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Dezember / Januar 2012 1 / 2 0 1 2 Condé nast verlag

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ein schLoss in Yorkshire, giorgio armanis haus im engadin, zum tee in den geheimen gärten von hangzhou ARCHITECTURAL DIGEST ERSCHIENEN in AD Dezember/Januar 2012 © 2012 Condé NAst VERLAG GMBH. ALLE RECHTE VORBEHALTEN.


amsterdam

raum mit rhythmus

Wenn der Chef der Stilbibel Fantastic Man zu sich lädt, sind die Erwartungen hoch – und werden erfüllt. Denn hier schafft Klarheit Wärme. Entspannt erzählt Gert Jonkers von provisorischen Kartonwänden, frittiertem Gemüse und Countrymusic TexT Caroline roux

FoTos Kasia GatKowsKa

Knalliger Auftritt vor Grau: Das Bild im Bad über der Bart-Simpson-Puppe ist das Geschenk eines früheren Nachbarn. Die Einbauschränke entwarf der Interiordesigner Stef Bakker. Links: Gleich dreimal hängt die Preben-Dal-Deckenleuchte von 1960 in der Wohnung. Auf der Küchenplatte steht Herbert Krenchels Schale „Krenit“. Die Kanne neben der Espressomaschine ist von Picquot. 205


„Keine sChreienden übersChriften, bitte. iCh wahre Gern eine Gewisse förmliChKeit.“ Gert JonKers

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Blickfang: Über dem „Mosquito“-Stuhl von Arne Jacobsen hängt ein Bild des zeitgenössischen niederländischen Malers Andreas Fühler. Während die monochrome Kücheneinheit mit ihren Schubladen maßgefertigt wurde, erstanden die Hausherren Bruno Mathssons Esstisch, als ein befreundeter Pariser Galerist seine Sammlung auflöste. Den Teppich ersteigerten sie auf Ebay. 207


„neubauten Können so sCheussliCh sein. weil sie Keine GesChiChte haben.“ rob meerman

Den Schreibtisch im Arbeitszimmer, in dessen Schubladen sich noch Unterlagen des belgischen Finanzamts fanden, entdeckten Jonkers und Meerman beim Trödler. Die Leuchte vor den Finn-Juhl-Tabletts stammt vom Flohmarkt. Rechts: Vor dem Fenster mit Blick auf den Fluss IJ stehen eine „Krenit“-Schüssel sowie ein Krug und eine Zuckerdose von Hella Jongerius. Alle Kontakte im AD Plus.

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S

chon beim Gedanken an die Fifties kriege ich Pickel“, sagt Gert Jonkers, Mitbegründer und Herausgeber der inter­ nationalen Stilbibel Fantastic Man: „Da fallen mir sofort Rockabilly, Turmfrisuren und dreieckige Tische ein“, fährt er fort, und sein Lebensgefährte, der Grafikdesigner Rob Meerman, nickt zustimmend. Das ist ja interessant. Vor allem, weil wir in der Wohnung der beiden von 50er­Jahre­Design regelrecht umzingelt sind. „Mosquito“­Stühle von Arne Jacobsen oder ein massiver nieren­ förmiger Coffeetable – um nur ein paar Stücke zu nennen. Es scheint also Ausnahmen zu geben. Dabei ist das Apartment alles andere als retro. Das helle, fast harte Licht, das durch die deckenhohen Nord­ fenster fällt, betont die geraden Linien, die Reduktion, die Leich­ tigkeit des Interieurs. Ganz klar: Hier herrscht das 21. Jahrhundert. Wer die Zeitschrift Fantastic Man kennt, hat sich Gert Jonkers’ Wohnung in Amsterdam vielleicht etwas anders vorgestellt, cooler, irgendwie glatter. Und ist über­ rascht von der weichen Wohn­ landschaft mit Seegrasmatten, den Regalen voller Souvenirs, darun­ ter ein Rugbyball von Chanel, Kerzen einer Sonderedition von Diptyque, ein gesticktes Cowboy­ Bild, Flyer, Postkarten und Fotos der Bewohner – ja, tatsächlich, noch mit langen Haaren. Das Magazin erscheint zweimal im Jahr überwiegend in moder­ nistischem Schwarz­Weiß. Es hat einen subtilen Witz und einen ebenso gekonnten wie eigenwilli­ gen Zugang zum Thema Mode. Inhaltlich und optisch ist es weit, sehr weit entfernt von der homo­ erotischen Anzüglichkeit anderer Männermagazine, aber auch von dem vordergründigen Konsum­ geist vieler Hetero­Hefte, in denen athletische Typen mit schnellen Autos und heißen Bräuten posie­ ren. Außerdem porträtiert Fantas­ tic Man neben Stars wie David Beckham oder Raf Simons auch mal einen interessanten Wissen­ schaftler oder einen außergewöhnlichen Koch und kleidet diese Männer dann wie nebenbei lässig ein. „Das Ganze wahrt eine ange­ nehme Förmlichkeit“, sagt Jonkers über den respektvollen Umgang mit den Porträtierten und das Fehlen schreiender Überschriften. „Natürlich sind wir an Mode interessiert, aber nicht unbedingt an schrägen Fotos von 17­jährigen Jungs auf dem Laufsteg.“ Abseits von Redaktion und Designerbüro – Meermans Agentur heißt „Mannschaft“ und arbeitet unter anderem für die Amsterda­ mer Oper und das Stedelijk Museum – verläuft das Leben der beiden

