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Die kulturelle Zeitschrift der donauschwäbischen Gemeinde von Entre Rios - August 2012 / Auflage Nummer 97

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Schlachtfest in Entre Rios Schweinefleisch ist eng mit der donauschwäbischen Kultur verbunden. Das jährliche Schweineschlachten war in der alten Heimat ein ereignisreicher Brauch in jeder Familie. Zahlreiche Rezepte mit Schweinefleisch wurden vorbereitet: Bratwurst, Schnitzel, Gulasch, Kesselfleisch, Schwartenmagen, Leberwurst, usw. In Entre Rios werden noch immer traditionelle Rezepte gegessen und auch weiterhin produziert.

Patenschaft

Kochkunst

Gemeinde

Rastatt – Entre Rios

Dampfstrudel

Fronleichnamsteppiche


Inhalt 03

Kuriose Objekte: Beim Schlachten

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Landwirtschaft: WinterShow 2012

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Patenschaft: Rastatt – Entre Rios

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Zeitschrift der Genossenschaft Agrária zur Aufrechterhaltung der Kultur der donauschwäbischen Gemeinde von Entre Rios (Guarapuava/Paraná/Brasilien) Redaktionsleitung

Schule: 40 Jahre Leopoldina-Schule

Hauptthema: Schweineschlachten

Cooperativa Agrária Praça Nova Pátria s/nº Colônia Vitória / Entre Rios Guarapuava - 85139-400 Paraná / Brasilien Redaktionsteam Redakteurin: Rosely Essert roselib@agraria.com.br Tel. Nr. 00 55 42 3625 8529

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Kochkunst: Dampfstrudel

Redakteur: Klaus Pettinger klaus.pettinger@yahoo.com.br Tel. Nr. 00 55 42 3625 1437 Assistentin: Karin Müller kmuller@agraria.com.br Tel. Nr. 00 55 42 3625 8528 Korrektur: Andrea Scherer Korpasch andrea@agraria.com.br Tel. Nr. 00 55 42 3625 8002

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Gemeinde: Fronleichnamsteppiche

Layout: Prêmio|Arkétipo Comunicação www.premioarketipo.com.br Gestaltungsleitung: Roberto Niczay Berichte und Fotos ASK - Andrea Scherer Korpasch ER - Ernesto Remlinger KP - Klaus Pettinger RE - Rosely Essert Herausgeber Genossenschaft Agrária / Marketing-Abteilung Donauschwäbisch-Brasilianische Kulturstiftung

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Kurzmeldungen

Druck Midiograf Gráfica e Editora Londrina - Paraná - Brasilien Auflage 700 Exemplare

Titelfoto von Nicole Gutfreund

Kultur-Partner

Erscheinungsweise Zweimonatlich


Fotos: ER

Dieser Kupferkessel und die Schmalzdosen wurden in den Aufbaujahren von Entre Rios verwendet

Beim Schlachten Es lässt sich kaum beschreiben, mit welcher Freude die Donauschwaben dem Schlachttag entgegensahen. Verwandte und Nachbarn wurden dazu eingeladen. Am Vortag wurden die benötigten Gegenstände und Werkzeuge gewissenhaft bereit gestellt. Die Frauen waren für das “Speckschneiden” zuständig. Das Fett wurde in Kupferkesseln ausgelassen und in Behälter mit aufklappbaren Deckeln – in Schmalzdosen – gefüllt und in der Kammer aufbewahrt. Die Kinder durften der Großmutter beim Därmewaschen helfen, die für die Würste gebraucht wurden. Die Fleischmasse wurde mit Knoblauch, Salz, Paprika, Pfeffer und Zwiebeln gewürzt und nachdem sie von allen maßgeblichen Personen begutachtet war, mit einer Wurstspritze in die Därme gefüllt. Wenn die gefüllte Wurstspritze angesetzt wurde, durften sich die Kinder ihre kleinen Bratwürste aussuchen. Sie halfen aber auch am Wurstdarm zu ziehen und mit einer großen Nadel die Wursthaut gleich nach dem Hörndl zu stechen, damit die Luft entweichen und der Darm prall gefüllt werden konnte. RE

Diese Wurstspritze stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien und ist heute im Heimatmuseum von Entre Rios ausgestellt

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Foto: Archiv Agrária

Landwirtschaft

Anders als in den vorigen Jahren, werden diesmal die technischen Vorträge direkt in der Messe veranstaltet

WinterShow 2012 in Entre Rios:

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die Stände waren zum ersten Mal schon vier Monate vor Messebeginn ausverkauft. “Die WinterShow wächst jedes Jahr. Es kommen zahlreiche Mitglieder, Landwirte aus verschiedenen Regionen und Kunden aus dem Bereich Malz, Weizen, Futter und Samen”, detailliert Spitzner. Ihren Beitrag dazu leistete vor allem die Industrialisierung von Weizen und Gerste Foto: KP

Die Geschichte der Donauschwaben und der Anbau von Wintersorten sind eng verbunden, denn einer der Gründe der brasilianischen Regierung zur Zustimmung einer Einwanderung nach Entre Rios waren bekanntermaßen die Kenntnisse dieses Volkes über den Anbau von Wintergetreiden, hauptsächlich von Weizen. So wurde die Entwicklung der Wintersorten im Laufe der Jahrzehnte ständig überwacht und optimiert. Die FAPA (Fundação Agrária de Pesquisa Agropecuária) konnte seit ihrer Gründung wichtige Forschungsergebnisse realisieren und deshalb werden die neuesten Technologien zu Wintergetreide auch bei der diesjährigen WinterShow, am 17. und 18. Oktober, für Mitglieder und Kunden der Genossenschaft Agrária präsentiert. Insgesamt können die Interessenten 35 Stände unter dem Motto “Innovation bei Wintergetreide” besuchen und an der Maschinendemonstration, sowie an verschiedenen Vorträgen teilnehmen. “Unsere Region verzeichnet die größte Gerstenproduktion und erzielt einen der wichtigsten Weizenerträge in Brasilien”, betont Vizepräsident der Genossenschaft Agrária, Paul Illich. “Somit gehört die WinterShow schon zu den bedeutendsten Messen über Wintersorten in Brasilien”, fügt er hinzu. Jedes Jahr werden neue Samen von Weizen, Gerste, Hafer, Raps und Triticale gezüchtet und den Mitgliedern präsentiert. “Ein anderer Bereich, der ständig Neuigkeiten vorweist, ist die Vorbeugung und Behandlung von

Foto: KP

Die aufstrebende Landwirtschaftsmesse in Brasilien

“Die WinterShow ist eine Gelegenheit für unsere Kunden, nach Entre Rios zu kommen und unseren Mitgliedern zu erklären, welche Qualitätsmerkmale die Industrien bei Malz oder Weizen, bzw. Mehl erwarten”, erklärt Paul Illich

Krankheiten, hauptsächlich bei Weizen und Gerste”, erklärt André Spitzner, Geschäftsleiter für Landwirtschaft der Agrária. Anders als in den vergangenen Jahren, werden diesmal die technischen Vorträge direkt in der Messe gehalten. Zu den wichtigsten Zielen der WinterShow gehört die Gelegenheit, dass Mitglieder und Kunden, bzw. Industrien die Produktionsbedingungen besprechen können, ergänzt Paul Illich. “Daher kommen unsere Kunden nach Entre Rios und erklären unseren Mitgliedern, was die Industrien bezüglich Malz oder Weizen, bzw. Mehl erwarten”, erklärt der Vizepräsident. Da die Messe immer mehr an Zuwachs gewinnt, wächst auch das Interesse von Kunden aus ganz Brasilien und auch anderen Ländern, nach Entre Rios zu kommen, erklärt Spitzner. Auch

“Da die WinterShow jedes Jahr wächst, werden Landwirte aus verschiedenen Regionen und Kunden aus dem Bereich Malz, Weizen, Futter und Samen erwartet”, meint André Spitzner

und die Vermarktungssicherheit überzeugt die Mitglieder, Wintergetreide anzubauen. “Das hat viel dazu beigetragen, dass die WinterShow-Messe diesen hohen Stellenwert bekam”, betont Paul Illich. Es handelt sich nämlich um eine Veranstaltung, bei der jedes Mitglied zugleich Gast und Gastgeber ist, meint Spitzner. KP


