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2 THEMEN DES TAGES

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Meinung

zum tag

Der Zorn des Volkes

GESAGT IST GESAGT

In der Bevölkerung wächst die Wut auf die Manager. Die Bundesregierung kommt an einer gesetzlichen Regelung nicht mehr vorbei. VON PETER LUDÄSCHER • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •

D

ie deutsche Wirtschaft ist sauer. Denn der Bundestag hat jetzt ein Gesetz zur Vergütung der Manager erlassen. Die Konzernkapitäne betrachten es als ungerechtfertigten Eingriff in die Vertragsfreiheit. Jedem Unternehmenseigentümer solle es doch bitteschön selbst überlassen bleiben, wie er die Arbeit der angestellten Führungskräfte honoriert, argumentieren die Betroffenen. Grundsätzlich haben sie Recht. Zwischen privaten Parteien sollten Verträge frei gestaltbar sein – solange sie sich auf dem Boden des Rechts und des Anstands befinden. Aber gerade darüber sind in den vergangenen Jahren immer mehr Zweifel aufgekommen. Es häuften sich die Fälle, in denen Manager das ihnen anvertraute Unternehmen in rote Zahlen manövrierten. Dennoch kassierten sie Millionengehälter. Sofern sie ihren Job verloren, wurde ihnen das Ausscheiden mit saftigen Abfindungen versüßt. Mancher, wie Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp, profitierte gar davon, dass sein Nachfolger den Karren aus dem Dreck zog und damit die Aktienoptionen des erfolglosen Vorgängers erst richtig wertvoll machte.

Ansehen verschleichtert Das Ansehen der Manager hat sich seit der Mannesmann-Übernahme durch Vodafone erheblich verschlechtert. Damals wurde erstmals sichtbar, wie schamlos sich manche Vorstände und Aufsichtsräte gegenseitig die Millionen zuschieben. Seither reagiert in Deutschland und vielen anderen Ländern die Öffentlichkeit empfindlich auf die Spitzengehälter, denen mitunter keine Spitzenleistung gegenüberstand. Diese Empfindlichkeit als Neid abzutun, wäre zu einfach. Ein Wendelin Wiedeking, der bis zu seinem riskanten Abenteuer mit VW überaus erfolgreich gearbeitet hat und zig Millionen verdiente, wurde bisher kaum kritisiert. Er verhalf den Porsche-Aktionä-

ren zu hohen Gewinnen und den Mitarbeitern zu ansehnlichen Prämien. Doch die schwarzen Schafe in der Manager-Zunft ließen bei den Bürgern den Wunsch nach gesetzlicher Begrenzung der Bezüge immer drängender werden. Die Wirtschaft versuchte zwar, dem Druck ein Ventil zu verschaffen, indem eine Kommission freiwillige Regeln erarbeitete. Doch sie fruchteten wenig. Erst auf gesetzlichen Zwang hin war die Mehrzahl der deutschen Konzernchefs zur Veröffentlichung ihrer Bezüge bereit. Danach konnte zwar jeder nachlesen, was ein Josef Ackermann verdient, doch noch immer durften auch schlechte Unternehmenslenker auf Abfindungen und Aktienoptionen vertrauen.

„Wir bekämpfen Schulden mit neuen Schulden. Kein normal denkender Familienvater würde in seinem eigenen Haushalt so handeln.“ Utz Claassen, früherer EnBWChef zur Finanzpolitik der Bundesregierung „Banken und Autobauer zu retten und Brot, Milch und Bücher teurer zu machen, das passt nicht zusammen.“ Ulrich Noll, FDP, zu Überlegungen von Ministerpräsident Oettinger, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz zu erhöhen

Der längste Jahrhundertbauwerk am Gotthard ➤ Neuer Weg quert die Alpen ➤ 57 Kilometer durch Gestein ➤

Baustelle Gotthard Redaktion vor Ort AUS DER SCHWEIZ BERICHTET ALEXANDER MICHEL • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •

