles abgezogen

Landwirtschaft (7%)

besiedelt (2,85%)

besiedelbar (3,15%)

wird, was sich wenig zur Besiedelung eignet wie jene Gebiete, die lawinen- und murengefährdet sind sowie die Eisenbahntrassen, Straßen und Güterwege, dann ergibt sich ein kleiner Wert: Nur sechs Prozent der Fläche Südtirols, also etwas mehr als 44.000 Hektar, sind potentiell besiedelbar. Derzeit sind davon 21.000 Hektar besiedelt. Die BLS erhob 2010, dass 8,64 Prozent der genutzten Fläche Gewerbezonen sind. Damit machen die Gewerbegebiete einen viertel Prozentpunkt der Gesamtfläche Südtirols aus. JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   1 7


TITEL: Architektur & Landschaft | Südtiroler Vorzeigearchitektur

Schönes Land, gute Architektur Die Architekten Boris Podrecca, Luca Molinari, Luigi Scolari und der Direktor der KlimaHaus-Agentur Norbert Lantschner nennen ihre Favoriten unter den Neubauten im Land. Ein Streifzug durch die Südtiroler Architektur.

NORBERT LANTSCHNER | Raiffeisenkasse in Kastelruth 2002 wurde das Projekt KlimaHaus in Südtirol aus der Taufe gehoben, 2006 war dann die gleichnamige Agentur an der Reihe, die seitdem zu einem wichtigen Akteur in der heimischen Bauszene avanciert ist. Als gutes Beispiel für energieeffizientes Bauen im Land nennt Norbert Lantschner, Direktor der Agentur, den neuen Hauptsitz der Raiffeisenkasse Kastelruth. „Das schöne Gebäude ist ein KlimaHaus der Klasse A und damit bester Beweis dafür, dass eine Kombination zwischen anspruchsvoller Architektur und Inhalten wie Energieeffizienz und Nachhaltigkeit sehr wohl möglich ist.“ Der neuen Raiffeisenkasse der Architekten Paul Senoner und Lukas Tammerle gelinge es, Ökologie, Tradition und Kultur gleichermaßen zu berücksichtigen.

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Als Präsident der Stiftung der Kammer der Architekten saß der Bozner Luigi Scolari 2010 in der Jury der ersten Auflage des Südtiroler Bauherrenpreises. Die Auszeichnung für gute Architektur in Gewerbegebieten wurde von der Stiftung mit der Business Location Südtirol-Alto Adige (BLS) ausgeschrieben. Der erste Preis ging an die Gewerbezone Welschnofen. „Hier geht es nicht um spektakuläre Architektur, sondern um das Konzept hinter der gesamten Zone“, sagt Architekt Scolari. „Es handelt sich dabei um eine kompakte, einheitliche Lösung, die den einzelnen Betrieben zwar viel Freiheit gelassen hat – allerdings nur innerhalb genau abgesteckter Grenzen. Der Gewerbepark ist optimal in die Landschaft eingebettet. Zudem wurde eine gute Anbindung an den Ort gewährleistet. So sollte es eigentlich immer sein.“

LUIGI SCOLARI | Gewerbezone Welschnofen

LUCA MOLINARI | Fernheizzentrale Brixen

BORIS PODRECCA | MMM Firmian auf Schloss Sigmundskron „Mit einem elastischen Maßanzug für die Stadt“, so seine Worte, hat der in Wien lebende Achitekt Boris Podrecca im Februar 2011 den Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Bozner Bahnhofareals gewonnen und sich dabei gegen Kaliber wie Daniel Libeskind und Ben van Berkel durchgesetzt. Auf die Frage nach guter Architektur im Land nennt Podrecca das Seehotel „Ambach“ in Kaltern von Altmeister Othmar Barth, die Kellerei des Weingutes Manincor von Walter Angonese, diverse Gebäude aus der Feder von Oswald Zöggeler in Bozen, aber auch Werner Tscholls aufwändige Umwidmung von Schloss Sigmundskron zum Messner Mountain Museum. „Daran gefällt mir vor allem die Zurückhaltung und Homogenität der Materialien sowie die Kargheit der Formen, die harmonisch mit der umliegenden Landschaft sind.“ Bemerkenswert sei weiters das Spiel mit der Vertikalität. „Als ob man das Museum erklimmen müsste.“

2010 war er Kurator des italienischen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig, auf der auch vier Südtiroler Projekte ausgestellt wurden. Und gerade im Rahmen dieses prestigevollen Auftrages hat sich der Mailänder Architekt und Universitätsprofessor Luca Molinari intensiver mit der neuen Architektur im Land befasst. „Derzeit ist Südtirol das wohl ideenreichste und spannendste Architekturlabor in Italien“, urteilt Molinari. Auf die Frage nach einem besonderen Projekt nennt er die Fernheizzentrale in Brixen. „Normalerweise sind solche Strukturen in der Peripherie einer Stadt angesiedelt und erlauben keinen Einblick in das Innere“, so Molinari. Das Brixner Architekturbüro MODUS habe hingegen eine völlig neue Interpretation eines Industriegebäudes geliefert.. „Die Idee, das Dach der Fernheizzentrale als Ort der Begegnung für die Einwohner zu nutzen und darauf einen Skatepark zu setzen, gefällt mir unglaublich gut. Es ist eine Neuinterpretation des öffentlichen Raumes“, so Molinari.


TITEL: Architektur & Landschaft | Gewerbegebiete

Kooperation statt einsamer Kirchtürme. Immer häu-

figer tun sich Gemeinden zusammen, um Unternehmen Dienste und Dienstleistungen anzubieten. Südtirols Standortentwicklungsplan STEP schafft funktionale Einheiten und stößt auf positive Resonanz.

WIRTSCHAFTSRÄUME in den Alpen ha- meinden bei ihrer Zusammenarbeit. ben mit vielerlei Problemen zu kämpfen: 2001 war TMG bei der Entstehung Starke Konkurrenz der Nachbargemein- des ersten sogenannten INKOBA in den, Abwanderung qualifizierter Ar- Grieskirchen beteiligt. „INKOBA steht beitskräfte, mangelnde Entwicklungs- für ‚Interkommunale Betriebsansiedpotenziale auch für bereits angesiedelte lung‘, das heißt, mehrere Gemeinden Unternehmen, knappe Flächen und ein arbeiten bei der betrieblichen Standortausgeprägt touristisches Image sind nur entwicklung und der gemeinsamen einige der Herausforderungen, die be- Vermarktung ihrer Gewerbegebiete zuwältigt werden müssen, will man seinen sammen“, erklärt Aigenberger. Heute Standort für die Zukunft sichern. Im Al- kooperieren fast die Hälfte der oberöleingang ist das für eine einzelne Ge- sterreichischen Gemeinden bei der Bemeinde schwer möglich. Deshalb haben triebsstandortentwicklung. Zur ersten viele Alpenkommunen erkannt, dass sie INKOBA sind noch 21 weitere hinzugewirtschaftlich auf Dauer nur bestehen kommen, eine ist in der Gründungsphakönnen, wenn sie sich mit ihren Nach- se und acht sind in Planung. barn zusammentun, anstatt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen. „Man Niemand kann überall gut sein muss weg vom Problem einzelner Gemeinden hin zur regionalen Lösung „Ein Unternehmen schaut auf viele Fakkommen“, sagt Dietmar Aigenberger toren, wenn es eine Ansiedlung plant. von der oberösterreichischen Technolo- Aber niemand kann überall gut sein. gie- und Marketinggesellschaft TMG. Wenn sich statt einzelner Gemeinden Die TMG ist die Standort- und Innovati- eine gesamte Region dem Wettbewerb onsagentur des Landes Oberösterreich, am Markt aussetzt, erhöht sich die Quadie Förderung wirtschaftlicher Regio- lität des Standortangebotes, und die nalentwicklung gehört zu ihren Agen- Chancen der Anbieter steigen beträchtden. Die Mitte der 90er Jahre gegründete lich“, so der Standort-Fachmann. Von Agentur betreut kooperationswillige Ge- den Zusammenschlüssen profitiere

Gespräche über künftige Zusammenarbeit: Die Gemeindevertreter des Oberpustertales 2 0   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

letztlich die gesamte regionale Wirtschaft, da die Wertschöpfung erhöht werde und in der Region Arbeitsplätze erhalten bzw. sogar geschaffen werden. Zudem würden Ressourcen geschont und Eingriffe ins Landschaftsbild in Grenzen gehalten.