Fotos: Archiv Agrária

Patenschaft

Patenschaft Rastatt – Guarapuava/Entre Rios Im Januar 1987 war die donauschwäbische JugendVolkstanzgruppe Rastatt in Begleitung von Heinrich Juhn, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Rastatter Donauschwaben und als Stadtrat, zur 35-Jahr-Feier in Entre Rios zu Gast. Die Gruppe aus Rastatt wurde von OB Rothenbiller, seiner Frau und einigen Stadträten begleitet; insgesamt bestand die Reisegruppe aus über 120 Personen, die diese Reise zum Jubiläumsereignis nach Brasilien antrat. Bei dieser Begegnung konnten

Jorge Karl (2. v. l.) in Begleitung von Heinrich Juhn (2. v. r.) bei einem Treffen in Rastatt mit Rückwanderern

Rothenbiller und Mathias Leh, damaliger Präsident der Genossenschaft Agrária, ihre Freundschaft enger knüpfen. Die Zuneigung zu Entre Rios wurde immer größer und somit entstand eine tiefe Verbindung zwischen Rastatt und Entre Rios, bzw. Guarapuava. Nach diesem Besuch reifte der Entschluss, dem Stadtrat die Übernahme einer Partnerschaft vorzulegen. Somit reichte Heinrich Juhn, nach vorheriger Absprache mit Rothenbiller, namens der Landsmannschaft der Donauschwaben des Orts- und Kreisverbandes Rastatt bei der Stadtverwaltung einen schriftlichen Antrag ein, zur Übernahme einer Partnerschaft zwischen der Stadt Guarapuava, bzw. der Siedlung Entre Rios und der Stadt Rastatt.

In der Stadtratssitzung vom 11. Mai 1987 wurde die Übernahme der Partnerschaft, dank der Vorbereitungen von Heinrich Juhn, einstimmig, und damit von allen 43 Stadträten befürwortet und beschlossen. Dies ist der wesentliche Inhalt der Patenschaftsurkunde: “Diese Patenschaft soll dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis und den Gedankenaustausch der Bewohner von Entre Rios und Rastatt zu fördern, neue Kontakte zu knüpfen und dadurch die freundschaftlichen Beziehungen, auch zwischen den Ländern Brasilien und Deutschland, weiter zu vertiefen.” Die Urkunde wurde bei einer Patenschaftsfeier - verbunden mit dem 9. Bundestreffen der donauschwäbischen BrasilienRückwanderer - am 17. Juni 1988 in Rastatt unterzeichnet und so stand dieser Tag ganz im Zeichen der Patenschaftsfeier zwischen Rastatt und Entre Rios. Der Festakt fand in Anwesenheit vieler hoher Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft, sowie von Vertretern der bundesdeutschen donauschwäbischen Landmannschaften statt. Folkloristisch umrahmt wurde die Feier durch verschiedene Gruppen aus Rastatt sowie der Sing- und Volkstanzgruppe aus Entre Rios im Rahmen ihrer damaligen Europatournee. Am 3. Juni 1988 wurde von der Munizipalkammer von Guarapuava das Gesetz Nr. 014/88 verabschiedet, das vom damaligen Präfekten Nivaldo Krüger sanktioniert wurde. Dieses Gesetz erklärt die Stadt Rastatt in der Bundesrepublik Deutschland zur Schwesterstadt des Munizips Guarapuava. Anlässlich der Feier zum 10-jährigen Bestehen der Patenschaft der Stadt Rastatt über die donauschwäbische Siedlung Entre Rios in Guarapuava, unterzeichneten OB Klaus-Eckard Walker und Präfekt Vitor Hugo Burko, am 28. Februar 1998, aufgrund der bestehenden vielfältigen und vertrauensvollen Verbindungen eine gemeinsame Erklärung. Dadurch konnte die Zusammenarbeit partnerschaftlich fortentwickelt werden, insbesondere

Jorge Karl (links) zu Besuch bei OB Hans Jürgen Pütsch im Rastatter-Rathaus

zur weiteren Intensivierung des Kulturaustausches, zur Förderung der beruflichen Aus- und Fortbildung sowie der Jugend- und Sozialarbeit, zur Unterstützung eines Jugend- und Schüleraustausches, aber auch auf den Gebieten der Stadtplanung und des Umweltschutzes. In diesem Sinne trafen sich der Präsident der Agrária, Jorge Karl und OB Hans Jürgen Pütsch am vergangenen 23. Mai 2012 zu einem Gespräch im RastatterRathaus. Die Patenschaft soll zu ihrem 25-jährigen Bestehen, im kommenden Jahr, vertieft werden. Feierlichkeiten zu diesem Jubiläum, mit gegenseitigem Besuch, werden im Juni 2013 in Rastatt und im Oktober 2013 in Entre Rios stattfinden. “Die Patenschaft soll nicht nur auf dem Papier stehen, sondern sollte vielmehr dazu dienen, zwischen Rastatt und Entre Rios und Guarapuava eine freundschaftliche und ständige Verbundenheit zu pflegen. Das gemeinsam erlebte Schicksal der Rastatter Rückwanderer und unserer Landsleute in Entre Rios hat uns miteinander geprägt. Diese Zeit kann man nie vergessen. Es war eine harte und schwere Zeit, aber auch eine sehr schöne Zeit, eine Zeit die für viele von uns Rastatter Rückwanderer und mit Sicherheit auch für alle ehemalige Siedler, die jetzt in der Bundesrepublik Deutschland leben unvergesslich bleiben wird”, ergänzt Heinrich Juhn. ASK

OB Pütsch empfing die Donauschwäbische Trachtentanzgruppe von Entre Rios, die im Juni/Juli 2012 eine Europatournee durchführte

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Schule

Die Leopoldina-Schule:

Bis Ende der 60er Jahre hatte jedes Dorf eine eigene Schule. Das Foto zeigt den Unterricht in der Dorfschule Vitória mit Lehrer Raimundo May (rechts) und einem Schulinspektor

einer der Hauptgründe zur Abwanderung von rund der Hälfte der Donauschwaben von Entre Rios. Aber auch die geringen Ausbildungsmöglichkeiten der schulpflichtigen Kinder trugen entscheidend dazu bei, dass viele Familien nach Europa zurückkehrten. Foto: Archiv Schule

Nicht wenige Donauschwaben aus Entre Rios hatten schon Gelegenheit, mit Deutschen in Europa zu sprechen und hörten stets das gleiche Lob, das meistens als Frage daher kommt: “Was, Sie sind aus Brasilien? Woher sprechen Sie denn so perfekt Deutsch?” Die Antwort ist relativ einfach: Es liegt an der Gemeinde, die nicht nur ihre eigene donauschwäbische Tradition pflegt, sondern auch eine Schule unterhält, die seit vier Jahrzehnten den Deutschunterricht als wichtiges Unterrichtsfach im Lehrplan verankert hat. Nach ihrem 40. Gründungsjahr feiert die Leopoldina-Schule heute noch immer das Ergebnis ihrer in den Statuten festgelegten Vorschrift: Die deutsche Sprache, engverbunden mit der donauschwäbischen Tradition, zu fördern und zu pflegen. Seit der Einwanderung der Donauschwaben in Entre Rios, anfangs der 50er Jahre, bekam jedes einzelne der fünf Dörfer eine Grundschule. Dieses System wurde bis Ende der 60er Jahre durchgeführt. Jedoch waren die Zeiten schwierig. Die Wirtschaftskrise Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre war