Höchste Risiken Die Finanzkrise hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Jetzt wird deutlich, dass die Millionenbezüge sich nicht nur unendlich weit von den Löhnen der durchschnittlichen Beschäftigten entfernt haben. Die Vergütungssysteme enthalten darüber hinaus Elemente, die das Eingehen höchster Risiken fördern. Während einige BankManager die Existenz ihres Unternehmens aufs Spiel setzten, riskierten sie selbst allenfalls den Ausfall ihres Bonus. Der Zorn in der Bevölkerung ist inzwischen so groß, dass die Bundesregierung an einer gesetzlichen Regelung nicht mehr vorbeikam. Die neue Vorschrift, dass die Vergütungssysteme langfristige Anreize zur Unternehmensentwicklung geben müssen, ist dabei besonders wichtig. Riskantes Zocken darf sich nicht in Form höherer Bezüge auszahlen. Nur wenn die Manager für nachhaltigen Erfolg der ihnen anvertrauten Unternehmen sorgen, darf es eine Belohnung geben. Auch die neue Regelung, dass der Aufsichtsrat die Bezüge des Führungspersonals senken soll, wenn es dem Unternehmen schlechter geht, ist sinnvoll. Wenn die Unternehmenslenker die Verschlechterung verursacht haben, versteht sich die Kürzung von selbst. Aber auch, wenn äußere Einflüsse das Unternehmen belasten, ist es angebracht, dass nicht nur die Mitarbeiter Einbußen hinnehmen müssen, sondern auch die Spitze.

peter.ludaescher@suedkurier.de

„Wenn der Hund Ihres Nachbarn in Ihren Garten furzt, verlangen Sie eine Novelle des Bundesimmissionsschutzgesetzes.“ Peer Steinbrück, Finanzminister, vor Unternehmern in Leipzig zum Thema Regelungswut DIE POSITIVE NACHRICHT

Walfänger stoppen die Jagd Norwegens Walfänger haben ihre Jagd freiwillig gestoppt. Sie haben in dieser Saison 350 Meeressäuger getötet. Eigentlich hatten sie vor, noch rund 500 weitere Wale zu schießen. Das tun sie nun doch nicht. Denn sie werden das Walfleisch nicht los: Wegen der Wirtschaftskrise will es niemand haben. Wie der Fischereiverband in Oslo mitteilte, ist der Absatz von Walfleisch in norwegischen Restaurants stark zurückgegangen, weil viele Menschen sich derzeit ein Essen im Gasthaus nicht leisten können. Eine Menü mit einem Walsteak kostet umgerechnet bis zu 40 Euro. In den nördlichen Gewässern werde in diesem Jahr nicht mehr gejagt, hieß es weiter. (ddp)

online heute VIDEO

Zu Besuch im Tierheim Tierisch geht’s weiter: suedkurier.tv hat in der Tierauffangstation Pfullendorf mit der Kamera eine Katze besucht. Sie sucht ein neues Zuhause – sehen Sie selbst!

➤ Das Ziel Der Gotthard-Basistunnel (57 Kilometer lang) bildet zusammen mit dem 2007 eröffneten LötschbergBasistunnel (37,6 Kilometer) das Herz der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat). Das Ziel ist, die Zahl der Lkw-Fahrten zwischen Deutschland und Italien auf 650 000 im Jahr zu begrenzen. Das ist ehrgeizig. Denn im Jahr 2000 durchquerten 1,4 Millionen Lkw die Schweiz.

➤ Der Tunnel Am Gotthard werden zwei einspurige Röhren durch den Berg getrieben. Sie sind alle 325 Meter durch Querschläge miteinander verbunden. Da der Basistunnel praktisch keine Steigung aufweist können Personenzüge Tempo 250 fahren und Güterzüge bis zu 160 km/h. Die Flachbahn erlaubt längere Züge mit höherem Gewicht. So kann die Transportkapazität auf rund 40 Millionen Tonnen erhöht werden – doppelt so viel wie heute.

➤ Der Aufwand Am Gotthard sind rund 2400 Mineure beschäftigt. Sie arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Das gesamte Tunnelsystem wird 153 Kilometer lang sein. Im Einsatz sind zwei Tunnelbohrmaschinen der Firma Herrenknecht aus Lahr (Ortenau). Ihr Vortrieb erreicht rund 20 Meter am Tag. Insgesamt werden 24 Millionen Tonnen Fels gebrochen.