Oberer Vinschgau

Unterer Vinschgau Mittlerer Vinschgau

Ultental

Oberösterreich ist nicht die einzige Region, welche die Vorteile der gemeindeübergreifenden Entwicklung von Gewerbestandorten erkannt hat. „Vision Rheintal“ nennt sich ein großräumiges Entwicklungskonzept für das Rheintal in Vorarlberg. „Das Land Vorarlberg ist hier Partner der 29 Gemeinden des Rheintales, die miteinander eine gemeinsame Entwicklung planen“, erzählt Lorenz Schmidt von der Abteilung Raumplanung des Amtes der Vorarlberger Landesregierung. Die Planung betrifft nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt, sondern geht weit darüber hinaus. Auf Basis genauer Analysen wurde ein Leitbild für das Rheintal der Zukunft erarbeitet. Die Vision: ein „durchgrünter Siedlungsraum mit außergewöhnlicher Lebens- und Wirtschaftsqualität“, heißt es auf der Homepage. Eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung ist tragende


Tauferer Ahrntal Wipptal Bruneck & Umgebung

Passeiertal Brixen Eisacktal Meran & Umgebung Salten

Unteres Eisacktal

Gadertal Gröden

Etschtal Bozen & Umgebung Überetsch

Oberpustertal

In den 20 Südtiroler step-Standorträumen sollen übergemeindliche Gewerbegebiete entstehen. Im Bild: Gewerbegebiet Lana

Schlern

Unterland

nung an der Universität für Bodenkultur in Wien, die an der Entwicklung der „Vision Rheintal“ beteiligt war.

20 Einheiten für Südtirol

Säule dieser Vision. An besonders geeigneten Standorten sollen attraktive Betriebsgebiete entstehen, die Unternehmen optimale Bedingungen bieten und durch die gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen entscheidende Vorteile bringen. „Das wichtigste Ergebnis dieses Projektes ist meiner Einschätzung nach die ‚Rheintalkonferenz‘, in der eine übergreifende Kommunikation zwischen den Gemeinden und Vertretern der verschiedenen Entscheidungsebenen stattfindet“, sagt Lilli Lička, Leiterin des Instituts für Landschaftspla-

Auch in Südtirol arbeitet man bereits seit einiger Zeit an einem Projekt, das die Standortentwicklung in die richtige Richtung steuern soll. STEP heißt das Südtiroler Standortentwicklungsprojekt, das Anfang 2010 von Landesrat Thomas Widmann ins Leben gerufen wurde. Es ist ein gemeinsames Projekt des Landes mit dem Gemeindenverband und wird von der Business Location Südtirol – Alto Adige (BLS) operativ betreut. Nach der ersten Phase, in der wichtige Standortdaten gesammelt und analysiert wurden und der Befragung von Gemeinden und Unternehmern in Phase 2 wurde eine Einteilung Südtirols in 20 übergemeindliche funktionale Standorträume vorge-

nommen, die wirtschaftlich und geografisch zusammenhängen. In der dritten Phase wird das Projekt konkret: In jedem Standortraum werden in Workshops eine strategische Standortpositionierung und das gemeinsame Flächenmanagement erarbeitet. „In Sachen Gewerbebauland ist künftig die Planung für größere Räume unerlässlich“, betont Wirtschaftslandesrat Thomas Widmann, „verschiedene Dienste und Dienstleistungen müssen übergemeindlich geplant und organisiert werden. Es ist an der Zeit, in funktionalen Einheiten zu denken.“ Die ersten Workshops sind bereits über die Bühne gegangen, die Reaktionen der Teilnehmer waren sehr positiv, man sehe große Chancen und großes Potenzial in diesem Projekt, so der Grundtenor. Die vierte und letzte Phase nach Abschluss aller Workshop-Runden sieht schließlich die Umsetzung von konkreten Maßnahmen vor. (bk) JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   21


TITEL: Architektur & Landschaft | Tellerrand

Wie andere das Thema Architektur besetzen

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URLAUB IN BAUMKRONEN Hochsitzarchitektur in Schweden

Die Schweden sind bodenständige Leute. Am Polarkreis aber sind sie richtig abgehoben und haben in den Wäldern über dem Lulea-Fluss ein Hotel hochgezogen, das seinesgleichen sucht. Es sind fünf hauptsächlich aus Holz gebaute Baumhäuser, die vier bis sechs Meter hoch über dem Boden zwischen Baumstämmen hängen und Platz für zwei oder vier Gäste bieten. Außerdem gibt es – ebenfalls in luftiger Höhe – eine Sauna und einen Konferenzraum für zwölf Personen. Jedes Haus wurde von einem anderen Architekten entworfen und sieht komplett anders aus als die anderen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Natur selbst thematisieren; ob als „Vogelnest“ oder durch verspiegelte Außenwände. Einen guten Eindruck bekommt man unter www.treehotel.se. Die „Financial Times“ kommentierte: „Im Hohen Norden, wo die Baumwipfel den Himmel berühren, gibt es einen Ort, wo Freundschaft spürbar wird und geniales Design magisch, perfekt und pur umgesetzt wird.“ Die Baumhäuser gehören zu „Brittas Pensionat“, einem Hotel, das einmal ein Altersheim war. Fazit: Das gute alte Baumhaus wurde hier völlig neu interpretiert.

2

BESPIELTE STRASSEN Norwegen inszeniert Landschaft

Die norwegischen Landschaftsrouten, wie die attraktiven Panoramarouten heißen, verbinden Architektur und Landschaft.. Die „bespielten“ Straßen sind Teil eines Tourismuskonzeptes, das bis 2020 fertig gestellt wird. Die Routen zeigen Reisenden abseits der Hauptverkehrsstraßen das Beste der norwegischen Landschaft sowie sehenswerte Landschaftsarchitektur in Form von attraktiven Aussichtspunkten und Rastplätzen. 2 2   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

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Hier wechselt die Landschaft auf der Panoramastraße zwischen sanften Schärengärten und fruchtbarer Kulturlandschaft, schroffen Geröllfeldern, steilen Felsen und tiefen Fjorden. Siehe dazu die Webseite www.turistveg.no. Weitere moderne Architekturprojekte an der norwegischen Landschaftsroute Ryfylke folgen in den kommenden Jahren – darunter ein dokumentarisches Denkmal am ehemaligen Zinkbergwerk in der Schlucht Allamannajuvet, das der Schweizer Architekt Peter Zumthor entwirft. Fazit: Architektur und Landschaft fließen hier gelungen ineinander über.