Foto: Heimatmuseum

40 Jahre Tradition mit deutscher Sprache

Das Ginásio Imperatriz Dona Leopoldina wurde Oktober 1971 eingeweiht

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Als im Jahre 1966 Mathias Leh zum Präsidenten der Genossenschaft Agrária gewählt wurde, stellte er einen langfristigen Organisationsplan auf und sah an einem organisierten und gut strukturierten Schulsystem eine der wichtigsten Maßnahmen, die Donauschwaben in Entre Rios zu halten. Somit hatte diese Strategie Priorität in seinen ersten Amtsjahren als Präsident. Schon vorher, im Jahre 1963 wurde der Schulverein Danúbio gegründet, um das Schulwesen in Entre Rios zu verbessern. Ab 1965 wurden die ersten Besprechungen zur Gründung des Gymnasiums geführt. Mit der deutschen Entwicklungshilfe war es Mathias Leh möglich, das Schulsystem neu auszurichten. Somit wurde am 13. Oktober 1968 der Schulverein “Associação de Educação Agrícola Entre Rios” gegründet. Zu den Hauptzielen dieses Vereins gehörten, laut ausführlichem Bericht von Lehrer José Boing, im ehemaligen Jornal de Entre Rios, vom 13. Dezember 1991: “die schulische und kulturelle Erziehung in Entre Rios durchzuführen, um den Mitgliedern


Foto: Archiv Schule

wir gar nicht dazu kamen, in der neuen Schule zu studieren”, ergänzt Ginther zusätzlich. Diese Gelegenheit hatte die nachfolgende Klasse, in der Gabi Stötzer Hülse, 56, und Roberto Knesowitsch, 54, Schüler waren: es war die erste Gruppe, die im neuen Gymnasium das Abschlussdiplom absolvierte. Den Ersten aber blieb nicht nur die Ehre, sondern auch noch ein wenig Arbeit. Vor allem Knesowitsch kann sich noch gut erinnern, wie die jungen Männer mithalfen, die letzten Details der neuen Schule zu organisieren. “Wir mussten graben, halfen die Bäume und das Gras setzen, sogar draußen, am Straßenrand. Da haben alle mitgeholfen”, erklärt er. Jedoch war die Arbeit nicht so schwierig, im Gegenteil: die Freude, an einer neuen Schule lernen zu dürfen, war viel größer, meint Gabi. “Das war etwas ganz anderes. Wir waren vorher in Holzgebäuden und plötzlich in einer so großen, gut organisierten Schule. Da waren wir sehr stolz darauf”, ergänzt sie. Lehrer Raimundo Mathias May war seit 1970 Schulleiter des Ginásio Imperatriz Dona Leopoldina, auch nach dem Bezug der neuen Schule – das Gymnasium war schon seit 1969 eingeführt worden, damals unter dem Namen Ginásio Entre Rios. Doch der Unterricht im Klassenraum war zu dieser Zeit unabhängig von der Struktur. Strengere Disziplin und wenige, bzw. gar keine Technologie waren die größten Unterschiede zur heutigen Realität. Sogar zur Schule zu kommen, war schwieriger als heute. “Wir mussten entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule fahren, egal wo man wohnte”, weiß noch Gabi Hülse. Auch auf Disziplin der Schüler, die zu Hause begann und weiter im Klassenzimmer gezeigt werden musste, wurde viel Wert gelegt, meint Knesowitsch. “Die Lehrer haben ständig nachgeschaut, wie sauber man war, ob gut gekämmt, ob die Fingernägel

Ab 1977 wurde die Schule in Colégio Imperatriz Dona Leopoldina umbenannt und umfasste Grund- und Hauptschule (1. bis 8. Klasse) sowie Oberstufe

sauber waren und so weiter”, erzählt er. Von technologischem Material, wie ein einfacher Computer, war gar keine Rede. Die Aufgaben wurden alle fehlerfrei und sauber auf Papier geschrieben. “Es gab noch kein ‘Ctrl C’ und ‘Ctrl V’, man musste alles mit der Hand schreiben, so oft wie notwendig”, sagt Knesowitsch. Jedenfalls war der Respekt gegenüber dem Lehrer etwas Selbstverständliches, ergänzt Heidi Gutfreund. “Wir haben unsere Lehrer sehr respektiert, auch wenn es ein jüngerer war; das ist, glaube ich auch anders als heute”. Die Methodik brachte jedenfalls gute Ergebnisse für deutschsprachige Schüler, die sich weiterbilden und beruflich fortbilden konnten. “Ich habe mich dann als Buchhalter ausgebildet und damit auch gearbeitet. Das war damals schon überall gut angesehen, in der Leopoldina-Schule ausgebildet worden zu sein”, erwähnt Ginther Gutfreund. Eine zweite Sprache perfekt einsetzen zu können, hatte auch seine Vorteile. “Die Schule legte immer

Foto: Archiv Schule

Foto: Privatarchiv Gutfreund

in ihren Erziehungsschwierigkeiten beizustehen. (...) Den Schülern eine gute Ausbildung zu bieten. (...) Besonders die deutsche Sprache und das Brauchtum der Donauschwaben in den Schulen zu fördern”. Im Jahre 1969 wurde dann das Gymnasium Entre Rios ins Leben gerufen. Nach verschiedenen Diskussionen zur Verbesserung der schulischen Bildung in Entre Rios, wurde schließlich beschlossen, eine Zentralschule für die Kinder aus dem gesamten Siedlungsgebiet zu errichten. Mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Genossenschaft Agrária, wurde im Jahre 1971 der erste Teil der LeopoldinaSchule errichtet (und im Jahre 1975 erweitert). Die Einweihung des damaligen Ginásio Imperatriz Dona Leopoldina fand im Oktober 1971 statt und schon 1972 konnten die Schüler aus Entre Rios ihre neue, modern eingerichtete Schule betreten (siehe die chronologische Sequenz der Gründung der Leopoldina-Schule in der Box der Seite 8). Insgesamt (mit Erweiterung) verfügte die Schule nun über 22 Klassenräume, dazu moderne Labors, eine Bibliothek und Verwaltungsräume. Die damaligen Schüler, die bis dahin in verschiedenen, oft improvisierten Räumen untergebracht waren, fanden den Neubau beeindruckend. Das Ehepaar Heidi und Ginther Gutfreund, die damals zur Schule gingen, können sich noch gut an die Änderungen erinnern. “Die erste Klasse des Gymnasiums besuchten wir in der Stadt Guarapuava, fuhren jeden Tag mit einem Kombi hin und zurück. Die 2. Klasse war dort untergebracht, wo jetzt das Krankenhaus steht und danach hatten wir Unterricht im Gebäude des alten Museums”, erklärt Heidi Gutfreund. Die Klasse der beiden war die erste, die im neu benannten Ginásio Imperatriz Dona Leopoldina ausgebildet wurde. “Obwohl

Die neue Schule verfügte über ein vielfältiges Sportangebot; im Foto praktizieren die Schüler Judo

Offizielle Abschlussfeier der 8. Klasse von 1971

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viel Wert aufs Deutsche, das war für uns sehr wichtig und ist es heute noch, damit wir unsere Kultur und Tradition bewahren”, meint Heidi. Ab 1972 passte sich das Schulsystem je nach den damaligen Vorschriften des Erziehungsministeriums an. Durch das Dekret vom 13. November 1972 wurde das Gymnasium Imperatriz Dona Leopoldina endgültig anerkannt. Im Jahre 1974 kam Lehrer Curt Klemz aus Santa Catarina und übernahm die Leitung der Leopoldina-Schule. Der deutschsprachige Lehrer (er gehörte zur dritten Generation einer deutschstämmigen Familie) war Staatsangestellter an einer staatlichen Schule in Pomerode als Schulleiter und auch als Lehrer. “Als ich anfing, war die Schule neu, in den anderen vier Dörfern waren noch überall Primarschulen. Im Laufe der Zeit wurden diese Schulen in den Dörfern aufgelöst und die Schüler nach Vitória gebracht”,

Die Brasilienreisen der 8. Klasse begannen Anfang der 70er Jahre. Die Schüler der 8. Klasse von 1972 realisierten die erste zweiwöchige Reise

Die Gründung des Gymnasiums Imperatriz Dona Leopoldina Am 13. Oktober 1968 wurde der Schulverein “Associação de Educação Agrícola Entre Rios” gegründet. Damit wurde 1969 das Gymnasium Entre Rios ins Leben gerufen. Es gab somit vier zusätzliche Jahrgänge, nach der Grundschule. Pater Anton Landolt war der erste Direktor des Gymnasiums. Die Dorfschulen existierten noch bis etwa 1973 weiter. Lehrer Raimundo May wurde 1970 Direktor und im gleichen Jahr bekam die Schule den Namen Ginásio Imperatriz Dona Leopoldina. Im Jahr 1971 wurde die Zentralschule im 1. Dorf Vitória, mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und dem Einsatz der Genossenschaft Agrária errichtet. Im Jahre 1972 wurde die Schule endgültig ihrer Bestimmung übergeben.

