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Blütenlese No. 1 | Oktober 2018

#1 Fuck oFf Rhododendron 6 Im Kopf von Veronica Ferres 24 Too old to die young 28 Am Anfang war die Erdbeere 42 zwei frauen 60 Flink TROTZ Gegenwind 70 Groß, größer, oh là là 80 Samstagnacht bei Burger King 86

#diebestengeschichtenschreibtdasleben #strymag


Mut | Demut Liebe (Aber) Glaube Rock’n’Roll Zusammenhalt Kraft Freiheit Motivation Genuss Sicherheit

Cover Photo: Dieter Sieg Model: Sara Rebekka Scholl siegsieg.de | bluestudios.de

Wie hört sich STRY an? Wir haben Dir die passende Musik auf YouTube und Spotify in Playlists zusammengestellt (kopiere einfach die URLs in Deinen Browser). Viel Spaß beim Hören. https://www.youtube.com/playlist?list=PLRth5XoWTf106gqqG8OzajoXC8DJJUHRu https://open.spotify.com/playlist/3MKzh66xOoOKI3vlqAAGA7


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Digitale Magazine gibt es viele. Aber das hier ist

STRY. Und STRY ist einzigartig. Ein Experiment. Kollaboration, Collage, Kokolores. Anders, ernst und auch nicht. STRY ist aus guten Gründen unverwechselbar: Bernd Rother, Dieter Sieg,

André Moch,

David Schwarzfeld. 4 Perspektiven für

AUSGABE 1. Vier Perspektiven auf das Thema unserer Zeit:

WERTE. Was ist von wert? Sind Werte ewig? Werden Werte weniger? Große Fragen, keine Antworten, keine großen Reden, nein, nicht hier. Dafür Anregung. STRYs zum Selberdenken, Weitersagen, Weiterleiten. Auch zum Blödfinden, zum Glück. STRYs, die alles sind, nur nicht egal. Wertvoll eben. Und das Beste: Veronica Ferres ist auch dabei. Fast. Also: Nichts zu danken. Gern geschehen. Endlich STRY.

LOS!


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STRY

The HAGSTONE

Was ist STRY?

Starke Steine von Bernd Rother

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Fuck oFf Rhododendron

Too old to die young

Schottlandwandern mit Dieter Sieg

Bernd Rother loves Rock’n’Roll

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Im Kopf von Veronica Ferres

Am Anfang war die Erdbeere

Gedankenspiele von André Moch

Dieter Sieg im Wendenborsteler Hofladen

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42 TALENT Bernd Rother glaubt an die innere Kraft

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zwei Frauen

Samstagnacht bei Burger King

André Moch über Lady Gaga & Grace Jones

André Moch sucht die Gefahr

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FLINK trotz Gegenwind Cyclist David Schwarzfeld

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Groß, größer, oh là là Dieter Sieg in der Insel-Küche

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Fuck oFf Rhododendron Mut­& Demut

von Dieter Sieg Schottlandreisender und Fotograf


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Torridon Estate

Schottland

Fuck off Rhododendron Ein paar Tage frei, ein paar Tage raus. Ich lande in Glasgow und fahre die N500 nach Torridon. Im Blick das Meer, die Flüsse, die Seen, die Highlands, den Himmel. Und Rhododendren. Rhododendren überall. Ich erreiche Torridon Estate, bin zu Gast bei Felix und Sarah. Bei Abenteurern, die weg sind aus Deutschland, bin Gast bei Menschen mit Mut, Anmut, Demut.

2015 haben sie das Estate gekauft. 15 Hektar Land, ein Landsitz, drei kleine Cottages und das Ganze zusammen in einer waldartigen Parkanlage. Alles von Grund auf zu sanieren und zu erhalten – eine Lebensaufgabe, die Arbeit hat gerade erst begonnen und geht nicht aus. Felix und Sarah glauben an Tradition: tradition with heart and vision. Sie setzen alles daran, den ursprünglichen Look ihres Estates zu erhalten. Sie sanieren, förstern und gärtnern behutsam.


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Der Rhododendron ponticum, wie er mit vollem Namen heißt, wurde inzwischen zum „Staatsfeind No. 1“ erklärt.


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Loch Torridon


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Das Ende. Oder zumindest sein Anfang... Ich frage Felix aus. Warum Schottland, warum Torridon und wo zum Teufel kommen die ganzen Rhododendren her? „Aus Spanien, 1763.“ Damals waren sie das Nonplusultra für die Gestaltung weitläufiger Parkanlagen, der Adel hat die Dinger geliebt, sagt Felix. „Dann wuchs das Zeug wie Unkraut, wucherte überall und tut es bis heute. Heimische Pflanzen werden erstickt.“ Schottischer Boden, saurer Boden – perfekt für Rhododendren. Schöne Blüten denke ich, klar, aber auch ganz schön scheiße. „Andererseits“, sagt Felix, „beim rhody bashing gehts dann richtig ab.“ Weil die schottischen Förster die Situation kaum noch in den Griff kriegen, packen die Locals ein Mal im Jahr mit an und schreddern die Rhododendren kurz und klein. Umweltschutz mit Astschere, Hacke, Spaten. Dann ein kräftiger Schluck aus der Pulle, Musik und Haggis mit Neeps und Tatties – Steckrüben und Kartoffeln. „Die geschredderten Rhododendren wären eigentlich perfekt für eine Kompostheizung, so einen kleinen Biomeiler könnten wir hier schnell realisieren und die Verrottungswärme effizient nutzen.“ Felix tüftelt weiter an einer Lösung, gibt sich nicht geschlagen. Ja, denke ich, so Leute braucht die Welt.


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LASS’ DIR WAS EINFALLEN. DU BIST SCHON GROß. Und fällt dir nichts ein, geh’ erstmal um den Block. Um den Block gehen, das heißt hier in Torridon: Wandern, klettern und sich ablegen beim leuchtgelben Ginster am See; das heißt losziehen, lernen und den Schatten seltener Kiefern genießen; das heißt, in den Himmel gucken, in die Wolken fallen und alles abwerfen, um neu zu denken, neu zu sehen. Ich nehme meinen Rucksack, verschwinde in der Landschaft, breche auf in die Torridon Hills zum Liathach dem „Grauen“, 1055 Meter hoch und als Munro ausgewiesen. Wolkenschatten wischen über Gipfel und Senken, Konturen changieren, die Sonne hat Saft, ich will weiter und will es nicht, will im nächsten Leben ein Munro sein.


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www.torridonestate.com

Munro werden die Berge in Schottland genannt, die höher als 3000 ft (914,4 m) sind und deren Berggipfel eine „Eigenständigkeit“ aufweisen. Genauer definiert ist diese Eigenständigkeit jedoch nicht.


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All Inclusive macht die Natur krank. Der National Trust of Scotland bewahrt die Kultur- und Naturdenkmäler der Schotten, die Kathedralen und Burgen, die Munros und die Küsten und nicht zuletzt historische Parkanlagen wie Inverewe Garden, einer der nördlichsten botanischen Gärten weltweit. Ich staune über Eukalyptusbäume, den Blumengarten, exotische Palmen und riesige hymalaische Rhododendren. Kein Unkraut diesmal, diesmal perfekt gepflegte Pracht. Der Golfstrom trägt dazu bei, liegt

Inverewe Garden doch auf einer Höhe mit der kanadischen Hudson Bay, wo sich Eisbär und Polarfuchs an kargen Ufern gute Nacht sagen. Zurück nach Torridon geht es vorbei an rauen Felsen, von Moos und Flechten überwachsen. Ich treffe Felix und Sarah, sie grüßen und laden mich ein, wir haben eine gute Zeit, sitzen am Kamin, kommen ins Plaudern, ich erzähle meinen Tag, Felix nickt, er schaut ins Feuer, wirkt nachdenklich, wird ernst.