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HIGHTECH UND DESIGN Liftstationen mit Durchblick

Eine filigrane Konstruktion mit hauchdünner Haut, die mit dem Berg verschmilzt: Mit der Gaislachkoglbahn setzt die Tiroler Tourismusbranche einen wichtigen Schritt. Die Lösung für die drei Seilbahnstationen – Tal, Mitte und Berg – erinnert an die Leichtigkeit und zeitlose Eleganz einer riesigen, der Länge nach aufgeschnittenen Spiralfeder. Statisch sicher verankert, schmiegen die Teile sich an den felsigen Berg und wirken in der großartigen Landschaft so, als würden sie schweben. Das Fantastische ist das Material, das der Architekt Johann Obermoser für die Eindeckung seiner Stationen gewählt hat. Es ist eine Folie, die vollkommen durchsichtig und hauchdünn (0,25 Millimeter), dabei brandsicher ist und auch Schneefälle übersteht. „Dieses Material wurde auch als Polster für die Allianz Arena eingesetzt, ich setze es flächendeckend ein“, erklärt der Architekt. Das Material sei wie Glas, aber doch ganz anders. Durch die filigrane Konstruktion und die durchsichtige Haut stellt die Station für den Ort jetzt eine Attraktion dar. Fazit: Manchmal sind neue Baustoffe per se eine Offenbarung.

PRÄMIERTER DORFKERN Schweizer Weinbaudorf

Um der schleichenden Verstädterung des Weinbaudorfs Fläsch im Churer Rheintal zu begegnen, beschloss der Gemeindevorstand vor einigen Jahren eine tiefgreifende Revision der bestehenden Ortsplanung. Ein Leitbild wurde erarbeitet, das vorsah, die weitgehend intakte Dorfstruktur und die weit in den Dorfkern reichenden charakteristischen Obst- und Weingärten zu schützen. Die zu erhaltenden Flächen wurden ausgezont und gingen teilweise in Gemeindeeigentum über. Die Eigentümer erhielten dank Landumlegung einen gleichwertigen Ersatz an anderer Stelle. Am Ost- und Westrand des Dorfes wurden Bauzonen mit höherer Überbauungsziffer definiert. Dies erlaubt ein kontrolliertes Wachstum und das einmalige Ortsbild bleibt erhalten. „Das Konzept sieht die Verdichtung am Rande des Dorfes statt und nicht wie üblich im Ortskern“, erklären die Verantwortlichen. Dieses gezielte Umzonen zugunsten einer qualitätsvollen Entwicklung des Ortsbildes ist für die Schweiz einmalig. Der Schweizer Heimatschutz zeichnet Fläsch mit dem Wakkerpreis 2010 aus. Fazit: Durch gute politische Steuerung werden hier typische Ortskerne erhalten.

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ENTWEIHTE KIRCHE Neu interpretiert und renoviert

Von außen sieht die St. Jakobuskirche in Utrecht mit der Backsteinfassade und dem Kreuz überm Portal noch unverändert aus. Doch öffnet man die schwere Eingangstür, steht man in einem hochmodernen Interior: Nachdem der Gemeinde jahrelang die Mitglieder fehlten, wurde die Kirche, wie in vielen Städten der Niederlande, entweiht und an das Architekturbüro Zecc verkauft. Dieses interpretierte die Kirche neu: Zu den alten Fenstern baute man Glasfronten in die Wände und zusätzliche Zwischengeschosse ein. So entstanden lichtdurchflutete Räume mit einem loftartigen Wohncharakter. Die neue Kirchenvilla steht zum Verkauf. Schöne Ansichten gibt es unter www.woonkerkxl.nl Fazit: Von der Kirche zum Haus, vom Stall zum Parkhaus, vom ... (gzp)


1

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3

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TITEL: Architektur & Landschaft | Meinung

Raum | ord | nung die; planmäßige Ordnung, Entwicklung und Sicherung von größeren Gebietseinheiten zur Gewährleistung der bestmöglichen Nutzung des Lebensraumes. Als wissenschaftliche Grundlage dienen Erkenntnisse der Raumforschung. Zielsetzung der Raumordnung ist die Systematisierung der regionalen Entwicklung anhand raumplanerischer Leitbilder.

Als es noch Ordnung hieß

R

aumordnung. Es gibt Wörter, die gehören einem. Wir Südtiroler behaupten das etwa von Autonomie, Minderheitenschutz, aber auch von Raumordnung. Wir sind überzeugt, sie gehören uns. Wir haben sie erfunden oder, weniger selbstgerecht, sie wurden für uns erfunden, und wir haben ein Patentrecht drauf. So wie in Wahrheit nur wir eine sprachliche Minderheit sind und eine Autonomie verdienen, genau so haben nur wir eine Raumordnung. Zumindest eine, die diesen Namen verdient. Gäbe es eine Rangordnung von Südtiroler Markenwörtern, Raumordnung würde gleich hinter oder sogar gleichauf mit Autonomie und Minderheitenschutz an oberster Stelle rangieren. Und Raumordnung trägt in diesem Land einen Namen. Er heißt Alfons Benedikter. Egal, ob wir an das eine oder an den andern denken, wir meinen dabei immer den einen und das andere. Mit Benedikter die Raumordnung und mit Raumordnung den Benedikter. Damit ist auch schon gesagt: Wir sprechen von etwas, was war, und somit von Geschichte. Für Nachgeborene sei deshalb in Erinnerung gerufen: Alfons Benedikter war ein ziemlich mächtiger, manche behaupten allmächtiger Politiker aus der Gründerzeit des autonomen Südtirols. Sein Titel war, von Landeshauptmannstellvertreter abgesehen, „Assessor für Raumordnung “. Heute wäre das ein Landesrat, was gemessen an der Bedeutung des Ehemaligen freilich schwer untertrieben klingt. Denn Alfons Benedikter war ein gewählter Despot, und die Raumordnung war sein Steuerknüppel. Sie war in den 70er- und 80-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die einzige nennenswerte primäre autonome Befugnis dieses Landes, und also wurde das Land per Raumordnung regiert. Dressiert, müsste es heißen. Wer nur das durnwalderische Südtirol kennt, hat keine Vorstellung, was Raumordnung alles vermag; wie Raumordnungsparagrafen imstande sind, nicht nur dem geografi-

24   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

schen Raum Fesseln anzulegen, sondern auch sämtliches Leben darin zu domestizieren. Es hieß Raumordnung, aber die verfolgten Zwecke waren Volksgruppen-, Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und – unvermeidlich –ein bisschen auch Siedlungspolitik. Volkstumspolitik durch Raumordnung – das war es. Und weil Raum-ordnen weitgehend Raum-sparen bedeutete, war Raumordnung letztlich Sparpolitik. Weniger zurückhaltend ausgedrückt: Verhinderungspolitik. Schaden vermeiden, Gefahren bannen, Fremdes verhindern, Bestehendes absichern. Südtirol wurde in Ordnung gebracht. Spätestens damit ist es aber Zeit zu sagen: Es war eine grandiose Raumordnung. Nicht alles hatte eine edle Begründung, aber fast alles, was schlecht begründet war, hatte positive Folgen. Südtirols Raumordnungsgesetze waren schlimme Strafexpeditionen mit guten Kollateraleffekten. Sperren gegen den Genossen Trend. Mit dem Trend ist es wie mit einem Zug: Fährt er in die falsche Richtung, sitzt es sich im letzten Waggon am besten. Und kehrt der Zug um, ist man als Letzter plötzlich vorn. Südtirols Raumordnung war ein Glück, zu dem Alfons Benedikter sein Land gezwungen hatte. Inzwischen ist das Geschichte. Benedikter wurde entmachtet, bald 25 Jahre ist das her, letztes Jahr ist er gestorben, und Raumordnung heißt amtlich heute „Raumentwicklung“. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt, aber dem Raum ist es anzusehen: Er entwickelt sich sehr. Und unvermeidlich eher ungeordnet. Drum, wer heut von Raumordnung spricht, tut dies in der Regel mit Wehmut in der Stimme und anklagend gegen herrschende „Entwicklungen“: Es war besser, als noch „Ordnung“ war. Doch die Vergangenheit zu verklären, wissen wir eh, ist ein Zeichen von Alter. Florian Kronbichler, 60, ist freier Journalist in Bozen. Seine Kommentare und Glossen erscheinen in deutschen und italienischen Zeitungen.