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erklärt Curt Klemz, 84, der zurzeit in Joinville (Santa Catarina) lebt und per Telefon mit Zeitschrift Entre Rios sprach. “Es musste eine Zusammenstellung der Schule gemacht werden, damit sie vom Staat, vom Ministério da Educação (Erziehungsministeriums) anerkannt wurde”, ergänzt er zusätzlich. Die Investitionen aus der Bundesrepublik Deutschland, aus Österreich und von der Genossenschaft Agrária ermöglichten den Aufbau einer der modernsten Schulen der Umgebung. In den ersten Jahren bekam die Institution ein Physik- und Chemielabor, die beide aus Deutschland kamen, erklärt Klemz. Zunächst wurde das Biologielabor, das aus Österreich kam, eingerichtet. Auch ein Sprachlabor bekam die Schule kurze Zeit danach. “Wir hatten von Anfang an eine sehr gute Einrichtung und auch sehr gute Lehrer. Ein anderer Schwerpunkt waren die Wochenstunden und Fächer, die nicht nur vom Staat vorgeschrieben waren, sondern zusätzlich angeboten wurden”, betont Klemz. Unter anderem waren selbstverständlich Deutschunterricht, wie

auch schon Englischstunden vorgesehen. Ab 1977 passte sich die Schule endgültig an das Schulgesetz an, das die Grundschule von vier auf acht Jahrgänge erweiterte und eine Oberstufe vorsah. Somit hatten die Schüler die Gelegenheit, sich in Fächern wie Landwirtschaft, Buchhaltung und Hausverwaltung auszubilden. Die Änderungen wurden nach und nach angepasst. Am 17. Januar 1977 wurde die Schule in Colégio Imperatriz Dona Leopoldina umbenannt – dann waren auch schon alle vorgesehenen Anpassungen realisiert. Die Verbesserungen stagnierten jedoch nie. Deutschunterricht, zum Beispiel, war in der Oberstufe am Anfang noch nicht vorgesehen. Das änderte sich ab 1980, als die Schule, bzw. die Genossenschaft Agrária Lehrer aus Deutschland kommen ließ, was kräftig dazu beitrug, dass die Leopoldina-Schule endgültig als deutschsprachige Schule im Laufe der kommenden Jahre anerkannt wurde. “Wir hatten schon sehr gute Lehrer hier und es ist ja so: am Ende ist es der Lehrer in der Klasse, der die Schule ausmacht. Die

Foto: Archiv Schule

Foto: Privatarchiv Knesowitsch

Diplom der 8. Klasse im Jahr 1971: Die erste Klasse unter dem Namen “Ginásio Imperatriz Dona Leopoldina”

Die Schule bekam gleich in den ersten Jahren ein Chemieund Physiklabor (Foto), als Nächstes ein Biologielabor und ein Sprachlabor


Foto: Archiv Schule

Klassenraum im Jahre 1978

Gabi Hülse über ihren Eindruck, in einer neuen Schule lernen zu dürfen: “Von einfachen Holzgebäuden auf eine so moderne Schule. Da waren wir richtig stolz darauf”

Foto: Archiv Klemz

Foto: KP

Foto: KP

Foto: KP

Heidi und Ginther Gutfreund waren im gleichen Schuljahrgang und betonen den Wert, der auf die deutsche Sprache gelegt wurde

Roberto Knesowisch betont die Unterschiede des damaligen Schulsystems: Disziplin und Respekt standen im Vordergrund

Lehrer Curt Klemz war zehn Jahre Schulleiter: “Am Ende ist es der Lehrer in der Klasse, der die Schule ausmacht”, betont er

Zusammenarbeit der Lehrer aus Deutschland mit den Ortskräften aus Entre Rios war für die Siedlung sehr wichtig und darauf wurde auch großen Wert gelegt”, ergänzt Curt Klemz. Ab dann wurde der Deutschunterricht auch in der Oberstufe eingeführt und Ende der 80er Jahre, bzw. im September 1988 absolvierten die Schüler aus Entre Rios zum ersten Mal die internationale Deutschprüfung der Bundesrepublik Deutschland (KMK-Prüfung). Lehrer Curt Klemz übergab die Schulleitung 1984 an Lehrer Heinrich Sattler. “Ich und meine Familie waren die zehn Jahre gerne in Entre Rios, haben wirkliche Freundschaft geschlossen”, betont Klemz und fügt hinzu: “Wir hatten damals schon eine Schule, die vorbildlich war. Unsere Schüler machten das Vestibular (die Aufnahmeprüfung für die Universität) in Curitiba und in anderen Städten und kamen immer gut durch”. In der nächsten Ausgabe bringt Zeitschrift Entre Rios die Fortsetzung dieses Artikels, mit der Konsolidierung der deutschen Sprache im Laufe der letzten Jahre und der Anpassung der Leopoldina-Schule an die Bedingungen des modernen Schulsystems.

Foto: Privatarchiv Gutfreund

KP

Foto: Privatarchiv Gutfreund

Um Gelder zur Brasilienreise zu sammeln, tanzten die Schüler bei Kirchweihfesten

Ernte der 8. Klasse des Jahres 1972 zum Geldsammeln für die Brasilienreise

Beginn der Brasilienreise Gleichzeitig mit der Einweihung des Gymnasiums Imperatriz Dona Leopoldina wurde auch eine neue Tradition ins Leben gerufen, die bis heute realisiert wird: die Brasilienreise. Es begann im Jahre 1971, mit der damaligen 8. Klasse – Jahre später wurde dann beschlossen, dass die 10. Klasse diese Reise durchführt. Zur Beschaffung der Gelder für die zweiwöchige Reise, mühten sich die Schüler ein ganzes Jahr lang. Das Ehepaar Heidi und Ginther war auch dabei und sie können sich noch an die verschiedenen Veranstaltungen erinnern: an die Kirchweihfeste; in allen Dörfern wurde getanzt und mit den Kindern Spiele durchgeführt, auch Handarbeit wurde bei diesen Gelegenheiten verkauft. Außerdem wurden Theaterstücke und Chordarbietungen vorgetragen – sogar ein Ausflug nach Dreizehn Linden, einer deutschsprachigen Stadt im Bundesland Santa Catarina, wurde unternommen. Weiteres Geld kam vom Anbau einer Fläche, die von der Genossenschaft Agrária zur Verfügung gestellt wurde. Von der Bodenvorbereitung bis zur Ernte wurde alles selbst von der Gruppe durchgeführt, um genügend Geld für die Reise zu bekommen. “Ingrid Schüssler hatte die Idee und sprach deshalb vorher mit dem Direktor darüber, denn sie meinte, wir sollten auch ein bisschen von Entre Rios wegkommen und Neues sehen”, erklärt Heidi. Die 18 Schüler und Begleiter fuhren in verschiedene historische und touristische Städte der Bundesländer Minas Gerais, Rio de Janeiro, São Paulo und der Hauptstadt Brasilia. Eine ähnliche Route wurde im darauf folgenden Jahr von der 8. Klasse, in der Knesowitsch lernte, realisiert. “Das Geld haben wir ohne Hilfe von Eltern oder Lehrer zusammensammeln müssen und während der Reise haben nur die Mädchen im Hotel geschlafen und wir Jungs im Omnibus”, erzählt Knesowitsch: “Es war aber eine sehr schöne und beeindruckende Reise”, fügt er hinzu. Die Reisen wurden Jahr für Jahr weiterhin durchgeführt, heute aber von Schülern der 10. Klasse.