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„Reisen weitet den Blick, ist aber eine Frage der Einstellung.“ Felix glaubt an sanften Tourismus, an ein einfaches Leben. „All inclusive macht mich krank, all inclusive macht die Natur krank. Mit viel Ressourcen-Aufwand fixe Reisepakete schnüren, die Leute in Bussen und Flugzeugen durch die Gegend karren und Personal von links nach rechts scheuchen – das führt ins Nichts, das passt hier nicht her, das wäre das Ende.“ Er schildert den Zusammenhalt in Torridon, spricht über die Nachbarschaft im Distrikt, enge Freundschaften und dass es nur miteinander geht. Miteinander und mit der Natur. Wir trinken darauf, dass Klimaschutz im Kleinen beginnt, trinken auf den Regen, den Wind und den Schnee, darauf dass Schottland bitte niemals zur sonnigen Riviera wird und dass Italien die Zitronenblüte gerne behalten kann.

Torridon House Entrance


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Felix und sein Sohn im Haupthaus


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Inverewe Gardens

Story: Dieter Sieg PHOTOgraphy: Dieter Sieg siegsieg.de | bluestudios.de

Blick nach Torridon


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Blick auf Beinn Damh Ridge von Torridon Estate


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IM KOPF VON VERONICA FERRES... Carsten holt mir die Sterne vom Himmel. So wie ich erlebt ihn kein anderer Mensch auf der Welt. Sehen wir uns nicht, geht es mir schlecht. Sehen wir uns, weinen wir viel. Weil die Menschen sind grausam. Alle zerreißen sich das Maul über ihn. Dieser ganze Neid ist unerträglich. Seit Jahren brauchen wir Leibwächter.

Carsten sagt, dass ich keine Angst haben muss. Aber ich habe Angst.

Wir könnten auch ohne Geld glücklich sein, könnten auf einer einsamen Insel leben. Ich brauche keinen roten Teppich! Aber Carsten will davon nichts hören, will sich nicht verstecken, will leben, will einfach nur leben. Doch sie lassen ihn nicht leben. Er hat Bücher geschrieben, aber niemand liest sie. Er hat eine Millionärsformel erfunden, keiner will sie hören. Er hat den Bart rasiert und wieder haben sie nur gelacht. Mein Gott, dieser ganze Hass. Manchmal frage ich mich, wer kann denn noch lieben außer mir? Wer denn? Bettina Wulff fällt mir ein. Wir sind starke Frauen. Ich liebe uns. Story: André Moch Illustration: David Schwarzfeld andremoch.de


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Story: Bernd Rother Photography: Bernd Rother rother.design | rotherdesign.com


HAG STONE

THE

Ein Hagstone (oder Hexenstein, Hühnergott, Feenstein...) ist ein Stein mit einem natürlich entstandenen Loch darin. Ihm werden magische Eigenschaften zugerechnet – so soll ein aufgehängter oder als Amulett getragener Lochstein Schutz bieten vor Unglück, Krankheiten oder dem »bösen Blick«. Wenn Du durch das Loch in einem Hagstone schaust, kannst Du von dieser Welt direkt in die Welt der Elfen blicken. Guck‘ doch!

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Too old to die young Rock‘n‘Roll

von Bernd Rother Grafik-Designer und Musikenthusiast


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The Unchained on Stage

Don’t forget to Rock’n’Roll

Too Old to die young In der Lokalzeitung wurde die Coverband The Unchained portraitiert und der kommende Live-Auftritt beim Andreasfest in Springe angekündigt. Im Artikel war dann zu lesen: „Sie sind nicht mehr ganz die Jüngsten, aber auf der Bühne zeigen sie Ihr ganzes Können...“ Oder so ähnlich. So, als ob sich Alter und Können ausschließen. Oder sich im Umkehrschluss Können an Jugend bindet. Wohlgemerkt – es geht hier um Musik. Musikalisches Können.

Meinen Kumpel Andy kenne ich schon seit der Bundeswehrzeit. Anfang der 80er, es kam gerade die Neue Deutsche Welle auf und Michael Jacksons Thriller-Album wurde in den Charts hoch und runter gespielt. Besser fanden wir allerdings Eric Clapton. Und die Eagles. Jackson Browne und Stevie Winwood. Steely Dan, Fleetwood Mac, Dire Straits, Toto. Manchmal auch Dionne Warwick. Die gehört aber zu einer anderen Geschichte.


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Andy wartet, bis Marc sein Keyboard-Solo beendet. Manfred feuert an...


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Achim ist die Rhythmusmaschine der Band. Und immer so schwer zu fotografieren...


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AUS DER UNCHAINEDSETLIST: Time Is Tight (Booker T. & the MG’s) Power Of Love (Huey Lewis) House Of The Rising Sun (The Animals) Have You Ever Seen The Rain (John Fogerty) Sweet Home Chicago (Blues Brothers) Unchain My Heart (Joe Cocker) Dieter Is A Rolling Stone (The Dudettes) · Proud Mary (CCR) · Dont Stop (Fleetwood Mac) · You Know I’m No Good (Amy Winehouse) · Ain’t No Sunshine (Bill Withers) Thinking Out Loud (Ed Sheeran) · Long Train Running (Doobie Brothers) Still Got The Blues (Gary Moore) · Bad Case Of Lovin You (Robert Palmer) Bernie Rules The World (Bernhart & the Biancas) Lilly Was Here (Candy Dulfer, Dave Stewart) I Will Remember (Toto) 50 Ways To Leave Your Lover (Paul Simon) · Get Back (Beatles) · Let It Be (Beatles) · You’re So Vain (Carly Simon) · Ride Like The Wind (Christopher Cross) · Don’t Get Me Wrong (The Pretenders) How Long (Ace feat. Paul Carrack) · Another Cup Of Coffee (Mike and the Mechanics) ...

www.the-unchained.de www.facebook.de/theunchainedHannover


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Alle gucken immer auf den Gitarristen... Jedenfalls war unsere Musik meistens rockig und immer gitarrenbetont. Bestimmt lag es daran, dass Andy selbst Gitarrist bei der Freeway Band war, einer Rockformation, die bereits Ende der 1970er Jahre über Hannovers Grenzen bekannt war und die regelmäßig im legendären Leine Domizil abrockten. Und ich wäre beinahe ein ebenso virtuoser Musiker geworden, wenn nicht das heimische Gartentor meine junge Liebe zum Gitarrenspiel so jäh unterbrochen hätte. Diese Geschichte, an deren Ende die Zerstörung einer wunderbaren Schlaggitarre steht, erzähle ich ein anderes Mal. Andy und ich mochten es also lieber etwas rockiger. Und dann verloren wir uns aus den Augen. Sommer 2005 trafen wir uns wieder. Es ließ sich kaum vermeiden, denn wir wohnten mit unseren Familien nur etwa 6 km voneinander entfernt im südlichen Hannover, waren uns all die Jahre nie über den Weg gelaufen und Andy hatte dann irgendwie meine Büroadresse recherchiert. Schnell hatten wir gut 20 Jahre aufgearbeitet und stellten fest – Musik verbindet uns nach wie vor. Der gemeinsame Anspruch an Qualität, Emotion, Hörerlebnis und gut gemachter Livemusik führte uns auf Konzerte von Albert Lee, Wishbone Ash (ja - die touren noch!) oder auch Ray Wilson. Und immer, wenn es die Zeit erlaubt, gucken wir, was so in der Bluesgarage in Isernhagen oder in anderen Clubs ansteht. Die Musik ist wieder da!