Illustration: Isabella Fabris / Lupe

Florian Kronbichler über die untrennbare Verbindung zwischen der Südtiroler Raumordnung und dem mächtigen Politiker Alfons Benedikter. Heute heißt das politische Steuerungsinstrument schlechthin Raumentwicklung. Ohne Ordnung.


MARKETING

Die Kenner unter den Deutschen sehen Südtirol auch im Winter als das "italienische Tirol"

Natururlaub ganz groß. Alle drei Jahre prüft die SMG das

Markenbild von Südtirol. Deutsche, Italiener und Schweizer haben nicht nur ganz unterschiedliche Urlaubsbedürfnisse, sondern nehmen Südtirol unterschiedlich wahr. Die aktuellen Ergebnisse. DIE DESTINATIONS- und Absendermarke Südtirol ist 2005 in ihrem heutigen Look auf den Markt gegangen. Der Aufbau einer Dachmarke ist ein ständiger Prozess, der laufend Kurskorrekturen unterliegt. Aber auch der Zeitgeist und die Anforderungen an Urlaube ändern sich im Laufe der Jahre. Die SMG lässt deshalb in regelmäßigen Abständen die bevorzugten Urlaubsarten und das Markenimage in den Hauptmärkten Deutschland, Italien und in der Schweiz erheben. „Diese Untersuchungen helfen uns einzuschätzen, ob wir auf dem richtigen Weg sind und welche Inhalte und Botschaften für welche Zielgruppen erfolgsversprechend sind“, erklärt SMG-Direktor Christoph Engl.

Deutschland: Natur und Genuss Zusammenfassend kann man sagen, dass Südtirol auf dem deutschen Markt zwei Bilder, nämlich das Bild von Natur-

urlaub, aber auch von Genuss auslöst. Das mediterrane Savoir vivre, das der deutsche Urlauber so sehr an Südtirol schätzt, ist allerdings stärker in den Köpfen der Potentialurlauber ausgeprägt. Südtirol hat mit seiner regionalen Küche ein eigenständiges kulinarisches Image, das stark mit der mediterranen Küche und einem hochwertigen Weinangebot verbunden ist. Urlaub in alpinen Bergregionen wird von den Deutschen stark mit sportlichen Aktivitäten in der Natur, insbesondere im Winter, gleichgesetzt. Weiters werden den Alpenregionen Attribute wie Tradition und Ursprünglichkeit zugeschrieben. Südtirol wird dabei von Kennern als das „italienische Tirol“ gesehen. Für potentielle Urlauber, die noch nie da waren, sind alle Alpenregionen ähnlich. „Hier ist es wichtig, dass wir dem Aspekt des Südlichen, Mediterranen noch mehr Raum in unserer Kommunikation geben“, unterstreicht Mar-

tin Bertagnolli. Nur so könne man sich differenzieren. Die mediterrane, italienische Note auch dem Winter zu verleihen, ist Aufgabe eines durchdachten Produkt-bzw. Destinationskonzeptes. Salopp gesagt: In Zukunft braucht es neben Knödel, Kaiserschmarrn und Bier auch verstärkt italienischen Aperitif, mediterrane Häppchen und etwas mehr „Riviera-Stimmung“ auf der Piste. Bei der Befragung in Deutschland wurde deutlich, dass die Menschen ihren Alltag als zunehmend hektisch empfinden. Kein Wunder also, dass der Deutsche seine Urlaube am liebsten stressfrei verbringen will. Genuss ist dabei nicht mit Passivität zu verwechseln. Tatsächlich haben die Menschen sanfte Bewegung und erholsame Naturerlebnisse im Kopf. Der klassische Wellnessurlaub ist nur für eine kleine Zielgruppe relevant, wird aber dort überaus positiv bewertet. JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   25


MARKETING

Vorlieben der Südtirol-Urlauber

3,0

2,0

Bewertung der Urlaubsart

DE

IT

CH

HOHE BEWERTUNG VIELE NENNUNGEN

1,0

0,0

-1,0

-2,0

NIEDERE BEWERTUNG WENIGE NENNUNGEN

Relevanz (Anzahl der Nennungen) -2,0

-1,0

0,0

1,0

2,0

3,0

GesundheitsUrlaub

KulturUrlaub

FunUrlaub

GenussUrlaub

NaturUrlaub

FamilienUrlaub

WellnessUrlaub

AktivUrlaub

Rundreise

RelaxUrlaub

Städtereise

Winter-Urlaub im Schnee

Natur und Genuss sind zentrale Motive DIE SYMBOLE in den vier Quadranten zeigen, wie die deutschen, italienischen und Schweizer Alpenurlauber die verschiedenen Urlaubsarten bewerten. Alle Urlaubsarten, die in den beiden oberen Quadranten verortet sind, werden von den Befragten sehr positiv bewertet. Alles, was in den beiden unteren Quadranten zu finden ist, wird im Moment als weniger attraktiv empfunden. "Es ist deutlich sichtbar, dass für die Deutschen und Schweizer, aber auch für Italiener das Thema Natururlaub am besten abschneidet. Es gibt eine große Sehnsucht nach Kontakt mit der Natur, sie zu erleben und nicht nur als Kulisse für Aktivitäten zu sehen", heißt es im Abschluss26   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

bericht der Marktforschungsagentur Sturm und Drang. Südtirol hätte dort beste Chancen bei Südtirol-Gästen und Potentialurlaubern zu punkten. Überraschend ist die hohe Bewertung, die der Wellnessurlaub durch die Deutschen erfährt - allerdings von einer kleinen Zielgruppe. Ganz anders das Thema Genuss- und Natururlaub: Diese Urlaubsformen wird von vielen als "ideal" eingeschätzt. Auffallend ist, dass der Urlaub mit der Familie nur von den Italienern ganz allgemein als begehrenswerte Urlaubsform bewertet wird. Bei den Schweizern sehen das eher nur jene so, die selbst Kinder haben. Bei den Deutschen ist die Sichtweise auf Familie und Kinder am wenigsten entspannt; dies schlägt sich auch in der Bewertung dieser Urlaubsart nieder. Hier können all jene punkten, die deutschen Familien gute Familienprogramme anbieten.