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Hauptthema

Schweineschlachten:

Foto: Archiv Museum

Ein Schlachttag in Entre Rios wie in alten Zeiten

Hausschlachten bei Familie Knesowitsch in Vitória in den 60er Jahren

Das jährliche Schweineschlachten in der Adventszeit war in der alten Heimat ein ereignisreicher Brauch in jeder Familie, denn dann war sicher, dass es an Weihnachten nicht an Fleisch fehlte und auch für das ganze Jahr war so vorgesorgt. Alle Hände regten sich, unzählige Handgriffe hatten zu tun und auch die Kinder halfen fleißig mit. So war der Schlachttag auch gleichzeitig ein richtiges Familienfest, das trotz der immensen Arbeit in gutgelaunter Atmosphäre verlief. Um diese Tradition wieder neu zu beleben, veranstalteten die Pioniere der “Frohen Altenrunde” am 17. Juli ein typisches Schlachtfest, im Klub Samambaia. In lustiger und arbeitsbereiter Gesellschaft, erfüllten Omas und Opas die verschiedenen Aufgaben. Zahlreiche Rezepte mit Schweinefleisch wurden vorbereitet, unter anderem gab es Bratwurst, Schnitzel, Gulasch, Kesselfleisch, Schwartenmagen, Leberwurst und Grammeln. Zusätzlich wurden auch Süßigkeiten wie Krapfen, zerrissene Hosen (Derre Kichle) und Schneenockerl zubereitet. Die Vorbereitungen begannen schon einige Tage vorher mit dem Schlachten der Schweine. Am Schlachtfest selbst trafen sich dann die Männer gleich um 8 Uhr morgens und begannen mit der Zubereitung der Speisen. “Wir haben

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Die Vorbereitung zum Fest begann einige Tage vorher, als die Schweine geschlachtet wurden

früh angefangen mit dem Schneiden des Gulaschfleisches, dann die Schnitzel, das Bratwurstfleisch, und so weiter. Am Nachmittag wurde das Kesselfleisch fertig, dann machten wir den Schwartenmagen und die Leberwurst”, erklärt Anton Egles, der zehn Jahre alt war, als er mit seiner Familie nach Entre Rios kam. Bald danach, als er 15 war, begann er das Schlachten zu lernen und so kam es, dass er das Hausschlachten übernahm: “Das habe ich alles mit Karl Sposta, in acht Jahren, gelernt. Dann bin ich als Schlachter zu den Leuten gerufen worden”, erklärt Egles, der selbst noch Schweine zum Eigengebrauch züchtet und alle drei Monate für seine Familie und Verwandten schlachtet und auch Bratwurst herstellt. Aufgrund seiner Erfahrung übernahm Egles auch die Fleischvorbereitung bei den Männern. Damit die Arbeitsdynamik auch bei den Frauen optimal verlaufen konnte, teilte man die Arbeit je nach Dorf auf. Die Gruppe des 1. Dorfes war für die Schnitzel und Kartoffeln verantwortlich, die vom 2. Dorf übernahmen das Gulasch, vom 3. Dorf, die Krapfen, vom 4. die Schneenockerl

und die zerrissenen Hosen und die Frauen aus dem 5. Dorf bereiteten den Salat zu. Nach pausenloser, jedoch immer lustiger Arbeit wurde zu Mittagessen, SzékelyGulasch (saures Gulasch), gekochte Kartoffeln, Schnitzel, Salat und Brot aufgetischt, um mit einer anständigen Mahlzeit den Hunger der fleißigen Pioniere zu stillen. Den ganzen Nachmittag hindurch unterhielt die Band Provence die Anwesenden und getanzt wurde selbstverständlich auch.


Foto: KP

Trotz vieler Arbeit, war die Atmosphäre immer lustig

Währenddessen fertigten die Köche noch die letzten Rezepte an, und eine leckere Jause, mit Kaffee, Brot, Wurst, Krapfen und zerrissenen Hosen beendete das Treffen. “Wir hatten eigentlich drei Ziele bei diesem Schachtfest”, erklärt Josefine Spieler, eine der Koordinatorinnen der Altenrunde. “Das erste war, die Tradition der Donauschwaben wieder aufleben zu lassen, die vor allem deshalb schlachten mussten, um etwas zu essen zu haben. Das zweite Ziel war, unsere Männer ein bisschen anzulocken und beim Fleischschneiden und Wurstmachen mitzuhelfen. Und das Dritte war, alle in die gemeinsame Vorbereitung einzuplanen, jedes Dorf mit seiner Arbeit”, detailliert Spieler. Die Pioniere waren auch davon begeistert, eine Tradition wieder zu beleben, aber auch Kindheits-Erinnerungen zu erwecken, die bei vielen wach wurden. Als zehnjähriges Kind musste der kleine Anton Fassbinder den Erwachsenen beim Schlachten schon kräftig mithelfen, auch wenn es “nur” die Aufgabe war, auf das Feuer zu achten, auf dem

das Wasser zum Brühen der Schweine kochte. “Alle Männer der Familie sind dafür zusammengekommen. Mein Vater hat gleich acht Schweine auf einmal geschlachtet und verwendet wurde dabei praktisch alles”, weiß Anton Fassbinder, 78, noch genau. Speck, Schinken, Wurst, Leberwurst, Schwartenmagen, Grammeln und Varianten wie Kaiserspeck und Paprikaspeck sind vorbereitet worden. Das Fleisch, hauptsächlich Wurst und Schinken, wurde auch geselcht. Fassbinder erklärt, dass das Fleisch in einem Fass gesalzen wurde und darin acht bis zehn Tage ruhen musste. “Danach wurde es abgewaschen und kam in die Selche, die hoch gelegen war, denn hier musste der Rauch kalt und nicht warm sein”, betont er. Somit konnte man das Fleisch für ein ganzes Jahr

aufheben. Fassbinder verweist auch darauf, dass in Entre Rios die gleiche Tradition beim Schweineschlachten weitergeführt wurde, wie es in Europa üblich war. Die gleiche Meinung hat Christine Müller. “Zuerst haben wir die Schweine geschlachtet, Darm, Schinken und Leber herausgenommen. Das Blut zur Blutwurst wurde auch aufgehoben. Alles wurde schön verschnitten”, erklärt sie und ergänzt, dass ihre Familie öfter die Wurstsuppe vorbereitete. “Man hat die Würste gekocht und die Suppe gemacht, die es abends gab”. Die Gelegenheit, diesen Schlachtbrauch wieder erleben zu können, dazu noch mit den gleichen Pionieren wie vor 60 Jahren, war schon etwas ganz Besonderes, meint Rudolf Abt, 68: “Ein Volk, das nicht auf seine Arbeit stolz ist, und sich nicht an seine Tradition hält, das vergeht. Das Schlachten gehört hier dazu, von der Anfangszeit

Foto: Nicole Gutfreund

Die Zusammenarbeit und die Vorliebe für Schweinefleisch führte zum Erfolg des Treffens

Anton Egles lernte als 15-Jähriger schlachten und wurde als Hausschlachter bei den Familien in Entre Rios gerufen

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Foto: KP

Foto: KP

Maria Gerster (mit Kochlöffel): “Das war gerade so, als wenn wir zurück zu dieser Zeit, vor 60 Jahren, gegangen wären”

Schweinefleisch für sich und Familie vorbereitet. Jedenfalls ist es nun auch möglich, Produkte aus donauschwäbischen Rezepten, wie Bratwurst, Schinkenfleisch und Speck im Supermarkt zu kaufen. In der Familie Stoetzer vererbten sich die Metzgerkenntnisse über Generationen und so ist sie derzeit in der Lage, eine Vielfalt an industrialisiertem Schweinefleisch

muss sie schon ein bisschen an den Geschmack der Kunden anpassen”, betont er. Da die donauschwäbische Küche viel Knoblauch, Zwiebeln und Pfeffer (oder Paprika) verwendet, wird zum Beispiel bei der Bratwurst eine “sanftere Version” hergestellt. “Jedenfalls kommen einige Rezepte auch außerhalb von Entre Rios ganz gut an”. Die Kenntnisse über den eigenen Markt konnte sich Familie Stoetzer Foto: KP

bis heute”. Gleiches empfindet Maria Gerster, die sich einen Film durch den Kopf gehen ließ. “Das war gerade so, als wenn wir zurück zu dieser Zeit, vor 60 Jahren, gegangen wären. Als Kind haben wir hier in Entre Rios immer beim Schlachten mitgeholfen. In unserer Familie war das immer ein Fest”, betont sie. Schweinefleisch ist eng mit der donauschwäbischen Kultur verbunden. Trotz der verschiedenen Fleischsorten und industrialisierten Produkte, werden in Entre Rios noch immer traditionelle Bratwürste, geselchter Schinken und Speck gegessen