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Der etwas andere Zuspruch am Morgen.

K ARI K ATUR: JAN S ON

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Praktische Tipps zur Gesundheit Ingwer hilft bei der Verdauung, der Apothekenverband warnt vor falschen Pillen: Praktische Tipps rund um das Thema Gesundheit finden Sie online!

www.suedkurier.de/ gesundheit IHRE MEINUNG Abstimmung vom 25.06.: Ist es gerechtfertigt, dass TVJournalisten für Nebenjobs Geld bekommen? 45% Ja, auch Journalisten machen es zusätzlich 55% Nein, sie stehen in Diensten eines Senders. Frage heute: Sind die Forderungen der Schüler und Studenten berechtigt? ➤ Seite 1 www.suedkurier.de/umfrage

➤ Die Kosten Der Gotthard-Basistunnel kostet deutlich mehr als geplant, 6,7 Milliarden statt 4,3 Milliarden. Damit erreicht er etwa das Volumen des Großprojekts Stuttgart 21. Von der Schweiz hereingeholt wird das Geld durch eine Lkw-Maut (zwei Drittel), eine höhere Mehrwertsteuer (ein Promille) und einen Anteil an der Mineralölsteuer (ein Drittel). ➤ Die längsten Tunnel Gotthard Basistunnel (Schweiz): 57,1 – Seikan-Tunnel (Japan): 53,9 Kilometer für Eisenbahn zwischen den Inseln Honshu und Hokkaido. – Eurotunnel (Ärmelkanal): 49,9 Kilometer für Eisenbahn zwischen Frankreich und Großbritannien. (mic)

Wo ein Wille ist, ist ein Tunnel. Ein Gotthard-Basistunnel. Die Schweizer könnten es auch so sagen: Wir machen den Weg frei. Genauer muss es heißen: „Gabi I“ macht den Weg frei. Denn das ist die eine der beiden nach der Schweizer Nationalrätin und „Tunnelpatin“ Gabi Huber (FDP) aus dem Kanton Uri benannten monströsen Tunnelbohrmaschinen, die heute zu besonderer Ehre kommt. Jetzt rückt sie Zentimeter um Zentimeter näher, rumort, dem Blick noch verborgen, im Fels. Das Dröhnen und Wummern ihrer kreisenden Fräse, doppelt so breit wie ein Fußballtor, wird lauter und fährt jedem auf dieser Seite der Tunnelröhre in die Knochen. Zentimeter um Zentimeter frisst sich Monster-Gabi, eine deutsche Konstruktion, durch den Gneis des Gotthard. Der Durchbruch in der Oströhre des Tunnels steht jetzt unmittelbar bevor. Das Donnern wird stärker, nur brüllend ist Verständigung mit dem Nebenmann möglich. Noch starrt das Publikum nur auf eine hohe, graue Wand, die mit Spritzbeton provisorisch verkleidet ist. Der Schriftzug des österreichischen Bauriesen Strabag, der in diesem Tunnelabschnitt zwischen dem Nordportal Erstfeld und dem Zugangsstollen Amsteg die Federführung hat, ist in großen Buchstaben an der Wand zu lesen. Noch. Dann gibt der Berg seinen Widerstand auf. Beton blättert plötzlich ab, Buchstaben und ein aufgemaltes Schweizerkreuz brechen herunter, Felstrümmer rutschen nach und geben den Blick auf den Bohrkopf frei, der wie ein riesiges Mühlrad weiter drehend den Durchbruch zu einer runden Öffnung erweitert. Mineure richten einen Wasserschlauch auf den Giganten. Doch schnell hüllt eine Staubwolke die Zuschauer ein, nimmt die Sicht auf den zehn Meter entfernten Bohrkopf, legt sich auf Jacken und glatt gebügelte Business-Anzüge. Verkehrsminister Moritz Leuenberger strahlt dennoch wie ein kleiner Junge. Denn dieser Tunnel, Herzstück der Neuen Alpentransversale (Neat), ist auch sein Riesen-Baby.