Quelle: Sturm & Drang 2011 / Info-Grafik: www.cursiva.it

-3,0


Der Aktivurlaub hat ebenfalls eine große Anhängerschaft, wird aber als anstrengender empfunden und ist daher etwas weniger positiv bewertet. Am negativsten beurteilt werden von den Deutschen Städtereisen und Familienurlaube. Sie werden mit viel Hast und Organisationsaufwand verbunden. SMG-Marktleiter Martin Bertagnolli analysiert: „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit bei Familien. Gleichzeitig wird das von Deutschen scheinbar als sehr anstrengend empfunden. Es liegt an uns, Angebote zu bieten, die alle Familienmitglieder einbinden und sie entlasten. Gerade Urlaubsspezialisten wie die Familienhotels Südtirol oder spezialisierte Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Betriebe haben gemeinsame Unternehmungen im Angebot, die sich gut für diese Zielgruppen eignen“.

Die „italienische Brille“ Die Italiener nehmen die Alpenregionen insgesamt als relativ ähnlich wahr. Ziemlich schnell wird an Winter gedacht. Das Naturerlebnis und die Aktivität in der Natur stehen im Mittelpunkt. Südtirol wird als traditionsreich wahrgenommen, aber auch als fremd, abweisend und kühl. Die Idealurlaube für Italiener sind Naturund Familienurlaube. Familie steht für Zusammensein, Spaß haben, gemeinsa-

me Unternehmungen. Überaus positiv bewertet wird der Genussurlaub, allerdings ist dies derzeit nur für eine eher kleinere Zielgruppe relevant. Im Genussurlaub spielen sinnliche Erlebnisse eine große Rolle, vor allem beim Erleben kulinarischer Genüsse, aber auch durch körperliche Entspannung und geistiges Loslassen. Urlaubsarten, die mit Kultur-Erleben verbunden sind, werden am wenigsten postitv bewertet, da sie aus der italienischen Optik Hektik und Stress auslösen. „Auf das Thema Familie in Kombination mit Naturerlebnissen werden wir sicher setzen, weil die Italiener sehr positiv darauf reagieren. Wir werden auch die Mehrsprachigkeit in unserem Land mehr thematisieren, weil es auf Interesse stößt“, fasst Marktleiter Martin Bertagnolli die Stoßrichtung für künftige Aktivitäten zusammen. Für die Produktentwicklung bedeutet das, die Italiener im Urlaub so richtig an die Hand zu nehmen, um ihnen einen sorgenfreien, genussvollen Urlaub zu ermöglichen.

Sportliche Schweizer Sport ist für die Schweizer als Urlaubsqualität zentral, während „Nichtstun“ kaum einer der Befragten als Urlaubsmotiv genannt wird. Familienurlaub hat ein sehr positives Image, wird aber ebenfalls

nur von wenigen genannt. Interessant ist, dass die Schweizer die einzigen der befragten Alpenurlauber sind, die Rundreisen gut finden. Anders als die Deutschen und Italiener sind die Schweizer des Wellness- und Gesundheitsurlaubes bereits überdrüssig. Ideale Urlaube sind für Schweizer Natur-, Genuss- und Winterurlaub im Schnee. Beim Natururlaub liegt die Betonung eher auf dem Erleben der Natur durch die körperliche Aktivität, während Natur im Aktiv-Urlaub eher als Kulisse für die eigentlichen sportlichen Urlaubsqualitäten steht. Die Schweizer denken bei den Alpenregionen in erster Linie ans Skifahren und an sehr viele verschiedene WinterSportarten, die man in den Bergen betreiben kann. Die Alpenregionen werden generell als traditionell wahrgenommen. Südtirol wird vereinzelt als anders, eben mediterraner in der Mentalität und verschieden von der Küche her wahrgenommen. „Wir werden künftig den Aspekt der mediterranen Lebensart und des Südlichen noch stärker thematisieren, weil wir damit effektiv dem Idealurlaub der Schweizer Berginteressierten sehr nahe kommen“, meint dazu Martin Bertagnolli. Gefragt sind aktive Genussangebote oder auch eine Kombination aus kulinarischen und kulturellen Angeboten. Potential besteht daher bei Angeboten wie (gzp) Weinsafari oder Törggelen.

M A R K E N I M A G E

Bei Italienern gefragt: Familienurlaub mit authentischen Erlebnissen

DIE UNTERSUCHUNG

Die Meinungsforschungsagentur Sturm und Drang befragte in 30- bis 40-minütigen Interviews jeweils 200 ausgewählte Probanden in den Ländern Deutschland, Italien und der Schweiz. Ein Teil der Befragten bestand aus faktischen SüdtirolUrlaubern (haben in den letzten 24 Monaten Urlaub in Südtirol gemacht), diese wurden überdies in Sommer- und Winterurlauber unterteilt. Andere wiederum waren Südtiroler Potentialurlauber (planen in den nächsten 12 Monaten Urlaub in Südtirol). Und schließlich gab es die Gruppe der Urlauber aus anderen alpinen Regionen (haben in den letzten 24 Monaten Urlaub in einer anderen Alpenregion gemacht).

JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   2 7


MENSCHEN

Die Behüterin. Andrea Leitner ist die Seele des modernen Naturparkhauses

Puez-Geisler. Die Biologin schärft die Aufmerksamkeit der Besucher für Natur und Tiere. Und begeistert dabei Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Text: Philipp Gonzales Foto: Max Lautenschläger

SIE MACHT NUR drei große Schritte über den Sellastock, die Puezgruppe und die Geislerspitzen, und schon ist sie im Villnösstal. So einfach ist das für Andrea Leitner. Zumindest auf dem begehbaren Luftbild, über das sie gerade geht und nun genau auf ihrem Arbeitsplatz steht: dem neuen Besucherzentrum des Naturparks Puez-Geisler in St. Magdalena im Villnösstal. Andrea Leitner, schwarze Haare, dunkle Augen, grau-grünes Hemd, 27 Jahre alt, ist die Betreuerin des Hauses und empfängt dort seit Anfang des Jahres Schulklassen, Vereine, Touristen und Einheimische, um ihnen die Welt der Dolomiten zu erklären.

liche einmal in ein wahres Dilemma gestürzt: „Ich war damals in einen Jungen verliebt, und als der auf einem Ausflug eine Cola-Dose in die Landschaft geworfen hat, konnte ich das gar nicht fassen. Doch obwohl ich so verliebt war, habe ich ihn dafür geschimpft.“ Seit zwei Jahren führt Andrea Leitner, die 2008 ihr Biologiestudium an der Universität Innsbruck abgeschlossen hat, Besucher durch das Naturparkhaus, zeigt ihnen Computer-Info-Points, die die Geschichte des Parks erklären, das begehbare Luftbild, über dem digitale Textzeilen in deutscher, italienischer und ladinischer Sprache zum Beispiel

