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OUT OFT IME


Out oF time

AusstellunG 14.–16. februar 2014 | Kunstraum E, Leipzig fotografische arbeiten


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n unserer Gegenwart hat sich das Phänomen der Beschleunigung unseres Lebens potenziert. Wir rennen quasi uns selbst hinterher, befinden uns in einem Hamsterrad, aus dem ein Ausstieg nicht oder nur unter existentiellen Verlusten möglich ist. Wer sich diesem verkürzten Zeitmaß, dieser Leistungsgesellschaft nicht unterwirft, ist out. Jedoch gibt es Erscheinungen, Entwicklungen und Verhaltensmöglichkeiten, die entgegen der etablierten Prognose besonders deshalb erfolgversprechend sind, weil sie eben aus der Zeitlinie fallen – »out of time« sind, überholt erscheinen oder sich eben diesem »rasenden Stillstand« widersetzen. Der Kunstwissenschaftler und Publizist Christoph Tannert schreibt in einem Text zur »Neuen Deutschen Malerei«: »Die interessantesten Künstler für mich sind heute die, die nach dem Prinzip ›out of time‹ arbeiten: Maler und Malerinnen, die ihr Tun als kritische Praxis innerhalb der expandierenden digitalen visuellen Kultur behaupten. ›out of time‹ könnte so viel heißen wie ›Außerhalb der Zeitachse‹ oder ›Raus aus dem alten Spiel‹. In der Zeit ist nur, wer seinen zeitgemäß knackigen Körper jubelnd in den Fluss der Zeichen der Zeit wirft. ›out of time‹-Sein heißt, auf Langzeitwirkung zu setzen, sich nicht dem Diktat der Zeitraffer zu beugen, vielmehr: gegen das Kurzzeitgedächtnis anzugehen und die ästhetische Konvention zu durchbrechen, ›attraktiv‹ sein zu müssen.«

Für den Soziologen Hartmut Rosa ist Beschleunigung ein Grundprinzip oder sogar das Grundprinzip der Moderne. Er beschreibt zwei Zeit-Diagnosen der Gegenwart: 1. die Erfahrung einer Beschleunigung, die alle Bereiche des gesellschaftlichen und individuellen Lebens erfasst hat, die Grunderfahrung, »alles werde immer schneller«, und 2. die diametral entgegengesetzte Beobachtung der Kristallisation der kulturellen und strukturellen Formationen des eigenen Zeitalters, »von ihrer Wahrnehmung als unbewegliches, ›stahlhartes Gehäuse‹, in dem sich nichts Neues mehr ereignet. Es erschöpfen sich die utopischen Energien, weil alle Möglichkeiten des Geistes und der Ideen als durchgespielt erscheinen, weshalb die Ausbreitung ereignisloser Langeweile droht.« Rosa spricht von Ankerpunkten, die man setzen sollte, möchte man der Erfahrung des »Hamsterrades« entkommen - Strategien und Verhaltensmöglichkeiten, die helfen partiell auszusteigen - »out« zu sein. Unsere Ankerpunkte suchen und finden wir in der Kunst und Gestaltung, die dem gängigen Zeitgeist widersprechen und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, berühren und auffallen. Wir untersuchen und zeigen künstlerische Prozesse und Verhaltensweisen auf, wie wir »out of time« verstehen – in der Kunst und vielleicht auch im Leben. Roland Meinel

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ELISA BUCHTERKIRCHEN | .GETANZT

Während sieben sommerlicher Tanztage geschieht es leicht, dass man sein Gefühl für die Zeit und damit auch für die persönliche Alltagsrealität verliert. Dieses Gefühl des out-of-time-Seins ist die Grundlage für meine Foto- und Videoarbeiten. Alle Arbeiten hängen zusammen, beziehen sich aufeinander und zeigen verschiedene Aspekte des Tanzens.

Es geht um Orte, um Lieblingsstücke, um Berührung, um Bewegung, um Gemeinsames, um Eintauchen und Verschwinden. Es geht um all das, was geschehen kann, wenn Musik uns in den Ohren kitzelt.

Dresden, 07|01|14

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Wir tanzen im Viereck Dreieck

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20 minuten

Selbstportrait

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CAROLINE EIBL | SEE/NR. 200

  RUBIN

Die gezeigte Arbeit ist das Ergebnis einer Vielzahl von Fotogrammen, bei denen ich mich mit der Position von Horizontlinien und der Schwarzweiß-Palette hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Betrachter beschäftigt habe. Die Methode des Fotogramms bildet sich dabei durch die Entwicklerflüssigkeit selbst ab – sie ist es, die den Horizont bestimmt und dadurch zu einem Meer wird. Die Bildidee des Seestücks faszinierte mich bereits bei Gerhard Richter oder Hiroshi Sugimoto. Sie reduziert das Bild auf zwei Flächen, deren Platzierung über die Situation des Betrachters entscheidet.

In dieser Fotoserie zeige ich eine junge Frau, die mir inmitten der überfüllten Mensa auffiel.