Vor etwa vier Jahren begann Andy sogar wieder selbst zu spielen. In Hemmingen gab es einen Band-Workshop (für Männer Ü50, die Spaß haben, mit anderen Musik zu machen), bei dem sich Andy, Achim, Manfred und Marc trafen und schnell beschlossen, gemeinsam weiterzumachen. Dabei fühlten sie sich wohl irgendwie entfesselt und nannten ihre Band »The Unchained«. Ein Jahr später ergänzte Silke als Sängerin die Band, und so kam die heutige Besetzung zustande. Als Fastmusiker, Grafikdesigner und natürlich auch als Andys Freund begleite ich gerne die Entwicklung der Band und freue mich über ihre Fortschritte. Die Setlist der Fünf hat sich fantastisch entwickelt – ein Konzert über 2-3 Stunden ist damit möglich. Und eine Zugabe auch. Und es macht richtig Spaß, sie zu sehen und ihnen zuzuhören, egal ob das auf einer Privatparty ist, beim Treffen der Last Legends Eime oder nun schon zum zweiten Mal live auf dem Andreasfest. Ich glaube ja, dass die mit dem Alter immer besser werden.

Story: Bernd Rother Photography: Bernd Rother rother.design | rotherdesign.com


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Achim Beyer (Drums, Percussion) Silke Mainwaring (Vocals) Andreas Weber (Guitar, Vocals) Marc Wettering (Keyboards) Manfred Otten (Bass)


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STRY für uns…

„Die besten Geschichten erzählt das Leben. Diese Geschichten will ich finden. Will wissen, warum etwas so ist, wie es ist. Will Menschen treffen und die Welt verstehen: Das ist STRY für mich.“ Bernd Rother, Grafik-Designer rother.design | rotherdesign.com „Über all das schreiben, was mich gerade besonders interessiert. Auch mal einen Weg gehen, bei dem ich nicht weiß, ob und wie er funktioniert. Scheitern, scheitern, wieder scheitern, besser scheitern: Das ist STRY für mich.“ André Moch, Texter andremoch.de

Machallesandersalsalleanderen.


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„Meine Bilder machen, die Welt retten, nichts weniger: Meinen Geschichten will ich mich ganz widmen, will alles versuchen und ganz neu denken. Wer brennt, ist nie fertig. Gefühl, Erfüllung, Weite, Wunder: Das ist STRY für mich.“ Dieter Sieg, Fotograf siegsieg.de | bluestudios.de

„Was ist STRY für mich? STRY ist eine Aufgabe. Aber was ist eine Aufgabe? Etwas, das getan werden muss? Etwas, das neue Chancen eröffnet? Wie man eine Aufgabe angeht, variiert. Das ist STRY für mich.“ David Schwarzfeld, Designstudent davidschwarzfeld.de


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Am Anfang war die Erdbeere Zusammenhalt

von Dieter Sieg Landbewohner und Fotograf


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Heike Stute

Der Wendenborsteler Hofladen

Am Anfang war die Erdbeere 1995: Die Landwirte Friedrich und Sabine Freymuth, Heiner und Heike Stute, Otto und Elke Thieße schließen sich zusammen, um neue Wege zu gehen. Ackerbau und Viehzucht, aber anders: Hof plus Hofladen. Nähe, Frische, Qualität; Erdbeeren, Eier, Rindfleisch, grüner Spargel. Und noch mehr und immer weiter. Alles konventionell hergestellt, aber Qualität wie Bio, Ehrensache. Jetzt schon in der nächsten Generation. Hendrik und Henrike Brodthage: „Das ist hier etwas ganz Besonderes.“

STRY: Weißen Spargel habt ihr nicht. Schweine habt ihr nicht. Für einen Hof in Niedersachsen irgendwie komisch, oder? „Mitte der 90er hatten wir von allem etwas, auch Schweine, so wie fast alle in der Region“, sagt Heike Stute, „dann haben wir uns gefragt, was wir sonst noch machen können – und was es noch nicht gibt. Das mit den Erdbeeren war eine Herzensangelegenheit.“


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„In den Tunneln ent­wickelt sich ein eigenes Mikroklima, den Pflanzen tut das gut und auch geschmacklich ist alles top – wie eh und je“.


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Heiner Stute lacht, schüttelt den Kopf: „Aber wir waren völlig blauäugig, haben einfach losgelegt – direkt auf 2500 m². Bewässerung per Feuerwehrschlauch, gegen den Löwenzahn keine Fräse, alles mit der Hand. Schinderei!“ STRY: Das Dorf hat zugeguckt und euch für bekloppt gehalten? „Von wegen“, sagt Heiner, „das ist hier anders. Das ganze Dorf hat uns geholfen, ohne die Nachbarn hätten wir das niemals geschafft. Dafür sind wir dankbar, noch heute.“ Heike erinnert sich an die ersten Erdbeerfeste: „Da hatten wir alle rote T-Shirts an, haben nach harten Tagen am Lagerfeuer gesessen und Bier getrunken. Eine gute Zeit. Und was man nicht vergessen darf: Die Pflückerei hat vielen nebenher die Haushaltskasse aufgebessert. Also alles keine Spielerei. Es ging auch um was! Und es ging nach vorn, für alle.“ STRY: Und der Hofladen? Kommt man sich da mit so vielen Teilhabern nicht in die Quere? „Wir beraten uns und jeder weiß, was der andere braucht. Liegt außer der Reihe etwas an, ist man ganz selbstverständlich zur Stelle. Wichtig: Wir alle haben keine Angst vor Arbeit“, erklärt Heike. Und Heiner sagt: „Man muss auch mal in Vorleistung gehen, nicht jeden Handschlag aufrechnen, muss gönnen können. Das ist eine Grundeinstellung bei uns allen.“

Hendrik Brodthage


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„Bei uns gibt’s die Erdbeeren jetzt früher und länger.“


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Plötzlich steht Otto Thieße in der Tür. Landwirt, Nachbar und Freund seit Kindertagen. Hat seinen Hof direkt neben dem Erdbeerfeld. Ottos Steckenpferd ist die Mutterkuhhaltung. Das Fleisch gibt’s im Hofladen. Langsam gewachsen. Eben wie Bio. „Jaja, die Erdbeeren“, sagt er, „auch extrem viele Selbstpflücker am Anfang. Das ganze Feld voll, überall Autos. Da hab ich gesagt, das geht so nicht weiter, da müssen wir was machen. Und alle so: Hofladen! Aber nicht nur für Erdbeeren. Die Idee war damals noch ganz neu. Fanden auch manche komisch. Schnell waren wir für einige nur noch die Kolchose Rote Rübe. Hofladen – da haben die gelacht! Dabei hatten wir ja erstmal nur einen kleinen Verkaufswagen vor der Scheune von den Freymuths. Wenn da abends 50 Mark in der Kasse waren, haben wir uns gefreut. Das war was!“ STRY: Otto, wie viele Rinder hast du jetzt? „So ungefähr 60 Mutterkühe Mutterkuh plus Kalb müssen auf 5000 m² laufen, das ist Vorschrift. Da muss ich schon fit sein, wenn ich den Kon­trollgang mache. Nur die Leckerlis darf ich nicht vergessen, das macht den Umgang einfacher. Rinder auf der Wiese sind wild, nicht so wie die im Kuhstall, da muss ich auf zack sein.“