„Es gilt das zu bewahren, was wir haben. Denn verbessern kann man im Naturpark eigentlich nichts mehr.“ Das Naturparkhaus steht seit Dezember letzten Jahres mitten in der Idylle von St. Magdalena, und auch wenn nicht alle Dorfbewohner den modernen zweigeschossigen Kubus aus papyrusfarbenem Beton mit den dunklen Scheiben ins Herz geschlossen haben, so ist das Haus doch schnell zu einem festen Bestandteil der Dorfkultur geworden. „Immer wieder kommen die Kinder vom Dorf mit irgendwelchen Fundstücken zu mir und fragen, was das ist“, erzählt Andrea Leitner. Die schnelle Integration liegt auch an ihr. Sie ist „eine von hier“, ist im Hof neben dem Naturparkhaus aufgewachsen, in St. Magdalena zur Schule gegangen und hatte schon immer eine Verbundenheit mit den Menschen, der Natur und den Bergen vor der Haustüre. Das hat sie als Jugend28   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

darüber informieren, dass „vier Adlerpaare im Naturpark ansässig“ sind. „Die Dolomiten werden ja auch als Geschichtsbuch der Erde bezeichnet – hier kann man das gut erklären“, sagt Andrea Leitner im interaktiven Ausstellungsbereich „Berge anfassen“. Sie steht vor Felsbrocken, die mit „Bellerophon und Bozner Quarzporphyr“ überschrieben sind. Im ersten Stock dreht sich dagegen alles um die Tiere des Parks: Steinadlerfedern und Vogelnester, Eier und Felle, Geweihe und Knochen sind dort ausgestellt, und Andrea Leitner präsentiert all die Lärchenholz-Schubfächer und Schaukästen mit einer Mischung aus Stolz und Begeisterung. „Ich will hier die Aufmerksamkeit der Besucher schärfen“, erklärt sie. „Man braucht nur eine gewisse Sensibilität für die Natur, dann

sieht man auf einer Wanderung im Naturpark viel mehr. Wenn ich zum Beispiel wandern gehe, dann sehe ich fast jedes Mal einen Adler.“ Leider fügt sie dann noch hinzu: „Wie genau das funktioniert, weiß ich aber auch nicht.“ Nach einigem Nachdenken kommt sie auf den richtigen Zeitpunkt zu sprechen: „Wer im Naturpark Tiere sehen will, der sollte am besten ganz in der Früh oder spät am Abend eine Wanderung unternehmen. Da hat man die größten Chancen, Gämsen, Murmeltiere und vielleicht auch einen Adler zu sehen.“ Schließlich sind wir an den vier großen Panoramaglasscheiben angekommen. Man sieht auf die Schule und die spielenden Kinder nebenan, den Villnösser Bach, die Bauernhöfe im Dorf, die Wiesen, den dunklen Bergwald, die hellen Schneefelder und schließlich, imposante 1.700 Höhenmeter über uns, die Spitzen der Geisler, Wahrzeichen des Parks. „Meiner Meinung nach sind die Geislerspitzen die schönsten Berge der ganzen Dolomiten. Vielleicht ja sogar der ganzen Welt,“ sagt Andrea Leitner. Sie steht neben der Sichtbetonwand unter der Aufschrift „Sehnsucht“ und schaut gemeinsam mit ihren Besuchern hinaus in die Berge. Es wird Zeit, sie zu erkunden.

N AT U R PA R K H A U S PUEZ-GEISLER St. Magdalena 114/a 39040 Villnöss Tel.: 0472 842 523 info.pg@provinz.bz.it www.provinz.bz.it/naturparke


Andrea Leitner ist auf einem Hof neben ihrem Arbeitsplatz aufgewachsen


MARKETING

Marktinformationen aus erster Hand. Die EOS pflegt

ein Partnernetzwerk in über 50 Ländern. Monatlich kommen Partner zu Beratertagen nach Südtirol und bieten damit interessierten Unternehmen eine wertvolle Stütze.

DIE TÜRKEI mit ihren 72 Millionen Einwohnern, ihrer strategischen Lage zwischen Europa und Asien und ihrer Annäherung an die EU liegt an 16. Stelle der größten Volkswirtschaften weltweit und an 6. Stelle innerhalb Europas. Das Wachstum in diesem Markt ist anhaltend. Das macht das Land wirtschaftlich zwar interessant; die kulturellen, sprachlichen und rechtlichen Hürden sind für die Wirtschaftspartner aus dem Westen mitunter aber sehr groß. Genau um diese Hürden gut zu meistern, gibt es für Südtiroler Firmen das Partnernetzwerk der EOS im Ausland. Partnerorganisationen wie die deutschen und italienischen Außenhandelskammern und ehemaligen ICE-Büros sind genauso Teil des Netzwerks wie private Beratungsfirmen. Peter J. Heidinger aus Istanbul mit seiner Firma FMConsulting gehört auch dazu. Er lebt und arbeitet in der Türkei, stammt aber ur3 0   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

sprünglich aus Deutschland. Nach erfolgreichem Vertriebsaufbau in der Türkei für seine damalige Firma hat er sich vor zehn Jahren selbständig gemacht und in Istanbul seine Beratungsfirma gegründet, die mit nunmehr 16 Mitarbeitern Dienstleistungen zum Markteintritt und zum Ausbau des Marktes für ausländische Unternehmen anbietet. 3. Februar 2011, 8:30 Uhr, Bozen, Südtiroler Straße 60 - Das „Exportfrühstück Türkei/Bausektor“ steht auf dem Programm. Herrn Heidinger spricht einführend über die wirtschaftliche Lage, die türkische Bauwirtschaft und die Möglichkeiten des Aufbaus einer Vertriebsstruktur unter den gegebenen kulturellen Voraussetzungen. Anschließend holen sich die Teilnehmer in individuellen Gesprächen spezifische Marktinformationen für ihre Fima ein. Dass sich zum heutigen Beratertag weltweit tätige Firmen wie Rubner und Wolf

System angemeldet haben, die bereits eigene Exportabteilungen haben, verwundert aufgrund der Exotik des Marktes nicht. Dass man den Markteinstieg aber durchaus auch als kleinere Firma schaffen kann, beweist TTM.

Erfolgreicher Markteintritt Die Firma TTM aus Prad am Stilfser Joch war schon 2008 beim Beratertag mit Herrn Heidinger dabei. TTM hat sich auf die Produktion sowie den Exklusivvertrieb von verschiedenen Produkten für die technische Isolierung wie Ummantelungen, Klebebänder und Dämmmaterialien spezialisiert. Der Exportleiter Leo Berger hatte sich nach einer Marktrecherche entschlossen, die Türkei als Markt anzugehen. Über die EOS stand FMConsulting dem Unternehmen dabei zur Seite. Die im Dezember 2008 durchgeführte Un-


Die Partner der EOS sitzen vor allem in Europa, aber auch in einigen exotischeren Ländern

ternehmerreise in die Türkei zusammen mit anderen Unternehmern brachte aber mehr Ernüchterung als verheißungsvolle Absatzmöglichkeiten. Da die Ergebnisse der Marktstudie aber so vielversprechend gewesen waren, entschloss sich Herr Berger, einen zweiten Versuch zu starten und brach im März 2009 erneut nach Istanbul auf. Dabei ergaben sich tatsächlich interessante Kontakte, die Geschäftsverhandlungen begannen. Die erste Bestellung und Lieferung in die Türkei erfolgte schließlich im Mai 2010. „Die Recherchen zu Beginn und die Vermittlung verschiedener Kontakte durch den EOS-Partner waren eine große Hilfe, ohne die wir uns nicht in diesen neuen Markt gewagt hätten,“ sagt Berger rückblickend. Markus Walder, Bereichsleiter International Trade Support der EOS, freut sich über den Erfolg von TTM: „Dieses Beispiel ist sicherlich kein Einzelfall, was die Dauer der Marktbearbeitung von der Kontaktaufnahme bis zur erfolgreichen ersten Lieferung angeht. FMConsulting hat bewiesen, ein kompe-

tenter Partner zu sein, andererseits war TTM konsequent hartnäckig genug, den Markteinstieg in einem für uns exotischen Markt zu schaffen.“

Partner nach Südtirol holen Damit immer mehr Firmen den Schritt ins Ausland wagen, veranstaltet die EOS fast monatlich Informationsveranstaltungen zu einem bzw. mehreren Ländern. Die Mitglieder des Partnernetzwerkes werden dazu nach Bozen eingeladen, interessierte Firmen können ein unverbindliches Erstgespräch führen und sich über die allgemeinen Bedingungen im betreffenden Markt informieren. Besonders die nahen Märkte wie Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen dabei im Fokus, da sie für Export-Einsteiger besonders wichtig sind. Aber auch aus vielen anderen europäischen und nicht-europäischen Ländern werden regelmäßig Partner eingeladen, heimischen Firmen wird damit die Gelegenheit geboten, sich Marktinformatio(cs) nen aus erster Hand zu holen.