„Ein Weltwunder“ Kurz zuvor hat Leuenberger den Gotthard-Basistunnel als das „längste aller Weltwunder“ bezeichnet und das letzte Stück Fels zwischen Amsteg und Erstfeld „wie ein tödlich getroffener Dinosaurier“ euphorisch zur Hölle fahren lassen. Beinahe grimmig hatte der Minister mit den Schweizer Tunnel-Skeptikern abgerechnet, die er durch den schnellen Baufortschritt ihrer Argumente („Fass ohne Boden“, „zu teuer“) beraubt sieht. Sogar den Teufel – „er wollte den Tunnel verhindern!“ – hatte der Redner aus Bern durch eidgenössische Willenskraft für geschlagen erklärt. Jetzt steigen von der anderen Seite der Röhre behelmte Mineure in orangeroten Overalls durch eine enge Öffnung im Bohrkopf. Sie werden mit Johlen und Klatschen begrüßt. Einer hält eine hölzerne Figur der Heiligen Barbara, die Schutzbefohlene aller Tunnelbauer, ins Blitzlichtgewitter der Fotografen. Blumensträuße werden nach vorn getragen, die „richtige“ Gabi (heute in Kumpel-Kluft) nimmt Orchideen entgegen. Der Basistunnel am Gotthard, die 57 Kilometer lange Mega-Röhre durch das geografische Herz der Schweiz, ist


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Tunnel

der Welt So funktioniert die Bohrung Bei Tunnelbohrmaschinen gibt es unterschiedliche Typen. Im GotthardTunnel wird wegen des harten Gesteins Schneidrad-Technik verwendet. Der Fels wird herausgefräst und zu Schotter zermahlen.

➤ Das Schneidrad stammt von dem

deutschen Hersteller Herrenknecht AG. Es wiegt 3000 Tonnen und mit Strom angetrieben. Das Rad besteht aus 42 Rollenmeißeln, 176 Schälmessern und 16 Räumern. Der Koloss ist fast 400 Meter lang und hat eine Leistung von 5000 PS. Der tägliche Energieverbrauch entspricht dem von 4200 Einfamilienhäusern.

➤ Das Rad dreht sich: Die Bohrerspitze

dreht sich mit verstellbarer Geschwindigkeit und wird gegen den Fels gedrückt. Dabei schieben die Räumer alles lockere Material wie Sand und Kies nach hinten, wo es zermahlen wird. Für festere Gesteine werden die Rollenmeißel benötigt, die das Gestein mit großem Druck zerhacken und zerkleinern.

Nach schweißtreibender Arbeit endlich ein Tag der Freude: Tunnelarbeiter postieren sich vor der stählernen Fräse der Tunnelbohrmaschine zum Gruppenfoto.

B ILD : D PA

Die Alpentransversale am Gotthard Zimmerberg-Basistunnel Gesamtlänge: 20 Kilometer

Gotthard-Basistunnel Gesamtlänge: 57 Kilometer

Meter über dem Meeresspiegel

Ceneri-Basistunnel Gesamtlänge: 15 Kilometer

1500

Airolo

Kehrtunnel Bodio Bodio

Zürich

Zug

Richtung Basel

ArthGoldau

Erstfeld Zwischenangriff Amsteg

Biasca Bellinzona Zwischenangriff Sedrun

Zwischenangriff Faido

DEUTSCHLAND Konstanz Konstanz Bodensee

2000 Zürich Zürich

Gotthard-Tunnel Göschenen

Waldshut

Zug Zug

S C HW HWE EIIZ Z SCHWEIZ Bestehende 1000 Erstfeld Göschenen Strecke Göschenen Sedrun Sedrun 500

Lugano

Chiasso

Richtung Mailand

Biasca Bellinzona Lago Maggiore Lugano Chiasso

ZimmerbergBasistunnel

GotthardBasistunnel CeneriBasistunnel

ITALIE ITA LIE N ITALIEN

Comer See 50 Kilometer

➤ Das Gestein wird weggeschafft: Ein

Förderband schafft den Abraum mehrere hundert Meter nach hinten und lädt ihn in Loren. 13 Millionen Kubikmeter werden im Laufe der gesamten Bauzeit ins Freie transportiert – das sind fünf Cheops-Pyramiden nebeneinander. Zugleich wird die frisch ausgebohrte Tunnelwand betoniert und mit Mörtel verpresst. Zudem werden Armierungsringe eingebaut.