Hendrik Brodthage

STRY: Aber Milch gibt’s nicht im Hofladen. Warum nicht? „Milchkühe abgeschafft“, sagt Otto, „schon lange. Alle immer zu mir: Otto, das muss größer. Otto, mehr Kühe. Otto, neue Melkanlage. Und ich so: Nö!“ Mittlerweile hat es auch Elke Thieße zum Interview geschafft. Auch das Hofleben geht nicht ohne To-Do-Listen und Prioritäten. STRY: Wenigstens gibt’s Spargel! „Grüner Spargel“, sagt Elke stolz, „den gab es in der Region damals gar nicht, ist jetzt aber etabliert. So beliebt, den gibt’s nicht nur im Hofladen, sondern auch im Supermarkt, selbst in Schwarmstedt und Nienburg.“ STRY: Elke, du verkaufst hier nicht nur, du kochst auch. Elke betont die Hausmacher Art: „Im Hofladen gibt es Rouladen, Hochzeitssuppe, Gulasch und Saisonales. Aber die Idee dazu hatten eigentlich unsere Kunden. Nichts leichter als das! Kommt alles gut an.“ STRY: Was würdet ihr hier nie machen, nie anbieten? „Wir wollen nur gute Produkte verkaufen“, sagt Elke, „kein Schickimicki, keine Deko, kein Tüttelkram. Überhaupt: Es soll hier aussehen wie bei Oma im Vorratskeller und Schluss. Im Mittelpunkt sehr gute Produkte. Am besten die, die wir selbst hergestellt haben, zu fairen Preisen für alle Seiten.“


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Mutterkuh plus Kalb müssen auf 5000 m² laufen...

Otto Thieße


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Dorf und Familie – in Wendenbostel einfach was ganZ Besonderes. Ganz ruhig waren bisher Friedrich Freymut und seine Frau Sabine, die Finanzminister der Hofladen GbR. „Finanzen – trockenes Thema. Im Herzen bin ich ja eher Ackerbauer“, sagt Friedrich. „Rauf auf den Trecker und los. Wenn alles aus der Erde kommt, das ist so klasse. Aber wenn auf dem Acker gleichzeitig 1000 Weißkohlköpfe hochkommen und du kannst im Hofladen nur 80 Stück verkaufen bevor der Rest auf dem Feld vergammelt und du alles wieder unterpflügen musst, dann ist das verdammt frustrierend. Sabine hat uns dann immer die ernüchternden Zahlen hingelegt.“ Sabine schmunzelt: „Ja nun… heute kaufen wir Kohl in erstklassiger Qualität zu. Ist einfach besser zu kalkulieren und macht für uns am meisten Sinn.“ STRY: Viele harte Entscheidungen musstet ihr treffen. Jetzt überlasst ihr das der nächsten Generation. Schwierig? „Naja“, sagt Sabine, „es sind sanfte Übergänge.“ Alle nicken. Next Generation. Hendrik und Henrike Stuhte, Landwirte mit Herz, mit Studium, neuen Ideen. Eine dieser Ideen: Erdbeer-Tunnel. In den Tunneln entwickelt sich ein eigenes Mikroklima, den Pflanzen tut das gut und geschmacklich alles top – wie eh und je“, sagt Hendrik. Henrike nickt: „Und wir sind sicher nicht angetreten, um jetzt hier alles umzuschmeißen.

Wir bleiben zum Beispiel bei unserer angestammten Erdbeer-Sorte. Süß und besonders. Nicht so robust für lange Lagerung, aber die robusten, nicht ganz so süßen, ganz so besonderen Erdbeeren gibt es ja auch schon: In jedem Supermarkt. Aber wir sind ja Hofladen und so soll es auch schmecken.“ STRY: Ihr habt ja auch noch einige Geschwister und Beteiligte in den Familien, wie kommen die damit klar, dass gerade ihr die Nachfolger seid? „Viel reden“, sagt Henrike, „über alles, auch Geld, Zuständigkeiten und so weiter.“ Hendrik ist dankbar für die breite Unterstützung: „Wir haben so viele gute Tipps und Ratschläge bekommen. Das Dorf und die Familie, das ist hier in Wendenborstel einfach etwas ganz Besonderes. Zuletzt sind wir sogar vom Bauernverband angesprochen worden, ob wir nicht anderen beibringen könnten, wie eine Hofladen GbR so lange und so erfolgreich funktionieren kann.“

Story: Dieter Sieg PHOTOgraphy: Dieter Sieg siegsieg.de | bluestudios.de


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Friedrich „Fritze“ Freymuth (links) und Heiner Stute

Sabine Freymuth und Otto Thieße (unten links)


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„Im Hofladen gibt es Rouladen, Hochzeitssuppe, Gulasch und Saisonales. Aber die Idee dazu hatten eigentlich unsere Kunden. Nichts leichter als das! Kommt alles gut an.“

Elke Thieße


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„Man ist hier Teil von etwas, das größer ist als man selbst, und wir werden sehen, was die Zukunft bringt!“


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„Talent, Das ist Glaube an sich selbst, an die eigene Kraft.“ Maxim Gorki eigentlich Alexei Maximowitsch Peschkow russischer Schriftsteller (1868 –1936)

Seit Jahren machen wir in Dänemark Urlaub. Nordseeseite, Hennestrand, nördlich von Blavand, südlich vom Rinkøbing-Fjord. Irgendwann begannen unsere Kinder damit, am Strand flache Steine zu sammeln und sie zu bemalen – Sonne, Fische, Dänemarkflagge, Boote, Leuchttürme, manchmal auch Monster und Ritter – und sie dann vor unserem Haus an der Straße unserer Ferienhaussiedlung zu verkaufen. Auf einem Stuhl oder Hocker wurde die kleine

Steinesammlung in einer Kiste präsentiert, kleine Steine 2 Kronen, große 5 und ganz besondere 10. Am Abend lagen dann oft einige Münzen auf einer Untertasse im Verkaufsstand und ein paar Steine waren weg. Und die Kinder stolz. Am nächsten Tag haben sie sich dann immer im Ishuset ein Eis vom selbstverdienten Geld gekauft. Selbst verdient, selbst was von gekauft!


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Heute sind unsere Jungs 17 und 20 Jahre alt. Sie sammeln keine Steine mehr und bemalen sie auch nicht. Und wie es aussieht, wollen sie auch nicht mehr mit uns in Urlaub verreisen. Sie machen jetzt ihre eigenen Sachen. Vielleicht nehmen sie uns ja später mal mit, wenn sie eigene Kinder haben und nach Dänemark wollen. Oder woanders hin, wo man Steine sammeln und bemalen kann. Dann kaufe ich wieder welche am StraĂ&#x;enrand.

Story: Bernd Rother Photography: Bernd Rother rother.design | rotherdesign.com


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Zwei Frauen Gaga & Jones Freiheit

von AndrĂŠ Moch Texter und Streamer


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Die Dokumentation Five Foot Two begleitet Lady Gaga. Die Dokumentation Bloodlight and Bami zeigt Grace Jones.