 ÄCHSTE N B E R AT E R TA G E

Die Termine für die nächsten Beratertage und Länderveranstaltungen finden Sie auf der Homepage der EOS unter www.eos-export.org in der Rubrik Veranstaltungen.

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MATERIAL

Lang lebe das Holz. Traditioneller Werkstoff ganz groß: Holz hat viele tolle

technische Eigenschaften und sorgt für gemütlichen Wohnkomfort. Designer und Architekten sind auf dem Holzweg also ganz richtig.

OB IN FORM von Tischen, Schränken oder Stühlen, als Brennstoff für Öfen, verarbeitet zu Schreibpapier und Zeitungen oder sogar in Speiseeis: Holz ist überall, auch dort, wo wir es nicht vermuten. Holz kann aber noch mehr: Mit Holz kann man ganze Hochhäuser und Brücken bauen. Grund genug, die vielen Vorzüge des Holzes genauer unter die Lupe zu nehmen.

Was Holz alles kann Holz ist nachhaltig, weil es nachwächst. In Südtirols Wäldern wird im Sinne einer nachhaltigen Forstwirtschaft weniger abgeholzt als nachwächst. Holz ist aber auch CO2-neutral, das bedeutet, dass beim Einsatz von Holz nicht mehr Kohlendioxid abgegeben wird, als die Pflan-

ze während ihres Wachstums aufgenommen hat. Holz hilft Energie sparen, weil man für die Herstellung von Holzprodukten wenig Energie benötigt. Holz ist außerdem brandsicher: Man weiß genau, wie es sich im Brandfall verhält und kann daher damit umgehen. Holz ist erdbebensicher, hat gute statische Eigenschaften und ist flexibel und im Baubereich somit ein hervorragender Ersatz für Beton und Ziegel. Holz ist wirtschaftlich, weil es ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat. Holz ist wetterfest und ermöglicht Holzbauten eine lange Lebensdauer. Im Rahmen einer Studie, die vom Holzbaulehrstuhl der Universität Innsbruck und dem Cluster Holz & Technik des TIS durchgeführt wurde, wurden vie-

le Gebäude aus Lärchen- und Fichtenholz aus den Jahren 1250 bis heute im Passeiertal unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Holz ist extrem haltbar und belastbar. Neben diesen tollen technischen Eigenschaften ist Holz aber einfach auch wohltuend, gemütlich, warm und lebendig. Es hat, ganz unbewusst, positive Auswirkungen auf unser Wohlbefinden: Holz trägt zu einem angenehmen Raumklima bei, indem es die Luftfeuchtigkeit des Raumes reguliert und die Wärme nicht so schnell nach außen abgibt. Holz als Bau- und Werkstoff zu verwenden, hat eine lange Tradition. Wo Holz zur Verfügung stand, wurde es immer genutzt. Auch das Holzhandwerk ist in vielen Teilen Südtirols tief verwurzelt.

AUCH HIER STECKT ÜBERALL HOLZ DRIN Holzfasern: Zu Platten gepresst zeichnen sich Holzfasern durch eine hohe Bruch- und Biegefestigkeit aus und stecken unter anderem in: • Schuhen • Kleidung • Tapeten • Kleister Holzzucker entsteht bei der Spaltung des Holzzellstoffes und dient etwa der Herstellung von: • Bier

• Industriealkohol

Cellulose: Ein vielseitig einsetzbarer Lebensmittelzusatz der in der Nahrungs- und Pharmaindustrie als Verdickungsmittel, Trennmittel oder Überzugsmittel verwendet wird. • Säften • Pillen Holz ist lebendig, warm und sorgt für ein angenehmes Wohnklima 32   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012

• Speiseeis • Kaugummi


Im Gegensatz zu anderen Baumaterialien war die Innovationsbereitschaft in Sachen Holz lange Zeit – vornehm formuliert – eher zurückhaltend: Vor allem im Bau- und Designbereich bevorzugte man Materialien wie Beton, Glas oder Kunststoffe. In den letzten Jahren hat sich dies aber schlagartig geändert: Heute erlebt Holz in vielen Bereichen eine neue Popularität. Gründe dafür sind das steigende Gesundheitsbewusstsein, das Bedürfnis nach Individualität und Authentizität sowie der Trend hin zu Nachhaltigkeit, mehr Umweltbewusstsein und eine umweltschonende Lebensund Bauweise. Auch im Baubereich erlebt Holz einen Boom. „Bauen mit Holz ist einfach und anspruchsvoll zugleich, es erfüllt Architekten, Designer und Bauleute mit der Genugtuung, einen nachwachsenden, menschenfreundlichen Rohstoff verarbeiten zu können“, sagt Paolo Bertoni vom Cluster Holz & Technik des TIS. Vor allem im Wohnbau kann der zeitgenössische Holzbau durchaus mit seinen Be-

ton-Kollegen mithalten. Hier beschränken sich seine Vorzüge keineswegs nur mehr auf ökologische Aspekte und kurze Bauzeiten: Holzhäuser sind energiesparend, haben gute statische Eigenschaften und erfüllen dieselben Brandschutzbestimmungen wie konventionelle Bauten. Feuerwehrleuten sind Holzhäuser also gar kein Dorn im Auge: Tragende Holzbalken halten bei Bränden nämlich länger als Stahl, der in Hitze schmilzt und ohne Vorwarnung bricht.

Nachhaltiger Chic „Im Bauwesen punktet Holz in Sachen Energieeinsparung doppelt“, so Bertoni. „Einmal beim Bau selbst, beginnend beim Rohstoff bis hin zu Bauweise und Planung. Aber auch der Betrieb und die Erhaltung von Holzhäusern sind energetisch nachhaltig, etwa beim Heiz- und Kühlenergiebedarf, Strombedarf, Wartungsaufwand und in Sachen Langlebigkeit.“ Holz erhöht also ganz nebenbei die Energieeffizienz.

Holzhäuser sind heute aber auch einfach chic, und viele Architekten setzen verstärkt auf Holz als Baumaterial. Brücken, Industriegebäude oder bis zu acht Stockwerke hohe Hochhäuser: Dem Einsatz von Holz sind heutzutage keine Grenzen mehr gesetzt. In der Design-Szene ist man auch auf das Holz gekommen. Nicht nur Designermöbel, sondern auch Handys, Laptops, Brillen und Handtaschen aus Holz gibt es auf dem Markt. Dieses Potential noch weiter auszuschöpfen, das ist das Ziel eines Interreg IV-Projektes, das vom Cluster Holz & Technik betreut wird. Die „Designwerkstatt“ bringt Handwerker aus dem Alpenraum mit Designern zusammen, damit sie bei der Produktgestaltung voneinander lernen und gemeinsam neue Produkte schaffen können. „Damit auch Designer auf den Holzweg kommen“, sagt Bertoni. (ep)

Das Unternehmen „Holz Pichler“ aus Eggen setzte beim Bau des neuen Verwaltungsgebäudes ganz auf Holz


VERANSTALTUNG

Preisträger und Gastgeber (v.l.n.r.): Hubert Hofer (TIS Direktor), Christina Zuenelli (Loacker), Ulrich Stofner (BLS Direktor), Thomas Kohl (Kohl Obsthof Troidner), Christoph Engl (SMG Direktor), Heiner Oberrauch (Salewa), Markus Prugger (Nordpan), Roberto Bizzo (Landesrat für Innovation), Thomas Widmann (Landesrat für Wirtschaft) 3 4   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012


Geladene Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft tummelten sich im Anschluss an die Verleihung zum Get Together im Foyer des Stadttheaters Bozen

Glanzvolle Galanacht. Was passiert, wenn Wirtschaft kunstvoll in Szene

gesetzt wird? Davon konnten sich 700 Gäste am 11.11.2011 überzeugen. Im Stadttheater Bozen wurden im Rahmen einer Galanacht zum ersten Mal die Südtirol Awards der Wirtschaft in vier Kategorien vergeben.