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Das Fotografieren ermöglicht mir, sie außerhalb der Sprache kennen zu lernen. Die Kopfhörer und anfänglich auch die Papierbögen schirmen sie vom dem ab, was sie umgibt und halten sie bei sich. Dadurch wird sie lesbar. Mich interessiert ihre Mimik, die eine naive Verwundbarkeit offenbart. Die Einfachheit der Aufnahmen transportiert die Spontanität der Situation und stärkt den narrativen Aspekt der Bilder. Der Fremde stört das Bild, schließt aber zugleich die Erzählung ab.


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MAX GRAMM | WASSERUNTERSUCHUNG NR. 6

Das Wasser ist der Ursprung des Lebens. Prokaryoten produzierten aus Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid unter Zufuhr von Lichtenergie organische Kohlenstoffverbindungen und Wasser. 18 H2S + 6 CO2 → C6H12 + 12 H2O + 18 S

Als Nachfolger nutzten Cyanobakterien und spätere autotrophe Eukaryote das hohe Redoxpotential und unter Zufuhr von Licht produzieren sie aus Wasser und Kohlendioxid Traubenzucker und Sauerstoff. 6 CO2 + 12 H2O → C6H12O6 + 6 O2 + 6 H2O

Durch diesen Prozess reicherte sich im Wasser und in der Atmosphäre immer mehr Sauerstoff an. Damit wurde die Gewinnung von Energie durch Dissimilation möglich. C6H12O6 + 6 O2 → 6 H2O + 6 CO2

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STEPHANIE GUNDELACH | LANGSAM IN ...

Was ist Langsamkeit? Wie kann ich sie finden? Wie kann ich sie erkennen? Reicht die Geduld daf端r aus? Ist Langsamkeit auch eine Art Stillstand? Oder bedeutet Langsamkeit auch gleichzeitig Zeitlosigkeit? Welchen Nutzen und Vorteil hat es, langsam zu sein? Braucht Langsamkeit Schnelligkeit als Gegenpart? Macht die Langsamkeit die Zeit erst sichtbar? Ist Langsamkeit das richtige Mittel zur Entschleunigung? Was bedeutet Langsamkeit und langsam sein f端r mich? Ich sollte langsam mal diese Fragen beantworten ...

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LANGSAM IN sleenhain i langsam in sleenhain ii

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langsam in zwenkau

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LOTTA JEGODTKA | IM WESTEN, SOMMER 1982

Auf einem staubigen Dachboden fand ich eine kleine vergilbte Schachtel. In dieser Schachtel befand sich eine etwas klobig wirkende Kamera. Ein schwarzes Plastikding, irgendwie aus der Zeit gefallen. „Normale“ Filme passen da wohl nicht rein. Ich wurde neugierig.

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Rollfilme sind eigentlich in der professionellen Fotografie angesiedelt, doch es gab eine Zeit in der Kompaktkameras für das Mittelformat produziert wurden. Die Anmutung der daraus entstandenen Bilder lassen uns an vergangene Tage und Traumwelten denken.


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JENNY KLEIN | AM RAND DER WELT

Die Erdachse ist um ca. 23.4° geneigt. Dadurch kommt es in den Wintermonaten 66,5° nördlicher beziehungsweise südlicher Breite zur Polarnacht. Das bedeutet, dass die Sonne nicht mehr richtig aufgeht und höchstens dämmerungsgleiches Licht die Mitte des Tages verkündet oder es sogar völlig dunkel bleibt. Je mehr man sich den Polen annähert, desto länger dauert dieses Ereignis an.

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ULRIKE NEUFELD | WELT/ALL

Check In / Welcome On Bord / Fasten Seat Belt / Fly Far Away / To The Stars / Out Of Space / Out Of Time

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Dem Alltag entfliehen. Für ein paar Stunden nicht dabei sein, sondern zusehen. Über den Dingen schweben. Sich in ihnen verlieren. Gewecktes Fernweh. Die Zeit unbeachtet lassen. Sich von allem lösen.


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Ausstellungskatalog OUT OF TIME Masterstudiengang Kunstpädagogik Universität Leipzig 14.–16. Februar 2014 Kunstraum E, Leipzig

Ausstellende: Elisa Buchterkirchen Caroline Eibl Max Gramm Stephanie Gundelach Lotta Jegodtka Jenny Klein Ulrike Neufeld

Betreuung Foto/Video: Prof. Andreas Wendt, Dr. Roland Meinel

Layout Katalog: Ulrike Neufeld

Videoarbeiten der Ausstellung: http://www.youtube.com/ playlist?list=PLwJM_A8iE0_URl72qYTSIJJuKzxNL9Ng1

Quellen Einleitung: 1. Rosa, Hartmut, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M., Suhrkamp, 2005. 2. Tannert. Christoph. Von der Widerborstigkeit der Malerei. In: Neue Deutsche Malerei. Remix. Hg. von Christoph Tannert, Prestel Munich, Berlin, London, New York 2007.

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Leipzig 2014


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