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Five foot two Netflix

Halbzeitshow beim Superbowl. Lady Gaga hängt an Drähten, schwebt Richtung Stadiondach. Rückblick

Lady Gaga hat ein Haus in Malibu. Sie steht in der Küche, nimmt einen Teller, geht in den Hinterhof und füttert sieben Hunde. Gaga hat kaum was an. Im Haus überall Menschen. Gaga spricht über Scham, sie spricht darüber, sexy zu sein und damit klar zu kommen. Eine ungekämmte Haushälterin kocht Low-Carb. Gaga hat Rückenschmerzen, sie lässt sich massieren, setzt sich einen großen Hut auf und fährt rüber zu Mark Ronson. Ronson ist Musikproduzent. Er bestaunt Gagas OldtimerCabriolet, erzählt ihr von seinen Rückenschmerzen. Sie schreiben ein Lied über kaputte Beziehungen, rauchen Zigarillos. Eine Freundin guckt ins Zimmer, umarmt Gaga und kocht Low-Carb in Ronsons Küche. Vor einem Club in Los Angeles. Lady Gaga sitzt auf dem Bordstein. Ein Kumpel von Mark Ronson kommt dazu. Gaga erzählt von koksgeilen Champagner–Girls. So eine will sie nicht sein. Gaga erzählt was ihre Plattenfirma von ihr will und dass sie einfach was ganz anderes macht, irgendwas Absurdes. Gaga erzählt von Madonna. Sie verehrt Madonna, aber Madonna hasst Gaga. Ronsons Kumpel starrt auf seine Füße, sagt „right, right, yeah, right“. Lady Gaga singt auf dem Parteitag der Demokraten. Ihre Brust hängt raus. Ihr Manager lächelt. Eine Motorrad-Eskorte bringt Gaga zum Hubschrauber.

Videodreh. Catering Low-Carb. Alle haben Rückenschmerzen. Gaga erzählt ihrer Stylistin, dass sie im Mittelalter verbrannt worden wäre. Die Stylistin sagt „right, right, yeah, right“. Gagas Manager kommt rein, jemand hat das Drehbuch geändert, es gibt Streit. Gaga geht Luft schnappen, jemand macht ihr einen Zigarillo an, sie entschuldigt sich.


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Bloodlight and Bami Amazon Prime Video

England, Auftritt Grace Jones. Sie trägt eine vergoldete Totenkopfmaske, lässt einen Hula-Hoop-Reifen kreisen. Am Hinterausgang warten Fans, alte Frauen, junge Männer. Grace Jones signiert Fotos, Magazine, Plattencover. Einer sagt, er hätte seit 25 Jahren auf diesen Moment gewartet. Grace Jones sagt, dass ihre Mutter im Hotel wartet. Die Menge johlt. Grace Jones: Im Ernst, meine Mutter wartet.

Jamaika, Grace Jones besucht ihre Familie, man sitzt am Küchentisch. Haushälterin Dorothy trägt eine schwarze Baskenmütze, lässt ihr Gebiss durch den Mund flutschen, sie hat Putenbrust dick bemehlt und angebraten. Dazu gibt es frittierte Fischköpfe. Grace Jones nagt einen ab, sie trägt einen gebatikten Kaftan. Sie sagt Dorothy ist die Beste.

Konzert in New York. Grace Jones trägt eine schwarze Korsage und eine überdimensionale weiße Haube. Sie stampft und grölt, zieht Fratzen und geht in die Hocke, das Stroboskop flackert. Grace Jones nimmt sich einen Drum­ stick und drischt auf die Bühne ein, auf ein Tambourin, ihre Schenkel; die Band stoppt, Grace Jones atmet schwer, singt Amazing Grace. Tokio, Park Hyatt Hotel, die Präsidentensuite, Grace Jones singt sich ein. Der Konzertveranstalter hat die Gage noch nicht abgenickt, wer die Suite bezahlt ist nicht geklärt, es sind nur noch Stunden bis zum Auftritt. Grace Jones macht Anrufe, sie ist wütend. Sie hat einen Michael in der Leitung. Sie sagt sie wären verdammt weit weg von zuhause, sie wollte die Flüge und eine Nacht in dieser Suite. Sie wirft ihr Handy, will saubere Papiere, einen abgezeichneten Vertrag. Sie sagt, dass Köpfe rollen werden. Sie geht Songtexte durch. Der Vertrag kommt per Fax. Fahrt zur Location, Hektik in der Garderobe. „Some­times you have to be a high flying bitch“, sagt sie, trägt 3 Tonnen Make-up auf, eine Stylistin robbt auf Knien und flickt Nähte am Kostüm.


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Wieder in Malibu. Lady Gaga auf dem Weg zu Mark Ronson. Sie fährt einen riesigen alten Jeep. Gaga parkt ein und rammt Ronsons fabrikneue E-Klasse. Ein Rücklicht fehlt. Gaga fühlt sich schlecht, Ronson lacht. Sie machen Fotos für Instagram und gehen an die Arbeit. Gaga erzählt, dass sie kein Mädchen sein will, sie will eine Frau sein. Er sagt „right, right, yeah, right“.

Vorbereitungen für den Superbowl. Gagas Haus, viele Leute, ein Meeting, Low-Carb von Papptellern. Ein dicker Mann lümmelt in Gagas Sessel. Rückenschmerzen? Er soll die Show produzieren. Gaga schlägt vor, das Gegenteil von dem zu machen, was alle erwarten. Also: weniger Tänzer, weniger Bombast und Akrobatik. Keiner sagt was.

Später am Pool: es geht um Outfits, es wird konkret. Gaga will nur noch schwarze Shirts und schwarze Hosen tragen, weniger Pailletten. Ihre Kreativ-Direktorin spricht von Fleischkleidern. Gaga schüttelt den Kopf und zieht ihren Bikini aus.

Lady Gaga hat einen Song über ihre Tante Joanne geschrieben. Sie ist 1974 gestorben. Gaga besucht ihre Oma. Sie schauen Fotos von Joanne, Gaga spielt den Song vom Handy. Ihre Oma sagt, das sei jetzt alles ganz schön lange her. Gaga schluchzt. 40 Jahre sei das jetzt her, sagt ihre Oma. Gaga weint, geht in die Knie. Ein schönes Lied, sagt ihre Oma. New York, ein Apartment mit Blick auf den Central Park. Gaga liegt flach, hat starke Schmerzen. Eine Assistentin hält ihre Hand, eine andere streichelt ihr Gesicht, ein kleiner Hund leckt ihre Füße. Leute bringen Handtücher, Gesichtsmasken, Limo und einen Joint. Gaga rappelt sich, macht Magnetresonanztherapie und Sit-ups, zwei Stylisten ziehen sie an, vor der Tür Fans und Paparazzi. Fahrt zum Rockefeller Plaza, ein Society-Event. Gaga setzt sich an den Flügel und spielt Bad Romance. Tony Bennett ist auch da.


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Paris, Vollmond. Ein Chauffeur bringt Grace Jones zum ihrem Produzenten. Es ist Pfingsten, Champs-Élysées, leere Straßen. Der Chauffeur sagt, dass Paris ruhig geworden ist. Grace Jones kann es nicht glauben. Ihr Sohn ruft an. Er erzählt von einem Fotoshooting und dass er am Morgen schon um 9 Uhr da sein muss. Grace Jones sagt, er soll noch ins Tonstudio kommen, aber er hat gerade geduscht und will seine Ruhe. Ein kleines Studio, eine vermackelte Küchenzeile. Grace Jones macht ihr Gesicht und öffnet eine Auster. Sie flucht auf die Auster. Sie wünschte ihre Muschi wäre so eng wie die Auster.