Damit die Arbeitsdynamik auch bei den Frauen optimal verlaufen konnte, teilte man die Arbeit je nach Dorf auf

Beim Schlachtfest half Christine Müller (rechts) bei der Vorbereitung der Krapfen

und auch weiterhin produziert, sei es zum Eigengebrauch oder zum Verkauf. “Der Supermarkt bietet heute eigentlich schon alles an, aber nicht in der Art, wie wir alten Schwaben es gewohnt sind und gelernt haben. Deswegen machen wir es genau so, wie wir es von unserem Großvater und Vater gelernt haben. So eine Tradition ist schon etwas Schönes, da kann man die Wurst machen, wie man sie haben will und kann auch das Fleisch selber selchen, wie man es sonst nicht bekommt”, ergänzt Anton Egles, der immer das

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anzubieten. “Angefangen hat es, als mein Vater, noch in Österreich, Metzger gelernt hatte. Er kam mit dem 1. Transport in den 50er Jahren nach Brasilien, und betrieb seine Metzgerei bis in die 70er Jahre und ich habe alles von ihm gelernt”, erklärt Jorge Stoetzer, 60. Produkte wie Bratwurst, Knacker, Leberkäse und anderes, stammen nicht nur von donauschwäbischen, sondern auch von österreichischen und deutschen Rezepten. “Die Bratwurst wird heute genauso gemacht wie in Jugoslawien, aber ich Josefine Spieler und Clara Fassbinder: die Ziele des Schlachtfestes wurden erreicht

Foto: KP

Nach pausenloser, jedoch immer lustiger Arbeit wurde zu Mittag gegessen, um mit einer anständigen Mahlzeit den Hunger der fleißigen Pioniere zu stillen


Foto: KP

Rudolf Abt (links) und Anton Fassbinder: der Schwartenmagen wurde nach traditionellem Stil vorbereitet

kräftigen Aufschwung, als die Genossenschaft Agrária sich im Jahre 1993 entschloss, in die Schweineproduktion einzusteigen. Nachdem seine Familie einige Jahre den Schweinebetrieb eingestellt hatte, sah Müllerleily jetzt wieder die Gelegenheit, seinen Produktionsbereich mit 175 Muttersauen neu zu starten – jetzt aber mit Unterstützung einer Genossenschaft. “Die Agrária

produziert das Futter und übernimmt die Vermarktung und das Finanzielle. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Zucht”, ergänzt Müllerleily. Vor kurzem gab es eine Umfrage, wie viele der Agrária-Mitglieder Interesse hätten, an der Schweineproduktion teilzunehmen, und 21 haben sich bereit erklärt, ergänzt Superintendant der Genossenschaft Agrária, Adam Stemmer. “In den nächsten Monaten wird eine Entscheidung über eine Neu-Orientierung bei Genossenschaftsgeschäften getroffen. Die Idee dabei ist, Geschäftseinheiten aufzubauen, mit einer Partnerschaft zwischen Genossenschaft und Mitglied”, erklärt Stemmer. “Somit wird, ob plus oder minus, ein Teil den Mitgliedern gehören und ein Teil der Agrária, aber nur bei den Teilnehmern, die in diesem Geschäft, wie z. B. bei der Schweinezucht, mitmachen”. Außerdem soll es weitere Änderungen im Bezug zur Vergangenheit geben. Stemmer nimmt ein Beispiel aus den 90er Jahren, als die ersten Projekte aufgebaut wurden. “Leider kam gleich

Foto: Privatarchiv Stoetzer

Bratwurst der Metzgerei Stoetzer

mit der Zeit an die Enkelkinder. “In unserer Familie Müllerleily haben wir immer Schweinezucht gehabt. Mein Bruder und ich sind in dieser Wirtschaft aufgewachsen. Das ist ein kulturelles Erbe”, meint Müllerleily. Zurzeit hat er einen Betrieb mit 200 Muttersauen, den er neben seiner Hauptaktivität, der Landwirtschaft, führt. Aber nicht alle Schweine werden vermarktet. Rund zweimal im Jahr wird für die Familie geschlachtet und hauptsächlich Bratwurst gemacht, aber auch Traditionelles, wie Blutwurst, Schwartenmagen, Salami, Schinkenfleisch und Speck wurde und wird noch öfter hergestellt. “Das war auch schon immer Brauch in der Familie und wir machen es heute noch”, ergänzt Müllerleily. Seine Schweinezucht erlebte einen

“Einige Rezepte kommen außerhalb Entre Rios auch ganz gut an, aber die wurden je nach Bedarf der Kunden angepasst”, meint Jorge Stoetzer (links)

Foto: Privatarchiv Müllerleily

Foto: Privatarchiv Stoetzer

im Laufe der letzten 60 Jahre aneignen, da sie stets ein überschaubares Betriebsziel für ihre Schweineproduktion vor Augen hatte und zwar erfolgreich. Jorge Stoetzer glaubt, dass die neuen Generationen diese Traditionserzeugnisse weiterhin “verkosten” werden. “Es wird schon weiter gehen, aber man merkt, dass die jüngere Generation andere Geschmacksrichtungen hat und danach müssen wir uns auch richten”. Diese Art der Fleischverwertung, wie bei den Stoetzers, ist jedenfalls ein kultureller Brauch. In Brasilien wird heute rund 15 kg Schweinefleisch pro Person im Jahr gegessen, zwei Drittel weniger als zum Beispiel in Deutschland. Darum ist die europäische Tradition noch sehr wach bei den Donauschwaben. “Ich scherze ein wenig, aber es ist so: Bei uns zu Hause wird jede Woche an einem Tag Schweinefleisch gegessen. Und am nächsten ebenso”, meint Wolfgang Müllerleily, der seit seiner Kindheit weiß, was es heißt, Schweinezüchter zu sein. Schon seine Großeltern hatten zwischen 30 und 50 Muttersauen und übergaben sie

Familie Müllerleily schlachtet rund zweimal im Jahr und nutzt die Gelegenheit, um verschiedene Wurstsorten zu machen

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Foto: KP

Eine Industrievermarktung der Schweineproduktion ist in der Ansicht von Adam Stemmer entscheidend, um die Preisschwankung zu verringern und den Endpreis zu verbessern

Foto: Archiv Agrária

Foto: KP

Wolfgang Müllerleily: “In unserer Familie haben wir immer Schweinezucht gehabt. Das ist ein kulturelles Erbe”

danach der “Plano Real” (Wirtschaftsplan) und als die Schweineproduktion begann, war die Finanzierung für die Mitglieder praktisch doppelt so hoch”, erklärt der Superintendant und fügt hinzu: “Außerdem gab es keinen Zusammenhang zu einer Vermarktungskette oder einem Schlachthof. Das brachte auch Schwierigkeiten”. Eine Industrievermarktung ist nach Ansicht von Stemmer entscheidend, um erstens die großen und normalen Preisschwankungen aufzufangen, und auch, um den Endpreis zu verbessern. “Wenn man eine Partnerschaft mit einem Schlachthaus eingeht, damit der Endpreis höher ist, dann ist das auch günstiger für das Mitglied”. Wie erwähnt, müssen vorher noch Entscheidungen getroffen werden, bevor das neue Projekt beginnt. Auf jeden Fall ist in verschiedenen Bereichen zu erkennen, wie das Schweinezüchten und die Produktion von Schweinefleisch und Wurstwaren, sei es für den Eigenbrauch oder den Verkauf, eng mit der donauschwäbischen Kultur und Tradition verbunden sind, gerade so, als wäre es ein geselchtes Fleischstück, das die Zeit nicht verderben kann. KP

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Erweiterung der Schweinezucht der Agrária wird noch mit den Mitgliedern besprochen