Kreativen durchaus in häuslichen Bahnen. Vor drei Jahren zogen sie aus dem De­Pijp­Viertel im Süden der Innenstadt in den siebten Stock des Hochhauses am Hafenbecken, zehn Minuten Spazierweg vom Hauptbahnhof entfernt. „Damals war hier alles nagelneu“, sagt Meerman. „Und Sie wissen ja, wie scheußlich solche Neubauten sein können. Sie haben einfach keine Geschichte.“ – „Umso mehr stau­ nen die Leute, wenn sie uns besuchen“, fügt Jonkers hinzu. „Das Haus sieht aus, als würde es schon seit 40 Jahren hier stehen.“ Vermutlich erwartet man von Künstlern nichts anderes, als dass sie sogar einem Glaskasten Seele einhauchen. Aber einfach war das nicht, gestehen sie freimütig – bei einem 120 Quadratmeter großen Raum mit 270 Grad Rundblick. „Und zehn Fenstern!“, ruft Jonkers. Zuerst versuchten sie auf eigene Faust, dem Raum Rhythmus zu ver­ leihen, und errichteten proviso­ rische Wände aus Karton. „Nach einem Monat sahen wir dann ein, dass wir Hilfe brauchten“, erzählt Meerman. „Wir können einen Raum zwar einrichten, aber ihn komplett neu zu strukturieren, das ist etwas anderes.“ Sie riefen Stef Bakker zu Hilfe, einen Designer, der das Interior des Amsterdamer Edelrestaurants Bo Cinq gestaltet hat – und außer­ dem ein guter Freund ist. Ihm ge­ fiel die Herausforderung: „Die bei­ den wissen genau, was sie wollen“, sagt Bakker. „Alles Prätentiöse ist ihnen fremd. Es kommt selten vor, dass einen die Klienten zu Zurück­ haltung drängen. Ich muss ehrlich sagen, dass diese Wohnung eines meiner Lieblingsprojekte war.“ Das intelligente und stilsichere Understatement des Paars erin­ nert dann doch an Jonkers’ Maga­ zin. Genau wie die dezente Farb­ gestaltung von Dunkel bis Greige. Die Wände tragen blassgrau, die Lamellenrollos sind mattschwarz. Zu dritt entwickelte man dann gleich eine ganze Reihe von cleve­ ren Lösungen für die Aufteilung der Wohnung: Schiebetüren gren­ zen Wohn­ und Schlafbereich voneinander ab, Regale dienen als Zwischenwände, das Bad befindet sich in einem zentralen Kubus. Und auf die 50 Quadratmeter große Terrasse führen großzügige Be­ tonstufen, die vom einen Ende des Raums zum anderen reichen. Nun war die Bühne für die Möbel endlich perfekt. Es konnte ein­ gerichtet werden. Zu den Lieblingsstücken gehören der elegant ge­ schwungene Holzleistensessel „Scandia“ von Hans Brattrud und der herrlich schlichte Esstisch von Bruno Mathsson. Diese Klassiker er­ warb das Paar bei der Galerieauflösung Fortsetzung auf S. 220

Ton in Ton: Über dem Bett hängt das Foto einer Nike-Werbung von 1978. Der Haken im Bad o. re. ist ein Design von Sabine Meyer. Unsichtbares Detail: Die Platte des Coffeetables o. li. liegt auf YSL-Schuhkartons. Tisch und Teppich stammen aus dem Nachlass der Pariser Galerie Scandinave. Das Artifort-Sofa, der Pouf und die Deckenleuchte sind ebenfalls Vintage. Linke Seite: das kreative Duo Gert Jonkers (li.) und Rob Meerman.

„die beiden wissen Genau, was sie wollen. alles Prätentiöse ist ihnen fremd.“ interiordesiGner stef baKKer

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Architectural Digest_dez/jan 2012  

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