Backstage beim französischen Fernsehen. Grace Jones rührt mit den Fingern die Kohlensäure aus dem Schampus, eine Assistentin reicht einen Glitzerfrack. Grace Jones setzt einen Hut auf, ein Hut wie eine schwarze Flamme, er geht ihr über die Augen, eine Art Visier. Hinter der Bühne. Ein Arbeiter starrt sie an. Sie flucht, der Auftritt finanziert ihr Album. Sie geht raus ins Studio, die Leute klatschen. Sie singt La vie en rose, um sie herum tanzen Frauen in Strapsen und puderrosa Negligés. Im Publikum gähnt ein Mädchen, eine Frau singt mit und schunkelt. Wieder hinter der Bühne. „Schlüpfrig“, sagt Grace Jones, „die Strapsgirls, ein Alptraum.“ Ein Visagist will ihr den Hut ausreden, beim zweiten Lied wolle man ihre Augen sehen. Sie lässt den Produzenten kommen. Wenn sie gewusst hätte, dass alles so bizarr würde, hätte sie nicht zugesagt. Sie hätte ausgesehen wie eine Madame in einen Laufhaus, wie eine Puffmutter aus dem All. Aber das Setting wäre doch sehr hübsch, sagt der Produzent. Die Mädchen seien angezogen wie Huren, sagt Grace Jones. Der Produzent muss lachen, er lobt die Choreografie. Er fragt, ob er die Tänzerinnen wirklich wegschicken soll. Grace Jones sagt nein, da hätte sie ein schlechtes Gewissen. Sie fragt nach männlichen Tänzern. Der Produzent hat keine zur Hand. Wir sind visuelle Künstler, sagt sie, wir wissen doch, wie Bilder wirken. Am nächsten Morgen, Hotel Le Meurice, Rue de Rivoli, Blick auf die Tuilerien. Grace Jones trägt Pelz, Frühstück auf dem Zimmer. Der Champagner geht aufs Haus, sie scheint überrascht, ist happy, trinkt und schnurrt, schaufelt Rührei und Obstsalat.

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Five foot two Netflix

Lady Gaga geht auf Promotion-Tour. USA, Europa, Japan, Tabletten, Spritzen, Radio, Fernsehen, Fantreffen, alles auf Instagram. „Alle sollen sehen wer ich wirklich bin“, sagt Lady Gaga. Verlobter weg, Album im Internet geleakt, Panikattacke, Autoimmunkrankheit, Notaufnahme. Die Ärztin gibt zwanzig Spritzen; ein Make-up Artist macht Gaga das Gesicht.

Zurück in New York. Lady Gaga fährt einen taubenblauen Mercedes 330 d Turbo, Baujahr 1980. Sie parkt vor einem Tonstudio in Greenwich Village, trifft sich mit Mark Ronson. Er sagt, sie sei großartig. Sie sagt, er sei großartig. Er lässt sich nicht gerne umarmen. Sie signiert ihm ein Plattencover und bleibt lange. Draußen bewachen Sicherheitsleute den Wagen. Leute bleiben stehen. Gleich kommt sie, heißt es, gleich kommt Lady Gaga: Ausfahrt freihalten.

Lady Gaga fliegt nach Houston, letzte Proben für den Superbowl. Ihr Arm flutscht nicht schnell genug aus ihrem neuen Glitzerkostüm, eine Gürtelschnalle fehlt, die Tänzer sind todmüde von der ganzen Akrobatik, Gaga macht Ansagen, Low-Carb ist aus. Tag der Show. Gaga hat von den Proben die Knie kaputt. Der Ex schickt Flieder und wünscht alles Gute. Gaga fährt mit einem Lamborghini zum Stadion, ihr Manager ist betrunken, Gaga gut drauf. Donatella Versace kommt vorbei, findet alles großartig, einfach bombastisch. Gaga geht raus ins Stadion, Techniker klinken die Drähte ein, sie hebt ab.


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Bloodlight and Bami Amazon Prime Video

Auszeit. Linienflug, Economy nach Jamaika. Grace Jones sortiert sich, wühlt in silbrigen Taschen, hat ein Dutzend Hüte dabei. Sie nimmt einen Minibus in die Stadt. Die Familie winkt von weitem. Grace Jones packt einen riesigen Hut aus, ihre Mutter findet ihn »wicked«, will ihn aber nur in der Kirche tragen.

Ein Tonstudio in Kingston. Grace Jones wurde von ihren Musikern versetzt. Sie ruft Sly an, Sly ist Drummer. Sie wären verabredet, sie hätten Verträge. Sie zahlt das Studio, finanziert die Produktion, sie steht ohne Leute da. Sly sagt, andere würden mehr zahlen. Sie sagt, dass es keine Plattenfirma gibt, sie könnten machen was sie wollen. Stunden später kommt Sly und daddelt an am Mischpult: Freiheit aushalten.

Grace Jones besucht eine alte Nachbarin ihres Großvaters. Sie nannten ihn Master P. Miss Myrtle kann sich an die Schläge erinnern, an Stöcke die zischten und niemals brachen, aber auch an die guten Zeiten, daran, dass sie immer genug zu essen hatten. „Ich kann mich vor allem an die Schläge erinnern“, sagt Grace Jones, „an die Schläge und die Kirche.“ Sie erzählt, dass ihr Großvater für jedes Kind eine eigene Peitsche hatte und beim Peitschen aus der Bibel las. Grace Jones sagt, dass sie später in der Schauspielschule Master P wurde, dass alle Angst vor ihr hatten, dass sie nach einer Peitsche verlangte, dass sie ein Code-Wort brauchten, damit sie niemanden verletzt. Sie verabschiedet sich, steigt in einen Minibus, es gibt Beeren und Kokosnuss vom Straßenrand, sie hält an einer Lagune und will schwimmen, sie holt Fleisch an einer BBQ-Hütte, die Fliegen sind ihr egal. Sie schaut sich ein Grundstück an. Hier will sie ein Haus bauen.

Story: André Moch ILLUSTRATION: David Schwarzfeld photography: Dieter Sieg Model: Sara Rebekka Scholl andremoch.de


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Flink trotz Gegenwind Motivation

von David Schwarzfeld Cyclist und Designstudent


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Heiko und David Schwarzfeld

Eine Ode an den Windschatten

Auf dem Fahrrad nach Holland Am Anfang war das Ziel. Bergen, Nordholland. Dann der Weg. Wir mussten also nur noch fahren. Ein einfacher Plan. Was folgte? Die Gewissheit, noch sehr, sehr, sehr, sehr lange im Sattel zu sitzen. Das führte zur Frage des Warums. Die war auch schnell geklärt. Wir wollten es.

Mit in etwa dieser Erkenntnis traten mein Vater und ich unser Reiseabenteuer an. Es ging los in Hannover. Von einer früheren Fahrt hatten wir gelernt, uns besser vorzubereiten. Zum Beispiel hätten wir eine Route planen können. Das hatten wir damals leider verpennt. Diesmal auch. Dafür packten wir aber unsere Klamotten effizienter und entschieden uns für deutlich besseres Reisewetter.