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Fotos: ER

Donauschwäbische Süßigkeiten

Dampfstrudel

Zuerst wird eine Einbrenne angerichtet

Gleich danach Milch dazu rühren

Dazu Dotter und Eiweißschnee ergeben den Teig

Den warmen Teig auf Butterbrotpapier stürzen

Von morgens bis abends schlendert sie durch Haus und Hof und sucht nach Arbeit. Sie sät und erntet; flickt, stickt und strickt. Für die Kinder ist sie Fernseher und Märchenerzählerin. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt, der ruhige Pol jeder donauschwäbischen Familie. Wohl dem, der so eine Oma gehabt hat. Im Rad der Zeit hat diese Person immer eine wichtige Rolle gespielt. Beim Aufbau der Siedlung Entre Rios nahm die Oma eine bedeutende Stellung ein. Es herrschten Missernten und existenzielle Not. Viele Frauen zogen in die Großstädte, um als Hausgehilfinnen zu arbeiten. Andere halfen ihren Männern auf dem Feld. Die Omas nahmen somit die Rolle der Mutter ein, erzogen die Kinder und verwalteten den Haushalt. Auch Hilde Abt Roth wuchs in so einem Haus im Dorf Jordãozinho auf: “Die Eltern schufteten auf dem Land, und die Abt-Oma hatte daheim das Kommando”. In dem Jahre als Hilde 13 Jahre wurde, besuchte sie nachmittags die Schule. Vormittags half sie der Oma in der Küche: “Sie hat mich viele schwowische Gerichte kochen gelehrt; ein sehr altes Backrezept, das ich von ihr übernommen habe, ist der Dampfstrudel. Warum der eigentlich so heißt, weiß ich nicht”. Die 45-jährige Hausfrau Hilde gibt das Rezept bekannt, das ihre Großmutter aus der alten Heimat unserer Vorfahren mitbrachte: 150 g Butter im Topf schmelzen lassen und 150 g Mehl dazu rühren (Einbrenne). Mit ½ Liter Milch aufkochen. Schnell rühren, damit keine Klümpchen entstehen. Erkalten lassen. 8 Eidotter untermengen und 6 Eiweiß als Schnee dazu unterheben. In ein gefettetes und bemehltes Blech geben und bei mittlerer Hitze (180 Grad) 30 Minuten backen. Den heißen Teig auf Butterbrotpapier stürzen, mit Marmelade nach Geschmack bestreichen und rollen. 2 Eiweiß mit einer Prise Salz und 3 Esslöffel Zucker zu Schnee schlagen. Auf den Kuchen streichen und nochmals für einige Minuten überbacken. “Es ist ein leichtes Rezept, und am besten, man isst den Dampfstrudel noch warm”, erwähnt Hilde. Mit Töpfen zu hantieren ist für die junge Frau eine Therapie. Auch Backbücher sammeln und regelmäßig durchblättern, sowie täglich im Internet nach leckeren Rezepte zu stöbern, sind Hilde’s Lieblingshobbys. RE

Mit Marmelade bestrichen, rollt Hilde den Dampfstrudel ein

Mit Eiweißschnee bestrichen, wird der Kuchen kurz im Ofen überbacken

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Gemeinde

Teppiche der Fronleichnamsprozession Foto: ER

Glaube und Tradition

Der Pfarrer schreitet mit der Monstranz über den Teppich und wird von der Kirchengemeinde begleitet

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Legion Mariens und der Kinderpastorale. Die Vorbereitungen zum Fronleichnamsfest beginnen einige Monate vorher und oft auch ein Jahr im Voraus mit dem Sammeln von verschiedenen Materialien, wie Holzmehl (in verschiedenen Farben), Kaffeepulver, Mais, Reis, Eierschalen, Blumen, Blätter und sogar Tausenden von Flaschenkorken. “Unsere Gruppe plante dieses Bild schon seit einem Jahr. Dafür brauchten wir 10.000 Flaschenkorken,

die wir bei Freunden, in Restaurants und selbst gesammelt haben”, erklärt Zart. Jede Zeichnung, bzw. jeder Teppich ist 10 Meter lang und drei Meter breit. Die Größe ist Standard und Jahr für Jahr weiß jede Gruppe schon, wo und wie der Teppich gestaltet werden soll. Die Arbeit beginnt gleich um 7 Uhr morgens und ist dann bis kurz vor Mittag beendet, damit am Nachmittag die Heilige Messe und anschließend die Foto: ER

Es war ein kühler Herbstvormittag, trotzdem trafen sich Hunderte von Gläubigen aus Entre Rios am Platz der Neuen Heimat. Ihr Ziel: Die Teppiche der Fronleichnamsprozession auf dem Asphalt um den Park zu gestalten. Rund 500 Leute waren am 7. Juni mit dieser Tradition beschäftigt, die seit vier Jahren durchgeführt wird und Entre Rios inzwischen zu den größten Veranstaltern dieses christlichen Brauches in der Region werden lässt, erklärt Elfriede Nauy Zart. “Es waren insgesamt 29 Teppiche. Jeder einzelne wurde von einer Gruppe geplant und realisiert”, erzählt Zart, die Mitglied der Veranstaltungskommission ist. Das Fronleichnamsfest, das man liturgisch als “Hochfest des Leibes und Blutes Christi” bezeichnet, wird immer am Donnerstag in der 2. Woche nach Pfingsten gefeiert. Dazu engagieren sich Leute aus der ganzen Gemeinde, in insgesamt 29 Gruppen, wie zum Beispiel von der Erstkommunion- und Firmungsgruppe, der

Die Kirchenchorgruppe “Carolas Selvagens” war für den Teppich “Sankt Michael”, vor der Kirche, zuständig


Foto: KP

Kreativität und Mühe waren Voraussetzung für das Gelingen der Fronleichnamsbilder: dieses enthält 10.000 Flaschenkorken

“Da sieht man wie Gott wirklich wunderbar ist, und das ist die Gelegenheit, um der ganzen Welt zu sagen, wie sehr wir Jesus lieben”, betont Marcio Link

KP Foto: ER

Fronleichnamsprozession stattfinden kann. Teilnehmer aller Altersstufen sind tatkräftig dabei. Die Musiklehrerin Tania Keller war in der Kirchenchorgruppe “Carolas Selvagens” beteiligt. “Wir hatten sehr viel Arbeit, einige Tage vorher haben wir uns alle zusammen getroffen, um den Teppich fertigzustellen. In diesen Tagen wurde die Zeichnung angefertigt, die verschiedenen Materialien angeklebt und so mussten wir am Fronleichnamstag nur noch Kleinigkeiten anpassen”, erklärt Tania, eine der zehn Teilnehmer dieser Gruppe. Der Teppich trug den Namen “Sankt Michael” und wurde vor die Einfahrt der Kirche, die den gleichen Namen trägt, gelegt. Auch Kinder waren direkt an der Arbeit der Gruppe beteiligt, wie die Schülerin Kerstin Korpasch, 12. “Ich habe beim Zusammenstellen und beim Vorbereiten des Holzmehls mitgeholfen”, erzählt Kerstin, die schon zum zweiten Mal dabei ist. “Es gefiel mir letztes Jahr schon und deswegen wollte ich wieder teilnehmen”, ergänzt sie dazu. Auch Jugendliche, die nicht aus Entre Rios stammen, aber zum Arbeiten auf die Siedlung kamen, sind gerne mit dabei. Marcio Link ist aus der Stadt São Carlos,