I

m vergangenen Jahr hat die Landesregierung entschieden, aus vier Preisen einen einzigen zu machen - den Südtirol Award. Dieser besteht aus dem ehemaligen TIS Innovation Award, dem EOS Export Award, dem SMG Marketing Award und dem neu dazugekommenen Investment Award von BLS. „Südtirol hat ein enormes Potential und tolle Unternehmen, auf die wir stolz sein können“, sagte Landeshauptmann Luis Durnwalder in der Eröffnungsrede des Abends. Fast 60 Unternehmen hatten sich beworben, vier Gewinner aus vier Kategorien gingen hervor: Als Sieger der Kategorie Marketing wurde Kohl Bergapfelsäfte vom Obsthof Troidner vom Ritten ausgezeichnet, den Export Preis erhielt das Unternehmen Loacker vom Ritten,

der Innovation Award ging an Nordpan aus Olang. Den Investment Award holte das Bozner Unternehmen Salewa. Die Landesräte Thomas Widmann, Roberto Bizzo und Hans Berger überreichten die Awards. Für die Gestaltung dieses Preises zeichnete der Südtiroler Designer Harry Thaler verantwortlich. Er zeigt die geographischen Umrisse von Südtirol und drückt Innovation, Dynamik und Weltoffenheit aus, jene Qualitäten, die Unternehmen brauchen, um erfolgreich zu sein. Der Moderator und Filmemacher Gustav Hofer führte durch den Abend. Mit einer filmreifen Licht- und Bühnenshow wurden die Preisträger gefeiert, eindrucksvolle Szenen aus dem Tanzstück Dolomytica verliehen der Galanacht einen glanzvollen Rahmen.

Der Südtirol Award, der Oscar Südtirols, ist aus Aluminium gefertigt und beschreibt den geografischen Umriss Südtirols JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   35


VERANSTALTUNG

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1 | Gerhard Comper, Cellina von Mannstein und Michael Grosser 2 | Jasmin Mathà, Christine Lasta, Verena Lazzeri 3 | Alex Ploner, Michael Gaiser 4 | Erwin Lanzinger, Dado Duzzi mit Begleitung 5 | Michael Graf Goëss-Enzenberg, Sophie Gräfin Goëss-Enzenberg 6 | Karin Niederfriniger, Andreas Tschurtschenthaler, Tanja Mair 7 | Florian Pichler, Giuseppe Mele, Stephan Malfertheiner, Angelo Mele 8 | Heinrich Riffesser, Isabella Schwienbacher 9 | Michael Falk, Eleonora Corazza, Harald Plieger

Neben den Preisverleihungen, die ein wenig an die OscarNacht erinnerten, gab es eindrucksvolle Atempausen mit Szenen aus dem Tanzspektakel Dolomytica, einer Produktion des Bozner Stadttheaters

3 6   M | JOAKNTU OABRE,RF, ENBO RV UEAM R ,B M E RÄ, RDZE 2Z 0 EM 1 2B E R 2 0 1 1

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IM VISIER DER MEDIEN

Über Südtirol geschrieben. Geschichten über das Land in Zeitungen

und Magazinen: Die Dolomiten, Skifahren und Wellness, energiesparende und regionale Bauweisen und Kulinarik spielen tragende Rollen. Großbritannien: Good Housekeeping Frauenmagazin – Das renommierte, auflagenstarke Frauenmagazin widmet Südtirol zwei eindrucksvolle Seiten. „Die Lebensqualität hier ist die höchste der Welt“, endet der euphorische Bericht der Redakteurin nach einem Aufenthalt im Villnösstal mit Kletterausflug, Spezialitätenverkostung- und Spa-Besuch. Ausgabe Juni 2011

Großbritannien: Glamour Modemagazin - Das Heft im Pocket-Format empfiehlt Südtirol als ideale Winterdestination. Beispielhaft werden Dörfer wie St. Vigil, die Tradition der Heubäder, die Thermen und Sexten als Winteridyll besprochen. Gastroempfehlungen aus Meran zu Speck, Gnocchi und modernen Desserts runden das Bild ab. Ausgabe November 2011

Belgien: Grande Italie Reisemagazin – Zwölf Seiten Südtirol stecken im ItalienHeft. Große Bilder machen Lust auf Bewegung und Leben in den Dolomiten. Breiten Raum erhält die Kulinarik untermauert mit der Tatsache, dass Südtirol mehr Michelin-Sterne als jede andere Provinz Italiens aufweist. Ausgabe Herbst 2011 Italien: Io Donna/ Corriere della Sera Frauenmagazin – Die Reportage beschäftigt sich anhand von fünf Beispielen weltweit mit der Frage nach besonderer und energiesparender Architektur für den nächsten Skiurlaub. Südtirol spielt mit der als „Bio“ betitelten Architektur des Residence Lagaciò in St. Kassian in dieser Liga mit. Ausgabe 26. November 2011

Deutschland: Lust auf Genuss Food-Magazin - Neben fantastischen Food- und Landschaftsaufnahmen hat das Schwerpunktheft Südtirol jede Menge zauberhafter Detailfotos im Gepäck: Grandiose Berg-Szenarien, heimelige Atmosphäre der Gasthäuser, die noble Eleganz der Restaurants und typische Spezialitäten. Ausgabe September 2011 JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012 | M   3 7


MARKTPLATZ

Award-Gewinner Kjetil Thorsen vom Architekturbüro Snohetta aus Oslo im Austausch mit Michael Purzer von Frener & Reifer aus Brixen

B A R C E L O N A , S PA N I E N WAS TUT SICH, WER IST VORNE? Beim World Architecture Festival (WAF) in Barcelona treffen sich die besten Architekten der Welt. Es gibt Ausstellungen, Projektpräsentationen und Seminare. Herz des Festivals sind die WAF Awards – die begehrten Architekturauszeichnungen. Zwei Südtiroler Architekturbüros schafften es unter 700 Bewerbern in die engere Auswahl: das Büro Monovolume aus Bozen und das Studio bergmeisterwolf aus Brixen. „Das WAF ist nicht für Südtiroler Architekten interessant, sondern auch für international tätige Südtiroler Firmen zur Anbahnung von Geschäftsbeziehungen", erklärt EOS-Vizedirektor Markus Walder, der mit der Architektenkammer die Reise zum WAF organisiert hatte. 3 8   M | JANUAR, FEBRUAR, MÄRZ 2012


„Architektur schlägt immer eine Stimmung, ein Lebensgefühl vor.“ Alain DeBotton Philosoph mit Schweizer Wurzeln, *1969


M01 - Magazin für Destinationsmarketing  
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