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Über den Weg wussten wir also nur, das er Richtung Westen verläuft und nicht wieder all die sehenswerten Autobahnkreuze beinhalten sollte. Nachdem alle existenziellen Fragen geklärt waren und die ersten Kilometer durch Hannovers Umland hinter uns lagen, erreichten wir den ersten von zwei Bergen auf unserer Tour. Es ging auf dem Nienstedter Pass über den Deister. Für norddeutsche Radfahrer ist der Deister zumindest ein Berg. Unser Vorteil war allerdings, dass er gleich zu Beginn der Route im Weg stand. Er würde uns also nicht später auf den letzten Metern Luft und Lust rauben können. Von hier aus ging es weiter über herrliche Landstraßen und Feldwege. Die großen Straßen waren nur noch aus der Ferne zu sehen und dienten der groben Orientierung. Dank des flachen Landes kam das erste Etappenziel schnell in Sicht. Es lag knapp unter der magischen 200 km-Grenze. Nach insgesamt acht Stunden gemütlichen Fahrens waren wir trotzdem mehr als froh, das Ortsschild von Bad Bentheim zu erblicken. Hatten wir doch jetzt die Gewissheit, gleich eine Dusche und Essen erwarten zu können.


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Die Etappe startete in einer Gegend, in der mein Vater seine Kindheit verbracht hatte. Dementsprechend war unsere Tour hier von Erzählungen geprägt. Wir überquerten die Grenze und die niederländischen Fahrradwege versprachen eine deutlich angenehmere und komfortablere Fahrt als noch am vorherigen Tag. Der Weg schlängelte sich über Deiche und durch die Polder vorbei an wunderschönen Ortschaften. In fast jeder lockten lokale Konditoreien mit traumhaften Auslagen. Aber wir waren auf die Verführung vorbereitet: mein Vater kannte die besten Geschäfte und ausschließlich dort wurde Halt gemacht. Auch, um die Figur nicht mit einer Fahrradtour zu ruinieren. Gegen Nachmittag erstreckte sich dann der gewaltigste Abschnitt vor uns: 25 km übers IJsselmeer. Oder zumindest das, was davon sichtbar war. Bei untergehender Sonne und starkem Nordostwind standen wir vor der Überquerung des Mitteldeichs von Lelystad nach Enkhuizen.

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Der Wecker klingelte um 7 Uhr. Die zweite Etappe stand an. Weitere 220 km. Über den Berg des Nordens. Den Gegenwind.


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Dieser Deich war zu Beginn des Jahres noch zur Hälfte gesperrt. So hatte ich die berechtigte Hoffnung, wieder mit einem Shuttle bis zur Hälfte gebracht zu werden, wie das bereits auf einer früheren Tour der Fall war. Diese Hoffnung wurde aber zerschmettert, als uns eine Gruppe Rennradfahrer entgegen kam, die offensichtlich gerade die Strecke in einem Stück hinter sich gebracht hatten. Ihre entspannte Haltung ließ vermuten, dass der Rückenwind einiges dazu beigetragen hatte, um sie flink über den Deich zu bringen. Für uns also Gegenwind. Welch desaströse Feststellung. Wenigstens für mich. Bei meinem Vater weckte das ganz neue Energie. War er es noch, der auf unserer letzten Tour an selber Stelle von mir gezogen wurde, so stellte sich nun für mich die Frage: Windschatten oder Taxi? Nach wenigen Metern dann erneut die Frage nach dem Warum. Diesmal war das mit dem Wollen nicht mehr so klar. Es überwog die Empfindung des Schreckens. Des Schreckens angesichts dessen, was hinter und was vor mir lag. Das sichere Land im Rücken. Aus irgendeinem Grund verlassen. Voraus eine endlos lange Straße, die ins Meer führte. Sie bot keinerlei Punkte zur Orientierung. Nichts, an dem man sich motivieren könnte. Außer der Gewissheit, außerhalb des Windschattens meines Vaters wird alles noch schlimmer bei Gegenwindstärke 10. Also Blick aufs Hinterrad und den Kopf ausgeschaltet. Mein Körper schrie nach Pausen. Hunger. Voller Magen. Voll mit Riegeln. Handy voll mit Nachrichten. „Was wollt ihr heute Abend essen?“ „Nudeln, Pizza, Reis, anderer Vorschlag?“ Ebenso präsent war auch die Übelkeit. Weiterfahren. Was sollte gegessen werden? Alles und nichts.

WARUM?


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Zugang veboten Fahrradweg ist aufgebrochen und Maschinen sind auf dem Fahrradweg. Passieren ist lebensgefährlich und nicht mÜglich!!! Nutzen Sie den Shuttle-Service.


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Hauptsache, dieser Deich nimmt ein Ende. Schmerzen im Knie. Lenken ab vom Fahren. Machen es doch wieder schlimmer. Nach gut einer Stunde war es also endlich in Sicht. Das vorläufige Ziel. Lelystad mit seinem rettenden Bahnhof und der angeblichen Zugverbindung ins Glück. Aber nur angeblich, wie wir bei Erreichen des Bahnhofs feststellten. Der Mitteldeich war zu viel für mich. Zumindest heute. Dachte ich. Der erhoffte Komfort einer Zugfahrt für die letzten Kilometer hatte mir Energie gegeben, den Deich zu bezwingen. Und jetzt, wo ich angekommen war, fuhr kein Zug. „Fuck you Öffis, ich fahr’ Rad“. Wieder dem Hinterrad nach. Zum Glück war es diesmal das eines ortskundigen 40-jährigen, der mit uns im Schlepptau und einem beachtlichen Tempo den Weg über die Deiche nach Bergen antrat. Im Gespräch mit unserem neuen Lotsen ergab sich, der war gar nicht 40. Der war über 70. Beflügelt durch neue Motivation legten wir die letzten 40 km gemeinsam wie im Flug zurück.

„ Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“ Neil Armstrong (Astronaut), 1969 eigentlich weiß es aber niemand so genau


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am Anfang war Das Ziel. Am Ende auch. Bergen. Herrlich. Nudeln. Story: David Schwarzfeld Photography: David Schwarzfeld davidschwarzfeld.de


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Groß, größer, Oh là là Genuss

von Dieter Sieg Food-Fotograf und Feinschmecker


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Benni: „Austern sind so eine Sache – ein ganz besonderes Produkt. Besonders teuer. Früher Arme-Leute-Küche.“

Benni kocht: Riesenaustern

Eine ganz besondere Auster „Austern haben wir immer da“, sagt Benni. „Riesenaustern nicht so oft. Sie sind etwas ganz Besonderes, die Familie Cadoret liefert sie uns direkt aus der Normandie. Es sind veredelte Austern, sie werden gezielt ausgewildert und nach 8 bis 13 Jahren wieder eingesammelt. Sie werden nur sehr selektiv vermarktet und sind sehr gefragt, nach Deutschland gehen jede Woche nur sechs Stück. Wir servieren sie sie nach einem alten Familienrezept der Cadorets mit Bleichsellerie, Gartengurken und einem sehr milden Käse.

Außerdem reichen wir noch eine Tartar-Sauce und verfeinern mit einer leichten Jus von Sellerie und Apfel. Dazu kommen Codesa-Sardinen – die besten Sardinen der Welt: Sie ergänzen eine feine Salznote, der kräftigen und maskulinen Auster entgegen. Klingt rustikal, hat aber eine außergewöhnliche Eleganz und Feinheit.“


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Eine ganz besondere Auster. Und ein Koch der etwas damit anzufangen weiĂ&#x;: Benni Meusel, Chef de Cuisine, Die Insel, Hannover.