Foto: Nicole Gutfreund

Foto: ER

Elfriede Zart während der Jause mit jungen Teilnehmern: “Wir zählten rund 500 Leute, viele von ihnen Kinder und Jugendliche”, erklärt sie

im Bundesland Santa Catarina und lebt seit zehn Jahren in Entre Rios und hat nun schon zum dritten Mal an der Erstellung der Teppiche teilgenommen. “Wir sind insgesamt 15 Leute in unserer Gruppe. Dieses Jahr hatten wir das Bild der Traubenbüschel. Die Trauben in dieser Zeichnung bedeuten, dass wir gute Früchte sind, also Gutes tun und den Nächsten lieben”, ergänzt Link. Auch hier war viel zu tun. Zur Vorbereitung wurde buntes Holzmehl verwendet und nach rund drei Stunden war die Arbeit beendet. Das größte Gefühl ist jedoch nicht die Müdigkeit, im Gegenteil, meint Link: “Da sieht man, wie Gott wirklich wunderbar ist und wie wir Menschen, ihm gegenüber, oft schwach sind. Dieses Fest ist eine Gelegenheit, um der ganzen Welt zu sagen, wie sehr wir Jesus lieben”, betont er. Ähnlich sieht es auch Elfriede Zart: “Ich habe schon bei so vielen Leuten richtig große Freude gesehen, manche weinen, mir sind auch schon oft die Tränen gekommen. Wer wirklich an den Herrn und Gott glaubt, fühlt, dass er tatsächlich über den Teppich läuft und bedankt sich für alles, was das ganze Jahr Gutes gebracht hat”. Dann ist es soweit, die Heilige Messe beginnt und anschließend folgt die Prozession, in der nur der Pfarrer mit der Monstranz über den Teppich schreitet, während die Kirchengemeinde nebenher mitgeht. Nach der Feier wird die Straße in knapp 15 Minuten gesäubert. Alles wird in Säcke gekehrt, damit der Verkehr bis um 18 Uhr wieder normal weiterfließen kann. “Am liebsten würden wir die Teppiche eine Woche lang hier lassen, es tut uns sehr leid, alles so schnell wegräumen zu müssen. Aber es lohnt sich doch und wir freuen uns schon aufs nächste Jahr”, meint Elfriede Zart.

Ganz verschiedenes Material, wie buntes Holzmehl, Kaffeepulver, Mais, Reis, Eierschalen, Blumen, Blätter wurden für die Teppiche verwendet

Fronleichnam wird am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitsfest begangen (am 60. Tag nach dem Ostersonntag) und fällt somit frühestens auf den 21. Mai und spätestens auf den 24. Juni. Der Donnerstag als Festtermin steht in enger Verbindung zum Gründonnerstag und der damit verbundenen Einsetzung der Eucharistie durch Jesus Christus selbst beim letzten Abendmahl. Wegen des stillen Charakters der Karwoche erlaubt der Gründonnerstag keine prunkvolle Entfaltung der Festlichkeit. Aus diesem Grund wurde das Fest Fronleichnam bei seiner Einführung auf den Donnerstag der zweiten Woche nach Pfingsten gelegt. In Ländern, in denen Fronleichnam kein gesetzlicher Feiertag ist, kann das Hochfest auch am darauffolgenden Sonntag gefeiert werden.

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Foto: ER

Foto: Schule

Kurzmeldungen

Foto: ER

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Foto: Archiv Agrária

Am 1. Juni stellten die Schüler der Leopoldina-Schule vom 2. bis zum 12. Schuljahr ihre Projekte und Arbeiten im Bereich der Literatur und der wissenschaftlichen Fächer aus. Die Arbeiten wurden im Laufe des ersten Semesters vorbereitet und am schon bekannten und traditionellen “Tag der offenen Tür” präsentiert. Die Schüler konnten durch Forschung, Bearbeitung und Planung ihre Kenntnisse in diesen Bereichen vertiefen und mit den Besuchern, den Eltern und der Gemeinde interagieren. Ziele des Projekts sind das Erweitern und Vertiefen der theoretischen Kenntnisse, die Verwandlung dieser Kenntnisse in die Praxis und die Bekanntmachung der alltäglichen Schularbeit in der Gemeinde. Über 300 Schüler der weiteren Schulen von Entre Rios besuchten die Ausstellung. Zum Mittagessen hatten die Gäste die Gelegenheit, die leckere “Macarronada” des Eltern- und Lehrerverbandes zu kosten.

Der Jugendcenter feierte am 9. Juni sein 37. Bestehungsjahr mit einer Party und einer Geburtstagstorte. Ziel des Centers war und ist es bis heute, der Jugend die Möglichkeit zu geben, sich zu treffen und sich unbeschwert unterhalten zu können und auch die donauschwäbische Kultur und Tradition zu pflegen.

Anlässlich des Internationalen Jahres der Genossenschaften, das von den Vereinten Nationen weltweit ausgerufen wurde, fand am 25. Juni, in Curitiba in der Plenumversammlung eine Ehrung für Genossenschaften in Paraná statt. Auch die Genossenschaft Agrária durch Vizepräsident Paul Illich (2. v. r.) wurde vom Abgeordneten und Parlamentsvorsitzenden Teruo Kato geehrt.

Am 29. Juni wurde das Finale des 2. Schweizer-Fußballturniers der Genossenschaft Agrária ausgespielt. Hauptziel war, eine bessere Integration unter den Mitgliedern zu schaffen. Sieger wurde Mannschaft “Mofo Branco”. 2. Platz: “Dose e Meia”, 3. Platz: “Café Expresso”. Das Turnier ist inzwischen bei den Mitgliedern sehr beliebt und zog auch viele Zuschauer an, die das Zusammensein mit Freunden und den Fußball-Moment gemeinsam genossen. Insgesamt beteiligten sich an diesem Wettbewerb 108 Spieler und bei 20 Spielen wurden 113 Toren geschossen. Bester Torhüter wurde Rodrigo Vollweiter und bester Torschütze, mit 9 Toren, wurde Anton Kreuscher.


Foto: ER

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Der Frauenverband von Entre Rios und die Semmelweis-Stiftung organisieren jährlich zwei Essen zugunsten des Krankenhauses Semmelweis in Vitória. Das Mittagessen “Schweinefleisch à la Entre Rios”, am 3. Juni, genossen 556 Personen. Für den 5. Abend der Suppe, am 28. Juli, wurden 434 Karten verkauft. Die Einnahmen dieser beiden Essen dienen für den Kauf von Möbeln, KrankenhausGegenständen und Apparaten.

Foto: ER

Im Freizeitzentrum Jordãozinho wurde am 22. Juli das 26. Kegelturnier ausgetragen. 11 Mannschaften aus den 5 Dörfern nahmen teil. Sieger wurde “Cachoeira A” mit 82 Holz. Den 2. Platz erreichte “Samambaia B” mit 81 Holz und den 3. Platz “Cachoeira B” mit 79 Holz. Beste Kegler wurden Márcio Milla und Felix Wild, beide mit 29 Kegeln. Im Einzelkegelwettbewerb gab es ein Unentschieden. Robert Vollweiter und Marcos Geier kegelten beide 16 Holz. Alle Erstplätze erhielten Trophäen. Zu Mittag wurde Gulasch serviert, das von den Gewinnern des Vorjahres, Mannschaft “Jordãozinho”, zubereitet wurde.

VERANSTALTUNGSKALENDER 2012

Der Jugendcenter-Vorstand will auch die “ältere Jugend” von Entre Rios in ihr Haus locken, indem er sich besondere Veranstaltungen einfallen lässt. So wurde am 21. Juli eine Weinprobe arrangiert, bei der man 10 verschiedene Weinsorten kosten konnte. Dazu wurde eine Aufschnittplatte serviert. C-Dur-Trio unterhielt die Gäste musikalisch.

September 02. Makkaroni-Essen – Jugendprojekt Projeção/Katechesezentrum São José Operário 22. und 23. Sportfest – Sportverein Danúbio 24. bis 30. 6. Frühlingswoche der Museen – DonauschwäbischBrasilianische Kulturstiftung 30. Kirchweih – Sankt-MichaelsKirche in Vitória

Oktober 06. Tag der Familie – LeopoldinaSchule 07. Munizipal-Wahlen 10. bis 14. Gerstefest Entre Rios 12. Auftritt Chor Carmina Mundi aus Aachen, Deutschland – Kulturzentrum Mathias Leh 12. Wallfahrt – Marienkapelle 15. und 16. Nationaler Weizenforum 17. und 18. WinterShow – Agrária 21. “Café Colonial” – Freizeitzentrum Jordãozinho 27. Tag der offenen Tür der Technischen Ausbildungskurse – Leopoldina-Schule Änderungen vorbehalten

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Revista Entre Rios - Agosto/2012