QU E LLE : A L P TR A N S I T G O TTH A RD A G, GRA FI K: O RL O WSKI

seiner Vollendung ein großes Stück näher gerückt. 134 Kilometer Tunnel, Stollen und Schächte zählt der Jahrhundertbau. Davon sind jetzt mehr als 87 Prozent ausgebrochen. Der Hauptdurchschlag zwischen Sedrun und Faido soll Anfang 2011 erfolgen. Doch insgeheim hoffen die Schweizer Tunnelbauer, schon Ende nächsten Jahres den Gotthard komplett bezwungen zu haben. Der Berg ist ihr ärgster Feind und zugleich ihr Leben. So ist es auch bei Erich Werner, ein wetterfester Mineur aus dem Kanton Uri, der seit 36 Jahren das Berufleben eines Maulwurfs führt. „Ich bin jetzt 63“, sagt der Schweizer, aber vom Berg will er ungern lassen. „Es wird wohl

klappen, dass ich den letzten Durchstich noch erlebe“, wünscht er sich augenzwinkernd. Denn wen der Berg ruft, den lässt er nicht mehr los – auch wenn eines Tages die Lokführer die Herrschaft im Tunnel übernehmen. Dann werden nur noch die, die beim Bau dabei waren, an die gnadenlose Härte des Gotthard denken. Etwa an die Tunnelbohrmaschine, die sich im Gestein festgefressen hatte und zwei Monate lang demontiert werden musste, an die Hitze im Berg, die mühsam auf 28 Grad heruntergekühlt wird, an den Lärm, das Wasser, die Gefahr. Sie fordert ihre Opfer, auch tödliche. Im Abschnitt Erstfeld – Amsteg wurde ein Arbeiter von einer Kabeltrommel

erdrückt. Dass im Zugangsstollen eine Heilige Barbara in eine Wandnische gestellt wurde, hat seine Gründe. Vikar Martin Kopp aus Amsteg, der seit vier Jahren auch als Tunnelseelsorger einsatzbereit ist, kennt die Befindlichkeit der Mineure, von denen nur zehn Prozent Schweizer und der Rest Tunnel-Nomaden aus halb Europa sind: „Am 4. Dezember, dem Barbara-Tag, feiere ich hier eine Messe – alle kommen.“ Dennoch ändern sich auch am Gotthard die Zeiten. Wenn auch langsam. Frauen – früher im Tunnelbau undenkbar, weil sie nach Ansicht der Mineure Unglück nach sich zogen – haben mittlerweile (gering an Zahl) hier Zutritt.

Alles andere wäre auch widersinnig, ist es doch eine Gabi, der die Kumpel den schnellen Baufortschritt verdanken. 26 Monate nach dem Tunnelanstich bei Erstfeld, sechs Monate früher als gedacht, sind die Gotthard-Pioniere im Nordabschnitt am Ziel. Gabi I, ihre gute Freundin, wird jetzt zerlegt und bis auf weiteres in einer Halle zwischengelagert. Am Gotthard wird sie keinen Job mehr finden. Aber in der Schweiz gibt es viele Berge – und damit Ideen für weitere Basistunnel.

Weitere Bilder unter www.suedkurier.de/onlineplus Mehr Hintergrund unter www.alptransit.ch

➤ Der Abraum wird auf Güterwaggons und Lastwagen abtransportiert. Ein Fünftel des Ausbruchs bereiten Arbeiter in Steinmühlen gleich wieder zu Sand und Kies auf und verfrachten sie als Betonbeimischung zurück in den Berg. Mit dem restlichen Material werden im Tessin Steinbrüche aufgefüllt und Geländemulden eingeebnet. Zudem werden im Vierwaldstätter See sechs Inseln aufgeschüttet. (mic)


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