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Quinoa-Salat, BlĂźten, Pfifferlinge, Gurkenspaghetti und Hummer plus Gurkeneis. Superlecker.

www.dieinsel.com


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STRY: „Benni, Du hast 35 Milliarden Sterne. Der beste Koch Deutschlands!“ Benni: „Der beste Koch vom Maschsee. Mit 17 Mützen im Gault-Millau.“ STRY: „Auch gut. Sehr gut!“

Story: Dieter Sieg PHOTOgraphy: Dieter Sieg siegsieg.de | bluestudios.de


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Samstagnacht bei Burger King Sicherheit

von AndrÊ Moch Nachtschwärmer & Texter


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6 Stunden am langweiligsten Ort der Welt

Samstagnacht bei Burger King Prolog: Hamburg, Reeperbahn, das Jahr 2006. Samstagnacht, Zeit für Burger. Der Laden ist voll, 30 Minuten anstehen, der Müll liegt kniehoch, alles klebt. Kein Platz mehr frei, wir schlingen im Stehen. Jemand beatboxt. Leute klettern auf Tische, elektrische Luft.

Schluckt, schluckt, sagt ein Freund, zum Kauen ist keine Zeit. Sparticket, Zugbindung. Dann liegt er am Boden. Tabletts fliegen. Laute Schreie. Fäuste. Reizgas. Die Fresse brennt. Sprung hinter den Kassentresen. Wir scheißen uns in die Hose, haben Hauen nie gelernt, haben Bürojobs. Reeperbahn: Wir wollten doch nur mal gucken und plötzlich der ganze Laden kaputt und Gesichter kaputt und wir aber am Ende glücklich raus. Es war das Chaos, aber es war was. Appetite for destruction. Lust for life. Wir waren dabei und wir waren am Leben.


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Hannover, 2018: Mitternacht, Samstagnacht. Vollmond. Sodbrennen. Unten auf der Straße grölen Leute. Ich wasche meine Haare, suche meine Hose, gehe runter, werde angepöbelt. Ich latsche zur Stadtbahn. Rolltreppe kaputt, jemand pisst in den Fahrstuhl, ich nehme das Treppenhaus. Es ist eng und dunkel. Ich hätte ein Taxi nehmen sollen. Stelle mir vor, wie mich

jemand absticht. Stelle mir vor, wie ich stürze. Stelle mir vor, wie mein Kopf zerplatzt. Stelle mich an den Bahnsteig. Warte auf die Bahn. Ich warte mit Anton und Lena. Anton und Lena sind jung und schön und schlank und ihre Haare glänzen und sie sind sehr betrunken und sie schreien sich gegenseitig an und Lena will den Anton nicht mehr. Es ist aus, sagt Lena, und Anton schluchzt und weint und es bricht ihm das Herz und mir.


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Als die Bahn kommt, sind sie weg. Ich steige ein, zwei alte Frauen starren mich an, ich starre zurück, gucke genau: Es sind junge Männer, mager, keine Zähne. Einer hat sich einen verlumpten Teppich um die Schultern geschlagen, der andere trägt sein Resthaar wie ein keckes Hütchen. Crystal Meth ist keine Lösung. Hauptbahnhof, ich steige aus, stehe in Kotze und Scherben. Eine Polizistin kniet über einer jungen Frau, Leute kommen vorbei, machen Fotos oder wanken mit letzter Kraft zum Aufgang und weiter zur Back-Factory und sie stöhnen heiser und sie tragen Trikots von Hannover 96 und dann stolpert jemand und ein Bein fällt ihm ab. Ich stelle mich vor den Burger King, gucke Leute an. Es ist 1 Uhr. Ich gehe eine Runde, alle tippen ins Smartphone, ich gehe noch eine Runde, alle Displays gesplittert, ich gehe noch eine Runde, Instagram ist das neue Facebook. Instagram gehört Facebook. Zuckerberg ist schon clever, aber er wohnt verdammt weit weg von hier. Vor dem Burger King Eingang steht Burger King Security. Im Burger King putzen Burger King Putzkräfte. Ein Burger King Sozialarbeiter weist Tische zu, räumt Müll weg, bringt Servietten, weckt Leute auf. Freundinnen fummeln sich gegenseitig Gurke aus dem Haar, jemand hat ihnen Rosen gekauft, der Burger King Sozialarbeiter zeigt den Waschraum, bewacht die Blumen, Adel verpflichtet. Ich hole mir Kaffee, ich kriege einen großen Tisch. Alle reden von Achtsamkeit. Hier ist sie wirklich geworden. In der ganzen Stadt Elend, ich sitze im Spa. Die Putztruppe wischt den kompletten Laden, ich nehme die Füße hoch.


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2 Uhr. Im Burger King läuft Ed Sheeran, manchmal Joris. Drehen Halbstarke ihren BluetoothLautsprecher auf, kommt einer von der Burger King Security. Labern Halbstarke laut los: Burger King Security. Nehmen die Halbstarken für den Wischmopp die Füße nicht hoch: Burger King Security. 3 Uhr. Sodbrennen. Ich beobachte vier Typen. Geht schief. Sie winken, setzen sich zu mir. Es sind die langweiligsten Menschen der Welt, sie fragen die langweiligsten Fragen der Welt. Sie kommen aus Bremen, sie finden Hannover schön, sie finden Burger King lecker. Der ganze Laden wird gewischt, wir müssen die Füße hochnehmen. Ich erzähle von 2006, einer wird nervös, will sofort los. Glück gehabt.


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4 Uhr. Anton und Lena. Sie holen sich Shakes, sie setzen sich, sie küssen. Love hurts. Aber jetzt nicht mehr. Burger King. Der ganze Laden wird gewischt, sie nehmen die Füße hoch. 5 Uhr, jetzt ganz anderes Publikum. Traurige Männer mit kleinen Rollkoffern, frisch verlassen. Eine Reisegruppe Ü70, die Damen exzellent frisiert. Hier fliegt heute kein Tablett, hier kotzt heute keiner mehr. Burger King. Der ganze Laden wird gewischt. 6 Uhr. Ich stehe auf, gehe raus, drehe eine Runde. Partyvolk macht Selfies mit Polizisten. Burger King. Drinnen wischt jemand. 7 Uhr. Hole frische Brötchen vom Bäcker. Alles ein Witz. Gehe nochmal zurück. Die Security macht Feierabend. Fühle mich alt, stelle mich vor den Eingang. Natürlich wird gewischt, ich mache ein Foto. Kein Sodbrennen mehr. Der Burger King Sozialarbeiter nickt mir zu, lächelt, zeigt beide Daumen hoch. So sehen Sieger aus.


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Story: André Moch Photography: André Moch www.andremoch.de


IMPRESSUM STRY ist ein Gemeinschaftsprojekt von André Moch, Bernd Rother, Dieter Sieg und David Schwarzfeld. STRY erscheint als digitales Magazin unregelmäßig 2-3x/Jahr. STRY beinhaltet keine Werbung und ist nicht kommerziell. Die Gedanken sind frei. Das Design, alle Artikel und die darin enthaltene Bilder und Illustrationen sind unser geistiges Eigentum und urheberrechtlich geschützt. Für Nachdruck oder auch auszugsweise Veröffentlichung ist das schriftliche Einverständnis der Autoren einzuholen. Kontakt: STRY c/o Bluestudios GmbH Rehhagen 14 30165 Hannover E-Mail: verlagstry@gmail.com André Moch | Textbüro Moch mail@andremoch.de Bernd Rother | ROTHERDESIGN bernd@rother.design Dieter Sieg | Blue Studios GmbH sieg@bluestudios.de David Schwarzfeld mail@davidschwarzfeld.de

Veröffentlichung im Oktober 2018 © Moch, Rother, Sieg, Schwarzfeld 2018

STRY Anthology #01  
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